Читать книгу: «Arztgeschichten der Bibel»

Inhaltsverzeichnis
Der Nächste bitte! – Vorwort
Der biblische Anfang der ärztlichen Zunft: Mose und der Schlangenstab
Regierende und ihre Krankheiten
Musiktherapie gegen eine königliche Depression – David spielt Harfe vor König Saul
Wasseranwendung gegen Aussatz? – Ein Minister und seine Ansprüche – Die Heilung des Syrers Naaman
Wenn das Amt krank macht – Gott erhört Hiskijas Gebet
Familientherapie in führenden Kreisen – Mirjams Erkrankung und Heilung
Im Kampf gegen den Tod
Intensivstation Dachkammer – Elija und der Sohn der Witwe
Lebenshauch – von Mund zu Mund – Elischa und die Frau von Schunem
Ein ganzes Volk in der Notaufnahme – Vision von der Wiedererweckung Israels
Wiederbelebung ohne Defibrillator – Die Auferweckung des Lazarus
Rettungssanitäter Paulus – Die Auferweckung des Eutychus
Chefarztvisite
Der mündige Patient – Fordernde Klage in großer Not
Beklagtes Leid – Unter der Last von Krankheit und Schuld
Verzweiflung auf dem Krankenbett – Gebet in Verlassenheit und Todesnot
Abgeschrieben – Gebet in Krankheit und Anfeindung
(Nicht) allein gelassen – Hilferuf aus Todesnot
Ein Hilfeschrei – Gebet in tiefster Not
Perspektivenwechsel – Rettung aus äußerster Verlassenheit
Wieder gesund!
Krankheit im Rückblick – Neu geschenktes Leben
Alle sollen es erfahren! – Dank und Gelöbnis
Wie neugeboren – Lob der unendlichen Güte Gottes
Lebenswende – Dank für Rettung aus Todesnot
Biblische Gesundheitstipps
Gesund durch positives Denken – Sirachs Gesundheitsprinzip
Alles mit Maßen – Gegen Völlerei und Trunksucht
Zurückhaltung beim Essen und Trinken – Sirachs Rat für Gäste und Gastgeber
Das Prinzip Lebensfreude – Kohelet rät zum dankbaren Genießen
Für den Fall der Fälle – Vom rechten Umgang mit dem Arzt
Die Daniel-Diät – Daniels Treue zu Gott wird belohnt
Krankheit als Prüfung Ijob
Die Hoffnung der Hoffnungslosen – Jesus als Heiler
Das Ende einer Odyssee von Arzt zu Arzt – Jesus heilt eine kranke Frau
Psychiatrische Behandlung mit unerwarteter Nebenwirkung – Der Besessene von Gerasa
Mehr als sehen – Jesus heilt Blinde
Kein Fall für Assistenzärzte? – Jesus heilt ein besessenes Kind
Fernheilung – Der Hauptmann von Kafarnaum
Wer heilt, hat Recht? – Jesus heilt einen Stummen
Praxis auch am Sabbat geöffnet – Jesus heilt eine verkrümmte Frau
Nicht mehr krankgeschrieben – Jesus heilt die Schwiegermutter des Petrus
Heilende Hände – Jesus heilt einen Taubstummen und einen Blinden
Krankentransport mit Hindernissen – Jesus heilt einen Gelähmten
Selbst schuld? – Jesus heilt einen Blindgeborenen
Halbgötter in Weiß? – Die Apostel und ihre Heilkunst
Heilung im Vorübergehen – Die Wundertaten der Apostel
Götter in Menschengestalt? – Paulus und Barnabas in Lystra
Unübertragbare Heilkraft – Die sieben Söhne des Skevas
Einfach magisch? – Heilungen durch Paulus’ Taschentücher
Gegen den Größenwahn – Paulus’ Stärke liegt in Christus
Ärzte zwischen den Fronten
Berufsverbot wegen Heilung – Petrus heilt einen Gelähmten
Geschäftsschädigende Gesundheit – Paulus treibt einen Wahrsagegeist aus
Konkurrenz auf dem Gesundheitsmarkt – Der Magier Simon wird zurechtgewiesen
Ein biblischer Arztroman: Das Buch Tobit
»Ich, der Herr, bin euer Arzt« – Nachwort
Reihe Biblische Taschenbücher
Impressum
Der Nächste bitte!
Vorwort
Wer geht schon gerne zum Arzt? Selbst die Zeit im Wartezimmer, bis man mit dem berühmten Satz aufgerufen wird, in den Behandlungsraum zu kommen, verbringt man doch meist mit einem eher mulmigen Gefühl. Man fragt sich, was bei der Untersuchung herauskommt. Ist man womöglich ernsthafter krank, als man glaubte? Oder wird die Behandlung unangenehm werden? Man hofft zwar das Beste, befürchtet aber das Schlimmste.
Und doch faszinieren uns Geschichten über Ärzte und ihre Patienten, über Krankheiten und deren Behandlung und Heilung. Da die meisten Leserinnen und Hörer (noch) gesund sind, bewirken Arztgeschichten einen wohligen Schauer. Die (noch) nicht Betroffenen können in einer mittleren Distanz bleiben und doch etwas an sich heranlassen, was sie morgen schon selbst treffen kann. Diesen Effekt teilen Arztgeschichten mit Katastrophen- und Kriegsliteratur.
Wer dagegen gerade selbst von einer Krankheit betroffen ist, kann sich mit den Figuren der Geschichten identifizieren und ihre Hoffnung auf Gesundung teilen. Faszinierend ist dann besonders, dass mit dem Arzt oder Heiler jemand auf den Plan tritt, der über ein höheres Wissen verfügt, ja, über eine vom Himmel kommende Kunst. Solche »Halbgötter in Weiß« begegnen uns hier in einer biblischen Frühform, obschon dieses Bild zugleich gebrochen wird: Ein rechter Arzt, wie die Bibel ihn schildert, lässt sich nicht auf diese Weise vergöttern.
Mit dem Buch Tobit besitzt die Bibel einen kompletten Arztroman, der die Leser auf eine Abenteuerreise mitnimmt. Es geht um das Finden der richtigen Medizin. Die Spannung rührt aus der Größe der Not und dem am Ende stehenden Wunder der Heilung.
Die biblischen Arztgeschichten sind vor etwa 2000 Jahren entstanden, also in vormoderner Zeit. Sie geben uns Einblick in die Lebenssituation von Menschen, die nur ganz bescheiden über medizinische Kenntnisse in unserem Sinne verfügten. Und doch begegnen uns durchaus modern anmutende Diagnosen und Therapien. Sie diagnostizieren depressive Verstimmungen und psychosomatische Syndrome, kennen aber auch Amtskrankheiten oder gynäkologische Störungen. Selbstverständlich kommen alle Formen körperlicher Gebrechen, aber auch schwere Formen psychischer Erkrankungen vor.
Die Bibel wendet sich diesen vielfältigen Krankheitsformen deshalb so intensiv zu, weil sie davon überzeugt ist, dass Heilung möglich ist. Sie stellt Krankheit und Heilung durchgängig in einen religiösen Bezugsrahmen. Der Arzt ist der von Gott Berufene, der in besonderer Vollmacht mit der Lebenskraft zu tun hat, die vom Schöpfer her den Geschöpfen innewohnt. Gott, der Schöpfer, verschließt sich den Bitten der Menschen nicht und sagt ihnen seine Hilfe zu. Heilung kommt aus der Beziehung zu ihm. Propheten und Apostel, allen voran aber Jesus Christus, stehen in einer besonderen Verbindung zu Gott und können darum heilen.
Bei den Therapieformen, die die biblischen Arztgeschichten schildern, wird ein sehr moderner ganzheitlicher Ansatz sichtbar. Der Mensch soll Gottes Zuwendung mit Leib und Seele erfahren: Gott tröstet die Seele und erquickt den Leib. So beschreibt die Bibel therapeutische Maßnahmen, die Seelsorge und somatische Medizin verbinden. Hier spielt besonders der Zuspruch der Vergebung eine Rolle. Aber auch vielfältige Formen von körperlicher Berührung und aufhelfenden Gesten bilden biblische Ansatzpunkte für das Heilungsgeschehen. Wir stoßen zudem auf Musiktherapie, Mund-zu-Mund-Beatmung, Wärmebehandlung und Kraftübertragung durch Nähe und Empathie. Wir erfahren etwas über Wundpflaster und begegnen einer frühen Form der Lehre über die gesund machende Wirkung des positiven Denkens.
Im Mittelpunkt biblischer Arztgeschichten steht aber zweifellos der geheimnisvoll anwesende Gott und – als seine menschlich erfahrbare Wirklichkeit – das Gebet. Das Gebet nimmt den Menschen hinein in das Gespräch mit Gott, dem Schöpfer und Erlöser. Die großen Ärzte der Bibel sind vollmächtige Beter. Daneben kennt die Bibel aber auch die Linie einer emanzipierten Heilkunst, weil jeder beten lernen kann und auf die Wirkung des Gebetes vertrauen darf.
Die biblischen Arztgeschichten geben manchen Einblick in einen durch Angebotsknappheit bestimmten Gesundheitsmarkt, in dem sich auch viele Scharlatane tummeln. Vor diesem Hintergrund wird die besondere Qualität der biblischen Heilkunst umso deutlicher sichtbar: Heilung kommt umsonst von Gott und wird umsonst weitergegeben. Und außerdem wirkt die eben geschilderte emanzipatorische Linie der Bibel radikal jeder Marktverknappung entgegen. Womöglich liefern die biblischen Arztgeschichten auch einen Beitrag zur Reform des Gesundheitsmarktes in unserer Zeit!
Der biblische Anfang der ärztlichen Zunft
Mose und der Schlangenstab
Das Symbol des ärztlichen Standes ist ein Stab, um den sich eine Schlange windet – der so genannte Äskulapstab. Äskulap ist der griechische Gott der Heilkunst und als »Eigentümer« dieses Stabes sozusagen das Ur- und Vorbild aller späteren Ärzte. Doch es scheint so, als sei das Symbol des Schlangenstabes in der Geschichte der Menschheit mehrfach »erfunden« worden. Auch die Bibel kennt eine Erzählung, in der es eine Rolle spielt. Der Protagonist dieser Geschichte ist Mose. Und da er in diesem Zusammenhang die erste biblische Person ist, die nachweislich in die Verlegenheit kommt, eine Heilmethode anwenden zu müssen, könnte man sagen, dass Mose der Vorfahr aller biblischen Ärzte ist.
Die Situation damals ist folgende: In der Zeit der Wüstenwanderung hat das Volk Israel durch seinen Ungehorsam eine von Gott geschickte Schlangenplage auf sich gezogen. Viele Menschen kommen durch giftige Bisse zu Tode. Reumütig wenden sich die Israeliten an Mose und bitten ihn um Hilfe. In einer Zeit, die weit davon entfernt ist, ein Antiserum gegen Schlangengift zu kennen, kann diese Hilfe zunächst nur in einer Fürsprache bei Gott bestehen. Von Gott selbst kommt dann die – für unser heutiges Empfinden eigenartige – Therapieverordnung: Mose soll einen besonderen Schlangenkult einführen. (4Mose/Numeri 21,4-9)
Als die Israeliten vom Berg Hor aus weiterzogen, wandten sie sich zunächst nach Süden in Richtung Schilfmeer, um das Gebiet der Edomiter zu umgehen. Aber unterwegs verlor das Volk die Geduld und sie beklagten sich bei Gott und bei Mose: »Warum habt ihr uns aus Ägypten weggeführt, damit wir in der Wüste sterben? Hier gibt es weder Brot noch Wasser, und dieses elende Manna hängt uns zum Hals heraus!«
Da schickte der HERR zur Strafe giftige Schlangen unter das Volk. Viele Israeliten wurden gebissen und starben. Die Leute kamen zu Mose und sagten: »Es war nicht recht, dass wir uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt haben. Leg doch beim HERRN ein Wort für uns ein, damit er uns von diesen Schlangen befreit!«
Mose betete für das Volk und der HERR sagte zu ihm: »Fertige eine Schlange an und befestige sie oben an einer Stange. Wer gebissen wird, soll dieses Bild ansehen, dann wird er nicht sterben!«
Mose machte eine Schlange aus Bronze und befestigte sie an einer Stange. Wer gebissen wurde und auf diese Schlange sah, blieb am Leben.
Die Geschichte spiegelt die zwiespältigen Gefühle wider, die Menschen wohl zu allen Zeiten Schlangen gegenüber empfunden haben: Sie fürchten die Schlangen, sind aber auch fasziniert von ihnen. Weil eine Schlange ihre Haut im Frühjahr abstreift, ist sie Symbol des sich selbst erneuernden Lebens; da ein Schlangenbiss Krankheit und Tod bringen kann, steht sie zugleich für das lebensbedrohliche Böse. In der biblischen Geschichte vom Sündenfall dominiert der negative Aspekt. Bei der von Mose aufgerichteten Schlagenskulptur kommt auch der positive zum Tragen: Ein Abbild oder Urbild des Bösen, in einen von Gott angeordneten guten Kultrahmen gestellt, verliert seinen Schrecken und wird heilsam, weil es nun eingefangen ist und der heilsamen Macht eines Größeren dienen muss. Gott stiftet so eine Heilsordnung, in der das Böse und sein Symbol integriert und damit überwunden wird. Der Äskulapstab kann ähnlich interpretiert werden. Im Neuen Testament erhält die Geschichte von der bronzenen Schlange eine neue, überraschende Deutung, und zwar im Johannesevangelium (Johannes 3,14-15): Die Erhöhung der bronzenen Schlange auf der Standarte weist voraus auf die Erhöhung Jesu am Kreuz. Wer auf Jesus den Gekreuzigten schaut, schaut auf das Heil gewährende, Leben schenkende Bild Gottes.
Regierende und ihre Krankheiten
Menschen, die in öffentlichen Ämtern stehen, dürfen eigentlich nicht krank werden. Sie sind unabkömmlich, werden jede Minute gebraucht. Aber gerade dieser Druck, der auf den Verantwortlichen in der Regierung lastet, kann sie für bestimmte Krankheiten besonders anfällig machen. Herzinfarkt, Magengeschwür oder Erschöpfungszustände sind nicht selten die stressbedingte Folge eines verantwortlichen Amtes. Auch zur Zeit der Bibel waren die hochgestellten Persönlichkeiten davor nicht gefeit. Doch damals wie heute genießen die VIPs der Gesellschaft auch besondere Vorteile, wenn es sie einmal erwischt hat. Erstklassige ärztliche Betreuung und kreative Therapieansätze, die nicht jedem geboten würden – einem König kommen sie natürlich genauso zu wie einem Bundeskanzler. Die biblischen Vorfahren der Privatpatienten werden exzellent versorgt – nicht zuletzt weil ihre Therapeuten einen direkten Draht zu Gott, der Quelle der Heilung, haben.
Musiktherapie gegen eine königliche Depression
David spielt Harfe vor König Saul
König Saul leidet. Der biblische Bericht verbindet die »private« Erkrankung des Königs mit der beginnenden Krise seines Königtums, in der die Amtsübergabe an einen Nachfolger näher rückt. Die Hofärzte diagnostizieren eine hartnäckige und wiederkehrende depressive Verstimmung als Ursache für Sauls Einbuße an Charisma. Nicht mehr der Geist Gottes beflügelt ihn, sondern ein böser Geist quält ihn und nimmt ihm die inneren Antriebskräfte. Der Therapievorschlag: Musik soll die Seele des Königs wieder erheben, sein Gemüt aufhellen und ihm neue Antriebskräfte geben, sodass er ein tatkräftiger König bleibt. Mit Einwilligung des Patienten – ein nicht unwichtiger Faktor für den Therapieerfolg zumal bei einer seelischen Erkrankung – wird ein geeigneter Musiker gesucht. Die Wahl fällt auf David, der die Harfe zu spielen versteht. Dass Musik eine unmittelbar hebende Wirkung auf die Stimmung des Menschen hat, gilt heute ebenso wie damals. David gewinnt als Musiktherapeut das Vertrauen des Königs und darf sich als sein persönlicher Waffenträger ständig in seiner Nähe aufhalten. Er ist stets mit seiner Harfe zu Stelle, wenn der nächste depressive Anfall über Saul kommt. Davids Harfenspiel macht Saul wieder fröhlich und zuversichtlich.
Die Bibel verbindet diese nahezu modern anmutende Diagnose und Therapie mit einer überraschenden theologischen Tiefendimension: Der Therapeut ist ausgerechnet der mit Gottes Geist ausgestattete zukünftige König David. Er gibt dem noch im Amt befindlichen König Saul Anteil an seinem Charisma, das ihm Gott verliehen hat. (1Samuel 16,14-23)
Der HERR hatte seinen Geist von Saul genommen und ihm einen bösen Geist geschickt, der ihn oft quälte. Da sagten seine Leute zu Saul: »Du weißt selbst, dass ein böser Geist, von Gott geschickt, dich immer wieder befällt. Sollen wir uns nicht nach einem Mann umsehen, der Harfe spielen kann? Du brauchst es nur zu befehlen! Wenn dann der böse Geist über dich kommt, kannst du dir etwas vorspielen lassen; das wird dich aufmuntern.«
»Ja«, antwortete Saul, »sucht mir einen guten Harfenspieler und bringt ihn zu mir!«
Einer von den jungen Leuten sagte: »Ich kenne einen: Isai in Betlehem hat einen Sohn, der Harfe spielen kann. Er stammt aus einer angesehenen Familie und ist ein tüchtiger Kämpfer. Er versteht, zur rechten Zeit das rechte Wort zu sagen, und sieht sehr gut aus. Der HERR steht ihm bei.«
Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: »Schick mir doch deinen Sohn David, der die Schafe hütet!«
Isai gab David einen mit Broten beladenen Esel, einen Schlauch Wein und einen jungen Ziegenbock für Saul mit. So kam David ins Haus Sauls und trat in seinen Dienst. Der König gewann ihn lieb und machte ihn zu seinem Waffenträger. Seinem Vater Isai ließ er sagen: »Lass David in meinem Dienst bleiben! Er hat mein Wohlgefallen gefunden.«
Immer wenn der von Gott geschickte böse Geist über Saul kam, griff David zur Harfe und begann darauf zu spielen. Dann wurde es Saul leichter ums Herz, er fühlte sich wieder wohler und der böse Geist verließ ihn.
Wasseranwendung gegen Aussatz? –
Ein Minister und seine Ansprüche
Die Heilung des Syrers Naaman
Aussatz begegnet uns häufig in der Bibel. Es ist ein Sammelbegriff, der die verschiedensten Hautkrankheiten von Lepra bis Neurodermitis bezeichnet. Ihnen allen ist der entstellende, ja stigmatisierende Charakter gemeinsam. Ein Aussätziger galt im Judentum als »unrein« und wurde – auch aus Angst vor Ansteckung – aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Naaman, der Heerführer des syrischen Königs, hat daher Glück im Unglück. Er ist kein Jude. Als er an Aussatz erkrankt, wird er nicht aus seiner Hausgemeinschaft verwiesen. Im Gegenteil, man sucht für ihn den besten Arzt: einen Prophet in Samaria. Als hochgestellte Persönlichkeit kann er sich den finanziellen Aufwand der Reise zu diesem Spezialisten und der erwarteten Behandlungskosten leisten. Sein König gewährt ihm Sonderurlaub und versorgt ihn sogar mit einem Empfehlungsschreiben.
Beim Propheten Elischa angekommen, erwartet Naaman nun eine Privatbehandlung mit entsprechender persönlicher Zuwendung des berühmten Heilers. Aber er wird nicht einmal in dessen Haus gelassen und lediglich durch den Arztgehilfen mit einem Therapievorschlag versehen, der ihn zunächst enttäuscht: ein Bad im Jordan. Das soll alles sein? Den Dienern gelingt es nur mühsam, den beleidigten Minister zur Befolgung zu überreden. Aber der durchschlagende Erfolg der Therapie überzeugt Naaman schließlich von der Präsenz und Wirksamkeit des Gottes, aus dessen Macht der Prophet seine Heilkunst ausübt.
Einer Grundlinie der Bibel entspricht es, dass für von Gott gewährte Heilung kein Honorar verlangt wird. Durch Geldannahme würde Gottes unverfügbare Macht zu einer kalkulierbaren Leistung degradiert. Es geht dabei um nicht weniger als die Freiheit und Ehre Gottes. So lehnt Elischa jede Honorarzahlung des prominenten Patienten ab. Als der Arztgehilfe Gehasi dennoch der Verlockung des Geldes nicht widerstehen kann, trifft ihn die Strafe des Propheten und seines himmlischen Herrn: der Aussatz geht auf Gehasi über und wird zu einer Generationen überdauernden Familienkrankheit. (2Könige 5,1-27)
Naaman, der Heerführer des Königs von Syrien, war an Aussatz erkrankt. Er war ein tapferer Soldat und der König hielt große Stücke auf ihn, weil der HERR durch ihn den Syrern zum Sieg verholfen hatte. In seinem Haus befand sich ein junges Mädchen, das von syrischen Kriegsleuten bei einem Streifzug aus Israel geraubt worden war. Sie war Dienerin bei seiner Frau geworden.
Einmal sagte sie zu ihrer Herrin: »Wenn mein Herr doch zu dem Propheten gehen könnte, der in Samaria lebt! Der würde ihn von seiner Krankheit heilen.«
Naaman ging zum König und berichtete ihm, was das Mädchen gesagt hatte.
»Geh doch hin«, antwortete der König, »ich werde dir einen Brief an den König von Israel mitgeben.«
Naaman machte sich auf den Weg. Er nahm 7 Zentner Silber, eineinhalb Zentner Gold und zehn Festgewänder mit. Er überreichte dem König von Israel den Brief, in dem es hieß: »Ich bitte dich, meinen Diener Naaman freundlich aufzunehmen und von seinem Aussatz zu heilen.«
Als der König den Brief gelesen hatte, zerriss er sein Gewand und rief: »Ich bin doch nicht Gott! Er allein hat Macht über Tod und Leben! Der König von Syrien verlangt von mir, dass ich einen Menschen von seinem Aussatz heile. Da sieht doch jeder: Er sucht nur einen Vorwand, um Krieg anzufangen!«
Als Elischa, der Mann Gottes, davon hörte, ließ er dem König sagen: »Warum hast du dein Gewand zerrissen? Schick den Mann zu mir! Dann wird er erfahren, dass es in Israel einen Propheten gibt!«
Naaman fuhr mit all seinen pferdebespannten Wagen hin und hielt vor Elischas Haus. Der Prophet schickte einen Boten hinaus und ließ ihm sagen: »Fahre an den Jordan und tauche siebenmal darin unter! Dann bist du von deinem Aussatz geheilt.«
Naaman war empört und sagte: »Ich hatte gedacht, er würde zu mir herauskommen und sich vor mich hinstellen, und dann würde er den HERRN, seinen Gott, beim Namen rufen und dabei seine Hand über der kranken Stelle hin- und herbewegen und mich so von meinem Aussatz heilen. Ist das Wasser des Abana und des Parpar, der Flüsse von Damaskus, nicht besser als alle Gewässer Israels? Dann hätte ich ja auch in ihnen baden können, um geheilt zu werden!«
Voll Zorn wollte er nach Hause zurückfahren. Aber seine Diener redeten ihm zu und sagten: »Herr, bedenke doch: Wenn der Prophet etwas Schwieriges von dir verlangt hätte, hättest du es bestimmt getan. Aber nun hat er nur gesagt: ›Bade dich und du wirst gesund!‹ Solltest du es da nicht erst recht tun?«
Naaman ließ sich umstimmen, fuhr zum Jordan hinab und tauchte siebenmal in seinem Wasser unter, wie der Mann Gottes es befohlen hatte. Da wurde er völlig gesund und seine Haut wurde wieder so rein wie die eines Kindes.
Mit seinem ganzen Gefolge kehrte er zu Elischa zurück, trat vor ihn und sagte: »Jetzt weiß ich, dass der Gott Israels der einzige Gott ist auf der ganzen Erde. Nimm darum von mir ein kleines Dankgeschenk an!«
Aber Elischa erwiderte: »So gewiss der HERR lebt, dem ich diene: Ich nehme nichts an.«
Sosehr Naaman ihm auch zuredete, Elischa blieb bei seiner Ablehnung.
Schließlich sagte Naaman: »Wenn du schon mein Geschenk nicht annimmst, dann lass mich wenigstens so viel Erde von hier mitnehmen, wie zwei Maultiere tragen können. Denn ich will in Zukunft keinem anderen Gott mehr Brand- oder Mahlopfer darbringen, nur noch dem HERRN. In einem Punkt jedoch möge der HERR Nachsicht mit mir haben: Wenn mein König zum Tempel seines Gottes Rimmon geht, um zu beten, muss ich ihn mit dem Arm stützen und mich zugleich mit ihm niederwerfen – der HERR möge es mir verzeihen!«
Elischa sagte: »Kehre heim in Frieden!«
Als Naaman schon ein Stück weit entfernt war, sagte sich Gehasi, der Diener Elischas: »Mein Herr lässt diesen reichen Syrer mit der ganzen Last seiner Geschenke wieder abziehen. Er hätte ihm ruhig etwas davon abnehmen können. So gewiss der HERR lebt: Ich laufe hinterher und hole das nach!«
Gehasi lief, so schnell er konnte.
Als Naaman ihn herankommen sah, stieg er von seinem Wagen, ging ihm entgegen und fragte: »Es ist doch nichts passiert?«
»Nein«, sagte Gehasi, »aber mein Herr lässt dir sagen: ›Eben sind aus dem Bergland Efraïm zwei junge Leute von der dortigen Prophetengemeinschaft zu mir gekommen. Gib mir doch einen Zentner Silber und zwei Festgewänder für sie!‹«
»Ich bitte dich, nimm zwei Zentner«, sagte Naaman und drängte es ihm sogar auf. Er ließ das Silber in zwei Säcke verpacken, legte die beiden Festgewänder darauf und schickte zwei seiner Leute mit, die das Geschenk vor Gehasi hertragen sollten. Beim Hügel vor der Stadt schickte Gehasi die beiden Männer zurück und brachte die Geschenke heimlich in Elischas Haus.
Als er zu seinem Herrn kam, fragte ihn der: »Woher kommst du, Gehasi?«
»Ich war doch nicht weg«, sagte der Diener.
Aber Elischa entgegnete ihm: »Ich war im Geist dabei, als der Mann von seinem Wagen stieg und dir entgegenging! Dies ist nicht der Augenblick, Geld und Festkleider anzunehmen und sich dafür Olivenhaine und Weingärten, Schafe und Rinder, Sklaven und Sklavinnen zuzulegen. Der Aussatz Naamans wird dich und alle deine Nachkommen befallen und ihr werdet ihn nie wieder loswerden!«
Als Gehasi von Elischa wegging, war seine Haut vom Aussatz so weiß wie Schnee.
Wenn das Amt krank macht
Gott erhört Hiskijas Gebet
Wahrscheinlich gibt es so etwas wie Amtskrankheiten: Menschen müssen Krisen, die sie im öffentlichen Amt durchleben, manchmal auch als persönliche Erkrankung erleiden. Die schwere Erkrankung von König Hiskija ist jedenfalls verbunden mit der Krise nach der Belagerung Jerusalems durch den assyrischen König Sanherib. Der Schrecken einer bevorstehenden Katastrophe war so nahe gekommen, dass er den König in Amt und Person völlig aus der Fassung brachte. Der Abzug Sanheribs kostete Hiskija einen hohen Preis. Königs- und Tempelschatz mussten dafür komplett geplündert werden. Für Hiskija war das eine große Niederlage. Was sein Königtum, sein Volk und den Tempel belastete, erleidet er nun auch ganz persönlich. Der Bezug zum Gott Israels, der durch die Herausgabe des Tempelschatzes dem Gespött der Feinde preisgegeben wurde, muss ihm als schwer beschädigt erscheinen. Wahrscheinlich sind es auch Versagens- und Schuldgefühle, die Hiskija nun bis ins Körperliche hinein zusetzen. Aber Gott wendet sich seinem Volk, seinem König und dem Tempel wieder zu. Hiskija erfährt dies als unerwartete Genesung von einer zunächst tödlich scheinenden Erkrankung.
Um zum Vertrauen zu Gott und damit zum Leben zurückzufinden, benötigt er nach dieser schweren öffentlichen und privaten Krise allerdings einen besonders kräftigen Anstoß. Vermittelt duch den Propheten Jesaja bietet Gott seinem prominenten Patienten ein außerordentliches Zeichen an: Durch ein kurzzeitiges Rücklaufen der Sonne zeigt er, dass er Herr der Schöpfung ist, der allen Geschöpfen gebietet und darum auch tödliche Krankheiten durch einen Akt der Neuschöpfung überwinden kann. (2Könige 20,1-11)
Damals wurde Hiskija todkrank. Der Prophet Jesaja, der Sohn von Amoz, kam zu ihm und sagte: »So spricht der HERR: ›Bereite dich auf dein Ende vor! Du wirst von diesem Krankenlager nicht wieder aufstehen.‹«
Hiskija drehte sich zur Wand hin und betete: »Ach, HERR, denk doch daran, dass ich dir immer treu war! Ich habe dir mit ganzem Herzen gehorcht und stets getan, was dir gefällt.«
Hiskija brach in Tränen aus und weinte laut.
Jesaja war erst bis zum mittleren Hof des Palastes gekommen, da erging an ihn das Wort des HERRN; er erhielt den Befehl: »Kehr um und sag zu Hiskija, dem Anführer meines Volkes: ›So spricht der HERR, der Gott deines Ahnherrn David: Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Ich werde dich gesund machen. Am dritten Tag von heute an wirst du wieder in meinen Tempel gehen können. Ich gebe dir noch fünfzehn Jahre dazu und werde dich und diese Stadt vor dem König von Assyrien retten. Um meiner Ehre willen und meinem Diener David zuliebe werde ich Jerusalem beschützen.‹«
Jesaja richtete die Botschaft aus. Dann sagte er zu den Dienern: »Legt einen Verband aus gepressten Feigen auf die entzündete Stelle, dann wird der König gesund werden.«
Hiskija fragte Jesaja: »Woran kann ich erkennen, dass der HERR mich wirklich gesund machen wird und ich schon übermorgen in seinen Tempel gehen werde?«
Jesaja antwortete: »Der HERR wird dir ein Zeichen geben, an dem du erkennen kannst, dass er seine Zusage wahr macht. Du hast die Wahl: Soll der Schatten auf der Treppe zehn Stufen vorrücken oder zehn Stufen zurückgehen?«
Hiskija sagte: »Es ist nichts Besonderes, wenn er ein wenig schneller vorrückt; ich möchte, dass er um zehn Stufen zurückgeht!«
Da rief Jesaja zum HERRN, und der HERR ließ den Schatten auf der Treppe, die König Ahas gebaut hatte, um zehn Stufen zurückgehen.
Familientherapie in führenden Kreisen
Mirjams Erkrankung und Heilung
Aaron war der – vermutlich ältere – Bruder des Mose, Mirjam die Schwester der beiden. Die drei Geschwister waren nicht nur familiär verbunden, sondern profilierten sich auch in ihren beruflichen Karrieren in ähnlicher Weise. Aaron avancierte zum Sprecher des Brüderpaares, obgleich Mose die deutlichere Berufung und visionäre Kraft zukommt. Die – kleine? – Schwester beansprucht für den weiblichen Teil des Volkes Israel analog zu den Brüdern eine prophetische Führungsrolle und haut gelegentlich ordentlich auf die Pauke (2Mose/Exodus 15,20-21). Es verwundert nicht, dass die beiden etwas im Schatten ihres Bruders Mose stehenden Geschwister gelegentlich mit dieser Rangordnung hadern und gegen Mose aufbegehren. In der folgenden Geschichte machen sie Mose wegen seiner angeblich minderwertigen Heirat mit einer Ausländerin Vorwürfe. Wer sich mit einer solchen Frau einlasse, könne auch in der beruflichen Qualifikation und in der Gesamtbilanz einer Familienhierarchie keine besondere Rolle beanspruchen. Als der Konflikt sich zuspitzt, erkrankt Mirjam plötzlich an einem schweren Hautausschlag. Ist es eine psychosomatische Reaktion? Ist die charismatische Kraft des Mose so stark, dass die Schwester in ihrer Gesundheit erschüttert wird?
Jedenfalls wird die Antwort in diesem Geschwisterkonflikt auf der charismatischen Ebene gegeben. Gott selbst beordert die drei zum Stiftszelt, um bei einer gemeinsamen Sitzung klarzustellen: »Normale« Propheten wie Aaron und Mirjam haben Visionen und Träume. Aber Mose ist Generalbevollmächtigter Gottes. Mit ihm spricht Gott von Angesicht zu Angesicht. Mirjams Unbotmäßigkeit trifft nicht nur den Bevollmächtigten, sondern ebenso den Vollmachtgeber. Gottes Zorn bewirkt also die Hautkrankheit, an dem die freche Mirjam nun zu leiden hat. Doch wie die Erkrankung so ist auch die rasche Heilung Zeichen der charismatischen Vollmacht des Mose. Auf die Bitte Aarons hin findet er das Ohr Gottes und kann die Strafe auf ein Mindestmaß verkürzen. (4Mose/Numeri 12,1-16)
Mirjam und Aaron machten Mose Vorwürfe wegen der kuschitischen Frau, die er geheiratet hatte. Zu den Israeliten sagten sie: »Darf Mose behaupten, dass nur er den Willen des HERRN kennt? Hat der HERR nicht auch zu uns gesprochen?«
Mose unternahm nichts dagegen; denn er war der bescheidenste Mensch, der je auf der Erde gelebt hat. Aber der HERR hörte, was sie sagten. Er forderte Mose und Aaron und Mirjam auf: »Geht hinüber zum Heiligen Zelt, ihr drei!«
Als sie dort waren, kam der HERR in der Wolkensäule herab und stellte sich an den Eingang des Zeltes. Er rief Aaron und Mirjam, und die beiden traten vor.
Dann sagte er zu ihnen: »Hört her! Wenn ich Propheten zu euch sende, offenbare ich mich ihnen in Visionen und spreche zu ihnen in Träumen. Mit meinem Bevollmächtigten Mose aber halte ich es anders. Ihm habe ich mein ganzes Haus anvertraut. Deshalb rede ich zu ihm wie ein Mensch zu einem andern, in klaren, eindeutigen Worten. Er darf sogar mich selbst sehen. Wie könnt ihr es wagen, ihm etwas vorzuwerfen?«
Voll Zorn ging der HERR weg.
Als die Wolke verschwunden war, war Mirjam von Aussatz befallen und ihre Haut war weiß wie Schnee geworden. Aaron sah es und sagte zu Mose: »Verzeih, wir haben im Unverstand gehandelt und Unrecht getan. Lass uns nicht dafür büßen! Soll Mirjam wie eine Totgeburt aussehen, deren Fleisch schon halb verwest ist, wenn sie aus dem Mutterschoß kommt?«
Mose schrie zum HERRN: »O Gott, lass sie doch wieder gesund werden!«
Der HERR antwortete: »Sie muss sieben Tage lang aus dem Lager ausgesperrt werden, dann könnt ihr sie wieder in eure Gemeinschaft aufnehmen. Wenn ihr Vater ihr ins Gesicht gespuckt hätte, müsste sie sich ja auch sieben Tage lang schämen.«
So wurde Mirjam für sieben Tage aus dem Lager ausgesperrt. Das Volk aber zog nicht weiter, bis Mirjam wieder aufgenommen werden durfte. Dann verließen sie Hazerot und schlugen ihr Lager in der Wüste Paran auf.
Im Kampf gegen den Tod
Herzstillstand! Der absolute Notfall ist eingetreten. Die Ärzte in der Notaufnahme verlieren keine Sekunde. Künstliche Beatmung, Herzmassage, eine Adrenalinspritze mitten ins Herz. Der Patient zeigt keine Reaktion. Die Spannung steigt. Dann der Stromschlag durch den Defi- brillator, der Körper des Patienten bäumt sich auf. Ein regelmäßiges Piepsen des Überwachungsmonitors zeigt den wieder einsetzenden Herzschlag an. »Wir haben ihn!« Die Erleichterung steht allen ins Gesicht geschrieben.
So oder so ähnlich kennen wir es aus den einschlägigen Arztserien im Fernsehen (und nicht so viel anders spielt es sich auch jeden Tag unzählige Male in den realen Krankenhäusern ab). Den aussetzenden Herzschlag, die blockierte Atmung wieder in Gang zu bringen, bildet den dramatischen Höhepunkt vieler Arztgeschichten. Die Kunst der Ärzte scheint auch vor dem Tod nicht Halt zu machen.
Auch die Bibel kennt solche Geschichten. Und in mancher Hinsicht ähneln die dort beschriebenen Maßnahmen erstaunlich den Abläufen einer heutigen Reanimation. Doch den biblischen Erzählungen geht es um viel mehr.
Da Gott der Spender allen Lebens ist, wurde der Tod – übrigens nicht nur der tatsächliche, körperliche, sondern auch der »innerliche« Tod, der Mangel an echter Lebensqualität – als Zeichen für eine gestörte Gottesbeziehung gesehen, ja als ein völliges Abgeschnittensein von Gott. Das galt vor allem für den vorzeitigen Tod; der Fromme stirbt »alt und lebenssatt«.
Es ist eine bedeutende Entdeckung der Bibel, dass Sünde, Krankheit und Tod von Gott bekämpft werden. Jede Totenerweckung ist ein Zeichen dafür, dass Gott den Abgrund überwindet und die zerrissene Beziehung wiederherstellt.
Im Alten Testament sind es die Propheten mit ihrer besonderen Nähe zu Gott, die die Vollmacht haben, Tote wieder ins Leben zurückzubringen. In Jesus Christus schließlich ist das Leben selbst gekommen. Die Totenerweckungen sind deutlicher als andere Heilungsgeschichten Zeichen dafür, dass die Neue Welt Gottes, das von Jesus verkündete Himmelreich, bereits begonnen hat.
Intensivstation Dachkammer
Elija und der Sohn der Witwe
Ärzte machen krank, so lautet ein verbreitetes Vorurteil. Und gewiss: Wenn einer sich gesund fühlte und dann mit einer schlimmen Diagnose das Sprechstundenzimmer verlässt, so kann er leicht auf den Gedanken verfallen, dass der Arzt, der die Krankheit entdeckt, sie geradezu erst hervorgerufen hat.
Wenn Ärzte »krank machen«, indem sie Krankheiten aufdecken, bringen Propheten dann den Tod, indem sie die Krankheiten der Seele, die Sünden der Menschen, aufdecken? Dies glaubt zumindest die Witwe, bei der der Prophet Elija eine Unterkunft gefunden hat. Aufgebracht gibt sie Elija die Schuld am Tod ihres Sohnes. Doch der Fortgang der Handlung gibt ihr Unrecht. Der Prophet bringt im Gegenteil das Leben zurück.
Die geschilderte »Intensivbehandlung« ist geradezu das Urbild aller biblischen Totenerweckungen. Als Behandlungsraum dient ein gesondertes Zimmer. Angehörige müssen draußen warten. Der Junge wird in ein Bett gelegt. Nach einem Gebet wirft sich Elija dreimal über den Körper des Kindes und ruft dabei weiter zu Gott. Das Wunder geschieht: Der Junge kehrt ins Leben zurück und kann seiner Mutter zurückgegeben werden. Gott, den die Witwe als strafenden Gott angesehen hatte, erweist sich in Wahrheit als der liebende, Leben schenkende Gott. (1Könige 17,17-24)
Nach einiger Zeit wurde der Sohn der Witwe, die den Propheten in ihr Haus aufgenommen hatte, krank. Sein Zustand verschlimmerte sich immer mehr und zuletzt starb er.
Da sagte die Mutter zu Elija: »Was habe ich mit dir zu tun, du Mann Gottes? Du bist nur in mein Haus gekommen, um Gott an meine Sünden zu erinnern. Darum musste mein Sohn jetzt sterben!«
»Gib ihn mir!«, erwiderte Elija. Er nahm ihr das tote Kind vom Schoß, trug es in die Dachkammer, in der er wohnte, und legte es auf sein Bett.
Dann rief er: »HERR, mein Gott! Willst du wirklich diese Frau ins Unglück stürzen und ihr den einzigen Sohn nehmen? Sie hat mich doch so freundlich in ihr Haus aufgenommen!« Er legte sich dreimal auf den Leichnam des Kindes und rief dabei: »HERR, mein Gott, lass doch sein Leben wiederkommen!«
Der HERR erhörte sein Gebet und gab dem Kind das Leben zurück. Elija nahm den Jungen bei der Hand, brachte ihn hinunter zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Sieh her, er lebt!«
Die Frau sagte: »Jetzt weiß ich, dass du ein Mann Gottes bist. Auf das Wort, das du im Namen des HERRN sprichst, ist Verlass!«
Lebenshauch – von Mund zu Mund
Elischa und die Frau von Schunem
Den folgenden Fall könnte man als Erfindung der Mund-zu-Mund-Beatmung durch den Propheten Elischa ansehen. Die spektakuläre Wiederbelebung hat allerdings eine längere Vorgeschichte.
Eine wohlhabende Frau in Schunem gewinnt Elischa – er ist der Nachfolger Elijas – als zeitweiligen Hausgenossen. Sie denkt praktisch: Geben wir ihm ein bequemes Zimmer, er wird uns dafür Segen ins Haus bringen. Sie ist verheiratet, aber kinderlos. Insgesamt hat sie deutlich die Hosen an. Ihr wird das zum Hausstand gehörende Vermögen zugerechnet, sie dominiert ihren Mann mit Vorschlägen und ihrer Tatkraft. Als Elija der Frau einen Wunsch erfüllen möchte und sein Diener den Hinweis gibt: »Sie hat keinen Sohn, und ihr Mann ist schon alt«, sieht es fast so aus, als würde sich eine erotische Konstellation ergeben, wie sie in vielen klassischen Arztgeschichten vorkommt. Aber hier grenzt sich unsere Arztgeschichte vom im Genre Üblichen scharf ab. Die Frau wird zwar ins Zimmer gerufen, sie bleibt aber in der Tür stehen. Elischa verheißt ihr einen Sohn, der dann auch zum angekündigten Zeitpunkt zur Welt kommt.
Dieser Sohn ist es, der einige Jahre später Elischas ganze Heilkunst braucht. Als er den Vater bei Erntearbeiten besucht, erleidet er offenbar einen schweren Sonnenstich und ist nach kurzer Zeit leblos. Die Mutter wird sofort aktiv, der Prophet soll als Arzt fungieren. Doch Elischa muss erst in einem dramatischen Wettlauf gegen die Zeit herbeigeholt werden. Die Wiederbelebung des Jungen verläuft dann im Wesentlichen nach dem Muster, das wir von seinem Vorgänger Elija bereits kennen. Allerdings muss Elischa den Körper des Jungen zunächst aufwärmen, dann bringt er seine Atmung wieder in Gang. Tatsächlich hat sein Vorgehen eine erstaunliche Nähe zu einer Mund-zu-Mund-Beatmung. Wie Gott bei der Schöpfung dem ersten Menschen Lebensatem gegeben hat, so bläst auch der von Gott beauftragte Prophet dem Jungen wieder Leben ein. (2Könige 4,8-37)
Eines Tages kam Elischa durch das Dorf Schunem. Dort wohnte eine wohlhabende Frau, die ihn zum Essen einlud. Jedes Mal wenn er später dort vorbeikam, kehrte er bei ihr zum Essen ein.
Einmal sagte die Frau zu ihrem Mann: »Du erinnerst dich doch an den Gast, der immer bei uns einkehrt, wenn er vorbeikommt. Ich weiß, er ist ein heiliger Mann, der Gott dient und ihm ganz nahe steht. Wir sollten auf dem flachen Dach ein kleines Zimmer für ihn bauen und es gut ausstatten, mit Bett und Tisch, Stuhl und Leuchter. Wenn er uns besucht, kann er sich dorthin zurückziehen.« So machten sie es.
Als Elischa wieder einmal nach Schunem kam, ging er in sein Zimmer hinauf, um sich auszuruhen. Danach befahl er seinem Diener Gehasi, die Frau heraufzubitten. Sie kam und blieb draußen vor der Tür des Zimmers stehen.
Elischa ließ ihr durch seinen Diener sagen: »Du hast dir so viel Mühe um uns gemacht. Kann ich etwas für dich tun? Soll ich mich beim König oder bei seinem Heerführer für dich verwenden?«
Aber sie ließ ihm sagen: »Ich wohne doch hier mitten unter meiner Sippe; ich brauche keine Hilfe.«
Elischa fragte Gehasi: »Was könnten wir denn sonst für sie tun?«, und der antwortete: »Es gäbe schon etwas: Sie hat keinen Sohn und ihr Mann ist schon alt.«
»Ruf sie herein«, sagte Elischa. Sie kam und blieb in der Tür stehen und Elischa sagte zu ihr: »Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn auf deinen Armen wiegen!«
»Ach Herr, du Mann Gottes«, erwiderte sie, »mach mir doch keine falschen Hoffnungen!«
Die Frau wurde tatsächlich schwanger und ein Jahr später gebar sie einen Sohn, genau um die Zeit, die Elischa genannt hatte.
Als der Junge größer geworden war, besuchte er eines Tages seinen Vater draußen auf dem Feld bei den Schnittern. Plötzlich schrie er auf: »Mein Kopf! Mein Kopf tut mir so weh!«
Der Vater befahl einem Knecht: »Trag ihn heim zu seiner Mutter!«
Sie hielt das Kind noch bis zum Mittag auf ihren Knien, dann starb es. Die Mutter brachte den Leichnam in das obere Zimmer, legte ihn auf das Bett des Propheten und schloss die Tür zu. Dann ging sie hinaus aufs Feld und sagte zu ihrem Mann: »Gib mir einen Knecht mit einer Eselin! Ich will schnell zu dem Mann Gottes reiten; ich bin bald wieder zurück.«
»Warum gehst du ausgerechnet heute?«, fragte er. »Es ist doch weder Sabbat noch Neumondstag!«
»Lass es gut sein«, sagte sie, sattelte die Eselin und befahl dem Knecht: »Treib mir das Tier tüchtig an und hör nicht damit auf, bis ich es dir sage!«
So kam sie zu Elischa an den Berg Karmel. Der Prophet sah sie schon von weitem und sagte zu Gehasi: »Da kommt ja die Frau aus Schunem! Lauf ihr entgegen und frag sie: ›Geht es dir gut? Geht es deinem Mann gut? Geht es dem Kind gut?‹«
Die Frau antwortete Gehasi: »Ja, es geht gut!« Aber als sie auf dem Berg bei dem Mann Gottes angelangt war, fiel sie vor ihm nieder und umklammerte seine Füße. Gehasi wollte sie zurückstoßen, aber Elischa sagte: »Lass sie! Sie ist ja ganz verzweifelt. Und der HERR hat mir nicht gesagt, was geschehen ist!«
»Ach, mein Herr«, sagte sie, »habe ich dich vielleicht um einen Sohn gebeten! Habe ich nicht gesagt, du sollst mir keine falschen Hoffnungen machen?«
Da sagte Elischa zu Gehasi: »Geh so schnell du kannst nach Schunem! Bleib nicht stehen, um irgendjemand zu begrüßen! Und wenn dich jemand begrüßen will, antworte ihm nicht! Nimm meinen Prophetenstab mit und leg ihn auf das Gesicht des Jungen.«
Aber seine Mutter sagte: »So gewiss der HERR lebt und du selbst lebst, ich gehe nicht ohne dich von hier weg!«
Da ging Elischa mit ihr.
Gehasi war vorausgeeilt und hatte den Stock auf das Gesicht des Jungen gelegt; aber der gab kein Lebenszeichen und rührte sich nicht. Gehasi ging zurück, Elischa entgegen, und sagte zu ihm: »Er ist nicht aufgewacht.«
Als Elischa selbst in das Haus kam, ging er in sein Zimmer und fand den Jungen tot auf seinem Bett liegen. Er schloss die Tür hinter sich ab und betete zum HERRN. Dann legte er sich auf den Jungen, sodass sein Mund dessen Mund berührte und seine Augen und Hände die Augen und Hände des Jungen.
Nachdem er eine Zeit lang so gelegen hatte, wurde der Körper des Jungen wieder warm. Elischa stand auf und ging einmal im Zimmer auf und ab. Dann legte er sich wieder wie vorher auf den Körper des Jungen. Da nieste das Kind siebenmal und schlug die Augen auf.
Elischa rief Gehasi und befahl ihm, die Mutter zu holen. Als sie kam, sagte er zu ihr: »Hier hast du deinen Sohn!« Sie trat auf Elischa zu und warf sich vor ihm nieder. Dann nahm sie ihren Sohn und verließ das Zimmer.
Ein ganzes Volk in der Notaufnahme
Vision von der Wiedererweckung Israels
Ein Arzt kann immer nur einen Patienten behandeln. Wenn nach einem größeren Unglück gleich Dutzende von Schwerverletzten in die Notaufnahme eingeliefert werden, kann es für den Einzelnen kritisch werden. Doch was, wenn gleich ein ganzes Volk behandlungsbedürftig, ja vom Tod zu retten ist? Als der Prophet Ezechiël mit einer solchen Situation konfrontiert wird, ist es glücklicherweise »nur« eine Vision und die Behandlungsmöglichkeiten folgen – Gott sei Dank! – etwas anderen Gesetzen.
Ezechiël sieht in seiner Vision eine Landschaft, die übersät ist mit dürren Gerippen. Gott gibt ihm den Befehl, den Knochengerippen neues Leben zu verleihen. Auf das dem Propheten anvertraute göttliche Machtwort hin entstehen aus den Knochen wieder Menschen aus Fleisch und Blut. Gott muss ihnen nur noch den Lebensodem einhauchen. Eine riesige Menschenmenge steht nun dort, wo vorher bleiche Knochen lagen. Der Prophet sieht in der Vision eine Realität, die noch ganz bei Gott verborgen ist. Aber sie hat jetzt schon eine reale Bedeutung, weil sie den Zielpunkt nennt für eine Verheißung Gottes, die in der Gegenwart bereits zu wirken beginnt: Wenn das Leben wie erstorben, ohne Hoffnung und Zukunft erscheint, dann gilt doch Gottes Versprechen. Wenn Gott uns tröstet, wendet er uns das Leben neu zu. Der letzte Grund, der die Realität dieser Verheißung trägt, ist Gott selbst. Er hat seine Ehre daran gebunden, dass sein Leben mächtiger ist als der Tod. (Ezechiël 37,1-14)
Ich spürte, wie der HERR seine Hand auf mich legte. Er führte mich im Geist durch die Luft und setzte mich mitten in der Ebene nieder. Der ganze Boden war mit Totengebeinen bedeckt. Der HERR führte mich überall herum und zeigte mir die Gebeine. Es waren unzählige und sie waren völlig ausgetrocknet.
Dann fragte er mich: »Du Mensch, können diese Knochen wieder zu lebenden Menschen werden?«
Ich antwortete: »HERR, das weißt nur du!«
Und er fuhr fort: »Rede als Prophet zu diesen Gebeinen! Ruf ihnen zu: ›Ihr vertrockneten Knochen, hört das Wort des HERRN! So spricht der HERR, der mächtige Gott, zu euch: Gebt Acht, ich bringe Lebensgeist in euch und ihr werdet wieder lebendig! Ich lasse Sehnen und Fleisch auf euch wachsen und überziehe euch mit Haut. Und dann hauche ich euch meinen Lebensgeist ein, damit wieder Leben in euch kommt. Ihr sollt erkennen, dass ich der HERR bin!‹«
Ich tat, was der HERR mir befohlen hatte. Während ich noch redete, hörte ich es rauschen. Die Knochen rückten zueinander, so wie sie zusammengehörten. Ich sah, wie Sehnen und Fleisch darauf wuchsen und sich eine Haut bildete. Aber es war noch kein Lebensgeist in ihnen.
Da sagte der HERR zu mir: »Du Mensch, sprich als Prophet zum Lebensgeist, sag zu ihm: ›So spricht der HERR, der mächtige Gott: Komm aus allen vier Himmelsrichtungen und hauche diese Toten an, damit wieder Leben in sie kommt!‹«
Ich tat, was der HERR mir befohlen hatte. Da kam der Lebensgeist in sie und sie wurden lebendig und standen auf. Es war eine riesige Menschenmenge.
Dann sagte der HERR zu mir: »Du Mensch, diese Totengebeine sind das Volk Israel. Du hörst doch, wie sie sagen: ›Unsere Gebeine sind vertrocknet, unsere Hoffnung ist dahin; wir haben keine Zukunft mehr!‹ Darum rede als Prophet zu ihnen und sage: ›So spricht der HERR, der mächtige Gott: Gebt Acht, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, heraus; ich führe euch heim ins Land Israel. Ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich das tue – wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus ihnen heraushole. Ich gebe meinen Geist in euch, damit wieder Leben in euch kommt, und bringe euch in euer Land zurück. Ihr sollt erkennen, dass ich das angekündigt habe und dass ich tue, was ich sage, ich, der HERR.‹«
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