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School of the Elect
Die Erwählten
Janine Heimburg

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Impressum:
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Titelbild: Janine Heimburg
Alle Rechte vorbehalten.
Taschenbuchauflage erschienen 2016
Herstellung und Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM
ISBN: 978-3-86196-586-2 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-315-6 - E-Book
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Inhalt
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Dieses Buch schrieb ich für meine Freunde:
Sophie Hofmann,
Luisa Herrmann und
Katharina Wagner,
da sie einfach die Besten sind und
sie Fantasiegeschichten ebenso lieben wie ich.
Danke für eure coolen Ideen!
*
Die Erstklässler
Ich war gerade auf den Weg zu den neuen Erstklässlern, als mein Patenkind Oswin aufgeregt auf mich zugestürmt kam: „Jessy, ich muss dir was Unglaubliches erzählen!“
„Ich habe keine Zeit, ich muss zu den neuen Erstklässlern“, winkte ich ab.
Diese sogenannten Erstklässler waren nämlich keine gewöhnlichen Kinder, sie waren erst fünf Jahre alt und wie wir alle auf der School of the Elect, die Schule der Auserwählten. Manche der Kinder, die unsere Schule besuchen, haben seit ihrer Geburt besondere Kräfte, die aber erst an ihrem fünften Geburtstag erkennbar werden. Diese Kinder werden dann, wenn das neue Schuljahr startet, von ihren Mentoren zu Hause abgeholt und hierhergebracht. In unserer Schule lernen sie, mit ihren Fähigkeiten umzugehen und sie zu kontrollieren. Natürlich führen sie außerhalb dieser Schule ihr normales Leben weiter. Fünf- bis Siebenjährige werden mit einen Vergessenszauber belegt, damit sie ihren Eltern nichts von unserer Lehranstalt erzählen können, sie erinnern sich erst dann wieder an die Schule, wenn sie von ihren Mentoren erneut abgeholt werden. Unsere Unterricht findet einmal in der Woche statt, und wenn wir hier sind, steht die Zeit quasi still. Oswin war mein Patenkind und hatte wie ich besonders große Fähigkeiten. Über Oswin wurde überall in der Schule gerätselt, denn er entstammte einer besonderen Familie. Normalerweise ist es bei den Elects nämlich so, dass sie keine Kinder bekommen können, die ebenfalls Elects, also Auserwählte, sind – es sei denn, sie gaben ihre Macht ab. Oswins Mutter aber war auch ein Elect, aber nicht irgendeine Auserwählte, sie war die Schulleiterin der School of the Elect. Als Oswin geboren wurde, ahnten jedoch bereits alle, dass er ein Elect war, da er bereits zu diesem Zeitpunkt besondere Fähigkeiten hatte. Außerdem lebte er vom ersten Tag an in der Schule, da auch sein Vater hier unterrichtete.
Unsere Schule war riesig, sie hatte über 25 Stockwerke, einen großen Außen-Campus, kleinere Wohnhäuser und lag in Miami. Für die normalen Menschen in unserer Umgebung war das alles jedoch nicht sichtbar. Ich wohnte mit meiner Familie in Frankfurt in Deutschland. Aber dank der vielen Fähigkeiten der Elects, die natürlich auch ich besaß, wie zum Beispiel Teleportation, konnten wir uns in Sekundenschnelle von Frankfurt nach Miami bringen und umgekehrt. Mein kleiner Bruder Edwin war ebenfalls ein Elect, und das war tatsächlich echt ungewöhnlich, immerhin waren wir bis dato das einzig existierende Elect-Geschwisterpärchen.
Da Oswin sich nicht abwimmeln ließ, nahm ich ihn einfach mit zu den Erstklässlern. Oswin redete aufgeregt über irgendwelche Lehrer, die einen Schwertkampf vorgeführt hatten. Ich hörte kaum zu, denn wir waren im Foyer angekommen und was ich dort sah, faszinierte mich: Die kleinen Erstklässler standen alle in einem Halbkreis hinter den Kindern ihre Mentoren und Paten, die ihnen gleich zugeteilt werden würden. Da ich später ebenfalls Mentorin werden würde, musste ich bei jeder Sitzung dabei sein. Das war manchmal ziemlich ätzend und langweilig, aber bei der Einteilung der Erstklässler wollte ich auf jeden Fall dabei sein, weil mich das immer wieder eine Art Glück spüren ließ.
Oswin und ich setzten uns also auf eine der Bänke und schauten Oswins Mutter zu, die gerade auf die kleine Empore stieg und ihre Zettel sortierte.
„Herzlich willkommen in der School of the Elect. Ihr braucht keine Angst zu haben, ihr seid auserwählt worden, ab heute einmal in der Woche diese Schule zu besuchen. Jeder von euch hat Fähigkeiten, die normale Kinder nicht haben. Ihr lernt hier, mit euren Fähigkeiten umzugehen und sie zu kontrollieren. Wir alle wissen natürlich auch, wie es ist, als Erstklässler hier vorne zu stehen und dabei meistens ziemlich verwirrt oder ängstlich zu sein. Aber keine Angst, ihr werdet euch daran gewöhnen“, sagte die Schulleiterin und lächelte uns zu. „Ich bin die Schulleiterin, ihr könnt bei Problemen jederzeit zu mir, euren Paten oder Mentoren gehen. Als Elect gibt es gewisse Regeln, die ihr in der ersten Schulstunde lernt. Ich werde jetzt einzeln eure Namen aufrufen und euch Paten und Mentoren zuteilen. Eure Paten sind die Kinder der siebten Klasse. Sie werden euch die Schule zeigen und Fragen beantworten. So, ich wünsche euch viel Glück bei eurem ersten Tag, bis dann beim Mittagessen.“ Anschließend teilte sie jedem Kind einen Paten und einen Mentor zu. Es waren wie jedes Jahr zu Schuljahresbeginn genau 20 Kinder, nur im vergangenen Jahr waren es wegen Oswin 21 gewesen.
Walesa Ragin, Oswins Mutter, kam nach der Einteilung zu uns. „Oswin! Warum bist du nicht im Unterricht?“, fragte sie streng.
„Mann, Mama! Zweite Klasse, Telepathie 1, das kann ich schon! Das ist so langweilig! Ich kann das, seit ich drei war“, motzte er.
„Ich kann dich nicht in eine höhere Klasse stecken. Hier gibt es bestimmte Regeln, die selbst ich einhalten muss, so wie schon die vielen Schulleiterinnen vor mir auch“, erklärte Walesa.
„Ich weiß ...“, seufzte Oswin.
„Ach Jessica, könntest du diesen Brief Mister Joke geben? Ich habe gerade keine Zeit dafür. Es ist sehr wichtig, und da du eh vom Unterricht befreit bist ...“, bat sie mich.
„Klar, mach ich.“ Ich nahm den Brief entgegen. Mister Joke war ein Krieger, nicht der Hauptkrieger aber trotzdem ein wichtiger.
„Du kannst Oswin ruhig mitnehmen.“ Sie zwinkerte mir zu und Oswin lächelte mich glücklich an.
Die Krieger, die die Aufgabe hatte, unsere Schule zu beschützen, wohnten nicht weit weg. Wir verließen das große Schulgebäude und gingen, wie die meisten es nannten, ins Elect-Dorf. Dort gab es ziemlich viele kleine Häuschen. Allein 300 Häuser davon waren an Krieger vergeben. Joke wohnte in einem der ersten Häuser, so mussten wir nicht weit laufen. Wir klingelten an der Tür. Joke war, wie sein Name schon sagte, immer gut drauf.
Gut gelaunt öffnete er also auch dieses Mal die Tür. „Ach, die zwei Wunderkinder, obwohl ... Jessica, du bist nicht mehr wirklich ein Kind. Was führt euch zu mir?“
Ich gab ihm den Brief. „Von Walesa, er ist anscheinend ziemlich wichtig.“
Joke nahm das Kuvert mit ernstem Blick, den man nur selten bei ihm sah, entgegen. „Danke ... ich hätte euch auf ein Tässchen Tee eingeladen, aber ihr müsst bestimmt zurück in den Unterricht“, zwitscherte er gespielt fröhlich, um sich nichts anmerken zu lassen.
„Nein, wir sind die ersten drei Stunden freigestellt, aber wir werden trotzdem zurück zur Schule gehen. Wir sehen uns.“ Ich stapfte mit Oswin zurück zur Schule. Irgendwas stimmte hier nicht, das spürte ich instinktiv.
An der Schule angekommen, hörten wir Schritte hinter uns. „Jessica, warte!“, schrie eine Stimme hinter mir. Wir drehten uns um. Es war Jan. Jan Dagwin war mein bester Freund, außerdem war er in der normalen Welt mein Nachbar und ging in meine Klasse, und zwar in beide, in die sterbliche und die Elect-Klasse. Ich schaute auf meine Uhr. Die zweite Stunde hatte bereits angefangen und wir hatten Sport. Zum Glück war ich die ersten drei Stunden freigestellt. „Was ist?“, fragte ich.
„Kommt mit, das müsst ihr euch anhören!“ Er nahm unsere Hände und zog uns zum Aufzug. Wir fuhren in den 16. Stock, wo die Lehrerabteilungen lagen. Jan gab uns ein Zeichen, dass wir leise sein sollten. Zu dritt gingen wir den langen Flur entlang und bogen um die Ecke, wo sich das Beratungszimmer befand. Die Tür war angelehnt und von drinnen kamen die Stimmen von Walesa und ein paar Lehrern.
„Wir müssen das beenden, sie auslöschen! Was, wenn sie einen unserer Schüler angreifen?“ Ich erkannte die Stimme meiner Mentorin Alsuna.
„Wer sind diese Elects, die Menschen ermorden?“, fragte Brian Ering, mein Kampflehrer.
„Erwachsene, Kinder, sie haben sich mit anderen Wesen verbündet, die black whisper genannt werden“, erklärte Walesa.
„Wir müssen sie töten, wenn sie unsere Schule angreifen ... Aber wir können nicht angreifen, wenn die kleinsten Elects dabei sind!“, sagte Brian.
„Wer würde denn von der Schule hier alles kämpfen müssen?“, fragte Alsuna.
„Die Krieger, die Lehrer, ältere Schüler und unsere acht Sonderfälle“, zählte Walesa auf.
„Du willst unsere acht Kinder kämpfen lassen?“ Alsuna war geschockt.
„Damals, bei dem Kampf gegen die Geisterker, haben auch Kinder mitgekämpft, weil sie besondere Fähigkeiten hatten! Und drei der acht sind 16 und 17 Jahre alt, sie werden auf jeden Fall kämpfen!“, schrie Walesa.
„Ja, und damals sind zwei Siebenjährige ums Leben gekommen!“ Brian schrie ebenfalls.
Ich blinzelte Tränen weg. Eine der beiden Mädchen, die damals mit in den Krieg mussten, war in meiner Klasse gewesen, sie war meine Freundin gewesen. Ich musste damals noch nicht mit, weil ich meine Fähigkeiten erst bekam, als mein Bruder ebenfalls ein Elect wurde. Mein Bruder ... er gehörte wie Jan, Oswin und ich zu den acht Sonderfällen! Ich schaute Oswin und Jan an.
„Wann werden wir ihnen sagen, dass sie kämpfen müssen, um die Gefahr abzuwehren?“, fragte Brian leise.
„Erst kurz vorher, nur sorg dafür, dass sie sich im Fach Kämpfen Mühe geben, und gib ihnen vielleicht ein paar Extrastunden!“, meinte Walesa zu Brian. Wir drehten uns um und rannten leise zurück zum Fahrstuhl. Jan und ich starrten Oswin an.
„Was ist?“, fragte er.
„Hallo? Hast du eben nicht zugehört? Wir sollen in den Krieg!“, rief ich entsetzt.
„Ja und? Ich meine, wir sind ja nicht die Einzigen“, sagte er gelassen. Ich rollte mit den Augen. Typisch Oswin!
Es gongte. Die dritte Stunde war vorbei. „Wir haben jetzt Mittagspause und du musst zurück in deine Klasse. Ihr habt Deutsch 2, oder?“, fragte ich Oswin, als wir im Fahrstuhl waren. Er nickte. Wir ließen ihn im fünften Stock raus und fuhren in den dritten, wo die Cafeteria lag. In unserer Schule hatten wir immer versetzt Unterricht.
„Ich werde Edwin nicht kämpfen lassen, er ist erst acht!“, gab ich Jan zu verstehen.
„Deine Macht wäre mit ihm aber stärker, außerdem kämpft Oswin auch“, versuchte er mich zu überzeugen. „Und du weißt, eine der wichtigsten Regeln ist, dass jeder für sich selbst entscheidet. Edwin würde selbstverständlich für seine Schule kämpfen.“
„Nicht, wenn er es erst gar nicht erfährt“, fauchte ich Jan an. Er lachte. „Jan! Das ist nicht witzig!“
„Sorry, aber dein Bruder kann Gedanken lesen wie wir auch. Wie willst du es dann vor ihm geheim halten?“, fragte er lachend.
Ich drehte mich um und stapfte, ohne auf Jan zu warten, zur Cafeteria. Die meisten Klassen hatten jetzt Mittagspause. Ich nahm mir einen Teller und stellte mich an der Theke an. Es gab Nudeln mit Tomatensoße, Salate und Suppe. Die Pausen dauerten immer genau eine ganze Schulstunde. Ich setzte mich zu meiner Freundin Elly an den Tisch, die mich erstaunt ansah. Elly hieß eigentlich Elisabeth, aber keiner nannte sie so – außer Walesa. „Wo ist Jan?“, fragte sie.
„Kommt gleich“, murmelte ich.
„Ok, sag mal, wo wart ihr eben eigentlich? Falls ihr es nicht gemerkt habt, wir hatten Unterricht“, sagte sie lachend.
„Hahaha, sehr witzig ...“ Ich rollte mit den Augen. „Ich war bei den neuen Erstklässlern, du weißt doch, ich muss da immer hin“, erinnerte ich sie.
„Ach so, stimmt ... Gedankenwissen 2. Oh Mann, wenn die erste Stunde schon so schwer ist, wie sollen dann die anderen erst werden?“ Sie seufzte.
Seit diesem Tag war ich offiziell in der zwölften Klasse der School of the Elect. Zwölfte! Nur noch zwei ganze Jahre ...
Jan kam zu uns und setzte sich an den Tisch. „Sorry, Jessy, das mit vorhin tut mir leid“, entschuldigte er sich.
Ich rollte mit den Augen. „Schon ok“, meinte ich knapp. Er wusste, dass ich noch sauer war, sagte aber nichts. Wir aßen, redeten aber so gut wie kein Wort. Als es klingelte, mussten wir uns beeilen, um rechtzeitig zu Kämpfen 5 zu kommen. Teleportieren war in der Schule nur auf Anweisung erlaubt, da es sonst sicherlich ein ziemliches Durcheinander geben würde, außerdem durften die Kleinen noch nicht alleine teleportieren.
Brian Ering musterte uns kritisch, als wir in seinem Unterricht saßen, sagte aber nichts. Wir stellten uns partnerweise auf. Wie immer wählte ich Jan. Wir stellten uns gegenüber und warteten auf Anweisungen von Brian. „So, guten Morgen, heute werden wir nur mit unseren natürlichen Kräften kämpfen. Das heißt, Jan und Jessica, dass ihr nur mit normalen Elect-Fähigkeiten kämpfen dürft!“, erinnerte Brian uns.
Ich seufzte. Das würde langweilig werden.
Normale Elects hatten Fähigkeiten wie Unsichtbarkeit, Telepathie, schnelles und leises Bewegen, Gedankenbeeinflussung und gute Ausdauer. Sie konnten aber keine Gedanken lesen wie Jan und ich. Wir konnten sogar gedanklich miteinander kommunizieren. Außerdem konnte ich die Vergangenheit der Menschen sehen oder das fühlen, was sie gerade fühlten. Das Beste, was ich jedoch konnte, war, meinen Bruder herbeizuwünschen, egal wo er sich gerade befand. Das war ziemlich praktisch, vor allem, wenn er mal wieder keine Lust hatte, mit nach Hause zu kommen. Ich sah zu Jan. Er sah ebenfalls nicht glücklich aus, und wie immer brachen wir die Regeln und nutzten alle Fähigkeiten.
„Jessica?“, fragte er in meine Gedanken hinein.
„Ja?“
„Jessica, was verheimlicht ihr mir?“
Das war Edwins Gedankenstimme! Ich sah Jan warnend an, jetzt bloß nicht daran zu denken!
„Nichts, Edwin“, dachte Jan.
„Jessica, Jan, nicht in Gedanken unterhalten, sondern kämpfen!“, ermahnte Brian uns.
„Wir können jetzt nicht, Edwin, wir sehen uns nach Schulschluss!“ Wir klickten die Unterhaltung aus. Ich konnte mich jedoch nicht aufs Kämpfen konzentrieren und landete immer wieder auf dem Boden.
„Was ist denn heute mit dir los, Jessica?“, fragte Brian. „Streng dich mal an. Ich weiß, dass du mehr kannst!“
Ich versuchte, mich mehr zu konzentrieren, es klappte nicht, aber Jan war nun ebenfalls nicht mehr bei der Sache. Brian gab auf und beendete den Kampf: „Jan, Jessica ihr kämpft jetzt mit all euren Fähigkeiten, ok? Los!“
Jan lächelte und ich erwiderte die Geste. So machte mir das Spaß. Mein Freund schoss einen Blitz auf mich ab, den ich mit einem Wasserschild abwerte. Es gab einen lauten Knall. Natürlich hätte der Blitz mich nicht töten können. Töten konnten unsere Gaben nur, wenn wir es wollten. Jan schoss neue Blitze auf mich, aber diesmal viele kleine auf einmal. Ich absorbierte sie mit meinem Wasserschild und schleuderte sie auf Jan zurück.
Mein Trainingspartner erhob sich in die Luft und hob beide Arme. Die Luft sammelte sich um ihn und es entstand ein kleiner Tornado, der die Wasserblitze wegblies. Er schleuderte den Wirbelsturm auf mich. Ich löste mich ebenfalls von der Erde und sammelte das Grundwasser um mich herum, um damit auf Jan zu zielen. Tornado und Wasserstrudel prallten in der Mitte zwischen uns aneinander und lösten sich auf. Wir hörten das Klatschen und Jubeln unserer Mitschüler und landeten wieder auf dem Boden.
„Das war fantastisch!“, lobte Brian.
Jan und ich gaben uns die Hand und lächelten glücklich. Es gongte, die Stunde war vorbei. Wir gingen zu den Umkleiden und zogen uns um, nur um gleich darauf über den Campus zu hetzen. Wir hatten Geschicklichkeit 5 in der kleinen Sporthalle, die am Ende des Schulgeländes lag.
Nach Schulschluss musste ich noch eine Stunde auf Edwin warten, da er nach der zweiten und vierten Stunde jeweils eine Pause hatte, ging sein Unterricht sozusagen eine Stunde länger.
Jan und ich fuhren in den 25. Stock. Diese Etage gehörte Oswin und seiner Familie. Wir klingelten an der Haustür. Oswin machte uns auf. „Hey, kommt rein!“, sagte er und ließ uns rein.
„Jan und Jessica, schön, dass ihr hier seid. Mit euch wollte ich reden“, begrüßte uns Walesa. Jan und ich schauten uns an. „Setzt euch doch ins Wohnzimmer, ich komme gleich nach“, meinte sie.
Wir gingen den Flur entlang ins Wohnzimmer. Oswin lief schweigend neben uns her. Wir kamen in ein riesiges Wohnzimmer und setzten uns dort auf eine etwa zehn Meter lange Couch. Walesa kam ins Zimmer und schloss die Tür. Sie sah uns an. „Ich weiß, dass ihr von dem Krieg wisst“, fing sie an. Wir zuckten zusammen. „Ihr habt wohl vergessen, dass auch ich Fähigkeiten besitze, so kann ich beispielsweise Oswins Gedanken lesen oder merke, wenn er mir etwas verheimlicht.“ Oswin schaute betreten auf den Boden.
„Tut mir leid, das ist alles meine Schuld. Ich habe gehört, über was Sie mit den anderen Lehrern gesprochen haben, und habe Jessica und Oswin geholt ...“, gestand Jan.
Die Schulleiterin sah uns an. „Es gehört sich zwar nicht, Leute zu belauschen, aber ich verzeihe euch. Ich hab nicht mit euch sprechen wollen, um euch eine Standpauke zu erteilen, sondern um mit euch über den Kampf zu reden.“
„Ich werde nicht zulassen, dass Edwin kämpft, er ist erst acht!“ Ich konnte einfach nicht an mich halten.
„Alter spielt keine Rolle, Jessica, aber er hat stärkere Kräfte als die meisten Erwachsenen, genau wie ihr drei.“ Sie sah uns einzeln an. „Und du, Jessica, bist nur mit deinem Bruder am stärksten, genau wie er nur mit dir“, erklärte sie. „Ihr seid besonders. Hör zu, die wichtigste Regel an der Schule ist der freie Wille. Jeder darf über sich entscheiden. Ich will auch nicht, dass Oswin kämpft, aber da er das will, kann ich nichts dagegen machen, außer mit ihm zu trainieren. Er kämpft für sein Zuhause ... Was ist mit euch, kämpft ihr für eure Schule?“, fragte sie uns.
„Natürlich!“, sagten Jan und ich gleichzeitig.
„Gut, dann trainiert ihr beide auch zu Hause ... mit Edwin“, erklärte Walesa Ragin. Ich konnte nur widerwillig nicken. „Ok, das war’s, was ich euch zu sagen hatte. Holt Edwin ab, es klingelt in fünf Minuten, und wenn ihr noch etwas Zeit habt, könntet ihr in der Sporthalle trainieren. Ihr habt noch zwei Stunden bis zum offiziellen Schulschluss!“ Die Schule war erst dann beendet, wenn die 13. und 14. Klasse mit ihrem Unterricht fertig waren, und solange mussten alle Schüler in der Schule bleiben.
Jan und ich gingen zurück zum Fahrstuhl. Oswin musste zu Hause bleiben, aber er konnte ja auch jeden Tag in der Halle üben.
Außer Oswin lebten noch andere Kinder in der Schule. Die meisten von ihnen waren Waisen oder wurden von ihren Eltern misshandelt. Sie wurden dann hierher gebracht und in der normalen Welt vergessen. Diese Kinder wurden full-time-Elects genannt, da sie wie Oswin kein sterbliches Leben führten.
Wir fuhren in den fünften Stock und holten Edwin ab. Er kam auf uns zu. „Was verschweigt ihr mir?“, fragte er wütend.
„Wie wäre es mal mit Hallo?“, lenkte Jan ab.
„Jan!“, schrie mein Bruder wütend.
„Was ist los, Edwin? Seit wann bist du so wütend?“, fragte ich sanft.
„Weil du, Jan und Oswin mir etwas sehr Wichtiges verheimlicht. Und ich weiß, dass ich es erfahren soll, du es aber nicht willst!“, schrie er wieder. Mist, dieses Gedankenlesen ging einem manchmal ganz schön auf die Nerven, deshalb dachte ich erst gar nicht daran, weil Edwin immer zuhören konnte. „Ist ja gut, Edwin, du wirst es bald erfahren, aber schrei hier nicht so rum, sonst weiß es gleich jeder.“ Ich ging Richtung Fahrstuhl und zog meinen Bruder und Jan mit mir. Wir liefen über den Campus zur großen Turnhalle, gingen hinein und schlossen die Tür ab. „So, hör zu, Edwin, wir werden jetzt einfach ein bisschen Kämpfen üben. Wir beide gegen Jan, ok?“, erklärte ich ihm.
„Da ist gleich klar, dass ich verliere!“ Jan gab sich, als wäre er traurig, hatte aber ein fieses Grinsen im Gesicht.
„Es ist wieder Krieg, stimmt’s? Deshalb sollt ihr mit mir das Kämpfen üben, weil ich dabei sein soll!“, erriet Edwin.
Ich nickte. „Ja, aber du musst nicht kämpfen, nur wenn du es willst.“ Ich wusste, dass mein Bruder nicht ablehnen würde.
„Ich kämpfe für meine Schule, mein Zuhause!“ Er legte die Faust über sein Herz.
„Darüber reden wir noch, aber jetzt lass uns erst einmal anfangen.“
Wir gingen in die Mitte der Turnhalle und stellten uns gegenüber. Ich gab das Startsignal. Im selben Moment schleuderte Edwin Hagelkörner auf Jan, der diese explodieren ließ, bevor sie bei ihm ankamen. Ich erzeugte mit Edwin eine riesige Welle, die mindestens fünf Meter hoch war und ließ sie auf Jan los. Dieser erhob sich in die Luft und sprang regelrecht über die Welle. Er ließ es blitzen und schleuderte einige Blitze auf uns. Ich ließ sie einfrieren und Edwin wich blitzschnell aus. Er jubelte, rannte vor und schickte Jan Feuerbälle. Da beide so nah beieinander waren, schickte ich Eishagel zu Jan rüber. Den Feuerbällen konnte er ausweichen, dem Hagel aber nicht. Er fiel auf den Boden und ich fror ihn fest als Zeichen, dass wir gewonnen hatten.
„Haha!“, jubelte Edwin.
„Au, das hat wehgetan.“ Jan ließ das Eis schmelzen und kam auf die Füße.
„Edwin und ich sind auch nicht nett, wenn es ums Kämpfen geht, aber sei froh, jeden anderen hätte es umgebracht, wenn ich es gewollt hätte“, lachte ich fröhlich. Edwin klatschte mich ab und wir halfen Jan auf.
„Das war ja ein kurzer Kampf, Jan, ich hätte noch so viel auf dich abschießen können!“, rief Edwin.
„Ja ja, freut euch nur, das gibt eine Revanche!“, forderte Jan.
„Ok, morgen“, rief Edwin glücklich.
Wir gingen Richtung Schulgebäude. Heute sahen wir viele Siebtklässler in Begleitung eines Erstklässlers. Wir trafen Lucy mit ihrem Patenkind. „Und wer sind die?“, fragte das Mädchen.
„Drei von den acht Kindern mit besonderen Gaben“, erklärte Lucy.
„Hey Lucy, dein Patenkind scheint ein richtiges Energiebündel zu sein“, meinte ich und lächelte die Kleine freundlich an.
„Oh ja, die Kleine stellt so viele Fragen. Das ist Ina Kunna, und das, Ina, sind Edwin und Jessica Willington und das ist Jan Dagwin“, stellte Lucy uns vor. Wir nickten uns zu.
„Was könnt ihr alles?“, fragte Ina mit ihrer hohen Stimme neugierig.
„Unterschiedliche Sachen, jeder kann etwas anderes“, sagte ich nur.
„Wir gehen dann mal weiter. Ina will unbedingt noch die Turnhalle sehen und ich muss sie schon in zehn Minuten zurück ins Foyer bringen, also bis dann, Leute.“ Lucy nahm Inas Hand und zog sie weiter.
Als die Schule beendet war, traf ich mich mit Jan und Edwin an einem alten Baum. „Tschau, Jan, wir sehen uns heute Abend.“ Kaum hatte ich das gesagt, war ich in meinem Zimmer. Edwin landete eine Sekunde später neben mir. In Frankfurt war es jetzt Samstagmorgen, ich war den ganzen Tag in der Schule gewesen, aber es war in der realen Welt kein bisschen Zeit vergangen. Das war manchmal ziemlich nervig.
„Kinder, seid ihr schon wach?“, rief meine Mom von unten. Sie hatte von unserem Ausflug natürlich nichts mitbekommen.
„Ja, Mom“, rief Edwin.
Unsere Mutter kam ins Zimmer. „Und wie immer seid ihr schon umgezogen. Wir essen jetzt, weckt eure Schwester, ja?“ Sie ging wieder runter.
Meine Schwester, die 18 Jahre alt war, war kein Elect. Ich klopfte an ihre Zimmertür, aber sie brummelte nur etwas, was ich nicht verstand. Stefanie schloss immer ihre Zimmertür ab, damit keiner sie bei ihrem Schönheitsschlaf stören konnte. Sie war eine echte Zicke und zog sich an wie eine Schlampe. Sie ging auf Partys und kümmerte sich einen Dreck um uns.
Edwin und ich gingen zum Frühstückstisch. Mom sagte wie immer nichts und Edwin und ich unterhielten uns in Gedanken über den Krieg.
„Wer soll alles mitkämpfen und gegen wen kämpfen wir überhaupt?“, fragte Edwin.
„Lehrer, wir acht und die Krieger“, antwortete ich.
„Und gegen wen kämpfen wir?“, wiederholte er seine zweite Frage.
„Gegen böse Elects – und vor allem starke“, erklärte ich besorgt.
„Wird Oswin auch mitkämpfen?“
„Natürlich“, sagte ich.
„Du musst dir keine Sorgen um mich machen, ich bin gut im Kämpfen, ich würde mir eher Sorgen um Jan machen“, erklärte er mir.
„Sehr witzig!“ Ich rollte mit den Augen. Mom war es gewohnt, dass wir zwei nie viel redeten, da Edwin und ich uns in Gedanken unterhielten und wir oft vergaßen, dass noch andere am Tisch saßen. Meine Schwester kam die Treppe runter. Ihr langes schwarzes Haar war gewellt, eigentlich wäre sie ganz hübsch anzusehen, wenn sie nicht immer diese knappen Klamotten tragen würde. Ihr dunkelblaues Top war bauchfrei, in ihrem Bauchnabel steckte ein Piercing und ihr Minirock ging gerade so über ihren Hintern. Sie schaute mich angewidert an. „Oh man, wann kaufst du dir endlich mal neue Klamotten und deine Haare, blond ... einfach nur schrecklich!“ Sie drehte sich um und verschwand aus dem Haus.
„Ich finde dich hübsch“, meinte Edwin tröstend.
„Danke, Kleiner.“
Edwin hatte wie ich blonde Haare, nur dass seine kurz waren und meine lang. Meine Mutter schaute wie immer sehr traurig, wenn meine Schwester kam. Stefanie ging nicht mehr zur Schule, sondern nur noch auf Partys. Ich stand auf und räumte meinen Teller weg. Edwin folgte mir.
*
Kein normales Leben
Mein Leben war selten normal, aber wenn ich mich mit meinen Freundinnen traf, wirkte es so. Ich war gerade auf dem Weg in die Eisdiele, in der ich mich immer mit meinen drei besten Freundinnen traf. Marie, Jelena und Moni saßen schon an unserem Lieblingstisch. „Hey!“ Ich umarmte die drei.
Jelena hatte kurze blonde Haare, die ihr knapp bis zur Schulter gingen. Marie hatte lange braungelockte Haare und Moni hatte glatte blonde Haare. Die drei waren echt verrückt, mit ihnen konnte ich über alles lachen. Meine sterblichen Freunde kannten mein Geheimnis nicht, aber manchmal wäre ich echt froh, mit ihnen darüber reden zu können.
„Erde an Jessica, hörst du uns eigentlich zu?“, fragte Moni und riss mich aus meinen Gedanken.
„Ähm, was? Klar“, stammelte ich.
Sie seufzte. „Manchmal kommst du mir so vor, als lebtest du in einer anderen Welt.“ Wie recht sie doch hatte ...
„Ich bestelle einen Schokobecher“, meinte Marie, als die Bedienung auf uns zukam.
„Und ich Melone und Schoko, das ist das beste Eis, das es gibt!“, schwärmte Jelena.
Ich lächelte bei dem Gedanken, dass es auch noch etwas anderes außer meinem Elect-Leben gab, Oswin tat mir irgendwie leid. Er war eigentlich gar kein Mensch, sondern ein Elect. Aber diese waren halb Wesen und halb Mensch. Und Oswin? Mist, ich dachte wirklich nur noch an meine Schule ...
Ich versuchte, meinen Freundinnen zuzuhören. Sie unterhielten sich über Busse und Züge ... So was brauchte ich nicht ... Echt langweilig. Eigentlich las ich nicht einfach in ihren Gedanken, aber ich wollte wissen, was sie dachten. Ich bemerkte, dass sich Moni ebenfalls nicht an dem Gespräch beteiligte. Ihre Gedanken kreisten um andere Dinge wie die Mathearbeit am Montag oder gute Noten in der Schule. Moni war zwar eine echt liebe Person, aber wenn es um Schule ging, war sie ein echter Streber. Sie lernte ziemlich oft, da ihre Eltern sie schon bei einer Zwei bestraften.
„Sorry, Leute, ich kann heute nicht so lange bleiben, ich muss zum Schwimmtraining. Bis bald in der Schule.“ Jelena schnappte sich ihre Tasche und schoss davon. Ich hatte mir geschworen, es nicht zu tun, aber dennoch las ich ihre Gedanken. Und die drehten sich kein bisschen ums Schwimmtraining, sie waren eher der Art: „Mist, ich kann nicht lügen, sag was und schnell weg.“
Nun hörte ich meinen Freundinnen beim Reden zu, sagte aber nichts. „Ich muss dann auch gehen. Kommst du mit, Jessica?“, fragte Moni plötzlich.
„Ja klar!“ Ich sprang auf. Moni wohnte nur fünf Minuten von mir entfernt und ich las in ihren Gedanken, dass sie mir dringend etwas sagen wollte. Wir verabschiedeten uns von Marie und gingen Richtung zu Hause.
„Etwas stimmt nicht mit dir, das weiß ich. Du bist nicht normal ... Ich spüre irgendwie, dass du mehr bist, als du zugibst“, sagte sie und überraschte mich damit.
In meinen Kopf entstand Panik. Was sollte ich nur sagen? Immerhin war sie meine beste Freundin. Ich fasste einen Entschluss: Ich würde ihr alles erzählen, allein schon aus dem Grund, um mit jemand anderem außer Oswin, Jan, meinem Bruder oder irgendwelchen anderen Elects darüber zu reden.
„Du würdest mir eh nicht glauben ...“, fing ich an.
Sie blieb plötzlich stehen und schaute mich böse an. „Ich vertraue auf das, was du sagst, und ich werde dir immer glauben, egal wie unglaubwürdig es auch sein wird!“, flüsterte sie. „Ich weiß, dass es mehr in dieser Welt gibt als viele glauben.“
Das klang geheimnisvoll, dennoch zögerte ich kurz. „Du hast recht, ich bin nicht normal“, stimmte ich ihr zu. „Ich bin anders, nichts Besonderes, aber anders.“ Ich holte tief Luft. „Ich bin ein Elect!“, brachte ich mühsam heraus.
Sie starrte mich nur fragend an.
„Ein Elect ist sozusagen ein Wesen wie eine Fee oder ein Vampir. Elects haben besondere Kräfte ... zum Beispiel Telepathie oder Unsichtbarkeit und solche Sachen. Ich kann beispielsweise Gedanken lesen oder in die Vergangenheit der Menschen schauen. Mein Bruder ist auch ein Elect, deshalb geht er wie ich auf eine Hochbegabtenschule, weil er sich alles, was er sieht, merken kann. Das ist seine Gabe“, erklärte ich.
„Du kannst also meine Gedanken lesen?“, fragte Moni wenig aufgeregt.
Ich nickte. „Gerade denkst du, wie du es glaubwürdig rüberbringst, dass du mir glaubst, obwohl du es nicht glauben kannst“, las ich ihre Gedanken.
„Das hätte ich auch vorhersagen können. Überzeug mich, mach etwas, das niemand außer diesen Wesen kann.“
Ich zögerte, nahm aber dann ihren Arm ...
Wir schwebten in Unsichtbarkeit, bis ich mir sicher war, dass kein Mensch uns sehen würde. Wir waren irgendwo am Strand, die Sonne schien strahlend auf uns herab. Moni sah mich erschrocken an.
„Beweis genug?“, fragte ich lächelnd. Meiner Freundin hatte es die Sprache verschlagen. „Eh, Moni, ich bin immer noch die Alte. Ich kann das schon, seit ich fünf bin“, erklärte ich ihr.
Sie sah mich ängstlich an. „Ich wusste, dass du nicht normal bist, aber das ... hatte ich nicht erwartet!“ Ihre Stimme klang zittrig.
„Ich kann dir alles in Ruhe erklären, jetzt lass uns aber wieder nach Hause gehen.“ Ich streckte ihr die Hand hin, doch Moni starrte sie nur an. „Keine Angst, dir passiert nichts. Bei uns machen das Fünfjährige.“ Ich fand, sie stellte sich ziemlich albern an. Ich dachte an das kleine Mädchen von heute Morgen zurück. Ina, fünf Jahre, aber sie hatte kein bisschen Angst vor mir gehabt. Die Kleine verdiente echt Respekt. Moni nahm etwas widerwillig meinen Arm und einen Moment später waren wir in meinem Zimmer.
Edwin saß auf meinem Bett und starrte mich erschrocken an. „Jessica, was zum ...“, fing er an, doch ich unterbrach ihn.
„Sag das bloß nicht Walesa!“
„Ich dachte, dein Bruder sei auch so ein Wesen“, meldete sich Moni zu Wort.
„Und mal wieder bricht meine Schwester eine der wichtigsten Schulregeln.“ Er schüttelte den Kopf.
„Sie wird es niemandem sagen, sie ist meine beste Freundin!“, wehrte ich mich. Moni nickte zustimmend. Was hätte sie auch sonst tun sollen.
„Ich werde Oswin fragen, was passiert, wenn man das Geheimnis einem Menschen verrät“, sagte Edwin. Zwei Sekunden später war er weg.
„Wow, dein Bruder kann es ja auch. Total cool“, meinte Moni.
***
Edwin wusste, wenn er das, was er erfahren hatte, Oswin erzählte, würde auch bald Walesa wissen, deshalb zögerte er. Er blieb noch kurz auf dem Campus, um zu überlegen, dann betrat er die Schule, nahm einen der Fahrstühle und fuhr in den 25. Stock, wo Oswin wohnte. Wieder und wieder klingelte er an dessen Tür. Plötzlich stand Walesa hinter ihm. „Sturmklingeln nützt bekanntlich nichts, wenn niemand zu Hause ist.“ Sie lachte. „Willst du zu mir oder zu Oswin?“, fragte sie, während sie die Tür aufschloss.
„Oswin ist nicht zu Hause?“, fragte Edwin.
„Sein Zuhause ist das ganze Schulgelände, deshalb ist er immer zu Hause, aber wenn du wissen willst, ob er hier in der Wohnung ist, nein, ist er nicht. Er ist in Nellys Zimmer“, antwortete Walesa höflich.
Nelly war eines der Waisenkinder, die wie Oswin in der Schule wohnten, full-time-Elects genannt. Die Waisenkinder wohnten mit ihren Mentoren einen Stock tiefer.
Edwin verabschiedete sich also und fuhr hinunter in den 24. Stock. Man stieg vom Fahrstuhl aus in einem langen Flur aus, in dem rechts und links Türen zu den einzelnen Zimmern führten. An den Türen standen die Namen der Waisenkinder oder Mentoren. Es gab natürlich auch Gemeinschaftsräume, Küchen und Bäder, wobei sich immer je zwei Kinder ein Bad teilten, das zwischen den beiden Zimmern der Kinder lag. Doch es gab nicht viele Waisenkinder in der Schule, nur etwa zwölf. Nellys Zimmer war die fünfte Tür auf der rechten Seite. Edwin klopfte an.
„Ja?“, rief Nelly.
Jessicas Bruder ging ins Zimmer. „Hey Oswin, könnte ich mal mit dir reden?“, fragte Edwin. Er hatte ihn gleich an Nellys Schreibtisch sitzend entdeckt.
„Klar!“, sagte Oswin und an Nelly gewandt: „Ich komme nachher wieder.“ Dann verließ er das Zimmer und die beiden Jungen schlossen die Zimmertür hinter sich. Sie gingen den Gang entlang zurück zu den Fahrstühlen. Im Aufzug fragte Edwin: „Weißt du, was passiert, wenn man unser Geheimnis einem Menschen verrät?“
„Hast du etwa ...“, fragte der andere erschrocken.
„Nein, nein, keine Sorge!“, versicherte Edwin ihm.
Oswin konnte aber wie jeder andere Elect Gedanken lesen, er konnte zwar nicht mental kommunizieren wie Jessica, Jan und Edwin, aber er konnte sie lesen. Deshalb erkannte er sofort, um wen es ging. „Jessica!“ Oswin war entsetzt. „Warum hat sie das getan?“, fragte er.
Edwin zuckte nur mit den Schultern.
„Ich bin mir nicht sicher, ob bei so einem Regelverstoß etwas passiert, aber ich denke, deine Schwester wird von meiner Mutter einiges zu hören bekommen“, vermutete Oswin.
Edwin, der wieder einmal vergessen hatte, dass auch Oswin natürlich Gedanken lesen konnte, reagierte erschrocken. Hatte er jetzt seine Schwester verrate? Das hatte er eigentlich nicht gewollt, denn nun würde auch Walesa sicherlich von dem Verrat erfahren. „Jessica wird mich hassen ...“, murmelte er.
„Ach was, sie kann dich gar nicht hassen, du bist ihr Bruder, ihr ein und alles! Für dich würde sie alles tun, glaub mir“, versuchte sein Freund ihn zu beruhigen.
„Hast du Lust, mit mir in der Turnhalle zu kämpfen?“, fragte Edwin, um vom Thema abzulenken.
„Klar“, freute sich Oswin. Sie gingen zusammen zur Turnhalle. Auf dem Weg dorthin wurde Edwin plötzlich unsichtbar.
„Keine Angst, Oswin, das ist nur meine Schwester. Sie wünscht mich herbei ...“ Mitten in Satz erlosch Edwins Stimme und Oswin stand alleine im Flur.
***
Ich saß auf meinem Bett und versuchte in Ruhe nachzudenken. Ich war so dumm gewesen ...
„Was willst du jetzt machen?“, fragte Moni, die neben dem Bett stand.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Es tut mir leid, Jessica ...“, entschuldigte sie sich.
„Das ist doch nicht deine Schuld“, gab ich zurück. „Ich hätte mein Geheimnis ja nicht an dich weitergeben müssen. Nun werde ich erst einmal Jan sagen, dass er herkommen soll. Er hat mir bis jetzt immer aus meinen Schwierigkeiten geholfen“, sagte ich entschieden. Als ich sah, wie Moni mich anschaute, fiel mir ein, dass sie ja gar nicht wusste, dass Jan auch ein Elect war. Mist, es lief aber auch alles schief, nun hatte ich noch jemanden verraten ohne es zu wollen. Das konnte ja heiter werden. Ich versuchte, Jan in Gedanken zu erreichen.
„Was ist los, Jessica?“, fragte er in Gedanken zurück.
„Du musst mir helfen!“, bat ich.
„Wobei?“, kam es sogleich von ihm zurück.
„Ich hab Mist gebaut, mal wieder. Ich habe Moni unser Geheimnis verraten“, erklärte ich ihm.
„Du hast was?!“ Seine Gedanken waren so laut, dass es mir förmlich wehtat.
„Es tut mir leid, aber das ist noch nicht alles, sie weiß jetzt auch, dass du und Edwin Elects seid. Das heißt, wir stecken ziemlich in Schwierigkeiten!“, erklärte ich ihm widerwillig.
„Warum hast du es ihr denn erzählt, wenn du wusstest, dass wir das nicht dürfen!?“, fragte er wütend.
„Ich weiß es nicht, ich hatte das Gefühl, es ihr erzählen zu müssen“, antwortete ich.
„Super Idee, Jessica!“, meinte er spöttisch.
„Es tut mir doch leid ... bitte hilf mir! Edwin hat sich zu Oswin teleportiert, um ihm alles zu erzählen, und wenn der es weiß, weiß es bald auch Walesa!“ Erst in diesen Moment fiel mir ein, was ich hätte tun müssen. „Kommst du mit mir nach Miami? Ich werde Edwin herbeiwünschen, aber ich will, dass mein bester Freund bei mir ist ...“, bat ich ihn.
„Gut, wir treffen uns in Kürze dort, ok?“, sagte er.
„Nein, stopp, ich muss erst Moni aus dem Haus bringen, ohne dass meine Mom es merkt. Warte kurz, ok?“ Ich klickte die Unterhaltung in meinem Kopf aus. Dann wandte ich mich an meine Freundin: „Moni, komm, wir teleportieren dich nach draußen. Ich muss in meine Schule, aber erzähl niemandem etwas, bitte!“, bat ich sie.
„Natürlich, ich bin doch deine Freundin. Ich sage es niemandem! Schließlich möchte ich dich nicht noch weiter in Schwierigkeiten bringen“, versprach sie.
Ich nahm Moni am Arm und schon waren wir vor ihrer Haustür. „Ich muss schnell weiter, wir sehen uns.“ Ich umarmte sie flüchtig und teleportierte zur School of the Elect, die wir oft nur kurz School of the Elect nannten.
Jan war natürlich schon da. Er wartete vor dem Schultor auf mich und schaute mich an. Er war sauer, das sah man deutlich, wollte sich dies aber nicht anmerken.
„Gut, ich wünsche jetzt Edwin herbei ...“ Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf meinen Bruder ...
„Jessica, was soll das?“, rief Edwin empört, als er neben mir eintraf.
Ich las seine Gedanken und wurde ziemlich wütend. „Du hast es ihm gesagt! Wie konntest du nur?“, schrie ich ihn an.
„Ich hatte vergessen, das Oswin meine Gedanken lesen kann. Ich wollte dich nicht verpetzen!“, gab er zurück.
„Verpetzen? Du hast mich verraten!“ Mir kamen die Tränen.
„Das ist doch das Gleiche. Ich wollte es nicht, aber deinetwegen bekommen wir alle Ärger!“, stellte er klar.
„Meinetwegen? Oh nein! Du hast doch deinen Mund nicht halten können!“, zischte ich ihn an.
„Hört auf!“, schrie Jan plötzlich dazwischen. „Jessica, ich muss Edwin recht geben, aber denkt bitte an eines: Es kann doch nicht sein, dass ihr euch vor dem Krieg so streitet! Gerade ihr müsst zusammenhalten! Also hört auf, euch auf das Niveau eines Fünfjährigen zu begeben. Ihr schiebt euch gegenseitig die Schuld zu wie zwei Erstklässler! Es ist halt passiert, das Jessica Moni alles erzählt hat, aber das können wir nun nicht mehr ändern. Vor uns liegen wichtigere Dinge.“ Jan stellte sich zwischen uns und funkelte uns böse an. „Wir müssen zusammenhalten!“
Ich schaute meinen Bruder an. Er war erst acht und ich schob alles auf ihn, obwohl ich ihn als große Schwester doch eigentlich schützen müsste. „Es tut mir leid, Edwin“, entschuldigte ich mich.
„Mir auch“, meinte er ehrlich.
„Jessica!“, rief eine Stimme von oben.
Ich konnte Walesa erkennen, die aus dem Fenster schaute.
Da kam auch schon Oswin auf uns zugestürmt. „Meine Mutter wünscht euch in ihr Büro im zehnten Stock.“ Er konnte mir nicht in die Augen sehen. Ich schaute ängstlich zu Jan, doch er schaute zu Oswin. Edwin ging als Erster zu Walesas Sohn. Jan und ich folgten den beiden. Die Schulleiterin erwartete uns bereits im zehnten Stock. Wir blieben vor ihr stehen. „Erst mal nur Jessica!“, sagte sie mit viel Macht in ihrer Stimme. Sie schaute mich an. Ich schaute mich zu den drei anderen um und folgte schließlich Walesa ins Büro. Ich schloss die Tür hinter mir. Die Rektorin stand am Fenster mit dem Rücken zu mir. Ich hatte es vergeigt, vermasselt, Vertrauen gebrochen und die zwei wichtigsten Schulregeln gebrochen. Warum hab ich es Moni nur erzählt? „Setz dich!“, forderte Walesa. Sie drehte sich zu mir um, und sah mir in die Augen.
Ich wich ihrem Blick aus. „Es tut mir leid ...“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Was genau, Jessica?“, fragte sie, ohne ihren Blick von mir zu nehmen.
Mein Herz schlug schneller. „Alles ... ich hab alle verraten ...“ Ich hielt meinen Blick gesenkt, setzte mich aber auf den Stuhl vor Walesas mächtigen Schreibtisch.
„Fehler machen gehört zum Erwachsenwerden dazu ... aber du wirst hier nicht nur erwachsen, du wirst zur Mentorin ausgebildet, und in diesem Sichtfeld ist dein Regelverstoß nicht nur ein kleiner Fehler!“ Ihre Stimme klang nicht wütend, aber sehr ernst.
Mir kamen die Tränen, ich fühlte mich wie ein kleines Kind. „Es ... tut mir leid“, hauchte ich. Ich wischte mir eine Träne weg.
„Jessica. Ich erzähle dir das doch nicht, weil ich dich ärgern will, ich will nur, dass du das verstehst. Du hast später die Aufgabe, deinen Schützling davor zu schützen, dass er oder sie das Geheimnis nicht verrät. Ich war früher auch nicht anders als du, Jessica. Ich hatte zwar keinen Bruder aber viele Freunde, die zu mir hielten. Ich hatte es damals einem Jungen erzählt, in den ich verliebt war. Er erzählte es weiter aber keiner glaubte ihm. Er wurde für sein Wissen von den Elect-Führern getötet ...“, erzählte sie mir. Ich sah sie mit großen Augen an. „Sorg dafür, dass deine Freundin es niemandem erzählt!“ Jetzt klang sie traurig. „Du bedeutest mir sehr viel, Jessica.“ Walesa kam auf mich zu und legte ihre Hand auf meine Schulter. „Ich war damals nicht die Einzige, die so einen Freund oder eine Freundin verlor. Ich vertraue auf dich, dass du das Mädchen beschützt, vor allem jetzt, wo diese anderen Elects aufgetaucht sind ...“
Ich nickte. „Mach ich.“
„Ich hab noch einen Auftrag für dich und Jan“, meinte sie geheimnisvoll. „Versucht mit eurer Kraft herauszufinden, woher diese anderen Elects kommen. Das wäre für uns alle für den Kampf echt nützlich.
Ich nickte wieder. „Danke, Walesa!“ Ich umarmte sie.
Sie erwiderte die Umarmung. „Mach nichts, was du später bereust!“, warnte sie und entließ mich damit aus ihrem Büro.
Draußen empfingen mich Edwin, Jan und Oswin. „Alles gut“, versicherte ich ihnen.
Jan kam auf mich zu und umarmte mich. „Gehen wir jetzt nach Hause. Wir müssen noch etwas herausfinden, Jan, und das wird nicht leicht ...“ Ich nahm seine Hand. „Edwin?“ Ich schaute meinen Bruder an. Er nahm meine Hand.
„Wir sehen uns, Oswin, bis spätestens Samstag“, verabschiedete sich Edwin von Oswin und schon teleportierten wir uns vor unsere Haustür.
„Hab ich dich in Schwierigkeiten gebracht, Jessy?“, fragte Edwin vorsichtig.
„Nein“, versicherte ich ihm. „Wir sollen herausfinden, was es mit diesen bösen Elects auf sich hat“, wandte ich mich an Jan.
„Äh und wie sollen wir das bitte anstellen?“, fragte er nicht gerade überzeugt.
„Mit Hilfe unserer Kraft. Das hat Walesa auf jeden Fall behauptet“, antwortete ich unsicher.
Er schnaubte. „Hilft uns nicht gerade weiter ...“
Am Abend traf ich mich mit Moni in der Stadt. Ich erzählte ihr mehr von meiner Schule und von meiner Schulleiterin Walesa. Ich erzählte ihr die Geschichte von Walesas sterblichem Freund. „Ich habe Angst um dich ... ich hab aber gerade viel um die Ohren. Kannst du nicht heute bei Jan übernachten?“, bat ich sie.
„Wenn du dich dann besser fühlst ... Ich muss nur meiner Mom Bescheid sagen und meine Sachen holen, dann geh ich zu ihm, ok?“
„Ok, danke.“ Ich lächelte sie an. Wir holten ihre Sachen, überredeten ihre Mutter und teleportierten uns zu Jan nach Hause. Als ich sicher war, dass Moni in Sicherheit war, verabschiedete ich mich und ging nach Hause.
*
Die gestohlenen Elects
Zu Hause lag ich noch lange im Bett wach. In meinen Gedanken versunken merkte ich gar nicht, dass ich Zuhörer hatte. Ich dachte an diese Elects und wie wir rausfinden sollen, was sie waren.
„Zerbrich dir nicht immer so den Kopf. Wir kriegen das schon hin“, mischte sich Jan gedanklich ein.
„Was sollen wir nur machen und warum sollen wir nur zu zweit herausfinden, was sie sind? Ich schaffe das nicht, ich will nicht, dass Edwin mitkämpft. Ich mache mir Sorgen um Moni, weil Walesa mal wieder Schauergeschichten erzählt. Ich habe so viel im Kopf und hab dann auch noch mein blödes normales Leben, das ich jetzt gerade echt nicht gebrauchen kann!“
Ich ließ mal alles raus, was mir auf der Seele lag hatte. Ich konnte echt nicht mehr! Mein Elect-Leben passte mit meinem normalen Leben nicht zusammen, am liebsten wäre ich eine echte full-time-Elect so wie Oswin. Ja, ich müsste meine Familie verlassen, denn was hatte ich denn schon für eine Familie?
Meine Schwester war eine Bitch und hatte eh kein Interesse an ihren Geschwistern, meine Mom war zwar da, aber Edwin und ich redeten fast nie mit ihr. Außerdem war sie seit dem Tod meines Vaters eh anders. Er starb, als ich 13 war. Seitdem war meine Schwester die Bitch der Schule und meine Mutter die stillste Person, die ich kannte. Ich müsste mit 18 Jahren meine Familie sowieso aufgeben. Mentoren wohnten immer in der Schule, nur von Edwin müsste ich mich niemals trennen, wir würden immer zusammenbleiben.
Ich hatte vergessen, dass Jan meine Gedanken mithörte. Ich bemerkte es erst, als er mich quasi in Gedanken anschrie. „Spinnst du, Jessy? Bedeutet dir deine Familie denn gar nichts?“, fragte er erschrocken.
„Was für eine Familie? Meine Familie, das sind Walesa und Oswin, du und Edwin, meine Mentorin Alsuna und Brian und alle anderen Lehrer. Die ganze Schule ist meine Familie, nicht das, was ich hier zu Hause habe!“, meinte ich traurig. Traurig, weil ich gerne eine normale, sterbliche Familie hätte.
„Tut mir leid, Jessy ...“, sagte er ebenfalls traurig.
„Ich will nicht das bisschen Familie verlieren, das ich noch übrig habe ... dich ... Edwin ... Oswin, ihr alle! Ich habe Angst vor dem Krieg ...“, gab ich zu.
„Du musst nicht mitkämpfen, die freie Entscheidung, weißt du noch, eine wichtige Regel unserer Schule ...“
Bevor er weiterreden konnte, unterbrach ich ihn. „Stopp! Ich habe doch keine Angst, dass ich in dem Krieg sterben könnte. Ich habe Angst um euch alle!“, stellte ich klar.
„Ich habe auch Angst um dich“, gab er zu.
„Ich weiß ...“ Ich verstand Jan. Ich verstand aber auch mich. Ok, eigentlich dachten wir dasselbe, also verstanden wir uns gegenseitig.
„Treffen wir uns morgen in der Bücherei in der Schule? Vielleicht gibt es Bücher über Elects, die parallel zu uns erwählt werden“, dachte Jan.
„Klar, bis morgen. Wann?“, fragte ich.
„Zehn? Aber ohne Edwin, wir müssen das zu zweit schaffen“, erinnerte er mich.
„Ok, ich werde da sein. Danke, dass du immer so für mich da bist. Was würde ich nur ohne dich machen? Gute Nacht, Jan“, verabschiedete ich mich.
„Gute Nacht, und bitte.“
Er klickte unsere Unterhaltung aus.
Jan und ich stöberten nur selten nach einer Unterhaltung in den Gedanken des anderen. Deswegen machte ich mir keine Sorgen, dass er mir jetzt zuhörte. Wir hatten zwar sowieso keine Geheimnisse voreinander, aber man musste auch mal zu denken, ohne dass man das Gefühl hatte, belauscht zu werden.
***
Edwin starrte an die Zimmerdecke und dachte an das Internat, das er morgen in seinem ganz realen Leben wieder besuchen musste. Dass Moni das Geheimnis kannte, konnte Edwin Jessica eigentlich nicht übel nehmen, denn auch er hatte es vor ein paar Wochen geschafft, die Schulregel zu brechen – und sogar mehr als das. Er war damals in seinem Internatszimmer in dieser blöden Hochbegabtenschule gewesen, das er sich mit fünf anderen teilen musste. Das Zimmer war mit sechs Betten vollgestopft und mit drei Doppelschränken, in die sie nur ihre Klamotten legen durften. Die Wände waren grün gestrichen und die Tür und die Schränke waren strahlend weiß. Keiner hatte Spielsachen oder Kuscheltiere und in den Zimmern gab es auch keine Schreibtische, da sie sich mit anderen Dingen beschäftigen sollten. Bücher, Stifte und Schulsachen waren im Hausaufgabenzimmer gelagert, wo sie aber nur von ein bis vier Uhr hinein durften. Alle Kinder hatten dieselbe himmelblaue Bettwäsche und keiner durfte in seinem Zimmer etwas anderes als Kleidung besitzen.
An dem Tag, als er die Schulregel von der School of the Elect gebrochen hatte, war er ziemlich wütend und frustriert gewesen wie so oft im Internat. Einer seiner Zimmerkameraden war ins Zimmer gekommen. „Hallo Edwin, willst du mit uns ins Mathemuseum?“, hatte Friedrich gefragt.
„Mathe? Nee danke, ihr könnt alleine gehen. Ich hasse Mathe!“, hatte Edwin wütend erwidert. Friedrich war ein typischer Streber, der nichts außer Schule im Kopf hatte.
„Du bist doch nicht normal. Ich meine, hallo? Das ist Mathe! Wie kann man das nicht mögen?“, hatte er spöttisch gefragt.
Edwin hatte versucht, ihn zu ignorieren, aber er war so wütend gewesen, dass er so eine Auseinandersetzung einfach mal gebraucht hatte. „Ich bin eben nicht so ein Streber wie du und ich hasse jeden Tag, den ich hier verbringen muss!“, hatte er erwidert.
„Wenn ich nicht hier wäre, müsste ich auf eine Grundschule gehen. Grundschule! So langweilig, außerdem kann mir das Internat einen prima Abschluss geben, sodass ich nur neun Jahre in die Schule muss und dann mein Abi habe“, hatte Friedrich lächelnd gesagt. Dann war er zur Tür gegangen, hatte sich aber noch einmal zu Edwin umgedreht und gefragt: „Du willst sicher nicht mit?“ Edwin hatte es nicht mehr ausgehalten, war aufgestanden und hatte Feuerpfeile auf Friedrich geschleudert. Friedrich hatte sich verbrannt und war hingefallen. Er hatte Edwin ängstlich angestarrt. Der junge Elect hatte das nicht gewollt und sich von seinem Internatszimmer in Walesas Büro teleportiert.
„Edwin! Du weißt doch, dass es verboten ist, hier in der Schule zu teleportieren!“, hatte Walesa erschrocken gesagt, als Edwin plötzlich in ihrem Büro aufgetaucht war.
„Ich weiß, aber ich hab’s eilig. Walesa, du musst mir helfen, ich habe Mist gebaut!“, hatte Edwin gestammelt.
„Was ist denn los?“, hatte Walesa gelassen gefragt.
„Ich ... habe in meinem Internat ... einen Jungen mit meinen Kräften verletzt ... aber das war keine Absicht!“, hatte Edwin gestanden.
„Edwin!“, hatte Walesa erschrocken gerufen.
„Es tut mir leid! Kannst du ihn nicht einfach vergessen lassen, es war keine Absicht!“
„Du weißt, dass du deine Kräfte nur benutzen kannst, wenn du es wirklich willst“, hatte Walesa ihn erinnert. „Du kannst Menschen nicht einfach angreifen, aber ich werde dir in diesem Fall helfen. Es wird jedoch noch Konsequenzen haben. Auch wenn du noch so wütend bist, darfst du niemanden verletzen. Du musst mich in dein Zimmer bringen, denn ich kann den Vergessenszauber nur anwenden, wenn ich den Betroffenen sehe“, hatte Walesa erklärt.
„Aber er wird dich sehen!“, hatte Edwin gesagt.
„Nein, ich werde unsichtbar bleiben und dir zu dem Jungen folgen, werde ihn vergessen lassen und dann sofort wieder zurückgehen.“ Sie legte ihre Hand auf Edwins Schulter und er teleportierte beide in sein Internatszimmer. Walesa war tatsächlich nicht zu sehen gewesen, aber Edwin hatte ihre Anwesenheit spüren können. Der junge Elect hatte sich auf den Weg gemacht und Friedrich gesucht. Es hatte nicht lange gedauert, bis er ihn gefunden hatte. Friedrich war ängstlich vor ihm zurückgewichen. Edwin hatte den Zauber in der Luft spüren gespürt und ein paar Sekunden später hatte er gewusst, dass er gewirkt hatte, und auch Walesas Anwesenheit war nicht mehr zu spüren gewesen.
Edwin lächelte etwas bei der Erinnerung, doch dann belauschte er Jessicas Gedanken, und merkte, dass sie in einer Unterhaltung mit Jan war. Er hörte ihnen heimlich zu, bis sie sich verabschiedeten. Der Junge dachte an diese bösartigen Elects. Er hatte die gedankliche Unterhaltung seiner Schwester und Jans belauscht.
„Mithilfe der Macht heißt doch nicht, in irgendwelchen Büchern rumzustöbern“, sagte er leise vor sich hin. Er hatte eine Idee, wie er es herausfinden könnte. Er müsste nur den Geist des Wissens beschwören. Das war aber gar nicht so leicht und konnte ziemlich gefährlich werden. Er brauchte dabei Hilfe, aber nicht die von Jan oder Jessica. Oswin konnte er auch vergessen, es war den jungen Elects verboten, Geister zu beschwören, und wenn Oswin es wüsste, würde es gleichzeitig auch Walesa erfahren. Nein, er musste sich jemand anderen suchen. Plötzlich fiel ihm einer ein, der helfen könnte: Rick. Rick war 18 Jahre alt und ein Krieger. Für Edwin war er ein echter Freund. Er stand auf, zog sich an und schrieb Jessica einen Zettel, falls es länger dauern sollte. Er nahm einen Stift und begann zu schreiben:
Jessica!
Mach dir keine Sorgen um mich, bin bald wieder da. Ich muss nur dringend etwas erledigen. Lass dir eine Ausrede für Mom einfallen, warum ich nicht da bin. Bitte wünsche mich nicht herbei, es ist echt wichtig!
Dein kleiner Bruder
Edwin
Er legte den Brief aufs Bett, belegte ihn aber mit Unsichtbarkeit, damit nur Jessica ihn lesen konnte. Elects konnten nämlich durch die Unsichtbarkeit dringen, was bedeutete, sie konnten das Unsichtbare sehen. Edwin stellte sich in die Mitte des Zimmers und teleportierte sich zur School of the Elect.
In der Schule betrat er nicht das Hauptgebäude, sondern ging den Weg entlang zu den Wohnhäusern. Es war wie ein kleines Dorf mit einem Wolkenkratzer in der Mitte. Er ging ins Dorf und suchte Ricks Haus. Er musste etwas gehen, denn Ricks Haus war weit entfernt. Ein schönes dunkel gestrichenes Häuschen, es war zwar nicht sehr groß, aber immerhin verfügte das Haus über zwei Stockwerke und einen Dachboden. Edwin zögerte, er kannte Rick gut, hatte ihn aber noch nie so spät abends besucht. Nein, eigentlich hatten sie sich nie bei ihm zu Hause getroffen, sondern meistens in der Schule. Er klingelte und wartete.
Rick öffnete die Tür. „Edwin, was machst du denn hier?“, fragte er überrascht, als er den Jungen sah.
„Ich brauche deine Hilfe“, meinte Edwin verlegen.
Rick musterte ihn. „Wobei brauchst du meine Hilfe, Kleiner?“, fragte er interessiert.
„Beim Beschwören von Geistern“, brachte Edwin zögernd heraus.
„Wie bitte?“, fragte der Krieger erschrocken.
„Es geht um den Krieg ... Ich muss etwas über diese anderen Elects herausfinden. Ich will wissen, was sie sind“, gab der Schüler zu.
Rick überlegte. Er war ein muskulöser junger Mann, 18 Jahre alt, braun gebrannt mit dunklem Haar. Er kniff seine braunen Augen zusammen. „Ok, ich helfe dir! Aber nicht hier, wir werden woanders hingehen. Warte kurz hier.“ Er verschwand im Haus, als er wiederkam, trug er ein Schwert bei sich. „Ich hab übrigens noch was für dich.“ Er gab Edwin vorsichtig etwas, das in Decken eingewickelt war.
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