Читать книгу: «Die Dracheninsel»
Irmela Nau
Die Dracheninsel
Roman

Für alle Drachen dieser Welt und jene,
die noch an sie glauben.
adakia Verlag UG (haftungsbeschränkt)
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Gesamtherstellung: adakia Verlag, Gera
Coverbild: Irmela Nau
1. Auflage, November 2013
ISBN 978-3-941935-06-8 (Print)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
ISBN 978-3-941935-39-6 (ePub)
ISBN 978-3-941935-40-2 (Mobi)
ISBN 978-3-941935-41-9 (PDF)
Inhalt
Cover
Titel
Widmung
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 1
Vergnügt schlenderte Emily über das sonnenbeschienene Kopfsteinpflaster der Dorfstraße. Der morgendliche Nebel hatte sich schon aufgelöst und auf den wenigen Grashalmen, die sich hartnäckig zwischen den Steinen durchbohrten, Tautropfen zurückgelassen, die jetzt wie kleine Diamanten in der Morgensonne glitzerten. Emily war schon früh auf den Beinen gewesen, denn ihre Mutter hatte sie gebeten auf den umliegenden Wiesen und im nahegelegenen Wald Wiesenkräuter und Heilpflanzen zu sammeln. Nun trug sie in der einen Hand ihren reich gefüllten Weidenkorb und mit der anderen strich sie sich ihr langes Haar aus dem Gesicht. Neidische Blicke folgten ihr, aber das störte sie schon lange nicht mehr. Seit sie den Kinderschuhen entwachsen war, wurde sie von den anderen Mädchen beneidet und von den Müttern argwöhnisch begafft, denn sie war zu einer wunderschönen Frau herangewachsen. Emily fand sich gar nicht so umwerfend, aber wo immer sie auch hinkam, schauten ihr die Menschen hinterher. So auch heute. In ihrem einfachen dunkelgrünen Wollkleid, das ihre helle Hautfarbe noch unterstrich, und mit dem langen rotbraunen Haar, in dem der Wind spielte und die Sonne kupferne Lichtpunkte aufleuchten ließ, war sie einfach eine Augenweide. Ihre schmale Taille wurde durch eine einfache goldene Kordel noch betont, und ihr Rocksaum schwang im Takt ihrer federleichten Schritte. So mancher junge Bursche im Dorf träumte wohl davon sie zu erobern, doch Emily war noch nicht bereit, ihr Herz zu verschenken. Und so hielt sie ihre manchmal etwas zu aufdringlichen Verehrer mit intelligentem Witz und schlagfertigen Worten und wenn das nicht ausreichend war, auch schon mal mit einem kleinen Dolch auf Abstand. Ihre offensichtliche Weigerung auch nur einen zu erhören, schürte den Neid der anderen Mädchen nur noch mehr, denn sie wussten, dass die jungen Männer des Dorfes sich nur nach Emily sehnten und sie als Ersatz für unerfüllte Träume herhalten mussten.
Emily hatte es nicht eilig. Ihre Mutter hatte ihr ausdrücklich gesagt, sie solle sich Zeit nehmen beim Kräutersammeln, und Emily wusste genau, warum. Heute war ihr Geburtstag, und ihre Eltern planten gewiss eine Überraschung für sie. Ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie an ihre Eltern dachte. Denn obwohl es nur ihre Pflegeeltern waren, so liebte sie die beiden doch von ganzem Herzen, und sie sorgten für sie wie für ein leibliches Kind. Der einzige Wermutstropfen war, dass niemand etwas über ihre eigentliche Herkunft wusste.
Auch das machte Emily in den Augen der jungen Männer ungleich attraktiver, denn sie könnte ja vielleicht sogar eine Prinzessin aus einem anderen Land sein. In den Augen der Mädchen allerdings machte es sie zu einer Außenseiterin. Emilys Miene verdüsterte sich, als sie daran dachte, dass sie früher bei den Spielen der anderen immer ausgeschlossen worden war. Es hatte immer kleine unerklärliche Zwischenfälle in ihrer Gegenwart gegeben und die anderen Kinder mochten nichts mit ihr zu tun haben. So war sie nie ganz in die Dorfgemeinschaft aufgenommen worden. Und manchmal hatte sie sich gefragt, ob sie nicht doch nach ihren leiblichen Eltern suchen sollte, aber sie wollte nicht undankbar sein. Sie lebte mit ihren Zieheltern ein glückliches liebevolles Leben. Von ihrer Mutter lernte sie viel über Kräuter, die zur Heilung verwendet wurden, sowie die Zubereitung von Salben und Tränken, die Heilung, aber auch den Tod bringen konnten. Ihr Vater unterrichtete sie im Umgang mit Dolch und Schwert, doch auch in der Kunst des Lesens und des Schreibens, und natürlich sollte ihr auch der Umgang mit Pferden nicht fremd bleiben. So hatte Emily den ganzen Tag genug zu tun und keine Zeit für die albernen Spielchen und Tratschereien der anderen Mädchen, die nur sich selbst und den nächstbesten Jungen im Kopf hatten. Sie liebte ihr Leben, so wie es war.
Natürlich war Emily mittlerweile in einem Alter, in dem sie über das Heiraten nachdenken sollte, aber sie wollte erst wissen, wer sie war und woher sie kam, bevor sie sich einen Gemahl suchen würde. Sie musste leise lachen, als sie daran dachte, dass Maude, ihre Mutter, erst vor wenigen Tagen versucht hatte, mit ihr über Männer im Allgemeinen und über die Ehe im Besonderen zu reden. Auch der Name Robin war immer wieder gefallen. Robin war der Sohn des Schmieds und ganz nett, aber als Gemahl? Emily kicherte. Robin brachte doch keinen …
»Einen schönen guten Tag wünsche ich«, wurden ihre Gedanken von einer gehässigen Stimme unterbrochen und Emily fuhr herum.
»Ihr scheint ja heute besonders gut gelaunt zu sein.«
»Euch auch einen guten Tag, Leah«, grüßte Emily zurückhaltend. Wenn Leah sie freiwillig ansprach, dann konnte das kein gutes Zeichen sein. Sie beäugte das Mädchen, das langsam auf sie zugeschlendert kam misstrauisch. Das feuerrote Haar hing wie immer strähnig um ihr rundes Gesicht und ihr Kleid war so eng, das sich Emily darüber wunderte, das es nicht an den Nähten einfach auseinander platzte.
»Ich habe gehört, dass heute Euer Geburtstag ist. Stimmt das?«, fragte Leah mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme und blieb vor Emily stehen. Sie schielte zu Emily hoch, die sie um einen halben Kopf überragte.
Emily zog verwundert die Augenbrauen hoch.
»Ja, da habt Ihr wohl recht gehört. Ich habe heute Geburtstag.«
»Wenn das so ist, dann wünsche ich Euch alles Gute. Wie alt seid Ihr denn geworden? Neunzehn? Zwanzig?«
»Das ist sehr freundlich von Euch. Ich bin heute einundzwanzig geworden«, antwortete Emily misstrauisch. Hinter ihrer Stirn arbeitete es. Was mochte Leah nur von ihr wollen?
»Soso. Schon einundzwanzig. Es wird langsam Zeit, dass Ihr Euch einen Mann sucht, meint Ihr nicht auch?« Leah lachte spöttisch.
Das war es also. Emily fiel ein Stein vom Herzen.
»Ach wisst Ihr, ich bin, soviel ich weiß, ein Jahr jünger als Ihr. Ich denke, ich lasse Euch den Vortritt.«
Freundlich lächelte Emily das dralle Mädchen an. »Es wäre doch nicht schön, wenn ich noch vor Euch verheiratet wäre.«
Wütende Röte machte sich auf Leah‹s Gesicht breit. »Aber glaubt bloß nicht, dass Ihr Elric bekommt. Ich weiß, dass er Euch geküsst hat, aber das bedeutet gar nichts. Er gehört mir. Merkt Euch das!«
Emily wurde blass, aber sie bemühte sich ihre Stimme unter Kontrolle zu halten, als sie sprach: »Wie kommt Ihr nur darauf, dass ich mich für Elric interessieren könnte? Er war ein verzogener Bengel, als er von hier fortging, und er hat seinen Eltern immer nur Kummer bereitet. Soviel ich weiß, hat er sich nicht ein einziges Mal bei ihnen gemeldet. Mit so einem selbstsüchtigen Menschen möchte ich gar nichts zu tun haben. Und was den Kuss angeht: den hat er sich genommen, ohne dass ich es ihm gestattet habe. Ihr dürft ihn also gerne nehmen, wenn er denn jemals wieder hierher zurückkommen sollte.«
»Oh, keine Sorge. Er kommt zurück. Schon heute. Es ist ein großes Willkommensfest für ihn geplant, zu dem Ihr allerdings nicht geladen seid«, zischte Leah gehässig.
Emily schluckte den Kloß hinunter, der ihr den Hals zuschnüren wollte.
»Nun, so groß, wie Ihr zu meinen scheint, ist mein Kummer darüber nicht. Ich feiere lieber mit meinen Eltern meinen Geburtstag und überlasse es anderen, einem großtuerischen Wicht die Stiefel zu lecken.«
Damit trat Emily entschlossen an der wütenden Leah vorbei und ließ sie einfach stehen. Sie bemühte sich um einen gleichmäßigen und ruhigen Schritt. Niemand, besonders Leah nicht, sollte merken, dass ihre Gefühle in Aufruhr waren. Und doch zuckte sie zusammen, als Leah hinter ihr hasserfüllt schrie:
»Er gehört mir. Mir allein!«
Aufgewühlt, wie sie war, wollte Emily nicht nach Hause gehen. Stattdessen verließ sie das Dorf und lief über eine Wiese zum nahen Wald, wo sie einem Pfad folgte, der sich durch dichtes Gebüsch schlängelte und sie zu einer scheinbar undurchdringlichen Hecke aus Eldersträuchern führte. Emily schob zwei dicke Äste zur Seite, zwängte sich durch die so entstandene Lücke und stand nun auf einer kleinen Lichtung. Dort ließ sie sich ins weiche Moos sinken und versuchte sich zu beruhigen.
›So‹, dachte sie bitter. ›Elric kommt also wieder. Na wie schön für ihn. Ich hoffe nur, dass er mir aus dem Weg geht.‹
Elric war drei Jahre älter als sie, und sie erinnerte sich an ihn als einen großen schlaksigen Jungen, dessen Hände und Füße zu groß für den dünnen Körper schienen. Er war stolz gewesen, als der erste Bartflaum wuchs und lief damit herum, weil er glaubte, das würde ihn männlicher erscheinen lassen, aber Emily hatte es nur lächerlich gefunden. Er war mit neunzehn von zu Hause fortgegangen, um sich die Hörner abzustoßen und ein heldenhafter Krieger zu werden. So hatte er geprahlt, doch bevor er in die Welt hinauszog, hatte er ihr eine Zeitlang den Hof gemacht. Sie dagegen wollte einfach nichts mit ihm zu tun haben, aber so eingebildet, wie er war, wollte er das nicht akzeptieren und hatte ihr eines Tages im Wald aufgelauert und sie wild geküsst. Sie hatte sich verzweifelt gegen ihn gewehrt und ihm mit ihrem Dolch einen kleinen Schnitt auf der linken Wange zugefügt. Dafür hatte er sie brutal ins Gesicht geschlagen und sie dann alleingelassen. Da ihm die anderen Mädchen des Dorfes ständig hinterherliefen, hatte er von Emily das gleiche erwartet und bevor er das Dorf endgültig verlassen hatte, drohte er ihr, dass er sich bei seiner Rückkehr mehr von dem holen wollte, was ihm seiner Meinung nach zustand und was ihm die anderen nur zu gerne gaben. Elric war, wie man so sagte, eine gute Partie. Sein Vater war ein reicher Mann und hatte ein hohes Ansehen im Dorf, so dass man seinem Sohn selten etwas abschlug. Vor allem, weil viele der Dorfbewohner in Brot und Arbeit bei ihm waren. Doch Emily hatte nie eingesehen, dass sich Elric anscheinend alles erlauben konnte, und hatte sich widersetzt. Nur von diesem Vorfall hatte sie nie jemandem erzählt. Auch ihren Eltern nicht, denn sie wusste, dass ihr Vater Elric zur Rechenschaft ziehen würde und diese Demütigung wollte sie sich ersparen, denn der Übergriff war schon demütigend genug gewesen. ›Allerdings‹, sie nagte an ihrer Unterlippe, ›woher wusste Leah von dem Kuss? Niemand war dabei gewesen und sie hatte es niemandem gesagt.‹ Verdrossen rupfte sie Moos und Gras aus dem Boden. Leah’s Überlegungen waren ja geradezu lachhaft. Als ob sie mit diesem eingebildeten Schnösel etwas zu tun haben wollte. Sie stand auf, schüttelte Gras und Moos von ihrem Rock und beschloss, nicht mehr an Elric zu denken. Schließlich war er jetzt fünf Jahren fort gewesen und er hatte sie bestimmt schon längst vergessen. Jedenfalls hoffte sie das von ganzem Herzen.
Emily nahm Ihren Korb und machte sich eilig auf den Heimweg. Ihre Mutter würde sich bestimmt schon fragen, wo sie so lange blieb und unter keinen Umständen wollte sie ihr Kummer bereiten. Der schnelle Schritt half ihr sich zu beruhigen und so betrat sie beschwingt und mit klarem Kopf das kleine Haus ihrer Eltern. Sie stellte ihren Korb auf den einfachen Holztisch, der unter dem Fenster stand und an dem sie jeden Morgen ihr Frühstück einnahmen. Von dort hatten sie einen wunderbaren Ausblick auf die weiten Felder des Vaters und konnten während der ersten Mahlzeit des Tages die Sonne aufgehen sehen. Erwartungsvoll schaute sich Emily um. Doch die Stube war leer. Nicht nur leer, sondern es stand auch kein Kuchen auf dem Tisch oder eine kleine Überraschung, wie sie sie sonst an ihrem Geburtstag immer bekommen hatte. Vorsichtshalber schaute Emily in die Schlafstube ihrer Eltern, in ihre eigene und sogar in die kleine Kammer, wo die Vorräte lagerten. Doch ihre Eltern waren verschwunden. Ratlos stand Emily schließlich wieder in der Stube. Was war denn bloß los? Hinter ihr knarrte die Eingangstür und die massige Gestalt ihres Vaters füllte den Türrahmen.
»Da bist du ja endlich, Mädchen. Wir haben schon gedacht, du hättest den Weg nach Hause vergessen.« Mit gerunzelter Stirn blickte er seine Ziehtochter streng an. »Wir haben Probleme im Stall. Du solltest besser mitkommen und deiner Mutter zur Hand gehen.« Mit diesen geknurrten Worten drehte er sich um und ging zurück zum Stall. Verwirrt schüttelte Emily den Kopf. Was war denn das? Leichtfüßig eilte sie hinter ihrem Vater her und betrat die dämmerige Scheune.
Ihre Mutter stand liebevoll lächelnd vor einem fremden Pferd, und ihr Vater stand neben ihr und hielt ein längliches Paket in Händen.
Mit runden Augen starrte Emily ihre Eltern an.
»Du hast wohl geglaubt, wir hätten deinen Geburtstag vergessen, wie?«, lachte ihr Vater. »Schaut nur mal, Maude. Eure Tochter scheint ein wenig durcheinander zu sein.«
»Ach, nu lasst doch den Unsinn, Horace.« Emilys Mutter, eine kleine rundliche Frau, stieß ihrem Mann, der sie um gut anderthalb Köpfe überragte, den Ellenbogen in die Seite und kicherte. »Ihr verwirrt sie ja noch mehr. Komm, Emily«, sie ging auf Emily zu, nahm ihre Hand und zog sie zu dem Pferd.
»Hier ist dein Geburtstagsgeschenk. Dein Vater und ich dachten, du bist alt genug, um ein eigenes Pferd zu haben.«
Emily bestaunte die Fuchsstute, die vor ihr stand. Sie war größer und kräftiger als jede andere Stute, die sie jemals gesehen hatte, und doch hatte sie einen eleganten Körperbau. Temperamentvoll warf die Stute den Kopf hoch und schnaubte, wie zur Begrüßung. Emily lachte begeistert auf.
»So ein wunderschönes Tier. Womit hab ich das bloß verdient?«
Glückselig umarmte sie ihre Eltern und das Pferd.
»Warte«, unterbrach Horace ihre Dankbarkeitsbekundungen.
»Das ist noch nicht alles.« Er streckte ihr das Paket entgegen.
»Hier ist noch etwas. Es ist an der Zeit, dass du es endlich bekommst.«
Durch die seltsamen Worte ihres Vaters neugierig geworden, nahm Emily das Paket an sich und war erstaunt über das Gewicht, das sie plötzlich in Händen hielt. Sie legte es vor sich auf den Boden, riss das Papier auf und schlug das Tuch, welches darunter zum Vorschein gekommen war, vorsichtig zurück. Vor ihr lag ein Schwert. Dass es sehr wertvoll war, erkannte Emily sofort. Der Knauf bestand aus Gold, in das ein tiefroter Rubin in Form eines Drachens eingelegt war. Auf der Klinge war eine mysteriöse Inschrift in einer ihr unbekannten Sprache eingraviert. Sprachlos blickte Emily auf die Kostbarkeit in ihren Händen und dann zu ihren Eltern. Sie wusste, dass ihre Eltern nicht reich waren und sich niemals solch wertvolle Geschenke leisten konnten.
»Was soll das alles?«, stammelte sie. »Das ist doch viel zu kostbar für mich.«
»Nein, Emily. Das ist es nicht.« Horace zog seine Tochter vom Boden und hielt sie an den Händen fest. »Wir haben nur die Stute gekauft. Das Schwert gehört dir sowieso. Wie du weißt, haben wir dich als Baby im Wald gefunden. Nicht weit von der Lichtung, auf der du so gerne deine Zeit verbringst. Du warst in die Decke gewickelt, die du in deinem Zimmer aufbewahrst, und hast jämmerlich geweint, sonst hätten wir dich vermutlich gar nicht gefunden, und dieses Schwert lag neben dir. Deine Mutter und ich haben es vor dir versteckt, weil wir nicht sicher waren, was wir damit machen sollten. Aber jetzt haben wir uns dazu entschlossen, es dir zu geben und dich deine eigenen Entscheidungen treffen zu lassen. Es ist das Einzige, was dir helfen kann, etwas über deine Herkunft herauszufinden, und wir wissen, dass es dich sehr betrübt, nicht zu wissen, wer du wirklich bist.«
In Emilys Augen schwammen Tränen, als sie ihrem Vater um den Hals fiel. »Ich bin eure Tochter, das ist alles, was ich wissen muss.«
Verstohlen wischte sich Horace ebenfalls eine Träne aus den Augen und klopfte ihr beruhigend auf den Rücken.
»Ist ja gut, mein Kind.« Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter und räusperte sich. »So, und jetzt gehe mit deiner Mutter rüber in die Stube und decke den Kaffeetisch. Ich freue mich schon den ganzen Tag auf den Kuchen, den deine Mutter vor mir versteckt hat.«
Emily lachte unter Tränen. Hand in Hand mit ihrer Mutter eilte sie ins Haus, um dem Wunsch des Vaters nachzukommen, während er noch im Stall blieb.
Seufzend ließ Horace sich auf einen Ballen Heu sinken und starrte trübe auf seine Füße. Er und Maude hatten oft und lange darüber geredet, ob Emily das Schwert bekommen sollte. Die beiden hatten es bewusst vermieden, Nachforschungen darüber anzustellen, wer Emily ausgesetzt hatte. Sie hatten beide viel zu viel Angst davor, dass sie ihre Tochter verlieren könnten. Doch sie wussten auch, wie unglücklich Emily war, weil sie nichts über ihre Herkunft wusste und wenn ihr das Schwert dabei helfen konnte etwas herauszufinden, dann wollten sie ihr diese Chance nicht länger verwehren. Emily hatte ein Recht auf ihr Erbe und zu wissen, wer sie war. Deshalb hatten die beiden schweren Herzens entschieden, ihr das Schwert zu geben, wohl wissend, das sich Emily sehr wahrscheinlich aufmachen würde, um ihre Wurzeln aufzuspüren. Noch einmal seufzte er, schlug sich auf die Oberschenkel und stand auf, um den beiden Frauen ins Haus zu folgen. Köstlicher Duft von frischem Apfelkuchen und aufgebrühtem Kräutertee stieg ihm in die Nase und nachdem er sich an den nun festlich gedeckten Tisch gesetzt hatte, ließen sie es sich gut schmecken.
Emilys Blick fiel immer wieder auf das Schwert, das neben ihr auf der Bank lag. Verstohlen strich sie mit der Hand darüber, um sich davon zu überzeugen, dass es wirklich echt war. Doch als sie merkte, dass ihr Vater sie dabei beobachtete, ließ sie es sein. Aber ihre Gedanken kreisten unablässig um diesen wertvollen Gegenstand. Nicht nur wertvoll, weil er aus Gold und Edelsteinen bestand – nein – wertvoll vor allem, weil sie endlich etwas hatte, was sie mit einer bisher ungreifbaren Vergangenheit verband und ihr vielleicht helfen würde, etwas über sich herauszufinden.
Nach der gemütlichen Runde half Emily ihrer Mutter bei der Zubereitung des Nachtmahls. Zur Feier des Tages sollte ein Kaninchen gebraten werden, ein seltener Genuss, den Maude nur an ganz besonderen Tagen auf den Tisch brachte. Gegen Abend bat sie Emily frisches Wasser am Dorfbrunnen zu holen und so machte sie sich mit dem Wasserkübel auf den Weg zum Dorfplatz, wo der alte Brunnen stand.
Gedankenverloren füllte Emily ihren Eimer mit Wasser und wollte gerade wieder gehen, als sie aus der Gaststube lautes Gelächter hörte. ›Das ist wohl Elrics Fest‹, dachte sie und wollte weiter. Doch sie war trotz allem ein wenig neugierig und schließlich konnte es auch nicht schaden, einen kurzen Blick auf Elric zu werfen. Natürlich nur, um zu erfahren, wie der Feind nun aussah. Sie schlich zu einem der hell erleuchteten Fenster und blickte verstohlen in den Gastraum. Am Schanktisch stand ein großer, kräftiger, junger Mann mit einem Krug Ale in der Hand und schien seinen begeisterten Zuhörern eine tolle Geschichte zu erzählen, denn alle hingen wie gebannt an seinen Lippen.
›Oh Gott … war das … konnte es sein, dass … ‹ Emily schluckte schwer und presste sich dicht an die Mauer zwischen zwei Fenstern. Wenn dieser Berg von einem Mann wirklich Elric war, dann hatten ihn die letzten fünf Jahre völlig verändert. Nichts erinnerte noch an den dünnen, flaumbehaarten linkischen Jüngling, den sie im Gedächtnis hatte. Sie warf erneut einen vorsichtigen Blick durchs Fenster. Ein helles Leinenhemd umspannte einen mächtigen Brustkorb, breite Schultern und muskelbepackte Arme. Die kräftigen Beine steckten in engen rehfarbenen Hosen und hohen schwarzen Stiefeln. Sein kastanienbraunes Haar fiel ihm bis auf die Schultern und Bartstoppeln malten dunkle Schatten auf sein markantes Gesicht. Die Augen strahlten eine Härte aus, die sie früher nicht hatten. Seine gesamte Statur zeugte von Kraft und ihn umgab eine Aura von Gefahr, die Emily schaudern ließ. Sollte er es sich in den Kopf gesetzt haben, sie wirklich noch einmal zu bedrängen, hätte sie nichts dagegenzusetzen. Über ihren Dolch würde er wahrscheinlich nur noch lächeln. Während sie ihn weiter anstarrte, drang lautes Gegröle aus der leicht geöffneten Tür der Gaststube. Sie spitzte die Ohren und wurde blass, als sie ihren Namen hörte. Elric prahlte damit, dass er sie am nächsten Tag besuchen wolle und sich dann mehr als nur einen Kuss holen würde.
Emily hatte mehr als genug gehört. Voll Entsetzen schnappte sie sich den Wassereimer und rannte zurück nach Hause. Elric würde also seine Drohung wahr machen. Wenn er sich auch körperlich stark verändert hatte, dann doch nicht im Geiste. Am ganzen Körper zitternd blieb sie vor dem Haus ihrer Eltern stehen. So aufgelöst konnte sie ihnen unmöglich unter die Augen treten. Natürlich würden sie wissen wollen, was geschehen war, aber das konnte sie einfach nicht erzählen. Ihre Eltern würden fragen, warum sie nicht schon vor Elrics Weggang etwas gesagt hatte und Horace würde sich mächtig aufregen. Er konnte sehr jähzornig werden, aber Emily wollte keinen Ärger. Schon gar nicht, wenn es um ihre Person ging. Auch hatte sie Angst, Elric könnte ihren Vater verletzen, wenn die beiden aneinandergerieten. Krampfhaft versuchte sie sich zu beruhigen. Was sollte sie bloß tun? Schwere Schritte, die sich von Innen der Eingangstür näherten, riss sie aus ihren Gedanken. Während Horace die Tür öffnete und Maude über die Schulter zurief: »Ich schau nur mal, wo sie bleibt«, hatte Emily Zeit, tief durchzuatmen und ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern.
»Was ist heute los mit dir, Emily?«, dröhnte Horace, als er ihrer gewahr wurde. »Beeil dich. Das Essen steht schon längst auf dem Tisch.«
Geschwind schlüpfte Emily an ihm vorbei und beeilte sich, das Wasser aus dem Eimer in einen Krug zu schütten und auf den Tisch zu stellen.
Gemütlich schmausend erzählten sie sich viele kleine Begebenheiten aus Emilys Leben. Das war bei ihnen schon längst Tradition geworden – immer wenn einer Geburtstag hatte, wurde sich zurückerinnert. Maude schwelgte in Erinnerungen: »Emily war immer ein liebes Mädchen. Wisst Ihr noch Horace. Nie kam sie schmutzig vom Spielen nach Hause …«
Emily hörte nur mit einem Ohr zu. Das, was ihre Mutter erzählte stimmte. Sie war wirklich nie verschmutzt nach Hause gekommen, aber das lag nicht daran, dass sie so artig gewesen wäre, sondern vielmehr, das die anderen Kinder sie nie hatten mitspielen lassen. Manchmal hätte sie alles gegeben, sich mit Matsch zu beschmieren, wenn sie an den Vergnügungen der anderen hätte teilnehmen dürfen. Doch davon wussten ihre Eltern nichts. Für einen Moment lauschte sie wieder den Erzählungen ihrer Mutter und bemühte sich um eine heitere Miene, doch hinter ihrer Stirn tobte ein wahrer Sturm. Was sollte sie nur tun? Sie wusste nun, dass Elric seine Drohung nicht vergessen hatte und sie wusste auch, dass er sehr unbeherrscht sein konnte, wenn er nicht bekam, was er wollte. Um ihre Eltern und sich selbst zu schützen, blieb ihr nur ein Ausweg – sie musste das Dorf verlassen. Nur wie sie das bewerkstelligen sollte, wusste sie noch nicht. Ihr Blick fiel auf das Schwert, das immer noch auf der Sitzbank lag und plötzlich hatte sie die rettende Idee. Sie konnte ihr Verlangen, etwas über sich herauszufinden vorschieben und musste vielleicht gar nichts von Elric erzählen.
»He Mädchen. Träumst Du?«, wurden ihre Gedanken von der tiefen Stimme ihres Vaters unterbrochen. »Du musst noch die Pferde versorgen, bevor du dich schlafen legst. Ich bin zu müde.« Horace stemmte sich in die Höhe und gähnte ausgiebig.
»Vater, Mutter …«, begann Emily mit zittriger Stimme. »Hört mich bitte an.«
Horace setzte sich wieder und schaute seine Tochter erwartungsvoll an. Auch Maude richtete sich ein wenig auf, eine leise ungute Ahnung beschlich sie.
»Ihr habt immer gut für mich gesorgt und ich glaube ganz fest, dass keine Tochter so sehr von ihren Eltern geliebt wurde wie ich von Euch. Aber ihr habt mir heute etwas gegeben …«, sie nahm das Schwert und legte es vor sich auf den Tisch.
»Ihr habt mir dieses Schwert gegeben und so schwer es mir auch fallen mag von Euch fortzugehen, glaube ich, ist es an der Zeit und mir kommt das Schwert wie ein Zeichen vor, mich auf die Suche nach meinen Wurzeln zu begeben. Ich will nicht undankbar erscheinen, aber ihr habt immer gewusst, wie wichtig mir das ist zu erfahren, wer ich wirklich bin.« Emily schluckte, hielt ihren Blick starr auf das vor ihr liegende Schwert gerichtet und wartete auf eine Reaktion ihrer Eltern. So entging ihr der Blick, den sich Horace und Maude zuwarfen. Sie hatten damit gerechnet, aber insgeheim gehofft, es würde sich noch hinauszögern. Dass Emily schon bald würde aufbrechen wollen …
Horace räusperte sich. »Nun Tochter …« Er räusperte sich noch einmal, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden. »Deine Mutter und ich haben natürlich schon darüber gesprochen, dass du dich auf die Suche nach deiner Herkunft machen wirst, sobald du irgendeinen Anhaltspunkt für deine Suche bekommst. Das Schwert scheint das für dich zu sein und wir akzeptieren deine Entscheidung, wenn es uns auch sehr, sehr schwer fällt, dich gehen zu lassen …«
Er verstummte und ergriff die Hand seiner Frau. Maude nickte nur stumm, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Emily sprang auf und umarmte ihre Eltern verzweifelt. Sie wusste, wie weh sie ihnen tat, aber sie hatte begonnen und musste es nun auch zu Ende führen.
»Ich habe Euch so lieb«, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme. »Aber ich muss gehen – noch heute.« Sie rannte aus dem Haus und lief in den Stall, um zu tun, was sie tun musste. Sie versorgte den alten Gaul, den sie für die Feldarbeit brauchten und den großen, schwarzen Hengst ihres Vaters mit Heu und frischem Wasser. Ihrer eigenen Stute legte sie nach dem Füttern Zaumzeug an und sattelte sie. So brauchte sie nur noch einmal ins Haus zurück, um ihre Sachen zu holen und konnte dann ohne weitere Verzögerung aufbrechen.
Tief in ihre Arbeit versunken und sich immer wieder die Tränen abwischend, hört sie das leise Knarren der Stalltüre nicht. Sie schrak erst auf, als ein Schatten über ihre Hände fiel. Hinter ihr stand Horace. Er hielt ihr das Schwert und einen Beutel hin.
»Hier. Das wirst du brauchen. Deine Mutter und ich dachten uns zwar, dass du uns irgendwann verlassen würdest, aber nicht, dass es so überstürzt sein würde. Auf jeden Fall solltest du nicht ohne vernünftige Kleidung und Proviant gehen. Deshalb hat deine Mutter schnell etwas eingepackt. Es sind auch einige Kräuter dabei. Und das …«, er wühlte ein wenig in dem Beutel herum und zog seinen eigenen Schwertgurt heraus, »… wirst du auch gut gebrauchen können. Wie du mit einem Schwert umzugehen hast, weißt du ja. Deine Mutter kommt nicht, um sich zu verabschieden, denn sie weint zu sehr und sie sagt, du kommst eines Tages wieder zurück. Aber sie gibt dir ihren Segen. Und meinen bekommst du natürlich auch.« Tränen trübten die grauen Augen, die sonst klar unter den dichten Augenbrauen funkelten. »Warum auch immer du nun so plötzlich von uns fort willst, es muss sehr wichtig für dich sein«
Er nahm die nun heftig schluchzende Emily noch einmal kräftig in die Arme und hob sie dann in den Sattel. »Leb wohl, Kind. Und komm gesund wieder. Das ist alles, was ich von dir verlange.« Horace schlug der Stute auf die Seite und sie jagte mit Emily in die Nacht hinaus.
Kapitel 2
Emily ritt, als wenn der Teufel persönlich hinter ihr her wäre. Sie hatte ihr Heimatdorf schon weit hinter sich gelassen, als sie ihre Stute endlich zum Stehen brachte und sich aus dem Sattel gleiten ließ. Auch wenn sie eine gute Reiterin war, so hatten ihre Ausritte doch immer im umliegenden Land ihres Dorfes und vor allem bei Tage stattgefunden. Nun war Emily in einer ihr völlig fremden Gegend und es war tiefste Nacht. Hin und wieder lugte der Mond hinter hoch aufgetürmten Wolken hervor und erhellte für kurze Zeit die Wege, bis er wieder verschwand und dunkle unheimliche Schatten hinterließ. Emily sank am Stamm einer großen Eiche auf den Boden und fragte sich, ob dieser plötzliche Aufbruch wirklich so eine gute Idee gewesen war. Auch wenn ihre Eltern ihre Zustimmung gegeben hatten, wusste sie doch, dass sie sich solange Sorgen machen würden, bis sie wieder heil und gesund nach Hause gekommen war. Und was würden sie denken, wenn Elric morgen bei ihnen auftauchen und nach ihr verlangen würde?
›Was mache ich überhaupt hier‹, dachte sie und schluchzte auf. ›Ich bin weit fort von zu Hause‹. Sie schluchzte noch einmal und spürte ein heißes Brennen in ihren Augen.
»Ich bin ganz allein«, schluchzte sie laut und Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie merkte nicht, wie sich die Rinde des Baumes an den sie sich lehnte, in ihren Rücken drückte, so beschäftigt war sie damit sich selbst zu bemitleiden. Doch im nächsten Moment schreckte sie hoch, denn etwas Großes, Haariges blies ihr seinen warmen Atem ins Gesicht. Ihre Stute stand vor ihr und stupste sie mit ihrem Maul zärtlich an, als wenn sie sagen wollte: »Hey, du bist nicht allein. Ich bin doch da.« Doch das war zuviel für Emily. Sie brach in Tränen aus und umklammerte den Hals ihrer Stute und weinte und weinte und weinte. Als sie sich endlich wieder ein wenig beruhigt hatte, rappelte sich Emily mühsam auf und sattelte ihr Pferd ab. Gemächlich trabte die Stute los und riss gierig Grasbüschel ab. Emily war zu erschöpft, um zu essen und lauschte nur dem Mahlen der kräftigen Zähne. Nach geraumer Zeit ließ sich das Pferd dicht bei Emily nieder und Emily kuschelte sich an den warmen Pferdekörper, der ihr soviel Trost und Wärme spendete. Unruhig war ihr Schlaf. Immer wieder schreckte sie hoch, geweckt durch ungewohnte Geräusche – sei es der Wind, der durch die Baumkronen rauschte und die Äste aneinander reiben ließ, oder Tiere, die durchs Unterholz huschten. Hier und da schrie ein Käuzchen, piepste eine Maus oder schuhute eine Eule. Emily war es nicht gewohnt im Freien zu schlafen und schaute sich immer wieder um, doch sie konnte nichts erkennen, so finster war die Nacht. Für kurze Momente schlummerte sie wieder ein, nur um bald erneut aufzuschrecken. Sie hatte sogar das Gefühl beobachtet zu werden, aber von wem oder was wusste sie nicht zu sagen. So grub sie ihr Gesicht in die Mähne ihrer Stute und versuchte, Schlaf zu finden.
Der Morgen kam viel zu früh. Wie erschlagen fühlte sich Emily, als sie aufstand und ihre schmerzenden Glieder reckte. Lustlos kaute sie an einem Stück Brot, während sie darüber nachdachte, wohin ihre Reise nun gehen sollte. Sie wusste nicht, wo sie war, aber wenn sie dem Weg folgen würde, den sie in der Nacht geritten war, würde sie bestimmt irgendwann zu einem Dorf gelangen. Sie rief nach ihrer Stute, die sich auf einer Wiese die Beine vertrat und mit Tau bedecktes Gras fraß. Auf den Ruf Emilies hörte sie nicht. Emily schnalzte mit der Zunge, stieß einen leisen Pfiff aus und rief abermals, aber die Stute reagierte nicht.
»Na schön«, seufzte Emily und ging langsam auf ihr Pferd zu. Ganz offensichtlich wollte ihr Pferd einen Namen. Jetzt lag es an ihr, den richtigen zu finden. Emily betrachtete die Stute einen Moment. Auf der ausgestreckten Hand einen Apfel balancierend, blieb sie vor ihr stehen. »Rubina«, sagte Emily leise. Die Stute zuckte mit den Ohren. »Rubina«, wiederholte Emily lauter. Schnaubend hob die Stute den Kopf und schnupperte an dem Apfel. »Rubina.« Unendlich behutsam nahm die Stute den Apfel von Emilies Hand und kaute genüsslich. »Komm, Rubina«, sagte Emily und die Stute folgte ihr sofort und ließ sich satteln.
Noch bevor die Sonne hoch am Himmel stand, hatte Emily eine weite Strecke bezwungen, jedoch kein Haus weit und breit entdeckt. Sie rastete kurz und ritt dann in ruhigem Tempo weiter, bis sie einen geeigneten Lagerplatz fand. Ein kleines Wäldchen spendete ein wenig Schutz und ein klarer Bach lud zu einem erfrischenden Bade ein. Diesmal richtete sich Emily eine richtige Schlafstatt. Nach einer kräftigen Mahlzeit, die aus Brot, kaltem Fleisch, Käse, Obst und einigen Nüssen bestand, legte sich Emily auf ihre Decken und schlief bald ein. Doch auch diese Nacht verlief unruhig. In seltsame Träume verstrickt wälzte sich Emily hin und her, bis sie die Augen aufschlug. Etwas hatte sie geweckt. Sie blickte hastig rings umher, doch nichts außer ihrer Stute war bei ihr – oder? Zwischen den Bäumen blitzten zwei strahlend blaue Punkte auf, waren aber sofort wieder verschwunden, so dass Emily sich fragte, ob sie überhaupt da gewesen waren. Beunruhigt legte sie sich wieder hin und schlief ein. Doch bis zum Morgen verlief ihr Schlaf nun ungestört und sie erwachte erfrischt und munter.
So verging die Zeit. Bei Tag ritt sie durch grüne Wiesen, an brachliegenden Feldern vorbei, durch Laub- und Nadelwälder, über schmale Pfade und breite, ausgefahrene Wege und zum Abend suchte sie sich geschützte Plätze an Waldrändern. In jeder Nacht schreckte sie aus dem Schlaf, aber jedes Mal entdeckte sie die zwei blauen Punkte, die so merkwürdig strahlten und verschwanden, sobald Emilies Blick sie gefunden hatte. Mit der Zeit gewöhnte sie sich daran und fühlte sich seltsam beschützt und schlief tief und fest.
Endlich – am Mittag des zehnten Tages – entdeckte Emily die mit Reed bedeckten Dächer einer kleinen Siedlung. Froh, endlich wieder andere Menschen zu sehen, trieb sie Rubina zu einem schnelleren Trab an. Das Dorf war klein und machte einen verschlafenen Eindruck. Der Gasthof war heruntergekommen und schäbig, trotzdem mietete sich Emily dort ein. Sie hatte nämlich einen kleinen Beutel mit Münzen entdeckt, den ihr Vater ganz unten in ihrem Proviantbeutel versteckt hatte und war froh, wieder einmal in einem richtigen Bett schlafen zu können. Obwohl der Gasthof von außen nicht gerade einladend gewirkt hatte, entpuppte er sich von innen als sehr gemütlich und die Wirtsleute waren liebe Menschen, die sich um Emilys Wohlergehen sehr bemühten. Ihr Zimmer war peinlich sauber, die Matratze weich und das Essen reichlich und gut. Emily fühlte sich fast wie zu Hause. Trotzdem dachte sie an ihre Eltern und fragte sich, wie Elric wohl auf ihre Flucht reagiert haben mochte. Sie betete, dass es ihnen gut gehen möge und das Elric seine Wut nicht an ihnen ausgelassen hatte.
Emily blieb ein paar Tage im Dorf. Zum einen, um sich von der langen und anstrengenden Reise zu erholen und zum andern, um sich einen vernünftigen Plan auszudenken, wie und wo sie mit der Suche nach ihrer Herkunft beginnen sollte. Denn obwohl sie das nur als Ausrede benutzt hatte, um die Flucht vor Elric zu rechtfertigen, hatte sie schon längst beschlossen, wirklich nach ihren Wurzeln zu suchen. Sie spazierte jeden Tag durch die Wiesen rings um das Dorf, dachte angestrengt nach, ersann jenen Plan und dann wieder einen anderen, nur um dann alle zu verwerfen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie keine Ahnung wie sie mit der Suche beginnen sollte.
Wieder einmal saß Emily missmutig im Gras und zupfte gedankenverloren an einer gelben Blume.
»Guten Tag«, riss sie eine freundliche Frauenstimme aus ihren trüben Gedanken. Emily schaute erschrocken auf. Vor ihr stand eine alte Frau mit schlohweißen Haaren, die, zu einem dicken Zopf geflochten, bis zu ihren Hüften reichten. In ihrem wettergegerbten Gesicht funkelten zwei blitzblaue Augen zu Emily herunter und die vielen Runzeln zeugten von einem langen und arbeitsreichen Leben.
»Hat Euch die Blume so viel Leid zugefügt oder hadert Ihr ganz allgemein mit der Welt?«
Emily schaute stirnrunzelnd auf die völlig zerrupfte Blüte in ihrer Hand und lief rosarot an.
»Ja … Nein … Ja … weder noch«, stotterte Emily und verstummte verlegen. Die alte Frau lächelte und ließ sich nach einer kleinen Weile neben Emily ins Gras sinken.
»Ich bin Mildred«, stellte sie sich vor, blickte sie von der Seite her an und nahm ihr sanft die Reste der gelben Blume aus der Hand und betrachtete sie eingehend.
»Nun, was bedrückt Euch so, dass Ihr ein armes Kräutlein so behandeln müsst?«
Emily starrte auf ihre nun leeren Hände. Bisher hatte sie noch nie mit jemandem über ihre Sorgen und Nöte gesprochen, außer mit ihren Eltern natürlich, aber die waren weit entfernt. Sie lächelte die Frau schüchtern an und sagte:
»Mein Name ist Emily«, und verstummte wieder. Sie fand es schwierig, mit einer völlig Fremden zu reden.
»Emily. Ein schöner Name. Ihr seid aber nicht aus dieser Gegend, nicht wahr?«
»Nein. Mein Dorf liegt zehn oder elf Tagesritte von hier entfernt.«
»Und was bringt Euch hierher? Verzeiht meine Neugier, aber zu uns verirren sich selten Menschen.«
Emily überlegte, ob sie Mildred von Elric erzählen sollte, entschied sich dann aber doch dafür, ihr lieber von der Suche nach ihrer Herkunft zu erzählen.
»Seht Ihr«, begann sie zögernd, »ich wurde als Baby ausgesetzt.«
»Wie schrecklich«, unterbrach sie Mildred.
»Ja und nein. Ich wurde von sehr lieben Menschen gefunden, die mich wie ihre eigene Tochter großgezogen haben. Aber sie konnten mir nie sagen, wo ich eigentlich herkomme.«
»Wann haben sie Euch gesagt, dass Ihr nicht die leibliche Tochter seid?«, fragte Mildred.
»Als ich fünf war. Die Kinder im Dorf hatten mich, wie so oft, geärgert und gesagt, dass ich gar keine Ähnlichkeit mit meinen Eltern hätte. Sie sagten …«
Emily schluckte, als sie an diesen Augenblick zurückdachte. »Sie sagten, ich wäre bestimmt ein Wechselbalg und würde nicht zu ihnen gehören. Als ich weinend nach Hause lief, fragte mich meine Mutter nach dem Grund, und als ich ihr von den vielen bösen Dingen erzählt hatte, die die Kinder über mich sagten, erzählte sie mir die Wahrheit. Dass sie mich als Baby im Wald gefunden und sich um mich gekümmert hätten. Und als niemand kam, um mich zu holen, hätten sie und ihr Mann beschlossen, mich als ihre Tochter zu behalten. Ich war damals sehr traurig darüber, dass mich meine leiblichen Eltern einfach im Stich gelassen hatten, aber Maude und Horace haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich nicht zu ihnen gehören würde. Sie haben mich immer sehr geliebt.« Emily schwieg.
»Und jetzt möchtet Ihr doch wissen, wer Eure wahren Eltern sind?«, half ihr Mildred weiter.
»Ja.« Emily biss sich auf die Lippen.
»Zu meinem letzten Geburtstag bekam ich von meinen Eltern ein Pferd und ein Schwert. Mein Vater sagte, dass das Schwert neben mir im Wald gelegen hätte und vielleicht ein Hinweis auf meine Herkunft sein könnte. Deshalb habe ich mich auf diese Reise begeben. Vielleicht finde ich jemanden, der dieses Schwert erkennt.«
Wieder verstummte Emily, denn sie hatte soeben erkannt, wie sie ihre Suche beginnen musste.
»Gibt es hier im Dorf einen Waffenschmied?«, fragte sie Mildred ganz aufgeregt. Ein guter Waffenschmied würde das Schwert bestimmt erkennen.
»Der alte Gavin«, antwortete Mildred. »Er wohnt gleich hinter dem Stall beim Gasthof. Jetzt beschlägt er eigentlich nur noch die Pferde, aber früher hat er auch Waffen geschmiedet. Da bin ich mir sicher.«
Emily wollte schon aufspringen, aber Mildred hielt sie zurück.
»Ihr solltet besser nicht allein zu ihm gehen.«
»Warum denn nicht?«, fragte Emily erstaunt.
»Er mag Menschen nicht besonders.«
»Hm«, überlegte Emily. Dann strahlte sie Mildred an und sagte fröhlich. »Dann nehme ich eben mein Pferd mit.«
Munter sprang sie auf und lief über die Wiese. Mildred schaute ihr belustigt hinterher, als Emily plötzlich stehen blieb, ihr ein »Dankeschön« zurief und davonsprang.
Emilies erster Weg führte sie zum Gasthof, wo sie ihr Schwert holte. Dann eilte sie zum Stall, sattelte Rubina, steckte das Schwert unter den Sattel und führte sie hinter den Stall. Die Schmiede war leer, doch in der Esse glühte ein kleines Feuer. Rubina schnaubte unwillig. Sie hatte sich auf einen Ausritt gefreut und wurde stattdessen nur in einen dunklen Raum gebracht.
»Psst. Ist ja gut, Rubina«, redete Emily beruhigend auf sie ein. »Sei brav.«
»Was’n los?« Ein alter, grauhaariger Mann mit stark nach vorn gebeugtem Rücken schlurfte in die Schmiede. Er spie gezielt einen schleimig-braunen Strahl Kautabak vor Emilies Füße und sah sie mit einem blutunterlaufenen Auge an. Das andere war mit einer dreckigen Augenklappe bedeckt. Emily starrte erst auf ihre Füße, dann in das Gesicht des Mannes. Und was für ein Gesicht das war. Es mochte einst menschlich ausgesehen haben, aber nun sah es mehr wie ein Fleischklumpen aus. Die linke Wange war von dicken wulstigen Narben gezeichnet, die Hälfte der Lippe und das linke Ohr fehlten. Einige wenige Haarbüschel standen auf der verbrannten Glatze.
»Was glotzt du so?«, fragte der Alte barsch, als Emily auf seine Frage nicht antwortete.
Wie aus einem schlechten Traum erwachend, schüttelte Emily den Kopf und besann sich auf ihre gute Erziehung.
»Ich wünsche Euch einen schönen Tag, guter Mann«, grüßte Emily mit leicht zittriger Stimme.
»Wir wollen mal eins klarstellen«, unterbrach sie der Alte grob. »Ich bin kein guter Mann. Ich bin Schmied. Was willst du, Mädchen?«
»Ich … Entschuldigung. Ich … vielmehr meine Stute braucht ein neues Hufeisen. Vielleicht könntet Ihr Euch das einmal ansehen.«
»Hm«, brummte der Schmied. »Wo?«
»Sie lahmt ein wenig auf der linken Seite.«
»Hm.« Er schlurfte zu Rubina und taxierte sie mit Kennerblick. Dann steckte er seine rechte Hand in die Hosentasche und holte einige Zuckerstückchen raus, die er der Stute vor’s Maul hielt. Rubina reckte den Hals und nahm den unverhofften Leckerbissen. Während sie genüsslich kaute, klopfte der Alte ihr auf den Hals und murmelte: »Du bist aber ein hübsches Mädchen.« Dann beugte er sich herunter und schlug ihr leicht gegen das linke Vorderbein. Rubina wusste, was von ihr verlangt wurde. Sie hob den Huf an und hielt still, als der Schmied an ihrem Hufeisen werkelte.
»Nee, da is nix«, brummte Gavin und stellte das Bein wieder ab. Er schlurfte zur linken Hinterhand. Rubina hob auch hier brav den Huf. »Hm … wackelt ’n bisschen.« Vorsorglich untersuchte er auch die beiden anderen Hufe.
»Kann ich machen«, nuschelte er. Komm’ später wieder, dann kannst du sie abholen.« Gavin machte sich an die Arbeit und nahm keine Notiz mehr von Emily.
Unentschlossen trat Emily auf der Stelle, bis der Schmied unwirsch knurrte: »Was hampelst du da noch rum, häh? Du machst das Pferd nervös. Hau ab!«
Beleidigt verließ Emily die Schmiede und setzte sich auf einen Baumstumpf vor die Schmiede. »So ein ungehobelter Kerl«, schimpfte sie leise vor sich hin. Hinter ihr kicherte jemand.
»Ich hab Euch doch gesagt, dass er Menschen nicht besonders gerne mag.« Mildred stand gemütlich an eine Wand der Schmiede gelehnt und lächelte.
»Tja, das könnt Ihr getrost laut sagen«, schnaubte Emily. »Pferde mag er eindeutig lieber. Vielleicht hätte ich mir auch einen Sattel auf den Rücken schnallen sollen, dann wäre er bestimmt freundlicher gewesen.«
Mildred lachte und kurz darauf stimmte Emily in ihr Lachen ein. Sie mit Sattel, das war wirklich eine zu komische Vorstellung.
»Warum ist er so griesgrämig?«, fragte Emily atemlos, während sie sich die Lachtränen aus den Augen wischte.
»Das weiß keiner so genau. Vielleicht …«
In diesem Moment knarrte die Tür zur Schmiede und Gavin schlurfte heraus. »Dein Pferd ist fertig«, brummte er an Emily gewandt und deutete unmissverständlich zur Tür. Emily sprang auf und ging auf die Türe zu, drehte sich aber noch einmal zu Mildred um. Die zuckte nur mit den Schultern und nickte ihr freundlich zu. Emily verschwand in der Schmiede, hörte aber noch, wie der Alte Mildred anknurrte: »Was hast du hier zu tratschen, altes Weib? Hast du nicht irgendjemanden zu vergiften?«
»Dir auch einen schönen Tag, Gavin«, feixte Mildred und deutete einen Knicks an. Dann wandt sie sich zum Gehen um und sagte:
»Ich werde mal sehen, ob ich nicht ein Kräutlein finde, das dir bessere Manieren beibringt.«
»Pah!«, schnaubte Gavin, spuckte hinter ihr aus und schlurfte wieder zurück in die Schmiede, wo Emily auf ihn wartete.
»Wie könnt Ihr nur so garstig sein?«, platzte es aus ihr heraus, noch bevor sie darüber nachdenken konnte. »Mildred ist eine so freundliche Frau.«
Für einen Moment erstarrte Gavin, stumm vor Staunen ob ihres Ausbruchs, dann fauchte er: »Kümmer’ dich um deine Angelegenheiten. Nimm deinen Gaul und verschwinde.«
Emily wurde blass. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie mit dem alten Schmied alleine war und er vielleicht gewalttätig sein könnte. Trotzdem wollte sie sich ihre Angst nicht anmerken lassen. »Ich mache es aber zu meiner Angelegenheit. Mildred war so nett, mich mit meiner Stute zu Euch zu schicken. Und außerdem kann ich erst gehen, wenn Ihr mir gesagt habt, was ich Euch schuldig bin.« Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust und sah den Schmied kampfeslustig an.
Gavins Auge blinzelte nicht einmal, als er Emily anstarrte. Schon lange hatte ihm keiner mehr auf diese Weise getrotzt. So viel Mut gehörte bewundert. Der rechte Mundwinkel zuckte leicht nach oben und sank aber ebenso schnell wieder ab, so als ob er vergessen hätte, wie man lächelt. Doch Emily hatte es bemerkt, bemühte sich aber so zu tun, als wenn nichts dergleichen geschehen wäre.
»Nun, was bekommt Ihr von mir für Eure Arbeit?«
»Du hast es dir ja noch nicht mal angeguckt. Was, wenn ich kein neues Eisen gemacht habe? Du bist zu leichtgläubig, Mädchen.«
Emily verlor ihre trotzige Haltung und schaute nun betroffen drein. Ihr Vater hatte ihr immer wieder eingebleut, dass sie nicht jedem vertrauen konnte. Schon gar nicht, wenn es um Arbeitsleistung ging. »Du musst dich erst vom Wert der Arbeit überzeugen, bevor du bezahlst. Sonst kann es geschehen, das du mehr berappen musst, als es nötig wäre. Außerdem musst du um den Preis feilschen. Jeder Handwerker, der was auf sich hält, feilscht um den Wert seiner Leistung.«
Daran denkend, was ihr Vater ihr beigebracht hatte, begutachtete sie nun den Huf von Rubina, sah, dass das Eisen neu und fachgerecht angebracht wurde, und richtete sich wieder auf, um Gavin zu loben. Doch der stand wie versteinert an Rubinas Seite und starrte auf den Schwertknauf, der, getroffen von einem einzelnen Sonnenstrahl, funkelte.
»Wo hast du das her?«, krächzte er heiser. »Wo hast du das her?« Mit bleichem Gesicht drehte er sich zu Emily und sie sah mit Bestürzung, dass seine Hände zitterten.
»Wieso fragt Ihr das?«, fragte sie mit angehaltenem Atem. »Kennt Ihr es?«
»Was?«
»Kennt Ihr das Schwert? Habt Ihr es schon mal gesehen?«
»Ich … natürlich … lange her …«, stammelte Gavin vor sich hin, ohne auf Emily zu achten, die wie gebannt an seinen Lippen hing. »Es kann nicht sein … vor langer Zeit verschwunden …«
»Wer ist verschwunden?« fragte Emily angespannt. Sie hatte das Gefühl, als wäre sie kurz davor, eine sehr wichtige Information zu bekommen, doch der alte Schmied schaute sie nur verwirrt an. Dann schüttelte er den Kopf, als wenn er einen schlimmen Traum abschütteln wollte. »Häh?«
»Ihr sagtet, jemand wäre vor langer Zeit verschwunden?«
Erwartungsvoll blickte sie ihm ins Gesicht.
»Hab ich nich‹«, antwortete er, jetzt wieder so mürrisch wie zuvor. »Und jetzt verschwinde endlich, die Schmiede ist zu.«
Entschlossen schob er die verdutzte Emily durch die Tür und drückte ihr die Zügel von Rubina in die Hand. »Komm morgen wieder.« Damit knallte er ihr die Tür vor der Nase zu und sie hörte, wie ein schwerer Riegel von innen vorgeschoben wurde.
»Was war denn das?«, fragte sie an Rubina gewandt, so als ob sie wirklich eine Antwort erwartete, doch die schnaubte nur.
Für einen Moment lauschte sie an der Tür, aber von drinnen war nichts mehr zu hören. Emily zuckte mit den Schultern, dann schwang sie sich in den Sattel und trabte davon. Erst als der Abend dämmerte, kehrte Emily zum Stall zurück. Sie hatte Rubina ausgiebig Bewegung verschafft, die Umgebung erkundet und war in Gedanken immer wieder zu dem merkwürdigen Gebaren des Schmieds zurückgekehrt. Sein Verhalten und seine Worte deuteten ganz eindeutig darauf hin, dass er ihr Schwert kannte. Da war sie sich ganz sicher. Und sie musste unbedingt herausfinden, was er darüber wusste.
Emily versorgte Rubina mit Hafer und Wasser und verließ den Stall. Sie ging um den Stall herum, um nachzusehen, ob der Schmied noch wach wäre, aber die Schmiede lag im Dunkeln und kein Licht schimmerte durch die geschlossenen Fensterläden. Sie seufzte. Also musste sie bis zum Morgen warten. Missmutig machte sie sich in ihre Kammer auf. Sie überlegte, ob sie noch einmal in die Gaststube hinunter gehen wollte, um etwas zu essen, aber die Aufregungen dieses Tages und der lange Ritt mit Rubina forderten ihren Tribut und am Tisch sitzend schlief sie ein.
Nach einer unbequemen Nacht wachte Emily am frühen Morgen wie gerädert auf. Alles tat ihr weh. Sie reckte und streckte sich, bis sich ihre verspannten Muskeln ein wenig lockerten. Ihr Magen knurrte laut. Kein Wunder, da sie doch ihr Nachtmahl verschlafen hatte. Rasch wusch sie sich Gesicht und Hände mit dem kalten Wasser, das die Gastwirtin jeden Abend frisch auf eine kleine Kommode stellte. Dann ging sie hinunter in die Gaststube, um ein äußerst reichhaltiges Frühstück zu sich zu nehmen. Gesättigt und halbwegs wieder beweglich beschloss sie, ihr Schwert und ein paar Münzen aus ihrer Kammer zu holen und zum Schmied zu gehen und diesen ohne Umschweife nach dem Schwert zu fragen. Emily bedankte sich bei der Wirtin, die mit erstaunter Miene zugeschaut hatte, wie ihr junger Gast ihr üppiges Mahl vertilgte. So viel hatte sie Emily noch nie essen sehen. Deshalb winkte sie nun auch nur wortlos ab.
Wenig später stand Emily vor der verschlossenen Schmiede. Auf ihr Klopfen reagierte niemand und doch meinte sie, ein leises Schlurfen hinter der Tür zu hören. Sie hämmerte mit der Faust kräftig gegen das Holz und endlich hörte sie, wie der Riegel zurückgeschoben wurde. Gavin riss die Tür mit einem heftigen Ruck auf und fuhr sie bösartig an: »Was willst du schon wieder?«
»Ich möchte meine Schulden bei Euch bezahlen, Meister Schmied«, antwortete Emily, bemüht höflich zu klingen.
»So. Na von mir aus.« Widerwillig trat er zur Seite und ließ Emily eintreten. »Macht zehn Kreutzer«, knurrte er.
Emily kramte in ihrem Beutel nach den verlangten Münzen, bemerkte aber trotzdem den flackernden Blick des einen Auges, der auf ihr Schwert fiel. Sie ließ die Münzen in die ausgestreckte Hand des Schmieds fallen und sagte wie beiläufig: »Das ist ein schönes Schwert, nicht wahr?«
»Hm«, brummte Gavin.
»Mildred erzählte mir, Ihr hättet früher auch Waffen geschmiedet. Sagt, ist es wertvoll? Was meint Ihr?«
»Die Alte tratscht zu viel.« Ohne auf Emilys Frage zu antworten, wollte er sich umdrehen, doch Emily hielt ihn zurück.
»Bitte«, sagte sie flehend. »Ihr habt das Schwert erkannt und ich muss wissen, wo Ihr es gesehen habt. Bitte!«
»Is nich wichtig.«
»Für mich schon«, sie schluckte verzweifelt den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. »Denn seht, ich wurde von meinen leiblichen Eltern als Baby ausgesetzt und die Leute, die mich gefunden haben, erzählten mir, dass dieses Schwert neben mir gelegen hat. Ich will meine Eltern finden und das Schwert ist der Weg zu ihnen, das weiß ich. Ihr müsst mir einfach helfen.«
Gavins Blick flackerte wieder zu dem Schwert und fiel dann auf Emilys verzweifelte Miene.
»Wenn deine Eltern dich loswerden wollten, dann hatte das wohl einen guten Grund. Du solltest es dabei bewenden lassen … ich kann dir nich helfen. Geh wieder nach Hause.«
Tränen traten Emily in die Augen. »Aber Ihr habt das Schwert schon mal gesehen!«, beharrte sie. Sagt mir doch wenigstens wo.«
»Kann mich nich erinnern, dass ich das schon mal gesehen hätt.« Gavin wich Emilys Augen aus und drehte ihr, nachdem er noch einen kurzen Blick auf das Schwert geworfen hatte, endgültig den Rücken zu. »Jetzt geh endlich. Ich hab zu tun«, knurrte er und schlurfte davon.
Emily blieb allein in der staubigen Schmiede zurück. Was sollte sie nur tun? Ihr war klar, dass der Schmied gelogen hatte, aber sie konnte ihn ja nicht zwingen, ihr die Wahrheit zu sagen. Unzufrieden und enttäuscht verließ sie die dunkle Schmiede und trat hinaus ins helle Sonnenlicht.
Ratlos stand sie da, als Mildred auf sie zutrat. »Konnte Gavin Euch helfen?«, fragte sie anteilnehmend.
»Nein. Leider nicht«, antwortete Emily tonlos.
Mildred zog eine Augenbraue hoch. »Ich war wirklich der Meinung gewesen, er hätte Euch helfen können. Es tut mir leid.«
»Ihr könnt doch nichts dafür. Er wollte wohl nur einfach nicht.«
»Wie meint Ihr das?«, fragte Mildred verwundert.
»Na ja. Als er das Schwert gestern sah, hatte ich den Eindruck, dass er es erkannt habe. Er sagte so etwas wie, das es vor langer Zeit verschwunden sei. Doch heute will er sich nicht daran erinnern. Aber ich weiß, dass er lügt!« Trotzig schaute sie zurück auf die Tür zur Schmiede und wollte sich schon umwenden, als Mildred sie aufhielt.
»Kommt mit. Wenn Gavin nicht reden will, hat es keinen Sinn ihn zu bedrängen. Gebt ihm ein wenig Zeit. Kommt schon«, drängte sie, als Emily sich nicht von der Stelle bewegte.
»Ich mache Euch bei mir einen schönen Tee und wir überlegen gemeinsam, was zu tun ist.« Ihre blauen Augen strahlten heller, wie es Emily schien, als sie ihren Blick in ihre eigenen senkten. Eigentlich wollte sie jetzt keinen Tee trinken. Sie wollte in die Schmiede gehen und Gavin zur Rede stellen, doch dieser Gedanke verlor sich in den blauen Augen, die sie unverwandt anschauten. Dieses Blau erinnerte sie an etwas anderes, aber auch dieser Gedanke entglitt ihr und sie nickte langsam.
»Ja. Ein Becher Tee wäre gut«, antwortete sie ruhig und setzte sich, von Mildred sanft an der Schulter geführt, in Bewegung. Erst in Mildreds Hütte angekommen, mit einem dampfend heißen Becher Kräutertee vor sich, wurde ihr Kopf wieder klar. Sie schaute sich in der Hütte um. In einer Ecke stand ein alter Ofen, auf dem ein Kessel stand, der fröhlich vor sich hinblubberte. Ein großes Regal, grob aus Holz gezimmert, lehnte an einer Wand. Teller, Becher und allerlei Tiegel standen darin und einige Vorräte lagerten dort. Um den Tisch, an dem sie saß, standen noch drei weitere Stühle und zwei Türen führten, wie Emily vermutete, in die Schlafstube und in eine Vorratskammer. An den Deckenbalken hingen viele verschiedene Sträuße von getrockneten Kräutern und verströmten einen angenehmen Duft. Alles machte einen sehr reinlichen und heimeligen Eindruck und Emily lehnte sich entspannt zurück. Ihr Schwert, das sie bisher in der Hand gehalten hatte, legte sie auf den Tisch und Mildred, die sich ebenfalls auf einen Stuhl gesetzt hatte, warf einen neugierigen Blick darauf. Ihr Blick wanderte über die seltsamen Symbole und blieb an dem Rubindrachen hängen.
»Und Gavin behauptet wirklich, dass er es nicht kennt?«, fragte sie stirnrunzelnd. »Höchst bedauerlich, aber ich glaube, es stimmt.«
»Wie meint Ihr das?«
Emily sah die alte Frau fragend an. »Gestern hat er es aber doch erkannt, nur heute will er sich an nichts erinnern. Da stimmt doch was nicht.«
»Gavin ist alt und manchmal ein bisschen verwirrt. Da müsst Ihr ihm sein Gebrabbel verzeihen.«
Emily hatte den Eindruck, dass Mildred, seit sie das Schwert genauer betrachtet hatte, genauso die Unwahrheit sagte wie Gavin. Was war bloß mit diesem Schwert los? Vielleicht war es verflucht? Und vielleicht war sie, Emily, auch verflucht. Das zumindest würde erklären, warum sich die Leute in ihrem Dorf ihr gegenüber immer so ablehnend verhalten hatten.
»Noch Tee?«
Mildred hielt ihr die Kanne vor die Nase und unterbrach damit ihre finsteren Gedanken.
»Nein, danke«, lehnte Emily ab. »Ich muss gehen«.
Plötzlich fühlte sie sich in Mildreds Gesellschaft nicht mehr wohl und wollte nur noch weg. Sie versuchte aufzustehen, aber ihre Beine fühlten sich ganz wackelig an. Es war vielleicht doch eine gute Idee, noch einen Schluck Tee zu trinken. Sie trank gierig den Becher leer, stellte ihn vor sich auf den Tisch, gähnte laut und sackte in sich zusammen. Mildred schüttelte sie leicht an der Schulter, doch Emily schlief tief und fest.
»Na also«, murmelte Mildred, nahm das Schwert an sich und verließ ihre Hütte. Zielstrebig steuerte sie die Hintertür von Gavins Schmiede an.
»Gavin, mach auf! Ich bin’s, Mildred.« Im Gegensatz zu Emily musste die alte Frau nicht lange warten, bis ihr geöffnet wurde.
»Hab mir schon gedacht, dass Du nicht lange auf dich warten lässt«, sagte Gavin knurrig und trat zurück. »Komm rein.«
Die Wohnstube war düster und wurde nur von zwei Kerzen spärlich beleuchtet. Der Schmied hatte die Fensterläden nicht geöffnet und verriegelte auch die Hintertür sorgfältig hinter Mildred bevor er sprach:
»Und? Ist sie es?«
»Sie hat das Schwert. Woher soll sie es haben, wenn sie es nicht wäre?«
»Gestohlen?«
»Das glaube ich nicht. Sie hat Dir doch die gleiche Geschichte erzählt wie mir. Das sie ausgesetzt wurde und das Schwert neben ihr lag als sie gefunden wurde.«
»Hat sie. Zeig das Ding noch mal her!« Auffordernd streckte Gavin die Hand aus, um das Schwert entgegen zu nehmen. Er studierte die Symbole sorgfältig und sah sich den Rubindrachen an.
»Es ist lange her, dass ich diese Schrift gesehen hab. Ich weiß noch, wie Fingolfin sie eingraviert hat. Das alte Spitzohr hat mir nie gesagt, was sie zu bedeuten hat. Weißt Du es?«
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