Читать книгу: «Attentat Unter den Linden»

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Es geschah in Preußen 1844

Jan Eik

Uwe Schimunek

Attentat

Unter den Linden

Von Gontards dritter Fall

Criminalroman

Jaron Verlag

Jan Eik, geboren 1940 in Berlin als Helmut Eikermann, ist seit 1987 freiberuflicher Autor und Publizist. Er schrieb zahlreiche Kriminalromane und -erzählungen sowie Hör- und Fernsehspiele. Im Jaron Verlag erschienen von ihm in der Krimireihe »Es geschah in Berlin« mehrere Bände, zuletzt »In der Falle« (2011) und »Polnischer Tango« (2012). Für die Reihe »Es geschah in Preußen« schrieb er den Auftaktband »Verhängnis in der Dorotheenstadt« (2011).

Uwe Schimunek, Leipziger Journalist und Autor, schreibt Kurzgeschichten und Kriminalromane. Er liest regelmäßig bei den jährlich stattfindenden Ostdeutschen Krimitagen und im Rahmen des Krimi-Kleinkunst-Programms »Killer-Kantate«. Im Jaron Verlag erschienen von ihm in der Reihe »Es geschah in Sachsen« die beiden Bände »Katzmann und die Dämonen des Krieges« (2011) und »Mord auf der Messe« (2012).

Originalausgabe

1. Auflage 2012

© 2012 Jaron Verlag GmbH, Berlin

1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

ISBN 9783955520328

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Eins

Ein Schuss donnerte durch den Stall. Adalbert Kirchner wunderte sich. Vielleicht hatte er sich verhört und das Geräusch einer Reitpeitsche vernommen. Aber nein, so laut würde keiner peitschen, und die Pferde sprangen und wieherten, als wolle ein Metzger ihnen ans Leder.

Kirchner schritt durch den Lärm. Hier im Marstall herrschten wenigstens erträgliche Temperaturen. Draußen drückte die Junisonne, als wolle sie Berlin noch platter machen, dachte Kirchner. In seiner Heimat im schlesischen Gebirge reichte es, in einen der dichten Tannenwälder zu gehen, um vor der Sommerhitze zu fliehen. Hier in der Residenzstadt drängten sich am Wochenende die Berliner unter den Bäumen im Thiergarten.

Langsam ließ das Gewieher nach, aber dafür hörte Kirchner Schreie - ein schrilles Quieken, so klangen Schweine beim Schlachten … Kirchner meinte, einen Hilferuf zu hören. Aber Schweine konnten doch nicht sprechen, nicht einmal in der Residenzstadt.

Kirchner rannte los. Die Schreie kamen aus der hinteren Ecke der Stallanlagen, ein ganzes Stück von ihm entfernt. Aus den Stallkammern glotzten die Gäule ihn an, als würden sie seine Versuche bemitleiden, auf Menschenbeinen schnell voranzukommen. Die Blicke folgten ihm.

Kirchner lief schneller. Er bog nach links. Weit konnte es nicht mehr sein. Vielleicht in dem Gang dahinten. Da sprangen die Pferde, als wollten sie ihre Verschläge eintreten.

Dann waren keine Schreie mehr zu hören. Auch das Getrampel ließ nach. Es wurde ruhig im Neuen Marstall.

Kirchner dachte an das Pferd, das auf seinen Ausritt wartete. Bernward von Pragenau, mit dem Kirchner sich die Schlafstube in der Kaserne teilte, überließ ihm seinen Grani. Der Hengst mochte vor einigen Jahren ein feuriger Rappe wie Siegfrieds Pferd im Nibelungenlied gewesen sein. Inzwischen aber war Grani trotz seines sagenhaften Namens ein gemütliches Tier. Er hatte sicher nicht verrücktgespielt wie die anderen Gäule hier. Nein, Grani musste warten.

Die Hilfeschreie klangen noch in Kirchners Ohr - konnte das ein Mensch gewesen sein? Er musste nachschauen, sonst würde er keine Ruhe finden. Kirchner rief: »Hallo? Braucht jemand Hilfe?«

Keine Reaktion. Nur ein paar Gäule in unmittelbarer Nähe wieherten. Er bog nach links. Im Neuen Marstall blieb es leise, Hunderte Pferde schnaubten vor sich hin, als hätte es keine Schüsse oder Schreie gegeben. Kirchner lief den Gang hinunter, es konnte nicht mehr weit sein … Der Gestank von Pferdemist biss in der Nase. Merkwürdig, bis eben war ihm das gar nicht aufgefallen - als hätte der Krach seinen Geruchssinn abgelenkt. Konnte das sein? Ließen sich seine sieben Sinne so einfach gegeneinander ausspielen?

Die Schreie - die verstummten Schreie!

Kirchner trat an die Kammer zu seiner Linken und schaute über die Planke. Zwei Grauschimmel guckten ihn an, als sei er ein Hausierer und wolle ihnen etwas verkaufen. Prompt schüttelte das größere der Pferde mit wehender Mähne den Kopf.

Also gut, dann eben die nächste Kammer. Dort stand ein Karster auf seinen kurzen Beinen. Vielleicht gehörte er einem Spross der Hohenzollern, von denen brauchten viele eine Leiter, um auf einen Hannoveraner oder einen Oldenburger zu steigen. Das Tier war grau gesprenkelt und stand still wie beim Appell.

In diesem Bereich des Neuen Marstalls mussten die Zwerge ihre Pferde stehen haben, denn neben dem Karster stand ein Knabstrupper - fleckig, als hätte ein Maler einen Eimer mit schwarzer Farbe über dem Pferd ausgeschüttet. Die Knabstrupper waren bei den Damen sehr beliebt. Die Familie musste gute Beziehungen haben, im Neuen Marstall durfte nicht jeder sein Pferd abstellen. Von Pragenau hatte dieses Privileg seinem Vater und dessen Heldentaten im Kampf gegen Napoleon zu verdanken.

Kirchner kam zu einem weiteren Gang. Sollte er geradeaus gehen oder nach links abbiegen? Er versuchte sich zu orientieren … Links, dort musste die Quelle des Unheils liegen - ganz in der Nähe.

Die nächste Kammer war leer, Pferd und Besitzer jagten sicher durch den Thiergarten. Also weiter! Kirchner lief, schaute über Planken: keine Pferde. Aber von hier musste die Stimme doch gekommen sein!

Ein Araberhengst guckte aus der Ecke der nächsten Kammer und wieherte, kaum dass Kirchner hineinsah. Das Tier war aufgezäumt. Es schüttelte die Mähne, wich in die Ecke zurück und schnaufte. Kirchner schaute über die Planke, die Kammer bot genug Platz für zwei Pferde. In der freien Ecke stand eine Tränke. Er beobachtete das schnaubende Pferd im Augenwinkel und beugte sich über die Bretter. Die Tränke war leer, der Boden mit Stroh bedeckt. Und in dem Stroh ein paar Stiefel. Und Hosen. Uniformhosen. Eine ganze Uniform voller Blut! Ein Mann! Mehr konnte Kirchner für den Moment nicht erkennen. Der Kopf sah aus wie eine blutige Masse. Haarsträhnen glänzten im Schleim. Ob das neben dem rechten Ellenbogen ein Auge war, wollte Kirchner lieber nicht wissen.

Er öffnete die Planke und betrat vorsichtig die Kammer. Der Araber schnaufte unruhig, blieb aber in der Ecke stehen. Kirchner sagte mit tiefer Stimme: »Ist gut, Schwarzer, ist gut.« Er ging auf das Pferd zu, griff nach dem Zügel und machte das Tier an der Wand fest.

Dann betrachtete Kirchner den Leblosen. Die Glieder des Mannes lagen in grotesker Weise verquer - als hätte jemand eine Marionette mit Wucht auf den Boden geworfen und zertreten. Diese Figur … Kirchner überlegte. Woher kannte er diesen Mann? Der Kragenspiegel der Uniform verriet, dass es sich um jemanden von der Artillerieschule handelte, an der Kirchner in diesem Jahr sein Studium absolvierte. Ein Oberst-Lieutenant dem Rangabzeichen nach. Davon gab es unter den Lehrern nur zwei …

Neben der Schulter des Leblosen lag eine Pistole im Unrat. Kirchner hob die Waffe auf.

»Mein Herr …«

Kirchner blickte auf, der Stallmeister stand in der Tür und betrachtete ihn und die Leiche am Boden.

»Sie wurden neben dem Leichnam im Stall angetroffen.« Kirchner überlegte, ob das eine Frage war. Es klang eher wie ein Vorwurf. So, als ob es dem Criminal-Commissarius um die Zeit leidtue, die er mit diesem Verhör verbringen musste. Der Beamte war kleiner als Kirchner und schien trotzdem auf ihn herabzublicken. Als er sich vorstellte, hatte Kirchner den Namen nicht recht verstanden: Wurzel, Erpel oder so. Hamster hätte besser gepasst. Über den Pausbacken lauerten kleine Augen.

Sie saßen in einer Kammer, die der Stallmeister ihnen zugewiesen hatte. Keine Fenster, die Wände grau wie Asche und kahl wie Bäume im November. An Nägeln hing Zaumzeug, auf einem Brett lagen Reitpeitschen. Sie saßen hier allein um einen Tisch aus nacktem Holz, der Criminal-Commissarius und Kirchner. Allerdings schien klar, dass jeglicher Fluchtversuch zwecklos sein würde. Sicher standen alle Bediensteten des Neuen Marstalls vor der Türe und lauschten.

Kirchner sagte: »Ich habe den Toten gefunden.«

Der Criminal-Commissarius setzte eine amtliche Miene auf und blaffte: »Name?«

»Ich bin nicht sicher, wer der Tote ist. Auch wenn ich ihn zu kennen meine.«

»Machen Sie sich über mich lustig?«

Offenbar sah der Criminal-Commissarius ihm an, dass er die Frage falsch verstanden hatte, denn er sagte schroff:

»In Herrgotts Namen, wie Sie heißen, will ich wissen.«

»Kirchner, Adalbert Kirchner.«

»Geboren.«

»12. Januar 1815. In Reichenbach im Eulengebirge.«

»Schlesier …«

Was sollte Kirchner sagen? Ja, er war Schlesier. Schlesien gehörte zu Preußen. Was also bezweckte der Criminalbeamte mit seinem Einwurf?

»Abkommandiert in die Residenz?«

»Ich belege an der Artillerie- und Ingenieurschule ein Studium der Physik.«

»Physik?«

»Ich beschäftige mich vor allem mit der Optik. Mit den Eigenschaften von Linsen.«

»Linsen …« Der Criminal-Commissarius sah aus, als habe er keinen Appetit auf Hülsenfrüchte.

»Refraktoren …«

»Ja, ja.« Der Criminalbeamte winkte ab. »Genug damit. Jetzt erklären Sie mir, was es mit dem Tod des Herrn Oberst-Lieutenant von Streyth auf sich hat.« Der Commissarius betonte den Rang des Toten, als handle es sich bei dessen Ableben um eine bedeutende Staatsaffäre.

»Der Herr Oberst-Lieutenant von Streyth …« Triumphierend fuhr der Criminal-Commissarius auf.

»Sie kennen das Opfer also! Das geben Sie zu.«

»Er gehört dem Lehrkörper an.«

»Ha!« Der Polizist klopfte auf den Tisch. Er sah aus, als sei die Befragung damit weitgehend abgeschlossen.

In der Tat erschien Kirchner die eigene Lage nicht vorteilhaft. Mit einer Pistole in der Hand neben einer Leiche angetroffen zu werden war schlimm genug. Und nun kannte er das Opfer auch noch. Ausgerechnet Aemilius von Elster, genannt von Streyth, dieser Grobian, gleichermaßen verabscheut von den Studenten wie den Lehrkräften, musste der Tote sein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Criminal-Commissarius herausfinden würde, dass von Streyth in einem fort über die naturwissenschaftliche Ausbildung an der Artillerie- und Ingenieurschule gelästert hatte.

»Aber ich …«, begehrte Kirchner auf.

Der Criminal-Commissarius beugte sich vor und starrte ihn so grimmig an wie ein Raubtier. »Ja?« Das klang schon wieder nicht wie eine Frage.

»Ich wollte nur ausreiten. Ich bin in den Stall gekommen und habe die Schreie gehört. Und dann bin ich losgelaufen … Ich wollte helfen!«

»Und dafür hielten Sie eine Pistole in der Hand.«

»Die Waffe lag am Boden neben der Leiche. Ich habe sie nur aufgehoben … und untersuchen wollen.«

Der Criminal-Commissarius schüttelte den Kopf. »Also gut …« Er machte eine lange Pause, blickte Kirchner lauernd an und schüttelte noch einmal den Kopf. Schließlich sagte er: »Fangen wir von vorn an. Sie wollten also reiten. Ihr Pferd steht hier im Neuen Marstall?«

»Also… nein … Ich wollte mit dem Pferd eines Freundes ausreiten.«

»Name?«

»Der meines Freundes?«

Der Criminal-Commissarius guckte, als wolle er Kirchner mit seinem Blick in den Boden stampfen, und schwieg.

»Pragenau. Von Pragenau. Bernward.«

»Der Sohn des Herrn Oberst Hermann von Pragenau?«

»Jawohl, das ist er. Und ich teile ein Zimmer in der Kaserne mit ihm.«

Der Criminalbeamte schaute etwas weniger grimmig - oder kam Kirchner das nur so vor? Pragenaus Name machte allemal Eindruck. Ein wenig erleichtert fuhr er fort: »Bernward ist ganz froh, dass ich hin und wieder mit seinem Pferd in den Thiergarten reite. Die militärische Ausbildung fordert ihn sehr. Und Grani braucht die Bewegung.«

»Grani …«

»So heißt Bernwards Pferd.«

Der Criminal-Commissarius senkte den Kopf, als hoffe er, aus einem anderen Blickwinkel Kirchners Gedanken lesen zu können. »Also zurück zur Leiche. Sie haben die Schreie gehört und sind losgelaufen. Einfach so? Woher wussten Sie denn, an welcher Stelle die Tat geschah?«

»Ich wusste es nicht. Ich lief in Richtung des Lärms. Dann wurde es wieder ruhiger, und ich habe gesucht, habe in die einzelnen Kammern geschaut, bis ich … das Unheil entdeckt habe.«

Der Criminalbeamte sah nicht aus, als glaube er ihm auch nur ein Wort. Er winkte ab und sagte: »Das klingt mir alles sehr zufällig. Ich denke mal, ich nehme Sie jetzt mit und lasse Sie ein paar Tage in der Stadtvogtei am Molkenmarkt zu Sinnen kommen. Und dann unterhalten wir uns noch einmal ganz in Ruhe über die Pistole in Ihrer Hand, Herr Kirchner.« Mit einem weiteren Kopfschütteln stand der Criminal-Commissarius auf.

Die Tür quietschte. Im Rahmen drehte der Criminalbeamte sich noch einmal um und betrachtete Kirchner, immer noch kopfschüttelnd. Es sah aus, als habe der Criminal-Commissarius Mitleid mit einem Delinquenten auf dem direkten Wege zum Henker.

Die Tür fiel ins Schloss, der Schlag dröhnte in Kirchners Ohren.

Von Schnödens dringliche Botschaft erreichte den Major Christian Philipp von Gontard ausgerechnet in jenem Augenblick, in dem er seine Wohnung am östlichen Ende der Dorotheenstraße zu verlassen gedachte, um sich - wie so oft des Nachmittags - mit seinem Freund, dem Mediciner Doktor Friedrich Kußmaul, im Café Stehely dem Vergnügen eines geistreichen, mitunter auch ins bloße Plaudern oder in die Erörterung eines interessanten Criminalfalls abgleitenden Disputs hinzugeben. Im berüchtigten und zu dieser Jahreszeit angenehm kühlen Roten Zimmer bei Stehely mangelte es nie an Gesprächsstoff und -partnern - ebenso wenig wie an unerwünschten Zuhörern. Das Spitzel- und Denunziantenunwesen, dessen Ende man bei der Krönung von Friedrich Wilhelm IV. vor vier Jahren erhofft hatte, stand in giftiger Blüte, und die hochmütigen Äußerungen des gleichermaßen kunstsinnigen wie redseligen und bigotten Königs ließen kaum eine Änderung erwarten.

Der Major von Gontard, als einer der Enkel des berühmten gleichnamigen Baumeisters aus altem hugenottisch-preußischem Adelsgeschlecht stammend, hatte seine eigenen Erfahrungen mit den Agenten des Doktor Wiesenburg gemacht, des obersten Herrn der behördlichen Zuträger. Bei allem Interesse, das Gontard aus Passion dem Verbrecherischen entgegenbrachte, reizte ihn das von Wiesenburg und seinen Kundschaftern überwachte Gebiet der politischen Criminalität allenfalls zu gehörigem Widerspruch. Den behielt er klugerweise für sich, oder er ließ allenfalls im vertraulichen Gespräch mit Kußmaul oder einem ähnlich Vertrauten durchblicken, was er dachte. Preußen war eben trotz seiner gewaltigen Ausdehnung zwischen Memel hoch oben im Nordosten und Kleve weit im Westen die enge, beschränkte Monarchie geblieben, die ihre Untertanen zu gängeln pflegte.

Gontard kleidete sich also nach dem vormittäglichen Unterricht und einer hitzigen Übungsstunde auf dem Fechtboden gerade um, als ihn die Nachricht des Directors der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule überraschend in den Neuen Marstall rief. Das mächtige Gebäude mit seiner barocken Fassade zu den Linden hin, in dessen Obergeschoss die Königliche Akademie ihren Sitz hatte, erstreckte sich im ausgedehnten Geviert neben der Universität bis hin zu den weniger prächtigen Bauten in der verlängerten Dorotheenstraße und war von Gontards Quartier aus bequem mit wenigen Schritten zu erreichen. Mehrmals hatte Gontard versucht, seinen Hengst Waldemar in dem so günstig gelegenen Stall unterzubringen, war jedoch an den rigiden Bestimmungen gescheitert. Nur Prinzen und Hofschranzen von Geblüt sowie wenigen auserwählten Eximierten, also über das gemeine Volk Erhabenen, wurde das Einstellen ihrer Reit- und Kutschpferde gestattet. Dass ausgerechnet sein Kollege und erklärter Widersacher Aemilius von Elster, genannt von Streyth, zu diesen Bevorzugten gehörte, hatte ihn von jeher geärgert, aber gerecht ging es nun einmal nicht zu in dieser Welt - und schon gar nicht in Preußen.

Der Oberst-Lieutenant von Streyth, dessen Namen der wortkarge Rittmeister als Opfer eines blutigen Vorfalls im Marstall genannt hatte, gehörte wahrlich nicht zu jenen Personen, denen Gontard besondere Sympathie entgegenbrachte. Vier Jahre zuvor, in ebenjenem Hoffnungsherbst nach dem Tode von Friedrich Wilhelm III., war Gontards junger Freund und Kollege, der hoffnungsvolle Wissenschaftler Gebhardt Heidenreich, das Opfer einer unsinnigen Mordtat geworden, und beinahe hatte es ausgesehen, als wäre der starrsinnige alte Militär von Streyth nicht ganz unbeteiligt daran gewesen. Gemeinsam mit Kußmaul war es Gontard schließlich gelungen, den wahren Mörder zur Strecke zu bringen. Sein ohnehin gestörtes Verhältnis zu dem allseits wenig geschätzten Oberst-Lieutenant aber blieb dauerhaft getrübt und drückte sich in gegenseitiger Nichtbeachtung aus.

Von Streyth, dem nicht allein nach Gontards Urteil jegliche Befähigung zur wissenschaftlichen Lehrtätigkeit abging, dem man jedoch nicht von ungefähr eine höhere Gönnerschaft im Herrscherhaus nachsagte, war nach einem gut einjährigen Urlaub auf seinen ostpreußischen Gütern zur Überraschung aller wieder auf seine alte Stelle an der Artillerieschule zurückgekehrt. Nun verstreute er seine ebenso bescheidenen wie antiquierten militärischen Kenntnisse über die jeweilige schläfrige Zuhörerschaft. In letzter Zeit hatten sich die Stimmen gemehrt, die seine endgültige Entfernung von der Schule forderten. Lag es daran, dass im Jahre 1843 eine gewisse Persönlichkeit verstorben war, die bis dahin die schützende Hand über den Oberst-Lieutenant gehalten hatte?

Es hieß allgemein, von Streyth sei vor zwei Jahren nur auf den dringenden Wunsch seiner jungen Gemahlin in die Residenzstadt zurückgekehrt. Eine einleuchtende Annahme, wie Gontard fand, der insgeheim viel mehr als jeder andere über jene Melitta von Streyth wusste, die einmal seinem Freund Heidenreich sehr nahe gestanden hatte.

Das alles ging ihm durch den Kopf, während er im Sturmschritt an der Wache in der Charlottenstraße vorbei zum Hintereingang des Neuen Marstalls eilte. Über dem Gebäude erhob sich noch immer der Turm der alten Sternwarte, den man für optische Telegraphie benutzte. Gemeinsam mit Heidenreich hatte Gontard an einem elektrischen System gearbeitet, das inzwischen auch ohne ihr Zutun seinen Siegeszug angetreten hatte. Wieder einmal war der wissenschaftliche Ruhm an ihm vorbeigegangen. Zumindest konnte er sich mit seinen Erfolgen bei der Aufklärung von Mordtaten darüber hinwegtrösten.

Hatte ihn von Schnöden deshalb benachrichtigt? Niemand dachte bei einem Unfall im Stall an einen Mord. Nur hatte der Rittmeister von einer Pistole gesprochen, die jemand in der Hand gehalten habe - wer auch immer es sein mochte. Vergeblich hatte Gontard versucht, eine klare Auskunft zu erlangen. Die würde er nun hoffentlich finden.

Die vertrauten Ammoniakdüfte des Pferdestalls ließen ihn keinen Augenblick zögern. Eilends durchschritt er die Gänge, bis er vor einem Nebengelass eine Ansammlung von Männern gewahrte, während zwei abgerissene Gestalten gerade damit beschäftigt waren, auf einer Bahre einen mit einer groben Decke bedeckten Körper davonzuschleppen. Dem Umfang nach konnte es sich durchaus um den Oberst-Lieutenant handeln.

»Halt, halt!«, rief von Gontard, während er warnend die Hand hob. Und tatsächlich ließen die beiden ihre Last sinken und setzten sie ab, worauf jemand in ärgerlichstem Ton ihnen befahl, gefälligst ihrer Pflicht nachzukommen.

Gontard kannte diese Stimme. Er war dem Criminal-Commissarius Werpel bereits mehr als einmal begegnet, ja gelegentlich auch mit ihm aneinandergeraten. Werpel sah es höchst ungern, dass sich ein blutiger Dilettant, und sei es im königlich-preußischen Rock eines Majors der Artillerie, in seine amtlichen Angelegenheiten einmischte - und noch dazu mit Erfolg. »Der Mann ist tot!«, stellte der Criminal-Commissarius auch diesmal mit einer Endgültigkeit fest, die Gontard innerlich sofort gegen ihn aufbrachte.

»Daran zweifle ich nicht«, sagte der im Näherkommen.

»Dennoch würde ich gerne einen Blick auf die Leiche werfen.«

Immerhin zögerten die beiden mit der Bahre.

»Das ist wahrlich nicht nötig«, wandte nun der Herr von Schnöden ein und schüttelte sich. »Kein angenehmer Anblick, versichere ich Ihnen, und ich habe so manchen Toten gesehen.«

Er reichte von Gontard zu dessen Überraschung die Hand und drückte sie fest. »Gut, dass Sie gleich gekommen sind.« Er senkte seine Stimme. »Ein schrecklicher Tod, vom eigenen Gaul niedergemacht zu werden. Überdies droht die Angelegenheit eine unangenehme Wendung für unser Institut zu nehmen …«

Werpel, der wohl glaubte, sich gegenüber einem Major gewisse Freiheiten erlauben zu dürfen, war klug genug, einen hohen Stabsoffizier wie von Schnöden nicht zu verärgern. Er schlug die Hacken zusammen, was auf dem strohigen Untergrund des Stalls wenig Effekt machte, und erklärte stramm: »Ich verlasse mich auf die Absprachen mit dem Herrn Generalmajor!«

Von Schnöden nickte ihm gnädig zu und sagte halblaut zu Gontard: »Und ich verlasse mich ganz auf Sie und die diskrete Aufklärung dieser leidigen Angelegenheit, mein lieber Herr Major. Ich hoffe, es gelingt Ihnen, dem Täter auf die Spur zu kommen.«

»Ich werde mir die größte Mühe geben«, versprach Gontard, der noch immer keine Ahnung hatte, was hier wirklich vorgefallen war.

Der Generalmajor nickte noch einmal aufmunternd und sagte stirnrunzelnd: »Mir bleibt die traurige Pflicht, der Witwe die Unglücksbotschaft zu überbringen.« Damit wandte er sich zum Gehen.

Gontard, grüßend, versuchte, sich mit einem Blick eine gewisse Übersicht über die Lage zu verschaffen. Da waren einerseits die Leichenträger, die es aufzuhalten galt, und da war andererseits der Criminal-Commissarius, der sich zu dem Rittmeister gesellt hatte. Der wiederum stand an der Bohlentür eines abgeteilten Raumes.

Ruhe. Kirchner merkte, wie ihn das Verhör angestrengt hatte. Er hockte immer noch auf dem Schemel und kam sich vor, als hätte er ein Brett verschluckt. Dabei war der Polizist gar nicht mehr da.

Erst jetzt bemerkte er, dass er zitterte. Er musste nachdenken … Dazu würde er bald viel Zeit haben, wenn er in der Stadtvogtei saß. Aber würde er dort Ruhe finden? Wie viele Sünder saßen in so einer Zelle? Was hatten die anderen verbrochen?

Halt. Er hatte gar nichts getan. Allerdings gelang es ihm nicht, sich ein Zuchthaus voller Unschuldslämmer vorzustellen - schon gar nicht in Berlin. Manchmal, wenn er in der Dunkelheit durch die Straßen der Residenzstadt ging, fragte er sich bei manchen Leuten, wieso die frei herumlaufen durften. Wenn er es recht bedachte, wollte er lieber nicht daran denken, welche Art von Gesindel in der Stadtvogtei strandete.

Vielleicht sollte er einfach versuchen zu verschwinden. Aber wie? Aus der Kammer führte nur diese eine Tür, und er konnte nicht davon ausgehen, dass er nur den Türschieber zu betätigen brauchte, um hinauszuspazieren. Vor der Tür saß bestimmt eine Wache. Andererseits - wo blieb dieser Criminal-Commissarius? Hatte die Polizei ihn vergessen? Sollte er einfach die Tür öffnen und nachschauen?

Vielleicht war es besser, zunächst bei geschlossener Tür zu lauschen. Kirchner stand auf und schlich zu der aus groben Bohlen zusammengefügten Tür. Er legte das Ohr an das Holz und vernahm Stimmen. Da draußen sprachen Leute, eine Flucht kam also nicht in Frage. Er verstand kein Wort. Aber wenn er sein Ohr nicht an das Holz, sondern an den Schlitz der Schiebevorrichtung drücken würde …

Kirchner zögerte. Wenn plötzlich die Tür aufging und er daran klebte, wäre das sicher nicht geeignet, den Mordverdacht gegen ihn zu entkräften. Andererseits hatte der Polizist sich offenbar bereits festgelegt und hielt ihn für einen Verbrecher. Was also konnte er verlieren?

Er betrachtete den Schiebeknauf. Der stand mitten in der Fuge. Damit sein Ohr Platz an einer freien Stelle fand, musste er den Riegel ein wenig zur Seite schieben. Aber er durfte keine Geräusche verursachen.

Vorsichtig zog er an dem Riegel, Millimeter für Millimeter, bis genug Platz war. Dann presste er das rechte Ohr gegen den Schlitz.

»… ich denke, das haben Sie nicht zu entscheiden.«

Die Stimme kannte er. Kirchner überlegte, sicher kam er gleich darauf, wem sie gehörte.

»Ich gebe zu bedenken, sehr geehrter Herr Generalmajor, es handelt sich um Mord. Da ist es nun einmal meine Pflicht …«

»Ich trage die Verantwortung für die Angehörigen meines Instituts! Bei dem Lieutenant Kirchner handelt es sich um einen Studiosus der Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule. Er dient in der Armee des Königs und untersteht damit der Militärjustiz.«

Von Schnöden, der große Rektor persönlich - Kirchner wusste nicht, ob er sich über die Intervention des hohen Offiziers freuen sollte. Welch ein Aberwitz! Nur weil er einem in seiner Not schreienden Mann hatte helfen wollen, stand er im Blickpunkt der Polizei und eines Generals der preußischen Armee.

»Auch wenn es sich bei dem Verdächtigen um einen Studenten Ihrer Schule handelt, bleibt ein Mord ein Offizialdelikt.« Das klang fast nach Rückzug.

Von Schnödens Stimme schwoll dennoch leicht an.

»Criminal-Commissarius Werpel, machen Sie sich nicht lächerlich! Die Armee unseres Königs schützt keine Mörder. Und ich schon gar nicht. Oder wollten Sie das etwa behaupten?«

Der Criminalbeamte entgegnete nichts. Gerne hätte Kirchner jetzt das Gesicht Werpels gesehen.

»Nun also …« Von Schnöden beendete das Schweigen.

»Wir werden selbstverständlich dafür sorgen, dass Lieutenant Kirchner jeder Strafe zugeführt wird, die er verdient. Darauf haben Sie mein Wort als preußischer Offizier.«

Das hörte sich gut an, fand Kirchner. Die Stadtvogtei würde ihm erspart bleiben, zumindest vorerst.

»Und wenn ich Fragen an den Delinquenten habe?«

»Nun, mein werter Criminal-Commissarius, wir nehmen die zivilen preußischen Behörden ernst.« Von Schnöden klang wie ein Diplomat, der einem Gegner die Bedingungen eines Waffenstillstands diktierte. »Sie können in den Räumen unserer Einrichtung Ihre Ermittlungen in einem angemessenen Umfang durchführen. Und sollten Sie begründete Verdachtsmomente gegen einen Offizier vorbringen, dann stehen Ihnen selbstverständlich Örtlichkeiten für ein Verhör zur Verfügung.«

Der Polizist murmelte Worte, die Kirchner nicht verstand. Aber Werpel klang nicht glücklich. Es schien, als habe der Herr Criminal-Commissarius sich mit seiner Niederlage abgefunden.

Draußen näherten sich Schritte. Militärstiefel hallten auf dem Gang wie Hämmer. Es mussten mindestens zwei Personen sein.

»Vielen Dank, Herr Rittmeister, dass Sie sich die Mühe gemacht haben.« Generalmajor von Schnöden sprach weiter in einem hochamtlichen Tonfall. »Und schön, dass Sie auch gleich kommen konnten, Major von Gontard. Die Herren kennen sich?«

Von Gontard! Nun glaubte Kirchner tatsächlich an seine Rettung. Der Major gehörte nicht nur zu den beliebtesten Lehrern der Artillerie- und Ingenieurschule, es kursierten auch Legenden über Gontards Erfolge als privater Ermittler in Criminalfällen.

Kirchner hörte, wie die Männer sich begrüßten, Gontard mit einem freundlichen »Ich grüße Sie, Herr Criminal-Commissarius«, Werpel hingegen mit einem grimmigen »Ganz meinerseits, Herr Major«.

Mit einem Satz sprang Kirchner zurück. Gerade rechtzeitig, bevor die Tür aufging.

»Der Pistolenschütze!«, erklärte Werpel und wies mit einer dramatischen Geste auf den Uniformierten, der hinter der offenen Bohlentür stand. Die Gesichtszüge vermochte Gontard im Dämmerlicht des Stalls nicht zu erkennen.

»Einer Ihrer … Herren Studenten!«, sagte Werpel schneidend.

Unwillkürlich trat von Gontard einige Schritte näher.

»Kirchner!«, sagte er erstaunt. Alle Jahre wieder bereitete es einige Mühe, sich die Gesichter und Namen der Neuzugänge einzuprägen. Der Lieutenant Kirchner hatte ihm das durch sein lebhaftes Interesse an der Physik und durch mancherlei intelligente Fragen einigermaßen erleichtert. Und nun schien ausgerechnet dieser Musterschüler in den Tod von Streyths verwickelt!

»Ich bin keineswegs der Schütze, Herr Major!«, beeilte der sich allerdings zu erklären. »Ich habe lediglich die Waffe neben dem Toten aufgefunden.«

»Aber es ist geschossen worden?«

»Das nehme ich doch an. Möglicherweise hat ja der Herr Oberst-Lieutenant selber die Waffe …« Kirchner verstummte mitten im Satz.

Gontard maß ihn mit einem scharfen Blick. »Wo ist diese Waffe?«, wandte er sich an den Criminal-Commissarius.

Der entgegnete, indem er stolz auf die sichtbare Wölbung seiner Uniformjacke schlug, mit einem schiefen Lächeln: »Selbstredend beschlagnahmt, das Corpus Delicti!«

»Darf ich es sehen? Das heißt, nachdem ich vielleicht bei etwas besserem Licht einen Blick auf den Leichnam habe werfen können …«

Der Criminal-Commissarius rang mit sich, sah jedoch keine Möglichkeit, Gontards Verlangen schlichtweg abzulehnen. »Wir müssen ohnehin über den Hof«, sagte er streng und gab den Bahrenträgern ein Zeichen, ihre Last aufzunehmen.

Auf Gontards Wink hin schloss sich Kirchner ihnen an. Im Hof empfing sie die pralle Nachmittagssonne. Gontard hieß die beiden Träger die schäbige Bahre absetzen und schlug die grobe Decke zurück. Von Schnöden hatte nicht übertrieben. Es war wahrhaftig kein erinnernswerter Anblick, den der zerschmetterte Schädel von Streyths bot. Auch dem restlichen Körper hatten die Pferdehufe sichtbar zugesetzt. Schaudernd bedeckte Gontard den Leichnam wieder. »Sie werden den Corpus des Herrn Oberst-Lieutenant bitte gleich ins Anatomische Theater hinter der Garnisonkirche bringen!«, sagte er in einem Ton, der keine Widerrede zuließ. Achselzuckend hoben die Träger ihre Last an. Werpel wollte ihnen folgen, doch Gontard hielt ihn zurück. »Die Pistole«, erinnerte er den Criminal-Commissarius ebenso freundlich wie nachdrücklich.

Was Werpel daraufhin umständlich unter seiner Jacke hervorzog, erstaunte von Gontard dann doch. Pistolen waren gemeinhin fast unterarmlange Schießeisen, deren Technik seit der Erfindung des Perkussionsschlosses vielfach verbessert worden, deren Handhabung aber noch immer recht umständlich war. Hier allerdings handelte es sich um eine abgegriffene, gut handtellerlange Steinschlosswaffe, wie man sie kaum noch in Gebrauch fand.

»Was werden Sie damit tun?«, erkundigte sich Gontard, indem er die Pistole in seiner Hand wog.

Werpel blies sich förmlich auf. »Die Waffe ist das wichtigste Asservat in diesem Fall. Kommt es zum Prozess …« Mit einem grimmigen Blick auf Kirchner verzichtete er auf die zweite Hälfte des Satzes.

Der junge Lieutenant schien nicht sehr beeindruckt.

»Wie ich bereits ausführte, fand ich die Waffe neben dem Toten«, sagte er und blickte Gontard dabei offen ins Gesicht.

Nachdenklich betrachtete der noch einmal die Waffe.

»Die geht Ihnen nicht verloren«, sagte er in einem plötzlichen Entschluss zu Werpel. »Ich werde versuchen herauszufinden, wem sie gehört.«

Werpel, wohl eingedenk der Erfahrungen, die er bereits mit dem hartnäckigen Major gemacht hatte, beließ es überraschenderweise dabei. Gepresst brachte er nicht mehr hervor als »Ich hoffe, Sie informieren mich über alle Ihre Erkenntnisse!«. Er grüßte und stapfte davon.

»Und Sie zeigen mir jetzt, wo Sie die Pistole gefunden haben«, wandte sich von Gontard an Kirchner. »Am besten verfolgen wir Ihren gesamten Weg vom Eintritt in das Stallgebäude bis zum Ort des unglückseligen Ereignisses.«

»Jawohl, Herr Major!«

Gemeinsam betraten sie das Haus von den Linden her und schritten den verschlungenen Weg ab, bis Kirchner mit einer gewissen Unsicherheit schließlich an einer Stelle verharrte, an der zwei halbwüchsige Stallburschen damit beschäftigt waren, frische Streu auszubreiten. »Hier muss es gewesen sein.«

»Weshalb wird hier frisch gestreut?«, wollte Gontard wissen.

»War ja allet janz blutich«, entgegnete der Jüngere der beiden. Er mochte nicht älter als zwölf Jahre sein. »Ham Herr Major nich jeheert, wat hier passiert is?«

»Nee«, antwortete Gontard burschikos. Ihn interessierte, was man wohl im Stall über das Ereignis sagte. »Erzählt mal!«

Der Junge wollte zu einer längeren Tirade ansetzen, doch sein Kamerad gebot ihm Schweigen. »Es hat einer den Oberst-Lieutenant im Streit erschossen«, erklärte er wichtig.

»Du kanntest den Herrn Oberst-Lieutenant?«

Der Ältere, vielleicht fünfzehn Jahre alt, zögerte. »Nicht so genau«, sagte er unbestimmt.

Der andere ergänzte: »Der war imma janz schön streng …«

»Habt ihr ihn gesehen, als er zu seinem Pferd ging?«

»Nee, wir waren hinten in der Futterkammer.«

»Und was ist dann passiert?«

Der Größere hatte rötlich blondes Haar und eine Narbe über dem linken Auge. Er sagte: »Na, wahrscheinlich wollte einer dem Oberst-Lieutenant das Pferd wegnehmen, aber der Gaul ist ihm durchgegangen. Ist ihm scheinbar nicht gelungen, das Tier zu beruhigen.«

»Wie kann denn so etwas passieren? Kommt denn hier jeder ohne Kontrolle herein?«

Die Stalljungen sahen sich an. »Die meisten kennt man ja …« Das war alles, was ihnen dazu einfiel.

»Ihr habt also keinen Fremden bemerkt?«

Die beiden wechselten einen Blick und schüttelten den Kopf.

Gontard traute ihren Antworten nicht so recht. Er sah sich um. In weiter Entfernung führte jemand einen Schimmel zum Ausgang. »Waren hier die ganze Zeit über so wenig Personen anwesend wie jetzt?«, fragte er.

Die beiden guckten sich an, dann sagte der Ältere: »Ist heute so heiß, da bleibt es ruhiger.«

»Es heißt, es sei geschossen worden …«, sagte Gontard. Wieder sahen die beiden sich an, als müssten sie sich die Antwort gegenseitig bestätigen. »Hier knalltet öfter mal«, sagte der Jüngere, und der andere nickte.

»Aber einen Schuss, den kann man doch nicht überhören!«, beharrte Gontard.

»Da müssen Herr Major den Herrn Stallmeister fragen. Wir sind bloß für Streu und Wasser zuständig.«

Es war deutlich, dass die beiden zu keiner einleuchtenden Auskunft bereit waren. Dennoch fragte Gontard:

»Habt ihr irgendwas Auffälliges im Stroh gefunden? Aus Metall etwa?«

Die beiden schüttelten die Köpfe. »Wir haben erst mal alles mit Wasser gründlich gereinigt und dann zusammengekehrt.«

»Seid ihr noch nicht fertig, ihr faulen Säcke!«, tönte eine scharfe Stimme. Es war der Rittmeister. »Oh, Pardon!«, sagte er knapp, als er Gontard gewahrte.

Der lächelte ihm freundlich zu. »Ich versuche, mir ein Bild von dem zu machen, was hier geschehen ist«, sagte er.

»Haben Sie eine Erklärung?«

»Bedaure, nein. Kam erst hinzu, nachdem der Herr Lieutenant die Pistole bereits abgeschossen hatte.«

»Habe ich nicht!«, protestierte Kirchner. »Der Schuss war längst gefallen, als ich der Hilfeschreie wegen hier erschien!«

Gontard legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.

»Das klären wir alles«, versprach er. »Zeigen Sie mir mal, wo die Waffe lag und wo der Herr Oberst-Lieutenant sich befand!«

»Das arme Pferd nicht zu vergessen!«, ergänzte der Rittmeister ein wenig hämisch, bevor er sich umdrehte und verschwand.

»Und das Pferd«, sagte Gontard ruhig.

Kirchner wies auf die entsprechenden Stellen im Stroh. Gontard nickte und erkundigte sich ganz beiläufig:

»Wie standen Sie selber zu dem Herrn Oberst-Lieutenant von Streyth?«

Kirchners Antwort klang ein wenig steif. »Ich hatte keinerlei persönliche Berührung mit ihm. Ich meine, abgesehen von den wenigen Lehrveranstaltungen …«

»Gab es da nicht irgendeinen Einspruch seinerseits bezüglich gewisser optischer Versuche, die Sie unternehmen?«

Gontard schien es, als errötete Kirchner. Aber im Halbdunkel war das nicht wirklich zu erkennen.

»Ich hatte keinerlei persönliche Auseinandersetzung mit dem Herrn Oberst-Lieutenant«, sagte Kirchner reserviert.

Zwei

Der Major von Gontard war geneigt, es eher als ein außergewöhnliches und auffallendes Zusammentreffen denn als einen Zufall zu betrachten, dass ausgerechnet ihm die Aufklärung der Todesumstände des Oberst-Lieutenants Aemilius von Elster, genannt von Streyth, übertragen worden war. Möglichst rasch sollte er Klarheit in den Fall bringen. Deshalb hatte er sich nicht damit aufgehalten, vom Marstall aus noch einmal in seine Mietwohnung in der Dorotheenstraße heimzukehren, sondern war spornstreichs zum Gensdarmen-Markt geeilt, um endlich seinen Freund Kußmaul zu treffen - und ihn wieder einmal um seine medicinische, in diesem Fall pathologische Hilfe zu bitten.

Doktor Friedrich Kußmaul, als praktizierender Arzt an entsetzliche Krankheiten und plötzliche Sterbefälle gewöhnt, teilte Gontards erklärte Vorliebe für geheimnisvolle Todesfälle nur bedingt, war jedoch auch diesmal bereit, sich persönlich für eine gewissenhafte Obduktion des unter so fragwürdigen Umständen Dahingegangenen einzusetzen.

»Ein Einspruch der Familie ist nicht zu erwarten?«, erkundigte er sich sicherheitshalber. Gontards lange zurückliegende Bekanntschaft mit der jäh zur Witwe gewordenen Frau von Streyth war ihm noch in Erinnerung.

»Ich bitte dich!« Beinahe hätte Gontard mit seiner heftigen Handbewegung das zierliche Kaffeetässchen vom Tisch gewischt. »In der Residenz werden alle Unglücksleichen vorschriftsmäßig seziert. Weshalb sollte für unseren Oberst-Lieutenant eine Ausnahme gelten?«

Kußmaul wiegte sein Haupt. »Bei den höheren Ständen weiß man nie, wie weit der Einfluss reicht. Sprachst du nicht seinerzeit von einer gewissen Hand, die schützend über ebendiesem Herrn von Streyth schwebe?«

»Schwebte, mein Lieber, schwebte. Es handelte sich um niemand Geringeren als unseren Gebieter, den Prinzen August, Oberbefehlshaber der preußischen Artillerie …«

»… und letzten direkten Nachfahren Friedrichs des Großen«, ergänzte Kußmaul lachend. »Jetzt erinnere ich mich! Der Gute ist vor einem Jahr gestorben, nicht wahr?«

»Eben. Deswegen wäre die Laufbahn des Herrn Oberst-Lieutenant an unserer Artillerie- und Ingenieurschule ohnedies mit dem auslaufenden Semester beendet gewesen, und niemand hätte ihm eine Träne nachgeweint.«

Kußmaul gab dem bedienenden Markeur ein Zeichen, ihnen noch zwei Mokka zu servieren und dazu zwei Gläschen jenes herben Likörs, den er neuerdings bevorzugte.

»Das spricht natürlich gegen ein Attentat«, stellte er sodann nüchtern fest. »Wenn ihn jemand loswerden wollte, brauchte er doch nur die Zeit abzuwarten, oder?«

Gontard nickte zustimmend. »Allerdings passen die Pistole und der daraus abgegebene Schuss nicht so recht in dieses friedliche Bild.«

»Glaubst du, dieser Kirchner hatte Gründe, etwas gegen von Streyth zu unternehmen?«

Gontard seufzte. »Das eben gilt es herauszufinden. Immerhin halte ich Kirchner für intelligent genug, sich nicht mit einer just abgefeuerten Waffe in der Hand neben einer frischen Leiche erwischen zu lassen.«

»Na bitte! Und wenn es nun der Herr Oberst-Lieutenant höchstpersönlich und eigenhändig war, der die Pistole abfeuerte, um mit dem Ende seiner militärischen Laufbahn auch sein ruhmreiches Leben zu beschließen?«

»Nein, nein.« Gontard dachte einen Augenblick nach und schüttelte abwehrend den Kopf. »Da schätzt du den alten Zausel falsch ein. Er mag nicht besonders klug gewesen sein, aber zäh war er wie ungegerbtes Ochsenleder. Ein ehrpusseliger Soldat von altem Schrot und Korn, der sich zu wehren verstand und ewig Streit suchte. Der hätte sich allenfalls erschossen, wenn Prinz August höchstselbst es ihm befohlen hätte.«

Kußmaul hob das Likörglas. »Um den Prinzen ist es auffallend still geworden, findest du nicht?«

Nun war es an Gontard zu lächeln. »Meinst du, um uns wird man ein Jahr nach unserem Tod noch größeres Aufsehen machen?«

»Das meine ich wahrhaftig nicht!«

»Aber August war schließlich eine herausragende Persönlichkeit bei Hofe und beim Militär. Der letzte leibliche Neffe Friedrichs, der Bruder des unsterblichen preußischen Helden Louis Ferdinand … und der reichste Mann Preußens, vergiss das nicht! Dazu ein mehr als dutzendfacher Vater«, fuhr Gontard mit gedämpfter Stimme fort und sah sich dabei um. Im Roten Zimmer gab es immer den einen oder anderen mit langen Ohren. Gespräche über das gottgewollte Herrscherhaus der Hohenzollern waren allemal gefährlich.

»Ich sehe, du bist in deinem Element.« Kußmaul griente breit. »Zwar hast du die Maulfertigkeit deines dahingegangenen Freundes Heidenreich noch nicht erreicht, doch wirst du gewiss herausfinden, welcher Art Verknüpfungen zwischen dem dahingegangenen Prinzen August und seinem vom eigenen Pferd getöteten Günstling existierten.«

Gontard verstand die Anspielung nur zu gut. Doktor Gebhardt Heidenreich war nicht nur ein ebenso beredsamer wie begnadeter Physiker und Experimentator gewesen, sondern auch ein geradezu manischer Erforscher der Hohenzollern’schen Genealogie, in deren illegitime Verzweigungen er tiefer eingedrungen war, als es für seine Beziehung zu der späteren Frau von Streyth gut war.

»Da gibt es wenig Neues herauszufinden«, meinte Gontard in gedämpftem Ton. »Der Hof hat rechtzeitig dafür gesorgt, dass Augusts Nachkommen beim Erbe sämtlich leer ausgehen - darunter auch die stolze Melitta von Potzlow.«

»Ich sehe schon, du musst mir die Zusammenhänge noch einmal ausführlich erläutern.« Kußmaul erhob sich. »Leider warten meine Abendpatienten auf mich.« Er drückte Gontard die Hand und überließ ihm großzügig die Rechnung. »Du hörst von mir, sobald wir ein Ergebnis haben«, sagte er im Abgehen.

Gontard war ihm nicht böse. Dank der umsichtigen Verwaltung seines zwar ungeliebten, doch tüchtigen Schwagers erbrachte sein Gut in der Prignitz so viel Gewinn, dass er hier in der Residenz kein Leben in Armut führen brauchte. Dennoch wurde es allerhöchste Zeit, in Wutike wieder einmal nach dem Rechten zu schauen, seine Henriette in die Arme zu schließen, und sei es nur für zwei kurze Nächte, und den Kindern einige Stunden zu widmen. Sein erklärter Liebling, die kleine Luise, wurde acht und begann sich unter Henriettes Einfluss zu einer eigenwilligen jungen Dame zu entwickeln. Ferdinand hingegen, inzwischen zehn Jahre alt, schien eher dem ruhigen und besonnenen Naturell des Vaters zu entsprechen, dessen Zweifel sich mehrten, ob dem Jungen wirklich die stillschweigend vorgegebene Kadetten- und Offizierslaufbahn zuzumuten war. Es schien immerhin, dass auch in Ferdinand die väterliche Begabung für die Naturwissenschaften und die technischen Neuerungen schlummerte. Vielleicht würde er auf diesem Gebiet einmal die bescheidenen Leistungen des Vaters übertreffen. Eine militärische Karriere jedenfalls erschien Gontard unter den gegenwärtig trüben Verhältnissen in Preußen wenig erstrebenswert für den einzigen Sohn.

Gontards Entschluss stand demzufolge fest. Sosehr von Schnödens Aufforderung und das unerwartete Ableben von Streyths seinem Interesse an jeglichen rätselhaften Vorgängen entgegenkamen, er hatte nicht vor, diesem Ereignis das geplante Wochenende in Wutike zu opfern. Deshalb dachte er auch nicht lange darüber nach, ob von Schnöden bei der Erteilung seines Auftrags, der gemäß der Rangordnung ja eigentlich einen Befehl darstellte, den bereits bewilligten freien Sonnabend einfach vergessen hatte.

Adalbert Kirchner packte seine Unterlagen für den nächsten Tag in die Kartentasche. Er konnte die Augen kaum noch offen halten, so müde und zerschlagen fühlte er sich. Dennoch, die Tasche wurde am Abend gepackt, sonst würde er in der Nacht unruhig schlafen.

Beim Verstauen der Papiere kam Kirchner sich immer vor wie ein Primaner - und das, obwohl er auf die dreißig zuging. Dieses Gefühl verspürte er nur am Abend, wenn er den nächsten Tag an der Artillerie- und Ingenieurschule vorbereitete. Ansonsten unterschied sich das Studium in Berlin erheblich vom Schulbesuch in der schlesischen Provinz. Natürlich, das preußische Militär führte ein hartes Regime, die Schulleitung nahm es mit der Ordnung, der Pünktlichkeit und der Pflichterfüllung bei den Studenten sehr genau. Damit kam Kirchner, seit frühester Kindheit an eine strenge Erziehung gewöhnt, gut zurecht. Das übliche Studentenleben erschien ihm ohnehin kaum erstrebenswert, lieber lernte er und widmete sich in Ruhe seinen naturwissenschaftlichen Studien. Allein die Labore, die neuesten Instrumente und Geräte in Räumen, die so hell getüncht waren wie frisch gestärkte Hemden und so groß wie ein herrschaftlicher Salon! Kein Vergleich mit der Kammer, in der sein Vater die Medikamente seiner Apotheke mischte. Ganz sicher konnte Kirchner bei der Garnison in Breslau nicht so forschen wie hier. Im täglichen Dienst bei den Pionieren würde er kaum Zeit für seine Passion haben: die Optik.

Kirchner steckte eine letzte Papierrolle in die Tasche und stellte diese auf den Stuhl neben seinem Bett. Er schaute zu Bernward von Pragenaus Bett. Der Stubenkamerad schaffte es nur leidlich, seine Decke nach Vorschrift zusammenzulegen. Jeden Morgen beobachtete Kirchner die Hast, mit der Pragenau das Zeug zusammenraffte.

Die Tür wurde aufgerissen, und Bernward von Pragenau torkelte in die Stube. Die Bierfahne erreichte Kirchner, noch bevor Pragenau den Mund öffnete.

»Das ist gut …« Pragenaus Worte klangen so wacklig, wie sein Gang zwischen den Betten ausfiel. »Ich hatte Sorgen, du schläfst schon …«

Kirchner ärgerte sich, dass er nicht ein paar Minuten früher in sein Bett gekrochen war. Auch wenn er Pragenau gut leiden konnte - ein Feingeist war der nicht gerade.

»O Mann, ich sage dir … ich hatte heute ein Erlebnis! Das glaubt mir kein Mensch!« Pragenau lallte herum, schien aber entschlossen, ein Gespräch anzufangen. Das konnte ja heiter werden!

Der Stubenkamerad ließ seinen plumpen Körper auf den Stuhl fallen. Das Holz ächzte, hielt aber stand. Wenn er saß, sah Bernward von Pragenau wie eine zu groß geratene Maus aus - mit seiner spitzen Nase und dem Kopf, der übergangslos in den Bauch überzugehen schien. Im Schein der Ölfunzel, die kaum das durchs Fenster fallende Mondlicht verstärkte, wirkte seine Gesichtsfarbe ungesund und grau.

»Hörst du mir zu?«, lallte Pragenau.

»Erzähl mir lieber morgen von deinem Erlebnis! Ich hatte auch eines, ein ziemlich schreckliches sogar …«

Pragenau, der sein einziger wirklicher Kamerad hier an der Schule war, schien Kirchners Bemerkung aber eher lustig zu finden. »Ssiemlich schrecklich …«, artikulierte er mühsam. »Du meinst die Schule, stimmt’s?

»Es war im Stall. Aber wir müssen jetzt nicht darüber reden.«

»Im Stall!« Pragenau wieherte wie ein Pferd. »Aber ich sage dir, hinter dem Marstall …« Er machte eine wegwerfende Handbewegung und schüttelte heftig den Kopf.

»Nein, ich sage gar nichts …« Mit weit aufgerissenen Augen glotzte er Kirchner an. »Was war denn los im Stall?«

Ja, was? Wo sollte Kirchner anfangen? »Nun ja … Grani geht es gut.«

Pragenau guckte so verständnislos, als hielte Kirchner einen Vortrag über theoretische Physik. »Grani?«, fragte er gedehnt.

»Na, deinem Pferd.«

»Ich weiß, wie mein Pferd heißt …«

Es war hoffnungslos. Der Einstieg in ein vernünftiges Gespräch war wohl vorerst gescheitert.

Pragenau stützte seinen Kopf in die Hand und nuschelte: »Was ist denn Schreckliches in der Stadt passiert?«

Widerstrebend gab Kirchner Auskunft. »Es fiel plötzlich ein Schuss. Ein Pferd ging durch, und jemand schrie. Und als ich endlich hinzukam, war der Mann tot …«

Zugegeben, das war eine extrem verkürzte Darstellung der Geschehnisse und dennoch die Wahrheit.

»Ein Schuss?«, lallte Pragenau. Anscheinend wurde er immer blasser - oder ging das Öl in der Lampe aus?

»Ja, der Knall war nicht zu überhören. Ich bin sofort losgerannt, und dann fand ich den Oberst-Lieutenant in seinem Blut liegend … und neben ihm die Pistole.«

Pragenau stierte ihn an. Sein Mund stand offen.

»Mit dieser Waffe in der Hand hat mich dann der Rittmeister neben der Leiche von Streyths angetroffen«, ergänzte Kirchner.

»Von Streyth?« Für einen Augenblick schien Pragenau hellwach. »Du meinst, von Streyth ist erschossen worden?«

Kirchner zögerte. Darüber hatte er lange nachgedacht. Konnte er das bestätigen? War die Waffe noch warm gewesen? Er hatte sie am Griff aufgehoben und nicht auf die Temperatur geachtet. Der Criminal-Commissarius hatte behauptet, die Pistole sei kurz vorher abgefeuert worden, und zwar von ihm, Kirchner. Tatsächlich hatte es ja im Stall nach Pulver gerochen. Aber konnte das nicht auch von einer anderen Waffe herrühren? Hatte der Schuss überhaupt von Streyth getroffen? Kirchner schüttelte den Kopf und sagte: »Ich habe keine Ahnung.«

Pragenau starrte ihn an und wollte es nicht glauben.

»Du weißt es nicht?«, lallte er.

»Nein, ich kam zu spät. Und von Streyth … also sein Pferd … er war …« Nun begann auch er, wirr zu reden. Also erst einmal nachdenken! »Nun, das Pferd hatte mit den Hufen den Kopf getroffen. Der war nur noch Brei. Es war wirklich nicht zu erkennen, ob das Blut von einer Schusswunde stammte.«

Pragenaus Kopf rutschte von der Hand. Er konnte den Sturz gerade noch abfangen, bevor das Kinn auf den Tisch schlug. Kirchner fragte sich, ob sein Stubenkamerad die letzten Worte verstanden hatte. Pragenau wackelte mit dem Kopf, als wüsste er nicht genau, wohin er fallen sollte. Mit einem Ruck richtete er sich wieder auf und fragte mit schwerer Zunge: »Was war das denn überhaupt für eine Pistole?«

»Das war so ein kleines Ding. Keine Waffe, die im Heer benutzt wird, würde ich sagen.« Kirchner fiel auf, dass er nicht wusste, ob von Streyth je eine solche Pistole bei sich getragen hatte. Er erinnerte sich an die verdrehten Gliedmaßen, den zertrümmerten Kopf, die Uniform voller Blut … Aber war da eine Tasche für die Waffe gewesen? Er überlegte, aber vor seinem inneren Auge sah er immer nur das Blut - und die Pistole neben der Schulter. Hatte von Streyth selbst geschossen? Oder ein anderer die Waffe des Offiziers benutzt? Oder eine eigene Pistole mitgebracht? Er musste das mit Gontard besprechen. So schnell wie möglich …

Kirchner schaute zu Pragenau. In dessen Gesicht arbeitete nichts mehr, die Augen fielen zu. Der Stubenkamerad riss die Lider hoch und schloss sie gleich wieder. Sein Kopf plauzte auf den Tisch.

Am Freitagvormittag hielt von Gontard die vorgesehenen Lehrstunden zur Ballistik ab, einem Gebiet, das ihn der unabänderlichen Gesetze und der stets gleichbleibenden Beispiele wegen nicht sonderlich berührte, und gab sich dabei alle Mühe, nicht in ein ungebührlich rasches Zeitmaß zu verfallen. Den jungen Herren Studenten fiel es schwer genug, seinen Ausführungen zu folgen, zumal der von Streyth’sche Unglücksfall einige Unruhe an der Schule hervorgerufen hatte. Die Verbreitung der Nachricht, dass einer der Schüler in die Angelegenheit verwickelt war, hatte von Schnöden immerhin unterdrücken können.

Als von Gontard das Schulgelände durch den hinteren Ausgang zur Mittelstraße verließ, überfiel ihn die Junihitze wie eine warme Wolke. Wie so oft verfluchte er innerlich die strenge preußische Uniformordnung, in der den in Preußen herrschenden Temperaturen keinerlei Bedeutung zukam und die es ihm offiziell nicht einmal gestattete, die Kopfbedeckung zu lüpfen. Das tat er jetzt dennoch, während er die in der prallen Mittagssonne liegende Neue Wilhelmstraße entlangeilte und die Spree überquerte. Von dem schmutzig dahinströmenden Wasser stieg kein kühles Lüftchen empor.

Sein Hengst Waldemar stand im Stall der Tierarzneischule, und dorthin hatte er bereits am Morgen das schmale Reisegepäck befördern lassen. Ungesäumt konnte er also die Stadt sogleich über die Unterbaumbrücke in Richtung Spandau verlassen.

Staubig dehnte sich die Straße in der Mittagshitze gen Lietzow und Charlottenburg. Gerne hätte Gontard dem Hengst eine etwas geschwindere Gangart vorgegeben, doch durfte er ihn bei diesen Temperaturen nicht vorzeitig überanstrengen. Bis nach Wutike war es endlos weit, und es würden wahrscheinlich noch einige Jahre ins Land gehen, bis Eisenbahngeleise von der Residenz aus auch ins Nordwestliche führten. Immerhin lag dort Hamburg mit seinem Hafen. Nach Köthen im Anhaltischen fuhren bereits Züge, von wo aus sich Magdeburg, ja Braunschweig oder Leipzig und Dresden erreichen ließen. Selbst nach Stettin konnte man seit zwei Jahren von einer auf dem Gelände der Scharfrichterei angelegten Station aus reisen, und der Frankfurter Bahnhof lag sogar innerhalb der Berliner Stadt- und Akzisemauer. Wie lange würden sich solche künstlichen Absperrungen der Städte und des Handels noch halten?

Nachdem Spandau mit dem einzigen Havelübergang hinter ihm lag, gab Gontard der sengenden Sonne endgültig nach, knöpfte den dunkelblauen Uniformrock auf und lockerte die Halsbinde. Die vorgeschriebenen weißen Lederhandschuhe hatte er längst in die Tasche geschoben und die Dienstmütze am Sattelknopf befestigt. Noch schützte ihn sein dichter Haarschopf vor der Sonne. Immerhin war er glücklich, nicht mehr den hohen Tschako tragen zu müssen und dazu die beengende Litewka der alten Uniform mit den flatternden Frackschößen. Der neue, halblange Waffenrock, seit einem Jahr allgemein vorgeschrieben, war um einiges bequemer. Was allerdings die gleichzeitig eingeführte Pickelhaube betraf, so fiel Gontards Urteil gespalten aus. Wie praktisch diese Haube aus gebranntem Leder mit dem abgerundeten Vorder- und Hinterschirm und den Metallbeschlägen in der Schlacht auch sein mochte - bei der Parade oder sonstigen dienstlichen Verpflichtungen fühlte er sich nicht sonderlich wohl unter dem wehenden Rosshaarbusch, der die keck aufragende Artilleristen-Kugel schmückte. Bei Infanterie und Kavallerie handelte es sich um eine regelrechte Spitze wie bei einer altertümlichen Waffe.

Die Uniform, ja überhaupt die gesamte Montierung waren etwas, das einen in dieser Hinsicht gewissenhafteren Offizier als Gontard pausenlos beschäftigen konnte und überdies ins Geld ging. Mancher seiner Kameraden verbrachte mehr Zeit beim Schneider und in den einschlägigen Uniformläden als Gontard beim Lehrbetrieb an der Artillerieschule. Ihm genügte eine verhältnismäßig spartanische Ausrüstung, zu der gehörte als einzige Waffe der Löwenkopfsäbel in der eisernen Scheide, dessen Griff mit derber Fischhaut überzogen und mit einem vergoldeten Bügel geschützt war. Eine Pistole zu tragen wäre Gontard nie in den Sinn gekommen. Mit derartigen Waffen wurden allenfalls verbotene - und doch immer wieder stattfindende - Duelle ausgetragen, weshalb Pistolen häufig gleich paarweise in entsprechenden Kästen angeboten wurden.

Gontard, täglich mit den schweren und schwersten Kalibern von Schusswaffen beschäftigt, hielt solche Waffen schlichtweg für zu sperrig und umständlich im Gebrauch - jedenfalls solange sich die jüngsten Erfindungen der Hinterlader samt Perkussionsschloss noch nicht durchgesetzt hatten. Eine Steinschlosspistole wie die im Marstall gebrauchte war wohl tatsächlich eher zum Erschrecken eines Pferdes denn zu einem Mord geeignet.

Schade, dass er nicht dazu gekommen war, seinem Freund Kußmaul das Spielzeug zu zeigen. Dem, obwohl kein Freund von Feuerwaffen, wäre möglicherweise an der Pistole das eine oder andere besondere Merkmal aufgefallen. Welche Rolle die Waffe beim Tode Streyths wirklich gespielt haben mochte, würde hoffentlich die Obduktion ergeben.

In der glühenden Sonne des späten Mittags und so weit außerhalb der Stadt hielt sich der Verkehr auf der mäßig gepflegten Kunststraße in erträglichen Grenzen. Weit vor ihm wirbelte eine sechsspännige Kalesche eine gewaltige Staubwolke auf. Gontard verspürte wenig Lust, sich dem Gefährt zu nähern und es zu überholen. Der ruhige Trab des Hengstes ließ ihm genügend Zeit, über von Streyths Ende nachzudenken, wobei in ihm der Gedanke an von Schnödens Order eine leichte Unruhe hervorrief. Was, wenn sich in den nächsten Tagen in dieser Angelegenheit doch das eine oder andere ergab, der übereifrige Criminal-Commissarius Werpel eine unerwartete Aktivität entwickelte oder der Verdächtige Kirchner gar die Flucht ergriff? Nein, das hielt Gontard dann doch für gänzlich ausgeschlossen. Ein preußischer Offizier vom Schlage Kirchners entzog sich nicht auf so ehrlose und billige Weise seiner Verantwortung! Abgesehen davon ging Gontard trotz der eigentümlichen Situation, in der man den jungen Lieutenant angetroffen hatte, vorerst nicht von dessen Verantwortung oder gar Schuld aus.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, von Schnöden allein das Überbringen der Trauerbotschaft zu überlassen. Er versuchte, sich an Melitta von Streyth zu erinnern, sah ihre hohe, schlanke Gestalt vor sich, vermochte aber im Augenblick kein Gesicht damit zu verbinden. Hatte er nicht geglaubt, Prinz Augusts Züge in den ihren wiederzuerkennen? Nach allem, was er damals erfahren hatte, bestand kein Zweifel daran, dass sie zu den illegitimen Töchtern der umtriebigen Königlichen Hoheit gehörte, über dessen Unersättlichkeit im Umgang mit Frauen überall in Preußen hinter vorgehaltener Hand geredet wurde.

Der Prinz, eine eindrucksvolle Gestalt mit schlohweißem Haar und großem Charme und in Berlin so etwas wie ein volkstümliches Original, war über drei Jahrzehnte lang bis zu seinem Tode Kommandeur der preußischen Artillerie und Kurator der von ihm begründeten Vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule geblieben, gefürchtet wegen seiner strengen Inspektionen und seiner Prüfungen, beliebt jedoch bei Mannschaften und Offizieren.

Jedermann in Preußen wusste, dass es sich bei dem 1779 im Schloss Friedrichsfelde geborenen Prinzen August um den letzten Spross aus der Hohenzollern-Generation Friedrichs des Großen handelte. Er war ein Sohn von dessen jüngstem Bruder Ferdinand, der seine und Friedrichs Nichte Anna Luise von Brandenburg-Schwedt geheiratet hatte. Augusts unvergessener Bruder Louis Ferdinand war 1806 auf dem Schlachtfeld den Heldentod für Preußen gestorben und genoss noch immer allgemeine Verehrung.

Welch mutiger Kriegsheld und tüchtiger Artillerie-Inspekteur der Prinz auch war - seine Erfolge im Bett übertrafen die des Kriegers beiläufig um ein Beträchtliches. Bis an sein Lebensende mit fast 65 Jahren unverheiratet, jedoch mit einer 40 Jahre jüngeren Geliebten begnadet, hatte der wackere Kämpfer sich in mindestens zwei längeren Beziehungen ein Dutzend Mal im Fleische verewigt. Die zur Frau von Waldenburg geadelte Schwester der beiden Bildhauerbrüder Wichmann war die Mutter seiner ersten vier Nachkommen, von denen der Sohn Eduard im Mai 1807 in Soissons geboren worden, wohin Karoline Wichmann dem Geliebten in die französische Gefangenschaft gefolgt war, was den nicht daran hinderte, in Paris einer anderen feurig den Hof zu machen. Wenig später verfiel er seiner großen Liebe Juliette Récamier, die ihn über viele Jahre hinzuhalten wusste. Ende 1807 nach Berlin zurückgekehrt, rief ihn der König nach Königsberg, und dort, so wusste Gontard aus Heidenreichs nachgelassenen Notizen, begegnete er, nicht ohne Folgen, einer weiteren jungen Dame aus gutem Hause, die neun Monate später eine Tochter namens Melitta gebar.

Gontard verfügte über ein gutes Gedächtnis, und der staubige Ritt in der Nachmittagssonne bot ihm ausreichend Gelegenheit, sich die Einzelheiten in Erinnerung zu rufen. Gebhardt Heidenreich hatte nämlich herausgefunden, dass es sich bei Prinz August von Preußen wohl nur um einen vermeintlichen Sohn des 1813 dahingegangenen Prinzen Ferdinand handeln konnte. Dieser Ferdinand, jüngster Bruder des unsterblichen Friedrich und nur angeblich nicht von ähnlicher Abneigung gegen das weibliche Geschlecht befallen wie der und beider Bruder Heinrich, hatte als 25-Jähriger die acht Jahre jüngere Tochter seiner und Friedrichs Schwester Sophie geehelicht.

Prinz Ferdinand stieg so rasch zu militärischen Ehren auf, wie es einem leiblichen Bruder des Herrschers zustand, musste jedoch die Armee des ruhmreichen F II. als 28-jähriger Generalmajor wegen, wie es hieß, »schwächlicher Leibesbeschaffenheit« verlassen. Fortan führten er und seine junge Frau Luise in Friedrichsfelde, Rheinsberg und im eigens erbauten Lustschloss Bellevue ein eher zurückgezogenes Leben. Nach sechs Jahren Ehe wurde 1761 eine Tochter geboren, der ab 1769 in schooner Regelmäßigkeit sechs weitere Kinder folgten, von denen nur der Jüngste, eben der Prinz August, ein höheres Alter erreichte, während Preußens Kriegsgott, der ältere Bruder Louis Ferdinand kaum 34-jährig in der Schlacht bei Saalfeld sein ruhmreiches Ende fand.

Die kluge Luise wusste sich anscheinend über die schwächliche Leibesbeschaffenheit ihres Angetrauten hinwegzusetzen. Dessen hochgewachsener Adjutant, Preußens hochgeschätzter Kartograph August von Schmettau, fünf Jahre jünger als Luise, galt insgeheim als der Vater mindestens ihrer sechs jüngeren Kinder.

Deren Onkel Louis Ferdinand, ein Bild von einem Mann, sechs preußische Fuß groß und blond gelockt, war ein tapferer Militär und noch dazu ein begabter Komponist und Musiker, der leider gegen Ende seines kurzen Lebens dem Alkohol verfiel und täglich ein Dutzend Bouteillen Champagner trank. In Berlin hatte er im Salon der Rahel Varnhagen verkehrt, wo er auch seiner letzten Geliebten Pauline Wiesel begegnet war. Bereits als 16-Jähriger hatte Louis Ferdinand ein Fräulein von Schlieben geschwängert, bevor er später die Magdeburger Bürgerstochter Friederike Fromme kennen und lieben lernte. Sie gebar ihm zwei Kinder, Louis und Blanche genannt, die nach dem Heldentod des Vaters geadelt wurden und im Hause ihrer Tante Luise Radziwil aufwuchsen.

In jener für Preußen so verhängnisvollen Schlacht gegen Napoleon lieferte auch der junge Prinz August als Chef eines Grenadier-Bataillons Beweise höchster Tapferkeit. Erst in den Sümpfen nördlich von Prenzlau geriet er in französische Kriegsgefangenschaft.

Zwei Jahre später reformierte und kommandierte er als Generalmajor Preußens Artillerie. Doch nicht diese Tätigkeit, die der scharfäugige Inspekteur später über Jahrzehnte überaus gewissenhaft ausübte, hatte Heidenreichs Interesse erweckt, sondern die zahllosen Affären, die sein Auftreten immer wieder begleiteten. Bei seinem Aufenthalt in England war die englische Thronfolgerin Charlotte in Liebe zu ihm entbrannt. In Wien traf er am Rande des Congresses neben Wilhelmine von Sagan, geborene Prinzessin von Kurland, die exzentrische englische Schönheit Lady Emily Rumbold. War es Zufall, dass seine bald danach in Berlin geborene Tochter den Namen Emilie erhielt, während es ihn schon wieder zu Juliette Récamier nach Paris zog?

Noch im Nachhinein erstaunte Gontard die Akribie, mit der der Freund Heidenreich dem vielfältigen Liebesleben Augusts nachgegangen war, dessen Liaisons mit bürgerlichen Frauen mindestens zwei neue preußische Adelsgeschlechter begründet hatten.

Nach der Trennung von Karoline Wichmann teilte der Prinz sein privates Leben mit der achtzehnjährigen Auguste Arend, der Tochter eines jüdischen Geldverleihers. Sieben Kinder, darunter drei Söhne, entsprossen der vierzehn Jahre andauernden Verbindung. Standesgemäß wurden Auguste und ihre Kinder mit dem Namen »von Prillwitz« geadelt. Davor und dazwischen kam es immer wieder zu neuen Affären. 1826 bezichtigte ihn eine Siebzehnjährige, der Vater ihrer Tochter Agnes zu sein. August bestritt es nicht, versuchte jedoch, die fällige Entschädigung herunterzuhandeln, bis sich das dafür zuständige Königliche Pupillenkollegium einmischte. Die junge Mutter erhielt schließlich fünfhundert Taler und monatliche Alimente für das geistig unterentwickelte Kind, wie Heidenreich herausgefunden hatte. Eine Frau Schlesinger, geborene Arend, bezog für ihren im September 1830 geborenen Sohn Rudolf eine jährliche Zahlung von sechshundert Talern.

Bald nach der Geburt seiner jüngsten Tochter Clara von Prillwitz hatte der Prinz seine Liebe zu Emilie von Ostrowska entdeckt, der anmutigen Tochter eines verwitweten polnischen Grafen. Er mietete für die Fünfzehnjährige eine Wohnung in der Leipziger Straße und besuchte sie dort regelmäßig. Sechs Tage nach seinem 59. Geburtstag gebar ihm Emilie eine weitere Tochter, die auf den Namen Charlotte getauft wurde. Von dieser kindlichen Halbschwester und ihrer Mutter hatte Melitta von Streyth Gontard berichtet, als sie ihn nach Heidenreichs Ableben aufgesucht hatte.

Nun war es an ihm, der Witwe seine Aufwartung zu machen und ihr seine Anteilnahme auszusprechen - ein nicht sonderlich angenehmer Gedanke, der gut zu den schwärzlich drohenden Wolken passte, die sich am nordwestlichen Himmel vor ihm aufzutürmen begannen. Waldemar schien das Unheil zu spüren und fiel in schnelleren Trab. Dennoch schaffte es Gontard nicht, das Städtchen Friesack zu erreichen, bevor das Gewitter losbrach.

Über dem Thiergarten brütete die sonntägliche Mittagshitze. Die Spaziergänger versuchten, unter den Kronen der Bäume zu bleiben, im Schatten ließ sich der Junisonntag ertragen. Adalbert Kirchner schlenderte mit der Sonne im Rücken durchs Grün. Er hatte das Brandenburger Thor ein paar hundert Meter hinter sich gelassen, und vor ihm ließ langsam das Gedränge nach.

Endlich Ruhe. Vergeblich versuchte er schon die ganze Zeit, die Erinnerungen an den zertrümmerten Kopf des Oberst-Lieutenants loszuwerden. Er hatte kaum geschlafen, in der Schule gelang es ihm nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Verstohlen hatte er sich aus dem Labor geschlichen und behauptet, er müsse in der Königlichen Bibliothek etwas nachschlagen.

Eine Familie kam ihm entgegen. Die Frau trug ein Kleid der neuesten Wiener Mode. Die fassonierte Seide war mit Spitzen besetzt, die gerafften Ärmel ließen die Arme kräftig aussehen. Kirchner fand das nicht besonders hübsch - und der Hut mit der angesteckten Feder erschien ihm nachgerade albern. Aber so etwas musste die Frau von Welt in der Residenzstadt wohl anziehen. Auch die Kinder waren in feinen Stoff gehüllt, während die Kleidung des Vaters eher nüchtern ausfiel. Der Anzug war ziemlich neu und saß korrekt, aber es sah aus, als führe der Mann Buch über die Kosten jeder einzelnen Naht. Vielleicht war er ein Beamter in der Kämmerei.

Kirchner überholte eine Gruppe von Infanteristen in Uniform. Die vier unterhielten sich in obszöner Weise über Mädchen, prahlten laut mit Abenteuern. Ihre Milchbärte ließen Kirchner vermuten, dass die Angeberei und die Geschichten nur der Phantasie entsprangen. Aber war er selbst viel reifer? Genau betrachtet waren seine Erfahrungen mit Frauen dürftig.

Er beschleunigte seine Schritte, um Abstand von den Soldaten zu gewinnen. Sofort lief ihm der Schweiß übers Gesicht. Kirchner nahm den Helm ab, zog sein Taschentuch aus der Hose und tupfte sich die Stirn ab. Vor ihm lag eine Weggabelung. Er hörte, wie die Soldaten hinter ihm über ihren Weg diskutierten und schließlich entschieden, nach links abzubiegen. Also wandte sich Kirchner nach rechts. Da vorn floss die Spree am Rande des Thiergartens, eine schöne Ecke, augenscheinlich derzeit nicht sehr belebt. Gut so, denn Kirchner suchte Ruhe, wollte seine Gedanken sammeln.

Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, weil Pragenaus Schnarchen durch die Stube dröhnte - und wenn er doch eingenickt war, weckten ihn die Schreie in seinen Träumen gleich wieder auf. Dieses mörderische Quieken, er glaubte es jetzt schon wieder zu hören …

Nein, da war etwas anderes. Die Tonhöhe - das klang viel schriller als im Marstall. Und die Laute kamen von vorn, von der Spree herüber und nicht aus seinem Kopf.

Kirchner rannte los. Schon wieder!, dachte er. Er schwitzte immer mehr. Trotzdem lief er noch schneller. Er hörte keine Worte, er konnte das Quieken nicht einordnen. Das war bestimmt kein Mensch, dachte er erleichtert.

Der Weg endete an einer Spreewiese, und dort stand eine ältere Dame am Ufer und fuchtelte mit den Armen - mit offenem Mund, aber ohne ein Wort zu sagen. Ein Fellknäuel trieb vom Ufer weg und strampelte und kläffte. Kirchner lief noch schneller, warf die Pickelhaube ab. Den Waffenrock wurde er nicht so leicht los. Acht Knöpfe wollten geöffnet werden. Er zerrte am Kragen, am Revers, endlich bekam er den Rückenstoff zu fassen und warf das Kleidungsstück ins Gras. Jetzt nur noch die Stiefel! Er hüpfte, bis er sie los war. Mit Hose und in Hemdsärmeln stürzte Kirchner sich in die Spree.

Das Wasser war kühl wie ein Frühlingsregen, eine angenehme Temperatur. Erst jetzt merkte er, wie stark er geschwitzt hatte. Kirchner schwamm auf das Hündchen zu. Die Strömung war nicht stark, nahm aber gegen die Flussmitte zu. Sie reichte, um den Kläffer stromabwärts treiben zu lassen.

Also ab in die Mitte und hinterher! Sein Vater hatte ihm das Schwimmen in einem See im Riesengebirge beigebracht, aber seitdem hatte Kirchner kaum Gelegenheit zum Üben gehabt. Meter für Meter kämpfte er sich an das Tier heran. Aus der Nähe sah der Köter aus wie ein kleiner Dämon, japste beim Kläffen nach Luft, strampelte wie ein Besessener auf der Flucht vorm Exorzisten. Die spitzen Eckzähne schnappten beim Bellen. Also nicht ins Maul greifen!, dachte Kirchner.

Er umkurvte das Hündchen und griff in den haarigen Nacken. Der Kläffer zappelte in seiner Hand, Kirchner packte zu, so kräftig er konnte. Aus dem Quieken wurde ein Wimmern und dann ein Quengeln.

Kirchner schaute zum Ufer, er war ein ganzes Stück abgetrieben. Der Versuch, gegen die Strömung zurückzuschwimmen, erschien ihm aussichtslos. Mit dem freien Arm kam er kaum von der Stelle, und der Köter jaulte an der rechten Hand, den ließ er nicht wieder los. Er musste ans Ufer schwimmen und dann zu Fuß zu Waffenrock, Stiefeln und Helm laufen, das war die einzige Möglichkeit. Einarmig bewegte sich Kirchner aus der Flussmitte weg, er kam sich vor wie ein Kutter, der gegen den Wind kreuzen muss. Aber immerhin, das Ufer kam näher, und er trieb kaum noch ab.

Auf der Wiese trappelte ihm die Dame entgegen. Sie trug ein Bündel unterm Arm. Nun, da Kirchner nur noch ein paar Meter zu schwimmen hatte, sah er die Details: Die Alte hielt seinen Waffenrock ordentlich gefaltet in der einen Hand, die Pickelhaube und seine Stiefel in der anderen. Schön, da blieb ihm der Weg zurück erspart. Er merkte, wie seine Kraft nachließ. Allmählich wurde der linke Arm lahm.

Kirchner tapste, als er schließlich Boden unter den Füßen hatte, die letzten Meter bis zum Ufer und hob den Kläffer aus dem Wasser. Das Quengeln wurde zum aufgeregten Gebell, es klang fast so, als halte er eine Krähe mit nassen Haaren in der Hand. Das Fell triefte genau so wie Kirchners Kleidung. Das Hemd hing an ihm, als seien Gewichte in den Saum genäht.

In den nassen Sachen war die Hitze angenehm, jedoch pikste es an den Füßen, da er nur auf Strümpfen lief. Kirchner setzte den Kläffer auf die Wiese. Das Tier schüttelte sich und flitzte zu der Alten. Die bückte sich, legte Waffenrock, Pickelhaube und Stiefel ab, nahm das nasse Tier in die Arme und kam damit zu Kirchner gelaufen - mit kleinen Schritten, aber schnell wie ein Wiesel, wackelte sie heran.

»Hach, junger Herr, Sie waren so mutig! Wie kann ich Ihnen nur danken?«

»Keine Umstände, meine Dame«, krächzte Kirchner. Er hatte das Gefühl, er müsse sich ausruhen. »Es ist alles in Ordnung.« Er lief noch ein paar Schritte und setzte sich auf der Wiese nieder.

»Wirklich? Ich muss doch etwas für Sie tun …«

»Sie müssen auf Ihren Hund aufpassen. Mir geht es gut.«

Das Tier strampelte in den Armen der Alten. Sie redete auf das nasse Knäuel ein.

Kirchner winkte und sagte: »Nun gehen Sie nur.« Dann ließ er sich rücklings ins Gras fallen und schloss die Augen.

»Sie sind ein guter Mensch.« Das war nicht die Alte, aber zweifellos gehörte die Stimme einer Frau.

Kirchner öffnete die Augen. Eine junge Frau, sie zählte vielleicht achtzehn Jahre und stand mit einem einfachen handbreiten Haarband in den brünetten Locken direkt vor der Sonne. Das Licht, das um ihren Kopf herum blendete, zeichnete die Konturen scharf. Er konnte die Gesichtszüge kaum erkennen. Stand die Frau schon lange da? War er eingenickt? Und wenn ja, für wie lange?

Er richtete sich auf. In einiger Entfernung tippelte die Alte mit dem Kläffer von dannen. Viel Zeit schien nicht vergangen zu sein.

»Ich habe eine Decke.«

Kirchner überlegte, ob er fror. Nein, kalt war ihm nicht. Das Hemd klebte an seinem Oberkörper, und die Hose, nass wie ein Schwamm im Badebottich, schnürte die Beine ein. Doch er fror nicht.

»Nein, danke, das ist nicht nötig … Aber vielen Dank!« Kirchner stand auf. Die nasse Kleidung beschämte ihn. War dieser Aufzug eines preußischen Offiziers würdig?

Die Frau trat einen Schritt zurück und sagte: »Ich hoffe, ich wirke nicht aufdringlich.«

Da bemerkte Kirchner, dass sie offenkundig ohne Begleiter weitab von den großen Straßen im Park war. So eine junge Dame, fast noch ein Mädchen … Nein, wie ein Mädchen sah sie bei näherer Betrachtung nicht aus. Sie war sehr schlank und hatte Rundungen nur dort, wo sie für Kirchners Geschmack hingehörten. Sie trug ein dunkles Kleid, dessen Schnitt die Taille betonte. Als er ihr ins Gesicht schaute, bemerkte er, wie ernst ihre Augen aussahen. Er fragte: »Sind Sie … allein hier?«

»Nein, bewahre, natürlich nicht!«

»Oh, ich bitte um Entschuldigung.«

Sie sah ihn an, und im Augenblick wich die Entrüstung in ihrem Gesicht einer Milde, die erwachsene Geschwister zeigen, wenn sie das Brüderchen bei einer Dummheit erwischen. Kein Mädchen mehr, eindeutig, dachte Kirchner.

Würdevoll sagte sie: »Mein Vater hat einen Bekannten getroffen, und sie unterhalten sich für eine Weile unter Männern. Er braucht sicher noch einige Zeit, bis er mich abholen kommt.«

Wäre es nach Kirchner gegangen, so durfte der Vater seine Unterhaltung in aller Ruhe führen. Er schaute über die Wiese. Nur ein paar Schritte entfernt lag eine Wolldecke ausgebreitet auf dem Rasen. Vermutlich hatte sie dort gesessen, als er das Hündchen der Alten gerettet hatte.

Er fragte: »Darf ich Sie zu Ihrer Decke geleiten, Frau …«

»Fräulein - Fräulein Tschech.« Die junge Frau senkte kokett den Kopf und nickte.

Kirchner überlegte, ob er so eine Bewegung auch hinbekommen würde. Nein, so etwas Entzückendes konnten nur Frauen machen. »Mein Name ist Kirchner, Adalbert Kirchner. Und meinen Arm biete ich Ihnen lieber nicht an. Sie würden nass werden.« Er wies ihr mit der rechten Hand den Weg, legte den Waffenrock über den linken Unterarm, nahm die Pickelhaube und … bemerkte, dass er immer noch keine Schuhe trug. Sollte er mit den nassen Strümpfen in die Stiefel schlüpfen? Oder die Strümpfe erst ausziehen? Oder barfuß laufen?

Fräulein Tschech nahm ihm die Entscheidung ab, indem sie die Stiefel aufhob und sagte: »Kommen Sie! Bis zur Decke wird es gehen.«

Sie liefen nebeneinander über die Wiese. Fräulein Tschech reichte Kirchner etwa bis zur Nase. Genau die Größe, die eine Frau haben musste, um sich an seine Schulter zu lehnen, dachte Kirchner. Schnell weg mit dem Gedanken - von Anlehnen, Umarmen und anderen Zärtlichkeiten waren er und die Frau neben ihm so weit entfernt wie ein Ochse von einem Universitätslehrstuhl. Und für den Augenblick fiel ihm auch nichts ein, was das ändern könnte. Die nasse Hose hing an ihm, als sei sie ein alter Lappen. Elegant sah das bestimmt nicht aus.

»Ich hatte auch einmal einen Hund. Eine Schäferhündin.« Sie schaute zu ihm auf. Ihre Augen waren braun wie Kastanien.

»Was ist mit Ihrem Hund?«

»Er ist tot.«

Warum stellte er so dumme Fragen? Als hätte die Vergangenheitsform in ihren Worten nicht genügt. Wie konnte er nur so grob sein?

»Olga hat wahrscheinlich den Umzug in die Residenzstadt nicht vertragen. In der Kleinstadt war sie glücklicher.« Fräulein Tschech schaute in den Sommerhimmel, träumte anscheinend von Hund und Provinz.

Kirchner biss sich auf die Zunge. Nur nicht gleich wieder eine so blöde Frage stellen! Doch sie sprach nicht weiter. Sie sah ihn nur an, als würde sie gern etwas sagen, aber traue sich nicht. Sie schwiegen. Was sollte er fragen, ohne sie noch trauriger zu machen? »Wo haben Sie mit Ihrem Hund gewohnt?« Das war sicher nicht die beste Frage, dachte Kirchner, aber immerhin beendete sie das Schweigen.

»Unsere Familie hat in Storkow gewohnt. Mein Vater war dort Bürgermeister. Es war eine glückliche Zeit. Die Felder, die Wiesen … Wir hatten ein schönes Haus mit einem großen Garten.« Fräulein Tschech lächelte beim Reden, als erlebe sie die Stunden gerade noch einmal. Dann kräuselte sie die Stirn und sagte: »Aber die Menschen … Es gab viele üble Neider. Deswegen mussten wir dort weg.«

Sie senkte den Kopf und schaute zu ihm. »Aber ich möchte Sie nicht mit meiner Vergangenheit langweilen …«

Wenn es etwas gab, das Kirchner in diesem Augenblick nicht verspürte, dann war es Langeweile. Ihr Mund sah zwar auch geschlossen hübsch aus - aber wenn sich die Lippen bewegten, konnte er kaum seinen Blick von ihnen lösen.

Sie hielt ihm die Stiefel hin, nur waren seine Strümpfe immer noch nass. Sie lächelte. Er schlüpfte in die Stiefel, es klang, als würde eine zahnlose Oma Kartoffelbrei schmatzen.

Wie konnte er sie wiedersehen? Was konnte er sagen, ohne aufdringlich zu wirken? »Bestimmt kommt Ihr Vater bald zurück.« Das war nicht das Richtige. Warum fielen ihm keine passenden Worte ein?

Sie nickte.

Er stand auf, hob Waffenrock und Pickelhaube auf, verbeugte sich und sagte: »Ich gehe oft im Thiergarten spazieren …« Eine Hitzewelle stieg von seinem Hals hinauf zum Kopf. Verstand sie seine Worte richtig, oder wirkten sie zu dreist?

Sie lächelte und machte einen Knicks. Kirchner drehte sich um und schritt in seinen durchnässten Hosen Richtung Stadt.

Drei

Unangenehmerweise begegnete Gontard am Montagmorgen zuerst seinem Director, dem Generalmajor von Schnöden, der ihm sicherlich anmerkte, was für ein anstrengendes Wochenende hinter ihm lag. Er hatte nicht mehr als zwei Stunden geschlafen, denn nach dem Gewitter, das ihn auf dem Weg nach Wutike aufgehalten und vollständig durchnässt hatte, war auch der lange Rückweg nicht ohne Hindernisse verlaufen, so dass er sein Heim in der Dorotheenstraße erst im Schein der hellen Morgensonne erreicht hatte. Leider war der Aufenthalt in Wutike weit weniger geruhsam ausgefallen, als Gontard erhofft hatte. Querelen mit dem Schwager gab es allemal, Henriette hatte sich allerdings diesmal auf dessen Seite geschlagen und damit eine Verstimmung hervorgerufen, die Gontard auch jetzt noch beschäftigte.

Von Schnöden gab sich ihm gegenüber so jovial wie immer, fragte jedoch selbstverständlich, wie denn der Stand der leidigen Angelegenheit von Streyth einzuschätzen sei, was Gontard dazu zwang, in unverbindliche Allgemeinplätze auszuweichen und sich mit dem noch ausstehenden Obduktionsergebnis herauszureden. Glücklicherweise genügte von Schnöden die Antwort, glaubte er doch die weiteren Untersuchungen bei Gontard in besten Händen.

Der, gezeichnet von den Strapazen der letzten Tage, hatte vorerst einmal eine Physiklektion zu halten, die ihm keine Zeit zur Besinnung ließ. Es ging um die Gesetze der Optik, ein Gebiet, auf dem der Lieutenant Kirchner schon mehrmals mit seinen vorzüglichen Einsichten geglänzt hatte, was Gontard zu einiger Vorsicht veranlasste. Sosehr er solchen Eifer schätzte, war es ihm dennoch nicht gleichgültig, wenn sich die Erkenntnisse der Schüler denen des Lehrenden überlegen zeigten. Für derlei Unterlegenheit war der Oberst-Lieutenant von Streyth bei seinem Train-Unterricht bekannt und wenig beliebt gewesen.

Kirchner schienen dessen Tod und die ungeklärte Rolle, die er selbst dabei gespielt hatte, so gehörig aufs Gemüt geschlagen zu sein, dass er sich heute auffallend still verhielt - so als berühre ihn der Unterrichtsgegenstand nicht mehr als die meisten seiner Kameraden, die sich dem schlecht getarnten Montagsschlaf hingaben. Gontard war lange genug an der Schule, um sich auch in dieser Hinsicht keinen Illusionen hinzugeben. Er war froh, wenn die Absolventen nach zwei Jahren wenigstens konkav und konvex zu unterscheiden wussten und Fokus nicht für ein journalistisches Modewort, sondern für den optischen Brennpunkt hielten.

So schleppte sich der Vormittag dahin, in den nach Süden gelegenen Unterrichtssälen trug die Sonne das ihre dazu bei, keine überflüssigen Aktivitäten aufkommen zu lassen. Gontard gab sich alle Mühe, der eigenen Mattigkeit nicht nachzugeben, zumal ihn der beständige Anblick von Kirchners Leidensgesicht zusätzlich in Unruhe versetzte. Drei Tage lang hatte er nicht das Geringste unternommen, um dessen Schuld oder Unschuld nachzuweisen - ein Pflichtversäumnis, wie er es sich üblicherweise nicht erlaubte. Auch die Gespräche der Kollegen, die mit von Streyth wahrlich kaum freundschaftliche Beziehungen unterhalten hatten, betrafen verständlicherweise dessen überraschendes Ende und gemahnten Gontard daran, seine Aufgabe endlich in Angriff zu nehmen.

Der Ritt nach Wutike und zurück hatte ihm ausreichend Gelegenheit geboten, sein Wissen über den allseits unbeliebten Oberst-Lieutenant noch einmal zu rekapitulieren und dabei auch den Gedanken ins Auge zu fassen, dass der möglicherweise das Opfer eigener Streitsucht geworden sein konnte. Nomen est omen, hatten schon die Lateiner gesagt, und von Streyth hatte diesbezüglich einen entsprechenden Ruf genossen. Eigentlich war ihm jedermann aus dem Wege gegangen, kaum jemanden verlangte es danach, etwas Privates über ihn und seine Familie zu erfahren - ausgenommen von Gontard, der vor beinahe vier Jahren eher zufällig hinter einige Mysterien der von Streyth’schen Ehe gekommen war.

Dabei musste Gontard zugeben, dass es in den letzten Jahren recht still um den alten Haudegen geworden war, wenn man von gelegentlichen Ausbrüchen gegenüber den Studenten absah. Sollten die junge Frau und die späte Geburt des Sohnes einen besänftigenden Einfluss auf ihn gehabt haben? Sich von Streyth als liebenden Vater vorzustellen fiel Gontard schwer. Er empfand sich ja selbst kaum als ein guter Vater, das Wochenende hatte ihm dies gerade wieder schmerzlich vor Augen geführt. Die spürbare Entfremdung von seiner Frau Henriette würde sich nach dem langen Sommerurlaub hoffentlich wieder geben. Luise jedoch würde nie mehr das kleine, anschmiegsame Ding sein, das er so liebte, und Ferdinands stillen und beharrlichen Trotz zu überwinden mochte noch viel Geduld erfordern.

Als Gontard endlich sein Pflichtpensum erledigt hatte, beeilte er sich, aus dem Haus zu kommen. Draußen jedoch empfing ihn nur die brütende Mittagshitze, die ihn ganz taumlig machte. Nein, so verschwitzt und derangiert, wie er sich fühlte, konnte er der Frau von Streyth unmöglich seinen Kondolenzbesuch abstatten, noch dazu zu dieser unpassenden Tageszeit. Da war es besser, er begab sich in seine Wohnung, machte sich frisch und ruhte ein Stündchen, bevor er sich, korrekt gekleidet, in die Taubenstraße begab. Von dort waren es dann nur ein paar Schritte zum Café Stehely, wo Kußmaul ihn vielleicht schon mit ersten Ergebnissen der Obduktion erwartete.

Leider hatte er die Rechnung wieder einmal ohne die ausufernde Redseligkeit seiner resoluten Wirtschafterin Minna Koblank gemacht. Madame Koblank, vermutlich zu Napoleons Zeiten aus dem Märkischen zugewandert, schien seit dem Tag ihres Dienstantritts beim Major von Gontard um keinen Tag gealtert. Möglicherweise wies ihre nachlässig frisierte Haartracht einige graue Strähnen mehr auf. Die blaue Kattunschürze, die ihren fülligen Leib umhüllte, war indes gewiss seit jeher dieselbe. Mit dem langen Staubwedel aus Hahnenfedern in der Hand musste sie umgehend ihren Fleiß beweisen.

»Na, da ham sich der Herr Major mal wieder so richtig abjehetzt, wie?«, begann sie ihre vorwurfsvolle Suada, kaum dass Gontard die Treppe erklommen, den Waffenrock von sich geworfen und sich auf seinen bequemsten Stuhl hatte fallen lassen. »So was is bei die Hitze kreuzjefährlich!«, mahnte sie, während er nur ergeben nickte. »Is denn zu Hause auf Ihrem Jut wenichstens alles jut?«

»Danke der Nachfrage«, antwortete Gontard schwach. Sie jetzt einfach aus dem Zimmer zu weisen, nachdem sie ihn drei Tage als Zuhörer hatte entbehren müssen, brachte er nicht übers Herz. Und in der Tat hatte sich bei ihr einiges angesammelt, was es zu klären galt.

»Wieso ham Sie denn mit kein Sterbenswort diese schreckliche Untat erwähnt, die sich im Marstall hat abjespielt? Wo doch der Tote sojar einer von Ihre Attlerieschule is, und die Mörder auch! Sie sind doch sonst hinter jedes Verbrechen her wie so’n katholscher Pfaffe hinter de Erbsünde!«

»Liebe Madame Koblank, es handelte sich mit größter Wahrscheinlichkeit lediglich um ein geradezu tragisches Unglück, dem einer meiner Kollegen zum Opfer gefallen ist. Wollte ich über jedes durchgegangene Pferd einen Disput mit Ihnen führen, dann …«

»Det könn’ Se wem erzähln, der keene Krempe am Hut hat!«, schnitt ihm Madame das Wort ab. »Es hat eine mächtje Schießerei jejeben! Dem armen Mann soll ja der halbe Kopp fehlen! Aber so was fällt wohl wieder mal unter die militärische Jeheimnistuerei, nich wah?«

Gontard rollte mit den Augen. Was auch immer er jetzt äußerte, Madame Koblank würde weitere Verdächtigungen und durch Hörensagen aufgebauschte Details daran knüpfen und sie in ihrer weitläufigen Bekanntschaft ausstreuen. Deshalb sagte er kurz entschlossen: »Sie haben recht. Die Angelegenheit berührt in der Tat dienstliche Obliegenheiten, und ich bin nicht berechtigt, Ihnen darüber Rede und Antwort zu stehen.«

Verdutzt starrte sie ihn offenen Mundes an. Einen solchen Ton war sie kaum von ihm gewohnt, wobei er sofort einlenkte und beinahe vertraulich hinzusetzte: »Sie täten gut daran, sich in Ihren Bekundungen ebenfalls zurückzuhalten …«

Das war eine Drohung, die sie gut verstand und sogar zu beherzigen gedachte, zumindest fürs Erste. Beinahe flüsternd erkundigte sie sich dennoch: »Aber Sie kenn’ natierlich die Mörder, nich wah?«

Gontard erhob seine Stimme: »Es gibt keine Mörder! Ist das so schwer zu verstehen? Der Herr Oberst-Lieutenant ist einem höchst bedauerlichen Unfall zum Opfer gefallen. Nur sicherheitshalber wird eine gründliche Untersuchung des Vorfalls stattfinden.«

»Ja doch, ja doch, hab’ ick ja allens verstanden.« Madame Koblank hob begütigend die Hand. »Und auch, dass alles janz jeheim bleiben muss, von wejen der Schießerei.« Theatralisch verschloss der Zeigefinger ihre Lippen. »Von mir kein weiteres Wort, da könn’ Sie janz sicher sein!«

Das war Gontard nun keineswegs. Was das gemeine Volk, zu dem man Minna Koblank und ihren ganzen Stand getrost zählen durfte, in Berlin verbreitete, entzog sich nun einmal auch den hartnäckigsten obrigkeitlichen Berichtigungsversuchen, die dank der herrschenden Zensur ohnehin stets zu spät kamen. Das konnte ihm gleichgültig sein, hätte er nicht den Verdacht gehegt, dass Minna Koblank sich bei der Verbreitung ihrer ausgeschmückten Darlegungen nur allzu gern auf seine Autorität berief.

Seufzend erhob er sich. Am liebsten wäre er jetzt hinüber zum Spreeufer in das Bad des Herrn von Winterfeld gegangen, wie er es am frühen Morgen öfter tat, aber dazu fühlte er sich zu zerschlagen, und die Zeit würde knapp werden. »Bringen Sie mir bitte frisches Wasser!«, forderte er Minna auf, die immer noch mit dem Staubwedel auf den Möbeln herumfuhrwerkte.

»Sie verbrauchen janz schön viel davon!« war alles, was sie entgegnete. Sie selber kam eher mit einem Minimum der Flüssigkeit aus, was Gontard durchaus einleuchtete, schließlich war sie es, die jeden Eimer an der Pumpe im Hof füllen und nach oben schleppen musste.

Schon wieder einer dieser Tage, an dem nichts klappen wollte - so ging das ständig seit jenem vertrackten Vorfall im Marstall. Das Bild des toten Oberst-Lieutenants ging Kirchner nicht aus dem Kopf - die Wunden, das Blut. Und dazu dieses Fräulein Tschech … Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren.

Im Labor kam er nicht voran. Die Negativ-Ablichtungen auf dem Jodsilberpapier zeigten nur verschwommene Bilder, sie wollten einfach nicht besser werden. Wenn er bis zum Ende seines Studiums keine Ergebnisse erzielte, könnte er nicht mehr das physikalische Labor in der Artillerie- und Ingenieurschule nutzen.

Er spazierte Unter den Linden entlang, erst in Richtung Stadt, bald darauf begab er sich aber wieder auf den Rückweg. Es war beinahe, als liefen seine Beine den Weg zum Thiergarten von allein, als würden sie von einem Magneten angezogen - von einer Kraftquelle, die sich dort am Ufer der Spree befand. Seit Tagen spazierte er dorthin, wann immer es das Studium erlaubte. Er ging langsam und betrachtete die Menschen, die ihm entgegenkamen oder ihn überholten. Manchmal erntete er böse Blicke. Vielleicht hielten die Passanten ihn für einen Zuträger der Politischen Polizei. Aber die meisten Leute auf der Straße beachteten ihn nicht. Schlimmer war, dass er sie nicht sah - Fräulein Tschech. Früh, mittags, abends so viele Gesichter, aber nicht das eine. Mied sie ihn?

Nein, das durfte er nicht denken! In Berlin lebten über 350 000 Menschen. Die Zahl war ihm nach den vielen Monaten in der Residenzstadt noch immer unvorstellbar. Seine Eltern trauten sich kaum nach Breslau, das kaum ein Drittel der Einwohner Berlins hatte. Und schon die Stadt an der Oder hielt Mutter für einen lärmenden Moloch. Vermutlich verging sie vor Angst, wenn sie an ihren Sohn in Berlin dachte. Über den Mordfall hatte Kirchner im letzten Brief auch kein Wort verloren. Mutter bräche zusammen, wenn sie davon wüsste.

Kirchner blieb auf Höhe der Neustädtischen Kirchstraße stehen und schaute auf die Menschenmassen: Familien, Paare, Geschäftsleute, Mägde beim Einkauf und dazu auf dem Pflaster Gespanne und Reiter - auf beiden Straßenseiten und dem Gehweg unter den Bäumen wimmelte es von Leuten. Und wenn er zum Pariser Platz schaute, wurden es immer mehr. Wie sollte er hier auf Fräulein Tschech treffen?

Er trottete weiter, er musste einen anderen Weg finden, an sie heranzukommen. Wenn er darauf baute, dass vor seinen Augen plötzlich das Haarband in den brünetten Locken auftauchte, liefe er sicher noch in ein paar Monaten in jeder freien Minute gen Thiergarten. Aber was sollte er auch tun, solange ihm nichts Besseres einfiel?

Kirchner blickte weiter umher - und konnte es kaum glauben: Haarband und Locken bogen keine fünfzig Meter entfernt in die Schadowstraße. Er begann zu rennen. Aus der Entfernung konnte er nicht sicher sein, dass es sich bei der Frau tatsächlich um Fräulein Tschech handelte. Aber dieser Gang! Auch die Größe passte. Und hatte Fräulein Tschech im Thiergarten nicht genau so ein Körbchen auf ihrer Decke stehen gehabt, wie diese Frau es jetzt in die Schadowstraße trug?

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22 декабря 2023
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9783955520328
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