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Jan Eik
Katzmann und das
schweigende Dorf
Der dritte Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Jan Eik, geboren 1940 in Berlin als Helmut Eikermann, verlebte einen Teil seiner Kindheit wie seiner Studentenzeit in Thüringen und Sachsen. Seit 1987 ist er freiberuflicher Autor und Publizist in Berlin. Er schrieb zahlreiche Kriminalromane und -erzählungen sowie Hör- und Fernsehspiele. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u. a. «Der siebente Winter» (1989), «Der Geist des Hauses» (Ein Friedrichstadtpalastkrimi, 1998) und «Trügerische Feste» (2006). Im Jaron Verlag erschienen «Schaurige Geschichten aus Berlin» (2007), «Der Berliner Jargon» (2009) und «DDR-Deutsch» (2010) sowie die Krimis «Der Ehrenmord» (2007), «Nach Verdun» (2008, mit Horst Bosetzky), «Goldmacher» (2009), «Am Tag, als Walter Ulbricht starb» (2010, mit Horst Bosetzky) und «In der Falle» (2011).
Originalausgabe
1. Auflage 2011
© 2011 Jaron Verlag GmbH, Berlin
1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
ISBN 9783955520526
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
Widmung
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
Die Reihe
Für all die Lieben in W., deren eindrucksvolles altes Gehöft als Schauplatz für eine erfundene Handlung
mit erfundenen Personen herhalten musste. Real sind der Dollarkurs vom März 1922 und
die Leichenpredigt von 1825, für deren Überlassung sich der Autor herzlich bedankt.
EINS
ER FÜHLTE nach dem Päckchen an seiner Brust. Alles in Ordnung. Beruhigt und ohne auf den Zustand des schlammigen Weges zu achten, schritt er dem verhängnisvollen Ort entgegen. In seiner Kindheit hatte er sich dem schütteren Wäldchen nie anders als mit Beklommenheit genähert, die oft wiederholte Erzählung des Großvaters vom grässlichen Mord im Rauber im Ohr. Dessen eigener Großvater war nämlich, wie der Alte anschaulich zu berichten wusste, als sei er dabei gewesen, eines schrecklichen Tages in jenem Raubwald erschlagen und beraubt worden, von drei miteinander verschworenen Knechten, die man bald ergriff. Der Mörder hatte sich vor dem Prozess umgebracht.
An die hundert Jahre mochte das her sein. Der Rauber hieß seit alten Zeiten so, weil es der Sage nach hier einst eine Raubritterburg gegeben hatte. Wälle und eingestürzte Gänge ließen sich in der nahen Flur und zwischen den Bäumen als schwache Bodenwellen mutmaßen.
Der Gutsbesitzer Ferdinand Geisler war nicht abergläubisch, ihn schreckten weder die Geister des gemeuchelten Urahns noch die der Mörder. Vergessen konnte er die Geschichte aber nie. Der ertragreichste Schlag seiner 120 Morgen Land grenzte an das Gehölz, Rest einer ausgedehnten Waldfläche, die sich einst bis ins Sächsische hinüber erstreckt hatte. Jedes Mal, wenn er beim Pflügen wendete und hinter der Hügelkuppe die Baumwipfel auftauchten, kam ihm unweigerlich der Mord in den Sinn.
So sprang ihn die Erinnerung auch an diesem diesigen Märzmorgen nicht unerwartet an, als sich der dunkle Waldsaum vor ihm schemenhaft gegen die aufsteigende Dämmerung abhob. Feuchte Schwaden wehten über das Land. Der lehmige Fahrweg, die einzige Verbindung zur nächsten Stadt, bestand aus eisgläsern überzogenen Pfützen, tief ausgefahrenen Fuhrwerksrinnen und nassen Schneeresten, in denen sich gelegentlich ein Stiefelabdruck abzeichnete. Hatte es einer noch eiliger gehabt als er, in die Stadt zu gelangen?
Dass er sich nach dem Ausmisten und Füttern heimlich davongemacht hatte, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, beunruhigte ihn nicht. Die Familie war seine Eigenmächtigkeiten gewöhnt. Der Gedanke an das Geld allerdings, das er gut verwahrt in der Brusttasche spürte, bewirkte ein unbehagliches Gefühl in seinem Magen, wie er es kannte, wenn er es aus gewissen Gründen seiner Anni gegenüber an Aufrichtigkeit fehlen ließ oder bei anderer Gelegenheit gezwungen war, etwas zu tun, das ihm widerstrebte. War es wirklich richtig, was er vorhatte?
Die Frage hatte er sich, der Frau, dem greisen Vater Heinrich und dem eigenen Sohn in den letzten Monaten oft genug gestellt. Alle hatten sie mit nein beantwortet. Geld war Geld und blieb es, mochte auswärts mit dem Dollar geschehen, was da wollte. Das Deutsche Reich blieb immer noch ein deutsches Reich, selbst auf den Briefmarken. Die waren teurer geworden wie alles andere auch.
Am Anfang des Krieges waren allerlei Gerüchte umgegangen über den Verfall des Papiergeldes. Es hatte dennoch Wert behalten. Zumindest einen Teil davon. Daran erinnerte ihn der Alte, der in seinem 77-jährigen Leben manchen Preisverfall und manche Teuerung erlebt und überstanden hatte. Lass nur richtig Frieden werden, und alles renkt sich wieder ein, behauptete er hartnäckig. Die Städter brauchen allemal ihr Fressen, und das kriegen sie von uns - zu Preisen, die letztlich wir bestimmen.
Auf Dauer sah es danach ebenso wenig aus wie nach wirklichem Frieden. Allerorten rumorte es. In den Städten hatten sie eine Revolution angezettelt, der sächsische König hatte sich wütend davongemacht und musste, ebenso wie der Herzog Ernst in Altenburg, abdanken. Ruhe oder gar Frieden war nicht eingetreten. Im Gegenteil. Marodierende Banden zogen durch Sachsen, politischer Hader breitete sich aus bis aufs platte Land, Freikorps und andere vaterländische Vereine warben heimlich oder offen um Mitgliedschaft.
Ungerührt stapfte Ferdinand Geisler in seinen derben Winterstiefeln und seinem o-beinigen Bauerngang den vertrauten Weg entlang.
Platt war das Land hier nicht, Wulkersbach lag an den Hängen des letzten sachsen-altenburgischen, nunmehr thüringischen Tals vor der Landesgrenze zum ehemaligen Königreich Sachsen. Böswillige nannten es ein vergessenes Dorf. Zwei Meilen bis Amerika, entgegneten darauf die Einheimischen und ergötzten sich an den dummen Gesichtern der Unwissenden. Ein paar Kilometer hinter der nächsten sächsischen Kleinstadt Penig nämlich lag die Bahnstation Amerika. Wer gut zu Fuß war, konnte in zwei Stunden von Wulkersbach ins Gelobte Land gelangen. Jedenfalls dem Namen nach, der immer noch einen magischen Klang ausstrahlte.
In seiner Jugend hatte auch Ferdinand Geisler dem Traum von Amerika angehangen und die Reiseerzählungen des gescheiterten Lehrers aus dem nahen Hohenstein-Ernstthal verschlungen. Noch mehr als Karl May aber liebte er die deutschen Heldensagen. Sein Vater hatte ihn nicht an der Lektüre gehindert, solange die Arbeit auf dem Hof nicht darunter litt. Heinrich Geisler war selbst ein belesener Mann, weit herumgekommen für einen Bauern aus dem abgelegenen Wulkersbach. Bei den Ulanen hatte er gedient und mit den Österreichern gegen die Preußen gekämpft. 1871 war er bis nach Paris gelangt, wovon er bis heute schwärmte. Dass die deutschen Truppen es im Weltkrieg nicht bis dorthin geschafft hatten, nahm er jedem einzelnen Soldaten übel. Vielleicht lag es ja an der preußischen Führung. Das bisschen Schlacht wie seinerzeit 1870/71 hätten sie mit etwas gutem Willen allemal gewinnen müssen!
Die Jugend war nicht viel wert in Heinrichs Augen, wobei er den eigenen Sohn Ferdinand kaum ausnahm, dem er den Hof nur schweren Herzens überschrieben hatte. Ferdinand war dem Krieg mit knapper Not entgangen - anders als der jüngere Sohn Eberhard. Heinrich war stiller geworden, als auch der Enkel und Erbe Siegfried verwundet heimkehrte und sich in Wulkersbach die Todesmeldungen aus Verdun und von der Marne mehrten. Eine schwache Generation blieb es in Heinrichs Augen dennoch, die da übrig geblieben war und all das Unglück verschuldete, das in den letzten sieben Jahren über das Land gekommen war.
Die magische Zahl sieben wiederum beruhigte den durchaus nicht tiefgläubigen, wohl aber bibelfesten Heinrich Geisler. Mussten auf die sieben bedrückenden und mageren Jahre nicht unweigerlich sieben fette voller Glück folgen? Darüber waren Vater und Sohn und schließlich auch der Enkel Siegfried manchen Abend in Streit geraten. Noch nie ist es uns besser gegangen als jetzt, behauptete Ferdinand, der die fetten Jahre ab 1919/20 datierte, was Heinrich nicht gelten lassen wollte. Fette Jahre - das bedeutete für ihn die Rückkehr der guten alten Zeit, der wertbeständigen Goldmark und des hochgeschätzten Herzogs Ernst II. Nicht von ungefähr hieß das Wolfersdorfer Schloss, in das der Herzog jüngst heimgekehrt war, «Fröhliche Wiederkunft».
In der fahlen Morgendämmerung grinste Ferdinand wölfisch vor sich hin. Das war alles blanker Unsinn, der Alte wurde langsam wunderlich. Dickköpfig waren die Geislers alle. Für einen Augenblick überkam Ferdinand der Zorn auf die aufsässige Tochter Lydia, mit der er ein ernstes Wort reden musste. Dass auch der Sohn Siegfried, auf den er alle seine Hoffnungen setzte, an eine golden verklärte Zukunft glaubte, statt das gesunde bäuerliche Misstrauen der Geislers zu empfinden, schmerzte ebenso. Wie es mal mit dem Hof enden sollte, war Ferdinand unklar. Der Junge, so kräftig er zupacken konnte, war eigentlich kein Bauer. Ein Grübler und Stubenhocker eher, der Stunden über Büchern verbrachte und gerne zeichnete. Kein Wunder, dass er keine passende Frau gefunden hatte. Ihm fehlte einfach der Sinn für die harte Realität des Lebens. Der Krieg und das Lazarett hatten nichts daran geändert.
Viel lieber hätte es Ferdinand gesehen, an diesem Morgen von Siegfried begleitet zu werden. Er war nun fast am Rauber angelangt, der sich rechts von ihm als ein dunkler Riegel gegen das Himmelsgrau abhob. Hinter den Büschen und Bäumen, die bis an den Fahrweg heranreichten, bog der helle Sandstreifen nach Osten ab und führte auf die Chaussee zu. Hier verlief die Landesgrenze, und hier war der Ururahn erschlagen worden.
Die Feuchtigkeit war in einen leichten Nieselregen übergegangen. Ferdinand schlug den Kragen seiner derben Joppe hoch und zog die Mütze tiefer ins Gesicht. Wahrscheinlich bemerkte er deshalb die Gestalt nicht, die im Buschwerk kauerte und mit drei Sätzen hinter ihm war. Er spürte nur den grellen Schmerz tief unter dem linken Schulterblatt und dann ein beinahe beruhigendes Gefühl, als ströme alle Körperflüssigkeit zu einem einzigen Punkt. Blendend hell wurde es vor seinen Augen. Der Schnee, dachte er. Und dann nichts mehr.
ZWEI
MISSBILLIGEND, ja fast anklagend blickte Harry bei jeder tiefen Pfütze und bei jeder Unebenheit aus dem schwankenden Beiwagen zu Konrad auf. Der konnte sich nicht auf die gekränkten Empfindungen seines Passagiers konzentrieren, erforderte der zerkarrte Fahrweg doch seine ganze Aufmerksamkeit. Zwei Tage lang hatte es fast ununterbrochen geregnet, und so sah die Straße von Meffersdorf nach Berkersbach auch aus.
Konrad Benno Katzmann hielt auf die weithin sichtbare Pappel zu, die seit jeher die Zufahrt nach Wulkersbach markierte. Denn die unbefestigte Straße, die sich in zwei weiten Schleifen durch den Ort wand, führte zu ebendieser Pappel zurück und nirgendwo sonst hin. Es gab noch ein blindes Ende zum Gerstnerschen Gehöft auf der jenseitigen Anhöhe und ein weiteres geradeaus zum Waldhang, an dessen Grund der Wulkersbach romantisch dahinrauschte, solange er kein Hochwasser führte, wie jetzt vermutlich.
Der Zustand des Fahrwegs und die beleidigte Reaktion seines Begleiters hielten Konrad nicht davon ab, sich auf Wulkersbach zu freuen. Er war mindestens zwei Jahre nicht in dem beschaulichen Örtchen gewesen, mit dem ihn viele Erinnerungen verbanden. Angenehme zumeist. Deshalb hatte er den kleinen Umweg eingeplant. Er kam aus Zwickau, wohin ihn die Berichterstattung über den Prozess gegen einen Spritschieber für drei Tage verschlagen hatte. Gleich nach der Urteilsverkündung war es ihm gelungen, seinen Abschlussbericht telephonisch nach Leipzig zu übermitteln, und Eugen Leistner hatte ihn gebeten, bei Gelegenheit in Leipzig vorbeizuschauen, es gäbe da einiges zu bereden, was sich schlecht zwischen den knatternden Unterbrechungen über die Fernsprechleitungen mitteilen ließ.
Eugen Leistner war der für ihn zuständige Redakteur der Leipziger Volkszeitung, Konrad Katzmann deren Dresdner Korrespondent und Harry sein treuer und an das Motorradfahren gewöhnter Terrier, den er im November 1918 aus der Elbe gerettet hatte und der ihn seitdem begleitete. Auch nach Zwickau und jetzt nach Wulkersbach, das von der einsamen Pappel an der Wegkreuzung aus gut zu überblicken war.
Konrad drosselte die ohnehin geringe Geschwindigkeit seiner 1000er NSU und hielt auf der dürftigen Grasnarbe zwischen dem steinernen Wegweiser und der Pappel. Harry belohnte ihn mit einem dankbaren Blick. «Wir sind gleich da», beruhigte ihn Konrad. Nur ein paar Hundert Meter weiter lag sein Ziel in einer kleinen Senke, der Geislersche Hof. Das vierte Gehöft von siebzehn, aus denen Wulkersbach bestand - sah man von der Schmiede, dem Dorfkrug und dem schmalen Haus des Küsters ab. Und von der anscheinend frisch geweißten Kirche mit dem schiefergedeckten Zwiebelturm, die aus dem Talgrund heraufleuchtete.
Von hier oben machte das Dorf einen überaus friedlichen und gepflegten Eindruck, was Konrad nur im ersten Augenblick verwunderte. Vor einigen Jahren hatte es anders ausgesehen, als die Männer an der Front lagen und die städtische Wohlhabenheit noch nicht den Weg aufs Land gefunden hatte. Vielleicht gab das Thema einen Artikel her.
Im gleichen Moment fiel Konrad ein, dass er sich in Thüringen befand, wenn auch im äußersten Zipfel. Die Bauern, die sich selber gerne als Gutsbesitzer titulierten, lasen vermutlich den Osterländischen Heimatboten oder das Altenburger Wochenblatt - keinesfalls die Leipziger Volkszeitung. Und das Gesinde, so es denn überhaupt Zeit und Muße zu einer nutzlosen Beschäftigung wie Lesen fand, würde es nicht wagen, ein rotes Blatt in die Finger zu nehmen.
Konrad putzte seine Brille und hakte sie wieder hinter den Ohren fest. Je länger er aus seinen eisvogelblauen Augen auf das Dorf schaute, desto befremdlicher schien ihm die Stille, die über der hügeligen Landschaft lag. Heute war ein normaler Wochentag im März. Unterwegs waren überall die Gespanne mit Pflug und Egge über die Äcker gezogen, hatte reges und lautes Leben in den Dörfern geherrscht. Hier jedoch lag die Flur menschenleer und stumm. Aus dem Tal drang nur das Rauschen des Wassers.
Harry sah ihn erwartungsvoll an. «Na, da wollen wir doch mal sehen, was hier los ist!», sagte Konrad munter und ließ den Motor kraftvoll bullern. Mit einem Ruck setzte sich das schwere Gespann in Bewegung. Doch statt sein Ziel geradewegs anzusteuern, wandte sich Konrad nach rechts, wo die leicht abschüssige Dorfstraße an mehreren Gehöften vorbei zum Dorfteich führte. Es handelte sich eigentlich um den Marquardtschen Teich, der zum größten Gehöft des Dorfes gehörte, das sich abseits auf einer flachen Anhöhe ausbreitete. Der alte Marquardt, der weitaus reichste Grundbesitzer im Umkreis, wurde nie müde, sein Besitzrecht an dem Teich zu betonen, der in normalen Zeiten den Wulkersbach anstaute. Jetzt war er randvoll und drohte, sich über Straße und Brücke hinunter ins Unterdorf zu ergießen, wie es Konrad einmal erlebt hatte. Etliche Jahre lag das zurück. Der Schnee hatte damals hoch gelegen, und die Kinder vergnügten sich auf dem Eis, darunter auch Marquardts Sohn. Dann war die Schneeschmelze gekommen. Das Wasser überflutete die Dorfstraße und riss den hölzernen Steg hinter der Schmiede mit sich. Ein zweites Mal war das mitten im Sommer passiert, nach einem schweren Gewitter über den südwestlichen Anhöhen vor dem Dorf.
Während Konrad in gemächlichem Tempo an den Gehöften vorbeirollte, deren hölzerne Tore sämtlich verschlossen waren und von denen eine geradezu gespenstische Stille ausging, dachte er darüber nach, was in diesem schweigenden Dorf wohl geschehen sein mochte. Selbst der Marquardtsche Hof drohte lautlos von der Anhöhe herab, bis endlich das Kläffen eines Hundes die Stille zerriss. Sofort meldeten sich auch die anderen Dorfköter. Gespannt zitternd richtete sich Harry im Beiwagen auf. Konrad fuhr ihm beruhigend mit der behandschuhten Rechten über den Kopf. Dass es mit dem Terrier im Dorf Schwierigkeiten geben könnte, hatte er nicht bedacht.
Die Dorfstraße, in leidlich besserem Zustand als die Fahrwege ringsum, bog nach links ab auf Friedhof und Kirche zu. In der Kirche war Konrad seit langem nicht gewesen. Doch hatte er es bei keinem seiner Besuche im Dorf versäumt, ein bestimmtes Grab auf dem Kirchhof zu besuchen und Blumen zu hinterlassen. Über die Jahrzehnte vergaß er nicht, dass ihm hier in Wulkersbach zum ersten Mal in seinem Leben der Tod begegnet war. Das Bild des weißen Sarges, auf den die Erdschollen polterten und in dem sein Freund Rainer lag, von einem unachtsam gefällten Baum erschlagen, gehörte zu Konrads prägenden Kindheitserinnerungen. Rainer war der einzige Sohn des Gastwirts vom Wulkersbacher Krug gewesen.
Er fuhr am Friedhof vorbei. Für den Besuch an Rainers Grab blieb ihm immer noch Zeit. Aus der gegenüberliegenden Schmiede drang seltsamerweise kein Laut. Auch hier war das breite Tor geschlossen, durch das er dem Schmied hundertmal bei der Arbeit zugesehen hatte. Vom Geislerschen Hof oben am Hang führte ein Fußpfad über die Weide hinunter und über den Bach, der jetzt gefährlich gurgelnd neben der Straße her schoss. Waren die Bauern der Hochwassergefahr wegen unterwegs? Dann hätte er ihnen auf der Straße nach Meffersdorf begegnen müssen, von dorther kam der Wulkersbach.
Allmählich war Konrad richtig gespannt, wie sich das Rätsel um das schweigende Dorf lösen würde. Im Dorfkrug jedenfalls, von jedermann nach der ehemaligen Wirtin nur «Die Rose» genannt, steckten die Bauern nicht. Auch dort war die stets einladend offene Tür geschlossen, ja, die ganze Rose wirkte so abweisend, als befände sich hier gar kein Wirtshaus.
Nun ja, der Krieg und die Revolution hatten vieles verändert, selbst in einem gottverlassenen Nest wie Wulkersbach. Er war in den letzten Jahren selten hier gewesen, und dann nur in Eile und Hast. Hatte es nicht geheißen, der Rose-Wirt sei an der Somme vermisst?
Vergebens versuchte Konrad sich zu erinnern. Außerdem war das im Augenblick unwichtig. Der lehmige, vom Regen ausgewaschene Weg hinauf zur oberen Dorfstraße erforderte sein fahrerisches Können und alle 8 PS der NSU. Und ausgerechnet da kam ihm auf halber Höhe jemand entgegen. Ein mageres Weiblein vor einem kleinen Leiterwagen, auf dem sonst Milchkannen oder das Ziegenfutter transportiert wurden und den sie nicht ziehen musste. Vielmehr schob das mit Knüppelholz beladene Gefährt, das die Frau angestrengt zu bremsen versuchte, sie den abschüssigen Weg hinunter direkt auf Konrad zu. Erst in letzter Sekunde gelang es ihm, den Seitenwagen mit einem kühnen Schlenker über den wulstigen Wegrain hinweg, haarscharf am Weidezaun entlang und wieder auf den glitschigen Weg zurück zu lenken. Harry bellte erschrocken, und noch erschrockener verlor das Weiblein die Geistesgegenwart und ließ die Wagendeichsel fahren. Die bohrte sich in die Böschung, und das labile Wägelchen stürzte um.
Konrad hatte die Frau nicht erkannt. Er hätte ihr gerne geholfen, bezweifelte jedoch, auf dem seifigen Untergrund der steil ansteigenden Piste jemals wieder Halt zu finden. Deshalb setzte er die Fahrt fort. Oben angekommen, blickte er zurück. Die Frau war dabei, das Holz zu verstauen, und drohte ihm mit der erhobenen Faust. Konrad hob die Hände zu einer entschuldigenden Geste, worauf das Geräusch des Motors erstarb. Alle Versuche, ihn wieder in Gang zu setzen, scheiterten. Wahrscheinlich war irgendwo Wasser eingedrungen.
Das war ein netter Anfang! Bis zum Geislerschen Gehöft lagen nur ein paar Hundert Meter vor ihm, die er schiebend bewältigte, vom fröhlich bellenden Harry umsprungen. Dessen Gekläff wurde aggressiver, als auf Konrads Klopfen hinter dem geschlossenen Hoftor die rauen Töne eines größeren Artgenossen hörbar wurden.
Konrad setzte Harry in den Seitenwagen zurück und ermahnte ihn zur Ruhe. Harry knurrte nur, worauf der Hofhund mit dumpfen Unmutslauten und dem Rasseln seiner Kette reagierte.
Kopfschüttelnd hob Konrad den Türriegel des kleineren Tors neben dem großen. Dieser Zugang wurde abends als letzter versperrt, wenn sicher war, dass sich alles Vieh und alle Bewohner in Haus und Hof befanden. Jetzt war auch dieses Tor verriegelt, und es nutzte nichts, dass Konrad mit der Faust dagegen schlug und rief: «Hallo! Ist denn niemand zu Hause?»
Jemand von der Familie und dem Gesinde musste doch daheim sein: die kräftige Magd Elsa, der schwachsinnige Knecht Gottlieb oder die Großmutter Ernestine, die Konrad nie außerhalb von Küche, Hof und Garten angetroffen hatte. Aber natürlich: das Gartentor! Zwischen Haus und Stallgebäude gelegen und der talwärts liegenden Weide zugewandt, wurde es nie verriegelt.
Sicherheitshalber klopfte er noch einmal energisch an die Pforte und vernahm neben dem Hundegrollen plötzlich doch so etwas wie menschliche Laute. «Niemand da …», schien es zu heißen. Das konnte nur Gottlieb sein, den man als Stallwache zurückgelassen hatte.
«Gottlieb!», rief Konrad laut. «Ich bin’s, der Konrad aus Dresden. Du kennst mich doch!»
Undeutliches Gebrabbel. Immerhin näherten sich schlurfende Schritte. «Konrad? Von Dresden?», erkundigte sich Gottlieb zweifelnd in seiner schwerfälligen Aussprache. «Es is … äh … niemand im Hause …»
Den Satz hatte man ihm vermutlich eingetrichtert. Er stand jetzt hinter dem Tor und spähte durch die schmale Ritze zwischen der Tür und dem massiven Sandsteinpfeiler. Konrad tat es ihm gleich.
Gottlieb, den er seit über zwanzig Jahren kannte, sah unrasiert aus wie eh und je und schien keinen Tag gealtert.
«Was ist denn los bei euch?», fragte Konrad ungeduldig.
«Niemand da …», wiederholte Gottlieb unsicher. «Alle fort.»
«Wo sind sie denn hin?»
«Du warst schon mal hier.» Gottlieb hatte ihn erkannt. «Konrad! Von Dresden. Große Stadt. Wohnt der König.»
«Ja, sicher. Wo ist denn die ganze Familie?»
In Gottliebs Gesicht arbeitete es. Seine Augen blinzelten.
«Friedhof!», stieß er schließlich hervor und lachte erleichtert.
Konrad war befremdet. «Auf dem Friedhof?», vergewisserte er sich. «Ist jemand gestorben?»
Er hatte dem Friedhof keine besondere Beachtung geschenkt. Eine größere Personengruppe wäre ihm aufgefallen.
Gottlieb antwortete nicht. Konrad wusste, dass man energisch mit ihm reden musste, wenn der arme Kerl einen verstehen sollte.
«Nun mach bitte das Tor auf, und erzähl mir, wer hier gestorben ist!», forderte er freundlich, aber bestimmt.
Der Knecht wand sich. «Soll Gottlieb nicht. Gar keinen Fall …»
«Na schön. Wer ist gestorben?»
Gottlieb blinzelte, als blende ihn die Sonne. «Mit dem Messer!», sagte er dumpf. Er hob die kräftigen Arme, als drohe er jemandem.
«Im Rauber …» Er schlug die Hände vors Gesicht.
Konrad verstand nicht. Da gab es irgendeine uralte Geschichte um einen Mord am Rauber, das wusste er. Wie kam Gottlieb ausgerechnet jetzt darauf?
«Wer ist denn tot?», fragte er eindringlich.
Hilflos hob Gottlieb die Schultern. «Alle auf dem Friedhof …», war alles, was er stammelte.
DREI
WACHTMEISTER ARTHUR FIALLA war eine schwergewichtige Persönlichkeit, deren Statur in keinem Verhältnis zur Bedeutung seines amtlichen Charakters stand. Er war klein und dick, ja rund, und er war der zuständige Kreispolizeiposten in Rohnsdorf. Lange herzogliche Jahre hindurch hatte er die Position ohne Beanstandung bekleidet, die sogenannte Revolution ebenso verständniswie klag- und folgenlos über sich ergehen lassen, sah man von der allgemeinen Geldentwertung ab, und er hatte sich plötzlich als Kreispolizeiposten im kurzlebigen Freistaat Sachsen-Altenburg wiedergefunden, der mit seiner Gebietsregierung nach knapp anderthalb Jahren im Land Thüringen aufging. Bis zum April ’22 sollte der neue Verwaltungsaufbau endgültig abgeschlossen sein, aber es sah nicht danach aus.
Radelte Fialla auf seinem Fahrrad durch die Dörfer des Amtsbezirks, ging ihm der Ruf voraus: «Itze gimmt Guchelblitz», was der Wahrheit nahekam. Auch Kugelblitze bewegten sich eher gemächlich, bevor sie explodierten.
Neben seinem dicken, in abgegriffenes Schweinsleder gebundenen Notizbuch verfügte Kugelblitz Fialla über ein allmählich nachlassendes Gehör, ein immer noch scharfes Auge und ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Jenen verregneten Donnerstag, dessen war Fialla sicher, würde er für alle Zeiten in allen Einzelheiten in seinem Erinnerungsfundus speichern.
Natürlich kam die Schreckensnachricht, der er anfangs kaum Glauben schenken wollte, aus Wulkersbach. Meienberg, Guckenheim und Wulkersbach, die östlichen Grenzdörfer seines Amtsbereichs erfreuten sich seines besonderen Verdrusses, gelangte er doch angesichts der Wegverhältnisse und der kaum je nachlassenden Schmerzen in seinem geschwollenen Knie nur selten in diese Ortschaften, deren Bewohner er gerade deswegen anhaltender Gesetzesbrüche verdächtigte: Betrug bei den vorgeschriebenen Abgaben, heimliches Schlachten und Buttern, Schleichhandel aller Art und was die trüben Nachkriegszeiten sonst mit sich brachten.
Als ihn daher an jenem Donnerstagmittag die Telephonglocke aus tiefstem Nachdenken über den beklagenswerten Zustand des Gemein- und Polizeiwesens im Landkreis Altenburg riss und eine aufgeregte Stimme ihm mitzuteilen versuchte, der Gutsbesitzer Ferdinand Geisler aus Wulkersbach, seit nunmehr zwei Tagen aus seiner Wirtschaft abgängig, sei ermordet im Grenzwald vor Berkersbach aufgefunden worden, brauchte er einige Zeit, die volle Tragweite des Geschehens zu erfassen.
Umständlich schnallte er das Koppel mit der Dienstwaffe 08 um den gewichtigen Leib, schlüpfte mit Hilfe seiner Frau Ottilie, die nicht einmal die Hälfte seines Gewichts auf die Waage brachte, unter die Regenpelerine, befestigte den Säbel an dem von den Jahren wie von den Wegverhältnissen gezeichneten Fahrrad, auf das er sich mit einiger Mühe schwang, und schlug den von tiefen Spurrinnen durchzogenen Weg gen Wulkersbach ein.
Es regnete ohne Unterlass. Triefend verschnaufte Fialla an der Dorfpappel. Sollte er sich gleich ins Dorf hinunter begeben, aus dessen Gasthof ihn die Meldung erreicht hatte, um eventuelle Zeugen zu hören, oder erst den Tatort und den Toten in Augenschein nehmen?
Er war lange genug Polizist und kannte seine Pflichten. Seufzend setzte er seinen feuchten Weg in Richtung Rauber fort, den er in mäßigem Schritttempo nach zwanzig Minuten erreichte. Von einem Tatort oder einem Toten war weit und breit nichts zu entdecken, sah man von den frisch eingegrabenen Pferde-, Wagen- und Rangierspuren eines Fuhrwerks ab, mit dem man möglicherweise den Toten abtransportiert hatte - wenn es wirklich einen gab.
Der Weg beschrieb eine Kurve um das Wäldchen herum und war an dieser Stelle etwas breiter. Fialla lehnte das Rad gegen einen Baum nahe dem Grenzstein und drang in das Gehölz ein. Tatsächlich erspähte sein geübter Blick bald in einiger Entfernung eine verdächtige Vertiefung und daneben einen Reisighaufen, den jemand erst kürzlich auseinandergerissen hatte. Hatte der Tote hier gelegen? Verschiedene Stiefeleindrücke und Schleifspuren deuteten darauf hin, dass etwas Schweres bewegt worden war.
Die Grube oder Rinne zu seinen Füßen, kaum dreißig, vierzig Zentimeter tief, war halb mit fauligem Laub und Grasresten gefüllt. Fialla verspürte wenig Lust, in dem nassen Unrat herumzuwühlen. Immerhin griff er aus dem herumliegenden Gestrüpp einen stärkeren Haselzweig und fuhr damit erfolglos in der Vertiefung herum, bis er schließlich doch gegen einen festen Gegenstand stieß, den er mit einiger Mühe aus dem feuchten Unrat klaubte. Sieh an, eine Patronenhülse, dachte er im ersten Augenblick, bevor er das angelötete Rädchen und den Docht an dem fingerlangen Ding entdeckte. Ein Feuerzeug, wie es sich Soldaten im Krieg angefertigt hatten. Ferdinand Geisler, das wusste Fialla, hatte nicht im Feld gestanden.
Umständlich kramte Fialla sein Notizbuch unter der Pelerine hervor. Hoffnungslos! Der stetig fallende Regen weichte jeden mit dem Kopierstift geschriebenen Buchstaben sofort zu einem violetten Fleck auf. Also verstaute er das Buch und sah sich noch einmal gründlich um. Jedes Detail galt es sich einzuprägen, wenn schon dieses unwissende Bauernvolk hier alles zertreten und den Toten einfach davongeschleppt hatte. Denen würde er gehörig den Marsch blasen, sollte es sich wirklich um einen Mord handeln!
Er richtete sich auf und blickte zu seinem Fahrrad zurück. Bis dahin, zur Wegbiegung und zum Grenzstein, mochten es etwa sechzig Meter sein, bevor sich der Fahrweg auf zwanzig Meter an seinen Standort heranschlängelte und sich am Ende des Raubers gen Norden und damit endgültig ins Sächsische wandte.
Fialla merkte auf und versuchte, genaue Peilung zu seinem Rad aufzunehmen. Seine ausgestreckten kurzen Arme bildeten einen angenommenen rechten Winkel. Freilich guckten unter der triefenden Pelerine nur die Fingerspitzen hervor. Was er dennoch nahezu zweifelsfrei feststellte, erleichterte ihn einerseits, ließ ihn allerdings auch kommendes amtliches Ungemach befürchten: Die Grube, in der wahrscheinlich oder möglicherweise der Tote aufgefunden worden war, lag auf sächsischem Territorium.
In der Wulkersbacher Rose hing seit Vorkriegszeiten der einzige und öffentliche Telephonanschluss des Ortes an der Wand neben der Theke: ein Brett mit einer Glocke und einer gebogenen schwarzen Sprechmuschel, die sich je nach Größe des Gesprächsteilnehmers um fünf bis zehn Zentimeter in der Höhe bewegen ließ. Dazu eine Kurbel und der an einer meterlangen geflochtenen Kordel befestigte Hörer mit Griff und Aufhängung. Von hier aus hatte man Fialla verständigt.
Inzwischen wartete in der Rose ein Großteil der männlichen Dorfbevölkerung ungeduldig auf das Erscheinen der fernmündlich verständigten Amtsperson. Das eine oder andere Fläschchen Bier und ein paar Schnäpse waren angesichts des Unglücks und der Wartezeit bereits getrunken. Alle Augen richteten sich auf Fialla, als der endlich mit steinerner Miene eintrat und sofort in scharfem Ton fragte: «Wer von euch hat Ferdinand Geislers Leiche gefunden?»
Niemand antwortete. Sie hatten inzwischen genügend Zeit gehabt, ohne abschließendes Ergebnis darüber zu streiten, ob es richtig gewesen war, Ferdinand Geislers Leiche so mir nichts, dir nichts ins Geislersche Gehöft zu schaffen, wie es die fassungslose Witwe Anni von ihnen verlangt hatte. «Soll er noch länger dort draußen im Regen liegen und verrotten?», hatte sie geschrien. «Der Fialla macht ihn mir nicht wieder lebendig!»
Nein, das lag außerhalb Fiallas Befehlsgewalt. Die reichte jedoch, den Bauern in einem dröhnenden Sermon das Ungesetzliche und darüber hinaus grenzenlos Unüberlegte ihres voreiligen Handelns vor Augen zu führen. «Also, wer hat die Leiche nun gefunden?», donnerte er am Schluss seiner Ausführungen.
Wieder Schweigen. «Der kleine Gunther war’s», quäkte schließlich der Postbote, der nie den Mund halten konnte. «Der hat ihn von Anfang an im Rauber gesucht.»
«Und weshalb habt ihr ihn nicht an Ort und Stelle liegen lassen, bis der zuständige Beamte …» Er machte eine lange Pause, dehnte sie geradezu ungebührlich aus. «… aus Penig ihn in Augenschein genommen hat?»
«Aus Penig?», fragte sofort der alte Marquardt über das Gemurmel hinweg. «Der Ferdinand ist hier im Dorfe daheim.»
Fialla, der die Pelerine abgelegt und sein Notizbuch hervorgebuddelt hatte, sah sich streng um. «Seine Leiche lag in Sachsen. Punktum. Also sind die dort drüben zuständig.»
«Das könnte dir so passen, Kugelblitz!», sagte eine verächtliche Stimme aus dem Hintergrund. Der Mann gab sich nicht einmal Mühe, leise zu sprechen oder sich zu verstecken.
Fialla kannte das schon. Frecher Widerspruch begegnete ihm nicht zum ersten Mal. Bis vor ein paar Jahren wäre eine solche Unverschämtheit einem herzoglichen Beamten gegenüber weder möglich gewesen noch ungesühnt geblieben. Heute zog er es vor, darüber hinwegzuhören, ja gewissermaßen sogar klein beizugeben, indem er beinahe höflich hinzufügte: «Das ist sozusagen der amtliche Standpunkt, versteht ihr?»
«Greif du lieber den Mörder!», forderte die gleiche Stimme. Sie gehörte dem Hainich-Diethmar, keinem der ganz Kleinen im Dorf und Kirchenvorsteher noch dazu. Ein Mann, der gerne widersprach und überdies mit den Gesetzen mindestens so gut vertraut war wie Fialla selber. Vermutlich sogar besser.
Dem blieb nichts anderes übrig, als zurückzuschlagen. «Das wäre mir ein Leichtes gewesen, hättet ihr nicht alle Spuren zertrampelt wie’s liebe Vieh!»
«Da waren keine Spuren. Es strippt seit zwei Tagen, dazu das Tauwetter …» Der Rest ging in der allgemeinen Unruhe unter.
Fialla wusste, dass die Bauern wahrscheinlich recht hatten. Dennoch hob er belehrend den dicken Zeigefinger. «Das hat einzig und allein das Untersuchungsorgan zu entscheiden. Nicht ihr!»
«Aber keiner aus Penig oder Rochlitz!» Das war wieder der vorlaute Hainich.
Unaufgefordert war die Rose-Wirtin mit einem gutgefüllten Gläschen in der Hand vor Fialla aufgetaucht, nach dem er reflexartig griff, bevor er seinen Fehler erkannte. Kein Alkohol im Dienst, läutete es unter seinem Tschako. Und keinerlei Blöße vor etwaigen Zeugen! Dabei hatte der vertraute Wohlgeruch der wasserklaren Flüssigkeit bereits seine geweiteten Nasenlöcher erreicht, so dass ihm gar keine Wahl mehr blieb und er das Zeug mit einer ruckartigen Bewegung in sich hineingoss, Pflichtgefühl hin oder her.
Die Bauern registrierten es mit zustimmendem Gemurmel. Gleich war man sich ein wenig näher, und Fialla vermerkte insgeheim als eventuelle Ausrede, dass ohne ein solches Exempel altdeutsch-völkischer Gemeinschaft keinerlei Zeugenaussage von der widerspenstigen Dorfbevölkerung zu erwarten gewesen wäre.
Das Ergebnis seiner Befragung blieb dennoch dünn. Niemand aus dem Kreis der Gutsbesitzer und Abspannbauern, der offenen Freunde und heimlichen Feinde, Neider und Konkurrenten, Schwäger, Cousins und weitläufigeren Verwandten, die sie ja alle waren, wollte sich vor den Augen und Ohren von so viel Zeugen, und noch dazu vor dem schwatzhaften Postboten und der Rose-Wirtin, zu eventuellen Hintergründen der schrecklichen Tat oder auch nur zur Person oder Familie des Toten äußern.
«Sprich mit dem Siegfried. Besser noch mit dem alten Heinrich», riet man Fialla, der nicht mehr erfuhr, als dass Ferdinands jüngster Sohn Gunther den seit zwei Tagen vermissten Vater im Rauber gesucht und endlich in jener mit Laub und Reisig überdeckten Senke gefunden hatte. Auf seinen gellenden Alarm und die klagenden Vorwürfe der Witwe hin sei eine Gruppe entschlossener Männer hinaus zum Rauber gefahren, um die Leiche zu bergen. Erst in der Geisler’schen guten Stube, wo man sie aufzubahren gedachte, sei die Stichverletzung im Rücken entdeckt worden, die vermutlich zu Ferdinand Geislers Tod geführt hatte. Und erst dann war jemand in die Rose geeilt, um die Polizei zu verständigen.
An Vermutungen über den Täter fehlte es nicht: herumziehende Zigeuner, verdächtige Waffenschmuggler, versprengte Reste der Hoelz’schen Banden aus dem Vogtland - auf gar keinen Fall jemand aus dem Dorf. In Wulkersbach gab es keine Mörder.
VIER
IN HAINICHS GEHÖFT wurde Konrad fündig. Beide Torflügel standen weit offen, und im Hof rings um den eingemauerten Dunghaufen ergingen sich schwarz gekleidete Männer und festlich gewandete Kinder. Hoffnungsvoll hatte Konrad das Motorrad in der Feldscheune an Geislers Zufahrt stehenlassen und sich mit Harry auf den Weg gemacht. Irgendwer würde ihm schon verraten, wer da eventuell zu Tode gekommen war und wo sich die Trauergemeinde aufhielt. Immerhin erklärte die Beerdigung einer angesehenen Persönlichkeit - eines Gutsbesitzers oder seiner Frau - die Abwesenheit der Dorfbewohner. Dabei musste keineswegs der örtliche Gottesacker gemeint sein, mit den umliegenden Dörfern war man in Wulkersbach auf vielfältige Weise verwandt und verschwägert.
Inständig hoffte Konrad, dass es nicht den alten Heinrich Geisler oder dessen Frau Ernestine getroffen hatte, beide hoch in den Siebzigern, wenn nicht älter, und ihm vertraut wie nahe Verwandte.
Deshalb fühlte er sich erleichtert, als er in Hainichs stattlichem Vierseitenhof als Erstem just dem alten Heinrich Geisler in die Arme lief, in einen weiten schwarzen Anzug gehüllt und mit einer zutiefst bekümmerten Miene. «Gunnrahd», rief der Alte wie ein Ertrinkender, der einen Balken erspäht, «dass du gekommen bist!»
Also doch die unermüdliche und nahezu stumme Ernestine, die wahre Seele der Familie Geisler! Konrad schüttelte die knochige Hand des Alten und sprach ihm sein Beileid aus. Beinahe hätte er ihn umarmt, doch erschien ihm das unschicklich. Zu derlei Vertraulichkeiten neigten die Wulkersbacher nicht.
Heinrich Geisler nickte kummervoll mit seinem weißen Haupt, und die gelblichen Spitzen seines Kaiser-Wilhelm-Schnauzers zitterten dabei. «Woher weißt du es überhaupt? Hat es sich bis Dresden rumgesprochen?»
Konrad wollte ihm nicht erläutern, dass er ja nicht einmal sicher war, um wen es sich bei dem oder der Dahingeschiedenen überhaupt handelte, und dass er rein zufällig hier aufgetaucht war. Er fragte nur diplomatisch: «Wie ist es denn dazu gekommen?»
Aus wässrigen Augen sah ihn der Alte fest an. «Ein Mord!», sagte er voll tiefer Trauer und Abscheu und stieß seinen Knotenstock erregt auf das Hofpflaster. «Ein ruchloser, blutiger Mord! Genau wie seinerzeit …»
Konrad erinnerte sich dunkel an eine Mordgeschichte, die mit dem Rauber zusammenhing. «Wie ist es denn passiert?», wollte er wissen. Direkt nach dem Namen des Opfers wollte er nicht fragen, dazu war es zu spät. Oma Ernestine konnte es kaum sein.
Heinrich Geisler, trotz seines Alters noch immer eine stattliche Erscheinung, hob die knochigen Schultern. «Hinterrücks erstochen. Im Rauba», stieß er dumpf hervor. Wiederum zitterten die Enden seines mächtigen Schnurrbartes. «Gehr nur rein», sagte er. «Die werden sich alle freuen, dich zu sehen.»
Damit hinkte er in Richtung Abort davon, nicht ohne die Mahnung zu hinterlassen: «Bind den Hund hier draußen an!» Was Konrad zu Harrys Leidwesen umgehend tat. In solchen Dingen war man im Dorf empfindlich. Ein Hund gehörte nicht in eine Trauergemeinde.
Während des Gesprächs mit dem alten Geisler hatte sich niemand genähert, jetzt begrüßten die Männer im Hof Konrad. In seiner ledernen Motorradkluft kam er sich reichlich deplaciert vor, doch das half nun nichts. Er musste hinein in Hainichs Heuboden, der vor langen Zeiten einmal der Tanz- und Festsaal des Dorfes gewesen war. Den hatten sie also extra ausgeräumt für die Trauerfeier oder vielmehr für den Leichenschmaus zu Ehren des Ermordeten. Er wusste noch immer nicht, um wen es sich handelte.
Im Eingang begegnete ihm Robert Börner, einer der engsten Gefährten seiner Kindheits- und Jugendtage in Wulkersbach. Beinahe erschrocken erkannte er Konrad. «Mensch, Feierhänd, desderwegen schickt dich extra deine Zeidung her?», fragte er erstaunt.
Wie alle im Ort sprach Robert den kehligen, schwer verständlichen Dialekt der Gegend, der stärker als das gewöhnliche Sächsisch die Konsonanten aufweichte und die Vokale verfälschte. Eine Form des Osterländisch-Vorvogtländisch-Erzgebirgischen mochte das sein. Jedes Dorf redete in einer anderen Variante. Die meisten davon verstand Konrad ganz gut. Er hieß hier eben Gunnrahd und unter den alten Freunden Feierhänd.
Er zog Robert zur Seite. «Unsinn!», sagte er. «Ich bin eigentlich ganz zufällig hier und weiß nicht mal, was wirklich passiert ist. Erzähl mal!»
Robert sah sich um, als fürchte er, jemand könne ihn dabei beobachten, ein Geheimnis zu verraten. «Der Ferdinand», murmelte er, «ist draußen am Rauber erstochen worden. Hat euer Blatt das nicht gemeldet?»
«Kann sein …» Lokale Schreckensmeldungen - und deren gab es genug in diesen schlimmen Zeiten - las Konrad nicht sonderlich aufmerksam, solange sie nicht die Umgebung von Dresden betrafen. Der Name Wulkersbach aber wäre ihm aufgefallen. Das Dorf war so etwas wie eine zweite Heimat. Er war ein schwächliches Kind gewesen, mit dem die Mutter sich der gesunden Landluft und der frischen Milch wegen auf dem Hof ihrer entfernten Cousine Anni und deren Mann Ferdinand einquartierte, in der Hoffnung, Konrads beängstigende Erstickungsanfälle wirksam zu kurieren. Mit den Jungen im Dorf, die den Großstädter anfangs bis zu Tränen der Wut hänselten, hatte ihn nach erstaunlich kurzer Zeit eine feste Kameradschaft verbunden, die er seiner gründlichen Kenntnis der grünen Bände eines gewissen Karl May verdankte. Im Dorf las man außer der Bibel kaum ein Buch, doch die Abenteuer des angeblichen Weltenbummlers aus dem nahen Hohenstein-Ernstthal, der noch dazu im benachbarten Waldenburg studiert hatte, waren auch bis zu den Wulkersbacher Jung-Apatschen gedrungen.
Großmütig hatten sie Konrad als kränkliches Bleichgesicht mitspielen lassen, das sie am Marterpfahl zu quälen gedachten. Bald jedoch hatte dieses städtische Greenhorn ihnen tausenderlei Fehler in ihren dürftigen Stammesriten nachgewiesen und sie anschließend mit nie gelesenen Abenteuern aus Leben und Werk Old Shatterhands vertraut gemacht. Der zu jener Zeit in den Zeitungen heftig geschmähte und von seinen Verehrern noch verbissener verteidigte Kara ben Nemsi hatte damals noch gelebt. Seitdem hatte Konrad jede Zeile von und über den großen Märchenerzähler von Radebeul gelesen und gesammelt und damit vor den staunenden Apatschen geglänzt.
Einstimmig war er in den Wulkersbacher Stamm aufgenommen worden, dessen Jagdgründe im bachdurchflossenen Grenzwald kaum ein Erwachsener je gestört und in dem der strohblonde Rainer bis zu seinem frühen Tod unangefochten die alte Schmetterhand gespielt hatte. Siegfried Geisler, der dunkellockige Sohn von Ferdinand und Anni, die Konrad der Einfachheit halber Tante Anni nannte, hatte ebenso unangefochten den Winnetou dargestellt. Der lang aufgeschossene Robert Börner, Spross der zweitreichsten Bauernfamilie im Ort, war Old Surehand gewesen, und der Rest der zumeist kindlichen Dorfjugend hatte das Fußvolk dargestellt. Für Konrad war nach einigem Hin und Her nur Old Firehand aus Winnetou Band 4 geblieben, womit er sich großmütig abgefunden hatte.
Leider war den Bauernlümmeln selten genug Zeit zum Indianerkampf geblieben, und den Gesindekindern erst recht nicht. Immerhin hatte sich ein harter Kern von vier, fünf Jungen gehalten, die Blutsbrüderschaft miteinander geschlossen und feierlich geschworen hatten, sich gegenseitig ein Leben lang beizustehen. An jenem Tag, mindestens zwei Jahre nach Rainers Tod, war Robert der Ehrentitel Old Shatterhand zuerkannt worden, worauf Konrad zu Old Surehand aufsteigen sollte, es jedoch vorgezogen hatte, Old Firehand zu bleiben. Jochen Hainich, nur ein Jahr jünger als Konrad, war der neue Surehand geworden. Der Franke-Alfred hieß natürlich Hobble-Frank, wenn auch nicht Heliogabalus Morpheus mit Vornamen wie sein Urbild, und der untersetzte Gerstner-Ludwig war Sam Hawkens - wenn ich nicht irre, hi-hi-hi.
Das alles ging Konrad durch den Sinn, während er in seiner Lederkluft ein wenig verloren vor Hainichs Heuboden stand, auf dem die Apatschen einst herumgetobt hatten und in dem das Dorf nun Ferdinand Geisler die allerletzte Ehre erwies.
Für einen Augenblick verfluchte Konrad die Idee seines zufälligen Besuchs. So viele seines Jahrgangs waren an der Marne und sonst wo in Europa gefallen - in seiner engeren Umgebung war der Tod eher ein seltenes Ereignis geblieben. Jetzt seinem Freund Siegfried und seiner lieben Tante Anni entgegenzutreten und ihnen sein Beileid auszusprechen war eine höchst unangenehme Vorstellung. Ganz zu schweigen von Siegfrieds Schwester Lydia, mit der ihn ein besonderes Verhältnis verband. Vielmehr verbunden hatte. Sie war hoffentlich längst über die Enttäuschung hinweg, die er ihr - wie mancher anderen, wenn auch nicht in Wulkersbach - bereitet hatte.
Doch das half nun nichts, er musste hinein in den hohen Saal mit der gewaltigen U-förmigen Tafel, an der die Familie Geisler saß, dem Torflügel gegenüber, in dem Konrad einen Moment verharrte. Heinrich Geislers freien Platz hätte man leicht für den von Ferdinand halten können. Die Geislers ohne Ferdinand - das war eine befremdliche Vorstellung. Konrad wurde bewusst, welch eine starke Persönlichkeit Tante Annis Mann gewesen war.
Gunther, Annis und Ferdinands zwölfjähriger Nachkömmling, entdeckte ihn zuerst und stürzte mit einem unangemessenen Freudenschrei auf ihn los. «Dr Gunnrahd!», jauchzte er, bevor ihm der Ernst des Augenblicks wieder zum Bewusstsein kam und er mit betretener Miene Konrads Hand schüttelte. Der tat, was er sich bei Opa Heinrich nicht getraut hatte: Er umarmte den Jungen und drückte ihn fest an sich. An der Tafel erhob sich Siegfried langsam und ungläubig von seinem Platz zwischen seiner apathisch vor sich hin starrenden Mutter und der auffallend munteren Großmutter Ernestine. Lydia, zur Linken der Witwe, senkte den Blick auf den Tisch, als wolle sie den unerwarteten Ankömmling vorerst nicht bemerken.
Erst als Konrad auch ihr kondolierte, blickte sie ihm plötzlich fest in die Augen und schüttelte kaum merklich den Kopf. Schimmernd dunkles Haar umrahmte ihr rosiges Gesicht mit den traurigen Mandelaugen. Sie war noch genauso hübsch, wie Konrad sie in Erinnerung hatte, und die schwarze Kleidung stand ihr. Sie war zweifellos die Dorfschönste von Wulkersbach und erstaunlicherweise noch immer nicht fest gebunden, denn auf dem Platz neben ihr saß Annis Schwager Gerwald Seidel, mit dem Konrad eine ebenso herzliche Abneigung verband wie mit dessen umfangreicher Frau Gerda. Die beiden nickten ihm nur hoheitsvoll zu, nachdem sie seine Begegnung mit Lydia mit Argusaugen verfolgt hatten.
Ihr Misstrauen alarmierte Konrad. Ahnte oder wusste etwa doch jemand in der Familie von jener Episode, die Lydia und ihn verband? Im Allgemeinen kannte Konrad kaum Gewissensbisse, was seine vergangenen Affären anging. Ausgerechnet heute und in diesem Fall jedoch war ihm die romantische Geschichte mit Lydia, die Jahre zurücklag, ein wenig peinlich. Lydia war sechs Jahre jünger als ihr Bruder Siegfried - und damit auch sechs Jahre jünger als er selber. Damals mochte sie sechzehn, siebzehn gewesen sein, eine erblühende Rose unter den unauffälligen Dorfmädchen, denen die schwere Landarbeit ein frühes Altern versprach. Schade, dass Siegfried und Konrad damals längst aus dem Alter begeisterter Apatschenkrieger heraus gewesen waren, die dunkellockige Lydia hätte allemal die ideale Nscho-Tschi abgegeben, Winnetous liebreizende Schwester, deren Namen in Wulkersbach niemand hätte aussprechen können.
Auch ohne Winnetou war Konrad seinerzeit ihrer jugendlichen Anmut erlegen, ohne in den Folgejahren größere Gedanken daran zu verschwenden. Unter den Gutsbesitzern auf dem Lande spielten dynastische und erbrechtliche Gründe bei der Wahl der Ehepartner allemal eine größere Rolle als kurzfristige Liebeleien. Vermutlich war Siegfried deshalb zum Ärger der gesamten Familie noch immer unverheiratet und auf dem besten Wege, sein Leben als eigenwilliger Hagestolz zu verbringen. Das jedenfalls prophezeite ihm seine Mutter Anni seit Jahren, nachdem er zwei gute Partien aus Wulkersbach und dem benachbarten Guckenheim glatt ausgeschlagen hatte - beides Bauerntöchter mit erheblicher Mitgift und Erberwartung, jedoch nach Siegfrieds Urteil zu unansehnlich, ja geradezu hässlich.
Nun war er von heute auf morgen zum Gutsbesitzer aufgestiegen. Eine Rolle, an die er sich schwer gewöhnen würde, solange Großvater Heinrich das Regiment auf dem Hof zu führen versuchte und Mutter Anni jede seiner Handlungen an denen des Ermordeten maß. Das waren die größten Bedenken, von denen er Konrad erzählte, als der endlich seinen Saalrundgang beendet und sich mit dem Freund und entfernten Verwandten in eine ruhige Ecke zurückgezogen hatte. Der Raum mit den hohen, nur notdürftig von Staub und Spinnweben befreiten Fenstern und dem Musikpodium, auf dem große Planen das vorjährige Heu kaum verdeckten, wirkte auf Konrad wie eine Filmkulisse.
Siegfried machte einen todunglücklichen Eindruck. «Wenn wenigstens der Gunther erwachsen wäre», sagte er. «Das ist der geborene Landwirt. Und er kann rechnen. Besser als ich jedenfalls.»
«Du würdest auf dein Erbe verzichten?», fragte Konrad erstaunt.
Siegfried sah ihn an. «Lieber heute als morgen», entgegnete er melancholisch. «Wenn ich an den kommenden Streit denke, graut’s mir.»
«Worüber werdet ihr streiten? In eurer Familie ging es doch immer ganz einträchtig zu …»
«Einträchtig!» Um Siegfrieds Mund zeigte sich ein ungutes Lächeln. «Hast du schon mal Eintracht erlebt, wenn’s ums Geld geht?»
Dazu schwieg Konrad vorsichtshalber.
«Es ist nämlich keins da», fuhr Siegfried bitter fort. «Kaum ein Pfennig, wenn du’s genau nimmst. Sogar das hier» - er wies mit einer weit ausholenden Handbewegung auf die Tafel - «geht erst mal auf Kredit.»
Konrad verstand nicht. Den Geislers war es immer gutgegangen, und Ferdinand hatte als ein gescheiter Landwirt gegolten.
«War die letztjährige Ernte so schlecht?», erkundigte er sich.
Wieder lachte Siegfried mit diesem unguten Zug um den Mund. «Die war so gut wie selten», sagte er. «Glücklicherweise haben wir noch was davon in der Kammer, trotz der Zwangswirtschaft. Aber das Bargeld …» Er streckte die Handfläche aus und pustete darüber. «Das ist fort. Auf Nimmerwiedersehen.»
«Und wohin?»
«Das musst du die Mörder fragen. Der Vater hat es bei sich getragen.»
«Wohin wollte er damit?»
Siegfried hob die Schultern. In seinem feierlichen Bratenrock wirkte er wie ein verkleideter Boxer. «Das ist immende das große Geheimnis.»
Konrad pfiff leise durch die Zähne. Immende gehörte wie egal und mancher andere Begriff zu den stehenden Redewendungen im Dorf. «Sprich mal genauer», forderte er, auf Siegfrieds Tonfall eingehend, doch der schüttelte den Kopf. Als Konrad sich umwandte, rollte geradewegs die Kugelgestalt Arthur Fiallas auf ihre Gesprächsecke zu.
«Nicht jetzt und nicht hier», sagte Siegfried nur, blieb jedoch sicherheitshalber bei Konrad stehen. Er erwartete nichts Gutes von dem Zusammentreffen Fiallas mit dem Besucher aus der Stadt.
So war es auch. Der Wachtmeister zerrte sein umfangreiches Notizbuch aus dem blauen Uniformrock und erkundigte sich barsch nach Konrads Namen und dem Grund seiner Anwesenheit. Der hielt es für unpassend, dieser kugeligen Amtsperson etwas von einem Zufall zu erzählen, der ihn hergetrieben habe. Unter Vorzeigen seiner Presselegitimation erklärte er ganz kühl: «Ich bin der Korrespondent der Leipziger Volkszeitung. Wie ich höre, hat es hier einen bisher unaufgeklärten Mord gegeben. So etwas interessiert unsere Leser.»
Fialla schnappte förmlich nach Luft. Mit der Presse hatte er wahrlich nicht gerechnet und schon gar nicht mit der Frage, die Konrad Katzmann seiner Erklärung sofort hinterherschob: «Wie weit sind denn die polizeilichen Ermittlungen gediehen?»
«Das geht Sie gar nichts an!», schnauzte Fialla zurück, und gleichzeitig fiel ihm etwas geradezu Geniales ein. «Sie befinden sich hier auf thüringischem Territorium!», donnerte er. «Wir benötigen keine Leipziger Schmieranten, die unsere Ermittlungen behindern!»
«Inwiefern?», fragte Konrad höflich.
Fiallas ohnehin gerötetes Gesicht begann zu glänzen. «Insofern, dass Leipzig bekanntlich in Sachsen liegt und hiesige Straftaten damit absolut nicht in die lokale Berichterstattung Ihres Blattes fallen!» Mit Mühe unterdrückte er weitere Bemerkungen über die politische Richtung der LVZ. In Thüringen wie in Sachsen herrschten im Augenblick nun einmal die Roten, da verkniff man sich als Beamter besser jede kritische Stellungnahme.
Scheinbar überrascht mischte sich Siegfried Geisler ein, der das Geplänkel bisher schweigend verfolgt hatte: «Nu gucke! Sind Sie plötzlich nicht mehr der Ansicht, mein Vater sei jenseits der Grenze in Sachsen aufgefunden und vermutlich auch ermordet worden? Von einem Täter, der aus Penig oder Waldenburg stammt?»
Fialla war dicht davor, die Beherrschung zu verlieren. Mit dem Sohn des Ermordeten durfte er es sich jedoch nicht verderben. Der aus Altenburg angereiste Kriminalsekretär Felgenträger hatte ihm hinter vorgehaltener Hand versichert, mindestens die Hälfte aller ländlichen Morde gehe auf Erbstreitigkeiten oder andere Familienauseinandersetzungen zurück - das gelte es in diesem Fall besonders zu beachten, da es angeblich um so viel verschwundenes Geld ging, das kein Zeuge je gesehen hatte. Von dem erfahrenen Kollegen stammte auch der Rat, am Begräbnis und dem anschließenden Leichenschmaus teilzunehmen und ein wachsames Auge auf Fremde wie Verwandte zu richten.
Anscheinend hatte der Herr Kriminalsekretär selber bei seinen Befragungen im Dorf und in der Familie nichts Bedeutungsvolles herausgefunden, und Fiallas Behauptung, der oder die Mörder müssten aus Sachsen stammen, durchaus Wohlwollen entgegengebracht. Von einem Vieh- oder sonstigen Händler namens Franz Rogowski war die Rede, den der Ermordete angeblich in Penig habe treffen wollen, und Penig lag nun einmal in Sachsen.
Jetzt saß Fialla in der Tinte. «Alle Ermittlungen fallen unter das Amtsgeheimnis!», sagte er hitzig und wollte sich abwenden.
«Ich wollte eigentlich nur wissen, in welcher Form ich durch meine bloße Anwesenheit Ihre Ermittlungen behindere», fragte Konrad. «Ich unterhalte die denkbar besten Beziehungen zur sächsischen Kriminalpolizei. Wenn ich Ihnen da in irgendeiner Weise behilflich sein kann …»
Alles, was Fialla dazu einfiel, war eine ärgerliche Handbewegung. «Danke. Nicht notwendig», schnarrte er und kugelte davon.
FÜNF
AN KONRAD KATZMANN hatte Siegfried zuallerletzt gedacht, als es darum ging, in aller Eile die Traueranzeigen zu verschicken. Jetzt kam ihm der alte Freund gerade recht. Weshalb hatten die Katzmanns nicht auf Annis Liste gestanden? Gewiss, in diesen Zeiten war nicht einmal mehr die Post zuverlässig. Alles war durcheinandergeraten. In der Druckerei in Altenburg hatten sie dem Vater ein falsches Geburtsdatum verpasst und alles neu drucken müssen, und die Leiche war überhaupt erst in letzter Minute für die Beisetzung freigegeben worden. Bis nach Leipzig oder Weimar hatten die Medizinmänner Ferdinands Körper verschicken wollen. Geöffnet und wieder zugenäht hatte ihn dann doch der amtliche Doktor in Altenburg und dabei nichts anderes feststellen können als das, was die Familie bereits an jenem schwarzen Donnerstag in der guten Stube herausgefunden hatte: Ein tiefer Stich mit einem etwa drei Zentimeter breiten Messer hatte das Leben des kerngesunden und gerade erst 53-jährigen Hofbesitzers jäh beendet.
Erst vierzehn Tage zuvor hatten sie seinen Geburtstag gefeiert, und Siegfried fühlte sich unbehaglich, als er Konrad davon erzählte. Der junge Geisler, der bei Hainich schon einiges auf das große Unglück getrunken hatte, war froh gewesen, dem sich allmählich lockernden Leichenschmaus zu entkommen und mit Konrad zum Geisler’schen Hof, der nun der seine war, zurückzukehren. Wegen der Anreise der Verwandten zur Trauerfeier war ausnahmsweise der gewaltige Kachelofen in der guten Stube geheizt worden. Dort saßen sie nun warm und gemütlich beim Schein der einzigen Glühbirne, und Siegfried schüttete sein Herz aus. Von Zeit zu Zeit machte er lange Pausen und starrte sinnend aus dem Fenster, vor dem sich die Dämmerung auf das Tal senkte.
Anfangs kam er nicht los von dem väterlichen Geburtstag. Beinahe den ganzen Abend hatten sie alle miteinander gestritten, und es hatte nicht viel gefehlt, dass es zwischen dem alten Heinrich und Ferdinand zum endgültigen Zerwürfnis gekommen wäre. Er selber, der sonst kaum aufbegehrende Sohn, hatte sich zu Ferdinands Erbitterung den Ansichten des Großvaters angeschlossen. Lydia hatte sich wie immer aus allem herausgehalten und nur ab und an eine spöttische Bemerkung bezüglich ihrer Mitgift eingeworfen, die die Stimmung eher aufgeheizt hatte. Schließlich hatte Mutter Anni sich mit ungewohnter Schärfe eingemischt und das Ende jeglicher Zänkerei gefordert. Es gäbe da noch ganz andere Themen, über die es sich zu streiten lohne, hatte sie mit deutlicher Drohung geäußert, und Ferdinand hatte eingelenkt. Gemeinsam hatte man noch einen Schnaps getrunken, und alle waren schließlich friedlich ins Bett gegangen.
Gelöst waren die Probleme damit nicht. Die Stimmung im Haus war auch in den folgenden Tagen wie das nasse Märzwetter über der Flur geblieben: nahe dem Gefrierpunkt. Großvater Heinrich hatte seinen Groll in sich hineingefressen und ihn ganz gegen seine Art mitunter an den Hühnern oder sonst einem widerspenstigen Tier ausgelassen. Ferdinand war allen aus dem Wege gegangen und hatte verbissen vor sich hin gearbeitet. Siegfried hatte wortlos seine Pflichten erledigt, bemüht, keinen Anlass zu Klagen zu bieten. Selbst Lydia hatte sich in dieser Zeit verändert, von ihrer üblichen Lebenslust war nichts mehr zu spüren. Unverändert geblieben waren nur das unbeschwerte Küken Gunther und die Großmutter Ernestine in ihrem Küchenreich, das sie zäh und beharrlich gegen die Schwiegertochter Anni verteidigte, seit deren zunehmende Gelenkbeschwerden ihre Arbeitsmöglichkeiten im Stall und auf dem Feld immer stärker einengten.
Niemand außer ihr selbst machte Anni jemals einen Vorwurf wegen der Behinderung - als Bauerntochter wusste sie am besten, was man auf einem Hof wie dem Geisler’schen von einem kranken oder nutzlosen Esser hielt, und das bestimmte ihre Befindlichkeit seit langem. Die restlichen Leute auf dem Hof, allen voran die derbe Magd Elsa, gingen ihr lieber aus dem Weg. Nicht einmal die eigene Schwester Gerda, die mit ihrem Angetrauten Gerwald in den ursprünglich für Siegfried und seine nicht vorhandene Familie ausgebauten Stuben über dem Schweinestall wohnte, hatte ein besonders inniges Verhältnis zu ihr, was an Gerdas Arbeitsunfähigkeit infolge ihrer Fettsucht liegen mochte, vielleicht auch an Gerwalds Überheblichkeit und Ungeschick. Der hatte zeitweise in der Patentpapierfabrik in Penig gearbeitet und hielt sich für einen halben Ingenieur. In schlechten Zeiten diente er auf dem Hof als Knecht und Mädchen für alles. Die schlechten Zeiten hielten seit 1917 an, seit Gerwald mit einem Nervenleiden behaftet vom rumänischen Kriegsschauplatz zurückgekehrt war. Als leiblicher Schwager der Hofeigentümerin gab er sich gerne für so etwas wie der Geisler’sche Gutsinspektor aus. Seinem Kommando beugten sich allerdings nur der gutmütige Trottel Gottlieb und gelegentlich der ebenfalls kriegsbeschädigte Bernhard Gräfe, ein entfernter Geisler’scher Cousin, der neben Gottliebs Knechtskammer über dem Pferdestall schlief. Von Elsa, der resoluten weizenblonden Mittdreißigerin, die seit zwölf Jahren dem Gesinde vorstand und kaum ein anleitendes Wort für die Arbeit brauchte, genügte eine einzige Schimpfkanonade, um Gerwald den nötigen Respekt beizubringen und ihr auf ewig Gerdas tödliche Feindschaft einzutragen.
So sah es also auf dem Gehöft der Geislers aus, einem großzügig angelegten Vierseitenhof, wie es sie in der Gegend zahlreich gab. Konrad kannte den Hof wie seine Westentasche. Das langgestreckte Wohngebäude stammte aus dem Jahr 1796, im Kern ein stabiler Fachwerkbau mit einem tiefen Keller unter der quadratischen Küche, mit roten Sandsteinbögen im Kuhstall am anderen Ende und zwei geräumigen Oberböden. Dem imposanten Gebäude gegenüber erhob sich die mächtige hölzerne Scheune mit Bansen, Tenne und zwei Einfahrten, einer der bevorzugten Spiel- und Versteckplätze der Kindheit. Die Nordseite des Hofes schloss ein Stallgebäude mit Heuboden, Taubenschlag, Schafstall und einem Kartoffelkeller ab, über dem im Winkel neben der Scheune die Kutschenremise lag, nur von außen zugänglich, wie die uralte Feldscheune an der Toreinfahrt. In der Remise stand neben zwei Kutschen auch der zweispännige Schlitten für den gewöhnlich schneereichen Winter.
Zwischen dem Haupt- und dem südlichen Wohnstallgebäude, in dem sich der Schweinestall und der Stall für die sechs Pferde befanden, führte die Gartenpforte über einen kiesbestreuten Weg hinaus auf die abschüssige Weide. Aus ihrer Küche und dem Wohnzimmer genossen Gerda und Gerwald einen weiten Blick über Dorf und Tal bis fast nach Meffersdorf. Im Hof, und damit zu Gerdas Ärger unmittelbar unter den Fenstern ihres Schlafzimmers über dem Schweinestall, befand sich der morgens und abends frisch dampfende Misthaufen. Vor den Häusern war er säuberlich mit quadratischen Sandsteinplatten umrahmt, von der grob gepflasterten Hofseite aus mit Laufbrettern befahrbar und in der Ecke mit einer Saugeinrichtung für die Jauche versehen. Die hatte Ferdinand noch vor dem Krieg installieren lassen, zusammen mit der Jauchepumpe draußen vor der Futterkammer am Kuhstall. Darüber waren Siegfried und er ganz einer Meinung gewesen, im Gegensatz zu Heinrich, der von derlei neumodischem Kram wenig hielt und sich gegen den Elektrizitätsanschluss wehrte. Auch dabei hatte sich Ferdinand mit Siegfrieds Unterstützung durchgesetzt. Die Elektrizität versprach nicht nur das weniger gefährliche Licht im Haus und in den Ställen, sie lieferte auch Kraft für Pumpen und Maschinen. Ferdinand war nun mal fürs Moderne und Praktische gewesen. Insgeheim hatte er von einer elektrisch angetriebenen Dreschmaschine geträumt. Im Dorf besaß nur der reiche Marquardt ein fahrbares, von einer Lokomobile betriebenes Dreschwerk, das er nur äußerst ungern und gegen entsprechend hohe Arbeitsleistungen der Bittsteller verlieh.
Der Motor für die elektrische Dreschmaschine anstelle des alten, von zwei Pferden angetriebenen und höchst anfälligen Ungetüms von Göpelwerk, für den Ferdinand bereits den Platz im Mittelteil der Scheune vorgesehen hatte, war einer der Streitpunkte der letzten Monate gewesen. Mit seinem ganzen Altersstarrsinn hatte sich Heinrich gegen Ferdinands Absicht gestemmt, am besten gleich und sofort alles Bargeld in eine solche Maschine und in weitere, einen Garbenaufzug beispielsweise oder gar einen Trecker, zu stecken, zusätzliches Vieh zu kaufen oder das Geld wenigstens in amerikanische Dollar umzutauschen. Das war dem Alten entschieden zu weit gegangen. Immerhin hatten die Amerikaner im Krieg zu den Feinden gehört, und von denen nahm man nichts, schon gar nicht ihr Geld.
Selbst Siegfried hatte seinen Vater einen Schwarzseher genannt. Er hatte Ferdinands Beziehungen zu diesem ominösen Rogowski in Penig missbilligt, über den allerlei Gerüchte im Umlauf waren. Der geschickte Händler malte den Landwirten die Schreckensbilder einer kommenden Inflation, wie er das nannte, an die Wand und versuchte, ihnen Vieh und allerlei anderes zu verkaufen, solange die Papiermark noch einen gewissen Wert besaß. Von der Goldmark war nur noch in der Theorie die Rede.
Dabei war die schleichende Geldentwertung auch in Wulkersbach seit langem spürbar, aber deren Ende war nach Siegfrieds Meinung abzusehen. Die Preise würden sich spätestens nach der nächsten Ernte stabilisieren, und alles kam ins Lot. Außerdem brauchte man das Geld, um die lange Durststrecke bis zur Ernte oder wenigstens bis zum Verkauf des ersten Gemüses und Obstes zu überbrücken.
«Wir werden nicht verhungern», hatte Ferdinand abgewehrt. Irgendeine Idee war ihm im Kopf herumgespukt, doch er hatte mit niemandem darüber gesprochen.
Am Dienstag voriger Woche war er dann plötzlich verschwunden. Anfangs hatte das keinen beunruhigt. Er hatte so seine Eigenheiten, und dazu gehörte eine gelegentliche Abwesenheit. Nur Anni war noch verbissener herumgelaufen, als sie ihn nirgends finden konnte. Die Pferde hatten alle im Stall gestanden, kein Fuhrwerk hatte gefehlt. Also musste er sich zu Fuß auf den Weg gemacht haben. Wohin? Erst am Abend hatten sie begonnen, sich das zu fragen, denn dass Ferdinand über Nacht ausblieb, war bis dahin kaum je vorgekommen.
Als er auch am Mittwochmorgen noch nicht heimgekehrt war und ihnen die Stallarbeit am Morgen alleine überließ, hatte sich allgemeine Unruhe ausgebreitet. Üblicherweise wurde beim Frühstück der endgültige Arbeitsablauf für den Tag festgelegt. An jenem Morgen hatten alle wie verlorene Kinder herumgesessen, bis sich Heinrich besonnen und das Kommando übernommen hatte.
Erst hinterher war Siegfried eingefallen, dass es eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre. Er war der Nächste in der Rangfolge, nicht der Altenteiler Heinrich, der noch dazu auf die unpassende Idee gekommen war, beiläufig an die Uraltgeschichte vom Mord im Rauber zu erinnern.
«Auch damals haben sie auf den Vater gewartet und geglaubt, er wäre nach Altenburg gegangen …», hatte er düster gesagt, aber nur der kleine Gunther schien die Sache ernst zu nehmen.
«Wenn er nach Altenburg wollte, hätte er eine bessere Joppe angezogen», hatte Anni eingewandt.
Und Siegfried hatte geantwortet: «Kannst ja anspannen und nach Beiern fahren. Der dicke Schmiech wird sich erinnern, ob er ihm eine Fahrkarte verkauft hat.» Schmiech war der Bahnhofsvorsteher von Beiern-Langenleuba, der sechs Kilometer entfernten Station an der Bahnstrecke in die Kreisstadt.
Ferdinand war auch am Mittwoch nicht wiederaufgetaucht. Vergebens hatte Anni auf das Postauto gehofft, das gelegentlich Passagiere mitnahm. Ferdinand hatte es nicht benutzt.
In der Rose, die zugleich die Wulkersbacher Poststation und einen Kramladen für allerlei nützliches und unnützes Zeug beherbergte, hatte Anni ihre Einkäufe erledigt und zur Verwunderung der Witwe Jungnickel ein Telephongespräch zur Bahnstation angemeldet. Anni war sich der Gefahr bewusst gewesen, der sie den Familienruf aussetzte, denn die Rose-Wirtin hatte natürlich gehörig die Ohren gespitzt bei Annis Frage nach Ferdinands eventuellem Fahrkartenkauf. Zu allem Überfluss hatte auch der Liebscher-Melchior herumgelungert, der hinkende Postbote mit der Fistelstimme, den alle Welt Tante Droll nannte. Zwar war den beiden die Antwort aus Langenleuba entgangen, doch hatte Annis Gesicht eine allzu deutliche Sprache gesprochen. Zwei Stunden später hatte jeder Wulkersbacher gewusst, dass der Geisler-Ferdinand Hof und Familie mit unbekanntem Ziel und anscheinend auf Nimmerwiedersehen verlassen hatte.
Die Geislers waren die Allerletzten gewesen, die davon erfuhren. Am meisten hatte sich die Magd Elsa über das Gerücht empört, bis Anni sie mit einem langen Blick und der Bemerkung zum Schweigen gebracht hatte: «Du meinst wohl, er hätte sich mit dir beraten, bevor er sich davonmacht?»
Elsas ohnehin gesunde Gesichtsfarbe war um einen Schein dunkler geworden, und Siegfried hatte sich verpflichtet gefühlt, ihr beizustehen. «Was soll das jetzt, Mutter?», hatte er gefragt, obwohl er natürlich ebenso wie alle anderen am Tisch wusste, was gemeint war. Elsa, ein paar Jahre älter als er, war eine handfeste Person und kein Kind von Traurigkeit, wie gemunkelt wurde. Anni war es nie gelungen, einen Beweis für die Untreue ihres Mannes zu finden oder sich gar damit durchzusetzen, Elsa vom Hof zu jagen.
«Finde erst mal eine Magd wie die!», hatte sogar Heinrich jedes Mal lebhaft widersprochen. Der Alte liebte es ja selber, hinter Elsa die enge Stiege zum Heuboden hinaufzusteigen oder ihr wohlwollend über den prallen Hintern zu streichen. Außerdem hatte er natürlich recht: Die Magd arbeitete unermüdlich wie ein Pferd, schaffte inzwischen zehnmal mehr als Anni mit ihren geschwollenen Gelenken. Die hatte nach Gunthers Geburt nach und nach ihren Widerstand gegen die mutmaßliche Nebenbuhlerin aufgegeben, zumal der heranwachsende Spross Tante Elsa abgöttisch liebte.
Siegfried hörte auf zu reden und schwieg nachdenklich. Noch immer war er nicht bei dem Mord angelangt, dessen Einzelheiten Konrad weit mehr interessierten als all die Familienintimitäten, die ihm nicht sämtlich neu waren.
Siegfried, der von Anfang an voraussetzte, Konrad würde die Nacht in Wulkersbach verbringen, hatte dem Wandschrank eine Flasche und zwei Gläser entnommen und immer wieder nachgeschenkt, wobei Konrad sich zurückhielt. Er war müde, fast so müde wie Harry, der zusammengerollt zu seinen Füßen schlief, ohne sich der Ehre bewusst zu sein, dies als fremdes Tier in der guten Stube tun zu dürfen. Man wohnte hier mit den Kühen unter einem Dach, allein schon der Wärme über dem Kuhstall wegen, die gute Stube aber war ein geradezu geheiligter Ort, den die Kinder nur zu Weihnachten betraten und die Erwachsenen auch nur an hohen Feiertagen. Ferdinand hatte versucht, Ausnahmen einzuführen, indem er sich gelegentlich mit schriftlichen Arbeiten in den einzigen Raum zurückzog, in dem ihn niemand störte, was Heinrich stets missbilligte. Er glaubte fest daran, besser rechnen zu können als der Sohn und Erbe, entbehrte aber seit langem eine passende Brille, die ihm das Lesen kleiner Buchstaben und Zahlen ermöglicht hätte. Kam die Zeitung ins Haus, versuchte er meist vergeblich, sich an den Überschriften zu orientieren.
Im Wandschrank der guten Stube, zu dem nur Ferdinand den Schlüssel besaß, wurde der bessere Schnaps aufbewahrt. Dort lagerte auch die Stahlkassette mit dem Bargeld. Einer Bank oder Sparkasse Geld anzuvertrauen kam in Wulkersbach niemandem in den Sinn - wusste man denn in so unruhigen Zeiten, was dort damit geschah? Seit dem Verschwinden der Silber- und Goldmünzen galt nur noch das Papiergeld der Reichsbank, der Sächsischen Bank in Dresden, des Leipziger Kassenvereins und der Chemnitzer Stadtbank. Deren Hundertmarkscheine waren nicht mehr viel wert. Zum ersten Mal tauchten sogar Tausender auf. Besonders ungern nahm man sogenannte Darlehnskassenscheine und windiges Notgeld in Zahlung.
Heinrichs Misstrauen, angeheizt durch die Anschaffungspläne des Sohnes, war immerhin groß genug gewesen, bereits am Tag nach Ferdinands Verschwinden den erheblichen Bargeldbestand zu überprüfen. Wie sich herausstellte, besaß Heinrich nicht nur einen zweiten Schlüssel für den Wandschrank, sondern insgeheim auch einen für die altertümliche Kassette. Und die war leer, sah man von der Feuerpolice und einem dünnen Geldbündel ab, das vermutlich nicht einmal ein Zehntel des vorher Vorhandenen ausmachte und wenigstens für die nächsten Wochen ausreichte. Auch acht über alle bösen Zeiten hinweg gehortete Goldstücke waren noch vorhanden.
Opa Heinrich hatte derbe Verwünschungen ausgestoßen und war gar nicht mehr losgekommen von der alten Geschichte, die vor hundert Jahren im Rauber passiert war. Davon beeindruckt, war der kleine Gunther am nächsten Tag nach der Schule hinaus zum Rauber gelaufen und hatte dort den toten Vater gefunden.
An diesem Punkt der weitschweifigen Erzählung angelangt, wurde Siegfried unterbrochen. Der Hofhund bellte, Harry knurrte, und gleich darauf kam Lärm im Hof auf, Schritte tappten über den Flur vor der Stube. Die Familie kehrte vom Leichenschmaus heim, und mit der Ruhe im Haus war es vorbei.
«Was ist das für eine alte Geschichte mit dem Rauber?», wollte Konrad dennoch wissen.
Siegfried winkte ab. «Am besten gebe ich dir die ganze Leichenpredigt», sagt er. «Da steht alles drin.»
SECHS
«DAS WIRD JA IMMER BESSER! Jetzt schaffen die Thüringer schon ihre Leichen über die Grenze, nur um uns die Arbeit aufzubürden!» Der ehemals königlich-sächsische Polizeiinspektor Kretzschmar, seit Neuestem Inspektor der sächsischen Landeskriminalpolizei bei der Amtshauptmannschaft Rochlitz in der Kreishauptmannschaft Leipzig, warf das amtliche Schreiben der Altenburger Kollegen mit angeekelter Miene auf die eichene Tischplatte. Friedrich-Karl Habicht, Unteroffizier a. D., Träger des EK II und glücklich, so nahe seiner Heimatstadt Waldheim, wo er einen Posten in der Strafanstalt ausgeschlagen hatte, als Kriminaloberassistent untergekommen zu sein, musste den Kopf noch schräger legen als gewöhnlich, um die Schrift zu entziffern. Seit seiner schweren Verwundung in Flandern wich sein narbenversehrter Hals erheblich von der Lotrechten ab, was ihm den Beinamen «Der schiefe Fritz» eingetragen hatte.
Habicht war gewiss kein unauffälliger, dafür aber ein emsiger und gewissenhafter Kriminalbeamter, den allein schon seine grenzenlose Neugierde für den Beruf geradezu prädestinierte. Außerdem war der schiefe Fritz, wie Habicht wusste, der erste preußische König gewesen, ein kleiner Mann mit einem Buckel, doch immerhin ein König.
Hier in Rochlitz residierte der bullige Inspektor Kretzschmar als König und gebärdete sich entsprechend. Die eigentliche Arbeit blieb dem Oberassistenten. Also las der lieber gleich, was die thüringische Polizei ausführlich mitzuteilen hatte über einen Mord im Grenzbereich Berkersbach, dicht bei Penig an der Mulde. Der Tatort lag einerseits gut zwanzig Kilometer von Rochlitz entfernt, was gewisse Unbequemlichkeiten mit sich bringen würde, andererseits bot der Fall ein zumindest tageweises Entkommen aus dem Dunstkreis des unleidlichen Vorgesetzten. Seit Habicht Front und Lazarett überlebt hatte, neigte er dazu, sich auch über kleine Vergünstigungen zu freuen. Außerdem liebte er es, mit der Eisenbahn zu fahren. Sein Vater war ein niederer Beamter der königlich-sächsischen Staatseisenbahn gewesen und hatte dem Sohn das wache Interesse für alles vermacht, was mit Rädern, Schienen und Bahnhöfen zusammenhing. Die Stadt Penig selbst, am Kilometer 18,51 der Muldenthalbahn von Glauchau nach Wurzen gelegen, lockte ihn wenig. Eine sächsische Kleinstadt wie hundert andere. Die Bahnfahrt dorthin jedoch versprach allerlei Reizvolles.
Entsprechend enttäuscht vernahm er deshalb, was Kretzschmar abschließend brummte: «Also rufen Sie mal in Penig an, und machen Sie denen Beine. Angeblich geht es um einen gewissen vagierenden Händler …», er blickte auf das Papier, «… namens Franz Rogowski. Hört sich verdächtig polnisch an!»
«Jawoll!» Habicht schlug die Hacken zusammen. «Wäre sowieso an der Zeit, dass da unten mal jemand nach dem Rechten sieht …», fügte er im Abgehen ganz beiläufig hinzu - und hatte richtig gerechnet.
Kretzschmar blickte sinnend auf und hielt ihn mit einer Handbewegung zurück. «Daran habe ich auch schon gedacht …» Er musterte den Untergebenen von Fuß bis Kopf, ob das wohl der richtige Mann für eine solche Aufgabe sei, und entschied sich positiv. Ein anderer war sowieso nicht vorhanden.
Also stieg Fritz Habicht in der Dämmerung des nächsten Morgens in ein Abteil des ungeheizten Frühzugs nach Glauchau. Vor ihm lag eine Entfernung von exakt 20,30 Kilometern. Über Narsdorf wären es siebenhundert Meter mehr gewesen, aber die Nebenstrecke war nicht halb so interessant. Sein Zug überquerte bereits kurz hinter dem Narsdorfer Abzweig das Tal der Zwickauer Mulde und fuhr über den langen Rochlitzer Viadukt. Rechts ragte das Schloss aus dem Frühnebel über dem Fluss. Die anderen Passagiere nahmen keine Notiz davon. Sie dösten vor sich hin oder lasen Zeitung. Habicht hätte gerne ein wenig mit seinen Eisenbahnkenntnissen geglänzt, spürte aber, dass sie dafür nicht das passende Publikum abgaben.
Die hohen steinernen Brückenbögen galten als das besondere Merkmal der sächsischen und thüringischen Eisenbahnen. Er freute sich schon auf den Anblick des gewaltigen Göhrener Viadukts mit seinen 21 Bögen. Vorher aber hielt der Zug in Steudten und in Wechselburg, wo die Bahnlinie ins Chemnitztal abzweigte. Die war erst zwanzig Jahre alt und der Hochwassergefahr wegen mehrfach projektiert worden, wie Habicht sich erinnerte.
Er kannte jede Einzelheit des imposanten Göhrener Viadukts, der das Muldenthal überspannte und nun endlich auftauchte. Inzwischen war es richtig hell geworden. Am liebsten hätte Habicht das Fenster geöffnet, doch das verbot sich bei der geringen Außentemperatur. Außerdem war zu seiner angenehmen Überraschung in Steudten eine junge Dame zu den fünf Männern im Coupé gestiegen, hatte sich jedoch sofort in ein abgegriffenes Leihbibliotheksbuch vertieft und schien ebenfalls nicht daran interessiert zu erfahren, dass die 68 Meter hohe Brücke mit ihren zwei Etagen 1,2
Millionen Taler gekostet hatte, insgesamt 512 Meter lang war und fast ausschließlich aus einheimischem Granit bestand. Über die Brücke verlief die Eisenbahnverbindung von Leipzig nach Chemnitz.
Viel zu schnell für Habichts Geschmack erreichte der Zug Lunzenau, schnaufte eine Weile im Bahnhof herum und zuckelte weiter über die nächste Flussbrücke und durch den fast dreihundert Meter langen Tunnel nach Rochsburg. Die Burg ragte dem Bahnhof gegenüber hinter einer Flussschleife über das Muldeufer. Wie beinahe alle Adelssitze in der Gegend gehörte sie den Schönburgern. Habicht überlegte, ob der gräflichen oder der fürstlichen Linie, und kam zu keiner Entscheidung.
Der Name des nächsten Bahnhofs war einer der Gründe, weshalb Habicht ebendiese Strecke und keine andere gewählt hatte: Amerika. Wieder einmal bedauerte er es, keinen Photoapparat bei sich zu führen, um das Stationsschild zu photographieren. Noch besser wäre es gewesen, er stünde neben dem Schild. Kretzschmar jedoch hatte die Anschaffung eines solchen Kastens nutzlosen Humbug genannt. Ein Kriminaler hätte gefälligst brauchbare Skizzen anzufertigen, das genüge allemal. Technischer Krimskrams war ihm verhasst. Selbst das Telephon gebrauchte er nur mit großer Scheu.
Habicht wusste es besser, hielt sich aber klugerweise zurück. An der Front hatte er begriffen, wie wertvoll die Luftbilder der Flieger sein konnten, wie notwendig die Fernsprechverbindungen und die drahtlosen Funksprüche. Auch auf der Polizeischule in Hainichen urteilte man keineswegs so konservativ wie der Herr Inspektor Kretzschmar. Immerhin ging der auf das Pensionsalter zu. Das blieb Habichts einzige Hoffnung.
Das Wort Amerika erwähnte man in Kretzschmars Gegenwart besser nicht. Seit vor fünfzig Jahren ein schwarzes Schaf aus seiner Familie dorthin entschwunden war, hielt er Amerika für das Land der notorischen Verbrecher und Nichtstuer, Aufschneider und Galgenvögel. Die kleine Industrieansiedlung am Muldehang kannte er kaum dem Namen nach, dass es hier sogar einen Bahnhof gab, wusste er vermutlich nicht. Habicht hingegen hatte sich für den seltsamen Ortsnamen interessiert, der entstanden war, weil die Spinnereiarbeiter früher von Penig her nur «über den großen Teich», über die Mulde nämlich, zu ihrem Arbeitsplatz gelangt waren. Wie sie sich bei dem öfter auftretenden Hochwasser beholfen hatten, war nicht überliefert.
Die Mulde führte auch jetzt reichlich Wasser, im Erzgebirge schmolz der Schnee. Als Habicht in Penig zu Fuß die Brücke überquerte, bot der Fluss ein eher friedliches Bild. Über die Brücke rasselte trotz der frühen Stunde beachtlicher Verkehr. Die Straße von Chemnitz nach Leipzig führte mitten durch die Stadt, in der Karl May einst seinen ersten erfolgreichen Betrug bewerkstelligt hatte.
Im Juli 1864, wie Habicht wusste. Die Eisenbahn hatte es damals noch nicht gegeben. Niemand hatte den flüchtigen Betrüger verfolgt.
Von der Brücke war es nur ein Katzensprung hinüber zum Markt, an dem das Rathaus lag, in dem wiederum die Polizeidienststelle ihren Sitz hatte. Habicht hatte es vorgezogen, sich am Vortag telephonisch anzumelden. Wer weiß, ob der ausgemergelte Oberwachtmeister sonst schon ansprechbar gewesen wäre. Habicht begann den Tag gerne früh, die ständigen Schmerzen in Schulter und Genick ließen ihn nie lange schlafen.
Oberwachtmeister Klopsch war ein von frühzeitigem Haarausfall gezeichneter, vigilanter Sachse, mit allen Wassern gewaschen, nie um eine Ausrede verlegen, allzeit bereit, dem Gesprächspartner zum Munde zu reden. Von dem Mord hatte er gehört, so etwas sprach sich auch über die Landesgrenze hinweg herum, obwohl er selber in seinem Leben noch nie in Wulkersbach oder einem der anderen thüringischen Nester gewesen war. Wozu auch? Der Ärger in der Sechstausendseelenstadt hielt ihn genügend in Trab, und seit im Lande die Sozis an der Macht waren - kurzer Kontrollblick zu Habicht, der reagierte nicht –, schien sowieso der Teufel los. Die kleinen Leute waren unruhig, weil es ihnen schlechtging, die großen, weil sie sich vor den kleinen fürchteten. Die Arbeiter bei Glaser, der örtlichen Kattunfärberei, wurden immer aufsässiger, die Spezialisten vom Patentpapier verhielten sich zurückhaltender, und gemaust und betrogen wurde mehr als je zuvor. Aber ein Mord? So was hatte es bei uns in Bähnsch, wie er den Ortsnamen aussprach, seines Wissens seit Jahrzehnten nicht gegeben. «Ich will nicht sagen, seit’m Prinzenraub - aber so ungefähr gommts hin.»
Der Altenburger Prinzenraub gehörte zum grenzüberschreitenden Osterländischen Heimaterbe, das Habicht geläufig war. Der Täter, Kunz von Kaufungen, stammte aus dem nur wenige Kilometer von Penig entfernten gleichnamigen Ort. Im sächsischen Freiberg hatte man ihn enthauptet: vor 467 Jahren, wie Habicht blitzschnell errechnete. Die beiden Prinzen überlebten und wuchsen zu Stiftern der ernestinischen und albertinischen Linien des Kurfürstenhauses heran. Die Albertiner blieben Kurfürsten, bis Napoleon sie zu Königen machte, die Ernestiner herrschten in den Fürsten- und Herzogtümern Thüringens, von denen schließlich drei und ein Großherzogtum übrig blieben, sämtlich das Wort Sachsen im Namen führend, so dass jeder patriotisch Denkende allein deswegen das neue Nachbarland als ursächsisches Gebiet betrachten musste. Dass der Stammvater des englischen Königshauses Albert von Sachsen-Coburg-Gotha hieß, war dabei nicht vergessen.
Die Genealogie der europäischen Fürstenhäuser war Habichts zweites Steckenpferd neben der Eisenbahn. Beide allerdings kamen natürlich erst hinter der Kriminalistik, die ihm Beruf und Berufung bedeutete.
Klopsch dagegen erwies sich als ein tumber Büttel, der es nicht einmal für nötig befunden hatte, den grenznahen Tatort der gegenwärtigen Bluttat aufzusuchen. «Wozu denn? Es hat die ganze Zeit gejaucht vom Himmel, vorher und nachher - was soll ich da im Schlamm rummährn? Wer weeß, ob die den ham nich andernorts erstochen und schieben uns de Leiche zu!»
Das Argument kannte Habicht von seinem Vorgesetzten. Er ging nicht darauf ein. Vielmehr erkundigte er sich nach dem im Altenburger Schreiben genannten Händler Franz Rogowski.
Klopsch lief rot an. «Was woll’n Sä denn ausgerechnet von däm?»
Habicht horchte auf. «Er ist also hierorts polizeibekannt?» Der Oberwachtmeister zögerte. «So kann man das eigentlich nicht sagen …»
«Sondern?»
Klopsch hob seine knochigen Schultern in einer ungewissen Bewegung. «Wie soll man das ausdrücken …»
Habicht sah ihn durchbohrend an. «Na, möglichst präzise, bitte! Was ist mit dem Mann los?»
«Nichts. Nichts Besonderes.» Eilfertig schüttelte Klopsch sein kahles Haupt. «Er macht Geschäfte. Weiter nichts.»
«Mit wem macht er Geschäfte?»
Da Klopsch nicht sofort antwortete, keimte in Habicht ein Verdacht. «Auch mit Ihnen?», fragte er scharf.
Wieder errötete Klopsch. «In diesen Zeiten … Jeder muss heutzutage zusehen, wo er bleibt …»
«Also ein Schleichhändler», stellte Habicht nüchtern fest.
«Was bietet er denn an?»
«Nej nej, so is das nich! Der macht eigentlich nur so größere Geschäfte, Maschinen oder so ä was …»
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