Читать книгу: «Lavanda»
Inhaltsverzeichnis
Prolog I – Herbststurm
Prolog II – Vorsehung
Kapitel 1 – Ein bezauberndes Lächeln
Kapitel 2 – Ihre dunkle Seele
Kapitel 3 – Ein Neubeginn?
Kapitel 4 – Sinnlosigkeit
Kapitel 5 – Schimmel, Legobausteine und nicht existente Küchenblöcke
Kapitel 6 – Wenn eine Seele stirbt
Kapitel 7 – Lebenserfahrung und schwindende Vorurteile
Kapitel 8 – Verzweiflung
Kapitel 9 – Tesla und der liebe Umweltschutz
Kapitel 10 – Ein endloser Fall
Kapitel 11 – Der Anfang vom Ende
Kapitel 12 – Survival für Weichlinge
Kapitel 13 – Horrorszenario
Kapitel 14 – Ein flüchtiger Blick in dein Herz
Kapitel 15 – Ein überstürztes Kennenlernen
Kapitel 16 – Niedergerissene Mauern, zage Zuversicht
Kapitel 17 – Prähistorische Gene
Kapitel 18 – Lavendelsträucher und Vogelgesang
Kapitel 19 – Der leidenschaftliche Alltag
Kapitel 20 – Zwingende Bestandteile bedingungsloser Liebe
Kapitel 21 – Eine letzte Begegnung
Epilog – Liebesglück
Anhang/Danksagungen
Lavanda – Sehnsucht unserer Herzen
Text: © by Isabella Kniest, 9184 St. Jakob im Rosental, Österreich
Cover: © Hermann F. Richter https://pixabay.com, Isabella Kniest
Liedtext: © by Slim Man http://slimman.com/
Brushes/Vectors: © Brusheezy.com, inspirationhut.com, all-free-downloads.com,
Verwendete Schriftarten: Adobe Garamond Pro, Switzerland, Lingerie XO Light Calligraphic, Poem Script Ornaments,
E-Mail: swevennovel@gmail.com
Website: https://swevennovel.jimdofree.com
1. Auflage des E-Books (ASIN: B087BNLXG7) und Taschenbuchs (ISBN-13: 978-1671135178, ASIN: 1671135172): 01. Mai 2020
2. Auflage des Taschenbuchs (ISBN-13: 979-8495934788, ASIN: B09MYSV31M): 05. Dezember 2021
1. Auflage des Hardcovers (ISBN-13: 979-8479104664, ASIN: B09MYRBBHC): 05. Dezember 2021 (geringfügige Korrekturen, Buchsatz, Infotext, Cover)
Weitere Änderungen des Covers/Textes: 27. Januar 2021, 26. Juni 2021, 06. Januar 2022
Nun noch das übliche rechtliche Geplänkel:
Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig. Eventuell erwähnte Markennamen sind Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber und wurden rein zu schriftstellerischen Zwecken benutzt. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Anhang und den Danksagungen am Ende des Buches.
Wie zumeist an dieser Stelle, einige Worte in eigener Sache:
Der Wunsch, gesunden Menschen das Leid von Depressionskranken zu übermitteln, dieses etwas greifbarer zu machen, stellt mein größtes Ansinnen dar.
Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass Depressionen, Burn-out und andere psychische Erkrankungen sukzessiv zunehmen. Eine maßgebliche Rolle spielen unter anderem beruflicher Leistungsdruck, privater Stress, die allgemein abnehmende gesellschaftliche Freundlichkeit sowie der immense Drang nach Aufmerksamkeit in Kombination mit schier zwanghafter Selbstdarstellung, Perfektionswahn und krankhafter Idealisierung des eigenen Lebens.
Mit meinen Büchern möchte ich ein Stück dazu beitragen, die Stigmatisierung von Depressionen, allen voran die von haltlosen Unterstellungen triefenden herzlosen Äußerungen ›Du bist faul; du willst dich nicht bemühen; du suchst Ausreden, um dein eigenes Scheitern nicht zugeben zu müssen; du willst nicht arbeiten; du spielst allen etwas vor; Depression ist eine Einbildung und Modeerscheinung; du willst im Mittelpunkt stehen; du bist ein notorischer Schwarzseher‹ auszumerzen.
Nun muss ich mich immer wieder die Frage stellen, weshalb genannte Vorurteile im Speziellen wie im Allgemeinen entstehen.
Wahrscheinlich liegt es an den Grundsätzen der Gesellschaft, die da grob zusammengefasst folgende wären:
Wenn du Gefühle in der Öffentlichkeit zulässt, bist du ein Weichling.
Wenn du zugibst, was dich verletzt, bist du ein Sensibelchen.
Wenn du mit beruflichem Leistungsdruck und mobbenden Mitarbeitern, Schülern und/oder Lehrern nicht zurechtkommst, liegt es ausnahmslos an dir selbst und du bist zu empfindlich.
Überhaupt ist alles, was dir widerfährt, alleine deine große Schuld. Entweder betrifft es deine Ausstrahlung, dein Benehmen, deine Schulbildung oder deine Lebenseinstellung.
Hierzu möchte ich ein passendes Erlebnis schildern. Im Februar 2020 sagte eine Chefärztin zu mir: »Ein jeder wird in der Schule gemobbt, ein jeder hat einmal einen Chef oder Lehrer oder Vorgesetzten, der einen drangsaliert. Allen anderen Menschen macht das nichts aus. Lediglich Sie haben ein Problem damit.«
In dieser Zeit befand ich mich in einer schweren depressiven Phase inklusive Suizidgedanken. Ich habe ihr mein psychiatrisches Gutachten vorgelegt und ihr erklärt, wie ich mich fühle und wodurch genau meine Depressionen ausgelöst wurden. Dennoch musste ich mir diese entwürdigende Pseudo-Diagnose anhören.
Dieses – grundsätzlich noch harmlose – Beispiel zeigt einmal mehr, wie verständnislos die heutige Gesellschaft geworden ist und wie viel Wert ein einzelnes Menschenleben besitzt.
Nämlich gar keines.
Ein Mensch hat ausnahmslos zu funktionieren und dem Staat so wenig Geld wie möglich zu kosten. Darum erhalten gebrechliche Menschen keine anständige Pflege, darum werden andauern Symptome anstatt die Krankheit selbst bekämpft, darum muss der Mensch konsumieren und sich verschulden sowie Kinder gebären.
Alles für die Ökonomie.
Alles für den Profit.
Zu dieser asozialen Mentalität passt der sich vor einigen Jahren manifestierte, völlig sinnfreie wie weltfremde Leitsatz ›allein du selbst hast es in der Hand, deine Träume zu verwirklichen‹.
Fakt ist, es bedarf weit mehr als Fleiß und Wille, um seine Träume zu verwirklichen. Insbesondere Erfolg hängt zumeist von Zufall und Glück ab. Geld und Beziehungen stellen einen weiteren zwingenden Faktor dar.
Jeder ist sich dessen mehr oder weniger bewusst, dennoch wird stur das Gegenteil behauptet.
Die Medien – in welcher Form auch immer – sowie Politik und Lehranstalten tun ihr Übriges, um diese manipulierende Mär am Leben zu erhalten.
Wenn man etwas genauer darüber nachdenkt, stellt diese scheinbar positive Lebenseinstellung das perfekte Druckmittel dar, um den kleinen Bürger mundtot zu machen, und ihn in weiterer Folge in ein perfides psychologisches Hamsterrad zu stecken.
Gutgläubige Personen verfallen diesem hirnrissigen Irrsinn und kämpfen unentwegt für ihre Ziele. Sie nehmen es in Kauf, unzählige Überstunden zu schieben und sich von Vorgesetzten und Kollegen schikanieren zu lassen. Sie opfern ihre Freizeit und lassen sich ihre persönliche Freiheit durch vermeintlich gute Ratschläge und Erfolgsrezepte beschneiden. Sie studieren, sie ackern, sie geben sich selbst auf – all dies für Materialismus, Erfolg und Reichtum. Bis sie dann – irgendwann im gehobeneren Alter, mit unzähligen gesundheitlichen Einschränkungen und versunken in Einsamkeit – auf ihr Leben zurückblicken und die Wahrheit erkennen: Trotz Selbstaufgabe, trotz gesundheitsschädlichen Lebensstils, trotz Zurücksteckens und Zufriedenseins niemals ihr tatsächliches Ziel erreicht zu haben.
Manipulation geschieht jedoch auch auf anderen Ebenen. Beispielsweise durch das Einreden eines schlechten Gewissens.
Wie oft wird uns nicht suggeriert, zu wenig Sport zu betreiben, uns nicht gesund genug zu ernähren, uns nicht – da hätten wir es ein weiteres Mal – genügend bemüht zu haben …
Lehnt man dagegen auf, bedeutet es, hysterisch, überempfindlich, faul, dumm oder undankbar zu sein.
Ein wenig erinnern mich solche Methoden und die daraus entstehenden Auswirkungen an kommunistische Regime und deren Leitsätze.
Vielleicht mag es etwas hart klingen, Völkermord mit psychologischer Unterdrückung gleichzusetzen. Aber dann frage ich mich: Wiegt die systematische Unterdrückung der menschlichen Einzigartigkeit ernsthaft weniger, als die Vertreibung oder Unterdrückung einer kulturellen Gruppe?
Wenn man auf die sich explosionsartig anzeigenden Zahlen der psychischen Erkrankungen blickt – zählen all diese leidenden Personen gar nichts? Seelen zerstört durch die Öffentlichkeit, durch Schulen, durch Betriebsstätten oder familiäre Gewalt? Seelen, welche sich früher oder später das Leben nehmen? Sind sämtliche an Burn-out oder Depressionen erkrankte Menschen tatsächlich vollumfänglich persönlich verantwortlich für ihren Gesundheitszustand? Betrifft dies ausschließlich ihre Empfindsamkeit – oder unzureichend entwickelte Zähigkeit? Ist es in Ordnung, Menschen aufgrund ihres Harmoniebedürfnisses oder ihres Wunsches nach Liebe und Geborgenheit empfindlich, unfähig und überhaupt entbehrlich zu nennen?
Wenn dem so ist, hat sich der Mensch bestenfalls zurückentwickelt.
Solche genannten Argumente versucht man gern zu entkräften, indem man meint, in der Vergangenheit seien Menschen weniger verweichlicht gewesen. Da habe man länger durchgehalten und sich nicht sofort gekränkt gefühlt – und dabei habe es noch nicht einmal therapeutische Hilfestellungen gegeben.
Ich sage dann: Wie viele Personen gingen »ins Wasser«? Wie viele Menschen brachten sich durch Gift um? Wie viele Menschen vegetierten bis zum Ende ihres Lebens apathisch vor sich hin, wurden von Angehörigen gepflegt – und deren Geisteszustand wurde einfach hingenommen? Es wurde nicht nachgefragt, weshalb Personen solcherweise reagierten, sich zurückzogen, ihre Kinder von sich wegstießen, niemals mehr lachten oder feierten.
Bloß weil eine Krankheit bis zu einem gewissen Zeitpunkt noch unbekannt war, bedeutet es nicht automatisch, sie habe zuvor nicht existiert.
Die Weiterentwicklung des Menschen und der fortschrittlichen, zivilisierten Gesellschaft wird ständig in den Vordergrund gerückt. Es wird erklärt, wie wichtig Zusammenhalt und Verständnis sein soll. Es wird gepredigt, wie stark wir sind und wie viel wir seit Beendigung des Krieges erreicht hätten.
Ich will nicht desillusionieren. Ich will nicht der Spielverderber sein … aber: Darf man in Hinblick auf marode Krankenkassen, in Heimen misshandelte Senioren und Behinderte sowie steigende Obdachlosenzahlen und Selbstmorde ernsthaft von Fortschritt sprechen?
Für Homosexuelle und Ausländer wird Verständnis und Toleranz erwartet – psychisch Kranke dagegen werden von Kassenärzten wie der letzte Dreck behandelt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, würde ich mich nicht zu Privatärzten bemühen und hunderte Euro im Jahr dahingehend ausgeben, wäre ich längst nicht mehr am Leben.
Eine solche Tatsache stellt für mich keinen Fortschritt dar.
Im Gegenteil.
Es ist ein Armutszeugnis für den Staat Österreich. Ein Staat, in welchem keine zeitnahen kostenlosen Gesprächstherapieplätze angeboten werden (unter zeitnah verstehe ich ein oder zwei Wochen – und nicht fünf oder neun Monate, wie es bislang üblich ist). Ein Staat, in welchem insbesondere chronisch kranke Menschen zumeist durch das grobmaschige Auffangnetz der Sozialträger fallen.
Aber letztendlich bedeutet das wunderbare Geld alles. Letztendlich besteht das Leben ausnahmslos aus unbedeutenden Gesetzen, welche im Härtefall ständig die Unschuldigen treffen.
Wann werden Menschen verstehen, dass Ökonomie eine einzige Erfindung darstellt … Aktien keinen reellen Wert besitzen … Geld selbst gar nichts Wert ist?
Aber wir lassen uns munter weiter unterdrücken von einem System, das sich vor tausenden von Jahren entwickelte und unaufhaltsam gruseligere Ausmaße annimmt. Ein System, das durch ›Eliten‹ (jeder soll sich selbst ausdenken, was er darunter verstehen möchte) geleitet wird. Ein System, das darauf aufbaut, die arbeitende Masse kleinzuhalten. Ein System, das Wohlhabende pusht und Bedürftige abschiebt.
Sicherlich werden nun viele aufschreien und meinen, man solle nicht undankbar sein. Andere hätten es weitaus schlechter. Wir in Österreich und Deutschland leben in einer Wohlstandsgesellschaft.
Teilweise mag das wohl stimmen.
Doch wohin wird unsere Situation sich in den nächsten Jahren entwickelt haben?
Ins Bessere, ins Schlechtere?
Man muss wachsam bleiben. Man muss kritisch bleiben. Wer die Augen verschließt, sich in eine Traumwelt flüchtet und niemals hinterfragt, nährt Böden der Korruption, des Ausbeutens und der Unterjochung.
Man muss sich in die Situation eines anderen versetzen, sich nicht andauernd mit weniger bis gar nichts zufriedengeben, wenn es die Grundbedürfnisse betrifft.
Von solchen Grundbedürfnissen ausgeschlossen sind selbstredend teure Markenartikel, neue Kraftfahrzeuge, lebensunwichtige Highendgeräte oder der tägliche Gang ins Fünfsternerestaurant.
Ich fantasiere nicht von einem Schlaraffenland.
Ich wünsche mir eine Gesellschaftsstruktur, in welcher Leistung anerkannt und diese anständig und fair entlohnt wird. Eine Gesellschaft, die nicht Youtube-Stars produziert, sondern selbstständige, aber vor allem selbstkritische, reflektierende Persönlichkeiten hervorbringt, die sich ihrer Talente bewusst sind. Eine Gesellschaft, in der Kinder nicht des Kindergeldes und anderer finanzieller Erleichterungen wegen, sonder aufgrund des unbezwingbaren Wunsches Mutter und Vater werden zu wollen, geboren werden. Eine Gesellschaft, in welcher Reichtum nicht die oberen zehn Prozent betreffen. Eine Gesellschaft, die Reichtum nicht an materiellen Gütern und Ausbeutung misst. Eine Gesellschaft, die sich von der Ökonomie abwendet, Naturschutz nicht als Melkwerkzeug der arbeitenden Klasse missbraucht und stattdessen Politik- und Sportgehälter auf zweitausend Euro netto begrenzt. Eine Gesellschaft, in welcher Kinder- und Frauenschutz großgeschrieben wird und Vergewaltigungsdelikte, Nötigungen und Schändungen mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe geahndet wird. Eine Gesellschaft, in welcher Patienten jedwede medizinische Unterstützung erhalten und die ärztliche Versorgung sich nicht alleine auf Großstädte beschränkt. Eine Gesellschaft, für die Obdachlosigkeit ein Fremdwort darstellt.
Ja, es ist mir bewusst, dies nennt man Idealvorstellung.
Doch werden die meisten dieser genannten Punkte von der öffentlichen Hand nicht andauernd als gegenwärtiger Zustand angepriesen? Ein Zustand, welcher allein durch massive Anstrengungen unserer glorreichen Politiker aufrechterhalten wird?
Aber wer bin ich schon, solche Worte niederzuschreiben. Ohne Hochschulabschluss habe ich laut Professoren, Doktoren, Ingenieuren aber vor allem Studienabbrechern ohnehin keine Ahnung von dieser Materie.
In diesem Sinne,
Gute Unterhaltung.
PS: Wer meine Geschichte aufgrund meines Vorwortes abwertet oder diese deshalb nicht einmal mehr lesen möchte, hat sich selbst disqualifiziert.
PPS: Für mich gibt es da eine Internetseite, welche das perfekte Spiegelbild unserer Gesellschaft darstellt. Eine Spielwiese der Unfreundlichkeit, der Kaltschnäuzigkeit, der Gehässigkeit, der Prahlerei, des Hochmuts und der Wortklauberei: www.korrekturen.de.
Ein paar wenige Blicke auf beantwortete Fragestellungen genügen, um den Tab angewidert und kopfschüttelnd zu schließen.
Obwohl man dort wahrhaftig gute Tipps und Tricks zu Orthografie, Grammatik und Zeichensetzung erhält, manche Fragen auch neutral beantwortet werden, ist es mir überwiegend ein Graus, diese Seite benützen zu müssen. Dennoch hoffe ich darauf, dass sich diese gewissen narzisstischen Klugscheißer, welche eine jede Frage mit einem sarkastischen bis beleidigenden Konter beantworten, irgendwann verstummt sein oder zumindest teilweise ein Gespür für einen vernünftigen Umgangston entwickelt haben werden.
Es liegt mir fern, mit dieser Kritik die Seite an sich schlechtzumachen. Bitte dies nicht falsch aufzufassen. Was ich aufzeigen möchte, sind die sich verrohenden Umgangsformen auf öffentlichen Webseiten. Insbesondere in der Wissensbildung hat ein solches Verhalten nichts verloren.
Um Missverständnissen vorzubeugen, nachfolgend einige wichtige Informationen für jeden potentiellen Leser/Käufer:
Erstens.
Ich bin Selfpublisher. Korrektorat, Lektorat, Coverdesign, Buchsatz, E-Book-Gestaltung, Kapitelverzierungen – alle diese Arbeiten werden ausschließlich von mir selbst durchgeführt. Für ein fehlerfreies Buch kann ich somit nicht garantieren. Dafür jedoch einer jeden Seite, einem jeden Kapitel, einem jeden niedergetippten Wort, einer jeden Szene und Aussage meine gesamte Aufmerksamkeit und Liebe gewidmet zu haben. Jeder Satz beinhaltet mein Herzblut, meine Gefühle, meine Lebensauffassung – ein Stück meiner selbst. Wenn ich ein Buch zur Veröffentlichung freigebe, präsentiert es meinen aktuellen Wissensstand. Aus diesem profanen Grund überarbeite ich meine Bücher in zeitlich zwar längeren dennoch regelmäßigen Abständen. Werde ich mir hingegen über Rechtschreib-, Kommasetzungs- oder Grammatikfehler bewusst, korrigiere ich diese stets sofort in all meinen Manuskripten und aktualisiere sie auf allen käuflichen Plattformen. Sollte Ihnen, lieber Leser, eine solche Vorgehensweise zu amateurhaft oder zu billig anmuten, bitte ich Sie, mein Buch nicht zu erstehen. Falls Sie sich nun unsicher sind oder die Vermutung in Ihnen erwächst, ich könnte Schund verkaufen, bitte ich Sie, zuerst die Leseprobe zu lesen und sich dann zu entscheiden. Ist Ihnen meine Fehlerquote zu hoch, werde ich Ihnen nicht böse sein, wenn Sie mein Werk nicht in den Warenkorb legen.
Schreiben ist mein Hobby. Weder strebe ich Reichtum noch Berühmtheit an. Menschen zu bereichern, ihnen den intellektuellen und seelischen Horizont zu erweitern und eine andere Sichtweise zu offenbaren – das ist mein einziges Bestreben. Deshalb bin ich finanziell außerstande, ein Lektorat und Korrektorat oder Coverdesign auszulagern. Besäße ich die Möglichkeiten, würde ich keine Sekunde zögern und meine Werke einem Experten übergeben.
Zweitens.
Trotz mehrerer Rechtschreibreformen verwende ich die alte Schreibweise der unterbrochenen direkten Rede. Ein Beispiel: Nach der neuen Richtlinie müsste ich schreiben »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab, »als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.« Ich hingegen schreibe »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab. »Als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«
Wie man sieht, ist mir die korrekte Schreibweise bestens bekannt. Ich entschied mich jedoch bewusst dafür, diese Regel aus persönlichen und ästhetischen Gründen zu brechen.
Drittens.
Da ich Österreicher bin, schleichen sich zwangsläufig viele österreichische Begriffe in meine Texte ein. Begriffe, die von deutschen Landsleuten unwissentlich als Fehler angesehen werden können. Ein Beispiel: In unseren Breitengraden spricht man nicht von Kasse, sondern von Kassa. Dies ist kein Tippfehler und hat auch nichts mit einer Rechtschreibschwäche oder läppischen Korrektur meinerseits zu tun.
Viertens:
Die unscheinbaren Wörter »welche«, »welcher«, »welches« gelten in der schriftstellerischen Zunft als schlechter Stil. Ein Beispiel: Sie betrat den Secondhandladen, welcher sich neben der stark befahrenen Hauptstraße befand. Erfahrene Lektoren und Autoren werden nun schreien, wüten, sich in Wänden verbeißen oder höhnisch lachen. Denn diese Benutzung des Wörtchens »welcher« stellt das Todesurteil schlechthin dar und ist ein Zeichen dafür, den Text eines armseligen Amateurs/Pseudoschriftstellers vor sich liegen zu haben. Dennoch werde ich diesen literarischen Toilettengriff immer wieder wagen. Warum? Weil er einen Teil meines persönlichen Stils darstellt. Weder benutze ich diese Pronomen als erzwungenes Synonym für »die, der, das«, noch möchte ich damit intelligent oder belesen anmuten. Sie sind schlicht eine Farbnuance, um das Bild detaillierter darzustellen. Ein Bild von sensiblen oder sich altmodisch benehmenden Protagonisten. Ein Bild von Respekt und Ehrerbietung vergessener Werte.
Fünftens:
Abgesehen von wenigen Ausnahmen verfasse ich manchmal längere, manchmal kürzere Vorwörter, die sich nahtlos an das Impressum anschließen. Stets behandeln diese Texte ein oder mehrere in der Geschichte erwähnte Themen. Gewisse Passagen enthalten meine persönliche Erfahrung/Haltung/Meinung/Ausbildung/Lebensauffassung, gewisse Passagen enthalten einen an die Gesellschaft gerichteten Appell. Falls der geneigte Leser sich dadurch persönlich angegriffen oder beleidigt fühlt, kann ich nur sagen, dass mich das nicht im Geringsten kümmert. Texte und Geschichten verfasse ich nicht, um Leser zu beleidigen, sondern um nachdenklich zu stimmen. Wer sich daran stört, soll mein Buch in Gottes Christi willen nicht weiterlesen oder eben erst gar nicht kaufen.
Abschließend danke ich jedem Leser, der diese Information durchgelesen hat. Und ich danke jeden, der sich nicht beleidigt fühlt und entscheidet, erst nach der Leseprobe sein endgültiges Urteil zu fällen.






Kitzelnde Sonnenstrahlen fielen zwischen strahlend bunte Blätter auf saftig grüne, vom morgendlichen Herbstnebel befeuchtete glitzernde Wiesen. Restliche Nebelschwaden entschwanden in den dunkelblauen wolkenlosen, hoffnungsfrohen Himmel. Viele frostige Nächte hatte es bereits gegeben, noch unzählige mehr würden sehr bald folgen. Die angezuckerten sie umringenden Berggipfel deuteten auf einen langen Winter hin.
Lilian wandte sich ihr zu – diesem bildhübschen Mädchen.
Marina.
Ein dunkelroter knielanger dicker Stoffmantel mit einem breiten Gürtel, enge Jeans, eine schwarze Baskenmütze und edel aussehende Stiefel – seit längerer Zeit fragte er sich, woher sie diese tollen Klamotten bekam. Weder die Mädchen in seiner noch in der Parallelklasse waren so stylish gekleidet.
Er überlegte zurück.
Seit der Volksschule kannten sie sich. Viel miteinander gespielt hatten sie nie, gemocht jedoch hatte er sie seit dem ersten Augenblick. In der Hauptschule wurden sie getrennt, sie kam in die Parallelklasse. Glücklicherweise hatte man sie in zwei Leistungsgruppen gleich eingestuft, womit es ihm wenigstens in diesen Stunden erlaubt war, mit ihr in einem Raum sitzen zu dürfen.
Heute, insgesamt sieben Jahre später, war Lilians einstige anfängliche Zuneigung zu seiner wahrscheinlich ersten großen Liebe herangewachsen. Jedenfalls vermutete er dies.
Was wusste er mit seinen dreizehn Jahren schon von Liebe? Und doch fühlte es sich wunderschön an, Marina in seiner Nähe zu wissen – dann schlug sein Herz wahnsinnig schnell, seine Hände wurden feucht und manchmal gelang es ihm nicht einmal mehr, irgendetwas Vernünftiges zu erklären oder zu berichten, derart durcheinander brachte sie ihn mit ihrer Anwesenheit. Ihre seltenen gemeinsamen Gespräche hatten ihr Übriges dazu beigetragen.
»Ich mag dich sehr gern«, gestand Lilian ihr unvermittelt – und wunderte sich selbst über seine ruhige Stimmlage. »Möchtest du mit mir zusammen sein?«
Sein physischer Zustand hingegen deutete auf einen baldigen Kollaps hin: Seine Muskeln waren bis aufs Äußerste angespannt; er litt unter Kurzatmigkeit, welche er durch gelegentliches Luftanhalten zu kompensieren versuchte; seine Hände bebten, weshalb er sie in die Taschen seiner schwarzen Jacke steckte; und sein Mund fühlte sich wie ausgetrocknet an.
Er hasste das.
Weshalb musste sein Körper dergestalt reagieren? Es handelte sich um eine einfache Frage, keinen Abschlusstest!
Marinas emotionsloser Blick ihrer dunkelbraunen Augen traf ihn mitten ins Herz.
Er begriff nicht, weshalb dieser Ausdruck ihn verletzte. Sie sah ihn bloß unverbindlich an. Noch keine Abweisung, Beleidigung oder Belustigung hatte ihren Mund verlassen …
»Tut mir leid … du bist echt lieb … aber –« Sie zuckte die Achseln. Der leichte Herbstwind spielte beschwingt mit ihrem schwarzen glatten Haar. »Ich bin nicht interessiert an so etwas. Und weil du mehr willst, kommt auch eine Freundschaft zwischen uns nicht in Frage. Ich halte das strikt getrennt. Und meine Eltern wollen das genauso.«
Es fühlte sich wie ein Schlag an. Nein – es war ein Schlag. Tief in seinem Herzen ging irgendetwas zu Bruch. Etwas, – solcherweise dumm es sich in diesem Moment anhörte – das niemals mehr zusammengefügt werden konnte.
Auf eine grauenhafte Weise erinnerte ihn dieser Schmerz an den durch seine Mutter tagtäglich ausgelösten.
Lange würde es dauern, bis Lilian begriff, was diese Empfindung konkret bedeutete, wie schwer es war, dieser zu entfliehen, und schlussendlich würde diese neue Facette des Lebens ihm einen beträchtlichen Teil seiner Freunde und Zuversicht rauben.
»Oh … okay.« Er schniefte. »Dann bis Montag in der Schule.«
Das wunderschöne Mädchen verabschiedete sich und entfernte sich in die gegengesetzte Richtung. Das rückenlange, glänzende Haar wehte dabei weiterhin sorglos und unbekümmert hinter ihr her.
Im Gegensatz zu Marina war Lilian nun selbst dieser letzte winzige von seiner Mutter noch nicht vernichtete Rest kindlicher Sorglosigkeit für immer abhandengekommen.
Wohin würde sein Leben nunmehr einschlagen? Wohin würde sein Lebensweg ihn führen?
Er begann sich zu fürchten.
Sollten womöglich alle positiven Dinge, nach welchen er strebte oder sich sehnte, niemals in Erfüllung oder unvermeidlich verloren gehen?
Lilian blickte zu den hochgewachsenen Bäumen, deren sonnengelbe und feuerrote Blätter durch gelegentliche Windböen von Zweigen gerissen und durch die Lüfte gewirbelt wurden – und eine furchtbare, ihn bis dahin unbekannte Trauer überfiel ihn.
Bestand das Leben hauptsächlich aus Beschimpfungen, Sorgen, Streit und Abweisungen?
Offenkundig.
Und was würde aus ihm werden, wenn Papa starb? Er war der einzige Mensch, mit welchem er über alles unbefangen sprechen durfte.
Diese fremdartige seinen Brustkorb zusammenziehende Pein verstärkte sich zusehends, und Besorgnisse legten sich bedrohlich über ihn.
Mamas Distanziertheit, Papas ständige Traurigkeit … sein eigenes Unwissen hinsichtlich seiner Berufswahl …
Monatlich schien sein Leben komplizierter zu werden, fröhliche Tage nahmen sukzessiv ab.
Noch eine lange Weile betrachtete Lilian das Farbenspiel des angrenzenden Waldes, lauschte dem beruhigenden Rauschen des durch die noch üppige bunte Belaubung sausenden Windes und dem in weiter Ferne ertönenden kratzigen Rabengeschrei. Mit einem jeden durch die Lüfte gewehten Blatt schien ein kleines Stück seines Herzens abzufallen und die Umgebung sich zu trüben.
Eine seltsame Frage bildete sich in seinem Verstand: Wie lautete diese eine Strophe des bekannten Herbstgedichts?
Wer jetzt alleine ist, wird es lange bleiben …

Scheppernde Teller, klirrende Gläser und lautstark geführte Gespräche zahlreicher Gäste überlagerten eine unmöglich einordenbare Hintergrundmusik. Hinzu gesellte sich das Lachen und Kichern hübsch zurechtgemachter Frauen unterschiedlichen Alters, welche sich vor einer Reihe nicht besetzter Tische aneinanderdrängten. Lavanda bildete das jüngste Glied dieser unförmigen, schnatternden Kette. Siebzehn Jahre alt. Stets war sie die Jüngste in einer Gruppe gewesen – und die Fremde, die nicht Zugehörige.
Im Gegensatz zu diesen beschwingten, wunderschönen, erwachsenen Frauen war ihr nicht unbedingt zum Lachen und Feiern zumute. Sie fühlte sich deplatziert, unerwünscht. Dass man sie wegzuschubsen versuchte, war ein Grund davon. Dass sie nicht hübsch, weiblich und beliebt war, ein weiterer.
Lavanda kannte keine dieser lärmenden, selbstbewusst anmutenden Frauen. Die meisten von ihnen sprachen nicht einmal ihre Sprache, geschweige denn hatte sich eine von ihnen mit ihr unterhalten. Wie üblich war sie die halbe Zeit stumm an ihrem Tisch gesessen und hatte den Gesprächen ihrer Mutter gelauscht und das ihr nicht besonders gemundete Essen hinuntergewürgt.
Bereits während der Fahrt in dieses Oberklasse-Restaurant hatte sie sich ein schnelles Vorüberziehen dieses Abends herbeigesehnt.
Sie ging nicht gerne aus – speziell abends nicht. Da schaute sie lieber fern oder schlief. Wo andere Mädchen es zu feiern und zu tanzen liebten, zog sie lieber Ruhe und Beschaulichkeit vor. Sie brauchte viel Zeit für sich, um über Erlebtes zu reflektieren – sich selbst zu verbessern, Reaktionen ihrerseits auszuwerten und schlechte Charakterzüge abzuschwächen oder gänzlich abzulegen. Nicht zuletzt deshalb verwirrte Lavanda das von der überwiegenden Zahl der Menschheit bekundete ausgeprägte Verlangen nach Abenteuer und Unterhaltung, Extremsportarten, Adrenalinkicks. Gleichermaßen verhielt es sich mit dieser unverständlichen Begeisterung nach allabendlichen Festen und Zusammenkünften, die Besäufnisse, das ohrenbetäubende Getratsche, die unsinnigen Gesprächsthemen …
All dies und noch vieles mehr würde wohl ein lebenslanges unlösbares Mysterium für Lavanda darstellen.
Was sie sich jedoch genauso sehnlichst wünschte wie jeder Mensch, waren aufrichtige Freunde und Bekannte – und einen Freund. Den ersten Freund … Unternehmungen, Kinoabende, der allererste Kuss …
Bald würde Lavanda ihren achtzehnten Geburtstag feiern, und noch kein sympathischer Junge – Korrektur: Gar kein Junge – hatte sich je mit ihr abgegeben. Lediglich über Dritte hatte sie erfahren, dass sich ein Schulkollege für sie interessieren sollte. Ob dies der Wahrheit entsprach, wusste sie nicht. Sie glaubte es ohnehin nicht. Bislang hatte man sich stets über sie lächerlich gemacht, sie großräumig ignoriert, beleidigt oder abgewiesen. Doch gleichgültig, ob dieser schlaksige Bursche Sympathien für sie hegte, sie fühlte sich ausgesprochen unwohl in seiner Nähe. Hätte er sich wenigstens einmal persönlich mit ihr unterhalten und seine Zuneigung ehrlich zugegeben, hätte sich ihre emotionale Gesinnung dahingehend womöglich sogar geändert. Und falls sie dennoch keine Gefühle für ihn aufgebracht hätte, hätten sie vielleicht beste Freunde werden können. Ein derart feiges Verhalten vonseiten des starken Geschlechts allerdings stieß sie geringstenfalls ab. Kein einziges Wort mit ihr in den vergangenen zwei Jahren zu wechseln, keine Nervosität in ihrer Nähe zu zeigen, stattdessen ihr verletzende Spottnamen zu geben, sprach nicht unbedingt von Anstand, Respekt oder aufkeimender Zugewandtheit. Entweder hegte man Interesse an seinem Gegenüber, dann stand man dazu und man suchte die Nähe desjenigen, oder man beließ es dabei – schließlich waren sie keine Volksschulkinder mehr.
Außerdem: Wie verhielte sich ein solcher Kerl erst in einer Beziehung, wenn dieser sich nicht einmal traute ein unbefangenes Gespräch anzufangen?
Nein, eine solche Person war nicht die richtige, um eine erste Beziehung einzugehen. Nach jahrelangem Mobbing und gesellschaftlichen Tiefschlägen brauchte Lavanda Geborgenheit, Sicherheit, Schutz – keine Kinderspielchen. Die Gesellschaft nahm sie ohnehin nicht ernst, dann wollte sie zumindest von einem Freund ernstgenommen und verstanden werden. Wozu sonst ging man eine Beziehung ansonsten ein? Wozu verliebte man sich?
In erster Linie wollte man mit dem meistgeliebten Menschen Zeit verbringen, einander unterstützen … einander lieben. Andere Mädchen wollten wohl ausnahmslos ihre Jungfräulichkeit verlieren, um endlich eine Frau werden zu dürfen. Lavanda hingegen wollte sich einem Mann hingeben, ihm alles überreichen, was sie ausmachte. Sie wollte wahre, echte Liebe empfinden – fehlte diese Voraussetzung, hätte sie niemals mit irgendjemandem intim werden können.
Wie sollte die schönste Sache der Welt auch schön und befriedigend ausfallen, wenn man sich vor seinem Sexualpartner ekelte?
Auf Lavandas vor zwei Jahren getätigte unbedachte Äußerung »beim Sex komme es nicht ausschließlich auf Erfahrung an, sondern vieles sei Instinkt«, erwiderte eine Achtzehnjährige, sie hätte schier keine Ahnung. Ausgelacht hatten die umringenden Frauen sie daraufhin, sie bespottet und mit angewiderten Blicken gemustert.
Natürlich besaß Lavanda keine Erfahrung, nichtsdestotrotz wusste sie: Sex war kein Leistungssport, Sex war die intimste Form, seine Zuneigung zum Ausdruck zu bringen. Eine Vereinigung konnte Herzen brechen oder Herzen stärken. Falls ein Junge nicht reif genug dafür war, dieses kostbare Geschenk auf Händen zu tragen, sollte ein Mädchen besser fünfmal überlegen, ob sie sich seiner hingab …
Und da kam er geflogen … wischte alle ihre Gedankenspiele beiseite.
Eher unauffällig war er – wie sie. Und relativ klein.
Eines Brautstraußes nicht würdig.
Seine elegante Flugrichtung schien Lavandas Position anzusteuern.
Näher und näher kam er, direkt auf sie zu. Sie streckte die Arme aus. Nur noch wenige Zentimeter trennten ihre Finger von dem rundlichen Bouquet mit den schneeweißen und dunkelgrünen Blumen und der glitzernden weißen Schleife –
Ein brutaler Stoß versetzte ihren Körper nach rechts.
Ein ohrenbetäubendes Gekreische ertönte. Sie blickte zu dem Rudel hysterischer Frauen.
Eine dieser anmutigen Schönheiten hatte den Strauß gefangen und hielt ihn triumphierend in die Lüfte. Die sie umringenden Damen feierten sie und überhäuften sie mit Glückwünschen.
Eben gedachte Lavanda zu gehen, da trat eine sich höchstwahrscheinlich in ihren Dreißigerjahren befindliche Frau mit dunkeln Haaren und einem perfekt sitzenden Kostüm zu ihr.
»Tja, da hast du wohl Pech gehabt«, bemerkte diese amüsiert und beäugte Lavanda voller Abscheu – wie einen verdreckten Straßenköter, den man schnellstens von seinem Grundstück verjagte. »Da du den Brautstrauß nicht gefangen hast, bedeutet das, dass du niemals in deinem Leben heiraten wirst.«
Lavanda schenkte der Frau ein erzwungenes Lächeln und eilte zurück zu ihrem Tisch.
Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie, wie ihre Gesichtsmuskulatur zu zucken begann.
Sie wusste nicht, weshalb. Sie wusste nicht, wodurch diese schlagartige ihr Herz zusammenkrampfende wie durchlöchernde Traurigkeit ausgelöst wurde.
Konnte es stimmen? Würde sie niemals heiraten dürfen?
Ja, wahrscheinlich hatte diese Frau recht … Wahrscheinlich war dieser nicht gefangene Brautstrauß das maßgebliche Zeichen für ein Leben in Einsamkeit.
In ihrem Innersten hatte Lavanda es längere Zeit geahnt, dennoch würde sie in den nachfolgenden Jahren stets eine minimale, törichte Hoffnung, bald Liebe und Zuneigung spüren zu dürfen, tief in sich verborgen halten, welche schrecklicherweise nicht ihr Schicksal zu verändern wusste.
Das Schicksal, auf ewig von Einsamkeit und Kummer gemartert zu werden.

Heute
Erbarmungslos peitschte der Regen gegen Lilians zerkratzte Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren, doch dies half nicht im Entferntesten, dieser biblischen Sintflut Einhalt zu gebieten.
Ein schlechtes Omen?
Er warf einen kurzen Blick auf die integrierte Achtzigerjahrecockpituhr.
12:50 Uhr.
Nervosität, Ärger und Gram schnitten ihm durch das Gedärm.
Hoffentlich würde das Wiedersehen nicht in einer weiteren Katastrophe enden.
Er brauchte keine Katastrophen mehr. Er hatte genug davon! Für den Rest seines beschissenen Lebens!
Du hast mich hintergangen! Du hast mich belogen!, hallte es schrill durch seinen pochenden Schädel.
Schlaglöcher und in weiterer Folge kaputte Stoßdämpfer in Kombination mit ebenso fertigen Spurstangen und ausgeleierten Gelenkstangen entlockten dem viereckigen, schäbigen Ford Transit aus neunzehnhundertdreiundachtzig ein Ächzen und Keuchen – Lilian ebenfalls.
Und die Stimme war verstummt.
Für den Augenblick, dachte er.
Aber nicht mehr lange, und er würde sie wieder hören … und die dazugehörige Person wiedertreffen.
Adrenalin flirrte ihm stechend durch die Brust.
Er atmete tief durch, blinzelte ein paar Mal, verdrängte weitere unangenehme aufwallende Gefühlsregungen.
Ein letztes Mal. Das letzte Mal. Dann würde er endlich Ruhe finden. Dann musste er endlich Ruhe finden!
Es musste aufhören. Er wollte frei sein. Er wollte seine rabenschwarze Vergangenheit zu einem Abschluss bringen.
Es ging ihm gar nicht mehr um einen Neuanfang, wie dieser stets in Zuversichtsfilmen hochgelobt wurde: All die belastenden Ereignisse des Lebens abhaken, Unveränderbares akzeptieren sowie sämtliche Wunschträume und Sehnsüchte loslassen und weiterziehen. Eine solche Richtung konnte der felsige Weg seines Lebens nicht mehr einschlagen. Er musste dankbar und demütig sein, noch halbwegs vernünftig leben zu können. Denn nunmehrig vegetierte er eher dahin.
Womöglich gelang es ihm mit diesem Termin, dem Horror, der Qual zu entfliehen – zumindest auf dem Papier. Die Erinnerung blieb weiterhin bestehen. Die Erfahrungen ruhten weiterhin in seiner Seele.
Der Schmerz, die Verbitterung, die Angst, die Verunsicherung, die Desillusion würde kein Mensch ihm zu nehmen vermögen. Selbst wenn sein Leben davon abhinge. Lilians Fundament war zerstört, pulverisiert. All sein Glaube, seine zage Hoffnung, seine minimalen Erwartungen – sie waren vernichtet, niedergewalzt und die Erde darunter mit Chemie verseucht worden.
Da konnte nichts mehr wiederaufgebaut werden, da half kein Ausheben des kontaminierten Materials.
Da hätte man ihm die Seele entreißen müssen – seine durch die gesellschaftliche Grausamkeit durchsetzte, vergiftete Seele.
Dabei hatte es einst so zuversichtlich angemutet …
Rote klecksförmige Bremslichter eines haushohen Familienvans vor ihm nötigten ihn, hart auf das Bremspedal zu treten.
Vermaledeiter Verkehr.
Klagenfurt.
Diese Stadt war ihm seit jeher unsympathisch.
Die Leute, die Rushhour, die Gassen und zerklüfteten Einbahnstraßen – und erst recht die Politik!
Klagenfurt ist anders.
Nein, korrigierte er sich. Kärnten ist anders … diese ganze verschissene Welt ist anders geworden!
Aggression und Hass an allen Ecken und Enden! Aber wehe, er regte sich auf! Wehe, er sprach die Wahrheit aus! Wehe, er verhielt sich einmal wie all die ihn umzingelnden niederträchtigen Idioten!
Da gab es ein Paradebeispiel, welches schlichtweg sein gesamtes Leben erklärte: Vor einigen Jahren war Lilian in einer Dienstleistungsfirma beschäftigt gewesen, dessen Geschäftsführer und dienstälteste Angestellte ständig über gewisse unverschämte Stammkunden außerordentlich gejammert hatten. Eines Tages hatte er sich in ein solches Gespräch einzubringen erlaubt und sich ebenfalls über diese geizigen, pingeligen, unfreundlichen Kundschaften echauffiert sowie seinem Chef und den beiden Kollegen eifrig zugestimmt – und was geschah? Im Handumdrehen erhielt er eine Rüge.
»Das sind nun einmal sehr wohlhabende Personen«, hatte der Chef augenblicklich seine Geisteshaltung geändert und Lilian maßregelnd betrachtet. »Das musst du akzeptieren und stets freundlich bleiben. Der Kunde ist König.«
Anfangs war Lilian tatsächlich dumm genug gewesen, sich schuldig zu fühlen, seine Meinung vor anderen Menschen laut ausgesprochen zu haben!
Nachdem sich solche Vorfälle gehäuft und viele weitere differenzierte negative Erfahrungen in ähnliche Richtungen eingeschlagen hatten, hatte er die unumstößliche Tatsache zwangsläufig zu akzeptieren gelernt: Er musste demütig, dankbar und zuvorkommend bleiben – der Rest der Menschheit durfte sich beklagen, sämtliche Eindrücke frei aussprechen und ihren Frust auf ihn abwälzen. Oder auf die Arbeitswelt gerichtet: Er hatte zu lächeln und den Mund zu halten. Seine Kollegen durften jammern, meckern und ihm tagtäglich das Herz ausschütten. Er musste freundlich sein, all die anderen Leute brauchten sich nicht zusammenzureißen. Besonders stutenbissige Drecksweiber waren befugt, sich jedwede Freiheit herausnehmen!
Zwanghaft verstaute er seinen meterdicken Groll tief in seiner pechschwarzen Seele und unterdrückte ein Gähnen.
Seit mindestens fünf Monaten rang Lilian mit hartnäckigen Einschlafstörungen. Tausendmal wälzte er sich von einer Seite zur anderen, bis er irgendwann weit nach Mitternacht in einen dösenden Halbschlaf fallen durfte. Und damit nicht genug, wurde er in solchen kurzen Phasen der Erholung von schrecklichen Albträumen gemartert.
Der Schlafentzug machte sich allmählich in all seinen finstren Lebenslagen bemerkbar: Er hatte kaum noch Appetit, seine Laune lag irgendwo unter dem Gefrierpunkt und seine Konzentration und Aufnahmefähigkeit nahmen sukzessiv ab. Insbesondere um die Mittagszeit schien sich ein gewaltiges Loch in ihm aufzutun und ihn verschlingen zu wollen. Bisher gelang es ihm halbwegs, sich dagegen aufzulehnen und nicht in einen Erschöpfungsschlaf zu sinken. Wäre ja noch schöner gewesen, von Kollegen halb komatös auf der Toilette oder im Firmenwagen entdeckt zu werden! Doch wie lange würde er noch durchhalten? Wie lange würde es ihm gelingen, diese aus Seidenpapier bestehende Fassade aufrecht zu erhalten?
Scheißdreck!
Die Ampel schaltete auf ein saftiges ihn an Frühlingswiesen erinnerndes Grün, und er beschleunigte.
Parkplatz, schoss es ihm quer durch seine erlahmten Gehirnwindungen.
Er brauchte unbedingt einen kostenfreien Parkplatz.
Scheiße.
Lilian besaß kein Kleingeld mehr – ebenso wenig Scheine, und erst recht nicht konnte er mit dem Handy bezahlen. Eine solche App sowie einen Akkumulator mit Near Field Communication benutzte er nicht.
Grundsätzlich verwendete Lilian nahezu gar keine Apps. Allein eine für seine Mails, ein Wecker-Widget sowie einen englischsprachigen MP3-Player. Alles Weitere fiel in die Kategorie ›Neumoderner, spionierender Sondermüll‹ und wurde demzufolge tunlichst von ihm vermieden.
Er bog in eine Gasse ein, deren Namen er nicht erkannt hatte und hielt Ausschau nach einer Parkmöglichkeit.
Erwartungsgemäß wurde er nicht fündig.
Er wendete und fuhr zum Siriusparkplatz. Seines Wissens nach war dieser stets kostenlos gewesen. Hoffentlich hatte sich an diesem Umstand nichts geändert. Ansonsten war er am Arsch – gelinde gesagt.
Eine weitere rote Ampel gebot ihm neuerlich stehen zu bleiben.
Er blickte zur Uhr.
13:05 Uhr.
Es wurde knapp.
Das Licht sprang um und er gab Gas.
Drei Gassen weiter bog ein dunkelgrauer Kombi vor ihm ein – und kroch mit sagenhaften dreißig Kilometern pro Stunden weiter.
Verflucht!
Falls er nicht bald eine Parkmöglichkeit fand, würde er zu spät zum Termin erscheinen.
Dies galt es unter allen Umständen zu verhindern!
Er durfte sich keinen einzigen Fehltritt leisten, ansonsten sah es wahrhaftig kritisch aus für ihn und seine ohnehin desaströse Zukunft.
Der schleichende Autofahrer blinkte nach rechts und bog ab – und Lilian stieß ein Dankesgebet gen Himmel aus, stieg kräftig aufs Gas und lenkte seinen altersschwachen Wagen in den Südring, dann nochmals nach rechts – und er erreichte sein Ziel.
Eine Schranke ließ Fürchterliches erahnen.
Eine in Blau gehaltene Tafel linkerseits bestätigte seine Vermutung: Selbst diese Parkmöglichkeit war kostenpflichtig geworden.
Verfluchte Scheiße!
Lilian fuhr rückwärts, wendete und düste zurück Richtung Innenstadt.
Da half alles nichts.
Er musste in einem Geschäft darum bitten, kurzzeitig einen ihrer Parkplätze benützen zu dürfen.
Eine Druckerei – wahrscheinlich ein Familienunternehmen, der winzigen Größe nach zu urteilen – erregte seine Aufmerksamkeit.
Lilian manövrierte den Wagen in den ersten der vier freien Stellflächen, schaltete den Motor ab und hechtete zum Eingang. Eine verschmutzte ehemals weiß gewesene Schwingtür trennte den lieblos gestalteten Vorraum von der lärmenden Straße. Drei Schritte weiter tat sich eine zweite Tür auf – bestehend aus Klarglas und eingefasst aus Metall war diese wenigstens verschließbar.
Er klopfte und trat ein.
Ein bissig-stickiger Geruch aus beschichtetem Papier, Staub und Toner schlug ihm entgegen.
Lilian brauchte einen Moment, bis er sich an das dadurch ausgelöste Kratzen in seinem Hals gewöhnt hatte und das Büro genauer in Augenschein nehmen konnte.
Zuallererst fielen ihm zwei Drucker auf – einer stand beinahe direkt in Laufrichtung, ein zweiter war stiefmütterlich in die linke Ecke des quadratischen Raums verfrachtet worden.
Kaputt? Wartungsstau? Oder etwa gar ein vergessenes Abholgerät?
»Guten Tag.«
Eine weibliche Stimme holte ihn aus seiner Gedankenwelt und lenkte seine Aufmerksamkeit nach rechts.
In all den aufgetürmten Papierstapeln, Ordnern und Plakaten hätte er die Frau beinahe übersehen.
»Kann ich Ihnen helfen?«
Sie war jung.
Sehr jung.
Ihre bedrückt anmutende Tonlage hingegen sprach von ausgeprägter Lebenserfahrung und schmerzhaften Schicksalsschlägen.
Innerlich schüttelte Lilian den Kopf.
Woher kamen diese Erwägungen?
Lag es an seinem eigenen erbärmlichen Leben, Mitmenschen augenblicklich einer genauen Analyse unterziehen zu müssen?
»Verzeihung, wäre es –«
Überraschend erhob sich das Mädchen und trat aus der vollgestopften Szenerie hervor – und für einen nichtssagenden Moment veränderte sich Lilians Perzeption. Weder nahm er den Gestank wahr noch die summenden, sie beide einkreisenden Geräte oder die vor sich hin verstaubenden fertiggestellten Druckaufträge. Ausnahmslos sie sah er – ihren traurigen müden Gesichtsausdruck, das mit einem Haarstab befestigte brünette Haar, ihr eng anliegendes, dunkelblaues Businesskleid.
Eine eigenartige Verbundenheit breitete sich in seinem aufgewühlten Innersten aus … etwas wie Sicherheit, Heimatgefühl, Vertrautheit – kurz: Manipulierender, dich vernichtender Irrsinn!
Der zauberhafte Nebelschleier verschwand. An seine Stelle trat regelrechte Abscheu. Abscheu gegenüber des Mädchens Aussehen, dessen erzwungen elegante Körperhaltung und Männer einlullende große runde Augen.
Noch so eine!
Er kannte Frauen. Besonders diesen Schlag.
Sie waren durchtrieben, hinterfotzig, verlogen und egoistisch. Selbst seine Mutter gehörte dieser ausnutzenden Bagage an.
Lilian entdeckte protzige, dunkelblaue Ohrringe und eine ungleich dekadenter aussehende farblich mit ihrem Kleid harmonisierende Halskette.
Geschenke ihrer Ex-Freunde oder dem ihr alles in den Hintern schiebenden Papa?
»Holen Sie einen Druckauftrag ab?«
Des manipulierenden Miststücks Frage beendete seine Grübelei.
»Nein, ich wollte lediglich darum bitten, ob ich für eine halbe Stunde Ihren Parkplatz benützen dürfte.«
Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich – zeigte er Besorgnis?
Nein. Er zeigte Verdruss.
»Es tut mir leid, das geht nicht.«
Verdammte Scheiße!
Lilian warf einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr.
Dieser Tusse wegen würde er den Termin versäumen.
»Es wäre lediglich für eine halbe Stunde. Ist es nicht irgendwie möglich?«
Sie verneinte. »Tut mir leid.«
Ihr verdammtes Tut-mir-Leid konnte sie sich in ihr hübsches Antlitz schmieren!
»Es ist ein Notfall«, drängte Lilian und hielt sich erst gar nicht mehr davon ab, seinen aus Verzweiflung und Verbitterung entstandenen Frust zu verbergen. »Normalerweise bitte ich nicht um einen Gratisparkplatz. Allerdings sind sämtliche kostenlose Abstellplätze belegt, und ich habe nicht genügend Kleingeld dabei, um ein Ticket zu ziehen. Hätte ich das Geld, würde ich nicht hier stehen und wie ein Bittsteller auf den Knien rumrutschen. Ich habe einen dringenden Termin um halb zwei in der Richtstraße. Ich schaffe es nicht mehr, falls ich nicht sofort losgehe.«
Es war ihm unmöglich zu erklären, weshalb er ihr sein Herz ausschüttete.
War er dermaßen verzweifelt?
Ja, wahrscheinlich.
Und ebenso wahrscheinlich war es, sich von dieser verzwickten Bürotante nun Vorwürfe anhören zu müssen, welche etwa folgendermaßen lauteten: Sie müssen zeitiger wegfahren und genügend Geld bei sich führen. Alles andere ist unverantwortlich und zeugt günstigstenfalls von nicht vorhandenem Verantwortungsbewusstsein – Charakterzüge, die ein vernünftiger, erwachsener Mensch grundsätzlich aufweisen muss, möchte dieser etwas erreichen im Leben.
Typisch Weiber! Jammern, nörgeln und besserwisserisches Getue – daraus bestand ihr quietschbuntes Barbiepuppen-Leben.
Aber mit ihm nicht!
Sollte dieser Vorzimmerdrachen eine solche Anspielung wagen, würde er ihr anständig die Leviten lesen!
Er war kein pubertierendes Pickelgesicht mehr, das um Aufmerksamkeit und Verständnis kämpfen musste! Er musste gar nichts! Nichts, außer sterben!
Die Furie vor ihm blickte nach links – zu einer an der Wand hängenden runden Plastikuhr. Anschließend wandte sie sich stumm ab und schritt zurück Richtung Arbeitsplatz.
Wollte sie ihm damit klarmachen, er brauche nichts zu sagen, da sie keine weitere Zeit vergeuden wollte und ihm nicht mehr zuhörte?
Sie fasste nach … einer Tasche?
Korrektur: nach einer dekadenten goldfarbigen Tasche.
Sie kramte darin und trat wenige Augenblicke später wieder zu ihm. »Von uns aus zu Fuß bis zur Richtstraße? Sie kämen niemals zeitig an. Hier.« Sie streckte die Hand aus. Zwischen ihren Fingern hielt sie zwei Zwei-Euro-Münzen. »Parken Sie in der groß angelegten Tiefgarage in der Anderluhstraße. Dann schaffen Sie es möglicherweise.«
Blinzelnd betrachtete Lilian die schimmernden Münzen.
Er wusste nicht, was er sagen, denken oder tun sollte.
»Hier, nehmen Sie«, befahl sie drängender. »Ansonsten kommen Sie ernsthaft zu spät.«
Irgendwann bootete sein Gehirn und er besah die Frau intensiv. »Verzeihen Sie die Frage … weshalb tun sie das?«
»Ganz ehrlich?« Sie hob die Augenbrauen an, schien abzuwiegen – und stieß den Atem anschließend hörbar aus. »Mein Chef will niemanden mehr bei uns parken lassen. Wir hatten unzählige, aber vor allem kostspielige Probleme deswegen: Widerrechtlich abgestellte abgemeldete Fahrzeuge, für deren Entfernung letztendlich wir aufkommen mussten. Oder stundenlang blockierte Parkplätze durch Patienten der hundert Meter weiter links befindlichen Zahnarztordination.« Diese vorhin aufgeblitzte Missgunst trat erneut in Erscheinung. »Seit Jahren kämpfen wir dagegen an, weshalb wir uns entschlossen haben, jeden rigoros anzuzeigen, der sein Kraftfahrzeug widerrechtlich abstellt. Würde ich Ihnen somit die Parkerlaubnis geben, würde mein Chef sofort eine Anzeige erstatten, alsbald er Ihren Wagen bemerkt. Ich wiederum müsste ihn über Ihren dringlichen Termin aufklären, was bedeutet hätte, mir eine dreißigminütige Standpauke über unsere neuen Parkvorschriften anhören zu müssen, wie: Es gäbe keine Ausnahmen mehr und ich müsse mich an die Hausregeln halten, schließlich würde mein Lohn nicht von Verkehrsteilnehmern gezahlt. Bla, bla.« Ihr angenervtes Mienenspiel legte nochmals kräftig an Vehemenz zu. »Glauben Sie mir, dieses Gezeter will ich mir nicht mehr antun. Besonders nicht für jemanden, welcher eine einfache Parkgelegenheit braucht und den ich niemals mehr in meinem Leben wiedersehen werde. Verstehen Sie?«
Lilian verstand.
Und wie er verstand!
Für diese schonungslose Ehrlichkeit und Freundlichkeit war er ihr unendlich dankbar.
»Vielen Dank.« Zögerlich nahm er die Münzen an sich. »Sobald es mir möglich ist, gebe ich Ihnen das Geld zurück. Versprochen.«
»Ist schon in Ordnung.« Der Bürokraft saloppen Sprechweise gelang es nicht über die Tatsache hinwegzutäuschen, über seine Dankbarkeit erfreut zu sein. Dies zeigten ihm ihre sich schüchtern aufhellenden Gesichtszüge. »Gehen Sie lieber, ansonsten kommen Sie wirklich zu spät.«
Diese minimale Freude klinkte sich augenblicklich in sein Herz ein, füllte ihn mit einer fremdartigen Wärme und Erleichterung.
Oder lag es bloß an des Mädchens Verständnis?
Nochmals bedankte er sich, drehte sich eiligst um, sprintete los –
Und wäre beinahe in einen großgewachsenen, alternden Typ gelaufen.
»Verzeihung.« Ohne sich davon abhalten zu können, warf Lilian dem Mann ein besänftigendes Lächeln zu, welches dieser herzlich erwiderte.
Dabei wollte er niemanden mehr anlächeln! Er wollte niemandem mehr Sympathie oder Mitgefühl entgegenbringen!
»Nicht so eilig, junger Mann«, sprach der grauhaarige Herr beschwingt, dessen markanter Bassbariton auf eine wohlklingende Gesangsstimme schließen ließ. »Ansonsten könnten Sie das Glück Ihres Lebens übersehen.«
»Mir kann Derartiges nie passieren«, erwiderte Lilian ebenso ungewollt. »Glück existiert nicht. Genauso wenig wie Götter oder wahre Liebe.«
Verflucht noch einmal!
Weshalb rutschte er dann und wann in sein altes Verhalten ab? Weshalb gelang es ihm nicht, sich durchwegs kühl und unnahbar zu geben?
Er hatte sich geschworen, niemals mehr etwas über sich selbst preiszugeben! Keine persönlichen Meinungen, keine Wünsche, keine Sehnsüchte, keine Einschätzungen. Ein jedes Wort, das man über sein Innerstes verlor, gab Mitmenschen die Gelegenheit zum Gegenschlag. Gelegenheiten, um dich auszuweiden, zu mobben, schlechtzumachen und letztendlich psychisch umzubringen.
»Na, na. Nicht so negativ.« Des Mannes Grinsen wuchs in die Breite. »Das Leben ist schwer genug, da muss man es sich nicht noch selbst schwerer machen.«
»Man braucht es sich gar nicht selbst schwerzumachen«, entgegnete Lilian trocken. »Dafür gibt es Mitmenschen. Diese schaffen ein solches Kunststück mit Leichtigkeit. Ein gutes Beispiel stellen Freunde oder Familienmitglieder dar: Man glaubt, man könne sich vertrauen und gegenseitig helfen. Stattdessen sitzen die lieben Bekannten dann in der Hängematte, währenddessen du ihnen den verdammten Rasen mähst.«
Der Grauhaarige lachte.
Eigenartig.
Bezüglich seiner spitzen Zunge musste Lilian sich üblicherweise Spott und Häme anhören. Die einzige Ausnahme hatte sein Vater gebildet: Dieser hatte regelmäßig über seine trocknen Tatsachen und den schwarzen Humor gelacht.
Nun, wie dem auch sei. Es wurde allerhöchste Zeit zu gehen.
Um der Bürokraft ein letztes »Auf Wiedersehen« zuzurufen, drehte Lilian sich ihr zu … Und abrupt hielt die Zeit an. Neuerlich legte sich dieses warme Empfinden um ihn und umschmeichelte sein Innerstes wie eine Kaschmirdecke – ausgelöst durch ein unwahrscheinlich offenes, ehrliches Lächeln vonseiten des Mädchens. Diese Geste der Freude brachte ihre Augen, ja ihre gesamte Gestalt zum Strahlen und versetzte seiner Seele einen zarten Stoß …
Lilian schluckte hart, kämpfte gegen die Trance, versuchte seine Gehirnleistung zum wiederholten Male einzuschalten.
Hatte sein Sarkasmus es allen Ernstes vollbracht, eine Frau zu erheitern?
Er konnte es kaum fassen.
Doch weniger die Tatsache an sich, dafür vielmehr diese tief aus des Mädchens Innersten dringende Fröhlichkeit war es, welche ihn vollumfänglich durcheinanderbrachte. Dermaßen durcheinander, alsbald Lilian in seinem Wagen saß, wusste er nicht einmal mehr, ob er sich verabschiedet hatte. Ausnahmslos ein Gedanke kreiste unaufhörlich durch seinen aufgekratzten Geist: Sie sieht wunderschön aus, wenn sie lächelt.


Lavanda hasste den Sonnenschein. Davon brannten ihr die Augäpfel, des Weiteren schmerzte dieser ihr in der Seele. Diese übertrieben kitschige Fröhlichkeit, die lachenden Personen um sie herum. Sie ertrug es nicht. Nicht mehr. Jahrelang hatte sie es erduldet, sich ihren Mitmenschen angepasst, all die unerträglichen besserwisserischen Sprüche, die Ratschläge, das infantile Hochjubeln der Hoffnung akzeptiert – ja, sich sogar mitreißen lassen.
Ein einziges Mal.
Ein einziges Mal hatte sie echte Hoffnung verspürt, sich hübsch, begehrenswert, genug gefühlt.
Dabei war Lavanda es nie gewesen. Niemals in ihrem Leben würde sie genügen. Dies bildete nicht ihr Schicksal.
Manch ein Mensch fand sein persönliches Glück, erhielt Zuspruch, wurde erfolgreich, verwirklichte seine Träume und erreichte seine hochgesteckten Ziele.
Ihr gelang nichts davon. Nicht einmal die unscheinbarsten Wünsche wollten in Erfüllung gehen – trotz jahrelanger Bemühungen, trotz des Besiegens diverser Ängste, trotz Veränderungen und Ausdauer.
Nichts hatte funktioniert.
Im Gegensatz zu den meisten Personen hatte sie keine teuren Urlaube, ein Penthouse oder einen PS-starken fahrbaren Untersatz verlangt – einzig friedvolle Momente mit dem meistgeliebten Menschen in ihrem Leben.
Ein Spaziergang. Ein langes, gemeinsames Wochenende im Bett. Ein Kinoabend oder ein Restaurantbesuch. Gemeinsames Shopping – ja, für Männer klang dies ausnahmslos nach Geldverprassen und kreischenden Weibergefechten um einen überteuerten Designerfetzen. Sie hingegen stellte sich etwas gänzlich anderes darunter vor: Anprobieren von Dessous, welche neben ihr ebenfalls ihn ansprachen – immerhin kaufte sie solche Teile hauptsächlich für ihn, nicht für sich selbst. Elektronikartikel gustieren. Shops und Produkte bestaunen, die ihm zusagten – ob dies nun Kettensägen, Computer, Mode oder Tuningartikel für sein Fahrzeug gewesen wären, war ihr völlig gleich. Gemeinsam eine schöne Zeit verbringen – sich küssen, sich lieben, über anregende Themen sprechen.
Das war alles.
Das war ihr Wunsch, ihre Sehnsucht, ihr einziges gottverdammtes Verlangen.
Nichts davon hatte sich jemals erfüllt. Nichts davon würde sich jemals erfüllen.
Alleine in ihrer Vorstellung …
Tja, womöglich klang ihr Idealbild nicht unbedingt nach Emanzipation. Im Gegensatz dazu war sie eine der wenigen alles selbst bewerkstelligenden Frauen.
Einzig für die Reparatur ihres Computers hatte sie sich Hilfe suchen müssen – und man hatte sie ausgenommen wie eine Weihnachtsgans und überdies ihr geliebtes Gerät mutwillig zerstört.
Abgebrochene Prozessorpins sagten genug, mit welcher Gewalt man ihren Computer bearbeitet hatte.
Nach diesem Vorfall hatte Lavanda sich autodidaktisch sämtliches Wissen angeeignet, um ihre Geräte selbstständig zu reparieren oder zusammenzubauen.
Seit Lebzeiten hatte sie sich alleine durchgeschlagen. Sie hatte keine Freundinnen, die sie um Hilfe bitten konnte. Eher war sie es, die all ihren Mitmenschen Tipps und Informationen gab und zu beinahe jeder Frage eine Antwort wusste.
Wusste sie jedoch einmal etwas nicht, hieß es sofort: Du kannst nicht andauernd »keine Ahnung« sagen, davon wirst du dumm. Du musst alles wissen.
Falls sie nach Informationen oder einer Hilfestellung in einem Geschäft verlangte, erhielt sie kaum Rückmeldungen – eher noch wurde ihr das Gefühl übermittelt, zu blöd, zu langweilig, zu fraulich zu sein.
Lavanda stellte die Zahnbürste in den perlmuttfarbenen Becher, welcher von einer hochglänzenden Messinghalterung an der elfenbeinfarbenen Fliesenwand befestigt worden war, und zog sich das dunkelblaue Etuikleid über. Um nicht übermäßig viel Zeit zu verplempern, dennoch adrett, selbstbewusst und businesslike zu wirken, befestigte sie ihr Haar mit einem goldfarbigen Haarstab.
Der einzige Nachteil: Dieses günstige Ding würde ihr vermutlich den gesamten Tag über in ihre sensible Kopfhaut drücken und ihr in weiterem Verlauf Kopfschmerzen bereiten.
Sie seufzte, betrachtete sich nochmals im Spiegel – und bemerkte die sich monatlich ausdehnenden Geheimratsecken, den sich teilweise nach hinten verlagernden Haaransatz …
»Männliche Glatzenbildung«, hatte ein Arzt ihr erklärt. »Wogegen man nicht wirklich viel ausrichten kann.«
Sie solle Nahrungsergänzungsmittel nehmen und ein Hormonshampoo verwenden. Allerdings würde dies den Haarverlust lediglich etwas verlangsamen – wenn überhaupt.
Dabei lag Glatzenbildung nicht in ihrer Familie. Überhaupt litt niemand in der Verwandtschaft an krankhaftem, genetischem oder anderweitigem Haarausfall, weder väterlicherseits noch mütterlicherseits, weder Großeltern noch andere weitschichtige Verwandte …
Sieh nicht zu genau hin, dachte sie und wandte sich zur frei stehenden Retro-Badewanne. Deren Krallenfüße und Armaturen wiesen dieselbe polierte Messingbeschichtung auf mit welcher auch die Zahnbürstenhaltung und Mischbatterien des Doppelwaschbeckens veredelt worden waren. Der Fliesenboden zeigte sich in einem schimmernden Dunkelbraun. Dieser Kontrast zur hellen Wandverfliesung verlieh dem Raum eine ebenso behagliche wie exklusive Atmosphäre.
Ja, das Bad war ihr großer Stolz – und dementsprechend teuer war die Anschaffung gewisser Möbel und Sanitäranlagen gewesen. Obwohl Lavanda grundsätzlich relativ genau auf ihre Finanzen achtete und keinen unnötigen Protz kaufte, bereute sie diese Anschaffung keine Sekunde.
Es war ihr wichtig, sich vollkommen wohl und geborgen zu fühlen. Da fielen drei- oder viertausend Euro mehr oder weniger nicht mehr ins Gewicht.
Ihr Bungalow.
Knapp neunzig Quadratmeter maß dieser. Gewiss, er fiel übermäßig groß aus für eine alleinstehende Frau. Ursprünglich hatte Lavanda ja eine Fünfzig-Quadratmeter-Eigentumswohnung angepeilt. Durch die Verschiebung eines Immobilienbesichtigungstermins – die Eigentümerin der überschaubaren Wohnung in der Klagenfurter Innenstadt war durch eine ernst zu nehmende Lungenentzündung ans Krankenbett gefesselt worden – hatte Lavandas Maklerin ihr unverhofft dieses wunderbare Objekt angeboten.
Kaum eine halbe Stunde hatte die Besichtigung gedauert – und Lavanda hatte den Kaufvertrag herzklopfend unterzeichnet.
Es gab nichts zu bemängeln. Keine übertriebenen Verunreinigungen oder Spuren des Verlebens, eine sonnige, abgelegene Lage vor einem üppigen Mischwald, viele Fenster … und das besondere Highlight: Lediglich eine einzige Innenwand, welche sich zielstrebig durch den rechteckigen Bau zog. Dadurch war es Lavanda möglich gewesen, beinahe sämtliche Räume ihren Vorstellungen anzupassen oder sogar neu zu erschaffen.
Konkret hatte Lavanda drei Wände aufstellen lassen, um WC und Bad separieren zu können sowie ein groß angelegtes Büro zu erhalten …
Eine abrupt hochzüngelnde Übelkeit knotete ihr den Magen zusammen, und psychische Schmerzen durchlöcherte ihre Seele.
Noch einen kleinen Raum hatte sie dadurch erhalten: ein lang gehegter Wunschtraum.
Seit einem Jahr hatte sie ihn nicht mehr betreten.
Lavanda besah den goldfarbigen Flüssigseifenspender.
Niemals mehr würde sie diesen verfluchten Raum betreten. Niemals mehr würde sie sich in irgendeiner Form mit fester Seife beschäftigen.
Sie würgte Tränen und Übelkeit hinunter, atmete schubweise durch und straffte die Gestalt.
Zwar hatte sie durch die neue Einteilung etwas an Wohnzimmerfläche verloren – aber was soll’s! Fern schaute sie nicht mehr allzu viel. Und da die Küche mit zwanzig Quadratmetern aufwartete, fand ihr Esstisch eben dort seinen gebührenden Platz.
Lediglich einen einzigen Minuspunkt konnte man dem Anwesen abziehen: Es fehlte ein Keller. Stattdessen besaß das Haus einen niedrigen großflächigen Dachboden – was für ihre Verhältnisse völlig ausreichte. Im Übrigen ersparte Lavanda sich dadurch unzähliges Treppensteigen am Tag, um Lebensmittel, Wäsche und Getränke von unten nach oben zu schleppen, sowie wöchentliche Reinigungen des Untergeschosses.
Sie griff nach dem Waschlappen und benetzte diesen mit warmem Wasser.
Ihre größte Freude war es gewesen, ihren Namen neben der in hellelfenbein gehaltenen Landhausstil-Tür anzubringen.
Lavanda Pirker.
Ihr Reich.
Ihr Rückzugsort.
Ihre Selbstständigkeit.
Zumindest einen Wunsch hatte sie sich durch harte Arbeit selbst erfüllt: ein Eigenheim.
Sie wusch sich das Gesicht und cremte es ein. Anschließend öffnete sie die Brisuren mit dem ovalen Kyanit-Gehänge, welche sie neben dem breiten Doppelwaschbeckenrand gelegt hatte, und befestigte diese an ihren Ohrläppchen.
Sie mochte Schmuck farblich abgestimmt auf ihr Outfit.
Genauso verhielt es sich mit ihrer restlichen Garderobe: Strümpfe, Strumpfhosen, Dessous, Nachtgewand, Mäntel, Schuhe, Handtaschen.
Was sie in den letzten Jahren an Dessous und Strumpfwaren zu viel gekauft hatte – knapp an die zweihundert Stück Höschen und Beinbekleidung waren es geworden –, hatte sie bei Schuhen und Taschen gespart. Zehn Paar Schuhe – darunter fielen ebenso ihre geliebten Winterstiefel sowie Flipflops für den Hochsommer – bildeten ihr gesamtes Sammelsurium. Handtaschen beliefen sich auf sechs Stück. In Schwarz, Grün, Gold, Weiß, Rot und Creme deckten diese die gesamte Bandbreite an Farben ab.
Schon seltsam.
Noch vor wenigen Jahren hatte sie sich keine Sekunde Gedanken um ihr Äußeres gemacht. Gewand trug sie, bis es sich aufgelöst hatte. Unterwäsche kaufte sie alle paar Jahre im Zehnerpack in einem Discounter.
Nun besaß sie eine immense Auswahl an verschiedensten Slips, Strings, Tangas und Brazils. Ungeachtet dessen hatte sich kein Mann für sie interessiert.
Ob sie mit durchlöcherter Unterwäsche durch die Welt lief oder sich aufgeilende Dessous anzog – sie fühlte sich deshalb nicht attraktiver oder selbstbewusster.
Einziger psychologischer Marketing-Gag, dachte sie bitter.
Nachdem Lavanda die dunkelblaue Halskette angelegt und die schwarzen Strumpfhosen übergestreift hatte, schritt sie in die Küche und bereitete sich Ham and Eggs zu.
Sie brauchte etwas Deftiges zum Frühstück. Allerdings erst zwei Stunden nach Abgang des Weckers. Kurz nach ihrer Aufwachphase hätte sie sich eher übergeben, als etwas Essbares hinunterzubringen.
Durch das dauerhafte Untergewicht musste Lavanda auf kalorienreiche Kost achten. Glücklicherweise arbeitete ihr Stoffwechsel äußerst fleißig – Schilddrüsen- sowie Nierenprobleme war von ihren Ärzten ausgeschlossen worden –, womit sie sich zumindest um Fettpölsterchen und einen Postkastenarsch nicht zu sorgen brauchte. Ihre durchgängigen Kreislaufbeschwerden sowie die gelegentlich auftretende Appetitlosigkeit machten ihr dennoch zumeist stark zu schaffen.
Nun, man kann nicht alles haben, dachte sie und briet sich den köstlich duftenden Beinschinken goldbraun an.
Lästige Beschwerden und Krankheiten gehörten zum Leben dazu. Damit konnte sie sich locker abfinden. Mit Einsamkeit jedoch nicht, weshalb sie es tunlichst vermeiden wollte, jemals die Pension mitzuerleben.
Lavanda betrachtete die im Farbton Magnolia gehaltene Küche, dachte daran, wie sie mit einem Partner hätte glücklich werden können.
Hätte.
Es würde niemals passieren. Dazu war sie schlichtweg nicht gut genug. Ihr Schicksal war es, lebenslang alleine und einsam zu bleiben und tagtägliche Schmerzen zu erleiden. Daran zugrunde zu gehen.
Halt.
Sie war längst daran zerbrochen.
Sie hatte alles verloren.
Nicht alles, korrigierte sie zynisch. Ein Dach über den Kopf habe ich noch. Aber dafür auch den passenden Kredit.
Kein Vorteil ohne Nachteil, oder?
Auf den Schinken setzte sie zwei Spiegeleier.
Schon komisch. In ihren Teenagerjahren hatte sie vermutet, niemals ein Spiegelei kredenzen zu können. Denn jedes Mal war ihr der Dotter aufgerissen, und sie hatte erzwungenermaßen Rührei daraus machen müssen.
Nun gelang es ihr nahezu jedes Mal.
Lag es an der Tatsache, ausschließlich die Dotter zu verwenden? Mit Eiweiß hatte sie es nicht mehr versucht. Dadurch ausgelöste Hautunreinheiten und Übelkeitsattacken hatten sie dazu bewogen, das Gelbe vom Ei zu verwenden und den Rest davon wegzuschütten.
Andauernd fühlte sie sich schuldig dabei. Lebensmittel wegzuwerfen haftete etwas Asoziales, Dekadentes, Undankbares an. Immerhin verhungerten Menschen in anderen Ländern …
Andererseits wäre sie bescheuert, würde sie Produkte verspeisen, von welchen sie krank wurde, oder?
Lavanda beantwortete ihre Frage mit einem Ja, nahm den gefüllten Porzellanteller mit dem Rosenmuster und setzte sich an den beige lackierten Holztisch – den Rücken diesem einen speziellen verschlossenen Zimmer zugedreht.
Menschen waren grausam, Menschen waren eine einzige gottverdammte Plage, eine Nötigung, eine Zumutung.
Der Mensch missbrauchte andere, der Mensch stellte sich über andere. Er mordete, verletzte, verurteilte, zerstörte, belog, betrog – und ignorierte.
Da halfen selbst der Forschergeist, die Kreativität und die hochgepriesene Menschlichkeit nicht mehr, um die Statistik des ›ehrbaren, anständigen, zivilisierten Menschen‹ hochzuhalten.
Obwohl das Frühstück mundete, gelang es diesem nicht, Lavandas Laune anzuheben.
Pech gehabt.
Laut Psychologen, Hipstern und upgegradeten Hippies war die Schuld ja stets bei einem selbst zu suchen – unbedeutend der Vergangenheit, unbedeutend der Ungerechtigkeit.
Oder mit den Worten dieser okkulten Psychogesellschaft ausgedrückt: Bei misshandelnden Eltern aufwachsende Kinder hatten sich in einem früheren Leben große Sünden aufgebürdet, womit ihr nunmehriger fürchterlicher Lebensumstand die gerechte Strafe darstellen sollte.
Sie kaute den letzten Happen, spülte diesen mit stillem Mineralwasser hinunter und machte sich daran, das Geschirr und die Anrichte zu säubern.
Nach getaner Arbeit fasste sie nach ihrer Tasche, schlüpfte in schwarze flache Schuhe und trat aus dem Haus. Sie wandte sich zum Postkasten und lugte durch den Schlitz.
Leer.
Typisch.
Mit diesem eigenwilligen bedrückenden Gefühl, welches sie jeden Tag aufs Neue ereilte, versperrte sie die Haustür und blickte zur oberhalb angebrachten nostalgischen fünfeckigen weißen Wandleuchte.
Sie liebte diesen Vintage-Kram. Alte Handwerkskunst, qualitativ hochwertige Flohmarktwaren, handgeschmiedete Gartenzäune, geschwungene Türgriffe, gefräste und verschnörkelte Oberflächen.
Im Gegensatz dazu verachtete sie glatte, kühle Schränke; schneeweiße Fliesen; Plastikmöbel.
Wohnräume mussten einladend, beschützend und gemütlich sein. Was brachte ihr da ein futuristisches Design?
Ähnlich verhielt es sich mit der Form eines Gebäudes. Nackte Beton- oder Holzquader hatten weniger mit einer menschlichen Behausung denn vielmehr mit einem Schutzbunker gemein.
Wenn die Welt bereits solcherweise kalt ist, sinnierte sie. Muss nicht noch mein Haus wie ein Kühlschrank anmuten.
Und der Schmerz wuchs an, umschloss sie wie ein heißblütiger Liebhaber.
Sie drehte sich zurück Richtung Hofeinfahrt, horchte dem monotonen Rauschen des Regens.
Tiefe Pfützen auf dem hellgrauen Asphalt weiteten sich mehr und mehr aus. Milliarden Tropfen trommelten auf im zagen Wind tänzelnde Birken- und Ahornblätter, welche wenige Meter von ihrem Grundstück entfernt eine natürliche Grenze zwischen Natur und Zivilisation erschuf. Der graue Regenschleier nahm Lavanda die Möglichkeit, die zwanzig Kilometer weit entfernte sich an klaren Frühlingstagen mächtig und erhaben präsentierende Koschutta zu bestaunen. Ihr gefiel deren kantige Felsformationen, insbesondere der funkelnde Schnee in den Wintermonaten, und wie dieser sich von einem tiefblauen Himmel hervorhob.
Nun, ein heftiges Regenwetter wie das heutige mochte sie gleichermaßen – und wesentlich mehr, wenn es Wochenende gewesen wäre …
Laufend überquerte sie den Parkplatz, öffnete flott die Wagentür ihres dunkelgrünen Kleinwagens, stieg ein und fuhr los.
An der Hauptstraße angekommen, bemerkte sie ein Pärchen, welches geschützt durch einen hellblauen Regenschirm eng umschlungen an ihr vorüber stolzierte.
Wie üblich schritt der extrem großgewachsene Mann selbstbewusst neben der platinblonden vollbusigen kleinwüchsigen kurvigen Frau.
Existierten keine Männer mehr ohne krampfhaft unterdrückte Minderwertigkeitskomplexe? Gab es keine Männer mehr, welche sich einmal nicht auf einen Ego-Trip der Extraklasse befanden und sich zur Abwechslung physisch wie psychisch ebenbürtige Partnerinnen aussuchten?
Gab es niemanden, der zu seinen Schwächen und Stärken stand, sich nicht aufplusterte wie ein liebestrunkener Pfau und sich als das Zentrum der Welt wahrnahm? Ein Mann, welcher ebenso verunsichert und verängstigt durch die Welt ging, wie sich ohnehin beinahe ein jeder manchmal fühlte – anstatt zu maulen, zu lügen und zu unterdrücken seine Schwächen und Unsicherheiten zugab und freiwillig um Schutz und Hilfe bat, wie es normalerweise die weibliche Gattung Mensch tat?
Sich gegenseitig stützen, beschützen, lieben? Stellte dies nicht für einen jeden Menschen ein Grundbedürfnis dar?
Sie jedenfalls empfand das zwingende Verlangen, einen Partner zu schützen wie sich von ihm beschützen zu lassen.
Ein Ergänzen … ein Verstehen … ein liebevolles Miteinander pflegen …
Stattdessen hatte man sie stehengelassen. Wie ein Stück Dreck hatte man sie ignoriert. Einfach ignoriert – kein Wort hatten Männer verloren.
Besonders dieser eine nicht …
Ein brutaler Stich durchfuhr ihr wundes Herz, krampfte dieses zusammen und trieb Lavanda beinahe Tränen in die Augen.
Es lag etliche Jahre zurück – dennoch war der Schmerz allgegenwärtig.
Kein Wunder.
Nie hatte sie eine Verabredung, Umarmungen, Küsse oder gar Sex erfahren.
Ignoriert war sie in der Jugendzeit worden, ignoriert wurde sie im Erwachsenenalter. Dann, mit knapp achtundzwanzig begegnete sie einem Mann, welcher sie regelrecht umgeworfen hatte – und selbst dieser hatte sie beiseitegeschoben.
Aber was predigten Menschen andauernd: Wenn du dem Richtigen begegnest, spürst du das. Dann weißt du das.
Es war eine einzige Lüge!
Eine einzige gottverdammte, verschissene Lüge!
Eine Lüge, welche sie dieses verschissene Leben hatte durchhalten lassen! Eine Lüge, welche ihr Sinn und Zuversicht geschenkt hatte.
Tja … nun war es vorbei.
Ihre Liebe war aufgebraucht. Ihre Hoffnung war nicht mehr vorhanden. Ihr Schmerz war zu groß, um noch einen Tag länger zu überstehen.
Dennoch stand sie andauernd aufs Neue auf.
Wozu überhaupt?
Wozu tat sie sich diese elendige Qual weiter an? Wozu sich nach jemandem sehnen, welcher ohnehin nichts mit ihr zu schaffen haben wollte?
Wozu existieren?
Ihr Leben hatte großteils aus Schmerz, Angst, Sorgen und Kummer bestanden.
Sie würgte einen eifrig anwachsenden Kloß in ihrem pochenden Hals hinunter.
Falls sie jemals eine Beziehung eingehen sollte, musste es sie nochmals umhauen. Es müsste sie der Schlag treffen, ansonsten würde es nicht funktionieren.
Exakt dieser Sachverhalt konnte bereits rechnerisch niemals mehr zutreffen. Da würde sie eher in den Euromillionen gewinnen, als ein zweites Mal die Liebe ihres Lebens zu begegnen und mit dieser zusammen alt werden zu dürfen.
Sie gab Gas. Je mehr sie an Geschwindigkeit zulegte, desto schneller rotierten ihre Gedanken.
Die Erinnerungen … das Gejammer … die fortwährend niederträchtigen Fallstricke des Lebens.
Weshalb wurde sie von gleichaltrigen Männern andauernd ignoriert? Weshalb wurde ihre persönliche Meinung, ihre Lebensanschauung, ihre Lebenserfahrung besonders von Männern aufs Härteste bekämpft? Und weswegen, verdammt noch einmal, wurden stets ihr verzwickte Blicke zugeworfen?
Weder hatte sie ihr Haar jemals schreiend bunt gefärbt, noch trug sie ekelerregende Piercings oder präsentierte der Gesellschaft geschmacklose Tattoos – und beträchtlich weniger regte sie sich über ebensolche von ihr ungern gesehene Äußerlichkeiten anderer auf.
Einst, vor vielen Jahren, hatte sie eine jede Person angelächelt. Sie war dankbar und freundlich gewesen. Um einen jeden hatte sie sich gesorgt, sich eingesetzt, sich Schwierigkeiten eingehandelt.
Was hatte sie für ihr Verständnis und Mitgefühl im Gegenzug erhalten?
Hass, Ignoranz, Neid.
Alleinig ihre Träume und Hoffnungen auf eine liebevolle Beziehung – auf eine verfickte Gefühlserwiderung vonseiten eines Mannes – hatten sie am Leben erhalten.
Wie sehr sie sich stets bemüht hatte! Sie hatte gekämpft dafür, war geduldig und verständnisvoll gewesen.
Jahrelang.
Jahrzehntelang.
Nun gelang es ihr nicht mehr, die aufkommenden Tränen zurückzudrängen.
Bemühe dich.
Sei zufrieden.
Man bekommt nicht immer das, was man will.
Träume können sich immer erfüllen.
Es liegt allein an dir selbst. Erreichst du deine Ziele nicht, warst du schlichtweg nicht ausdauernd genug.
Wenn es mit einer Sache nicht funktioniert, sucht man sich eben etwas anderes.
Vielleicht findest du ja mit fünfzig deinen Traummann.
Mit fünfzig, dachte sie hasserfüllt wie verzweifelt, werde ich nicht mehr am Leben sein. Dafür werde ich Sorge tragen. Auf subtile, endgültige Weise.

Seit sechs Jahren arbeitete sie in dieser überschaubaren Druckerei. Der Job war in Ordnung, ihr Chef, Herr Huber, zumeist ein besserwisserischer Plagegeist, welchem es nicht bewusst war, wie unberechenbar das Leben sein konnte. Freilich, er hatte ebenfalls seine Erfahrungen gemacht, einige Höhen und Tiefen durchlebt, nichtsdestotrotz und im Gegensatz zu ihr hatte er seine Fröhlichkeit beibehalten.
Dies schuf Raum für zwei Vermutungen: Entweder war sie tatsächlich zu schwach und empfindlich für diese Welt – etwas, das ihr ständig vorgeworfen wurde –, oder ihr Chef war noch nicht solcherweise tief hinabgefallen in die Verdammnis.
Gleichgültig, welcher Tatbestand zutraf: Ihr gefiel keiner davon.
Wütend und frustriert – ja, das war sie, jeden einzelnen gottverdammten Tag – warf sie die billig anmutenden druckfrischen Visitenkarten seitlich auf ihren großflächigen Bürotisch.
Diese unscheinbaren, Augenkrebs hervorrufenden Egoaufpolierer – weshalb sonst wurden solche Informationsträger dem Kunden ständig mit stolzgeschwellter Brust überreicht? – sollten heute abgeholt werden.
Das Layout war ein einziger, haarsträubender Graus!
Tiefrote feine Doppellinien auf der linken und rechten Seite, ein grimmig dreinschauender, giftgrüner Gartenzwerg im rechten oberen Eck und mittig der Firmennamen in Helvetica und Kapitälchen inklusive kursiv geschriebener Adresse und Telefonnummer – jedes einzelne Wort eingefasst mit einer blitzblauen Kontur!
Mit Sicherheit war dieses grafische Wunderwerk dem verwirrten Geist eines farbenblinden, sich selbst überschätzenden Langzeitstudenten entsprungen …
Für einen solchen fremdschämenden Dreck gab dieser Idiot fünfzig Euro aus!
Das erinnerte Lavanda stark an die vielen hirnrissigen Wunschkennzeichen, welche da neuerdings überall zu sehen waren und hauptsächlich aus undefinierbaren Anfangsbuchstaben und sinnlosen Zahlenreihen bestanden.
Lavanda begriff es nicht.
Wozu über zweihundert Euro für eine Nummerntafel ausgeben, wenn diese rein gar nichts aussagte? Da tat es genauso eine reguläre, zugewiesene Nummer.
Ach, natürlich!
Es ging abermals ums Ego.
Ein zugewiesenes Kennzeichen war zu alltäglich, zu gewöhnlich, zu langweilig – und deutete auf Armut hin.
Da stürzte man sich lieber in Unsummen und fuhr mit einem AS1, LK5, BM10 herum, um über seine kaum noch zu zahlenden Leasingraten und Glasfaser-Monatsrechnungen hinwegzutäuschen und sich autark und unnachahmlich zu fühlen.
Lavanda ergriff die schneeweiße Kaffeetasse und füllte diese mit kühlem Quellwasser aus dem in der angrenzenden Küche stehenden Wasserspender. Währenddessen drifteten ihre Gedanken zurück zur grässlichen Visitenkarte.
Walky.
So lautete der eigentümliche Name der Firma.
Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, welche Dienstleistungen ein solches Geschäft anbot.
Wurden dort Gartenzwerge für verzwickte Personen feilgehalten – wie Pensionisten, Busfahrer, Magistratsbedienstete oder Postpartner-Inhaber?
Na egal …
Spätestens nach zwei Jahren würde dieses Geschäft wieder verschwunden sein – Konkurs … wie der Großteil der Jungunternehmer, Start-ups und verzweifelten Ein-Mann-Betriebe … Pardon – Ein-Personen-Betriebe. Ansonsten fühlte sich die niederträchtige Gattung ›weiblicher Mensch‹ bekanntlich diskriminiert.
#Metoo
#Sexismus
#Emanzipation
Die Atemluft gepresst ausstoßend schaltete Lavanda den Laserdrucker ein, platzierte die Tasse neben den vierundzwanzig Zoll Bildschirm und setzte sich auf den maroden Bürostuhl, dessen Rückenlehne bereits beängstigend wackelte.
Rechnungen mussten geschrieben, E-Mails durchgecheckt und ausgedruckt, Kunden angerufen werden.
Weiblicher Bullshit, verschissene Horoskope sowie die naive Annahme, positive Gedanken brächten positive Erlebnisse, würden ihr diese Arbeiten nicht erleichtern.
Das, was du anderen wünschst, wird dir selbst auf eine ähnliche Weise widerfahren!
Beinahe hätte sie laut aufgelacht.
Hätte dieser Spruch nur im Ansatz der Wahrheit entsprochen, hätte sie längst ein Himmelreich besitzen müssen.
Wie viel Gutes sie den Menschen jahrelang gewünscht hatte – aus tiefstem Herzen, aus echter Nächstenliebe …
Doch wie üblich war das exakte Gegenteil eingetroffen.
Nein, an solchen Märchendreck glaubte sie nicht mehr.
Sie glaubte gar nicht mehr – sie wusste. Alle anderen verschissenen Sprüche konnten sich diese zurückgebliebenen Saftsäcke in ihre breitgesessenen und mit Transfetten ausgepolsterten Ärsche schieben!
Ja, die ewige Jammerei bezüglich des Übergewichts …
Dabei war Fakt: Neunzig Prozent aller adipösen Personen fraß schlichtweg zu viel.
Ja, es gab wenige wahrhaftig leidtragende Menschen, welche an einer Krankheit litten und/oder durch Medikamente zunahmen. Für solche Menschen hegte sie sogar das bisschen Mitgefühl, welches sie noch ihr eigen nennen durfte.
Doch wie sagte ihr Hausarzt stets?
Ein jeder Mensch litt an einer Krankheit.
Selbst wenn es bloß lästige Schweißfüße waren. Jeder hatte sein Päckchen zu tragen. Darum brauchten Menschen nicht über Gewichtsprobleme zu jammern, wenn diese meistens erst gar nicht die Disziplin aufbrachten, um zu sagen: Nein, heute schlinge ich keinen Rieseneisbecher hinunter, heute verkneife ich mir meinen Kaffee mit Schlagsahne und leere keine ganze Chipspackung, sondern belasse es bei meiner Hauptspeise.
Du wirst schon sehen, spätestens mit dreißig wirst auch du dick!
Dies stellte die wunderbare Äußerung einer neidigen alternden mit ihrem Leben nicht zurechtkommenden Drecksfotze dar – geradewegs an eine achtzehnjährige Lavanda gerichtet.
Einige Jahre hatte Lavanda sich deshalb gesorgt und vermutet, dann erst recht von Männern und der Gesellschaft im Allgemeinen ignoriert oder belächelt zu werden.
Tja, meine Gute, dachte sie bissig. Nun bin ich jenseits der dreißig und noch immer schlank und wohlproportioniert wie zu meinem zwanzigsten Geburtstag.
Und pass erst einmal auf, hallte es ihr besserwisserisch durch den Verstand, wenn du dein erstes Kind bekommen hast.
Lavanda lächelte grimmig.
Wenn sich durchvögelnde Frauen unbedingt quengelnde, ressourcenfressende, egomanische Monster in diese ohnehin überbevölkerte Welt setzen wollten, durften sie sich über Hängebrüste, wabbelige Hintern und Bäuche, welche an aufgeschwemmte Holzpilze erinnerten, nicht beschweren. Besonders dann nicht, wenn Mütter in ihrer Schwangerschaft eifrig »für zwei« aßen. Nicht jeder besaß gute Veranlagung. Aber exakt diese half beim Abnehmen oder Gewichthalten enorm.
Wem beispielsweise die Veranlagung für ein Sixpack fehlte, konnte täglich hundert Kilometer rennen und Gewichte stemmen – Muskeln würden sich nicht entwickeln. Nicht zuletzt deshalb fand Lavanda es fürchterlich, was Werbung durch jahrzehntelange Suggestion angerichtet hatte: Frauen mussten schlank, mittelgroß und mit einem üppigen Vorbau glänzen, gänzlich enthaart und logischerweise schneeweiße Zähne besitzen. Natürlich aussehende Kunstnägel waren genauso wenig verkehrt wie eine ganzjährige gesunde Bräune und blondes, volles Haar. Und letztendlich durften Markenartikel niemals fehlen: Fendi-Sonnenbrillen, Dolce&Gabbana Handtaschen, Kleider von Versace oder Chanel – und teure Designerdüfte gleichnamiger Marken.
Das daraus irgendwann Mobbing gegen ›hässlichere‹ Menschen resultierte, war lediglich eine Frage der Zeit.
Jetzt, unzählige Selbstmorde später, wurde auf Political Correctness gesetzt, und alles, was abstoßend und dezidiert andersartig war, wurde in die Modebranche gezwängt. Ob Frauen mit Pigmentstörungen, Verkrüppelungen, immensem Übergewicht oder anderen Besonderheiten der Natur – alles war gern gesehen, und Toleranz wurde erwartet.
Was hingegen niemand bemerkte: Der normale Durchschnittsmensch wurde weiterhin in die Ecke gedrängt.
Normal war langweilig. Normal war öde. Normal war unbedeutend.
Eigenartigerweise wurde aber ein jeder sich etwas auffälliger kleidende Mensch schief angeblickt …
Die verschrobenen Ansichten der modernen Gesellschaft würde Lavanda niemals begreifen. Umso dankbarer war sie, die Buchhaltung und Fakturierung abarbeiten zu dürfen, erforderten diese Tätigkeiten nämlich größere Konzentration, womit ihre Gedanken zumindest für die nächsten drei Stunden etwas Ruhe gaben.
Etwas – da es ihr partout nicht gelingen wollte, diesen verdorbenen Geschmack der Nutzlosigkeit abzuschütteln oder überhaupt einen rechten Sinn in ihrem Leben zu entdecken.
Es wurde ihr zu viel.
Zu viel Hektik, zu viel Lärm, zu viel Verantwortung, zu viel Verpflichtung, zu viel Arbeit, zu viel Einsamkeit.
Wozu lebte sie?
Um zu arbeiten? Zu lernen? Schmerzen zu erdulden? Missverstanden und eiskalt ignoriert zu werden, sich blöde Sprüche anzuhören –
Ein das Büro betretender Kunde schob ihren inneren Disput zur Seite.
Es handelte sich um einen ausgesprochen attraktiven Kerl ihres Alter.
Ein wenig abgehetzt und ruhelos blickte er sich um.
Anscheinend hatte er sie noch nicht bemerkt.
Kein Wunder, bei den vielen verstaubten Geräten um sie herum und den sich hochtürmenden Papierstapeln …
Heute zumindest war ihr dieser chaotische und zumeist nervige Umstand zu etwas nütze. Dadurch war es ihr nämlich möglich, diesen Feschak etwas länger und genauer zu betrachten.
Was ihr zuallererst auffiel, war seine himmlische Frisur.
Zugegeben, ehe sie einem Kerl auf den Hintern blickte – was sie ohnehin nur äußerst selten tat –, waren ihr Gesicht und Haarpracht wichtiger. Was half ein knackiger Po, wenn die Vorderseite nicht ansprach?
Nun, in diesem Fall brachte des Mannes welliger bis gelockter, brünetter Undercut ihr Herz ungewollt auf Trab – wenn man den Schnitt derart bezeichnen durfte, fiel das Deckhaar doch relativ lang und füllig aus und die üblicherweise kürzer geschnittenen Stellen waren kaum zu erkennen.
Lag es an den angedeuteten Locken? Nach genauerem Betrachten schien der Stufenschnitt eigentlich gar nicht vorhanden zu sein. Das seitliche weniger dicht ausfallende Haar erweckte einen solchen jugendlich-frischen Eindruck des Friseurhandwerks. Stattdessen hatte der Kunde die für einen Mann mittellange Haarpracht offenbar bloß mit den Händen und minimalem Einsatz von Gel locker nach hinten gestreift.
Das Ergebnis: Eine luftige, schnell zu bewerkstelligende Frisur, welche diesem Kerl eine nahezu verboten sexy-verruchte Aura verpasste und Frauen höchstwahrscheinlich anzog wie … Fliegen vergammeltes Hühnerfleisch.
Sie fragte sich, wie sein Haar in der Sonne anmuten mochte. Wahrscheinlich schimmerte es bronzen- und kupferfarben – ähnlich wie das ihre. Ihr Deckhaar zeigte sich im strahlenden Licht golden bis Dunkelblond, die unteren Schichten warteten mit einem Kupferstich und Bronzentönen auf. Fatalerweise hatte sie im Laufe der letzten zehn Jahre beinahe zwei Drittel ihre Fülle einbüßen müssen.
Er hingegen zeigte exakt das Haarvolumen, welches sie einst besessen hatte: nicht zu füllig – wie ein dunkler Typ –, dafür reichlich feines Haar, welches sich fröhlich-verspielt manchmal mehr und manchmal weniger lockte.
Sie selbst besaß ebenfalls leicht lockiges Haar. Einige Jahre lang waren diese sogar sehr ausgeprägt, an anderen wiederum gänzlich verschwunden gewesen.
Einen ähnlichen Umstand vermutete sie in seinem Fall. Und erheblich mehr fragte sie sich, weshalb sie sich derart viele Gedanken um die Mähne eines wildfremden Mannes machte …
Offenbar haderte sie mit ihrem sich seit fünf Jahren schleichend ergrauenden und schütter werdenden Kopfschmuck.
Es waren vereinzelte schneeweiße Haare, welche sich da vermehrten. Allerdings wollte Lavanda diese nicht färben. Grundsätzlich wäre es ihr sogar recht zu ergrauen. Schneeweißes, langes Haar hatte seinen Reiz. In ihrem Fall jedoch hing dieser unausweichliche Alterungsprozess mit einer anderen, schmerzhaften Tatsache zusammen: zu ergrauen – und nach wie vor ungeküsst zu sein.
Des Öfteren hatte sie mit dem Gedanken gespielt, sich einen Escortservice zu bestellen – einen halbwegs ansehnlichen Typ mit Erfahrung und Einfühlungsvermögen, welcher mit ihr schlief und sie danach noch etwas in den Armen hielt … ihr für wenige Stunden ihren Freund vorspielte.
Sogar Mehrkosten würde sie dafür in Kauf nehmen.
Dann, wenn der Mann seinen Job getan hätte, würde sie sich in die Badewanne legen und sich die Pulsadern aufschneiden.
Sie verdrängte die Traurigkeit, verdrängte die Übelkeit, verdrängte die Tränen und konzentrierte sich auf das Jetzt.
»Guten Tag.«
Des Traumhaar-Verschnitt-Kerls Haupt schnellte in ihre Richtung – und ein heißkalter, beinahe nicht wahrnehmbarer Schauer huschte über Lavandas Haut.
Seine dunkelblauen Augen – waren sie dies eigentlich? Mit Sicherheit konnte sie es nicht sagen – muteten an, ihr bis ins Herz und in ihre schmerzende Seele zu blicken.
Einbildung, dachte sie über sich selbst erbost, alsbald sie bemerkte, wie dieser Beau ihr sympathisch wurde.
Das hatten wir bereits dreimal, ein viertes Mal können wir uns getrost sparen.
Sympathien zu erwecken, damit man sie ausnahm, damit man sie um den Finger wickelte, damit man sie letzten Endes wortlos stehenließ – sogar als Kunde!
Ihre Wut wuchs an, ihre zuvor aufkeimende minimale Positivität erstarb abrupt.
»Kann ich Ihnen helfen?«
Sie erhob sich, um im Zweifelsfall ohne Zeitverlust die richtige Bestellung herauszusuchen oder USB-Sticks oder andere Datenträger entgegenzunehmen.
»Verzeihung, wäre es –«
Weshalb hielt der Mann inne? Sie wusste es nicht. Und es interessierte sie nicht weiter. Sie wollte diesen Kerl bloß schnellstens loswerden. Vor allem, alsbald sie seines Outfits gewahr wurde.
Eine schwarze wertig aussehende Lederjacke ohne verspielten Firlefanz wie Buttons oder übertrieben schimmernde Druckknöpfe, darunter ein versnobtes weißes Hemd mit ausladendem verwegenem Kragen kombiniert mit einer eng geschnittenen schwarzen Jeans und schwarzen Schuhen.
Ergo: ein typischer Weiberaufreißer auf der Suche nach einem schnellen Fick. Jemand, welcher sich niemals für sie interessieren und wesentlich weniger anbaggern würde.
Jemand, welcher es nicht wert war, sympathisch gefunden zu werden.
Ein Mann – überflüssig und lästig wie Warzen.
»Holen Sie einen Druckauftrag ab?«
»Nein, ich wollte lediglich darum bitten, ob ich für eine halbe Stunde Ihren Parkplatz benützen dürfte.«
Nicht noch einer!
Seit Jahren baten Personen um kurzzeitiges Parken. Dabei besaß die Firma bloß vier Stellplätze, dementsprechend eng konnte es an geschäftigen Tagen werden.
Dennoch verstand Lavanda die niemals enden wollende Fragerei.
In Klagenfurt waren Parkplätze Mangelware. Und die neu gestalteten Kurzparkzonen? Diese hatten zwar das durch unzählige Pendler hervorgerufene Parkchaos eingedämmt, dafür musste nun weitaus tiefer in die Tasche gegriffen werden, um Erledigungen in der Innenstadt und im inneren Gürtel machen zu dürfen. Zudem war die Parkzeit auf vier Stunden begrenzt worden. Für eine Hauptstadt ein unmöglicher Zustand.
Und ebenso für sie! Denn nahezu jeden Tag musste sie fragenden Personen eine Absage erteilen. Manch einer von ihnen wurde dann ausfällig, andere straften sie mit angewiderten Blicken.
Lavanda gab dennoch nie nach. Das Gejammere Ihres Chefs, falls sie jemandem eine Parkerlaubnis erteilte, wog zu schwer und belastete tausendmal mehr als das schlechte Gewissen, einem Menschen in Not nicht geholfen zu haben.
»Es tut mir leid«, versetzte sie. »Das geht nicht.«
Überraschende ehrlich anmutende Hilflosigkeit legte sich über des Schnösels Miene. Er warf einen flüchtigen Blick auf seine – was auch sonst? – goldene dekadente Armbanduhr, und eine regelrechte Panik vermengt mit Aggression nahm seinen ebenmäßigen Gesichtskonturen, allen voran den sanft geschwungenen Augenbrauen, ihre Grazie.
»Es wäre lediglich für eine halbe Stunde. Ist es nicht irgendwie möglich?«
Der verstörte Ausdruck war nicht gespielt. Dieser Mann stand mächtig unter Zugzwang. Fatalerweise konnte sie ihm nicht aushelfen – obwohl sie es gerne getan hätte. Nicht aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes, nicht aufgrund dieser unsäglichen Sympathieentwicklung, sondern einzig ihrer neurotischen Hilfsbereitschaft wegen.
Seit jeher hatte sie Menschen helfen wollen – seit jeher hatten Menschen sie deshalb ausgenutzt.
Würde sie niemals daraus lernen? War es unmöglich, diesen Reflex auszuschalten?
Widerwillig schüttelte Lavanda den Kopf. »Tut mir leid.«
Ihr verfluchtes schlechtes Gewissen knotete ihr den Magen zusammen. Und des Typs wütendes wie flehendes Mienenspiel? Dieses war nicht eben unterstützend dabei, ihr eigenes Gefühlstohuwabohu zu bändigen.
Verdammte Scheiße!
Was wollte alle Welt eigentlich von ihr? Andauernd wurde sie um Hilfe gebeten! Und wer half ihr? Niemand! Kein verschissener Mensch!
»Es ist ein Notfall«, erwiderte er drängend, frustriert … restlos verzweifelt. »Normalerweise bitte ich nicht um einen Gratisparkplatz. Allerdings sind sämtliche kostenlose Abstellplätze belegt, und ich habe nicht genügend Kleingeld dabei, um ein Ticket zu ziehen. Hätte ich das Geld, würde ich nicht hier stehen und wie ein Bittsteller auf den Knien rumrutschen. Ich habe einen dringenden Termin um halb zwei in der Richtstraße. Ich schaffe es nicht mehr, falls ich nicht sofort losgehe.«
Lavanda blickte zur billigen Plastikuhr auf der von ihr rechts gelegenen dünnen Ytong-Mauer.
Es war fünfzehn Minuten nach eins.
Das schaffte er nie.
Die Richtstraße lag Minimum dreißig Gehminuten von der Druckerei entfernt.
Da sah sie bloß eine Möglichkeit …
Sie drehte sich um und schritt zurück zu ihrem Arbeitsplatz, an dessen linken Seite ein unauffälliger dunkelroter Kunststoffstuhl stand. Auf diesem verfrachtete Lavanda jeden Morgen ihre Handtasche. Ebendiese Handtasche war ihr Ziel. Lavanda öffnete sie, suchte etwas darin, und zog zwei Zwei-Euro-Münzen hervor, welche sie angesichts eigener Kleingeldnot stets als Reserve bei sich führte.
Sie trat zu dem Attraktivling und reichte ihm die Münzen. »Von uns aus zu Fuß bis zur Richtstraße? Sie würden niemals zeitig ankommen. Hier. Parken Sie in der groß angelegten Tiefgarage in der Anderluhstraße. Dann schaffen Sie es möglicherweise.«
Die Richtstraße zog sich durch die halbe nordseitig gelegene Innenstadt – was bedeutete, dass es sich vermutlich um einen Termin bei Gericht handelte. Nervosität wie Redefreude seinerseits sprachen dafür. Sein elegantes Äußeres sowie Mimik und Gestik, welche eher Ruhe und Zartheit ausstrahlten, tendierten dagegen auf eine verschlossene, wortkarge Person, was wiederum auf enormen Druck rückschloss – etwas, das Menschen zumeist durch Anklagen, Trennungen oder Testamentseröffnungen erfuhren.
Verwirrt blickte Letztgenannter auf das schimmernde Kleingeld. Er wirkte wie in Trance. Eine weitere unpässliche Reaktion für einen Mann seines Kalibers.
»Hier, nehmen Sie«, befahl sie drängender. »Ansonsten kommen Sie ernsthaft zu spät.«
Sein gedankenferner Augenausdruck verschwand, und an seine Stelle trat diese Lavanda aufwühlende verruchte Intensität. Kein Beäugen … ein Erforschen. Ein in sie Eindringen und sie restlos Vereinnahmen.
»Verzeihen Sie die Frage … weshalb tun Sie das?«
Sie hielt sich davon ab, ihre hochkletternde Unsicherheit durch ein peinliches Räuspern in die Schranken zu weisen und sich dadurch erst recht lächerlich zu machen. Stattdessen atmete sie einmal tief durch, verteufelte sich tausendmal im Geiste für ihre grenzdebilen und klischeehaften gefühlsmäßigen Reaktionen und begann mit ihrer hoffentlich halbwegs verständlichen und vernünftig anmutenden Erklärung.
Sie berichtete über die widerrechtlich abgestellten Kraftwagen, die abgemeldeten Fahrzeuge, die von der Druckerei beglichenen Abschleppkosten, die Dauerparker – und das vorprogrammierte Gejammer seitens ihres Chefs, sollte sie diesem von des Attraktivlings Notsituation und der daraus resultierten Parkerlaubnis unterrichten müssen.
»Glauben Sie mir«, brachte sie ihren Vortrag zu einem erbärmlichen Ende. »Dieses Gezeter will ich mir nicht mehr antun. Besonders nicht für jemanden, welcher eine einfache Parkgelegenheit braucht und den ich niemals mehr in meinem Leben wiedersehen werde. Verstehen Sie?«
Weshalb irgendjemanden noch mit Samthandschuhen anfassen? In ihrem Fall war dies nicht eben oft geschehen. Eher noch bewusst getreten worden war sie. Neidzerfressene Personen liebten es, durch kränkende Meldungen andere zu verletzen, zu unterdrücken, zu denunzieren.
Eine ihr Gänsehaut bescherende Erkenntnis blitzte in des schönen Mannes Antlitz auf und half ihr, die entsetzlichen Eindrücke der Vergangenheit und Gegenwart zur Seite zu drängen und sich die Frage zu stellen, was genau in dessen hübschem Köpfchen vorging.
»Vielen Dank.« Zögerlich, ja nahezu andächtig, jedoch zu keiner Zeit unterwürfig nahm er die Münzen an sich. »Sobald es mir möglich ist, gebe ich Ihnen das Geld zurück. Versprochen.«
Stolz ohne Überheblichkeit. Dankbarkeit ohne Falschheit. Verzweiflung ohne brachialen Hass.
Im Gegensatz zu ihr hatte dieser Mann sich noch ein Mindestmaß an Menschlichkeit behalten können …
»Ist schon in Ordnung«, meinte sie salopp. Es gelang ihr partout nicht, ein schmales Lächeln zu unterbinden, wofür sie sich wesentlich mehr hasste. »Aber jetzt gehen Sie lieber, ansonsten kommen Sie wirklich zu spät.«
»Ja, vielen Dank.« Seine Nervosität fachte hoch. Flott drehte er sich um, hechtete los –
Und wäre beinahe in Lavandas Chef gelaufen.
Der Schönling presste ein überraschtes und dadurch mindestens eine Oktave höheres »Verzeihung« hervor.
Lavanda musste sich eingestehen, seine wohlklingende Stimmlage hörte sich selbst in dieser witzigen Situation toll an.
»Nicht so eilig, junger Mann«, intonierte ihr großgewachsener Chef, dessen kecker Kurzhaarschnitt sich seit drei Jahren gänzlich silbern präsentierte. »Ansonsten könnten Sie das Glück Ihres Lebens übersehen.«
Innerlich schnitt sie eine Grimasse.
Es war typisch. Nicht ein einziges Mal konnte sich dieser neunmalkluge Mensch seine Pseudo-Weisheits-Sprüche verkneifen.
Bemerkte dieser Depp nicht, dass solche Äußerungen zumeist nervten und manch eine Person überdies verletzten?
Wie sie selbst? Oder womöglich sogar den Attraktivling?
Herr Huber wusste nichts über das Schicksal seines Gegenübers, dementsprechend zurückhaltend sollte er – und die restliche rotzfreche, hinterfotzige Gesellschaft – sich geben!
»Mir kann Derartiges nie passieren«, erwiderte der Parkplatzsuchende sogleich. Eine beträchtliche Ladung Sarkasmus gepaart mit Verbitterung schwang in seinem Tonfall mit. »Glück existiert nicht. Genauso wenig wie Götter oder wahre Liebe.«
Irgendwie konnte sich Lavanda des Eindrucks nicht erwehren, dass Feschak diese Äußerung gar nicht hatte tätigen wollen – was sie tief in ihrem Innersten berührte.
Die hochkriechende Scham, die Wut auf sich selbst, die Versagensgefühle - sie kannte den Emotionstsunami zu gut, der in solchen Momenten losgetreten wurde.
Obwohl Feschak ihr allmählich leidzutun begann, war sie dankbar für diesen ungewollten Ausrutscher seinerseits, brachte er doch tiefer liegende Auffassungen zutage und befeuerten diese Vermutungen. Vermutungen über unschöne Lebenserfahrungen, Schicksalsschläge oder einschneidende Erlebnisse.
»Na, na. Nicht so negativ«, gab Herr Huber grinsend und auf diese ihr allzu bekannte überheblich anhörende Weise zurück. »Das Leben ist schwer genug, da muss man es sich nicht noch selbst schwerer machen.«
Aber ansonsten ging es diesem Tölpel gut, oder?
Ernsthaft!
Manchmal musste Lavanda sich wirklich fragen, ob der Großteil der Bevölkerung das Glück gepachtet hatte. Wie sonst waren derartige hirnverbrannte Meldungen zu erklären?
»Man braucht es sich gar nicht selbst schwerzumachen«, entgegnete Attraktivling trocken. »Dafür gibt es Mitmenschen. Diese schaffen solche Kunststücke mit Leichtigkeit. Ein gutes Beispiel stellen Freunde oder Familienmitglieder dar: Man glaubt, man könne sich vertrauen und gegenseitig helfen. Stattdessen sitzen die lieben Bekannten dann in der Hängematte, währenddessen du ihnen den verdammten Rasen mähst.«
Ihr Chef lachte.
Und sie?
Für sie war diese Aussage urkomisch wie erfrischend ehrlich zugleich. Ein Genuss – und obendrein eine regelrechte Befreiung für ihre Seele, weshalb sie sich erst gar nicht bemühte, ihre exorbitante Freude niederzuhalten, und dem sich ihr zuwendenden Parkplatzsuchenden ein breites Lächeln zuwarf.
Ebendiese äußerst selten zum Vorschein tretende Freude ihrerseits schien den Mann irgendwie zu erschrecken … oder bildete sie sich dies ein?
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stolperte Attraktivling aus dem Büro.
Damit war ihre mentale Frage beantwortet.
Typisch, dachte sie. Wozu habe ich diesen Drecksack in Schutz genommen?
Bislang waren sämtliche Männer zur Seite gewichen, alsbald sie diese angelächelt hatte. Einer dieser elendigen Drecksäcke war sogar vom Trottoir auf die Straße gesprungen!
Nein, es war keine Einbildung gewesen. Nein, sie reagierte nicht über. Nein, sie war nicht schizophren oder litt an einer bipolaren Störung oder anderen psychischen Beeinträchtigungen.
Man nahm andauernd Abstand von ihr.
Weil sie nie genügte. Weil irgendetwas an ihr einen jeden Menschen – und insbesondere Männer – verscheuchte. Weil sie deshalb seit jeher an Einsamkeit und Alleinsein litt.
Darum wurde ihr die Idee mit dem Escortservice und dem darauffolgenden letzten Vollbad zunehmend attraktiver.

Jeweils zwei Treppen zugleich nehmend, überwand Lilian die drei Stockwerke hoch zum Zimmer Nummer achtunddreißig. Er öffnete die wuchtig-altertümliche dunkelbraune mit farblosem Lack bestrichene Holztür –
»Wie üblich auf den letzten Drücker!«, wurde er von einer echauffierten, ihm viel zu vertrauten Frauenstimme begrüßt – und ein Blick, kalt wie Dezemberschnee.
Hass, Nervosität, Schmerz überfielen ihn wie eine hungrige Meute Straßenköter.
Sabrina.
Das rotgefärbte, mit voluminösen Locken ausstaffierte Haar fiel selbstgefällig und erhaben über ihre Schultern bis knapp über die üppige Oberweite. Elegantes, businessmäßig gehaltenes Make-up, dunkelrot lackierte Fingernägel sowie ein perfekt sitzendes cremefarbenes Kostüm inklusive High Heels und rubinroter Handtasche rundeten ihre männermordende Erscheinung ab.
Kein bisschen verändert hatte sie sich. Nicht einmal ihr überheblich-entnervtes Mienenspiel. Sogar ihre Figur hatte nichts von ihrer erotischen Grazie verloren – trotz der erst wenigen Monate zurückliegenden Entbindung. Lediglich ihre Brüste hatten ordentlich an Größe zugelegt. Verständlich, wenn die Milch einschoss …
»Wie zu einstigen Zeiten gelingt es dir nach wie vor nicht, mit Pünktlichkeit zu glänzen.« Angewidert verzog Sabrina die zugekleisterte Schnute. »Wann wirst du endlich erwachsen werden? Wann wirst du endlich damit aufhören, mich vor fremden Leuten bloßzustellen?« Sie wandte sich an ihren Rechtsanwalt, ein großgewachsener schwarzhaariger schlanker Schlipsträger in seinen späten Dreißigern. »Du musst wissen, Karl, mein Mann liebt es, mich zu demütigen.«
Diese verfluchte Beißzange!
Diese elendige berechnende Musche!
Obwohl ihm unzählige beleidigende Argumente auf der Zunge lagen, hielt Lilian sich davon ab etwas Unbedachtes zu erwidern.
Sabrina sollte sich mit ihren haltlosen Anschuldigungen selbst bloßstellen.
»Ich habe dich nie gedemütigt«, sprach Lilian erzwungen ruhig. »Das weißt du – und das weiß ich. Allerdings trittst du unsere Liebe mit Füßen.«
Anders konnte er Sabrinas Aktionen nicht in Worte fassen.
Letztgenannte geizte nicht damit, ihren Hass und Ekel in Form von mimischen Höchstleistungen darzubieten. »Du hast mich hintergangen und mich belogen! Ich habe mein Gesicht verloren! Weißt du eigentlich, welchem Klatsch ich in der Firma seit unserer Trennung ausgesetzt bin?« Pathetisch bedeckte sie das wabbelige Dekolleté mit der linken Hand. »Du kannst dir nicht im Geringsten vorstellen, wie sehr ich darunter zu leiden habe! Und von deinen persönlichen Eskapaden meiner Person gegenüber sowie deiner Unfähigkeit, sich in einen gedemütigten Mitmenschen einzufühlen, spreche ich noch gar nicht!«
Es war Lilian unmöglich zu sagen, ob er eben rot anlief vor Zorn, oder wie sein Gesichtsausdruck im Speziellen anmutete, auf jeden Fall entstand in ihm das enorme Verlangen, diese garstige, verlogene, hinterfotzige Frau aus dem Fenster zu werfen.
»Wir wissen beide«, entgegnete Lilian kühl. »Wer von uns lügt, betrügt und seinen Mitmenschen das Leben zur Hölle macht.«
»Was?!« Schien Sabrina zuvor noch angewidert-erhaben, erweckte sie nun den Eindruck, ihn zerstückeln und entmannen sowie darauffolgend bei lebendigem Leibe verbrennen zu wollen. »Was erlaubst du dir eigentlich?! Nach all den Jahren unserer Ehe behandelst du mich wie den allerletzten Dreck!«
Ihr Gekeife schmerzte ihm in den Ohren – doch Gott sei Dank nicht mehr in der Seele. Dafür war diese schlichtweg nicht mehr lebenskräftig genug.
Lilian wollte etwas einwerfen, der ergraute Scheidungsrichter namens Kornhammer, welcher bis eben noch still hinter seinem Mahagonitisch gesessen hatte, hielt ihn davon ab, indem sich dieser ausgesprochen würdevoll, autoritär, aber vor allem maßregelnd erhob. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch des Mannes immense Körperfülle.
»Ich bitte die Herrschaften, sich zu beruhigen.« Erbost blickte er zuerst zu Sabrina und anschließend zu Lilian. »Achten Sie auf Ihren Ton und gebieten Sie Ihren Emotionen ein wenig Einhalt.« Sachtes Verständnis auf seinen schmalen Lippen verdrängte etwas von der anfänglichen Missstimmung. »Ich verstehe es ganz und gar, dass diese Situation belastend und verletzend für einen jeden von Ihnen beiden sein muss. Nichtsdestotrotz sind wir erwachsene Menschen. Sie waren fünf Jahre lang ein Liebespaar. Denken Sie daran zurück und besinnen Sie sich auf Vernunft und Anstand.«
Lilian begriff es nicht.
Weshalb wurde andauernd in seiner Gegenwart auf ein erwachsenes Verhalten plädiert? Weshalb wurde er strafend angeblickt? Er hatte nichts verbrochen und sich nicht wie eine Furie verhalten! Wenn überhaupt traf all dies auf Sabrina zu!
»Nehmen Sie bitte Platz.« Der Richter deutete auf vier vor dem protzigen Bürotisch aufgereihte verschnörkelte Vollholzstühle, deren gepolsterte Sitzflächen mit rotem Samt überzogen worden waren.
Sie taten wie verlangt.
»Herr Lilian Gruber-Steiner.« Herr Kornhammer faltete die aufgedunsenen Hände und legte diese entspannt auf das Tischblatt. »Sie traten zu mir heran, um Ihre Ehe mit Frau Sabrina Gruber-Steiner aufzulösen.«
Lilians Herzschlag beschleunigte sich enorm. »Das ist korrekt.«
»Ihre Frau dagegen hat mir in einem vertraulichen Gespräch von diesem plötzlichen, unverständlichen Wunsch Ihrerseits berichtet.« Der Augenausdruck des Richters wurde schneidend, wütend. »Und nicht zuletzt, wie sehr diese Entscheidung Frau Gruber-Steiner erschüttert.«
Lilian kam beinahe die Galle hoch.
Es war typisch.
Sabrina gelang es stets, Männer um ihren kleinen verkrümmten Finger zu wickeln – vorzugsweise alternde Typen, welche knackigen Frauen gerne einmal auf den Hintern fassen wollten.
Offenbar war auch Herr Kornhammer auf Sabrinas zuckersüße, einlullende Masche der betrogenen, hintergangenen Ehefrau hereingefallen, womit Lilians Chancen, heil aus dieser Ehehölle zu entkommen, nahezu auf null gesunken waren.
Machen Sie sich nichts draus, Herr Kornhammer, dachte Lilian. Sie sind nicht der Erste, welcher sich von dieser Drecksfotze manipulieren lässt.
Da gab es einmal Lilians Ärzteschar bestehend aus Hausarzt, Zahnarzt, Therapeut, dann seine ehemaligen Arbeitskollegen, seine Ex-Nachbarn und sein einstiger Freundeskreis …
Wie Sie sehen, befinden Sie sich in guter Gesellschaft.
Lilian richtete sich gerader auf und sammelte seine letzten noch verbliebenen Nerven zusammen. »Meine Frau weiß seit Längerem darüber Bescheid.«
Der Richter stutzte und drehte sich dieser vermaledeiten Schreckschraube zu. »Ach? Wie lange ist Ihnen dieser Sachverhalt bewusst?«
»Überhaupt nicht!«, protestierte Sabrina gekünstelt überrascht. »Keinen Moment lang habe ich davon geahnt.« Demütig neigte sie das aufgedonnerte Haupt. »Ich gebe es zu: Wir führen nicht unbedingt eine Bilderbuchehe.« Sie wandte sich Lilian zu – und flugs trat der Dämon in den Vordergrund. »Obwohl du mich nicht eben auf Händen trägst oder jemals getragen hast – solch eine hinterfotzige, verlogene, gefühlskalte Reaktion deinerseits hätte ich dir niemals zugetraut! Die ganzen Jahre habe ich dich geliebt! Ich habe mich aufgeopfert – mein Geld, meine Kontakte, meinen guten Glauben mit dir geteilt. Und auf diese abscheuliche Weise dankst du es mir? Du mieser Verräter!«
In Lilians Magen setzte ein Brennen ein, sein Schädel begann zu pochen und seine Muskeln zu krampfen.
Er ertrug es nicht mehr. Er ertrug diese Frau nicht mehr – keine Sekunde lang.
»Frau Gruber-Steiner!«, drang des Richters autoritärer Bariton durch das Rauschen in Lilians Ohren. »Vorwürfe bringen uns nicht weiter. Wir sind hier, um diese Ehe vernünftig und geschlichtet zu trennen. Stimmen Sie mir in diesem Punkt zu?«
Das Engelsgesicht überlagerte Sabrinas tiefschwarze Seele. »Selbstverständlich! Nichtsdestotrotz müssen Sie mich ebenfalls verstehen: Ich fühle mich gekränkt und hintergangen.«
»Darum wollen wir sachlich und objektiv bleiben«, erwiderte der Herr streng und äugte zu Lilian. »Herr Gruber-Steiner, welche konkreten Gründe liegen Ihrer Meinung nach vor, um die Ehe zu Ihrer Gemahlin aufzulösen?«
»Unüberwindbare Differenzen.«
Des Richters Augenbrauen zogen sich tief nach unten. »Eine etwas genauere Formulierung wäre in diesem Fall äußerst wünschenswert.«
»Die Reaktion meines Mannes zeigt deutlich, was ich Ihnen während unseres letzten Termins zu erklären versucht habe.«
Lilians Innerstes kochte. »Dürfte ich erfahren, worüber meine Frau sich mit Ihnen unterhielt?«
Der Richter mutete sekündlich angenervter an – und Lilian ahnte Fürchterliches.
Sie hatte Herrn Kornhammer mit ihrem Geschwätz und den Lügen längst erfolgreich vereinnahmt und ihm jegliche Objektivität geraubt. Folglich hatte Lilian keine Chance mehr, dieses verschissene Ehebündnis ohne Abstriche aufzulösen.
Seine Schlussfolgerung: Sabrina würde ihn ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Sein Leben war gelaufen.
»All die Jahre hast du mich erniedrigt!«, setzte Letztgenannte ihren Vorwurfsmarathon fort. »Du hast mich belogen und betrogen –«
»Du hast mich betrogen!«, platzte es aus ihm heraus. »Meine Liebe, vielleicht erinnerst du dich noch daran, du betrogst mich mit meinem besten Freund! Du missbrauchtest mein Vertrauen und meine Gutgläubigkeit, wolltest mir ein Kind unterjubeln, welches nicht einmal meines ist!« Er blickte zum Richter. »Alleine deshalb verlange ich die Scheidung! Sie hat ein Kind bekommen von meinem besten Freund! Überdies setzte Sabrina, ohne mich darüber zu informieren, die Anti-Baby-Pille ab!«
Weshalb hatte sie das Kind nicht mitgenommen? Wahrscheinlich kümmerte ihr Nachwuchs sie einen feuchten Dreck. Und hundertprozentig hatte sie den Kindsvater bereits auf Alimente geklagt. Alles für den Mammon, natürlich – und nicht zum Wohle des Kindes.
Herr Kornhammer weitete die Augen. »Wurde etwa ein pränataler Vaterschaftstest durchgeführt?«
»Nein«, knurrte Lilian. »Da ich keine Kinder mehr zeugen kann, ist eine Vaterschaft meinerseits ausgeschlossen. Ein Test ist hinfällig.«
»Können Sie sich das vorstellen!«, keifte Sabrina dazwischen. »Mein eigener Mann unterzieht sich einer Vasektomie und gibt mir nicht einmal darüber Bescheid! Bis vor Kurzem wusste ich nichts davon! Ich lebte mit der naiven Annahme, irgendwann einmal meinem Mann Kinder zu schenken!«
Wohl eher, dachte Lilian. Mich mit Kindern stärker an dich zu binden, beziehungsweise mich finanziell gänzlich in den Ruin zu treiben.
»Der Eingriff liegt eineinhalb Jahre zurück.«
»Und Sie haben nichts davon bemerken wollen?«, fragte der Scheidungsrichter verwundert an Sabrina gerichtet.
»Nein! Gar nichts!«
»Sind Ihnen keine Narben des Eingriffes aufgefallen?«
»Nein! Wie gesagt, mir ist nichts aufgefallen!«
»In Ordnung.« Der Richter lehnte sich seufzend zurück. »Dadurch verändert sich die Sachlage signifikant – und Ihre Bedingung, der Trennung zuzustimmen, wenn Ihr Mann Unterhaltszahlung leistet, kann nicht stattgegeben werden.«
»Wie bitte?!« Sabrina sprang vom Stuhl hoch. Alleine durch dessen ausgeprägtes Gewicht kippte das Möbelstück nicht um. »Mit diesem Eingriff hat mein Mann mich im höchsten und abscheulichsten Maße hintergangen! Normalerweise müsste ich mich von ihm scheiden lassen! Aber ich bin nach wie vor zu gutgläubig und versuche unsere Ehe mit allen Mitteln zu retten!«
Etwas Vehementes blitzte in des Richters Konterfei auf. »Gnädige Frau, ich muss Sie bitten, sich hinzusetzen und Ihre Anschuldigungen zu beenden. Ansonsten bin ich dazu gezwungen, Sie des Raums zu verweisen.«
Sabrina schnappte nach Luft. Ihr Rechtsanwalt tätschelte ihr liebevoll den Arm, woraufhin sie sich zögerlich hinsetzte. Lilian sah und spürte es gleichermaßen, wie viel Energie Sabrina dazu aufbringen musste, um nicht gänzlich die Beherrschung zu verlieren.
Wie einst, als sie ihm das einzige Erbstück seines Vaters, eine wunderschön verzierte lilafarbene Vase, entgegengeschleudert hatte.
Tausende Erinnerungen waren mit dem Gegenstand verknüpft. Die meisten aus Lilians Kindheit. Vor sieben Jahren hatte sein Vater ihm die Vase weitervererbt – es war ein Einstandsgeschenk für seine erste Wohnung gewesen.
Dann, mit einem Wutausbruch, war das Kunstwerk in Abertausend Stücke an der Wohnzimmerwand zerschellt. Ein jede einzelne Scherbe hatte einen Teil von Lilians Seele dargestellt.
Sabrinas aalglatter, abgeschleckter Rechtsanwalt flüsterte ihr etwas ins Ohr.
Lilian konnte sich längst denken, was es war.
»Herr Gruber-Steiner.« Nun brachte der Beamte eine unerwartete Milde zum Ausdruck. »Durch die Geburt des Kindes Ihrer Ehefrau sowie den Betrug möchten Sie die Scheidung einreichen, habe ich dies korrekt zusammengefasst?«
»Ja.«
»Wie lange leben Sie beide getrennt?«
»Knapp neun Monate. Ich bin von unserer gemeinsamen Eigentumswohnung ausgezogen.«
Der Richter wollte etwas einwerfen, Lilian kam ihm zuvor. »Da ich die Eigentumswohnung komplett auf meine Frau überschrieben habe, kann ich dahingehend nichts einfordernd – und ich muss gestehen, ich habe es satt, um einen jeden Stuhl zu kämpfen. Sabrina erhielt längst alles, was sie wollte: den SUV, das Ersparte, meine Filmsammlung … Soll sie damit glücklich werden. Dafür will ich alleine eines: Meinen zukünftigen Frieden vor ihrem Telefonterror, den Verleumdungen und Ihren Vorwürfen. Ich musste bereits Gesprächstherapien beginnen, da ich diesen Dauerstress nicht mehr ertrage. Ich leide an Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Ausnahmslos meinen Frieden möchte ich zurückerhalten – dieses Kapitel meines Lebens abschließen. Diese Frau hat mich systematisch fertiggemacht. Ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Niemals mehr.«
»Ihre Situation kann ich sehr gut nachempfinden.« Herr Kornhammer erfasste einen Stift und kritzelte etwas auf ein Blatt Papier. »Allerdings werden Sie beide sich noch einmal hier einfinden müssen, um die Scheidungsdokumente zu unterzeichnen.«
»Ich unterzeichne erst, wenn er mir Unterhalt zahlt!«, kam es polternd von der Seite, woraufhin sich Sabrinas Anwalt einschaltete. »Wir finden bestimmt einen Kompromiss. Das Gehalt meiner Mandantin liegt unter dem ihres Mannes, zudem muss sie, neben den Ausgaben durch ihr Kind, enorme Kosten stemmen, welche sich auf tausend Euro pro Monat belaufen.«
Der Beamte blickte über seine Brille. »Welche da wären?«
»Ihr tägliches Fitnessprogramm, das Frau Gruber-Steiner bezüglich Rückenschmerzen konsequent durchführen muss.«
»Meine Ehefrau hat noch nie über Rückenschmerzen geklagt.«
»Ich habe ein Gesundheitsattest!«, kreischte Sabrina dazwischen. »Das lege ich dir gerne vor!«
Lilian wandte sich dem Richter zu. »Im Vergleich zu meiner Frau verdiene ich um läppische fünfzig Euro brutto mehr. Darüber hinaus habe ich keinen Besitz mehr. Ich kann Unterhaltszahlungen, in welchem Umfang auch immer, unmöglich leisten.«
Sabrina war in der Firma Ihres Vaters im Vorstandssekretariat angestellt. Ihr Bruttolohn betrug zweitausendzweihundert Euro – für zwanzig Wochenstunden. Dachte er an all ihre weiteren zahllosen Vorzüge und Vergütungen, wurde ihm erst recht kotzübel.
Der Richter schrieb eifrig. »Das werden Sie nicht müssen.« Einige Momente später blickte er auf. »Frau Gruber-Steiner hat durch ihren Betrug zur Zerrüttung der Ehe maßgeblich beigetragen, womit sie keinerlei Ansprüche fordern kann – unerheblich irgendwelcher außertürlicher Ausgaben.«
»Was erlauben Sie sich?!«, durchschnitt Sabrinas hasserfüllter Ausruf den Raum.
»Lass gut sein«, versuchte ihr Rechtsanwalt sie zu beruhigen. »Sich aufzuregen bringt dir in dieser Situation rein gar nichts.«
Unterdessen hatte sich des Richters Gemüt sichtlich verdunkelt. »Ich habe viel Geduld, gnädige Frau. Nun allerdings langt es. Ich muss Sie bitten, das Zimmer zu verlassen. Die Einzelheiten wird Ihnen Ihr Rechtsanwalt gerne übermitteln.«
Abermals wurde Lilian Zeuge von Sabrinas hollywoodreifer Gesichtsakrobatik. Wie ein frisch ausgesetztes Hundebaby musterte sie den Richter demütig und unschuldsvoll. Ihr Rechtsanwalt versuchte es auf verbaler Ebene: »Ich bitte Sie, Herr Kornhammer –«
Durch Vollführung einer minimalen Handgeste brachte der Richter den Rechtsanwalt zum Schweigen. »Ich dulde keine Störungen. Frau Gruber-Steiner, verlassen Sie das Zimmer. Wir werden ohnehin nicht mehr benötigen.«
Lilian sah und spürte gleichermaßen, wie gerne Sabrina getobt und geschrien hätte. Unglaublicherweise gelang es dieser Fotze nochmals, sich zusammenzureißen und samt tödlichem Augenausdruck des Richters Anweisung Folge zu leisten.
Alsbald sie die Tür hinter sich mit einem Knall in die Angeln geworfen hatte, konnte Lilian sich nicht mehr davon abhalten, einmal tief durchzuatmen.
»Nun.« Herr Kornhammer richtete sich etwas auf. »Die Scheidung wird ohne weitere Bedingungen durchgeführt. Herr Gruber-Steiner, Sie haben keine Verpflichtungen gegenüber Ihrer Frau zu leisten, weder im ersten Scheidungsjahr noch in den darauffolgenden. Zudem lege ich Ihnen nahe, sämtliche Kosten, welche durch die Trennung direkt oder indirekt entstanden, durch ein gesondertes Gerichtsverfahren einzuklagen.«
»Dazu fehlen mir leider die finanziellen Mittel.«
Der Richter nickte. »Ich verstehe. Nun. Alsbald die Scheidungspapiere vorbereitet wurden, wird meine Sekretärin Sie zeitnah kontaktieren. Anschließend setzen Sie die Unterschrift, und die Auflösung ist vollzogen.«
»Ich danke Ihnen vielmals.«
»Nichts zu danken.« Der Richter besah ihn verständnisvoll. »Manchmal irrt man sich in einem Menschen. Dass dadurch das restliche Leben zerstört werden soll, halte ich jedoch für grausam.« Er erhob sich, Lilian und Sabrinas Rechtsanwalt taten es ihm gleich. »Sollten noch Fragen auftreten, können Sie gerne mit meiner Sekretärin in Kontakt treten.«
Lilian schüttelte dem Richter die Hand, bedanke sich nochmals und verließ das prunkvolle Zimmer.
»Na?!«, kam es keifend von links. »Hast du bekommen, was du wolltest?!« Sabrina schien kurz davor zu stehen, einen der wuchtigen Besucherholzstühle in seine Richtung schmettern zu wollen. »Du bist das Allerletzte, was diese Welt hervorgebracht hat! Ein verlogenes, hinterhältiges, nutzloses Miststück! Weshalb habe ich fünf Jahre meines Lebens mit dir vergeudet?!«
»Eigenartig.« Lilian hatte wahnsinnige Mühe dabei, die Stimme voll und kräftig erklingen zu lassen. Die beschleunigte Atmung sowie das rasende Herz waren fatalerweise nicht sonderlich hilfreich dabei, ganz zu schweigen von seinen im Zerreißen befindlichen Nervensträngen. »Exakt diese Worte kommen mir in den Sinn, sobald ich dich ansehen oder an dich denken muss.« Ohne Sabrina eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte er sich um und marschierte los – das Gezeter und Gebrülle ihrerseits geflissentlich ignorierend und eine bittersüße, sich kontinuierlich ausbreitende Leichtigkeit in seinem Innersten empfindend.
Nachdem er das Gerichtsgebäude verlassen hatte, war diese eigenwillige Leichtigkeit zu schierer Beschwingtheit herangewachsen.
Endlich war er frei. Frei und selbstbestimmend. Keine Frau konnte ihm mehr Vorschriften machen, ihn diffamieren oder bloßstellen. Nun würde er sein Leben genießen – ausnahmslos auf seine Weise.
Trotz dieses kostbaren süßen Gefühls in ihm wusste er: Es lag noch ein harter Weg vor ihm, bis dieser Neubeginn auch in seiner Seele Einzug gefunden hätte.
Er fuhr nach Hause, oder besser gesagt, in seine einstweilige Behausung: eine kostengünstige Vierzig-Quadratmeter-Mietwohnung am stark frequentierten Südring.
Neben der minimalen Größe und der ständigen Lärmbelästigung – die hochgelobte Dreifachverglasung half kaum etwas – musste die Behausung überdies mit Strom beheizt werden. Ein finanziell zukünftig nicht mehr zu bewältigender Umstand, wenn er an die Stromnachzahlung im März zurückdachte.
Lilian war sich bewusst, er musste umziehen. Je eher, desto besser, zumal sein Mietvertrag mit Ende September ablief und er sich nicht sicher war über eine Verlängerung.
Egal.
Dieser Problematik würde er sich in den kommenden Wochen annehmen. Nun musste er sich erst einmal von den seelischen Strapazen erholen. Konkret duschte er lange und siedend heiß und gammelte auf der Couch vor laufendem Fernseher herum. Er besaß keine Energie mehr, sich für sportliche Aktivitäten zu erheitern oder durch die Stadt zu bummeln.
Sabrinas Anschuldigungen hatten ihm seine noch übrig gebliebenen Kraftreserven geraubt.
Einst hatte er es geliebt, im stadtnahen Hallenbad seine Runden zu ziehen. Drei Kilometer an einem Stück in einer Stunde – das perfekte Fitnessprogramm.
Damit angefangen hatte er, um seine nicht übermäßig üppig ausfallende Muskelmasse zu erhöhen …
Die letzten sechs Monate jedoch brachte er es nicht einmal mehr zuwege, einen ausgedehnten Spaziergang zu unternehmen.
Zum Glück hatte seine Figur nicht großartig unter dem Bewegungsmangel gelitten.
Sobald es mir etwas besser geht, werde ich das Training wieder aufnehmen, dachte er, schloss die Lider und entglitt in einen tiefen, traumlosen Schlaf … welcher durch das nervtötende kratzende wie scheppernde Klingeln des Türmelders abrupt beendet wurde.
Schweißausbrüche und irrsinniges Herzrasen lähmten Lilian.
Er versuchte sich zu erheben. Es gelang ihm nicht. Sein Körper gehorchte ihm noch nicht.
Erneut wurde die Türglocke betätigt, Stromstöße durchfuhren seine Muskeln und Sehnen.
Verflucht noch einmal!
Da hätte er einmal etwas Schlaf nachholen können, und sofort wurde er durch Besuch massakriert!
Übelkeit und Kopfschmerzen setzten ein.
Er schluckte, atmete einige Male kräftig durch und stemmte sich verzweifelt hoch.
Ein drittes Mal klingelte es.
Das Geräusch stellte ihm ein jedes einzelne gottverdammte Haar auf.
Er hasste diesen Lärm! Er hasste diesen verschissenen Türmelder! Er hasste sein verfluchtes unstetes Leben!
Seit einem halben Jahr hatte er keinen Besuch mehr verzeichnet! Aber nun, wenn er einmal schlafen wollte – und es ihm sogar einzuschlafen gelungen war –, musste irgendein Vollidiot an seiner Tür Sturm läuten?!
Silberne Punkte vor seinem Gesichtsfeld hüpften quickfidel umher, zu seiner sich hebenden und senkenden Schädeldecke gesellte sich ein ausgeprägter Schwindel.
Klasse!
Dies hätte ihm eben noch gefehlt – zusammenzubrechen aufgrund eines verschissenen unangemeldeten Besuchs!
Unkoordiniert taumelte er quer durch das winzige Schlafzimmer hinaus auf den ungleich winzigeren Flur.
In der gegenwärtigen Situation war er dankbar für dieses Rattenloch. Dadurch konnte er sich zumindest an Schränken und Wänden festhalten, um nicht elegant über seine eigenen Füße zu stolpern und mit der Hackfresse voraus auf den dunkelbraunen verschlissenen Parkettboden zu knallen …
Ja, der Boden benötigte seit Langem eine Intensivbehandlung durch Politur und Einscheibmaschine.
Nun, damit konnte sich sein Vermieter herumplagen! Schließlich hatte Lilian keine einzige der unzähligen Abnützungserscheinungen verursacht, unter anderem Risse, blasse Stellen und tiefe Einkerbungen.
Zittrig langte er nach dem sich im Mantel befindenden Schlüsselbund, steckte diesen in das Schlüsselloch, welches von einem abgegriffenen silbrigen Langschild aufgehübscht wurde, und öffnete die Eingangstür.
Wenn man vom Teufel spricht …
»Guten Tag Herr Gruber-Steiner«, wurde er von seinem kleinwüchsigen Vermieter mit Namen Gernot Truppe begrüßt. »Komme ich ungelegen?«
Nein, überhaupt nicht, dachte er entnervt. Ich konnte bloß einmal in drei Monaten halbwegs friedlich durchschlafen.
Wie lange hatte er eigentlich geschlummert? Zehn Minuten? Eine halbe Stunde?
»Nein, nein. Kommen Sie herein.«
Der um die fünfzig angesiedelte deformierte Mann mit der Halbglatze, dem übermäßig groß geschnittenen dunkelbraunen Hosen und dem Trachtenhemd watschelte an ihm vorbei in die – hatte irgendjemand etwas Gegenteiliges erwartet? – winzige Küche.
»Ursprünglich wollte ich Ihren Mietvertrag verlängern«, sprach dieser nüchtern. Ein Beschwichtigung andeutender Unterton sowie die ausgesprochenen Worte an sich ließen Lilian Fürchterliches bis Katastrophales erahnen.
»Eine Nichte meinerseits benötigt dringend eine kurzfristige oder auch längerfristige Unterkunft. Sie ist im siebten Monat schwanger, ihr Freund hat die Beziehung beendet und sie aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Kurz und knapp: Ich bin gezwungen, unseren Vertrag vorzeitig aufzukündigen.«
Lilian rang um Nervenstärke, Begriffe und Sauerstoff.
Um in den Genuss dieser Wohnung zu kommen, hatte er geschlagene drei Monate gesucht, gebettelt, gebetet und während dieser Zeit teilweise in seinem rostigen Ford oder bei seinem Kumpel Mike übernachtet.
Die Eskapaden seines damaligen Arbeitgebers – Sabrinas Vater –, Kollegen und Freunde seiner verschissenen zukünftigen Ex-und der nächtliche Telefonterror hervorgerufen durch Letztgenannte hatten diese drei Monate zu den bislang schlimmsten seines abgewrackten Lebens gemacht.
Tagsüber das Mobbing und fürchterliche Gerede von Kollegen und Chef, dazu die Anspielungen, Anklagen, mahnenden und angeekelten Blicke der gesamten Belegschaft sowie das eiskalte Ignorieren vonseiten Sabrina, alsbald Lilian ihr ein Schriftstück brachte oder eine Unterschrift benötigte … abends folgten die Vorwürfe und Drohungen, dazu gesellte sich das unerträgliche Suchen und sich Vorstellen bei unzähligen Vermietern sowie Firmen – immerhin hatte er eine neue Arbeit ebenso benötigt wie eine eigene Wohnung, wenn er Abstand zu Sabrina halten wollte …
O Gott … es war eine einzige Tortur gewesen.
Diese Zeit wollte er nicht noch einmal durchleben müssen. Doch wenn Herr Truppe ihn hinauswarf, würde der Weg höchstwahrscheinlich in eine ähnliche Richtung führen.
Lilian wurde es außerordentlich blümerant.
Freilich, es gab dutzende leerstehende Wohnungen von Privatvermietern. In kaum fünf Sekunden war es möglich, eine halbwegs passende Behausung im Umkreis von fünfzig Kilometern zu finden. Mieter zu werden, einen Vertrag aufsetzen zu dürfen dagegen stellte eine schier unlösbare Aufgabe dar.
Insbesondere in Lilians Fall.
Sabrinas Bekanntheitsgrad und ihre Verbindungen reichten bis weit über die österreichischen Grenzen. All diese erfolgreichen, selbstständigen oder in gehobenen Positionen arbeitenden Personen, welche Sabrinas verlogenem Charme verfallen waren, würden es selbstverständlich niemals zulassen, einen sie respektlos behandelnden, sie hintergehenden, sie für seine Zwecke benützenden Mann Obdach zur Verfügung zu stellen – ganz zu schweigen, dass Lilian nicht ausreichend finanzielle Mittel besaß, um die typischen drei Monatsmieten im Vorhinein zu bezahlen.
Sein jetziger Vermieter hatte sämtliche Hühneraugen zugedrückt und ihm diese kleine Unterkunft ohne Mehrkosten angeboten, welche Lilian unaussprechlich dankbar angenommen hatte.
Und nun sollte dieser Spießrutenlauf von vorn beginnen?
Das ertrug er nicht mehr – selbst ohne Sabrinas Gekeife und den missfallenden Blicken verschissener Kollegen.
Verflucht …
Nun … zumindest blieb ihm die Arbeitssuche erspart.
Kurz nach Erhalt dieser Wohnung war es ihm nämlich möglich gewesen, eine Stelle in einem nahe gelegenen Baumarkt anzunehmen und dieser zusammengeschweißten, dekadenten, überheblichen, grausamen Bagage endgültig zu entfliehen. Zwar arbeitete er bloß in der Gartenabteilung – nichtsdestotrotz gefiel es ihm. Er mochte Pflanzen, hatte seit jeher ein Händchen dafür gehabt. In seinen Kindheitstagen hatte er oft im Garten seiner Eltern gespielt. Im Gegensatz zu seiner Mutter hatte sein Vater ihm einiges Wissenswertes über Kräuter, Blumen, Obst und Gemüse nähergebracht. Seine Mutter hasste den Garten, den wild wuchernden Efeu, die üppigen Obstbäume, die hochgewachsenen Gräser, die unzähligen Gemüsesorten. Für sie bildete eine jede Pflanze eine Belastung und unmöglich zu zähmendes Chaos. Lilian hatte die Farbenpracht geliebt, insbesondere die blühenden Bäume im Frühling. Wie eine verborgene Märchenwelt hatte der zweitausend Quadratmeter große Garten angemutet. Die durch die Lüfte tänzelnden Schmetterlinge, die summenden Bienen, die zwitschernden Vögel – ein Paradies auf Erden.
Alsbald er nun in die Arbeit kam, die unzähligen exotischen Pflanzen sah, fühlte er sich zurückversetzt in diese zu kurz geratene Zeit der Unbeschwertheit.
Da er zudem jahrelange Erfahrung im Office-Management besaß, war er für den Papierkram in seiner Abteilung verantwortlich. Dadurch durfte er überdurchschnittlich oft und viel im Büro sitzen und Dokumente, Abschriften und Bestellungen abarbeiten. Ein weiteres Tätigkeitsfeld stellte das Zuliefern übergroßer Gewächse wie Bäume oder Palmen dar. Manchmal spielte er den Pflanzenchauffeur, manchmal erledigte dies ein Kollege.
Alles in allem gefiel ihm sein neuer Job. Sein Leben hatte dadurch – von all den anderen Schwierigkeiten einmal abgesehen – halbwegs erträgliche Züge angenommen.
Bis zu diesem Augenblick.
Jetzt sollte er neuerlich auf der Straße landen … womöglich verlöre er dadurch überdies seine Anstellung!
Irgendwann und nach Verdrängung einer auffachenden frischen Übelkeitsattacke fielen ihm endlich Worte ein.
»Wann genau muss ich aus der Wohnung draußen sein?«
»Es wäre der Dame sehr geholfen, wenn Sie innerhalb eines Monats ausziehen.«
»Ein Monat?!«
Lilian wurde es abermalig schwindlig.
Um ein Zu-Boden-Gehen zu verhindern, lehnte er sich an die minimalistische dunkelgraue Küchenarbeitsplatte.
»Wie soll ich in solch kurzer Zeit eine neue Wohnung finden?«
Herr Truppe wrang entschuldigend die Hände. »Eine Möglichkeit wäre das Ansuchen bei einer Genossenschaft. Dringliche Fälle erhalten üblicherweise kurzfristig eine Unterbringung.«
Ja, eine Unterbringung in einer vom Schimmel verseuchten Einzimmerwohnung, die Blick auf eine Müllverbrennungsanlage bot oder sich in einem Gettoviertel befand. Und von dem einzuzahlenden Bau- und Grundkostenbeitrag sprach er noch gar nicht!
Бесплатный фрагмент закончился.
