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Band 7

Der Herrscher der Tiefe

von Jacqueline Montemurri

Mit einem Epilog von Bernhard Hennen


KARL-MAY-VERLAG

BAMBERG • RADEBEUL

Herausgegeben von

Thomas Le Blanc und Bernhard Schmid

In der Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ sind bisher erschienen:

Band 1 – Alexander Röder Im Banne des Mächtigen (auch als Hörbuch)

Band 2 – Alexander Röder Der Fluch des Skipetaren

Band 3 – Alexander Röder Der Sturz des Verschwörers

Band 4 – Alexander Röder Die Berge der Rache

Band 5 – Alexander Röder, Tanja Kinkel u. a. Sklavin und Königin

Band 6 – Alexander Röder, Thomas Le Blanc Auf der Spur der Sklavenjäger

Band 7 – Jacqueline Montemurri, Bernhard Hennen Der Herrscher der Tiefe

Thomas Le Blanc (Hrsg.) Auf phantastischen Pfaden Eine Anthologie mit den Figuren Karl Mays

Weitere Informationen zur Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ finden Sie im Internet auf

www.magischer-orient.karl-may.de

© 2019 Karl-May-Verlag, Bamberg

Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten

Illustration: Elif Siebenpfeiffer

eISBN 978-3-7802-1407-2

www.karl-may.de

Inhalt

Erstes Kapitel Lord Lindsay reist ab

Zweites Kapitel Ein seltsames Angebot

Drittes Kapitel Pest an Bord

Viertes Kapitel Aufbruch zu einer Rettungsmission

Fünftes Kapitel Eine stürmische Überfahrt

Sechstes Kapitel Ein blinder Passagier

Siebtes Kapitel Das Haus des Minos

Achtes Kapitel Übers Gebirge

Neuntes Kapitel Entführt

Zehntes Kapitel Ein Hinterhalt

Elftes Kapitel Der König der Vögel

Zwölftes Kapitel Der Tempel des Minos

Dreizehntes Kapitel Ein Kampf um die Ehre

Vierzehntes Kapitel Aufbruch in die Tiefe

Fünfzehntes Kapitel Der Tod in der Dunkelheit

Sechzehntes Kapitel Verschleppt

Siebzehntes Kapitel Im Bauch des stählernen Ungeheuers

Achtzehntes Kapitel Technik versus Magie

Neunzehntes Kapitel Die Flügel des Ikarus

Zwanzigstes Kapitel Unter dem Meer

Einundzwanzigstes Kapitel Die Rache des Kapitän Nemo

Zweiundzwanzigstes Kapitel Der Zauber des Ikarus

Dreiundzwanzigstes Kapitel Zurück auf der Nautilus

Vierundzwanzigstes Kapitel Sabotage

Fünfundzwanzigstes Kapitel Tödliche Flucht

Sechsundzwanzigstes Kapitel Das Ungeheuer verschwindet

Siebenundzwanzigstes Kapitel Auf nach Hause!

Bernhard Hennen Epilog

Erstes Kapitel
Lord Lindsay reist ab

„Haltet den Dieb!“, hörte ich meinen Freund Halef rufen. Dies rüttelte sofort Erinnerungen in mir wach – Erinnerungen an den Basar von Basra vor drei Jahren. An jenem Tag waren wir gleichfalls von einem kleinen schmutzigen Dieb bestohlen worden, wodurch wir in ein gefährliches und aufregendes Abenteuer stürzten, bei dem ich einem altbekannten und totgeglaubten Gegner erneut ins Auge blicken musste. Der kleine geschickte Dieb damals entpuppte sich im Verlauf der Verfolgung und Gefangennahme als unsere – inzwischen zu einer ansehnlichen Dame gereifte – Begleiterin Djamila. Ja, wenn ich sie so betrachtete, dann musste ich – fast zu meinem Schrecken – feststellen, dass das kleine Mädchen zur jungen Frau geworden war, die mittlerweile neunzehn Lenze zählte. Natürlich war Dame das falsche Wort. Sie war trotz ihrer Fraulichkeit eine Kämpferin und Kriegerin. Allerdings entdeckte ich in letzter Zeit hin und wieder recht zarte Züge an ihr. Gerade jetzt schritt sie so sittsam neben mir, dass sie mir beinahe fremd vorkam. Ich fühlte mich fast wie ein Vater – auch wenn dieses Gefühl eher einem phantasievollen Vorurteil denn eigener Erfahrung entsprang –, der die Sorgen und Nöte erahnte, die dieses Alter bei einer jungen Dame mit sich bringen mochte. Hatten wir doch jüngst erst zarte Bande sich knüpfen sehen in Gegenwart des jungen Rudyard. Doch dies schien Djamila verdrängt, vergessen oder tief in sich verschlossen zu haben. Was nur, wenn solche Bande irgendwann stärker und fester wurden?

Aber, was philosophierte ich über Damen und die Liebe? Schon im nächsten Augenblick zeigte das Mädchen, welches gerade noch so anständig neben mir schritt, ihr wahres Gesicht. Sie sprintete gekonnt und wohlgeübt dem kleinen Knaben hinterher, der gerade ihrem Schwager Halef ein Päckchen aus der Hand gerissen hatte. Der Kleine war flink und gewieft. Obwohl er durch die überschaubare Anzahl von Marktständen auf direktem Wege seine Flucht hätte ergreifen können, flitzte er im Slalom um die wenigen Stände und Händler herum, die hier in Kyrenia ihre Waren feilboten. Er war sich also bewusst, dass er seiner Verfolgerin im offenen Sprint unterlegen war. Natürlich war auch unsere Djamila nicht ungeübt in diesem Sport. Das hatte sie damals in Basra und bei anderen Gelegenheiten unter Beweis gestellt. Geschickt verfolgte sie den kleinen Wicht, der gänzlich in Schwarz gekleidet war und nur mit einer roten Schärpe auffiel, die er um seine Taille geschlungen hatte.

Während wir damals in Basra großen Tumult verursachten, Töpferwaren auf die Gasse krachten und in Scherben zersprangen, Orangen und Brotlaibe den erbosten Händlern vor die Füße kullerten und Rosenwasser, Limonaden und Öle den Boden benetzten, blieb dies in Kyrenia gänzlich aus. Die Verfolgung ging, von Halefs Schrei einmal abgesehen, fast völlig geräuschlos vonstatten. Es fehlten die turmhoch bestückten Gestelle der Händler, die vielen orientalischen Waren, das Durcheinander der Besucher und Käufer. Im Gegensatz zu Basra, in dessen Gassen und Straßen damals ein buntes Markttreiben geherrscht hatte, welches ein wahres Labyrinth darstellte, war es hier im Norden Zyperns eher beschaulich und still. Nur die Schritte der Davoneilenden hallten auf dem Kopfsteinpflaster wider wie Hufschläge fliehender Pferde. Djamila folgte dem kleinen Dieb geschickt. War sie doch in derlei Dingen selbst geübt. Ich konnte ein verschmitztes Lächeln nicht unterdrücken beim Anblick dieser Verfolgungsszene und war mir gewiss, dass das Mädchen Erfolg haben würde.

So unterließ ich es, dem Dieb ebenfalls zu folgen und das Aufsehen dadurch auf uns zu lenken. Wir wollten hier nur einige Tage überbrücken, bis Lindsays Yacht Marley wieder in ihren originalen Zustand zurückversetzt worden war. Dann würde uns der gute Lord zurück zur levantinischen Küste bringen und wir konnten den Weg zurück zu den Haddedihn antreten. Wie gesagt, wollten wir kein Aufsehen erregen, und als ich Halefs Reflex bemerkte, dem Dieb hinterherzujagen, hielt ich ihn am Ärmel zurück.

„Djamila wird dir deine geheimnisvolle Erwerbung mit Sicherheit zurückbringen“, prophezeite ich meinem Freund. Halef blickte mich mit noch sichtlichem Schrecken über den Verlust seines kostbaren Schatzes an, doch dann lächelte er wohlwissend und nickte.

„Du hast Recht, Sihdi. Schließlich ist sie vom selben Blut wie meine geliebte Hanneh und wie Amscha. Sie wird den kleinen Kerl schon zu fassen bekommen. Djamila ist etwas Besonderes.“

Ja, das Mädchen war in der Tat etwas Besonderes. Sie hatte uns schon mehrmals aus der Patsche geholfen, war klug, geschickt, furchtlos und konnte rennen wie eine arabische Stute.

Ich richtete also mein Augenmerk zurück auf den kleinen Platz, wo einige wenige Marktstände aufgestellt waren, die ich fast schon eher als Karren bezeichnen würde, an denen fahrende Händler ihre Waren feilboten. Es gab nicht viel zu bestaunen. Orangen, Guaven und Granatäpfel lagen in Körben, doch gab es nur wenige Kunden in dem kleinen Ort, die sich den Kauf leisten konnten. Die Armut der Bevölkerung war offensichtlich.

Die ortsansässigen Händler verkauften ihre Produkte in kleinen Läden in den Häusern entlang der Straßen. Auch hier gab es nicht viel zu entdecken. Ein paar Fische in einem Bottich erspähte ich, die durch kühles Wasser frisch gehalten werden sollten. Ich betrachtete skeptisch die Fliegen, die sich an dem hölzernen Rand versammelt hatten. Auch Brote und süße Backwaren wurden in einem kleinen Laden angeboten. Der Duft daraus war allerdings weitaus verlockender als jener aus dem Fischbottich. Ein weiterer Händler versuchte Oliven und daraus gepresstes Öl an den Mann zu bringen.

An einem mit buntem Tuch beschatteten Holzkarren nahe einer Hausmauer aus gelbem Sandstein wurde mein Blick von einem Wollfaden angezogen. Fein säuberlich war er auf eine kleine Spule gewickelt. Im Sonnenlicht schien er zu schillern. Ich trat unwillkürlich dichter heran. Doch als ich ihn aus der Nähe betrachtete, sah er recht unscheinbar aus. Ich griff danach, um seine Qualität besser beurteilen zu können. Da durchfuhr es mich wie bei einem elektrischen Schlag. Reflexartig ließ ich den Faden auf das Brett zurückfallen, welches als Präsentiertisch quer über den Rahmen gelegt war. Die Alte hinter diesem provisorischen Marktstand nutzte mein vormals gezeigtes Interesse freilich aus und zeigte nun ihr Verkaufstalent. Ihr zahnloser Mund lächelte mich an.

„Guter Faden“, krächzte sie. Ihre dürren Finger, mit wulstigen Gelenken bestückt, griffen nach dem Garnknäuel und boten es mir dar. Bei ihr schien das Garn keine Reaktion auszulösen. Ich hatte es demnach mit einer statischen Entladung zu tun gehabt. Wahrscheinlich hatte sich mein Gewand durch Reibung und die Sonneneinstrahlung aufgeladen und an dem Faden wieder entladen. Dies war ein ganz natürlicher physikalisch erklärbarer Vorgang und nichts Magisches, redete ich mir ein. Damals konnte ich noch nicht wissen, was der seltsame Faden für Eigenschaften hatte und dass diese uns noch sehr nützlich sein würden.

Ich lächelte freundlich zurück.

„Er wird gute Dienste leisten. Ist schon sehr alt, sehr fest. Der gute Herr mag ihn kaufen.“ Sie sprach es in Griechisch, doch mit einem merkwürdigen Akzent, den ich nicht zu deuten wusste.

Da ich noch nichts auf dieser schönen Insel mitten im Mare Mediterraneum erworben hatte, im Gegensatz zu meinen Freunden Halef und Sir Lindsay, die sich schon mit allerlei Kinkerlitzchen eingedeckt hatten, beschloss ich, der alten Dame den Faden abzukaufen. Er konnte mir sicher in mancherlei Situationen eine praktische Hilfe sein, und sei es nur, um einen Riss im Gewand zu flicken. Ich gab der Alten einen halben Piaster und sie dankte zufrieden mit ihrem zahnlosen Lächeln.

Halef war in der Zwischenzeit schon an den Rand des Platzes verschwunden. Hinter einer von violetten Blütenranken eroberten, hellen Steinmauer ragte zu meiner Rechten das Minarett der Aga Cafer Pascha-Moschee empor. Ich blieb stehen und betrachtete es. Wie ein sandfarbener Zeigefinger streckte es sich in den blauen mediterranen Himmel. Die Moschee war seit ihrer Erbauung um das Jahr 1580 herum mehrfach zerstört und wiedererrichtet worden. Es gab immer wieder Um- und Anbauten, aber der schlichte Baustil war erhalten geblieben. Sie hatte nicht die von Christen als typisch für Moscheen gehaltene Kuppel. Jedoch besaß sie einen Portikus – also Vorraum –, der durch Säulen und grün lasierte Holzgitter von der Umgebung abgeschirmt war. Erst letztes Jahr, so hatte ich von einem Einheimischen erfahren, hatte der derzeitige Bürgermeister von Girne, wie Kyrenia bei den Osmanen genannt wurde, Abdul Effendi, eine seitlich aufsteigende Treppe errichten lassen, um den steilen Zugang durch die ungünstige Hanglage zu erleichtern. Leider weiß ich nichts über das Innere des Baus zu berichten, da mir als ‚Ungläubigem‘ der Zutritt verwehrt war.

Zu unserer Linken, weiter unten westlich des Hafens, wusste ich die Archangelos Michael Kirche. Ihre weißgetünchten Mauern mit dem schmalen Turm und den spitzen Dachaufbauten leuchteten zu dieser Tageszeit hell im Sonnenlicht. Die Kirche wirkte jedoch trotz des weißen Putzes und der himmelblauen Türen wie ein uneinnehmbares Bollwerk, denn es fehlten ihr die sonst so typischen großen Fenster der Kirchen meiner Heimat. Der Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass sie auf einem Felsen thronte und der Besucher sich zunächst eine breite Treppe emporbewegen musste.

Zypern war wahrlich der Angelpunkt zwischen Orient und Okzident. Muslime und Christen lebten vielerorts friedlich Tür an Tür in diesen Tagen. Nun, dies würde sicher nicht ewig so bleiben, dessen war ich mir bewusst. Denn es zeigten sich erste Anzeichen einer großen Wende in dieser Region, die auch mich versuchte, in ihren Strudel hineinzuziehen. Zunächst hatte ich erst einmal nach meinem Freund Halef Ausschau gehalten, der schon weitergeschritten war. Ich erspähte ihn, als er gerade hinter einem Mauervorsprung verschwand, und eilte ihm in eine der Gassen hinterher.

Ein blau getünchtes Tor war weit geöffnet und bot den Blick auf Weinfässer, Berge von Zitrusfrüchten, Oliven, Karaffen feinsten Öls und auf viele seltsame Kleinigkeiten. Etwas weiter gab es Fisch in allen Varianten zu erwerben. Im Gegensatz zu dem Fisch im Wasserbottich weiter oben in den Gassen wirkte dieser hier fangfrisch. Wir näherten uns also dem Hafen. Djamila und ihr kleiner Dieb waren längst aus unserem Blickfeld entschwunden. Ein Händler in einem kleinen Laden feilschte mit Kunden um den besten Preis. An einer Ecke spielte ein Musikant seine Lieder. Mit Hilfe einer Rischa aus dem Kiel einer Adlerfeder entlockte er der Oud die schönsten Töne, indem er mit diesem stäbchenförmigen Plektrum die Saiten zupfte. Dieser arabischen Laute bin ich auf meinen Reisen durch den magischen Orient schon des Öfteren begegnet. Hier war zwar nicht das bunte Treiben wie einst in Basra, doch der kleine Ort strahlte immer mehr Lebensfreude aus, je weiter wir uns dem Meer näherten.

Ein Tor führte in einen Innenhof, wo die wenigen Reisenden, die sich hierher verirrten, mit kühlen Getränken, Minztee oder türkischem Kaffee erfrischt wurden. Der Gastwirt begrüßte seine Gäste mit Baklava, einem in Zuckersirup eingelegten Gebäck aus Blätterteig. Es wurde in kleine Quadrate, Rauten oder Dreiecke geschnitten und war je nach Geschmack mit geriebenen Walnüssen, Pistazien oder Mandeln gefüllt. Auch uns reichte er jedem eine der Köstlichkeiten, wohl um uns in sein bescheidenes Lokal zu locken. Halef griff beherzt zu. Ich lehnte dankend ab. Doch obwohl ihm gewahr sein musste, dass wir im Moment nicht seine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen wollten, bedrängte er mich, ein Gebäckstück zu nehmen. Ich tat es dann auch, um den Mann nicht zu beleidigen. Es schmeckte für meine deutsche Zunge außergewöhnlich süß.

So naschend schlenderten wir Richtung des kleinen Hafens von Kyrenia. Häuser mit schmiedeeisernen Balkonen wechselten sich ab mit Mauern aus hellem Sandstein, hinter denen verborgene Gärten ihre Pracht entfalteten. Palmen und Zitronenbäume streckten ihre Zweige über die Mauerkronen, an denen Blüten von zartem Rosa bis tiefdunklem Violett emporrankten. Dazwischen gab es immer wieder verfallene und verlassene Gebäude, deren einstige Pracht längst verweht war. Wie welke Ranken schmiegten sich die schiefen Mauern an die Wände des nächsten bewohnten und gepflegten Hauses. Dies waren die stummen Zeugen dafür, dass die Stadt einst viel größer und belebter gewesen war. Es musste damals Wohlstand hier geherrscht haben, denn man erzählte sich, dass König Richard Löwenherz hier einen mächtigen Schatz erbeutet hatte. Doch schrumpften durch die ständigen Eroberungen sowohl der Wohlstand als auch die Bevölkerung der Stadt. Verlassene Häuser, leere Grundstücke und zahlreiche Ruinen zeugten davon. Allerdings wurde dies dem Reisenden, der sich hierher verirrte, nicht auf den ersten Blick offenbart. Die verfallenen Häuser waren oft unter buntem Pflanzengewirr verborgen, als wolle die Insel ihr wahres Bild verhüllen. Die Blüten verdeckten die verfallenen Mauern und zerschlagenen Scheiben und erfüllten die Luft mit süßem Duft. Fast wirkte es auf mich wie ein Ablenkungsmanöver vom Niedergang einer blühenden Epoche. Als wolle die Stadt selbst ihre Geschichte nicht wahrhaben und krallte sich an besseren Zeiten fest. Oder verwirrte nur die in der schmalen Gasse aufgestaute Hitze des Tages gepaart mit dem schweren Duft der Blütenranken meine Sinne und verleitete mich zu allerlei seltsamen Gedanken?

Ich hörte Schritte, die mich zurück in die Realität holten. Vom nahen Wasser des Hafens her wehte eine erfrischende Brise durch die Gasse. Das belebte mich. Ich sah Halef am Ende der Straße stehen, wo ich nun schon einige Segelmasten erkennen konnte, die hin- und hertanzten. So eilte ich ihm festen Schritts hinterher.

Als wir nun den Kai erreichten – falls man die Befestigungsmauer des Hafenbeckens so nennen konnte, der man die Jahrhunderte ihres Bestehens ansah –, gewahrte ich Djamila freudig uns entgegenkommen. Sie winkte mit einem Päckchen in unsere Richtung. Der kleine Dieb war nirgends auszumachen. Ich ließ meinen Blick über die Stapel von Ballen, Fässern und Kisten schweifen, deren Inhalt, allem voran die berühmten Weiß- und Rotweine Zyperns, aber auch Seide, Johannisbrot und Käse, auf seine Verschiffung gen Süden wartete. Besonders nach Ägypten, Syrien und dem Schwarzen Meer würden sich die beladenen Segler aufmachen. Djamila kam lachend bei uns an. Triumphierend wies sie in Richtung des Wassers. Nun sah ich den Kleinen tropfnass auf die Kaimauer klettern. Grimmig blickte er zu uns herüber. Sein dunkles Haar hing in nassen Strähnen in sein Gesicht.

Halef beachtete Djamila und das Päckchen nicht, sondern sauste an dem Mädchen vorbei auf den durchnässten Jungen zu. Der war durch den Sturz ins Wasser offensichtlich noch benommen und seiner vorhin gezeigten Reflexe beraubt. So konnte Halef ihn am Schlafittchen packen. Dem Kleinen erwachten durch diesen Schreck die Lebensgeister wieder. Er zappelte wild unter Halefs Griff und schlug um sich. Doch er hütete sich laut zu schreien.

„Was sollen wir mit dem kleinen Dieb anfangen?“, fragte Halef. „Ich denke, wir sollten die Zaptiehs rufen.“

„O nein!“, begann der Junge nun zu betteln. „Nein, mein Herr. Ich bitte Euch.“

„Das hättest du dir eher überlegen sollen, bevor du friedliche Reisende beraubst“, erwiderte Halef.

Der Junge hing nun fast ergeben in Halefs Hand. „Wenn Ihr das tut, so wird man mir die Hand abhacken“, klagte er.

„Ach, lieber Halef“, begann Djamila, der dieser Knabe wohl das Herz erweicht hatte, „lass ihn laufen. Ich habe dein Päckchen doch wieder.“ Sie reichte ihrem Schwager das eingewickelte Etwas.

Halef wiegte nachdenklich den Kopf hin und her.

„Höre auf Djamila, guter Freund“, versuchte nun auch ich, für den kleinen Kerl Partei zu ergreifen. „Lass ihm seine Hände und seine Freiheit. Es wird ihm bestimmt eine Lehre sein.“ Die Zaptiehs, die Halef meinte, waren die Sicherheitstruppe des osmanischen Militärs hier auf Zypern. Sie jagte nicht nur Deserteure, sondern auch kleine Diebe wie diesen hier.

„Gewiss, edler Herr, es ist mir eine Lehre. Ich werde nie wieder etwas stehlen.“ Er blickte Halef mit hundetreuem Blick an. Er sah trotz des Bades schmutzig aus und war hager. Sicher hatte der Junge kein einfaches Leben, aber dennoch sollte Stehlen kein Ausweg sein – mochten es auch nur Kleinigkeiten sein, wie Kerzen, Uhren oder Päckchen unbekannten Inhalts. Wie heißt es in meiner Heimat: Ehrlich währt am längsten.

Noch während ich darüber nachdachte, lockerte Halef seinen Griff um den Kragen des Diebes. „Nun, denn …“, begann mein Freund. Doch weiter kam er nicht. Eilig entwand sich der Junge aus dem gelockerten Griff und spurtete den Häusern entgegen. Er verschwand in eine der Gassen.

Ich lachte und schüttelte den Kopf über seine Dreistigkeit.

„Lieber Halef, jetzt hast du meine Neugier geweckt. Was hast du da so Wertvolles bei dir, dass sich ein so kleiner Wicht gar todesmutig darauf stürzen mag?“, fragte ich lachend.

„Es ist wahrlich etwas sehr Wertvolles in dem Päckchen. Doch glaube ich, dass der kleine Dieb davon nichts wusste. Er packte sich wohl das Nächstbeste, was er erreichen konnte“, antwortete mein Freund. Er wickelte vorsichtig das Päckchen auseinander. Dabei erhielten seine Augen einen ehrfürchtigen Glanz.

„Schau, Sihdi, das ist ein magisches Fell“, erklärte er und hielt mir einen handtellergroßen sandfarbenen Fellfetzen unter die Nase.

Ich blickte meinen Freund wohl derart skeptisch an, dass er sich beeilte, weitere Erklärungen an den Tag zu legen:

„Es ist ein Stück eines magischen Widderfells, erklärte mir der Verkäufer“, berichtete Halef.

„So? Was genau sind denn die magischen Eigenschaften dieses Lappens?“, fragte ich grinsend. Mein treuer Gefährte war, wie ich wusste, sehr leichtgläubig, was die Magie betraf. Auf jedem Markt meinte er, dass er dort etwas Magisches erstehen könnte. Nun, er hatte durchaus schon einige Male einen guten Griff getan. Seine Kugel brachte immer dann, wenn wir es vonnöten hatten, Licht ins Dunkel unserer verschlungenen Wege – auch wenn sie mittlerweile Schwächen zeigte, weil sie von einem Dämon verschluckt worden war, was ihren Fähigkeiten leider einen Abbruch tat. Auch das Zelt, das wir einst in Basra gefunden hatten und das uns ein guter Verbündeter gegen die Schergen des Al Khadir gewesen war, konnte ich durchaus als von Magie geprägt bezeichnen, die ich mir durch meinen rationalen Verstand mit keiner mir bekannten Wissenschaft zu erklären wusste. Wir waren nicht mehr in seinem Besitz, weil wir es Abdi geschenkt hatten, der jetzt ein Lokal in Istanbul führte. Aber diesmal war ich mir sicher, dass der gute Halef einem Schwindel aufgesessen war. Denn die Legende, die sich hinter dem magischen Fell verbarg, war mir durchaus bekannt.

Halefs Kinnlade klappte herunter angesichts meiner offenkundigen Ungläubigkeit. „O Sihdi, das wird das goldene Fell zu gegebener Zeit offenbaren.“

Ich lachte. Denn nichts war golden an dem abgeschabten Fell. Doch wusste ich, auf welche Sage der Verkäufer sicherlich anspielen wollte. „Halef, mein Freund, in der Tat gibt es eine Sage um ein magisches Widderfell. Doch ich glaube nicht, dass dies hier ein Teil davon ist.“

„Erzähl mir von dieser Sage, Sihdi. Vielleicht offenbart sie mir meinen Irrtum oder dir den deinen.“

„O ja. Erzähle uns die Geschichte“, bettelte nun auch Djamila.

„Das will ich gern tun. Aber lasst uns zuerst die Taverne aufsuchen, in der wir uns mit Haschim und den Frauen treffen wollten.“

Unser guter Lord war ja derzeit noch mit den Rückbauten auf seinem Schiff in einer verborgenen Bucht beschäftigt. Er würde seinen Angaben nach frühestens morgen Abend damit fertig sein. Deshalb erstaunte mich der folgende Anblick. Wir schritten eine Weile an der Hafenmole entlang. Zwischen den Segelbooten, die Waren be- oder entluden, gab es viele kleine Fischerboote, die mit Netzen behangen auf den Wellen schaukelten. Weiter östlich hatte eine Reihe Segler festgemacht. Und unter den größeren Frachtschiffen erkannte ich mit einem Mal die Marley, das Boot unseres guten Freundes Sir David Lindsay. Die Segel waren gerefft. Der schlanke Rumpf glänzte mit frischer Farbe versehen in der Abendsonne. Einige Matrosen waren auf Deck zu Gange. Ich war im höchsten Maße überrascht, denn das Schiff hatte ich heute noch nicht erwartet. Hatte der Lord seinen Zeitplan unterbieten können und die Marley vorzeitig wieder flott gemacht? Mir schien, dass der Dampfsegler schon wieder seinen ursprünglichen Zustand erhalten hatte. Ich hoffte, dass der Lord seine zwar versteckte, mir aber nicht entgangene Verärgerung über die Umgestaltung seines schönen Boots bald würde vergessen haben. Dies war nun einmal nötig gewesen, um unsere Gegner in den Glauben zu versetzen, dass die hübsche Yacht ein altes Piratenschiff sei. Dazu hatte es natürlich einiger Umbauten bedurft und auch ein paar Pinselstriche. Aber die fleißigen Schiffsbauer von Kyrenia und die Mannschaft seines Skippers Kapitän Masterman hatten offenbar alle Spuren dieses Tricks beseitigt.

Halef und Djamila hatten von meiner Entdeckung nichts bemerkt und ich sah in diesem Moment auch nicht die Notwendigkeit, sie ihnen mitzuteilen. Lindsay hatte sicherlich seine Gründe, die Marley im Hafen auf Anker zu legen. Vielleicht zog ein Sturm auf und er befand das Schiff in dem mauerumfriedeten Becken für sicherer denn in der kleinen Bucht außerhalb der Stadt. Da das Schiff seine ursprüngliche Gestalt und Pracht wiederhatte, war es nunmehr auch nicht verräterisch. Der Hafen bot schließlich guten Schutz gegen eventuelle Unwetter und auch gegen mögliche Angriffe. Denn nicht nur die Mauer im Norden zum Meer hin trutzte den Wellen, auch die imposante Festung an der Ostseite des Beckens verengte die Einfahrt zum Hafen taktisch klug zu einem schmalen Kanal. Die Mauern dieses Bollwerks reichten bis in das Wasser hinein. Die runden Wehrtürme an ihren Ecken standen wie monumentale Wächter da. Diese wuchtige steinerne Seefeste, welche die Stadt und das Hafenrund beschützte, war in den Jahrhunderten ihres Bestehens mehrfach erweitert worden, belagert und ausgehungert und von der Genuesen im Jahre 1373 fast völlig zerstört. Jedoch wurde sie nie erstürmt. Die Venezianer bauten sie wieder auf, mächtiger und gewaltiger als je zuvor und nun hält sie beharrlich ihre Stellung.

So grübelte ich vor mich hin, während wir dem sichelförmigen Hafenbecken nach Westen folgten. Alsbald bogen wir in eine schmale Gasse ein, durchschritten einen Torbogen und erblickten Sir David Lindsay, Scheik Haschim, Halefs geliebte Hanneh und ihre Mutter Amscha an einem Tisch sitzend. Ich war durch meine vorherige Entdeckung weniger überrascht, den Lord hier anzutreffen, als Halef und Djamila. Diese ließen sogleich ein lautes Hallo ertönen. Als die Gruppe am Tisch uns dadurch entdeckte, winkten die Frauen uns zu. Djamila eilte ihnen freudig entgegen. Wir begrüßten unsere Freunde und bestaunten höflich die neuen bunten Gewänder der Frauen die sie von Kopf bis Fuß einhüllten. Ich fragte mich, wo es in dieser kleinen Stadt, die kaum mehr als eintausend Seelen zählte, einen Schneider gab, bei dem sie diese bunt bestickten Jilbabs erworben hatten. Doch bevor ich die Frage laut formulieren konnte, bestellte Lindsay lautstark für alle Tee und Gebäck. Er schien begierig darauf, uns etwas mitzuteilen. Allerdings drängte zunächst Djamila auf die Erzählung der Sage.

„Onkel Kara wollte uns etwas zu Halefs magischem Fell erzählen“, erklärte das Mädchen.

Halef zog bei diesen Worten eilig den besagten Gegenstand hervor, hielt ihn der Reihe nach jedem vor die Nase und erfreute sich sichtlich an den Ah- und Oh-Rufen unserer kleinen Gesellschaft.

„Dies ist ein Stück eines magischen Widderfells. Zu gegebener Zeit wird es seine Kräfte offenbaren. Ihr werdet sehen“, verkündete mein kleiner Freund stolz. Ich lächelte ungläubig. Halef blickte mich auffordernd an.

„Nun ja. Es gibt tatsächlich eine Sage über ein magisches goldenes Widderfell. Doch bezweifle ich, dass dies ein Stück davon ist“, entgegnete ich.

Die Frauen ließen ein enttäuschtes Raunen vernehmen.

„Aber, wer weiß“, versuchte ich sie aufzuheitern. „Mag sein, dass sich so mancher Mythos um das Goldene Vlies rankt. Doch die Geschichte entsprang den Götterlegenden des alten Griechenlands. Demnach soll der sprechende und fliegende Widder Chrysomeles von den Göttern geschickt worden sein, um den Königssohn Phrixos zu retten und in das Land Kolchis am Schwarzen Meer zu bringen. Aus Dankbarkeit wurde der Widder dem Gott Zeus geopfert und sein Fell im Tempel aufgehängt.“ Hier unterbrach ich kurz meine Ausführungen, denn der Tee und das Gebäck wurden serviert. Meine Freunde griffen beherzt zu, denn es gab Baklava, und diesmal kein Probierstück, sondern der süße Blätterteig stapelte sich auf einem Messingtablett. Sobald die Hizmet, also die türkischen Kellner, wieder verschwunden waren, fuhr ich fort: „Viele Jahre später soll Jason ein gewaltiges Schiff gebaut haben, das er Argos nannte und mit den größten Helden Griechenlands, die nun die Argonauten waren …“

„… so wie wir die Zypernauten“, unterbrach mich Lindsay mit einem Grinsen. Dann wurde er wieder ernst und nickte mir zu, dass ich fortfahren sollte.

„Jason und die Argonauten machten sich also auf den Weg nach Kolchis, um das goldene Widderfell zu stehlen. Mit Hilfe der magischen Fähigkeiten der Prinzessin …“ Bei diesen Worten strahlte Halef. „… konnte Jason den König besiegen und das Goldene Vlies an sich nehmen. Er brachte es zurück nach Griechenland, wo es im Zeustempel von Orchomenos aufbewahrt wurde.“

„Was geschah dann damit?“, fragte Halef.

Ich zuckte mit den Schultern. „Darüber gibt es keine Aufzeichnungen. Die Spur verliert sich.“

„Ha!“ Halef schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass die Tassen klirrten. „Die Spur verliert sich, und damit hast du nicht bewiesen, dass ich einem Irrtum oder Schwindel aufgesessen bin, Sihdi“, triumphierte mein Freund.

„Das mag sein, Halef. Doch ich denke – und damit bin ich nicht allein –, dass diese Sage auch einen wahren Kern beinhaltet.“

„Ja, genau. Das denke ich auch.“ Halef wedelte mit seinem Goldenen Vlies herum und entlockte den Frauen ein Lachen. Haschim blickte skeptisch, aber interessiert. Lord Lindsay rutschte nervös auf seinem Stuhl herum.

„Der wahre Kern ist eher unspektakulär“, versuchte ich zu erklären. „Er geht wohl darauf zurück, dass damals am Schwarzen Meer große Goldfunde gemacht wurden. Und die Kolcher dieses Gold mit Hilfe von Schaffellen aus dem Flusswasser wuschen …“ Weiter kam ich nicht, denn mit dem Ende der Magie in der Geschichte endete auch das Interesse meiner Freunde daran.

„Friends“, hörte ich plötzlich Sir Lindsays Stimme. Der Lord hatte sich erhoben und eine feierliche Miene aufgesetzt. Seine Teetasse hielt er mit abgespreiztem kleinem Finger in der Hand, als wäre es ein Glas goldener Sekt aus der Champagne. „Well, ich muss euch eine Mitteilung machen. Passend zur Geschichte unseres guten Freundes Kara Ben Nemsi, die von einem Goldschatz erzählt, habe auch ich Kenntnis von einem Schatz erhalten.“

„Oh!“, entfuhr es den Frauen.

„Well, my friends, ich habe einen bedeutenden Auftrag erhalten, den ich als Mitglied des Travellers Club nicht ablehnen kann. Dies könnte der Beginn einer bedeutenden historischen Entdeckung sein.“ Der Lord setzte seine Tasse ab und zog ein Papier aus seinem karierten Gehrock. „Hier“, fuhr er mit stolzgeschwellter Brust fort, „ist ein Brief eines Archäologen von der wunderschönen Insel Kreta. Er schreibt mir von einem historisch bedeutsamen Fund auf seinem Land und bittet mich als Mitglied des Travellers Clubs um fachkundige Hilfe. Dies kann ich unmöglich ablehnen. Ich bitte euch deshalb um Verständnis, dass ich sofort abreisen muss.“ In seiner Aufregung war der Lord ins Englische abgedriftet und ich übersetzte es meinen Freunden. Deshalb galten die entsetzten Blicke nun mir, dem Sprecher, der ihnen die Nachricht offenbarte, und nicht dem Lord, der stramm wie ein britischer Soldat am Tisch stand.

„Das ist sehr bedauerlich, Sir David“, brachte ich hervor. Dies löste den Bann und die Frauen stürmten auf ihn ein und fragten und klagten, wie sie denn ohne sein Schiff das Meer überqueren sollten und dass er sie doch jetzt nicht im Stich lassen könnte. „Um was genau handelt es sich bei dem Fund?“, fragte ich dazwischen. Die anderen verstummten und blickten nun ebenfalls voller Wissbegier den Lord an.

Lindsay räusperte sich verlegen. „Das, mein lieber Kara, unterliegt strengster Geheimhaltung. Sorry.“

Ich entgegnete nichts, denn ich konnte mir keinen rechten Reim darauf machen, warum dem Lord diese Entdeckung mehr wert war als die sichere Heimreise seiner Freunde.

„Wie sollen wir denn ohne Euer Schiff nach Hause kommen?“, fragte Hanneh.

Ich wusste, dass sie darauf brannte, ihren kleinen Sohn Kara endlich wieder in die Arme schließen zu können. Und auch uns andere verlangte es nach einer Erklärung.

„Oh, ich habe natürlich vorgesorgt. Morgen wird euch ein mir bekannter Kapitän eine Nachricht zukommen lassen, wann sein Schiff zur levantinischen Küste aufbricht, und er wird euch an Bord nehmen. Es ist alles geregelt.“

Plötzlich ging alles sehr schnell. Wie er zu dem Brief gelangt war, blieb vorerst sein Geheimnis. Ebenfalls, wie er den Kapitän hierher beordert hatte, der uns mitnehmen sollte. Lord Lindsay hatte die Nachricht wohl nicht erst an diesem Tag erhalten, denn seine Vorbereitungen waren bereits abgeschlossen. Oder er war so erpicht auf dieses neue Abenteuer, dass er es nicht erwarten konnte. Jedenfalls beglich er die Rechnung und machte sich forschen Schrittes auf, Richtung Hafen. Wir folgten ihm, noch reichlich verwirrt von dem spontanen Abschied. Doch keiner bedrängte den Lord weiter, bei uns zu bleiben.

Ich muss gestehen, dass damals meine Sehnsucht nach meinem eigenen Zuhause in Radebeul größer war als der Abschiedsschmerz, den unser abenteuerlustiger Lord in mir hervorrief. Auch von Halef wusste ich, dass er darauf brannte, endlich wieder zu den Weidegründen der Haddedihn zurückzukehren, um dort alles wiederaufzubauen. Denn seine Schuld war beglichen und sein Sohn Kara wartete auf seinen Vater Halef und seine Mutter Hanneh.

Trotz dieser Erwägungen machte sich eine bedrückte Stimmung breit, denn nach vielen Monaten des gemeinsamen Abenteuers zerfiel nun unsere Gemeinschaft allmählich. Dieser Umstand schien alle ein wenig traurig zu stimmen. Ich wurde von Sir Davids Stimme aus meinen Gedanken gerissen. Wir befanden uns am Pier. Lindsays Boot schaukelte vor uns in den Wellen. Der Lord umarmte uns reihum.

„Friends, seid nicht betrübt. Wir sehen uns sicherlich in Bälde wieder.“ Damit sprang er behände vom Kai auf die Planke und erreichte nach wenigen Schritten das Deck seines Dampfseglers. Der Kessel stand schon unter Druck und aus dem Schornstein qualmte es.

Die Mannschaft löste die Leinen, und während das Schiff aus der Hafenausfahrt tuckerte, kletterten die Matrosen in die Masten. Sogleich begannen sie die Vorsegel zu hissen. Der Wind griff in das gewachste Leinen und sorgte für zusätzlichen Schub. Lindsay stand an der Heckreling und winkte uns zu. Als die Marley die schmale Hafenausfahrt passiert hatte, sah ich die Gaffelsegel nach oben gleiten und zum Schluss die dreieckigen Gaffeltopps. Sharki, der heiße, feuchte Südostwind aus dem persischen Golf, der zu dieser Jahreszeit in der Region vorherrschte, erfasste das Tuch und blähte die Segel. Lindsay hatte es offensichtlich sehr eilig. Während das Boot das Wendemanöver vollführte, machten wir uns auf zum Ende der Kaimauer. Die Marley nahm Kurs nach Westen, geradewegs in den glühenden Sonnenuntergang hinein. Das Farbenspiel des Himmels erfasste auch das Leinen der Segel. Lindsay war nur mehr ein Schatten im roten Gegenlicht, wie er da erhaben auf dem Heck posierte. Dies war ein wahrhaft majestätischer Abgang für unseren Lord.

Zweites Kapitel
Ein seltsames Angebot

Sir David Lindsays erwähnter Kapitän meldete sich tatsächlich am nächsten Abend bei uns in Gestalt eines kleinen Schiffsjungen. Artig zog er seine Mütze vom Kopf und legte seine schwarze Lockenpracht frei. Dann eröffnete er uns, dass am nächsten Tag ihr Schiff, die Shams Albahr – was Arabisch war und so viel hieß wie Die Sonne des Meeres –, die Segel setzen würde und wir uns gegen Mittag an Bord begeben könnten. Mit gesenktem Blick wiederholte er dann die Worte seines Kapitäns, durch die jener einen horrenden Preis für die Überfahrt forderte, den wir jedoch nicht zu zahlen gedachten. Denn wir wussten natürlich, dass Lord Lindsay ein Gentleman war, auch wenn er uns für eine geheimnisvolle und fragliche Mission im Stich gelassen hatte. Er hatte den Kapitän sicher mehr als üblich für seinen Dienst entlohnt. Doch ich erwähnte es dem kleinen Kerl gegenüber nicht. Er konnte ja nichts für die Verschlagenheit seines Kapitäns. Wir würden die Sache morgen persönlich mit diesem geschäftstüchtigen Herrn besprechen. Und so machten wir uns daran, unsere Sachen zu packen.

Am nächsten Morgen war alles für die Abreise bereit. Mein guter Halef, berauscht von dem Fund seines Goldenen Vlieses, musste indes noch einmal dringlichst nach interessanten Mitbringseln Ausschau halten. Deshalb begab er sich eiligst hinunter zur Straße. Doch währte es nicht lange und er klopfte an meine Tür. Ich öffnete und blickte reichlich verdutzt drein, ihn so bald wieder hier in unserem Quartier zu sehen.

„Was ist geschehen, Halef? Sind alle magischen Utensilien auf Zypern schon ausverkauft?“, zog ich ihn auf. Er ging jedoch nicht auf meinen Scherz ein.

„Sihdi“, begann er seine Erklärung, „unten ist ein Mann und will dich sprechen.“

„Was für ein Mann ist es und was will er?“, fragte ich reichlich überrascht. Wir waren die Zeit in Kyrenia recht vorsichtig gewesen und hatten versucht, uns unauffällig zu verhalten. Wer also konnte von unserer Anwesenheit hier Kenntnis haben?

„Er trägt keine Uniform, scheint mir aber ein britischer Soldat zu sein. Er spricht sehr seltsam, eben wie einer dieser zwei englischen Krieger“, ergänzte Halef.

Ich verstand, dass mein Gefährte die britischen Soldaten Terbut und Bradenham meinte, mit denen wir schon so manches Abenteuer bestanden hatten. Erst jüngst hatten wir mit ihnen auf Lindsays Yacht nach Zypern übergesetzt und sie waren uns gute Verbündete bei unserer Finte gegen die Piraten gewesen. Wir kannten die beiden schon etliche Jahre, noch aus der Zeit, als wir uns auf den Spuren Al-Kadirs und des Schuts bewegten. Immer wieder kreuzten sich unsere Wege, und wenn ich auch nicht in tiefer Zuneigung zu ihnen zerfließe, so habe ich doch Respekt vor ihnen.

In dem Moment überkam mich eine leidvolle Ahnung. Es wird doch unserem guten Lord nichts zugestoßen sein? Ich begann mich bei diesem Gedanken in der Tat zu sorgen. Mein Verstand sagte mir allerdings, dass dies nicht möglich sein konnte. Lord Lindsay konnte mit seiner Segelyacht frühestens heute Abend sein Reiseziel Kreta erreichen, wenn die Sonne schon längst untergegangen sein würde. Bei gutem Wind und unter vollem Dampf vielleicht auch in der frühen Abendstunde. Trotz der modernen Technik seines Dampfseglers währte die Überfahrt nach Kreta mindestens zwei Tage. Wenn ihm etwas geschehen sein sollte, konnte das im Moment noch niemand wissen und uns somit auch keine Kunde darüber bringen. Trotzdem folgte ich mit ungutem Gefühl meinem treuen Halef nach unten in den Garten, der sich hinter dem Haus, in dem wir Quartier bezogen hatten, befand.

Die Morgensonne warf lange Schatten in dem mauerumfriedeten Bereich hinter dem Haus. Die weißen Blüten des Hibiskus mit dem auffallend roten Auge stachen wie leuchtende Sterne daraus hervor. Blume der schönen Träume wurde er genannt. Eine von dunklem Violett über Purpur bis zartem Rosa blühende Bougainvillea eroberte mit ihren dornigen Ranken die hellen Sandsteine der Gartenmauer. Der würzige Duft von Kräutern erfüllte die Luft. Rosmarin, Thymian, Minze und viele weitere der köstlichen Gewürzpflanzen, welche die mediterranen Gerichte aufs Trefflichste vervollständigten, blühten nahe der Terrasse und konnten somit schnell von der Köchin des Hauses erreicht werden.

Im Schatten des Verandadachs stand in der Tat ein Mann. Dass Halef ihn sogleich als Soldaten erkannt hatte, mag an seiner steifen Haltung gelegen haben und vielleicht an seiner Ausdrucksweise, denn seine Kleidung gab dies jedenfalls nicht her. Er trug einen grauen unscheinbaren Mantel, den man wohl als Reisender zu tragen pflegt. Als ich nähertrat, klappte er für einen kurzen Moment sein Revers hoch und gewährte mir somit den Blick auf ein Abzeichen. Es zeigte eine Erdkugel im Lorbeerkranz mit dem Wahlspruch Per mare, per terram – was also bedeutete Zu See, zu Land. Wäre er in seiner eigentlichen blauen Uniform vor mir gestanden, so hätte ich sicher zunächst angenommen, er sei Angehöriger des britischen Heeres. Erst das Zeichen hätte mir, wie nun auch, verraten, dass er den Royal Marines angehörte, einer speziellen Einheit der Royal Navy. Es musste sich also um eine ganz besondere Operation handeln, wenn ein Soldat eines derartigen Sonderkommandos hier aufschlug, noch dazu inkognito. Letztes war natürlich nicht verwunderlich, denn Zypern stand unter dem Dekret der Hohen Pforte und gehörte dem Osmanischen Reich an. Somit konnte das britische Militär hier nicht einfach nach Gutdünken herumstolzieren. Als ich ihn erreichte, schlug der junge Mann seine Hacken militärisch zusammen, nahm die Rechte an die Schläfe und verkündete: „Captain Sean MacLean, Sir.“ Im selben Moment blickte er sich sichtlich erschrocken ob seiner verräterischen Begrüßung im Garten um. Doch war außer Halef niemand weiter zugegen. Man konnte aber nie sicher sein, ob nicht ein neugieriges Auge durch einen Mauerspalt blinzelte. Nun, sei’s drum, dachte ich bei mir. Ich hatte nichts zu verbergen und war nicht in Kenntnis der geheimen Mission dieses Gentleman. Was sich jedoch alsbald änderte.

„Guten Morgen“, erwiderte ich gänzlich unmilitärisch. „Sie wollten mich sprechen?“ Ich streckte ihm meine Rechte entgegen.

Der junge Mann räusperte sich verlegen, nahm die Hand wieder herunter und erwiderte meinen zivilen Händedruck. Unter seiner Kopfbedeckung lugte rotblondes Haar hervor und seine grünen Augen zeugten davon, dass er weiter im Norden zu Hause war, als er sich derzeit befand. Ich tippte bei seinem keltischen Aussehen auf Schottland. Offenbar war er es nicht gewohnt, mit Zivilisten zu agieren. Er wirkte recht unschlüssig, wie er sich verhalten sollte.

„Sir, wenn ich die Ehre mit Kara Ben Nemsi habe, dann möchte ich Sie gern sprechen.“

„Ja, man nennt mich hier Kara Ben Nemsi. Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Captain MacLean?“

Der Angesprochene trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. „Man berichtet sich viel Abenteuerliches über den deutschen Gentleman“, begann er umständlich.

„Ach, tut man das? Wer denn genau, wenn ich fragen darf?“

„Nun, Sir, da wären Sir Bradenham und Captain Terbut zu nennen. Sie berichteten von einigen Abenteuern mit Ihnen. Und sie haben Sir Kara Ben Nemsi aufs Wärmste empfohlen.“

„Aha“, ich nickte wohlwissend, verkniff mir aber einen bissigen Kommentar. So, so, dachte ich bei mir, Bradenham und Terbut haben mich empfohlen. Die Frage war nur: Wofür? Sollte ich für sie Kreta erobern, während sie sich Zypern für das Empire unter den Nagel rissen?

Captain MacLean blickte sich erneut betreten im Garten um, als erwartete er einen feindlichen Spion hinter einem Palmenstamm, und nickte schließlich zu Halef hinüber, der an der Hintertür des Hauses lehnte und anscheinend desinteressiert in die Gegend schaute.

„Das Weitere würde ich gern unter vier Augen besprechen, Sir“, fuhr der Captain mit gedämpfter Stimme fort.

„Das können Sie gern tun, Captain MacLean. Meinen Freund Halef und mich seht als zwei Augen an. Eure zwei dazu und es sind vier“, erwiderte ich lachend.

Der Captain blickte verdutzt drein.

Um die Situation für den armen Mann etwas erträglicher zu machen, bot ich ihm einen Stuhl an, derer sich einige auf der Terrasse um einen runden Pinientisch gruppierten. Er setzte sich und ich nahm ihm gegenüber Platz. Halef verschwand im Haus. Oder er hatte bemerkt, dass die Angelegenheit einiges an Verschwiegenheit bedurfte, und sicherte das Terrain zur Straße hin gegen ungebetene Besucher ab.

Captain Sean MacLean druckste gar umständlich um den heißen Brei herum und ich konnte seinen Ausführungen keinen Sinn entnehmen, bis er sich schließlich räusperte, seine Gedanken sortierte und verständlich berichtete: „Sir Nemsi, mein Trupp ist derzeit mit einer geheimen Mission auf Kreta beschäftigt. Die Insel ist bekannt für ihr schier unendlich erscheinendes und unerforschtes System an Höhlen. Es gibt zahlreiche Schlunde und Schlote in das Felsmassiv dieses Eilands hinein, sodass man annimmt, diese Einzelhöhlen könnten als unterirdisches Labyrinth miteinander verwoben sein.“

Das war mir in der Tat nichts Neues. Kreta hatte durchaus zahlreiche Höhlen zu verzeichnen. Einige mochten natürlichen Ursprungs sein, andere durch Rohstoffabbau künstlich geschaffen und man munkelte sogar, dass in minoischer Zeit ein gigantisches unterirdisches Labyrinth eine Bestie beherbergt haben soll. Was natürlich nur eine Sage war und jedweder Realität entbehrte. Aber wer an magische Schwerter namens Excalibur oder gar Elfen glaubte, der glaubte womöglich auch an die Fantasien der griechischen Sagenwelt. Vielleicht vermuteten die Briten auch ein menschenfressendes Monster, angelehnt an ihre Sagengestalt des Grendel, in den Höhlen, von dem erst kürzlich der gute Lord Lindsay am Lagerfeuer in der nach seinem Geheiß Hirschhalle getauften Burgruine im Gebirge des Nur Daghlari erzählt hatte, als wir auf dem Weg nach Hassa dort lagerten.

Verschwörerisch beugte der Captain sich vor. „Wir sind zum Zweck der Erforschung dieser Höhlen in streng geheimer Mission auf Kreta.“

Ah, ich lag also nicht falsch, dachte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Doch ich wollte den armen Mann nicht allzu sehr verwirren, machte eine interessierte Miene und forderte ihn auf: „Nun, dann berichten Sie, was Sie auf dem Herzen haben.“

„Die Sache ist so, Sir Kara, dass wir vor ungefähr zwei Wochen drei Mann als Spähtrupp in eine der Höhlen schickten. Sie sollten die Gänge kartografieren. Doch die drei gingen verschollen.“

Das war wirklich interessant. Allerdings wusste ich nicht, was für eine Rolle ich dabei spielen sollte.

„Wir haben zwei Tage gewartet und schließlich weitere vier Mann als Rettungstrupp in die Höhle geschickt.“ Der Captain schluckte sichtlich. Dann fuhr er fort. „Auch diese Männer sind nie wieder aufgetaucht.“ Er machte eine Pause. Nach außen hin bemühte er sich, ruhig und sachlich zu wirken, doch ich spürte, dass ihm die Sache zusetzte. „Schließlich bin ich einige Tage später mit einem weiteren Mann meines Trupps in die Höhle gestiegen“, berichtete er weiter. „Wir wagten uns so weit vor, wie es uns möglich war. Doch wir fanden keine Lebenszeichen der Verschollenen und auch sonst nichts. Keine Kleiderfetzen, keine Waffen und auch kein Blut. Sie sind quasi spurlos verschwunden.“

Ein Strahl der Morgensonne fand in diesem Moment den Weg unter das Verandadach und ich vermochte nicht zu sagen, ob die Augen des Captains sich röteten, weil er durch das unverhoffte Licht geblendet wurde, oder wegen der Ergriffenheit durch die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse. Jeder Soldat war es gewohnt, im Krieg Kameraden zu verlieren, und jeder Offizier musste mit Verlusten in seinem Trupp rechnen. Doch war es ein Unterschied, ob die Kameraden im Kampf fielen oder ob sie auf unheimliche Weise in einer unerforschten Höhle verschwanden.

„Wieso haben Sie die Höhlen unbeschadet wieder verlassen können im Gegensatz zu Ihren Mannen?“, fragte ich. Denn das schien mir äußerst seltsam.

„Das kann ich nicht sagen, Sir Nemsi. Vielleicht hatten wir einfach Glück. Wir hörten ein Donnergrollen wie von einem Erdbeben und …“

„… und Sie nahmen die Beine in die Hand“, ergänzte ich.

„So könnte man es ausdrücken. Wir traten den ungeordneten Rückzug an und erreichten unbeschadet wieder die Oberfläche.“

„Da hatten Sie anscheinend tatsächlich mächtiges Glück, dass Sie der unbekannten Gefahr entkommen sind.“

„Ja, dem ist so, Sir Kara.“ Die Gesichtsfarbe des jungen Captains hatte sich während des Berichtens gewandelt. Zunächst war sie hellbraun gewesen mit einem Stich ins Rote, wie das Kernholz der Pinien. Dies mochte von seiner schottischen Herkunft herrühren und von der Tatsache, dass er sich noch nicht allzu lange in diesen sonnigen Gefilden aufhielt. Nun war die Haut bleich geworden, bleich wie gekalktes Holz.

„Und was glauben Sie, Captain MacLean, könnte ich für Sie tun?“, fragte ich.

„Sir Nemsi, da Sie durch Ihre zahlreichen Abenteuer schon viele Erfahrungen mit den unaussprechlichsten Gegnern und Gefahren gemacht haben, war ich der Meinung, Sie könnten uns behilflich sein, diese Höhlen zu erforschen und eventuell die unbekannte Bedrohung zu lokalisieren. Zudem sollen Sie bewandert in der Vermessungstechnik sein.“

„Ach“, gab ich erstaunt zurück. Natürlich hatte ich mir schon so etwas in dieser Richtung gedacht, doch eher angenommen, dass man mich um die Hilfe bei einer Rettungsaktion für die verschollenen Soldaten bitten würde. Die Kartografierung des kretischen Höhlensystems dagegen war nun doch ein sehr abwegiges Anliegen eines britischen Soldaten an mich. Ich erhob mich.

„Captain MacLean, wie mir scheint, haben Sie ihre Kameraden aufgegeben.“

„Ja, Sir Kara, sie sind unwiderruflich verloren. Nach so vielen Tagen ist es unmöglich, dass sie noch am Leben sind. Etwas lauert dort in der Tiefe. Aber wir müssen unsere Mission erfüllen.“

„Wahrscheinlich haben Sie Recht damit, dass die Soldaten ihres Trupps verloren sind. Doch ich muss ehrlich mit Ihnen sein. Einer Rettungsaktion gegenüber wäre ich womöglich nicht allzu abgeneigt gewesen. Jeder Mensch besitzt den gleichen Wert und sollte eine Chance haben, den Klauen des Todes entrissen zu werden. Doch im Namen des britischen Empires Vermessungen auf einer Insel zu unternehmen, die unter der Obhut der Hohen Pforte steht, kommt für mich nicht infrage. Ich werde mich nicht in die politischen Machenschaften, die dahinterstehen mögen, hineinziehen lassen.“

„Aber Sir Nemsi, es sind rein wissenschaftliche Erkundungen“, beharrte der Captain aufgeregt. Auch er war nun aufgestanden.

„Das ändert meine Meinung nicht.“

Der Captain stand einen Moment reglos da. Dann schlug er die Hacken zusammen. „Ich habe keinerlei Mittel, Sie zu zwingen. Doch bedenken Sie: Es ist ein Dienst im Namen der Wissenschaft“, versuchte er es ein weiteres Mal.

„Tut mir leid, aber ich muss dieses Angebot ablehnen.“

„Die Einheimischen erzählen sich Geschichten … von Monstern … von schrecklichen Kreaturen, die in den Höhlen hausen. Sie berichten von unheimlichen Vorfällen.“

„Wenn Sie an derlei Dinge glauben, sollten Sie einen Spezialisten anderer Art zu Rate ziehen. Ich bin dafür der falsche Mann, Captain MacLean.“

Er wandte sich schon zum Gehen, als ihm noch etwas einzufallen schien. Kurz sah es aus, als bedenke er seine Worte, als wäre er nicht sicher, ob er sie aussprechen sollte. „Vielleicht sind wir auf der Spur des Tempels von Minos“, wagte er schließlich einen letzten Vorstoß, um meine Neugier zu wecken und mich zu locken.

Ich schüttelte den Kopf. Ich war Schriftsteller und weder Archäologe noch Speläologe, der Höhlen erforschte. Sicher wäre es reizvoll, einen Tempel zu finden oder Höhlen zu erkunden. Doch das überließ ich meinem guten Lord, dem Mitglied des Travellers Clubs. Zudem schien mir die Angelegenheit eher politisch motiviert als wissenschaftlich. Das Militär hatte gewiss noch ganz andere Interessen an den Höhlen, als mir der Captain zu offenbaren gewillt war.

Die ganze Sache stank doch meilenweit gegen den Wind. Woher wussten die Briten überhaupt, dass wir uns in Kyrenia befanden? Wir waren vorsichtig gewesen, hatten unsere Namen nicht in die Welt posaunt und selbst Lindsays Yacht versteckt. Ich erinnerte mich allerdings, ein Patrouillenboot der Briten an jenem Abend gesehen zu haben, als ich die alten Gemäuer der Festung Kyrenias besuchte. Das Ganze schien mir höchst ausgeklügelt. Wahrscheinlich kreuzten hier noch weitere britische Militärboote, die irgendwie Verbindung untereinander hielten und eventuell gezielt nach der Marley gesucht hatten. Denn schließlich wussten nur Terbut und Bradenham von unserem Aufenthalt auf Zypern. Und wenn ich es recht bedachte, war sicherlich der britische Geheimdienst an der Sache beteiligt, das legte schon das seltsame Auftreten dieses den Royal Marines angehörigen Captains nahe. Hier musste etwas Großes im Busch sein. Etwas, das die Briten nur mit Hilfe eines Deutschen in den Griff bekommen konnten? Wieso sollte ich so wertvoll bei dieser Unternehmung für sie sein?

Und obwohl – oder vielleicht weil – das Ganze zum Himmel stank, weckte es mein Interesse. Der junge Mann hatte durchaus einen geheimen Knopf bei mir gefunden, den man drücken musste, damit ich aufmerksam wurde. Diesen Knopf konnte man durchaus mit Abenteuerlust titulieren. Denn wäre er nicht bei mir vorhanden, würde ich gemütlich in Radebeul am Schreibtisch sitzen, die Feder in der Hand, aus dem Fenster spähend, die Enten auf dem Teich betrachtend und mir jedwede Abenteuer über ferne Länder nur ersinnen. Da dies aber, im Gegensatz zu manch französischem Schreiberling, nicht der Fall war, ritt ich immer wieder durch die Wüsten und Gebirge des Orients oder die Prärie des Wilden Westens Amerikas, um die Abenteuer zu erleben, die ich dann meinen Lesern in meinen Büchern präsentierte. Nun, diese Sache schien ein rechtes Abenteuer zu sein. Doch wollte ich mich nicht an der Nase herumführen lassen. Captain Sean MacLean hatte durchaus die Möglichkeit mich für seine Ziele zu bekehren, wenn er mir reinen Wein einschenkte. Deshalb fragte ich ihn geradeheraus:

„Captain MacLean, ich wäre sicher nicht abgeneigt, Ihnen bei Ihrer Unternehmung behilflich zu sein. Doch Sie verschweigen mir den wahren Grund. Sprechen Sie frei heraus und ich werde mich entscheiden.“

Er blickte mich unschlüssig an.

„Ich habe Ihnen alles gesagt, was es zu sagen gab.“

Das machte mich wütend. Wollte er nun meine Hilfe oder nicht? Was sprach dagegen, mir die Wahrheit mitzuteilen? Doch ich zügelte mich.

„Nun, dann bleibt meine Antwort: nein!“

Der Captain blickte mich noch eine Weile an und ich sah, wie er mit sich rang. Schließlich schien er aber mit sich ins Reine zu kommen, dass er nur seine Befehle auszuführen hatte. Er schlug die Hacken zusammen und drehte sich um. In militärischem Schritt stakste er über die Veranda zur Tür hinaus auf die Straße. Ich muss zugeben, dass er mein Mitgefühl hatte. Er war sehr jung, kaum dem Jugendalter entwachsen und sicher noch unerfahren in derlei Dingen. Er war im Auftrag seiner Vorgesetzten gekommen und musste nun unverrichteter Dinge abziehen. Doch ich als deutscher Reiseschriftsteller konnte mich unmöglich in politische Verwicklungen zwischen dem Empire und dem Osmanischen Reich hineinziehen lassen, wenn ich noch nicht einmal die genauen Hintergründe kannte. Es war nicht an mir, irgendeine Partei zu ergreifen. Das britische Empire streckte seine Arme in der Welt aus wie ein überdimensionaler Krake aus den phantastischen Geschichten jenes Autors, dessen Name ich nicht aussprechen mochte. Ich wollte nicht als unwissendes Werkzeug jenes Kraken dienen.

Als der Captain gegangen war, erschien Halef im Garten und fand mich nachdenklich auf der Veranda.

„Was ist geschehen, Sihdi? Was hat der englische Kriegsmann von dir gewollt? Er war doch Soldat, nicht wahr?“

„Ja, dein Auge hat dich nicht getäuscht. Er war ein Captain einer speziellen Einheit. Er versuchte, mich zu überreden, dem britischen Militär bei der Kartografierung eines Höhlensystems auf Kreta behilflich zu sein.“

„Aber du hast abgelehnt, wie mir scheint. Dieser Captain ging nicht in Freude von hier weg.“

„Allerdings. Ich möchte mich nicht in einen Konflikt zwischen dem Vereinigten Königreich und der Hohen Pforte hineinziehen lassen. Ich gehöre als Deutscher weder zu der einen noch zu der anderen Partei“, antwortete ich.

„Aber ich sehe dir an, dass es dich in den Fingern gejuckt hat, Sihdi“, offenbarte mir mein Freund mit einem verschmitzten Lächeln.

Ich war erstaunt, doch auch wieder nicht. „Du kennst mich gut, Halef. Ja, einige Ausführungen des Captains waren durchaus sehr interessant. In den Höhlen ist sein halber Trupp auf unerklärliche Weise verschwunden und, wie du erahnst, wecken solche Ungereimtheiten meine Neugier. Doch der Captain hat alles falsch gemacht. Er hat mir nicht die Wahrheit gesagt und ich lasse mich ungern an der Nase herumführen“, antwortete ich. „Aber, sei’s drum. Wir haben Wichtigeres zu tun. Wir haben ein Schiff zu erreichen.“

„Ja Sihdi, ich sehne mich nach zu Hause.“

Drittes Kapitel
Pest an Bord

Die Sonne hatte den Zenit schon überschritten, als unsere kleine Reisegesellschaft den Hafen von Kyrenia erreichte. Die Abreise verzögerte sich ein wenig durch das unverhoffte Auftauchen Captain Sean MacLeans. Der Schiffsjunge hatte uns bei unserer Unterkunft abgeholt. Er stellte sich als Ridvan vor, was im arabischen Wächter des Paradieses bedeutet, also Engel. Nun ja, wie ein Engel wirkte der kleine Kerl nicht auf mich. Sein verschmitztes Lächeln ließ eher den Schluss zu, dass er ein Engel mit B am Anfang war. Aber er war uns behilflich, unser Gepäck zum Hafen zu befördern, das allerdings durchaus überschaubar war. Dafür ließ er sich dann auch zu gern von mir mit einem Geldstück entlohnen, welches geschwind in seinem Gewand verschwand. Ich nahm an, dass sein Kapitän bei Kenntnis der Entlohnung diese in seine Obhut genommen hätte, was der kleine Kerl aber zu verhindern wusste.

An der Kaimauer erwartete uns ein kleiner Frachter von fast dreißig Metern Decklänge. Die Segel waren gerefft und er entbehrte jeglichen Zusatzantriebs wie etwa dem komfortablen Dampfantrieb der Marley. Die Fahrt zurück an die levantinische Küste würde also etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Hinfahrt nach Zypern. Das Schiff, das uns erwartete, war eine Brigantine, wie ich an den zwei Masten erkannte. Diese Sorte Segelschiff vereinbart die Vorzüge der Brigg mit denen des Schoners. Am vorderen Mast, also dem Fockmast, war sie mit drei Rahsegeln bestückt. Mit denen konnte sie den Wind von achtern besser nutzen als ein Schoner. Am Großmast dagegen führte sie ausschließlich Schratsegel, mit denen sie höher am Wind segeln konnte als eine Brigg. Dies war auch notwendig, um uns wieder in arabische Gefilde zu befördern, denn hauptsächlich würden wir gegen den Wind kreuzen müssen, den Sharki, der uns aus Südosten entgegenwehte.

Doch zunächst wehte uns der Kapitän der Shams Albahr über Deck entgegen. Sein rotbraunes Lockengewirr und der Backenbart wirkten kein bisschen arabisch. Sie erinnerten mich eher an unseren alten Bekannten Captain Terbut.

„Seid mir willkommen, Freunde“, begrüßte er uns überschwänglich und schritt über die ausgelegte Planke, welche als Fallreep diente, vom Schiff auf den Kai. „Die Sonne des Meeres soll für Euch leuchten.“

„Habt Dank, Kapitän …“, erwiderte ich mit einem fragenden Blick.

„Kapitän Geoffrey Abdulwahab, Sir“, stellte er sich daraufhin vor. „Zu Euren Diensten.“ Er deutete eine Verbeugung an. Der Name war recht verwirrend, hatte er doch sowohl englische als auch arabische Anteile. Aber mochte ich den Mann nicht ausfragen. Dies war auch nicht nötig, wie sich alsbald herausstellte, denn er entpuppte sich als eine wahre Quasselstrippe, wie man in meiner Heimat zu sagen pflegt.

„Sir Kara Ben Nemsi, nehme ich an?“

„Ja, Kara Ben Nemsi, ohne Sir.“

„Na dann: Mister Kara Ben Nemsi.“ Ich erwartete fast, dass er die Hacken zusammenschlagen würde, was er jedoch nicht tat. Es hätte wohl auch recht seltsam ausgesehen, denn er trug keine Militärkleidung, sondern rote Pluderhosen mit einer gelben Schärpe gegürtet und dazu eine ebenfalls rote Weste. „Sie wundern sich sicher über meinen Namen“, fuhr er fort.

„In der Tat“, bekannte ich, „ist er mir aufgefallen.“

„Meine Mutter war Schottin. Eine wahre Schönheit mit flammendem Haar. Allerdings heiratete sie meinen Vater – sagen wir mal: nicht ganz freiwillig.“

„Aha, wieder einer von diesen Sklavenhändlern“, mischte sich Halef ein.

„Mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragte der Kapitän und grinste Halef herausfordernd an.

Mein guter Freund holte tief Luft und erklärte ihm in einem Atemzug: „Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.“

„Ein großer Name für einen kleinen Kerl.“ Der Kapitän lachte und Halef blickte ihn mürrisch mit zusammengekniffenen Augen an.

„Die Größe eines Mannes berechnet sich nicht nach seiner Körperlänge“, antwortete er stolz.

„Da muss ich Ihnen Recht geben, Mister Hadschi Halef Omar. Und was meinen Vater betrifft – darüber sollten wir das Tuch des Schweigens ausbreiten. Er weilt zudem nicht mehr unter uns.“

Der Kapitän machte eine einladende Geste und Halef und ich betraten das Schiff. Wir reichten den Frauen die Hand, um ihnen an Bord zu helfen. Natürlich war das bei Djamila nicht von Nöten. Sie sprang ganz in Piratenmanier auf die Planken und zog sofort die Blicke der Männer auf sich. Es lag ihr immer noch im Blut, sich wie eine Piratin zu geben. Amscha und Hanneh nahmen unsere Geste dankend an, wohl auch, um nicht aufzufallen. Die Mannschaft des zwielichtigen Kapitäns hatte an den Masten Positur bezogen, bereit, das Schiff aus dem Hafen zu manövrieren. Auf dem Achterdeck stand der Steuermann und mittschiffs waren noch einige Männer damit beschäftigt, Kisten und Fässer im Laderaum zu verstauen. Als Haschim das Schiff betrat, blickten einige der Männer auf. Unser Scheik schien ihnen nicht zu behagen. Er fiel durch seine große Gestalt auf, doch war das sicher nicht der einzige Grund.

„Scheik Haschim, nehme ich an?“, fragte der Kapitän.

Haschim nickte bejahend. „Danke für die freundliche Aufnahme.“

„Oh, es ist mir eine Ehre“, säuselte der Kapitän. „Und was das Entgelt für die Passage betrifft …“, fuhr Abdulwahab fort. Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen und entblößte eine Reihe gelber Zähne.

„Ich gehe davon aus“, sagte ich freundlich, nahm den Henrystutzen von der Schulter und stützte mich auf den Lauf, „dass Lord Lindsay Sie bereits überaus reichlich für Ihre Freundlichkeit entlohnt hat.“

Der Kapitän schaute mich mit offenem Mund an, da ich ihn mitten in seinem Satz unterbrochen und diesen zudem in eine andere Richtung gelenkt hatte, als er offensichtlich beabsichtigt hatte. Er warf einen Blick auf mein Gewehr, dann wieder in mein Gesicht, dann auf den Bärentöter über meiner Schulter und schließlich blickte er mir erneut in die Augen und begann verlegen zu lächeln.

„Sie haben durchaus Recht, Mister Kara Ben Nemsi. Sir David Lindsay war überaus großzügig. Allah wird ihn dafür beschützen.“

„Nun“, entgegnete ich, „hoffen wir, dass er dies nicht nötig hat und sich in sicherer Hut befindet.“

„Gewiss, gewiss, Mister Kara Ben Nemsi. Mit seinem flotten Boot hat er Kreta sicher bald erreicht, wenn er nicht sogar in diesem Moment schon vor Anker geht.“

Ich fand es recht merkwürdig, dass der Kapitän so genau über Lindsays Pläne informiert war. „Was wissen Sie über seine Absichten, Kapitän?“

„Ach, nicht viel. Nur was mir der Lord selbst erzählte. Dass er nach Kreta wollte, um einem Freund behilflich zu sein.“

„Wann haben Sie mit dem Lord denn gesprochen? Er war doch schon längst auf See, als Sie hier eintrafen.“

Der Kapitän blickte mich an, als hätte ich ihn bei einer Untat ertappt. Bevor er mir Rede und Antwort stehen konnte, eilte einer seiner Männer herbei und meldete, dass wir unsere Kabinen beziehen könnten.

„Dann wollen wir mal“, sagte Abdulwahab sichtlich erleichtert über die Unterbrechung. „Die Damen möchten sich bestimmt etwas ausruhen. Wir werden bald auslaufen und dann wird uns der Smutje etwas Köstliches zum Abendessen zubereiten. Bis dahin können Sie es sich in Ihren Quartieren gemütlich machen. Wir haben nicht allzu viel Platz, insofern habe ich eine Kabine für die Damen und eine für die Herren herrichten lassen. Ich hoffe, das ist in Ihrem Sinne.“

„Es wird für die Überfahrt sicherlich genügen. Vielen Dank.“

Abdulwahab gab seinem Mann ein Zeichen und dieser führte uns achtern einen Niedergang hinunter. Wir folgten ihm in den Bauch des Frachters. Geraden Wegs konnte ich eine Holztür mit reichlichen Verzierungen erkennen, die, so dachte ich bei mir, zur Messe führte, falls solch ein kleines Schiff dergleichen besaß. Nun, es würde zumindest eine Art Aufenthaltsraum für den Kapitän und seine engeren Vertrauten sein, die man auf einem Kriegsschiff als Offiziere bezeichnen würde. Dort wurden die Mahlzeiten eingenommen und vielleicht mochte es auch dem Kapitän als Unterkunft dienen. Zunächst erkundeten wir unsere Kabinen, die links und rechts eines kleinen Gangs lagen. Sie waren sehr beengt, da jeweils eine dritte Liege hineinbugsiert worden war. Doch für die Überfahrt sollte uns das genügen, redeten wir uns ein. Die Frauen wollten sich ein wenig erfrischen und wir Männer zogen uns deshalb in unsere eigene Kajüte zurück. Ein Bullauge ließ uns einen kleinen Ausblick auf die Hafenmole. Die Frauen blickten im Moment wahrscheinlich auf die Kaimauer. Doch bald würde uns der Ausblick vom Wasser des offenen Meers bevorstehen. Auf Deck hörten wir nämlich nun Rufe und Kommandos.

„Ich werde mir das Auslaufen von Deck aus ansehen. Möchtest du mich begleiten, Halef?“ Mein Gefährte wirkte reichlich blass.

„O nein, Sihdi. In mir steigen gerade die Erinnerungen an unsere Überfahrt nach Zypern auf. Ich denke, ich werde das Auslaufen besser von hier aus betrachten.“

„Wie du meinst, Halef. Aber an Deck, an der frischen Seeluft lässt es sich besser ertragen, wenn man nicht ganz seetüchtig ist.“

„Sihdi, geh ohne mich hinauf. Mir ist schon jetzt ganz flau bei dem Gedanken an die Überfahrt.“

„Willst du mit an Deck, Haschim?“

„Ja, Kara, ich werde gern diese Insel noch einmal vom Meer aus betrachten.“

So verließen Haschim und ich Halef und begaben uns an Deck. Die Mannschaft hatte alle Hände voll zu tun und der Kapitän bellte seine Kommandos. „Klar zum Ablegen! – Leinen los! – Rahsegel setzen! – Ruder zehn Grad backbord!“

Kurz darauf begann sich die Brigantine in Bewegung zu setzen. Die Shams Albahr löste sich vom Pier und glitt behäbig der Hafenausfahrt entgegen. Haschim stand neben mir und betrachtete Kyrenia. Die kleine Stadt schmiegte sich im Halbrund um den Hafen. Das Minarett der Moschee erhob sich hinter den Dächern der dicht gedrängt stehenden Häuser wie ein Leuchtturm aus den Fluten des Meers. Zwischen den Mauern ragte das Grün von Palmen, Bäumen und Blütensträuchern hervor. Dahinter erhoben sich die Kyrenia-Berge, die der Stadt ihren Namen gegeben hatten, wie eine blaugrüne zerklüftete Mauer. Aus diesen Zacken und Graten stach ein markanter Kalksteinfelsen besonders hervor. Wie daraus erwachsen thronte auf dessen Graten die Burganlage Sankt Hilarius. Ich bedauerte, dass die Zeit und die Umstände es nicht erlaubten, dieses Zeugnis vergangener Zeiten selbst zu betreten und zu erkunden und in den Ruinen der Türme und Bastionen die ehemalige Pracht und den königlichen Glanz dieser Burg erfühlen zu können. Nun, vielleicht würde mich mein Weg irgendwann einmal wieder hierher führen.

Die Brigantine passierte nun die Festung Kyrenias, deren sandfarbene Mauern bis in das Hafenbecken reichten und, im Gegensatz zu Sankt Hilarius’ Eleganz, wie eine Steinbarriere gegen ungebetene Gäste wirkten. Dahinter begann die See. Der Wind surrte in den Seilen und blies einen steten Summton vom Mast zu uns herunter. Kaum hatten wir den umfriedeten Hafen verlassen, erschollen erneute Kommandos und die Focksegel, restlichen Rahsegel sowie die Schratsegel am Großmast wurden gehisst. Das Tuch knallte laut, als es vom Wind erfasst und gebläht wurde. Die Sonne des Meeres neigte sich leicht zur Seite. Die Planken knarzten. Unter vollen Segeln flogen wir über die raue See nach Osten dem Karpas folgend, dieser langgestreckten Halbinsel Zyperns, die wie ein drohender Finger nach Nordosten wies.

„Der Kapitän scheint etwas vor uns zu verbergen“, vertraute ich Haschim meine Gedanken an. Ich hatte meine Stimme gesenkt, sodass nur er es zu hören vermochte. Mein Freund stand an der Reling, beide Hände auf das Geländer gestützt, und schaute zur Küste. Der Wind griff in sein Gewand und ließ es geheimnisvoll seine große schlanke Gestalt umwallen. Als er mir antwortete, sah er mich nicht an, sondern blickte weiter in Richtung des Eilands, welches wir nun verließen.

„Da magst du Recht haben, Kara Ben Nemsi. Ich habe ein ungutes Gefühl bei dieser Unternehmung.“

„Wir sollten Geoffrey Abdulwahab im Auge behalten“, flüsterte ich.

Noch bevor Haschim etwas zur Antwort geben konnte, vernahmen wir aufgeregte Stimmen am Bug. Ich blickte in die Richtung des Tumults und sah einige Seeleute heftig gestikulieren. Was der Anlass dazu war, konnte ich nicht ausmachen. Doch kam sofort Ridvan, der Schiffsjunge, herbeigelaufen.

„Mister Kara Ben Nemsi und ehrwürdiger Scheik Haschim, der Kapitän lässt Ihnen ausrichten, dass Sie sich in Ihre Kabine begeben sollen.“ Er schien recht außer Atem zu sein.

„Ist etwas geschehen?“, fragte ich neugierig.

„Das weiß ich nicht“, antwortete der kleine Kerl. „Aber es ist besser, wenn Sie mitkommen.“ Ob er die Wahrheit sagte oder uns wissentlich anlog, konnte ich nicht ergründen. Wir folgten ihm nach unten. Ich hoffte, dass wir bald über die Lage unterrichtet würden. In der Kajüte harrte Halef noch immer mit bleichem Gesicht auf seinem Lager aus.

„Was ist dort oben los?“, fragte er.

„Wir wissen es nicht“, antwortete ich. „Deshalb sind wir der Aufforderung nachgekommen, in die Kabine zurückzukehren.“

„Vielleicht sollten wir nach den Frauen schauen?“, fragte mein Gefährte.

Noch bevor ich zu antworten vermochte, klopfte es an unsere Tür. Haschim öffnete. Im Gang stand der Kapitän mit ernster Miene.

„Ich möchte die Herren bitten, in Ihrer Kabine zu bleiben. Es ist ein Krankheitsfall aufgetreten. Wir werden eine Seemeile vor der Küste vor Anker gehen und auf ärztliche Hilfe warten. Ich habe die entsprechende Flagge gehisst.“

„Ich werde nach meiner Frau sehen“, erklärte Halef und versuchte sich durch die Tür zu schieben. Sogleich traten zwei Matrosen mit ihren kräftigen Leibern dem Kapitän zur Seite und verwehrten den Durchgang.

„Bitte, meine Herren. Es ist zu Ihrem eigenen Schutz“, erklärte der Kapitän.

Mürrisch trat Halef zurück.

„Den Frauen geht es gut, so viel kann ich Ihnen bestätigen“, fügte Abdulwahab noch hinzu. Dann wurde die Tür geschlossen und wir vernahmen das kratzende Geräusch eines Riegels, der vorgeschoben wurde. Sie hatten uns eingesperrt. Ich blickte mich um. In der Ecke standen der Henrystutzen und der Bärentöter sowie die Waffen meiner Freunde. Wir hätten uns sicher den Weg freischießen können. Doch wussten wir nicht, was der Grund des Ganzen war. Also erschien es mir nicht angebracht, ein Blutbad zu riskieren. Es konnte durchaus möglich sein, dass der Kapitän die Wahrheit sprach. Was hätte er für einen Vorteil aus unserer Gefangensetzung ziehen können? Wir hatten keine Wertsachen bei uns, die ihm Beute eingebracht hätten. Zumindest keine, mit denen er etwas anzufangen gewusst hätte. Auch waren wir keine reichen Europäer, durch die sich ein Lösegeld im Heimatland erpressen ließ. Dies alles schien mir sehr sonderbar. Bevor ich jedoch einen Plan zur Flucht zu schmieden vermochte, war es notwendig, das Geschehen aufzuklären.

Aus dem Bullauge konnten wir nach Norden blicken und dort war nur das Meer auszumachen. Aber anhand der Geräusche von Deck erkannte ich, dass die Segel gerefft und der Anker herabgelassen wurden. Wir mussten demnach schon wieder nahe der Küste sein. Denn, soweit ich mich erinnerte, zeigte die Seekarte an Zyperns Norden nur bis ungefähr einer Seemeile vor der Küste eine Tiefe, in der es möglich war, zu ankern. Danach fiel der Grund rasch bis auf sechshundert Meter Tiefe ab.

„Das gefällt mir nicht, Sihdi“, gab Halef von sich und kontrollierte seine Waffen.

„Mir auch nicht, mein Freund. Doch sollten wir uns zunächst in Geduld üben. Ich möchte nicht durch einen unnötigen Kampf Unschuldige in den Tod reißen. Noch wurden wir nicht offensichtlich bedroht.“

„Sie haben uns eingesperrt. Ist das keine Bedrohung?“ Halef war ungehalten. Ich wusste, dass er sich Sorgen um Hanneh machte. Und natürlich um Djamila und Amscha. Wobei die beiden Letzteren bei einer Bedrohung sicher schon einen Riesentumult angezettelt hätten, dessen wir gewahr geworden wären. Doch draußen im Korridor war es still. So harrten wir zunächst der Dinge, die da kommen sollten, verhielten uns still und lauschten.

Es mochten vielleicht zwei Stunden vergangen sein, als ich das Zischen und Stoßen eines Dampfmotors vernahm. Ein Schiff war demnach in Anmarsch. Ich blickte durch unser kleines rundes Kabinenfenster hinaus. An den Reflexionen des Wassers erkannte ich, dass die Sonne schon tief stand. Es war also längst später Nachmittag. Das Schiff tuckerte heran und ging längsseits. Wir konnten es durch unser Bullauge hindurch beobachten. Ich erkannte sofort ein britisches Patrouillenboot darin. Was hatten die Briten mit der Sache zu tun? Die Erklärung folgte kurz darauf. Der Riegel an unserer Tür wurde zurückgeschoben und der kleine Ridvan erschien mit einem Tablett. Hinter ihm erkannte ich die zwei Matrosen, die offenbar beauftragt waren, sicherzustellen, dass wir die Kajüte nicht verließen. Ridvan stellte das Tablett auf einem kleinen Tisch ab.

„Der Kapitän schickt Euch Wasser und Früchte. Das Abendessen verzögert sich durch den Krankheitsfall leider ein wenig, lässt er ausrichten.“

„Weißt du schon Näheres, Ridvan?“, fragte ich und hielt ihm eine Münze vor das Gesicht. Die Augen des kleinen Kerls begannen zu leuchten. Er streckte die Hand danach aus. Doch ich zog das Geldstück zurück.

„Erst die Information, dann die Bezahlung.“

Ridvan blickte sich verstohlen zu den Matrosen an der Tür um. Dann beugte er sich verschwörerisch zu mir über den Tisch und flüsterte: „Ein britischer Schiffsarzt hat den Kranken untersucht. Niemand darf zu ihm und niemand darf von Bord. Man hat die blutrote Flagge gehisst.“

Diese Nachricht war keineswegs eine gute. Doch ich stand zu meinem Wort und gab dem Jungen die Münze. Er versteckte auch diese freudestrahlend in seinem Gewand und hastete zur Tür hinaus. Der Riegel wurde erneut davorgeschoben.

„Was bedeutet das, Sihdi?“, fragte Halef. Er goss Wasser aus der Karaffe in drei Gläser. Nach den Stunden des Eingesperrtseins waren wir durchaus durstig. Die Erfrischung wurde zur rechten Zeit aufgetragen. Halef reichte mir und Haschim je ein Glas mit dem kühlen Nass.

„Die rote Flagge bedeutet Pest an Bord“, erklärte ich. Halef blickte mich schockiert an. Und dann beging ich einen großen Fehler.

Normalerweise waren meine Sinne so geschärft, dass ich ein übles Spiel schon von Weitem roch. Mir war durchaus bewusst, dass hier etwas nicht stimmte. Aber die Tragweite des Ganzen war mir verborgen geblieben. Auch die Ablenkung mit der Pestflagge hatte ihr Übriges dazugetan. So sah ich, wie Halef trank, und auch ich setzte das Glas an meine Lippen und nahm einen tüchtigen Zug. In dem Moment erblickte ich Haschims erschrockenes Gesicht, der das Glas auf dem Weg zu seinem Mund abrupt stoppte. Diese Fähigkeit machte offenbar das Geheimnis eines Magiers aus. Er konnte manche Bedrohung noch besser erahnen als ich.

„Haltet ein!“, entfuhr es ihm. „Trinkt das nicht!“

Doch es war schon zu spät. Ich sah neben mir Halef zu Boden sinken und gleich darauf schwanden auch mir die Sinne. Das Glas entglitt meiner Hand, fiel auf die Dielen, zerbrach jedoch nicht, sondern kullerte Haschim vor die Füße. Der Rest des Inhalts verteilte sich auf den Planken. Während sich die Schwärze um mich ausbreitete und meine Muskeln den Dienst versagten, schalt ich mich, dass ich so leicht von diesem Kapitän Geoffrey Abdulwahab überrumpelt werden konnte. Wie ich zu Boden sank, entzog sich schon meinem Bewusstsein.

Ich vernahm ein Rascheln. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Um mich herum war es dunkel. Nun, ich war offensichtlich nicht tot. Es war also kein Anschlag auf unser Leben gewesen.

„Du weilst wieder im Land der Lebenden, mein Freund“, flüsterte jemand neben mir. Ich wendete den Kopf und erwartete bei diesen Worten und meiner noch anhaltenden Benommenheit fast schon einen guten alten Freund mit langem schwarzen Haar und bronzener Haut zu erblicken. Dem war natürlich nicht so, denn ich befand mich nicht in den Great Plains Amerikas, sondern im magischen Orient. Mittlerweile hatten sich meine Augen an die Finsternis gewöhnt und ich erkannte Haschim. Das Rascheln kam von seinem Gewand.

„Was ist geschehen?“, fragte ich noch reichlich benommen.

„Ein Gift. Kein tödliches. Aber eins von jener Sorte, die einen Menschen ins Land der Träume schickt. Bei euch nennt man es Narkotikum.“

„Und Halef?“

„Er schläft noch“, antwortete Haschim.

Ich blickte mich um und sah meinen Gefährten in tiefem Schlaf versunken auf seinem Lager liegen. Aber er atmete, also nahm ich an, dass es ihm gut ging und er alsbald erwachen würde wie ich. Damit lag ich gar nicht falsch, wie sich bald herausstellte. Halef begann sich zu regen. Durch das Bullauge blickte mich die Schwärze der Nacht an. Wir mussten also einige Stunden bewusstlos gewesen sein. Meine Uhr zeigte die elfte Stunde – bald Mitternacht.

„Wir sind fünf Stunden betäubt gewesen“, folgerte ich.

„Lieber Kara“, begann Haschim fast sacht, so, als müsse er mir eine schreckliche Botschaft schonend übermitteln. Dies war auch so. „Es sind mehr als drei Tage vergangen.“

„Wir waren drei Tage bewusstlos?“, entfuhr es mir lauter, als ich beabsichtigt hatte.

„Sihdi, wie kann das sein?“, hörte ich Halef. Er kam gerade zu sich und hatte meinen letzten Satz wohl verstanden.

„Das ist unmöglich, Haschim. Wir wären in der Zeit verdurstet. Und was für ein Elixier sollte so etwas bewirken können?“, fragte ich. Es gab einige Substanzen, die einen Menschen in tiefen Schlaf versetzen konnten. Man nutzte das vor allem bei Operationen. Äther war zum Beispiel so eine betäubende Verbindung, die aus Ethanol und Schwefelsäure gewonnen wurde. Doch dieses Mittel inhalierte man gewöhnlich und trank es nicht. Obwohl, da fiel mir ein, dass es als sogenannte Hoffmannstropfen auch in Wasser gelöst zum Trinken Verwendung findet bei Ohnmachten oder Schwächeanfällen. Jedoch war dies kein Mittel, um einem Mann drei Tage das Bewusstsein zu rauben. Zudem hätte ich es am Geruch erkannt.

„Freunde, ich weiß nicht zu sagen, was es für ein Gift war, dass euch die Sinne raubte, aber ich sorgte dafür, dass ihr diese Zeit unbeschadet überstanden habt“, erklärte Haschim. „Denn kaum hatte ich mich nach eurem Fall davon überzeugt, dass ihr nur betäubt wart, kam der Kapitän herein. Er war reichlich verwundert, mich wohlauf und munter zu sehen. Ich gab mich fügsam. Seine Gehilfen nahmen sämtliche Waffen an sich, ließen mich aber unbehelligt.“

„O lieber Scheik Haschim, verzeiht mir; doch warum, in Allahs Namen, habt Ihr denen nicht die Stirn geboten?“ Halef war äußerst erregt.

„Um was zu tun? Mit zwei bewusstlosen Männern und drei Frauen von Bord zu springen und an Land zu schwimmen?“

„Du hast Recht Haschim. Es war vernünftig, die Ruhe zu bewahren.“

„In der Tat. Denn ich spürte, dass diese Leute uns zwar hier festsetzen wollten, doch durchaus nicht töten. Der Kapitän machte auch weiter keine Anstalten, mich ebenfalls zu betäuben. Er ließ sogar frisches trinkbares Wasser bringen, welches ich euch einflößte. Ihr wart nämlich nicht die ganze Zeit über völlig bewusstlos und unansprechbar, sondern hattet beide durchaus eine Art Wachphasen. In denen war es mir möglich, euch mit Wasser zu versorgen, damit eure Körper keinen Schaden nahmen, ohne Gefahr zu laufen, euch zu ersticken. Mir ist sehr wohl bekannt, dass man einem Bewusstlosen nichts einflößen darf, weil die Flüssigkeit ohne den richtigen Schluckreflex in die Lungen gelangen kann.“

„Aber ich erinnere mich nicht an eine Zeit des Wachseins“, erwiderte ich verwundert.

Haschim konnte dieses Phänomen nicht erklären und auch ich wusste nicht, wie dies bewerkstelligt worden war. Ein Mittel, welches so eine Wirkung zeigte, war mir gänzlich unbekannt.

Halef war inzwischen aufgestanden und hatte seine schimmernde Kugel hervorgeholt. So hatten wir ein wenig Licht. Auch wenn sie nicht mehr in alter Pracht erstrahlte, genügte ihr Schein doch noch immer, um auf dem Tisch Speisen und Wasser zu erkennen. Ich merkte bei diesem Anblick, dass ich überaus hungrig war. Dies war gewiss nicht verwunderlich nach drei Tagen unfreiwilligen Fastens. Also wagten wir es, von den Früchten und dem kalten Fleisch und Brot zu essen. Während wir uns stärkten, entwickelten wir einen Plan.

„Wir müssen Kontakt zu den Frauen aufnehmen, um zu sehen, wie es ihnen geht, und zu beraten, was zu tun ist“, brachte ich meine Gedanken hervor.

„Aber Sihdi, die Tür ist fest verschlossen.“ Halef rüttelte demonstrativ daran. „Womöglich sitzen welche von diesen Piraten davor, um uns zu bewachen.“

„Das könnte durchaus wahr sein. Doch wenn es nur die zwei Seeleute sind, werden wir auch ohne Waffen mit ihnen fertig, Halef.“

Haschim trat schweigend an die Tür und schob den kauenden Halef ein Stück zur Seite. Seine Hände glitten über das Schloss, dass es den Anschein hatte, er würde versuchen mit einem Magneten den inneren Schließmechanismus zu manipulieren. Natürlich hatte der Scheik keinen Magneten, sondern setzte vielmehr seine magischen Fähigkeiten ein, die ich nicht zu hinterfragen gedachte. Sein Bemühen war von Erfolg gekrönt. Es klickte leise und die Tür sprang einen Spalt weit auf. Schnell trat ich vor und schob vorsichtig den Kopf hindurch. Im Dämmerlicht des Gangs erblickte ich keine Menschenseele.

„Die Luft ist rein“, flüsterte ich.

Lautlos schlichen wir zur Tür der Frauenkabine. Hier musste Haschim keine Magie anwenden, da ich einfach nur den Riegel aufzuschieben brauchte, um die Tür zu öffnen. Als das Schloss aufsprang, wandte sich Halef schnell wie eine Schlange durch den Türspalt. Seine Sorge um Hanneh ließ ihn alle Vorsicht vergessen. Und so war es nur meinem siebten Sinn zu verdanken, dass das Stuhlbein, welches Amscha durch die Luft wirbelte, nur knapp seinen Kopf verfehlte, da ich dem herabsausenden Holz einen Stoß in eine andere Richtung versetzte.

„Bei Allah. Beinahe hätte ich meinen Schwiegersohn erschlagen“, brummte die Frau. „Was tut ihr hier? Warum schleicht ihr des Nachts in die Kabine schlafender Frauen?“

„Wir wollten nach euch sehen“, antwortete ich. Halef stand noch ein wenig unter Schock von dem Angriff seiner Gattinnenmutter.

„Warum erst jetzt? Was habt ihr die letzten drei Tage getan?“ Amscha konnte selbst im Flüsterton äußerst ungehalten klingen. „Habt ihr geschlafen?“

Ich musste mir ein Lachen verkneifen.

„So könnte man sagen“, knurrte Halef. Inzwischen hatte er in dem dunklen Raum Hanneh entdeckt und sich an ihr Lager gesetzt. Sie erwachte gerade und freute sich sichtlich beim Anblick des geliebten Gatten. Auch Djamila war nun wach und rieb sich die Augen.

„Geht es endlich los?“, fragte sie und gähnte ungeniert.

„Was geht los?“, fragte ich.

„Na, der Kampf. Dem lieben Kapitän werde ich eins überbraten, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Wie kann er es wagen, uns hier einzusperren.“

„Das sollten wir zunächst herausfinden“, beruhigte ich das Mädchen. „Für ein unbedachtes Gefecht ist nicht die rechte Zeit. Außerdem hat man uns unsere Waffen genommen.“

„Wir können doch nicht hier rumsitzen und einfach nur warten“, grummelte Djamila weiter.

„Nein, wir werden zunächst Informationen sammeln und hernach beschließen wir, was zu tun ist“, entschied ich. „Ich werde mich an Deck schleichen und mir ein Bild von der Lage machen.“

„Aber was ist, wenn die Sache mit der Pest, wie uns der kleine Ridvan berichtete, echt ist?“, gab Hanneh zu bedenken.

„Ich glaube, in dieser Richtung haben wir nichts zu befürchten. Wenn wirklich das Schiff wegen der Pest unter Quarantäne stünde, hätte es Kapitän Abdulwahab nicht nötig gehabt, uns zu betäuben. Ich denke, dass er den Auftrag hat, uns hier festzuhalten, uns jedoch kein Haar krümmen soll. Denn sonst hätte er schon längst die Möglichkeit gehabt, uns den Fischen zum Fraß vorzuwerfen.“

„Aber, wer sollte Interesse daran haben, dass wir auf diesem Schiff festsitzen?“, fragte Halef.

„Nun“, erwiderte ich, „möglicherweise sollen wir an unserer Abreise von Zypern gehindert werden.“

„Du meinst, Sihdi, dieser Captain Sean MacLean könnte …“, grübelte Halef.

„Ich weiß nicht, ob er es veranlasst hat oder vielleicht höhere Stellen. Aber wir werden versuchen, es herauszubekommen“, antwortete ich.

Haschim blickte mich geheimnisvoll an. „Ich werde dich begleiten, Kara.“

„Und was ist mit mir, Sihdi?“

„Halef, ich halte es für besser, wenn du in der Kajüte wartest. Zu viel herumschleichende Menschen erregen sicher Aufsehen auf diesem kleinen Schiff. Und Haschim … danke für das Angebot, aber …“

„… aber, wir können uns gänzlich ungesehen umschauen.“ Der Scheik spielte wie zufällig mit dem Amulett, dass er stets um den Hals trug. Sein Lächeln war verheißungsvoll. Da dämmerte mir, was er ersonnen hatte. Ich erinnerte mich, dass dieses Amulett in der Lage war, seinen Träger und auch Personen in der unmittelbaren Umgebung unsichtbar erscheinen zu lassen. Wie das wissenschaftlich zu erklären sein könnte, war mir in diesem Moment unwichtig. Ich fand das Angebot durchaus interessant. So konnten wir vielleicht auch Gespräche der Mannschaft belauschen.

„Gut, Haschim. Ich denke, das ist ein guter Plan. Also: Die Frauen verhalten sich bitte wieder still in ihrer Kabine. Wir werden, sobald es uns möglich ist, erneut Kontakt aufnehmen und besprechen, wie wir vorgehen sollen. Halef, mein Freund, du verweilst ebenfalls in der Kabine, denn für drei Geister …“ Ich grinste bei diesem Wort unwillkürlich. „… ist es hier zu beengt. Außerdem möchte ich jemanden für den Notfall in der Nähe der Frauen wissen.“

Halef wiegte bedächtig den Kopf hin und her. Ich sah, wie es in ihm arbeitete. „Na gut, Sihdi. Ich werde tun, was du sagst.“

Nachdem nun alles geklärt war, schlossen wir die Frauen wieder ein und auch Halef, damit kein Verdacht aufkam, sollten der Kapitän oder einer der Seeleute die Türen überprüfen. Als Haschim und ich allein in dem dunklen Durchgang zwischen den Kabinen standen, überließ ich ihn seinen magischen Handlungen und wartete ab, bis er mir ein Zeichen gab.

„Halte dich eng bei mir“, sagte er schließlich leise.

Ob wir nun tatsächlich unsichtbar waren, vermochte ich in diesem Moment nicht festzustellen, denn ich sah den Scheik wie eh und je vor mir stehen. Aber ich vertraute ihm, denn er hatte uns schon des Öfteren mit seinen unerklärlichen Kräften aus den seltsamsten Situationen befreit. Also folgte ich ihm dicht auf den Fersen, als er die Treppe zum Deck hochstieg. Die Stufen knarrten leicht unter unserem Gewicht. Das wäre wahrscheinlich für eine Wache, so denn oben eine gestanden hätte, eine Warnung gewesen. Doch es war niemand zu sehen. Zudem ging ein leichter Wind, und die Dünung, welche zwar nicht sehr hoch war, aber ausreichte, das Schiff zu bewegen und es sacht hin- und herzuschaukeln, sorgte für ein Knacken und Knarzen in allen Ecken. Hier oben an Deck kamen die Wellen stärker zur Geltung als unten in der Kabine. Deshalb bewegten wir uns möglichst lautlos bis zur Reling, um dort ein wenig Halt zu finden. Ich blickte mich von da aus um. Das Meer breitete sich dunkel um uns aus. Wenige Sterne blinkten zwischen aufkommenden Wolken. Der Mond war nur als matt leuchtender Fleck hinter einer dicken Wolke zu erahnen. Doch sein blasser Schein reichte aus, um, sobald sich das Auge an die Finsternis gewöhnt hatte, die Berge der Küste als schwarze Silhouette vor uns aufragen zu lassen. Ich ließ den Blick über das Deck schweifen und entdeckte den Steuermann auf dem Oberdeck am Ruder stehen sowie einen Matrosen in seiner Nähe an der Reling sitzen. Ein weiterer Mann stand vorn am Bug und blickte auf die See.

Durch Zeichen deutete ich Haschim an, dass wir uns in Richtung des Steuermanns bewegen sollten. Wo zwei Leute waren, konnten wir eher auf Informationen hoffen, die in einem Gespräch offenbart wurden, als durch den einen Mann am Bug. Vorsichtig stiegen wir die Treppe zum Oberdeck hinauf. Das Knarzen der Stufen ging, zum Glück, im allgemeinen Knacken des arbeitenden Holzes unter. Wir hörten, wie sich der Steuermann mit dem anderen Seemann unterhielt, konnten aber kein Wort verstehen. Dabei stützte er sich auf das Steuerrad, welches mit einem Seil fixiert war. Was hätte er auch steuern sollen, wenn das Schiff vor Anker lag.

Als wir gerade an ihm vorbeischleichen wollten, blickte er abrupt auf, mir direkt in die Augen und rief mit unterdrückter Stimme: „Hei!“

Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Meine Muskeln spannten sich und die Rechte ballte sich zur Faust, um im geeigneten Moment einen Schlag anzubringen. Auch Haschim war stehengeblieben, erstarrt wie eine Raubkatze kurz vor dem Sprung.

„Hei!“, rief der Mann erneut und ich glaubte, dass er mir direkt in die Augen schaute. „Hamit, kannst du etwas ausmachen?“

Ich entspannte mich. Jetzt begriff ich. Er blickte durch mich hindurch zu dem Mann am Bug, der die See betrachtete. Wir waren also tatsächlich unsichtbar für die Seeleute. Nun sah ich auch, dass der Matrose am Bug ein Fernglas in seiner Hand hielt, mit dem er das Wasser absuchte.

„Sie umkreisen uns in weitem Bogen und haben die Positionslichter gelöscht. Aber Hamit können sie nicht täuschen, diese Íngilizce. Ich erkenne ihr dampfspuckendes Ungeheuer auch ohne Licht.“

„Behalte sie im Auge. Wenn ihnen der Alman so wichtig ist, warum holen sie ihn sich nicht einfach? Ich würde zehnmal mit ihm fertig.“

„Das weiß nur Allah“, gab der Matrose an der Reling neben dem Steuermann von sich. Er saß auf den Planken und schnitzte an einem Stück Holz herum. „Sollen sie ihn doch mitnehmen. Ich benötige keinen Ärger. Ich möchte einfach nur nach Hause zurück.“

Haschim und ich bewegten uns so lautlos wie möglich zur Reling. Dann folgten wir ihr bis achtern, sodass wir hinter den zwei Seeleuten zu stehen kamen. Da sie den Mann am Bug beobachteten, war hier der sicherste Ort für uns.

„Die Pestflagge ist doch immer wieder für eine Finte gut.“ Der Steuermann lachte leise vor sich hin.

„Ja, das ist wahr. So halten wir uns andere Schiffe vom Leib und die Passagiere bleiben in ihren Kabinen.“ Der Mann an der Reling schnitt einen weiteren Holzspan ab und betrachtete prüfend sein Werk. Es sollte wohl ein Tier werden, mutmaßte ich.

„Da war sich der Kapitän nicht so sicher. Vorsichtshalber hat er den Alman betäubt. Die Íngilizce-Spione haben dafür wunderbare Mittel zur Verfügung“, tat der Steuermann kund.

Der Schnitzkünstler blickte mit missmutiger Miene auf. „Wie lange soll das denn hier andauern?“

„Das weiß ich nicht zu sagen. Die Íngilizce bezahlen gut. Was kümmert’s uns dann?“

Ich zupfte Haschim am Ärmel und deutete ihm an, dass wir uns zurückziehen sollten. Ich hatte genug gehört. Der Alman – der Deutsche – damit konnte nur ich gemeint sein. Also hatten die Íngilizce – die Engländer – irgendeinen Handel mit dem Kapitän geschlossen, um mich an der Abreise zu hindern. Was der genaue Grund dafür war, konnte ich nur mutmaßen. Ich vermutete, dass es mit der Bitte dieses Captains Sean MacLean zusammenhing, das Höhlensystem auf Kreta zu untersuchen. Ich musste zugeben, dass die Briten in dieser Angelegenheit ziemlich hartnäckig waren. Aber das bestärkte mich nur weiter in meinem Beschluss, nicht klein beizugeben. Was auch immer sie vorhatten, sie mussten es allein tun.

So in Gedanken versunken schlich ich hinter Haschim her zum Niedergang auf das tiefer gelegene Hauptdeck. Plötzlich stieß ich unverhofft mit dem Fuß gegen ein Stück Holz, welches auf dem Boden lag. Es kullerte davon und prallte mit leisem Tock gegen das Geländer zu diesem tiefergelegenen Deck. Das Geräusch ließ den Steuermann aufblicken. Er erstarrte. Diesmal sah er mir tatsächlich in die Augen. Ich hatte den Abstand zu Haschim zu groß werden lassen und war nun für den Mann sichtbar geworden. Jedoch nur für einen Wimpernschlag. Schnell schloss ich zum Scheik auf, der seinerseits nun für mich unsichtbar war, und verschwand wieder vor dem Blick des Steuermanns. Seine Kinnlade klappte herunter. Er musste glauben, einen Geist gesehen zu haben. Ich gewahrte noch seine vor Schreck geweiteten Augen. Dann entschwand er aus meinem Blickfeld, als ich die untere Stufe der Treppe zum Hauptdeck erreicht hatte. Haschim konnte ich nun wieder sehen, da ich mich im magischen Feld des Amuletts befand. In diesem Moment hörten wir einen lauten Schrei, der sicherlich von dem Steuermann ausgestoßen worden war. Scheik Haschim begriff die Lage sofort, packte mich am Arm, damit wir eng beieinander blieben, und wir eilten gemeinsam die Treppe zu den Kabinen hinunter. Schnell schoben wir den Riegel unserer Tür auf und schlüpften hinein. Auf Deck war derweil ein Gezeter ausgebrochen, das bis nach hier unten drang. Hastig verschlossen wir die Tür hinter uns. Keinen Augenblick zu früh, denn schon hörten wir Schritte im Gang, dann laute Stimmen. Es hörte sich so an, als ob der Kapitän geweckt würde.

Haschim verriegelte mit einer eleganten Geste seiner Hand geschwind die Tür. Seine Magie ließ den Mechanismus außen einrasten. Ich gab Halef ein Zeichen und er verstand sogleich. Wir legten uns auf unser Lager, als wären wir noch betäubt. Gleich darauf hörte ich mit verschlossenen Augen, wie der Riegel zurückgeschoben wurde. Durch meine Lider nahm ich Licht wahr. Jemand leuchtete mit einer Laterne in unsere Kajüte.

„Sie sind noch hier und bewusstlos“, berichtete eine Stimme.

„Gut“, hörte ich den Kapitän antworten, „schließ sie wieder ein. Jussuf hat wohl geträumt oder ein falsches Kraut in seiner Shisha geraucht.“

Ich vernahm Lachen und Schritte, die sich entfernten.

Viertes Kapitel
Aufbruch zu einer Rettungsmission

Das Glück war uns hold gewesen. Unsere schlichte List hatte sie getäuscht. Doch verhielten wir uns still und bejubelten unseren kleinen Sieg nicht. Dies hätte sicherlich die Aufmerksamkeit der Mannschaft der Shams Albahr auf uns gezogen. Im Moment waren sie jedoch von uns abgelenkt und amüsierten sich über die seltsamen Visionen des Steuermanns. Wir hörten sie scherzen und lachen. Da nun aber die Seeleute wach waren und reger Verkehr auf und unter Deck herrschte, war es uns nicht mehr möglich, erneut die Frauen aufzusuchen. So mussten wir gezwungenermaßen bis zum Morgen ruhen.

Als die Sonne aufging, kam der kleine Ridvan und brachte Haschim ein Frühstück. Halef und ich spielten ihm vor, gerade aus unserer Ohnmacht zu erwachen. Er war sichtlich erfreut, uns bei guter Gesundheit zu sehen.

„O Effendi, ihr lebt.“

„Sollten wir nicht?“, fragte ich.

„Ich hatte befürchtet, dass ihr tot wärt“, gab der Kleine zu.

„Warum sollte man uns töten?“

„Das weiß ich nicht. Doch noch nie sah ich einen Mann nach so langer Zeit aus dem Reich der Träume wieder erwachen.“

„Sag, Ridvan, wie lange sind wir denn bewusstlos gewesen?“

„Oh, es waren mehr als drei Tage. Ihr werdet sicher großen Hunger haben. Ich hole euch sofort etwas zu essen.“

„Vielen Dank. Und vielleicht könntest du auch den Kapitän bitten, zu uns zu kommen. Ich meine, er ist uns eine Erklärung schuldig.“

Der Junge blickte ein wenig ängstlich, wie mir schien. „Ich werde es versuchen, Effendi.“ Somit verschwand er wieder.

Er hatte Recht. Halef und ich hatten tatsächlich einen Bärenhunger. Hashim ließ uns den Vortritt und wir taten uns an dem einfachen Mal gütlich. Nach kurzer Zeit brachte Ridvan Nachschub. Den Kapitän jedoch brachte er nicht mit. Das war zu erwarten gewesen. Abdulwahab hatte sicherlich eine Menge zu verbergen und kein Interesse daran, uns Rede und Antwort zu stehen.

Wir verhielten uns tagsüber ruhig und beschlossen zu warten, bis sich die Nacht herabgesenkt hatte und wir in der Stille und Dunkelheit erneut zu den Frauen schleichen konnten. Dann wollten wir einen festen Plan schmieden, von dem Schiff zu entkommen. Doch alles entwickelte sich anders als geplant.

Die Zeit zog sich zäh dahin wie ein Sauerteig. Am späten Nachmittag stand Halef von seinem Lager auf und kramte in seinem Bündel herum. Er entnahm etwas und ging damit zur Tür. Ich beobachtete voller Erstaunen, dass er dort irgendwelche seltsamen Gebärden ausführte. Nachdenklich schaute ich Haschim an. Der Scheik lagerte auf seiner Pritsche und las in einem kleinen ledergebundenen Büchlein. Irgendwie spürte er meinen Blick und sah auf. Ich deutete mit dem Kopf zu Halef hinüber. Dieser hatte nun begonnen, eigentümliche Formeln zu murmeln. Haschim beobachtete Halefs Tun interessiert. Da ich von Natur aus äußerst wissbegierig bin – was man auch als schlichte Neugier bezeichnen mag –, konnte ich nicht an mich halten. So stand ich auf und trat zu meinem Gefährten.

„Was tust du da, Halef?“

„Sihdi, ich versuche, dem Fell seine Magie zu entlocken“, gab er bereitwillig kund. Jetzt sah ich auch den verblichenen Fetzen in seiner Hand, den er für ein Stück des Goldenen Vlieses hielt. Damit wedelte er vor dem Schloss herum.

„Und du meinst, es könne den Mechanismus öffnen?“

„Vielleicht.“

Halef hatte mit der Kugel und dem – zwar nur durch Zufall, aber durchaus sehr hilfreichen – magischen Zelt schon einige gute Griffe bezüglich der Magie getan. Bei dem Fell jedoch war ich skeptisch. Allerdings wollte ich nicht vorschnell urteilen und hoffte für ihn, dass er sich nicht irrte. Halef konzentrierte sich. Ich ebenso. Wir blickten gespannt auf die Tür. Ich hielt die Luft an.

Mit einem Seufzer ließ Halef die Hand mit dem Fell sinken. „Ich weiß nicht, was es kann. Aber, wie es scheint, öffnet es keine Türen“, antwortete er sichtlich enttäuscht. Mein Freund tat mir aufrichtig leid. Ich wollte etwas Aufmunterndes erwidern, als wir plötzlich das Kratzen vom Zurückschieben des Riegels vernahmen. Mit Erstaunen und feierlicher Freude in den Augen strahlte mich Halef an. Die Tür öffnete sich und …

… Kapitän Geoffrey Abdulwahab trat ein. Mit verschränkten Armen stand er da und blickte uns eine Weile an. Halefs Kinnlade klappte herab, als er seinen Irrtum bemerkte. Das Öffnen der Tür hatte augenscheinlich nichts mit Magie zu tun gehabt. Ich konnte mir ein kurzes Lachen nicht verkneifen. Der Kapitän dagegen wusste nicht, warum wir uns derart seltsam verhielten, und bezog es anscheinend auf sich. Seine Miene verfinsterte sich.

„Wie ich sehe, Mister Kara Ben Nemsi, geht es Ihnen gut, und die Situation scheint Sie zudem zu amüsieren. Nun, das ist erfreulich. Ich hatte erwartet, dass Sie – gelinde gesagt – stinksauer wären.“

„Werter Kapitän Abdulwahab, in der Tat bin ich nicht erfreut über diese mir unbekannte Art der Gastlichkeit. Da Lord Lindsay Sie überaus reichlich belohnt hat, nehme ich an, dass jemand anderes noch wesentlich spendabler war, damit sie uns hier festhalten.“

Der Kapitän antwortete nicht.

„Ich nehme außerdem an, dass es das britische Militär war, welches dieses Kidnapping veranlasst hat?“

„Oh, Kidnapping ist ein böses Wort, das Sie da in den Mund nehmen. Glauben Sie mir, ich will Ihnen nichts Böses. Aber es gibt weit mächtigere Männer auf Allahs weitem Meer als Sie und mich.“

„Ich vermute, dass ich sie bald kennenlernen werde, diese mächtigen Männer?“

„Ja, deshalb bin ich hier. Wir erhielten gerade eine Nachricht mit Lichtzeichen. Das nennt man Morsecode“, berichtete der Kapitän stolz.

„Ich bin durchaus mit dem Morsealphabet vertraut“, gab ich zu. Denn in den Weiten Amerikas war es seit einigen Jahren möglich, Nachrichten per Telegraf von Ort zu Ort zu senden. Eine überaus praktische Erfindung. Dass dieses System nun auch in der Seefahrt angewandt wurde, war mir jedoch neu. Aber es war ein höchst interessantes Phänomen. Ich überlegte, ob es nicht möglicherweise in der Zukunft sogar Technologien geben konnte, die eine Telegrafie ohne Kabel erlaubten und mittels derer Informationen einfach durch den Äther geschickt würden. Hier und heute aber war es noch ganz verständlich, dass diese Zeichen per Lichtsignal weitergegeben werden mussten. Es wäre ja kaum machbar gewesen, alle Schiffe mit einem Kabel zu verbinden. Aber vielleicht Inseln, sinnierte ich weiter. Denn vor elf Jahren war nach langjährigen Anstrengungen und vielen Rückschlägen die Verbindung zwischen London und den Vereinigten Staaten geglückt. Ich wusste zudem von Bemühungen der Briten, Kabel nach Afrika und Bombay zu verlegen. Selbst hier im Mittelmeer waren Verbindungen entstanden, natürlich nicht zu Schiffen.

„Mister Kara Ben Nemsi“, riss mich die Stimme des Kapitäns aus meinen Gedanken, „bitte folgen Sie mir an Deck. Es wird in Kürze jemand eintreffen, der Sie über alles informieren wird.“

Halef und Haschim waren unverzüglich an meiner Seite. Doch standen im Korridor vor unserem unfreiwilligen Quartier zwei weitere Seeleute, breit und kräftig gebaut wie Ringer. Der Kapitän ließ keinen Zweifel aufkommen, dass nur ich mit ihm gehen sollte.

„Tut mir leid, aber ich habe Anweisung, nur Mister Kara Ben Nemsi nach oben zu begleiten.“

„Nun gut. Meine Gefährten werden hier warten“, erwiderte ich. Es blieb mir zunächst nichts anderes übrig, als mich zu fügen. Denn meine Neugier war sehr groß, zu erfahren, was es mit dieser Sache auf sich hatte und ob ich mit meinen Vermutungen richtig lag.

„Wenn meinem Sihdi etwas zustößt, dann werdet ihr erfahren, was ein echter Haddedihn ist“, erklärte Halef mit zusammengekniffenen Augen. Er wirkte wie ein Raubvogel, der kurz davor stand, sich auf seine Beute herabzustürzen. Ich war mir sicher, mich im Notfall auf meine Freunde verlassen zu können. Auch wenn Halefs Fell nicht über die Macht verfügte, die Tür zu öffnen, so tat es Haschims Magie umso mehr. Demnach konnte ich ohne Sorge dem Kapitän nach oben folgen.

Als wir das Deck erreichten, stand die Sonne schon recht tief. Sie lugte unter der dicken Wolkendecke hervor, die des Nachts den größten Teil des Himmels bezogen hatte. Ich konnte zwei Schiffe ausmachen, welche in einigem Abstand zur Shams Albahr auf dem Meer schwammen, beides waren Segeldampfer der Briten. Sie befanden sich offenbar als Bewachung unseres ‚Pestschiffs‘ vor Ort. Das kleinere der beiden Marineschiffe hielt auf uns zu. Aus seinem Schornstein quoll dicker Rauch. Die Segel waren jedoch gerefft. Das größere Schiff hatte neben den beiden Masten mittig zwei Schornsteine, die allerdings nicht in Betrieb waren. Diese Segelschiffe mit zusätzlichem Dampfantrieb nannte man in meiner Heimat Auxiliarsegler. Es war dem Lateinischen entlehnt und bedeutete Hilfssegler, also ein Segelschiff mit einem Hilfsantrieb. Der Vorteil war natürlich, dass es auch bei Flaute vorwärtskam und in engen Passagen besser manövrierfähig war. Das Schiff behielt seinen Abstand bei. Am Rumpf konnte ich eine Reihe von Kanonenluken erkennen. Sie waren aber geschlossen.

Ich folgte dem Kapitän an die Reling. Ein Blick zum Oberdeck zeigte mir, dass mich der Steuermann argwöhnisch musterte. Er schien den Vorfall von gestern Nacht noch nicht vergessen zu haben.

„Mister Nemsi, dort kommen die Herren, die Ihnen die Erklärung schulden“, sagte der Kapitän und deutete zu dem kleineren Schiff hinüber. Der Segeldampfer war in einigem Abstand längsseits gegangen und ließ ein Boot zu Wasser. Ich erkannte drei Personen darin. Das Ruderboot näherte sich recht zügig der Shams Albahr, da die Dünung nicht besonders hoch war. Beim Näherkommen erkannte ich in einem der Männer Captain Sean MacLean. Ein Seemann niedrigeren Rangs ruderte und ein dritter Mann in Zivil saß neben dem Captain. Dieser war auch der Erste, der über die herabgelassene Strickleiter an Bord des Frachters kletterte. Er trug einen grauen Mantel und einen Hut. Nach ihm kam Captain MacLean zum Vorschein. Diesmal hatte er seine blaue Uniform nicht mit einem Umhang verhüllt. Er blieb ein Stück hinter dem erheblich kleineren Unbekannten stehen, nickte mir jedoch grüßend zu. Ich erwiderte seinen Gruß ebenfalls mit einem dezenten Kopfnicken. Der Unbekannte jedoch kam mit aufgesetztem Lächeln auf mich zu. Er streckte mir die Hand entgegen.

„Guten Abend Herr …“

„Kara Ben Nemsi“, fiel ich ihm ins Wort.

„Kara Ben Nemsi, natürlich. Ganz, wie Sie es wünschen.“ Sein Händedruck war fester, als ich erwartet hatte, und seine Augen bekamen bei seinen Worten einen spöttischen Ausdruck. Der Mensch war mir sogleich unsympathisch.

„Mit wem habe ich die Ehre? Mit Mister Smith, nehme ich an?“, fragte ich mit ausdrucksloser Miene, aber spöttischem Unterton. Natürlich war mir geläufig, dass die Mitglieder des britischen Geheimdienstes gern unverfängliche Namen benutzten.

Er lachte.

„Nennen Sie mich Mister Smythe.“

„Nun“, entgegnete ich lächelnd, „sehr erfreut wäre jetzt sicher eine Übertreibung. Aber ich bin ganz Ohr, welche Erklärung Sie mir für diese Entführung anbieten können.“

„Alles zu seiner Zeit, Herr Kara Ben Nemsi.“ Er nickte Kapitän Abdulwahab zu. Dieser bat uns durch ein Zeichen seiner Hand, ihm zu folgen.

Der Wind trug die abendliche Kühle der offenen See heran. Ich hörte das Wasser an den Rumpf schlagen. Mister Smythe klappte seinen Kragen hoch. Wir folgten dem Kapitän nach unten in die Messe. Ridvan war gerade dabei, Tee auf den Tisch in der Mitte des Raums zu stellen. Er schob einige aufgerollte Landkarten beiseite. Nur zwei Tassen konnte ich sehen. Also sollte dies ein Gespräch unter vier Augen werden. Ich war gespannt, was mir Mister Smythe zu erzählen hatte. Ridvan lächelte mir zu, als er hinausging. Auch Kapitän Abdulwahab verließ den Raum. Wir setzten uns an gegenüberliegende Seiten des Tischs. Mister Smythe legte seinen Hut beiseite und entblößte dunkelblondes schütteres Haar. Mit abgespreiztem kleinen Finger nahm er eine der Teetassen und führte sie zum Mund. Dabei ließ er mich nicht aus den Augen. Ich versuchte mir keinerlei Nervosität anmerken zu lassen, obgleich mir seine Gegenwart nicht behagte. Mein Blick fuhr kurz durch den Raum. Im hinteren Bereich gab es eine Reihe Fenster, die den Blick aufs Meer zuließen. Ich konnte die Sonne sehen, die zwar noch über dem Horizont stand, jedoch den Himmel schon rot zu färben begann – rot wie die Pestflagge am Mast über uns oder auch rot wie Blut. Beides waren keine idyllischen Assoziationen. Doch in diesem Moment spiegelten sie meine Stimmung wieder. Denn ich spürte, dass dieser Mann etwas in der Hand hatte, um mich unter Druck zu setzen. Was konnte das sein? Ich wusste es nicht und musste abwarten, bis er sein Geheimnis lüftete.

„Mister Smythe, was haben Sie mir zu berichten? Diese ganze aufwendige Aktion werden Sie sicher nicht ohne Grund durchgeführt haben.“

„Of course not, Kara Ben Nemsi. Ich denke, es wird Zeit, Sie einzuweihen.“

„Ich bitte darum.“

Mister Smythe setzte die Teetasse ab. „Vor einigen Wochen“, begann er, „haben wir – also ein Trupp unserer Royal Marines unter Captain Sean MacLean – angefangen, das Höhlensystem auf Kreta zu erforschen. Rein wissenschaftlich, versteht sich, isn’t it?“

„Sicher. Warum sollte ich da auch etwas anderes annehmen? Schließlich gehört Kreta dem Osmanischen Reich an und steht unter dem Dekret der Hohen Pforte. Hätten Sie andere Intentionen als die Wissenschaft, käme dies ja einer Kriegserklärung gleich.“ Ich grinste ihn an, belustigt über dieses Katz- und-Maus-Spiel.

„Sure – gewiss. So ist es. Unsere Wissenschaftler wollten die Höhlen kartografieren. Dabei kam es zu einigen, sagen wir einmal, bedauerlichen Zwischenfällen. Do you understand?“ Mister Smythe lächelte mich an, wohlwissend, dass ich dies schon von Captain MacLean erfahren hatte. „Wir haben uns an einen Einheimischen gewandt, der uns diesbezüglich unterstützen sollte. Dieser Mann ist sehr vertraut mit den Höhlen und der Inselgeschichte. Er war selbst gerade im Begriff, Ausgrabungen in einigen Höhlen sowie auf seinem Land durchzuführen. Er war der Ansicht, auf der Spur des sagenumwobenen Palasts des Minos zu sein. Are you familiar with it?“

Ich nickte. „Ja, ich bin vertraut mit der Sage um den Palast des Minos.“

„Well, dann wissen Sie sicher auch, dass es ein unterirdisches Labyrinth geben soll, in dem in vorchristlicher Zeit ein Monster – halb Mensch, halb Stier – sein Unwesen trieb. Ein menschenfressendes Untier. Horrible!“ Er sah mir prüfend in die Augen. Ich erwiderte seinen Blick gelassen, denn ich glaubte nicht an derlei Dinge und so konnte mir diese alte Erzählung auch keinen Schrecken einjagen. „Das sind natürlich nur Märchen und Sagen“, gestand er sogleich.

„Natürlich. Aber Sie suchen mich sicherlich nicht wegen einer alten Gruselmär auf.“

„Nein und doch auch ja. Der Einheimische ist ein Mann namens Minos Kalokairinos.“

„Minos – ein sehr trefflicher Name für einen Sucher des Minospalastes.“

„Indeed. Sehr trefflich. Aber reiner Zufall. Dieser Minos ist nicht irgendein Bauer, der ein paar historische Münzen beim Pflügen seines Feldes gefunden hatte. No, dieser Minos ist ein angesehener wohlhabender Bürger von Megalokastro. Er ist Kaufmann und Jurist und Hobby-Archäologe. Vor den Toren der Stadt auf einem Hügel besitzt er ein beachtliches Stück Land, really. Captain MacLean war vor Ort. Dort hatte er mit seinen Ausgrabungen begonnen und einige Säulen und Kultgegenstände freigelegt. Außerdem soll er eine Karte gefunden haben, auf der er den Eingang zum sagenumwobenen Labyrinth vermutete.“ Nun blickte er mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, als erwarte er eine bestimmte Reaktion von mir.

„Und diese Karte hat er Ihnen aus purer Freundlichkeit überlassen“, frotzelte ich.

Smythe grinste mich belustigt an. „Almost. Aber wir konnten ihn letztendlich nur dazu bewegen, uns bei unseren Erkundungen behilflich zu sein. Die Karte hat er gut verwahrt.“ Ich glaubte fast, die Enttäuschung in seinem Gesicht zu sehen. Das war natürlich bloß Einbildung, denn diese Sorte Mensch war trainiert darauf, ihr Inneres durch nichts zu verraten. Alles was ich sah, sollte ich auch sehen.

„Schade für Sie.“

„Yes, allerdings. Wahrscheinlich hat dieser Umstand zudem einige unserer Männer das Leben gekostet.“

„Captain MacLean berichtete mir schon davon. Das ist höchst bedauerlich. Aber noch immer sehe ich nicht, wie ich Ihnen behilflich sein könnte.“

„Dazu komme ich noch. Be patient! Zunächst müssen Sie die Zusammenhänge verstehen.“

Ich nickte. Gut, dachte ich bei mir, soll er seine Schauergeschichte erzählen. Das war höchst interessant und sicher inspirierend für einen Reiseschriftsteller wie mich. Doch mir fiel kein Grund ein, der mich hätte dazu bewegen können, diesem Mister Smythe zu helfen. Denn darauf würde es mit Sicherheit erneut hinauslaufen. Mit dieser Annahme sollte ich Recht behalten. Mit dem Grund allerdings nicht. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, was der Agent des britischen Geheimdiensts für ein Druckmittel gegen mich in der Hand hielt. Doch ich sollte es bald erfahren.

Inzwischen begann die rote Sonne vor meinem Ausblick durch die Fenster ins Meer einzutauchen. Eine dunkle Wolkenfront schob sich behäbig in mein Blickfeld. Mir schien, dass ein Unwetter aufzog – am Himmel sowie hier auf der Erde.

„As luck, wie es der Zufall wollte, stattete uns Captain Terbut bei seiner Durchreise einen Besuch auf Kreta ab.“

„Ah“, entfuhr es mir. Davon hatte ja auch schon Captain MacLean gesprochen.

„Terbut berichtete uns von Ihnen und Ihrem Lord Lindsay. Und – wie es der Teufel will – erzählte uns dieser Minos Kalokairinos, dass er mit Sir David Lindsay bekannt sei. So konnten wir Minos überzeugen, Lindsay durch einen Brief nach Kreta …“

„… zu locken“, schloss ich den Satz.

„My goodness. Sie sehen das alles zu negativ.“ Smythe nahm einen Schluck Tee und ließ die Worte im Raum herumflattern wie aufgeschreckte Tauben. Kurz musste ich an die Taubenfrau von Aleppo denken. „Natürlich waren wir für jede Hilfe dankbar“, fuhr Smythe fort. „And yes, ich hatte gehofft, dass der Lord auch Sie mitbringen würde. Dem war jedoch nicht so. Leider.“

Er stellte die Tasse wieder ab.

Mein Tee stand noch immer unberührt vor mir. Ich hätte mir auch eher einen Muckefuck gewünscht.

„Ich verstehe noch nicht, wie Minos’ Brief Lord Lindsay hier auf Zypern erreichen konnte. Niemand wusste, wo wir uns aufhielten“, rätselte ich laut.

„Niemand außer Terbut. Er hat uns die Lage der Bucht beschrieben. Das war uns Anhaltspunkt genug. Unsere Patrouillenschiffe kreuzten vor der Nordküste und fanden die Yacht recht schnell. So war es uns möglich, dem Lord im Namen der britischen Marine den Brief zu übergeben. Landsleute sind sich eben überall auf dem Globus behilflich. That’s a matter of honor.“

„Sehr ehrenvoll von Ihnen. Ich bin beeindruckt. Und als Ihnen klar wurde, dass Ihre List nur halb fruchtete und ich nicht mit an Bord war …“

„… entschlossen wir uns, ein Bündnis mit Kapitän Abdulwahab einzugehen. Schließlich hat jeder seinen Preis. Der eine lässt sich mit blinkendem Gold überzeugen und bei dem anderen muss man schwerere Geschütze auffahren. That’s the way it is.“

„Zum Beispiel ein Narkotikum?“

„Oh, Sie haben mich ertappt. Ich möchte mich in aller Form entschuldigen für diese – notwendige Finte. I’m sorry.“

Ich musste mich sehr beherrschen, denn diese Sache mit dem Narkotikum machte mich wütend. Dies konnte man kaum als Finte bezeichnen, vielmehr als Intrige oder Kabale. Ich wäre ihm liebend gern an die Kehle gesprungen. Doch das hätte es nicht ungeschehen gemacht und zudem wollte ich endlich den Grund erfahren, warum dieser Kerl der Ansicht war, mich umstimmen zu können.

„Wir benötigten Zeit, um einen Plan zu ersinnen, wie wir Sie, verehrter Herr Kara Ben Nemsi, für unser Projekt gewinnen könnten. Da Sie aber im Begriff waren, diese Gefilde auf Dauer zu verlassen, mussten wir schnell handeln. Zu unserem Glück hatte Sir David Lindsay die Organisation Ihrer Passage vertrauensvoll in unsere Hände gelegt und Kapitän Ahab … äh Abdulwahab …“ Er lachte.

„Lieber Mister Smythe“, unterbrach ich seine Ausschweifungen und stand auf, „sagen Sie mir nun einfach, was Sie zu sagen haben, damit wir dieses Gespräch beenden können. Ich kann Ihnen versichern, dass es nichts gibt, was mich und meine Freunde dazu bewegen könnte, Ihnen bei Ihrer Unternehmung zu helfen. Wie ich schon Captain Sean MacLean mitteilte, bin ich nicht gewillt, mich in Angelegenheiten einzumischen, die einen Konflikt zwischen dem britischen Empire und der Hohen Pforte auslösen könnten.“

„Es handelt sich um eine Rettungsaktion“, gab der Mann plötzlich zu. Dabei setzte er eine bedauernswerte Miene auf.

„Ach, haben Sie nun doch Spuren Ihrer verschollenen Soldaten gefunden?“

„No! Es gibt keine Spuren – weder von unseren Soldaten noch von Sir David Lindsay und Minos Kalokairinos.“

Es war mir, als hätte mich ein elektrischer Schlag durchfahren. „Wie bitte? Wollen Sie damit andeuten, dass Lindsay und Kalokairinos ebenfalls in den Höhlen verschollen sind?“

„Herr Nemsi, ich will es nicht nur andeuten. It’s a fact. Sie sind vor drei Tagen hinabgestiegen und bis dato nicht wieder erschienen.“

Zunächst war ich sprachlos. Lindsay war in den kretischen Katakomben verschollen? Entsprach dies der Wahrheit oder war das nur ein Trick dieses Secret Service Agenten, um mich nach Kreta zu locken?

„Können Sie mir das beweisen?“

„No, das kann ich nicht.“

Das musste ich kurz verdauen. Sicher war dieser Mensch äußerst gerissen. Aber, falls dies ein Trick war, hätte er sich dann nicht einen überzeugenden Beweis einfallen lassen, um es mich glauben zu machen? Würde er wirklich da so stehen und zugeben, dass er keinen Beweis hatte? Er wusste, dass ich ihm nicht vertraute. Andererseits konnte genau dies der Trick an der Sache sein.

„Wie konnten Sie so schnell erfahren, dass Lindsay verschwunden ist? Ein Brief hätte mehrere Tage benötigt, um von Kreta nach Zypern verschifft zu werden.“

„Indeed. Sie haben Recht. Es gibt heutzutage technische Möglichkeiten, diese Nachricht in wenigen Stunden zu erhalten. Telegrafie. Ich habe eine Depesche bekommen.“

„Es existiert ein Unterseekabel zwischen Kreta und Zypern?“, fragte ich mit gespieltem Erstaunen. Natürlich war ich nicht wirklich überrascht. Ich hatte dies vermutet. Das war nun die Bestätigung dafür. Es gab also tatsächlich Kabelverbindungen zwischen den Mittelmeerinseln.

„Yes. Es ist top secret. Wir haben eine geheime Telegrafenstation in einer Bucht in der Nähe von Paphos. Das muss aber unter uns bleiben, werter Kara Ben Nemsi. Sonst wird es beim nächsten Mal kein Narkotikum sein, was Sie in Ihrem Wasser finden werden. Do you understand?“

„Ja, ich verstehe ihre Drohung recht gut, Mister Smythe. Doch nicht diese Drohung, sondern die Sorge um meinen Freund lässt mich nun in Erwägung ziehen, nach Kreta zu fahren.“

„Thank you, verehrter Kara Ben Nemsi. Vielen Dank.“

„Nein, Sie müssen mir nicht danken. Ich habe nicht vor, Ihnen auf irgendeine Art zu helfen. Ich werde Lord Lindsay suchen und finden und ich erwarte, dass Sie mir dabei helfen.“

Smythe sah mir fest in die Augen und nickte. Ich traute ihm noch immer nicht. Doch ich musste ihm im Moment Glauben schenken. Jede Minute zählte. Falls der Lord schon drei Tage in den Höhlen war, wir zwei Tage für die Überfahrt benötigten und wahrscheinlich noch mindestens einen Tag, um am Ort des Geschehens einzutreffen, dann wäre Sir David schon fast eine Woche in dem unterirdischen Labyrinth. Hatte er somit eine Überlebenschance? Lebte er überhaupt noch? Ich musste davon ausgehen, sonst wäre jeder Rettungsversuch zum Scheitern verurteilt. Zunächst aber musste ich meinen Freunden von der neuen Situation berichten.

Smythe erbot sich, an Deck auf meine endgültige Antwort zu warten. Der Kapitän wurde angehalten, Halef, Haschim und die Frauen in die Messe zu bringen. Als alle versammelt waren, oblag es mir, ihnen die schmerzliche Nachricht zu offenbaren. Ich sagte ihnen kurz und ohne Umschweife, wie sich die Lage für mich darstellte. Lindsay und Kalokairinos wollten den Palast des Minos finden und waren mit Unterstützung des britischen Militärs in das kretische Höhlensystem gestiegen, da sie dort den Eingang zum sagenumwobenen Labyrinth vermuteten. Wahrscheinlich sollten sie zusätzlich Kartenmaterial für die Briten erstellen. Doch sie kehrten nicht zurück und waren nun seit drei Tagen in dieser Unterwelt verschollen.

„Ich werde mit den britischen Soldaten nach Kreta fahren, um Sir David zu finden“, schloss ich meinen Bericht.

Meine Freunde hatten still meinen Ausführungen gelauscht. Ab und zu nahm ich von einem von ihnen ein entsetztes Stöhnen wahr. Gleichwohl waren sie insgesamt sehr gefasst.

„Ich werde dich begleiten, mein Freund“, antwortete Haschim. „Du hast mir auch stets beigestanden und mich nicht im Reich Saba zurückgelassen. Auch der Lord verdient es nicht, dass wir ihn kampflos aufgeben und den Kreaturen der Unterwelt überlassen.“

„Danke, Haschim. Ich nehme deine Hilfe sehr gern an.“

„Sihdi, ich lasse dich doch nicht allein in die Tiefe steigen. Natürlich werde ich dich begleiten. Aber ich fühle mich auch verpflichtet, meine Hanneh und natürlich die ehrwürdige Amscha nach Hause zu bringen.“

Ich sah ihm seinen Seelendruck an und wollte ihn schon erlösen, indem ich ihn nach Hause schickte, als sich Amscha einmischte.

„Hadschi Halef Omar, willst du unsere Familie entehren? Natürlich wirst du deinen Freunden beistehen. Was fällt dir ein? Glaubst du, dass wir drei Frauen nicht in der Lage sind, nach Hause zu finden?“

„Amscha, ich …“, begann Halef zu stottern.

„Ich will nichts hören!“, unterbrach Amscha ihn. „Du tust, was deine Pflicht ist! Wir finden allein nach Hause. Glaubst du denn, dass Frauen weniger können als Männer?“ Mit in die Hüften gestemmten Händen baute sie sich bedrohlich vor ihm auf.

„Aber, Hanneh …“, druckste er herum.

„O Halef, geliebter Mann. Ich werde mit Amscha und Djamila auf dem schnellsten Weg nach Hause zu unserem Sohn Kara reisen. Mach dir um uns keine Sorgen. Steh deinen Freunden bei.“

„Wenn du das verlangst, geliebte Frau, dann werde ich dir nicht wiedersprechen.“ Er nahm Hanneh in die Arme und ich sah den Stein regelrecht zu Boden plumpsen, der ihm gerade vom Herzen gefallen war.

„Ich werde mit euch mitkommen!“, hörte ich nun Djamilas Stimme. Sie schob sich hinter Amscha hervor. Ihr Gesicht drückte Bestimmtheit aus.

„Auf keinen Fall, junge Frau“, war Amschas Reaktion. „Du kommst mit uns mit nach Hause!“

„Nein!“ Djamila stampfte mit dem Fuß auf. „Ich werde mit Halef und Onkel Kara gehen.“

„Ausgeschlossen“, mischte ich mich ein. Ich hatte genug Sorgen um Lindsay und konnte mich jetzt nicht auch noch um ein junges Mädchen kümmern. Selbst Halef schüttelte den Kopf.

„Sir David Lindsay habe ich viel zu verdanken“, beharrte Djamila. Sie kam zu mir und blickte mir in die Augen. „Denk an Basra …“ Dann schritt sie zu Halef. „… an die Wüste …“ Nun stellte sie sich vor Haschim auf und sah hoch in das Gesicht des Zauberers. „… an das Abenteuer mit Al-Kadir. Ich möchte helfen, den Lord zu retten.“

„Hör zu, Djamila“, erklärte ich in ruhigem Ton. „Du musst dich um Hanneh und Amscha kümmern. Ich vertraue dir ihre Sicherheit an.“

Djamila blickte mich aus Augen an, die zu Schlitzen geworden waren. Den Unterkiefer hatte sie trotzig nach vorn geschoben. Ich sah ihr an, dass sie meine Rede durchschaute. Jedoch widersprach sie nun nicht mehr. Sie drehte auf dem Absatz um, stieß die Tür auf und stürmte hinaus.

Für einen Moment war es sehr still. Alle blickten betreten dem Mädchen hinterher. Amscha war die Erste, die sich fasste. „Geht nun. Ich werde mich um das Kind kümmern. Sorgt euch nicht. Sie wird sich wieder beruhigen.“

Keine zehn Minuten später standen wir mit unserem bescheidenen Gepäck an Deck der Shams Albahr – der Sonne des Meeres. Die Sonne des Himmels war indes fast gänzlich im Meer verschwunden. Das Blutrot des westlichen Firmaments hatte sich in tiefes Purpur gewandelt, unterbrochen von dunkelblauen Wolken. Die Intensität des Windes und das Schaukeln des Schiffes nahmen ebenfalls bedenklich zu. Die Takelage surrte und pfiff. Die Planken knarrten. Das Wasser schlug gegen den Rumpf. Amscha und Hanneh hatten uns zum Abschied hinaufbegleitet und standen an der Reling. Djamila dagegen war schmollend unter Deck geblieben. Seit der Auseinandersetzung hatten wir sie nicht mehr gesehen. Ich bedauerte sehr, keinen Abschied von ihr nehmen zu können, aber es blieb keine Zeit für derlei Konflikte. Es ging um Leben und Tod des Lords.

Kapitän Abdulwahab und Mister Smythe standen wartend an der Reling und überwachten den Transport einiger Güter vom Handelsschiff auf das britische Schiff, welches uns nach Kreta bringen sollte. Im Hintergrund ragte die Silhouette dieses Segeldampfers der Royal Navy auf. Noch immer quoll dicker Rauch aus dem Schornstein. Auch das zweite Schiff war dicht aufgerückt. Einer der Seeleute trug unsere Waffen bei sich und übergab sie uns bereitwillig.

„Er wird die Frauen sicher zur Küste befördern, ihnen Pferde für die Rückreise besorgen und ihnen drei Mann zum Schutz mitgeben“, versprach der britische Agent.

„Können wir ihm denn vertrauen, Sihdi?“, fragte Halef und blickte besorgt zu Hanneh.

Bevor ich antworten konnte, trat der Kapitän hervor. „Ihr könnt mir vertrauen, Mister Nemsi und verehrter Hadschi Halef Omar. Wie ihr euch erinnern müsstet, habe ich euch allen kein Haar gekrümmt. Die Betäubung war nicht meine Idee. Lord Lindsay hat mich gut entlohnt für die Passage. Dieser Verpflichtung werde ich nachkommen. Sie haben mein Wort – mein Ehrenwort.“ Er hielt mir die Hand entgegen, um den Vertrag zu besiegeln.

Ich schlug ein. „Ich werde Ihnen vertrauen, Kapitän Geoffrey Abdulwahab. Doch denken Sie stets daran: Wenn den Frauen etwas zustößt, werden wir Sie finden. Das Mittelmeer ist nicht groß genug, um sich vor uns zu verstecken. Glauben Sie mir.“

„Es wird ihnen kein Leid geschehen“, bekräftigte er.

Halef baute sich vor dem Kapitän auf und blickte ihm ernst ins Gesicht. „Das will ich Ihnen raten. Hüten Sie sie, als wären es Goldstücke. Sonst …“ Den Rest schluckte er hinunter. Denn eigentlich war es nicht die Art der Haddedihn, ihre Gefühle so zur Schau zu stellen. Halef konnte ich in diesem Moment jedoch sehr gut verstehen. Hatten wir mit Amschas Hilfe doch gerade erst Djamila und Hanneh aus den Klauen der Sklavenjäger befreit und nun musste er sie schon wieder ziehen lassen. Er merkte wohl zudem, dass es nicht angebracht war, den Kapitän mit Drohungen gegen sich aufzuwiegeln. Das würde den Frauen kein Fünkchen mehr Sicherheit bringen. Ein wenig widerwillig mussten wir ihm vertrauen. Zudem war ich mir sicher, dass Hanneh und besonders Djamila und Amscha sich zu verteidigen wussten, falls es nötig sein sollte. Uns blieb keine Wahl. Wir nahmen Abschied von ihnen. Smythe kletterte als Erster über die Reling. Als ich nach unten blickte, sah ich ein zweites Beiboot in den Wellen dümpeln.

„Ich werde Sie nicht begleiten, Herr Nemsi. Die Mission liegt nun in der Hand von Captain Sean MacLean. Auf mich warten andere Aufgaben. Goodbye and good luck“, rief er nach oben und sprang in das Boot. Zwei Ruderer legten sich in die Riemen und trieben die Schaluppe in Richtung des großen Segeldampfers.

Halef, Haschim und ich kletterten nacheinander in das zweite wartende Boot, welches als Spielball der Wellen leicht auf- und niederhüpfte. Dort wartete Captain Sean MacLean und blickte uns sichtlich verlegen an. Ich konnte nicht deuten, ob es das schwere Gewissen oder die zu erwartende schwere See war, die seine Miene formte. Die Wolken hatten mittlerweile den gesamten Himmel bedeckt und verkündeten Unheil.

„Sir Kara“, murmelte er grüßend.

„Captain MacLean.“ Ich nickte ihm zu. Für Vorwürfe war nun aber der falsche Augenblick. Ich nahm eins der Ruder und half dem Captain, das Beiboot zurück zum Patrouillenschiff zu manövrieren. Der Weg war glücklicherweise nicht weit. Das Wasser breitete sich dunkel inmitten der beiden Schiffe aus. Ein Trupp Tümmler zog neugierig dazwischen hindurch, recht nah an unserem Boot vorbei. Mit lautem Zischen stießen die Tiere die Luft aus dem Atemloch aus. Ich blickte ihnen fasziniert nach. Lautes Rufen ließ mich den Blick abwenden und zum Frachtschiff hinüberschauen. Da sah ich die Frauen winken. Halef winkte zurück. Die rote Pestflagge wurde eingeholt und die Shams Albahr hisste die Segel.

Fünftes Kapitel
Eine stürmische Überfahrt

In der Ferne konnten wir schon erste Blitze zucken sehen. Noch war das Meer relativ ruhig. Aber das Wetter wurde zunehmend ungemütlicher. Als wir mit unserer Nussschale gegen die Bordwand stießen, war die Strickleiter schon herabgelassen. Der Captain gab uns ein Zeichen und wir erklommen der Reihe nach den Segeldampfer. Zwei Matrosen begaben sich hinab ins Boot, vertäuten es und mit Winden wurde es an Bord gehievt. Die ersten größeren Wellen klatschten gegen den Rumpf. Wasser schwappte bis an Deck. Gern hätte ich das Schiff und seine Technik näher begutachtet, doch Captain Sean MacLean führte uns sofort aus dem aufkommenden Sturm heraus einen Niedergang hinunter in den Bauch des Schiffs.

„Ich habe Ihnen, Sir Kara, hier eine Kabine zurechtmachen lassen. Ich hoffe, sie entspricht Ihren Ansprüchen“, erklärte er, während er eine graue schmucklose Tür öffnete.

„Vielen Dank, Captain MacLean. Sie mussten demnach schon vor mir selbst gewusst haben, dass ich mich von Agent Smythe überzeugen lassen würde, nach Kreta überzusetzen.“

Der Captain räusperte sich verlegen und ließ uns eintreten. Das Innere war schlicht eingerichtet. Ein Bullauge befand sich an der gegenüberliegenden Wand, an dessen runde Scheibe die Gischt spritzte. Rechts und links gab es je zwei übereinanderliegende Kojen, neben der Tür eine Ablage für das spärliche Gepäck, welches wir bei uns trugen, und ein Waschbecken.

„Wer gewohnt ist, im Gebirge oder der Wüste auf offenem Gelände zu nächtigen, wird dies hier als wahren Luxus erachten. Habt Dank, Effendi“, erwiderte Halef an meiner statt.

„Die vierte Koje ist unbelegt“, erklärte der Captain weiter. „Sie können dort gern Ihre Waffen oder Ihr Gepäck aufbewahren.“

„Danke, Captain MacLean“, gab auch ich zurück.

Das Schiff ruckelte kurz und wir balancierten alle instinktiv die überraschende Bewegung aus. Nur Halef geriet ein wenig mehr ins Wanken und saß mit einem Mal auf einem der Betten.

„Nun“, meinte er lächelnd, „dies nehme ich als ein Zeichen Allahs, dass ich diese Koje hier beziehen sollte.“

Wir anderen stimmten ihm lachend zu.

„So darf ich Sie dann in einer halben Stunde zum Essen in der Messe erwarten. Einfach den Gang hinunter“, erklärte der Captain schließlich mit ausgestrecktem Arm die Richtung weisend, schlug die Hacken militärisch zusammen und entfernte sich – einfach den Gang hinunter. Wir schlossen die Tür und legten unsere Habseligkeiten auf die Ablage und das freie Bett. Haschim und ich bezogen jeweils die oberen Kojen. Halef blieb bei seiner durch göttliche Fügung erwählten.

Ich spürte, wie die Vibration der Dampfmaschine zunahm und das Schaukeln weniger wurde. Das Schiff bahnte sich mit der Kraft der Technik den Weg durch die Wellenberge. Der spitze Bug zerschnitt das aufgewühlte Wasser wie ein Eisbrecher die gefrorenen Wasserplatten auf der Hamburger Elbe.

Der Einladung folgend begaben wir uns wenig später zum Abendessen in die Messe. Auch dieser Raum, zwar größer und mit einigen Karten und Fotografien an den Wänden ausgestattet, war in militärische Nüchternheit getaucht. Ich betrachtete die Portraits, doch waren mir die meisten abgebildeten Herren nicht geläufig. An der Stirnseite der Messe erkannte ich Königin Victoria, die mit vorwurfsvollem Blick auf uns herniedersah. Ihr Bild war in Gold gerahmt und der prunkvolle Rahmen das einzig wirkliche Zierwerk des Raums, gar des ganzen Schiffs. Unweit vom Portrait der britischen Königin blickte mich das schwarz-weiße Abbild des aktuellen Premierministers Benjamin Disraeli an. Er wirkte nicht sehr glücklich auf diesem Bild, was mich ein wenig verwunderte, war er doch erst letztes Jahr von der Königin in den Adel erhoben worden und durfte sich fortan mit Earl of Beaconsfield titulieren lassen. Ein durchaus bemerkenswerter Aufstieg.

Ein Räuspern holte mich aus meinen Gedanken. Am Kopfende des langen Tischs, der den Raum fast völlig ausfüllte, saß der Kapitän. Als wir eintraten, waren er, seine Offiziere sowie Captain Sean MacLean aufgestanden. Wir begrüßten uns höflich und setzten uns auf die freien Stühle neben MacLean. Der Kapitän stellte sich als Lieutenant Commander Nelson vor. Ein durchaus geschichtsträchtiger Name, den er mit sichtlichem Stolz trug. Ob er ein tatsächlicher Nachfahre des berühmten Admiral Nelson war, galt es zu bezweifeln, da dieser meines Wissens nach nur eine uneheliche Tochter hatte. Demzufolge konnte zumindest sein Name nicht weitervererbt worden sein. Lieutenant Commander Nelson, so stellte sich im Laufe des belanglosen Gesprächs heraus, hatte zwar das Kommando über das Schiff, Captain Sean MacLean dagegen das Kommando über die Rettungsaktion. Ich war mit den Rängen des britischen Militärs nicht ganz vertraut und später, als wir die Messe schon wieder verlassen hatten, erklärte mir MacLean, dass der Kapitän zwar als Lieutenant Commander zwei Ränge unter ihm stand, aber auf dem Schiff die uneingeschränkte Befehlsgewalt hatte und auch er sich in schiffsspezifischen Belangen seinen Befehlen unterzuordnen hatte.

Während des Essens wirkten alle äußerst wortkarg und auch Haschim, Halef und ich fanden kein wirkliches Thema, um mit den Seeleuten ins Gespräch zu kommen. Zudem verspürte ich wenig Lust, erneut über die Motive der Briten zur Erkundung der kretischen Höhlen zu diskutieren. Ich malte mir aus, dass der Captain sicher noch einige Informationen preisgeben würde, sobald wir in kleinerer Gesellschaft auf Kreta unterwegs sein würden. So war es nicht verwunderlich, dass wir uns nach dem Essen, an dessen Zusammensetzung ich mich nicht mehr erinnere, eilig in unser Quartier zurückzogen.

Da ich recht seetüchtig bin, war die Nacht nicht weniger angenehm für mich als manch andere. Halef dagegen kämpfte erneut gegen die Übelkeit, welche die hohe Dünung durch den tobenden Sturm, der mittlerweile hereingebrochen war, mit sich brachte. Haschim bot sich an, ihm deshalb aus einer seiner geheimnisvollen Essenzen, die er stets in seinem Gewand mit sich trug, einen Tee zuzubereiten. Dazu sollte ich ihm aus der Kombüse heißes Wasser besorgen. So machte ich mich also auf den Weg zur Schiffsküche. Die Gänge lagen dunkel und verlassen vor mir. Nur von Deck oben hörte ich jemanden Kommandos rufen. Mit lautem Krachen brandeten die Wellen gegen den Rumpf. Dazwischen hörte und spürte ich das rhythmische Schlagen der Kolben. Die Dampfmaschine schien auf Hochtouren zu laufen. Ich nahm mir vor, morgen dieses Wunderwerk der Technik in Augenschein zu nehmen. Vorerst hatte ich jedoch eine kleine Mission zu erfüllen und heißes Wasser zu besorgen. Nach einigem Suchen war ich mir sicher, die richtige Tür entdeckt zu haben. Es war ein rundes Fenster darin und ich spähte hindurch. Es war tatsächlich die Kombüse. Ich drückte die Klinke und die Tür öffnete sich. Zu dieser nachtspäten Stunde war der Raum verwaist. Herde und Spülbecken, Arbeitsflächen und Regale waren blitzblank geputzt. Es war finster und nur mein kleines Insellicht in der Hand beleuchtete einen Kreis. Insellicht, sinnierte ich, hatte mitnichten etwas mit einer Insel zu tun, wie viele glaubten. Irgendwie hatte sich das Wort im Sprachgebrauch schlichtweg gewandelt und wurde nun in der neuen Wortschöpfung oftmals als Bezeichnung für eine Kerze benutzt. Ursprünglich kam es aus dem meiner Heimat nahen Erzgebirge und hieß dort Inseltlicht. Inselt war eine alte Bezeichnung für Talg, also ein Talglicht. Und so etwas hielt ich in Händen. Es war eine kleine längliche Schale mit einem Henkel. Darin waren gehärtetes Fett und ein Docht. Fast erinnerte mich das Gefäß an Aladins Wunderlampe, nur, dass es oben offen war und das enthaltene Wunder das brennbare Fett, welches mir nun nützlicherweise Licht spendete. Mit diesem kleinen Licht fand ich rasch den Herd und einen Wasserkessel. So dauerte es nicht lange und auf der Gasflamme des Herds begann das Wasser auf dem Kesselboden erste Blasen zu bilden.

Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Ich blickte auf, konnte durch die mich umgebende Dunkelheit jedoch nichts erkennen.

„Wer da?“, fragte ich.

Zur Antwort erhielt ich nur ein Poltern. Ein Schatten huschte an mir vorbei. Ich hob eilig das Licht empor, allerdings reichte sein Schein nicht weit genug. Der Jemand hastete zur Tür und verschwand. Ich hätte ihm natürlich nacheilen können. Doch hielt ich mich zurück. Der Schatten war nicht bedrohlich gewesen, von menschlicher Gestalt und eher kleinem Wuchs. Meine Neugier führte mich jedoch an die Stelle, an welcher die Person aufgetaucht war. Es war eine Nische mit Lebensmitteln. Ich konnte Fladenbrote, getrocknetes Fleisch, Äpfel und Gemüse erkennen. Einer der Äpfel trug deutliche Bissspuren. Hatte dort jemand seinen Hunger gestillt? War hier ein kleiner Dieb am Werk gewesen? Vielleicht der Schiffsjunge? Allerdings konnte ich mich nicht erinnern, bei unserer Ankunft einen gesehen zu haben. Oder gab es gar einen blinden Passagier an Bord?

Das Heulen des Wasserkessels holte mich jäh aus meinen Überlegungen. Da ich auf diesem Schiff keinerlei Verantwortung trug, behielt ich diese seltsame Begebenheit für mich. Meine einzige Verpflichtung galt dem Wohl meiner Freunde, welches sicher nicht durch einen kleinen Apfeldieb in Gefahr war. So nahm ich den Kessel mit dem kochenden Wasser und begab mich zurück in die Kabine, damit Haschim Halefs Seekrankheit lindern konnte.

Am nächsten Morgen hatte sich das Wetter zu Halefs Leidwesen nicht gebessert. Das Frühstück ließ er deshalb aus.

„Halef, mein Freund, hast du schon versucht, ob dein magisches Vlies dir Linderung bringt?“, fragte ich. Und ich meinte es durchaus nicht zynisch. Mein Gefährte dauerte mich wirklich sehr. Ich dachte bei mir, dass selbst Placebos, solange man wirklich daran glaubte, schon medizinische Wunder bewirkt hatten. Sicherlich war dies nicht wirklich auf ein Wunder oder Magie zurückzuführen, sondern auf die Psyche des Menschen, aber dies konnte ja auch hier von Nutzen sein.

„Sihdi, ich habe in der Nacht schon alles versucht, doch das Goldene Vlies scheint nicht für dieses Problem geeignet zu sein. Es wird seine Magie sicherlich zu gegebener Zeit offenbaren. Nur Scheik Haschims Tee brachte mir etwas Linderung.“ Halef stöhnte und ließ sich zurück auf seine Koje fallen.

„Ich werde neuen Tee für dich aufbrühen, lieber Freund“, entgegnete Haschim lächelnd. Er griff sich den Wasserkessel und machte sich nach einer kleinen Wegbeschreibung meinerseits auf zur Kombüse. Ich dagegen begab mich an Deck. Denn ich wollte mir zu gern die Technik dieses hochmodernen Auxiliarseglers anschauen. Viel Zeit dazu blieb mir nicht, denn spätestens morgen Abend würden wir Kreta erreicht haben und dieses Schiff verlassen müssen.

An Deck war es ungemütlich. Eine steife Brise wehte mir entgegen. Die Mannschaft war emsig bei der Arbeit. Zwei Masten reckten sich in den wolkenschwangeren Himmel, doch waren sie ungenutzt, die Segel gerefft. Das Schiff wurde einzig und allein durch die von Menschenhand beherrschte Technik vorangetrieben und war somit kein bloßer Spielball der Naturgewalten. Die Schiffsschraube am Heck unter der Wasserlinie, getrieben von der Welle, welche ihrerseits ihre Kraft aus dem Druck der Dampfkessel bezog, pflügte durch das flüssige Element. Ihr Schub brachte das Schiff auf Kurs. Mittig zwischen den Masten erhob sich der Schornstein. Dicker Rauch quoll daraus hervor, wurde von den barbarischen Winden ergriffen und in den Äther gefegt, als wolle die Natur jedweden Beweis ihrer Beherrschung auslöschen.

„Sir Nemsi“, hörte ich eine Stimme hinter mir. Ich brauchte mich nicht umzudrehen, um zu erraten, dass es Captain Sean MacLean war. In meinem Innern amüsierte ich mich über seine Unschlüssigkeit bezüglich meines Namens.

„Captain MacLean“, grüßte ich lächelnd.

„Ein fieses Wetter“, versuchte er ein Gespräch zu beginnen.

„In der Tat ist solch ein Sturm recht ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit in diesen Gewässern.“

„Ungewöhnlich und unangenehm“, erwiderte er. „Doch wenn man der Marine angehört, muss man mit derartigen Widrigkeiten umgehen können.“

Ich nickte ihm anerkennend zu. Schien er durch seine Jugend hin und wieder recht unsicher in seinem Tun, war er anscheinend doch ein guter Seemann.

„Darf ich eine Bitte aussprechen?“, fragte ich, die Gelegenheit ergreifend.

„Nur zu gern, Sir Kara. Ich wäre sehr erfreut, Ihnen einen Gefallen erweisen zu können.“

„Ich möchte mir die Maschine anschauen.“

„Die Dampfmaschine?“

„Ja, das Ungetüm, welches im Bauch des Schiffs rumort“, antwortete ich lachend. „Ich bin selbst gut im Bereich der Technik ausgebildet und wäre hocherfreut, wenn ich diesen modernen Antrieb in Augenschein nehmen dürfte.“

Kurz schien er zu überlegen, vielleicht, ob das eventuell Militärgeheimnisse waren, die er mir dadurch verriet. Doch dann entspannte sich seine Miene.

„Warum nicht? Diese Technik ist nicht aufzuhalten. Ich denke, in ihrer Heimat sind die Ingenieure schon längst auf den gleichen Stand oder gar noch weiter.“

„Das mag durchaus sein, doch habe ich nicht viele Gelegenheiten, mir dort eine derartige Maschine anzuschauen.“

„Nun, Sir Nemsi, dann folgen Sie mir in den Maschinenraum. Dort ist es momentan sicherlich angenehmer als hier oben im Sturmwind.“

Ich muss gestehen, dass an dieser Stelle mein Herz einen kleinen Hüpfer machte wie bei einem Schuljungen. Es mag manchen gar albern anmuten, doch war ich äußerst begierig darauf, den Maschinenraum zu besichtigen, und freute mich deshalb sehr über diese Möglichkeit. So machten wir uns denn auf, in die Eingeweide des Schiffs hinabzusteigen. Captain MacLean schritt voran und ich folgte ihm durch Flure und Niedergänge hinunter in den Rumpf.

Als wir im Maschinenraum ankamen, schlug uns Hitze und Lärm entgegen. Der Obermaschinist und seine Gehilfen sowie die Heizer hatten alle Hände voll zu tun. Neue Kohlen wurden in den Feuerraum geschaufelt. Flammen züngelten gierig auf. Das Glühen der Kohlen verbreitete einen rötlichen Schein.

„Das ist unsere Dreifach-Expansionsdampfmaschine. Das Modernste, was es zurzeit gibt“, schrie mir der Captain stolz ins Ohr. Der Lärm machte ein normales Gespräch unmöglich.

„Dreifach?“, fragte ich. Diese besondere Art der Dampfmaschine war mir neu. Auch ich konnte noch einiges dazulernen im stetigen Wandel der Technik.

„Das Prinzip der Dampfmaschine ist Ihnen sicherlich bekannt, nehme ich an, Sir Kara?“

„Ja durchaus“, schrie ich in des Captains Ohr. „Im Kessel wird mittels der Feuerung aus Wasser Dampf erzeugt. Die Wärmeenergie des Dampfes wird durch den Kolben in mechanische Arbeit transformiert, diese wiederum durch die Kurbel in eine Drehbewegung umgewandelt und mittels der Welle auf die Schiffsschraube übertragen.“

„So ist es, Sir Nemsi. Hier haben wir jedoch …“

Ein lautes Klingeln unterbrach seine Rede. Ich beobachtete, wie der Maschinist zum Maschinentelegrafen eilte und das neue Kommando „Halbe Kraft voraus“ mittels des Hebels quittierte. Dann begann er an verschiedenen Rädchen zu drehen und Hebel zu bedienen. Stangen wurden nach hinten geschoben, vielleicht, um Ventile zu schließen. Ich trat näher heran. Ein Maschinengehilfe wischte mit einem Lappen und einem ölgetränkten Pinsel über sich bewegende Gestänge. Zahnräder griffen ineinander und übertrugen Drehbewegungen in andere Richtungen. Dann sah ich die gewaltige Kurbelwelle. Sie gehörte zum Herzstück der Maschine. Die Kraft der Auf- und Abbewegung der Kolben wurde mittels der Pleuelstangen auf die Kurbelwelle übertragen. Ich spürte förmlich die Kraft der Maschine beim Anblick der sich wälzenden Hubzapfen. Wie die Wellenberge auf der See wogten die Zapfen der Welle auf und nieder im Rhythmus der Maschine. Dampf zischte aus einem Überdruckventil. Die Leistung wurde gedrosselt. Es war, so nahm ich an, dem schlechten Wetter geschuldet.

„Sehen Sie, Sir Kara?“ Sean MacLean wies auf die großen metallenen Gebilde hinter den stampfenden Stangen und drehenden Rädchen. „Wir haben zwei Dampfkammern. Sie liegen zwischen Hochdruck-, Mitteldruck- und Niederdruckzylinder. Das soll die Energieausbeute optimieren. Ob sich das durchsetzt, wird uns die Zeit lehren.“

„Es hört sich ganz vernünftig an“, schrie ich zurück.

Der Maschinist, ein großer stämmiger Mann mit dunkelblondem Haar und Bart warf uns unwirsche Blicke zu, denn der Raum war auch ohne unsere Anwesenheit recht beengt. So beschloss ich, dass ich genug gesehen hatte. Also ließen wir das mechanische Herz des Schiffs mit seinem Stoßen und Schlagen hinter uns zurück und begaben uns wieder hinauf an Deck. Die frische Seeluft tat nach dem Aufenthalt in dem Glutofen wirklich gut. Diesen Gedanken hatte wohl nicht nur ich, sondern auch Halef und Haschim. Ich traf auf die beiden, wie sie an der Reling standen und die wütende See beobachteten.

„Gut, dass du den Weg an Deck eingeschlagen hast, Halef“, begrüßte ich meinen Freund. „Die frische Luft wird dir sicher guttun.“

„Ja, Sihdi, das dachte ich mir auch“, erwiderte er. „Zudem finde ich hier vielleicht etwas Zerstreuung und vergesse meine Pein. Haschims Tee hat mir zusätzlich Linderung gebracht.“

Das Unwetter tobte noch immer. Jedoch schien die Windstärke ein wenig nachgelassen zu haben. Dicke schwarze Wolken verdunkelten den Himmel. Schaumkronen bauschten sich auf den Wellenbergen. Ein feiner Regen verhinderte wie eine Milchglasscheibe die Sicht in die Ferne. Zudem war es ungewöhnlich dunkel, obwohl es um die Mittagszeit sein musste. Ab und zu zuckte ein Blitz aus den Wolkenbergen, die sich bedrohlich über uns türmten, und erhellte das Meer.

An der Reling lehnte neben uns einer der Seeleute und blickte zum Mast empor. Ich näherte mich ihm, um selbst Halt an dem umlaufenden Geländer zu finden.

„Eine Schande ist das“, grummelte der alte Seebär. Sein graues Haar wurde vom Wind zerzaust, ebenso der graue Bart. „Fast so, als würde man einem Adler die Flügel stutzen, nur damit er auf seinen starken Beinen ein Rennen gewinnen kann. Es ist gegen die Natur.“

Da ich der Einzige in seiner Nähe war, ging ich auf ein Gespräch ein, mag es auch zunächst ein Selbstgespräch gewesen sein.

„Von wem sprechen Sie?“, fragte ich neugierig.

Er nickte zum kahlen Mast hinüber. „Vom Segler.“ Ich blickte ihn wohl überrascht genug an, dass er fortfuhr: „Ein Segelschiff sollte seine Segel entfalten und sich vom Wind über das Meer tragen lassen und nicht von einer stampfenden Maschine.“

Diese Einstellung war sicher für einen alten Seebären nicht ungewöhnlich. Ich konnte ihn durchaus verstehen, auch wenn mich die Technik der Dampfmaschine faszinierte.

„Sehen Sie? Da!“ Der Seemann wies mit ausgestrecktem Arm über die Reling hinaus auf das Meer. „So sollte ein Segelschiff den Gewalten trotzen!“

Ich blickte in die angezeigte Richtung, konnte jedoch nichts erkennen. Dann zuckte erneut ein Blitz grell auf und erhellte die See. Da erblickte ich ein schnittiges Segelboot, eine Yacht mit schlankem Rumpf, fast schon ein Rennboot. An seinem Mast waren alle Segel gehisst. Mutig wie ein junges Fohlen stürmte das Boot durch die hohe Dünung. Schräg lag es im Wind. Die Segel gebauscht. Es war wahrhaftig ein schöner Anblick. Als ein Wellental den Blick zum Rumpf freigab, konnte ich den Schiffsnamen erkennen. Honorine du Fraysne de Viane las ich. Also schien der Eigner ein Franzose zu sein, mutmaßte ich. Captain MacLean, Haschim, Halef, ich und der alte Seebär blickten versonnen der flotten Yacht hinterher. Sie entfernte sich rasch von uns. Schließlich war sie verschwunden. Die hohen Wellen und die trübe Sicht hatte sie unseren Blicken entzogen.

Sechstes Kapitel
Ein blinder Passagier

Auf einmal erscholl ein fürchterliches Geschrei. Selbst durch den tosenden Sturm hindurch war es laut zu vernehmen. Aus der Tür zum Niedergang kam einer der Seeleute und zerrte eine weitere Person hinter sich her. Der Kapitän unseres Schiffs war sogleich zur Stelle und verlangte Meldung.

„Ich habe diesen blinden Passagier hier entdeckt, Lieutenant Commander Nelson“, berichtete der Mann.

Ich musste unweigerlich lächeln. Also hatte der kleine Apfeldieb von heute Nacht sein Versteck nicht sorgsam genug gewählt. Kapitän Nelson eilte mit wütender Miene zu der zappelnden und um sich schlagenden Gestalt, zog ihr die verhüllenden Tücher vom Kopf und ließ uns dadurch alle vor Schreck erstarren. Vor uns stand Djamila!

„Oh, das ist ein böses Omen. Sehr böse“, murmelte der alte Seebär neben mir. „Eine Frau an Bord. Wie sagt schon das alte Sprichwort? Frau an Bord, das Glück geht fort. Vielleicht beutelt uns deshalb auch dieser schlimme Sturm.“

Ich runzelte die Stirn. „Ach, das ist Aberglaube“, entgegnete ich.

„Was soll ich mit diesem blinden Passagier machen? Noch dazu ein Mädchen“, fragte der Kapitän laut in die Runde.

„Werft es über Bord!“, riefen einige der umstehenden Seeleute grimmig.

„Ja, ins Wasser mit ihr!“, brüllte jemand aus einer anderen Ecke.

Hier musste ich entschieden einschreiten. Zwar war ich beim Anblick Djamilas nicht erfreut gewesen, aber jetzt war die Situation nicht zu ändern und wir mussten mit ihr zurechtkommen. Umkehren konnten wir nicht und sie auch nirgends absetzen. Bevor also die Situation tatsächlich noch eskalierte, trat ich an die Seite von Djamila. Auch Halef und Haschim stellten sich sogleich schützend vor das Mädchen.

„Wir kennen diesen blinden Passagier“, gab ich dem Kapitän bekannt.

Er murmelte irgendetwas Unverständliches in seinen Bart. Dann verkündete er laut: „So werdet ihr diesen ungebetenen Gast unter eure Fittiche nehmen, Mister Kara Ben Nemsi. Ich möchte keinen Rockzipfel von ihr an Bord sehen, bis wir in Megalokastro eingelaufen sind.“

Mürrisch blickte er der Reihe nach in die Gesichter der umstehenden Männer. Dann blieben seine Augen an Captain Sean MacLean haften, der noch immer abseits an der Reling harrte. „Captain!“, brüllte der Kapitän gegen den Sturm an. „Sie tragen die Verantwortung!“ Mit dem ausgestreckten Zeigefinger wies er auf MacLean.

Dieser zuckte sichtlich zusammen und machte ein erstauntes Gesicht, kam dann jedoch zu uns herüber und stierte eine Weile betreten auf Djamila. „Gut, Lieutenant Commander Nelson. Es bleibt mir nichts anderes übrig. Das Mädchen wird von nun an zu meiner Truppe gehören, wie Sir Nemsi und seine Gefährten.“

Ich nickte ihm dankend zu. Aus dem Raunen der Seeleute konnte ich deren Unmut vernehmen. Also zogen wir vier uns mit Captain MacLean vorerst hurtig in unsere Kabine zurück.

„Vielen Dank, Captain, für Ihren Beistand.“

„Ich hatte keine andere Wahl, Sir Kara, schließlich konnte ich die junge Frau nicht als Haifischfutter über Bord gehen lassen. Aber sehr erfreut bin ich über die Situation nicht.“

„Ich auch nicht“, erwiderte ich und wandte mich mit verärgerter Miene Djamila zu. Das Mädchen, sonst so forsch und vorwitzig, zog den Kopf zwischen die Schultern. Es schien, als ob ihr der Ernst der Lage nun erst bewusst wurde.

„Djamila, was hast du dir dabei gedacht?“, donnerte ich los.

Das Mädchen schluckte. „Onkel Kara, ich wollte nur helfen“, gab sie kleinlaut zurück.

„Du hilfst uns aber nicht, wenn du dich auf ein fremdes Schiff schmuggelst“, warf Halef vorwurfsvoll ein. „Und was werden Hanneh und Amscha nun für Ängste ausstehen?“

Der Hauch eines Lächelns umspielte Djamilas Mund. „Ich habe ihnen einen Brief hinterlassen. Sie werden mich nicht suchen. Gewiss werden sie sich wie geplant auf den Weg nach Hause machen. Ich habe ihnen erklärt, dass ich es als meine Pflicht ansehe, bei der Rettung von Lord Lindsay mitzuhelfen und dass Onkel Kara und der liebe Halef gut auf mich aufpassen werden sowie auch Scheik Haschim – wie immer.“

So ein gerissenes Kind. Sie hatte alles wohlgeplant. Fast musste ich sie loben ob ihrer Weitsicht. Was ich natürlich nicht tat.

„Wie, um Allahs Willen, bist du von dem einen Schiff auf das andere gekommen?“ Halef hob die Hände beschwörend zur Kajütendecke hinauf.

„Mit dem Beiboot“, gab das Mädchen stolz zurück.

„Mit dem Beiboot? Das Boot wurde vor unserem Übersetzen für den Transport von Nahrungsmitteln verwendet. Du hattest gar keine Geleg…“ Mitten in meiner Rede hielt ich inne, denn es dämmerte mir, was die junge Frau getan hatte.

„Keine Gelegenheit?“, fragte sie auch sogleich recht frech. „Oh, es war die beste Gelegenheit. Wer achtet bei dem Hin- und Hergefahre schon darauf, ob ein Seemann, der einen Sack in den Laderaum schleppt, mit dem Boot wieder zum anderen Schiff zurückfährt?“ Verschmitzt zwinkerte sie uns zu.

„Wo hattest du nur deinen Verstand, Djamila?“, donnerte ich auf sie ein. „Ein Sturm zog auf. Was wäre gewesen, wenn das Boot gekentert wäre und niemand hätte dich erkannt? Du wärst ertrunken! Keiner hätte je erfahren, was mit dir geschehen ist. Das war unverantwortlich.“

Djamila wirkte mit einem Mal viel kleiner und wieder viel mädchenhafter.

„Es tut mir leid. Du hast Recht, Onkel Kara. Das war dumm von mir. Aber ich hatte keine Zeit, etwas zu planen oder viel darüber nachzudenken. Ich wusste, dass mir nur wenige Minuten blieben. Und da habe ich mich rasch mit ein paar Kleidungsstücken verkleidet und unter die Seeleute gemischt. Außerdem waren da doch die Delfine. Habt ihr die nicht gesehen? Sie haben stets die Schiffe umkreist.“

„Ja, wir sahen sie. Sie zogen direkt an unserem Boot vorbei“, gab ich zu.

„Nun“, fuhr das Mädchen fort, „ihr wisst doch, was man sagt. Delfine lassen keine Menschen ertrinken. Ich war also in Sicherheit.“

Ich schüttelte den Kopf über ihre Einfältigkeit. „Djamila, das ist nur eine Legende!“

„Nein, ist es nicht.“ Trotzig stampfte sie mit dem Fuß auf.

„Ich denke, wir sollten uns wieder beruhigen“, hörte ich plötzlich Haschims Stimme. „Einigen wir uns darauf, dass Djamila sehr unbedacht gehandelt hat. Aber es ist alles gut gegangen. Das Boot ist nicht gekentert und die Mannschaft hat sie nicht über Bord geworfen. Wir müssen nun wieder nach vorn schauen.“

Haschim hatte Recht. Alles Zetern nutzte uns nichts. Djamila würde nun, ob wir wollten oder nicht, Teil unseres Rettungstrupps sein.

Eine Frage konnte ich mir jedoch nicht verkneifen. „Dann hast du dir vergangene Nacht also etwas zu essen aus der Kombüse stibitzt?“

Djamila runzelte die Stirn. „Nein, ich hatte ein paar Kleinigkeiten bei mir und mich stets in dem kleinen Stauraum für das Tauwerk versteckt.“

Ich stutzte. Dass Djamila gute Verstecke an Bord eines Schiffs ausfindig machen konnte, war für die Tochter eines Piraten sicherlich nicht ungewöhnlich, aber ich fand es durchaus seltsam, dass sie nicht der Apfeldieb zu sein schien, für den ich sie im Nachhinein gehalten hatte. Entweder log das Mädchen uns an oder es war ein weiterer blinder Passagier an Bord. Ein Motiv, warum sie uns diesbezüglich beschwindeln sollte, konnte ich im Moment nicht erkennen.

Während wir diskutierten, hatte Haschim unsere Waffen und unser Gepäck von der vierten Koje genommen und anderweitig in der Kajüte verstaut. „Ich denke, dass die junge Frau diese Nacht gern in einem bequemeren Bett schlafen möchte als in einem Kabuff für Taue“, erklärte er freundlich.

„Sehr gern.“ Djamila lächelte und setzte sich mit einem Schwung auf das für sie bereitete Bett. Keck wippte sie mit den Beinen.

„Und von dort wirst du dich nicht mehr ohne meine Erlaubnis wegrühren“, befahl Halef.

„Aber lieber Halef …“, begann die junge Frau.

„Nichts lieber Halef! Wenn du nicht gehorchst, werde ich dich persönlich an die Haie verfüttern!“

Djamila warf trotzig den Kopf zurück. „So schnell werde ich kein Haifischfutter. Ich kann schwimmen wie ein Delfin.“

„Haie fressen Delfine gern“, erwiderte Captain MacLean mit leiser Stimme.

Djamila blickte ihn fassungslos an.

„Da nun alles geklärt scheint, werde ich versuchen an Deck die Wogen etwas zu glätten. Die Mannschaft ist sicher noch in Aufruhr wegen des weiblichen Passagiers. Ich hoffe, es wird mir besser gelingen, diese Wogen zu besänftigen, als die Wogen der aufgewühlten See zu begradigen. Denn das liegt leider außerhalb meiner Kompetenzen.“ MacLean lächelte verschmitzt, was ich ihm gar nicht zugetraut hatte, schlug die Hacken zusammen und entschwand aus der Kajütentür.

Kurze Zeit später klopfte es.

Djamila sprang vom Bett.

„Da hat der gute Captain wohl noch etwas vergessen“, kommentierte sie kichernd und öffnete die Tür.

Plötzlich ging alles sehr rasch. Ein kräftiger Arm griff nach dem Mädchen und zerrte es aus der Kajüte. Djamila schrie erschrocken auf. Da die Kabine so eng bemessen war, konnten wir drei Männer nicht gleichzeitig hinterherrennen. Ich war der Nächste an der Tür und stürmte hinaus. Doch die Entführer waren vorbereitet. Ein harter Gegenstand traf mich am Kopf und streckte mich nieder. Ich verlor zwar kurz die Kontrolle über meinen Körper, aber nicht die Besinnung. So registrierte ich, dass drei Seemänner in dem Korridor zu Gange waren. Einer verbarrikadierte unsere Tür, sodass Haschim und Halef eingeschlossen wurden, und die anderen zwei zogen die zappelnde und kreischende Djamila die Treppe hinauf. Meine Starre währte nur kurz, aber lange genug, dass die Männer Zeit hatten, sich aufs Deck abzusetzen. Als ich wieder in der Lage war, mich zu bewegen, sah ich die letzten Stiefel am oberen Treppenabsatz verschwinden. Mir blieb keine Zeit, meine zwei Freunde zu befreien. Ich musste Djamila retten. Was auch immer diese Leute vorhatten, es schien mir nichts Gutes zu sein. So eilte ich mit einem pochenden Schmerz im Kopf den Seeleuten hinterher. Oben angekommen erblickte ich Djamila wild mit den Armen um sich schlagend und mit den Beinen nach ihren Häschern tretend an der Reling. Ich sprintete auf sie zu. Doch ehe ich das Mädchen erreichte, erhielt ich erneut einen Stoß, der mich fast von den Füßen gerissen hätte. Während ich mein Schwanken ausbalancierte, sah ich, wie zwei der Seeleute Djamila an Armen und Beinen packten und sie in hohem Bogen über Bord warfen. Ein langer Schrei des Mädchens drang dabei zu mir herüber, der mit einem klatschenden Geräusch ein jähes Ende fand. Djamila war in der stürmischen See gelandet. Ich konnte kaum glauben, was da geschah. Erwachsene englische Soldaten fürchteten sich derart vor einem alten Sprichwort, dass sie ein Mädchen dem wütenden Meer übergaben? Wie irre begannen die drei Männer erfreute, fast erleichterte Rufe auszustoßen und herumzuhüpfen, als hätten sie einen bedrohlichen Feind besiegt. Andere Seeleute, die zunächst unbeteiligt waren, stimmten in das Freudengeheul ein. Den Tumult ausnutzend rannte ich gleichfalls zur Reling, stieß zwei der Seeleute beiseite, die sich mir in den Weg stellen wollten, und warf mich mit einem Hechtsprung über Bord. Das war sicher nicht ganz ungefährlich, weil ich nicht überblicken konnte, wo ich landen würde. Doch für genauere Vorbereitungen blieb angesichts der Lage keine Zeit.

Mit dem Kopf und den ausgestreckten Armen voran tauchte ich in das kalte, schäumende Wasser ein. Die Wellen schlugen über mir zusammen. Ich fühlte mich kurz benommen, da noch immer der Schmerz von dem Schlag in meinem Kopf hämmerte. Zunächst umfing mich Dunkelheit, denn war das Tageslicht durch das üble Wetter schon über der Wasseroberfläche trüb, so war es darunter noch finsterer. Ich wusste zunächst nicht mehr, wo oben oder unten war. Das Salzwasser brannte zudem in meinen Augen. Nach kurzer Zeit gewöhnten sie sich jedoch daran und ebenfalls an die Dunkelheit. So konnte ich bald meine Umgebung erkennen. Ein Blitz erhellte erneut die Wasseroberfläche und ich war in der Lage, mich ein wenig zu orientieren. Aufrecht und mit den Armen paddelnd drehte ich mich unter Wasser einmal im Kreis und suchte so nach Djamila. Da sah ich einen Schatten, der wild zappelte. Offensichtlich hatte das Mädchen die Wasseroberfläche wieder erreicht. Mit ausladenden Bewegungen schob ich mich vorwärts. Ich versuchte den Gedanken an die Gefahr, welche von den Blitzen ausging, auszublenden. Doch gelang es mir nicht so recht. Schließlich entluden sich gerade ungeheure Energiemengen über unser beider Köpfe. Zudem wusste ich, dass das Salzwasser um ein vielfaches besser leitete als Süßwasser. Dies konnte allerdings auch zu unserem Vorteil sein, weil die Ladung des Blitzes im Wasser dadurch schneller abtransportiert wurde – oder uns besser zugeleitet? Zur Gefahr eines tödlichen Stromschlags kam noch hinzu, dass das Wasser in der Umgebung der Einschlagstelle explosionsartig verdampfte und wir dabei bei lebendigem Leibe gekocht würden. Da ich jedoch keinerlei persönliche Erfahrung mit diesem Phänomen hatte, waren das nur Theorien, die mir da im Kopf herumschwirrten, während ich nach oben schwamm. Ich beeilte mich zusehends, zumal ich meine Theorien über die elektrischen Entladungen auf hoher See nicht in einem praktischen Versuch bestätigt wissen wollte. Obwohl ich ansonsten der wissenschaftlichen Beweisführung in besonderem Maße zugetan war, konnte sie mir hierbei gern gestohlen bleiben.

Je näher ich der Oberfläche kam, umso schwerer wurde der Kampf gegen die Gewalt der See. Denn dort oben tobte der Sturm und ließ erhebliche Wellenberge entstehen. Wieder zuckte ein Blitz. Bevor ich das Wasser durchstieß, um Atem zu schöpfen, erblickte ich in dem Licht weitere Schatten, die nun das Mädchen umkreisten.

Haie!, schoss es mir durch den Kopf. Sogleich zuckte meine Hand zum Gürtel und ergriff das Bowiemesser. Mit noch kraftvolleren Stößen bewegte ich mich nun vorwärts und tauchte unmittelbar neben Djamila in einem Wellental auf. Tief atmete ich ein, denn mein Körper gierte nach Sauerstoff. Dann sah ich mit Entsetzen eine Rückenflosse genau neben dem Mädchen auftauchen. Ich wollte nach Djamila greifen, doch das Tier war schneller. Es packte sie und zog sie von mir weg. Das schäumende Wasser behinderte mich in meinen Bewegungen. Ich war nicht in der Lage, mit dem Messer nach vorn zu schnellen, um dem Hai einen Stoß damit zu versetzen. Im Gegenteil. Eine gewaltige Welle rollte heran und hob mich empor. Djamila dagegen wurde von dem Raubtier unter Wasser gezogen. Nun konnte ich noch weitere Rückenflossen erkennen. Es war eine ganze Gruppe, welche hier am Werk war. Panik ergriff mich. Gegen diese Übermacht hatte ich keine Chance. Kurz wendete ich den Kopf in der Hoffnung, Hilfe vom Segeldampfer zu erhalten. Doch das Schiff war schon viel zu weit entfernt. Als mich das Meer wieder in ein Wellental sog, entschwand es gar völlig aus meinem Blickfeld. Auch Djamila war verschwunden. Verzweifelt wollte ich zum Tauchen ansetzen, um sie unter der Oberfläche zu suchen, als neben mir ein glänzender Leib auftauchte. Ich hob den Arm mit dem Messer empor, um es dem tödlichen Räuber in den Rumpf zu rammen. Ein zweiter Leib schob sich unter mich und verhinderte meine Attacke. Er hob mich ein Stück aus dem Wasser heraus. Reflexartig hielt ich mich an der Rückenflosse fest, die neben mir aus dem Wasser ragte. Und plötzlich zischte vor meinem Gesicht eine kleine Fontäne empor. Ich erstarrte.

Beinahe wäre ich in erleichtertes Lachen ausgebrochen. Es waren Delfine! Eine Gruppe großer grauer Tümmler hatte sich um mich versammelt und auf dem Rücken eines der Tiere lag Djamila. Sie hielt sich ebenfalls an der Rückenflosse fest und lächelte zu mir herüber. Nun, da die Anspannung von mir abfiel, bemerkte ich zudem meinen Irrtum. Im Gegensatz zu den eher dreieckigen und am Ende spitzen Rückenflossen des Hais waren diese hier leicht gebogen und rundlich zulaufend. Auch die Haut der Tiere war glatt und nicht von der rauen Struktur derer des Hais. Diese war mit winzigen Zähnchen besetzt und fast ebenso gefährlich wie sein messerscharfes Gebiss. Sie konnte einem Menschen im Kampf mit dem Untier schlimme Wunden reißen.

„Onkel Kara!“, hörte ich Djamila rufen. „Siehst du? Ich hatte Recht. Die Delfine beschützen mich.“

Das konnte ich mir zwar nicht erklären, aber auch nicht leugnen. Diese Tiere waren tatsächlich gerade im Begriff, uns das Leben zu retten. Djamilas Delfin schwamm nun parallel zu meinem und ich konnte das Strahlen in den Augen des Mädchens erkennen.

„Wie ist das möglich?“, fragte ich laut, aber mehr zu mir selbst.

„Als ich ins Wasser eintauchte, konnte ich nicht mehr schreien. Ich sank hinab, obwohl ich dagegen anzuschwimmen versuchte. Da sah ich vor meinem inneren Auge die Gruppe Delfine, die das Schiff vor Zypern umkreist hatte. Ich rief in Gedanken nach ihnen. Ich weiß nicht, aber anscheinend haben sie mich erhört. Denn plötzlich wurde ich nach oben gedrückt.“

„Ich kann das kaum glauben“, erwiderte ich.

„Aber du erlebst es doch gerade, Onkel Kara. Und du solltest dein Messer wegstecken, bevor du noch eines der schönen Tiere verletzt.“

Als wollten sie Djamilas Worte bestätigen, begannen einige der Meeressäuger laut zu schnattern. Ich steckte das Messer in die Scheide am Gürtel zurück. Mittlerweile waren wir auf den Wellen auf- und abgeritten und dadurch dem Dampfsegler wieder sehr nahe gekommen. Ich konnte Haschim, Halef, Captain Sean MacLean und den Kapitän an der Reling stehend erkennen. Sie hatten eine Strickleiter herabgelassen.

„Djamila, ergreif die Leiter!“, rief ich ihr zu. Der Delfin des Mädchens schwamm längsseits zum Schiffsrumpf exakt unter die heruntergelassene Strickleiter. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass er meine Worte verstanden hatte. Oder folgte er Djamilas Befehlen, die sie ihm unbewusst durch ihre Gedanken mitteilte? Es war unheimlich und faszinierend zugleich. Leider blieb mir keine Zeit dieses Phänomen näher zu studieren, denn Djamila hing schon an der Leiter und kletterte geschickt hinauf. Kaum war sie von Halef über das Geländer gezogen worden, schwang auch ich mich hinüber zu den Stricken und kletterte empor. Unter mir keckerten die Tümmler, als wollten sie uns Lebwohl sagen. Ich blickte hinab und beobachtete, wie sie einige wilde Sprünge taten und schließlich in den Fluten verschwanden.

Völlig durchnässt und durchgefroren erreichte ich schließlich das Deck. Captain MacLean erwartete mich mit einer Decke. Auch Djamila war schon in ein wärmendes Tuch gehüllt. Lieutenant Commander Nelson blickte mich mit entschuldigender Miene an.

„Es tut mir sehr leid, Mister Kara Ben Nemsi, dass die Situation derart eskaliert ist. Natürlich kann ich als Seemann die Befürchtungen meiner Mannschaft verstehen, doch diese Ängste dürfen nicht in einen Mordanschlag an einer jungen Frau ausarten.“

„Mmm“, grummelte ich, innerlich noch äußerst wütend. Doch wollte ich den Konflikt nicht erneut anheizen. Also antwortete ich in sachlichem Tonfall: „Nun, dann danken wir Ihnen für die Rettung.“

„Oh, danken Sie lieber Captain MacLean. Er musste auch mich erst mit schlagkräftigen Argumenten überzeugen.“

Als ich meinen Blick zwischen dem Captain und dem Kapitän hin- und herwandern ließ, wurde mir bewusst, dass der Kapitän das durchaus wörtlich meinte. Ich bemerkte eine kleine Platzwunde an seinem Kinn und eine ähnliche Wunde am linken Jochbein des Captains. Ich war durchaus erstaunt über den jungen Mann. Tatsächlich hatte der Captain es geschafft, gegen den Aberglauben der Mannschaft anzukämpfen und sogar zu gewinnen. Und dies im wörtlichen Sinn. Ich bemerkte nun, dass die drei Verschwörer mit gefesselten Händen auf den Planken des Decks hockten, bewacht von ihren bewaffneten Kameraden.

„Ich habe beschlossen“, erklärte der Kapitän laut, „nach Ablieferung unserer Passagiere auf Kreta, diese drei wegen Meuterei und versuchten Mordes unserem Militärstützpunkt auf Malta zuzuführen. Dort werden sie sich vor einem Militärgericht verantworten müssen und sicherlich hingerichtet werden. Wir sind doch hier keine Piratenbande, sondern die Britische Navy!“

Das Entsetzen über diese Ankündigung war nicht nur in den Gesichtern der Delinquenten abzulesen, sondern bei allen Umstehenden. Leises Wimmern und Flehen um Gnade war durch das Brausen des Sturms zu vernehmen. Und obwohl das Verhalten dieser Männer Djamila und mich fast das Leben gekostet hatte, rührte es mich. Doch war ich mir auch bewusst, dass Mitleid hier fehl am Platz war. Denn wie der Kapitän schon sagte, hatten diese Männer versucht, Djamila umzubringen.

Plötzlich erhob sich einer der Gefangenen. Er war ungefähr in meinem Alter mit dunkelblondem Haar und Bart. Sein zerrissenes Hemd überspannte einen muskulösen Oberkörper. Ein wahrer Seemann. Ich erkannte in ihm den Mann, der Djamila an den Beinen gepackt und über Bord geworfen hatte. Und ich erkannte den Maschinisten der Dampfmaschine wieder. Mit versteinerter Miene blickte er den Lieutenant Commander an.

„Ich möchte um Gnade für meine Kameraden bitten. Ich allein trage die Schuld und die Verantwortung für den Vorfall“, erklärte er mit fester Stimme.

Der Kapitän blickte den Mann eine Weile an. Dann antwortete er: „Mackenzie, es ehrt Sie, dass Sie sich für Ihre Verbündeten einsetzen. Doch das liegt nicht mehr in meinem Verantwortungsbereich. Das wird ein Gericht klären.“ Mackenzie senkte resigniert den Blick. Der Kapitän rief nach dem Schiffsschmied. „Legt die drei in Eisen“, befahl er, „und sperrt sie in die Arrestzelle!“

Der Schiffsschmied eilte mit Ketten herbei und legte sie den Gefangenen an Händen und Füßen an. Mit lauten Schlägen hämmerte er Bolzen in die Ringe. Dann wurden die Meuterer Richtung des Niedergangs abgeführt. Ihre Schritte waren nun schwer von den Fußeisen. Plötzlich löste sich Mackenzie aus der Reihe. So schnell es seine gefesselten Füße erlaubten, schleppte er sich Richtung Reling. Sofort richteten einige der Seeleute, welche die Gefangenen abführen sollten, ihre Gewehre auf ihn.

„Was ist? Hat euch der Mut verlassen? Schießt doch! Ich habe nichts zu verlieren!“, brüllte der Maschinist. „Lieber will ich auf See sterben, als zur Schande meiner Familie gehängt werden.“ Damit ließ er sich rückwärts über die Reling kippen. Sofort rannten ich, der Captain und auch der Kapitän hinüber. Wir erblickten Mackenzie nur noch für einen kurzen Moment an der Oberfläche, als wir die Reling erreicht hatten. Er sah zu uns hoch mit einem Gesichtsausdruck, als wolle er sich verabschieden. Dann hatte die schäumende Gischt ihn verschluckt. Captain MacLean machte Anstalten hinter Mackenzie herzuspringen, doch hielt ich ihn zurück. „Tun Sie das nicht! Das würde Ihren sicheren Tod bedeuten. Der Mann ist verloren. Das Eisen zieht ihn unaufhaltsam nach unten.“ Ich spürte, wie der Captain neben mir in sich zusammensackte. Seine Hände krallten sich an der Reling fest und sein Blick war auf die tobende See unter dem Schiff gerichtet.

„Was bedeutet Ihnen der Mann?“, fragte ich neugierig.

„Eigentlich nichts“, erwiderte MacLean. „Doch sein Bruder wartet auf uns auf Kreta. Er ist mein Corporal.“

Bedauernd legte ich dem Captain eine Hand auf die Schulter.

„So hat denn eine höhere Macht über Mackenzie gerichtet“, gab der Kapitän von sich. „Ich werde seine Aussage ins Logbuch eintragen, dass er jede Schuld auf sich nahm. Vielleicht wird das seine Verbündeten vor dem Strick retten. Aber eine unehrenhafte Entlassung aus dem Militärdienst wird es dennoch nach sich ziehen.“ Dann wandte er sich an mich. „Sie und die junge Dame sollten sich etwas Trockenes anziehen, Mister Nemsi.“ Er blickte mich mit finsterer Miene an. Mir war klar, dass er uns die Schuld an dem Vorfall gab. Doch gegen Angst und Aberglaube war eben noch kein Kraut gewachsen. Sie veranlassten die Menschen schon seit jeher zu irrationalem Handeln. Man denke nur an die Hexenverfolgungen im Mittelalter.

Zum Abendessen war es Djamila erlaubt, mit in die Messe zu kommen. Keiner wagte das Thema des Mordversuchs oder des Selbstmords anzusprechen. Das war mir recht, denn ich befürchtete, dass sich Djamila an dem Geschehen schuldig fühlen könnte. Doch vielleicht schätzte ich da die Tochter von Abu Seif auch falsch ein. Wahrscheinlich war sie derlei Dinge aus ihrem Leben auf dem Piratenschiff gewohnt. Diese Leute gingen gewiss nicht zimperlicher mit Befehlsverweigerern oder Feinden um und hatten sicher noch viel grausamere Strafen in ihrem Repertoire.

Selbst nach dem Essen durfte das Mädchen mit uns an Deck frische Luft schnappen. Die Mannschaft beachtete sie nicht. Im Moment konnte man sie durch ihre ungewöhnliche Seemannskluft auch fast für einen jungen Burschen halten. Ganz wohl war mir trotzdem nicht. Denn ich konnte mir vorstellen, dass der überwiegende Teil der Besatzung ihr die Schuld am Tod von Mackenzie und der bevorstehenden Bestrafung der anderen zwei Männer gab. Halef dagegen ging es bedeutend besser. Entweder hatte Haschims Tee vorzüglich gewirkt oder die Aufregung um Djamila hatte ihn von seiner Seekrankheit geheilt.

Der Wind pfiff uns immer noch ordentlich um die Ohren, jedoch hatte es aufgehört zu regnen. Trocken blieben wir trotzdem nicht. Die Gischt spritzte bis auf das Schiffsdeck und besprühte uns mit feinsten Wassertropfen. Jedwedes Zeugnis der heutigen Geschehnisse war verschwunden. Die Männer, die wir an Deck sahen, gingen stumm ihrer Arbeit nach.

An der Reling trafen wir auf den alten Seebären. Der grauhaarige Seemann schlurfte mittschiffs zum Schornstein und setzte sich dort auf eine Kiste. Er schüttelte missmutig den Kopf. Djamila ging forsch zu ihm hin.

„Habt Ihr Angst, dass der Klabautermann Euch holt, weil eine Frau an Bord ist?“, hörte ich sie durch das Brausen des Sturms hindurch fragen.

„Nicht der Klabautermann. Aber dort draußen gibt es manch andere gefährliche Ungeheuer“, antwortete der Alte auf Arabisch.

Ich war erstaunt. Djamila schien es gar nicht zu wundern, dass ein britischer Soldat ihrer Sprache mächtig war.

„Wirklich?“ Das Mädchen setzte sich neben ihn auf die Kiste und blickte den Seemann erwartungsvoll an. Ungewollt lauschte ich dem Gespräch.

„Erzählt mir davon. Ich mag zwar ein Mädchen sein, doch bin ich schon oft zur See gefahren. Mein Vater war … auch Seemann.“

„Oh, dann seid Ihr womöglich nicht so gefährlich wie alle annehmen und diese ganze Aktion heute war furchtbar dumm und überflüssig.“ Er grinste Djamila an und entblößte zwei gelbe Zahnreihen mit einigen Lücken darin. „Also seid Ihr eine erfahrene Seefrau?“

Djamila lachte. „Ja, so könnte man sagen. Nun erzählt mir von den Ungeheuern.“

Ich bemerkte, wie auch Halef sich zu dem Seebären gesellte. Er stand neben dem Mädchen und lauschte gespannt den Worten des Alten.

„Hier in diesen Gewässern gibt es zahlreiche Ungeheuer. Manche mögen Legende sein, andere Wirklichkeit. Wer kann das schon sagen? Die, die es berichten könnten, liegen längst auf dem Grund des Meeres oder im Schlund des Ungeheuers. Es wird von zahlreichen unheimlichen Vorfällen berichtet. Schon oft sind Schiffe hier spurlos verschwunden, mit Mann und Maus untergegangen.“

Ich blickte Haschim an. Sein Blick sagte mir, dass auch er die Geschichten des Seemanns interessant fand. So schlenderten wir wie zufällig hinüber und lauschten dem Seemannsgarn, welches ich zwar nicht für bare Münze nahm, doch konnte es vielleicht auch ein Fünkchen Wahrheit enthalten und uns mehr über die Aktivitäten der britischen Marine in diesen Gewässern verraten. Dem Alten schien unsere Gesellschaft zu gefallen. Mit dramatischer Miene spann er seine Geschichten. Inzwischen war die Wolkendecke mancherorts aufgerissen und der zunehmende Mond lugte hin und wieder daraus hervor. Sein silberner Schein ließ geheimnisvolle Lichter auf der See tanzen und tiefe Schattentäler entstehen.

„Eins der Ungeheuer taucht immer wieder in den Erzählungen auf“, berichtete der Seemann weiter. Seine Stimme hatte einen tiefen raunenden Ton angenommen. „Es ist ein riesiges Meeresgeschöpf, welches unser Schiff um einiges an Länge übertrifft. Mit blankem Leib wie ein Delfin und einem gewaltigen Horn wie ein Einhorn oder Narwal schlitzt es die Rümpfe der Segler und Dampfer auf, die unglücklich seinen Weg kreuzen. Es versenkt sie mit einem einzigen Stoß seines Horns.“

Er machte eine dramatische Pause und blickte versonnen auf die aufgewühlte See hinaus.

„Ich selbst habe es schon einmal zu Gesicht bekommen“, berichtete er weiter mit rauer Stimme und einem seltsamen Glanz in den Augen. „Damals wollten wir die Straße von Gibraltar durchqueren, als sich vor uns eine gewaltige Bugwelle aufbäumte, die nicht von unserem Schiff stammte. Ein glatter glänzender Rumpf durchschnitt das Wasser. Es war fast so, als sei das Ungeheuer unter uns hindurchgetaucht, um vor uns die Meeresenge passieren zu können. So schnell wie es erschien, verschwand es auch wieder. Noch Stunden später suchten wir angsterfüllt mit den Augen das Meer ab, mit der Befürchtung, den plötzlichen Todesstoß zu erhalten.“

Halef hing gebannt an seinen Lippen. Natürlich glaubte ich die Geschichte nicht, sondern hielt sie für Flunkerei. Mein Gefährte dagegen war von dem Bericht deutlich beeindruckt. Auch Haschim und Djamila wirkten äußerst gefesselt von der Erzählung.

„Auch ich habe schon von derartigen Vorfällen hier im Mittelmeer gehört. Die Pi … äh Seeleute meines Vaters haben ebenfalls von diesem Seeungetüm erzählt, welches Schiffe mit seinem Horn versenkt“, gab Djamila zum Besten.

„Na gut“, erhob ich meine Stimme, „ich denke, es wird Zeit, dass wir uns in unsere Kajüte zurückziehen, bevor uns das Ungeheuer verschlingt. Morgen wird ein anstrengender Tag, Djamila.“

Das Mädchen blickte mich enttäuscht an.

„Geh schon vor. Wir kommen gleich nach“, forderte ich sie auf.

„Ich werde dich begleiten“, erbot sich Haschim.

Als die zwei in der Tür zum Niedergang verschwunden waren, fragte der Alte: „Befürchtet Ihr, dass das Kind Alpträume bekommt?“

„Nein, sie ist mit allen Wassern gewaschen. Das eher nicht. Aber trotzdem ist es nicht ratsam, sich in solche Spinnereien hineinzusteigern. Ich befürchte eher, dass jedes kleine Missgeschick, was sich an Bord zuträgt, dem Mädchen angelastet werden könnte und der Konflikt von Neuem aufflammt.“

Der Seebär zuckte mit den Schultern. „Ein liebes Kind, in der Tat. Doch Frau an Bord und das Glück ist fort.“, raunte er. „Ihr habt die Auswirkung selbst gesehen. Kaum hatte sich das Mädchen an Bord geschlichen, haben die Elemente wütend aufbegehrt. Oder glaubt ihr, dass das Unwetter uns zufällig heimsuchte? Und dann dieser Selbstmord des Maschinisten.“ Er schüttelte missmutig den Kopf.

Ich blieb ihm die Antwort auf seine Frage schuldig, denn ich verspürte wenig Lust, mit ihm über Meteorologie zu diskutieren, über Hochdruck und Tiefdruck und die daraus resultierenden Luftverwirbelungen in der Atmosphäre. Auch die Sache mit Mackenzie wollte ich nicht weiter vertiefen. Halef und ich verabschiedeten uns deshalb mit einigen freundlichen Floskeln von ihm und traten an die Reling.

„Glaubst du, es ist Unfug, was er erzählt?“, fragte mein Freund und blickte mich erwartungsvoll an.

„Du meinst das Seeungeheuer? Jede Legende hat einen wahren Kern. Vielleicht sind es Untiefen, an denen die verschollenen Schiffe ihren Tribut gezahlt haben. Ich weiß es nicht. Doch ein gigantisches Ungeheuer mit gewaltigem Horn scheint mir eher ins Reich der Märchen zu gehören denn in die Gefilde des Mittelmeers.“

Plötzlich durchzuckte ein Ruck das Schiff begleitet von einem lauten Krachen.

„Siehst du, Sihdi!“, rief Halef entsetzt und krallte sich am Geländer fest. Gischt spritzte in hohem Bogen am Bug empor.

Ich lachte. „Nur eine Welle Halef. Eine große Welle, die den Rumpf ungünstig getroffen hat.“

Halef schüttelte ungläubig den Kopf und richtete den Blick auf die wütende See. Ich dagegen blickte in den Himmel. Der Wind spielte mit den Wolken und formte sie nach Gutdünken um, verwandelte sie in Drachen, Schlangen und Ungeheuer. Eine dicke Wolke riss auf und gab den Mond frei.

„Da! Siehst du die Bugwelle, Sihdi?“ Halef zeigte mit ausgestrecktem Arm zwischen die Wellenberge.

Ich blickte in die Richtung und suchte das Meer ab, doch erspähte ich nichts dergleichen. Der Mond zog sich zurück hinter seinen Vorhang. Dunkelheit breitete sich aus. Nur die bleichen Gischtkronen der heranrollenden Wogen glänzten matt. Dazwischen tanzten Schatten, die nun auch mir allerlei Fabelwesen vorzugaukeln versuchten. Doch mein klarer Verstand konnte noch immer zwischen Traum und Realität unterscheiden. Der glänzende Leib eines Delfins tauchte kurz auf und verschwand wieder.

„Da war es! Das Ungeheuer!“, rief Halef entsetzt.

„Es war nur ein Tümmler, Halef“, versuchte ich, ihn zu beruhigen.

„Den habe ich auch gesehen. Weiter hinten, zwischen den Wogen jedoch sah ich den Rumpf des Ungetüms glänzen.“

Ich schüttelte ungläubig den Kopf und kniff die Augen zusammen, um besser in der Dunkelheit sehen zu können.

„Es umkreist uns. Es will uns vielleicht ausspionieren und wartet auf den richtigen Moment“, flüsterte mein Freund, als gelte es, das Gesagte vor anderen Ohren zu verbergen.

Ich spähte weiter hinaus auf das Meer und konnte doch nicht sehen, was er meinte, gesehen zu haben. Da war nichts. Nichts, das ich als unheimliches Seeungetüm identifizieren konnte. Und doch wusste ich, dass Halef nicht zur Hysterie neigte. Er mochte an mancherlei unerklärliche Dinge glauben, hatte dabei doch auch immer einen scharfen Verstand bewiesen. Gänzlich als Halluzination mochte ich seine Sichtung daher nicht abtun. An ein Ungeheuer konnte ich jedoch auch nicht glauben. So begab ich mich mit zwiespältigen Gefühlen und einem aufgewühlten Halef im Schlepptau zurück in unsere Kajüte.

Siebtes Kapitel
Das Haus des Minos

Im Laufe des nächsten Tages glätteten sich die Wogen, sowohl auf der See als auch an Bord in den Gemütern der Mannschaft. Djamila schien ihren Schrecken für die Seeleute verloren zu haben und flanierte an Deck herum, ohne dass sich jemand öffentlich an ihrem Anblick störte. Das mag wohl auch daran gelegen haben, dass sich die düsteren Wolken in kleine weiße Schäfchen aufgeteilt hatten und dazwischen ein blauer Himmel freundlich auf uns herableuchtete.

Wir passierten Kasos auf der Südseite und fuhren hinein in das karpatische Meer. Die Insel war die südlichste der Südlichen Sporaden. Der kahle Gipfel des Prions erwuchs um die sechshundert Meter daraus hervor. Wenig später erreichten wir das kretische Meer, jenes Becken, welches sich zwischen Kreta und der Inselgruppe der Kykladen erstreckt. Im Süden erspähten wir nun die Nordküste Kretas. Zunächst stieg sie flach aus der See und erhob sich zur Mitte der langgestreckten Insel in etliche hohe Gebirgszüge. Buchten mit weißen Sandstränden wechselten sich mit felsigen Abhängen ab. Vorgelagerte Eilande, auf deren Felsen Seevögel nisteten, boten sich unseren Blicken.

Halef beobachtete noch immer angestrengt die Wasseroberfläche. Ich amüsierte mich ein wenig in meinem Innern darüber, denn ich konnte nicht recht an das unheimliche schiffeversenkende Ungeheuer glauben.

Am späten Nachmittag langten wir im Hafen von Kandiye an. Zu venezianischer Zeit wurde die Stadt Candia genannt. Seitdem trug sie viele Namen und unter der osmanischen Herrschaft hatte sich Kandiye eingebürgert. Der griechische Bevölkerungsanteil nannte sie dagegen Megalokastro – große Festung. Das war durchaus zu verstehen, wenn man in den Hafen dieser Stadt einfuhr. Das Hafenbecken war durch eine langgezogene Mole vor dem Meer geschützt. Mole war allerdings ein falsches Wort, denn es erstreckten sich die Mauern einer Festungsanlage auf der Meerseite. Die Durchfahrt war spektakulär. Das Schiff hatte zwar tagsüber die Segel voll gesetzt gehabt, doch nun zur Einfahrt in den Hafen wieder gerefft. Mit seinem Dampfantrieb manövrierte es geschickt durch den steinernen Durchlass ins geschützte Becken. Die sandsteinfarbenen Mauern der Festungen säumten das Hafenbecken und die Einfahrt. Links erhob sich ein kleineres Fort und rechts, zum Meer hin, die große Wehranlage. Darauf prangte ein weißer schlanker Leuchtturm ähnlich dem Minarett einer Moschee.

„Das ist die Kleine Koules“, erklärte Captain Sean MacLean und wies zu der bescheideneren Anlage links hinüber. „Und das dort ist die Große Koules oder auch Rocca al Mare genannt – Festung des Meeres.“ Dabei zeigte er nach rechts.

Die Rocca al Mare war ein von Zinnen bewehrtes Bollwerk. Ich betrachtete es versonnen. Es war fast, als könne Halef meine Gedanken lesen, denn er stand neben mir an der Reling und murmelte verdrießlich: „Diese Zinnen wirken wie eine Reihe Zähne eines gewaltigen Seeungeheuers.“

„Dann wollen wir hoffen, dass wir nicht in dessen Bauch landen“, entgegnete ich. Dies war durchaus wörtlich gemeint, denn in der Festung befand sich eine türkische Garnison und im Untergeschoss sowohl Gefängnis als auch Folterkammern, in denen so mancher kretische Revolutionär seinen Tod fand, der gegen die osmanische Herrschaft aufbegehrt hatte.

Kaum hatten wir die Durchfahrt passiert, eröffnete sich der Blick auf einen großen mit Schiffen vollbesetzten Hafen und auf das Häusermeer der Stadt. Wie aus einem Guss erschienen mir die Wohnhäuser, die Hafenburganlage und Befestigungswälle. Und dieses Meer aus Sandsteinmauern zog sich in die Ebene hinein und den Hang hinauf zu einem Hochplateau. Dahinter erhoben sich die gewaltigen Gipfel eines Gebirges.

Unser Schiff manövrierte zwischen Dreimastern, Dampfschiffen und Fischerbooten hindurch. Masten reckten sich wie ein Wald aus schlanken Bäumen. Fahnen wehten im Wind. Eine besonders große rote Flagge flatterte über den Mauern der Rocca al Mare. Sie war mit Halbmond und fünfstrahligem Stern gezeichnet, dem Symbol des Osmanischen Reichs.

„Captain MacLean“, begann ich und blickte weiterhin zu der Flagge empor, „wie ist es möglich, dass Sie mit einem Schiff der Royal Navy so unbehelligt in den Hafen der Türken einfahren können?“

MacLean räusperte sich. „Wie ich ja schon sagte, ist unser Anliegen rein wissenschaftlicher Natur.“

„Mmm“, murmelte ich zweifelnd. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese schlichte Aussage den Autoritäten dieser Insel genügt hatte.

„Außerdem, Sir Kara, gibt es nicht nur einen Mister Smythe. Irgendwer hat irgendetwas ausgehandelt. Ich frage nicht danach. Ich erfülle nur meinen Auftrag.“

Ich nickte. Was sollte ich auch zu diesen politischen Ränkespielen sagen?

Die Dampfmaschine nahm die Fahrt spürbar zurück. Abseits der vor Anker liegenden Handelsschiffe machte unser Segeldampfer an einem Kai fest. Die Mannschaft war sehr geschäftig an Bord zugange. Captain Sean MacLean, meine Freunde und ich standen mit unserem Gepäck an der Reling und beobachteten das Treiben. Der Kapitän trat zu uns heran.

„Ich wünsche Ihrer Unternehmung viel Glück“, sagte er.

„Danke“, antwortete Captain MacLean. „Das werden wir brauchen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir die Verschollenen bald aufspüren werden. Sir Kara und seine Freunde sind eine außerordentliche Unterstützung.“

Der Lieutenant Commander nahm militärische Haltung an. Dann gab er einem seiner Seemänner einen Wink und das Fallreep wurde herabgelassen. Zu fünft verließen wir das Schiff.

Im Hafen von Megalokastro ging es geschäftig zu. Güter wurden von Schiffen geladen, Fässer gerollt, Kisten geschleppt. Gern hätte ich mich hier umgesehen, doch der Captain drängte eilig weiter. Am Ende des Hafenbeckens erblickte ich zwei britische Soldaten zu Pferde. Sie hielten mehrere Tiere an den Zügeln. Ich war mir sicher, dass sie auf uns warteten. Doch zählte ich nur vier unbemannte Reittiere.

Als hätte der Captain meine Gedanken gelesen, sagte er: „Es tut mir leid, doch die junge Frau war nicht eingeplant. Ich werde versuchen ein weiteres Pferd zu organisieren, Sir Nemsi.“

Als wir die zwei Soldaten erreichten, stiegen diese ab und grüßten den Captain.

„Corporal Mackenzie, wir benötigen ein weiteres Pferd“, kommandierte MacLean. Ich war erstaunt, denn auf Zypern hatte ich ihn eher als verschüchterten Jungen kennengelernt – auf dem britischen Dampfschiff als mutigen und schlagfertigen Gefährten. Und nun zeigte er, dass er zudem Führungsqualitäten aufwies.

Der Corporal schwang sich auf seinen Rappen und trabte davon. Ich blickte ihm mit einem leicht mulmigen Gefühl hinterher, wusste ich doch, dass er der Bruder des Meuterers war, der sich selbst gerichtet hatte.

Captain MacLean stand etwas abseits mit dem verbliebenen Soldaten und schien sich mit ihm auszutauschen. Haschim und Djamila setzten sich derweil in den Schatten einer Mauer. Ich trat näher an das Hafenbecken heran und blickte ins Wasser. Es war glasklar. Ein Schwarm kleiner Fische huschte unter mir vorbei. Plötzlich fiel ein Schatten auf das Wasser. Ich drehte mich um. Es war Halef.

„Es tut mir leid, dass Djamila so ungehorsam war“, murmelte er.

Ich lächelte ihn versöhnlich an. „Du kannst nichts dafür. Sie ist, wie sie ist. Auch wenn ich nicht darüber erfreut war, so müssen wir uns nun damit abfinden.“

„Ja, Sihdi. Nichtsdestotrotz gehört sie zu meiner Familie und ich trage deshalb die Verantwortung.“

„Du kannst sie nun mal nicht festbinden. Und wer weiß, wozu es gut ist, dass sie dabei ist. Sie hat uns schon aus mancherlei brenzliger Situation geholfen.“

Halef grinste wohlwissend. Ich blickte hinauf zu der Festung, welche den Hafen überragte. Überall war der venezianische Einfluss zu spüren. Die Geschichte der Insel war vielfältig und nicht immer idyllisch. Die Kreter waren ein patriotisches Volk und ließen sich von niemandem in die Knie zwingen, weder von den Osmanen noch von den Briten. Deshalb war hier fast jeder Stein von historischer Bedeutung oder Mahnmal an den Widerstand gegen Belagerung und Eroberung.

Während ich die Stadt betrachtete und über ihre Geschichte grübelte, wanderte mein Blick zurück zu dem britischen Segeldampfer, der uns hierhergebracht hatte. Und ich traute meinen Augen nicht. Während die Mannschaft damit beschäftigt war, einige Lebensmittel an Bord zu befördern und das Schiff wieder klar zum Auslaufen zu machen, ließ sich ein junger Kerl durch ein Bullauge herab ins Wasser plumpsen. Behände schwamm er zur Kaimauer. Dort warteten hinter einem Stapel Ballen und Kisten zwei Männer auf ihn. Einer war genauso schwarz gekleidet wie der kleine Dieb – denn genau dieser war es: Der Junge, der nun von den Männern, unbeobachtet von den Hafenarbeitern und Seeleuten, aus dem Wasser gezogen wurde, war unser kleiner Dieb aus Kyrenia. Ich rieb mir erstaunt die Augen. Wollten mir die Schatten, welche die tiefstehende Sonne erzeugte, etwas vorgaukeln? Hatte meine Phantasie überhandgenommen, durch die phantastischen Erzählungen des alten Seebären und das ungewöhnliche Verhalten der Delfine? Nein, ich sah ganz deutlich, dass es derselbe Junge war, der Halef sein Päckchen mit dem Goldenen Vlies entrissen hatte. Wie konnte das sein? Ich mutmaßte, dass er sich in Kyrenia an Bord geschlichen haben musste, als Captain MacLean an Bord des Schiffs ging. Aber warum? Antworten zu diesen Fragen konnte ich im Moment nicht erlangen. Doch einer Sache war ich mir sicher: Er war neben Djamila der zweite blinde Passagier an Bord gewesen, jener, der mir in der Kombüse entwischte. Ich stieß Halef leicht mit dem Ellbogen in die Seite. Erschrocken blickte er auf. Mit dem Kopf nickte ich zu den Männern und dem Jungen hin. Tropfnass bestieg dieser ein schwarzes Pferd. Die drei Reiter preschten vom Hafen weg zwischen die Häuser, nach Süden, Richtung Gebirge.

„Sihdi, da hol mich …“, entwich es Halef. „Das war doch der kleine Wicht aus Kyrenia.“

„Ja“, stimmte ich ihm zu. „Ich bin mir sicher, dass er es war. Die Frage ist, ob dies ein Zufall ist und er nur eine günstige Passage von Zypern nach Kreta gesucht hat, oder ob das etwas mit unserer Mission zu tun hat.“

„An so viel Zufall mag ich nicht glauben“, erwiderte Halef.

„Ich auch nicht, mein Freund. Das heißt, wir müssen die Augen offen halten.“

„Sollten wir dem Captain davon berichten, Sihdi?“

Ich überlegte. Was könnten wir dem Captain berichten? Ein Dieb und ein blinder Passagier, noch dazu von so jungen Jahren, stellte für das britische Militär sicher keine Gefahr dar. Die Männer, mit denen er fortritt, konnten natürlich etwas im Schilde führen. Aber Beweise hatten wir nicht und deshalb hielt ich es für besser, vorerst nichts zu sagen.

„Ich denke, wir sollten erst einmal die Augen offen halten. Doch momentan sehe ich keinen Grund, den Captain einzuweihen.“

Halef nickte mir verschwörerisch zu.

In diesem Moment tauchte der Corporal mit einem weiteren Pferd auf.

„Nun kann es weitergehen“, rief uns MacLean zu.

Wir verteilten die Pferde und befestigten unser Gepäck an den Sätteln. Abseits der Hauptstraßen führte uns der Corporal durch enge Gassen. Die Hufe der Tiere klapperten laut auf dem Kopfsteinpflaster. Die verstohlenen Blicke der Einheimischen wirkten wenig einladend. Offenbar waren die Briten keine gern gesehenen Gäste. Was sie von unserer bunten Schar halten mochten, malte ich mir nicht weiter aus. Bestimmt waren wir eine auffällige Gesellschaft. Doch der Corporal kannte sich hier anscheinend gut aus, denn wir ließen die Häuser rasch hinter uns. Ein schmaler Eselspfad wandte sich vom Meer weg eine Anhöhe hinauf Richtung Süden. Im Westen begann die Sonne den Himmel rot zu färben. Ein paar wenige schmale Wolkenbänder unterstützten das prächtige Farbenspiel. Am Wegesrand stand eine Herde Ziegen. Auffällig waren die besonders langen Hörner. Der Hirte dieser Tiere trat beiseite und scheuchte mit seinem Stock auch seine Ziegen von dem schmalen Pfad. Er ließ uns passieren, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Als der Weg breiter wurde, da er sich fast im dürren Gras einer Ebene verlor, setzte Captain MacLean sein Pferd neben meines.

„Sir Nemsi, es ist nicht mehr weit. Wir werden bald das Haus des Minos Kalokairinos erreichen. Dort haben die verbliebenen drei Männer meines Trupps für die Nacht unser Lager aufgeschlagen und morgen früh, wenn die Sonne aufgegangen ist, können wir uns dort umsehen. Vielleicht finden wir Hinweise und Spuren, die uns weiterhelfen, Sir David Lindsay und seinen Freund zu finden.“

Ich räusperte mich. „Warum diese Spurensuche? Ich verstehe nicht, Captain MacLean. Sie wissen doch, wo der Lord hinabgestiegen ist. Schließlich tat er es in ihrem Auftrag.“

Der Captain tätschelte seinem Pferd den Hals. Es war schon so dunkel geworden, dass ich sein Gesicht nicht mehr so genau erkennen konnte. Aber er schien verlegen zu sein.

„Mister Smythe ist überaus talentiert in der Manipulation von Menschen.“

„Ach“, entfuhr es mir, „es scheint so. Also, heraus mit der Sprache! Was sollte ich noch wissen?“

Der Captain wartete geraume Zeit mit seiner Antwort, als formuliere er sie in Gedanken vor. „Der Lord und sein Freund sollten zwar die Höhlen für uns kartografieren“, gab er jetzt zu, „doch den Eingang, den sie benutzten, hielten sie geheim. Sie hatten wohl eine Karte gefunden, die ihnen den Eingang zum großen Labyrinth offenbarte. Das wollte der Lord eigenhändig erkunden und – ich nehme an – die Entdeckung beim Travellers Club für sich geltend machen.“

„Und nun hoffen Sie, dass diese Karte in Kalokairinos’ Haus zu finden sei?“

„Ich weiß es nicht. Aber ja, Sir Kara, ich hoffe es.“

„Der Lord hat sie womöglich bei sich“, warf ich ein.

„Ich glaube nicht. Er erwähnte, dass er eine Kopie erstellt habe, da das Original zu wertvoll sei, um es den Unwägbarkeiten einer Expedition ins Unbekannte auszusetzen.“

„Warum haben Sie dann nicht schon selbst danach gesucht?“

„Meine personellen Mittel sind begrenzt und nun auch fast erschöpft. Ich habe nur noch fünf meiner Männer zur Verfügung. Der Rest ist … Sie wissen ja Bescheid.“

„Das ist sehr bedauerlich, Captain MacLean“, erwiderte ich und zügelte mein Pferd. Es war nicht Rih, doch durchaus von edlem Geblüt, denn es reagierte äußerst genau auf jeden kleinsten Druck meiner Schenkel oder auf den Zug am Zügel.

Auch MacLean blieb stehen und blickte mich, soweit ich das durch die Dunkelheit erahnen konnte, fragend an.

„Captain Sean MacLean“, begann ich, „ich bin hier auf Ihren Wunsch und auf meinen eigenen, meinen Freund Sir David Lindsay zu finden. Diese Unternehmung scheint nicht ganz ungefährlich zu sein, denn schließlich haben Sie schon selbst einige ihrer Männer dabei verloren.“

Ich legte eine kleine Pause ein, um die Wirkung meiner Worte eindringlicher zu gestalten.

„Das ist so, Sir Kara.“

„Gut. Dann möchte ich Sie bitten, nein, ich fordere Sie auf: Hören Sie auf mit den Lügen und der Geheimniskrämerei. Wenn wir zusammenarbeiten wollen, müssen wir uns vertrauen können. Und Vertrauen erlangt man nicht durch lügen und betrügen und auch nicht durch manipulieren.“

„Sie haben Recht, Sir Nemsi. Ich werde von nun an offen und ehrlich mit Ihnen sein. Das verspreche ich Ihnen. Doch Sie müssen auch mich verstehen. Ich handle im Auftrag der britischen Regierung. Ich muss tun, was für mein Land wichtig ist.“

„Das verstehe ich. Doch im Moment geht es nicht um die Interessen Ihres Landes. Wir sind alle hier aus den verschiedensten Nationen und vertreten keine nationalen Interessen, sondern nur die der Menschlichkeit. Hier geht es darum, Freunde zu finden – gar zu retten aus einer uns unbekannten Gefahr. Politische Ränkespiele interessieren mich wenig.“

MacLean nickte mir bestätigend zu. Der Rest unseres Trupps hatte sich hinter uns gestaut und war ebenfalls stehengeblieben. Obwohl sie alle unsere Unterhaltung gehört haben mussten, sagte keiner ein Wort.

Schließlich gaben wir unseren Pferden die Sporen und schlossen zu den zwei Soldaten auf, die unbeirrt weitergeritten waren. Wenig später erreichten wir das Lager. Captain MacLeans verbliebene Mannschaft hatte ein Feuer gemacht und ich konnte fünf kleine Zelte erkennen. Mit dem Corporal zählte MacLeans Truppe nur noch fünf Soldaten. Seine Verluste wurden mir dadurch erst richtig bewusst.

„Wir können nun etwas essen und dann können Sie, Sir Nemsi, und Ihre Freunde bedenkenlos schlafen gehen. Meine Männer und ich werden uns bei der Wache abwechseln.“

„Warum eine Wache? Was gibt es hier zu befürchten?“, fragte ich neugierig.

„Nichts Bedrohliches. Doch die Einheimischen sind uns nicht besonders wohlgesonnen. Ich halte einen Posten für angebracht. Es wäre nicht sonderlich vorteilhaft für unsere Mission, wenn wir morgen keine Pferde mehr hätten.“

Das sah ich ein.

Die Nacht verlief ruhig. Am nächsten Morgen waren noch alle Pferde vorhanden. Die Sonne stieg im Osten hinter dem Meer empor. Die Luft war klar, denn das Lager befand sich auf einer Anhöhe über der Stadt. Megalokastro dagegen lag unter einer Nebelbank verborgen. Nur ein paar Kirchtürme, Minarette und der Leuchtturm der Festung blickten daraus hervor.

Nach einem kargen Frühstück begannen die Soldaten unter Corporal Mackenzie das Lager abzubrechen. Captain MacLean dagegen führte mich und meine Gefährten zu dem Haus des Minos Kalokairinos.

„Ich habe Corporal Mackenzie von der Sache mit seinem Bruder berichtet“, erzählte mir der Captain auf dem Weg.

„Wie hat der Corporal es aufgenommen?“

„Er wirkte gefasst.“

„Ich hoffe, dass dies kein Fehler war, Captain. Er könnte, wie auch die Seeleute, die Schuld an dem Vorfall bei Djamila suchen.“

„Nein, Sir Kara, ich lege für den Corporal meine Hand ins Feuer. Er ist ein guter, loyaler Mann.“

Ich hatte trotz dieser Beteuerung kein gutes Gefühl dabei, dass der Corporal von dem Vorfall unterrichtet worden war. Wie sagt man? Blut ist dicker als Wasser. Ich konnte nur hoffen, dass seine brüderlichen Bande ihn nicht zu irgendwelchen Vergeltungsaktionen gegenüber Djamila verleiten würden. Zunächst jedoch rückten andere Belange in unseren Fokus.

Wir erreichten das Haus des Minos Kalokairinos. Es war ein prachtvoller Bau inmitten eines Gartens. Drumherum lagen Säulen und Amphoren und allerhand historische Ausgrabungsstücke. Also hatte dieser Herr tatsächlich irgendetwas gefunden. Wir umrundeten das Gebäude, an dem wilder Wein emporkroch und einen verschnörkelten eisernen Balkon zu erobern begann. Die hellblau gestrichenen Fensterläden waren allesamt geöffnet. Selbst die Eingangstür war nicht verschlossen. Die zwei hölzernen Flügel standen weit offen und wir erhaschten einen Blick ins Innere. Dort wirkte es, als ob ein Sturm hindurchgefegt sei. Stühle, Tische, Wandteppiche und Geschirr lagen verstreut auf dem Boden. Wir schritten weiter durch das Blumenmeer des Gartens bis hinter das Haus. Dort hörte der Garten abrupt auf und der Anblick einer ausgedehnten Grube wirkte seltsam unreal auf mich. Alte Mauerreste entwuchsen dem aufgewühlten Erdreich und ließen den Grundriss von Gebäuden – oder gar eines Palasts – erahnen.

„Das ist das Werk von Minos Kalokairinos. Hier hat er seine Ausgrabungen gemacht und wahrscheinlich auch eine Karte zu Tage befördert“, erläuterte Captain Sean MacLean.

„Wir werden uns zunächst an der Ausgrabungsstelle umsehen und dann im Haus“, entschied ich. „Das Haus scheint mir am wenigsten erfolgversprechend, da uns dort schon jemand zuvorgekommen ist.“

„Ja, leider wurde es von Einheimischen geplündert, noch bevor meine Leute hier eingetroffen sind, Sir Nemsi.“

„Möglicherweise haben die Plünderer die Karte gefunden“, erwiderte ich.

„Möglicherweise“, gab der Captain zu. „Doch eine geringe Chance bleibt uns noch. Vielleicht wussten sie mit ihrem Fund nichts anzufangen und ließen ihn hier irgendwo zurück. Ich denke, dass Schmuck, Münzen und metallene Gegenstände mehr nach dem Geschmack von Räubern sind.“

Vielleicht waren es keine gewöhnlichen Räuber, dachte ich bei mir und sah den kleinen Dieb mit seinen Begleitern vor meinem inneren Auge. Es gab sicherlich auch noch andere Motive außer dem finanziellen Gewinn, warum so eine Entdeckung nicht in den Händen des britischen Militärs landen sollte.

Zunächst kletterte ich mit Haschim und dem Captain hinab in die Ausgrabungsstätte. Eine grob zusammengezimmerte, hölzerne Leiter erleichterte uns den Abstieg. Mein guter Halef und Djamila blieben oben zurück. In der Grube war es für fünf Personen einfach zu eng.

Unten angekommen begannen wir die Mauerreste und liegenden Säulen zu untersuchen. Wir konnten unter der Staubschicht, die alles bedeckte, Reste von Bodenmosaiken und Wandmalereien erkennen. Einige Pithoi lagen zwischen den Steinen. Auf ihnen waren stierköpfige Figuren gemalt. Diese irdenen Vorratsgefäße hatten einst Wein, Öl oder Getreide beinhaltet. Hier jedoch waren sie leer.

Haschim schritt durch die antiken Fundstücke, strich mit den Händen über die Mauerreste, betastete Gefäße und andere Gegenstände. Schließlich hockte er sich nieder, die Hände und die Stirn gegen eine Säule gelehnt. Der Captain starrte mich fragend an, verlor jedoch kein Wort. Da ich meinen Freund gut kannte, war ich mir sicher, dass er mit seinen mir rätselhaften Sinnen etwas zu erspüren gedachte. So gab ich MacLean nur ein stilles Zeichen abzuwarten. Nach einiger Zeit erhob sich der Scheik wieder und drehte sich zu uns um. Sein Gewand wirbelte dabei den Staub der Jahrtausende auf.

„Diese Gegenstände sind wahrlich sehr alt“, begann er zu erklären. „Ich spüre, dass wir auf dem Boden einer ehrwürdigen mächtigen Kultur stehen. Es fühlt sich an wie die Geburt eines Kindes, welches einmal für Großes erkoren ist.“

„In der Tat soll diese alte Kultur der Minoer die Wiege der europäischen Kultur sein. Das würde bedeuten, dass Minos Kalokairinos vielleicht wirklich den Palast des Minos oder zumindest eine wichtige Stätte dieser frühen Hochkultur gefunden hat.“

„Ich glaube, dass unter dieser Erde noch viel mehr zu finden ist“, antwortete Haschim. Er schritt zur Leiter. „Aber nicht heute. Und nichts, was uns zu unserem Freund führen könnte.“ Damit begann er wieder nach oben zu steigen.

„Was soll das bedeuten?“, fragte Captain Sean MacLean mit verwirrt wirkender Miene.

„Es soll bedeuten, dass wir in dieser Ausgrabungsstätte keine Hinweise auf Sir David Lindsays und Minos Kalokairinos’ Aufenthalt finden werden“, antwortete ich und stieg ebenfalls die Leiter hinauf. Der Captain folgte uns.

„Aber wie kann er das wissen?“, fragte er, als wir oben angekommen waren. Er klopfte sich den Staub von der Hose und rückte die Uniform zurecht. Mit den Fingern strich er sein Haar nach hinten.

Ich zuckte mit den Schultern. „Das kann ich Ihnen nicht erklären – so unangenehm das für mich auch sein mag. Ich glaube nicht an übernatürliche Dinge und bin mir sicher, dass sich alles wissenschaftlich begründen lässt. Allerdings habe ich auf meinen Reisen so einiges erlebt und gesehen, das ich im Moment nicht erklären kann. Glauben Sie mir einfach, wenn ich Ihnen beteuere, dass Sie Scheik Haschim vertrauen können.“

Der Captain stieß die Luft aus. „Bevor ich mich zum Militär meldete, habe ich Geologie studiert. Ich kenne mich mit Gesteinen aus. Sie können mir glauben, Sir Kara, dass man durch bloße Berührung daraus keine Erd- oder Kulturgeschichte herauslesen kann.“

Ich lächelte. „Sie nicht und ich auch nicht“, entgegnete ich und nickte zu Haschim hinüber, der fast schon das Wohnhaus des Minos erreicht hatte. „Er schon.“

Der Captain schaute argwöhnisch dem Magier hinterher. Ich konnte seine Skepsis gut verstehen. Doch vertraute ich meinem Freund.

„Was mir bei der Sache auffällt, Sihdi, ist“, hörte ich plötzlich Halefs Stimme, „dass hier von einem Minos nach einem Palast des Minos gesucht wird.“ Mein Freund hatte mit Djamila am Rand der Grube auf uns gewartet. Nun war er aufgestanden und gesellte sich zu mir und dem jungen Offizier. Djamila sah ich über das Gelände streichen, als suche sie etwas. Offensichtlich war dem Mädchen langweilig. Das vermeintliche Abenteuer hatte sie sich bestimmt anders vorgestellt.

„Das ist wirklich ein trefflicher Zufall, nicht wahr?“, entgegnete ich lachend.

„Ich glaube nicht an Zufälle, Sihdi.“

„Ich eigentlich auch nicht, Halef. Was für eine Erklärung hast du denn dafür?“

„Ich denke, Sihdi, dass es Vorsehung ist. Etwas will gefunden werden. Etwas aus der Zeit des Minos.“

„Was könnte das denn sein, lieber Halef? Ein Seeungeheuer?“

Halef machte ein beleidigtes Gesicht. „Du wirst schon noch sehen, Sihdi, dass ich Recht habe. Vielleicht kein Seeungeheuer, denn hier ist kein Wasser. Aber etwas anderes lauert auf uns. Davon bin ich überzeugt. Warum sollten die ganzen Soldaten und unser Freund Lindsay sonst verschollen sein?“

„Ich weiß es nicht, Halef. Noch nicht. Aber wir werden es herausbekommen. Und ich hoffe, dass du Unrecht hast.“

„Ich auch, Sihdi. Ich auch.“

Mittlerweile waren wir am Haus des Minos angekommen. Zwei Säulen säumten den Eingang, die denen in der Grube bis ins kleinste Detail glichen. Wahrscheinlich waren sie sogar von dort. Das betrübte mich ein wenig, denn es zeugte von unsachgemäßen Ausgrabungen. Offensichtlich war dieser Minos nicht an der Historie interessiert, sondern eher so etwas wie ein Schatzjäger. Wir durchschritten den Eingang und betraten eine große Halle, die, wie ich beim Vorübergehen vorhin schon bemerkt hatte, völlig in Unordnung war. Das Chaos zog sich durch das gesamte Haus. In der Küche hingen nur noch ein paar Bündel getrockneter Kräuter über dem Fenster. Der Rest der Lebensmittel bedeckte den Boden. Jemand hatte hier etwas gesucht. Doch hatte er es auch gefunden?

Im Studierzimmer, welches ich als solches identifizierte, da die Wände mit Bücherregalen bedeckt waren, herrschte dasselbe Durcheinander. Die meisten Bücher waren aus den Regalen gefegt und lagen teilweise aufgeschlagen am Boden. Der Anblick tat mir in der Seele weh. Deshalb legte ich, fast im Reflex, einige der Bücher in die Borde zurück. Haschim hatte einen großen schweren Schreibtisch entdeckt, auf dem allerlei Kartenmaterial lag, und sichtete die Pergamente. Ich trat hinzu und auch der Captain nahm sich eine der Rollen und studierte die Zeichnung. Es waren Karten – vielleicht von Kreta, vielleicht von Ausgrabungsstellen. Ich konnte es nicht genau deuten, da sie jedweder Beschriftung entbehrten.

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9783780214072
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