Читать книгу: «Moderne Klassiker der Gesellschaftstheorie»
Ingo Pies
Moderne Klassiker der Gesellschaftstheorie
Von Karl Marx bis Milton Friedman
Mohr Siebeck GmbH & Co. KG

Inhaltsverzeichnis
Widmung
Vorwort
Literatur
John Rawls’ politischer Liberalismus 1. Der ökonomische Gerechtigkeitsdiskurs 2. Gerechtigkeit als Fairness: der gesellschaftstheoretische Kern 3. Gerechtigkeit als Fairness: die gesellschaftspolitische Ausrichtung 4. Gerechtigkeit als Fairness: die zugrundeliegende Zeitdiagnose 5. Nachtrag 2016 Literatur
James Buchanans konstitutionelle Ökonomik 1. Der rote Faden im Werk James Buchanans 2. Zur methodischen Umsetzung des Theorieprogramms 3. Resümee 4. Nachtrag 2016 Literatur
Mancur Olsons Logik kollektiven Handelns 1. Gruppentheorie: Das Problem der Instabilität kollektiven Handelns 2. Gesellschaftstheorie: Das Problem der Stabilität kollektiven Handelns 3. Staatstheorie: Das Problem eines mehr oder weniger umfassenden Interesses 4. Kritische Anfrage: Hat die ‚Logik‘ einen blinden Fleck? 5. Fazit: Interdisziplinarität und demokratische Aufklärung durch theoretische Integration 6. Nachtrag 2016 Literatur
Gary S. Beckers ökonomischer Imperialismus 1. Die Entwicklung des Forschungsprogramms zum ökonomischen Ansatz 2. Ökonomischer Ansatz und ökonomischer Imperialismus 3. Ökonomischer Imperialismus und Inter-Disziplinarität 4. Der normative Beitrag: Theoretische Integration positiver Forschung 5. Nachtrag 2016 Literatur
Karl Poppers kritischer Rationalismus 1. Zugangsschwierigkeiten 2. Popper über Popper: Die autobiographische Selbstinterpretation 3. Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie 4. Das Hintergrundkonzept: kritischer Rationalismus als Theorie sozialen Lernens 5. Eine konstruktive Kritik des kritischen Rationalismus 6. Demokratie in Europa 7. Das Rationalitätsprinzip in den Sozialwissenschaften 8. Popper und die Philosophie: Methodologie als ‚constitutional science‘? 9. Zusammenfassung 10. Nachtrag 2016 Literatur
Ronald Coase’ Transaktionskosten-Ansatz 1. Der Aufsatz „The Nature of the Firm“ (1937) 2. Der Aufsatz „The Marginal Cost Controversy“ (1946) 3. Der Aufsatz „The Problem of Social Cost“ (1960) 4. Der Coase-Approach: Zur Kennzeichnung des Denkansatzes 5. Zwischen Wohlfahrtsökonomik und Institutionenökonomik? – Zu den Rezeptionsschwierigkeiten des Coase-Ansatzes 6. Der Aufsatz „How Should Economists Choose?“ (1982) 7. Resümee 8. Nachtrag 2016 Literatur
Oliver Williamsons Organisationsökonomik 1. Die Ausgangslage 2. Die Carnegie-Umgebung und das Forschungsprogramm 3. Die Startphase 4. Die Aufbauphase 5. Die Konsolidierungsphase 6. Die Ausreifungsphase 7. Weitere Anwendungen 8. Zur Methode und gesellschaftstheoretischen Ausrichtung 9. Nachtrag 2016 Literatur
Walter Euckens Ordnungspolitik1. Zur Rekonstruktion des Gesamtwerks: Ordnungspolitik auf ordnungstheoretischer Grundlage1.1. Die erste Phase: Entwicklung der Problemstellung1.2. Die zweite Phase: Das Relativismusproblem1.3. Die dritte Phase: Das Antinomieproblem1.4. Die vierte Phase: das Positivismusproblem2. Zur Qualität des ordnungspolitischen Arguments: Die orthogonale Positionierung zum Wertestreit zwischen Liberalismus und Sozialismus3. Zur Zurückweisung verfehlter Kritik: Das Verkennen der konzeptionellen Theorieleistung Walter Euckens4. Eine konstruktive Weiterentwicklung: Vom ‚Denken in Ordnungen‘ zum ‚Denken in Anreizen‘5. Fazit: Lektionen zur Theoriebildung6. Zusammenfassung7. Nachtrag 2016Literatur
F.A. von Hayeks konstitutioneller Liberalismus1. Zur Interpretation des Gesamtwerks1.1. „Freedom and the Economic System“ (1939)1.2. „The Road to Serfdom“ (1944)1.3. Veränderte Problemsituation: alter versus neuer Sozialismus1.4. „The Constitution of Liberty“ (1960)1.5. „Law, Legislation, and Liberty“ (1973, 1976, 1979)1.6. „The Fatal Conceit“ (1988)1.7. Zum Verhältnis von Frühwerk (erste Phase) und Spätwerk (zweite Phase)2. Hinweise auf mögliche Missverständnisse und Fehldeutungen3. Von Hayeks Bedeutung für den Liberalismus4. Nachtrag 2016Literatur
Milton Friedmans ökonomischer Liberalismus 1. Friedman versus Keynes 2. Friedman contra Keynesianismus 3. Milton Friedmans Monetarismus 4. Milton Friedmans ökonomischer Liberalismus 5. Nachtrag 2016 Literatur
Karl Marx’ kommunistischer Individualismus 1. Theorie als revolutionärer Akt 2. Internationale Revolution als universale Emanzipation der Menschheit 3. Marx und die Logik des kapitalistischen Systems 4. Marx als Klassiker: Eine kritische Stellungnahme 5. Fazit: Das Marxsche Werk bleibt aktuell, im Negativen wie im Positiven 6. Nachtrag 2016 Literatur
Albert Hirschmans grenzüberschreitende Ökonomik 1. Abwanderung und Widerspruch: Zur Analyse der Sozialstruktur 2. Die Rhetorik der Reaktion: Zur Analyse der Semantik 3. Zusammenfassung und Ausblick 4. Nachtrag 2016 Literatur
Thomas Schellings strategische Ökonomik 1. Thomas Schellings positive Forschungsbeiträge 2. Thomas Schellings normative Forschungsbeiträge 3. Fazit: Schellings vikarischer Ansatz strategischer Ökonomik 4. Nachtrag 2016 Literatur
Jon Elsters Theorie rationaler Bindungen 1. Elsters Auseinandersetzung mit dem soziologischen Funktionalismus 2. Elsters Kritik an der Ökonomik 3. Elsters Rational-Choice-Ansatz: Erklärung durch soziale Mechanismen 4. Fazit: Jon Elsters Odyssee 5. Nachtrag 2016 Literatur
Douglass Norths ökonomische Theorie der GeschichteEinleitung1. Douglass Norths kliometrische Diagnose der Moderne2. Douglass Norths normative Lektionen für die Entwicklungspolitik3. Douglass Norths Beiträge zur Methodologie der Sozialwissenschaften4. Nachtrag 2016Literatur
Ludwig von Mises’ ökonomische ArgumentationswissenschaftEinleitung1. Mises und der Sozialismus2. Mises und der Liberalismus3. Mises und die Ethik4. Resümee: Mises betreibt eine ökonomische Argumentationswissenschaft5. Nachtrag 2016Literatur
William Baumols Markttheorie unternehmerischer Innovation (1) William J. Baumol wurde ... 1. William Baumol als (zu entdeckender) Klassiker der Wirtschaftsethik 2. William Baumol als (zu entdeckender) Klassiker der Unternehmensethik 3. William Baumols Spätwerk: Eine Unternehmertheorie des historischen Wandels zur Wachstumsgesellschaft 4. Der rote Faden in Baumols Gesamtwerk 5. Nachtrag 2016 Literatur
Edmund Phelps’ strukturalistische ÖkonomikEinleitung1. Phelps’ positive Analysen: Die Geburt der strukturalistischen Makroökonomik aus dem Geist einer modernistischen Theorie der Erwartungsbildung2. Phelps’ normative Analysen: Gerechtigkeit, Lohnsubventionen, Korporatismuskritik und ein Plädoyer für inklusiven Dynamismus3. Phelps’ Modernismus: Der rote Faden des Gesamtwerks4. Nachtrag 2016Literatur
Joseph A. Schumpeters Theorie gesellschaftlicher Entwicklung 1. Joseph A. Schumpeter: Eine biographische Skizze 2. Zur Interpretation des Gesamtwerks 3. Joseph A. Schumpeter: Lessons (to be) learned 4. Nachtrag 2016 Literaturverzeichnis
John Maynard Keynes’ Gesellschaftstheorie 1. Wer war Keynes? 2. Keynes als Publizist 3. Keynes als Ökonom 4. Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik: Keynes als Moralist und Ethiker 5. Zusammenfassung 6. Nachtrag 2016 Literaturverzeichnis
Textnachweise
Bildnachweise
Personenregister
Sachregister
[Zum Inhalt]
|V|Ich widme dieses Buch einem meiner leider schon längst verstorbenen akademischen Lehrer, Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Erik Boettcher (*27. April 1919; †22. Februar 1992), dessen Vision von der „Einheit der Gesellschaftswissenschaften“ mich nachhaltig inspiriert und angespornt hat.
„Wie nie zuvor alarmiert die heutige Gesellschaft sich selbst, ohne jedoch über zureichende kognitive Mittel der Prognose und der Praxisanleitung zu verfügen.“ (Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation, Opladen 1986, 3. Auflage 1990, S. 11 f.)
[Zum Inhalt]
|IX|Vorwort
(1) In diesem Buch stecken 20 Jahre Arbeit. Es ist das Produkt einer intensiven Beschäftigung mit grundlegend konzeptionellen Forschungsfragen für eine Theorie der modernen Gesellschaft. Für mich persönlich war diese Arbeit außerordentlich wichtig – und produktiv. Sie ist in ein „ordonomisches“ Forschungsprogramm gemündet, das ich als Wirtschaftsethiker verfolge.[1]
Dieses Buch ist aus der Überzeugung entstanden, dass eine gründliche Beschäftigung mit Gesellschaftstheorie (und darauf aufbauender Gesellschaftspolitik) auch anderweitig orientierten Lesern Nutzen zu stiften vermag. In jedem Fall soll seine Lektüre zum eigenständigen (Weiter-)Denken anregen.
Vorgestellt werden 20 Autoren, die den Rang eines gesellschaftstheoretischen Klassikers beanspruchen dürfen. Jeder dieser Autoren wird systematisch darauf hin befragt, welche Problemstellung seinem Gesamtwerk zugrunde liegt, mit welchen Erkenntnisgewinnen diese Problemstellung bearbeitet wurde und welche Lektionen das Gesamtwerk für die heutige Forschung zu bieten hat.
Mit besonderer Aufmerksamkeit wird der Frage nachgegangen, welchen Stellenwert die hier untersuchten Klassiker den Institutionen – und dem öffentlichen Verständnis von Institutionen – beimessen, die das Verhalten der Individuen aufeinander abstimmen, indem sie nicht nur die intendierten, sondern vor allem auch die nicht-intendierten Auswirkungen individuellen Verhaltens gesellschaftlich koordinieren. Das implizite Motto der 20 Aufsätze lautet, dass Theorie für die Praxis gemacht wird. Deshalb wird jeder Klassiker auch daraufhin befragt, welche gesellschaftspolitischen Implikationen sich mit seinem Gesamtwerk verbinden.
Im Vordergrund der 20 Aufsätze steht nicht, etwas über die Klassiker zu lernen, sondern etwas von ihnen zu lernen. Diese Untersuchungen zur Gesellschaftstheorie eignen sich für Forschung und Lehre: als Inspiration für die eigene theoretische Arbeit, als Nachschlagewerk für einzelne Autoren, als Seminargrundlage oder als Vorbereitung für ein Selbststudium. Neben Ökonomen spricht dieses Buch vor allem Philosophen, Soziologen und Politikwissenschaftler an, aber auch Pädagogen sowie all jene, die sich mit den theoretischen Grundlagen der modernen Gesellschaft vertraut machen möchten.
Im Unterschied zu sonstigen Sammelbänden weist dieses Buch mehrere Besonderheiten auf: Alle Aufsätze stammen aus (m)einer Hand, sind also aus einer |X|einheitlichen Perspektive – mit jeweils dem gleichen Erkenntnisinteresse – geschrieben und verleihen dem Buch so Homogenität und thematische Geschlossenheit. Die Aufsätze zielen auf ein vertieftes Verständnis des je zugrunde liegendendes Denk-Ansatzes. Deshalb werden die einzelnen Klassiker nicht kursorisch abgehandelt, etwa anhand einzelner Schriften, mit denen sie berühmt geworden sind. Stattdessen wird systematisch stets das Gesamtwerk betrachtet. Diese Vorgehensweise ermöglicht es, einen roten Faden zu rekonstruieren, der die einzelnen Schriften des Klassikers miteinander verbindet. Die grundlegende Problemstellung (und gegebenenfalls deren Änderung im Zeitverlauf), mit der sich die gesellschaftstheoretischen Denker in ihrem jeweiligen Gesamtwerk auseinandergesetzt haben, soll auf diese Weise deutlich werden. Dies ist wichtig, weil nur so die Art der Problembearbeitung verständlich wird, für die sich die einzelnen Klassiker jeweils entschieden haben. Insofern lässt sich die den einzelnen Aufsätzen zugrunde liegende Interpretationsmethode als systematische Kombination mikroskopischer Textexegese und makroskopischer Werkexegese kennzeichnen, die die Detailanalyse einzelner Schriften und den Blick fürs große Ganze wechselseitig füreinander fruchtbar zu machen versucht: In jedem Aufsatz wird eine Lesart vorgestellt, derzufolge die einzelnen Schriften eines Klassikers sich jeweils zu einem Gesamtwerk fügen, das einen Sinnzusammenhang konstituiert und mithin einen Kon-Text bildet, durch dessen explizite Berücksichtigung sich die einzelnen Texte des jeweiligen Autors nicht nur präziser auslegen, sondern auch besser verstehen und einordnen lassen.
Dieses Buch hat einen ökonomischen Schwerpunkt, behandelt aber über die Disziplingrenzen hinweg auch philosophische, soziologische, historische und politikwissenschaftliche Aspekte. Die ökonomischen Konzepte sind mit Hilfe von Graphiken didaktisch so aufgearbeitet, dass man auch als Laie ohne vertiefte Mathematikkenntnisse die grundlegenden Ideen nachvollziehen kann. Insofern versteht sich dieses Buch als integrativer Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Inter-Disziplinarität: Es versucht, die Verständnislosigkeit zu überwinden, mit der sich Vertreter unterschiedlicher Disziplinen oft begegnen, indem es auf eine möglichst klar formulierte – und damit der Kritik zugängliche – Problemexposition setzt sowie auf die Arbeitshypothese, dass sich unterschiedliche Perspektiven nicht widersprechen müssen, sondern vielmehr ergänzen können.
Bei den hier versammelten 20 Aufsätzen handelt es sich ursprünglich um die von mir geschriebenen Einleitungstexte der Schriftenreihe „Konzepte der Gesellschaftstheorie“, deren Einzelbände zwischen 1995 und 2014 jedes Jahr gemeinsam von Martin Leschke und mir im Verlag Mohr Siebeck herausgegeben wurden.[2] Diese Einleitungsaufsätze werden hier erstmalig gesammelt veröffentlicht. Sie sind weitgehend unverändert wieder abgedruckt. Jedem Aufsatz wurde ein Nachtrag hinzugefügt, der aktuelle Informationen zum Klassiker und seinem Werk ergänzt. Die Rechtschreibung wurde vereinheitlicht. Ferner wurden die Graphiken neu gesetzt.
(2) Georg Siebeck ist herzlich zu danken für den ganz außerordentlichen Mut, den er seinerzeit als Verleger an den Tag gelegt hat, zwei gerade erst frisch promovierten Nachwuchswissenschaftlern zuzutrauen (und sie durch dieses Zutrauen |XI|zu begeistern und zu befähigen), eine eigene Schriftenreihe aus der Taufe zu heben. Auch Martin Leschke gegenüber habe ich eine große Dankesschuld angehäuft: für eine nunmehr 20jährige (und hoffentlich noch lange fortbestehende) Zusammenarbeit, die stets reibungslos und – wenigstens für mich – äußerst lehrreich war. Den Teilnehmern der Konferenzen zu den „Konzepten der Gesellschaftstheorie“ verdanke ich unzählige Anregungen und Hinweise für konstruktive Kritik. Gleiches gilt für die Gruppe hochtalentierter (Nachwuchs-)Wissenschaftler, die sich mit mir für die Ordonomik engagieren. Stellvertretend seien hier nur Markus Beckmann, Stefan Hielscher und Matthias Georg Will namentlich genannt. Julia Cachay ist zu danken für die tatkräftige Unterstützung bei der Überarbeitung von beinahe 100 Graphiken, Fabian Horstmann für die Erstellung der Register. Stephanie Warnke-De Nobili ist zu danken, weil sie mit großem Engagement dieses Buchprojekt betreut hat. Der Verlag war bei der Beschaffung der Photos behilflich. Last not least gilt ein von Herzen kommendes Dankeschön meiner Frau, ohne deren verlässliche Unterstützung – nicht nur in Form von Nachsicht, Geduld und Verständnis – das immense Arbeitsprogramm nicht durchführbar gewesen wäre, von dem die hier abgedruckten 20 Aufsätze Zeugnis ablegen.
(3) Schlussbemerkung: Als Wirtschaftsethiker bin ich ganz bewusst sehr zurückhaltend, was moralische Appelle anbelangt. Deshalb möchte ich niemanden dazu aufrufen, das Buch in einem Zug von vorn nach hinten durchzulesen, zumal jedes einzelne der 20 Kapitel für sich allein steht und unabhängig von den anderen verstanden werden kann. Aber ein konstruktiver Hinweis sei mir an dieser Stelle doch erlaubt: Wenn man die Beiträge dieses Buches so liest, wie ich es bei der redaktionellen Überarbeitung getan habe (nämlich chronologisch und in einem Zug), dann bilden die 20 Aufsätze – auch aufgrund gelegentlicher Querverweise – einen inneren Zusammenhang, eine Art Argumentationsbogen. Der könnte seinerseits interessant und aufschlussreich sein – und keineswegs nur für jene Leser, die der hochgradig speziellen Frage nachgehen, warum bestimmte theoriestrategische Weichenstellungen im Forschungsprogramm der Ordonomik so und nicht anders vorgenommen werden: Der rote Faden (und das Credo) dieses Buches besteht in der Überzeugung, dass die moderne Gesellschaft so überaus komplex geworden ist, dass der gesunde Menschenverstand einer möglichst leistungsfähigen und an klassischen Vorbildern geschulten Theorie bedarf. Ohne eine methodisch reflektierte Komplexitätsreduktion laufen wir Bürger nämlich Gefahr, buchstäblich die Welt nicht mehr zu verstehen – und sie dann auch nicht konstruktiv gestalten zu können.
Halle, im Juni 2016 Ingo Pies
[Zum Inhalt]
|XII|Literatur
Pies, Ingo (2006, 2015): Ökonomische Ethik: Zur Überwindung politischer Denk- und Handlungsblockaden, in: Ders.: Guter Rat muss nicht teuer sein. Ordonomische Schriften zur Politikberatung, Band 2, Berlin 2015, S. 299–308.
Pies, Ingo (2009): Das ordonomische Forschungsprogramm, in: Ders.: Moral als Heuristik. Ordonomische Schriften zur Wirtschaftsethik, Berlin, S. 2–32.
Pies, Ingo (2012): Wie kommt die Normativität ins Spiel? – Eine ordonomische Argumentationsskizze, in: Ders.: Regelkonsens statt Wertekonsens: Ordonomische Schriften zum politischen Liberalismus, Berlin, S. 3–53.
Pies, Ingo (2014): Der wirtschaftsethische Imperativ lautet: Denkfehler vermeiden! – Sieben Lektionen des ordonomischen Forschungsprogramms, in: Hans Friesen und Markus Wolf (Hrsg.): Ökonomische Moral oder moralische Ökonomie? Positionen zu den Grundlagen der Wirtschaftsethik, Freiburg und München, S. 16–50.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (1995): John Rawls’ politischer Liberalismus, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (1996): James Buchanans konstitutionelle Ökonomik, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (1997): Mancur Olsons Logik kollektiven Handelns, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (1998): Gary Beckers ökonomischer Imperialismus, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (1999): Karl Poppers kritischer Rationalismus, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2000): Ronald Coase’ Transaktionskosten-Ansatz, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2001): Oliver Williamsons Organisationsökonomik, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2002): Walter Euckens Ordnungspolitik, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2003): F.A. von Hayeks konstitutioneller Liberalismus, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2004): Milton Friedmans ökonomischer Liberalismus, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2005): Karl Marx’ kommunistischer Individualismus, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2006): Albert Hirschmans grenzüberschreitende Ökonomik, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2007): Thomas Schellings strategische Ökonomik, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2008): Jon Elsters Theorie rationaler Bindungen, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2009): Douglass Norths ökonomische Geschichtstheorie, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2010): Ludwig von Mises’ ökonomische Argumentationswissenschaft, Tübingen.
|XIII|Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2011): William Baumols Markttheorie unternehmerischer Innovation, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2012): Edmund Phelps’ strukturalistische Ökonomik, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2013): Joseph Schumpeters Theorie gesellschaftlicher Entwicklung, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (2014): John Maynard Keynes’ Gesellschaftstheorie, Tübingen.
[Zum Inhalt]

|1|John Rawls (1921–2002)
„How is it possible that there may exist over time a stable and just society of free and equal citizens profoundly divided by reasonable though incompatible religious, philosophical, and moral doctrines?“ John Rawls (1993; S. XVIII)
John Rawls’ politischer Liberalismus
Von Robert Nozick stammt der Satz, wer heute politische Philosophie betreibe, müsse sich entweder in den von John Rawls vorgezeichneten Bahnen bewegen oder zumindest begründen, warum er dies nicht tue. Obwohl dieses Diktum die zentrale Bedeutung des Rawlsschen Ansatzes betont, enthält es doch eine glatte Untertreibung, denn diese Bedeutung beschränkt sich keineswegs auf die politische Philosophie. Das Problem stabiler und gerechter Gesellschaften – genauer: das Problem, wie demokratische Gesellschaften Stabilität durch Gerechtigkeit erzeugen können – ist auch für die Sozialwissenschaften von unabweisbarer Relevanz. In besonderem Maße gilt dies für die neuere Ökonomik, die den Anspruch ihrer angelsächsischen Gründungsväter: Gesellschaftstheorie zu betreiben, wieder aufnimmt und dadurch reaktualisiert, dass sie klassische Fragestellungen mit nunmehr neoklassischen Analyseinstrumenten angeht.[3] Das Aufeinanderfolgen der Nobelpreise für Ronald Coase, Gary Becker und Douglass North spricht hier eine deutliche Sprache. Auch ist nicht zu übersehen, dass die Ökonomik einen eigenen Gerechtigkeitsdiskurs ausgebildet hat, an dem sich insbesondere liberale Ökonomen beteiligt haben. Im Rekurs auf die Nobelpreisträger der Jahre 1974 |2|und 1986, Friedrich August von Hayek und James M. Buchanan, lassen sich die hier interessierenden Grundzüge dieses Diskurses wie folgt skizzieren.
1. Der ökonomische Gerechtigkeitsdiskurs
Der Begriff „Gerechtigkeit“ ist ein Fokus nahezu aller gesellschaftspolitischen Probleme: Die Differenz zwischen reich und arm unter dem Aspekt gesellschaftlicher Integration wurde immer schon als Gerechtigkeitsproblem – z.B. als Problem des gerechten Preises –, seit dem 19. Jahrhundert spezifischer als Problem „sozialer“ Gerechtigkeit, als Problem des gesellschaftlichen Institutionensystems diskutiert.[4] Neben dem Problem des gerechten Friedens werden auch neuere Probleme mit Hilfe dieses Leitbegriffs thematisiert: Probleme der Ökologie als Fragen intergenerationeller Gerechtigkeit etwa oder das Nord-Süd-Problem als Frage einer gerechten Weltwirtschaftsordnung. In demokratischen Gesellschaften mit institutionalisierten Öffentlichkeiten werden Politikprozesse weitgehend von solchen Gerechtigkeitsdiskursen gesteuert. Hier bilden sich jene Hintergrundvorstellungen, von denen es abhängt, wie die Bürger ihrer Gesellschaft gegenüberstehen: ob sie ihr innerlich frei zustimmen können, oder ob sie sie als ungerecht und illegitim empfinden – mit gravierenden Folgen für die Bestands- und Entwicklungsaussichten einer Gesellschaft sowie die Ausrichtung der in ihr ablaufenden Politikprozesse.
Diese Funktion des Gerechtigkeitsbegriffs bringt Vor- und Nachteile mit sich. Ein besonderer Vorteil liegt zweifellos darin, dass Gerechtigkeitsdiskurse in bezug auf langanhaltende Probleme eine eigene Tradition ausbilden, die sich kritisch selbst rationalisiert und mit der Zeit das Gerechtigkeitsempfinden der Bürger prägt, also mehr unbewusst als bewusst absorbiert wird und schließlich in die Intentionen und Intuitionen eingeht. Ein weiterer Vorteil besteht sicherlich darin, dass sich auch neu auftretende Probleme in Gerechtigkeitsdiskursen thematisieren lassen, ihre Verarbeitung daher in (vor)strukturierte Bahnen gelenkt und mit Hilfe von Routinen prozessiert werden kann. Gerade in der Aufnahmefähigkeit und der daraus resultierenden Vielfalt der Gerechtigkeitsdiskurse ist die Möglichkeit zu Übertragungen und Vergleichen, ist die Möglichkeit zu gesellschaftlichen Lernprozessen und fortschreitender Rationalisierung angelegt.
Auf die möglichen Nachteile hat mit besonderem Nachdruck vor allem Friedrich August von Hayek (1976, 1981) aufmerksam gemacht. Zwar ist auch für ihn die Kategorie der Gerechtigkeit nicht nur zentral, sondern geradezu unaufgebbar – eine zivilisierte Gesellschaft könnte er sich ohne Gerechtigkeit, und das heißt für ihn: ohne das liberale Ideal einer Freiheit unter dem Gesetz, gar nicht vorstellen. Doch unterliegt für ihn ein diffuser Gerechtigkeitsbegriff stets auch der Tendenz, gerade jenes Zivilisationspotential der modernen Gesellschaft zu zerstören, das nur durch eine richtig verstandene Gerechtigkeit erhalten und weiterentwickelt werden kann. Gerade weil in der Demokratie die Gerechtigkeitsdiskurse so bedeutend sind, werden von ihnen ausgehende Fehlsteuerungen der |3|Politikprozesse so gefährlich. Um solchen Gefahren entgegenzusteuern, bemüht sich von Hayek um intellektuelle Klarheit, um Aufklärung. Zu diesem Zweck unterscheidet er zwei Varianten des Gerechtigkeitsbegriffs. Die erste ist für ihn mit den Grundsätzen einer zivilisierten Gesellschaft vereinbar, die zweite ist es nicht. Für zivilisationskompatibel hält er die Vorstellung einer Verfahrensgerechtigkeit, die in der Forderung zum Ausdruck kommt, Regeln ohne Ansehen der Person anzuwenden. Verfahrensgerechtigkeit erhöht die Erwartungssicherheit und ist so dezentraler Wissensverarbeitung förderlich. Für nicht kompatibel mit den Prinzipien einer zivilisierten Gesellschaft hingegen hält er die Vorstellung einer Ergebnisgerechtigkeit, die in der Forderung zum Ausdruck kommt, Ungleiches ungleich zu behandeln, um gleiche Ergebnisse herbeizuführen. Ergebnisgerechtigkeit schreibt dem sozialen Prozess ein ‚abstraktes‘, als von diesem Prozess unabhängig gedachtes, Verteilungsmuster vor. Aus von Hayeks Sicht verkennt die Kategorie der Ergebnisgerechtigkeit damit zum einen die Funktion individueller Ungleichheit im gesellschaftlichen Fortschrittsprozess, der in allen Bereichen des Lebens auf wettbewerbliche Innovationen konstitutiv angewiesen ist, für die es ohne Ungleichheiten keine Anreize gäbe, und zum anderen besteht für ihn die Gefahr, dass diese Kategorie unter der Bezeichnung ‚soziale Gerechtigkeit‘ von verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen dazu missbraucht wird, höchst partikuläre Interessen auf Kosten der Allgemeinheit zu verfolgen und dabei Maßnahmen durchzusetzen, die die Anreizkompatibilität und damit die einer ‚spontanen Ordnung‘ eigene Kapazität dezentraler Wissensverarbeitung letztlich zerstören können.
Ausgehend von dieser Problemexposition: einer kategorialen Unterscheidung zwischen Ergebnis- und Verfahrensgerechtigkeit, nehmen Geoffrey Brennan und James Buchanan (1985, 1993) eine Ortsbestimmung von Gerechtigkeit in der Demokratie vor. Diese Ortsbestimmung liegt auf der Linie der Hayekschen Argumentation und schreibt diese fort, indem sie eine radikale Konsequenz daraus zieht, dass es sich bei der Verfahrensgerechtigkeit um eine prozedurale, (Verfahrens)Regeln voraussetzende, Kategorie handelt: Wenn man normatives Sollen nicht mehr durch Berufung auf eine den Bürgern externe Instanz wie Gott, Kosmos, Natur, Geschichte, Evolution usw. begründen und legitimieren will, sondern statt dessen das Wollen der Menschen als einzige Quelle von Werten ansetzt – und nur einen solchen ‚normativen Individualismus‘ halten sie für einer modernen Gesellschaft angemessen –, dann kann Sollen immer nur intern, immer nur aus dem Wollen derer abgeleitet werden, die dem Sollen prinzipiell zugestimmt haben. Genau dies ist der Vollsinn von Demokratie, der in demokratisch verfassten Gesellschaften zur Geltung gebracht wird: Aus dem Wollen resultiert Sollen, indem Individuen sich auf konstitutionelle Regeln einigen, die zu befolgen verbindlich gemacht wird. Auf der Grundlage konstitutioneller Regeln werden subkonstitutionelle Regeln vereinbart, und nur in bezug auf diese subkonstitutionellen Regeln lässt sich – Brennan und Buchanan zufolge – sinnvoll von Verfahrensgerechtigkeit sprechen. Folglich ist für sie der systematische Ort der Verfahrensgerechtigkeit die subkonstitutionelle Regelhierarchie, denn nur hier ist es möglich, Gerechtigkeitsurteile nicht ‚abstrakt‘, nicht kontextunabhängig zu fällen, sondern aus dem bestehenden System institutioneller Arrangements regelinhärent abzuleiten.
|4|Aus gesellschaftstheoretischer Perspektive ist nun interessant, dass eine solche Verfahrensgerechtigkeit sich primär auf Handlungen und allenfalls sekundär auf den institutionellen Handlungsrahmen bezieht. Die Kategorie der Verfahrensgerechtigkeit kann das Thema sozialer Gerechtigkeit: die Gerechtigkeit des gesellschaftlichen Institutionensystems, nur insofern abdecken, als es Handlungen gibt, die das Institutionensystem gestalten, und zugleich Regeln für diese Handlungen, in bezug auf die Gerechtigkeitsurteile gefällt werden können. In diesem Sinne lassen sich etwa die Handlungen des Gesetzgebers daraufhin überprüfen, ob sie die Verfassung einhalten, oder Rechtsverordnungen daraufhin überprüfen, ob sie die Gesetze einhalten, oder Organisationsverhalten daraufhin überprüfen, ob es Rechtsverordnungen einhält usw. Für Brennan und Buchanan lässt sich die Kategorie der Verfahrensgerechtigkeit zwar auf subkonstitutionelle Ebenen, nicht jedoch auf die konstitutionelle Ebene selbst anwenden, denn hier fehlt es an jenen vorgängigen Regeln, die ein prozedurales Gerechtigkeitsurteil überhaupt erst ermöglichen. Für sie werden konstitutionelle Regeln nicht an Gerechtigkeitsüberlegungen gemessen, sondern am Wollen der Bürger. Nicht Gerechtigkeit, sondern Demokratie bestimmt demnach die Verfassungsentscheidung. In diesem Sinn handelt es sich in der Tat um eine Ortsbestimmung von ‚Gerechtigkeit in der Demokratie‘: Gerechtigkeit ist dieser Auffassung zufolge nicht weniger, aber auch nicht mehr als ein wichtiges Hilfskonstrukt, mit dessen Hilfe sich Handeln, auch reformerisches, Institutionen gestaltendes Handeln auf Regelbefolgung: auf den Schutz legitimer Erwartungen und so daraufhin untersuchen lässt, inwiefern dieses Handeln zur Stabilität demokratisch verfasster Gesellschaften beiträgt.
An dieser Stelle lässt sich nun exakt jener Punkt markieren, an dem sich der Rawlssche Ansatz vom ökonomischen Gerechtigkeitsdiskurs unterscheidet: Rawls will eine Konzeption von Gerechtigkeit vorstellen, die sich nicht auf Handlungen, sondern auf den institutionellen Rahmen der Handlungen bezieht, nicht auf die subkonstitutionellen Regelebenen, sondern auf die konstitutionelle und suprakonstitutionelle Ebene: auf die (geschriebene) Verfassung und auf die (ungeschriebenen) Prinzipien, die der Verfassung einer modernen Gesellschaft zugrundeliegen. Pointiert zugespitzt könnte man sagen, Rawls geht es nicht um Gerechtigkeit in der Demokratie, sondern um Gerechtigkeit für die Demokratie. Ihm geht es darum, Gerechtigkeit als eine Heuristik für die demokratische Verfassungsgebung vorzustellen. Deshalb verzichtet er darauf, soziale Gerechtigkeit als eine Ausweitung von Handlungsgerechtigkeit zu konzeptualisieren. Stattdessen wählt er einen anderen Ansatz, einen Ansatz, der zudem weniger defensiv als vielmehr offensiv ausgerichtet ist, weniger die möglichen Nachteile der gesellschaftlich vorfindlichen Gerechtigkeitsdiskurse eindämmen als vielmehr die möglichen Vorteile der nachweislichen Gerechtigkeitsorientierung demokratischer Politikprozesse aneignen und für die Bürger nutzbar will.
Neben dieser programmatischen Relevanz sind es vor allem drei Merkmale, die die Rawlssche Philosophie für die Sozialwissenschaften und insbesondere für die Ökonomik interessant machen: der gesellschaftstheoretische Kern des Ansatzes; die gesellschaftspolitische Ausrichtung der Gerechtigkeitstheorie, und zwar in ihrer inhaltlichen und methodischen Dimension; sowie neuerdings eine Zeitdiagnose, die das Rawlssche Forschungsprogramm heuristisch anleitet.
|5|2. Gerechtigkeit als Fairness: der gesellschaftstheoretische Kern
Für John Rawls (1971, 1979; S. 20) ist die Gesellschaft „ein Unternehmen zur Förderung des gegenseitigen Vorteils“. Gesellschaft wird hier ausdrücklich nicht im Nullsummenparadigma gedacht, sondern im Positivsummenparadigma. Dies ist eine folgenreiche Theoriebildungsentscheidung. Sie macht es, erstens, unmöglich, über Verteilungsfragen ‚abstrakt‘ zu reden, d.h. losgelöst von der Frage, wie der zu verteilende Kuchen, das Sozialprodukt, zustandegekommen ist bzw. in Zukunft zustandekommen soll. In Nullsummenspielen hat die Verteilung keinen Einfluss auf die Produktion. Hier gewinnt der eine, was der andere verliert. In Positivsummenspielen jedoch werden mit der Verteilung zugleich die Produktionsanreize gesetzt: Allokation und Distribution sind interdependent. Über sie kann nicht getrennt, sondern immer nur simultan entschieden (und angemessen diskutiert) werden, denn der zu verteilende Kuchen hat keine konstante Größe, sondern wächst oder schrumpft je nachdem, wie verteilt wird. Das aber bedeutet, dass es einen Spielraum gibt, in dem alle Spieler einer Ungleichverteilung zustimmen können, weil auch noch die relativ schlechter Gestellten von absolut größeren Anteilen profitieren. Durch die Wahl dieser Perspektive stellt Rawls sicher, dass sein Ansatz einen wichtigen Standard sozialwissenschaftlicher Seriosität nicht schon von vornherein philosophisch unterschreitet. Knappheit und soziale Knappheitsbewältigung, kanalisiert durch Institutionen, werden hier für die Philosophie konstitutiv, und nicht zuletzt darin liegt jenes Niveau gesellschaftstheoretischer Kompetenz begründet, das den Rawlsschen Ansatz für sozialwissenschaftliche Diskurse in besonderer Weise interessant und anschlussfähig macht.
Wichtig ist aber auch, zweitens, dass die von Rawls gewählte Perspektive in seinem Ansatz einen besonderen methodischen Status erhält: Sie fungiert als Referenzmaßstab selbst für zentrale philosophische Kategorien. An dieser Stelle sei nur ein Beispiel angeführt.[5] Was eine moralische Person ist, wird nicht ‚abstrakt‘ bestimmt, sondern orientiert sich an den Erfordernissen fairer Kooperation. Auf diese Weise eröffnet das Positivsummenparadigma einen gesellschaftstheoretischen Zugang zur philosophischen Anthropologie: Rawls verwendet einen Begriff, demzufolge Personen frei und gleich und in der Lage sind, mit ihresgleichen zusammenzuarbeiten. Dieser Begriff moralischer Personalität stellt auf zwei Vermögen ab: auf die Fähigkeit, sich Gerechtigkeitsgrundsätze aktiv zu eigen zu machen, und auf die Fähigkeit, eine Konzeption des Guten auszubilden. Beides hängt eng zusammen. Für Rawls ist eine Konzeption des Guten ein geordnetes System letzter Ziele, das Individuen ihrem Handeln zugrundelegen. In eine solche Konzeption geht ein, inwiefern diese Ziele im sozialen Zusammenhang verwirklicht werden können. Genau darüber aber geben die Gerechtigkeitsgrundsätze Auskunft. Sie bilden so einen Prüfstein für soziale Kompatibilität und bewahren damit die Konzeption(en) des Guten vor privatistischer, sektiererischer Isolation. Eine Konzeption des Guten kann für Rawls nicht unabhängig von den Gerechtigkeitsgrundsätzen formuliert werden, und sie ist an diese anzupassen, sobald Widersprüche auftreten. Mit dieser Begriffsbildung werden Lernprozesse |6|konstitutiv: Kennzeichen einer moralischen Person ist das Interesse, Gerechtigkeitsgrundsätze zu erkennen – besser: anzuerkennen – und nach ihnen zu handeln sowie das Interesse, eine Konzeption des Guten auszubilden und in rationaler Weise zu verfolgen. Letztere ist also nichts Fertiges, sondern ein Projekt, das es zu verwirklichen gilt – und zwar unter gesellschaftlichen Bedingungen. Darauf macht Rawls (1992; S. 131) selbst ausdrücklich aufmerksam: Für ihn ist die Bildung des Personbegriffs in einem in mancher Hinsicht kantischen Theorieaufriss angesiedelt, unterscheidet sich von Kants Personbegriff allerdings durch einen ausgesprochenen „Vorrang des Sozialen“. Es handelt sich folglich um einen philosophischen – und hierin dezidiert normativen – Personbegriff, der mit sozialwissenschaftlichen Modellen positiver Analyse nicht verwechselt werden sollte, obwohl er in besonderer Weise durch solche Analyseergebnisse und die mit ihnen verbundenen sozialwissenschaftlichen Einsichten informiert ist.
3. Gerechtigkeit als Fairness: die gesellschaftspolitische Ausrichtung
Die Hayeksche Polemik gegen „soziale Gerechtigkeit“, die nicht den zugrundeliegenden Intentionen, sondern dem Missbrauch solcher Intentionen galt, ist einer verständnisvollen Rezeption seines Arguments nicht immer förderlich gewesen. Vor diesem Hintergrund ist es ein ausgesprochener Vorzug der Rawlsschen Gerechtigkeitskonzeption, dass sie eine solche Polemik nicht mitmacht und dennoch der Kategorie der Verfahrensgerechtigkeit eine absolut dominierende Stellung einräumt: Das Programm der Theorie der Gerechtigkeit besteht darin, zwischen der philosophischen Diskurstradition und den Gerechtigkeitsintuitionen der Bürger in bezug auf die grundlegenden Institutionen ihrer Gesellschaft mit Hilfe eines Verfahrens so zu vermitteln, dass über alle Differenzen hinweg ein gemeinsamer Nenner sichtbar wird, der als Basis fungieren kann, um anfallende Politikprobleme in der modernen Demokratie konstruktiv anzugehen. Es handelt sich um das Verfahren einer situativen Übereinkunft, bei der die Fairness der Situation auf das Produkt der Übereinkunft übertragen wird: Die grundlegenden Gerechtigkeitsgrundsätze erscheinen als gerecht, weil und insofern sie unter gerechten Bedingungen, d.h. durch ein gerechtes Verfahren zustandekommen.[6]
Trotz des weitgehenden Verzichts auf Polemik ist auch der Rawlssche Ansatz zum Gegenstand zahlreicher und z.T. weitverbreiteter Missverständnisse |7|geworden. Eine wichtige Quelle solcher Missverständnisse – auch dies ist für Sozialwissenschaftler interessant, wenn auch nicht überraschend – dürfte darin zu finden sein, dass Rawls das Programm seiner Theorie der Gerechtigkeit mit Hilfe von Modellen bearbeitet, die zwar nicht formal, wohl aber begrifflich präzise gefasst sind: Je nachdem, in welchem Modellkontext sie steht, erhält eine Aussage einen völligen anderen Stellenwert, so dass sie missverständlich wird, wenn man diesen Modellkontext nicht angemessen berücksichtigt. Zu den Modellen, die für ein Verständnis der Rawlsschen Gerechtigkeitstheorie besonders wichtig sind, gehören neben dem Begriff einer moralischen Person die Vorstellung einer wohlgeordneten Gesellschaft und die Konstruktion des Urzustands. Beide Modelle haben einen methodisch präzisen, aber unterschiedlichen Status.
(1) Die wohlgeordnete Gesellschaft fungiert als Ideal im normativen Sinn. Sie markiert den Fluchtpunkt, auf den das Programm der Gerechtigkeitstheorie angelegt ist: Eine wohlgeordnete Gesellschaft erfüllt drei Öffentlichkeitsbedingungen (Rawls, 1992; S. 110f. und 1993; S. 66f.). Erstens wird ihre institutionelle Grundstruktur – also nicht unbedingt jedes einzelne Gesetz oder gar jeder Verwaltungsakt, sondern vielmehr die Verfassung und sogar nur die Grundzüge der Verfassung: die Prinzipien der Wirtschafts- und Rechtsordnung – durch öffentliche, d.h. allgemein bekannte und konsentierte Gerechtigkeitsgrundsätze wirksam reguliert: Gerät die Entwicklung des Institutionengefüges in Widerspruch zu den Gerechtigkeitsgrundsätzen, so wird sie an diese angepasst. Zweitens ist in einer wohlgeordneten Gesellschaft das zur Beurteilung und Anerkennung der öffentlichen Gerechtigkeitsgrundsätze erforderliche Wissen selbst öffentlich: Alle Bürger teilen die hierzu nötigen Erkenntnisse über die Natur des Menschen und die Funktionsweise der Institutionen. Darüber hinaus ist in einer wohlgeordneten Gesellschaft, drittens, die Rechtfertigung der Gerechtigkeitsgrundsätze öffentlich, und zwar in dem (eingeschränkten) Sinn öffentlich, dass sie zwar nicht allgemein bekannt, wohl aber allgemein zugänglich sein muss: als inhärenter und zugleich reflektierter Bestandteil der öffentlichen Kultur, als gelebtes Selbstverständnis. Das bedeutet, dass jeder Bürger das begründete Vertrauen haben kann, im Bedarfsfall auf ein theoretisches Verständnis des gesellschaftlichen Institutionensystems zurückgreifen zu können, das ihm den sozialen Sinn der dieses System regulierenden Gerechtigkeitsgrundsätze dechiffriert.
Mit diesen drei Bedingungen gewährt eine wohlgeordnete Gesellschaft ihren Bürgern Autonomie im emphatischen Sinn – Rawls (1992; S. 88) spricht von „vollständiger Autonomie“: Voll autonome Bürger sind in mehrerlei Hinsicht frei. Zum einen hängt ihre Identität nicht an einer besonderen Konzeption des Guten. Sie bleiben sie selbst, auch wenn sie am System ihrer letzten Ziele Revisionen vornehmen. Der Bürger einer wohlgeordneten Gesellschaft ist frei zu lernen und in diesem Sinn unabhängig von den einzelnen besonderen Anschauungen, die er sich im Laufe solcher Lernprozesse jeweils zu eigen macht. Zum anderen sind die Bürger berechtigt, Anforderungen an das gesellschaftliche Institutionensystem zu stellen. Sie dürfen fordern, dieses solle sich an ihren Interessen orientieren, und dieser Anspruch kommt ihnen als Person, d.h. als kooperationsfähiger Bürger, zu. Es ist ihr Recht, institutionelle Strukturen – bzw. Reformen dieser Strukturen – einzufordern, die ihrem Gerechtigkeitssinn entsprechen und die sozialen Bedingungen, d.h. die Mittel bereitstellen, die sie in |8|die Lage versetzen, ihre Konzeption des Guten, d.h. ihr System letzter Ziele, zu verwirklichen.[7] Zusammengenommen findet die Freiheit vollautonomer Bürger somit darin ihre Realisation, dass diese dem gesellschaftlichen Institutionensystem im Bewusstsein ihrer Personalität innerlich zustimmen können. Bei diesem Gerechtigkeitskonzept handelt es sich folglich um eine Reformulierung des insbesondere von Friedrich August von Hayek reaktualisierten liberalen Ideals der Freiheit unter dem Gesetz, bei dem Institutionen nicht als Einschränkung, sondern als Ermöglichung und Erweiterung von Freiheit gedacht werden. In der neueren Terminologie von John Rawls lässt sich dieser zentrale Gedanke auch so formulieren: In einer wohlgeordneten Gesellschaft können die Bürger das Vernünftige rational einlösen.[8] Ihre Anreize sind institutionell so gesetzt, dass sie (der Selbstverständlichkeit) sozialer Kooperation und damit individueller Freiheit – nicht von, sondern – in der Gesellschaft förderlich sind.[9]
(2) Im Urzustand werden die beiden Kategorien des Vernünftigen und des Rationalen systematisch unterschieden und erst auf der Basis dieser Unterscheidung systematisch zusammengeführt: Das Rationale wird in den Parteien verortet, die als künstliche Akteure der Homo-oeconomicus-Konstruktion nicht unähnlich sind; das Vernünftige geht in den Urzustand ein in Form jener – mit Hilfe der Figur eines Schleiers operationalisierten – Bedingungen, die Fairness gewährleisten sollen und hierin in gewisser Weise den Restriktionen eines ökonomischen Modells entsprechen, indem sie den Akt rationaler Entscheidungsfindung in eine bestimmte Bahn lenken. Ganz in diesem Sinne formuliert Rawls (1992; S. 100) mit Blick auf den Urzustand: „Das Vernünftige ist dem Rationalen übergeordnet, |9|denn seine Grundsätze begrenzen … die letzten Ziele, die verfolgt werden können.“[10]
Für ein angemessenes Verständnis des Urzustands und seiner Konstruktion ist es unabdingbar, sich zu vergegenwärtigen, dass es sich hier im Gegensatz zum Modell einer wohlgeordneten Gesellschaft nicht um ein Ideal, sondern um ein Darstellungsmittel handelt. Als solches hat es eine klar umrissene Aufgabe: Es dient dazu, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Begriff einer moralischen Person und den Gerechtigkeitsgrundsätzen, und zwar so herzustellen, dass diese Verbindung den Bürgern einer wohlgeordneten Gesellschaft – also einem fiktiven Publikum! – als guter Grund zur Rechtfertigung der Gerechtigkeitsgrundsätze erscheinen kann. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, müssen im Urzustand angemessen repräsentiert sein: erstens die beiden Vermögen, die das Kennzeichen moralischer Personalität sind; zweitens die Öffentlichkeitsbedingungen einer wohlgeordneten Gesellschaft, die den Bürgern vollständige Autonomie verbürgen; und schließlich drittens jene Fairness, die sicherstellt, dass mit Hilfe der Verfahrensgerechtigkeit gerechte Grundsätze abgeleitet werden.
Erstens: Die beiden Vermögen moralischer Personalität sind im Urzustand rein formal repräsentiert (Rawls, 1992; S. 124f.): Der Gerechtigkeitssinn der Parteien ist inhaltlich unbestimmt. Sie kennen die Gerechtigkeitsgrundsätze noch nicht, auf die sie sich im Verlauf des Verfahrens ja erst noch einigen müssen. Auch ist den Parteien unbekannt, welche Konzeption des Guten sie jeweils verfolgen. Sie kennen nicht ihre letzten Ziele. Diese sind für sie hinter dem Schleier des Nichtwissens verborgen, so dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als allgemein über jene Mittel nachzudenken, die zweckmäßigerweise jedem Gesellschaftsmitglied eingeräumt werden sollten, damit es seine (ihm noch unbekannten) letzten Ziele trotzdem möglichst wirksam verfolgen kann.
Zweitens: Von den drei Öffentlichkeitsbedingungen, die eine wohlgeordnete Gesellschaft kennzeichnen, sind naturgemäß nur die ersten beiden im Urzustand repräsentiert (Rawls, 1993; S. 70f.): Von den Parteien wird verlangt, dass sie sich (nur) auf solche Gerechtigkeitsgrundsätze einigen, die das Institutionensystem wirksam regulieren können und sich mit Hilfe allgemein geteilter Überzeugungen überprüfen lassen. In den Worten von Rawls (1992; S. 114): „Grundsätze, die recht gut funktionieren könnten, vorausgesetzt, sie würden nicht öffentlich anerkannt (wie auf der ersten Stufe definiert), oder vorausgesetzt, die allgemeinen Überzeugungen, auf die sie gegründet sind, würden nicht öffentlich verstanden oder als fehlerhaft angesehen (wie auf der zweiten Stufe definiert), müssen zurückgewiesen werden.“ – Auch die drei Freiheitsmomente vollständiger Autonomie finden sich im Urzustand repräsentiert: Zum einen gibt es für die Parteien keinerlei externe Maßstäbe, keinerlei Vorgaben, sondern nur den einen internen Maßstab, dass sie selbst es sind, die die Regeln ihres Zusammenlebens und die zugrundeliegenden Gerechtigkeitsvorstellungen festlegen. Ihre Bindungen sind Selbst-Bindungen. Rawls (1992; S. 125) fasst diesen Umstand |10|begrifflich als „rationale Autonomie“[11]. Sie repräsentiert Freiheit als Quelle von Ansprüchen. Freiheit als Unabhängigkeit kommt im Urzustand darin zum Ausdruck – so Rawls (1992; S. 126) –, „wie die Parteien dazu bewegt werden, der Sicherung der sozialen Bedingungen zur Verwirklichung ihrer höchstrangigen Interessen einen Vorrang einzuräumen, und dadurch, dass sie, trotz der strengen Informationsbeschränkungen, die der Schleier der Unwissenheit mit sich bringt, Gründe haben übereinzustimmen“. Eine solche Übereinstimmung bezieht sich auf jene Mittel, die eine gerechte Gesellschaft jedem Bürger zur Verfügung stellen sollte, und sie wird von den Parteien mit Hilfe eines Verzeichnisses der für die Konzeptionen des Guten benötigten Grundgüter herbeigeführt. Grundgüter sind die operationalisierbaren Mittel für die Verwirklichung der Systeme letzter Ziele. Dass man sich auf Mittel einigen kann, ohne die Ziele zu kennen, die für die Parteien hinter dem Schleier des Nichtwissens verborgen sind, zeigt die Unabhängigkeit von der jeweiligen Konzeption des Guten und ist hierin Ausdruck von Freiheit. Das dritte Element bürgerlicher Autonomie, Freiheit als Verantwortung, ist im Urzustand dadurch repräsentiert, dass dem Vernünftigen ein Vorrang vor dem Rationalen eingeräumt wird: Die mit Hilfe des Schleiers spezifizierten vernünftigen Bedingungen geben der individuell rationalen Entscheidung einen Rahmen vor, der die Parteien von vornherein nur solche Konzeptionen des Guten in Betracht ziehen lässt, die mit Gerechtigkeitsgrundsätzen vereinbar sind. Diese Verpflichtung des Rationalen auf das Vernünftige spiegelt jene Verantwortung wider, in der sich für Rawls die Freiheit moralischer Personalität ausdrückt: die Verantwortung, dass die individuellen Ziele den sozial verfügbaren Mitteln angemessen sind.
Drittens: Das Konstitutionsprinzip reiner Verfahrensgerechtigkeit besteht darin, die Gerechtigkeit materieller Normen ausschließlich aus der Gerechtigkeit des Normfindungsverfahrens resultieren zu lassen.[12] Der Rawlssche Ansatz fasst Gerechtigkeit als Fairness. Deshalb kommt es darauf an, die Situation eines fairen Urzustands so zu definieren, dass sich die Fairness auf jene Grundsätze übertragen lässt, auf die sich die Parteien in dieser Situation einigen. Dabei ist – so Rawls (1992; S. 128) – im Auge zu behalten, dass sich die Kategorie der Gerechtigkeit nicht auf alle Institutionen, sondern (zunächst) nur auf die institutionelle Grundstruktur der Gesellschaft bezieht; dass es nicht auf die Festlegung |11|sämtlicher, sondern nur auf die Festlegung der obersten Grundsätze für diese Grundstruktur ankommt; und schließlich dass für eine solche Festlegung nicht sämtliche Eigenschaften der Menschen relevant sind, sondern es ausreicht, den dauerhaft kooperierenden Gesellschaftsmitgliedern zu unterstellen, sie verfügten über ein Mindestmaß an den beiden Vermögen moralischer Personalität und seien darin gleich. Nimmt man zu diesen Voraussetzungen hinzu, dass nicht nur die Freiheit, sondern durch die symmetrische Stellung der Parteien zueinander auch die Gleichheit der Personen repräsentiert ist, so ist für Rawls (1992; S. 128f.) garantiert, „dass der Urzustand fair ist zwischen gleichen moralischen Personen, und er daher richtig darstellt, wie die Mitglieder einer wohlgeordneten Gesellschaft einander sehen“. Diese Selbstsicht freier und gleicher Bürger kommt in den beiden Gerechtigkeitsgrundsätzen zum Ausdruck, auf die sich die Parteien im Urzustand einigen.
Damit sind die einzelnen im Urzustand repräsentierten Elemente aufgezählt und jenen Vorstellungen – dem Ideal einer moralischen Person und dem Ideal einer wohlgeordneten Gesellschaft – zugeordnet, zwischen denen vermittelt werden soll: Die (fiktiven!) Bürger sollen sich in den im Urzustand ermittelten Gerechtigkeitsgrundsätzen als Person wiederfinden können. – Für ein angemessenes Verständnis des Urzustands reicht es jedoch nicht aus, nur die Elemente zu kennen. Es ist nötig, darüber hinaus auch zu verstehen, wie das Modell die einzelnen Elemente arrangiert, wie es mit ihnen umgeht. Dies wiederum wird von der Aufgabenstellung gesteuert, und im Rahmen des Rawlsschen Ansatzes lautet die Aufgabe, die minimalen Voraussetzungen zu formulieren, unter denen ein Konsens über die obersten Gerechtigkeitsgrundsätze gerade noch möglich erscheint. Hierfür soll nicht mehr als unbedingt erforderlich in Anspruch genommen werden, und um dies zu erreichen, gehört zum Modell des Urzustands ein elaboriertes Management des zulässigen Wissens und Nichtwissens. Dieses Informationsmanagement erfolgt im Modell des Urzustands mit Hilfe der gedanklichen Figur eines Schleiers, der für die Parteien weitgehend undurchsichtig ist und nicht mehr als ausschließlich jene Informationen durchlässt, die die Parteien für eine rationale Übereinkunft benötigen. Der Sinn dieser minimalistischen Verfahrensweise besteht für Rawls (1992; S. 128) darin, „eine klare Repräsentation des für eine kantische Sichtweise charakteristischen Begriffs der Freiheit zu haben“.
(3) Hierin wird nochmals deutlich, wie differenziert und damit voraussetzungsreich die Rawlssche Theoriearchitektonik angesetzt ist. Insbesondere die Verwendung von Modellen führt dazu, dass scheinbar ähnliche Aussagen – Aussagen über Bürger oder Parteien oder Menschen – in unterschiedlichen Kontexten – im Kontext des Ideals einer wohlgeordneten Gesellschaft oder im Kontext der Konstruktion des Urzustands oder im Kontext der Realität moderner Gesellschaften – höchst unterschiedliche Interpretationen erfordern, die sich allerdings methodisch präzise verorten lassen, sobald man die Problemsteuerung der Theoriekomposition angemessen berücksichtigt. Vor einem solchen Hintergrund tritt deutlich hervor, dass der Ansatz von John Rawls den Sozialwissenschaften nicht nur inhaltlich (Vorrang des Sozialen), sondern auch methodisch (Verwendung von Modellen) entgegenkommt. Dass gerade hierin eine besondere Attraktivität begründet liegt, zeigt sich nicht zuletzt in der – für alle Modell-Wissenschaften |12|charakteristischen – Pointe, dass die Verwendung kontra-intuitiver Elemente im Rahmen einer Theorie möglich wird, die darauf zugeschnitten ist, letztlich plausible, intuitiv erfassbare Ergebnisse hervorzubringen.[13]
Gerade diese Ausrichtung auf intuitiv erfassbare Ergebnisse, das Bemühen um Anschlussfähigkeit an die in der Realität bereits vorhandenen Vorstellungen macht deutlich: Der gesamte Theorieaufriss der Rawlsschen Konzeption von ‚Gerechtigkeit als Fairness‘ folgt einer gesellschaftspolitischen Problemstellung. Das Ziel der Theoriebildung besteht ausgewiesenermaßen darin, einen wissenschaftlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Selbstverständigung zu leisten, der als solcher selbst Teil der öffentlichen Kultur moderner Demokratien werden soll. Rawls geht es darum, einen öffentlichen Konsens darüber herstellen zu helfen, wie jene Ideale, die sich als Kern der abendländischen Tradition herausgebildet haben: wie Freiheit und Gleichheit in einer modernen Gesellschaft durch die Grundstruktur des Institutionensystems zur Geltung gebracht sind bzw. gegebenenfalls zur Geltung gebracht werden könnten. Zu diesem Zweck stellt er mit ‚Gerechtigkeit als Fairness‘ eine Konzeption vor, in der die Menschen ihre oft nur latenten oder impliziten Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit in einer Weise expliziert sehen, die ihnen nach reiflicher Überlegung als angemessen erscheinen und dann als Basis dienen kann, einen Konsens zu formulieren, von dem aus schließlich konkrete Politikprobleme auf eine konstruktive Weise angegangen werden können.
Es erleichtert ein angemessenes Verständnis der Rawlsschen Philosophie, wenn man zwischen drei Theorie-Ebenen unterscheidet: der Ebene des Urzustands, der Ebene der wohlgeordneten Gesellschaft und schließlich der Ebene der realen Gesellschaft. Diese drei Ebenen haben einen ganz unterschiedlichen Status, vgl. Abbildung1.
Der Urzustand ist ein Konstrukt zu Darstellungszwecken, die wohlgeordnete Gesellschaft ist ein normatives Ideal, und die reale Gesellschaft ist der Adressat der Theorie. Deshalb werden die drei Ebenen auch von unterschiedlichen Akteuren bevölkert. Im Urzustand handeln rationale Parteien unter vernünftigen Bedingungen. In der wohlgeordneten Gesellschaft leben fiktive Bürger, die mit einem Gerechtigkeitssinn ausgestattet sind, und in der realen Gesellschaft leben Menschen aus Fleisch und Blut. Das Ergebnis der ersten Theorieebene sind Gerechtigkeitsgrundsätze, und das Kriterium hierfür ist eine angemessene Repräsentation der Idee von fairer Kooperation zwischen freien und gleichen Bürgern. Das Ergebnis der zweiten Theorieebene ist eine Gerechtigkeitskonzeption, und das Kriterium hierfür ist ein doppeltes: zum einen die Anerkennung der Gerechtigkeitsgrundsätze von Ebene 1; zum anderen die Stabilität der Gerechtigkeitskonzeption auf Ebene 2. Das Ergebnis der dritten Theorieebene ist eine Gerechtigkeitstheorie. Das entsprechende Kriterium hierfür besteht in einem Überlegungsgleichgewicht zwischen den Ebenen 1 und 2 einerseits und den moralischen Intuitionen andererseits.
|13|Abbildung 1:
Überblickstafel zur Gerechtigkeitstheorie
Zur Erläuterung: In bezug auf die erste Ebene erhebt Rawls den Anspruch, dass die Ableitung der von ihm vorgeschlagenen Gerechtigkeitsgrundsätze aus dem Urzustand zwei Bedingungen genügt: erstens, dass im Urzustand der Begriff moralischer Personalität – präziser: der Begriff einer moralischen Person, die zu dauerhafter sozialer Kooperation mit anderen moralischen Personen auf der Basis von Freiheit und Gleichheit fähig ist – angemessen repräsentiert ist; und zweitens, dass diese Ableitung aus dem Urzustand die beiden Rawlsschen Gerechtigkeitsgrundsätze gegenüber allen anderen bekannten Alternativen als überlegen ausweist. Insgesamt betrachtet, konstituiert die Einigung im Urzustand einen hypothetischen Konsens rationaler Modellkonstrukte, der allerdings so beschaffen ist, dass sich ein fiktives Publikum: konstituiert durch die gedachten Bürger einer gedachten idealen Welt, als freie und gleiche Personen in einem solchen Übereinkommen wiederfinden kann. In bezug auf die zweite Ebene stellt Rawls den Anspruch, dass die beiden Gerechtigkeitsgrundsätze, auf die sich die Parteien im Urzustand einigen, die institutionelle Grundstruktur einer wohlgeordneten Gesellschaft wirksam regulieren können. Darüber hinaus sollen sie den Bürgern einleuchten, und zwar aufgrund des Verfahrens, mittels dessen sie ausgewählt werden. Die Bürger einer wohlgeordneten Gesellschaft erkennen an – so der Rawlssche Anspruch –, dass die Zusammenführung des Rationalen und des Vernünftigen im Urzustand auf eine Weise erfolgt, die die ausgewählten Gerechtigkeitsgrundsätze mit guten Gründen rechtfertigt. Sie finden das Prinzip der reinen Verfahrensgerechtigkeit überzeugend und übertragen die Fairness des Verfahrens auf die beiden Gerechtigkeitsgrundsätze, denen ebenfalls Fairness zugeschrieben wird. Dieses Konzept von ‚Gerechtigkeit als Fairness‘, das nicht nur die Ableitung der Gerechtigkeitsgrundsätze aus dem Urzustand, sondern auch die Rezeption dieser Ableitung sowie ihre Bedeutung in einer wohlgeordneten |14|Gesellschaft und mithin also auch deren drei Öffentlichkeitsbedingungen umfasst, wird von Rawls den real existierenden Menschen real existierender Gesellschaften als ein Identifikationsangebot unterbreitet. Erst hier, auf dieser dritten Ebene, kommt es darauf an, den Anschluss an die Intuitionen der Menschen herzustellen. Eine solche Anschlussfähigkeit bildet für Rawls den eigentlichen Test für die Güte seiner Theorie. Das Kriterium dieses Tests ist, inwiefern das hergestellt werden kann, was Rawls ein „Überlegungsgleichgewicht“ nennt: die Übereinstimmung – nicht der Gerechtigkeitsgrundsätze, sondern – der Gerechtigkeitskonzeption (!) mit den wohlerwogenen Überzeugungen der Menschen. Erst auf dieser dritten Ebene kommt die gesellschaftspolitische Stoßrichtung des Rawlsschen Ansatzes voll zum Tragen. Gemäß Rawls (1992; S. 264) zielt seine Theoriebildungsstrategie darauf ab, dass ‚Gerechtigkeit als Fairness‘ „als Grundlage einer informierten und bereitwilligen Übereinkunft zwischen Bürgern dienen kann, die als freie und gleiche betrachtet werden. Wenn sie sicher in den öffentlichen politischen und sozialen Einstellungen verankert ist, stützt diese Übereinkunft die Konzeptionen des Guten aller Personen und Vereinigungen in einem gerechten demokratischen Staat.“ Rawls versteht seine Theorie als einen wissenschaftlichen Beitrag zur politischen Befriedung moderner Gesellschaften, der gewisse bereits vorhandene Elemente öffentlicher Kultur aufnimmt, neu strukturiert und wieder an die demokratische Öffentlichkeit adressiert; als einen Beitrag, der schließlich selbst zum Bestandteil der öffentlichen Kultur wird und hierin eine gesellschaftsstabilisierende Funktion erfüllt. In den Worten von Rawls (1992; S. 265) lautet die Devise seiner kantisch verfahrenden Bemühung um politische Aufklärung: „Das Ziel ist eine freie Übereinkunft, Versöhnung durch öffentlichen Vernunftgebrauch. … Solange wir nicht uns selbst dazu bringen zu verstehen, wie dies geschehen könnte, kann es nicht geschehen.“[14]
4. Gerechtigkeit als Fairness: die zugrundeliegende Zeitdiagnose
Die bisherige Analyse hat ergeben, wie problemgesteuert die Rawlssche Theoriekomposition ist und dass diese Problemsteuerung sich in besonderem Maße einer sozialwissenschaftlichen Perspektive verdankt.[15] Vor diesem Hintergrund sind die neueren Schriften von John Rawls gerade deshalb so bedeutend (und folgenreich), |15|weil sie den gesellschaftstheoretischen Problemaufriss seiner Gerechtigkeitskonzeption noch radikaler nuancieren. Neben das Positivsummenparadigma tritt – mit gleichem methodischen Stellenwert! – das ‚Faktum des (vernünftigen) Pluralismus‘, die Einsicht, dass in einer modernen Gesellschaft der Wertekonsens unwiderruflich verloren ist, dass es Meinungsverschiedenheiten gibt, die sich nicht vernünftig auflösen lassen. Nimmt man dies als eine unhintergehbare gesellschaftliche Bedingung, als eine Restriktion, der die Gesellschaftstheorie prinzipiell nicht entkommen kann, dann stellt sich die Frage, wie unter dieser Bedingung das Programm der Gerechtigkeitstheorie noch zur Geltung kommen kann, das Programm nämlich, für die moderne Demokratie eine Gerechtigkeitskonzeption zu entwickeln, anhand deren die Menschen ihre politische (Selbst-)Verständigung entwickeln können; das Programm, einen Basiskonsens zu finden und zu formulieren, der es ermöglicht, die Konflikthaltigkeit der modernen Gesellschaft zu entschärfen und mit dieser Befriedung zugleich die Möglichkeit zu eröffnen, die Politikprobleme konstruktiv anzugehen. Die Antwort, die John Rawls in seinen neueren Schriften auf diese Frage zu geben versucht, besteht in einem radikalisierten Minimalismus, der die inhaltlichen und methodischen Eigenschaften seines Ansatzes noch stärker hervortreten lässt.
Als Ausgangspunkt seiner neueren Schriften wählt Rawls (1992; S. 298f. und 1993; S. XXII ff.) eine Diagnose der Moderne: Seit der Reformation und der sich an sie anschließenden Religionskriege haben westliche Gesellschaften gelernt, dass ein friedliches Zusammenleben verschiedener Religionsgemeinschaften innerhalb ein und derselben Gesellschaft (nur) aufgrund von Toleranz zustandekommen kann. Die historische Erfahrung lautet: Soziale Integration ist möglich, auch wenn sie nicht durch eine einheitliche Konzeption des Guten geleistet wird. Von dieser Erfahrung ist das Institutionensystem demokratisch verfasster Marktwirtschaften westlichen Typs aufgrund einer nunmehr jahrhundertealten Tradition der Toleranzausweitung durchdrungen, in deren Verlauf immer mehr zur Privatsache erklärt werden konnte, was zuvor als eine Frage der Staatsräson erschienen war. Die Folge ist eine zunehmende ‚Frei-Setzung‘: die Etablierung von Religionsfreiheit, Gedankenfreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Koalitionsfreiheit, aber schließlich auch die Etablierung von Gewerbefreiheit und Wettbewerbsfreiheit im wirtschaftlichen und die Etablierung von freien Wahlen im politischen Bereich. Die Geschichte der westlichen Zivilisation ist eine Geschichte gesellschaftlicher Integration bei gleichzeitig zunehmender Pluralisierung, und zwar einer Integration, die nicht intentional, über einheitliche Zielhierarchien, sondern institutionell, über einheitliche Mittelbegrenzungen, erfolgt. Moderne Gesellschaften sind nicht wertintegriert, sondern regelintegriert – mit gravierenden Folgen für das Problem gesellschaftlicher Stabilität.
Keine Gesellschaft kann auf Dauer bestehen, wenn sie nicht zumindest von der übergroßen Mehrheit ihrer politisch aktiven Bevölkerung innerlich akzeptiert und getragen wird. Hierfür ist ein Basiskonsens erforderlich. In einer wertintegrierten Gesellschaft muss sich ein solcher Konsens auf die konkreten Werte beziehen, die zu einer für die gesamte Gesellschaft einheitlichen und verbindlichen Konzeption des Guten zusammengefügt sind. In einer regelintegrierten Gesellschaft sind die Konsensanforderungen anders gelagert. Hier müssen die Bürger hinsichtlich der institutionellen Grundstrukturen eine Übereinstimmung |16|erzielen, damit ihre Gesellschaft dauerhaft funktionsfähig bleibt. Ein solcher Basiskonsens ist unabhängig von den jeweiligen Konzeptionen des Guten, die die Bürger einer pluralistischen Gesellschaft vertreten, und die neueren Schriften von John Rawls, in denen seine liberale Gerechtigkeitstheorie zu einem politischen Liberalismus weiterentwickelt wird, verstehen sich als ein Identifikationsangebot für einen solchen Basiskonsens.
Für ein dem politischen Liberalismus angemessenes Verständnis von ‚Gerechtigkeit als Fairness‘ hat dies einschneidende Folgen methodischer und inhaltlicher Art: Zum einen bemüht sich Rawls, im Rahmen seines Ansatzes all jene Fragen auszusparen, über die eine vernünftige Einigung auf absehbare Zeit nicht zu erwarten ist. Diese „Methode der Vermeidung“ – so Rawls (1992; S. 265) – zieht nicht nur die Einführung neuer und in zahlreichen Fällen die Modifikation alter Konzepte nach sich[16], sie zwingt auch zu einer Präzisierung in bezug auf den theoretischen Status der Rawlsschen Philosophie, die sich selbst nicht länger als moralische, sondern als dezidiert politische Philosophie versteht und ihre Fragen so konzeptualisiert, dass die Antworten nicht epistemologischer, sondern praktischer Natur sind. Pointiert zugespitzt, geht es im Rawlsschen Ansatz nicht um Erkenntnis, sondern um Anerkennung, nicht um Wahrheit, sondern um Konsens, nicht um Metaphysik, sondern um eine öffentliche, politische Aufgabe (Rawls, 1992; S. 263f.). Zum anderen ist es genau diese Aufgabenzuschreibung, die auch zu inhaltlichen Neubestimmungen führt: Rawls (1993; S. XXI) macht darauf aufmerksam, dass seine neueren Schriften die Einsicht in das Faktum des Pluralismus nicht aus der Philosophie heraus entwickeln, sondern vielmehr umgekehrt in die Philosophie hineintragen. Der wesentliche Impuls für die Weiterentwicklung seines Ansatzes ist folglich gesellschaftstheoretischer Natur. Durch die sozialwissenschaftlich inspirierte Diagnose der Moderne gewinnt Rawls einen heuristischen Zugriff, der das Problem seines Ansatzes neu bestimmt und zugleich die Kriterien angibt, an denen sich die problemgesteuerten Theoriebildungsentscheidungen zu orientieren haben. Insofern ist es ein Kennzeichen methodischer Konsistenz, dass sich die präzisierte Aufgabenzuweisung an die politische Philosophie in neuen Inhalten niederschlägt. Wie dies geschieht, lässt sich am besten dadurch veranschaulichen, dass Rawls zwei Stabilitätsbegriffe einführt. Der erste Stabilitätsbegriff bezieht sich auf die Gerechtigkeitskonzeption, der zweite auf die Gesellschaft.
Rawls führt das Faktum des Pluralismus nicht auf der ersten Ebene, der Ebene des Urzustands, ein, sondern erst auf der zweiten Ebene, der Ebene einer wohlgeordneten Gesellschaft. Die Unhintergehbarkeit vernünftiger Meinungsverschiedenheiten ist also nicht den Parteien, wohl aber den fiktiven Bürgern seiner Gerechtigkeitskonzeption bekannt, und sie bildet für diese Bürger – so der |17|Anspruch (Rawls, 1992; S. 341ff.) – einen zusätzlichen Grund, die aus dem Urzustand abgeleiteten Gerechtigkeitsgrundsätze zu akzeptieren, denn die solchermaßen explizierte Vorstellung von Gerechtigkeit ist von konfligierenden Konzeptionen des Guten nicht nur unabhängig – also selbst von unterschiedlichen Standpunkten aus konsensfähig –, sondern sie stellt darüber hinaus Bedingungen her, die der Ausbildung eigener Konzeptionen des Guten ausgesprochen förderlich sind. Insofern kann sie auf die Loyalität der Bürger einer wohlgeordneten Gesellschaft hoffen. Diese Loyalität, durch die der Gerechtigkeitssinn der Bürger sich selbst verstärkt, also quasi ‚self-enforcing‘ wird, speist sich aus der Einsicht in die Leistungen einer liberalen Gerechtigkeitskonzeption, die gerade durch diese Anerkennung an Stabilität gewinnt (Rawls, 1992; S. 327 und 350ff.).[17]
Rawls nimmt in Anspruch, dass nur eine Gerechtigkeitskonzeption, die in diesem Sinne stabil ist, ihrer „sozialen Aufgabe“ – so Rawls (1992; S. 142) – nachkommen kann, zur Stabilität einer modernen Gesellschaft beizutragen, und zwar dadurch beizutragen, dass sie ein dem Pluralismus angemessenes – und in der gesellschaftlichen Tradition bereits angelegtes – Verständnis von Gleichheit und Freiheit vorstellt, auf diese Weise den Bürgern eine gemeinsame öffentliche Basis für eine Verständigung über die Gerechtigkeit ihrer Institutionen bietet und so schließlich selbst Bestandteil der öffentlichen Kultur wird. Dahinter steckt der Gedanke, dass Bürger, die in einer Gesellschaft leben, die ihren Gerechtigkeitssinn stärkt, mit der Zeit nicht nur eine Loyalität gegenüber den Gerechtigkeitsgrundsätzen, sondern auch gegenüber den Institutionen entwickeln, auf die sich solche Grundsätze beziehen. Das kann man sich wie folgt vorstellen: Rawls klinkt seine Gerechtigkeitskonzeption in die bereits laufenden politischen Gerechtigkeitsdiskurse der demokratischen Öffentlichkeit ein. Er nimmt die in den grundlegenden Institutionen als bereits vorhanden unterstellten Intuitionen auf; sie sind gleichsam der Input seiner Theorie. Diese Intuitionen werden in der Theorie rationalisiert und zu einer Vorstellung von „Gerechtigkeit als Fairness“ verarbeitet; sie ist gleichsam der theoretische Output, und dieser wird an die Öffentlichkeit zurückgegeben, also wieder in die Diskurse eingespeist. Das Motto könnte lauten: Aus der Praxis für die Praxis, und mit zunehmender Resonanz wird Rawls’ wissenschaftlicher Beitrag selbst Teil der politischen Praxis moderner Gesellschaften. Inhaltlich hat dies drei gravierende Folgen. Erstens: Aufgrund der minimalen Voraussetzungen, auf denen seine sich selbst stabilisierende Gerechtigkeitskonzeption beruht, sieht Rawls das Ideal einer wohlgeordneten Gesellschaft als im Bereich des Möglichen angesiedelt. Nach den neueren Theorieanpassungen gilt sie ihm nicht länger als eine Utopie, als ein realitätsfernes Ideal, sondern als eine regulative Idee, die in der Realität einen Ort finden (und anweisen) kann.[18] Zweitens: Als Bestandteil der öffentlichen Kultur kann – so Rawls (1992; S. 314, insbes. Fn. 23) – seine Gerechtigkeitskonzeption die stabilisierende Funktion |18|erfüllen, die historisch kontingente Entwicklung zum liberalen Verfassungsstaat als eine zivilisatorische Errungenschaft festzuschreiben und Sicherungen einzuführen, die es unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich machen, hinter den einmal erreichten Standard zurückzufallen. Die durch die Gerechtigkeitsgrundsätze garantierten Grundfreiheiten werden von der politischen Tagesordnung genommen, sie sind dem tagespolitischen Diskurs entzogen und gelten schließlich als selbst-verständlich und also unabänderlich. Ein historisch kontingenter Zustand wird so auf Dauer gestellt, ein bloßer modus vivendi in einen übergreifenden Konsens transformiert und dadurch nachhaltig abgesichert.[19] Drittens: Der Stellenwert, den die neueren Schriften dem Faktum des Pluralismus einräumen, führt zu einem neuen Verständnis des Liberalismus, hinsichtlich dessen sich Rawls von so wichtigen Vorgängern wie Kant und Mill unterscheidet: Für Rawls (1992; S. 284) ist der Liberalismus als politischer Liberalismus nicht mehr ein „umfassendes Ideal“, insbesondere ist er nicht auf bestimmte Ideale wie etwa Autonomie oder Individualität festgelegt:
„Das Fehlen einer Festlegung auf diese Ideale und ebenso auf jedes besondere umfassende Ideal ist wesentlich für den Liberalismus als einer politischen Lehre. Dies hat seinen Grund darin, dass jedes solche Ideal, wenn es als umfassendes Ideal verfolgt wird, mit anderen Konzeptionen des Guten und mit Formen des persönlichen, moralischen oder religiösen Lebens unvereinbar ist, die mit der Gerechtigkeit verträglich sind und die daher ihren Platz in einer demokratischen Gesellschaft haben.“
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist dies ein für die nunmehr anstehende Liberalismusdiskussion wegweisender Gedanke: Nach dem Ausfall des Sozialismus als einer ernstzunehmenden politischen Konzeption eröffnet sich die Möglichkeit, den Liberalismus nicht länger „als eine weitere sektiererische Lehre“ – so Rawls (1992; S. 185) – aufzufassen, sondern als eine Referenzposition, die quasi ‚über‘ den konfligierenden Idealen steht, deren Streit schlichtet und so in besonderer Weise zur Befriedung und konstruktiven Wendung demokratischer Politikprozesse beiträgt.[20]
Vor diesem Hintergrund lässt sich der Ansatz von John Rawls einstufen als der Versuch, ein liberales (Selbst-)Verständnis der modernen Demokratie auf der Höhe der Zeit und ihrer Probleme zu formulieren. So betrachtet, handelt es sich um eines der anspruchsvollsten und interessantesten Gesprächsangebote, die den Sozialwissenschaften von Seiten der Philosophie im 20. Jahrhundert unterbreitet worden sind. Es gibt gute Gründe, sich auf ein solches Angebot einzulassen und eine Verständigung auch über Fachgrenzen hinweg zu (ver-)suchen: Gerade die Innovationen, die neuen inhaltlichen und methodischen Akzentsetzungen, die den Rawlsschen Ansatz für die Sozialwissenschaften so anschlussfähig machen, erfordern eine interdisziplinär ausgerichtete Forschungsdiskussion, um die in |19|diesen theoretischen Neuerungen liegende Herausforderung konstruktiv einordnen, angemessene Interpretationsmuster bereitstellen und insbesondere die zur Evaluierung des gesellschaftstheoretischen und gesellschaftspolitischen Gehalts erforderlichen Anschlussfragen formulieren zu können.
5. Nachtrag 2016
John Rawls eröffnet seine Gerechtigkeitstheorie mit einem ethischen Paukenschlag, indem er Gerechtigkeit als erste Tugend des Institutionensystems kennzeichnet. In der Tat: Was für eine Metapher! Nach traditionellem Verständnis ist Gerechtigkeit zwar durchaus eine Tugend, aber als solche auf Handlungen bezogen, auf Handlungsdispositionen, auf den Charakter einer handelnden Person und schließlich auf die ganze Person selbst. Tugend ist ein individualethisches Konzept. Daher fällt es zunächst einmal schwer, sich vorstellen zu können, dass neben Personen auch Institutionen, also Regelarrangements, Tugenden aufweisen können. Aber genau darum geht es Rawls: Er lenkt den Tugendbegriff von Handlungen und Handlungsgesinnungen auf die institutionellen Handlungsbedingungen der Gesellschaftsordnung – mit folgender Pointe: „Die Art und Weise, wie wir über Fairness im Alltag denken, ist eine schlechte Vorbereitung für den großen Perspektivenwechsel, der erforderlich ist, wenn die Gerechtigkeit der [institutionellen; I.P.] Grundstruktur selbst betrachtet werden soll.“[21] Das bedeutet: Als Bürger eines demokratisch verfassten Gemeinwesens benötigen wir eine theoretisch fundierte Orientierungshilfe, wenn wir den Ebenenwechsel vollziehen wollen, der darin besteht, den öffentlichen Gerechtigkeitsdiskurs von Personen auf Institutionen umzulenken. Die Rawlssche Gerechtigkeitstheorie ist der Versuch, eine solche Orientierungshilfe anzubieten – und zugleich die Zweckmäßigkeitskriterien auszuweisen, an denen gemessen diese Orientierungshilfe extrem leistungsfähig zu sein beansprucht. Rawls geht es um nichts Geringeres als darum, mit seiner Theorie einen wissenschaftlichen Beitrag zur Befriedung gesellschaftlicher Konflikte zu leisten, indem er eine Verständigungsbasis verfügbar macht, die den Verfassungskonsens der modernen Gesellschaft zu stabilisieren hilft. Deshalb bemüht er sich um eine größtmögliche Transparenz seiner Theoriebildungsentscheidungen: Für seine Leser soll nachvollziehbar und einsichtig sein, warum er bestimmte Annahmen so und nicht anders trifft. Die Transparenz der Theoriebildungsentscheidungen ist so gesehen ein konstitutiver Bestandteil des von Rawls intendierten Aufklärungsbeitrags.
Besonders interessant daran ist nun der Umstand, dass Rawls in seinen Schriften zum politischen Liberalismus seiner Gerechtigkeitstheorie eine weitere Annahme hinzufügt, die so folgenreich ist, dass er sich gezwungen sieht, sein gesamtes Theoriegebäude daraufhin umzubauen. Um dem Faktum des vernünftigen Pluralismus angemessen Rechnung zu tragen, ist zusätzlich zum Ebenenwechsel auch noch ein Kategorienwechsel erforderlich. Hierfür steht die programmatische Überschrift seines Aufsatzes „Political, not Metaphysical“ von 1985. Was ist damit gemeint?
|20|Rawls gibt hierzu die Auskunft, dass sich sein Selbstverständnis des eigenen Theorieprogramms geändert habe, und zwar insofern, als er mit seiner Gerechtigkeitstheorie nicht länger Moralphilosophie, sondern politische Philosophie betreiben wolle. Der Sache nach geht es Rawls darum, eine grundlegende Distinktion zwischen Individualethik und Institutionenethik zu markieren: In einer liberalen Gesellschaft kann ich im Rahmen der geltenden Gesetze mein Leben so leben, wie ich es will – (a) ohne die von mir gewählte Konzeption des Guten, den von mir eingeschlagenen Lebensweg und die hierbei erworbenen Tugenden für alle anderen Bürger einsichtig und zustimmungsfähig machen zu müssen, aber (b) auch ohne die Hoffnung, dies für alle anderen einsichtig und zustimmungsfähig machen zu können. Deshalb haben individualethische Argumente für oder gegen einen bestimmten moralischen Lebensentwurf eine völlig andere Qualität – sie sind auch völlig anderen Anforderungen unterworfen – als institutionenethische Argumente, die in einem politischen Diskurs vorgebracht werden, um Regeln oder Prinzipien für Regeln vorzuschlagen, die nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen Verbindlichkeit beanspruchen. Institutionenethische Argumente unterliegen einer wesentlich größeren Rechtfertigungspflicht, aber auch einer wesentlich größeren Rechtfertigungsfähigkeit. Man kann es auch so ausdrücken: Während ein moralischer Konsens (im Sinne einer Einigung auf eine für alle verbindliche Konzeption des Guten) angesichts des Pluralismusfaktums unmöglich und damit letztlich auch verzichtbar geworden ist, ist es durchaus möglich – und unverzichtbar nötig! –, einen politischen Konsens zu erzielen und zu stabilisieren (im Sinne einer Einigung auf eine für alle verbindliche Institutionenstruktur, die alternative Konzeptionen des Guten friedlich koexistieren lässt). Regeln sind kollektiv verbindlich – Konzeptionen des Guten sind es nicht. Deshalb gelten für institutionenethische Argumente andere – d.h. strengere! – diskursive Anforderungen als für individualethische Argumente. Für letztere reicht es aus, dass sie eine – unter Umständen sehr kleine – Teilgruppe der Gesellschaft überzeugen; für erstere hingegen ist es nötig, dass sie einen Konsens aller Bürger herstellen. Deshalb reduziert Rawls den moralischen (= individualethischen) Gehalt seiner Gerechtigkeitstheorie auf ein Minimum und stärkt stattdessen ihren politischen (= institutionenethischen) Gehalt, indem er mit seiner Wende zum politischen Liberalismus die Gerechtigkeitstheorie auf Regeln und Prinzipien fokussiert, die für die Anhänger unterschiedlicher Konzeptionen des Guten gleichermaßen zustimmungsfähig sind.
Diese Rawls-Interpretation wird auch durch seine späteren Schriften bestätigt. Hinzuweisen ist auf mehrere wichtige Bücher:
(1) Rawls war sich sehr darüber im Klaren, dass seine Gerechtigkeitstheorie vornehmlich auf die USA als einen demokratisch verfassten Rechtsstaat mit einer ganz bestimmten Verfassungskultur zugeschrieben war. Um seine Theorie – und ihre Theorieleistungen – von der Ebene des Nationalstaats auf die globale Ebene des Völkerrechts anzuheben, sind deshalb theoretische Modifikationen erforderlich.[22]
|21|(2) Rawls hat seine Überlegungen zur Gerechtigkeitstheorie über viele Jahrzehnte hinweg kontinuierlich weiterentwickelt. Für die hier vorgelegte Interpretation seiner Schriften ist die finale Fassung eine aufschlussreiche Bestätigung.[23]
(3) Von besonderer Bedeutung für ein vertieftes Verständnis des Rawlsschen Ansatzes sind seine Vorlesungen zur Geschichte der Moralphilosophie und zur Geschichte der politischen Philosophie, in denen er sich als meisterhafter Interpret alternativer Theoriearchitekturen erweist.[24] Besonders zu empfehlen sind seine Ausführungen zu Immanuel Kant und zu Thomas Hobbes.
Aus der mittlerweile Bibliotheken füllenden Sekundärliteratur zu Rawls sei hier nur verwiesen auf die exzellenten Kommentarbände von Freeman[25] sowie von Mandle und Reidy[26].
Literatur
Brennan, Geoffrey und James M. Buchanan (1985, 1993): Die Begründung von Regeln, Tübingen.
Eucken, Walter (1952, 1990): Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 6. Auflage, Tübingen.
Freeman, Samuel (Hrsg.) (2003): The Cambridge Companion to Rawls, Cambridge u.a.O.
Hayek, Friedrich A. von (1976, 1981): Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Bd. 2: Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit, aus dem Amerikanischen übertragen von Martin Suhr, Landsberg am Lech.
Homann, Karl und Ingo Pies (1993): Liberalismus: Kollektive Entwicklung individueller Freiheit – Zu Programm und Methode einer liberalen Gesellschaftstheorie, in: Homo Oeconomicus X(3/4), S. 297–347.
Mandle, Jon und David A. Reidy (2013): A Companion to Rawls, Chichester.
Pies, Ingo (1993): Normative Institutionenökonomik. Zur Rationalisierung des politischen Liberalismus, Tübingen.
Rawls, John (1971, 1979): Eine Theorie der Gerechtigkeit, übersetzt von Hermann Vetter, Frankfurt a.M.
Rawls, John (1992): Die Idee des politischen Liberalismus, Frankfurt a.M.
Rawls, John (1993): Political Liberalism, New York.
Rawls, John (1999): The Law of Peoples, Cambridge, Mass. und London.
Rawls, John (2000): Lectures on the History of Moral Philosophy, edited by Barbara Herman, Cambridge, Mass. und London.
Rawls, John (2001): Justice as Fairness. A Restatement, Cambridge, Mass. und London.
Rawls, John (2002a): Das Recht der Völker, übersetzt von Wilfried Hinsch, Berlin.
Rawls, John (2002b): Geschichte der Moralphilosophie. Hume, Leibniz, Kant, Hegel, hrsg. von Barbara Herman, übersetzt von Joachim Schulte, Frankfurt a.M.
Rawls, John (2006): Gerechtigkeit als Fairness. Ein Neuentwurf, hrsg. von Erin Kelly, übersetzt von Joachim Schulte, Frankfurt a.M.
|22|Rawls, John (2007): Lectures on the History of Political Philosophy, hrsg. von Samuel Freeman, Cambridge, Mass. und London.
Rawls, John (2008): Die Geschichte der Politischen Philosophie, hrsg. von Samuel Freeman, übersetzt von Joachim Schulte, Frankfurt a.M.
Suchanek, Andreas (1994): Ökonomischer Ansatz und theoretische Integration, Tübingen.
[Zum Inhalt]

|23|James Buchanan (1919–2013)
„Propositions advanced by political economists must always be considered as tentative hypotheses offered as solutions to social problems. … [T]he political economist’s task is completed when he has shown the parties concerned that there exist mutual gains ‚from trade‘.“ James M. Buchanan (1959; S. 128f.)
James Buchanans konstitutionelle Ökonomik
Wie nur wenige Ökonomen des 20. Jahrhunderts tritt James Buchanan mit dem Anspruch auf, das (Selbst-)Verständnis des Fachs zu ändern: Die Ökonomik soll die mit der Neoklassik zunächst verloren gegangene gesellschaftstheoretische Ausrichtung wiedergewinnen, sie soll an die Traditionslinie der ‚political economy‘ wieder anknüpfen.[27]
Durch eine solche Neuorientierung will Buchanan die Ökonomik in die Lage versetzen, wichtige gesellschaftliche Aufgaben übernehmen zu können. Sie soll sich für die Bürger als nützlich erweisen, indem sie ihnen eine intellektuelle Hilfestellung bei der Lösung politischer Probleme bietet. Buchanan geht es darum, eine Perspektive aufzuzeigen, aus der man – analog zum wirtschaftlichen Prozess – den politischen Prozess anders – und vor allem: konstruktiver – wahrnehmen kann, als dies mit einem ökonomisch ungeschulten Blick möglich ist. Üblicherweise wird die Wirtschaft – und analog: die Politik – als eine chaotische Sphäre wahrgenommen, in der konfligierende Interessen aufeinanderprallen, so |24|dass der eine verliert, was der andere gewinnt. Angesichts einer solchen Wahrnehmung, die sich wie von selbst aufdrängt, bedarf es einer Konzeptualisierung, die den phänomenologischen Eindruck theoretisch korrigiert, damit Marktwirtschaft und Parlamentarismus in einer Demokratie dauerhaft möglich werden. Buchanans Botschaft lautet: Das, was wie ein Nullsummenspiel aussieht, ist in Wirklichkeit – zumindest potentiell – ein Positivsummenspiel, in dem es gemeinsame Interessen aller Bürger gibt. Von diesem Punkt aus muss Gesellschaft gedacht werden. Sie erscheint dann im Kern als ein kooperatives Unternehmen, ein Projekt der wechselseitigen Zusammenarbeit. In diese Zusammenarbeit eingelassen sind Sphären der Konkurrenz – in der Wirtschaft: zwischen Unternehmen und zwischen Konsumenten; in der Politik: zwischen Interessengruppen, von denen einige als Parteien organisiert sind. Damit stellt Buchanan eine Perspektive vor, die dem phänomenologisch dominanten Wettbewerb eine zwar wichtige, im Kern jedoch sekundäre Rolle zuweist: als Instrument gesellschaftlicher Kooperation. Konkurrenz ist kein Selbstzweck, kein genuines Ziel, sondern vielmehr ein Mittel, dessen man sich bedienen kann, um bestimmte Ergebnismuster hervorzubringen, die letztlich gesellschaftlicher Kooperation förderlich sind. Eine erfolgreiche Handhabung dieses Mittels setzt ein Verständnis seiner Funktionsweise voraus. Hierzu bedarf es theoretischer Erklärungen – genauer: ökonomischer Erklärungen, und für diese ist es konstitutiv, zwischen den Handlungen der Akteure und den institutionellen Bestimmungsgründen dieser Handlungen zu unterscheiden – in der Sprache des Sports: zwischen Spielzügen und Spielregeln. Damit will Buchanan das, was ihm für die Wirtschaft einigermaßen gelungen zu sein scheint, für die Politik nachholen: Die Erklärung gesellschaftlicher Prozesse soll in Aufklärung übersetzt werden.[28] Von einer ökonomischen Rekonstruktion regelgeleiteter Interaktionsprozesse in Wirtschaft und Politik verspricht sich Buchanan ein besseres Verständnis der Funktionsweise von Gesellschaft und folglich ein Orientierungswissen, das dazu eingesetzt werden kann, das gesellschaftliche Institutionensystem so zu gestalten, dass Ergebnisse wahrscheinlich(er) werden, denen die Bürger zustimmen können. Formelhaft zugespitzt bedeutet das: Letztlich machen Ideen Politik, und deshalb wächst der Ökonomik als Ideenlieferant eine eminent politische Aufgabe in der Demokratie zu. Zentral geht es um Fragen diskursiver Kompetenz: Mit Buchanan wird die Ökonomik zur Argumentationsgrammatik politischer Diskurse.[29] Damit sie diese |25|Aufgabe als Wissenschaft – und das heißt: unter strikter Wahrung einschlägiger Seriositätsstandards – erfüllen kann, sind kategoriale Umstellungen erforderlich. Von daher erklärt sich der stark methodologische Grundzug im Werk James Buchanans.
Die kategorialen Umstellungen betreffen vor allem die Vermittlung positiver und normativer Forschung. Es geht um Theoriebildung: Die Ökonomik muss als ökonomische Theorie des Marktes neu konzeptualisiert werden, bevor eine ökonomische Theorie der Politik per Analogiebildung möglich wird. Bei Buchanan ist ökonomischer Imperialismus die Ausweitung des Anwendungsbereichs – nicht einer kategorial vorgegebenen, sondern – einer kategorial veränderten Ökonomik. Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel der folgenden Ausführungen, für das Werk James Buchanans eine konstruktive Lesart vorzustellen, die zentrale Weichenstellungen seines Forschungsprogramms als methodisch zweckmäßig verständlich macht.[30]
1. Der rote Faden im Werk James Buchanans
Das Werk James Buchanans deckt ein breites Spektrum ab, von der Finanzwissenschaft über ökonomische Analysen der Politik und Streifzüge in die politische Philosophie bis hin zur Verfassungsökonomik. Das macht es nicht leicht, den roten Faden in seinem Werk zu erkennen, und doch gibt es einen solchen roten Faden, einen grundlegenden Basisgedanken, dem Buchanan über Jahrzehnte hinweg treu geblieben ist.
Die Rekonstruktion dieses roten Fadens setzt am einfachsten biographisch ein, denn dem eigentlichen Werk sind zwei intellektuelle ‚Erweckungs‘-Erlebnisse vorgelagert, die Buchanan selbst mehrfach beschrieben hat. Mehr oder weniger zufällig sind beide Erlebnisse mit dem Ort Chicago verbunden. Erstens: Sechs Wochen Unterricht bei seinem akademischen Lehrer Frank Knight reichten aus, um den Sozialisten Buchanan konvertieren zu lassen und ihn zu jenem überzeugten Verfechter marktwirtschaftlicher Prinzipien zu machen, als der er die liberale Tradition der ökonomischen Klassiker wieder aufnimmt und fortführt. Zweitens: Unmittelbar nach seiner Promotion in Chicago fällt ihm in den Kellern der Harper Library ein Exemplar der 1896 erschienenen Finanztheoretischen Untersuchungen Knut Wicksells in die Hände, dessen Einstimmigkeitskriterium |26|für Buchanan als liberales und zugleich demokratisches Legitimationsprinzip wegweisend wird.[31]
Beide Erlebnisse gehören eng zusammen: Die Konvertierung, der politische Perspektivwechsel, am eigenen Leibe erfahren, macht Buchanan zu einem vehementen Vertreter intellektueller Aufklärung, wobei solche (normative) Auf-Klärung zunächst einmal auf der (positiven) Er-Klärung basiert, wie ein Markt funktioniert. In einem nächsten Schritt lässt sich eine solche Erklärung ausweiten: Der Rückgriff auf Wicksell erlaubt es, den Gedanken freiwilliger Tauschakte von der Wirtschaft auf die Politik zu übertragen. Die wünschenswerten Eigenschaften freiwilliger Tauschakte sind der Basisgedanke, das Paradigma, des Buchananschen Werks, das sich im Rückgriff auf diesen roten Faden in drei Stufen rekonstruieren lässt. Es handelt sich um einen – nicht unbedingt historischen, wohl aber – logischen Dreischritt, in Bezug auf den eine inhärente, problemgesteuerte Entwicklungslogik des Werks sichtbar wird.
(1) Am Anfang des Werks steht ein Ansatz normativer Finanzwissenschaft: Konfrontiert mit einer Orthodoxie, die die Einnahmen- und Ausgabenseite staatlicher Budgets getrennt voneinander behandelt, versucht Buchanan (1949) den Gedanken zu lancieren, dass beide Seiten konstitutiv zueinander gehören: als Leistung und Gegenleistung. Aus seiner Perspektive handelt es sich bei staatlichen Aktivitäten um komplexe Tauschakte, für deren Beurteilung im wesentlichen die gleichen Kriterien angelegt werden können wie für die einfachen Tauschakte in der Wirtschaft. Buchanans normative Finanzwissenschaft beruht auf der Analogisierung von ‚private choice‘ und ‚collective choice‘: Private Tauschhandlungen auf Märkten setzen eine konsensuelle Übereinkunft voraus. Sie kommen freiwillig nur dann zustande, wenn ihnen ausnahmslos alle Tauschpartner zustimmen. Analog – so Buchanans normatives Argument – sollten kollektive Tauschhandlungen im staatlichen Sektor so beschaffen sein, dass ihnen alle Bürger zustimmen können.[32]
(2) Dieser finanzwissenschaftliche Ansatz, der den Gemeinwohlgedanken dadurch operationalisiert, dass er ein normatives Beurteilungskriterium von ‚market decision-making‘ auf ‚non-market decision-making‘ überträgt, dient in erster Linie intellektueller Orientierung: Mit seiner Hilfe lassen sich Referenzvorstellungen entwickeln, denen staatliche Aktivitäten genügen sollten. Intendiert als eine Richtschnur für politisches Handeln in der Demokratie, waren die Erfahrungen mit diesem normativen Ansatz jedoch eher ernüchternd: Die Theorie liefert den Politikern Ratschläge, die diese systematisch nicht befolgen. Mit diesem Befund konfrontiert, steht Buchanan vor der Wahl, entweder das normative oder das positive Element seines Forschungsprogramms zu verstärken. Die erste Möglichkeit bestünde darin, mit verstärkten Forderungen zu reagieren, die Politiker sollten sich am Gemeinwohl orientieren. Buchanan jedoch entscheidet sich für die zweite Möglichkeit. Er nimmt den Problembefund so ernst, dass es den Versuch nicht |27|lohnt, ihn einfach normativ zu überspielen. Stattdessen analysiert er die Faktoren, durch die sich Politiker daran gehindert sehen, Ergebnisse herbeizuführen, denen alle Bürger im Prinzip (leichter) zustimmen können. Das normative Problem mangelhafter Realisationschancen politischer Ratschläge wird also positiv abgearbeitet – durch verstärkte Erklärungsanstrengungen für das Verhalten von Politikern: Aus ‚non-market decision-making‘ wird ‚public choice‘.[33]
Die zunächst normative Analogisierung von ‚private choice‘ und ‚collective choice‘ wird nun weiterentwickelt zu einer positiven Analogisierung von Wirtschaftsakteuren und politischen Akteuren: Beide verfolgen eigene Interessen. Damit lässt sich nicht nur wirtschaftliches, sondern auch politisches Verhalten als rational rekonstruieren. Das aber bedeutet, dass man nun erklären kann, warum sich Politiker so verhalten, wie sie es tun: warum sie gegen Äquivalenzkriterien verstoßen, Steuerdiskriminierung nicht abbauen und Steuergesetze nicht vereinfachen; warum sie Pakete schnüren, die nicht Transparenz, sondern Intransparenz fördern; warum sie diskretionäre Handlungsspielräume einer strikten Regelbindung (etwa in der Geldpolitik) vorziehen, ‚logrolling‘ betreiben, Handlungskompetenzen zentralisieren, Staatsverschuldung einem ausgeglichenen Haushaltsbudget vorziehen, Subventionen verteilen usw. Zugleich kann man erklären, warum bloße Appelle an die Politiker in der Regel nicht fruchten: weil sie den Politikern zumuten, gegen ihre eigenen (situationsbedingten) Interessen handeln zu sollen.
(3) Indem er Politiker als rationale Akteure ernst nimmt, füllt der Public-Choice-Ansatz die normative Lücke des ursprünglich eng finanzwissenschaftlichen Ansatzes durch positive Erklärungen auf: Wenn Politiker sich nicht so verhalten, wie die Bürger – oder im Wege einer vikarischen, die Bürgerinteressen in Ansatz bringenden Analyse: die Wissenschaftler – es gerne sähen, dann gibt es hierfür Gründe, die nicht appellativ zu überspielen, d.h. zu ignorieren, sondern angemessen in Rechnung zu stellen sind. Damit aber stellt sich die Frage, ob – und gegebenenfalls: wie – die ursprünglich normative Stoßrichtung der Analyse aufrechterhalten werden kann. Die Antwort auf diese Frage besteht in einer Analogisierung von Wirtschaftsordnung und politischer Ordnung: Aus ‚public choice‘ wird ‚constitutional economics‘.
Indem die Ökonomik erklärt, warum Politiker sich so verhalten, wie sie es tun, macht sie zugleich darauf aufmerksam, unter welchen Bedingungen sich Politiker |28|gemeinwohlorientiert verhalten und unter welchen Bedingungen sie gerade dies nicht tun (können). Indem sie rationales Handeln als restriktionsgeleitet rekonstruiert, kann die Ökonomik zeigen, wie Spielzüge durch Spielregeln kanalisiert werden, und damit rücken Institutionen ins Zentrum der theoretischen Betrachtung. Von ihnen hängt es ab, mit welchen Anreizen sich die Akteure konfrontiert sehen. Ob in der Wirtschaft eigeninteressierte Unternehmer zum Konsumentenwohl beitragen, hängt vom Charakter des jeweiligen Konkurrenzspiels ab, und dieser wird im wesentlichen durch die Regeln der Wettbewerbsordnung bestimmt, die die Eigentumsrechte und damit die Verhaltensanreize so festlegen, dass das Verhältnis der Marktgegenseiten – also das Verhältnis zwischen Produzent und Konsument – letztlich gesteuert wird über die Verhältnisse auf den Marktnebenseiten – also über den Wettbewerb zwischen den Produzenten und zwischen den Konsumenten. Damit wird es zur Aufgabe der Rahmenordnung, Konkurrenz in den Dienst der Kooperation (zwischen Tauschpartnern) treten zu lassen. Aus der Perspektive konstitutioneller Ökonomik verhält es sich in der Politik strikt analog. Ob eigeninteressierte Politiker zum Gemeinwohl beitragen, hängt vom Charakter des parlamentarischen Konkurrenzspiels ab, und dieser wird im wesentlichen durch die Regeln der politischen Wettbewerbsordnung bestimmt. Aufgabe der Verfassung ist es, die einzelnen Handlungskompetenzen und Handlungsanreize so festzulegen, dass auch in der Politik das Verhältnis der ‚Markt‘-Gegenseiten – also das Verhältnis zwischen Bürger und Politiker – letztlich über die Verhältnisse auf den ‚Markt‘-Nebenseiten gesteuert wird – also über die öffentliche Konkurrenz zwischen Interessengruppen und insbesondere über die parlamentarische Konkurrenz zwischen Politikern. Damit wird es für Buchanan zur Aufgabe der Verfassungsökonomik, den Bürgern bei der Einrichtung und Ausgestaltung der Verfassung Hilfestellung zu leisten. Sie soll positiv erklären, welche Regeln zu welchen Ergebnismustern führen, und auf der Basis einer solchen Erklärung dann normative Hypothesen darüber ableiten, wie die Regeln aussehen müssten, wenn man ‚bessere‘ – das heißt: zustimmungsfähigere, pareto-superiore – Ergebnismuster erzielen will.
Mit dieser Aufgabenbestimmung ist ein Adressatenwechsel ökonomischer Politikberatung verbunden: Konstitutionelle Ökonomik wendet sich nicht in erster Linie an die Akteure im politischen System, sondern an die demokratische Öffentlichkeit. Sie betreibt primär nicht Politiker-Beratung, sondern stattdessen Politik-Beratung. Ihr geht es um eine intellektuelle Aufklärung der Bürger – genauer: um eine intellektuelle (Selbst-)Aufklärung und schließlich (Selbst-)Gestaltung der demokratischen Gesellschaft. Buchanans konstitutionelle Ökonomik will als Theorie praktisch werden, indem sie als politische Institutionenökonomik, als ‚political constitutional economy‘ der Wahrnehmung des politischen Prozesses konstruktive Perspektiven aufzeigt und über diese intellektuelle Orientierungsleistung schließlich integrativer Bestandteil der politischen Kultur demokratischer Gesellschaften wird.[34]
|29|2. Zur methodischen Umsetzung des Theorieprogramms
Die methodische Umsetzung dieses Programms konstitutioneller Ökonomik[35] ist mit zahlreichen theoriestrategischen Entscheidungen verbunden, mit z.T. grundlegenden Umstellungen im Kategoriensystem der Ökonomik. Nicht immer sind die Argumente, die für solche Umstellungen sprechen, bei Buchanan explizit ausgeführt. Gelegentlich begnügt er sich mit Forderungen, die teilweise jenen Appellcharakter zu haben scheinen, den er für seine politischen Vorschläge sorgsam, d.h. systematisch, zu vermeiden bedacht ist. In manchen Fällen kleidet er sein methodisches Anliegen sogar in die Form eines Werturteils. Das prägnanteste Beispiel hierfür bietet ein berühmter Aufsatz, dessen Titel charakteristischerweise darauf abstellt, was Ökonomen tun sollten. Ökonomen sollten sich, so Buchanan, stärker mit Koordinations- als mit Maximierungsproblemen beschäftigen.[36] Bei Buchanan (1964, 1979; S. 19) heißt es dann: „In saying this, I am, of course, making a value statement that you may or may not support.“[37]
Ein weiteres Beispiel dafür, dass Buchanan des Öfteren Formulierungen wählt, die seine Theorieentscheidungen eher als eine Frage des Geschmacks denn als eine Frage methodischer Zweckmäßigkeit erscheinen lassen, liefert eine Stellungnahme zum gesellschaftsvertragstheoretischen Ansatz von John Rawls. Bei Buchanan (1989b; S. 182) heißt es: „[M]y sympathy with and affinity for Rawls’s effort has been, I hope, evident. At base, we share … an unwillingness normatively to evaluate politics with nonindividualistic standards or positively to interpret politics exclusively as the clash of conflicting interests.“
Es lohnt sich, diesen ‚Präferenzen‘ für bestimmte Standards positiver und normativer Forschung genauer nachzugehen und nach ihren Konsequenzen für das Kategoriensystem der Ökonomik zu fragen. Dabei wird sich zeigen, dass es Gründe gibt, die von Buchanan eingeforderte methodische Neuorientierung der Ökonomik ernster zu nehmen, als es seine Formulierung nahezulegen scheint, die Argumentation beruhe auf einer ‚Präferenz‘ dafür, was Ökonomen tun ‚sollten‘. Tatsächlich trägt seine Argumentation nämlich weniger seinen ‚Präferenzen‘ als vielmehr jenen ‚Restriktionen‘ Rechnung, mit denen sich eine politische Ökonomik in der modernen Gesellschaft konfrontiert sieht. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich zunächst vor Augen führt, gegen welche zeitgenössischen Entwürfe Buchanan sein Theorieprogramm entwickelt hat.
|30|Der traditionelle und z.T. bis heute noch übliche Einstieg in wirtschaftspolitische Argumentationen erfolgt über einen normativen Effizienzbegriff. Die hierfür zuständige Referenztheorie ist die Wohlfahrtsökonomik. Sie leitet anhand eines Modells vollkommener Konkurrenz Bedingungen ab, durch deren Erfüllung Effizienz definiert ist. Werden diese idealen Bedingungen in der Realität nicht erfüllt, liegen definitionsgemäß Ineffizienzen vor. Die Theorie spricht dann von Marktversagen.
In den 1950er und 1960er Jahren war dies die weithin maßgebliche Konzeption zur Begründung staatlicher Aktivität: Wo der Markt versagt, wurde politischer Handlungsbedarf diagnostiziert. Damit befand sich die Wohlfahrtsökonomik – ursprünglich als Markttheorie angetreten – unversehens auf dem Weg zu einer Interventionswissenschaft.
Bereits in seinen frühesten Schriften weist sich Buchanan als jenen zugehörig aus, die diese Tendenz für politisch bedenklich halten, doch darauf kommt es hier nicht an. Im vorliegenden Zusammenhang ist vielmehr von Interesse, dass es zwei grundlegende Schwierigkeiten gibt, die der wohlfahrtsökonomischen Vorgehensweise inhärent sind und insofern eine methodische Herausforderung darstellen: Zum einen wird die Funktionsweise realer Märkte an einem Ideal gemessen, und zum anderen wird aus dem Vergleich von Ideal und Realität auf eine reale Alternative geschlossen. So kommt es zu einer perspektivischen Verzerrung gleich in doppelter Hinsicht: Wer die reale Welt, in der es bekanntlich keine vollkommene Konkurrenz gibt, aus einer wohlfahrtsökonomischen Perspektive betrachtet, sieht überall nur Marktversagen vorliegen, freilich ohne dass durch die wahrgenommene Omnipräsenz des Marktversagens allein schon sichergestellt wäre, dass die Politik als funktionales Äquivalent jene Ineffizienzen beseitigen kann, die als Versagen des Marktes diagnostiziert werden. Damit läuft das wohlfahrtsökonomische Verfahren Gefahr, als ‚nirvana approach‘ (Demsetz, 1969) einen Vergleich der relevanten Alternativen zu verfehlen.
Wenn man die relevanten Alternativen vergleichen will, bedarf die perspektivische Verzerrung einer doppelten Korrektur. Zum einen darf man sich nicht mit einer Gegenüberstellung von Marktideal und Marktrealität begnügen, sondern muss die Alternative zum Markt in die Analyse einbeziehen. Die erste methodische Konsequenz besteht daher in einem Vergleich alternativer institutioneller Arrangements. Zum anderen bedarf dieser Vergleich eines den jeweiligen Handlungssphären – d.h. der Wirtschaft und der Politik – gleichermaßen angemessenen Vergleichsmaßstabs. Hierfür ist ein nicht-ideales, internes Kriterium erforderlich. Insofern ist die Wahl des Konsenskriteriums die zweite methodische Konsequenz.
Es gehört zu den Kuriositäten ökonomischer Theoriebildung, dass das methodische Erfordernis einer doppelten Korrektur der wohlfahrtsökonomischen Methode nicht allgemein gesehen oder doch zumindest nicht allgemein beherzigt wurde, obwohl Buchanan stets eindringlich auf den inneren Zusammenhang beider Aspekte hingewiesen hat. In der Tat lesen sich große Teile der Public-Choice-Literatur wie eine empirisch ausgerichtete Wohlfahrtsökonomik des politischen Sektors: Zwar vergleicht man alternative Arrangements, doch legt man als Vergleichsmaßstab unverändert das wohlfahrtsökonomische Effizienzkriterium zugrunde. Die Folge ist eine Duplizierung wohlfahrtsökonomischer |31|Paradiesvergleiche. Buchanan (1987c; S. 52) resümiert die triviale Erkenntnis dieser – für ihn: verfehlten – Forschungsanstrengungen recht lapidar: „By comparison with idealized standards, both markets and politics fail.“[38]
Aus dieser Sackgasse kommt man nur durch die von Buchanan stets eingeforderte doppelte Korrektur heraus. Man darf es nicht bei einem Paradiesvergleich institutioneller Arrangements belassen, sondern muss dem Institutionenvergleich ein internes, nicht-ideales Vergleichskriterium zugrundelegen.
Buchanan tritt also in der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit einer doppelten Forderung auf. Die erste Forderung bezieht sich auf die positive Analyse. Sie soll Wirtschaft und Politik gleichermaßen umfassen. Die Institutionenökonomik i.w.S. ist hierfür der geeignete Ansatz. Mit ihrer Hilfe lassen sich beide Handlungssphären streng analog als Wettbewerbsspiele auffassen, von deren Ordnungsregeln es abhängt, inwiefern die jeweiligen Akteure zur gesellschaftlichen Zusammenarbeit produktiv beitragen. Die zweite Forderung bezieht sich auf die normative Analyse. Auch sie soll Wirtschaft und Politik gleichermaßen umfassen. Benötigt wird eine theoretische Konzeptualisierung, die es der konstitutionellen Ökonomik erlaubt, als Wissenschaft gesellschaftliche Regelverbesserungen zu identifizieren und vorzuschlagen.
Während Buchanan in Bezug auf seine erste Forderung ein außerordentlicher Erfolg zu bescheinigen ist, wird man dies in Bezug auf seine zweite Forderung wohl eher nicht behaupten können. Während die Renaissance der ökonomischen Institutionenforschung – verwiesen sei hier nur auf die Namen Alchian, Coase, North, Olson und Williamson – dezidiert wiederanknüpft an das Erkenntnisprogramm der ökonomischen Klassiker, ist unter Ökonomen in Bezug auf normative Fragestellungen eine große Zurückhaltung sowie – vielleicht damit zusammenhängend? – ein starres Festhalten an einem normativen Effizienzbegriff und damit letztlich an wohlfahrtstheoretischen Kategorien nicht zu übersehen. Vor diesem Hintergrund erscheint der Versuch gerechtfertigt, vier verbreiteten Missverständnissen zu begegnen, denen sich Buchanans normatives Aufklärungsprogramm des Öfteren ausgesetzt sieht.
Die Thesen können vorab wie folgt formuliert werden: Die Wahl des Konsenskriteriums folgt nicht vordergründig normativen, sondern methodischen Erwägungen. Es handelt sich um ein ‚realistisches‘, nicht-ideales Kriterium, um ein internes Prozesskriterium, und als solches erfüllt es eine heuristische Funktion, |32|die den Politikproblemen moderner Gesellschaften in besonderer Weise angemessen ist.[39]
(1) Die konstitutionelle Ökonomik arbeitet mit einer mehrstufigen Rekonstruktion, die einen positiven Erklärungszusammenhang zwischen Ergebnissen, Handlungen und Regeln herstellt – genauer: zwischen gesellschaftlichen Ergebnissen, individuellen Handlungen und gesellschaftlichen Regeln. Aggregierte Ergebnisse wie die Raten für Arbeitslosigkeit, Inflation, Kriminalität usw. werden im Wege einer ‚mikrofundierten Makroanalyse‘[40] als das nicht-intendierte Resultat intentionaler Handlungen rekonstruiert, und Handlungen erscheinen in einer solchen Betrachtung als (vor allem) durch Regeln kanalisiert. In normativer Hinsicht, im Konsensparadigma, gelten Handlungsergebnisse als legitim, wenn sie durch legitime Handlungen zustandekommen, und Handlungen gelten als legitim, wenn sie legitimen Regeln folgen. Diesen Regress kann man fortsetzen, indem man (legitime) Regeln als das (legitime) Ergebnis von (legitimen) Handlungen rekonstruiert, die legitimen Meta-Regeln folgen.
Wenn man sich diesen Regress zur Analyse konkreter Politikprobleme zunutze machen will, darf man ihn nicht ad infinitum fortsetzen, sondern muss ein Kriterium angeben können, mit dessen Hilfe der Regress sinnvoll abgebrochen werden kann. Genau dies ist die methodische Funktion des Konsenskriteriums. Es zeichnet jene (Meta-)Regel als legitim aus, der unterschiedslos alle Bürger prinzipiell zustimmen können.[41]
|33|(2) Gibt es überhaupt solche Regeln? Lässt sich das Konsenskriterium tatsächlich anwenden? Handelt es sich also um ein ‚realistisches‘, nicht-ideales Kriterium? Diese Fragen lassen sich eindeutig bejahen. Das Konsenskriterium lässt sich immer anwenden, wenn man die Abstraktionsebene nur hoch genug ansetzt: Konsensfähig in jeder Gesellschaft ist, dass Gesellschaft überhaupt zustandekommt. Im Hobbesschen Dschungel ist die Schaffung eines Rechtsstaats, der den Krieg aller gegen alle beendet, allgemein zustimmungsfähig, weil die Friedensdividende es erlaubt, alle besserzustellen. Der Verzicht auf das Hobbessche „Recht auf alles“[42] – insbesondere der Verzicht auf eigene Gewaltanwendung: die Anerkennung des staatlichen Gewaltmonopols – ist eine Investition in das Zustandekommen von Gesellschaft, und es ist die Rendite dieser Investition, die es für jeden einzelnen vorteilhaft macht, die entsprechenden Kosten in Kauf zu nehmen. Ohne diese Kosten lassen sich die Erträge gesellschaftlicher Kooperation nicht aneignen.[43] Freiheit entsteht durch Leviathan. Aus dieser konstitutionellen Perspektive ist der Staat eine Organisation der Gesellschaft, die durch einen kollektiven Tauschakt zustandekommt, in dem die Option gesellschaftlicher Zusammenarbeit – inklusive miteinander integrierter Kooperations- und Konkurrenzsphären – ‚erkauft‘ wird durch einen sanktionsbewehrten Verzicht auf einzelne Handlungsmöglichkeiten, die dieser Zusammenarbeit nicht förderlich wären.[44] Freilich wird Freiheit durch Leviathan auch bedroht. Aufgabe einer klugen Verfassungsbildung ist es daher, erstens einen Staat überhaupt zustandekommen zu lassen und ihn zweitens so auszugestalten, dass er sich als ein Instrument zur Förderung der Gesellschaft als eines Unternehmens wechselseitiger Vorteilsgewährung bewährt.
Wählt man niedrigere Abstraktionsebenen, so lässt sich das Konsenskriterium in Bezug auf genuin politische Probleme ebenfalls immer anwenden, sofern man nur sorgsam auf die relevanten Alternativen abstellt. Folgendes Beispiel macht das deutlich: Es lohnt sich nicht, einen Verbrecher zu fragen, ob er einen kriminellen oder eher einen gesetzestreuen Einkommenserwerb vorzieht, denn diese Frage ist durch sein Verhalten ja bereits faktisch beantwortet: Offensichtlich empfindet er es als individuell vorteilhaft, seinen Lebensunterhalt durch Gesetzesübertretungen zu bestreiten. Betrachtet man diesen Fall als ein Spiel, in dem der Verbrecher (A) gegen den Rest der Gesellschaft (R) spielt – vgl. Abb. 1 –, so wird der Status quo durch den II. Quadranten repräsentiert: Spieler A defektiert, er verletzt das Gesetz, während Spieler R kooperiert, d.h. das Gesetz achtet.
|34|Abbildung 1:
Die relevanten Alternativen im Konsenstest
In dieser Situation hieße es nun, systematisch die falsche Frage zu stellen, wollte man Verhaltensänderungen einem Konsenstest unterwerfen. Konstitutionelle Ökonomik fragt nach der Zustimmungsfähigkeit von Regeln. Die systematisch richtige Frage muss daher auf die relevanten Regelalternativen abstellen. Sie lautet, ob Spieler A eine allgemeine Defektion einer allgemeinen Kooperation vorziehen würde. Genau dies ist natürlich nicht der Fall: Ein Verbrecher lebt davon, dass andere sich an das Gesetz halten. Würden auch alle anderen zu Verbrechern, so stünde er sich schlechter, als wenn alle Gesellschaftsmitglieder – einschließlich seiner selbst – das Gesetz befolgten. Die relevanten Alternativen, die es zu vergleichen gilt, bilden also nicht die Quadranten I und II, sondern die Quadranten I und III. Damit vergleicht man den Status quo minor mit einer pareto-superioren Alternative. Folglich fällt der Konsenstest eindeutig aus: zugunsten einer Regel, die für allgemeine Kooperation sorgt.
Folgende Beispiele führen zu ähnlichen Ergebnissen: Ein Schwarzfahrer, vor die Wahl gestellt, in einer Gesellschaft zu leben, in der alle Bürger den Fahrpreis zahlen oder alle Bürger schwarzfahren, wird sich für ersteres entscheiden, weil es sonst keine öffentlichen Verkehrsmittel gäbe. Ähnliches gilt für einen Monopolunternehmer. Er kann dem Prinzip der Marktwirtschaft zustimmen, weil er lieber in einer Gesellschaft lebt, in der ausnahmslos alle Unternehmer unter Konkurrenzbedingungen handeln, als in einer Gesellschaft, in der alle Unternehmer Monopolisten sind. Der Grund hierfür lässt sich allgemein angeben: Wer als Trittbrettfahrer gesellschaftlicher Kooperation privilegiert ist, präferiert eine allgemeine Deprivilegierung gegenüber einer allgemeinen Privilegierung, d.h. einer allgemeinen Beeinträchtigung des Funktionierens gesellschaftlicher Zusammenarbeit.
An diesen Beispielen lässt sich nicht nur demonstrieren, dass es – will man den Sinn konstitutioneller Konsenstests nicht verfehlen – in besonderer Weise darauf ankommt, die relevanten Alternativen, d.h. Regelalternativen, zu vergleichen. Die Beispiele zeigen auch, dass man zwischen empirischer und hypothetischer Zustimmung unterscheiden muss, weil Handlungsinteresse und konstitutionelles Regelinteresse auseinandertreten können: In sozialen Dilemmasituationen gibt es keine ‚revealed preferences‘; im Gegenteil. Diese Situationen sind ja gerade dadurch definiert, dass von ihnen Anreize ausgehen, die rationale Akteure veranlassen, sich so zu verhalten, dass sie ein pareto-inferiores Ergebnis erzielen, obwohl sie ein pareto-superiores Ergebnis vorgezogen hätten.
|35|Aufgrund des möglichen Auseinandertretens von Handlungsinteresse und konstitutionellem Regelinteresse können empirische Meinungsbekundungen strategisch verfälscht sein, um eine eigene Privilegierung im Status quo möglichst lange aufrechtzuerhalten. Eigeninteressierte Akteure sind hier versucht, auf Zeit zu spielen. Inwiefern ihnen dies gelingt, hängt davon ab, wie sich der Rest der Gesellschaft verhält. Prinzipiell sind sowohl positive wie negative Sanktionen geeignet, der Privilegierung ihre individuelle Vorteilhaftigkeit zu nehmen. Im ersten Fall erfolgt eine Kompensation aus den Erträgen, die durch den Abbau von Privilegien gesellschaftlich angeeignet werden können. Im zweiten Fall erfolgt eine Drohung mit dem Status quo minor – und das heißt im Extrem: die Drohung, in den Hobbesschen Dschungel zurückzukehren. Ist diese Drohung glaubwürdig, dann kann sie von rationalen Akteuren antizipiert werden. Sie haben dann gute Gründe, hypothetische und empirische Zustimmung in Übereinstimmung zu bringen – und das heißt: ihrer Einsicht Taten folgen zu lassen. Die kollektive Deprivilegierung einer weißen Minderheit in Südafrika und einer kommunistischen Funktionärselite im ehemaligen Ostblock – beide weitgehend gewaltlos – gehören in dieser Hinsicht wohl zu den eindrucksvollsten Beispielen, die die Weltgeschichte hervorgebracht hat.
(3) Im Unterschied zum Effizienzbegriff handelt es sich beim Konsensbegriff um ein internes Kriterium. Dies wird sofort deutlich, sobald man sich den Unterschied zur wohlfahrtsökonomischen Kategorienbildung vergegenwärtigt.[45] Die Wohlfahrtsökonomik hat das auf Handlungen bezogene Prozesskriterium der Pareto-Superiorität zum Konzept des Pareto-Optimums weiterentwickelt und damit in ein Ergebniskriterium überführt. Das Prozesskriterium kann dazu verwendet werden, die Funktionsweise von Märkten zu erklären: Freiwillige Tauschakte kommen zustande, weil und solange wechselseitige Tauschgewinne angeeignet werden können. Erst wenn dieses Potential pareto-superiorer Verbesserungsmöglichkeiten ausgeschöpft ist, kommt der Tausch zum Erliegen, und ein Pareto-Optimum ist erreicht. Mit Hilfe dieses Ergebniskriteriums geht nun allerdings die Wohlfahrtsökonomik dazu über, die Funktionsweise von Märkten zu bewerten: Der im Rahmen einer allgemeinen Gleichgewichtstheorie explizierte Effizienzzustand wird zum Effizienideal erhoben. Dies führt zu einer radikalen Änderung der Sichtweise des Marktes. Der Markt erscheint nicht länger als ein Interaktionsprozess. Er wird zunehmend als Mechanismus, als „Kalkulationsmaschine“ aufgefasst, deren Leistung daran gemessen wird, inwiefern sie zu dem normativ als Effizienz vorgegebenen Ergebnis führt. Damit wird der Effizienzbegriff als ein vom Marktprozess losgelöstes Ergebnisideal interpretiert. Effizienz wird dem Marktprozess als externes Bewertungskriterium gegenübergestellt.[46]
Im Unterschied hierzu propagiert Buchanan eine dezidiert andere Kategorienbildung. Er will zum Prozesskriterium der Pareto-Superiorität zurückkehren und |36|dieses nun allerdings nicht auf Handlungen, sondern auf Regeln bezogen wissen. Die Akteure im Prozess sollen den von der Theorie vorgeschlagenen Änderungen zustimmen können. Insofern handelt es sich beim Konsenskriterium in der Tat um ein internes Kriterium, das gezielt den Anschluss an die real vorfindlichen Interessen realer Bürger in realen Situationen sucht.[47]
(4) Als internes Kriterium weist das Konsensprinzip mehrere Vorteile auf. Es gehört nicht zu den geringsten dieser Vorteile, dass es dem Selbstverständnis bürgerlicher Autonomie entgegenkommt, wie es sich in den pluralistischen Gesellschaften des Westens entwickelt hat.[48] Seine besondere Eignung für eine ökonomische Politikberatung in der Demokratie speist sich jedoch auch noch aus anderen Quellen, die nicht übersehen werden sollten: Das Konsensprinzip erfüllt innerhalb des Forschungsprogramms konstitutioneller Ökonomik eine wichtige heuristische Funktion. Diese Funktion betrifft die Vermittlung positiver und normativer Analyse.
Erstens: Mit der Vorgabe, nach gemeinsamen Interessen zu suchen, fokussiert das Konsensprinzip die positive Forschungsperspektive auf eine Untersuchung der gesellschaftlichen Funktionalität institutioneller Arrangements. Damit wird es zur Aufgabe der Ökonomik, mit ihren Erklärungsleistungen den sozialen Sinn der diversen Kooperations- und Konkurrenzspiele zu dechiffrieren und insbesondere das Verständnis der institutionellen Voraussetzungen zu fördern, von denen die Spielergebnisse abhängen.
Zweitens: Das Aufzeigen gemeinsamer Interessen im politischen Prozess ermöglicht es, in die politische Diskussion Zweckmäßigkeitsargumente einzuführen, d.h. Erklärung in Aufklärung umzusetzen. Mithin versorgt das Konsensprinzip die normative Analyse mit diskursiver Kompetenz: Konsens fungiert als konzeptioneller Ausgangspunkt für eine Rekonstruktion politischer Konfliktlagen, und (erst) von diesem Punkt aus lassen sich Zieldiskussionen auf Mitteldiskussionen umstellen. Damit wird die politische Ökonomik zur Argumentationsgrammatik politischer Diskurse, und hierin liegt der eigentliche Beitrag ökonomischer Politikberatung in der Demokratie: Es geht darum, die i.d.R. mit Bekenntnissen zu umstrittenen Werturteilen belasteten und daher gelegentlich hoch emotionalisierten politischen Diskussionsprozesse in der demokratischen Öffentlichkeit auf die relevanten Alternativen zu fokussieren und gerade dadurch zu versachlichen.[49] Indem sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf |37|die Zweckmäßigkeit institutioneller Arrangements lenkt, kann – und ‚soll‘ – die Ökonomik als Wissenschaft die Bürger darin unterstützen, ihre eigenen Interessen zu verwirklichen, d.h. als Gesellschaft nicht unter ihren Möglichkeiten zu bleiben.[50]
Die heuristische Funktion des Konsenskriteriums besteht also darin, die positive Forschung so auszurichten, dass jene intellektuellen Orientierungsleistungen möglich werden, mit denen die normative Analyse dazu beiträgt, demokratische Politikprozesse – verstanden nicht als Suche nach Wahrheit, sondern als Suche nach rationalen Kompromissen – konstruktiv voranzubringen. Hierzu ist es erforderlich, status-quo-orientiert an den vorfindlichen Interessen der Bürger anzusetzen: Ausgehend vom Status quo, an dem sich politische Interessenkonflikte entzünden, fungiert der – (gesellschafts-)vertragstheoretisch gedachte – Konsens als Referenzkonzept zur Strukturierung der Situation und dient damit der Identifizierung der politisch relevanten Alternativen. Ziel und methodisches Vorgehen konstitutioneller Ökonomik lassen sich mit Buchanan (1987a; S. 249) wie folgt angeben:
„The purpose of the contractarian exercise is … justificatory in that it offers a basis for normative evaluation. Could the observed rules that constrain the activities of ordinary politics have emerged from agreement in constitutional contract? To the extent that this question can be affirmatively answered, we have established a legitimating linkage between the individual and the state. To the extent that the question prompts a negative response, we have a basis for normative criticism of the existing order, and a criterion for advancing proposals for constitutional reform.“
Der Beitrag konstitutioneller Ökonomik zur wissenschaftlichen Politikberatung in der Demokratie besteht nicht darin, dass sie mit ihrem Konsenskriterium den Begriff der Demokratie quasi permanent im Munde führt, sondern darin, dass sie mit Hilfe der Konsensorientierung die positive Analyse heuristisch so ausrichtet, dass sie in normativer Hinsicht von deren umfänglichen Erklärungsleistungen Gebrauch machen kann. Es ist diese Leistungsfähigkeit, die – so Buchanan – gesteigert werden kann, wenn man den Einstieg in eine wissenschaftlich seriöse Normativität nicht über ein externes Ergebniskriterium idealer Effizienz, sondern über ein internes Prozesskriterium nicht-idealer Zustimmung wählt. Der Vollsinn des Konsenskriteriums erschließt sich erst dann, wenn man es als ein theoretisches Instrument interpretiert, dessen methodisch kontrollierter Einsatz darauf abzielt, die Realisationschancen ökonomischer Politikvorschläge forschungsimmanent zu erhöhen.
|38|3. Resümee
Worin liegt der Beitrag, den das Werk James Buchanans zu den theoretischen Grundlagen demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik leistet? Die Beantwortung dieser Frage hängt davon ab, wie man das Werk liest. Die hier vorgeschlagene Lesart, die dezidiert methodische Fragen des Theoriedesigns betont und Buchanans Bemühungen um Konzeptualisierungen, um kategoriale Umstellungen, um diskursive Strukturierungen, um konstruktive Argumentationsaufrisse hervorhebt, gelangt dabei zu folgender Antwort: Die nachhaltige Bedeutung des Werks James Buchanans liegt darin begründet, dass es einen Weg theoretisch aufzeigt und praktisch beschreitet, auf dem die Ökonomik für normative Fragestellungen so geöffnet werden kann, dass sich Normativität als hypothetische Normativität im eigentlichen Sinne des Wortes ‚wertfrei‘ prozessieren lässt. Die Erklärungskraft des ökonomischen Ansatzes kann damit umgesetzt werden in intellektuelle Orientierungsleistungen, die die Wahrnehmung politischer Konfliktlagen verändern.[51]
Beispielsweise liegt die eigentliche Pointe der Unterscheidung zwischen Rechtsschutzstaat und Leistungsstaat darin, dass diese Unterscheidung hinfällig wird, weil sich beide Arten staatlicher Tätigkeit im Kern auf dasselbe Argument stützen: In beiden Fällen handelt es sich um Einrichtungen kollektiver Tauschakte, die so ausgestaltet werden können, dass sie allen Bürgern nützlich sind. Mit dieser Idee ist libertären Minimalstaatsvorstellungen von vornherein jede konzeptionelle Grundlage entzogen. Sie hängen – bildlich gesprochen – in der Luft. Für nicht unbeträchtliche Teile einer ihrem Selbstverständnis nach liberalen Ökonomik bedeutet das, sich von der normativen Vorgabe verabschieden zu müssen, einseitig nach Wegen zur Eindämmung staatlicher Tätigkeiten zu suchen, wenn sie – um im Bilde zu bleiben – (wieder) Bodenhaftung gewinnen will. Hier steht nichts Geringeres auf dem Spiel als ihre Politikfähigkeit, d.h. ihre Fähigkeit, Reformvorschläge zu entwickeln, die den Anschluss an die realen Probleme realer Bürger und damit letztlich auch Gehör in der demokratischen Öffentlichkeit finden. Im Anschluss an Buchanan kann es nicht länger um ‚containment‘ und ‚roll-back‘ gehen, nicht darum, Dämme zu errichten. Stattdessen geht es um eine den Bürgerinteressen entsprechende institutionelle Kanalisierung eigeninteressierten Handelns in allen Bereichen der Gesellschaft, insbesondere in Wirtschaft und Politik. Die Frage nach mehr oder weniger Staat ist falsch gestellt. Sie verfehlt die relevanten Alternativen. Ins Zentrum der Betrachtung gehört nicht die Quantität, sondern die Qualität kollektiven Handelns.[52]
Mit solchen Konzeptualisierungen lässt sich die Ökonomik aus defensiven und zudem unfruchtbaren Frontstellungen befreien und schließlich in die Lage |39|versetzen, als wissenschaftliche Konzeption den Anforderungen des politischen Liberalismus zu genügen, d.h. keine eigenen ‚externen‘ Ideale zu vertreten, sondern nach Wegen zu suchen, wie die Bürger ihre eigenen ‚internen‘ Ideale besser verwirklichen können.[53] Damit definiert Ökonomik ihren Ort als Wissenschaft in der Gesellschaft und übernimmt Aufgaben demokratischer Politikberatung. Aus dem Versuch, diese Aufgaben zu erfüllen, erwachsen die Ideen konstitutioneller Ökonomik, dass ein Verfassungskonsens erforderlich ist, um mehr Pluralismus möglich werden zu lassen, und dass politisches Handeln – analog zu wirtschaftlichem Handeln – geeigneter sozialer Restriktionen bedarf, um Ergebnisse hervorzubringen, die im Interesse der Bürger liegen. Letztlich sind es in einer Demokratie (solche) Ideen, die Politik machen.
4. Nachtrag 2016
Man kann James Buchanan viele Verdienste zuschreiben:
Mit seinen Schriften hat er wesentlich dazu beigetragen, das Anwendungsgebiet ökonomischer Analyse von der Wirtschaft auf die Politik auszudehnen.
Gerade damit hat er der Finanzwissenschaft, der ökonomischen Analyse staatlicher Ein- und Ausgaben sowie staatlicher Aktivitäten, viele neue Impulse gegeben.
Zudem hat Buchanan neue Brücken für eine interdisziplinäre Verständigung geschlagen, insbesondere zwischen Verfassungsökonomik und Verfassungsphilosophie sowie zwischen Institutionenökonomik und Institutionenethik.
Aber auch der ökonomischen Theorie selbst hat Buchanan wertvolle Dienste geleistet. Diese betreffen sowohl die positive als auch die normative Analyse.
Buchanan hat mit seiner Distinktion von „choices within rules“ und „choices among rules“ die alte ordnungstheoretische Erkenntnis international re-aktiviert, derzufolge zwischen einem Ordnungsrahmen (= Spielregeln) und den Handlungen innerhalb des Ordnungsrahmens (= Spielzügen) zu unterscheiden ist, so dass man die positive Analyse grundsätzlich auf mindestens zwei Ebenen |40|ansetzen muss, um der institutionellen Verfasstheit menschlicher Interaktionen angemessen Rechnung zu tragen.
In normativer Hinsicht hat Buchanan darauf hingewirkt, das grundlegende Konzept zur wissenschaftlichen Herleitung wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Empfehlungen radikal umzustellen von Effizienz auf Konsens. In Buchanans „Constitutional Political Economy“ steht nicht die Optimierung individueller Spielzüge im Vordergrund, sondern die Einigung auf gemeinsame Spielregeln. Hierfür ist die Unterscheidung zwischen (konfligierenden) Handlungsinteressen und (konsensuellen) Regelinteressen von grundlegender Bedeutung – ein methodologischer Hobbesianismus, dessen Leistungsfähigkeit für eine demokratische Politikberatung leider immer noch vielfach verkannt wird. Aber auf genau diesem Gebiet liegt das wohl wichtigste wissenschaftliche Vermächtnis von James Buchanan: Mit diesem methodologischen Hobbesianismus und der damit ermöglichten Konsensorientierung macht er die Ökonomik kategorial anschlussfähig an die Diskurse der demokratischen Öffentlichkeit.
James Buchanan ist bis ins hohe Alter hinein ein produktiver Arbeiter geblieben, der seine Ideen in zahlreichen Veröffentlichungen niedergelegt hat. Das Spätwerk betrachtend, ist vor allem ein in Ko-Autorschaft verfasstes Buch zur Prinzipienorientierung liberaler Politik hervorzuheben.[54] Abschließend hinzuweisen ist auf die Gesamtausgabe seiner Schriften[55], auf ein informatives Buch über sein Leben und Werk[56], auf einen kurzen Aufsatz[57], der Buchanans politische Einstellung nachzeichnet, auf Buchanans autobiographische Auskunft als Nobelpreisträger[58] sowie auf ein ausführliches Interview[59], das Karen Horn mit ihm geführt hat.
Literatur
Berggren, Niclas (2013): James M. Buchanan Jr. [Ideological Profiles of the Economics Laureates], in: Econ Journal Watch 10(3), September 2013, S. 292–299.
Brennan, Geoffrey und James M. Buchanan (1981, 1984): The Normative Purpose of Economic ‚Science‘: Rediscovery of an Eighteenth-Century Method, in: James M. Buchanan und Robert D. Tollison (Hrsg.), The Theory of Public Choice II, Ann Arbor, S. 382–394.
Brennan, Geoffrey und James M. Buchanan (1983, 1989): Predictive Power and the Choice Among Regimes, in: James Buchanan: Explorations into Constitutional Economics, zusammengestellt und mit einer Einleitung herausgegeben von Robert D. Tollison und Victor J. Vanberg, College Station, S. 3–23.
Brennan, Geoffrey und James M. Buchanan (1985, 1993): Die Begründung von Regeln. Konstitutionelle Politische Ökonomie, übersetzt von Monika Vanberg, mit einer Einleitung herausgegeben von Christian Watrin, Tübingen.
|41|Buchanan, James M. (1949): The Pure Theory of Public Finance: A Suggested Approach, in: Journal of Political Economy 57, S. 496–505.
Buchanan, James M. (1959): Positive Economics, Welfare Economics, And Political Economy, in: Journal of Law and Economics 2, S. 124–138.
Buchanan, James M. (1964, 1979): What Should Economists Do?, in: ders., What Should Economists Do?, Indianapolis, S. 17–37.
Buchanan, James M. (1969, 1978): Cost and Choice. An Inquiry Into Economic Theory, Reprint, Chicago.
Buchanan, James M. (1975): A Contractarian Paradigm for Applying Economic Theory, in: American Economic Review, Papers & Proceedings 55, S. 225–230.
Buchanan, James M. (1975, 1984): Die Grenzen der Freiheit. Zwischen Anarchie und Leviathan, Tübingen.
Buchanan, James M. (1986): Liberty, Market, and State, in: ders., Liberty, Market and State, Brighton, S. 3–7.
Buchanan, James M. (1986, 1992): Better than Plowing, in: ders., Better than Plowing and Other Personal Essays, Chicago und London, S. 1–18.
Buchanan, James M. (1987a): The Constitution of Economic Policy, in: American Economic Review 77, S. 243–250.
Buchanan, James M. (1987b): Constitutional Economics, in: The New Palgrave, Bd. 1, S. 585–588.
Buchanan, James M. (1987c): Market Failure and Political Failure, in: Peter Koslowski (Hrsg.), Individual Liberty and Democratic Decision-Making. The Ethics, Economics and Politics of Democracy, Tübingen, S. 42–52.
Buchanan, James M. (1988): Contractarian Political Economy and Constitutional Interpretation, in: American Economic Review, Papers & Proceedings 78, S. 135–139.
Buchanan, James M. (1988, 1991): Economists and Gains from Trade, in: ders., The Economics and the Ethics of Constitutional Order, Ann Arbor, S. 109–123.
Buchanan, James M. (1989a): The Relatively Absolute Absolutes, in: ders., Essays on the Political Economy, Honolulu, S. 32–46.
Buchanan, James M. (1989b): Contractarian Presuppositions and Democratic Governance, in: Geoffrey Brennan und Loren Lomasky (Hrsg.), Politics and Process, Cambridge, S. 174–182.
Buchanan, James M. (1989c): The Public-Choice Perspective, in: ders., Essays on the Political Economy, Honolulu, S. 13–24.
Buchanan, James M. (1990): The Domain of Constitutional Economics, in: Constitutional Political Economy 1, S. 1–18.
Buchanan, James M. (1992): Was ist „die Wirtschaft“? Die Bedeutung von Definitionen für konstruktive Reform, in: ders., Markt, Freiheit und Demokratie, Sankt Augustin, S. 19–37.
Buchanan, James M. (1999–2002): The Collected Works of James M. Buchanan, Vol. 1–20, Indianapolis.
Buchanan, James M. und Roger D. Congleton (1998): Politics by Principle, Not Interest: Toward Nondiscriminatory Democracy, New York und Cambridge.
Buchanan, James M. und Gordon Tullock (1962, 1990): The Calculus of Consent. Logical Foundations of Constitutional Democracy, Ann Arbor.
Coleman, Jules L. (1992): Risks and Wrongs, Cambridge.
|42|Demsetz, Harold (1969): Information and Efficiency: Another Viewpoint, in: Journal of Law and Economics 12, S. 1–22.
Hayek, Friedrich August von (1960, 1991): Die Verfassung der Freiheit, 3. Aufl., Tübingen.
Hayek, Friedrich August von (1973, 1986): Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Bd. 1: Regeln und Ordnung, aus dem Amerikanischen übertragen von Martin Suhr, 2. Aufl., Landsberg am Lech.
Hayek, Friedrich August von (1976, 1981): Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Bd. 2: Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit, aus dem Amerikanischen übertragen von Martin Suhr, Landsberg am Lech.
Hayek, Friedrich August von (1979, 1981): Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Bd. 3: Die Verfassung einer Gesellschaft freier Menschen, aus dem Amerikanischen übertragen von Martin Suhr, Landsberg am Lech.
Hobbes, Thomas (1668, 1987): Leviathan. Erster und zweiter Teil, Übersetzung von Jacob Peter Mayer, Nachwort von Malte Diesselhorst, Stuttgart.
Homann, Karl (1988): Rationalität und Demokratie, Tübingen.
Homann, Karl und Ingo Pies (1993): Liberalismus: Kollektive Entwicklung individueller Freiheit – Zu Programm und Methode einer liberalen Gesellschaftstheorie, in: Homo Oeconomicus 10, S. 297–347.
Homann, Karl und Ingo Pies (1996): Sozialpolitik für den Markt: Theoretische Perspektiven konstitutioneller Ökonomik, in diesem Band, S. 203–239.
Horn, Karen Ilse (2009, 2012): Die Stimme der Ökonomen. Wirtschaftsnobelpreisträger im Gespräch, München.
Meadowcroft, John (2011): James M. Buchanan, New York und London.
Mises, Ludwig von (1927, 1993): Liberalismus, Sankt Augustin.
Pies, Ingo (1993): Normative Institutionenökonomik. Zur Rationalisierung des politischen Liberalismus, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (1995): John Rawls’ politischer Liberalismus, Tübingen.
Rawls, John (1992): Die Idee des politischen Liberalismus, hrsg. von Wilfried Hinsch, Frankfurt a.M.
Rawls, John (1993): Political Liberalism, New York.
Samuelson, Paul A. (1954): The Pure Theory of Public Expenditure, in: Review of Economics and Statistics 36, S. 387–389.
Spencer, Roger W. und David A. Macpherson (Hrsg) (1986, 2014): Lives of the Laureates: Twenty-Three Nobel Economists, 6. Auflage, Cambridge, Mass.
Vanberg, Viktor und James M. Buchanan (1989): Interests and Theories in Constitutional Choice, in: Journal of Theoretical Politics 1, S. 49–62.
Vanberg, Viktor und James M. Buchanan (1991): Constitutional Choice, Rational Ignorance and the Limits of Reason, in: Jahrbuch für Neue Politische Ökonomie 10, S. 61–78.
Wicksell, Knut (1896): Finanztheoretische Untersuchungen nebst Darstellung und Kritik des Steuerwesens Schwedens, Jena.
Zintl, Reinhard (1989): Der Homo Oeconomicus: Ausnahmeerscheinung in jeder Situation oder Jedermann in Ausnahmesituationen?, in: Analyse & Kritik 11, S. 52–69.
[Zum Inhalt]

|43|Mancur Olson (1932–1998)
„Fachleute versäumen ihre Pflicht, wenn sie einer Gesellschaft nicht helfen, sich über die Tragweite alternativer Entscheidungen Klarheit zu verschaffen.“ Mancur Olson (1968, 1991; S. 185)
Mancur Olsons Logik kollektiven Handelns
Mancur Olson gehört zu den prominentesten und prononciertesten Verfechtern einer theoretischen Integration der Sozialwissenschaften. Theoretische Integration zielt auf eine Analyseperspektive, die unterschiedliche soziale Phänomene nicht unverbunden nebeneinander stehen lässt, sondern systematisch miteinander in Verbindung bringt, um vergleichende Lernprozesse zu ermöglichen. Olson ist ein vehementer Befürworter theoretischer Integration sowohl innerhalb seiner eigenen Disziplin, der Ökonomik, als auch zwischen traditionell unterschiedenen Disziplinen, insbesondere zwischen Ökonomik, Soziologie und Politikwissenschaft. Zum einen bemüht er sich, die traditionelle Trennung von Mikroökonomik und Makroökonomik zu überwinden, und zum anderen ist er bestrebt, die Analyse wirtschaftlicher, sozialer und politischer Phänomene zu vereinheitlichen. In beiden Fällen ist die Argumentationsfigur, auf die sich sein Bemühen um theoretische Integration stützt, jeweils dieselbe: Im Kern geht es um die – teilweise nicht-intendierten – Wirkungen intentionaler Handlungen. So führt Olson makroökonomische Phänomene wie Stagflation und Arbeitslosigkeit im Wege einer mikroökonomischen Anreizanalyse auf die Einflussfaktoren individueller Kosten-Nutzen-Kalküle zurück, und analog sind es die Einflussfaktoren individueller Kosten-Nutzen-Kalküle, aus deren Analyse sich Olson ein systematischer Zugang für die Untersuchung von Organisationen und politischen |44|Regimes erschließt. Sowohl in intra- als auch in inter-disziplinärer Hinsicht also strebt Olson theoretische Integration an, indem er eine konsequente Anwendung mikroökonomischer Kategorien dazu benutzt, neue Fragen aufzuwerfen bzw. alte Fragen neu zu stellen, d.h. in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.
Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel der folgenden Ausführungen, die Spezifika des Olsonschen Ansatzes, seine Problemstellung, herauszuarbeiten. Es geht um eine konstruktive Lesart für das Gesamtwerk: Worin liegen die positiven – gesellschaftstheoretischen – und normativen – gesellschaftspolitischen – Beiträge, die sich mit diesem Werk verbinden? Zu welchen Erkenntnissen führt Olsons Bemühen um theoretische Integration, und welche forschungsstrategischen Konsequenzen lassen sich daraus ableiten? Um diese Fragen zu beantworten, erweist es sich als zweckmäßig, das Werk chronologisch in drei Teile zu untergliedern, die sich durch eine jeweils eigenständige und eigentümliche Problemstellung auszeichnen: in die „Logik des kollektiven Handelns“[60], in „Aufstieg und Niedergang von Nationen“[61] und in die neueren Schriften[62], die im Wege einer komparativen Analyse politischer Regimes Autokratie und Demokratie miteinander vergleichen. In Bezug auf diese drei Teile, die nicht nur zeitlich aufeinanderfolgen, sondern auch inhaltlich aufeinander aufbauen, lässt sich eine Entwicklungslogik nachzeichnen, die deutlich werden lässt, welchen Beitrag Mancur Olson zu den theoretischen Grundlagen demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik leistet. Die im folgenden zu entwickelnde These lautet, dass sich Olson sowohl theoretische Integration als auch demokratische Aufklärung von einer konsequent ökonomisch instruierten, auf Anreizwirkungen abstellenden, Kategorienbildung verspricht.
1. Gruppentheorie: Das Problem der Instabilität kollektiven Handelns
(1) Die ökonomischen Klassiker, allen voran Adam Smith, beschäftigten sich mit der Funktionsweise von Märkten. Ihnen ging es um die Frage, wie wirtschaftliche Akteure durch Wettbewerb dazu veranlasst werden können, ihre individuellen Handlungen via Tausch in den Dienst anderer Akteure zu stellen. Ihr Thema war, wie eine dezentrale Fremdversorgung mit privaten Gütern zustandekommen kann. Dass dies überhaupt möglich sein könnte, war eine gesellschaftstheoretische Entdeckung ersten Ranges. Sie dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Ökonomik sich zu einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin hat entwickeln können, zu einer Disziplin, die ihre Eigenständigkeit nicht vordergründig von einem bestimmten Gegenstandsbereich her bezieht, sondern letztlich methodisch: als Anreizanalyse, indem sie vor allem die nicht-intendierten Wirkungen intentionalen Handelns ins Zentrum der Betrachtung rückt. Diese Anreizanalyse setzt ein mit einer Irritation des Alltagsverstandes: Das Theorem der Unsichtbaren Hand ist, bis heute, kontra-intuitiv. Dass die wettbewerbliche Koordination individueller Handlungen am Markt zu sozial erwünschten Ergebnissen |45|führen kann, ist eine Einsicht, die sich dem Beobachter nicht von selbst aufdrängt und daher wohl auch weiterhin einer theoretischen Vermittlung bedarf, die den Blick hierfür schult.
(2) Mancur Olson wählt sich als Ausgangspunkt ein anderes Problem. Im Vordergrund seines Interesses steht zunächst nicht der Markt, sondern die Organisation. Ihn beschäftigt nicht so sehr die individuelle Fremdversorgung mit privaten Gütern als vielmehr die kollektive Selbstversorgung mit öffentlichen Gütern. Im Wege einer – rudimentären, aber wegweisenden – ökonomischen Anreizanalyse bestimmt Olson kollektives Handeln als individuelles Handeln in einer Gruppe. Er fragt nach den Bedingungen, unter denen rationale Akteure bereit sein werden, Gruppenbeiträge zu leisten. Da in einer Gruppe das Verhalten des einen Mitglieds vom Verhalten der anderen i.d.R. nicht unabhängig sein dürfte, verlangt die Behandlung dieses Problems einen Ansatz, der die Interdependenzen zwischen Gruppenmitgliedern explizit berücksichtigt. Olson verfügt jedoch nicht über das hierfür erforderliche spieltheoretische Instrumentarium. Seine Analyse erfolgt reaktionstheoretisch, nicht interaktionstheoretisch.[63] Sie bildet nur besondere Spezialfälle ab, und überdies arbeitet sie mit extrem vereinfachenden – und zudem oft nur impliziten – Annahmen.[64] Deshalb handelt es sich bei Olsons „Logik des kollektiven Handelns“ allenfalls im metaphorischen Sinn um eine wirkliche Logik. Am besten liest man seine ‚Logik‘ daher als eine Sammlung von Tendenzaussagen, deren Gültigkeit strikt situationsabhängig ist und somit im jeweiligen Problemkontext allererst überprüft werden muss. Nicht als Logik also, wohl aber als Sammlung von Tendenzaussagen ist Olsons ‚Logik‘ kollektiven Handelns von hohem heuristischem Wert
Die wichtigsten dieser Tendenzaussagen beziehen sich auf die Größe und Zusammensetzung von Gruppen. Generell macht Olson in seiner ‚Logik‘ geltend, dass kollektives Handeln keineswegs automatisch zu einer optimalen Bereitstellung öffentlicher Güter führt. Hinsichtlich der Gruppengröße führt er aus, dass solche Ineffizienzen kollektiver Selbstversorgung um so größer sind, je mehr Mitglieder zur Gruppe gehören. Hinsichtlich der Gruppenzusammensetzung führt er aus, dass es in Gruppen mit heterogenen Mitgliedern zu einer vergleichsweise sehr ungleichen Verteilung der Beitragslasten kommen kann, und zwar insbesondere dann, wenn es sich nicht für jedes Mitglied, mindestens aber für ein Mitglied der Gruppe lohnt, allein zur Bereitstellung des öffentlichen Gutes beizutragen. Die Abbildungen 1 und 2 enthalten jeweils eine extrem vereinfachte Illustration dieser Tendenzaussagen.
In Abbildung 1 ist eine additive Produktionsfunktion für das öffentliche Gut Y unterstellt, d.h. das Bereitstellungsniveau für die Gruppe wird durch die Summe der individuellen Beiträge yi zum öffentlichen Gut bestimmt.[65]
|46|Abbildung 1:
Suboptimale Gruppenversorgung
Die Gerade I gibt die individuelle marginale Zahlungsbereitschaft eines repräsentativen Gruppenmitglieds für das öffentliche Gut wieder. Die marginale Zahlungsbereitschaft der Gruppe ergibt sich rechnerisch durch eine Addition – graphisch: durch eine Vertikaladdition – der individuellen marginalen Zahlungsbereitschaften. Es werden identische Mitglieder mit identischen marginalen Zahlungsbereitschaften unterstellt. Je mehr Mitglieder n die Gruppe umfasst, desto steiler verläuft die Gerade Sn, die angibt, wieviel die gesamte Gruppe zu zahlen bereit wäre, um sich mit einer zusätzlichen Einheit des öffentlichen Gutes zu versorgen. Abgebildet sind die marginalen Zahlungsbereitschaften für zwei, drei und vier Gruppenmitglieder. Wird für die Gruppenmitglieder Nash-Verhalten unterstellt, so vergleichen sie bei ihren individuellen Entscheidungen über das von ihnen präferierte Bereitstellungsniveau des öffentlichen Gutes die Grenzkosten GK mit ihrer jeweils individuellen marginalen Zahlungsbereitschaft, nicht jedoch mit der marginalen Zahlungsbereitschaft der Gruppe. Sie vernachlässigen also gewissermaßen den positiven externen Effekt, der von ihrem Beitrag auf die anderen Gruppenmitglieder ausgeht. Unter diesen Annahmen ergibt sich: Die individuell rationale Entscheidung fällt nur dann mit der gruppenoptimalen Entscheidung zusammen – y1 = Y1 –, wenn die Gruppe nur ein einziges Mitglied |47|umfasst, also keine Gruppe im üblichen Verständnis ist. Für wirkliche Gruppen mit mindestens zwei Mitgliedern belaufen sich die – gemäß der Annahme eines Pareto-Gleichgewichts – gruppenoptimalen Bereitstellungsniveaus auf Y2, Y3 bzw. Y4, die individuellen Beiträge jedoch nur auf jeweils Y1/2, Y1/3 bzw. Y1/4: Je mehr Mitglieder die Gruppe hat, desto größer ist der vernachlässigte positive externe Effekt und desto gravierender ist folglich die Ineffizienz, d.h. die pareto-suboptimale (Unter-)Versorgung mit dem öffentlichen Gut.
Abbildung 2:
Privilegierte Gruppe
In Abbildung 2 sind zwei heterogene Gruppenmitglieder unterstellt, deren individuelle marginale Zahlungsbereitschaften I1 und I2 sich unterscheiden. So ist das erste Individuum bereit, für eine Erhöhung des Bereitstellungsniveaus YP um eine weitere Einheit des öffentlichen Gutes den Preis c1 zu bezahlen, während das zweite Individuum den höheren Preis c2 zu zahlen bereit ist. Gemäß Olsons Terminologie sind die beiden Individuen entsprechend ihrer jeweiligen marginalen Zahlungsbereitschaft als kleines bzw. großes Gruppenmitglied einzustufen. Betragen die Grenzkosten beispielsweise GKP, so wird das kleine Gruppenmitglied von sich aus keinen Beitrag leisten, das öffentliche Gut bereitzustellen. Da es jedoch für das große Gruppenmitglied individuell rational ist, jenes Bereitstellungsniveau zu wählen, bei dem seine individuelle marginale Zahlungsbereitschaft genau den Grenzkosten entspricht, wird es auf eigene Kosten YP Einheiten des öffentlichen Gutes bereitstellen, die dem kleinen Gruppenmitglied zugutekommen, ohne dass es hierfür bezahlt. Olson spricht in diesem Fall – mit Blick auf den oder die Trittbrettfahrer – von einer „privilegierten Gruppe“, und er bezeichnet das für solche Gruppen charakteristische Opportunismusphänomen als „‚Ausbeutung‘ der Großen durch die Kleinen“.[66]
|48|Abbildung 3:
Latente Gruppe
Eine dritte Tendenzaussage lässt sich anhand von Abbildung 3 illustrieren. Betragen die Grenzkosten GKL, so überschreiten sie den Betrag cmax, den das größte Gruppenmitglied maximal zu zahlen bereit ist, um eine Einheit des öffentlichen Gutes zu erhalten. In diesem Fall ist die Gruppe nicht mehr privilegiert. Zwar ist das gruppenoptimale Versorgungsniveau auch weiterhin positiv – es beträgt YG –, doch bricht die kollektive Selbstversorgung zusammen. Eine Bereitstellung des öffentlichen Gutes unterbleibt. Hier kommt kollektives Handeln gar nicht erst zustande. Die Gruppe bleibt latent. Die virtuellen Gruppenmitglieder können ihr gemeinsames Interesse nicht verwirklichen. Typische Beispiele hierfür sind die weitgehend unorganisierten Gruppen der Steuerzahler und Konsumenten, also jene „vergessenen Gruppen“ – so Olson (1965, 1985; S. 163, im Original hervorgehoben) –, „die schweigend leiden“.
(3) Nimmt man diese drei Tendenzaussagen zusammen, so führt – ähnlich wie die Theorie der ökonomischen Klassiker – auch Olsons ‚Logik‘ kollektiven Handelns zu durchaus kontra-intuitiven Einsichten. Die hier besonders interessierenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Ansätze lassen sich am besten mit Hilfe von Abbildung 4 veranschaulichen, in der die Fälle einer Stabilität bzw. Instabilität kollektiven Handelns mit den Fällen sozial erwünschter bzw. unerwünschter Ergebnisse zu einem Vier-Quadranten-Schema kombiniert sind.
Der Fall, mit dem sich die Klassiker vornehmlich beschäftigt haben, ist im ersten Quadranten anzusiedeln. Ihrer Marktanalyse zufolge ist es gerade die Abwesenheit kollektiven Handelns – etwa in Form von Anbieterkartellen –, die auf Märkten sozial erwünschte Ergebnisse ermöglicht. Demgegenüber ist das Problem, |49|mit dem sich Olsons ‚Logik‘ vornehmlich beschäftigt, den Quadranten II und IV zuzuordnen. Hier wäre kollektives Handeln wünschenswert, kommt aber nicht – oder nicht im erwünschten Ausmaß – zustande.
Abbildung 4:
Die gruppentheoretische Fragestellung
Angesichts der offensichtlichen thematischen Unterschiede sollte jedoch eine wichtige Gemeinsamkeit hinsichtlich der Argumentationsstruktur nicht übersehen werden. Olsons Argument ist nämlich in gewisser Weise genau spiegelbildlich angesetzt: Für die ökonomischen Klassiker hängt das tatsächliche Verhalten der Menschen von ihren Handlungsanreizen ab. Diese können so beschaffen – genauer: im Wege institutioneller Arrangements so ausgestaltet – sein, dass individuelle Rationalität ausreicht, um wechselseitige Tauschpotentiale zu realisieren. Wie durch eine unsichtbare Hand gelenkt, stellen sich die sozial erwünschten Ergebnisse – etwa niedrige Wettbewerbspreise bei hoher Versorgungsquantität und -qualität – als vornehmlich nicht-intendierte Ergebnisse intentionalen, auf Gewinn ausgerichteten, Verhaltens ein. Diese dem Alltagsverstand scheinbar geradewegs zuwiderlaufende Pointe wird von Olson nahezu strukturgleich dupliziert: Wenn kollektives Handeln zustandekommt, d.h. wenn Gruppen sich in der Realität wirksam mit öffentlichen Gütern versorgen können (Quadrant IV), so ist dies für ihn ein Resultat, das prinzipiell im Rekurs auf individuelle Anreize zu erklären ist, angesichts der ‚Logik‘ kollektiven Handelns jedoch nicht als intendiertes Ergebnis, sondern vielmehr primär als nicht-intendiertes Ergebnis rekonstruiert werden muss. Ausschlaggebend für kollektives Handeln ist Olson zufolge nicht der Wille, unmittelbar zu einem öffentlichen Gut beizutragen, sondern vielmehr der Anreiz, dies mittelbar zu tun. Damit wird es zu einer Frage institutioneller Arrangements, ob Gruppenmitglieder sich – durch selektive Anreize – veranlasst sehen, im gemeinsamen Gruppeninteresse zu handeln. Am Beispiel: Olsons ‚Logik‘ zufolge wird man nicht Mitglied des ADAC, um eine Autofahrerlobby zu unterstützen, sondern man zahlt Beiträge, um in den Genuss privater Güter – etwa der Pannenhilfe oder anderer Serviceleistungen (Beratungen, Zeitschriften, Versicherungen) – zu kommen, die Nicht-Mitgliedern vorenthalten bzw. nicht kostenlos zugänglich gemacht werden, und man nimmt als Mitglied dann mehr oder weniger billigend in Kauf, dass ein Teil der Beiträge für Lobby-Tätigkeiten verwendet wird. Insofern ist Olsons gruppentheoretisches |50|Paradoxon, dass rationale Akteure gerade aufgrund ihrer individuellen Rationalität ein gemeinsames Gruppeninteresse nur mit Hilfe der Anreizwirkungen institutioneller Arrangements in sozial erwünschter Weise verfolgen können, das direkte Analogon zum klassischen Theorem der Unsichtbaren Hand.
2. Gesellschaftstheorie: Das Problem der Stabilität kollektiven Handelns
Die ‚Logik‘ kollektiven Handelns fragt aus Sicht der Gruppenmitglieder nach den Problemen, die bei der Realisierung eines gemeinsamen Gruppeninteresses auftreten können, sie identifiziert mit Gruppengröße und Gruppenzusammensetzung wichtige Einflussfaktoren dieser Probleme, und sie zeigt auf, inwiefern – positive oder negative – selektive Anreize eine Problemlösung liefern können. Mit ihrer Anreiz-Perspektive eröffnet die ‚Logik‘ den Zugang zu einer ökonomischen Rekonstruktion beispielsweise der Gewerkschaftsbewegung. Sie lässt die – für eine Solidaritätsbewegung an sich befremdliche – Anwendung von Zwang und Gewalt, aber auch die Einrichtung von ‚closed shops‘ und anderen Formen einer Mitgliedschaftspflicht als Versuche zur Mobilisierung kollektiven Handelns verständlich werden.[67]
Solche Einsichten sind gesellschaftstheoretisch relevant, aber gewonnen werden sie nicht aus einer Gesellschaftstheorie, sondern aus einer Gruppentheorie. Erst in seinen späteren Schriften – hier interpretiert als Teil II des Gesamtwerks – hat Olson versucht, aufbauend auf seiner ‚Logik‘ eine Gesellschaftstheorie zu entwickeln. Dabei ist gerade unter methodologischen Gesichtspunkten besonders interessant, dass diese Entwicklung auf einer Erweiterung, ja geradezu auf einer Umkehrung der gruppentheoretischen Fragestellung beruht. Hatte sich die (gruppentheoretische) ‚Logik‘ i.e.S. aus Sicht der Gruppenmitglieder mit den Schwierigkeiten bei der Organisation kollektiven Handelns beschäftigt, so rückt die nunmehr gesellschaftstheoretische ‚Logik‘ i.w.S. jene Schwierigkeiten ins Zentrum der Betrachtung, die sich – vor allem für Nicht-Mitglieder der Gruppe – ergeben, wenn es immer mehr Gruppen gelingt, die gemeinsamen Interessen ihrer Mitglieder wirksam zu verfolgen. Da diese Interessen unter Umständen auf Kosten Dritter verwirklicht werden, thematisiert die gesellschaftstheoretische ‚Logik‘ i.w.S. als paradigmatisches Problem – nicht die Instabilität, sondern gerade umgekehrt – die Stabilität kollektiven Handelns. Hierbei interessiert sich Olson insbesondere für die Frage, inwiefern Verteilungskoalitionen die Funktionsweise von Märkten beeinträchtigen. In gewisser Weise nimmt er dadurch das Thema der ökonomischen Klassiker teilweise wieder auf, vgl. Abbildung 5.[68]
|51|Olsons gesellschaftstheoretische Wendung der Gruppentheorie führt zu zahlreichen interessanten Überlegungen und Thesen. Seine Kernthese zum Niedergang von Nationen resultiert aus einer Kombination folgender Tendenzaussagen – vgl. Olson (1982, 1985; Kapitel 3, S. 46–98): (a) Die Organisation kollektiven Handelns braucht i.d.R. Zeit, und sie fällt (b) kleinen Gruppen systematisch leichter als großen. (c) Daher akkumulieren stabile Gesellschaften im Laufe der Zeit zwar immer mehr Organisationen, doch gibt es hinsichtlich der Interessenvertretung eine dauerhafte Asymmetrie zugunsten kleiner Gruppen. (d) Die Verteilungskoalitionen unter diesen Organisationen beeinträchtigen die statische und dynamische Effizienz der Gesellschaft; sie behindern die marktliche Allokation knapper Güter und Faktoren, und sie verringern die Anpassungsfähigkeit von Wirtschaft und Politik, zum Nachteil letztlich aller Bürger der Gesellschaft.
Abbildung 5:
Die gesellschaftstheoretische Fragestellung
Diese Kernthese identifiziert einen Quasi-Automatismus zum Niedergang stabiler Gesellschaften. Deren Misserfolg ist um so größer, je erfolgreicher sich Verteilungskoalitionen zu kollektivem Handeln organisieren können.[69] Mit Hilfe dieser gesellschaftstheoretischen (positiven) These lassen sich zahlreiche gesellschaftspolitische (normative) Empfehlungen generieren. Olsons gesellschaftspolitische Kernaussagen lauten: (a) Gegenüber Interessengruppen ist eine Politik des Laisser-faire nicht opportun. Eine im Interesse aller Bürger auf Dauer erfolgreiche Gesellschaft bedarf daher (b) einer Anti-Kartellpolitik im Bereich der Wirtschaft und (c) einer analogen Politik in den übrigen ‚Bereichen‘ der Gesellschaft. (d) Ein (vorübergehend) wirksames Mittel, um den negativen Einfluss von Verteilungskoalitionen möglichst gering zu halten, ist die wirtschaftliche und/oder politische Integration. Sie erhöht die Gruppengröße, verschärft damit das Trittbrettfahrerproblem und erschwert so potentiellen Verteilungskoalitionen die Organisation kollektiven Handelns.
|52|Um die vorgeschlagene Lesart zu stützen, werden im folgenden drei Beispiele näher betrachtet. Das erste Beispiel illustriert Olsons gesellschaftstheoretische Wendung der Gruppentheorie. Das zweite Beispiel wendet die ‚Logik‘ i.w.S. auf entwickelte, das dritte auf unterentwickelte Gesellschaften an.
(1) Gäbe es in einer wettbewerblich verfassten Gesellschaft nur Spotmärkte, so wären Mengen und Preise unendlich flexibel. Beim Auftreten unerwarteter Schocks würden sie sofort auf ihre neuen Gleichgewichtswerte hin angepasst. Die in der Realität zu beobachtenden Reaktionsgeschwindigkeiten sind im allgemeinen deutlich geringer, und zudem lässt sich empirisch feststellen, dass auf vielen Märkten die Mengen schneller als die Preise reagieren. Die Theorie erklärt dies vor allem damit, dass die Interaktionspartner auf realweltlichen Märkten nicht nur vollständige Spotmarktverträge, sondern auch unvollständige – implizite und/oder relationale – Verträge wählen, um innerhalb solcher ‚Umrahmungen‘ wechselseitig vorteilhafte Tauschgeschäfte abzuschließen. Da es i.d.R. kostspielig ist, solche Verträge an unvorhergesehene Ereignisse anzupassen, erklären sich die verzögerten Preisreaktionen als nicht-intendiertes Resultat intentionaler Handlungen. Mancur Olson (1982, 1985; S. 266–269) ergänzt dieses Erklärungsmuster um folgende unorthodoxe Überlegung: Auf Märkten äußern sich Verteilungskoalitionen als Kartelle. Kartelle stehen vor der Wahl, die angestrebte Wettbewerbsbeschränkung entweder in Form einer Preisfestsetzung oder in Form einer Mengenfestsetzung vorzunehmen. Im ersten Fall muss für jedes Gruppenmitglied ein individuelles Kontingent vereinbart werden. Solche Vereinbarungen sind besonders konfliktträchtig, und zudem ist es schwer, ihre Einhaltung zu überwachen. Im zweiten Fall ist lediglich ein für alle Gruppenmitglieder einheitlicher Preis zu vereinbaren. Wie sich zu diesem Preis die Nachfrage auf die einzelnen Kartellmitglieder verteilt, kann man dem Markt, also einem anonymen ‚Mechanismus‘, überlassen. Da sich so Konflikt- und Kontrollkosten einsparen lassen, werden Kartelle – ceteris paribus – das Mittel der Preisfestsetzung präferieren.
Eine weitere Überlegung kommt hinzu: Ein rationaler Monopolist müsste auf positive und negative Schocks symmetrisch reagieren, um jeweils seinen Gewinn zu maximieren. Bei rationalen Kartellmitgliedern hingegen sagt die ‚Logik‘ voraus, dass sie asymmetrisch reagieren werden, und zwar aufgrund von Entscheidungskosten, die bei einem Monopolisten nicht anfallen. Bei Auftreten eines negativen Schocks müsste ein Anbieterkartell erst neue Verhandlungen aufnehmen, um den im gemeinsamen Gruppeninteresse liegenden niedrigeren – im Fall eines Nachfragerkartells: höheren – Kartellpreis zu vereinbaren. Bei Auftreten eines positiven Schocks jedoch kann jedes Mitglied einen höheren – im Fall eines Nachfragerkartells: niedrigeren – Preis wählen, ohne die anderen Gruppenmitglieder dadurch zu schädigen. Mit Hilfe der plausiblen Zusatzannahme, dass es in einer Wirtschaft üblicherweise mehr Anbieter- als Nachfragerkartelle gibt, liefert Olson mit seiner ‚Logik‘ nicht nur einen Erklärungsbeitrag, warum Preise im Vergleich zu Mengen generell inflexibel sind, sondern er erklärt auch, warum generell inflexible Preise eher aufwärts als abwärts flexibel sind. Hieraus lässt sich die geldpolitische Implikation ableiten, dass Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung „stetig und allmählich durchgeführt werden sollten“ – Olson (1982, 1985; S. 304) –, um den Kartellen Zeit für die Anpassung ihrer Preissetzungsentscheidungen |53|zu lassen. Der Glaubwürdigkeit und Transparenz der Geldpolitik kommt aus dieser Perspektive ein hoher Stellenwert zu, weil sie die (antizipative) Reaktion von Kartellen beschleunigt.
(2) Aus der ‚Logik‘ i.w.S. entwickelt Olson eine Erklärung von Massenarbeitslosigkeit und Stagflation, mit der er sich in der Theoriedebatte wie folgt positioniert: Als Argumentationsaufriss wählt er eine Gegenüberstellung von Keynesianern einerseits und neuklassischen Monetaristen andererseits, derzufolge erstere zwar unfreiwillige Arbeitslosigkeit, nicht jedoch das gleichzeitige Auftreten von Stagnation und Inflation erklären können, während letztere zwar Stagflation, nicht jedoch unfreiwillige Arbeitslosigkeit erklären können. Zwischen beiden makroökonomischen ‚Lagern‘ nimmt Olson im Wege einer mikroökonomischen Fundierung vermittelnd Stellung.[70]
Zur Erklärung unfreiwilliger Arbeitslosigkeit stellt Olson die – von der traditionellen Makroökonomik vernachlässigte – Frage, inwiefern sich Arbeitslosigkeit, d.h. das Nicht-Zustandekommen wechselseitig vorteilhafter Tauschverträge zwischen den Anbietern und Nachfragern von Arbeit, als nicht-intendiertes Resultat intentionaler Handlungen erklären lässt. Wohlgemerkt: Olson fragt nicht – wie für Verschwörungstheorien typisch –, wer ein Interesse an Arbeitslosigkeit haben könnte, sondern er fragt, wer – angesichts bestimmter Anreize – ein Interesse haben könnte, sich so zu verhalten, dass dabei Arbeitslosigkeit als unbeabsichtigtes Nebenprodukt entsteht. Mit dieser forschungsleitenden Frage wird die Perspektive auf Kartelle der Arbeitsanbieter fokussiert. In dem Maße, wie sich beschäftigte Arbeitnehmer durch kollektives Handeln mit überhöhten Löhnen versorgen können, werden sie zu einer Verteilungskoalition zu Lasten derer, die zu diesen überhöhten Löhnen keine Beschäftigung mehr finden. Das gleiche Argument gilt auch für übermäßige Regulierungen wie beispielsweise einen übertriebenen Kündigungsschutz, aufgrund dessen Unternehmer vor Neueinstellungen zurückschrecken.[71]
Mit diesem Argument lassen sich Thesen über die Struktur von Arbeitslosigkeit generieren. Die ‚Logik‘ sagt voraus, dass sich die Arbeitsanbieter nicht in allen Sektoren gleich gut zu kollektivem Handeln organisieren können, mit entsprechenden Folgen für Lohnhöhe, Lohnflexibilität und Regulierungsdichte. Ferner folgt aus der ‚Logik‘, dass hoch qualifizierte Arbeitslose durch die Inkaufnahme von Lohneinbußen wieder in den Arbeitsmarkt eintreten können, während niedrig qualifizierten Arbeitslosen diese Option i.d.R. nicht offensteht, sei es, weil sie sich durch gesetzliche oder tarifliche Mindestlöhne an einer Reintegration gehindert sehen, sei es, weil die – etwa aufgrund von Überregulierung – erforderlichen Einstiegslöhne unterhalb legaler oder illegaler Alternativeinkommen liegen. Dies erklärt, warum insbesondere schlecht qualifizierte Arbeitnehmer von dauerhafter Arbeitslosigkeit betroffen sind.
|54|Während Olson in dieser mikroökonomisch fundierten Erklärung eine Ergänzung der monetaristischen Position sieht, deren makroökonomische Theorie dem Phänomen unfreiwilliger Arbeitslosigkeit verständnislos gegenüberstand, weil nicht gesehen wurde, wie eine ökonomische Erklärung unter Beibehaltung der Rationalitätsannahme zu leisten wäre, sieht Olson in seiner Analyse von Verteilungskoalitionen einen Erklärungsbeitrag zum Phänomen der Stagflation, der die keynesianische Position bereichert. Auch diese Bereicherung nimmt die Form einer mikroökonomischen Fundierung an: Wo die keynesianische Makroökonomik Ad-hoc-Annahmen über starre Löhne und Preise trifft, bietet Olsons ‚Logik‘ i.w.S. eine Erklärung mittels Anreizen an, eine Erklärung, die auf die Zunahme kollektiven Handelns durch Verteilungskoalitionen abstellt, auf Arbeitnehmerkartelle hinsichtlich der Löhne und auf Unternehmenskartelle hinsichtlich der Preise für Güter und Dienstleistungen. Die Folge ist nicht nur, dass das gleichzeitige Auftreten von Arbeitslosigkeit und Inflation, für das in den Kategorien der traditionellen keynesianischen Theorie kein Platz vorgesehen war, nun im Rekurs auf die ‚Logik‘ verständlich wird, sondern auch, dass nun Thesen über die Struktur von Stagflationsphänomenen systematisch generiert werden können.[72]
Diese mikroökonomisch integrative Sicht führt zu mehreren Politikvorschlägen, die institutionellen Reformen ein besonderes – und für makroökonomische Theorien unüblich großes – Gewicht beimessen.[73] Hier sei nur einer dieser Vorschläge herausgegriffen, und zwar deshalb, weil er aufgrund der Aktualität des Arbeitslosigkeitsproblems von besonderem Interesse ist.[74] Olson (1982, 1985; S. 305) schlägt vor, auf die Anreize der Tarifparteien im Lohnfindungsprozess wie folgt Einfluss zu nehmen:
„Wenn die natürliche Rate der Arbeitslosigkeit unnatürlich hoch ist, kann sie durch Sondersteuern auf jene Unternehmen etwas verringert werden, die die Löhne um einen größeren Prozentsatz erhöhen, als er, sagen wir, der erwarteten Produktivitätserhöhung in der Wirtschaft insgesamt entspricht. Falls sie politisch besser durchsetzbar ist, bestünde eine Alternative darin, den Unternehmen eine Subvention zu geben, die sich jedoch verringert, wenn sie eine derartige Lohnerhöhung gewähren. Das wird der Firma einen Anreiz geben, eine geringere Lohnerhöhung auszuhandeln, und wenn sie das erreicht hat, einen Anreiz, mehr Arbeiter als geplant einzustellen, wodurch sie die Arbeitslosigkeit verringert.“
(3) Olson legt großen Wert auf die allgemeine Anwendbarkeit seiner ‚Logik‘ i.w.S. So diskutiert er zahlreiche Beispiele nicht nur im zeitlichen Längsschnitt, sondern auch im sozialen Querschnitt verschiedener Gesellschaften.[75] Über die |55|spezifischen Probleme von Entwicklungsländern leitet Olson folgende Tendenzaussagen ab.[76]
Erstens ist in diesen Ländern hinsichtlich der Stabilität kollektiven Handelns mit einer Asymmetrie zwischen Stadt und Land zu rechnen. Hohe Transport- und Kommunikationskosten machen es der Landbevölkerung wesentlich schwerer, ihre Interessenvertretung zu organisieren, während dies den Bewohnern der Städte vergleichsweise leichter fällt. Schon aufgrund ihrer räumlichen Nähe zur Regierung können diese sehr viel leichter politischen Druck ausüben. So entstehen Verteilungskoalitionen, die sich mit Privilegien versorgen, zumeist auf Kosten der Landbevölkerung. Ein typisches Beispiel hierfür sind Höchstpreise für Agrarprodukte, mit denen die Lebenshaltung in der Stadt subventioniert wird. Aus dieser Perspektive erscheint das für viele Entwicklungsländer typische Phänomen massenhafter Landflucht als ein letztlich politisch induziertes Problem regionalen ‚Rent-Seekings‘.
Zweitens ist in Entwicklungsländern hinsichtlich der politischen Einflussmöglichkeiten auch mit einer Asymmetrie zwischen Reich und Arm zu rechnen. Reichen Gruppen fällt es vergleichsweise leichter, sich Privilegien zu verschaffen. Diese Perspektive wirft neues Licht auf die insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren weit verbreitete und teilweise noch heute praktizierte Politik der Importsubstitution. Sie schützt eine relativ kapitalintensive Inlandsproduktion, deren Rendite künstlich erhöht wird. Die Kosten einer solchen Politik bestehen in einer Verteuerung der Exporte. Da solche Exporte i.d.R. auf den komparativen Vorteilen einer arbeitsintensiven Produktion beruhen, sind es vornehmlich Arbeiter und Bauern, d.h. die großen Gruppen der Armen, die die Kosten einer die wenigen Reichen begünstigenden Protektion tragen.
Beide Aussagen sind insofern gesellschaftstheoretisch gewendete Anwendungsfälle der gruppentheoretischen ‚Logik‘ i.e.S., als sie auf der These beruhen, dass kleine Gruppen sich leichter organisieren können als große Gruppen. Von daher führt die ‚Logik‘ zu einem zusätzlichen Argument zugunsten von Freihandel sowie wirtschaftlicher und/oder politischer Integration: Solche Maßnahmen erhöhen die potentielle Gruppengröße. Sie erschweren die Organisation von Verteilungskoalitionen. Sie erhöhen also nicht nur – durch größere Spezialisierungsvorteile – die Tauschmöglichkeiten, sondern sie erhöhen auch – durch die Erschwerung kollektiven Handelns – die Wahrscheinlichkeit, dass Tauschpartner ‚gains from trade‘ tatsächlich aneignen können.
Eine weitere Pointe dieser Perspektive besteht darin, dass sie das Zustandekommen historischer Integrationsprozesse vornehmlich als nicht-intendierte Konsequenz intentionalen Handelns rekonstruiert, und zwar gerade aufgrund des immensen Vorteilspotentials, das sich den Bürgern durch Integration eröffnet und dem der Charakter eines öffentlichen Gutes zukommt.[77]
|56|3. Staatstheorie: Das Problem eines mehr oder weniger umfassenden Interesses
In der Sekundärliteratur ist bereits darauf hingewiesen worden, dass der von Olson gewählte Titel „Aufstieg und Niedergang von Nationen“ insofern irreführend ist, als Olson hier vornehmlich mit dem durch Verteilungskoalitionen hervorgerufenen Niedergang von Nationen befasst ist.[78] Mit dem Aufstieg von Gesellschaften hat sich Olson eigentlich erst in seinen jüngsten Schriften intensiv beschäftigt, die hier als Teil III seines Gesamtwerks interpretiert werden. In diesen Schriften nimmt Olson eine komparative Analyse politischer Regimes vor. Er vergleicht autokratische und demokratische Arrangements, und zu diesem Zweck entwickelt er eine Stufentheorie staatlicher Herrschaft.
(1) Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass sowohl wirtschaftliche als auch politische Leistungen von Anreizen abhängen, und dass diese Anreize durch Eigentumsrechte gesetzt werden. Vor diesem Hintergrund unterscheidet Olson drei politische Regimes: die Anarchie, die Autokratie und die Demokratie. (a) Kennzeichen der Anarchie ist eine ruinöse (politische) Konkurrenz, illustriert am Beispiel marodierender Räuberbanden im China der 1920er Jahre. Olson (1993a; S. 568) spricht von „uncoordinated competitive theft by ‚roving bandits‘“. Solche Räuberbanden, die davon leben, Bauern und Händler zu enteignen, (zer-)stören deren Eigentumsrechte und damit die wirtschaftlichen Anreize zu gesellschaftlicher Produktivität. (b) Kennzeichen der Autokratie ist ein (politisches) Monopol, illustriert am Beispiel sesshafter Räuber, deren territoriale Herrschaft die ruinöse Konkurrenz abschafft und durch verlässliche, erwartungssichere Ausbeutungsverhältnisse ersetzt. Olson (1993a; S. 567) sieht im Autokraten einen „‚stationary bandit‘ who monopolizes and rationalizes theft in the form of taxes“. Autokraten leben davon, die Bevölkerung dauerhaft auszubeuten. Deshalb ist der Übergang von Anarchie zu Autokratie damit verbunden, maximale Ausbeutung durch optimale Ausbeutung zu ersetzen. Bildlich gesprochen, füttert der Autokrat die Kuh, bevor er sie melkt.[79] (c) Kennzeichen der Demokratie ist, dass die Regierungsgewalt an mehrheitliche Bürgerzustimmung gekoppelt ist. In einem solchen System sind der Ausbeutung noch wesentlich engere Grenzen gesetzt als in der Autokratie. Selbst wenn auch hier durchgängig eigeninteressierte Akteure unterstellt werden, müssen die Kandidaten oder Parteien um die Zustimmung der Wähler werben und können daher ihr eigenes Wohl nur dadurch fördern, dass sie das Wohl der Bevölkerung zumindest teilweise mitberücksichtigen.
Für Olson ist der entscheidende Unterschied zwischen den drei Regimes institutioneller Natur. Er besteht in der Qualität politischer Eigentumsrechte. (a) In der Anarchie haben Herrscher ungesicherte Eigentumsrechte. Von einer solchen Konstellation gehen starke Konsum-, nicht jedoch Investitionsanreize aus. Solche Herrscher haben kein umfassendes Interesse an dem Wohlergehen der Gesellschaft, weil sie sich die Erträge von Investitionen in dieses Wohlergehen |57|nur unzulänglich aneignen können. Würde sich einer bei der Ausbeutung der Bevölkerung zurückhalten, so käme dies einem positiven externen Effekt gleich, von dem vor allem seine Konkurrenten profitierten, die um so größere Beute machen könnten. Die Folge ist politisches Trittbrettfahren. (b) In dem Maße, wie es einem Autokraten gelingt, politische Konkurrenz auszuschalten, herrschen sichere Eigentumsrechte. Im Vergleich zur Anarchie sind also in der Autokratie positive externe Effekte internalisiert. Der Autokrat kann sich die Erträge aus Investitionen in die Produktivität der Gesellschaft aneignen, weil diese Gesellschaft ihm quasi gehört. Als Monopolist hat er ein wesentlich umfassenderes Interesse an dem Wohlergehen der Gesellschaft. Er nimmt nicht nur, er gibt auch; allerdings gibt er nur, um letztlich mehr nehmen zu können. Aber immerhin: Ein Autokrat sorgt mit seinem Gewaltmonopol für öffentliche Ordnung, und darüber hinaus stellt er weitere öffentliche Güter bereit, und zwar so lange, bis aus seiner individuellen Sicht Grenznutzen und Grenzkosten zum Ausgleich gebracht sind. (c) Im Gegensatz zur Autokratie ist die Erwerbung und Ausübung politischer Herrschaft in der Demokratie Regeln unterworfen. Hier sind die Eigentumsrechte der Regierung durch verfassungsmäßige Schranken begrenzt. Zudem ist die Regierung stark an den Willen des Volkes gebunden. Da allerdings i.d.R. die Mehrheit ausreicht, um Regierungsgewalt zu erlangen, fällt das Interesse einer demokratischen Regierung zwar nicht mit dem umfassenden Interesse aller Bürger zusammen, aber es ist doch signifikant umfassender als das Interesse des Autokraten am Wohlergehen der Gesellschaft.
Für Olson wird damit der – ursprünglich gesellschaftstheoretische – Begriff des mehr oder weniger „umfassenden Interesses“ zum terminus technicus, der den staatstheoretisch entscheidenden Parameter bezeichnet, von dem die Leistung politischer Regimes abhängt. Interpretiert man Anarchie als das Resultat einer Gruppe konkurrierender Herrschaftsanwärter, die sich nicht zu kollektivem Handeln organisieren können (Quadrant II), Autokratie als eine Herrschaftselite, die sich als kleine Gruppe – metaphorisch: als Autokrat – organisiert (Quadrant III), und Demokratie als das Resultat einer Mehrheitskoalition (Quadrant IV), so lässt sich die grundlegende Fragestellung der Olsonschen Staatstheorie mit Hilfe von Abbildung 6 illustrieren. Sie fragt nach dem umfassenden Interesse unterschiedlicher Herrschaftskoalitionen.
Abbildung 6:
Die staatstheoretische Fragestellung
|58|Aus dieser staatstheoretisch gewendeten ‚Logik‘ folgen zwei grundlegende Tendenzaussagen: Die erste besagt, dass es der Bevölkerung um so besser geht, je umfassender das Interesse der Regierung ist. Die zweite besagt, dass dieses Interesse in der Autokratie umfassender ausfällt als in der Anarchie und dass es in der Demokratie noch umfassender ausfällt als in der Autokratie.
Diese Tendenzaussagen stützen sich im Kern auf folgende Überlegungen – vgl. Abbildung 7 in Anlehnung an Olson (1991c): Ein rationaler, eigeninteressierter Autokrat betreibt Steuermaximierung. Er wählt den Maximalpunkt B der Laffer-Kurve LA. Die Lage dieser Kurve hängt teilweise von der Verwendung des Steueraufkommens ab, also davon, wieviel Geld der Autokrat für die Aufrechterhaltung seines Regimes oder für öffentliche Güter oder für eigene Konsumzwecke ausgibt. Da öffentliche Güter die Produktivität des Marktsektors – und mithin die Bemessungsgrundlage der Besteuerung – erhöhen, wird ein Autokrat diese Güter so weit bereitstellen, wie dies in seinem eigenen Interesse liegt. Er wird also jenes Bereitstellungsniveau wählen, bei dem die Grenzausgaben seinen steuerlichen Grenzeinnahmen gerade entsprechen.
Abbildung 7:
Autokratie versus Demokratie
Im Unterschied zur Autokratie erfolgt in einer Demokratie die staatliche Umverteilung nicht zugunsten einer kleinen Gruppe – im metaphorischen Extremfall: zugunsten eines einzelnen –, sondern zugunsten einer großen Gruppe, der Mehrheitskoalition. Dieser für Olsons staatstheoretische ‚Logik‘ zentrale Unterschied macht sich in zweierlei Weise bemerkbar: zum einen in einer Verlagerung der Lafferkurve nach links oben (LD), zum anderen in der Wahl eines Optimalpunkts links vom Maximum in Punkt C. Der zwingende Grund hierfür liegt darin, dass die Mehrheit der Bürger – im Gegensatz zu einem Autokraten – ihr Einkommen nicht nur aus Steuereinnahmen bezieht, d.h. nicht nur als Umverteilungseinkommen, sondern zum Teil auch als Markteinkommen. Deshalb fallen die Wahlentscheidungen der Mehrheit systematisch anders aus als die des Autokraten, der schlicht seine Steuereinnahmen maximiert.
|59|Dies betrifft zum einen die Verwendung der Steuern: Anders als ein Autokrat, profitiert die Mehrheit von der Bereitstellung öffentlicher Güter nicht nur indirekt, in Form höherer Steuereinnahmen, die das Umverteilungseinkommen steigen lassen, sondern auch direkt, in Form einer höheren Produktivität ihrer Marktaktivitäten. Dieser Effekt ist für die Verlagerung der Laffer-Kurve auf LD verantwortlich.[80] Zum anderen betrifft der Unterschied die Wahl des Steuersatzes. Gerade weil die Mehrheit nicht nur Umverteilungseinkommen erzielt, sondern auch Markteinkommen, liegt es in ihrem Interesse, das Gesamteinkommen zu maximieren. Ausgehend von Punkt C auf der Laffer-Kurve LD profitiert die Mehrheit, wenn niedrigere Steuersätze gewählt werden, weil den sinkenden Steuereinnahmen zunächst größere Markteinkommen aufgrund geringerer Fehlanreize gegenüberstehen. Die zentrale Tendenzaussage, die aus diesen Überlegungen resultiert, lautet in Olsons (1993a; S. 570) eigenen Worten:
„Though both the majority and the autocrat have an encompassing interest in the society because they control tax collections, the majority in addition earns a significant share of the market income of the society, and this gives it a more encompassing interest in the productivity of the society. The majority’s interest in its market earnings induces it to redistribute less to itself than an autocrat redistributes to himself.“[81]
(2) Aus diesen staatstheoretischen Überlegungen lassen sich nicht nur komparative Erkenntnisse, sondern auch verfassungspolitische Schlussfolgerungen ableiten. Zu den komparativen Erkenntnissen gehört, dass der Zeithorizont einer Regierung für ihr tatsächliches Verhalten von entscheidender Bedeutung ist. So besteht eine zentrale Schwäche autokratischer Regimes in dem notorisch ungelösten Problem der Nachfolgeregelung, dessen Lösung hingegen erforderlich ist, um den Zeithorizont eines Autokraten über seine eigene Lebenserwartung hinaus zu verlängern. In Demokratien ist dieses Problem sogar noch akuter, weil hier die Regierungszeit auf Legislaturperioden künstlich begrenzt wird. Demokratien verfügen jedoch über einen institutionellen Problemlösungsmodus, der diesen vermeintlichen Nachteil überkompensieren kann. Hier übernehmen politische Parteien nicht nur die Auswahl der Politiker, sondern auch die Kontrollfunktion innerhalb der Wahlperiode. Als Organisationen orientieren sie sich dabei an ihrem eigenen langfristigen Interesse. Die Analogien zum Unterschied |60|zwischen einer Personalunternehmung (Autokratie) und einem Gesellschaftsunternehmen (Parteiendemokratie) sind augenfällig und erklären die überlegene Funktionsweise demokratischer Regimes.
Eine verfassungspolitische Schlussfolgerung der staatstheoretischen ‚Logik‘ wird von Olson selbst explizit gezogen – vgl. etwa Olson (1995; S. 25): Wenn die Bürger um so besser gestellt sind, je umfassender das Interesse ihrer Regierung am Wohlergehen der gesamten Gesellschaft ist, dann lässt sich ein Vorteil des Mehrheitswahlrechts gegenüber dem Verhältniswahlrecht ableiten. Das Mehrheitswahlrecht begünstigt die Herausbildung zweier großer Parteien und ermöglicht damit eine Regierungsbildung ohne Koalitionen, d.h. ohne die Beteiligung kleinerer Parteien, die unter Umständen nur der Organisation sehr kleiner Verteilungskoalitionen dienen und folglich auf Kosten der Allgemeinheit höchst partikuläre Sonderinteressen vertreten.
4. Kritische Anfrage: Hat die ‚Logik‘ einen blinden Fleck?
Olsons Gesamtwerk ist außergewöhnlich ideenreich, und doch sind es relativ wenige – und zudem erstaunlich einfache – Kernüberlegungen, auf die sich Olsons Ideen zurückführen und damit auch systematisch rekonstruieren lassen. So jedenfalls lautet die der hier vorgeschlagenen Lesart zugrundeliegende These. Dem Beleg dieser These dient die Unterscheidung einer gruppentheoretischen, gesellschaftstheoretischen und staatstheoretischen ‚Logik‘ kollektiven Handelns sowie die graphische Illustration der jeweils primären Fragestellung in den Abbildungen 4, 5 und 6.
Diese Abbildungen erfüllen aber auch noch einen zusätzlichen Zweck. Mit ihrer Hilfe lässt sich deutlich machen, dass Olsons Gesamtwerk eine interessante – und möglicherweise wichtige – Fragestellung nahezu völlig ausklammert, vgl. Abbildung 8. Die Rolle des Wettbewerbs – und insbesondere die Unterscheidung ruinöser und gemeinwohlförderlicher Konkurrenzprozesse – spielt in seinen Schriften kaum eine Rolle. Sie erscheint nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ – d.h. systematisch, kategorial bedingt – unterbelichtet. Hat Olsons ‚Logik‘ hier einen blinden Fleck? Folgende Hinweise mögen genügen, um die Frage und ihre Bedeutung zu verdeutlichen.
Abbildung 8:
Hat die ‚Logik‘ einen blinden Fleck?
|61|(1) Bei Olsons Staatstheorie fällt auf, dass Autokratie und Demokratie den Quadranten III und IV zugeordnet werden. Das liegt an dem spezifischen Aspekt, unter dem sie betrachtet werden. Olson fragt nach dem unterschiedlich umfassenden Interesse der Herrschaftskoalition. Implizit wird Demokratie damit eingeordnet als eine Kooperationslösung, bei der die Mehrheit sich erfolgreich zu kollektivem Handeln organisiert. Der Unterschied zur Autokratie wird folglich daran festgemacht, dass es in einer Demokratie eine vergleichsweise größere Gruppe ist, deren Interessen durch die Regierung vertreten werden.
Alternativ hätte es sich angeboten, Demokratie als eine politische Wettbewerbsordnung zu bestimmen. Aus einer solchen – Olson nicht unbedingt widersprechenden, aber doch signifikant anderen – Perspektive erscheint die parlamentarische Parteienkonkurrenz als das zentrale Merkmal. Unter diesem Aspekt wäre die Demokratie dem ersten Quadranten zuzuordnen. Das primäre Gegensatzpaar wäre folglich nicht Autokratie-Demokratie, sondern Anarchie-Demokratie, und der zentrale Unterschied läge somit nicht in einem mehr oder weniger umfassenden Interesse, sondern in einer mehr oder weniger funktionsfähigen Rahmenordnung für politischen Wettbewerb. Olsons Kategorien zur Analyse der Demokratie legen den Schwerpunkt auf den Kooperationserfolg einer Verteilungskoalition. Die alternative Sicht würde betonen, dass es gerade die Konkurrenz zwischen Verteilungskoalitionen sein kann, die solche Erfolge be- und sogar verhindert.[82]
(2) Hier geht es um mehr als lediglich terminologische oder typologische Fragen. Es geht um grundlegende und entsprechend weitreichende Fragen ökonomischer Kategorienbildung: (a) Aus Olsons Perspektive sind die politischen Regimes Anarchie, Autokratie und Demokratie in einem Spektrum zunehmend umfassenden Interesses anzuordnen. Die alternative Perspektive hingegen betont die Diskontinuitäten. Für sie ist Demokratie der – zivilisationsgeschichtlich ungemein erfolgreiche – Versuch, auf dem Rücken des Tigers zu reiten: Während Autokratie die quasi ‚natürlichen‘ Wettbewerbsbedingungen ruinöser Konkurrenz durch Monopolisierung beseitigt, beruht Demokratie auf der artifiziellen (Wieder-)Einführung politischer Konkurrenzprozesse, die die Delegationsverhältnisse zwischen Bürgern und Politikern durch Parteien mediatisieren, für die die Wettbewerbsanreize so gesetzt werden, dass sie das politische Principal-Agent-Problem zumindest halbwegs beherrschbar machen. (b) Eine solche Sicht modifiziert nicht nur das staatstheoretische Argument, sondern auch die verfassungspolitischen Schlussfolgerungen. So kann gerade ein Verhältniswahlrecht den politischen Markt offener halten. Sollte es angesichts neu auftretender Problemlagen zu Kartellen der Besitzstandswahrer kommen, so ermutigt ein Verhältniswahlrecht das Entstehen neuer Parteien, die als Innovatoren ihre etablierten Wettbewerber zu entsprechenden Imitationen zwingen können. Analog zu wirtschaftlichen Märkten reicht oft bereits ein potentieller Wettbewerb aus, um antizipative Verhaltensanpassungen zu bewirken. Insofern ist Olsons verfassungspolitische Schlussfolgerung nicht einmal als Tendenzaussage ohne weiteres haltbar, d.h. ohne eine ausdrückliche Analyse des möglichen Tradeoffs zwischen einem umfassenden Interesse auf der |62|einen Seite und einer höheren Innovationsrate, Anpassungs- und Lernfähigkeit auf der anderen Seite. (c) Ähnliches gilt auch für die gesellschaftstheoretischen und gesellschaftspolitischen Tendenzaussagen. Am Beispiel gewerkschaftlicher Organisation lässt sich dies schnell illustrieren. Während Olson sich für nationale Branchengewerkschaften ausspricht, weil er diesen ein umfassenderes Interesse als Betriebsgewerkschaften unterstellt und mithin tendenziell niedrigere Lohnabschlüsse vermutet, wird man die größere Verhandlungsmacht zentralisierter Gewerkschaftsorganisationen ebenfalls bedenken müssen. Damit erweist sich die Ceteris-Paribus-Annahme als äußerst kritisch. Es ist nicht ohne weiteres auszuschließen, dass nationale Gewerkschaftsorganisationen trotz umfassenderen Interesses vergleichsweise höhere Lohnabschlüsse durchsetzen könnten. (d) Vollends deutlich aber wird das hier angesprochene Problem, sobald man die Analogie zwischen wirtschaftlichen und politischen Märkten stark macht. Auf wirtschaftlichen Märkten erwartet niemand, dass sich gemeinwohlförderliche Ergebnisse durch eine Konzentration zu großen Unternehmenseinheiten hin bewirken lassen, und analog wäre auch von politischen Unternehmern zu erwarten, dass sie nicht durch verstärkte Kooperation, sondern eher durch wettbewerbliche Anreize dazu gebracht werden müssen, sich im Interesse aller Bürger zu verhalten.
(3) Olsons ‚Logik‘ kollektiven Handelns würde durch eine Einbeziehung der ausgeblendeten Fragestellung sicherlich modifiziert werden, auch über die angesprochenen Einzelbeispiele hinaus. Aber würde sie hierdurch an Eleganz und Systematizität verlieren? Oder würde sie ganz im Gegenteil sogar an theoretischer Konsistenz gewinnen können? Ließe sie sich vielleicht gar von einer ‚Logik‘ einzelner Tendenzaussagen zu einer Logik im eigentlichen Sinne des Wortes: zu einer ökonomischen Interaktionslogik transformieren?[83]
Für die zweite Möglichkeit spricht vielleicht folgende Überlegung. Wenn man – nicht das Gefangenendilemma, wohl aber – die Interaktionslogik des Gefangenendilemmas zum Paradigma der Analyse kollektiven Handelns macht, dann werden die Konturen einer gesellschaftstheoretischen Konzeption sichtbar, wie sie gegenwärtig im Rahmen einer ‚Normativen Institutionenökonomik‘ angestrebt wird.[84] Es handelt sich um ein Forschungsprogramm, das die Stabilität – und streng analog: die Instabilität – kollektiven Handelns ins Zentrum der Betrachtung rückt, deren Perspektive damit auf die institutionelle Stabilisierung sozial erwünschter – und streng analog: auf die institutionelle Destabilisierung sozial unerwünschter – Interaktionen fokussiert wird. Konkurrenz und Kooperation erscheinen dann als alternative Interaktionsmodi, die mittels institutioneller Arrangements kombiniert und miteinander verschachtelt werden können. Eine solche Theorieperspektive ist von vornherein darauf berechnet, jene umfassenden Tradeoff-Betrachtungen vorzunehmen, um die Olsons Tendenzaussagen jeweils |63|erst ergänzt werden müssen. Ein weiterer und besonders wichtiger Vorteil dürfte zudem darin liegen, dass gerade die Überführung theoretischer Überlegungen in normative Empfehlungen systematisch, d.h. methodisch kontrolliert, erfolgen kann. Am Beispiel: Die Insider-Outsider-Theorie oder generell die Rent-Seeking-Theorie oder – noch allgemeiner – die wohlfahrtsökonomische Theorie externer Effekte identifiziert Täter und Opfer, indem gesellschaftliche Probleme auf Fremdschädigungsaktivitäten zurückgeführt werden. Hier erfolgt eine einseitige Zuschreibung von Verursachung, obwohl – nimmt man den genuin ökonomischen Gedanken sozialer Interdependenz ernst – prinzipiell von wechselseitiger Verursachung auszugehen ist. Eine solche alternative Konzeptualisierung führt denn auch in der Tat gesellschaftliche Probleme systematisch auf kollektive Selbstschädigungen in Form ruinöser Konkurrenzprozesse zurück. Folglich muss sie sich – und sei es auch noch so implizit – im Interessenkonflikt nicht auf die eine oder andere Seite schlagen, sondern kann stattdessen nach den gemeinsamen Interessen der Akteure fragen, um für gemeinsame Probleme institutionelle Reformoptionen zu eruieren, die – als Befreiung aus einer Rationalfalle – allgemein zustimmungsfähig sind. Geht man nicht von Dependenz, sondern von sozialer Inter-Dependenz aus, so lassen sich politische Reformen systematisch in die Argumentationsfigur kollektiver Selbstbindungen überführen. Anders als bei einer einseitigen Diagnose und Therapie muss man also gar nicht erst versuchen, einzelnen Akteuren Verzichtsleistungen aufzubürden. Wählt man die Konzeptualisierung sozialer Dilemmata, so erscheint eine politische Reform vielmehr als ein Tausch, bei dem sich Leistung und Gegenleistung gegenüberstehen (müssen!), so dass vermeintliche ‚Verzichts‘-Leistungen als Investitionen angesehen werden können, deren Rendite die Empfehlung anreizkompatibel macht.
Die Frage, ob Olsons ‚Logik‘ einen blinden Fleck aufweist, ist hier nicht abschließend zu beantworten. Sie wurde auch nur aufgeworfen, um einen Bereich derzeit offener Forschungsprobleme zu markieren, die weiterer Überlegungen wert wären. Es ging lediglich darum, etwaige Anknüpfungspunkte für theoretisch weiterführende Arbeiten aufzuzeigen. Insofern verstehen sich die Ausführungen zu diesem Gliederungspunkt weniger als Kritik denn in der Tat als Anfrage zum Entwicklungspotential einer umfassenden ökonomischen Gesellschaftstheorie, durch dessen Erschließung sich Olsons Intentionen möglicherweise noch wirksamer zur Geltung bringen ließen. Diese Intentionen sind Gegenstand des abschließenden Fazits.
5. Fazit: Interdisziplinarität und demokratische Aufklärung durch theoretische Integration
Bei Olsons Gesamtwerk, der gruppentheoretischen, gesellschaftstheoretischen und staatstheoretischen ‚Logik‘ kollektiven Handelns, handelt es sich um ein beeindruckendes Theorieprogramm, dessen Entfaltung in beharrlicher Arbeit über mehr als dreißig Jahre hinweg erfolgt. Welchen Motiven folgt die Kontinuität der theoretischen Entwicklung? Lassen sich möglicherweise grundlegende Ideen ausmachen, die diese Entwicklung heuristisch angeleitet haben?
|64|Die hier vorgeschlagene Lesart kommt zu dem Ergebnis, dass es – neben Olsons Verständnis von Ökonomik[85] – zwei solcher Ideen gibt. Es handelt sich zum einen um die Idee, dass die Arbeit an konkreten sozialwissenschaftlichen Problemen stets Interdisziplinarität erfordert. Zum anderen handelt es sich um die Idee, dass die Ideologien, die politisches Handeln leiten, den tatsächlichen Problemen der Gesellschaft nicht immer angemessen – und gelegentlich sogar höchst irreführend – sind. Interessanterweise legen beide Ideen ein bestimmtes Instrument nahe: Es handelt sich um das Mittel theoretischer Integration.
Zum Beleg dieser These seien zwei Aufsätze Olsons herangezogen. Der erste wurde erstmals 1968 veröffentlicht, der zweite 1991. Der erste beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Ökonomik und Soziologie, der zweite mit den Möglichkeiten ökonomischer Aufklärung über irreführende Ideologien.[86]
(1) Im ersten Aufsatz geht Olson der Frage nach, was eine Gesellschaft zusammenhält. Er stellt fest, dass unterschiedliche sozialwissenschaftliche Disziplinen hier typischerweise zu unterschiedlichen Antworten gelangen. Sein Befund lautet: Während viele Soziologen betonen, dass es auf Homogenität: auf gemeinsame Werthaltungen und allseits geteilte Normvorstellungen und Rollenerwartungen ankommt, stellen viele Ökonomen zumeist auf das genaue Gegenteil ab. Aus ökonomischer Sicht steigen die gesellschaftlichen Tauschvorteile, – nicht: je homogener, sondern – je heterogener die Bevölkerung ist.
Ausgehend von diesem Befund schlägt Olson vor, den offensichtlichen Widerspruch auf eine Weise aufzulösen, die beide Disziplinen bereichert. Zu diesem Zweck rekurriert er auf die kategoriale Unterscheidung zwischen privaten und kollektiven Gütern. Damit – so Olson (1968, 1991; S. 174) – „lässt sich der Gegensatz zwischen ökonomischer und soziologischer Perspektive aufheben und eine Argumentation skizzieren, die besser als alle beide ist. Diese Argumentation kommt zu dem Schluss, dass eine Gesellschaft – unter sonst gleichen Umständen – mit größerer Wahrscheinlichkeit zusammenhält, wenn ihre Mitglieder so sozialisiert sind, dass sie hinsichtlich privater Güter verschiedenartige Bedürfnisse und hinsichtlich kollektiver Güter ähnliche Bedürfnisse haben.“[87]
Olson geht es hier um theoretische Lernprozesse für beide Disziplinen. Die gemeinsame Arbeit am gleichen Problem, der Gedankenaustausch über die jeweils eigentümlichen Blickwinkel – kurz: interdisziplinäre Polyperspektivität – ist für ihn dann produktiv, wenn sie zum Anlass genommen wird, sich der theoretischen Kategorien jeweils neu zu vergewissern. Theoretischer Fortschritt ist für ihn Fortschritt hinsichtlich der Kategorienbildung, Fortschritt hinsichtlich einer systematisierenden und damit vereinheitlichenden Konzeptualisierung problemadäquater Perspektiven und gerade dadurch zugleich Fortschritt auf |65|dem Weg theoretischer Integration.[88] Für Olsons Gesamtwerk gilt im Umkehrschluss: Das Bemühen um theoretische Integration in der problemorientierten Auseinandersetzung mit ‚benachbarten‘ Disziplinen der Sozialwissenschaften ist für Olson eine – vielleicht sogar die – heuristische, forschungsleitende Idee bei der Weiterentwicklung ökonomischer Kategorien, mit denen er die eigene Disziplin bei der Bearbeitung allgemein gesellschaftlicher Probleme voranbringen will.
(2) Im zweiten Aufsatz setzt sich Olson mit dem Befund auseinander, dass ‚linke‘ und ‚rechte‘ Ideologien die Rolle des Staates, und zwar insbesondere seine sozialpolitische Rolle, im wirtschaftlichen Wachstumsprozess unterschiedlich einschätzen. Er geht der Frage nach, warum sich dieser ideologische Streit nur schwer mit Hilfe empirischen Tatsachenmaterials entscheiden lässt. Hierfür identifiziert er mehrere Gründe. Zu diesen Gründen gehört, dass die verfügbaren Statistiken über Ländervergleiche ‚mixed evidence‘ enthalten, so dass man sich mit einiger Beliebigkeit jeweils Beispiele herausgreifen kann, die die eigene Position stützen. Ein weiterer Grund besteht darin, dass sich der Umfang sozialpolitischer Maßnahmen nicht unbedingt im staatlichen Sozialbudget niederschlagen muss, weil vielfach auch von Regulierungen Gebrauch gemacht wird, deren Wirkungen sich statistisch nicht ohne weiteres identifizieren lassen. Ferner gibt es Diskrepanzen zwischen dem, was ‚linke‘ oder ‚rechte‘ Regierungen ankündigen, und dem, was sie an Politik tatsächlich praktizieren. Insbesondere können zwischen der normativen Diskussion über Pro und Contra von Sozialpolitik einerseits und der tatsächlich praktizierten Sozialpolitik andererseits Welten liegen, weil es in vielen Wohlfahrtsstaaten zu perversen Umverteilungen kommt. So schreibt Olson (1991b; S. 82) über die USA:
„Die Mittel, die unsere Gesellschaft umverteilt, gehen hauptsächlich an Leute, die sie nicht brauchen, und die Verluste an Effizienz und Dynamik, die von solcher Umverteilung bewirkt werden, haben wenig oder nichts mit der ideologischen Auseinandersetzung über Gleichheit und Gerechtigkeit zu tun.“
Insgesamt läuft Olsons Argumentation auf die These hinaus, dass die Fronten im ideologischen Grabenkrieg quer zu den tatsächlichen Problemen verlaufen, d.h. dass Ideologien die relevanten Politikalternativen verfehlen, weil sie die wirklich wichtigen Fragen systematisch falsch stellen. Aus Olsons Sicht geht es nicht um mehr oder weniger Sozialstaat. Eine solche Frage verfehlt das eigentliche Problem. Vielmehr geht es um die Frage – und diese Frage richtig zu stellen ist eine hochtheoretische Leistung –, wie das Politiksystem effizienter gemacht werden kann, damit es – durch geeignete sozialpolitische Maßnahmen – die Lage der Armen sowie – durch geeignete Maßnahmen, die das Wirtschaftswachstum fördern – die Lage der Bevölkerung insgesamt verbessert. Angesichts der gewaltigen Ineffizienzen, deren Abbau allseitig vorteilhaft wäre, ist für Olson (1991b; S. 82) der vielstrapazierte Tradeoff zwischen Gleichheit und Leistung beinahe geradezu |66|nicht-existent, ein „irriger Eindruck“, das Resultat intellektueller Fehlorientierung. Zur Korrektur solcher Fehlorientierungen kann die Wissenschaft – ganz im Sinne des Einleitungsmottos – beitragen, nicht indem sie fertige Antworten vorgibt, sondern indem sie hilft, allererst die richtigen Fragen zu stellen. So schreibt Olson (1991b; S. 81, H.i.O.):
„Das Problem ist, dass die meisten rechten Parteien und Politiker nicht den Großteil ihrer Zeit damit verbringen, freie Märkte herzustellen, und dass die meisten linken Parteien und Politiker nicht den Großteil ihrer Zeit damit verbringen, den Bedürftigen zu helfen. In hochorganisierten Gesellschaften ist der größte Teil der politischen Tätigkeit auf der Rechten wie auf der Linken der Verfolgung der organisierten Interessen gewidmet und weder den freien Märkten noch den Bedürfnissen der Armen.“
Gesellschaftliche Lernprozesse können also durch theoretische Lernprozesse angeleitet werden. Aber damit die Sozialwissenschaften und insbesondere die Ökonomik diese öffentliche Aufgabe in der Demokratie (besser) wahrnehmen können, bedarf es theoretischer Integration. So hält es Olson beispielsweise für besonders wichtig, dass sich die Ökonomik um Konzeptualisierungen bemüht, die es ihr erlauben, die Argumente pro und contra Sozialpolitik innerökonomisch zu diskutieren, z.B. als Vor- und Nachteile von Versicherungen. Staatliche Sozialpolitik lässt sich dann differenziert(er) beurteilen: ihre Einführung als Reaktion auf Probleme privater Versicherungsmärkte mit adverser Selektion, ihre Begrenzung als Reaktion auf Probleme moralischer Versuchung. Eine solche Differenzierung ist für Olson (1991a; S. 47, H.i.O.) Ausdruck theoretischer Integration: „Dieselbe Argumentation lässt sich – somit Aufwand sparend – als Plädoyer sowohl für staatliche Wohlfahrtsprogramme als auch für deren Beschränkung gebrauchen.“[89]
(3) Fazit: Folgt man der hier vorgeschlagenen Lesart, dann liest man Olsons Gesamtwerk als ökonomischen Beitrag zu demokratischer Aufklärung durch theoretische Integration. Im Bemühen um eine problemadäquate Kategorienbildung der Ökonomik im Besonderen und der Sozialwissenschaften im Allgemeinen liegt der vielleicht wichtigste und nachhaltigste Beitrag, den sein Werk: die Entwicklung einer gruppentheoretischen, gesellschaftstheoretischen und staatstheoretischen ‚Logik‘ kollektiven Handelns, zu den theoretischen Grundlagen demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik leistet.
6. Nachtrag 2016
Mancur Olsons vielleicht wichtigstes Buch ist erst posthum erschienen, zwei Jahre nach seinem überraschend frühen Tod.[90] Es liegt auch in deutscher Übersetzung vor. Nicht dem Umfang nach, wohl aber dem Inhalt nach ist es gerechtfertigt, von einem opus magnum zu sprechen, denn hier synthetisiert Olson seine früheren Arbeiten zur Logik des kollektiven Handelns und zum Aufstieg |67|und Niedergang von Nationen zu einer in sich schlüssigen polit-ökonomischen Gesamtsicht, die mit zahlreichen innovativen Einsichten aufzuwarten weiß.
In dieser außerordentlich lesenswerten Schrift vergleicht Olson die drei politischen Regimes der Anarchie, Autokratie und Demokratie.
Kennzeichen der Anarchie ist ein (selbst-)zerstörerischer Ausbeutungswettbewerb, in dem konkurrierende Gruppen gewaltsam versuchen, sich auf Kosten der Gesellschaft zu bereichern. Es mangelt an sicheren Eigentumsrechten: Da niemand verlässlich davon ausgehen kann, die Erträge seines Bemühens sich selbst aneignen zu können, fehlt es an Anreizen für Arbeit und Investition. Die Pointe: In der durch Raub gekennzeichneten Anarchie gibt es anreizbedingt nur wenig zu rauben.
Kennzeichen der Autokratie ist die Befriedung der Gesellschaft durch ein Gewaltmonopol, das maximale Ausbeutung durch optimale Ausbeutung ersetzt. Hiermit verbinden sich zwei Konsequenzen: Zum einen achtet der Autokrat darauf, dass für seine Bevölkerung die Leistungsanreize erhalten bleiben; und zum anderen investiert er in öffentliche Güter. Metaphorisch ausgedrückt, wird die Gans nicht geschlachtet, sondern in eigennütziger Weise so gepflegt, dass sie goldene Eier legt.
Kennzeichen der Demokratie ist eine Mehrheitsherrschaft mit vergleichsweise noch mehr Investitionen und noch geringeren Steuersätzen, in der es unter Umständen sogar dazu kommen kann, dass die Mehrheit auf eine Ausbeutung der Minderheit(en) verzichtet und sich Verfassungsregeln gibt, die zur Gleichbehandlung aller Bürger führen.
Darüber hinaus besonders lesenswert sind die Kapitel 7 und Kapitel 10 dieses Buches. Kapitel 7 analysiert den (vorübergehenden) Erfolg der stalinistischen Ressourcenmobilisierung innerhalb der Sowjetunion, und Kapitel 10 erläutert die entwicklungspolitisch überaus bedeutsame Unterscheidung zwischen robusten und prekären Märkten. In die erste Kategorie fallen jene Märkte, die selbst durchsetzend sind und auch dann – als Schwarzmärkte im informalen Sektor – einigermaßen funktionieren, wenn der Staat sie zu unterbinden sucht. In die zweite Kategorie gehören all jene Märkte – z.B. für Kredite und Versicherungen –, die einer institutionellen Einbettung bedürfen, um eine Interaktion unter Abwesenden sowie eine vertrauensvolle Kopplung von Leistung und Gegenleistung über lange Zeiträume hinweg abwickeln zu können.
Ferner hinzuweisen ist auf einen hoch interessanten Aufsatzband, für den Mancur Olson als Mitherausgeber verantwortlich zeichnet,[91] sowie auf die zu Ehren von Mancur Olson herausgegebene Essaysammlung von Heckelman und Coates.[92]
|68|Literatur
Becker, Gary S. (1985, 1996): Interessengruppen und politisches Verhalten, in: Ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 163–184.
Blanchard, Olivier J. und Lawrence H. Summers (1986): Hysteresis and the European Unemployment Problem, in: Rod Cross (Hrsg.), Unemployment, Hysteresis and the Natural Rate Hypothesis, Oxford und New York, S. 306–364.
Breton, Albert (1996): Competitive Governments. An economic theory of politics and public finance, Cambridge.
Hardin, Russel (1982): Collective Action, Baltimore.
Heckelman, Jac C. und Dennis Coates (2003): Collective Choice. Essays in Honor of Mancur Olson, Berlin u.a.O.
Hirshleifer, Jack (1983): From Weakest-Link to Best Shot: The Voluntary Provision of Public Goods, in: Public Choice 41, S. 371–386.
Homann, Karl und Ingo Pies (1996): Sozialpolitik für den Markt. Theoretische Perspektiven konstitutioneller Ökonomik, in: Ingo Pies und Martin Leschke (Hrsg.), James Buchanans konstitutionelle Ökonomik, Tübingen, S. 203–239.
Homann, Karl und Andreas Suchanek (1992): Grenzen der Anwendbarkeit einer ‚Logik des kollektiven Handelns‘, in: Klaus Schubert (Hrsg.), Leistungen und Grenzen politisch-ökonomischer Theorie, Darmstadt, S. 13–28.
Hume, David (1777, 1984): Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, übersetzt und herausgegeben von Gerhard Streminger, Stuttgart.
Lindbeck, Assar (1993): Unemployment and Macroeconomics, Cambridge, Mass.
Lindbeck, Assar und David Snower (1988): The Insider-Outsider Theory of Employment and Unemployment, Cambridge, Mass.
McGuire, Martin C. und Mancur Olson (1996): The Economics of Autocracy and Majority Rule, in: Journal of Economic Literature 34, S. 72–96.
Murrell, Peter und Mancur Olson (1991): The Devolution of Centrally Planned Economies, in: Journal of Comparative Economics 15, S. 239–265.
North, Douglass C. (1981, 1988): Theorie des institutionellen Wandels. Eine neue Sicht der Wirtschaftsgeschichte, übersetzt von Monika Streissler, Tübingen.
Olson, Mancur (1965, 1985): Die Logik des kollektiven Handelns. Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen, 2. Aufl., Tübingen.
Olson, Mancur (1968, 1991): Ökonomie, Soziologie und die beste aller möglichen Welten, in: Ders.: Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 157–187.
Olson, Mancur (1982, 1985): Aufstieg und Niedergang von Nationen. Ökonomisches Wachstum, Stagflation und soziale Starrheit, übersetzt von Gerd Fleischmann, Tübingen.
Olson, Mancur (1983, 1991): Ein weniger ideologiegebundenes Verfahren der Entscheidung über die Umverteilung zu den Armen, in: Ders., Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 262–289.
Olson, Mancur (1984, 1991): Ein mikroökonomisch-evolutorischer Ansatz der Makroökonomie, in: Ders., Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 110–128.
|69|Olson, Mancur (1990): The Logic of Collective Action in Soviet-type Societies, in: Journal of Soviet Nationalities 1, S. 8–27.
Olson, Mancur (1991a): Einleitung, in: Ders., Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 1–48.
Olson, Mancur (1991b): Die Unzulänglichkeit unserer vertrauten Ideologien, in: Ders., Umfassende Ökonomie, aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Streissler, Tübingen, S. 49–82.
Olson, Mancur (1991c): Autocracy, Democracy, and Prosperity, in: Richard J. Zeckhauser (Hrsg.), Strategy and Choice, Cambridge, Mass., S. 131–157.
Olson, Mancur (1991d): Foreword, in: Todd Sandler, Collective Action. Theory and Applications, Ann Arbor, S. VII–XVI.
Olson, Mancur (1992): The Hidden Path to a Successful Economy, in: Christopher Clague und Gordon Rausser (Hrsg.), The Emergence of Market Economies in Eastern Europe, Blackwell: Cambridge, Mass., S. 55–75.
Olson, Mancur (1993a): Dictatorship, Democracy, and Development, in: American Political Science Review 87, No. 3, S. 567–576.
Olson, Mancur (1993b): Why is Economic Performance Even Worse After Communism is Abandoned?, Ninth Annual Lecture in the Virginia Political Economy Lecture Series, Fairfax, Virginia.
Olson, Mancur (1995): The Devolution of the Nordic and Teutonic Economies, in: American Economic Review 85, Papers & Proceedings, S. 22–27.
Olson, Mancur (1996): Distinguished Lecture on Economics in Government. Big Bills Left on the Sidewalk: Why Some Nations are Rich, and Others Poor, in: Journal of Economic Perspectives 10, S. 3–24.
Olson, Mancur (2002): Power and Prosperity. Outgrowing Communist and Capitalist Dictatorships, New York.
Olson, Mancur (2003): Macht und Wohlstand. Kommunistischen und kapitalistischen Diktaturen entwachsen, übersetzt von Gerd Fleischmann, Tübingen.
Olson, Mancur und Satu Kähkönen (Hrsg.) (2000): A Not-So-Dismal Science. A Broader View of Economics and Societies, Oxford u.a.O.
Ostrom, Elinor, Roy Gardner und James Walker (1994): Rules, Games, and Common-Pool Resources, Ann Arbor.
Pies, Ingo (1993): Normative Institutionenökonomik. Zur Rationalisierung des politischen Liberalismus, Tübingen.
Pies, Ingo (1995): Normative Institutionenökonomik – Zur Problemstellung eines Forschungsprogramms demokratischer Politikberatung, in: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik 44, S. 311–340.
Sandler, Todd (1991): Collective Action. Theory and Applications, Ann Arbor.
Suchanek, Andreas (1994): Ökonomischer Ansatz und theoretische Integration, Tübingen.
SVR (1995): Im Standortwettbewerb. Jahresgutachten 1995/96, hrsg. vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Stuttgart.
[Zum Inhalt]

|70|Gary Becker (1930–2014)
„Nicht die ‚sachlichen‘ Zusammenhänge der ‚Dinge‘, sondern die gedanklichen Zusammenhänge der Probleme liegen den Arbeitsgebieten der Wissenschaften zugrunde: wo mit neuer Methode einem neuen Problem nachgegangen wird und dadurch Wahrheiten entdeckt werden, welche neue bedeutsame Gesichtspunkte eröffnen, da entsteht eine neue ‚Wissenschaft‘.“ Max Weber (1922, 1988; S. 92, H.i.O.)
„[W]as die Ökonomi[k] als Disziplin von anderen Disziplinen in den Sozialwissenschaften hauptsächlich unterscheidet, ist nicht ihr Gegenstand, sondern ihr Ansatz.“ Gary S. Becker (1976, 1982; S. 3)
Gary S. Beckers ökonomischer Imperialismus[93]
Reduziert man den Begriff „ökonomischer Imperialismus“ nicht von vornherein auf das pejorative (Miss-)Verständnis, mit dem er von manchen geradezu als Schimpfwort verwendet wird, sondern fasst man ihn zunächst einmal auf als eine neutrale Bezeichnung für das Phänomen, dass der ökonomische Ansatz auch auf Probleme angewendet wird, die nicht zum traditionellen Problemkanon der Wirtschaftswissenschaften gehören, dann ist Gary Becker sicherlich der ökonomische Imperialist par excellence. Zur ökonomischen Theorie der Politik und zur ökonomischen Theorie des Rechts hat er frühe und wegweisende Beiträge geliefert, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die ökonomische Theorie der Familie von ihm allererst ins Leben gerufen – bzw. in Anerkennung der klassischen Arbeiten von Malthus: ins Leben zurückgerufen – wurde. Auch die Karriere, die der Rational-Choice-Ansatz in der Soziologie – und, wenn auch zaghaft, sogar in der deutschsprachigen Soziologie – zu machen beginnt, wäre |71|ohne die Pionierarbeiten Gary Beckers schlechterdings nicht denkbar gewesen.[94]
Üblicherweise wird der ökonomische Imperialismus im allgemeinen und das wissenschaftliche Werk Gary Beckers im besonderen als Ausdehnung des Anwendungsbereichs ökonomischer Analyse aufgefasst, und diese Bereichsausdehnung wird dann regelmäßig als inter-disziplinäre Herausforderung wahrgenommen. Ein typisches Beispiel hierfür bietet die Begründung, mit der der Nobelpreis 1992 an Gary Becker verliehen wurde. In der Pressemitteilung der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften heißt es: „Gary Becker’s research contribution consists primarily of having extended the domain of economic theory to aspects of human behavior which had previously been dealt with – if at all – by other social science disciplines such as sociology, demography and criminology.“[95]
Erst vor einem solchen Hintergrund wird verständlich, warum der ökonomische Imperialismus, dessen Protagonist Gary Becker ist, auf so viel Ablehnung und Widerstand getroffen ist – und immer noch trifft. Hinter der ökonomischen „Bereichs“-Ausdehnung wird die Tendenz vermutet, anderen Wissenschaftsdisziplinen könne bzw. solle „deren“ (sic) „Gebiet“ (sic) streitig gemacht werden. Und in der Tat: Wenn man die Wissenschaftslandschaft mit einer Schrebergartenkolonie gleichsetzt, in der die einzelnen Parzellen den jeweiligen Einzelwissenschaften zur exklusiven Bearbeitung zugewiesen werden, dann muss es notgedrungen schwerfallen, im ökonomischen Imperialismus etwas anderes zu sehen als eine – an sich illegitime – Grenzüberschreitung, d.h. Grenzverletzung. Insofern spielt die pejorative Verwendung des Begriffs „ökonomischer Imperialismus“ nicht nur mit der „Bereichs“-Metapher, sondern sie ist selbst Ausdruck eines Revierverhaltens, das auf eine (vermeintliche) Grenzverletzung reagiert, die man sich als Besatzung, d.h. als Einmischung in fremde Angelegenheiten, verbittet.
Wie sieht demgegenüber ein konstruktives Verständnis von ökonomischem Imperialismus aus? Im folgenden wird eine Lesart vorgestellt, die das Werk Gary Beckers primär als eine intra-disziplinäre Herausforderung rekonstruiert: Mit Gary Becker ändert sich zunächst einmal das Selbstverständnis von Ökonomik, und erst aufgrund dieses radikal veränderten Selbstverständnisses wird die Möglichkeit sichtbar, dass ein ökonomischer Imperialismus anderen Disziplinen nichts weggnimmt, sondern ihnen etwas zu bieten hat. Aber mehr noch: Bei der Veränderung des Selbstverständnisses von Ökonomik spielt der ökonomische Imperialismus eine wichtige Rolle. Er hat also – was oft übersehen wird – nicht nur eine Außenwirkung, sondern auch eine Binnenwirkung. Er betrifft nicht nur die „benachbarten“ Disziplinen, sondern er hat eine Bedeutung auch – und sogar vor allem – für die eigene, d.h. ökonomische, Disziplin. In Anspielung auf die Einleitungsmotti und als These formuliert: Eine sinnvolle Lösung für das |72|Problem der Inter-Disziplinarität lässt sich erst dann entwickeln, wenn man die intra-disziplinäre Transformation der traditionellen Wirtschaftswissenschaft zum ökonomischen Ansatz angemessen in Rechnung stellt.
1. Die Entwicklung des Forschungsprogramms zum ökonomischen Ansatz
Nicht nur die Begründung der Nobelpreisverleihung durch die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften, auch die beiden Laudationes geben einen Überblick über das Werk Gary Beckers. Alle drei Überblicke weisen die Gemeinsamkeit auf, dass sie primär chronologisch vorgehen und die einzelnen Anwendungs-„Bereiche“ vorstellen, auf denen Becker – oft wegweisend – gearbeitet hat. Hierzu zählen – in der Preisbegründung und in der Laudatio von Rosen (1993) – die Humankapitaltheorie, die Familienökonomik sowie die ökonomischen Theorien der Kriminalität und der Diskriminierung, während in der Laudatio von Sandmo (1993) noch zusätzlich Beckers Arbeiten zur Zeitallokation, zur sozialen Interaktion und zur Theorie der Politik genannt werden.
Demgegenüber ist die folgende Rekonstruktion des Becker-Ansatzes nicht in erster Linie thematisch, sondern systematisch orientiert. Dass sie zur Chronologie weitgehend parallel verläuft, ist ein Reflex des Umstands, dass Becker seine Arbeiten strikt an Problemen ausgerichtet hat, so dass es der Zusammenhang der Probleme ist – und die Theoriestrategie ihrer Bearbeitung –, von der die Entwicklung seines Forschungsprogramms ihre Kohärenz bezieht. Als These formuliert: Die Entwicklungslogik des Forschungsprogramms gelangt erst dann ins Blickfeld, wenn man nicht nach den Bereichen, sondern nach den Problemen fragt, auf die Becker seinen ökonomischen Ansatz anwendet – präziser: aus deren Bearbeitung Beckers ökonomischer Ansatz allererst hervorgeht und allmählich jene Gestalt gewinnt, in der er heute als primär intra-disziplinäre Herausforderung der traditionellen Ökonomik und als erst sekundär inter-disziplinäre Herausforderung der Sozialwissenschaften vorliegt.
(1) Mitte der 1950er Jahre sieht sich Becker mit einer wirtschaftswissenschaftlichen Preistheorie konfrontiert, die streng trennt zwischen Haushalten und Firmen und damit auf einer kategorialen Unterscheidung von Konsum und Produktion beruht.[96] In dieser Theorie sind alle Akteure eingebettet in Märkte. Innerhalb eines Sektors stehen sie in Wettbewerbsverhältnissen zueinander, zwischen Sektoren stehen sie in Tauschverhältnissen. Die Haushalte bedienen den Firmensektor mit Arbeit und Kapital, und die Firmen bedienen den Haushaltssektor mit Gütern und Dienstleistungen (Abbildung 1).
In diesem Modell leiten sich die Preise auf den Faktormärkten letzten Endes von den Preisen auf den Gütermärkten her. Insofern sorgen die Märkte für einen komplexen Nexus zwischen den volkswirtschaftlich verfügbaren Ressourcen einerseits und den individuellen Bedürfnissen andererseits. Oder noch einfacher |73|ausgedrückt: Die Produktion dient – einzig und allein – dem Konsum. Von daher kommt der Güternachfrage eine zentrale Stellung zu.
Abbildung 1:
Produktion und Konsum in der ökonomischen Standardtheorie
Diese Güternachfrage wird wie folgt modelliert. Unterstellt wird ein repräsentativer Haushalt, der eine über Marktgüter (xi) definierte Nutzenfunktion (U) maximiert.
für i = 1, …, n.
Dabei hat er als Nebenbedingung zu beachten, dass er die Güter, die er konsumieren möchte, zuvor am Markt erwerben muss, hierfür aber nicht mehr Geld ausgeben kann, als er in seiner Rolle als Anbieter von Faktorleistungen einnimmt. Für jede Mengeneinheit des Marktgutes xi ist ein Preis in Höhe von pi zu entrichten. Das verfügbare Einkommen beträgt B. Mithin lautet die Budgetrestriktion:

Maximiert ein Haushalt seine Nutzenfunktion unter Berücksichtigung dieser Nebenbedingung, so lässt sich sein Optimalverhalten im Gleichgewicht durch folgende „First-Order-Condition“ kennzeichnen:

Hierbei gibt die linke Seite der Optimalbedingung die Grenzrate der Substitution an. Sie sagt aus, auf wieviel Einheiten von Gut 2 der Haushalt zu verzichten bereit ist, um eine zusätzliche Einheit von Gut 1 zu kaufen. Die rechte Seite der Optimalbedingung hingegen gibt die Grenzrate der Transformation an. Sie sagt aus, auf wieviel Einheiten von Gut 2 er tatsächlich verzichten muss, wenn er am Markt eine zusätzliche Einheit von Gut 1 kaufen will. Insofern thematisieren beide Seiten der Gleichung einen Tradeoff zwischen den beiden Marktgütern x1 und x2: In bezug auf diesen Tradeoff spiegelt die linke Seite das subjektive Wollen, die rechte Seite das – marktvermittelte – objektive Können des Haushalts wider.
Graphisch ergibt sich das optimale Verhaltensgleichgewicht als Tangentialpunkt zwischen einer Indifferenzkurve (U) und einer Budgetgerade (B) (Abbildung 2a). Hierbei wird die Grenzrate der Substitution, d.h. das subjektiv gewünschte Tauschverhältnis, durch die Steigung der Indifferenzkurve repräsentiert, |74|die Grenzrate der Transformation hingegen, d.h. das objektiv gegebene Tauschverhältnis, durch die Steigung der Budgetgerade. Aus diesem Modell lassen sich zwei grundlegende Aussagen analytisch herleiten: erstens die Aussage, dass „normale“ Marktgüter einen positiven Einkommenseffekt aufweisen, d.h. dass sie beide vermehrt nachgefragt werden, wenn – bei Konstanz des relativen Preisverhältnisses – die Budgetrestriktion gelockert wird, und zweitens die Aussage, dass Marktgüter denknotwendig einen negativen Preiseffekt aufweisen, d.h. dass sie weniger nachgefragt werden, wenn – bei Konstanz des Realeinkommens – ihr relativer Preis steigt. In Abbildung 2b ist ein reiner Einkommenseffekt eingezeichnet, was durch die parallele Verschiebung der Budgetgerade nach außen zum Ausdruck kommt. In Abbildung 2c hingegen ist ein reiner Preiseffekt eingezeichnet. Hier erfolgt eine Drehung der Budgetgerade, deren Steigung – gemäß Gleichung (3) – durch das relative Preisverhältnis bestimmt wird. Die Folge ist, dass vom relativ verbilligten Gut x1 mehr, vom relativ verteuerten Gut x2 hingegen weniger nachgefragt wird.
Abbildung 2:
Gleichgewicht, positiver Einkommenseffekt und negativer Substitutionseffekt einer einkommenskompensierten Preisänderung
(2) Es ist dieses grundlegende Modell, das Becker mit seinem Forschungsprogramm elaboriert: Der ökonomische Imperialismus beruht auf der Radikalisierung der „wirtschafts“-wissenschaftlichen Preistheorie zum ökonomischen Ansatz. Diese Radikalisierung erfolgt in mehreren Stufen.
Die erste Stufe bildet seine Theorie der Diskriminierung.[97] Becker untersucht, mit welchen Konsequenzen zu rechnen ist, wenn in der Wirtschaft nicht nur Präferenzen für Güter und Dienstleistungen, sondern auch Präferenzen hinsichtlich der persönlichen Eigenschaften von Tauschpartnern eine Rolle spielen. Insbesondere geht er der Frage nach, von welchen Umständen es abhängt, ob Märkte einen bestehenden Hang zur Diskriminierung entkräften oder verstärken. Der empirische Befund, der aus diesen Untersuchungen hervorgeht, nämlich dass z.B. Frauen oder Schwarze regelmäßig schlechter bezahlt werden als Männer bzw. Weiße, führt Becker zu der Folgefrage, ob diese Lohndifferenzen notwendig |75|auf Diskriminierung zurückzuführen sind oder ob nicht auch andere Faktoren hierfür verantwortlich sein könnten. Diese Frage leitet die zweite Entwicklungsstufe ein: die Formulierung der Humankapitaltheorie.[98] Sie geht davon aus, dass Kapital nicht nur – in der Form von Sachkapital – in Firmen eingesetzt wird, sondern dass auch der Produktionsfaktor Arbeit Kapitaleigenschaften aufweist, die es als gerechtfertigt erscheinen lassen, von Humankapital und folglich von Bildungs- und Ausbildungsinvestitionen in Humankapital zu sprechen, denen vergleichbare Renditekalküle zugrundeliegen wie Investitionen in Sachkapital. Lohndifferenzen können demnach auf unterschiedlich hohe Investitionen in Humankapital zurückgeführt werden.[99]
Diese beiden ersten Entwicklungsstufen weisen eine Gemeinsamkeit auf. In beiden Fällen handelt es sich weitgehend um bloße Anwendungen eines bereits vorfindlichen analytischen Instrumentariums auf neue Probleme. Die erste Anwendung macht sich das etablierte Modell rationalen Individualverhaltens zunutze, indem sie lediglich die Nutzenfunktion leicht variiert und nun eine reichhaltigere Klasse von Präferenzen berücksichtigt. Die zweite Anwendung macht sich das Modell rationaler Produktion zunutze, indem sie das Konzept des Investitionskalküls von der Sphäre der Firma auf die Sphäre des Haushalts überträgt. Beide Anwendungen ‚spielen‘ also gewissermaßen mit den Kategorien der traditionellen Preistheorie, und beide Anwendungen sind hierin außerordentlich erfolgreich.
(3) Zunächst erfolglos hingegen ist die dritte Stufe in der Entwicklung des Forschungsprogramms: Becker (1960, 1982) versucht, das Haushaltsmodell auf generatives Verhalten anzuwenden. Hierzu unterstellt er eine Präferenz für Kinder. Die zugrundeliegende Idee ist, Aussagen darüber abzuleiten, wie sich Veränderungen des individuellen Möglichkeitenraums auf das optimale Haushaltsgleichgewicht auswirken müssten. Es geht Becker also darum, generatives Verhalten auf Preis- und Einkommenseffekte hin zu untersuchen. Dieser Versuch stößt jedoch auf eine unerwartete Schwierigkeit. Er führt nämlich zu folgender Anomalie: Während des 20. Jahrhunderts sind die Einkommen der US-Haushalte drastisch angestiegen. Da es keinen Grund zu der Vermutung gibt, dass Kinder inferiore Güter sind, müsste für sie daher – wie für andere „normale“ Güter auch – eigentlich ein positiver Einkommeneffekt erwartet werden. Demgegenüber lässt sich jedoch empirisch beobachten, dass die Kinderzahl nicht gestiegen, sondern drastisch gesunken ist. Becker ist also mit der Anomalie eines negativen Einkommenseffekts konfrontiert. Familieneinkommen und Familiengröße verhalten sich der Tendenz nach nicht proportional, sondern umgekehrt proportional zueinander.
Durch diese Anomalie sieht sich Becker vor folgende Entscheidung gestellt: Entweder muss er den Anspruch aufgeben, dass der ökonomische Ansatz zur Analyse generativen Verhaltens prinzipiell anwendbar ist, oder er muss den ökonomischen |76|Ansatz so umformulieren, dass die Anomalie erklärt wird. Die erste Alternative ist nicht sonderlich fruchtbar. Sie führt ad hoc eine Einschränkung des preistheoretischen Anwendungsbereichs ein, für die die Preistheorie selbst keine Hinweise liefert. Damit bricht sie einen theoretischen Lernprozess ab, aus dem möglicherweise etwas über die Grenzen der Preistheorie in Erfahrung gebracht werden könnte. Becker entscheidet sich also für die zweite Alternative, und hier muss er nun zwischen verschiedenen theoriestrategischen Optionen wählen.
Bereits in seinem Aufsatz aus dem Jahre 1960 skizziert Becker verschiedene Möglichkeiten, wie man mit der Anomalie umgehen könnte. Erstens könnte man eine positive Korrelation zwischen Einkommen und Verhütungswissen annehmen. Zweitens könnte man annehmen, Kinder seien nicht „normale“, sondern inferiore Güter. Und drittens könnte man die Annahme stabiler Präferenzen aufgeben und statt dessen unterstellen, dass die Präferenzen für Kinder systematisch mit dem Einkommen variieren. Eine andere, vierte, Möglichkeit, auf die Anomalie zu reagieren, beruht auf der Idee, zwischen Qualität und Quantität von Kindern zu unterscheiden. Dabei wird die Qualität eines Kindes durch die Kosten gemessen, die seine Eltern für Ernährung, Kleidung, Erziehung und Ausbildung in Kauf nehmen. In diesem speziellen Sinne werden teurere Kinder als Kinder höherer Qualität aufgefasst. Becker hält es für möglich, dass ein säkularer Anstieg dieser Kosten den in Wahrheit positiven Einkommenseffekt überdeckt haben könnte, und er weist darauf hin, dass als relevante Kosten nicht nur Geldausgaben, sondern auch „die für Kinder aufgewendete Zeit und Anstrengung zu veranschlagen sind“[100].
Sämtliche Vorschläge sind zum Zeitpunkt der Publikation ad hoc. Trotzdem differenziert Becker: An einem arbeitet er weiter, an den anderen nicht. In den folgenden Jahren bemüht er sich, sowohl die Unterscheidung zwischen der Qualität und Quantität von Kindern als auch das zunächst nur intuitive Kostenargument von ihrem Ad-hoc-Charakter zu befreien.
Es ist diese Anomalie eines scheinbar negativen Einkommenseffekts, d.h. gerade die Erfolglosigkeit einer bloßen Anwendung des vorfindlichen analytischen Instrumentariums, die Becker dazu führt, die Kategorien der Preistheorie noch radikaler umzustellen. Die Verarbeitung der Anomalie erfolgt schrittweise, in einem mehr als 10jährigen Prozess, so dass die einzelnen Verarbeitungsschritte die weiteren Entwicklungsstufen des Forschungsprogramms markieren, in dessen Verlauf der ökonomische Ansatz Gary Beckers allererst konstituiert wird. Anders gesagt: Erst durch die mit der Anomalie des negativen Einkommenseffekts auftretende Problemstellung wird aus den Forschungsarbeiten Gary Beckers ein Forschungsprogramm.
(4) Der erste Schritt zur Verarbeitung der Anomalie besteht in einer Selbstvergewisserung. Becker versucht, sich Klarheit darüber zu verschaffen, inwiefern es überhaupt statthaft sein kann, die Familiengröße als Ergebnis einer rationalen Entscheidung aufzufassen. Zu diesem Zweck geht er der sehr viel allgemeiner gestellten Frage nach, welcher methodische Stellenwert der Rationalitätsannahme im Rahmen der Preistheorie zukommt: Inwiefern ist die Rationalitätsannahme |77|konstitutiv zur Herleitung der Einkommens- und Preiseffekte, mit denen die Ökonomik menschliches Verhalten zu erklären versucht?
Zur Beantwortung dieser Frage entwirft Becker ein Modell irrationalen Verhaltens[101], das zu den gleichen Verhaltensmustern führt, die im allgemeinen aus Modellen rationalen Verhaltens abgeleitet werden – sofern nur der irrationale Akteur in seinen Handlungsmöglichkeiten durch Restriktionen beschränkt wird: Unterstellt man, dass ein Akteur die für ein rationales Verhalten typischen Tradeoff-Überlegungen nicht anstellt und sich statt dessen zwischen den relevanten Verhaltensalternativen völlig zufällig entscheidet, so lässt sich der Erwartungswert für ein solches Verhaltensmuster durch den Mittelpunkt der jeweiligen Budgetgerade repräsentieren (Abbildung 3a). Dass eine Verschiebung der Budgetgerade nach außen zu positiven Einkommenseffekten führt (Abbildung 3b), ist trivial. Nicht trivial hingegen ist, dass sich auch die negativen Substitutionseffekte einer einkommenskompensierten Preisänderung einstellen, die üblicherweise nur bei rationalem Verhalten erwartet werden (Abbildung 3c): Erhöht man, ausgehend vom ursprünglichen Gleichgewicht G0, den Preis des Gutes x2 und hält das Realeinkommen des irrationalen Akteurs konstant, so verläuft seine neue Budgetgerade durch G0. Als neuer Erwartungswert ergibt sich jedoch G1. Mit Bezug auf das Gesetz der großen Zahl ist somit bereits für den einzelnen Akteur, erst recht aber für das Aggregat einzelner Akteure zu erwarten, dass das verteuerte Gut x2 zugunsten des relativ verbilligten Gutes x1 substitutiert wird. Die individuelle und erst recht die marktlich aggregierte Nachfragekurve sind somit negativ geneigt.
Mit diesem Modell gelingt es Becker, die Standardergebnisse der traditionellen Preistheorie herzuleiten, ohne auf die Standardannahmen zurückgreifen zu müssen. Positive Einkommens- und negative Preiseffekte erweisen sich somit als eine Folge von Knappheit, nicht jedoch als Folge von Rationalität, da sie auch aus irrationalem Verhalten resultieren.
Diese Überlegungen führen zu einer neuartigen Rechtfertigung der Rationalitätsannahme, deren methodischer Status dadurch radikal geändert wird. Für Gary Becker ist Rationalität nicht länger eine quasi naturalistische Annahme über die Qualität der Bewusstseinsprozesse, die sich in den Köpfen von Akteuren abspielen. Statt dessen ist für ihn die Rationalitätsannahme ein Kunstgriff zur Komplexitätsreduktion: Die Annahme, Menschen verhielten sich so, als ob sie rational seien, ist ein analytisch leistungsfähiges Instrument, um im Wege einer mikrofundierten Makroanalyse von gesamtwirtschaftlichen Daten-Änderungen via Individual-Modell auf gesamtwirtschaftliche Raten-Änderungen zu schließen. Aus dieser Perspektive ist die Rationalitätsannahme nicht länger eine Rationalitätshypothese. Sie formuliert keine empirische Aussage, sondern sie ist ein theoretisches, d.h. prä-empirisches, Konstrukt, mit dessen Hilfe sich empirische Aussagen analytisch herleiten lassen. Das Ergebnis dieser kategorialen Umstellung lässt sich in der wissenschaftstheoretischen Terminologie von Imre Lakatos wie folgt ausdrücken: Mit Gary Becker wandert die Rationalitätsannahme von |78|der falsifizierbaren Peripherie, dem „Schutzgürtel“, in den nicht-falsifizierbaren – „kritikimmunen“ – Kern des ökonomischen Forschungsprogramms.[102]
Abbildung 3:
Gleichgewicht, positiver Einkommenseffekt und negativer Substitutionseffekt in Beckers Modell irrationalen Verhaltens
Beckers Konzept einer Als-Ob-Rationalität lässt etwaige Zweifel an der Zulässigkeit einer familienökonomischen Vorgehensweise obsolet werden. Ob dem generativen Verhalten bewusste, halb-bewusste oder unbewusste Entscheidungen zugrundeliegen, ob es emotional oder traditional bestimmt wird usw., kann offen bleiben. Der ökonomische Ansatz Gary Beckers unterstellt lediglich, dass der für die Analyse generativen Verhaltens repräsentative Haushalt sich so verhält, als ob er (s)eine Nutzenfunktion rational maximierte.[103] Die Annahme, dass familiale Entscheidungen rational getroffen werden, ist hier nicht mehr als ein analytisch bequemes Instrument, um Implikationen der Knappheitsannahme – genauer: um Implikationen der empirischen Knappheitshypothese – herzuleiten.
(5) Der zweite Schritt zur Verarbeitung der Anomalie besteht in einer weiteren kategorialen Umstellung. Während die traditionelle Preistheorie mit einer strikten Trennung zwischen Firma und Haushalt operiert, nimmt Becker hier eine theoretische Integration vor. Er überträgt das firmentheoretische Konzept der Produktionsfunktion auf die Haushaltstheorie. Die Einführung des Konzepts einer Haushaltsproduktionsfunktion hat sich nicht nur als äußerst fruchtbar erwiesen, mit ihr verbindet sich auch folgende Pointe:
Bis heute entzündet sich immer wieder Unmut an der Terminologie, die Becker verwendet. Dies gilt bereits für den Begriff „Humankapital“. Es gilt in noch stärkerem Maße für den – in der Tat missverständlichen – Qualitätsbegriff.[104] Den größten Unmut dürfte jedoch hervorgerufen haben, dass Beckers ursprüngliche |79|Fassung der Theorie generativen Verhaltens Kinder in Analogie zu langlebigen Konsumgütern analysiert: Sie kosten Geld und stiften Nutzen. Es sollte jedoch nicht übersehen werden, dass Becker selbst mit dieser Konzeptualisierung nicht ganz zufrieden war. Er macht daher schon in seinem Aufsatz aus dem Jahr 1960 auf wichtige Unterschiede aufmerksam: „Jede Familie muss ihre eigenen Kinder produzieren, da Kinder nicht am Markt gekauft und verkauft werden können.“[105]
Exakt dieser Gedanke markiert den Übergang zur Haushaltsproduktionsfunktion. In diesem Ansatz werden Kinder nicht länger wie Marktgüter analysiert. Vielmehr verhält es sich genau umgekehrt. Die Güter, die Nutzen stiften, werden analytisch wie Kinder behandelt: Zielgüter müssen vom Haushalt selbst produziert werden, bevor sie Nutzen stiften können. Hier liegt also nicht, wie vielfach befürchtet, eine ökonomistische Enthumanisierung des Fertilitätsverhaltens vor, sondern gerade umgekehrt eine generelle Humanisierung des Ökonomischen, und zwar dadurch, dass jegliches menschliche Verhalten nunmehr nach dem Muster des Fertilitätsverhaltens interpretiert wird.
Formal kommt diese kategoriale Umstellung darin zum Ausdruck, dass die Nutzenfunktion (U) nicht mehr über Marktgüter (xi), sondern über Zielgüter (Zj) – die sog. ‚basic commodities‘ – definiert wird:
für j = 1, …, m.
Für jedes Zielgut wird eine Haushaltsproduktionsfunktion definiert. Sie gibt an, mit Hilfe welchen Ressourceneinsatzes die Zielgüter produziert werden.
für j = 1, …, m und i = 1, …, n.
Typischerweise gehen in die Haushaltsproduktion verschiedene Marktgüter (xi) ein. Im Unterschied zur traditionellen Preistheorie stiften sie also nicht direkt Nutzen, sondern müssen zum Zweck der Nutzenproduktion allererst kombiniert werden. Diese Kombination hängt vom Stand des Wissens (W) ab, d.h. von der Konsumtechnologie, über die ein Haushalt verfügt. – Im Becker-Ansatz unterliegt der Haushalt daher mindestens zwei Restriktionen: einer monetären Budgetrestriktion, die bestimmt, wieviel Marktgüter maximal eingekauft werden können, und einer technologischen Restriktion, die bestimmt, wie Marktgüter in Zielgüter transformiert werden können. Unter vereinfachenden Annahmen lassen sich diese beiden Restriktionen zu einer einzigen Restriktion zusammenfassen, indem die Technologiebedingung in die Budgetrestriktion eingesetzt wird.[106] Man erhält:

Hierbei geben die Inputkoeffizienten bij an, wieviel Einheiten des Marktgutes i eingesetzt werden müssen, um eine Mengeneinheit des Zielgutes j zu produzieren. Der in Klammern gesetzte Ausdruck gibt die Faktorkosten einer Zielguteinheit |80|an. Diese Faktorkosten ergeben sich aus der Summe der mit Marktgüterpreisen bewerteten Inputkoeffizienten. Im Becker-Ansatz werden diese Faktorkosten als Schattenpreis (Sj) des Zielgutes j interpretiert:

Mit Hilfe dieses Schattenpreises lässt sich die neue Restriktion umschreiben. Statt Gleichung (6) erhält man:

Diese Budgetrestriktion sagt aus, dass die Ausgabensumme für Basisgüter das verfügbare Einkommen nicht überschreiten darf. Wird die über Zielgüter definierte Nutzenfunktion unter Beachtung dieser Nebenbedingung maximiert, so lässt sich das Verhaltensgleichgewicht des Haushalts durch folgende Optimalitätsbedingung erster Ordnung kennzeichnen:

Vergleicht man die Gleichungen (1), (2) und (3) mit den Gleichungen (4), (8) und (9), so wird sofort deutlich, dass der Becker-Ansatz die formale Struktur des mathematischen Kalküls der traditionellen Preistheorie beibehält. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der Becker-Ansatz aufgrund kategorialer Umstellungen eine reichhaltigere Klasse von Restriktionen berücksichtigen kann, mit der Folge, dass nun nicht mehr lediglich die monetären Preise der Marktgüter, sondern statt dessen die allgemeiner definierten Schattenpreise der Zielgüter herangezogen werden können, um die jeweils verhaltensrelevanten Opportunitätskosten situationsadäquat – d.h. in einer dem jeweiligen Erklärungsproblem angemessenen Weise – zu bestimmen.
(6) Die Möglichkeit, durch die Haushaltsproduktionsfunktion mehr Restriktionen – und das heißt vor allem: andere als die rein monetären Restriktionen der traditionellen Preistheorie – in Rechnung zu stellen, kommt freilich erst mit dem dritten Schritt voll zum Tragen: der Entwicklung der Zeitallokationstheorie, die neben Geld und Wissen die – zunehmend knappe – Ressource Zeit als Einsatzfaktor der Haushaltsproduktion in Ansatz bringt.[107]
Berücksichtigt man, dass die Haushaltsproduktion Zeit erfordert, so bestimmt die Konsumtechnologie nicht nur, wie sich Marktgüter in Zielgüter transformieren lassen, sondern sie bestimmt auch, wieviel Zeit für die einzelnen Produktionsvorgänge jeweils aufgewendet werden muss. Dies schlägt sich in der Definition des Schattenpreises nieder:

|81|Der Schattenpreis Sj gibt die Faktorkosten an, die bei der Produktion einer Einheit des Zielgutes j anfallen. Diese Faktorkosten setzen sich aus zwei Komponenten zusammen, die symmetrisch aufgebaut sind. Sie enthalten jeweils einen Mengen- und einen Preisbestandteil. Die erste Komponente enthält – wie bisher – die mit den jeweiligen Marktpreisen (pi) gewichteten Inputkoeffizienten der Marktgüter (bij). Die zweite – zusätzliche – Komponente enthält den mit dem Zeitpreis gewichteten Zeitinputkoeffizienten (tj), wobei als Zeitpreis der Opportunitätskostensatz der Konsumzeit, d.h. der Lohnsatz (w), angesetzt wird.
Als unmittelbare Implikation dieser Konzeptualisierung folgt, dass ein gestiegener Lohnsatz den Schattenpreis jener Zielgüter überproportional ansteigen lässt, die relativ zeitintensiv produziert werden: Aus Gleichung (9) lässt sich ersehen, dass ein Anstieg von S1 relativ zu S2 einen rationalen Nutzenmaximierer veranlasst, sein Verhalten marginal dahingehend anzupassen, dass er weniger von Z1 und dafür mehr von Z2 produziert.[108]
Aus diesen Überlegungen folgt ein signifikanter Erklärungsbeitrag für das empirisch beobachtbare Fertilitätsverhalten. Interpretiert man Kinder als Zielgut Z1 und setzt Z2 für das Bündel aller übrigen Zielgüter, so kann unter der empirischen Annahme, dass das Aufziehen von Kindern: ihre Betreuung, Erziehung, Pflege usw., relativ zeitintensiver ist als der Durchschnitt der anderen Konsumaktivitäten, der empirische Befund eines negativen Einkommenseffekts in ökonomischen Kategorien erklärt werden. Er verliert damit seinen Status als Anomalie.
Die Kernidee dieser Erklärung stellt darauf ab, dass in praktisch allen entwickelten Gesellschaften der Lohnsatz für weibliche Erwerbsarbeit im Verlauf der letzten Jahrzehnte stark angestiegen ist. Hiervon gehen Einkommens- und Preiseffekte aus. Einerseits verschiebt der gestiegene Lohn die Budgetgerade parallel nach außen von B0 auf B1. Der Haushalt hat mehr Ressourcen zur Verfügung. Sein Möglichkeitenraum ist erweitert. Andererseits aber wird die Budgetgerade zusätzlich noch gedreht, und zwar von B1 nach B2 (Abbildung 4a). Ihre Steigung verläuft flacher. Da diese Steigung durch das Verhältnis der Schattenpreise bestimmt wird, repräsentiert der flachere Verlauf der Budgetgerade B2 einen Preiseffekt. Er spiegelt wider, dass mit einem steigenden Lohnsatz die Opportunitätskosten der zur Haushaltsproduktion verwendeten Zeit steigen. Die steigenden Zeitkosten verteuern jene Zielgüter (Z1), die vergleichsweise zeitintensiv produziert werden, während sie jene Zielgüter (Z2) relativ verbilligen, deren Herstellung vergleichsweise wenig Zeiteinsatz erfordert.
|82|Abbildung 4:
Beckers Auflösung der Anomalie eines negativen Einkommenseffekts
Rationalverhalten unterstellt, geht von dieser Veränderung der relativen Schattenpreise ein Substitutionseffekt zugunsten zeitsparender Aktivitäten aus. In Bezug auf das relativ teurer werdende Zielgut Z1 ist daher ein negativer Preiseffekt zu konstatieren, der den positiven (sic) Einkommenseffekt teilweise kompensiert (Abbildung 4b) oder sogar überkompensiert (Abbildung 4c).
Die sinkende Geburten-Rate lässt sich also als eine rationale Reaktion auf gesellschaftliche Daten-Änderungen rekonstruieren. Ausgelegt in den Kategorien des Becker-Ansatzes, verliert der empirische Befund einer negativen Korrelation von Familiengröße und Familieneinkommen seinen anomalen Charakter. Die Berücksichtigung nicht nur monetärer, sondern auch nicht-monetärer Restriktionen verändert nämlich die theoretischen Zurechnungsmodalitäten: Sie entbindet davon, den empirischen Befund ausschließlich, d.h. undifferenziert, auf das monetäre Einkommen zurechnen zu müssen. Statt dessen erlaubt sie eine differenziertere Zurechnung auf das monetäre (volle) Einkommen und auf die – auch nicht-monetäre Bestimmungsfaktoren umfassenden – Schattenpreise: Die Anomalie des negativen Einkommenseffekts ist das Resultat eines inadäquat verengten Kategoriensystems. Beckers Erweiterung dieses Systems durch Umstellung der preistheoretischen Kategorien löst die Anomalie auf. Das Zurechnungsproblem wird durch Umrechnung gelöst.
(7) Die vollständige Verarbeitung der Anomalie erfolgt jedoch erst durch einen vierten und letzten Schritt, der auf die bereits entwickelte Humankapitaltheorie zurückgreift.[109] Wiederum wird der Nutzen, den Kinder stiften, als Zielgut aufgefasst. Zusätzlich wird nun jedoch berücksichtigt, dass dieser Kindernutzen (Z1) nicht nur von der Zahl der Kinder (N) abhängt, sondern auch von dem Humankapital (H), mit dem Kinder ausgestattet werden. Unter vereinfachenden Annahmen lässt sich entsprechende Produktionsfunktion schreiben als

Im Modell sind nun drei Schattenpreise zu unterscheiden: zum einen der Schattenpreis des Zielgutes, zum anderen die Schattenpreise für die beiden Bestandteile |83|des Zielgutes. Der Schattenpreis für das Zielgut „Kindernutzen“ betrage S1. Hieraus errechnet sich der Schattenpreis SN für die Quantität von Kindern als

Die Kosten eines zusätzlichen Kindes, gemessen durch SN, sind proportional zur Humankapitalausstattung pro Kind. Analog errechnet sich der Schattenpreis SH für die Qualität von Kindern als

SH misst die Kosten, die entstehen, wenn die durchschnittliche Humankapitalausstattung pro Kind erhöht wird. Diese Kosten sind proportional zur Anzahl der Kinder.
In diesem Modell kommt es zu einer interessanten Wechselwirkung zwischen den beiden Bestandteilen des Zielgutes „Kindernutzen“, denn der Schattenpreis für Quantität hängt ab von der Qualität, und umgekehrt hängt der Schattenpreis für Qualität von der Quantität ab. Hinter dieser multiplikativen Verknüpfung steckt folgender Sachverhalt: Die Kosten, die durch ein zusätzliches Kind entstehen, werden davon beeinflusst, wie hoch der durchschnittliche Ressourceneinsatz pro Kind ist. Wer viel in seine Kinder investiert, hat teurere Kinder als jemand, der wenig investiert. Umgekehrt werden die Kosten, die mit einer höheren Humankapitalauststattung pro Kind verbunden sind, davon beeinflusst, wie groß die Anzahl der Kinder ist. Wer viele Kinder hat, muss für einen gegebenen Qualitätsstandard vergleichsweise mehr Ressourcen einsetzen als jemand, der wenig Kinder hat. Dies betrifft übrigens materielle und immaterielle Ressourcen gleichermaßen. Wer jedem seiner Kinder eine bessere Erziehung oder – via (Aus-)Bildung – ein höheres Einkommenspotential zukommen lassen möchte oder wer jedes Kind mit einem eigenen Zimmer (einem eigenen Fahrrad, Fernseher, Computer usw.) ausstatten möchte, hat bei drei Kindern höhere Kosten auf sich zu nehmen als bei zwei Kindern.
Betrachtet man das Verhältnis der Schattenpreise für Quantität und Qualität

so zeigt sich eine zweite Variante zur Verarbeitung der Anomalie des negativen Einkommenseffekts. Während die erste Variante, im Rahmen der Zeitallokationstheorie, darauf abstellt, dass sich mit steigendem Einkommen auch die Schattenpreise der Zielgüter verändert haben, kann die zweite Variante die Anomalie sogar unter der Annahme auflösen, dass die Schattenpreise der Zielgüter konstant bleiben. Selbst wenn der Kindernutzen Z1 an sich nicht teurer wird, kann ein positiver Einkommenseffekt eine rationale Anpassung zu Lasten der Familiengröße auslösen, wenn die Einkommenselastizität der Qualität größer ist als die Einkommenselastizität der Quantität. Steigt H mit steigendem Einkommen stärker an als N, so nimmt nach Gleichung (14) auch das Verhältnis der Schattenpreise einen höheren Wert an. Quantität wird relativ teurer, so dass eine Substitution von Quantität durch Qualität ausgelöst wird. Rationalverhalten unterstellt, passt |84|sich der repräsentative Haushalt – und folglich das Aggregat aller Haushalte – dahingehend an, dass die Anzahl der Kinder reduziert und zugleich die Investition pro Kind erhöht wird.
Auch hier erfolgt die Auflösung der Anomalie durch eine kategoriale Umstellung. Während bei der ersten Variante die Zeit als eine zusätzliche Restriktion berücksichtigt wird, erhöht die zweite Variante das ökonomische Erklärungspotential dadurch, dass in einer differenzierteren Weise berücksichtigt wird, dass Kinder nicht nur durch ihre bloße Existenz, sondern auch durch ihre (erwarteten) Eigenschaften Nutzen stiften. Für beide Varianten ist daher das Konzept der Haushaltsproduktionsfunktion gleichermaßen konstitutiv. Zusammen mit dem Konzept der Als-Ob-Rationalität bildet es den analytischen Rahmen, in dem Beckers ursprüngliche Intuitionen zur Absorption der Anomalie des negativen Einkommenseffekts systematisch ausgearbeitet worden sind.
2. Ökonomischer Ansatz und ökonomischer Imperialismus
Die bisherige Rekonstruktion hat zu zeigen versucht, wie sich Gary Beckers Forschungsarbeiten von 1960 bis 1973 entwickelt haben: wie sie von einem familienökonomischen Erklärungsnotstand ausgehen und dann schrittweise im Kategoriensystem der traditionellen Preistheorie Umstellungen vornehmen. Der Gedanke, dass es sich bei der solchermaßen modifizierten Preistheorie um einen allgemeinen Ansatz zur ökonomischen Analyse menschlichen Verhaltens handeln könnte, hat sich bei Gary Becker – eigenem Bekunden zufolge[110] – erst Mitte der 1970er Jahre eingestellt.[111] Nur in bezug auf dieses Forschungsprogramm wird verständlich, dass Gary Beckers ökonomischer Ansatz nicht einfach den Anwendungs-„Bereich“ einer traditionell verstandenen „Wirtschafts“-Wissenschaft ausdehnt, sondern eine Radikalisierung der Preistheorie vornimmt, die das traditionelle Verständnis von Wirtschaftswissenschaft geradezu revolutioniert. Innerhalb dieses Forschungsprogramms spielt der ökonomische Imperialismus eine wichtige Rolle. Als These formuliert: Der ökonomische Imperialismus ist kein Akzidens des ökonomischen Ansatzes, sondern ein Ingrediens; er ist keine inhaltliche Zugabe, sondern ein substantieller Bestandteil der Forschungsmethode. Nicht seine Außenwirkung, sondern seine Binnenwirkung ist von primärer Wichtigkeit.
(1) Das Forschungsprogramm Gary Beckers kann man zu dem Satz verdichten, dass sich menschliches Verhalten an Kosten orientiert. Diese Kosten werden in den Kategorien von Preis- und Einkommenseffekten ausgelegt, die sowohl monetären als auch nicht-monetären Restriktionen Rechnung tragen. Die positive Heuristik des ökonomischen Ansatzes schreibt vor, individuelle Verhaltensänderungen auf Restriktionenänderungen – und nur auf solche Restriktionenänderungen – zuzurechnen. Dieser Programmatik entspricht eine negative Heuristik, die angibt, worauf nicht zugerechnet werden soll, wenn sich der ökonomische Ansatz mit hartnäckigen Erklärungsproblemen konfrontiert sieht.
|85|Das theoriestrategische Problem, das durch diese Methodologie gelöst werden soll, lässt sich mit Hilfe von Abbildung 5 veranschaulichen. Eingerahmt ist das ökonomische Verhaltensmodell. In ihm werden individuelle Verhaltensänderungen ∆V rekonstruiert als eine rationale Anpassung an Restriktionenänderungen ∆R bei konstanten Präferenzen (Pconst.). Eingezeichnet sind vier theoriestrategische Optionen, wie mit diesem Modell im Fall eines Erklärungsnotstands umgegangen werden kann.
Die erste mögliche Reaktion besteht darin, die ökonomische Modell-Logik zu durchbrechen, indem die Annahme rationalen Verhaltens in Frage gestellt wird. Die zweite mögliche Reaktion besteht darin, die ökonomische Modell-Logik aufzuweichen, indem die Annahme konstanter Präferenzen in Frage gestellt wird. Die dritte mögliche Reaktion besteht darin, die ökonomische Modell-Logik zu immunisieren, indem die Annahme, das ökonomische Modell sei zur Erklärung menschlichen Verhaltens universell anwendbar, in Frage gestellt wird. Die vierte mögliche Reaktion schließlich besteht darin, die ökonomische Modell-Logik intakt zu lassen und – der positiven Heuristik folgend – solche Restriktionenänderungen ausfindig zu machen, die es erlauben, die (scheinbare) Verhaltensanomalie als rationale Anpassungsreaktion an einen veränderten Möglichkeitenraum zu rekonstruieren.[112]
Abbildung 5:
Beckers Theoriestrategie
Der ökonomische Ansatz Gary Beckers beruht nicht auf der empirischen Aussage, dass Menschen rational „sind“. Er beruht nicht auf der empirischen Aussage, dass die Präferenzen der Menschen konstant „sind“. Und er beruht auch nicht auf der empirischen Aussage, dass alle menschlichen Verhaltensweisen ökonomisch erklärbar „sind“. Wohl aber beruht der ökonomische Ansatz Gary Beckers auf der Aussage, dass es theoretisch fruchtbarer ist, die der jeweiligen Verhaltensanomalie zugrundeliegende Modellierung des situativen Möglichkeitenraums zu problematisieren, anstatt die Rationalitätsannahme oder die Annahme konstanter Präferenzen oder die Annahme einer – zwar problemspezifischen, aber – (bereichs-)universalen Anwendbarkeit des ökonomischen Ansatzes auf menschliches |86|Verhalten zur Disposition zu stellen, und in der Tat liefern seine im 1. Abschnitt rekonstruierten Forschungsarbeiten den besten Beleg für den empirischen Gehalt dieser methodologischen Aussage: Das Konzept der Zeitkosten musste ja allererst erfunden und ausgearbeitet werden, ebenso wie das Konzept einer Substitution zwischen Qualität und Quantität sowie das Konzept einer Haushaltsproduktionsfunktion, das für die beiden ersten Konzepte den analytischen Rahmen liefert. Hier wurde die Ökonomik weiterentwickelt. Was hätte man demgegenüber aus einer Durchbrechung, Aufweichung oder Immunisierung der ökonomischen Modell-Logik gelernt?
Die Entscheidung zwischen den skizzierten theoriestrategischen Optionen ist also nicht dogmatisch, sondern heuristisch zu verstehen. Sie orientiert sich rein am Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit. Es geht einfach darum, wie man am besten aus Fehlern lernen kann: Welches Verfahren ist vergleichsweise eher geeignet, theoretische Lernprozesse anzuleiten?
Das methodologische Argument zugunsten des Rationalitätsprinzips ist ein Argument zugunsten theoretischen Lernens.[113] Auf einem Argument zugunsten theoretischen Lernens beruht aber auch – in strikter Analogie – die methodische Anweisung, von konstanten Präferenzen und einer universalen Anwendbarkeit des ökonomischen Ansatzes auszugehen. Insofern ist der ökonomische Imperialismus keine Anmaßung im Sinne einer inhaltlichen Übertreibung, er ist kein Zeichen von Größenwahn oder intellektueller Unbescheidenheit, sondern er ist ein integraler Bestandteil der negativen Heuristik des ökonomischen Forschungsprogramms. Er beugt dem unproduktiven Abbruch ökonomischer Erklärungsversuche vor und zwingt dazu, etwaige Verhaltensanomalien auch jenseits eines i.e.S. wirtschaftlichen „Bereichs“ ernstzunehmen.
(2) Der ökonomische Ansatz Gary Beckers reduziert die Freiheitsgrade im Umgang mit dem ökonomischen Modell, aber er erhöht die Freiheitsgrade im Modell. Dies verändert die ökonomischen Zurechnungsmodalitäten, mit gravierenden |87|Auswirkungen auf die theoretischen Lernprozesse, d.h. auf das Fortschrittsmuster ökonomischer Erklärungen.
Die traditionelle Preistheorie rechnet nur mit monetären Kosten, und die hierfür relevanten Restriktionen sind leicht beobachtbar. Marktgüter, Marktpreise, Markteinkommen sind empirische, quantifizierbare Größen, die relativ exakt gemessen werden können. Aber gerade diese Eigenschaft restringiert die traditionelle Preistheorie, denn sie kann auftretende Anomalien nur im Wege einer Korrektur von Messfehlern verarbeiten.
In exakt dieser Hinsicht sorgt der Becker-Ansatz für zusätzliche Freiheitsgrade. An die Stelle objektiv messbarer monetärer Kosten treten subjektive Opportunitätskosten, die allenfalls geschätzt werden können. Becker nimmt so lange kategoriale Umstellungen vor, bis ihm schließlich eine Modellierung gelingt, in der man mit Opportunitätskosten wie mit monetären Kosten rechnen kann. Dies zieht die Konsequenz nach sich, dass auftretende Anomalien im Wege verbesserter Kostenschätzungen verarbeitet werden. Dem ökonomischen Ansatz Gary Beckers liegt eine Kostenheuristik zugrunde, die den Theoretiker dazu anhält, diejenigen Kosten – und sogar Kostenkategorien! – zu identifizieren, die es erlauben, beobachtbare Verhaltensmuster als rationale Reaktion auf veränderte monetäre und nicht-monetäre Restriktionen zu rekonstruieren.[114]
(3) Damit wiederholt sich im ökonomischen Ansatz, was bereits für den ökonomischen Ansatz dargelegt wurde: Der methodische Status zentraler Theorie-Elemente ändert sich. Die ursprünglich empirischen Konzepte der traditionellen Preistheorie werden durch theoretische Konstrukte ersetzt.[115] An die Stelle von nutzenstiftenden Marktgütern treten nutzenstiftende Zielgüter, d.h. produktive Konsumaktivitäten; anstelle des Markteinkommens wird ein umfassenderes, „volles“ Einkommen, und anstelle der Marktpreise werden umfassendere „Schatten“-Preise in Ansatz gebracht. Auf diese Weise wird das traditionelle Konzept monetärer Kosten nicht einfach um ein Konzept nicht-monetärer Kosten (bereichs-)additiv ergänzt, sondern zu einem auf subjektiven Situationswahrnehmungen beruhenden Opportunitätskostenkonzept radikalisiert.
Die radikale Folge dieser Radikalisierung besteht darin, dass sogar der methodische Kernsatz: „Menschliches Verhalten orientiert sich an Kosten“ seinen methodischen Status verändert. Wären hier, wie in der traditionellen, „wirtschafts“-wissenschaftlichen Preistheorie, mit Kosten nur monetäre Kosten gemeint, so handelte es sich bei diesem Satz um eine Hypothese, deren Gültigkeit in empirischen Tests überprüft werden könnte. Seine Aussage wäre im Prinzip falsifizierbar. Im ökonomischen Ansatz sind mit Kosten jedoch Opportunitätskosten |88|gemeint. Dies verwandelt den – mathematisch formalisierten – Nutzenmaximierungskalkül in eine reine Logik: Der Satz, dass sich menschliches Verhalten an Kosten orientiert, beansprucht im Anschluss an Gary Becker nicht länger einen empirischen, sondern einen prä-empirischen Status – er enthält keine Aussage über die Realität, sondern formuliert ein Analyse-Schema, das die Generierung von Aussagen über die Realität anleitet.[116] Die Annahme kostenorientierten Verhaltens wird an die empirischen Phänomene herangetragen, ohne selbst schon empirisch gehaltvoll zu sein. Sie ist Form, nicht Inhalt.
(4) Erst vor diesem Hintergrund dürfte verständlich werden, inwiefern sich mit Beckers ökonomischem Ansatz und seinem ökonomischen Imperialismus in der Tat zunächst einmal eine intra-disziplinäre Herausforderung verbindet: Das Konzept der Haushaltsproduktionsfunktion eröffnet Freiheitsgrade für eine produktive Anomalienverarbeitung, die freilich nur dann konsequent genutzt werden können, wenn die Freiheitsgrade für einen unproduktiven Umgang mit Erklärungsnotständen verschlossen werden. Diese Schließung des Modells verändert den methodischen Status zahlreicher Theorie-Elemente. Aus ursprünglich empirischen Annahmen werden methodische Prinzipien mit teilweise apriorischem Charakter.[117] Dies gilt nicht nur für das Rationalitätsprinzip, das Prinzip konstanter Präferenzen und das Prinzip universaler Anwendbarkeit, sondern auch für das Kostenprinzip selbst und sogar noch für die Kategorien, in denen diese Kosten ausgelegt werden. Nicht nur einzelne Modell-Elemente, sondern das gesamte Verhaltensmodell wird zu einem Zurechnungs-Schema, zu einem Schema von Einkommens- und Preiseffekten. Dieses Schema wird im Rahmen einer mikrofundierten Makroanalyse wie folgt eingesetzt (Abbildung 6): Rationalverhalten unterstellt, wird für das jeweils vorliegende Erklärungsproblem eine Situationsanalyse vorgenommen, die die jeweils situationsrelevanten Ziele und Mittel spezifiziert. Modelliert wird diese Spezifikation als Maximierung einer Nutzenfunktion unter Nebenbedingungen. Aus der „First-Order-Condition“, die ein individuelles Verhaltensoptimum charakterisiert, wird auf die verhaltenskanalisierende Wirkung von gesellschaftlichen Daten-Änderungen geschlossen, die individuell als Veränderung des situativen Möglichkeitenraums wahrgenommen werden. Dieser Schluss wird dann per Aggregation hochgerechnet zu einer gesellschaftlichen Raten-Änderung.
|89|Abbildung 6:
Das Schema einer mikrofundierten Makroanalyse
Der ökonomische Ansatz ist somit nichts anderes als ein Zurechnungsverfahren. Er stellt eine analytische Verbindung her beispielsweise zwischen der Geburten-Rate und dem Lohnsatz für weibliche Erwerbsarbeit, dessen Erhöhung als gesellschaftliche Daten-Änderung verhaltenswirksam wird, oder eine Verbindung zwischen der Kriminalitäts-Rate und dem gesellschaftlichen Datum der Bestrafungswahrscheinlichkeit oder eine Verbindung zwischen der wirtschaftlichen Wachstums-Rate und den gesellschaftlichen Daten, die etwa mit dem System sozialer Sicherung verändert werden können und daher die Anreize für elterliche Investitionen in Kinder setzen (bzw. nicht setzen). Der entscheidende Punkt ist, dass innerhalb dieses Analyseverfahrens sämtliche Theorie-Elemente ihre vorgängige – lebensweltliche, phänomenologische usw. – Plausibilität verlieren. Ihre methodische Berechtigung beziehen sie denn auch nicht als empirische Aussagen, sondern als theoretische Konstrukte, die sich bei der Generierung empirischer Aussagen als zweckmäßig erweisen.[118]
Dreh- und Angelpunkt des ökonomischen Forschungsprogramms ist eine methodisch kontrollierte „pragmatische Reduktion“[119] von Komplexität: die Übersetzung von gesellschaftlichen Daten-Änderungen (Explanans) in individuelle Preis- und Einkommenseffekte, die dann auf gesellschaftliche Raten-Änderungen (Explanandum) schließen lassen. Diese Komplexitätsreduktion enthält radikale Vereinfachungen – und wird gerade dadurch voraussetzungsreich. Und genau dies sollte gezeigt werden: Der ökonomische Imperialismus ist nicht erst die Folge davon, dass der ökonomische Ansatz erfolgreich ist, sondern er ist eine Voraussetzung für diesen Erfolg. Er ist kein Ex-Post-Phänomen, sondern eine Ex-Ante-Bedingung. Der ökonomische Imperialismus erfüllt im ökonomischen Ansatz eine heuristische Funktion. Sein methodischer Sinn besteht darin, bereichsontologische Immunisierungen zu vermeiden, d.h. einen der Wege für eine unproduktive Verarbeitung von Anomalien zu versperren. Der Imperialismus der Ökonomik leistet damit – wie der Imperialismus anderer Wissenschaftsdisziplinen auch – einer größeren Systematizität Vorschub.[120]
|90|3. Ökonomischer Imperialismus und Inter-Disziplinarität
(1) Die methodologische Konsolidierung der Forschungsarbeiten Gary Beckers zum ökonomischen Ansatz – und erst recht die weitere Entwicklung dieser Forschungsarbeiten seit Mitte der 1970er Jahre – enthält Hinweise darauf, wie man sich, ausgehend vom ökonomischen Imperialismus, Inter-Disziplinarität sinnvoll vorstellen kann – und wie nicht. Nicht sinnvoll ist Interdisziplinarität als psycho-logisierende Durchbrechnung oder sozio-logisierende Aufweichung der ökonomischen Modell-Logik. Dabei ist unbestritten, dass menschliches Verhalten durch Beschränkungen der kognitiven (und emotionalen) Fähigkeiten ebenso beeinflusst wird wie durch die Erwartungshaltung der sozialen Umwelt. Strittig ist nur, inwiefern dies für ökonomische Fragestellungen jeweils relevant ist und wie diese Relevanz gegebenenfalls so berücksichtigt werden kann, dass die ökonomische Modell-Logik intakt bleibt und die analytische Leistungsfähigkeit des theoretischen Verfahrens beibehalten und sogar gesteigert werden kann.
Ein gutes Beispiel hierfür ist das bekannte Phänomen, dass Menschen sich in bestimmten Situationen anders verhalten, als es der Axiomatik des ökonomischen Modells zu entsprechen scheint. Hierauf sind mindestens vier Reaktionen möglich. Erstens kann man diese sog. Verhaltensparadoxien ignorieren, nach dem Motto: Was haben psychologische Laboruntersuchungen mit Wirtschaft zu tun? Für einen ökonomischen Imperialisten freilich scheidet diese bereichsontologische Abschirmung von vornherein aus. Die zweite Reaktion besteht darin, menschliche Denkprozesse und deren mögliche Defekte genauer zu erforschen. Eine solche Reaktion ist sicherlich sinnvoll, aber da sie einer psychologischen, kognitionswissenschaftlichen Fragestellung folgt, scheidet sie für einen ökonomischen Imperialisten aus. Er muss sich folglich für eine der verbleibenden Möglichkeiten entscheiden. Die dritte mögliche Reaktion besteht darin, die psychologischen Forschungsergebnisse zur Kenntnis zu nehmen und nach Wegen zu suchen, die ökonomische Modell-Axiomatik entsprechend anzupassen. Hierbei begegnet jedoch die Schwierigkeit, dass die damit zunehmende Komplexität im Modell die analytische Leistungsfähigkeit des Modells beeinträchtigt, nämlich die Fähigkeit, im Rahmen einer mikrofundierten Makroanalyse so zur Komplexitätsreduktion beizutragen, dass Erklärungen und sogar Prognosen möglich werden. Insofern sprechen insbesondere heuristische Gründe für die vierte Möglichkeit. Sie besteht darin, nicht die Annahme einer Nutzenmaximierung zu problematisieren, sondern die Spezifikation der Nebenbedingungen, unter denen die Maximierung des Nutzens erfolgt. Hier werden die psychologischen Forschungsergebnisse also als kognitive Restriktion in Ansatz gebracht. Gefragt wird dann nach dem rationalen Umgang mit „Irrationalität“ (im Sinne kognitiver Beschränkungen) sowie nach den institutionellen Vorkehrungen für |91|einen solchen Umgang, und dies ist eine genuin (institutionen-)ökonomische Fragestellung.[121]
(2) Die neueren Arbeiten Gary Beckers zur Weiterentwicklung der Humankapitaltheorie[122] zeigen einen Weg auf, wie die Erkenntnisse anderer Wissenschaftsdisziplinen im ökonomischen Ansatz verarbeitet werden können: Unterstellt sei eine allgemeine Haushaltsproduktionsfunktion, derzufolge ein Zielgut (Zj) durch den Einsatz von Marktgütern (xi), Zeit (Tj) und Humankapital (Hj) hergestellt wird.

Dieses Humankapital, das als Einsatzfaktor in der Produktion eines Zielgutes dessen Schattenpreis mitbestimmt, lässt sich nun weiter differenzieren in Personal- und Sozialkapital. Es sind diese beiden Kategorien, die einen geeigneten Ansatzpunkt bilden, um insbesondere psychologischen, pädagogischen, physiologischen und soziologischen Erkenntnissen über die Bestimmungsfaktoren menschlichen Verhaltens Rechnung zu tragen.
„Personalkapital“ ist der ökonomische Fachausdruck für das, was man umgangssprachlich als „Körper und Seele“ eines Menschen bezeichnet. Es handelt sich um eine Zusammenfassung von psychischem und physischem Kapital. Man könnte auch von mentalem, geistigem Kapital einerseits und Gesundheitskapital andererseits sprechen. Der entscheidende Punkt hierbei ist, dass das Personalkapital die periodischen Nutzenmaximierungsanstrengungen des modellierten Individuums intertemporal verknüpft. Auf diese Weise lässt sich ökonomisch erklären, „why, for example, the desire to smoke is greater when a person has been smoking heavily for a while, why eating corn flakes regularly for breakfast increases the future demand for this cereal, why telling lies and acting violently increases the tendency to lie and commit violence, why saving becomes habitual, even when people become old and have few years to spend their wealth, why growing up in a religious family greatly increases the likelihood that a person is religious as an adult, or why living with a wife for many years generates such strong dependencies that the husband may experience a mental and physical breakdown after she dies“[123].
In diesem Modell lässt sich berücksichtigen, dass die Vergangenheit einen Schatten auf die Zukunft wirft: Heutige Aktivitäten führen zum Abbau bzw. Aufbau von Personalkapital und bestimmen damit einen Teil der Restriktionen für zukünftige Aktivitäten, ebenso wie heutige Aktivitäten von jenem Bestand an Personalkapital auszugehen haben, der das Resultat früherer Aktivitäten ist. Aus dieser Perspektive ist der Mensch gewissermaßen ein Gefangener seiner Erfahrungen. Aber er ist kein willenloser Sklave dieser Erfahrungen, denn er kann – wenn schon nicht auf seine vergangenen, so doch – auf seine gegenwärtigen und zukünftigen Erfahrungen systematisch Einfluss nehmen. In diesem Sinn hat jeder Mensch sein Schicksal zumindest teilweise selbst in der Hand.
|92|Der Begriff „Personalkapital“ verweist darauf, dass eine Person das ist, was sie geworden ist. Da sich dieser Kapitalbestand zwar in Grenzen, nicht aber beliebig ändern lässt, kommt es zu Pfadabhängigkeiten personaler Entwicklung: „Parents have enormous influence over the experiences of their children, especially during the formative early years, and these childhood experiences can greatly influence adult … choices. For example, adults who had hard-working and caring parents tend to work harder and care more about their children than adults who had abusive parents, or parents who were addicted to drugs.“[124]
„Sozialkapital“ ist der ökonomische Ausdruck dafür, dass rationales Verhalten durch die Erwartungen der Umwelt – zwar nicht fremdbestimmt, wohl aber – zumindest mitbestimmt wird. Im Unterschied zur Kategorie des Personalkapitals steht hier nicht der inter-temporale, sondern der inter-personale Aspekt im Vordergrund: die soziale Einbettung individuellen Handelns: „Men and women want respect, recognition, prestige, acceptance, and power from their family, friends, peers, and others. Consumption and other activities have a major social component partly because they take place in public. As a result, people often choose restaurants, neighborhoods, schools, books to read, political opinions, food or leisure activities with an eye to pleasing peers and others in their social network.“[125]
Mit Hilfe der Kategorie des Sozialkapitals kann die ökonomische Modell-Logik intakt gehalten und dennoch dem Umstand Rechnung getragen werden, dass das Verhalten des einzelnen auch davon bestimmt wird, wie sich seine Umwelt verhält. Der entscheidende Punkt ist, dass dieser soziale Einfluss nun als eine Restriktion individuellen Verhaltens modelliert werden kann. Hier erfolgt also eine Umrechnung: Verhaltensphänomene, die traditionell nur auf Präferenzenänderungen zugerechnet werden konnten, lassen sich aufgrund der kategorialen Umstellungen im Becker-Ansatz nun auf Restriktionenänderungen zurechnen, und zwar unter Verwendung des herkömmlichen Schemas von Preis- und Einkommenseffekten. Während Stigler und Becker Mitte der 1970er Jahre ihre methodologische Botschaft noch auf die Formel brachten „De gustibus non est disputandum“[126], gilt nunmehr im ökonomischen Ansatz: De gustibus est disputandum.
(3) Die bisherigen Überlegungen haben zu zeigen versucht, dass gerade die imperialistisch ausgerichtete Ökonomik ein Interesse an Interdisziplinarität hat, ein Interesse daran, die für ökonomische Problemstellungen relevanten Erkenntnisse anderer Wissenschaften in ihre eigene Problembearbeitung aufzunehmen, wobei das Verfahren dieser Problembearbeitung ein genuin ökonomisches Verfahren bleibt. Interdisziplinarität kann sinnvollerweise nicht heißen, dass die Ökonomik (oder eine andere Wissenschaft) ihren Charakter als Disziplin aufgibt. |93|Der methodische Ansatz, durch den sich die Ökonomik als wissenschaftliche Disziplin konstituiert, steht nicht zur Disposition. Ganz im Gegenteil: Wenn die Aufnahme „weicher“ Faktoren theoretisch fruchtbar sein soll, bedarf es einer „harten“ Methodologie und eines „harten“ Festhaltens an dieser Methodologie.
Wie könnte man sich nun eine Interdisziplinarität vorstellen, bei der die Ökonomik nicht (nur) die Nehmende, sondern (auch) die Gebende ist? Was hat der ökonomische Imperialismus anderen Wissenschaftsdisziplinen zu bieten? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, ob die Disziplinen, deren Beziehung als Inter-Disziplinarität thematisiert wird, im Verhältnis einer Theorienkonkurrenz oder einer Theorienkooperation zueinander stehen.
Der erste Fall ist vergleichsweise trivial. Dort, wo verschiedene Wissenschaften, insbesondere Sozialwissenschaften, sich den gleichen Problemen stellen, aber unterschiedliche Verfahren der Problembearbeitung verwenden, wird sich im Wissenschaftsbetrieb à la longue das leistungsfähigere Verfahren durchsetzen. Insofern spricht einiges dafür, dass der Rational-Choice-Ansatz in den Sozialwissenschaften seine eigentliche Karriere noch vor sich hat.[127] Dies bedeutet freilich nicht, dass nun alle Vertreter sozialwissenschaftlicher Disziplinen zu Ökonomen mutieren, sondern es bedeutet, dass zumindest einige von ihnen ein ursprünglich in der Ökonomik entwickeltes Zurechnungsschema verwenden und bei dieser Verwendung – d.h. bei der Übersetzung sozialer Sachverhalte in Situationsdeutungen und bei der empirischen Überprüfung der Implikationen solcher Situationsdeutungen – ihre komparativen Vorteile ausspielen. Ein so verstandener ökonomischer Imperialismus führt nicht zur Gleichschaltung der Disziplinen, sondern zu einer neuen Art von Arbeitsteilung mit Spezialisierung und Gedankenaustausch.[128]
Der interessantere Fall ist daher der einer Theorienkooperation. Einerseits ist es sicherlich richtig, dass das Potential der Fragestellungen, die sich mit einer mikrofundierten Makroanalyse erfolgreich, d.h. erkenntnisfördernd, angehen |94|lassen, derzeit noch keineswegs auch nur annähernd ausgeschöpft wäre. Andererseits jedoch wird niemand ernsthaft bestreiten können – und wird kein ökonomischer Imperialist bestreiten wollen –, dass es auch noch andere interessante und wichtige Fragen gibt, die außerhalb des Blickfelds einer ökonomischen Perspektive liegen. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen. Die ethische Frage danach, was ein gutes Leben auszeichnet, lässt sich nicht ökonomisch beantworten. Nicht ökonomisch beantworten lässt sich auch die systemtheoretische Frage, welche Strukturmerkmale die moderne von der traditionalen Gesellschaftsformation unterscheiden. Dessen unbeschadet, können die Antworten auf beide Fragen für die Ökonomik wichtig werden: als Hintergrundtheorien für Restriktionen, die in der Ökonomik in Ansatz gebracht werden. Inwiefern umgekehrt relevante ökonomische Erkenntnisse in der Moraltheorie oder in der Systemtheorie – nicht eklektizistisch, sondern disziplinimmanent, d.h. im Rahmen einer konsistenten Methode – verarbeitet werden können, kann hier nicht mehr abschließend diskutiert, sondern nur als derzeit weitgehend offenes Forschungsproblem ausgewiesen werden.[129]
4. Der normative Beitrag: Theoretische Integration positiver Forschung
Folgt man der hier vorgestellten Lesart für das Werk Gary Beckers: dem Versuch, dieses Werk systematisch zu rekonstruieren, so wird ein ganz bestimmter thematischer Grundzug in den Forschungsarbeiten Gary Beckers sichtbar. Angefangen von seiner Dissertation bis hin zu den neuesten Veröffentlichungen ist das über mehr als 40 Jahre hinweg kontinuierlich beherrschende Thema, wie politisch wichtige Verhaltensphänomene besser erklärt und prognostiziert werden können, wenn man sie nicht auf Präferenzen, sondern – methodisch kontrolliert – auf Restriktionen zurechnet: „Diskussionen darüber, ob Strafe von Verbrechen abschreckt, ob die niedrigen Einkommen von Frauen im Vergleich zu denen der Männer hauptsächlich auf Diskriminierung oder auf geringeres Humankapital zurückgehen, ob das Abgehen vom Schuldprinzip im Scheidungsrecht die Scheidungsraten hochtreibt – alle diese Diskussionen werfen Fragen auf über die empirische Relevanz von Prognosen, die auf einer Theorie individueller Rationalität basieren.“[130]
Gary Beckers ökonomischer Ansatz nimmt kategoriale Umstellungen vor, damit eine solche Zurechnung besser möglich wird, nämlich als Zurechnung im ökonomischen Schema von Preis- und Einkommenseffekten. In gewisser Weise zielt er so auf eine ökonomische (sic) „Theorie der Präferenzen“. Dieser thematischen Ausrichtung entspricht die systematische Ausrichtung auf theoretische Integration: angefangen von der theoretischen Integration der traditionellen Preistheorie, die zum ökonomischen Ansatz radikalisiert wird, bis hin zur kühnen |95|Vision einer theoretisch integrierten Sozialwissenschaft, der Becker durch seine Pionierarbeiten einen – programmatisch: den – Weg weist. Becker entwickelt den ökonomischen Ansatz als universale Erklärungsgrammatik sozialer Phänomene. Vielleicht mag es auf den ersten Blick überraschen, aber genau in dieser theoretischen Integration positiver Forschung besteht Gary Beckers letztlich normativer Beitrag zu einer Theorie demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, denn diese ist auf Erkenntnisse angewiesen, zu deren Generierung möglichst leistungsfähige Theorien dringend benötigt werden.[131]
5. Nachtrag 2016
Gary Becker hat auch in seinen späteren wissenschaftlichen Schriften kontinuierlich weiter daran gearbeitet, den ökonomischen Analyseapparat konzeptionell weiterzuentwickeln, um die sozialen Einflüsse auf individuelles Handeln explizit modellieren zu können.[132]
Zusätzlich hat er sich aber auch verstärkt darum bemüht, seine An- und Einsichten in populärwissenschaftlichen Publikationen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.[133] Hier ist vor allem auf zwei Bücher hinzuweisen.
(1) Das erste Buch enthält Kolumnen, die seit 1985 für Business Week geschrieben wurden. Hier werden zahlreiche Themen aus Wirtschaft und Gesellschaft behandelt, aber immer aus der Perspektive einer Rational-Choice-Theorie, die komparativ-statisch untersucht, wie sich gesellschaftliche Gleichgewichtszustände verändern (lassen) und welche gesellschaftspolitischen Implikationen daraus abgeleitet werden können.[134] Das Buch kommt ganz ohne Formeln aus und ermöglicht so gesehen einen im Vergleich zu den technisch anspruchsvollen Arbeiten Gary Beckers ausgesprochen niedrigschwelligen Einstieg in seine Gedankenwelt.
(2) Das zweite Buch hat Becker zusammen mit Richard A. Posner verfasst, seinem berühmten Kollegen von der Juristischen Fakultät in Chicago.[135] Abgedruckt sind Beiträge, die ursprünglich für einen gemeinsamen Internet-Blog geschrieben wurden, und zwar jeweils im Wechsel nach folgendem Muster: Zunächst entwickelt der eine seine Thesen zu einem bestimmten Thema, und dann kommentiert der andere, immer mit einem Blick darauf, wo er nicht zustimmt. |96|So entsteht ein sehr lebhafter Austausch von pro und contra. Auch hier wird ein extrem breites Themenspektrum behandelt.
Ebenfalls sehr zur Lektüre zu empfehlen ist die Neuauflage seines Lehrbuchs, mit dem Generationen von Studierenden die Chicago-Variante der ökonomischen Preistheorie erlernt haben.[136]
Abschließende Hinweise gelten den autobiographischen Angaben[137], die Gary Becker als Nobelpreisträger gemacht hat, dem von Karen Horn geführten Interview[138] sowie der Würdigung, die Gary Becker sowohl als Forscher als auch als Lehrender kürzlich durch führende Ökonomen erfahren hat.[139]
Literatur
Aufderheide, Detlef und Martin Dabrowski (1997) (Hrsg.): Wirtschaftsethik und Moralökonomik, Berlin.
Barro, Robert J. (1974): Are Government Bonds Net Wealth?, in: Journal of Political Economy 82, S. 1095–1117.
Becker, Gary S. (1957, 1971): The Economics of Discrimination, 2. Aufl., Chicago.
Becker, Gary S. (1958, 1982): Wettbewerb und Demokratie, in: ders.: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, übersetzt von Monika und Viktor Vanberg, Tübingen, S. 33–39.
Becker, Gary S. (1960, 1982): Eine ökonomische Analyse der Fruchtbarkeit, in: ders.: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, übersetzt von Monika und Viktor Vanberg, Tübingen, S. 188–214.
Becker, Gary S. (1962): Human Capital: A Theoretical Analysis, in: Journal of Political Economy 70, S. S9–S49.
Becker, Gary S. (1964, 1993): Human Capital: A Theoretical and Empirical Analysis, with Special Reference to Education, 3. Aufl., Chicago.
Becker, Gary S. (1965, 1982): Eine Theorie der Allokation der Zeit, in: ders.: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, übersetzt von Monika und Viktor Vanberg, Tübingen, S. 97–130.
Becker, Gary S. (1968, 1982): Kriminalität und Strafe: ein ökonomischer Ansatz, in: ders.: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, übersetzt von Monika und Viktor Vanberg, Tübingen, S. 39–96.
Becker, Gary S. (1971): Economic Theory, New York.
Becker, Gary S. (1971, 2007): Economic Theory. With a New Introduction by the Author, New Brunswick und London.
Becker, Gary S. (1974, 1982): Eine Theorie sozialer Wechselwirkungen, in: ders.: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, übersetzt von Monika und Viktor Vanberg, Tübingen, S. 282–317.
|97|Becker, Gary S. (1976, 1982): Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, in: ders.: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, übersetzt von Monika und Viktor Vanberg, Tübingen, S. 1–15.
Becker, Gary S. (1981, 1991): A Treatise on the Family, 2. erweiterte Aufl., Cambridge, Mass.
Becker, Gary S. (1985, 1996): Interessengruppen und politisches Verhalten, in: ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 163–184.
Becker, Gary S. (1988, 1996): Familienökonomik und Makro-Verhalten, in: ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 117–136.
Becker, Gary S. (1989, 1996): Politischer Wettbewerb zwischen Interessengruppen, in: ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 185–196.
Becker, Gary S. (1992a, 1996): Gewohnheit, Sucht und Tradition, in: ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 77–97.
Becker, Gary S. (1992b, 1996): Fertilität und Wirtschaft, in: ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 137–160.
Becker, Gary S. (1993, 1996): Die ökonomische Sicht des Verhaltens, in: ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 21–49.
Becker, Gary S. (1996a): Accounting for Tastes, Cambridge, Mass.
Becker, Gary S. (1996b): Preferences and Values, in: ders.: Accounting for Tastes, Cambridge, Mass., S. 3–23.
Becker, Gary S. (1996c): Meine intellektuelle Entwicklung, in: ders.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 1–17.
Becker, Gary S. und Guity Nashat Becker (1997): The Economics of Life. From Baseball to Affirmative Action to Immigration, How Real-world Issues Affect Our Everyday Life, New York.
Becker, Gary S. und Guity Nashat Becker (1997, 1998): Die Ökonomik des Alltags. Von Baseball über Gleichstellung zur Einwanderung: was unser Leben wirklich bestimmt, über-setzt von Gerhard Engel, Tübingen.
Becker, Gary S. und Gregg H. Lewis (1973, 1982): Zur Beziehung zwischen Qualität und Quantität von Kindern, in: Gary S. Becker: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, übersetzt von Monika und Viktor Vanberg, Tübingen, S. 215–225.
Becker, Gary S. und Robert T. Michael (1973, 1982): Zur Neuen Theorie des Konsumentenverhaltens, in: Gary S. Becker: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, übersetzt von Monika und Viktor Vanberg, Tübingen, S. 145–166.
Becker, Gary S. und Kevin M. Murphy (1988): A Theory of Rational Addiction, in: Journal of Political Economy 96, S. 675–700.
Becker, Gary S. und Kevin M. Murphy (2000): Social Economics. Market Behavior in a Social Environment, Cambridge, Mass. und London.
|98|Becker, Gary S., Kevin M. Murphy und Robert F. Tamura (1990): Human Capital, Fertility, and Economic Growth, in: Journal of Political Economy 84, S. S163–S178.
Becker, Gary S. und Richard A. Posner (2009): Uncommon Sense: Economic Insights, From Marriage to Terrorism, Chicago und London.
Bryant, Keith W. (1990): The Economic Organization of the Household, Cambridge.
Chiswick, Barry R. (1995): The Economics of Discrimination: A Primer, in: Mariano Tommasi und Kathryn Ierulli (Hrsg.), The New Economics of Human Behavior, Cambridge, S. 15–26.
Cigno, Alessandro (1991): Economics of the Family, Oxford.
Eichenberger, Reiner und Bruno S. Frey (1993): ‚Superrationalität‘ oder: Vom rationalen Umgang mit dem Irrationalen, in: Jahrbuch für Neue Politische Ökonomie 12, S. 50–84.
Friedman, David (1995): Rational Criminals and Profit-Maximizing Police: The Economic Analysis of Law and Law Enforcement, in: Mariano Tommasi und Kathryn Ierulli (Hrsg.), The New Economics of Human Behavior, Cambridge, S. 43–58.
Friedman, Milton (1953, 1984): The Methodology of Positive Economics, in: Daniel M. Hausman (Hrsg.), The Philosophy of Economics. An Anthology, Cambridge, S. 210–244.
Gerecke, Uwe (1998): Soziale Ordnung in der modernen Gesellschaft. Zum Diskurs von Ökonomik, Systemtheorie und Ethik, Tübingen.
Heckman, James J. (2014): Private Notes on Gary Becker, in: IZA Diskussionspapier Nr. 8200, hrsg. vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn.
Heckman, James J. (2015): Gary Becker: Model Economic Scientist, in: American Economic Review: Papers & Proceedings 105(5), S. 74–79.
Homann, Karl und Andreas Suchanek (1989): Methodologische Überlegungen zum ökonomischen Imperialismus, in: Analyse & Kritik 11, S. 70–93.
Horn, Karen Ilse (2009, 2012): Die Stimme der Ökonomen. Wirtschaftsnobelpreisträger im Gespräch, München.
Klein, Daniel B. und Ryan Daza (2013): Gary S. Becker [Ideological Profiles of the Economics Laureates], in: Econ Journal Watch 10(3), September 2013, S. 285–291.
Lakatos, Imre (1974a): Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme, in: Imre Lakatos und Alan Musgrave (Hrsg.), Kritik und Erkenntnisfortschritt, Braunschweig, S. 89–189.
Lakatos, Imre (1974b): Die Geschichte der Wissenschaft und ihre rationale Rekonstruktion, in: Imre Lakatos und Alan Musgrave (Hrsg.), Kritik und Erkenntnisfortschritt, Braunschweig, S. 271–321.
Lazear, Edward P. (2015): Gary Becker’s Impact on Economics and Policy, in: American Economic Review: Papers & Proceedings 105(5), S. 80–84.
Murphy, Kevin M. (2015): Gary Becker as Teacher, in: American Economic Review: Papers & Proceedings 105(5), S. 71–73.
Pies, Ingo (1987): Neue Konsumtheorie: Beispiel für eine progressive Problemverschiebung des neoklassischen Forschungsprogramms?, Diplomarbeit an der Universität Münster, unveröffentlichtes Typoskript.
Pies, Ingo (1993): Normative Institutionenökonomik. Zur Rationalisierung des politischen Liberalismus, Tübingen.
Pies, Ingo (1998): Ökonomischer Ansatz und Normativität: Zum wertfreien Umgang mit Werten, in: Ingo Pies und Martin Leschke (Hrsg.): Gary Beckers ökonomischer Imperialismus, Tübingen, S. 107–135.
|99|Popper, Karl R. (1967, 1995): Das Rationalitätsprinzip, in: ders.: Lesebuch: ausgewählte Texte zu Erkenntnistheorie, Philosophie der Naturwissenschaften, Metaphysik, Sozialphilosophie, hrsg. von David Miller, Tübingen, S. 350–359.
Rosen, Sherwin (1993): Risks and Rewards: Gary Becker’s Contributions to Economics, in: Scandinavian Journal of Economics 95, S. 25–36.
Royal Swedish Academy of Siences (1993): The Nobel Memorial Prize in Economics 1992, in: Scandinavian Journal of Economics 95, S. 1–5.
Sandmo, Agnar (1993): Gary Becker’s Contributions to Economics, in: Scandinavian Journal of Economics 95, S. 7–23.
Schramm, Michael (1996): Ist Gary S. Beckers ‚ökonomischer Ansatz‘ ein Taschenspielertrick? Sozialethische Überlegungen zum ökonomischen Imperialismus, in: Hans G. Nutzinger (Hrsg.), Wirtschaftsethische Perspektiven III, Berlin, S. 231–258.
Spencer, Roger W. und David A. Macpherson (Hrsg) (1986, 2014): Lives of the Laureates: Twenty-Three Nobel Economists, 6. Auflage, Cambridge, Mass.
Stigler, George J. und Gary S. Becker (1977, 1996): De Gustibus Non Est Disputandum, in: Gary S. Becker: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, übersetzt von Monika Streissler, hrsg. von Ingo Pies, Tübingen, S. 50–76.
Suchanek, Andreas (1994): Ökonomischer Ansatz und theoretische Integration, Tübingen.
Tamura, Robert F. (1995): Human capital, Fertility, and Economic Growth, in: Mariano Tommasi und Kathryn Ierulli (Hrsg.), The New Economics of Human Behavior, Cambridge, S. 77–91.
Weber, Max (1922, 1988): Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. von Johannes Winckelmann, 7. Aufl., Tübingen.
[Zum Inhalt]

|100|Karl Popper (1902–1994)
„Die ‚Welt‘ ist nicht rational. Es ist aber die Aufgabe der Wissenschaft, sie zu rationalisieren. ‚Die Gesellschaft‘ ist nicht rational, aber es ist die Aufgabe des Sozialtechnikers, sie zu rationalisieren.“ Karl Popper (1945, 1992b; Anm. 279:19, S. 442)
Karl Poppers kritischer Rationalismus
Das Werk Karl Poppers enthält explizite und implizite Antworten auf die Frage, welchen Beitrag die Wissenschaft zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme zu leisten vermag, sofern sie sich eine geeignete Vorgehensweise zu eigen macht. Aber wer hält diese Antworten, dieses Insistieren auf Methode, heute noch für zeitgemäß? Gerade unter Wissenschaftlern nimmt offenbar die Zahl derer eher zu, für die Popper nicht länger ein Stein des Anstoßes ist, geschweige denn gar eine Quelle der Inspiration. Ein untrügliches Indiz hierfür besteht darin, dass sich nun (vornehmlich) die ‚Fachphilosophen‘ seines Werkes annehmen und es in Einführungen für den Seminarbetrieb und für interessierte Laien kleinarbeiten. Auf diese Weise wird Popper zugleich popularisiert und ent-aktualisiert. Die destillierte ‚Essenz‘ seines Werkes wird gleichsam auf Flaschen gezogen. Heraus kommt ein Vademecum: Popper für den Hausgebrauch.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Poppers Werk der heutigen Forschung noch etwas zu sagen hat, ob also jenseits einer rein vergangenheitsorientierten auch eine zukunftsweisende Lesart möglich wäre. Im Folgenden wird versucht, eine solche Lesart zu entwickeln. Es geht um eine kritische Popper-Interpretation, die sein Werk re-aktualisiert. Untersucht wird, welche gesellschaftspolitischen und gesellschaftstheoretischen Inspirationen sich den Arbeiten Karl Poppers auch heute noch abgewinnen lassen, sobald man – im Wege einer |101|weitgehend werkimmanenten Argumentation – seinen kritischen Rationalismus einer konstruktiven Kritik unterzieht. Die Leitfrage der Abschnitte 1 bis 4 und 5 bis 9 lautet: Was muss man über dieses Werk wissen, um von diesem Werk – teils mit, teils gegen Popper – lernen zu können?
1. Zugangsschwierigkeiten
Karl Poppers Schriften sind vermeintlich leicht zu lesen. Stets bemüht sich der Autor um eine einfache und klare Ausdrucksweise. Redundanzen erleichtern das Verständnis. Fremdwörter werden vermieden oder umschrieben, zentrale Formulierungen vielfach variiert und erläutert. Als Autor ist Karl Popper auf eine geradezu prätentiöse Weise unprätentiös.[140]
Doch stehen einem Verständnis seines Werkes gewisse (zusätzliche) Schwierigkeiten entgegen. Das wohl wichtigste Rezeptionshindernis dürfte darin liegen, dass Popper seine Argumente im Wege einer Kritik der Argumente anderer entwickelt. Sein Werk lebt aus der Kontroverse, so dass man den historischen Hintergrund berücksichtigen muss, wenn man es heute verstehen will. Formelhaft zugespitzt könnte man sagen: Poppers Texte sind Kon-Texte, nicht Setzungen, sondern Auseinander-Setzungen. In ihnen dominiert nicht das Pro, sondern das Contra. Sie sprechen nicht für sich allein; sie widersprechen. Deshalb müssen sie im Horizont der jeweiligen Gegenpositionen gedeutet werden. Dies macht eine angemessene Rezeption oft voraussetzungsvoller und damit schwieriger, als es auf den Blick scheinen mag. Weitere Verständnisschwierigkeiten kommen hinzu.
Erstens behandelt Popper eine extreme Spannweite scheinbar disparater Themen. Abgesehen von seinen Schriften zur Evolution, zur Physik und Statistik sowie zum Leib-Seele-Problem, erstreckt sich das Spektrum der für sein Werk zentralen Arbeiten von Fragen der Wissenschaftstheorie im allgemeinen über Fragen der sozialwissenschaftlichen Methodologie im besonderen bis hin zu politischen Stellungnahmen gegen totalitäre Gefährdungen der Demokratie (Abb. 1).
Abbildung 1:
Die thematische Spannweite
|102|Zweitens wird Popper nicht müde zu betonen, dass all diese Beiträge systematisch zusammenhängen, dass es sich um Anwendungen ein und desselben Denkansatzes handelt, um Anwendungen des kritischen Rationalismus.
Drittens bleibt die Genese dieses Denkansatzes weitgehend im Dunkeln. Schon gar nicht wird sie durch die Reihenfolge der Schriften wiedergegeben: Zum einen klaffen Verfertigung und Veröffentlichung der Schriften zeitlich z.T. weit auseinander. Zum anderen scheinen die grundlegenden politischen und methodologischen Überzeugungen Poppers geraume Zeit vor der ersten (wissenschaftstheoretischen) Buchpublikation – und zudem koevolutiv – entstanden zu sein.
Hinzu kommt eine vierte Zugangsschwierigkeit. Nicht nur setzt das Werk ein, nachdem die Entstehung des Denkansatzes bereits (weitgehend) vollzogen ist; darüber hinaus sind die Schriften von Popper so angesetzt, dass sie auch die weitere Entwicklung seines Denkens eher im Dunkeln lassen, denn auf (vermeintliche) Gegenargumente, die er der Sache nach anerkennt, reagiert Popper regelmäßig mit dem Hinweis – und oft sogar mit dem Nachweis –, dies immer schon, d.h. bereits in seinen Frühschriften, so gesehen zu haben. Poppers Standardantwort auf Kritik besteht darin, missverstanden worden zu sein, und Neuerungen erfolgen bei ihm – von wenigen Ausnahmen abgesehen – stets im Stil einer Ausarbeitung alter Ideen, die sich bis in seine frühe Jugend zurückverfolgen lassen.
In der Tat ist Poppers Werk in einem ungewöhnlichen Ausmaß Primärliteratur und Sekundärliteratur zugleich. Es ist durchzogen von autobiographischen Schilderungen, Eigenzitaten und Selbstkommentaren. Manche Leser werden hiervon abgestoßen und empfinden die Form einer solchen Argumentation als – je nachdem – manieriert, arrogant, selbstverliebt, monologisierend oder gar dogmatisch. Doch sollte man hier nicht allzu empfindlich sein. Neben dem Versuch, gravierende Missverständnisse seiner Position zurückzuweisen und den systematischen Zusammenhang seiner Auffassungen zu verdeutlichen, bilden Poppers autobiographische Selbstinterpretationen nämlich geeignete „Ausgangspunkte“[141] für eine kritische Rekonstruktion des zugrunde liegenden Denkansatzes.
2. Popper über Popper: Die autobiographische Selbstinterpretation
Poppers eigener Auskunft zufolge sind es zwei Ereignisse, die ihn – als Siebzehnjährigen – besonders geprägt haben. Das erste Ereignis ist politischer Natur.[142] Im Sommer 1919 wurden junge Arbeiter beim Versuch, gefangene Kommunisten zu befreien, von der Wiener Polizei erschossen. Sie waren unbewaffnet – und auch ansonsten weitgehend unvorbereitet – in einen Kampf geschickt worden, von dem ihre Parteiführer annahmen, dass er mit historischer Notwendigkeit gewonnen werde. Hieraus zog Popper diverse intellektuelle Konsequenzen. So machte er es sich zur Auffassung, dass man für die eigenen Ideen allenfalls sich selbst, nicht jedoch andere opfern dürfe und dass jene Gesellschaftsordnungen |103|besonders vorzugswürdig seien, in denen es möglich ist, politische Auseinandersetzungen friedlich auszutragen.[143]
Das zweite Ereignis ist wissenschaftlicher Natur.[144] Anlässlich der Sonnenfinsternis am 29. Mai 1919 konnten bestimmte Aussagen der Relativitätstheorie Albert Einsteins erstmals experimentell überprüft werden und wurden in der Tat bestätigt. Die bis dahin erfolgreichste Theorie aller Zeiten, die schlechterdings für wahr gehaltene Physik Isaac Newtons, wurde nachdrücklich in Frage gestellt und erschien nunmehr als bloßer Spezialfall der allgemeineren Theorie Einsteins, die Bedingungen angeben konnte, wann mit einem Scheitern der Newtonschen Physik zu rechnen sei und wann nicht. Popper war nicht nur vom Erfolg dieser Prognose nachhaltig beeindruckt, sondern auch und vor allem davon, dass Einstein das Risiko eines Misserfolgs überhaupt eingegangen – und sogar gezielt eingegangen – war: Zunächst maßgeblich beeinflusst durch die Lektüre von Karl Marx, Sigmund Freud und Alfred Adler, dessen zeitweiliger Mitarbeiter er später war, hatte Popper ein latentes Unbehagen gegenüber allen drei Ansätzen entwickelt. Auf die Marxisten, Freudianer und Adlerianer in seinem Bekanntenkreis wirkte es faszinierend, in jedem tatsächlichen oder auch nur denkbaren Sachverhalt eine Bestätigung der jeweiligen Theorie sehen zu können, während – so Poppers Interpretation – Einstein seiner eigenen Theorie gegenüber eine völlig andere Einstellung zeigte. Einstein gab Bedingungen an, unter denen er sich genötigt sähe, seine Theorie verwerfen oder doch nachbessern zu müssen. Hieraus zog Popper die Konsequenz, sich eine solchermaßen (selbst-)kritische Einstellung zu eigen machen zu wollen.
Diese beiden Ereignisse bilden eine nützliche Hintergrundfolie für das Verständnis der wissenschaftstheoretischen Schriften Poppers auf der einen Seite, seiner politischen Schriften auf der anderen Seite, aber auch für das Verständnis ihres systematischen Zusammenhangs, der durch Poppers Methodologie der Sozialwissenschaften vermittelt ist. Als These formuliert: Poppers politische Stellungnahmen beruhen auf einer Anwendung seiner sozialwissenschaftlichen Methodologie; diese ist ihrerseits eine Anwendung seiner Wissenschaftstheorie; Poppers Wissenschaftstheorie wiederum ist eine Anwendung seines konzeptionellen Denkansatzes, des kritischen Rationalismus; diese Hintergrundkonzeption ist ihrerseits das Produkt einer systematisch integrierten Lösung der beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie; und jedes dieser beiden Grundprobleme steht in einem unmittelbaren Zusammenhang zu den beiden prägenden Ereignissen des Jahres 1919. Der Erläuterung und Einlösung dieser These sind die beiden nächsten Abschnitte gewidmet.
|104|3. Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie
(1) In seinem wissenschaftstheoretischen Frühwerk[145] setzt sich Popper mit zwei Problemen auseinander, die von grundlegender Bedeutung für die Erkenntnistheorie sind. Das erste Problem nennt er das Abgrenzungsproblem. Es geht Popper um die Frage, wie man Wissenschaft von Pseudo-Wissenschaft unterscheiden könne.[146] Als Abgrenzungskriterium schlägt er „Falsifizierbarkeit“ vor: Kennzeichen der Wissenschaft sei es, sich um prüfbare, d.h. prinzipiell widerlegbare, Aussagen zu bemühen. Kennzeichen von Pseudo-Wissenschaft sei es hingegen, genau dies nicht zu tun, sondern statt dessen mit Immunisierungen und tautologischen Aussagen zu arbeiten. Popper zufolge bleibt Pseudo-Wissenschaft dem Stadium der Metaphysik durchgängig verhaftet (Abb. 2). Anfang und Ende liegen hier im Bereich metaphysischer, d.h. nicht-prüfbarer, Aussagen. Demgegenüber beginne wahre Wissenschaft zwar oft mit metaphysischen Ideen (als Heuristik). Sie bleibe hierbei jedoch nicht stehen, sondern bemühe sich, ihre metaphysischen Anfangsgründe in empirisch testbare Theorie-Ergebnisse zu transformieren. Für Popper setzt sich wahre Wissenschaft dem Risiko des Scheiterns aus. Genau das meint Falsifizierbarkeit.
Abbildung 2:
Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium
(2) Das zweite Problem nennt Popper das Induktionsproblem. Hier geht es ihm um die Frage, ob und wann induktive Schlüsse gültig sind.[147] Letztlich zielt diese Frage auf die Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion: Verfügt die Wissenschaft über eine Methode, aus einzelnen Beobachtungen allgemeingültige Aussagen generieren zu können? Seine Antwort auf diese Frage ist ein klares nein: Popper ist Fallibilist. Für ihn gibt es keine sichere Erkenntnis, keine letzten Gewissheiten, kein unfehlbares Wissen. Aus seiner Sicht ist jedes Wissen Vermutungswissen; es ist konjektural, hypothetisch, fallibel. Dies gilt auch und erst recht für wissenschaftliches Wissen. Niemand, auch |105|die Wissenschaft nicht, verfügt über einen Königsweg zur sicheren Erkenntnis. Auch wissenschaftliche Erkenntnisse sind stets vorläufiger Natur und können sich jederzeit als falsch erweisen. Dennoch kann die Wissenschaft Fortschritte machen. Freilich hängt ihre Fortschrittsfähigkeit von der Methode ab. Worin aber besteht nun die Methode einer fortschrittsfähigen Wissenschaft, wenn nicht in der Induktion? Poppers Antwort auf diese Frage ist ein radikaler Deduktivismus. Er vertritt die Auffassung, dass alle denkbaren Methoden, sich der (prinzipiell vorläufigen) Gültigkeit einer Aussage wissenschaftlich zu versichern, „ausnahmslos auf streng logischer Deduktion beruhen und dass es keine wie immer geartete Induktion als wissenschaftliche Methode gibt“[148]. Dieser Auffassung liegen zwei Argumente zugrunde.
Erstens hält Popper die induktive Methode für eine Fiktion, für eine auf erkenntnistheoretischen Missverständnissen und empiristischen Selbstmissverständnissen beruhende Einbildung, und zwar einfach deshalb, weil es aus seiner Sicht reine Beobachtungstatsachen nicht geben kann. Vielmehr gehen jeder Beobachtung bereits bestimmte Erwartungen voraus. Erwartungen – gerade auch enttäuschte Erwartungen, d.h. Probleme – sind stets vorgängig; sie sind das systematisch Primäre jeder Erkenntnis. Popper weist die Vorstellung einer induktiven Erfahrungsgrundlage für Theorien zurück und vertritt die diametral entgegengesetzte Auffassung, dass Erfahrungen ihrerseits auf einer theoretischen Grundlage beruhen. Für ihn steht fest, „dass Beobachtungen … immer Interpretationen der beobachteten Tatsachen sind und dass sie Interpretationen im Lichte von Theorien sind“[149]. Deshalb sind Beobachtungstatsachen nicht jene theorie-unabhängige Basis, deren ein induktives Verfahren notwendig bedarf. Dies verurteilt die Induktion zur weitgehenden Bedeutungslosigkeit. Als wissenschaftliche Methode spielt sie keine Rolle.
Zweitens hält Popper eine theoretische Aussage dann für vorläufig gültig, wenn sie ernste Widerlegungsversuche (bis auf weiteres) erfolgreich überstanden hat. Aus seiner Sicht können theoretische Aussagen über die Wirklichkeit niemals verifiziert, wohl aber (wiederum vorläufig) falsifiziert werden. Logisch betrachtet, beruht ein solcher Falsifikationsschluss auf dem ‚modus tollens‘, also darauf, die Falschheit theoretischer Implikationen auf die Falschheit der diesen Implikationen vorausgehenden Annahmen zu übertragen. Dieser Übertragungsschluss jedoch ist deduktiver Natur. Folglich kann über die vorläufige Gültigkeit theoretischer Aussagen nur mittels deduktiver Methoden entschieden werden.[150] Poppers Lösung des Induktionsproblems besteht also in einer konsequent fallibilistischen Deduktion. Wie hängen nun die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie zusammen? Und in welcher Verbindung stehen sie mit den Ereignissen des Jahres 1919?
(3) Der Zusammenhang der beiden Probleme ergibt sich daraus, dass die induktive Methode von zahlreichen Wissenschaftlern – implizit oder explizit – als |106|Abgrenzungskriterium aufgefasst worden ist. Nach dem Motto „it needs a theory to beat a theory“ musste also erst ein anderes Abgrenzungskriterium als überlegene Alternative formuliert werden, um Poppers Lösung des Induktionsproblems akzeptabel zu machen. Aus diesem Grund hat Popper von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass das Abgrenzungsproblem das grundlegendere Problem darstellt und dass das Induktionsproblem sogar auf das Abgrenzungsproblem zurückgeführt werden kann.[151] Dies hat zur Folge, dass auf beide erkenntnistheoretischen Grundlagenfragen letztlich die gleiche Antwort gegeben werden kann. Der Problemselbigkeit korrespondiert eine Identität der Lösungen: Die Lösung des Abgrenzungsproblems besteht im Kriterium der Falsifizierbarkeit, und die Lösung des Induktionsproblems besteht in einer auf Falsifizierungsversuche ausgerichteten deduktiven Methode.
(4) Was nun aber die Verbindung zu den beiden Ereignissen des Jahres 1919 anbelangt, so ist augenfällig, dass das erste, politische Ereignis der Formulierung des Abgrenzungsproblems und das zweite, wissenschaftliche Ereignis der Formulierung des Induktionsproblems den Weg weist. Poppers Reaktion auf den tragischen Tod politisierter Jugendlicher im Wien des Jahres 1919 bestand in einer jähen Wende vom Marxismus zum Anti-Marxismus, denn er machte den Marxismus politischer Führer dafür verantwortlich, dass hier Menschenleben einer Ideologie geopfert worden waren, die den historischen Sieg sicher auf ihrer Seite wusste. Fortan wollte Popper – aus Gewissensgründen – dem marxistischen Anspruch entgegentreten können, eine marxistische Sozialwissenschaft könne in ähnlicher Weise ein Geschichtsgesetz aufstellen wie die Naturwissenschaft ein Naturgesetz. Wie lässt sich der ‚wissenschaftliche Sozialismus‘ als Pseudo-Wissenschaft überführen? Es ist exakt diese Frage, durch die Popper zur Formulierung des Abgrenzungsproblems geführt wurde.[152]
Die Formulierung des Induktionsproblems hingegen erfolgte erst einige Jahre später, aber sie erfolgte unter dem Eindruck der Theorie-Erfolge Albert Einsteins.[153] Zum einen hatten die in zahllosen Experimenten erfolgten Bestätigungen der Physik Newtons nicht verhindern können, dass Newton durch Einstein überholt wurde. Die induktive Basis erwies sich – völlig wider Erwarten – als schwankende Grundlage. Zum anderen hatte Einstein seine Theorie nicht durch Induktion gewonnen, sondern mit Hilfe kühner Vermutungen: kühner Annahmen und kühner (deduktiver) Folgerungen, um deren empirische Testbarkeit er dezidiert bemüht war. Einstein nahm die Möglichkeit eines empirischen Scheiterns seiner Theorie nicht nur passiv in Kauf. Vielmehr setzte er seine Theorie sogar aktiv dem Risiko des Misserfolgs aus. Hierin wurde er Popper zum Vorbild einer kritischen Einstellung gegenüber Theorien – und insbesondere zum Vorbild |107|einer selbstkritischen Einstellung gegenüber eigenen Theorien. Mehr noch: Poppers Zurückweisung der induktiven Methode und seine Propagierung der auf Falsifizierbarkeit ausgerichteten deduktiven Methode (ent-)standen direkt unter dem Einfluss von – Poppers Interpretation von – Albert Einsteins Theoriestrategie und ihren Erfolgen.[154] Sie sind somit eine intellektuelle Verarbeitung des zweiten, wissenschaftlichen Ereignisses des Jahres 1919.
4. Das Hintergrundkonzept: kritischer Rationalismus als Theorie sozialen Lernens
Die Problemselbigkeit der beiden Grundprobleme und die letztliche Identität ihrer Lösungen münden in einen kritischen Rationalismus, der als Hintergrundkonzept allen weiteren Schriften Poppers eine eigentümliche Prägung verleiht. Als These formuliert: Der kritische Rationalismus Karl Poppers ist im Kern eine Lerntheorie, und zwar eine Theorie sozialen Lernens. Die Einlösung dieser These erfolgt in zwei Schritten. Zunächst geht es um eine philosophische Kennzeichnung des kritischen Rationalismus. Sodann wird gezeigt, inwiefern der chronologischen Reihenfolge vier zentraler Veröffentlichungen Poppers eine systematische Reihenfolge entspricht, weil sich alle vier Veröffentlichungen als Anwendungen des kritisch-rationalen Ansatzes interpretieren lassen.
Ausgangspunkt der philosophischen Kennzeichnung des kritischen Rationalismus ist folgendes Zitat: „Bezeichnet man (nach Kant) das Induktionsproblem als ‚Humesches Problem‘, so könnte man das Abgrenzungsproblem ‚Kantsches Problem‘ nennen.“[155] Popper selbst sieht sich als Nachfolger Immanuel Kants. Er hat sich – so seine Selbstinterpretation – die erkenntnistheoretische Frage Kants zu eigen gemacht und aufgrund einer signifikant anderen Problemsituation eine neue Antwort gefunden. Diese Antwort ist der kritische Rationalismus. Durch ihn wird, so Poppers Anspruch, Kants Kritik der reinen Vernunft überholt.
Popper zufolge war Kants Problemsituation durch David Hume und Isaac Newton gekennzeichnet. Auf der einen Seite hatte Hume das Induktionsprinzip scharf kritisiert, und Kant sah sich genötigt, diese Kritik als berechtigt anzuerkennen. Auf der anderen Seite aber hatte Newton eine Physik vorgelegt, deren weltbewegende Theorie-Erfolge anzuerkennen Kant sich ebenfalls genötigt sah. Wie aber war beides zu vereinbaren? Kants geniale Antwort auf diese Frage bestand darin, zwischen empirischen Aussagen einerseits und den Kategorien empirischer Aussagen andererseits, etwa den ‚Anschauungsformen‘ von Zeit und Raum oder der Kausalitätskategorie, zu unterscheiden und auf Humes Induktionskritik |108|mit einer deduktiven Wendung zu reagieren, einer – für Kant: kopernikanischen – Wendung hin zu einer apriorischen Deduktion, die in dem berühmten Satz kulminiert: „Der Verstand schöpft seine Gesetze … nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor.“[156] Kant hielt diese Gesetze – unter dem Eindruck der Newtonschen Theorie-Erfolge – für unumstößlich wahr, für infallibel.
Vor diesem Hintergrund ist Poppers eigene Problemsituation durch Immanuel Kant und Albert Einstein gekennzeichnet. Auf der einen Seite hatte Kant – unter dem Einfluss Newtons – die unbezweifelbare Gültigkeit kategorialer Gesetzesaussagen behauptet. Auf der anderen Seite hatte Einstein die Physik Newtons überholt und gerade dadurch jeglichem Vertrauen in die Möglichkeit letztgültiger Erkenntnis die Basis entzogen. Poppers Reaktion auf diese radikal veränderte Problemsituation besteht darin, Kants Hypothetizismus in bezug auf empirische Aussagen – seine transzendentale Kritik synthetischer Urteile a priori – zu radikalisieren und nun auch jene Kategorien als prinzipiell fallibel aufzufassen, die der Generierung empirischer Aussagen vorangehen. Für Popper haben durchgängig alle theoretischen Aussagen einen hypothetischen Status. Damit vollzieht er eine fallibilistische Wendung, eine – für Popper: sokratische – Wendung, die die Vorstellung sicheren Wissens durch die Vorstellung eines stets unsicheren Vemutungswissens ersetzt.
Im Bereich des Vermutungswissens – und für Popper ist alles Wissen Vermutungswissen – gibt es keine sichere Basis, keine verlässliche Grundlage; wohl aber gibt es Erkenntnisfortschritt. Lernprozesse sind möglich. Enttäuschte Erwartungen können korrigiert werden. Eine erste Kernbotschaft des kritischen Rationalismus lautet: Wir lernen aus Fehlern. Versuch und Irrtum sind die zentralen Bestandteile methodischen Erkenntnisfortschritts. Eine zweite Kernbotschaft des kritischen Rationalismus lautet: Wir lernen im Modus der Kritik. Es ist dem Erkenntnisfortschritt förderlich, von anderen auf Fehler hingewiesen zu werden, die man selbst nicht gesehen hat. Folglich können Lernprozesse durch kritische Diskussionen wesentlich befördert werden. Diese zweite Botschaft verwandelt die kritisch-rationale Lerntheorie in eine Theorie sozialen Lernens. Als These formuliert: Poppers kritischem Rationalismus zufolge entfaltet sich Rationalität durch Kritik, durch einen sozialen, inter-personellen Lernprozess kritischer Diskussion.
Im Folgenden wird zu zeigen versucht, dass sich Poppers Schriften zur Wissenschaftstheorie im allgemeinen, zur Methodologie der Sozialwissenschaften im besonderen, seine politischen Stellungnahmen gegen totalitäre Gefährdungen der Demokratie und darüber hinaus auch sein Entwurf objektiver Erkenntnis als Anwendungen des kritischen Rationalismus interpretieren lassen, d.h. als Anwendungen einer Theorie sozialen Lernens.
(1) Die Anwendung des kritischen Rationalismus auf das Problem wissenschaftlicher Erkenntnis führt zu einer radikalen Änderung der erkenntnistheoretischen Fragestellung. Es geht nicht länger um das Subjekt, sondern um das Objekt wissenschaftlicher Erkenntnis, nicht um Erkenntnisfindung, sondern um Erkenntnisgeltung, d.h. um die (vorläufige) Gültigkeit wissenschaftlicher |109|Erkenntnisse, also um das Resultat wissenschaftlicher Diskussionen, in denen versucht wird, theoretische Vermutungen zu widerlegen. Poppers kritisch-rationale Wissenschaftstheorie setzt an die Stelle einer zu seiner Zeit weit verbreiteten Erkenntnispsychologie eine „Logik der Forschung“, eine „Lehre von der deduktiven Methodik der Nachprüfung“[157]. In der Tat ist Poppers Wissenschaftstheorie eine Lehre von der deduktiven, d.h. logisch gestützten, Methode inter-subjektiver Nachprüfung und gerade darin eine Anwendung der kritisch-rationalen Theorie sozialen Lernens.
(2) Poppers ‚Logik der Forschung‘ zufolge sind wissenschaftliche Diskussionen eine extreme Spezialform kritischer Diskussionen, ein institutionen- und traditionengestützter Sonderfall, der es dem gesunden Menschenverstand ermöglicht, eine extreme Leistungsfähigkeit zu erreichen. Demnach ist Wissenschaft nicht nur durch das Genie einzelner Forscher und ihre kühnen Vermutungen, sondern auch durch die Widerlegungsversuche der Forschergemeinschaft gekennzeichnet. Eine solche Arbeitsteilung ist auf geeignete Anreize angewiesen. Folglich kann die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse durch Fehlanreize behindert werden. Störungen dieses Produktionsprozesses treten vor allem dann ein, wenn sich die Spezialisierung und Zusammenarbeit der Wissenschaftler an einer verfehlten Methodologie orientiert. In dieser Hinsicht hält Popper nicht so sehr die Naturwissenschaften als vielmehr die Sozialwissenschaften für besonders störanfällig. Sie haben, so Popper, ihren Galilei bis heute nicht gefunden, d.h. sie verfügen (noch?) nicht über eine hinreichend robuste Erkenntnistradition.[158] Auf diese Problemsituation reagieren Versuche, die naturwissenschaftliche Erkenntnistradition in den Sozialwissenschaften zu kopieren. Diese Versuche sind umstritten, und zu diesem Streit nimmt Poppers Methodologie der Sozialwissenschaften Stellung.
In seinem Buch über das „Elend des Historizismus“[159] – das Elend einer Auffassung, die die Sozialwissenschaften auf historische Voraussagen festlegen will –, unterscheidet Popper zwei historizistische Varianten. Die eine nennt er pro-, die andere anti-naturalistisch. Erstere befürwortet „die Anwendung physikalischer Methoden in den Sozialwissenschaften“[160], letztere lehnt eine solche Anwendung ab. Popper wirft beiden Varianten im Prinzip denselben Fehler vor: nämlich ein grundlegendes Missverständnis der physikalischen Methode.
Hinsichtlich der anti-naturalistischen Variante des Historizismus diagnostiziert Popper, dass sie zu holistischen Sozialexperimenten neige, bei denen das gesellschaftliche Ganze aufs Spiel gesetzt wird, und dass sie mithin die Bedeutung kontrollierter Experimente in der Physik verkenne. In Anlehnung an solche kontrollierten Experimente formuliert Popper den Gegenentwurf einer „Stückwerks-Sozialtechnologie“, derzufolge institutionelle Reformen inkrementalistisch, Schritt für Schritt zu erfolgen haben, weil sich nur so das Zurechnungsproblem lösen lässt, welche Institutionen für welche Missstände überhaupt verantwortlich sind. Popper macht geltend, dass sein Konzept über eine überlegene |110|Lernfähigkeit verfüge. Es ist also ein lerntheoretisches und in diesem Sinne kritisch-rationales Argument, das für inkrementalistische und gegen holistische Reformversuche spricht. Popper (1944–45, 1987; S. 70): „[E]s ist sehr schwer, aus sehr großen Fehlern zu lernen.“
Hinsichtlich der pro-naturalistischen Variante des Historizismus diagnostiziert Popper, dass die Annahme historischer Entwicklungsgesetze auf einem Missverständnis der Verwendung von Naturgesetzen in der Physik beruhe. Die logische Struktur wissenschaftlicher Erklärungen und Prognosen werde grundlegend verkannt, mit der Folge, dass der sozialwissenschaftliche Erkenntisfortschritt nachhaltig behindert werde. Wiederum ist es ein letztlich lerntheoretisches Argument, dessen sich Popper hier bedient. Dieses Argument lässt sich in drei Schritten rekonstruieren, die in eine vernichtende Kritik des Pro-Naturalismus münden.
Der erste Schritt besteht in einer aussagenlogischen Erläuterung des (natur-) wissenschaftlichen Erklärungskonzepts: Erklärung heißt, ein Explikandum aus einem Explikans herzuleiten. Das Explikandum besteht aus Sätzen, die einen empirischen Sachverhalt beschreiben. Das Explikans hingegen besteht aus zwei Arten von Prämissen. Zum einen handelt es sich um universale Sätze, zum anderen um singuläre Sätze. Die universalen Sätze formulieren hypothetische Naturgesetze, d.h. sie beanspruchen allgemeine Gültigkeit. Die singulären Sätze jedoch beziehen sich auf den jeweiligen Einzelfall; sie spezifizieren die konkreten Bedingungen und beanspruchen als Hypothesen daher lediglich situative Gültigkeit. Eine Erklärung besteht nun in dem Versuch, den beschriebenen Sachverhalt aus singulären und universalen Sätzen folgen zu lassen.
Im zweiten Schritt erfolgt eine aussagenlogische Erläuterung des wissenschaftlichen Prognosekonzepts. Während eine Erklärung bei einem bereits vorliegenden Explikandum ansetzt und dieses auf ein allererst zu entwickelndes Explikans zurückführt, geht eine wissenschaftliche, d.h. bedingte Prognose genau anders herum vor. Sie setzt beim Explikans an und schließt auf ein Explikandum, d.h. auf einen Sachverhalt, der erst in der Zukunft eintreten wird. Wissenschaftliche Erklärungen und Prognosen weisen eine gleichartige aussagenlogische Struktur auf; ihre Argumentationsrichtung ist jedoch diametral entgegengesetzt.
Der dritte Schritt besteht in einer aussagenlogischen Erläuterung des wissenschaftlichen Fortschrittskonzepts: Fortschritt heißt, Erklärungen und Prognosen zu verbessern, d.h. aus Fehlern zu lernen. Scheitert die deduktive Verknüpfung von Explikans und Explikandum, so kann dies unter bestimmten Umständen – nämlich dann, wenn die situative Gültigkeit der singulären Sätze ebenso wie die Beschreibung des Explikandums vergleichsweise unproblematisch ist – als eine Prüfung des universalen Satzes aufgefasst werden und als erfolgreiche Anwendung des ‚modus tollens‘ einen Anstoß zu theoretischen Weiterentwicklungen geben, d.h. zu Verbesserungen der universalen Sätze.
In diesen drei gedanklichen Schritten wird die Aussagenlogik als Darstellungsmittel einer – nicht aussagenlogischen, sondern – methodologischen Argumentation verwendet. Diese Argumentation mündet in Poppers Kritik, dass die in der pro-naturalistischen Historizismusvariante verwendeten Gesetzesaussagen nicht universale, sondern singuläre Sätze sind, die sich auf historische Einzelereignisse oder Folgen solcher Einzelereignisse beziehen, z.B. auf das historische ‚Gesetz‘ |111|einer Stufenfolge gesellschaftlicher Entwicklungsstadien. Dieses durch eine Äquivokation des Gesetzesbegriffs – wenn nicht hervorgerufene, so doch – verstärkte Selbstmissverständnis der eigenen Methode sei vor allem deshalb so bedeutsam, weil es das Auffinden wirklicher Gesetze durch die Sozialwissenschaften erschwere oder sogar verhindere. Popper argumentiert, dass eine (Rück-)Übertragung dieser sozialwissenschaftlichen Praxis auf die Naturwissenschaften theoretischen Fortschritt zunichte machen würde: „Wir können … nicht hoffen, eine universale Hypothese prüfen und ein für die Wissenschaft annehmbares Naturgesetz finden zu können, wenn wir dauernd auf die Beobachtung eines einzigartigen Prozesses beschränkt sind.“[161] Wieder ist es also ein lerntheoretisches und in diesem Sinne kritisch-rationales Argument, auf das er sich stützt: Auch in den Sozialwissenschaften erfolge Erkenntnisfortschritt durch Kritik, und ebendieser Kritik werde durch historizistische Methodendefizite der Boden entzogen, mit der Konsequenz eines vergleichsweise geringeren Erfolgs der Sozialwissenschaften. Für Popper steht der Historizismus der Falsifizierbarkeit im Wege und führt zur Pseudo-Wissenschaft.
(3) Poppers zweibändiges Buch über die „offene Gesellschaft“[162] ist ein Zwillingsprodukt seines Buches über den Historizismus. Beide sind nahezu zeitgleich entstanden. An ihnen wurde simultan gearbeitet. In seiner methodologischen Studie geht es Popper um den pseudo-wissenschaftlichen Charakter des Historizismus. In seiner Streitschrift für die offene Gesellschaft geht es ihm um die politischen Konsequenzen historizistischer Denkfehler. Hier wird die wissenschaftstheoretische Kritik des Historizismus durch eine gesellschaftspolitische Kritik ergänzt. Auch diese Ergänzung steht ganz im Zeichen des kritischen Rationalismus, d.h. einer Theorie sozialen Lernens.
Popper reagiert auf die totalitären Politikentwicklungen seiner Zeit mit einer Interpretation, die es ihm erlaubt, als Philosoph – d.h. als Methodologe: als Spezialist für Methodenreflexion – gegen den Totalitarismus dezidiert Stellung zu beziehen. Er interpretiert den Totalitarismus als eine Begleiterscheinung der Zivilisation, als (untauglichen) Versuch, sich der „Last der Zivilisation“[163] zu entledigen. Popper unterstellt dem Totalitarismus hehre Motive. Er sieht in ihm einen Ausdruck des politischen Willens, das Los der Mitmenschen zu verbessern – genauer: einen Ausdruck extremer Fehler, die einer durchaus wohlmeinenden Politik unterlaufen können. In diesem Sinne interpretiert Popper die Ergebnisse totalitärer Politik als nicht-intendierte Folgen intentionaler – soziale Verbesserungen intendierender – Handlungen. Für Popper besteht der Kardinalfehler totalitärer Politik darin, gesellschaftliche Lernprozesse abzuwürgen, durch zentrale Planung zum Stillstand zu bringen. Deshalb zielt sein demokratischer Gegenentwurf darauf ab, gesellschaftliche Lernprozesse institutionell zu unterstützen. Popper geht es um das Verfahren – d.h. die Methode – sozialer Reformen, und hier vertritt er die Auffassung, dass „die Demokratie – und sie allein – einen institutionellen Rahmen darstellt, innerhalb dessen eine Reform ohne Gewaltanwendung |112|und damit die Anwendung der Vernunft auf die Fragen der Politik möglich ist“[164]. Insofern ist Poppers Plädoyer für die offene Gesellschaft – genauer: für die demokratische Verfassung der offenen Gesellschaft – zugleich ein Plädoyer für gesellschaftliches Lernen, für sozialen Fortschritt durch Kritik, insbesondere durch kritische Diskussion, ein Plädoyer für soziale Verbesserungen durch schrittweise Reformen.
(4) Poppers Aufsatzsammlung mit dem Titel „Objektive Erkenntnis“[165] liegt – so der Untertitel – ein „evolutionärer Entwurf“ zugrunde. Dieser Entwurf mündet in die sog. ‚Drei-Welten-Theorie‘ und lässt sich in drei Schritten rekonstruieren.
Erstens bedient sich Popper zur Darstellung seiner Lerntheorie eines formalen Schemas[166] (Abb. 3). Demnach nimmt Lernen seinen Ausgang von Problemen (P1). Diese Probleme werden zu lösen versucht. Es entstehen alternative Lösungsvorschläge (VL1, …, n). Die Verbesserung dieser Lösungsvorschläge erfolgt durch Fehlerelimination (FE) und mündet in neue Problemstellungen auf höherem Niveau (P2).
Abbildung 3:
Poppers Lernschema
Zweitens interpretiert Popper dieses Lernschema als Evolutionsschema, d.h. er verlängert seine Lerntheorie, den kritischen Rationalismus, bis in die Biologie hinein. Die beiden mittleren Elemente des Schemas repräsentieren Mutation und Selektion. Popper betont, dass auch die biologische Evolution als aktiver Lernprozess aufgefasst werden kann: „Alles Leben ist Problemlösen“[167]. Diese Auffassung kulminiert in der Aussage, dass die Amöbe und Einstein letztlich die gleiche Lernmethode verwenden, nämlich die kritisch-rationale Methode von Versuch und Irrtum, des Lernens aus Fehlern.[168]
Drittens kann vor diesem Hintergrund dieser Gemeinsamkeit die Frage neu gestellt werden, wodurch sich biologische und kulturelle Evolution unterscheiden. Poppers Antwort sieht den Unterschied im jeweiligen Selektionsobjekt: |113|Bei der Fehlerelimination im Rahmen kultureller Evolution sterben Ideen, nicht Menschen. Diese Antwort mündet unmittelbar in die begriffliche Trennung dreier unterschiedlicher Welten – Welt 1: Gegenstände und Organismen; Welt 2: subjektive Bewusstseinszustände; Welt 3: objektive Gedankeninhalte – und in zahlreiche theoretische Folgerungen dieser kategorialen Unterscheidung.[169]
Auf zwei dieser Folgerungen sei hier hingewiesen. Erstens kann Popper mit Hilfe der Drei-Welten-Unterscheidung seine erkenntnistheoretische Fragestellung präzisieren. Die vorpopperianische Erkenntnistheorie – so seine Selbsteinschätzung – war mit der Frage beschäftigt, wie sicheres Wissen möglich sei, und suchte demzufolge nach Objektivierungsmöglichkeiten subjektiven Wissens, z.B. mit Hilfe von Induktion. Auf diese Weise wurde der gesamte Komplex der Wissenschaft (fälschlicherweise) der Welt 2 zugeordnet, als Bereich gesicherten subjektiven Wissens. In dieser jahrhunderte-alten Tradition stehend, war die zeitgenössische Wissenschaftstheorie auf Welt 2 fokussiert, sie folgte einer primär erkenntnispsychologischen Orientierung. Für Popper liegt hier ein Kategorienfehler zugrunde, denn aus seiner Sicht ist die Wissenschaft nicht der Welt 2, sondern der Welt 3 zuzuordnen. ‚Biologisch‘ betrachtet, sind Theorien, Probleme, gelungene und gescheiterte Lösungsversuche, aber auch Heuristiken als exosomatische Produkte des Lebewesen ‚Mensch‘ ebenso real und ebenso autonom wie die exosomatischen Produkte anderer Lebewesen, z.B. „Spinnweben oder Wespennester, Ameisennester, Dachsbaue, Biberdämme oder Wildwechsel im Wald“[170]. Die Erforschung der objektiven Eigenschaften dieser – mit sprachlichen Mitteln – künstlich geschaffenen Welt 3 erklärt Popper zur Aufgabe seiner Erkenntnistheorie. Es geht ihm um die Produkte, nicht um die Produzenten, und in diesem Sinne gibt er als Motto aus: „Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt“[171]. Zweitens bleibt Popper nicht bei einer bloßen Unterscheidung der drei Welten stehen, sondern untersucht ihr Zusammenspiel im Evolutionsprozess. Dies führt ihn zu weiteren anti-psychologischen Folgerungen. So vertritt er etwa die These, dass das allgemeine Problem des Verstehens – angefangen von der Wissenschaftsgeschichte über die Sozialwissenschaften bis hin zur geisteswissenschaftlichen |114|Hermeneutik – als Problem falsch gestellt wird, wenn man es in Welt 2 und nicht in Welt 3 ansiedelt, wohingegen das Verstehen gefördert werde, indem man psycho-logisches Nachempfinden durch situations-logische Analysen ersetzt, die nicht den subjektiven Bewusstseinsprozessen der zu verstehenden Handlungen nachgehen, sondern ihre objektive Problemsituation zu rekonstruieren versuchen.[172]
Abbildung 4:
Poppers Werk im Überblick
(5) Abb. 4 vermittelt einen Überblick über die bisher entwickelte Lesart. Poppers Werk ist inspiriert von zwei Ereignissen, die in die Formulierung der beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie münden. Für diese Grundprobleme präsentiert Popper eine einheitliche Lösung: den kritischen Rationalismus als eine Theorie sozialen Lernens. Poppers Wissenschaftstheorie ist eine Anwendung des kritisch-rationalen Ansatzes, ebenso wie seine Methodologie der Sozialwissenschaften und sein Plädoyer für die demokratische Verfassung einer offenen Gesellschaft. Selbst seine Evolutionstheorie erweist sich im Kern als eine bis in die Biologie hinein verlängerte Lerntheorie.[173]
|115|5. Eine konstruktive Kritik des kritischen Rationalismus
(1) Bevor auf die Schwächen in Poppers Werk eingegangen wird, sei zunächst noch einmal eine besondere Stärke betont: die Systematizität, mit der Popper sein thematisches Spektrum erschließt, indem er den kritischen Rationalismus, (s)eine Theorie sozialen Lernens, auf scheinbar disparate Bereiche anwendet.
Popper arbeitet mit einer lerntheoretischen Analogisierung von Wissenschaft und Politik. In beiden Bereichen findet soziales Lernen statt. Beide Bereiche jedoch bleiben unter ihren Möglichkeiten, weil soziale Lernprozesse blockiert sind. Popper führt dies auf eine in beiden Bereichen verfehlte Fragestellung zurück, und er macht es sich zur Aufgabe, durch eine kategorial veränderte Fragestellung beiden Bereichen eine den sozialen Lernprozessen förderliche(re) Orientierung vorzugeben.
Für den Bereich Wissenschaft argumentiert Popper mit einer Asymmetrie zwischen Verifikation und Falsifikation. Gestützt auf diese Asymmetrie, propagiert er einen Perspektivwechsel weg vom Fundament vermeintlich sicheren Wissens hin zum dynamischen Prozess hypothetischer, fallibler Wissensfortschritte. Metaphorisch ausgedrückt, können beim Baum der Erkenntnis die Wurzeln ruhig im Dunkeln bleiben; von entscheidender Bedeutung sind die Früchte und von daher das Wachstum des Baumes.
Für den Bereich der Politik argumentiert Popper mit einer Asymmetrie zwischen Freude und Leid, zwischen der Verwirklichung von Glück und der Vermeidung von Unglück. Gestützt auf diese Asymmetrie, propagiert er einen Perspektivwechsel weg von abstrakter, utopischer Politik hin zu einer Bekämpfung konkreter Missstände. Ihm kommt es darauf an, dass Politik als ein Prozess aufgefasst wird, in dem kontinuierlich versucht wird, Irrtümer schrittweise zu revidieren. Hierfür ist eine Rückkopplung politischer Maßnahmen an die Bedürfnisse der Bürger erforderlich, wie sie in der von Popper befürworteten friedlichen Abwahlmöglichkeit der Regierung beschlossen liegt.
Poppers Auffassung zufolge lautet die dem Bereich der Wissenschaft angemessene Frage nicht: ‚Wer hat sicheres Wissen?‘, sondern: ‚Wie kann unser (stets unsicheres) Wissen vermehrt werden?‘. Analog lautet, Poppers Auffassung zufolge, die dem Bereich der Politik angemessene Frage nicht: ‚Wer soll herrschen?‘, sondern: ‚Wie können wir mit den (unvermeidlichen) Fehlern politischer Herrschaft möglichst vernünftig umgehen?‘. Das Gemeinsame dieser beiden Perspektivwechsel besteht in einer anti-autoritär gewendeten Lerntheorie, in einem kritischen Rationalismus, demzufolge weder nach autoritativen Quellen wissenschaftlicher Erkenntnis noch nach autoritativen Quellen politischer Herrschaft zu fragen ist.[174] An die Stelle dieser Fragen, die für Fehlorientierungen verantwortlich gemacht werden, wird die Maxime gesetzt, aus Fehlern zu lernen. |116|Für die Wissenschaft bedeutet dies, hypothetische Deduktionen so vorzunehmen, dass die Logik als Organon der Kritik eingesetzt werden kann. Für die Politik bedeutet es, soziale Reformen als kontrollierte Experimente schrittweise vorzunehmen und ihre Erfolgskontrolle durch eine Rückkopplung per Wahlabstimmung sicherzustellen.
(2) Poppers Arbeiten zu Wissenschaft und Politik sind Anwendungen des kritischen Rationalismus. Sofern der kritische Rationalismus als eine Theorie sozialen Lernens ein Defizit aufweist, muss sich dieses Defizit – bei systematischer Anwendung des kritisch-rationalen Ansatzes – in beiden Bereichen niederschlagen. Weisen die Arbeiten zu Wissenschaft und Politik strukturanaloge Schwächen auf, so kann man von diesen Schwächen folglich auf ein Defizit der kritisch-rationalen Hintergrundkonzeption zurückschließen. Es ist also gerade Poppers Stärke, seine Systematizität, von der eine kritische Rezeption seines Werkes Gebrauch machen kann.
Bei der Suche nach strukturanalogen Schwächen in Poppers Werk fällt auf, dass weder seine Arbeiten zur Wissenschaft noch seine Arbeiten zur Politik ohne Appelle auskommen. Popper arbeitet mit Appellen zur Wahrheit und mit Appellen zur Freiheit. Seiner Auffassung zufolge soll sich die Wissenschaft auf die Suche nach Wahrheit begeben, und die politische Suche nach einer besseren Welt soll sich am Wert individueller Freiheit orientieren.[175]
Nun markieren Appelle aber stets einen Abbruch – wenn nicht der Diskussion, so doch – der Argumentation. Metaphorisch ausgedrückt, antworten sie auf berechtigte Fragen des Diskussionspartners nicht mit einem Argument, sondern mit einem Ausrufezeichen. Sie geben nicht Auskunft, sie geben Anweisung. Appelle indizieren einen Mangel an Diskursivität und sind insofern ein Ausdruck von – je nachdem – Verweigerung oder auch nur Verlegenheit auf der einen Seite und als solcher zugleich eine Zumutung für die andere Seite. Auf diese Weise untergraben Appelle die Rationalität der Diskussion.[176]
Im Hintergrundkonzept des kritischen Rationalismus hat Popper diesem Sachverhalt offensichtlich keinen systematischen Stellenwert eingeräumt. Will man dies ändern, so muss man die Kernbotschaft des kritischen Rationalismus reformulieren. Dass wir aus Fehlern lernen, ist zwar richtig, jedoch zu unspezifisch, |117|wenn man das Potential einer Theorie sozialen Lernens voll ausschöpfen will. Das gleiche gilt auch noch für die Aussage, dass wir aus Kritik lernen. Die sozialen Voraussetzungen argumentationsgestützter Lernprozesse werden hier nicht stark genug betont. Als These zugespitzt: Für einen reformulierten kritischen Rationalismus entfaltet sich Rationalität durch Diskursivität, durch einen Diskussionsprozess, der als Wettbewerb um das bessere Argument organisiert ist und gerade dadurch eine diskursive Überbietungsrationalität freisetzt. Argumentationsgestützte Lernprozesse beruhen auf ‚konstruktiver‘ Kritik. Dies setzt eine gemeinsame Basis voraus, die u.U. allererst geschaffen werden muss und die schaffen zu helfen eine wichtige Aufgabe theoretischer Orientierungsleistungen darstellt.
Vor diesem Hintergrund stellen sich nun zwei Fragen, auf die im Folgenden eine Antwort zu geben versucht wird: Inwiefern handelt es sich bei dieser Reformulierung um eine konstruktive Kritik Poppers; inwiefern ist sie mit seinem Werk zu vereinbaren? Und inwiefern handelt es sich um eine konstruktive Kritik Poppers; welche Veränderungen zieht die Revision des Hintergrundkonzepts nach sich?
(3) In bezug auf die erste Frage ist auf zwei Sachverhalte aufmerksam zu machen. Erstens hat Popper zwischen 1934 und 1944 sein Abgrenzungskriterium weiterentwickelt. Das ursprüngliche Kriterium, die Falsifizierbarkeit, erscheint ihm seitdem als ein Spezialfall des allgemeineren Abgrenzungskriteriums der Kritisierbarkeit.[177] Demzufolge unterscheidet sich echte Wissenschaft von bloßer Pseudo-Wissenschaft nicht unbedingt dadurch, dass ihre Aussagen empirisch getestet werden können. Vielmehr reicht es bereits aus, dass ihre Aussagen systematisch verbessert werden können. Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass Lernfortschritte nicht unbedingt durch eine Konfrontation von Theorie und Realität zustande kommen müssen, sondern auch durch eine Konfrontation alternativer Theorien erzielt werden können. Faktisch kommt dies einer diskursiven Wende des kritischen Rationalismus gleich.[178] Diese Wende wird lediglich konsequent zu Ende gedacht, wenn man sich den von Popper selbst initiierten Kriterienwechsel von der Falsifizierbarkeit zur Kritisierbarkeit zu eigen macht und dann darauf aufbauend das diskursive Prinzip konstruktiver Kritik als Leitidee einer reformulierten Theorie sozialen Lernens ausweist. In dieser Hinsicht kann also recht weitgehend Kontinuität zu Popper reklamiert werden.[179]
|118|Zweitens geht es Popper in seinen Anwendungen des kritischen Rationalismus nicht nur um Kritik, sondern dezidiert um konstruktive Kritik. In seinen Arbeiten zur Wissenschaft und zur Politik bemüht er sich – zwar nicht in allen Details, wohl aber vom Grundsatz her – um die Generierung von Zweckmäßigkeitsargumenten.[180] Insbesondere seine Versuche, die jeweilige Fragestellung zu ändern, können als ein sicheres Indiz für diskursives Problembewusstsein gewertet werden: Popper versucht, Denkblockaden aufzubrechen, indem er die zugrunde liegenden Denkkategorien als verfehlt kritisiert. Popper setzt hier deutlich auf konstruktive Kritik. Er versucht, seine Gegner mit besseren Argumenten diskursiv zu überbieten. Diese diskursive Ausrichtung seiner Wissenschaftstheorie wird in folgendem Zitat besonders deutlich:
„Nach der hier vertretenen Auffassung können also die ‚erkenntnistheoretischen Probleme‘ in zwei Gruppen eingeteilt werden: Die erste Gruppe enthält die methodologischen Fragen; die zweite Gruppe die spekulativ-philosophischen, die in den meisten Fällen als Missdeutungen der methodologischen Fragen dargestellt werden können. … Wenn diese Auffassung berechtigt ist, so erweist sich die Fruchtbarkeit der erkenntnistheoretischen Methode und einer glücklichen erkenntnistheoretischen Fragestellung darin, dass es gelingt, den Fragen der zweiten Gruppe solche der ersten Gruppe zu substituieren; anders ausgedrückt: die erkenntnistheoretischen Missdeutungen nicht einfach als Scheinfragen abzutun, sondern die ihnen zugrunde liegenden echten, konkreten methodologischen Fragen aufzuzeigen und zu beantworten.“[181]
Aber auch Poppers Plädoyer für die offene Gesellschaft folgt einer diskursiven Ausrichtung. Um dies zu erkennen, muss man sich nur die Problemsituation vergegenwärtigen, die er zu bearbeiten versucht. Darauf anspielend, dass Hitler 1933 legal an die Macht gekommen ist, heißt es bei Popper (1945, 1992a; S. 148):
„Was tun wir, wenn es der Wille des Volkes ist, nicht selbst zu regieren, sondern statt dessen einen Tyrannen regieren zu lassen? … Diese Möglichkeit ist nicht an den Haaren herbeigezogen; Fälle dieser Art sind oft genug eingetreten. Und immer, wenn sie sich ereigneten, kamen alle jene Demokraten in eine hoffnungslose intellektuelle Situation, die das Prinzip der Herrschaft der Mehrheit oder eine ähnliche Form des Prinzips der Souveränität als die Grundlage ihres politischen Glaubensbekenntnisses akzeptieren. Einerseits verlangt das von ihnen akzeptierte Prinzip, sich jeder Herrschaft zu widersetzen außer der Herrschaft der Majorität, also auch der Herrschaft des neuen Tyrannen; andererseits fordert dasselbe Prinzip von ihnen die Anerkennung jeder Entscheidung der Majorität und damit auch die Anerkennung der Herrschaft des neuen Tyrannen. Es ist natürlich, dass der Widerspruch in ihrer Theorie ihre Handlungen lähmen muss. Diejenigen unter uns Demokraten, die die institutionelle |119|Kontrolle der Herrscher durch die Beherrschten fordern und die insbesondere auf dem Recht bestehen, die Regierung aufgrund eines Majoritätsvotums zum Rücktritt zu veranlassen, müssen daher für diese ihre Forderungen eine bessere Begründung suchen als eine widerspruchsvolle Theorie der Souveränität.“
Poppers Problemsituation ist die auf eine Denkblockade zurückgeführte Handlungsblockade zahlreicher Demokraten angesichts der Machtergreifung durch Hitler. Zur Auflösung dieser Blockaden unternimmt er nichts Geringeres, als das übliche Verständnis von Demokratie grundlegend zu verändern. Er orientiert sich an der Asymmetrie zwischen Freude und Leid und legt sein alternatives Verständnis von Demokratie darauf fest, das mit einer Tyrannei verbundene Leid zu vermeiden. Aus dieser Perspektive sind demokratische Wahlen für ihn dann ein Mittel zum Zweck. Mit dieser kategorialen Umstellung weist er einen Ausweg aus der ansonsten seines Erachtens hoffnungslosen intellektuellen Situation der Jahre 1933ff.:
„Wer das Prinzip der Demokratie in diesem Sinne annimmt, ist also nicht gezwungen, das Resultat einer demokratischen Abstimmung als einen autoritativen Ausdruck dessen anzusehen, was Recht ist. Er wird die Entscheidung der Majorität annehmen, um den demokratischen Institutionen die Arbeit zu ermöglichen. Es steht ihm aber frei, diese Entscheidung mit demokratischen Mitteln zu bekämpfen und auf ihre Revision hinzuarbeiten.“ [182]
(4) In bezug auf die zweite Frage können hier zunächst einige Hinweise gegeben werden, bevor die nächsten Abschnitte ausführlicher zur Diskussion stellen, dass sich die Anwendungen eines reformulierten kritischen Rationalismus recht deutlich von Poppers eigenen Anwendungen unterscheiden.
Erstens hat Popper den von ihm selbst initiierten Kriterienwechsel von der Falsifizierbarkeit zur Kritisierbarkeit nicht konsequent vollzogen, mit der durchaus bemerkenswerten Folge, dass er praktisch sein gesamtes Werk – angefangen von der Wissenschaftstheorie über die Methodologie der Sozialwissenschaften bis hin zu seinem Plädoyer für die offene Gesellschaft – als nicht-wissenschaftlich einstuft, weil es nicht in empirischen Tests nachprüfbar ist.[183] Allenfalls der späte Popper scheint zu der Auffassung gelangt zu sein, dass sogar Interpretationen in den Bereich der Wissenschaft fallen, sofern sie kritisierbar, insbesondere konstruktiv kritisierbar, sind.[184]
|120|Zweitens, und dies hat nicht einmal der späte Popper erkannt, hat die Reformulierung des kritischen Rationalismus gravierende Konsequenzen für mindestens eins der beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie: Sobald man das Prinzip der (konstruktiven) Kritik zur Leitidee einer Theorie sozialen Lernens macht, erübrigt sich die Frage nach dem Abgrenzungskriterium. Poppers Versuch, den ‚wissenschaftlichen Sozialismus‘ als Pseudo-Wissenschaft überführen zu können, zielt auf eine Diskreditierung des Gegners, auf einen Abbruch der Diskussion. Eine solche Abgrenzung bewirkt eine diskursive Ausgrenzung, nicht aber eine diskursive Überbietung durch bessere Argumente. Dies lässt erwarten, dass die in deutlicher Kontinuität zu Popper erfolgte Reformulierung des kritischen Rationalismus werkimmanent eine gewisse Sprengkraft entfalten könnte. Der Bestätigung dieser Erwartung dienen die nächsten drei Abschnitte. Sie diskutieren für jede Ebene des thematischen Spektrums anhand eines Anwendungsbeispiels, inwiefern die vorgeschlagene Re-Formulierung zu einer Re-Aktualisierung des kritischen Rationalismus beitragen kann.
6. Demokratie in Europa
(1) Zum ersten Anwendungsbeispiel: Karl Popper gehört zu den vehementesten Verfechtern der Demokratie, die er als eine politische Methode interpretiert, aus Fehlern zu lernen, und die er (deshalb) gegen totalitäre Gefährdungen verteidigt. Sein Problem besteht darin, ein Argument zu entwickeln, das es Demokraten erlaubt, einen demokratisch gewählten Tyrannen zu bekämpfen. Zu diesem Zweck löst er den Demokratiebegriff von dem Wahlakt als Ursprung politischer Herrschaft und bindet ihn statt dessen an die verfassungskonforme Ausübung politischer Herrschaft. Sie soll einer Kontrolle durch die Bürger, d.h. die Beherrschten, unterworfen sein. Nicht die Wahl, sondern die Abwahl(möglichkeit) ist für Poppers Demokratiebegriff konstitutiv. Analog zu Poppers wissenschaftstheoretischem Perspektivwechsel weg von den Quellen (vermeintlich) sicherer Erkenntnisautorität hin zu den prozessualen Bedingungen für Erkenntnisfortschritt, verbindet sich mit seinem Demokratiebegriff ein Perspektivwechsel weg von den Quellen politischer Autorität hin zu den prozessualen Bedingungen politischer Fortschritte. Beide Perspektivwechsel verändern die jeweilige Fragestellung und rücken so die institutionellen Bedingungen sozialen Lernens in den Mittelpunkt.
Poppers Demokratiebegriff, sein Begriff einer Abwahldemokratie, enthält eine Botschaft, die nur vor dem Hintergrund einer ganz bestimmten Problemsituation, der Machtergreifung Hitlers, zu verstehen ist. Die Botschaft besteht darin, dass eine Regierung als undemokratisch, d.h. als Tyrannei, zu (dis-)qualifizieren ist, sobald sie sich durch Verfassungsmanipulation einer demokratischen Abwahlmöglichkeit entzieht, und zwar unabhängig davon, ob sie von einer Mehrheit der Bürger per Wahlakt ins Amt gesetzt worden ist. Die Pointe dieser Botschaft liegt darin, jene Anhänger der Demokratie aus einer Denk- und Handlungsblockade zu befreien, deren Demokratiebegriff an einem bloßen Oberflächenphänomen haftet: am Ursprungsakt politischer Herrschaft durch Mehrheitsbeschluss. Popper geht es darum, im Wege konstruktiver Kritik demokratische (Selbst-)Missverständnisse |121|aufzuklären, die einem demokratischen Widerstand gegen Hitler im Wege stehen. Vor diesem Hintergrund lautet die im folgenden einzulösende These, dass aufgrund der mittlerweile radikal veränderten Problemsituation nicht Poppers Pointe, sondern nur das Prinzip seiner Pointe aktualisiert werden kann.
(2) Die heutige Problemsituation ist dadurch gekennzeichnet, dass ein oberflächlicher Demokratiebegriff bewährte Institutionen in Frage stellt. Neben Forderungen nach einer sog. ‚Demokratisierung der Wirtschaft‘, die einer Enteignung privater Eigentumsrechte gleich käme, sind ‚demokratische‘ Vorbehalte gegenüber der Europäischen Union das derzeit wohl gravierendste Beispiel. Der Grund für diese Vorbehalte liegt in einer strukturellen Diskrepanz zwischen der Unionsverfassung und der Verfassung ihrer Mitgliedstaaten. In den Mitgliedstaaten wird die Regierung durch ein Parlament kontrolliert, das zugleich als Gesetzgeber tätig ist. In der Europäischen Union hingegen wird die Gesetzgebungsfunktion von den Vertretern der nationalen Regierungen ausgeübt, während das Europäische Parlament kaum über Kompetenzen verfügt. Diese strukturelle Diskrepanz wird von vielen als Demokratiedefizit, d.h. als Legitimationsdefizit, wahrgenommen.
Solange – nach nationalstaatlichem Vorbild – Demokratie mit parlamentarischer Demokratie gleichgesetzt wird, entsteht der missliche Eindruck, es gebe einen Widerspruch zwischen der Europäisierung und der Demokratisierung von Politik, denn die Verlagerung politischer Kompetenzen von den Mitgliedstaaten auf die Union kommt einer Entparlamentarisierung gleich. Es entsteht der Eindruck, als würden die materiellen und immateriellen Vorteile der Union – angefangen von friedlicher Koexistenz über kulturellen Austausch bis hin zur Freizügigkeit von Gütern und Dienstleistungen, von Arbeit und Kapital – mit Einbußen an demokratischer Grundsatztreue (teuer) erkauft.
Abbildung 5:
Die Wahrnehmungsperspektive der öffentlichen Diskussion
Anders ausgedrückt, ist die heutige Problemsituation dadurch gekennzeichnet, dass weit verbreitete Legitimationsvorstellungen einer Aneignung europäischer Kooperationserträge im Wege stehen, so als müsste man sich zwischen Europäisierung und Demokratisierung im Sinne eines Entweder-Oder entscheiden (Abb. 5).
(3) Eine Lösungsstrategie für diese Problemsituation besteht darin, den Demokratiebegriff von vornherein, d.h. systematisch, als Legitimationsbegriff zu |122|entwickeln[185]: Das einer Demokratie einzig angemessene Legitimationskriterium politischer Herrschaft ist der Konsens, die Zustimmung der Bürger zum Gesellschaftsvertrag, durch den politische Herrschaft konstituiert wird. Unter realen Knappheitsbedingungen wäre eine einstimmige Übereinkunft ausnahmslos aller Bürger jedoch nur zu prohibitiv hohen Kosten herbeizuführen. Sie ist also nicht realisierbar. Deshalb lässt sich die Zustimmung der Bürger nicht einfach durch Abstimmung sicherstellen. Vielmehr tritt an die Stelle kollektiver Mitbestimmung – in der Wirtschaft nicht anders als in der Politik, aber auch in der Wissenschaft – eine Delegation gesellschaftlicher Entscheidungsbefugnisse. Diese Delegation weist Vor- und Nachteile auf. Sie eröffnet die Möglichkeit von Spezialisierungserträgen, und zugleich ruft sie Anreizprobleme hervor. Zum einen erhöht die Delegation von Entscheidungsbefugnissen an die Akteure in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik das Kompetenzniveau; der Verzicht auf Mitbestimmung ist produktiv. Zum anderen entsteht das Problem, dass diejenigen, die letztlich in gesellschaftlichem Auftrag handeln, also z.B. Wissenschaftler, Unternehmer und Politiker, sich nicht ohne weiteres am Gemeinwohl orientieren und als Agenten die Interessen ihrer Prinzipale vernachlässigen; der Verzicht auf Mitbestimmung ist gefährlich. Deshalb sind institutionelle Sicherungen erforderlich, um die nötige Anreizkompatibilität herzustellen. Zu den im allgemeinen bewährten Sicherungen im Bereich der Politik gehört die Einrichtung von Parlamentswahlen, aber auch die Beschränkung parlamentarischer Kompetenzen, z.B. durch den in einer Verfassung verankerten Schutz von Minderheitsrechten. Hinzu gehört auch die Kontrolle des Parlaments durch eine unabhängige Verfassungsgerichtsbarkeit sowie durch eine massenmedial und pluralistisch verfasste kritische Öffentlichkeit.
Worin genau liegt nun der Lösungsbeitrag eines solchen Denkansatzes zur skizzierten Problemsituation? Hier ist auf drei Aspekte hinzuweisen[186]: Erstens beendet die Konsenstheorie der Demokratie die weit verbreitete Konfundierung von Fragen der Legitimation politischer Herrschaft und Fragen ihrer Organisation. Legitimationsprinzip ist der Konsens, wohingegen der Parlamentarismus ein Organisationsprinzip ist, ein zugegebenermaßen wichtiges Organisationsprinzip, aber eben nur ein Organisationsprinzip neben und in Verbindung mit wichtigen anderen.
Dies führt, zweitens, dazu, dass die politische Diskussion einer europäischen Verfassung von normativen Kurzschlüssen befreit und als Zweckmäßigkeitsdiskussion sachlich(er) geführt werden kann. Die kategoriale Umstellung von Parlamentsdemokratie auf Konsensdemokratie lässt nämlich die relevanten Alternativen in einem neuen Licht erscheinen. Letztlich geht es um die Frage, durch wen die Akteure europäischer Politik kontrolliert und wie diese Kontrolleure ihrerseits mit Anreizen versorgt werden können, sich im Interesse der Bürger zu verhalten: Quis custodiet ipsos custodes? Entweder werden die Akteure europäischer Politik durch ein europäisches Parlament direkt kontrolliert, oder sie werden indirekt kontrolliert durch die nationalstaatlichen Parlamente, die die jeweiligen Regierungsvertreter auch in ihrer Rolle als Akteure europäischer Politik zur Verantwortung ziehen können. Die erste Variante kopiert das nationalstaatlich eingespielte Verfassungsmuster auf die Unionsebene. Die zweite Variante |123|trägt dem supra-nationalen Kontext Rechnung durch ein Verfahren, das sich die nationalstaatlich eingespielten Verfassungsmuster zunutze macht. In beiden Fällen erfolgt die Delegationskontrolle durch Delegierte. Es entsteht also ein Delegationsproblem zweiter Ordnung. Bei sorgfältiger Prüfung spricht einiges dafür, dass sich dieses Anreizproblem (bis auf weiteres) auf der Ebene nationalstaatlicher Parlamente leichter lösen lässt als auf der Ebene eines europäischen Parlaments, und zwar einfach deshalb, weil es (noch) keine europäische Öffentlichkeit gibt, die die seit langem erfolgreich tradierte Kontrollfunktion nationaler Öffentlichkeiten übernehmen könnte. Eingeschränkte Kompetenzkataloge europäischer Politik und qualifizierte Mehrheitserfordernisse bis hin zur Einstimmigkeit gehören zu den flankierenden Maßnahmen, durch die die beiden Verfassungsvarianten zu funktionalen Äquivalenten werden, zwischen denen folglich rein unter Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten entschieden werden kann. Jedenfalls verfügt keine dieser beiden Varianten – abgesehen von ihrer überlegenen Zweckmäßigkeit – über eine von vornherein höhere demokratische, d.h. legitimatorische, Dignität.
Abbildung 6:
Orthogonale Positionierung als Veränderung der Denkrichtung um 90°
Dies leitet über zum dritten Aspekt. Die Konsenstheorie der Demokratie löst den Widerspruch zwischen Europäisierung und Demokratisierung als vermeintlichen Widerspruch auf: Systematisch betrachtet, sind die Vor- und Nachteile von Delegation interdependent. Die institutionelle Kontrolle der Fehlanreize für Agenten ist sogar eine Voraussetzung dafür, dass sich die Bürger als Prinzipale auf die Delegation gesellschaftlicher Entscheidungsbefugnisse einlassen. Demokratische Vorkehrungen stehen, sofern sie zweckmäßig sind, im Dienst der Aneignung europäischer Kooperationserträge. Damit gelingt eine ‚orthogonale Positionierung‘ zur üblichen Frontstellung der öffentlichen Debatte, in der entweder (vermeintliche) Demokratiedefizite um realer Vorteile willen hingenommen werden oder aber die Aneignung europäischer Kooperationserträge mit normativen Vorbehalten belastet wird (Abb. 6). Erst diese orthogonale Positionierung: eine Veränderung der Denkrichtung um 90° bzw. 270°, löst den Anspruch konstruktiver Kritik ein, indem sie die beiden einander (vermeintlich) widersprechenden Positionen diskursiv überbietet und damit aufhebt.[187]
|124|7. Das Rationalitätsprinzip in den Sozialwissenschaften
Zum zweiten Anwendungsbeispiel: Karl Popper gehört zu den vehementesten Verfechtern des Rationalitätsprinzips in den Sozialwissenschaften. Die Annahme, dass Menschen auf situative Anreize optimal zu reagieren versuchen, ist bis heute umstritten, auch innerhalb der Wirtschaftswissenschaften. Damit stellen sich drei Fragen: Wie ist die heutige Problemsituation beschaffen? Was kann man heute noch von Poppers Methodologie der Sozialwissenschaften lernen? Und wie lässt sich Poppers Verteidigung des Rationalitätsprinzips verbessern?
(1) Zur Kennzeichnung der Problemsituation ist es zweckmäßig, zwei Begriffe von Rationalität zu unterscheiden und zueinander ins Verhältnis zu setzen, den Begriff einer Verfahrensrationalität und den einer Ergebnisrationalität. Für beide Begriffe ist die Vorstellung eines Lernprozesses konstitutiv. Der Begriff einer Verfahrensrationalität, z.B. eines Lernens aus Fehlern, stellt auf den Prozesscharakter des Lernens ab. Der Begriff einer Ergebnisrationalität, z.B. die Annahme optimalen Verhaltens, bezieht sich hingegen auf einen Zustand, in dem der Lernprozess sein Ende bereits erreicht hat. Der methodologische Streit um das Rationalitätsprinzip dreht sich darum, inwiefern die Sozialwissenschaften, insbesondere die Wirtschaftswissenschaften, von der Kategorie einer Ergebnisrationalität Gebrauch machen dürfen oder sogar müssen.
Zusätzlich zu diesen beiden Rationalitätskategorien lassen sich zwei Rationalitätsebenen unterscheiden. Individuellen Lernprozessen korrespondiert die Ebene individueller Rationalität, und gesellschaftlichen Lernprozessen korrespondiert die Ebene gesellschaftlicher Rationalität. Mit Hilfe dieser Unterscheidungen lassen sich drei Theorievarianten innerhalb der Wirtschaftswissenschaften identifizieren (Abb. 7).
Die erste Variante, der i.e.S. ‚ökonomische Ansatz‘, verwendet auf den beiden Analyse-Ebenen jeweils unterschiedliche Rationalitätskategorien. Auf der individuellen Ebene arbeitet er mit dem Konzept einer Ergebnisrationalität. Auf der gesellschaftlichen Ebene hingegen arbeitet er mit dem Konzept einer Verfahrensrationalität. Einerseits wird angenommen, dass sich Individuen optimal |125|verhalten und dass dieses Verhalten als Nutzenmaximierung modelliert werden kann. Andererseits wird angenommen, dass das soziale Zusammenspiel optimierender Akteure nicht ebenfalls als Maximierung, sondern vielmehr als institutionelle Koordinierung modelliert werden muss und dass sich gesellschaftliches Lernen vornehmlich im Modus institutioneller Reformen vollzieht. Der zweiten Variante entspricht die Wohlfahrtstheorie. Sie verwendet auf beiden Analyse-Ebenen die Kategorie der Ergebnisrationalität und arbeitet folglich mit Modellen individueller Nutzenmaximierung und – nomen est omen – gesellschaftlicher Wohlfahrtsmaximierung. Die dritte Variante schließlich bemüht sich um eine sog. verhaltenswissenschaftliche Fundierung der Wirtschaftswissenschaften. Die Verhaltenstheorie verwendet auf beiden Analyse-Ebenen die Kategorie einer Verfahrensrationalität. Die heutige Problemsituation ist dadurch gekennzeichnet, dass diese drei Varianten in Konkurrenz zueinander stehen.
Abbildung 7:
Die heutige Problemsituation in den Wirtschaftswissenschaften
(2) Zieht man vor dem Hintergrund dieser Konkurrenz Poppers Methodologie der Sozialwissenschaften zu Rate, so folgt eine eindeutige Stellungnahme zugunsten der ersten Variante, die der von Popper befürworteten Methode einer Situationslogik entspricht, während gegenüber der zweiten und dritten Variante gravierende Vorbehalte geltend gemacht werden können. Gegen die zweite Variante spricht Poppers Utopie-Kritik, gegen die dritte sein methodologischer Anti-Psychologismus.
Die Wohlfahrtstheorie arbeitet mit dem Idealbild eines gesellschaftlichen Pareto-Optimums, eines Zustandes, in dem nicht weiter gelernt werden kann, weil bereits alle Optionen bestmöglich ausgeschöpft sind. Politische Maßnahmen werden dann von diesem Referenzmodell her entworfen. Das Denken nimmt seinen Ausgangspunkt in einer Utopie, nicht jedoch im Status quo. Es entsteht eine utopische Lücke, die nur schwer zu überbrücken ist, was sich in entsprechenden Implementationsschwierigkeiten niederschlägt. Insofern ist es kein Zufall, dass sich, wie allgemein bekannt, wohlfahrtstheoretische Vorschläge in der politischen Praxis nur äußerst schwer umsetzen lassen. – Popper würde hier mit der |126|Asymmetrie zwischen Freude und Leid argumentieren. Er würde folgern, dass es generell zweckmäßiger sei, sich an konkreten Missständen anstatt an einer abstrakten Utopie zu orientieren. Dies würde bedeuten, schrittweise Verbesserungen anzustreben. Wollte man Poppers Utopie-Kritik Rechnung tragen, so müsste man – in der Sprache der Wohlfahrtstheorie ausgedrückt – das Ergebniskriterium gesellschaftlicher Pareto-Optimalität ersetzen durch das Verfahrenskriterium gesellschaftlicher Pareto-Superiorität. Dies aber käme einem Wechsel von Variante 2 zu Variante 1 gleich, wie insbesondere die Arbeiten James Buchanans zeigen, dessen Forschungsprogramm einer ‚konstitutionellen Ökonomik‘ genau diesen Wechsel propagiert.[188]
Die Verhaltenstheorie versucht, die Sozialwissenschaften und insbesondere die Wirtschaftswissenschaften von der Psychologie her zu entwickeln. Die Erforschung individueller Lernprozesse soll die Grundlage für die Erforschung gesellschaftlicher Lernprozesse bilden. Das Forschungsprogramm wird im Schema ‚Teil-Ganzes‘ gedacht: Die Gesellschaft ist das Ganze, die Individuen sind die Teile, die sozialen Elemente. Das Ganze gilt hier als die Summe seiner Teile. Folglich, so das Argument, muss man zunächst einmal über die Individuen (möglichst genau) Bescheid wissen, bevor man die Gesellschaft verstehen kann, also z.B. in Laborexperimenten erforschen, wie Menschen wirklich denken und welche Fehler sie hierbei machen. – Popper würde hierauf antworten, dass sich das plausibel anhört, dass aber die Plausibilität ein schlechter Ratgeber in solchen Fragen ist. Um für gedankliche Klarheit zu sorgen, würde Popper auf die Metapher des Scheinwerfers zurückgreifen: Theorien sind Scheinwerfer. Sie bringen Licht ins Dunkel, erhellen Sachverhalte. Das, was uns interessiert, können wir mit Theorien beleuchten. Wenn wir etwas über die Gesellschaft erfahren wollen, dann müssen wir den Scheinwerfer auf die Gesellschaft richten. Wenn wir ihn hingegen auf uns selbst richten, d.h. auf die Individuen, dann werden wir geblendet und können gar nicht erkennen, was uns eigentlich interessiert.
Popper würde versuchen, mit Hilfe dieser Metapher folgendes Zurechnungsproblem zu erläutern: Wenn wir etwas über die Anreizwirkung gesellschaftlicher Institutionen in Erfahrung bringen wollen, dann müssen wir mit einer Theorie arbeiten. Eine solche Theorie hat mindestens zwei Bestandteile. Erstens arbeitet sie mit einem Situationsmodell: einer skizzenhaften Beschreibung der situativen Anreize, die durch das institutionelle Arrangement gesetzt werden, und zweitens arbeitet sie mit einer Annahme darüber, wie Individuen auf Anreize reagieren. Weiter würde Popper argumentieren, dass theoretisches Lernen auf Fehlerelimination angewiesen ist und dass eine solche Fehlerelimination prinzipiell an beiden Theoriebestandteilen ansetzen kann. Allerdings würde er darauf hinweisen, dass es gute Gründe gibt, an der getroffenen Annahme festzuhalten und statt dessen ausschließlich das Situationsmodell zu variieren, d.h. sämtliche theoretischen Lernprozesse auf den ersten Theoriebestandteil zu konzentrieren. Wer die Frage stellt, ob Individuen sich rational verhalten, lernt möglicherweise etwas über Individuen, aber er lernt nichts über die situativen Anreizeigenschaften gesellschaftlicher Institutionen.
|127|Insofern ist es kein Zufall, dass der in den letzten Jahrzehnten erzielte Erkenntnisfortschritt innerhalb der Ökonomik darin bestanden hat, den formalen Opportunitätskostenbegriff inhaltlich immer besser zu spezifizieren. Institutionen kanalisieren individuelles Handeln, indem sie auf die situativen Zeitkosten, Informationskosten und Transaktionskosten einwirken. Dieser Erkenntniszuwachs über die institutionellen Beeinflussungsmöglichkeiten individueller Handlungsspielräume verdankt sich jedoch nicht der dritten Variante, sondern der ersten Variante, die das Rationalitätsprinzip: die Annahme optimalen Individualverhaltens, für ein leistungsfähiges Zurechnungsverfahren in Dienst nimmt. Dies zeigt sich vor allem in den Arbeiten Gary Beckers, dessen Forschungsprogramm eines ‚ökonomischen Imperialismus‘ genau dieses kostenorientierte Zurechnungsverfahren propagiert.[189]
(3) Poppers Methodologie der Sozialwissenschaften liefert eine eindrucksvolle Begründung für die situationslogische Vorgehensweise der ersten Variante, des i.e.S. ökonomischen Ansatzes, und insbesondere für die Verwendung des Rationalitätsprinzips innerhalb der ökonomischen Situationslogik. Popper hat die Annahme situationsadäquaten Verhaltens in vielen Beiträgen verteidigt. Die konziseste Darstellung freilich findet sich in einem Aufsatz mit dem Titel „Das Rationalitätsprinzip“[190]. Dieser Aufsatz macht deutlich, wo die Stärke seiner Verteidigung des Rationalitätsprinzips liegt: Sie liegt in einer lerntheoretischen Argumentation, in einer Argumentation, die neben dem individuellen und gesellschaftlichen Lernprozess noch einen dritten Lernprozess ins Spiel bringt, nämlich den Lernprozess sozialwissenschaftlicher Theorien, für den sich das Rationalitätsprinzip als funktional erweist. Der Aufsatz lässt aber auch eine Schwäche erkennen: Während Popper das Rationalitätsprinzip einerseits für schlechthin unverzichtbar hält, stuft er es andererseits zugleich als „einfach falsch“[191] ein. Sein lerntheoretisches Argument zugunsten des Rationalitätsprinzips liest sich im Original so: „Wir lernen nicht viel, wenn wir lernen, dass dieses Prinzip, streng genommen, nicht wahr ist: das wissen wir schon. Zudem ist es, trotz der Tatsache, dass es falsch ist, der Wahrheit in der Regel hinreichend nahe“[192]. Popper argumentiert hier mit einer angeblichen Realitätsnähe der Rationalitätsannahme. Dies ist geradezu eine Einladung, die Gültigkeit dieser Annahme empirisch zu überprüfen, d.h. eine Einladung zum methodologischen Psychologismus. Wie lassen sich solche Missverständnisse vermeiden? Gibt es eine Alternative zu Poppers angestrengtem Versuch, ein falsches Prinzip als unverzichtbar zu rechtfertigen? Kann man das Rationalitätsprinzip vielleicht besser verteidigen? Gibt es durchschlagendere Argumente? Zur Beantwortung dieser Fragen seien folgende Überlegungen zur Diskussion gestellt.
Das Rationalitätsprinzip impliziert nicht, dass Individuen keine Fehler machen. Es impliziert lediglich, dass sie versuchen, aus ihren Fehlern zu lernen. Genaugenommen drückt es nämlich die Annahme aus, dass die Individuen in der konkret untersuchten Situation aus ihren Fehlern schon gelernt haben. Unterstellt |128|wird, dass das Potential individueller Lernprozesse angesichts einer gegebenen Anreizkonstellation bereits vollständig ausgeschöpft ist. Diese Annahme enthält zweifellos eine Übertreibung. Wie aber lässt sich eine solche Übertreibung methodologisch rechtfertigen? Im Prinzip gibt es hierfür nur zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit unterscheidet zwischen großen und kleinen Übertreibungen und rechtfertigt letztere pragmatisch: als tolerierbare Fehler. Die zweite Möglichkeit setzt völlig anders an und unterscheidet zwischen unzweckmäßigen und zweckmäßigen Übertreibungen. Letztere werden systematisch gerechtfertigt: als Übertreibungen in die richtige Richtung. Beispiel: Will man eine verlässliche Kostenuntergrenze schätzen, so ist es zweckmäßig, die zu addierenden Schätzpositionen im Zweifelsfall stets zu niedrig anzusetzen. Wenn schon Ungenauigkeiten in Kauf genommen werden müssen – und hierin liegt ein Spezifikum von Schätzungen –, dann kommt es darauf an, dass jede einzelne Angabe in die richtige Richtung übertrieben – im Beispiel: untertrieben – wird. Eine einzige Abweichung nach oben zerstört die Verlässlichkeit der Kostenuntergrenze, d.h. sie macht das Erkenntnisinteresse zunichte. In bezug auf dieses Erkenntnisinteresse lassen sich zweckmäßige und unzweckmäßige Übertreibungen eindeutig voneinander unterscheiden.
Die erste Rechtfertigungsmöglichkeit macht sich die überaus populäre Vorstellung zu eigen, das Verhältnis von Theorie und Realität dadurch bestimmen zu wollen, dass man nach der Realitätsnähe theoretischer Annahmen fragt, wobei von vornherein unterstellt ist, realitätsnahe Annahmen seien besser als realitätsferne Annahmen. Die zweite Rechtfertigungsmöglichkeit setzt grundlegend anders an. Sie erörtert den Realitätsbezug theoretischer Annahmen, indem sie zunächst – rein theorie-immanent – nach dem Problembezug theoretischer Annahmen fragt und sodann – mit Blick auf die Realität – die Folgefrage stellt, inwiefern die jeweilige Problemstellung Relevanz beanspruchen kann. Aus dieser differenzierten Perspektive sind die Schlüsse der ersten Rechtfertigungsmöglichkeit in aller Regel Kurzschlüsse, weil sie das zugrunde liegende Problem ausblenden und folglich jenen Maßstab vermissen lassen, ohne den methodologische Erörterungen notorisch unfruchtbar sind. Was heißt das nun konkret?
Das Rationalitätsprinzip, die Annahme nutzenmaximierenden Verhaltens, unterstellt den Individuen, dass sie ihre eigenen Ziele bestmöglich verfolgen wollen. Die Intentionalität individuellen Verhaltens wird hier übertrieben. Es gibt viele Problemstellungen, für die eine solche Annahme unzweckmäßig wäre: als Übertreibung in die falsche Richtung. Dem i.e.S. ökonomischen Ansatz liegt jedoch eine Problemstellung zugrunde, in bezug auf die das Rationalitätsprinzip eine Übertreibung in die richtige Richtung darstellt, denn hier geht es um die Erforschung der (aggregierten) nicht-intendierten Effekte intentionalen Handelns. Die methodologische Pointe des ökonomischen Ansatzes liegt gerade darin, dass das soziale Zusammenspiel gesellschaftlicher Akteure Ergebnisse zeitigt, die sich der Intentionalität der Akteure entziehen, und zwar insbesondere auch dann entziehen, wenn man diese Intentionalität übertreibt. Beispiel: Angebotsausdehnungen führen zu Preissenkungen, d.h. zu einem nicht-intendierten Ergebnis, das den Intentionen gewinnmaximierender Unternehmen zuwiderläuft. Im übrigen hat dies niemand klarer gesehen als Popper selbst, der ähnliche Beispiele anführt und explizit schreibt: „Die Hauptaufgabe der Sozialwissenschaften |129|besteht … in dem Versuch …, die unbeabsichtigten sozialen Rückwirkungen absichtlicher menschlicher Handlungen zu analysieren … Eine Handlung, die genau unseren Plänen gemäß verläuft, führt zu keinem Problem für die Sozialwissenschaften.“[193]
Die Pointe des ökonomischen Ansatzes liegt im Hiatus zwischen der Intentionalität individuellen Verhaltens und der Nicht-Intentionalität – schärfer noch: der Kontra-Intentionalität – sozialer Verhaltensergebnisse, wie sie für Dilemmastrukturen charakteristisch ist.[194] In bezug auf diese spezifische Problemstellung erweist sich das Rationalitätsprinzip als zweckmäßig, als Übertreibung in die richtige Richtung. Wie relevant ist nun diese Problemstellung? Der Rekurs auf soziale Dilemmata erlaubt es, die institutionelle Bedingtheit zivilisatorischer Fortschrittsleistungen herauszustellen, seit Adam Smith ein wichtiges Anliegen der Ökonomik: Der Wohl-Stand breiter Bevölkerungsschichten hängt nicht vom Wohl-Wollen der Unternehmer ab, sondern davon, dass diese – nicht zuletzt durch Wettbewerb – mit Anreizen versorgt werden, ihre Leistungen in den Dienst anderer Menschen zu stellen. Für ein solchermaßen institutionalisiertes Wohl-Verhalten aber ist Wohl-Wollen weder notwendig noch hinreichend. Der Rekurs auf soziale Dilemmata erlaubt es ferner, soziale Missstände auf institutionelle Fehlanreize zurückzuführen, angefangen von Aufrüstungswettläufen und Abwertungsspiralen über die Kostenexplosion im Gesundheitswesen, über Umweltverschmutzung und die Erosion von Standards bis hin zu Arbeitslosigkeit und Inflation. Ökonomische Erklärungen kommen ohne Schuldige aus. Dies beugt „Verschwörungstheorien“ vor, wie insbesondere Popper (1945, 1992b; S. 111ff.) betont hat. Zugleich wird die Perspektive auf den Modus gesellschaftlichen Lernens fokussiert. Institutionelle Reformen rücken in den Mittelpunkt der Betrachtung. Der Umsetzbarkeit solcher Reformen ist es außerordentlich förderlich, aufzeigen zu können, dass an den Missständen niemand ein unmittelbares Interesse hat, da sie sich als soziale Ergebnisse individueller Intentionalität entziehen; dass aber sehr wohl – mittelbar – ein gemeinsames Interesse besteht, die Missstände zu beseitigen, indem man mit Hilfe institutioneller Reformen die Anreize für Handlungen verändert, an denen die Akteure unmittelbar interessiert sind. Als These zusammengefasst: Der ökonomische Ansatz generiert politisch relevante Informationen für ein institutionell differenziertes Management sozialer Dilemmastrukturen. Dieses situationslogische Verfahren basiert auf der kategorialen Unterscheidung zwischen der Intentionalität individuellen Verhaltens und der Kontra-Intentionalität sozialer Ergebnisse in Dilemmastrukturen. In bezug auf die Problemstellung, die institutionelle Kanalisierung der nicht-intendierten Effekte intentionalen Verhaltens zu erforschen, erweist sich das Rationalitätsprinzip als zweckmäßig, als Übertreibung in die richtige Richtung.[195]
|130|8. Popper und die Philosophie: Methodologie als ‚constitutional science‘[196]?
(1) Zum dritten Anwendungsbeispiel: Karl Popper ist ein großer Bewunderer und zugleich ein vehementer Kritiker der Philosophie. Einerseits sieht er in der Philosophie den Versuch, den zivilisatorischen Übergang von der geschlossenen Gesellschaft zur offenen Gesellschaft zu reflektieren, d.h. einen i.w.S. politischen Problemdruck zu verarbeiten, mit der durchaus nicht-intendierten Konsequenz, dass gerade hierdurch die griechische Philosophie zur Wiege der Wissenschaften wird.[197] Andererseits spricht Popper bereits in seiner „Logik der Forschung“[198] von dem „traurigen Zustand, den man philosophische Diskussion nennt“ und den er mit seiner Wissenschaftstheorie „überwinden“ will. Und in seiner „Objektiven Erkenntnis“[199] erhebt er den Anspruch, „eine Diskussion wiederzubeleben, die drei Jahrhunderte lang in Vorverhandlungen steckengeblieben ist“. Hier finden sich scharfe Angriffe auf die von ihm so genannten „Fachphilosophen“, die er dafür verantwortlich macht, den realweltlichen Problembezug aus den Augen zu verlieren und die Philosophie zur bloßen Scholastik, zur Wortklauberei degenerieren zu lassen, „zum Argumentieren ohne ein ernsthaftes Problem“ und zum Argumentieren ohne „Maßstäbe“.[200]
|131|Poppers kritische Haltung gegenüber der Philosophie wird vielleicht am besten deutlich im ersten Teilband seiner „Vermutungen und Widerlegungen“[201], vor allem im Einleitungsaufsatz[202]. Hier bemüht er sich um eine konstruktive Kritik des Empirismus und Rationalismus, d.h. jener beiden konkurrierenden Denkschulen, die die Beobachtung bzw. den Intellekt als primäre Quelle menschlicher Erkenntnis auszeichnen. Er führt den Streit dieser Denkschulen auf eine verfehlte Fragestellung zurück. Beide fragen nach dem Ursprung des Wissens, nicht aber nach seiner Gültigkeit. Es ist eine Veränderung dieser Problemstellung, durch die Popper eine – im oben entwickelten Sinne – ‚orthogonale Positionierung‘ zu einem 300jährigen Philosophenstreit anstrebt. Poppers Versuch einer diskursiven Überbietung der beiden Gegenpositionen mündet schließlich in (s)eine „kritische Philosophie des Alltagsverstandes“[203]. Insofern verbindet sich mit seinem kritischem Rationalismus das Anliegen, die Philosophie durch eine Theorie objektiver Erkenntnis wieder auf Vordermann zu bringen: sie an den Stand der Probleme der modernen Wissenschaft heranzuführen und mit Maßstäben zu versorgen, diese Probleme rational diskutieren zu können. Die Stoßrichtung dieser Argumentation zielt also in die Philosophie hinein.[204]
Die Reformulierung des kritischen Rationalismus als eine Theorie argumentationsgestützten sozialen Lernens, das auf konstruktive Kritik angewiesenen ist, bietet hingegen die Möglichkeit, die argumentative Stoßrichtung gleichsam umzukehren, d.h. die Methodologie nicht in die Philosophie hineinzutragen, sondern sie von der Philosophie zu emanzipieren und als ‚constitutional science‘ einzelwissenschaftlich zu etablieren. Es geht um eine Entwicklung aus der Philosophie heraus, hinein in eine eigens spezialisierte Wissenschaftsdisziplin. Einige Überlegungen hierzu seien im folgenden zumindest angedeutet.
(2) Folgt man der hier vorgeschlagenen Reformulierung des kritischen Rationalismus, so sind der wissenschaftliche Diskurs und der politische Diskurs darin analog, dass sie auf soziales Lernen – genauer: auf ein argumentationsgestütztes soziales Lernen – angelegt sind. Argumentationsgestütztes soziales Lernen aber schreitet fort im Wege konstruktiver Kritik, durch die eine diskursive Überbietungsrationalität freigesetzt wird. Diese Überbietungsrationalität ist bereichsübergreifend am Werk. Je nach Rahmenbedingungen, äußert sich die methodische Anwendung des gesunden Menschenverstandes in eigens hochspezialisierten Kontexten als politische Rationalität oder – noch spezifischer – als wissenschaftliche Rationalität. Zwischen diesen Bereichen gibt es folglich kein Rationalitätsgefälle, sondern allenfalls ein Spezialisierungsgefälle. Entscheidend ist jedoch die diskursive Gemeinsamkeit der beiden Bereiche: Sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch innerhalb der Politik hängen Fortschritte vom Verfahren konstruktiver Kritik ab. Die Methode der Wissenschaft ist nicht anders |132|als die Methode der Politik eine Methode des Lernens; mit Popper: eine Methode sozialen Lernens durch Kritik – über Popper hinaus: eine Methode argumentationsgestützten sozialen Lernens durch konstruktive Kritik. Dies zieht folgende Implikation nach sich: Wenn Lernfortschritte – bereichsübergreifend – durch die Methode konstruktiver Kritik zustande kommen, dann besteht die Aufgabe einer Methodologie darin, die diskursiven Bedingungen konstruktiver Kritik zu reflektieren und herstellen zu helfen.
Konkret geht es darum, Diskurse bereichsübergreifend darauf hin zu untersuchen, ob die ihnen zugrunde liegende Problemstellung mit den im Diskurs verfolgten Strategien zur Problembearbeitung kategorial abgestimmt ist, d.h. ob eine gemeinsame Argumentationsbasis vorliegt. Ohne die Möglichkeit konstruktiver Kritik sind diskursive Lernprozesse blockiert. Die Auflösung der damit einher gehenden Denk- und Handlungsblockaden erfordert kategoriale Umstellungen, die das scheinbar Inkommensurable kommensurabel machen. Erst sie ermöglichen es, sich zu einer unproduktiven, festgefahrenen Frontstellung orthogonal zu positionieren, d.h. den widerstreitenden Parteien ein Angebot zu machen, wie sich ihr Streit – nicht unbedingt auflösen, aber doch – produktiver gestalten ließe, und zwar produktiver aus ihrer jeweils eigenen Sicht.
In Anlehnung an – und in Abgrenzung zu – Poppers ‚Situationslogik‘, ließe sich die Methode einer solchen Methodologie treffend als ‚Argumentationslogik‘ bezeichnen. Metaphorisch ausgedrückt, geht es um die Verfassung für den Markt der Meinungen und um Verfassungsänderungen, die dem Meinungsaustausch förderlich sind, indem sie den Meinungswettbewerb forcieren. Es geht um die diskursiven Rahmenbedingungen für kompetitive Argumente. Eine auf die Methode konstruktiver Kritik reflektierende Methodologie, die bereichsübergreifend auf die diskursiven Rahmenbedingungen von Wissenschaft und Politik angewendet werden kann, ist im Kern eine konstitutionelle Theorie, eine Theorie der Verfassung, oder – paradox formuliert – als ‚constitutional science‘ eine Disziplin für Interdisziplinarität. Als These zusammengefasst: Wenn – bereichsübergreifend – die Methode konstruktiver Kritik wichtig ist für zivilisatorischen Fortschritt, wenn ferner die kategoriale Verfassung der diskursiven Argumentationsbasis entscheidend ist für die Möglichkeit konstruktiver Kritik, dann ist die Aufgabe einer allgemeinen Methodologie darin zu sehen, bereichsübergreifend das ‚Denken in Verfassungen‘[205] zu schulen.
|133|Eine solche ‚constitutional science‘ stellt sich als Methodologie das Problem, die Methode konstruktiver Kritik zu untersuchen, und sie bearbeitet dieses Problem, indem sie sich – über die üblichen Disziplingrenzen hinweg – auf die Suche nach orthogonalen Positionierungen spezialisiert: auf die Suche nach kategorialen Umstellungen, nach Perspektivwechseln, mit denen sich Denk- und Handlungsblockaden aufbrechen lassen.[206] Hierbei wird sie sich zunächst an den (modernen) Klassikern der Gesellschaftstheorie orientieren müssen, denn solange – aufgrund mangelnder Spezialisierung? – noch keine Seriositätsstandards diskursiver Methodologie allgemein anerkannt sind, kann eine Theorie über die kategoriale Verfassung argumentationsgestützter Lernprozesse ihre Maßstäbe nur gewinnen, indem sie sie in der Auseinandersetzung mit geeigneten Vorbildern erarbeitet. Zu solchen Vorbildern gehören eher gesellschaftsphilosophisch orientierte Autoren wie etwa John Rawls und James Buchanan, eher gesellschaftstheoretisch orientierte Autoren wie etwa Gary Becker und James Coleman, eher gesellschaftspolitisch orientierte Autoren wie etwa Friedrich August von Hayek oder Walter Eucken, aber auch all jene, die – insbesondere in den Sozialwissenschaften – grundlegende Perspektivwechsel eingefordert und herbeigeführt haben, also etwa Mancur Olson, Ronald Coase, Oliver Williamson und Douglass North oder Max Weber und Niklas Luhmann. Es versteht sich von selbst, dass Karl Popper in dieser zweifellos sehr unvollständigen Liste einen prominenten Platz einnimmt, denn sein Werk ist wie kaum ein zweites geeignet, das Forschungsprogramm einer allgemeinen, Wissenschaft und Politik umfassenden, Methodologie zu inspirieren.[207]
|134|9. Zusammenfassung
In diesem Aufsatz wurde versucht, Karl Popper als einen modernen Klassiker der Gesellschaftstheorie zu interpretieren. Einen Klassiker lesen – genauer: einen Autor als Klassiker lesen – heißt, eine Konzeption zu rekonstruieren, deren weitgehende Konsistenz durch die Person des Autors verbürgt wird, und darauf aufbauend eine Lesart zu entwickeln, die auf die Frage antwortet: Welche Problemstellung liegt seinem Werk zugrunde; wie hat er das Problem zu lösen versucht; wie hängen Problemstellung und Problembearbeitung zusammen; und wo liegt möglicherweise ein Problem dieses Zusammenhangs?
Poppers Konzeption wurde als kritischer Rationalismus rekonstruiert, als eine Theorie sozialen Lernens, eines Lernens, dessen Rationalität sich durch Kritik entfaltet. Das Problem dieser Konzeption liegt darin, dass Popper dem Aspekt konstruktiver Kritik zwar oft pragmatisch Rechnung trägt, ihm aber keinen systematischen Stellenwert einräumt. In genau diesem Punkt ist Poppers Werk aktualisierungswürdig und – das macht seine Größe aus – aktualisierungsfähig. Das Konzept des kritischen Rationalismus lässt sich reformulieren zu einer Theorie argumentationsgestützten sozialen Lernens. Dies hat weitreichende Konsequenzen im gesamten Anwendungsspektrum der Konzeption, das von der Wissenschaftstheorie über die Methodologie der Sozialwissenschaften bis hin zu politischen Stellungnahmen reicht. Für jede dieser drei Ebenen wurde ein Anwendungsbeispiel diskutiert. Um zu illustrieren, inwiefern ein reformulierter kritischer Rationalismus in der Lage ist, kategoriale Aufklärungsleistungen für die politischen Diskurse der demokratischen Öffentlichkeit zu erbringen, wurde an die Stelle von Poppers Begriff einer Abwahldemokratie der Begriff einer Konsensdemokratie gesetzt, mit dem sich eine verquere Frontstellung der Debatten über eine europäische Verfassung überwinden lässt. Poppers methodologische Rechtfertigung für die Verwendung des Rationalitätsprinzips in den Sozialwissenschaften wurde neu gefasst, und es wurde zumindest angedeutet, dass Methodologie nicht unbedingt in eine wissenschaftstheoretische Erkenntnisphilosophie münden muss, sondern dass man statt dessen auch über die einzelwissenschaftliche Institutionalisierung einer ‚constitutional science‘ nachdenken kann. Bei Popper selbst finden sich hierfür zahlreiche Ansatzpunkte. Diese machen sein Werk zu einem Vorbild für eine allgemeine Methodologie: für eine diskursive Argumentationsgrammatik, mit der sich ein breites Spektrum scheinbar disparater Themen aus einer einheitlichen Theorieperspektive systematisch bearbeiten lässt.
So gesehen, ist ein re-aktualisierter Popper noch lange nicht passé. Man kann auch heute noch viel von ihm lernen. Deshalb – und nur deshalb – sollte man die |135|Rezeption seines Werkes nicht unbedingt (allein) den ‚Fachphilosophen‘ überlassen. Was zu beweisen war.
10. Nachtrag 2016
Für die hier vertretene Lesart, dass – und wie – für Karl Popper Erkenntnistheorie und politische Philosophie eng zusammengehören, gibt es mittlerweile zusätzliches Belegmaterial.
Hinzuweisen ist insbesondere auf den von Jeremy Shearmur and Piers Norris Turner herausgegebenen Band mit zuvor unveröffentlichten Briefen, Reden und Aufsätzen von Karl Popper.[208] Abgedeckt wird der Zeitraum von 1940 bis 1994. Anhand des Materials lässt sich nicht nur nachvollziehen, wie Popper sich schon früh von einem Sozialisten zu einem Liberalen entwickelt hat, sondern auch, welche sozialtheoretischen, gesellschaftspolitischen und sogar moralphilosophischen Anschauungen sich mit diesem Perspektivwechsel verbinden.
Ebenfalls hinzuweisen ist auf die Herausgabe seiner gesammelten Schriften in deutscher Sprache[209] sowie auf einen 2016 erscheinenden Kommentarband[210], der der internationalen Popper-Forschung sicherlich neue Impulse geben wird.
Literatur
Albert, Hans (1968, 1980): Traktat über kritische Vernunft, 4. Aufl., Tübingen.
Buchanan, James M. (1989): The Relatively Absolute Absolutes, in: ders., Essays on the Political Economy, Honolulu, S. 32–46.
Homann, Karl (1988): Rationalität und Demokratie, Tübingen.
Homann, Karl und Renate Homann (1997): Glaube und Moderne: Ganzheit und Denken in Verfassungen, in: Welt – Heuristik des Glaubens, hrsg. von Karl Homann und Ilona Riedel-Spangenberger, Gütersloh, S. 111–125.
Homann, Renate (1999): Rationalität und Literaturwissenschaft: Die Rationalität der Literatur, in: Karl Poppers kritischer Rationalismus, hrsg. Von Ingo Pies und Martin Leschke, Tübingen, S. 147–181.
Kant, Immanuel (1783, 1975): Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können, in: ders., Werke in sechs Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Darmstadt, Band III, S. 109–264.
Lec, Stanislaw Jerzy (o.J., 1996): Sämtliche unfrisierte Gedanken. Dazu Prosa und Gedichte, 3. Auflage, hrsg. und aus dem Polnischen übertragen von Karl Dedicius, München–Wien.
Notturno, Mark Amadeus (2015): Hayek and Popper. On Rationality, Economism, and Democracy, London und New York.
Pies, Ingo (1993): Normative Institutionenökonomik. Zur Rationalisierung des politischen Liberalismus, Tübingen.
|136|Pies, Ingo (1996): Vertrag oder Verfassung? – Institutionenökonomische Perspektiven für die Europäische Union, in: Manfred E. Streit und Stefan Voigt (Hrsg.), Europa reformieren – Ökonomen und Juristen zur zukünftigen Verfasstheit Europas, Baden-Baden 1996, S. 32–47.
Pies, Ingo (1998): Liberalismus und Normativität. Zur Konzeptualisierung ökonomischer Orientierungsleistungen für demokratische Politikdiskurse, in: Paul Klemmer, Dorothee Becker-Soest und Rüdiger Wink (Hrsg.), Liberale Grundrisse einer zukunftsfähigen Gesellschaft, Baden-Baden, S. 45–78.
Pies, Ingo (2000): Ordnungspolitik in der Demokratie – Ein ökonomischer Ansatz diskursiver Politikberatung, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (1996) (Hrsg.), James Buchanans konstitutionelle Ökonomik, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (1998) (Hrsg.), Gary Beckers ökonomischer Imperialismus, Tübingen.
Popper, Karl R. (1934, 1994): Logik der Forschung, 10. Aufl., Tübingen.
Popper, Karl R. (1944–45, 1987): Das Elend des Historizismus, 6. Aufl., Tübingen.
Popper, Karl R. (1945, 1992a): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band I: Der Zauber Platons, 7. Aufl., Tübingen.
Popper, Karl R. (1945, 1992b): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen, 7. Aufl., Tübingen.
Popper, Karl R. (1948, 1997): Prognose und Prophetie in den Sozialwissenschaften, in: ders., Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband II, Tübingen, S. 487–503.
Popper, Karl R. (1949, 1994): Versuch einer rationalen Theorie der Tradition, in: ders., Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband I, Tübingen, S. 175–197.
Popper, Karl R. (1952, 1994): Über die Eigenart von philosophischen Problemen und über ihre Wurzeln in der Naturwissenschaft, in: ders., Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband I, Tübingen, S. 96–140.
Popper, Karl R. (1956, 1997): Die öffentliche Meinung im Lichte der Grundsätze des Liberalismus, in: ders.: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband II, Tübingen, S. 504–514.
Popper, Karl R. (1957, 1994): Wissenschaft: Vermutungen und Widerlegungen, in: ders., Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband I, Tübingen, S. 46–95.
Popper, Karl R. (1962, 1995): Die Logik der Sozialwissenschaften, in: ders., Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren, 8. Aufl., München und Zürich, S. 79–98.
Popper, Karl R. (1963, 1994a): Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband I, Tübingen.
Popper, Karl R. (1963, 1994b): Von den Quellen unseres Wissens und unserer Unwissenheit, in: ders., Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband I, Tübingen, S. 1–44.
Popper, Karl R. (1963, 1997): Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Teilband II, Tübingen.
Popper, Karl R. (1966, 1994): Über Wolken und Uhren, in: ders., Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf, 2. Aufl., Hamburg, S. 214–267.
|137|Popper, Karl R. (1967, 1994): Zum Thema Freiheit, in: ders., Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik, München, S. 155–172.
Popper, Karl R. (1967, 1995): Das Rationalitätsprinzip, in: David Miller (Hrsg.), Karl Popper Lesebuch, Tübingen, S. 350–359.
Popper, Karl R. (1968, 1994a): Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt, in: ders., Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf, 2. Aufl., Hamburg, S. 109–157.
Popper, Karl R. (1968, 1994b): Zur Theorie des objektiven Geistes, in: ders.: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf, 2. Aufl., Hamburg, S. 158–197.
Popper, Karl R. (1970, 1995): Eine objektive Theorie des historischen Verstehens, in: ders., Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren, 8. Aufl., München und Zürich, S. 179–189.
Popper, Karl R. (1971, 1994): Vermutungswissen: meine Lösung des Problems der Induktion, in: ders., Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf, 2. Aufl., Hamburg, S. 1–31.
Popper, Karl R. (1972, 1994a): Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf, 2. Aufl., Hamburg.
Popper, Karl R. (1972, 1994b): Zwei Seiten des Alltagsverstandes: ein Plädoyer für den Realismus des Alltagsverstandes und gegen die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes, in: ders., Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf, 2. Aufl., Hamburg, S. 32–108.
Popper, Karl R. (1979, 1994): Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Aufgrund von Manuskripten aus den Jahren 1930–1933, hrsg. von Troels Eggers Hansen, 2. Aufl., Tübingen.
Popper, Karl R. (1979, 1995): Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung, 3. Aufl., Hamburg.
Popper, Karl R. (1984, 1995): Erkenntnis und Gestaltung der Wirklichkeit: Die Suche nach einer besseren Welt, in: ders., Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren, 8. Aufl., München und Zürich, S. 11–40.
Popper, Karl R. (1994): Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik, München und Zürich.
Popper, Karl (2001–2015ff.): Gesammelte Werke, Band 1–15, Tübingen.
Popper, Karl (2008): After the Open Society. Selected Social and Political Writings, edited by Jeremy Shearmur and Piers Norris Turner, London und New York.
Shearmur, Jeremy und Geoffrey Stokes (2016): The Cambridge Companion to Popper, Cambridge u.a.O.
Vollmer, Gerhard (1975, 1990): Evolutionäre Erkenntnistheorie, 5. Aufl., Stuttgart.
[Zum Inhalt]

|138|Ronald Coase (1910–2013)
„Without the concept of transaction costs … it is impossible to understand the working of the economic system, to analyze many of its problems in a useful way, or to have a basis for determining policy.“ Ronald Coase (1988b; S. 6)
„My point of view has not in general commanded assent, nor has my argument, for the most part, been understood. … [M]ost economists have a different way of looking at economic problems and do not share my conception of the nature of our subject.“ Ronald Coase (1988b; S. 1)
Ronald Coase’ Transaktionskosten-Ansatz
Im Jahr 1991 wurde Ronald Coase der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Zur Begründung gibt die Schwedische Akademie der Wissenschaften an, Coase habe den Preis verdient „for his discovery and clarification of the significance of transaction costs and property rights for the institutional structure and functioning of the economy“[211]. Coase wird gewürdigt als Pionier der Neuen Institutionenökonomik und insbesondere als Pionier der ökonomischen Analyse des Rechts, die er als Ökonomik-Professor an der Law School der University of Chicago und als langjähriger Herausgeber des ebendort redigierten „Journal of Law and Economics“ mit aus der Taufe gehoben hat.
Diese Würdigung stützt sich auf zwei Aufsätze, die mit einem zeitlichen Abstand von beinahe einem Vierteljahrhundert veröffentlicht worden sind. Es handelt sich zum einen um den Aufsatz „The Nature of the Firm“ aus dem Jahre 1937 und zum anderen um den Aufsatz „The Problem of Social Cost“ aus dem Jahre 1960.[212] Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Kategorie der Transaktionskosten in beiden Aufsätzen eine zentrale Rolle spielt, und es wird nicht verschwiegen, dass zumindest der zweite Aufsatz eine kuriose Rezeptionsgeschichte |139|aufweist: „Somewhat paradoxically, circumstances have ordained that it is the … conclusion about the consequences of overlooking transaction costs which has come to be called the ‚Coase theorem‘.“[213] Das berühmte Coase-Theorem, das nicht nur in die Forschungsliteratur, sondern auch in die Lehrbuchliteratur auf breiter Front Eingang gefunden hat, gibt also nicht eine Auffassung wieder, die Coase selbst vertreten hat, sondern vielmehr eine Auffassung, die er formuliert – um sie zu kritisieren! Insofern ist das sog. Coase-Theorem und die mittlerweile bibliothekenfüllende Literatur zur Diskussion um das Coase-Theorem Ausdruck der Schwierigkeit, die eigentliche Botschaft des Autors zu verstehen. Es handelt sich um eine Botschaft mit weitreichenden organisationstheoretischen, markttheoretischen und rechtstheoretischen Implikationen. Sie lautet in einem ersten Zugriff und in einer formelhaften, d.h. interpretationsbedürftigen, Zuspitzung: Transaktionskosten sind wichtig!
Da das sog. Coase-Theorem die Abwesenheit von Transaktionskosten postuliert, verwundert es nicht, dass sich Coase mit der lange Zeit gängigen Coase-Rezeption eher unzufrieden zeigt: Der 1937er Aufsatz über die Theorie der Firma ist bis in die 1970er Jahre praktisch folgenlos geblieben. Coase selbst kennzeichnet ihn als „much cited and little used“[214]. Und der 1960er Aufsatz wird – bis heute – vor allem als Beleg-Referenz für das Coase-Theorem benutzt. Diese offenkundigen Rezeptionsprobleme: die Schwierigkeiten, der Botschaft des Autors habhaft zu werden, sind an sich nicht minder interessant als die Botschaft selbst. Vor diesem Hintergrund soll im folgenden zwei Fragen nachgegangen werden, die nicht unabhängig voneinander sind: Was kann man noch heute von Coase lernen, und warum ist es lange Zeit so schwer gefallen, ihn richtig zu rezipieren? Beide Fragen hängen deshalb zusammen, weil man auch von den Rezeptionsschwierigkeiten lernen kann und weil diese Schwierigkeiten darauf zurückzuführen sind, dass es offensichtlich nicht ganz einfach ist, Einigkeit darüber herzustellen, was genau von Coase eigentlich zu lernen ist.
Zur Beantwortung dieser Fragen wird versucht, eine Lesart für das Gesamtwerk zu entwickeln. Beabsichtigt ist eine Interpretation der Coaseschen Theorieleistung und ihrer noch heute zukunftsweisenden Errungenschaften. Diese Interpretation bezieht sich nicht allein auf die beiden vom Nobelpreiskomitee eigens hervorgehobenen Aufsätze, die vor nunmehr 40 bzw. über 60 Jahren geschrieben worden sind. Sie bezieht sich vielmehr auf den Denkansatz, der hinter den beiden Aufsätzen steckt. Es geht also nicht – jedenfalls nicht primär – darum, den in der Literatur bereits vorfindlichen Interpretationen der beiden als preiswürdig ausgezeichneten Aufsätze eine weitere Interpretation an die Seite zu stellen, sondern statt dessen darum, nach dem Ansatz: nach dem approach, der Methode, der Theorie-Perspektive zu fragen, die diesen – und anderen! – Coase-Aufsätzen zugrunde liegt.
Ein wichtiger Anhaltspunkt für die hier gewählte Vorgehensweise liegt darin, dass Coase, Jahrgang 1910, im Jahr 1988 ein Buch veröffentlicht hat, in dem er – auf sein Gesamtwerk zurückblickend – darauf verweist, dass er selbst nicht zwei, sondern drei seiner Aufsätze für zentral hält. Neben dem 1937er und dem |140|1960er Aufsatz hebt Coase seinen 1946 erschienenen Aufsatz mit dem Titel „The Marginal Cost Controversy“ hervor. Dass er in der Tat nicht nur zwei, sondern drei seiner Aufsätze für grundlegend hält, geht implizit – aber besonders nachdrücklich – auch daraus hervor, dass die, abgesehen von der Einleitung, insgesamt sechs Aufsätze seines Buches folgende Zuordnung nahelegen (Abb. 1).
Abbildung 1:
Ein schematischer Überblick über die Aufsätze des Buches „The Firm, the Market, and the Law“ von 1988
Dieser Zuordnung zufolge ist jedem der von Coase selbst als grundlegend empfundenen Aufsätze eine Ergänzungsstudie an die Seite gestellt, in der dann einzelne Aspekte weiter ausgearbeitet werden. Insofern liegt es nahe, die Beantwortung der ausgewiesenen Fragen mit einer Untersuchung dieser drei Coase-Aufsätze zu beginnen.[215]
|141|1. Der Aufsatz „The Nature of the Firm“ (1937)
Die Argumentation dieses unbestritten grundlegenden Aufsatzes lässt sich in drei Schritten rekonstruieren. Im ersten Schritt skizziert Coase einen Problemaufriss, im zweiten Schritt stellt er den Transaktionskostenansatz als eine neue Perspektive vor, und im dritten Schritt erläutert er die Implikationen dieses Ansatzes anhand einer Auseinandersetzung mit (Fehlern) der einschlägigen Literatur.
(1) Als Problemaufriss wählt Coase die zeitgenössische Sozialismusdebatte, die Auseinandersetzung um zentrale versus dezentrale Planung. In dieser Debatte standen sich zwei Auffassungen konträr gegenüber, eine anti-marktwirtschaftliche und eine pro-marktwirtschaftliche. Der anti-marktwirtschaftlichen Auffassung zufolge ist alles Wirtschaften einer zentralen Direktive zu unterwerfen. Alles Handeln soll einem einzigen Plan folgen. Die pro-marktwirtschaftliche Gegenposition hierzu besteht nun allerdings nicht einfach darin, eine völlige Abwesenheit von Planung zu postulieren. Vielmehr wird eine dezentrale Planung befürwortet. Dieser Auffassung zufolge soll das Zusammenspiel der einzelnen Wirtschaftseinheiten primär über Marktpreise koordiniert werden.
Vor dem Hintergrund dieser vornehmlich normativ geführten Debatte trifft Coase nun die Feststellung, dass es offenbar nicht nur eine einzige Form der Koordination wirtschaftlichen Handelns gibt, sondern (mindestens) zwei, eine firmen-interne und eine firmen-externe: die hierarchische Anweisung durch einen Unternehmer auf der einen Seite und die marktliche Preiskoordination auf der anderen Seite. Hieraus folgt für ihn ein bislang unbewältigtes Problem positiver ökonomischer Theorie. Coase geht es darum, die empirische Ausprägung der beiden Koordinationsformen auf real existierenden Märkten als Ergebnis ihrer wechselseitigen Substituierbarkeit erklären zu können. Diese Problemstellung wird in aller Klarheit offen ausgewiesen:
„The purpose of this paper is to bridge what appears to be a gap in economic theory between the assumptions (made for some purposes) that resources are allocated by means of the price mechanism and the assumption (made for other purposes) that this allocation is dependent on the entrepreneur-co-ordinator. We have to explain the basis on which, in practice, this choice between alternatives is effected.“[216]
(2) Aufbauend auf diesem Problemaufriss, führt Coase seinen Transaktionskostenansatz als ein positives Analyseinstrument ein. Er beleuchtet die Koexistenz von Markt und Hierarchie – genauer: die Koexistenz von preislicher Koordination und hierarchischer Koordination, und er beleuchtet diese Koexistenz |142|von beiden Seiten aus. Coase nimmt eine Untersuchungsperspektive ein, die sich in zwei originellen Fragestellungen niederschlägt. Die erste Frage lautet: Gegeben einen Preismechanismus, warum existieren überhaupt Organisationen?[217] Die zweite Frage ist genau spiegelbildlich angesetzt. Sie lautet: Gegeben Organisationen, warum (ko-)existiert ein Preismechanismus? Warum gibt es überhaupt einen Markt, und warum werden nicht statt dessen einfach alle Transaktionen innerhalb einer riesigen Firma abgewickelt?[218] Insofern ist die Frage nach einer Erklärung für die Existenz preislicher Koordination zugleich eine Frage nach der in der Realität beobachtbaren Firmengröße – genauer: eine Frage nicht nur nach den Bestimmungsgründen, die ein unendliches Anwachsen der Firmengröße verhindern; sondern eine Frage auch nach den Bestimmungsgründen, die zu einer gleichgewichtigen Firmengröße führen.[219]
Zur Beantwortung der ersten Frage verweist Coase auf die Kosten preislicher Koordination. Hierzu zählt er zum einen die mit der Sammlung von Preisinformationen verbundenen Informationskosten und zum anderen die Vertragskosten, die bei der Abwicklung marktlicher Tauschakte anfallen.[220] In der Einsparung solcher Kosten preislicher Koordination sieht Coase die Erklärung für die Existenz von Organisationen. Diese Perspektive findet ihren unmittelbaren Niederschlag in der Definition, die Coase für den Begriff der Firma vorschlägt: „A firm … consists of the system of relationships which comes into existence when the direction of resources is dependent on an entrepreneur.“[221]
Zur Beantwortung der zweiten Frage verweist Coase auf die Kosten hierarchischer Koordination. Er argumentiert mit sinkenden Grenzerträgen des Managements: Zum einen werde es mit wachsender Firmengröße immer teurer, zusätzliche Produktionsfaktoren zu attrahieren; und zum anderen falle es dem Unternehmer immer schwerer, die Qualität seiner Dispositionsentscheidungen bei wachsender Firmengröße aufrechtzuerhalten. Bei der Erörterung dieser Aspekte ist Coase sorgsam darauf bedacht, die relevanten Alternativen im Auge zu behalten. Er macht darauf aufmerksam, dass es zum Wachstum einer Firma, d.h. zur hierarchischen Abwicklung von immer mehr Transaktionen durch einen Unternehmer, zwei Alternativen gibt: eine preislich koordinierte Transaktionsabwicklung über den Markt und eine hierarchische Transaktionsabwicklung innerhalb einer anderen Firma. Ferner legt Coase großen Wert darauf, dass |143|empirisch vorfindliche Firmengrößen als gleichgewichtiges Ergebnis marginaler Substitutionsprozesse zwischen den relevanten Alternativen erklärt werden können. Beide Aspekte werden zu folgender Aussage gebündelt: „[A] Firm will tend to expand until the costs of organizing an extra transaction within the firm become equal to the costs of carrying out the same transaction by means of an exchange on the open market or the costs of organizing in another firm.“[222]
Dieser Auffassung zufolge sind es die Transaktionskosten preislicher und hierarchischer Koordination, die in der Realität gegeneinander abgewogen werden und deren marginale Substitution zu Gleichgewichten führt, mit denen sich nicht nur die Größe einer einzelnen Firma, sondern sogar die (Firmen-)Struktur einer gesamten Industriebranche beschreiben lässt. Vor diesem Hintergrund sieht Coase den Vorzug seines Transaktionskostenansatzes darin, dass dieser der ökonomischen Analyse ein wichtiges Thema methodisch erschließt: „The whole of the ‚structure of competitive industry‘ becomes tractable by the ordinary technique of economic analysis.“[223]
(3) Coase profiliert seinen Transaktionskostenansatz, indem er zu drei Positionen, die in der einschlägigen Literatur vertreten werden, differenzierend Stellung bezieht.
Die erste Position führt die Existenz der Firma auf die mit zunehmender Arbeitsteilung zunehmende Komplexität und auf die damit einher gehende Notwendigkeit zur Komplexitätsreduktion zurück: Die Firma diene per Integration der Ordnung einer ansonsten ins Chaos abdriftenden Wirtschaft. – Coase kritisiert diese Auffassung nun nicht etwa deshalb, weil sie auf einem funktionalistischen Fehlschluss beruht, sondern vielmehr deshalb, weil sie die relevanten Alternativen außer acht lässt und so, perspektivisch bedingt, die dem Problem angemessene Fragestellung verfehlt. Coase weist die Auffassung mit folgendem Argument zurück: „The ‚integrating force in a differentiated economy‘ already exists in the form of a price mechanism. … What has to be explained is why one integrating force (the entrepreneur) should be substituted for another integrating force (the price mechanism).“[224]
Die zweite Position führt die Existenz der Firma auf die Fähigkeit der Unternehmer zurück, Unsicherheit absorbieren zu können. Coase stimmt dieser vor allem von Frank Knight vorgetragenen Auffassung insofern zu, als auch er die Einschätzung teilt, dass Managementfähigkeiten, insbesondere Wissen und Urteilskraft angesichts einer ungewissen Zukunft, einen wichtigen Input für den Produktionsprozess darstellen – die deutschsprachige Betriebswirtschaftslehre würde hier in Anlehnung an Erich Gutenberg von einem dispositiven (Produktions-)Faktor sprechen. Allerdings widerspricht Coase der Auffassung von Knight insofern, als er auf ein Non-Sequitur hinweist: Aus der Bedeutung dieses Produktionsfaktors folge nicht die Organisationsform des Produktionsprozesses. Ob der Unternehmer eine eigene Firma gründe oder statt dessen seine Fähigkeit, mit Unsicherheiten umzugehen, einer bestehenden Firma als Manager per Arbeitsvertrag (gegen einen Marktpreis) zur Verfügung stelle, sei vielmehr eine Frage |144|der Transaktionskosten. Insofern liege auch bei dieser zweiten Position eine Ausblendung der relevanten Alternativen und darauf aufbauend ein Fehlschluss vor: „[T]he fact that certain people have better judgment or better knowledge does not mean that they can only get an income from it by themselves actively taking part in production. They can sell advice or knowledge.“[225]
Die dritte Position, mit der sich Coase kritisch auseinandersetzt, betrifft die Bedeutung des Verlaufs der Produktionskosten für ein Verständnis empirisch beobachtbarer Firmengrößen. Ausgehend von der Annahme, dass eine Firma jeweils nur ein Produkt herstelle, wird in der zeitgenössischen Literatur ein ansteigender Verlauf der Produktionskosten dafür verantwortlich gemacht, dass Firmen nur eine endliche Größe aufweisen. An dieser Auffassung kritisiert Coase, dass die zugrunde liegende Annahme der Einproduktunternehmung die tatsächlich relevanten Alternativen und damit die für das Problemverständnis entscheidende Frage verdecke. Zu fragen sei nämlich, warum eine Firma, die mit steigenden Produktionskosten konfrontiert ist, nicht auf andere Produkte ausweicht und die Herstellung zusätzlicher Güter in ihr Programm aufnimmt. Die Antwort auf diese Frage sieht Coase in den für das Firmenwachstum tatsächlich relevanten Kosten, und er verweist darauf, dass es sich bei diesen Kosten nicht um Produktionskosten, sondern um Transaktionskosten handelt: „To determine the size of the firm, we have to consider the marketing costs (that is, the costs of using the price mechanism) and the costs of organizing of different entrepreneurs, and then we can determine how many products will be produced by each firm and how much of each it will produce.“[226]
Insgesamt ist es also stets der gleiche Einwand, den Coase gegen die diversen Positionen erhebt: dass die in der Literatur vorfindlichen Überlegungen einer verfehlten Problemstellung folgen und dass eine Theorie der Firma erst dann vorliegt, wenn mit dem ökonomischen Instrumentarium der Marginalanalyse nach den relevanten Alternativen für die organisatorische Abwicklung von Transaktionen und nach den hierbei jeweils anfallenden Transaktionskosten gefragt wird.
2. Der Aufsatz „The Marginal Cost Controversy“ (1946)
Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit dem Problem des natürlichen Monopols und mit der – für Coase: unbefriedigenden – Bearbeitung dieses Problems durch die Wohlfahrtsökonomik. Die Argumentation lässt sich in drei Schritten rekonstruieren. Erstens skizziert Coase die in der zeitgenössischen Literatur dominierende Auffassung, derzufolge ein natürliches Monopol mit Hilfe von steuerfinanzierten |145|Subventionen so reguliert werden sollte, dass es sein Produkt zu Grenzkostenpreisen vertreibt. Zweitens weist er darauf hin, dass bei dieser Auffassung eine relevante und sogar überlegene Alternative außer acht gelassen worden ist, und drittens schließlich führt er aus, dass nach erfolgter Erweiterung des Blickfeldes die in der Literatur für eindeutig gehaltene Überlegenheit von Grenzkostenpreisen gegenüber Durchschnittskostenpreisen nicht länger fraglos akzeptiert werden kann.
(1) Grenzkostenpreise weisen die allgemein wünschenswerte Eigenschaft auf, die Nachfrager mit genau jenen Kosten zu belasten, die für die Produktion der zuletzt hergestellten Einheit des gekauften Gutes tatsächlich anfallen. Sie sorgen damit für eine Angleichung der marginalen Zahlungsbereitschaft und der marginalen Produktionskosten und ermöglichen so eine an den gesellschaftlichen Knappheitsverhältnissen orientierte Entscheidung über die marginale Einschränkung bzw. die marginale Ausdehnung der Produktion. – Im Spezialfall des natürlichen Monopols besteht nun allerdings die Besonderheit, dass die gesamte Marktnachfrage (N) von einem einzigen Anbieter kostengünstiger als durch mehrere Anbieter bedient werden kann (Abb. 2).
Abbildung 2:
Grenzkostenpreis im natürlichen Monopol
Aufgrund dieser Besonderheit wird im Bereich sinkender Durchschnittskosten produziert, d.h. im Bereich links vom Durchschnittskostenminimum, so dass die Grenzkosten (GK) stets unter den Durchschnittskosten (DK) liegen. Dadurch entsteht das Problem, dass der mit dem Grenzkostenpreis (pG) verbundene Umsatz die Gesamtkosten nicht deckt. Vielmehr entsteht eine Deckungslücke, d.h. ein Verlust. Dieser soll – so die wohlfahrtsökonomische Vorstellung – durch steuerfinanzierte Subventionen ausgeglichen werden. Der zum Verlustausgleich benötigte Subventionsbetrag entspricht dem grauen Rechteck in Abb. 2.
(2) Coase macht nun geltend, dass die wohlfahrtsökonomische Auffassung zur Regulierung natürlicher Monopole aus einem Vergleich von Grenzkostenpreisen und Durchschnittskostenpreisen resultiert und dass dieser Vergleich auf einem unangemessen verengten Blickwinkel beruht.
|146|Im natürlichen Monopol führen Durchschnittskostenpreise zu einem Gewinn in Höhe von null (Abb. 3). Da hier kein Verlust entsteht, erfordern sie also keinen staatlichen Eingriff, um den monopolistischen Anbieter anzuregen, die entsprechende Menge bereitzustellen. Aus wohlfahrtsökonomischer Sicht sind sie dennoch mit einem Problem behaftet. Dieses besteht darin, dass nun nicht, wie im Fall der Grenzkostenpreise, die Menge xG angeboten wird, sondern lediglich die geringere Menge xD. Da die Nachfrager nicht mit den in der Produktion tatsächlich anfallenden Zusatzkosten, sondern mit einer höheren, auch einen Fixkostenanteil enthaltenden Preisforderung (pD) konfrontiert werden, sind ihre marginalen Anpassungsentscheidungen ‚verzerrt‘. Folglich fragen sie weniger als die pareto-optimale Menge xG nach. Deshalb, so Coase, befürwortet die zeitgenössische wohlfahrtsökonomische Literatur eine Regulierungslösung, die das natürliche Monopol auf Grenzkostenpreise festlegt. Er sieht hierin der Tendenz nach ein Argument ex negativo: Grenzkostenpreise, so seine Vermutung, werden befürwortet, weil Durchschnittskostenpreise aus allokativen Gründen abgelehnt werden.
Abbildung 3:
Grenzkostenpreis versus Durchschnittskostenpreis im natürlichen Monopol
Vor diesem Hintergrund nun wendet Coase ein, dass bei diesen Überlegungen eine relevante Alternative übersehen wird, eine Alternative jenseits von Grenzkosten- oder Durchschnittskostenpreisen. Coase verweist auf die Option eines „multi-part pricing“. In der Tradition der deutschsprachigen Finanzwissenschaft würde man dies als einen gespaltenen Tarif bezeichnen: als eine Kombination von Beiträgen und Gebühren. Der Grundgedanke dieser Option besteht darin, eine Nutzungsgebühr in Höhe der Grenzkosten zu verlangen und den dabei entstehenden Verlust durch Beiträge zu decken, die nicht von der Gesamtheit der Steuerzahler, sondern ausschließlich von der Gemeinschaft der Nutzer aufzubringen sind. Es handelt sich also um eine Vereins- oder Clublösung, in der die fixen Kapazitätskosten über Beiträge und die variablen Nutzungskosten über Gebühren finanziert werden.
|147|In einer vergleichenden Betrachtung stellt Coase sodann mehrere Aspekte heraus, die aus seiner Sicht für einen gespaltenen Tarif und damit zugleich gegen reine Grenzkostenpreise sprechen. Zu diesen Aspekten gehört, dass die staatliche Subventionierung von Grenzkostenpreisen den Steuerzahlern eine Leistung abnötigt, für die viele von ihnen keine Gegenleistung erhalten, während ein gespaltener Tarif dem Äquivalenzprinzip folgt und nur jene belastet, die das zu finanzierende Gut auch tatsächlich in Anspruch nehmen. Für besonders wichtig jedoch hält Coase eine – ihrerseits ebenfalls wohlfahrtsökonomische – Überlegung. Sie besagt, dass Grenzkostenpreise im natürlichen Monopol zu allokativen Verzerrungen führen, obwohl sie doch genau solche Verzerrungen eigentlich vermeiden helfen sollen. Die Argumentation lautet wie folgt.
Auf einem normalen Markt produzieren konkurrierende Unternehmen im Bereich steigender Durchschnittskosten. Hier gilt: DK < GK. Deshalb erzielen sie Gewinne, auch wenn sie durch Wettbewerb gezwungen sind, ihre Preisforderungen auf das Niveau der Grenzkosten zurückzunehmen. Unter solchen Bedingungen stellen Grenzkostenpreise sicher, dass knappe Ressourcen in ihre produktivste Verwendung wandern. Dies gilt zum einen für jene Ressourcen, die in die Produktion der letzten gerade noch hergestellten Gütereinheit Eingang finden. Es gilt zum anderen für jene Ressourcen, die für den Aufbau der Produktionskapazität verwendet werden. Da die Grenzkosten im hier relevanten Bereich über den Durchschnittskosten liegen, signalisiert die Bereitschaft der Nachfrager, Grenzkostenpreise zu bezahlen, eine Gesamtvorteilhaftigkeit der Produktion sowie eine marginale Vorteilhaftigkeit der Grenzproduktion; sie signalisiert, dass sowohl die fixen als auch die variablen Kosten zu Recht in Kauf genommen worden sind, weil die verbrauchten Ressourcen in ihrer tatsächlichen Verwendung eine höhere Nutzensumme ermöglicht haben als in einer etwaigen alternativen Verwendung.
Im Sonderfall eines natürlichen Monopols verhält sich dies anders. Hier verlaufen die Grenzkosten im relevanten Bereich unter den Durchschnittskosten. Es gilt: GK < DK. Grenzkostenpreise können somit zwar auch weiterhin sicherstellen, dass der Ressourcenverbrauch für die letzte, marginale (n-te) Gütereinheit volkswirtschaftlich gerechtfertigt ist. Sie können jedoch nicht sicherstellen, dass es volkswirtschaftlich gerechtfertigt ist, auch die (n – 1) inframarginalen Einheiten des Monopolgutes zu produzieren. Mit anderen Worten garantieren Grenzkostenpreise nur die Wirtschaftlichkeit der zur Grenzproduktion verwendeten Ressourcen; sie garantieren jedoch nicht die Wirtschaftlichkeit der zum Kapazitätsaufbau verwendeten Ressourcen. Sie geben Auskunft, wieviel produziert werden sollte, lassen jedoch die grundlegendere Frage unbeantwortet, ob überhaupt produziert werden sollte.
Im natürlichen Monopol sind Grenzkostenpreise anfällig für eine volkswirtschaftliche Verschwendung knapper Ressourcen. Während sie auf einem normalen Markt automatisch sicherstellen, dass neben den variablen Kosten auch die Inkaufnahme fixer Kosten durch einen entsprechenden Nachfragernutzen gerechtfertigt ist, ist im natürlichen Monopol gerade dieser Automatismus außer Kraft gesetzt, weil nun das Grenzkostenniveau im hier relevanten Bereich nicht mehr oberhalb, sondern unterhalb des Durchschnittskostenniveaus liegt. Hieraus folgt: Soll – im wohlfahrtsökonomischen Verständnis – aus einer gegebenen |148|Ressourcenausstattung ein Maximum an Bedürfnisbefriedigung herausgeholt werden, so muss dafür Sorge getragen werden, dass die Konsumentenrente der Nachfrager mindestens so groß ist wie der Subventionsbetrag, der zur Fixkostendeckung anfällt. In Abb. 4 ist ein Beispiel eingezeichnet, in dem dies eindeutig nicht der Fall ist.[227] Aus wohlfahrtsökonomischer Sicht liegt hier eine Verschwendung knapper Ressourcen vor: Die zum Kapazitätsaufbau der Güterproduktion verwendeten Ressourcen wären besser anderweitig eingesetzt worden.
Abbildung 4:
Ein Beispiel für Ressourcenverschwendung im natürlichen Monopol
Es stellt sich nun die Frage, wie bei der Setzung von Grenzkostenpreisen eine solche Verschwendung vermieden werden kann, d.h. wie man an die Informationen herankommt, anhand deren man beurteilen kann, ob die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager nicht nur ausreicht, um die variablen Kosten zu decken, sondern ob sie auch ausreicht, um die fixen Kosten zu decken. Coase verweist darauf, dass jene Wohlfahrtsökonomen, die die Setzung von Durchschnittskostenpreisen ablehnen und statt dessen eine Setzung von Grenzkostenpreisen befürworten, zur Lösung dieses Problems vorgeschlagen haben, die Konsumenten nach ihrer Zahlungsbereitschaft zu befragen. An genau diesem Punkt setzt seine Kritik an: Während bei einem gespaltenen Tarif diese Zahlungsbereitschaft in Form von Beiträgen tatsächlich unter Beweis gestellt werden muss, bleibt es im Fall reiner Grenzkostenpreise bei einer hypothetisch bleibenden Erhebung der Zahlungsbereitschaft, weil nicht die befragten Konsumenten selbst, sondern die gesamten Steuerzahler die entstehenden Fixkosten finanzieren müssen. Angesichts dieses |149|gravierenden Unterschieds rechnet Coase mit massiven Anreizen strategischer Informationsverzerrung und folglich mit gravierenden Schwierigkeiten der Administration, die in Abb. 4 skizzierten Gefahren volkswirtschaftlicher Ressourcenverschwendung zu umgehen und so tatsächlich vermeiden zu können – vom Vermeiden-Wollen ist hier noch gar nicht die Rede –, dass viel mehr Monopolgut-Produktionen aufgenommen werden, als es nach wohlfahrtsökonomischen Kriterien gerechtfertigt erscheint.
Das für Coase entscheidende Argument zugunsten eines gespaltenen Tarifs und zu Lasten eines reinen Grenzkostenpreises ist ein Anreizargument: „Neither Hotelling nor Lerner nor Meade give, in my view, sufficient weight to the stimulus to correct forecasting, which comes from having a subsequent market test of whether consumers are willing to pay the total cost of the product. Nor do they recognize the importance of the aid which the results of this market test give in enabling more accurate forecasts to be made in the future.“[228]
(3) Gestützt auf diese Überlegungen, die neben Durchschnittskostenpreisen und Grenzkostenpreisen eine dritte Option zur Regulierung natürlicher Monopole ins Spiel bringen und diese als vergleichsweise überlegen ausweisen, kann Coase dem Anspruch entgegentreten, Grenzkostenpreise seien Durchschnittskostenpreisen überlegen. Zwar weisen Grenzkostenpreise den Vorteil auf – hierin stimmt Coase der in der Literatur vorfindlichen Einschätzung ausdrücklich zu –, dass sie den marginalen Ressourceneinsatz knappheitsmindernd ausrichten. Allerdings weisen sie – und dies wird nun als interne Kritik an der wohlfahrtsökonomischen Literatur betont – den Nachteil auf, den inframar-ginalen Ressourceneinsatz nicht knappheitsmindernd ausrichten zu können. Folglich sieht Coase hier einen Bedarf für eine weitaus differenziertere Einschätzung, als sie in der zeitgenössischen Literatur üblich ist. So schreibt er mit Bezug auf Grenzkostenpreise:
„The … advantage is that a government could undertake production in cases in which consumers would be willing to pay the total cost but which could not be undertaken with average cost pricing. … A government which made many errors in its estimates of individual demands could easily offset any good such a policy might produce. Average cost |150|pricing may prevent some things from being done which perhaps ought to be done, but it is also a means of avoiding certain errors in production, some of which would inevitably be made if the Hotelling-Lerner policy [of marginal-cost pricing; I.P.] were followed.“[229]
3. Der Aufsatz „The Problem of Social Cost“ (1960)
Dieser Aufsatz enthält eine vehemente Kritik der wohlfahrtsökonomischen Vorstellung externer Effekte, d.h. einer Denkkategorie, die Coase für irreführend hält und die er so radikal ablehnt, dass er nicht einmal den Begriff verwendet. Diese Kritik folgt einer Argumentationslinie, die Coase auf nicht weniger als 60 Druckseiten entwickelt. Allerdings ist der Text in insgesamt 10 Abschnitte unterteilt, die es dem Leser erleichtern, den roten Faden nicht zu verlieren. Folgt man dieser Einteilung, so lässt sich die Argumentation in fünf Schritten zusammenfassen.
Den ersten Schritt bilden die Abschnitte I und II. Hier formuliert Coase einleitend seine Problemstellung und seine These: Er geht aus von dem Befund, dass die Wohlfahrtsökonomik bei einer Diskrepanz zwischen privaten und sozialen Kosten einen externen Effekt diagnostiziert und als Therapie hierfür staatliche Eingriffe empfiehlt, die den externen Effekt internalisieren sollen, sei es in Form eines Verbots oder einer Besteuerung jener – z.B. umweltverschmutzenden – Aktivität, von der ein (negativer) externer Effekt ausgeht. Zugrunde liegt die Vorstellung, dass der Verursacher eines externen Effekts mit – unter Umständen prohibitiv hohen – Kosten belastet werden soll, so dass es zu einer Angleichung von (verhaltensrelevanten) privaten und (wohlfahrtsrelevanten) sozialen Kosten kommt. Gegen diese Vorstellung wendet Coase ein, dass die Identifizierung von Verursachern auf einer Zuschreibung beruht, d.h. auf einer Situationswahrnehmung, |151|die er als unterkomplex zurückweist. Aus seiner Sicht geht das zugrunde liegende Problem – entgegen dem Augenschein – nicht einseitig vom ‚Verursacher‘ eines ‚externen Effekts‘ aus. Vielmehr stellt es sich ein als das Resultat einer Nutzungskonkurrenz, bei der rivalisierende Ansprüche an eine knappe Ressource aufeinandertreffen. Das Problem wird also wechselseitig verursacht. Es ist kollektiver Natur. Aufgrund dieser differenzierteren Diagnose hält Coase die Politikempfehlungen der Wohlfahrtsökonomik für in sich inkonsistent und tendenziell verfehlt. Deshalb setzt er seine Kritik als eine interne Kritik der Wohlfahrtsökonomik an. Seine These lautet, dass einige der für die Maximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt relevanten Alternativen – und mithin die Opportunitätskosten der empfohlenen Politikmaßnahmen – im traditionellen Ansatz außer acht gelassen werden. Er kritisiert also nicht, dass die Wohlfahrtsökonomik den gesellschaftlichen Nutzen maximieren will, sondern er kritisiert, dass ihr bei diesem Bemühen gravierende Fehler unterlaufen. Coase kritisiert, dass eine auf externe Effekte fixierte Wohlfahrtsökonomik ihr Ziel verfehlt: dass sie, entgegen ihrer Intention, aus systematischen Gründen die Wohlfahrt nicht wirklich maximiert, weil sie eine Perspektive einnimmt, aus der ihr gesellschaftlich relevante Kosten aus dem Blick geraten.
Der zweite Argumentationsschritt besteht aus den Abschnitten III und IV. Hier dekonstruiert Coase die wohlfahrtsökonomische Position, indem er nachweist, dass in der in dieser Literatur typischerweise verwendeten Modellwelt – einer Modellwelt ohne Transaktionskosten – die von der Wohlfahrtsökonomik empfohlenen Politikmaßnahmen gar nicht nötig wären, um die für wünschenswert gehaltene Angleichung von privaten und sozialen Kosten herbeizuführen. Vielmehr würde sich eine solche Angleichung quasi automatisch einstellen, und zwar durch – kostenlose! – Verträge, durch die rivalisierende Nutzungsansprüche aufeinander abgestimmt und marginal ausgeglichen würden. Hierbei macht sich Coase die Pointe zunutze, dass sich in jedem Fall eine effiziente Allokation einstellen würde, und zwar unabhängig von der Frage, wie die Nutzungsrechte im Ausgangszustand verteilt sind. Bei Abwesenheit von Transaktionskosten würden bestehende Nutzungsrechte per Vertrag genau dorthin übertragen, wo sie den gesellschaftlich größten Nutzen stiften – so die Aussage des berühmt-berüchtigten Theorems, das mit dem Namen Coase mittlerweile untrennbar verbunden ist. Das sogenannte ‚Coase-Theorem‘ formuliert also lediglich ein gegen die Wohlfahrtsökonomik gerichtetes Non-Sequitur. Es sagt nicht aus, welche Anschauung Coase für richtig hält; sondern es sagt aus, dass und warum Coase den wohlfahrtsökonomischen Problemaufriss für verfehlt hält.
Den dritten Argumentationsschritt bildet der lange, nicht weniger als zehn Seiten umfassende Abschnitt V. Hier dokumentiert Coase ausführlich, dass die reziproke Natur des ‚Verursachungs‘-Problems in der juristischen Literatur durchaus gesehen worden ist. Mit diesem Exkurs stimmt Coase den Leser auf seine differenzierende Sicht der Dinge ein und bereitet damit das eigentliche Kernargument seines Aufsatzes vor.
Den vierten Argumentationsschritt bilden die Abschnitte VI und VII. Hier nimmt Coase den durch den Exkurs unterbrochenen Gedankengang wieder auf. War im zweiten Argumentationsschritt gezeigt worden, dass sich das zugrunde liegende Problem reziproker Nutzungskonkurrenz in einer Welt ohne |152|Transaktionskosten ohne weiteres von selbst regelt, stellt sich nun die Frage, wie dieses Problem in einer Welt mit Transaktionskosten wohlfahrtsoptimal gelöst werden kann. Hierzu bietet Coase folgende Überlegung an: Transaktionskosten sorgen dafür, dass der Tausch von Nutzungsrechten unter Umständen bereits eingestellt werden muss, noch bevor die knappen Ressourcen ihre produktivste Verwendung gefunden haben. Damit kehrt sich die Aussage des sog. ‚Coase-Theorems‘ geradewegs um: In einer Welt mit positiven Transaktionskosten wird die Anfangsausstattung mit Nutzungsrechten wichtig, weil sie das Allokationsergebnis der marktlichen Tauschprozesse vorbestimmt. Hieraus zieht Coase nun den Schluss, dass dies bereits bei der Zuteilung von Rechten bedacht werden sollte. Folglich wird Gesetzgebung und Rechtsprechung eine extrem wichtige ökonomische Bedeutung zugesprochen. Das Kernargument lautet im Original wie folgt:
„[W]hen dealing with the problem of the rearrangement of legal rights through the market, I argued that such a rearrangement would be made through the market whenever this would lead to an increase in the value of production. But this assumed costless market transactions. Once the costs of carrying out market transactions are taken into account, it is clear that such a rearrangement of rights will only be undertaken when the increase in the value of production consequent upon the rearrangement is greater than the costs which would be involved in bringing it about. When it is less, the granting of an injunction … or the liability to pay damages may result in an activity being discontinued (or may prevent its being started) which would be undertaken if market transactions were costless. In these conditions, the initial delimination of legal rights does have an effect on the efficiency with which the economic system operates. One arrangement of rights may bring about a greater value of production than any other.“[230]
An dieses Argument schließt Coase zwei Überlegungen an. Die erste Überlegung besagt, dass – ausgehend von gegebenen Rechten – zur Lösung des reziprok verursachten Problems einer Konkurrenz rivalisierender Nutzungsansprüche mehrere Alternativen in Frage kommen und dass jede dieser Alternativen – eine preisliche Koordination der Nutzungsansprüche, eine hierarchische Koordination in Firmen und schließlich eine staatliche Koordination mittels Steuer und Verbot oder ähnlichen Formen der Regulierung – Kosten verursacht, die gegeneinander abgewogen werden müssen, wenn das Wohlfahrtsoptimum nicht verfehlt werden soll.[231] Die zweite Überlegung besagt, dass dort, wo es um die Zuteilung von Rechten geht, also bei der Gesetzgebung und bei der Rechtsprechung, mit berücksichtigt werden sollte, dass – aufgrund von Transaktionskosten – die Primärverteilung von Rechten ihre Sekundärverteilung präjudiziert und dass folglich bereits bei der Zuteilung von Rechten darauf geachtet werden sollte, dass sie einer möglichst produktiven Verwendung knapper Ressourcen nicht im Wege steht.[232]
|153|Den fünften Argumentationsschritt schließlich bilden die Abschnitte VIII, IX und X. Hier nimmt Coase die Auseinandersetzung mit der Literatur wieder auf: die Auseinandersetzung mit Pigou und der sich an Pigou anschließenden Wohlfahrtsökonomik. Gegen Pigou wendet er ein, dass es nicht darauf ankommen kann, externe Effekte ‚um jeden Preis‘ zu internalisieren: Genauso, wie es sehr riskant wäre, alle Risiken strikt vermeiden zu wollen, wäre es sehr schädlich, alle Schädigungen unterbinden zu wollen.[233] Gegen die Pigou-Tradition wendet er ein, dass sie sich den Denkfehler, der Pigou unterlaufen ist, als Methode zu eigen macht.[234] Sein Fazit lautet, dass dieser verfehlte Ansatz korrigiert werden muss.[235] Hierbei geht es ihm vor allem um die Heuristik, d.h. um eine methodische Anleitung zur Wahrnehmung der situativ relevanten Alternativen. Im einzelnen führt er dazu Folgendes aus:
„Analysis in terms of divergences between private and social products concentrates attention on particular deficiencies in the system and tends to nourish the belief that any measure which will remove the deficiency is necessarily desirable. It diverts attention from those other changes in the system which are inevitably associated with the corrective measure, changes which may well produce more harm than the original deficiency.“[236] – „A better approach would seem to be to start our analysis with a situation approximating that which actually exists, to examine the effects of a proposed policy change, and to attempt to decide whether the new situation would be, in total, better or worse than the original one. In this way, conclusions for policy would have some relevance to the actual situation.“[237]
4. Der Coase-Approach: Zur Kennzeichnung des Denkansatzes
Vor dem Hintergrund der bisherigen Rekonstruktion stellt sich nun die Frage, worin die Unterschiede sowie die Gemeinsamkeiten der drei Aufsätze liegen und – dies vor allem – ob sich die Gemeinsamkeiten auf einen zugrunde liegenden Denkansatz zurückführen lassen.
|154|Hinsichtlich der Unterschiede fällt zunächst auf, dass der 1937er Aufsatz einer positiven Analyse dient, während der 1946er und der 1960er Aufsatz hinsichtlich ihrer Argumentation eine normative, unmittelbar politikrelevante Stoßrichtung verfolgen. Im ersten Aufsatz geht es Coase um einen Erklärungsansatz für die Existenz von Firmen, für die Größe von Firmen und schließlich für die Branchenstruktur von Firmen. In den beiden späteren Aufsätzen geht es Coase um eine Korrektur wohlfahrtsökonomischer Politikempfehlungen. Im 1946er Aufsatz beschäftigt er sich mit den Fehlanreizen staatlicher Markteingriffe zur Regulierung natürlicher Monopole, und im 1960er Aufsatz bestimmt er die ökonomische Aufgabe des Staates nicht regulierungspolitisch, sondern rechtspolitisch: Der Staat solle eine Internalisierung externer Effekte, sofern diese überhaupt wünschbar sei, nicht durch eine Intervention in Marktprozesse fördern, sondern vielmehr durch eine Gestaltung der rechtlichen Rahmenordnung für Marktprozesse.
Die Argumente dieser drei Aufsätze lassen sich jeweils als Transaktionskosten-Argumente (re-)formulieren: (a) Die preisliche Allokation auf dem Markt verursacht ebenso Transaktionskosten wie die hierarchische Allokation in der Firma, so dass sich die Organisationsstrukturen der Wirtschaft auf das Bemühen zurückführen lassen, diese Kosten nach Möglichkeit einzusparen. (b) Nicht nur die Firma, sondern auch der Staat ermöglicht eine Form hierarchischer Allokation. Bei der Regulierung natürlicher Monopole bestehen die Transaktionskosten im Ressourcenverzehr einer aufgrund von Fehlanreizen sub-optimalen Allokation. (c) Der Gütertausch ist nicht als Tausch physischer Einheiten, sondern als Tausch von Rechten aufzufassen. Bei diesem Tausch entstehen Transaktionskosten. Folglich sollte die dem Tausch vorangehende Zuteilung von Rechten von vornherein so beschaffen sein, dass sie Einsparungen der im Tauschprozess anfallenden Transaktionskosten ermöglicht.
Diese Reformulierung macht deutlich, dass jedem Argument ein etwas anderes Verständnis von Transaktionskosten zugrunde liegt. Im 1937er Aufsatz sind Transaktionskosten die bei alternativen Allokationsmechanismen jeweils anfallenden Kosten. Sie verweisen darauf, dass der Prozess der Ressourcenallokation seinerseits Ressourcen verzehrt. Im 1946er Aufsatz sind Transaktionskosten die Kosten einer Fehlallokation von Ressourcen. Sie verweisen darauf, dass bei der Ressourcenallokation anreizbedingte Schwierigkeiten entstehen können und dass solche Schwierigkeiten berücksichtigt werden müssen, wenn Politikempfehlungen auf einem Vergleich der tatsächlich relevanten Alternativen gründen sollen. Im 1960er Aufsatz sind Transaktionskosten die Kosten einer Übertragung von Rechten. Sie verweisen auf die wirtschaftlichen Konsequenzen juristischer Entscheidungen, die bei Rechtsetzung und Rechtsprechung bedacht werden sollten.
Das Gemeinsame liegt also offensichtlich nicht in der inhaltlichen Fassung des Transaktionskosten-Begriffs. Eher schon liegt es in der Funktion, die der Begriff für die jeweilige Argumentation übernimmt. In allen drei Coase-Aufsätzen markiert der Transaktionskosten-Begriff den blinden Fleck der zeitgenössischen Literatur. Er definiert jene Kosten, die in der ökonomischen Theorie bislang übersehen worden sind und die im Zentrum der Betrachtung stehen müssen, wenn die für das jeweilige Problem relevanten Alternativen endlich ins Blickfeld gerückt werden sollen. Als These formuliert: In den drei Aufsätzen wird |155|der Transaktionskosten-Begriff – explizit oder implizit – jeweils unterschiedlich gefasst. Die Gemeinsamkeit besteht jedoch darin, dass Coase mit Hilfe dieses Begriffs auf die für das jeweilige Problem relevanten Alternativen aufmerksam macht, die in der zeitgenössischen Ökonomik tendenziell übersehen worden sind.
Aus einer solchen Perspektive wird deutlich, dass es in der Tat einen roten Faden gibt, der die drei Aufsätze miteinander verbindet; einen einheitlichen approach, der in allen drei Aufsätzen zum Ausdruck kommt. Die systematische Gemeinsamkeit liegt in der Methode, und diese lässt sich wie folgt kennzeichnen: In allen drei Aufsätzen geht es Coase um eine Änderung der Fragestellung und um eine hierfür erforderliche Korrektur des Kategoriensystems ökonomischer Theorie. In allen drei Fällen wird diese Korrektur nicht abstrakt vorgenommen, sondern im Rekurs auf eine ökonomische Basiskategorie, mit deren Hilfe eine in der einschlägigen Literatur fest eingefahrene Problemstellung aufgesprengt wird: Im 1937er Aufsatz ist es die gedankliche Figur einer gleichgewichtigen marginalen Substitution, auf die sich das Argument stützt, dass das organisatorische Design wirtschaftlicher Allokation nicht von Produktionskosten, sondern von Transaktionskosten abhängt.[238] Im 1946er Aufsatz ist es die gedankliche Figur der Opportunitätskosten, auf die sich das Argument stützt, dass die alternative Verwendung von Ressourcen und die hiermit verbundene Nutzenstiftung mitbedacht werden muss, wenn man im Wege einer Regulierung natürlicher Monopole nicht zu mehr, sondern tatsächlich zu weniger Ressourcenverschwendung beitragen will.[239] Im 1960er Aufsatz ist es der fundamentale Gedanke der Knappheit, auf den sich das Argument stützt, dass Pro-bleme schädigenden Verhaltens entgegen dem Augenschein nicht einseitig, sondern wechselseitig verursacht sind, so dass es nicht darum gehen kann, externe Effekte um jeden Preis zu internalisieren, sondern allenfalls darum, die mit der Schadensregulierung verbundenen Kosten so gering wie möglich zu halten.[240] Zu diesem Zweck schlägt Coase vor, von einer – interventionistischen – Ex-Post-Maximierung zu einer – rechtspolitischen – Ex-Ante-Maximierung gesellschaftlicher Wohlfahrt überzugehen.
|156|5. Zwischen Wohlfahrtsökonomik und Institutionenökonomik? – Zu den Rezeptionsschwierigkeiten des Coase-Ansatzes
Die bisher rekonstruierten Coase-Aufsätze sind rein verbal gehalten. Sie verzichten auf formale Modellierung und auf hiermit verbundene technische Finessen. Statt dessen konzentrieren sie sich auf Argumente. Diese Argumente sind denkbar einfach strukturiert, je geradezu simplistisch – und dennoch sind sie grundlegend missverstanden worden. Lange Zeit wurde ihre Bedeutung für eine ökonomische Analyse institutioneller Arrangements nicht erkannt, und zudem wurde – und wird – die hiermit verbundene Herausforderung der Wohlfahrtstheorie unterschätzt, jener Theorie also, welche das ökonomische und insbesondere wirtschaftspolitische Denken des 20. Jahrhunderts über weite Strecken maßgeblich bestimmt hat. Woran kann das liegen? Worin bestehen die Hindernisse einer angemessenen Rezeption? Inwiefern leisten die Aufsätze selbst der Tendenz Vorschub, die Kernbotschaft des Coase-Ansatzes misszuverstehen? Und nochmals: Worin genau besteht die Kernbotschaft? Und was ist aus heutiger Sicht an dieser Kernbotschaft zu kritisieren?
(1) Zur Beantwortung dieser Fragen ist zunächst auf zwei Faktoren hinzuweisen, die Missverständnisse gefördert haben könnten. Erstens: In allen drei Aufsätzen wird das ökonomische Kernproblem als Allokationsproblem aufgefasst, als Problem einer optimalen Ressourcenverwendung. Vor allem im 1946er und im 1960er Aufsatz präsentiert Coase seine Überlegungen als eine interne Kritik der Wohlfahrtsökonomik, so als ginge es darum, kategoriale Verbesserungen innerhalb dieses Paradigmas vorzunehmen, anstatt das Paradigma zu wechseln. Coase akzeptiert ausdrücklich, dass die gesellschaftliche Wohlfahrt maximiert werden soll und macht lediglich geltend, dass sie durch eine angemessene Berücksichtigung von Transaktionskosten erfolgreicher maximiert werden kann. Coase präsentiert seine institutionenökonomischen Überlegungen als bessere Wohlfahrtsökonomik. Dies macht es schwer, den von Coase propagierten Wechsel des Ansatzes nicht als eine normalwissenschaftliche Anregung, sondern statt dessen als eine revolutionäre Herausforderung des dominierenden Paradigmas wahrzunehmen.
Zweitens: Der Anschein, es handle sich um Fortschrittsbemühungen innerhalb des wohlfahrtsökonomischen Paradigmas, wird auch dadurch verstärkt, dass Coase sein Bemühen um eine grundlegende Änderung eingeschliffener Problemstellungen an manchen Stellen nicht als Konstruktivismus, sondern – so scheint es – als Empirismus ausweist. Dies ist tendenziell irreführend. Dass es Coase nämlich nicht um ein einfaches Sammeln von Daten geht, zeigt sich zum einen an seiner Kritik des von der deutschen Historischen Schule maßgeblich beeinflussten amerikanischen Institutionalismus.[241] Zum anderen zeigt es sich daran, dass Coase sich von einer stärker empirisch ausgerichteten Forschung dezidiert konstruktivistische Fortschrittsbeiträge verspricht. So heißt es in der Ergänzungsstudie zum 1937er Aufsatz:
|157|„I have suggested that what is wanted is a large-scale systematic study of the organization of industry … I have also suggested that this would yield best results if conducted in an atmosphere in which the scientific spirit is not contaminated by a desire (or felt obligation) to find quick solutions to difficult policy issues. … This proposal for more research is founded on my belief that it is unlikely that we shall see significant advances in our theory of the organization of industry until we know more about what it is that we must explain. An inspired theoretician might do as well without such empirical work, but my own feeling is that the inspration is most likely to come through the stimulus provided by the patterns, puzzles, and anomalies revealed by the systematic gathering of data, particularly when the prime need is to break our existing habits of thought.“[242]
(2) Im übrigen ist es aufschlussreich, dass Coase sich die Frage nach den Gründen für die Rezeptionsschwierigkeiten seines Ansatzes selbst gestellt und retrospektiv wie folgt beantwortet hat: Er schließt eigene Unzulänglichkeiten hinsichtlich der argumentativen Darstellung nicht aus. Als Haupthindernis jedoch identifiziert er den tiefgreifenden Paradigmawechsel, der mit seinem Ansatz verbunden ist.[243] Dieser Ansatz beruht auf einem Element der Selbst-referentialität. Coase geht es darum, die Mängel ökonomischer Theorie mit Hilfe ökonomischer Theorie zu heilen. Hierin sieht er den gemeinsamen Kern seiner drei zentralen Aufsätze und der jeweils zugehörigen Ergänzungsstudien.[244]
„In mainstream economic theory, the firm and the market are, for the most part, assumed to exist and are not themselves the subject of investigation. One result has been that the crucial role of the law in determining the activities carried out by the firm and in the market has been largely ignored. What differentiates the essays in this book is not that they reject existing economic theory … but that they employ this economic theory to examine the role which the firm, the market, and the law play in the working of the economic system.“[245]
Der Ansatz, den Coase an die Stelle der wohlfahrtsökonomischen Theorie treten lassen möchte, ist ein institutionenökonomischer Ansatz mit positiven und normativen Implikationen. Auf der einen Seite möchte Coase das Verständnis institutioneller Arrangements fördern, indem er diese nicht nur als Restriktion, sondern zusätzlich auch als Objekt individueller Wahlhandlungen aufgefasst wissen möchte (‚institutional choice‘ als Erklärungsansatz). Auf der anderen |158|Seite möchte Coase die politische Gestaltung des gesellschaftlichen Institutionensystems ihrerseits als eine – nach Möglichkeit zu optimierende – Wahlhandlung aufgefasst wissen (‚institutional choice‘ als Steuerungsansatz).[246] Hierbei macht er sich die wohlfahrtsökonomische Vorstellung einer gesellschaftlichen Maximierung ausdrücklich zu eigen.
„Individuals and organizations will, in furthering their own interests, take actions which facilitate or hinder what others want to do. They may supply labour services or withdraw them, provide capital equipment or decline to do so, emit smoke or prevent it, and so on. The aim of economic policy is to ensure that people, when deciding which course of action to take, choose that which brings about the best outcome for the system as a whole. As a first step, I have assumed that this is equivalent to maximizing the value of total production (and in this I am Pigovian).“[247]
(3) Auf den ersten Blick spricht somit einiges für die These, dass Coase den Paradigmawechsel von der Wohlfahrtsökonomik zur Institutionenökonomik als Wegbereiter ermöglicht hat, ohne jedoch diesen Paradigmenwechsel selbst vollständig zu vollziehen. Hierzu wäre es nötig gewesen, das ökonomische Problem nicht als gesellschaftliche Maximierung, sondern als gesellschaftliche Koordinierung aufzufassen: als Gestaltung der institutionellen Rahmenbedingungen für je individuelle Maximierungsanstrengungen. Die radikale Schlussfolgerung, einer solchen Koordinierung nicht das Kriterium allokativer Effizienz, sondern das Kriterium demokratischer Zustimmung zugrunde zu legen, d.h. sich von der Hypothek utilitaristischen Denkens endgültig zu verabschieden, ist nicht von Ronald Coase gezogen worden, sondern von James Buchanan, mit dessen Name sich das Forschungsprogramm konstitutioneller Ökonomik verbindet.[248] Erst in neuerer Zeit wird gesehen, dass dies eine weitere, nicht minder radikale Konsequenz nach sich zieht, die Schlussfolgerung nämlich, den ökonomischen Ansatz von einer Aktions-Analyse auf eine Interaktions-Analyse umzustellen: auf eine Anreizanalyse sozialer Dilemmata, die einen systematischen Ansatzpunkt für Konsens hinsichtlich institutioneller Arrangements und ihrer institutionellen Reform bietet.[249] Von daher wird man Coase nicht gut zum Vorwurf machen können, dass er nicht bereits alle theoriestrategischen Implikationen des von ihm geforderten Paradigmawechsels von vornherein selbst gesehen und antizipiert hat.
Allerdings ist an dieser Stelle auf einen wichtigen Punkt hinzuweisen, der das Verständnis des Transaktionskosten-Begriffs betrifft. Wird der Paradigmawechsel von der Wohlfahrtsökonomik zur Institutionenökonomik konsequent vollzogen, so verabschiedet man sich nicht nur von der Vorstellung einer gesellschaftlichen |159|Wohlfahrtsmaximierung, sondern zugleich auch von der Vorstellung, es sei wünschenswert, Transaktionskosten zu minimieren. Besonders deutlich wird dies, wenn man sich die Funktionsweise einer Institution veranschaulicht, die, so Coase, in der ökonomischen Literatur noch stärker vernachlässigt und folglich noch weniger verstanden worden ist als die Institution der Firma, nämlich die Funktionsweise der Institution des Marktes (Abb. 5).[250]
Abbildung 5:
Das Marktschema
Abbildung 5 enthält eine schematische Darstellung der Anbieter (A) und Nachfrager (N), die auf einem Markt zusammentreffen. Hier lassen sich horizontale und vertikale Beziehungen – genauer: Interaktions-Beziehungen – unterscheiden. Jede dieser Beziehungen ist dadurch gekennzeichnet, dass mindestens zwei Akteure beteiligt sind und dass die beteiligten Akteure simultan gemeinsame und konfligierende Interessen aufweisen. Ein funktionierender Markt ist nun so beschaffen, dass in vertikalen Beziehungen die gemeinsamen Interessen dominieren, so dass ein wechselseitig vorteilhafter Tausch auch tatsächlich zustande kommt, während in horizontalen Beziehungen die konfligierenden Interessen dominieren, so dass Kartellhandlungen unterbunden werden, obwohl auf jeder Marktseite ein gemeinsames Interesse an einem eigenen Kartell besteht. Vor diesem Hintergrund ist nun auf vier Punkte aufmerksam zu machen.
Erstens ist es in der Tat wichtig, die Transaktionskosten für vertikale Interaktionen möglichst gering zu halten, um gesellschaftlich produktive Tauschakte zu unterstützen. Hierzu dient nicht zuletzt die staatliche Durchsetzungsgarantie privatrechtlicher Verträge.
Zweitens ist es jedoch mindestens ebenso wichtig, die Transaktionskosten für horizontale Interaktionen hinreichend hoch zu halten, um gesellschaftlich unproduktive ‚Tauschakte‘ zu Lasten Dritter in Form von Kartellen zu unterbinden. Hierzu dient nicht zuletzt das Wettbewerbsrecht sowie generell der Versuch, Märkte offen zu halten, um eine wirksame Marktabschottung auch durch potentiellen Wettbewerb zu erschweren.
Drittens ist der systematische Zusammenhang zu beachten: Höhere horizontale Transaktionskosten dienen dazu, die vertikalen Transaktionskosten zu |160|senken. Die Unterbindung von Kartellen erst macht es möglich, Wettbewerbsanreize nutzen zu können, um auch solche Gegenleistungen individuell rational werden zu lassen, die nur schwer justitiabel gemacht werden können. Zugespitzt formuliert: Die rechtsstaatliche Kontrolle und die Kontrolle durch Konkurrenten sind funktionale Komplemente in der gesellschaftlichen Herstellung von Anreizkom-patibilität.
Viertens: Auch wenn eine gezielte Erhöhung von Transaktionskosten eingesetzt wird, um letztlich Transaktionskosten zu senken, liegt die Rationalität eines funktionierenden Marktes nicht in einer Minimierung der insgesamt anfallenden Transaktionskosten, sondern in der allgemeinen Zustimmungsfähigkeit der Anreizstruktur für die betroffenen Marktteilnehmer. Nicht Effizienz, sondern Konsens ist hier das entscheidende Merkmal. – Normativ gewendet, sollten Märkte so ausgestaltet werden, dass sie die gemeinsamen Regelinteressen aller Marktteilnehmer – genauer: aller Bürger – zur Geltung bringen, indem sie Konkurrenz als Instrument gesellschaftlicher Kooperation einsetzen. Es geht darum, das für die Möglichkeit demokratischer Politik unverzichtbar wichtige konsensuale Potential zu aktivieren, das in einer institutionellen, d.h. anreizgestützten, (De-)Stabilisierung (un-)produktiver Interaktionen liegt.[251]
(4) Es geht hier nicht darum, Coase von einer Position aus zu kritisieren, die ohne seine Pionierleistungen wohl kaum zu erreichen gewesen wäre. Seine Leistung besteht darin, wie nur wenige andere der Institutionenökonomik als einer Alternative zur Wohlfahrtsökonomik zum Durchbruch verholfen zu haben. Dass das Neue noch einige Reste des Alten mit sich führt, ist kein Einwand gegen das Neue, sondern allenfalls eine Herausforderung, genauer auf die Übergänge zu achten und exakt jene Unterschiede herauszuarbeiten, durch die sich das Neue vom Alten abhebt. Der in dieser Hinsicht neuralgische Punkt ist die Vorstellung gesellschaftlicher Maximierung, die in den drei bisher rekonstruierten Aufsätzen nicht aufgegeben wird.[252] Folglich sieht es zunächst so aus, als bleibe Coase gleichsam auf halber Strecke stehen, als mache er Halt im unwirtlichen Niemandsland zwischen Wohlfahrtsökonomik und Institutionenökonomik. Sein Werk wäre dann primär eine Übergangserscheinung und allenfalls unter theoriegeschichtlichen Aspekten interessant. Allerdings wäre es voreilig, einen solchen Schluss zu ziehen, bevor nicht noch ein weiterer Aufsatz rekonstruiert wird, der Aufschluss darüber geben kann, was auch heute noch von dem den Coase-Aufsätzen zugrunde liegenden Ansatz gelernt werden kann.
|161|6. Der Aufsatz „How Should Economists Choose?“ (1982)
In diesem Aufsatz führt Ronald Coase eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit der methodologischen Position von Milton Friedman, derzufolge das entscheidende Qualitätskriterium einer wissenschaftlichen Theorie in ihrer Prognosefähigkeit liegt.[253] Coase erhebt den Anspruch, mit Friedman gegen Friedman zu argumentieren – genauer: mit dem Ökonom Friedman gegen den Methodologen Friedman.[254] In der Tat wählt Coase einen dezidiert ökonomischen Zugang zum Thema: „Many economists, perhaps most, think of economics as the science of human choice, and it seems only proper that we should examine how economists themselves choose the theories they espouse.“[255] Es geht Coase also nicht um eine allgemeine Wissenschaftstheorie, sondern – spezifischer – um eine Wissenschaftstheorie von und für Ökonomen.
Insgesamt erhebt Coase drei Einwände gegen Friedmans Position. Der erste Einwand besteht in dem Hinweis, dass es nicht nur auf die prognostische, sondern auch – laut Coase: sogar vor allem – auf die heuristische Qualität einer Theorie ankommt: Die wichtigste Leistung einer wissenschaftlichen Theorie bestehe nicht in empirisch prüfbaren Voraussagen über die Realität, sondern in einer Anleitung des Denkens. Coase sieht in Theorien primär eine Strukturierungshilfe für intellektuelle Orientierung.[256] Der zweite Einwand betrifft Friedmans Aussage, dass es vorrangig auf den Prognoseerfolg und deshalb allenfalls nachrangig auf die Realitätsnähe der Annahmen ankomme: Nicht der Theorie-Input, sondern der Theorie-Output entscheide über die Qualität einer Theorie. Gegen diese Auffassung macht Coase folgende Überlegung geltend: „Testable predictions are not all that matters. And realism in assumptions is needed if our theories are ever to help us understand why the system works in the way it does. Realism in assumptions forces us to analyze the world that exists, not some imaginary world that does not.“[257] Es ist also weniger eine etwaige Realitätsnähe der Annahmen per se, die Coase für wichtig hält, als vielmehr eine gewisse Realitätsnähe zur theoretischen Verankerung relevanter Problemstellungen – genauer: zur Verankerung der Theorie gegen eine leicht zur Irrelevanz neigende Autopoiesis freischwebender Intelligenz. Coase möchte offenbar verhindern, dass von methodologischer Seite der Tendenz Vorschub geleistet wird, die ökonomische Theoriebildung auf imaginäre Modellwelten zu spezialisieren und dadurch von gesellschaftlich relevanten Forschungsproblemen abzukoppeln.
Der dritte Einwand, und erst dieser ist grundlegend, beruht auf der Beobachtung, dass Friedmans Methodologie selbst nicht eine positive, sondern eine normative |162|Theorie formuliert.[258] Diese Beobachtung nimmt Coase nun zum Anlass, die Fragestellung zu ändern. Er will nicht untersuchen, wie sich Ökonomen bei der Auswahl konkurrierender Ansätze verhalten sollten, sondern wie sie sich bei einer solchen Theoriewahl tatsächlich verhalten. Zu diesem Zweck analysiert er drei spektakuläre Theorieerfolge aus den 1930er Jahren: Anhand der Rezeption der Arbeiten von F.A. von Hayek, J.M. Keynes sowie E. Chamberlin und J. Robinson gelangt Coase zu dem Schluss, dass der Prognoseerfolg ihrer Theorien für den Rezeptionserfolg eine allenfalls untergeordnete Rolle gespielt hat, so dass sich die ökonomische Profession bei ihrer Theoriewahl mehrfach deutlich anders verhalten hat, als es die Friedmansche Methodologie postuliert.[259] Erst vor diesem Hintergrund formuliert Coase seinen dritten Einwand, den Einwand nämlich, dass eine Befolgung der Friedmanschen Methodologie den Wissenschaftsprozess blockieren würde: „An insistence that the choice of theories be made in accordance with Friedman’s criteria would paralyze scientific activity.“[260]
Zur Erläuterung dieses Einwands erörtert Coase die Rolle, die die empirische Forschung für die ökonomische Theoriebildung spielen kann. Zum einen weist er die Vorstellung zurück, das Sammeln und Analysieren von Daten gehe der Theoriebildung – gleichsam induktiv – voran. Unter Verweis auf seine Erfahrungen als Herausgeber des „Journal of Law and Economics“ schreibt er über die dort veröffentlichten empirischen Studien: „I doubt whether such studies have often led to a change in the views of the authors. My impression is that these quantitative studies are almost invariably guided by a theory and that they may most aptly be described as explorations with the aid of a theory. In almost all cases, the theory exists before the statistical investigation is made and is not derived from the investigation.“[261] Zum anderen macht er darauf aufmerksam, dass eine Umsetzung der Friedmanschen Methodologie auf gewaltige Anreizprobleme stoßen würde:
„There is little profit in undertaking an investigation that is expected to show that a theory in which no one believes yields incorrect predictions, and I doubt whether any editor of a professional journal could be found who would be willing to publish a paper giving the results of such an investigation. If all economists followed Friedman’s principles in choosing theories, no economist could be found who believed in a theory until it had been tested, which would have the paradoxical result that no tests would be carried out. This is what I meant when I said that acceptance of Friedman’s methodology would result in the paralysis of scientific activity. Work could certainly continue, but no new theories would emerge.“[262]
Vor diesem Hintergrund zieht Coase folgendes Fazit: Er widerspricht der Vorstellung, empirische Studien seien die Entscheidungsinstanz für theoretischen Erfolg. Trotzdem hält er sie für wichtig, und zwar deshalb, weil sie bei der Entscheidung |163|für oder gegen Theorien eine bestimmte Rolle spielen können. Hierbei legt Coase großen Wert auf die Feststellung, dass die Theoriewahl von Wissenschaftlern getroffen wird und dass der Wissenschaftsprozess als ein sozialer Prozess aufzufassen ist. Demzufolge müsse die Rolle empirischer Forschung von ihrer Funktion in diesem sozialen Prozess her bestimmt werden. Konkret heißt dies, so Coase, dass empirische Studien eine Marketingfunktion auf dem Markt wissenschaftlicher Ideen übernehmen können:
„Quantitative studies … may give someone who believes in a theory a better idea of what that theory implies. But such studies … also play … another and very important role. The choice economists face is a choice between competing theories. These studies … perform a function similar to that of advertising and other promotional activities in the normal products market. They do not aim simply at enlarging the understanding of those who believe in the theory but also at attracting those who do not believe in it and at preventing the defection of existing believers. … What we are dealing with is a competitive process in which purveyors of the various theories attempt to sell their wares.“[263]
Coase ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass diese provokante Analogisierung von Wissenschaftsprozess und Marktprozess ein wichtiges (Folge-)Problem nach sich zieht: Wie kann die Wissenschaftlichkeit des Wissenschaftsprozesses konstituiert werden, wenn sie nicht durch das Ethos der einzelnen Wissenschaftler garantiert ist? – Diese Frage stellt sich, so Coase, besonders dringlich für die ökonomische Wissenschaft, die aufgrund ihrer Politiknähe stärker als andere Disziplinen der Gefahr ausgesetzt ist, dass Theoriebildung, Theorierezeption und Theorieakzeptanz von anderen als nur rein wissenschaftlichen Motiven bestimmt werden.
Auf die so gestellte Frage antwortet Coase als Ökonom. Seine Antwort besagt, dass es im Wissenschaftsprozess – analog zum Markt – weniger auf die Handlungsmotive als vielmehr auf die Handlungsanreize ankomme und dass diese – analog zum Markt – institutionell: mit Hilfe wettbewerblicher Anreize, so gesetzt werden können – und tatsächlich auch weitgehend so gesetzt sind –, dass sanktionsbewehrte Reputationseffekte der Gefahr intellektueller Korruption hinreichend vorbeugen. Freilich verschweigt Coase nicht, dass eine solche Organisation des Wissenschaftsprozesses auch aus ökonomischer Sicht Chancen und Risiken in sich birgt: Auf der einen Seite sei mit Reputationseffekten innerhalb der Profession die Chance verbunden, sich gegen wissenschaftsfremde Einflüsse – insbesondere gegen tages- und parteipolitischen Opportunismus – wirksam abzuschirmen. Auf der anderen Seite bringe gerade dies die Gefahr mit sich, dass sich eine Profession, wie ein Kartell, gegen unbequeme Neuerungen abschotte. Zur Illustration dieses Problems – und der institutionellen Optionen zur Lösung dieses Problems – verweist Coase darauf, dass die neue Disziplin „Law and Economics“ nicht an ökonomischen Fakultäten, sondern an juristischen Fakultäten beheimatet ist und dass die ursprünglichen Akzeptanzschwierigkeiten in der ökonomischen Profession nur aufgrund wettbewerblicher Strukturen des Universitätssystems – einschließlich einer an finanzielle Verantwortung gekoppelten Entscheidungsautonomie einzelner Departments, Forschungsinstitute und Stiftungen – überwunden werden konnten.
|164|Diese Überlegungen münden schließlich in die eigentliche These des Aufsatzes. Diese sei hier im vollen Wortlaut wiedergegeben, weil sie wie kaum ein anderes Zitat deutlich werden lässt, dass Coase auch hier seinem konstruktivistischen Ansatz treu bleibt, dem Ansatz nämlich, mit Hilfe ökonomischer Theorie – hier: mit Hilfe der ökonomischen Unterscheidung zwischen individuellen Handlungen und institutionellen Handlungsanreizen – eine eingefahrene Problemstellung aufzusprengen und so eine neue, fruchtbare Frage aufzuwerfen, verstanden als Einladung, die Welt auch einmal aus der Perspektive einer komparativen Institutionenökonomik zu betrachten:
„I started … by asking, How should economists choose? I have ended by discussing the organization and finance of academic activities. I do not think that I have lost my way. Instead of confining ourselves to a discussion of the question of how economists ought to choose between theories, developing criteria, and relying on exhortation or perhaps regulation to induce them to use these criteria in making their choices, we should investigate the effect of alternative institutional arrangements for academic studies on the theories that are put into circulation and on the choices that are made. From these investigations we may hope to discover what arrangements governing the competition between theories are most likely to lead economists to better choices. Paradoxically, the approach to the methodological problem in economics that is likely to be most useful is to transform it into an economic problem.“[264]
7. Resümee
Bei der mit diesem Aufsatz zur Diskussion gestellten Interpretation der Schriften von Ronald Coase geht es nur vordergründig um die Frage, ob sein Werk nun zwei – so das Nobelpreis-Komitee – oder drei – so Coase selbst – oder gar vier – so die hier vertretene Lesart – grundlegende Aufsätze enthält. Den Hintergrund der Überlegungen bildet vielmehr die Frage, was man noch heute von Coase lernen kann. Der hier entwickelten Antwort liegt die These zugrunde, dass man die Theorieleistung von Coase unterschätzt, wenn man in ihm primär den ‚Entdecker‘ der Transaktionskosten-Kategorie sieht. Das Werk hat auch mehr zu bieten als die Erkenntnis zweier unbestritten wichtiger Aufsätze, die Erkenntnis nämlich, dass Transaktionskosten wichtig sind: zum einen – positive Analyse – für das Verständnis wirtschaftlicher Organisationsstrukturen; zum anderen – normative Analyse – für die rechtliche Gestaltung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Der Gehalt des Coaseschen Gesamtwerks wird auch nicht durch einzelne Botschaften erschöpft wie etwa die, dass Regierungen bei der Regulierung komplexer wirtschaftlicher Sachverhalte mehr Schaden als Nutzen anrichten können – nicht: müssen – oder etwa die, dass z.B. bei der politischen Handhabung von Umweltproblemen nicht einfach dem Augenschein vertraut werden darf, sondern dass statt dessen von einer stets reziproken Verursachung des Problems ausgegangen werden muss, wodurch sich dann eine kurzschlüssige Bestrafung ‚offensichtlicher‘ Verursacher verbietet.
|165|Entgegen solchen eher oberflächlichen Bestimmungen wird hier versucht, die Theorieleistung von Ronald Coase auf einer anderen, fundamentaleren Ebene zu verorten und einen – von der einschlägigen Literatur bislang weitgehend unbemerkt gebliebenen – Ansatz zu identifizieren, der nicht nur den zwei oder drei unbestritten wichtigen Aufsätzen (sowie den Ergänzungsstudien), sondern mindestens noch einem vierten Aufsatz zugrunde liegt. Es handelt sich um einen konstruktivistischen – und als konstruktivistisch ausdrücklich ausgewiesenen – Ansatz, d.h. um einen Ansatz, der sich darum bemüht, das ökonomische Denken mit geeigneten Denkkategorien zu versorgen. Besonders anregend hierbei ist, dass Coase die für ihn offenkundigen Defizite ökonomischer Theorie nicht dadurch zu heilen versucht, dass er die nötigen Korrekturen durch einen Rekurs auf externe Instanzen – vulgo: ‚Interdisziplinarität‘ – in die Disziplin hinein trägt, sondern dadurch, dass er gerade umgekehrt die nötigen Korrekturen aus der Ökonomik heraus entwickelt.
Gerade das Nebeneinanderstellen der insgesamt vier als grundlegend rekonstruierten Coase-Aufsätze erlaubt es, den konstruktivistischen Ansatz vergleichend nachzuvollziehen: Es dürfte deutlich geworden sein, dass Coase seinen Einwand gegen die methodologischen Empfehlungen Friedmans als eine interne Kritik vorbringt und dass gerade hierin eine – für ein Verständnis seines konstruktivistischen Ansatzes aufschlussreiche – Analogie liegt zu seinen Einwänden gegen die wirtschaftspolitischen Empfehlungen der Wohlfahrtsökonomik: In beiden Fällen erfolgt eine völlige Dekonstruktion der Gegenposition, die durch eine interne Kritik eingeleitet wird und in der Vorstellung einer institutionenökonomischen Position ihren Abschluss findet, stets nach dem Motto: „Modern institutional economics is economics as it ought to be.“[265] Es ist diese Perspektive und die konstruktivistische Einführung dieser Perspektive, von der wir noch heute lernen können, isnbesondere dort, wo es auf eine den (Politik-)Problemen angemessene Wahrnehmung relevanter Alternativen ankommt.
8. Nachtrag 2016
Viele berühmte Ökonomen bleiben arbeitsame und sogar produktive Wissenschaftler bis ins hohe Alter hinein. Aber auch in dieser Hinsicht treibt Ronald Coase es auf die Spitze, als er – gemeinsam mit dem Ko-Autor Ning Wang – im März 2012 im biblischen Alter von 101 Jahren ein aufsehenerregendes und ausgesprochen lesenswertes Buch über Chinas Reformprozess publiziert.[266]
Die Hauptthese des Buches besteht darin, dass Chinas Wandel zur Marktwirtschaft – entgegen zahlreicher Darstellungen – nicht auf eine Top-Down-Strategie der Kommunistischen Partei zurückzuführen ist, sondern stattdessen auf vier „marginalistische Revolutionen“, mit denen der Privatsektor von fesselnden Regulierungen befreit wurde. Diese Revolutionen betrafen den Agrarsektor, die Kommunalunternehmen, das Entstehen privater Unternehmen und schließlich die Einführung von experimentierfreudigen Sonderwirtschaftszonen. Die Pointe |166|dieses historischen Narrativs besteht darin, dass es nicht die strategische Weitsicht einer starken kommunistischen Führung war, die China ein welthistorisch einmaliges Wirtschaftswunder beschert hat, sondern vielmehr der politische Entschluss, entgegen der kommunistischen Ideologie schrittweise Rechtssicherheit und wirtschaftlichen Freiraum zu gewähren. Chinas Erfolg wird hier als ein Deregulierungs-Erfolg gedeutet, in den die Führung mehr oder weniger hineingestolpert ist, sobald sie damit anfing, partiell auf marktlichen Leistungswettbewerb zu setzen.
Im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit (insbesondere die Innovationsfähigkeit) Chinas bemängeln Coase und Wang, dass es dort bislang nicht gelungen sei, einen freien Markt für Ideen einzurichten. Sie sehen hierin die größte Hypothek für die Weiterentwicklung des Landes.
Abschließend hinzuweisen ist auf die autobiographische Auskunft des Nobelpreisträgers Ronald Coase[267], auf seine im gleichen Jahr veröffentlichte Aufsatzsammlung[268], auf den für 2016 angekündigten Kommentarband „The Elgar Companion to Ronald H. Coase“[269] sowie auf einen kurzen Aufsatz[270], der nachzeichnet, welche politischen Ansichten Coase vertreten hat.
Literatur
Barzel, Yoram und Levis A. Kochin (1992): Ronald Coase on the Nature of Social Cost as a Key to the Problem of the Firm, in: Scandinavian Journal of Economics 94, S. 19–31.
Breit, William und Barry T. Hirsch (Hrsg.) (1986, 2009): Lives of the Laureates. Twenty-three Nobel Economists, 5. Auflage, Cambridge, Mass.
Brunner, Karl (1986, 1992): Ronald Coase – Old Fashioned Scholar, in: Scandinavian Journal of Economics 94, S. 7–17.
Buchanan, James M. (1984, 1986): Rights, Efficiency, and Exchange: The Irrelevance of Transactions Cost, in: ders., Liberty, Market and State: Political Economy in the 1980s, Brighton, S. 92–107.
Coase, Ronald H. (1937, 1988): The Nature of The Firm, in: ders., The Firm, the Market, and the Law, Chicago–London, S. 33–55.
Coase, Ronald H. (1946, 1988): The Marginal Cost Controversy, in: ders., The Firm, the Market, and the Law, Chicago–London, S. 75–93.
Coase, Ronald H. (1959): The Federal Communications Commission, in: Journal of Law and Economics 2, S. 1–40.
Coase, Ronald H. (1960, 1988): The Problem of Social Cost, in: ders., The Firm, the Market, and the Law, Chicago–London, S. 95–156.
Coase, Ronald H. (1972, 1988): Industrial Organization: A Proposal for Research, in: ders., The Firm, the Market, and the Law, Chicago–London, S. 57–74.
Coase, Ronald H. (1974, 1988): The Lighthouse in Economics, in: ders., The Firm, the Market, and the Law, Chicago–London, S. 187–213.
|167|Coase, Ronald H. (1982): How Should Economists Choose?, hrsg. vom American Enterprise Institute for Public Policy Research, Washington–London.
Coase, Ronald H. (1984): The New Institutional Economics, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 140, S. 229–231.
Coase, Ronald H. (1988a): The Firm, the Market, and the Law, Chicago–London.
Coase, Ronald H. (1988b): The Firm, the Market, and the Law, in: ders., The Firm, the Market, and the Law, Chicago–London, S. 1–31.
Coase, Ronald H. (1988c): Notes on the Problem of Social Cost, in: ders., The Firm, the Market, and the Law, Chicago–London, S. 157–185.
Coase, Ronald H. (1991, 1993): 1991 Nobel Lecture: The Institutional Structure of Production, in: Oliver E. Williamson und Sidney G. Winter (Hrsg.), The Nature of the Firm. Origins, Evolution, and Development, New York–Oxford, S. 227–235.
Coase, Ronald H. (1994): Essays on Economics and Economists, Chicago.
Coase, Ronald und Ning Wang (2012): How China Became Capitalist, Basingstoke und New York.
Coase, Ronald und Ning Wang (2012, 2013): Chinas Kapitalismus: Weg ohne Plan und Zu-kunft?, übersetzt von Nina Sattler-Hovdar, Stuttgart.
Friedman, Milton (1953, 1984): The Methodology of Positive Economics, in: Hausman, D.M. (Hrsg.), The Philosophy of Economics. An Anthology, Cambridge u.a.O., S. 210–244.
Klein, Daniel B. (2013): Ronald H. Coase [Ideological Profiles of the Economics Laureates], in: Econ Journal Watch 10(3), September 2013, S. 299–307.
Medema, Steven G. (1995): Finding His Own Way: The Legacy of Ronald Coase in Economic Analysis, in: ders. (Hrsg.), The Legacy of Ronald Coase in Economic Analysis, Band 1, Aldershot–Brookfield, S. ix-xlix.
Ménard, Claude und Elodie Bertrand (Hrsg.) (2016): The Elgar Companion to Ronald H. Coase, Cheltenham und Northampton, Mass.
Royal Swedish Academy of Sciences (1992): The Nobel Memorial Prize in Economics 1991, in: Scandinavian Journal of Economics 94, S. 1–5.
Pies, Ingo (2000): Ordnungspolitik in der Demokratie. Ein ökonomischer Ansatz diskursiver Politikberatung, Tübingen.
Pies, Ingo und Martin Leschke (Hrsg.) (1996): James Buchanans konstitutionelle Ökonomik, Tübingen.
[Zum Inhalt]

|168|Oliver E. Williamson (1932)
„Transaction cost economics maintains that the economic institutions of capitalism have the main purpose and effect of economizing on transaction costs.“ Oliver Williamson (1990, 1995; S. 189)
„[O]rganize transactions so as to economize on bounded rationality while simultaneously safeguarding them against the hazards of opportunism.“ Oliver Williamson (1993, 1996; S. 254)
Oliver Williamsons Organisationsökonomik
(1) Die moderne Gesellschaft ist eine Wettbewerbsgesellschaft. Ihr Kennzeichen ist es, dass nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik, in der Wissenschaft, im Recht, im Sport und in der Kunst sowie in ausnahmslos allen anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen auf wettbewerbliche Strukturen gesetzt wird, um die Leistung der Akteure anzuregen und sie mit Anreizen zu versorgen, ihre Leistung mittelbar in den Dienst anderer Menschen zu stellen: Die marktliche Konkurrenz der Produzenten kommt den Konsumenten zugute; der Wettstreit zwischen Regierung und Opposition fördert die Souveränität der Bürger; und der Wettkampf im Sport erfreut die Zuschauer.
Zugleich lässt sich die moderne Gesellschaft als Organisationsgesellschaft kennzeichnen. Neben die traditionellen ‚natürlichen‘ Gemeinschaften wie die Familie und die Dorf- oder Kirchengemeinde, für die eine verwandtschaftliche oder lokale Beziehung konstitutiv ist, treten zunehmend und mittlerweile dominierend Zweckverbände, in die man nicht einfach hineingeboren wird, sondern durch freien Entschluss eintreten (und auch wieder austreten) kann. In der Wirtschaft dominiert die Organisation der Unternehmung, in der Politik die Organisation des Parlaments und die Organisation der Parteien, die um Parlamentssitze konkurrieren; in der Wissenschaft dominiert die Organisation der Universität, im Sport die Organisation des Vereins.
|169|Die beiden Kennzeichnungen der modernen Gesellschaft widersprechen sich nicht; sie ergänzen einander. Die moderne Gesellschaft ist beides zugleich: Sie ist Wettbewerbs- und Organisationsgesellschaft. Hierbei markiert das „und“ nicht einfach ein additives Nebeneinander, sondern ein wechselseitiges Steigerungsverhältnis: Zum einen gibt es sowohl zwischen Organisationen als auch innerhalb von Organisationen Wettbewerb. Ohne solchen Wettbewerb wären Organisationen oft gar nicht funktional und könnten folglich ihren sozialen Sinn als Zweckverband kaum erfüllen. Zum anderen bedarf es in vielen Fällen des Einsatzes von Organisationen, damit der Wettbewerb seinen sozialen Sinn als Leistungsanreiz nicht verfehlt. Man denke nur an die Organisation des Staates, die die formalen, rechtlichen Rahmenbedingungen für Wettbewerbsprozesse bereitstellt, oder an die Organisation der Unternehmung, die ihre organisationsinternen Wettbewerbsprozesse – z.B. die Abteilungskonkurrenz um Ressourcen oder die Mitarbeiterkonkurrenz um Einkommen und Karrieren – durch informale, kulturelle Rahmenbedingungen in geordneten Bahnen hält.
Angesichts dieser doppelten Bestimmung der modernen Gesellschaft als Wettbewerbs- und Organisationsgesellschaft – als Gesellschaft des organisierten Wettbewerbs und des Organisationswettbewerbs – besteht auf Seiten der Ökonomik als Wissenschaftsdisziplin ein deutlicher Nachholbedarf. Aufgrund ihrer historischen Genese ist die Ökonomik primär als Wettbewerbsökonomik, als Ökonomik wettbewerblicher Märkte, entwickelt worden, nicht jedoch als Organisationsökonomik. Dieser Zweig ist – bis heute – noch deutlich unterentwickelt, trotz großer Fortschritte in den letzten Jahren. Diese Fortschritte sind in erster Linie dem Forschungsprogramm Oliver Williamsons zu verdanken. Durch seine Pionierarbeiten eröffnet sich die Option, eine moderne Ökonomik – als Ökonomik der Moderne – zu entwickeln, d.h. eine Ökonomik, die – nicht als Wirtschaftswissenschaft, sondern – als ‚economic approach‘ gesellschaftstheoretisch ausgelegt wird und deren Kennzeichen als Wissenschaftsdisziplin darin besteht, sowohl wettbewerbliche als auch organisatorische Sozialstrukturen einer modellgestützten Anreizanalyse zu unterziehen.[271]
(2) Oliver Williamsons Organisationsökonomik ist ein Forschungsprogramm im Lakatosschen Sinn des Wortes: Es handelt sich um einen theoretischen Ansatz mit einem harten Kern und einer Heuristik. Der harte Kern besteht aus einem Ensemble zusammengehöriger Leitideen, die dem Ansatz Identität und Kontinuität verleihen. Die Heuristik liefert die Forschungsstrategie. Deren Qualität ist daran abzulesen, dass in den letzten dreißig Jahren mehrere progressive Problemverschiebungen zu verzeichnen waren. Es ist eine Konsequenz dieser Problemverschiebungen, |170|d.h. eine Konsequenz sowohl theoretischen als auch empirischen Erkenntnisfortschritts, dass Williamsons Organisationsökonomik, die zunächst als eine thematisch eng gefasste Theorie der Firma antritt, mittlerweile zu einer allgemeinen Theorie institutioneller ‚Governance‘ ausgearbeitet ist, die sich im Prinzip auf alle Organisationen anwenden lässt, also auf Familien ebenso wie auf Unternehmen oder Non-Profit-Organisationen einschließlich staatlicher Bürokratien.
Es handelt sich um einen wichtigen Spezialfall dessen, was üblicherweise – mit einer durchaus missverständlichen und folglich erläuterungsbedürftigen Formel – als ‚ökonomischer Imperialismus‘ bezeichnet wird: Hier liegt die Ausbildung einer Methode vor, die es einem Ansatz erlaubt, sich von seinem ursprünglichen Gegenstandsbereich zu emanzipieren. Jedoch wird dadurch, anders als es die Bereichsmetapher eines etwaigen ‚Imperialismus‘ nahelegt, ‚benachbarten‘ Wissenschaftsdisziplinen kein ‚Territorium‘ streitig gemacht. Ein solcher Eindruck kann nur dort aufkommen, wo die Wissenschafts-‚Landschaft‘ mit einer Schrebergartenkolonie verwechselt wird, in der jeder ein ‚Gebiet‘ zur exklusiven Bearbeitung zugewiesen bekommt, was dann die Vorstellung nahelegt, eine Überschreitung der tradierten Gebiets-‚Grenzen‘ führe notwendig zu Grenzstreitigkeiten, weil sich die Nachbarn in ihren legitimen Interessen beeinträchtigt fühlen müssen. Dass eine solche Vorstellung als grundsätzlich verfehlt zurückgewiesen werden muss, lehrt freilich nicht erst die neuere – insbesondere konstruktivistische – Wissenschaftstheorie nach Lakatos, sondern bereits die ältere Wissenschaftstheorie vor Lakatos. Bereits bei Karl Popper und sogar schon bei Max Weber kann man nachlesen, dass wissenschaftliche Disziplinen nicht thematisch, sondern systematisch konstituiert werden. In dieser Bestimmung liegt eine Pointe, die dem Bereichsdenken verborgen bleibt: Erst dann, wenn man Disziplinen nicht über ihren Gegenstandsbereich, sondern über ihre Methode definiert, wird das Bemühen um Inter-Disziplinarität zu einem sinnvollen Unterfangen, das für alle Beteiligten wechselseitig vorteilhaft zu sein verspricht. In genau diesem Sinn ist Williamsons Organisationsökonomik, gerade weil sie ein imperialistisches Forschungsprogramm geworden ist, für verschiedene Disziplinen interessant. Sie hat nicht nur institutionenökonomisch ausgerichteten Betriebs- und Volkswirten etwas zu bieten, sondern z.B. auch solchen Soziologen, Psychologen, Juristen und Politologen, die sich – unter ihrem je spezifischen Blickwinkel – mit dem Thema ‚Organisation‘ beschäftigen.
Inter-Disziplinarität heißt nicht, die eigene Disziplin aufzugeben, sondern ganz im Gegenteil: die eigene Disziplin durch wissenschaftlichen Austausch profitieren zu lassen. Fruchtbare Inter-Disziplinarität im Sinne einer disziplin(grenzen)übergreifenden Zusammenarbeit basiert auf einem wechselseitigen Verständnis für unterschiedliche Fragestellungen und Beantwortungsstrategien. Einem solchen Verständnis kann es förderlich sein, auf die jeweilige Problemorientierung zu fokussieren. Aus diesem Grund versuchen die folgenden Ausführungen, einen Überblick über den Ausgangspunkt und die Entwicklung des Williamson-Ansatzes zu geben, über seine Anwendungsbreite und die zugrunde liegende Methode: Sie zielen darauf ab, die Problemorientierung des organisationsökonomischen Forschungsprogramms transparent werden zu lassen.
|171|1. Die Ausgangslage
Konfrontiert mit einer Theorie, die die Firma primär als Produktionsfunktion – d.h. unter dem Aspekt einer preistheoretischen Fragestellung – thematisiert, hatte Ronald Coase bereits 1937 darauf aufmerksam gemacht, dass sich die organisationstheoretische Frage nach der Existenz und der Größe einer Firma nicht in Bezug auf die Produktionstechnologie beantworten lasse. Vielmehr seien es Transaktionskosten, die entscheiden, ob es individuell vorteilhaft ist, eine bestimmte Transaktion firmenintern oder über den Markt abzuwickeln. Coase formulierte also einen Wahlhandlungskalkül in bezug auf zwei organisatorische Alternativen, wobei er in der Firma eine Hierarchie mit Anweisungsbefugnis sah und im Markt eine Sphäre prinzipiell gleichrangiger Vertragspartner.[272]
Dieser Ansatz lässt sich kennzeichnen als ökonomisch, komparativ und – tautologisch. Der Coase-Ansatz ist komparativ, weil er auf den Vergleich relevanter institutioneller Alternativen abstellt. Er ist ökonomisch, weil er diesem Vergleich einen Rationalkalkül unterlegt. Und er ist tautologisch, weil er die Frage nach den Gründen für ein bestimmtes organisatorisches Design – etwa die Frage, warum manche Firmen den Verkauf ihrer Produkte über selbständige Handelsvertreter abwickeln und manche über eine eigene Verkaufsabteilung – stets mit dem Hinweis beantwortet, dass hierfür individuell rationale Kostenüberlegungen verantwortlich sind. Solange dieser Hinweis am Ende der Argumentation steht, handelt es sich um eine Schwäche. Die Tautologie wird erst dann zu einer Stärke, wenn sie am Anfang der Argumentation steht: als Einstieg in ein empirisches Forschungsprogramm, das es erlaubt, die Vor- und Nachteile institutioneller Alternativen zu identifizieren, zu vergleichen und hieraus Hypothesen abzuleiten, die überprüft werden können.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Coase-Aufsatz von 1937 über Jahrzehnte hinweg wie ein erratischer Block aus der Literatur herausragte: Viele sahen hier eine intuitiv eingängliche Idee formuliert. Doch nur wenige konnten damit etwas anfangen. Die Schwierigkeit bestand darin, die Tautologie produktiv zu verorten, sie gleichsam vom Ende an den Anfang der Untersuchung zu stellen, kurz: sie nicht als vollständiges Explanans misszuverstehen, sondern als heuristisch wertvollen Bestandteil eines vollständig allererst zu entwickelnden Explanans aufzufassen – und ferner darin, sich dieser methodologischen Notwendigkeit bewusst zu werden.
Dass Oliver Williamson genau dies wie keinem anderen gelungen ist, führt er selbst auf die intellektuelle Umgebung zurück, in der er seine akademische Ausbildung genossen hat.
2. Die Carnegie-Umgebung und das Forschungsprogramm
Bei der retrospektiven Beschreibung seiner alma mater hebt Williamson drei – für ihn: wegweisende – Charakteristika hervor: eine friedliche Ko-Existenz alternativer Forschungstraditionen; eine strikte Orientierung am Problem, nicht an tradierten |172|Disziplingrenzen; und einen Forschungspragmatismus, der sich nicht an methodologischen Dogmen, sondern an den Erfordernissen des jeweiligen Forschungsproblems orientiert.[273] Durch diese Umgebung fühlt sich Williamson ermutigt, eine organisationstheoretische Integration soziologischer, ökonomischer und juristischer Einsichten anzustreben. Hierbei sieht er sich von vornherein – und bis heute unverändert – in einer vermittelnden Position zwischen extremen Auffassungen. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen. Erstens versucht Williamson eine Überschätzung der Kategorie ökonomischer Rationalität ebenso zu vermeiden wie eine Unterschätzung dieser Kategorie. Er nimmt eine vermittelnde Position zwischen Hyperrationalität und Irrationalität ein, indem er sich das Konzept einer ‚beschränkten Rationalität‘ (bounded rationality) zu eigen macht. Zweitens zieht Williamson nicht die radikale Konsequenz, die Herbert Simon als Vorkämpfer des Konzepts einer ‚bounded rationality‘ bevorzugt, nämlich: den Nutzenmaximierungsansatz zugunsten eines Satisfizierungsansatzes aufzugeben. Auch hier bezieht Williamson wiederum eine eher vermittelnde Position, die am Maximierungsansatz prinzipiell festhält und gegenüber der orthodoxen Ökonomik auf traditionell vernachlässigte Restriktionen hinweist – insbesondere auf zeitliche, informatorische und kognitive Beschränkungen –, die es schwierig und vielfach sogar unmöglich machen, eine mehrperiodige Nutzenmaximierung in einem einzigen Wahlakt vorzunehmen. Hierdurch nimmt Williamson von vornherein eine Prozessperspektive ein. Durch sie wird der orthodox ökonomische Erklärungsansatz für das organisationstheoretische Problem institutioneller Wahl nicht einfach übernommen, sondern adaptiert: Es geht nicht, zeitpunktbezogen, um eine optimale Entscheidung, sondern, zeitraumbezogen, um eine effiziente Anpassung an unvorhergesehene Ereignisse. Es geht um die Wahl einer Interaktionsumwelt, in der man auch morgen noch auf heute unvorhergesehene Ereignisse angemessen reagieren kann. Damit wird – nicht ein Optimierungs-, sondern – ein Anpassungsproblem zum Kernproblem seines theoretischen Ansatzes.
Die Entwicklung des Forschungsprogramms kann in vier Phasen eingeteilt werden. Jeder dieser Phasen lassen sich zentrale Publikationen Oliver Williamsons zuordnen (Abb. 1). Die Startphase wird 1971 durch einen Aufsatz markiert. Das Buch von 1975 lässt sich als Aufbauphase kennzeichnen, das Buch von 1985 als Konsolidierungsphase, die Aufsatzsammlung von 1996 als Ausreifungsphase. Betrachtet man die zeitliche Aufeinanderfolge dieser Schriften, treten zwei Kennzeichen deutlich hervor. Erstens erkennt man eine über Jahrzehnte hinweg kontinuierliche Problembearbeitung, die es erlaubt, hier in der Tat von einem Forschungsprogramm zu sprechen: von einer heuristisch angeleiteten Ausarbeitung zentraler Kernideen. Zweitens fällt auf, dass sich das Anwendungsspektrum des Williamson-Ansatzes kontinuierlich erweitert hat, so dass hier in der Tat eine Reihe progressiver Problemverschiebungen stattgefunden hat, in deren Verlauf sich Williamsons Organisationsökonomik ‚imperialistisch‘ entfaltet. Ausgehend vom generischen Problem vertikaler Integration wurde zunächst eine Firmentheorie, sodann eine Theorie wirtschaftlicher Organisationen und schließlich eine allgemeine Theorie institutioneller Governance entwickelt. Dies gilt es nun zu erläutern.
|173|Abbildung 1:
Die vier Phasen des organisationsökonomischen Forschungsprogramms
3. Die Startphase
In seinem Aufsatz von 1971 stellt Williamson das generische Problem vor, aus dessen Analyse heraus er seinen organisationsökonomischen Ansatz entwickelt. Es handelt sich um das Problem vertikaler Integration: Auf dem Markt für Zwischenprodukte steht jede Firma vor einer ‚Make-or-buy‘-Entscheidung. Soll sie ein Zwischenprodukt von einer anderen Firma fremdbeziehen, oder soll sie dieses Zwischenprodukt selbst herstellen? Vertikale Integration bedeutet, sich gegen einen Kauf und statt dessen zugunsten der firmeninternen Eigenproduktion zu entscheiden.
Williamsons Analyse des Problems vertikaler Integration weist mehrere Eigenschaften auf, die auch für seine späteren Arbeiten typisch sind. Auf drei sei hier hingewiesen. Erstens greift er ein Thema mit interessanten Politikimplikationen auf. Ob z.B. wettbewerbsrechtlich gegen vertikale Integration vorgegangen werden soll, hängt ganz wesentlich davon ab, welche Erklärung diesem Phänomen zugrunde gelegt wird und welche Folgen diese Erklärung in Aussicht stellt. Zweitens handelt es sich um ein Thema, in Bezug auf das unterschiedliche Theorien konkurrierende Erklärungsansätze vorlegen. Auf der einen Seite wird vertikale Integration auf technologische Faktoren zurückgeführt. Auf der anderen Seite sieht man in vertikaler Integration den Versuch, Marktmacht zu erringen. Diesen beiden Ansätzen stellt Williamson den alternativen Erklärungsansatz gegenüber, vertikale Integration auf den Versuch zurückzuführen, Transaktionskosten einzusparen. Dieses Argument wird, drittens, im Rahmen einer komparativen Black-Box-Analyse entwickelt. Williamson stellt drei Governance-Strukturen gegenüber: einen langfristigen Vertrag, eine Sequenz kurzfristiger Verträge und die Firmenhierarchie. In diesem Rahmen muss man nicht viel über die Firma wissen, um aus etwaigen Schwächen marktlicher Verträge ceteris paribus auf einen relativen Vorteil firmeninterner Transaktionsabwicklung schließen zu können.
Die zeitgenössische Literatur über Marktversagen rezipierend, trägt Williamson mehrere Überlegungen zusammen, die letztlich dahingehend zusammengefasst werden können, dass Marktverträge stets unvollständige Verträge sind, |174|weil es entweder unmöglich ist oder aber prohibitiv teuer wäre, alle Eventualitäten vorauszusehen und ex ante so zu regeln, dass die Vereinbarung justitiabel ist, d.h. im Ernstfall vor Gericht Bestand hat. Dieser mangelnde Vertragsschutz aufgrund vertraglicher Unvollständigkeiten mache sich vor allem dort bemerkbar, wo die Interessen der Vertragspartner im Zeitablauf stark divergieren (können). In solchen Situationen erweise sich dann eine firmeninterne Abwicklung als überlegen. Abstrakt zusammengefasst: Der marktliche Vertrag und die firmeninterne Hierarchie werden als funktionale Äquivalente zur Herstellung von Anreizkompatibilität aufgefasst, die in unterschiedlichen Situationen zu unterschiedlichen Kosten führen, so dass Effizienzüberlegungen mal für die eine und mal für die andere Alternative sprechen. Je größer der Bedarf für Verhaltensanpassungen im Zeitablauf, desto größer, so Williamson, der Vorteil der Firmenhierarchie als Governance-Struktur: „Perhaps the most distinctive advantage of the firm … is the wider variety and greater sensitivity of control instruments that are available for enforcing intrafirm in comparison with interfirm activities“[274].
4. Die Aufbauphase
In seinem Buch von 1975 legt Williamson einen ausgearbeiteten Ansatz vor, mit dem das Problem vertikaler Integration systematisch analysiert werden kann. Die Kernidee besteht darin, durch Kopplung jeweils einer Akteurseigenschaft und einer Umwelteigenschaft auf ein Problem marktlicher Verträge hinzuweisen, das möglicherweise firmenintern vergleichsweise besser gelöst werden kann (Abb. 2).
Die Akteurseigenschaft beschränkter Rationalität in Kombination mit der Umwelteigenschaft einer besonders unsicheren Zukunft lässt langfristige Verträge ungeeignet erscheinen, um entsprechende Transaktionen abzuwickeln. Je stärker diese beiden Faktoren ausgeprägt sind, um so mehr klafft die Schere auseinander zwischen dem Erfordernis auf der einen Seite, bereits bei Vertragsabschluss für mögliche Überraschungen Vorsorge zu treffen, und dem Vermögen auf der anderen Seite, zukünftige Ereignisse und ihre Konsequenzen bereits heute vorauszusehen. Je mehr aber diese Schere auseinanderklafft, desto attraktiver wird die organisatorische Alternative einer firmeninternen Transaktionsabwicklung, denn innerhalb einer Firma ist es möglich, Entscheidungen sequentiell zu treffen und folglich Probleme dann zu lösen, wenn und wann sie auftreten. Man muss nicht für alle prinzipiell möglichen Probleme Vorkehrungen treffen, sondern kann sich auf die tatsächlich anfallenden Probleme konzentrieren. Williamson (1975; S. 25, H.i.O.): „[A]daptive, sequential decision processes economize greatly on bounded rationality.“ Hinzu kommt, dass eine firmeninterne Organisation Unsicherheit reduzieren kann und dann eine verlässlichere Erwartungsbildung erlaubt. Firmeninterne Kommunikation kann eigene Codes ausbilden, die den Informationsaustausch erleichtern. Des weiteren können firmeninterne Regeln dafür sorgen, dass Abteilungen innerhalb einer Firma ihr Verhalten besser aufeinander einstellen können als zwei Produktionsabteilungen, die in unterschiedlichen Firmen angesiedelt sind. Auch dies trägt zur Reduktion von Unsicherheit |175|bei und erhöht damit ceteris paribus die relative Effizienz firmeninterner Transaktionsabwicklung.
Abbildung 2:
Vier Hauptfaktoren vertraglicher Transaktionsprobleme auf Märkten
‚Opportunismus‘ bedeutet, dass Menschen sich nicht automatisch an Regeln halten und dass sie versucht sein können, einen individuellen Vorteil durch Lügen und Betrügen, durch arglistige Täuschung und falsche Versprechen anzustreben. ‚Abhängigkeit‘ bedeutet, dass man auf wenige – im Extremfall: auf einen einzigen – Transaktionspartner angewiesen ist, so dass Wettbewerb als Disziplinierungsinstrument nicht greifen kann. Die Akteurseigenschaft ‚Opportunismus‘ in Kombination mit der Umwelteigenschaft ‚Abhängigkeit‘ lässt eine Serie kurzfristiger Verträge als ungeeignet erscheinen, um eine entsprechende Transaktionsbeziehung institutionell einzurahmen: Je stärker diese beiden Faktoren ausgeprägt sind, um so größer ist die Gefahr, dass Interessenkonflikte auftreten, die die Transaktionsabwicklung teuer machen. In dieser Hinsicht weist die firmeninterne Hierarchie Vorteile auf, denn sie kann Vorkehrungen gegen opportunistisches Verhalten treffen und damit indirekt das Problem der Abhängigkeit entschärfen. Williamson weist auf drei Vorteile hin: Erstens könne firmenintern mittels Anreizen für eine größere Interessenkonvergenz gesorgt werden. Während unterschiedliche Firmen jeweils an ihrem eigenen Gewinn interessiert seien, so dass ein prinzipieller Interessenkonflikt zwischen Vertragspartnern vorliege, könne die Entlohnung innerhalb einer Firma so ausgerichtet werden, dass zwischen den Transaktionspartnern ein gemeinsames Interesse am Firmenerfolg im Vordergrund stehe. Zweitens sei die Verhaltenskontrolle innerhalb einer Firma leichter zu gewährleisten als eine Verhaltenskontrolle zwischen Firmen. Und drittens sei für den Fall eines aufbrechenden Interessenkonflikts eine firmeninterne Schlichtung mittels hierarchischer Entscheidung sehr viel leichter und weniger aufwändig als eine (gerichtliche) Schlichtung zwischen marktlichen Vertragspartnern.
Neben diesen vier Faktoren – beschränkte Rationalität und Unsicherheit, Opportunismus und Abhängigkeit –, die jeweils in Zweierkombination ein Problem für marktliche Verträge konstituieren, diskutiert Williamson zwei weitere Faktoren, die es vorteilhaft werden lassen, eine Transaktion firmenintern abzuwickeln. Als fünften Faktor führt er das Problem asymmetrischer Informationen an, das vor allem in Verbindung mit opportunistischem Verhalten zu hohen Transaktionskosten führen kann. Da Anreize firmenintern so konfiguriert werden können, dass zum einen opportunistische Verhaltensweisen entmutigt und zum anderen Informationsgewinnung und Informationsübermittlung gefördert |176|werden, gebe es Fälle, so Williamson, in denen vertikale Integration als Lösung für Probleme asymmetrischer Information interpretiert werden kann.
Die Transaktions-‚Atmosphäre‘ ist für Williamson der sechste Faktor, der eine Effizienzüberlegenheit der Firma gegenüber marktlichen Verträgen begründen kann. Hier kommen Emotionen ins Spiel: Während marktliche Verträge oft zwischen anonymen Transaktionspartnern abgewickelt werden und sich diese Abwicklung zumeist an rein monetären Gesichtspunkten orientiert, biete eine organisationsinterne Abwicklung vielfach die Möglichkeit, auch nicht-monetären Aspekten Rechnung zu tragen und z.B. Praktiken moralischer Reziprozität zu fördern – oder spiegelbildlich solche Praktiken zu unterbinden, die als moralisch bedenklich eingestuft werden.[275]
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Williamson Faktoren zu identifizieren versucht, von deren Zusammenspiel Transaktionsprobleme ausgehen, die institutionelle Lösungen erforderlich machen, so dass die Governance-Struktur der Firma unter bestimmten Bedingungen als vorteilhaft gegenüber marktlichen Verträgen ausgewiesen werden kann, was ihre Existenz und ihre Größe, insbesondere ihr Größenwachstum durch vertikale Integration, zu erklären vermag.
Бесплатный фрагмент закончился.
