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Inger Frimansson
Der Beschützer - Psychothriller
Saga
Der Beschützer - PsychothrillerÜbersetzerin Christel Hildebrandt Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2003, 2020 Inger Frimansson und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726445084
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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1
Der Feuerwehrmann Stefan Almgren war mitten im Traum, als die Sirene losging. Es war ein großer Alarm, Feuer in der Nähe vom Gaswerk.
Er schlug die Augen in dem kalten, weißen Licht auf und fuhr schwerfällig aus dem Bett. Er hatte neunzig Sekunden, um hinunter in die Wagenhalle zu kommen, sich die Schutzkleidung überzustreifen und in den Wagen zu springen.
Die Uhr zeigte 04.17. Was er geträumt hatte, erinnerte er nicht mehr. Er verspürte nur ein unbestimmtes Gefühl des Verlusts. Es war, als wäre er aus einem weichen, wogenden Dunkel herausgerissen worden. Der Alarmton war so schrill, dass es wehtat.
Zum dritten Mal hintereinander war er als Feuerwehrmann mit Atemschutzgerät eingeteilt. So hielten sie es immer, tauschten die Plätze jeweils nach drei Schichten, damit alle gleichermaßen trainiert bei den unterschiedlichen Arbeitsaufgaben waren. Das nächste Mal würde er den Leiterwagen fahren. Das mochte er nicht. Er hatte Probleme, nachts den Weg zu finden.
Es war, als befände sich das Gehirn noch im Dämmerzustand, während der Körper schon tat, was er sollte, die Stange hinunterrutschte, zu der Schutzkleidung lief, in die Hose und die Stiefel sprang und den Helm auf den Kopf drückte. All das geschah mechanisch, jede Bewegung war antrainiert. Der Körper ein starrer, aber zuverlässiger Roboter. Nur das Gehirn lag wie betäubt da. Und er musste sich anstrengen, kannte plötzlich nicht einmal die einfachsten Wege. Nach Kungsgatan, Norrmalmstorg? Wie zum Teufel fuhr man dorthin?
Stefan Almgren, den seine Kollegen nur Almis nannten, kletterte in den Wagen und setzte sich. Er zog die gelbe Feuerwehrmannkapuze über den Kopf und hängte sich das Sauerstoffgerät über, das zum Aufladen hinter dem Sitz hing. Seine Gesichtshaut war noch warm vom Schlaf. Auf der linken Wange war der Abdruck des Lakens zu sehen, das unter ihm zerdrückt gelegen hatte.
Es war um die null Grad kalt, und leiser Schneefall färbte die Dächer der geparkten Autos weiß. Das Funkgerät knisterte, aber er konnte nicht verstehen, was gesagt wurde, kein Mensch außer ihnen war wach, nur sie waren zu dieser frühen Stunde unterwegs. Jompa fuhr, Johnny Karlsson. Neben Almgren saßen auf den hinteren Sitzen noch Anker Hahn und Engen. Mats Engen gähnte, seine Augen waren klein und mürrisch.
»Wenn einem nur mal eine einzige Nacht gegönnt sein könnte«, knurrte er und fummelte am Reißverschluss seiner Schutzjacke herum. »Wenn man einmal schlafen dürfte.«
Er hatte kleine Kinder, Zwillingsjungen, die erst ein paar Jahre alt waren. Sie weckten sich gegenseitig und machten Radau. Und sie waren oft krank.
Jompa drehte sich um:
»Verdammt, du bist doch nicht hier, um zu schlafen!«
Er sagte das ohne Aggressivität, der Ton war unter ihnen einfach so. Die meisten von ihnen arbeiteten bereits seit zehn Jahren zusammen. Sie kannten einander, konnten die Stimmung des anderen schon an der Art zu gehen abschätzen, an der Art, wie er sich über eine Zeitung beugte, wie er sein Essenspaket in den Kühlschrank stellte. Stefan Almgren war seit fünfzehn Jahren Feuerwehrmann. Er machte seinen Job gut, aber er war müde. Ein Monat war vergangen, seit Maria von der Arbeit nach Hause gekommen war und ihm erklärt hatte, dass sie sich scheiden lassen wollte. Sie hatte im Flur gestanden, ihr Haar war kurz und kraus. Es war ein regnerischer Tag gewesen. Sie hatte sich die Jacke ausgezogen und während sie sie an den Haken hängte, war sie damit herausgerückt.
»Stefan. Ich muss mit dir reden. Es ist wichtig.«
Er hatte das Essen fertig gehabt, zwei Koteletts und Reis. Er hatte den ganzen Tag frei gehabt, aber nichts Besonderes gemacht, Fernsehen geguckt, herumgekramt.
»Wollen wir nicht erst essen.«
»Ich habe keinen Hunger, Stefan. Ich ... ich habe einen anderen kennen gelernt.«
Genau in dem Moment löste sich der Aufhänger ihrer Jacke. Das Teil fiel vom Haken, senkrecht zu Boden und blieb dort einige Sekunden lang stehen, bevor es zur Seite kippte und in sich zusammenfiel.
Sie waren seit vier Jahren verheiratet, aber mit Kindern war es nie etwas geworden, das lag an ihm, und das wussten beide. Als er vierzehn gewesen war, hatte er Mumps gehabt. Sie hatte gesagt, dass das keine Bedeutung für sie habe, sie sei sowieso nicht so begeistert von Kindern.
Aber mit der Zeit wurde ihm klar, dass das nicht stimmte.
In dieser Nacht fanden sie zu einer Art neuer Gemeinsamkeit. Ein Schweigen hatte sich im Laufe der Jahre zwischen sie geschlichen, er war sich dessen bewusst gewesen, konnte aber nicht sagen, wie lange es das schon gegeben hatte. Das hatte sicher etwas mit dieser Müdigkeit zu tun, dieser großen Müdigkeit, die dazu führte, dass sie gerade mal den Alltag bewältigten, mehr nicht. Trotzdem begriff er es nicht.
»Was ist los, was stimmt denn nicht?«
Er wiederholte diese Frage immer wieder. Wenn sie herausfinden würden, was nicht stimmte, dann könnte ihnen geholfen werden, den Fehler zu beheben. So dachte er sich das, sie könnten gemeinsam das Problem lösen, so, wie sie es früher gemacht hatten. In der Anfangszeit. Als es die Lust noch gab.
Sie sagte, dass keiner von ihnen schuld daran sei. Und wenn, dann sei sie es, weil sie sich in diesen anderen verliebt hatte und das war ja nicht direkt ein Fehler, das war nichts, was man reparieren konnte. Sie sprachen miteinander in dieser Nacht, wie sie es seit langem nicht mehr getan hatten. Er war gefasst gewesen, brauste nicht auf, hatte stumm dagesessen und zugehört, während sie von ihren Treffen mit dem anderen berichtete. Als ihr klar wurde, dass er nicht daran dachte, sie zu unterbrechen, schilderte sie immer mehr Einzelheiten. Sie sprach zu ihm wie zu einem Beichtvater.
Sie hatte am Tisch gesessen, war bleich gewesen und hatte geweint, aber tief in ihren Augen leuchtete es vor unterdrückter Freude, und er wusste, dass diese Freude nichts mit ihm zu tun hatte.
Gegen zwei Uhr nachts waren sie beide erschöpft gewesen. Sie hatten sich ins Doppelbett gelegt, vollständig angezogen. Sie hatte seine Hand ergriffen, und sie waren eingeschlafen, er hatte ihr leichtes Atmen gehört. Als der Wecker geklingelt hatte, war sie aufgestanden und hatte das Frühstück gemacht. Wie üblich. Und nachdem er gegessen hatte, fuhr er wie üblich mit dem Auto zur Wache, und es war ein ruhiger Tag mit nur einem einzigen Einsatz, einem Automatenalarm.
Am Abend, als er heimgekommen war, waren alle Fenster dunkel. Sie war gegangen.
Sie näherten sich jetzt dem Gaswerk und fanden bald das betreffende Gebäude. Es war ein Autoverwertungsbetrieb, er lag ein Stück abseits von der Straße, umgeben von einem hohen Zaun mit Stacheldrahtrollen obendrauf. Die Tore standen offen, steckten in schmutzigen, zusammengepressten Schneewehen fest. Hasses Autoverwertung stand auf einem Schild über der Tür.
Jompa bremste ab und hielt an. Alle vier starrten auf den Leiter ihrer Gruppe, der kurz vor ihnen eingetroffen war. Sein Name war Lennart Björk, doch er wurde nur kurz LB genannt. Er war schon seit vielen Jahren dabei, ein ruhiger, gewissenhafter Mann, der nur selten etwas dem Zufall überließ. Er hielt über Funk mit ihnen Kontakt.
»Der Kerl, der den Alarm gab, hat gesagt, dass es hier rauchte. Er ist nur zufällig vorbeigekommen, hat von seinem Handy aus angerufen.«
»Wer war das?«, fragte Engen.
»Keine Ahnung!«
Jetzt konnten sie keinen Rauch entdecken. Das ganze Gebäude lag wie ein düsterer Klotz in der Dunkelheit. Die Fensterrahmen und die großen Eisentüren waren blau angestrichen. Ein Teil der Fenster war vergittert. Rechts davon stapelten sich die ausgeschlachteten Autoskelette in mehreren Etagen, zusammengepresst, türlos und ihrer Würde beraubt. Eine kleinere Tür, gerade so groß, dass ein Mensch hindurchpasste, war wie ein Puzzleteilchen in eine Eisentür eingesetzt.
LB drückte die Klinke runter. Es war nicht abgeschlossen. Dort drinnen gab es offensichtlich noch eine Tür, und jetzt konnten sie Rauchschwaden zwischen den Ritzen durchsickern sehen.
»Okay, Jungs, macht euch bereit.«
Sie zogen sich die Gesichtsmasken über und spannten alle Riemen und Gurte fest. Der Sauerstoff war kühl, schlürfend atmeten sie ihn ein. Sie kontrollierten sich gegenseitig, war das System dicht, sah alles korrekt aus? Dann entrollten sie einige Meter Wasserschlauch mit der Düsenspitze und gingen los.
Stefan Almgren war in dieser Nacht die Nummer zwei. Vor sich sah er Engens Rücken, das blinkende rote Signal seiner Sauerstoffflaschen. Im Eingang standen jede Menge Möbel, alles durcheinander, als wäre die Firma dabei umzuziehen. Engen fand einen Lichtschalter und versuchte ihn einzuschalten. Aber er funktionierte nicht.
Anfangs war der Rauch noch dünn, glitt dahin, als wollte er nur mit ihnen spielen, und tat ganz harmlos. Stefan Almgren hatte ein unangenehmes Gefühl. Aber genau genommen war es immer unangenehm, in ein brennendes Gebäude zu gehen. Was würden sie finden? Würde es schwierig werden? Aber hier, hier war etwas merkwürdig, er konnte nur nicht sagen, was.
Sie befanden sich in einem sehr kleinen Raum, einem Vorraum oder Flur. Eine einzige Tür führte weiter zu den anderen Zimmern. Und dort befand sich der Brandherd.
Sie öffneten die Tür und gingen in die Hocke. Der Rauch kam ihnen entgegen, er kam mit großer Kraft und ließ sie einen Augenblick schwanken. Dann hörten sie ein Geräusch. Es klang wie ein Mensch, ein dumpfer, jammernder Ruf von jemandem, der sich dort drinnen befand. Von jemandem, der in Gefahr war.
Stefan Almgren hörte Engens Stimme, durch die Gesichtsmaske gedämpft.
»Hast du das gehört, Almis?«
»Ja ... Es scheint jemand da drinnen zu sein.«
»Wir müssen weiter reingehen.«
»Ja.«
Engen übernahm den Funkkontakt, rief Anker, der draußen wartete. Anker Hahn, Tuborg genannt, war jetzt ihre Rückendeckung, er sollte sie leiten und lenken, sie herausschleusen für den Fall, dass sie die Orientierung verloren.
»Wir haben hier drinnen etwas gehört, das wie ein Mensch klingt.«
»Wie ist die Lage?«
»Im Augenblick können wir nichts sehen, dazu ist zu viel Rauch da.«
»Könnt ihr weiter vordringen?«
»Okay. Wir versuchen es, mit der rechten Hand an der Wand.«
»Verstanden.«
Stefan Almgren zog mehr Schlauch herein. Langsam krochen sie voran, suchten sich mit den Händen ihren Weg. Jetzt wurde es heiß, der Schweiß brach ihm aus. Er spürte das so vertraute Schwindelgefühl, das jedes Mal nach einer Weile einsetzte, und dann die Müdigkeit, die das Herz schneller pumpen ließ. Normalerweise dauerte es länger, mehr als zwanzig Minuten, bis man diesen Zustand erreichte. Er dachte, dass er das wohl Engen erzählen musste. Er wurde langsam müde, er dachte, dass sie doch erst fünf Minuten oder so hier drinnen waren. Er sah das kleine rote Blinklicht irgendwo vor sich, den Rücken seines Kollegen, es flimmerte und flackerte.
Er hatte überlegt, ob er eine Woche Urlaub nehmen sollte. Irgendwohin abhauen, auf die Kanarischen Inseln oder nach Tunesien. Bald war Weihnachten, in nicht einmal einem Monat. Er sah sich selbst im Fernsehsessel, allein mit Donald Duck. Jedes Mal, wenn sich der Gedanke ihm aufdrängte, wurde er ganz steif und verkrampft im Nacken. Dann konnte er sich nur mit Mühe bewegen, kaum richtig atmen. Er konnte sich denken, dass es nicht einfach sein würde, so kurzfristig noch einen Platz für eine Charterreise zu kriegen. Die Leute waren ganz verrückt nach Sonne nach dem langen verregneten Sommer, sie wollten um jeden Preis einfach nur weg. Und er hatte sich noch nicht einmal nach freien Plätzen erkundigt.
Er kroch mit der Stirn dem Boden zugewandt, packte den Schlauch fester, versuchte, ihn weiter hereinzuziehen. Das ging nicht. Der Schlauch musste sich irgendwo verhakt haben. Er drehte sich halb um, stieß aber mit dem Kopf gegen etwas Hartes, als wäre ein Wand oder eine Tür hinter ihm aufgedrückt worden, obwohl es doch vorher so etwas hier nicht gegeben hatte.
»Was zum Teufel ...?«, rief er und erwartete, Engens oder Tuborgs Stimme zu hören, was ist, Almis, ist alles okay? Aber er hörte sie nicht, spürte nur die Hitze, sie schien zugenommen zu haben, und er drehte sich noch einmal um, wollte dann mit dem Schlauch weiterkriechen. Er griff nach ihm, legte sich der Länge nach auf den Bauch und streckte die Arme, so weit es ging, aus.
Da war wieder das Geräusch, das Geräusch eines Menschen in Not. Er zwang seinen Kopf nach oben, leuchtete mit seiner Taschenlampe, sah einen Helm und Reflektoren.
»Engen?«, rief er.
Der andere kam näher, kam direkt auf ihn zu, immer näher.
Stefan Almgren kam auf die Knie und der Schweiß tropfte von den Brustwarzen.
»Engen, was ist denn verdammt noch mal los?«
Da sah er das Gesicht eines anderen, er sah ihm direkt in die Augen, und es war nicht Engen, er sah das im selben Moment, in dem die Atemmaske ihm vom Gesicht gerissen wurde und der Rauch in Mund und Nase drang. Er schnappte nach Luft, fing jedoch sogleich an zu husten und bekam einen Stoß, dass er seitlängs auf die Steinplatten fiel. Während der andere seine Füße packte und ihn über den Boden zog, versuchte er nach etwas zu greifen, um dagegen anzugehen, aber das ging nicht. Er fand nichts, und der Rauch machte ihn schwindlig und willenlos. Der Mann, der nicht Engen war, beugte sich über sein Gesicht. Stefan Almgren, genannt Almis, jammerte leise und hustete. Dann öffnete er seine Augen, und für eine Sekunde sah er, wer der andere war. Sein Körper zuckte in träger Verwunderung. Aber er bekam keine Angst. Er warf den Kopf zur Seite und bewegte die Lippen, als wollte er etwas sagen.
Anschließend glitt er ins Dunkel hinein.
2
Franki mochte keine Kirchen. Sie hatten etwas Strenges an sich, etwas Hartes, Abstoßendes. Außerdem war da etwas mit dem Geruch, ein gedämpfter, mit Kalk gesättigter Geruch ohne jede Andeutung von Gefühlen. Sobald er unter diese Kuppeln trat, fühlte er sich klein, als würden sie sich über ihn senken und ihn einfangen. Wie bei einer Mausefalle, kam ihm in den Sinn, eine Mausefalle.
Seiner Mutter sagte er davon nichts.
»Ich kann nicht«, sagte er. »Ich habe keine Zeit.«
Sie hatte Karten für ein Konzert bekommen. Mozarts Requiem. Sie hatte sie von einer Kundin geschenkt bekommen, und es waren gute Plätze, in der Storkyrkan, ganz vorn. Sie bat ihn, doch mit ihr hinzugehen, es sei so erbärmlich, allein zu gehen.
»Wieso erbärmlich?«
»Ach, du verstehst schon, was ich meine.«
Doch ja, er verstand es.
Schließlich versprach er doch mitzukommen.
Das war im Dezember gewesen. Draußen in den Vororten hatte grauer, schmutziger Schnee gelegen. Als er zur U-Bahn ging, wäre er fast an einer vereisten Stelle ausgerutscht, der Schmerz schoss ihm hoch bis ins Rückgrat.
Mutter wartete vor dem Kiosk auf ihn. Sie trug einen dunkelbraunen Pelz und einen Hut mit einem kleinen Schmuck daran. Sie sah sonderbar fremd aus. Aus der Handtasche zog sie das Geld. Sie gingen zur Sperre.
»Zweimal bis Gamla stan«, sagte sie, und ihre Stimme war ruhig und kräftig. Sein Gefühl der Unlust verging.
Der Zug stand mit geschlossenen Türen am Bahnsteig. Sie gingen zu einem der mittleren Wagen. Franki drückte auf den Türöffner, und die Türen glitten auseinander. Mutter setzte sich ans Fenster. Er selbst blieb eine Weile stehen, tat so, als schaute er sich den Anschlag mit dem Streckennetz an. Als der Zug anfuhr, machte er ein paar unsichere Schritte und sank auf dem fleckigen Sitz ihr gegenüber nieder. Jemand hatte etwas mit einem schwarzen, dicken Filzschreiber darauf geschmiert.
Sie betrachtete ihn. Ihre Augenlider waren grün, der Mund gerade und rot.
»Letzte Woche bin ich mit dem neuen Zug gefahren«, sagte sie mit langsamer, fast eifriger Stimme. »Am Mittwoch war das. Ich wollte in die Stadt. Bist du schon mal mit dem neuen Zug gefahren, Franki, ja?«
Er schüttelte den Kopf.
»Aber ich. Das war richtig schön. Es war am Mittwoch, als ich mich mit Mimi getroffen habe. Da bin ich mit einem gefahren. Wie leise der ist. Und so sauber und schön. Und an jeder Haltestelle rufen sie den Namen durch Lautsprecher aus, so deutlich, dass es alle verstehen können. Und vorher kommt immer eine kleine Melodie, das ist einfach schön.«
»Haben sie euch auch noch was zu trinken angeboten?«, bemerkte er trocken.
»Nein. Aber es war so eine Art Zugbegleiter dabei.«
»Ach. Und was hat der gemacht?«
»Nichts. Stand nur so da. Für die Sicherheit. Falls was passiert, nehme ich an.«
»War er hübsch? Bist du scharf auf ihn gewesen?«
»Aber Franki!«
Er schwieg und starrte aus dem Fenster. Sie kamen gerade an Johannelund vorbei, der einzigen Haltestelle mit dem Bahnsteig auf der anderen Seite.
Mutter erzählte weiter.
»Du solltest auch mal mit einem fahren, Franki, dann wirst du schon sehen.«
»Ja, ja, das werde ich sicher irgendwann mal tun.«
Sie beugte sich vor, legte einen Finger auf sein Knie. Sie roch gut, ein Frauenduft nach Puder und fetten Cremes.
»Es ist lieb von dir, dass du mitkommst.«
Und dann sagte sie noch einmal:
»Es ist irgendwie so ein erbärmliches Gefühl, wenn man allein kommt.«
Er hob seine Hand, legte sie auf den pelzgekleideten Arm. Machte Scherze.
»Obwohl – sehr erbärmlich siehst du nun nicht gerade aus. Das kann man kaum behaupten. Und wenn jetzt so ein militanter Vegetarier kommt und dich mit roter Farbe bespritzt. Was machst du dann?«
»Ach, das ist doch nur Imitation.«
»Was für eine Imitation?«
»Imitierter Pelz. Kunstpelz. Sie hatten ihn im Sonderangebot in einem kleinen Laden in der Drottninggatan. Im letzten Frühling, die wollten wohl ihr Lager räumen. Ich habe ihn für fünfhundertneunundneunzig Kronen gekriegt.«
»Ach so.«
»Wovon sollte ich mir denn einen richtigen leisten können? Spinnst du, Junge, der kostet doch mindestens zwanzigtausend.«
»Auf jeden Fall sieht man das nicht, der sieht ganz echt aus.«
Sie lächelte ihn an, auf ihren Wangen zeigten sich unzählige kleine, weiche Fältchen.
Aber plötzlich wurde er ganz unruhig.
»Geh nur nicht zu nahe an etwas Brennbares. An Kerzen oder so. Wie der aussieht ... Der wird in null Komma nichts in Flammen aufgehen.«
Wieder lachte sie.
»Du bist wirklich süß, Franki!«
Er bekam den Namen Franki, nach Frank Sinatra. Der war das Idol seiner Mutter. Er war noch irgendwie anders getauft worden, aber niemand benutzte den Namen, nicht einmal, als er noch ein Kind war und daheim auf dem Hof in Hässelby spielte. Franki hieß er. Franki ohne ›e‹ am Ende, ins Schwedische übertragen, damit es passte. Das Idol seiner Mutter, ihr Leben lang.
Er war hoch gewachsen und ein kräftiger Mann, der dick wirken würde, wenn er nicht so viel Zeit mit Bodybuilding verbrächte. Fast alles war groß an ihm, die Ohrläppchen, die Lippen und die gekrümmte Falte zwischen den Augenbrauen. Das Haar trug er kurz, aber nicht rasiert, er war sich seiner Würde wohl bewusst und wollte nicht mit Skinheads oder anderem Gesindel verwechselt werden. Mit dem Abschaum der Gesellschaft.
Sie stiegen in Gamla stan aus und gingen durch den unterirdischen Gang. Ein Mann mit einer Pudelmütze saß in der Hocke und zupfte an einem Saiteninstrument. Am Aufgang stand ein Typ mit einem Packen Zeitschriften.
»Situation Stockholm! Unterstützt uns! Kauft die Zeitschrift der Obdachlosen!«
Das war unangenehm, Franki wusste nie, in welche Richtung er gucken sollte. Die Leute bettelten und drängten sich auf. Sie erzeugten jedes Mal Schuldgefühle bei ihm.
»Ich bin arbeitslos«, fauchte er manchmal. »Ich habe selbst kaum Geld fürs Essen.«
Dann starrten sie ihn jedes Mal an, als wären sie es nicht gewohnt, angesprochen zu werden. Schließlich zuckten sie mit den Schultern und gingen ein paar Schritte weiter.
Mutter hakte sich bei ihm ein, und sie suchten sich ihren Weg durch die schmalen Gassen zum Stortorget. Er spürte, wie er fror. Ganz intensiv bereute er in diesem Augenblick, mit ihr gegangen zu sein.
Der Geruch war der gleiche, genau wie er ihn in Erinnerung hatte. Ein Mann im schwarzen Anzug kontrollierte ihre Eintrittskarten. Er machte eine Geste zum Mittelgang hin. Sie fanden ihre Plätze, zwei Stühle mit gepolsterten Sitzen, nebeneinander, fast ganz vorn. Mutter setzte sich auf den inneren.
»Du mit deinen langen Stelzen«, flüsterte sie. »Du brauchst ja Platz, um dich auszustrecken.«
Ein hohes Stativ mit einem Mikrofon stand im Gang, dicht neben ihnen. Er musterte es. Die Füße des Stativs waren mit rotweißem Klebeband an den Boden geklebt. Er dachte an Absperrungen. Dann stellte er fest, dass etwas auf dem Band stand: »baggage« und die Worte »American Airlines«. Er wunderte sich noch über diese Beschriftung, als die Musik plötzlich dröhnend sein Ohr erreichte. Betörend und ganz nah.
Wann war er das letzte Mal in der Kirche gewesen? Doch, ja. Bei Vaters Beerdigung. Er erinnerte sich nicht mehr an das Datum, nicht an das Jahr. Aber es hatte die Nacht zuvor geschneit, und die Sohlen seiner Schuhe waren rutschig wie auf Seife gewesen. Er war nicht mehr sicher gewesen, wann er da sein sollte. Als er zur Kirche kam, wurde gerade der Sarg aus dem Auto geholt. Aus einem silbernen Wagen. Er hatte gedacht, er müsste schwarz sein.
Der Sarg stand auf einem dünnen, klapprigen Metallgerüst. Franki trat hinzu und stellte sich vor.
»Wir sind uns ja schon begegnet«, sagte einer der Männer, und da fiel ihm das Beerdigungsinstitut ein.
Der Sarg war braun, hatte kleine Füße. Unter dem Deckel lag sein Vater.
»Wir müssen das nur noch ein bisschen in Ordnung bringen«, sagte der Mann vom Bestattungsinstitut. »Das dauert eine Weile. Aber noch ist es ja nicht so weit. Erst in ein paar Stunden.«
Franki musste reingehen, um sich ein wenig aufzuwärmen. Außerdem musste er dringend pinkeln. Der Mann vom Bestattungsinstitut versperrte ihm den Eingang.
»Wollen Sie mit reinkommen?«, fragte er und seine Augenbrauen waren dunkel und hochgezogen. »Während wir alles vorbereiten, meine ich.«
»Nein, nein«, wehrte er schnell ab.
Er war hinter die Kirche gegangen und hatte dort gepinkelt. Als er den Reißverschluss seiner Hose hochzog, hörte er ein Kichern. Zwei quietschbunte Kindermützen tauchten hinter einem Stein auf. Er starrte gegen die Kirchenmauer, dachte sich, dass es zu glatt war, um hinterherzulaufen.
Eine kräftige, durchdringende Frauenstimme durchschnitt den Raum. Franki hob den Kopf. Die Mutter wandte sich ihm zu, zeigte mit einem langen, rot lackierten Fingernagel auf den Programmzettel. Er las einen Namen. Sah seine Mutter an. Sie spitzte die Lippen, formte lautlos den Namen.
»Waltraut Engen!«
Die singende Frau sah noch jung aus, ihr Hals war dünn und gepudert. Eine Kette mit einer hellblauen Perle hing darum. Franki musste an einen Wassertropfen denken.
Dann erkannte er sie plötzlich wieder. Die kleine Waltraut. Sie war die Schwester von einem der Jungs. Sie war die Schwester von Engen, von Mats Engen.
Sie hatten daheim bei Mats am Küchentisch gesessen und Eishockey gespielt. Sie hatten weiche Brotscheiben gegessen, die sie zunächst mit Margarine bestrichen und dann mit Zucker und Vogelfutter bestreut hatten. Etwas bewegte sich im Flur, Mats’ Vater stand plötzlich in der Tür. Es knirschte unter seinen Schuhen, er hob einen Fuß und starrte sie an.
»Was macht ihr denn da?«
»Nichts, wir machen es uns nur gemütlich.«
»Habt ihr das Futter der Vögel genommen?«
Mats wurde ganz rot im Gesicht.
»Wir wollten das mal probieren ...«
»Und – schmeckt es gut?«
»Oh ja?«
»Dann passt nur auf, dass euch keine Federn am Hintern wachsen!«
Mats saß da und hielt den Torwartschläger in der Hand, war aber nicht richtig bei der Sache. Franki schoss den Puck.
»Tor!«, sagte er leise.
Mats’ Vater sagte:
»Ich habe Mama abgeholt. Du kannst jetzt kommen und deine kleine Schwester angucken.«
»Du«, sagte er. Nicht »ihr«. Franki stand dennoch auf. Sie gingen ins Wohnzimmer, die Gardinen waren vorgezogen, kein Licht angeknipst. Mats schaltete die Deckenlampe ein. Da sahen sie seine Mama halb auf dem Sofa liegen, in Mantel und Kopftuch. Sie war verändert, er wusste aber nicht genau, wieso. Auf dem Teppich stand ein hellblauer Babysitz. Mats’ Papa öffnete ihn, kniete sich mit seiner guten Hose hin. Ein leises Piepsen ertönte aus dem Sitz. Franki dachte an die Katzenjungen in der Scheune von Riddersvik.
Mats’ Papa hob die neugeborene Schwester hoch. Sie war ganz rot im Gesicht, ihre kurzen Arme ruderten.
»Sie hat wohl Hunger«, erklang es matt vom Sofa.
Mats’ Papa stand auf, hielt Mats das Kind hin.
»Das ist deine Schwester«, sagte er. »Das hier ist Waltraut.«
Was für ein hässlicher Name! Ja, was für ein hässlicher Name.
Es dauerte eine Weile, bevor er sie wiedersah. Es wurde ihnen gesagt, sie sollten lieber draußen spielen, Mats’ Mama sei müde, und es ginge ihr nicht gut. Manchmal weinte die Schwester, dass es bis auf den Hof hinaus zu hören war.
Mit der Zeit wurde sie ein hässliches, nerviges Kleinkind, das überall mit dabei sein wollte. Voller roter Flecken im Gesicht. Sie schlichen sich von ihr fort, sperrten sie zu den Schuhen in die Garderobe ein. Sie petzte natürlich, und ihr schmales Gesicht strahlte, wenn ihre Mutter die Jungs ausschimpfte.
Wann hatte er sie das letzte Mal gesehen? Als sie konfirmiert wurde? Franki konnte sich nicht mehr erinnern. Als erwachsene Frau jedenfalls nicht.
Er betrachtete sie blinzelnd, sie stand mit halb geschlossenen Augen da. Wie konnte sie nur so hoch singen, wo sie doch so dünn, platt und ohne jegliche Form war. Sängerinnen, die stellte er sich dick und mit Brüsten wie eingezwängte Würste vor.
Waltraut Engens Hände waren schmal und geballt. Er sah im Gegenlicht ihr Kinn, er sah einige abstehende Haarsträhnen. Als der Chor sang, machte sie eine halbe Drehung und trippelte zu ihrem Stuhl. Mutter deutete auf sie.
»Hast du sie wieder erkannt?«, flüsterte sie.
Er nickte mit zusammengekniffenem Mund.
»Wir hätten vielleicht eine Blume mitnehmen sollen!«
Die Leute um sie herum warfen ihnen böse Blicke zu. Franki wünschte sich, dass seine Mutter aufhöre zu flüstern, dass sie sich einfach wieder zurücklehnte und die Augen schlösse. Aber sie beugte sich stattdessen nach links vor, um Waltraut sehen zu können. Die junge Frau saß mit dem Gesangbuch auf dem Schoß da. Sie hielt den Kopf gebeugt, schweigend und in sich verschlossen. Er überlegte, dass sie sich sicher auf ihren nächsten Einsatz vorbereitete.
Er hob den Blick und betrachtete die großen vergoldeten Kronen, die über ihnen hingen, gehalten von fliegenden Engeln. Wie lange schwebten die schon so da? Wie viele Jahre oder Jahrhunderte mit ausgestreckten, stützenden Armen. Er ließ seinen Blick dort oben ruhen, um nicht von der Sängerin verunsichert zu werden, ihre Nähe beunruhigte ihn auf eine vage, bohrende Art.
Sie hatten sich über ihren Namen gewundert und zunächst Probleme gehabt, ihn auszusprechen. Aber mit der Zeit hatten sie sich daran gewöhnt. Sie war nie der Typ von Kind gewesen, der Spitznamen an sich zieht, nein, es blieb bei Waltraut – ohne jede Abkürzung. Mats’ Vater war Opernfan. Er hatte ein ganzes Zimmer nur für die Musik, an den Wänden Samttapete, darin Röhrenverstärker, einen Sessel, dessen Rücken man verstellen konnte. Dort schloss er sich abends ein, blieb stundenlang da drinnen. Aber manchmal öffnete er die Tür und lud ein einzutreten. Niemand wagte Nein zu sagen.
»Wollt ihr ein wenig mithören, Jungs?«, fragte er und zog sie über die Türschwelle.
Die Lautsprecher standen in den Ecken. Sie waren groß wie Kindersärge. Er strich über das glatte braune Holzgehäuse.
»Wollt ihr was hören, Jungs? Wollt ihr wirklich schöne Musik hören?«
Mit wirklich schöner Musik meinte er Wagner. Den Ritt der Walküren und Rienzi. Sie mussten dort stehen und zuhören. Seine Tochter sollte eines Tages in der Oper singen. Das war so vorherbestimmt, und es stellte sich heraus, dass Waltraut tatsächlich eine ganz reine und gute Stimme hatte. Sie kam in die Musikklasse, danach sahen sie sie kaum noch.
Es war vorherbestimmt. So war es.
Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass sie von ihrem Stuhl aufstand und ins Licht trat. Direkt vor ihm stand sie, der Mund glänzte, sah irgendwie klebrig aus. Franki sah, wie sie atmete, Anlauf nahm und die Luft einsog. Sekunden bevor sie anfing zu singen, richtete sie ihren Blick direkt auf ihn. Sie erkannte ihn wieder. Ihm schien, als lache sie.
3
Zuerst bekam er den Wagen nicht an, das war ihm noch nie passiert. Die Kraft verließ ihn, die Reservekraft, die ihn den ganzen Morgen über aufrechtgehalten hatte. Er beugte sich über das Armaturenbrett, blieb so eine Weile sitzen. Das Lenkrad drückte ihm gegen den Brustkorb, aber er kümmerte sich nicht darum. Er beugte sich noch weiter vor, als wollte er den harten Kunststoff an seinem Körper spüren, als hielte ihn diese Berührung in der Gegenwart fest.
Sein Handy klingelte. Es lag neben ihm auf dem Sitz, er hob es hoch und murmelte seinen Namen.
»Ja, Engen. Mats Engen.«
Es war Camilla, seine Frau. Sie wunderte sich, warum er nicht kam, sie hatte einen Termin beim Zahnarzt, ob er das vergessen hätte.
Er wollte nichts am Telefon sagen. Er wollte sie ansehen, wenn er es erzählte, sie nahe bei sich haben, sie sollte ihn in ihre Arme nehmen, und sie sollte weich und groß sein und nach Safran duften.
»Ich bin schon unterwegs«, sagte er mit belegter Stimme. »Das blöde Auto hat nur verrückt gespielt, es ist nicht angesprungen.«
»Was?« Sie klang mürrisch. »Wieso das denn? Was ist denn mit dem nun wieder los?«
»Ich weiß es nicht, Camilla. Ich hoffe, nur eine Lappalie. Aber ich beeile mich, ich kriege das schon hin.«
»Ja, das hoffe ich doch, denn den Zahnarzt muss ich so oder so bezahlen. Es ist zu spät, noch abzusagen.«
»Du hörst doch! Ich komme.«
Er schaltete das Handy ab und öffnete die Autotür. Es war ein Citroën, Jahrgang 1990, der war in all den Jahren, die sie ihn schon hatten, immer wie ein Uhrwerk gelaufen. Nur ein bisschen Rost um die Türen, das war bei französischen Autos nun mal so. Er hatte den Rost weggeschmirgelt und die entsprechenden Stellen ausgebessert.
Er stand in seiner Jeans und seinem Anorak da, zupfte an seinen blonden Bartstoppeln. Sein Pony war fransig. Am Haaransatz an der Stirn gab es unzählige kleine Wirbel, die seine Frisur immer zerzaust aussehen ließen, wie sehr er sich auch mit dem Kamm bemühte.
»Stimmt was nicht?« Einer der so genannten Springer kam auf den Hof, Mats hatte vergessen, wie er hieß. Er kam von einer anderen Feuerwehrwache, war als Verstärkung gerufen worden, weil es heute so knapp mit Leuten war. Springer wurden sie immer genannt.
»Ich krieg die Karre nicht zum Laufen.«
»Ist die Batterie vielleicht leer?«
»Glaube ich nicht.«
»Soll ich mal versuchen? Ich habe den Gleichen.«
»Bitte.«
Mats gab ihm den Schlüssel. Da war ein Geräusch in seinem Schädel, ein leises, rinnendes Geräusch. Wie von Wasser. Er sah, wie der andere in den Wagen stieg, und da fiel ihm auch dessen Name ein, Andersson irgendwas – Andreas? Und er kam von der Wache auf Kungsholmen.
Das Auto startete, sobald der Schlüssel im Zündschloss gedreht wurde. Andersson grinste.
»Bitte schön! Alles klar!«
Mats zuckte mit den Schultern.
»Danke. Weiß der Teufel, woran es lag. Vielleicht an der Feuchtigkeit? Aber solche Zicken hat er noch nie gemacht.«
Andersson stieg wieder aus. Er schaute über den Hof hin.
»Du ... das mit Almis ist einfach zu schrecklich«, sagte er steif.
»Ja.«
»Was ist passiert, hat er Panik gekriegt?«
»Keine Ahnung. Scheint ja ganz so.«
»Es ist einfach schrecklich! Zu schrecklich.«
»Ich muss jetzt los. Nach Hause. Meine Frau muss zum Zahnarzt.«
»Okay. Bis bald.«
Es war halb elf. Der morgendliche Berufsverkehr war schon lange vorbei. Es schneite immer noch, aber nicht mehr so stark, nur kleine müde, dünne Flocken, die schmolzen, sobald sie auf den Boden trafen. Mats fuhr an Alvik vorbei, hier gab es einige Baustellen, eine neue Schnellbahnlinie sollte direkt nach Globen gehen. Im Berg links konnte er die Tunnelöffnung erkennen, gleich neben der neuen Tennishalle. Die alte brannte an dem Tag ab, als er dreißig wurde. Das war jetzt gut fünf Jahre her. Arbeiter hatten damals bei Renovierungsarbeiten fünf alte Ölkessel vom Dachboden heruntergeholt. Als sie die Rohre am Morgen im Dach abschnitten, sprang ein Schweißfunken in die Isolierung. Dort lag er dann ein paar Stunden und glühte vor sich hin, bis er richtig Feuer fing. Gegen fünf Uhr nachmittags war das gesamte Gebäude bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Das war ein Freitag gewesen, wie er sich noch erinnerte. Er hatte daheim auf dem Balkon gestanden und ein Glas Champagner getrunken. Die ersten Geburtstagsgäste waren bereits eingetroffen. Sie hatten alle auf den dicken schwarzen Rauch gestarrt und gedacht, dass ein Flugzeug bei Bromma abgestürzt sein müsste. Dann hatten sie das Radio eingeschaltet und erfahren, was passiert war.
Mats hatte fast den ganzen Weg nach Hause grünes Licht und brauchte auch an den Kreisverkehren kaum zu warten. Beim Altersheim bog er nach links ab und folgte dem Sandviksvägen, bis er zu dem Reihenhaus kam, in dem er wohnte. Die Gegend wurde »Liebeskraut« genannt, weil die Straßennamen im Viertel alle nach unterschiedlichen Gewächsen benannt worden waren. Hässelby war bekannt für seine alten Gartenkolonien, aber jetzt gab es davon nicht mehr viele. Jeder grüne Fleck war mittlerweile mit Reihenhäusern oder Villen bebaut.
Camilla und Mats hatten ihr Haus schon vor einigen Jahren gefunden, als die Jungs noch gar nicht geplant gewesen waren. Es war teuer, eigentlich zu teuer für ihre Verhältnisse, und wie merkwürdig das auch klingen mochte, dadurch, dass Camilla aufhörte zu arbeiten, hatte sie einiges gewonnen. Sie hatte eine Boutique im Einkaufszentrum Akermyntan gehabt. Aber die lief nicht, obwohl sie eine Menge Geld in Anzeigen investierte und selbst herumlief und Reklamezettel verteilte, sobald sie Zeit dazu hatte. Sie hielt eine ganze Weile aus, bis sie sich geschlagen gab und endlich den Laden dichtmachte. Jetzt war sie zu Hause mit den Zwillingen.
Mats fuhr den Wagen nicht erst in die Garage, sie brauchte ihn ja gleich. Sie stand am Küchenfenster und hielt nach ihm Ausschau.
Sie hatte sich zurechtgemacht, das Haar hatte sie hochgesteckt, trug das hübsche hellgraue Kostüm. Er hob die Hand und winkte ihr zu. Sie machte eine unzufriedene Geste.
Die Jungs sprangen ihm entgegen, sobald er die Tür öffnete. Er ging in die Hocke, drückte sie so heftig an sich, dass ihre Köpfe gegeneinander schlugen. Sie holten tief Luft und begannen gleichzeitig zu schreien, schrill und anklagend.
»Du musst ein bisschen vorsichtiger sein!«, sagte Camilla. Sie sah gehetzt aus. Sie nahm ihren Mantel, hielt dann aber inne und starrte ihn an.
»Mats ... was ist los?«
»Nichts.«
»Da ist doch was, ich sehe, dass du was hast.«
»Fahr zum Zahnarzt! Wir reden später drüber.«
»Ist es was Schlimmes? Hat es was mit uns beiden zu tun?«
»Nein, damit hat es gar nichts zu tun.«
Sie sank ein wenig zusammen, schob den Mantelärmel hoch, warf einen hastigen Blick auf die Armbanduhr.
»Oh je! Ich muss mich beeilen.«
Er nahm die Jungs mit sich in die Küche. Setzte sie auf ihre Kinderstühle, pustete ihnen ins Haar. Das war dünn und flaumig, sie hörten auf zu weinen und betrachteten ihn mit aufgerissenen Augen.
»Tuchen!« Simon hob einen weichen, dicken Finger und zeigte auffordernd zur Anrichte, auf der auf einem Teller ein Napfkuchen stand. Erst jetzt bemerkte Mats, dass es nach frisch gebackenem Kuchen roch. Er holte ein Messer heraus.
»Ja, ja. Ihr kriegt jeder euren Tuchen!«
Er schnitt zwei dicke Scheiben ab und legte sie vor die beiden, ohne Teller. Sie fingen sofort an zu essen. Er goss sich ein Glas Wasser ein, aber als er es zum Mund führen wollte, glitt es ihm aus der Hand und fiel ins Spülbecken. Es ging nicht kaputt, das bemerkte er mit einer gewissen Erleichterung. Die Zwillinge starrten ihn an.
»Oi!«, rief Lukas. »Papa Las fallen!«
»Ja«, sagte Mats. »Papa hat das Glas fallen lassen.«
Dann begannen seine Arme zu zitternd, und ein heftiger, plötzlich einsetzender Schwindel zwang ihn in die Knie.
»Almis«, durchfuhr es ihn. »Verdammter Scheiß-Almis.«
Nein! Er musste warten. Er schaffte das jetzt nicht. Jetzt nicht, später. Wenn Camilla nach Hause kam. Erst dann.
Das Telefon klingelte. Er zwang sich aufzustehen. Nahm den Hörer ab. Es war eine Journalistin vom Aftonbladet. Er hörte ihren Namen, vergaß ihn aber sofort wieder.
»Ich möchte Ihnen zuerst mein Beileid aussprechen«, sagte sie.
»Ja und?«
»Was für ein Gefühl ist das?«
»Was für ein Gefühl das ist?«
»Ja ... Ich meine ... Sie waren ja sozusagen ... mit ihm da in dem brennenden Inferno. Ich meine, mit Stefan Almgren. Ihrem Kollegen. Sie waren doch bei ihm, als er starb.«
»Was für ein Gefühl das ist! Ja, was glauben Sie denn?«
Sie senkte ihre Stimme, fuhr vorsichtiger fort.
»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe und dumme Fragen stelle.«
Er gab keine Antwort.
»Aber Sie müssen wissen, dass es auch für mich nicht so leicht ist. Ich versuche ja auch nur, meine Arbeit zu tun. Genau wie Sie. Deshalb könnten Sie doch so nett sein und mir antworten, nicht wahr? Was ist da drinnen passiert, als es gebrannt hat?«
Mats warf den Hörer hin. Er bereute es sofort, nahm ihn wieder hoch, und sie war noch da.
»Fahr zur Hölle!«, rief er.
Und dann legte er wieder auf.
Die Jungs saßen noch in der Küche. Sie klatschten mit schmierigen Händen auf den Tisch. Die Kuchenkrümel lagen unter ihren Stühlen auf dem Boden. Er hob sie heraus, erst Lukas, dann Simon, schnupperte an ihrem verschwitzten Haar, ein süßlicher Geruch, nach Kind. Jetzt wollten sie spielen, mit ihm. Nicht still sitzen und kuscheln, kein Märchen hören oder auf dem Schoß sitzen. Sie liefen ins Kinderzimmer, er blieb stehen. Er musste noch sauber machen, den Tisch abwischen, er stand in der Tür, und der Küchenschrank schwankte.
»Almis«, murmelte er, »du verdammter Idiot.«
Stefan Almgren war ziemlich am Boden gewesen. Deprimiert. Das war in mehrerlei Hinsicht zu merken gewesen. Einmal wurde er beim Körpertraining ohnmächtig, sank einfach zusammen und fiel zu Boden.
Sie fragten ihn, ob er krank sei. Er sagte, er sei nur ein wenig aus dem Gleichgewicht. Nicht krank, er könne schon arbeiten und so. Nur etwas durcheinander. Und traurig. Aber er wollte nicht drüber reden. Doch nach einer Weile verstanden sie. Maria.
Sie kannten sie, genau wie sie die Frauen und Kinder all ihrer Kollegen kannten. Sie hatten sie gern gehabt. Eine kleine dunkle Frau mit braunen Augen und einer schönen Figur. Etwas scheu. Etwas nachdenklich.
Du findest schon eine Neue, hatten sie ihn zu trösten versucht. Almis, die Welt ist voller Weiber. Und er lachte, bekam aber so einen abweisenden Blick, und er veränderte sich, wurde schweigsamer.
Das Telefon klingelte. Mats nahm den Hörer und brüllte hinein.
Es war seine Mutter.
»Gute Güte, Gott sei Dank, dass du zu Hause bist. Wir haben es im Radio gehört, Papa und ich. Das über den Brand. Da ist doch jemand gestorben ... Und da haben wir schon Angst gehabt ...«
»Ich war es nicht«, sagte er kurz.
»Nein. Das ist mir auch klar, Mats. Aber es war doch einer von deiner Wache?« »Es war ein Kollege.«
»Einer deiner Kollegen? Von deiner Wache?«
»Ja.«
»Wer denn?«
»Stefan. Stefan Almgren.«
»Der kleine Stefan? Mit dem du immer gespielt hast?«
»Ja.«
»Oh, wie schrecklich, Mats. Wie fürchterlich.«
»Ja.«
»Wie ist es passiert?«
»Er hat den Rauch eingeatmet.«
»Aber habt ihr nicht solche Atem ...?«
»Doch. Aber er hat seine Atemmaske abgenommen.«
»Was? Warum, warum hat er sie abgenommen?«
»Ich weiß es auch nicht.«
»Nein, natürlich nicht.«
Er hörte, wie sie mit seinem Vater sprach. Er stand mit dem Hörer am Ohr da und schaute ins Zimmer der Jungs. Sie saßen mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden. Sie spielten mit Legosteinen. Das Fenster glänzte vom Schneeregen.
»Ich bin etwas müde, Mutter«, sagte er. »Ich muss mich erst mal eine Weile hinlegen. Wenn du entschuldigst.«
Camilla hatte es bei ihrer Zahnärztin gehört. Die wusste, dass sie mit einem Feuerwehrmann verheiratet war. Deshalb hatte sie geradeheraus gefragt.
»Ich nehme an, dass es nicht Ihr Mann war, der umgekommen ist. Sonst würden Sie wohl kaum hier auf dem Stuhl liegen.«
»Umgekommen!« Camilla war hochgefahren und die Serviette, die über ihrer Brust ausgebreitet gelegen hatte, war zu Boden gefallen.
»Ja, sie haben es im Radio gesagt, schon vor einer Weile. Ein Brand draußen bei Hjorthagen. Ein Feuerwehrmann ist dabei zu Tode gekommen.«
Sie weinte, als sie nach Hause kam.
»Wer war es, Mats, wer war es?«
Plötzlich konnte er Almis’ Namen nicht aussprechen.
Sie sagte, er solle jetzt schlafen, sie hielt ihn im Arm, und die Haut auf ihren Armen war so unfassbar weich.
»Du hast die ganze Nacht gearbeitet, Mats. Und so schreckliche Sachen mitgemacht.«
Jetzt war sie die Starke, führte ihn zu den ungemachten Betten und ließ ihn hineinkriechen.
»Willst du was zu trinken haben?«, flüsterte sie, und ihr Blick war scheu und bittend.
Er schüttelte den Kopf.
»Doch«, bestand sie drauf. »Ich koche dir eine Tasse Tee.«
Er hörte sie in der Küche rumoren. Er lag auf der Matratze und hörte, wie sie zu Gange war. Seine Finger berührten etwas Dünnes. Ihr Nachthemd. Er zog es heran und zerknüllte es zu einem Ball, der fast ganz in seine hart zusammengepresste Faust passte.
4
Waltraut hatte sich zwei Engel gekauft. Sie waren weiß, gehäkelt, mit Goldflügeln und langen, schlottrigen Beinen. Mehrere Tage hatte sie hin und her überlegt. Sie waren teuer, und eigentlich meinte sie, es wäre Unsinn, Engel für mehr als einen Tausender zu kaufen.
Aber warum nicht, redete sie sich schließlich selbst ein. Warum nicht ab und zu ein bisschen verrückt sein? Warum musste eigentlich immer alles so verdammt genau bedacht sein?
Jetzt versuchte sie, die beiden Engel an der Decke über ihrem Bett zu befestigen. Sie hatte einen Stuhl aufs Bett gestellt, aber als sie darauf kletterte, schwankte er hin und her, als würde er jeden Moment umkippen. Sie ging auf die Knie. Wagte nicht, wieder aufzustehen.
»Scheiße!«, flüsterte sie. »Das schaffe ich nicht.«
Natürlich konnte sie jemanden um Hilfe bitten. Ihren Vater beispielsweise. Er würde sofort herbeigeeilt kommen, selbst wenn er mit vierzig Grad Fieber im Bett läge. Er würde das mit den Engeln zwar garantiert nicht verstehen, es aber akzeptieren, ohne eine Frage zu stellen. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter.
Das Telefon klingelte. Waltraut kletterte vom Stuhl herunter und ging ran. Wie sie gedacht hatte. Ihr Vater.
»Ich habe gerade an dich gedacht«, sagte sie. »Wenn man an den Teufel denkt ...«
»Na, so was. Und worum ging es?«
»Ach, nichts Besonderes. Nur so.«
»Aha. Nun, wie geht es dir? Hast du ausgeschlafen?«
»Ja.«
»Ist es gestern gut gelaufen?«
»Ja.«
»Es tut mir Leid, dass wir nicht kommen konnten, das war wirklich schade.«
»Aber ihr habt mich ja schon oft gehört.«
Er hustete.
»Du weißt, wie gern ich dich höre.«
»Doch, ja, das weiß ich. Ist es ein wenig besser mit deiner Erkältung?«
»Kaum. Ich glaube, ich habe sogar ein bisschen Fieber.«
»Armer kleiner Papa, soll ich nach Hause kommen und dich pflegen?«
»Damit du dich noch ansteckst? Kommt gar nicht in Frage.«
»Und wie geht es Mama?«
Vater senkte die Stimme.
»Es geht besser mit ihrer Erkältung. Aber ... sie ist etwas durcheinander. Du weißt, so geht es ihr immer, wenn etwas passiert ist. Da war doch so ein Feuer, und da ist es für einen Kameraden deines Bruders böse ausgegangen.«
»Was sagst du da?«
»Ja. Einer der Feuerwehrleute ist umgekommen. Ich kenne keine Details.«
Waltraut bekam einen ganz trockenen Mund.
»Stimmt das? Und Mats? Ist mit ihm alles in Ordnung?«
»Ja, natürlich. Mats ist nichts passiert.«
Sie hatte die Zeitung nicht gelesen. Hatte Angst gehabt, dass etwas über das Konzert darin stehen könnte. Es war besser, wenn andere das zuerst lasen und es dann vorsichtig zu ihr durchsickern ließen. Aber derartige Konzerte wurden nicht jedes Mal besprochen.
Einmal hatte ein Musikkritiker Waltraut Engens Vibrato mit einem Kaninchen verglichen, das verzweifelt versucht, dem Fuchs zu entkommen. Zuerst hatte sie über die Formulierung gelacht, ein Kaninchen, das ... Aber später war es ihr immer wieder in den Sinn gekommen, jedes Mal deutlicher und brutaler, bis die Botschaft ihr klar und deutlich vor Augen stand. Ein Totalverriss.
Sie hatte geglaubt, sie könnte sich über eine höhnische Besprechung hinwegsetzen. Dass ihr das nicht gelang, bedeutete eine doppelte Niederlage.
Vater hatte das ganz empört aufgenommen. Er war schon immer ihr größter Bewunderer und ein wahrhaft begeisterter Zuhörer gewesen. Als er sah, wie sie litt, wie sie dabei war, ihr Selbstvertrauen zu verlieren, rief er den Rezensenten an und bat ihn um eine Erklärung.
Er hieß Greger Brück. Nie würde sie diesen Namen vergessen. Vater erzählte ihr nicht, wie das Gespräch ablief. Das Einzige, was er sagte, war, dass dieser Brück anscheinend nicht recht gescheit war und dass man sich deshalb nicht um seine Meinung kümmern müsse.
Mein lieber Papa, dachte sie. Sie holte die Zeitung, sie lag auf dem Küchentisch, schlug den Stockholmteil auf. Nein. Kein Wort stand darin über eine Feuersbrunst. Merkwürdig.
Ihr Bruder hatte schon seit seiner Kindheit Feuerwehrmann werden wollen. Es gab eine ganze Gruppe von Jungen auf ihrem Hof, sie liefen mit Sprühflaschen herum und spritzten die Leute mit Wasser nass. Sie erinnerte sich, dass sie das damals albern fand. Aber mehrere von ihnen blieben bei ihrem Kindheitstraum und verwirklichten ihn. Was Waltraut später verwunderte.
Sie selbst hatte nie wirklich eine Wahl gehabt. Sie sollte Sängerin werden, das hatte ihr Vater entschieden. Und warum nicht? Das war anscheinend das, wozu sie am besten geeignet war. Normalerweise gefiel es ihr auch, sich schön zu machen, die Hauptperson zu sein, im Rampenlicht zu stehen und Blumen entgegenzunehmen.
Alles war ihr im Leben leicht gefallen. In der Schule hatte sie zu den Besten gehört und wenn die Adolf-Fredrik-Klasse in Kirchen oder in der Berwaldhalle auftrat, zum Beispiel bei den jährlichen Weihnachtskonzerten, da war es ganz selbstverständlich, dass Waltraut die Solistin war.
Jetzt war sie achtundzwanzig und wohnte noch in Hässelby. Durch eine Anzeige hatte sie eine 2-Zimmer-Wohnung gefunden mit einer Schwindel erregenden Aussicht über die Mälaren. Hier konnte sie ihre Koloraturen üben, ohne jemanden zu stören. Hier konnte sie sich frei fühlen.
Vater hätte es sicher am liebsten gesehen, wenn sie zu Hause geblieben wäre. Die Eltern wohnten nur eine Viertelstunde Fußweg entfernt. Sie konnte sie ohne viel Aufhebens besuchen, und Vater guckte ein paarmal in der Woche bei ihr hinein. Sie ahnte, dass er das tat, um auch mal herauszukommen. Offensichtlich gingen sich ihre Eltern ein wenig auf die Nerven, jetzt, wo beide pensioniert waren.
Ihr Bruder Mats wohnte auch in Hässelby, aber in dem Einfamilienhausviertel. Dorthin ging Vater fast nie. Mats hatte zwei kleine Jungen, und ihr Vater war nicht besonders kinderlieb. Das Einzige, wofür er sich wirklich interessierte, war die Musik.
Sie erinnerte sich noch, wie sie Abitur machte. Es war das erste Mal, als ihr klar wurde, dass ihr Bruder sich manchmal zurückgesetzt fühlte. Sie hatten das vorher nie mit Worten benannt, nicht einmal bei ihren seltenen Streits. Sie lief auf den Schulhof in das dort wogende Meer aus Menschen, Blumen und Spruchtafeln. Sie fand ihre Eltern nicht, aber plötzlich packte sie jemand am Arm. Mats. Er umarmte sie und küsste sie fest aufs Ohr.
»Jetzt wird Vater sauer sein, dass er nicht der Erste war«, zischte er ihr zu, und zu ihrem Entsetzen sah sie Verbitterung in seinen Augen und etwas, das aussah wie Verachtung. Während der folgenden Feierei und Ausgelassenheit vergaß sie seine Worte, aber am Abend waren sie wieder da. Sie dachte, dass sie mit ihm reden müsste, doch da war er bereits abgefahren.
Und später versickerte das irgendwie im Sande.
Waltraut kletterte noch einmal auf den Stuhl, aber als sie sich aufrichten wollte, wackelte er und kippte um. Sie konnte gerade noch herunterspringen. Sie fiel auf den dicken Knüpfteppich. Der Stuhl fiel auf sie und schlug hart auf ihren Knöchel.
Sie schrie vor Schmerz auf.
Da klingelte es an der Tür.
Papa?, dachte sie überrascht. Sie trug eine dünne weiße Hose, die sie im indischen Laden gekauft hatte, und eine weite Bluse. Wie betäubt saß sie da und rieb sich das Bein durch den Hosenstoff. Das tat richtig weh.
Da klingelte es wieder.
Waltraut stand auf und hinkte in den Flur. Jemand stand da draußen. Jemand lief herum. Die Schritte klangen anders, das waren nicht die von Vater, das war eine dünnere, jüngere Person, das hörte sie an der Art, wie sie sich bewegte. Als sie sich klar machte, dass man so etwas tatsächlich durch eine geschlossene Tür hören konnte, ergriff sie ein Gefühl der Neugier. Sie musste wissen, ob sie Recht hatte, sofort musste sie das wissen. Also drückte sie die Klinke herunter und öffnete.
Ein Mann stand dort draußen. Zuerst erkannte sie ihn nicht wieder. Er war groß und kräftig, trug eine Kordjacke mit irgend so einem Teddyfutter am Kragen. Sein Gesicht glänzte im Lampenschein. In der Hand hielt er einen eingewickelten Blumenstrauß.
»Ja?«, sagte sie fragend.
»Hallo Waltraut.«
»Entschuldigung ... aber ...?«
»Du siehst aus, als hättest du keine Ahnung, wer ich bin. Und dabei habe ich dich mal auf meinem Arm getragen und zu deiner Mutter gebracht.«
»Wie bitte?«
»Als du noch kleiner warst und von der Schaukel gefallen bist. Du hast wie ein abgestochenes Schwein geschrien. Du konntest schon damals reichlich heulen ... Erinnerst du dich nicht mehr? Wir haben doch im gleichen Block gewohnt.«
Da fiel es ihr ein.
»Franki!«
»Ich habe dich gestern gehört. In der Kirche. Mit meiner Mutter. Du hast mich doch direkt angeguckt. Deshalb habe ich gedacht, du hättest mich wieder erkannt.«
»Oh ... entschuldige. Aber du musst wissen, wenn man so dasteht und singt, dann sieht man gar nichts, man ist vollkommen in die Musik versunken, man denkt nur daran, man horcht in sich selbst hinein, und dann hat man noch dieses starke Licht in den Augen ... es passiert mir oft, dass die Leute, die kommen und mich hören, meinen, ich wäre arrogant. Aber das stimmt nicht, das darfst du nicht glauben!«
»Okay.«
Er lachte und schien sich etwas zu entspannen. Da erkannte sie in ihm den Jungen Franki, wie sie ihn in der Erinnerung hatte, seine Art, kerzengerade zu gehen, sein Mund, der immer rau und gerötet war.
»Wir meinten, meine Mutter und ich, dass wir gestern eigentlich Blumen dabei hätten haben sollen. Aber das ist uns erst zu spät eingefallen. Deshalb kriegst du sie heute.«
»Wie lieb von dir, Franki. Du bist immer so gut zu mir gewesen. Die anderen waren so dumm, erinnerst du dich noch, wie Mats und Stefan mich in die Garderobe eingesperrt haben? Erinnerst du dich dran?«
»Nein«, sagte er undeutlich.
»Aber komm doch rein. Wie unhöflich von mir. Möchtest du eine Tasse Kaffee?«
»Ja. Ja, gerne. Wenn du eine hast.«
»Natürlich habe ich Kaffee.«
Sie nahm seine Jacke und hängte sie auf, dann gab er ihr die Blumen, etwas unbeholfen, als hätte er so etwas noch nie gemacht.
»Das sind Rosen«, brummte er, während sie den Strauß auswickelte.
»Rosen!«
»Du hast so verdammt schön gesungen. Wie kannst du nur so singen?«
»Ach. Ich singe eben gern.«
»Du hast wohl immer schon gesungen.«
»Ja. Immer.«
Sie gingen in die Küche. Sie holte eine Vase, es waren fünf Rosen, und sie waren gelb.
»Sind sie schön?«, fragte er. »Magst du gelb?«
Sie nickte. Er war so groß, seine Hände waren gewaltig. Als er sich hinsetzte, spannte der Hosenstoff über seinen Oberschenkeln, dass sie fast Angst hatte, die Säume könnten reißen. Das Hemd war am Hals aufgeknöpft, sie sah darunter Haare und eine Kette mit einem kleinen Kreuz. Das machte sie sonderbar gerührt.
»Ihr wart also da und habt mich gehört«, rief sie aus und füllte Kaffee in den Filter. »Deine Mutter und du. Wie hieß sie noch, Anita, nicht wahr? Sie machte doch irgendwas mit Füßen, soweit ich mich erinnere. Fußpflege oder so.«
»Agneta heißt sie. Nicht Anita.«
»Ja. Ja, genau, Agneta.«
»Sie beschäftigt sich immer noch mit Füßen. Pediküre heißt das. Sie hat eine eigene Praxis, dort, wo sie wohnt. Im Glädjevägen. Wenn du weißt, wo der liegt.«
»Nein ... nicht genau.«
»Westlich von Akermyntan.«
»Westlich?«
»Nach Lövsta zu.«
»Ach so, da! Ja, dann weiß ich es ungefähr.«
Waltraut stellte zwei Becher und einen Teller mit Pfefferkuchen hin.
»Nimmst du Zucker? Oder Milch?«
»Nein. Ich trinke ihn schwarz.«
»Glädjevägen. Was für ein schöner Name: Freudenstraße. Das passt zu deiner Mutter. Sie war immer so fröhlich. Sie roch immer so gut, und einmal schenkte sie mir eine winzige Tube Creme. Die war für empfindliche Haut, sagte sie. Aber ich brachte es nicht übers Herz, sie zu benutzen. Sie blieb liegen und trocknete wahrscheinlich irgendwann ein.«
Sie lachte.
»Und dein Vater?«, fragte sie.
»Gestorben. Vor ein paar Jahren.«
»Oh, das tut mir Leid.«
»Er war ziemlich lange krank. Meine Mutter konnte ihn zum Schluss nicht mehr zu Hause behalten. Er wohnte dann in so einem Pflegeheim.«
»Was für eine Krankheit hatte er denn?«
»Etwas mit den Muskeln. Er saß mehrere Jahre lang im Rollstuhl. Er wollte sterben, hat oft davon geredet. Und das kann man ja auch verstehen, das ist ja ein schreckliches Leben. So im Rollstuhl sitzen zu müssen. Und nicht tun können, was man will.«
»Der Arme.«
»Ja.«
»Wenn man sich vorstellt, dass es Leute gibt, die gern sterben wollen. Wie tragisch!«
»Ja.«
»Er kann doch noch gar nicht so alt gewesen sein?«
»Er ist siebenunddreißig geboren.«
Waltraut brachte die Kaffeekanne und schenkte beiden ein. Sie betrachtete ihn. Er hatte einen Stoppelhaarschnitt und helle Augen. Er sah ein bisschen kindlich aus. Aber nicht nur das. Es gab noch etwas anderes. Etwas, das auf Entschlossenheit hindeutete.
»Und dann tauchst du hier bei mir auf«, lachte sie. »Was für eine Überraschung. Wie hast du mich gefunden?«
»Was glaubst du?«
»Im Telefonbuch?«
Er nickte und führte seine Kaffeetasse an die Lippen.
»Gehst du oft in Konzerte?«, fragte sie.
»Was meinst du, sehe ich so aus?«
Sie wurde ganz rot am Hals.
»Ich weiß nicht. Sehen die irgendwie anders aus, Leute, die in Konzerte gehen?«
»Natürlich tun sie das, das sind vor allem alte Frauen. Meine Mutter hat mich mitgeschleppt. Sie hatte zwei Karten von jemandem gekriegt, den sie kennt.«
»Und welche Musik magst du, Franki?«
»Nun ja, alles Mögliche. Schwarze Scheiben. Sechziger Jahre.«
Sie stand vom Tisch auf und holte tief Luft. Sang dann mit klarer, voller Stimme:
»Domine Jesu,
Domine Jesu Christe, rex gloriae
Libera animas omnium fidelium
Defunctiorum de poenis inferni ...«
»Penis?«, unterbrach er sie. »Was singst du denn da?«
»Poenis!«
»Und was zum Teufel ist das?«
»Ich glaube, so was wie Rache. Oder Strafe.«
»Ist das so ein blöder sadomasochistischer Scheiß? War da nicht am Anfang auch was mit Domina?«
»Nein, Franki! Das ist doch Mozart. Das ist das, was ich gestern gesungen habe. Wie hörst du denn zu? Hast du es schon vergessen?«
Sie schob ihm den Teller hin. Er nahm ein paar Kekse, legte sie aufeinander und biss ab.
»Und du?«, fragte sie. »Was machst du?«
»Ich arbeite ab und zu bei meiner Mutter.«
»Was? Feilst du den Leuten die Nägel oder was?«
Er wurde rot, sie begriff, dass sie ihn verletzt hatte. Schnell wechselte sie das Thema.
»Franki, vielleicht kannst du mir bei einer Sache helfen. Ich weiß nicht, wie ich es allein schaffen soll. Ich war gerade dabei, als du gekommen bist, bin vom Bett gefallen und habe mir wehgetan. Ich traue mich nicht, es noch einmal zu probieren.«
»Was denn?«, fragte er mürrisch.
»Komm, dann zeige ich es dir.«
Sie gingen ins Schlafzimmer. Der Stuhl lag noch auf dem Boden, die Engel waren in eine Ecke geflogen. Vorsichtig hob sie einen auf, hielt ihn gegen das Fenster.
»Der ist ja stark!«, rief er aus.
»Gefällt er dir?«
»Ja.«
»Ich habe versucht, sie festzumachen. Über dem Bett. Aber ich schaffe es nicht.«
Er schaute sie an, nahm gewissermaßen Maß.
»Nein, das kann ich verstehen.«
»Es wäre so schön, wenn sie sozusagen über mir schweben würden. Wenn ich im Bett liege. Wie zwei Schutzengel.«
Er lachte, auf seinen Wangen zeigten sich kleine Grübchen.
»Ich helfe dir, Waltraut. No problem.«
Nachdem er gegangen war, legte sie sich der Länge nach aufs Bett. Die beiden Engel hingen jetzt einen halben Meter von der Decke herab, direkt über ihrem Gesicht. Sie waren an zwei Haken befestigt, und sie selbst hatte sie eingeschraubt. Ein merkwürdiges Gefühl stieg in ihr auf, als sie daran dachte, ein prickelnder Druck im unteren Teil des Bauchs.
Er hatte es auch nicht geschafft, an die Decke zu kommen. Er war auf den Stuhl gestiegen, und sie hatte versucht, den Stuhl festzuhalten, wobei dieser aber gefährlich knackte, sodass er beschloss, lieber wieder herunterzusteigen, bevor er zusammenbrach. Er hatte eine Weile dagesessen und überlegt, wie sie es anstellen könnten, den kräftigen Nacken gebeugt, den breiten Rücken auch. Dann war er mit einer schnellen, unerwarteten Leichtigkeit aufgesprungen.
»Ich hab’s. Ich werde dich hochheben. Du kannst auf meinen Schultern sitzen, dann schaffen wir es.«
Das hatte so einfach geklungen, als er es gesagt hatte. Er hatte ihren Werkzeugkasten geholt und einen Pfriem herausgezogen, ihr erklärt, dass sie zuerst zwei Löcher in die Decke drücken müsste, damit die Schrauben einen Halt finden konnten.
»Du kannst doch keinen Nagel dort einschlagen, da muss ein Haken hin!«, wies er sie zurecht. »Wie sollen sie denn sonst da hängen? Aber Frauen kriegen das schon hin, was? Ja, ja.«
Er ging in die Knie und forderte sie auf, sich auf seine Schultern zu setzen. Sie nahm leicht den Geruch von Achselschweiß wahr. Ihr Unterleib wurde gegen sein Hemd gepresst und unter ihr wurde es warm und hart, wie ein angespannter, kontrollierter Schwindel. Als er sich erhob, hielt sie sich schnell an seiner Stirn fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
»Geht’s?«, hörte sie seine Stimme.
»Ja«, murmelte sie. »Ich denke schon.«
Langsam und vorsichtig richtete er sich auf, stand breitbeinig da. Sie hatte die ganze Zeit ein wenig Angst, aber er hielt ihre Beine in festem Griff.
»Franki, du fällst doch nicht hin«, flüsterte sie.
»Dazu sind schon andere Dinge notwendig, dass ich hinfalle!«
Schließlich stand er kerzengerade da und sie kam oben an. Da wurde sie ganz ruhig.
»Was für ein Glück, dass du gerade jetzt gekommen bist«, rief sie in einer Art fröhlichen Übermuts. »Als ob ich dich bestellt hätte!«
»Ach, ich habe das eben gespürt. Waltraut needs me, habe ich gedacht. Und dann habe ich alles stehen und liegen lassen und bin losgelaufen.«
»Sonst hilft mein Vater mir immer«, erklärte sie. »Mit allem, was ich nicht kann.«
»Hast du keinen Freund?«
»Nein. Im Augenblick nicht.«
Während sie da oben auf seinen Schultern saß und die Decke bearbeitete, brach sie plötzlich in lautes Lachen aus.
»Wenn uns jetzt jemand sehen könnte!«, prustete sie los.
»Reiß dich zusammen«, ermahnte er sie, lachte dann aber auch los, seine Schultern hüpften unter ihren Schenkeln.
»Was für ein Anblick das wohl ist!«
»Darüber können wir uns später Gedanken machen. Jetzt schraube die Haken rein. Und pass auf, dass wir dabei nicht umkippen!«
Schließlich war alles fertig. Die Engel hingen dort, wo sie hängen sollten. Franki und Waltraut standen in der Türöffnung und bewunderten sie.
»Danke für deine Hilfe«, sagte sie.
»Aber du warst es doch, die die Arbeit gemacht hat.«
»Das stimmt ja so nun nicht.«
Er sagte, er müsse jetzt gehen. Er habe seiner Mutter versprochen, nach der Lichterkette in ihrem Schaufenster zu sehen. Die würde die ganze Zeit ausgehen, irgendwas war daran kaputt.
»Bis bald«, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie und hielt sie fest.
»Wirklich, Waltraut? Bis bald?«
Sie nickte.
»Ja, das hoffe ich doch.«
Nein. Sie hatte im Augenblick niemanden. Früher war es Staffan gewesen, er sang im Chor und sie waren mehrere Jahre lang zusammen gewesen. Das ist keine leidenschaftliche Sache gewesen, eher eine Freundschaft mit kurzem, peinlichen Beischlaf, weil das nun einmal dazu gehörte. Eine Zeit lang war sie in einen Gastdirigent verliebt gewesen, aber das hatte sich nicht weiter entwickelt. Er hatte sie eines Abends, als sie in einem Krankenhaus gesungen hatten, geküsst und sie dann in seinem Auto zu dem Hotel gefahren, in dem er wohnte.
»Du bist schön, Waltraut«, hatte er gemurmelt und ihren Kopf zwischen seine schlanken Hände genommen.
Er hatte sauer aus dem Mund gerochen. Das hatte sie zur Besinnung gebracht.
»Willst du mit hochkommen und einen Drink mit mir nehmen oder so?«, hatte er sie gefragt.
»Darf man das denn?« Sie war sich plötzlich ganz billig vorgekommen.
»Ja, natürlich. Natürlich darf man das. Schließlich bezahle ich fürs Zimmer. Dann kann ich auch darüber verfügen, wie ich will.«
Verfügen hatte sie gedacht.
»Oder möchtest du etwas anderes haben? Kaffee oder so?«
»Nein. Gar nichts. Es ist schon gut so.«
Sie hatte sich verabschiedet und war voller Wut nach Hause gefahren. Dort hatte sie sich ein Bad eingelassen und war im Wasser liegen geblieben, bis es fast kalt war. Alle ihre Freundinnen waren zu diesem Zeitpunkt schon lange verheiratet. Mehrere von ihnen hatten Kinder. Sollten Mann und Kinder jemals in ihrem Leben einen Platz haben?
Sie war eine Künstlerin. Sie war mehr als nur Fleisch und Blut. Sie ging auf den Flur und stellte sich vor den Spiegel. Ihr gefiel der eigene Anblick. Schmal wie ein Knabe, flache Brüste, blond und zerzaustes Engelshaar. Als hätte auch sie es sein können, die sie da drinnen aufgehängt hatten, Franki und sie.
Würde er doch ... sie wieder packen und hochheben, sie wie eine Katze beim Nacken fassen. Ihr die Hose herunterreißen, alles zerreißen bis hin zur dünnen Haut.
Sie zog sich vor dem Spiegel aus, blieb dort eine Weile stehen, streichelte sich. Krümmte die Finger und kam in einer tiefen, jagenden Explosion.
5
Johnny Karlsson taten alle Glieder weh. Er hatte das Gefühl, als wäre eine Erkältung im Anzug. Er war morgens direkt nach Hause gefahren und ins Doppelbett geschlüpft, das von Lottas Körper noch warm war. Sie machte das Bett nie, wenn er nachts gearbeitet hatte, stopfte nur die dicke Daunendecke fest, sodass die Wärme sich drin halten konnte. Manchmal lag ein eilig geschriebener Zettel auf seinem Kopfkissen. »Küsschen, ich liebe dich.«
Aber nicht an diesem Morgen.
Sie war vor einer halben Stunde gegangen. Die Kinder waren in der Schule. Das Haus war leer. Er suchte im Badezimmerschrank nach Lottas Sobril, fand aber keine, nur die Folienpackung mit den Antibabypillen. Er nahm zwei Fiebertabletten und kroch ins Bett. Es pochte wie von Fieber hinter seiner Stirn. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, kam die Nacht zurück. Engen, der da im Schnee lag, seine weißen, von der Trockenheit aufgerissenen Lippen.
Und dann Almis. Ohne Helm. Die Atemmaske herunterhängend, schaukelnd wie ein Jojo, als sie ihn trugen.
Er war tot. Da gab es keinen Zweifel.
Der Feuerwehrmann Stefan Almgren, sein Kollege seit elf Jahren, war nicht mehr am Leben.
Johnny drehte sich auf den Bauch, als ob er sich nicht in der gleichen Position wie der tote Stefan Almgren befinden wollte, die Toten liegen immer auf dem Rücken, den Mund offen. Es war schwarz von Ruß um seine Nase gewesen, das typische Zeichen für Rauch in der Lunge, der Rußkuss des Todes.
Almis. Er musste in Panik geraten sein.
»Wir werden drüber reden, wenn wir zurück auf der Wache sind«, hatte LB, der Gruppenleiter gesagt. Immer ganz cool und unberührt. Als ob es darum ging, die Sauerstoffflasche bei einer Uniform auszutauschen.
»Nein«, hatte Johnny erwidert. »Ich fahre nach Hause und hau mich aufs Ohr. Mir steckt ’ne Grippe in den Knochen.«
Wo war Almis jetzt?
Vermutlich in irgendeinem Untersuchungszimmer im Södersjukhuset. Frisch gewaschen von Krankenschwesternhänden. Mit irgendwelchen blöden Rosen auf der Brust. Friedlich. Als schliefe er. Er sollte nicht schlafen. Das war ungerecht. Almis war jung. Er sollte vielmehr leben.
Und LB würde anrufen, das gehörte zu den Aufgaben des Gruppenleiters. Oder wohl eher hinfahren. Zu den Angehörigen. Wenn er es schaffte. Vielleicht mussten es auch welche von der Polizei übernehmen. Die waren das eher gewohnt.
Eine blöde Geschichte fiel Johnny dabei ein. Von dem Priester, der eine Todesnachricht überbringen sollte. »Entschuldigen Sie, sind Sie die Witwe Almgren?« »Die Witwe? Nein.« »Oh doch. Wollen wir wetten?«
Nein, verdammt noch mal. Almis lebte ja in Scheidung. Maria war abgehauen. Maria mit dem großen Busen.
Johnny fror. Er hatte sich nur in Unterhose hingelegt, jetzt musste er aufstehen und etwas Warmes suchen. Die Wolldecke aus Gotland hing über dem Bettpfosten, er setzte sich auf, zog sie zu sich heran, rollte sich wie eine Puppe darin ein. Zog die Bettdecke und die Wolldecke über sich und kroch noch tiefer darunter.
Seine Mutter hatte es so gemacht, wenn er fror, als er noch klein war. Filzhöhle hatte sie es genannt. Nach einer Weile wurde man darin immer warm, klebrig heiß und verschwitzt. Dann musste man alles von sich werfen und sich abkühlen.
Engen war aus der blauen Tür herausgekommen, nein, er war herausgestürzt, direkt Tuborg in die Arme gefallen. Der hatte ihm geholfen, die Maske abzuziehen.
»Stefan«, hatte er gemurmelt, mit heiserer, fremder Stimme. »Stefan ist noch drinnen und ich weiß nicht, wo er ist.«
Stefan. Niemand benutzte den Namen. Alle sagten nur Almis. Bald kam Verstärkung. Und Almis’ Körper wurde herausgetragen. Er hatte sich die Maske abgerissen. War wohl in Panik geraten. Johnny hatte das selbst schon erlebt. Genau dieses Gefühl der Kapitulation. Ich gebe auf, scheiße auf alles. Aber es war was anderes, das dann wirklich zu tun. Schließlich hatte er Lotta und die Kinder. Sie waren es wert, für sie den Kampf aufzunehmen. Und was hatte Almis, seit es Maria nicht mehr gab? Nicht den geringsten Dreck.
Als er an Maria dachte, packte ihn die blanke Wut. Es schnürte ihm fast die Kehle zu. Er sah sie vor sich, sah, wie ihre hundeähnlichen Augen sich mit Tränen füllten, wie sie sich gegen die Wand warf und heulte, als sie die Todesnachricht erhielt. Wie sie zusammenbrechen würde und alles bitter bereuen. Aber jetzt war alles zu spät. Wie sehr sie es auch bereute und wie gern sie alles ungeschehen machen würde – Almis war tot.
Er erinnerte sich an ein Fest, das sie unten im Partykeller der Feuerwache gefeiert hatten. Einige hatten ihre Frauen mitgebracht. Almis war einer davon. Lotta war auch dabei. Sie hatte die Musik lauter gedreht, und sie hatten getanzt. Johnny hatte Maria aufgefordert. Sie war klein, sein Kinn ragte ein gutes Stück über ihren Kopf, er sah die weiße Kopfhaut, und er spürte ihre Brust durch den dünnen Blusenstoff.
Sie hatte ein wenig getrunken, und sie schob ihre Hand zu seinem Gesicht hoch und strich ihm über die Lippen.
»Ich mag Männer mit Schnurrbart«, sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. »Männer mit Schnurrbart sind sexy.«
»Meinst du?«
»Ja. Und außerdem sollen sie ein bisschen rundlich sein um den Bauch, so wie du.«
Er lachte, legte ihr seine Hand auf den Mund. Brachte sie zu ihrem Tisch mit den Chips. Drückte sie auf einen Stuhl und sagte, er müsse mal pinkeln.
Als sie nach Hause fuhren, war Lotta sauer.
Er fror immer noch. Dieser verdammte Vermieter. Der war zu doof, um richtig einzuheizen, schließlich war es mitten im Winter. Er musste schlafen. Er musste versuchen, sich zu entspannen, er überlegte, ob er Schafe zählen sollte, oder irgendeinen anderen Trick versuchen, obwohl die doch sowieso alle nicht funktionierten.
Da schlug die Wohnungstür.
»Hallo!«, rief er mürrisch.
»Hallo.«
Es war Jessie, Lottas Tochter, die sie in die Beziehung mit hineingebracht hatte. Sie war fünfzehn Jahre alt und ging in die neunte Klasse.
Johnny stellte die Füße auf den Boden und stand auf. Die Decke um den Leib gewickelt, ging er in die Küche. Das Mädchen stand am Herd, eine Platte war eingeschaltet. Sie guckte ihn feindselig an.
»Bist du schon zu Hause?«, fragte er.
»Ja, glaubst du das nicht?«
Eine fürchterliche Wut stieg ganz langsam in ihm auf.
»Was ich glaube? Ich glaube, dass du eigentlich in der Penne sein solltest«, sagte er und seine Ohrläppchen juckten und wurden heiß.
Ihr Haar glänzte, es war in einem Knoten im Nacken zusammengefasst. Ihr Gesicht war rund und ungeschminkt. Sie trug enge, leicht ausgestellte dunkelblaue Jeans und einen Pullover, der die Taille aufblitzen ließ.
»Mir geht es nicht gut«, sagte sie nur kurz.
»Was ist denn mit dir los?«
Sie warf ihm einen schrägen Blick zu.
»Meine Tage. Wenn du weißt, was das ist.«
»Solltest du in dem Fall nicht lieber etwas Wärmeres anziehen? Am Bauch. Wenn es so schlimm ist, dass du von der Schule nach Hause gehen musst.«
Sie glotzte ihn an, mit einem Blick voller Verachtung.
»Das geht dich doch einen Dreck an!«
Da schlug er zu. Die Ohrfeige traf sie genau auf der Wange, nicht gerade hart, aber es reichte, dass sie einen Abdruck hinterließ. Sie öffnete den Mund. Sie schrie.
»Oh Scheiße, du spinnst ja, du bist ja ein Monster, und so jemand wohnt in unserem Haus ...«
Dann weinte sie.
Aus dem Topf auf dem Herd begann Dampf hochzusteigen.
Johnny schaltete die Platte ab.
»Wolltest du was kochen?«
Sie gab keine Antwort, hielt sich die Hände vors Gesicht.
Er fasste sie vorsichtig am Arm. Sie riss sich los.
»Entschuldige, dass ich dir eine geklebt habe. Aber du schaffst es, mich zur Weißglut zu bringen!«
»Tatsch mich nicht an!«
Seine Hände packten ihre Oberarme, schüttelten sie. Der Kopf rollte vor und zurück, eine Haarnadel fiel auf seinen Fuß. Sie schrie laut auf.
»Verflucht, Jessie! Beruhige dich!«
Da riss sie sich aus seinem Griff los und lief in ihr Zimmer, warf die Tür hinter sich zu, dass es in der ganzen Wohnung dröhnte.
Das Mädchen war vier Jahre alt gewesen, als er mit Lotta zusammenzog. Er hatte nie Probleme gehabt mit anderen Menschen zurechtzukommen. Die Leute mochten ihn eigentlich immer, Kinder und Hunde auch. Und natürlich die Frauen. Aber mit Jessica war es schwierig gewesen. Von Anfang an.
Johnny ging zurück ins Schlafzimmer, doch es hatte gar keinen Sinn, sich wieder schlafen zu legen. Er spürte das, er war viel zu aufgewühlt. Und das lag nicht nur an dem Mädchen. Sobald er die Augen schloss, sah er Almis vor sich, Almis mit dem kantigen Kopf und dem etwas wehmütigen, müden Blick. Hatte er jemals Almis richtig laut und herzhaft lachen gehört? Nein. So ein richtiger Spaßvogel war er nie gewesen, auch nicht, als er noch mit Maria zusammen gewesen war. Es war, als lebte er in einer anderen Welt, ein wenig in sich gekehrt, nicht richtig anwesend.
Johnny lag eine Weile im Bett und lauschte. Normalerweise dröhnte die Musik aus Jessies Zimmer durch die Wand. Jetzt war es still. War sie abgehauen? Nein. Das hätte er gehört. Sie hockte wohl da drinnen und schmollte.
Er hatte wirklich versucht, nett zu ihr zu sein und ihr Vertrauen zu gewinnen. Und er hatte zu Lotta gehalten, obwohl die Götter Zeuge waren, dass es an seiner Geduld gezehrt hatte, dass er es sich niemals so richtig zusammen mit ihr gemütlich machen konnte. Das Kind musste immer dabei sein. Nun ja. Vielleicht nicht wirklich immer. Denn schließlich hatten sie ihr ja Geschwister verschafft. Henke, der nun zwölf war und Klein-Pelle von zehn Jahren.
Ihren richtigen Vater hatte Jessie nie kennen gelernt. Er existierte nicht. Lotta kicherte immer etwas peinlich berührt und meinte, es hätte sich um eine Jungfrauengeburt gehandelt.
Ehrlich gesagt war es wohl so, dass sie es selbst nicht genau wusste. Sie hätten dem Mädchen ja sagen können, dass er, Johnny, ihr Vater war. Aber als er ins Gespräch kam, war sie schon groß genug, um zu verstehen, wie es sich wirklich verhielt. Dumm im Kopf war sie nie gewesen.
»Nein! Denn mein Papa ist Zauberer, und er wird dich wegzaubern!« Genauso hatte sie sich ausgedrückt, und damals war sie viereinhalb gewesen und Lotta hatte ihr erzählt, dass sie zusammenziehen wollten.
»Jetzt wird Johnny dein Papa!«, hatte sie gesagt, und da war sie noch schlank gewesen und hatte das kurze schwarze Kleid getragen, das ihre hübschen Beine zeigte. Sie waren zum Fängan gegangen, hatten dort Kaffee getrunken und die Wespen hatten über dem Saft des Mädchens gekreist.
Er konnte sich noch erinnern, was er gedacht hatte.
Wenn sie jetzt eine in den Mund kriegt. Und die sticht zu ...
Nein, es hatte keinen Sinn, länger im Bett zu bleiben. Johnny stand auf und zog sich an. Er machte das Bett und legte die Tagesdecke darüber, darauf die beiden rosa Zierkissen, eines auf jede Seite. So leise er konnte, schlich er in den Flur. Jessies Tür war zu. Er stellte sich dicht davor und horchte, kein Geräusch zu hören.
Mistkind, dachte er.
Er zog sich seine Jacke an und ging nach draußen.
Es war fast zwölf Uhr. Er bürstete ein wenig Schnee von der Windschutzscheibe und stieg dann in das eiskalte Auto. Er war nicht gläubig, ging nie in die Kirche, aber in diesem Augenblick, an diesem bleichen, eiskalten Dezembertag, spürte er den Wunsch nach irgendeiner Art geistigem Trost oder Nähe.
Sie hatten eine Wohnung in der Härjedalsgatan in Vällingby. Da waren etwas verwohnte Vierzimmerwohnungen in Klinkerhäusern aus den Fünfzigern. Immer wieder hatten sie darüber diskutiert, ob sie nicht in ein Reihenhaus umziehen sollten, waren aber nie weiter gekommen.
Eigentlich war die Wohnung auch ganz in Ordnung, das einzige Problem war, dass sie ziemlich hellhörig war. Johnny hatte immer schon in Wohnungen gelebt, ihn störte das nicht so sehr. Aber Lotta war in Norra Ängby aufgewachsen, in einem der kleinen, puppenhausähnlichen Eigenheime, die in den Dreißigern von wohlsituierten Arbeitern und einfachen Beamten gebaut worden waren. Vor allem sie war an einer Veränderung interessiert. Und Tatsache war, dass ein Zimmer mehr auch nicht schlecht wäre, wenn die Jungs größer wurden.
Er fuhr linker Hand an der alten Mühle vorbei und rechts an dem bleichen Wasser von Lillsjön. Oder war schon Eis auf dem See? Er konnte es von der Straße aus nicht sehen, aber das war schon möglich, der See war klein. Hier unten gab es ein Gelände mit Kleingärten noch vom Anfang des Jahrhunderts. Einer der Männer auf der Wache, aus einer anderen Gruppe als Johnnys, hatte von einem alten Verwandten eine Hütte geerbt, und im Sommer hatten sie unter Obstbäumen Krebsschnittchen gegessen. Das war ein schöner Abend gewesen. Almis und Maria waren auch dabei gewesen. Niemand hatte irgendwelche Zeichen der bevorstehenden Trennung bemerkt. Alles war wie immer gewesen.
An der Ampelkreuzung am Ulvsundavägen musste man immer lange auf Grün warten. So auch diesmal. Johnny hatte es nicht eilig, dennoch wurde er nervös, ertappte sich, dass er mehrere Male auf die Uhr schaute. Er dachte an Sirenen, hatte das Radio eingeschaltet, fühlte sich aber von der hämmernden Musik gestört. Endlich konnte er weiterfahren und erreichte schließlich sein Ziel, den Haga Norra Friedhof.
Das Gelände war riesig groß, man musste die Grabnummer wissen, um zu finden, was man suchte. Aber Johnny war schon früher hier gewesen. Er fuhr durch das westliche Tor hinein und parkte am Straßenrand. Ein schwarzer Mercedes aus den 60ern, geputzt und gut erhalten, glitt an ihm vorbei zum Friedhof hin. Er sah Gesichter, gezeichnet von der Trauer. Er stellte sich aufrecht hin und verneigte sich hastig. Dann überquerte er die Straße und suchte seinen Weg zwischen den Gräbern.
Abschnitt Dreizehn C. Da war es, das Grab der Feuerwehrleute. Der Stein war hoch und schmal und von einem mit Grünspan angelaufenen Helm und dem Feuerwehremblem gekrönt. Hier lagen die Feuerwehrmänner begraben, die im Dienst verunglückt waren, und ihre Namen waren in Stein gehauen, damit sie nie, niemals vergessen wurden. Die Grabstätte lag direkt neben der Straße, nur durch einen schwarzen, gespreizten Eisenzaun abgetrennt. Dort draußen donnerte der Verkehr vorbei, ein friedlicher Ruheort war das kaum, und er konnte sich schon denken, warum viele Angehörige es ablehnten, ihre Männer oder Söhne hier zwischen den Abgasen begraben zu lassen. Aber gleichzeitig war es ja logisch, irgendwie blieben sie dort, wo sie auch im Leben hingehört hatten: Zwischen den Autos, der Hetze, dem Puls der Großstadt.
Johnny stand vor der Gedenkstätte und fror. Kleine, körnige Schneeflocken rieselten auf ihn herab und puderten den Helm auf dem Stein.
Almis, dachte er. Würde Almis’ Namen ganz unten eingemeißelt werden unter denen, die schon da standen? Oder würde er woanders beerdigt werden? Wer würde das entscheiden? Seine Eltern? Johnny musste zugeben, dass er keine Ahnung hatte, wo Almis’ Eltern geblieben waren.
Johnny und Almis hatten als Kinder zusammen gespielt, Almis wurde schon damals Almis genannt. Johnny erinnerte sich an die kleine rundliche Mama, sie kam aus Polen, und er hatte Schwierigkeiten gehabt zu verstehen, was sie sagte. Weshalb er ihr nur selten antworten konnte, und er fühlte sich angespannt und unsicher, wenn er bei Almis zu Hause war, hatte jedes Mal panische Angst, dessen Mutter könnte ihn ansprechen. Der Vater arbeitete in der Wäscherei. Abends kam er mit einem alten Wäschekarton auf dem Lenker schaukelnd nach Hause geradelt. Manchmal lagen Dinge in dem Karton, die er in der Schmutzwäsche gefunden hatte. Einmal hielt er der polnischen Mama eine kleine goldene Armbanduhr entgegen. Sie schüttelte abwehrend den Kopf und verschwand mit festem Schritt in der Küche.
Es war übrigens lange her, seit das Grab das letzte Mal in Anspruch genommen worden war. Der Letzte, der hier begraben worden war, das war H. H. Fritz, 1923–1975. Er war über fünfzig, als er starb.
Almis war jung. Erst fünfunddreißig.
Johnny hatte gehört, wie sie über Hugo Fritz gesprochen hatten. Er war bei einem Feuer in Blasut umgekommen, in einer Werkstatt, die zu den Nahverkehrsbetrieben von Großstockholm gehörte. Er arbeitete auf der Wache von Kungsholm und war an dem Tag Brandbekämpfer, zusammen mit einem anderen Feuerwehrmann von derselben Wache. Anfangs waren noch zwei andere Wachen alarmiert worden, Katarina und Farsta. Später war Verstärkung aus Kungsholm angefordert worden. Wenn Hugo H. Fritz an dem Tag freigehabt hätte, wäre er vielleicht jetzt noch am Leben. Aber er hatte nicht frei, und das Schicksal wollte, dass sein Leben genau wie das von Stefan Almgren endete.
Johnny wünschte sich, er hätte etwas dabei, was er neben den Kranz aus Tannenzweigen hätte legen können, etwas Lebendigeres. Ein Zittern durchfuhr seine Muskeln, er musste eine Weile den Kopf beugen. Während er so dastand, dachte er, dass das wohl übertrieben ehrfurchtsvoll aussehen musste, falls ihn jemand zufälligerweise hier stehen sehen würde.
Vorsichtig richtete er sich wieder auf. Eine Schar Dohlen flog über die Gräber. Johnny durchfuhr ein Schauer, und er kehrte zum Auto zurück.
Obwohl es erst zwei Uhr war, fuhr er zur Wache. Die Wagenhalle lag leer da, die Leute waren wohl bei irgendeinem Brand. Er ging in die große Küche und begrüßte Svempa, Sven-Inge Lindgren, der seit Urzeiten die Wache putzte. Er war ein Mann in den Sechzigern, hochgeschossen und immer auffallend freundlich. Sein Haar war weiß und gelockt, nicht schütter, wie man sich denken konnte, sondern richtig dicht. Es sah fast künstlich aus.
»Hast du eine Perücke?«, hatte jemand mal gefragt. Johnny erinnerte sich, dass es Tuborg gewesen war, Anker Hahn. Der konnte manchmal so schrecklich plump sein.
Svempa hatte sich umgedreht, seine durchsichtige Haut wurde ganz rosa.
»Perücke?«, hatte er wiederholt, und Johnny sah noch genau die sehnigen, mageren Hände vor sich. Hör auf, hatte er gedacht, hör auf, den armen Teufel zu ärgern!
Tuborg packte Svempas Haarmähne und zog daran, nicht hart, aber mit dem sonnenklaren Ziel, ihn zu kränken.
»Die hast du ja verdammt gut festgeklebt, ist das Sekundenkleber oder was?«
Svempa trat einen Schritt zurück, seine Augen waren blutunterlaufen, das waren sie eigentlich immer, aber in dem Moment sah es aus, als würde er gleich anfangen zu weinen. Entweder war jemand hereingekommen, oder sie hatten einen Alarm gekriegt, er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie es geendet hatte. Er dachte mit großem Unbehagen daran, hatte Lust, Svempa etwas zu sagen, etwas Tröstliches, Kameradschaftliches.
Svempa war dabei, den Linoleumfußboden zu wischen, er rieb emsig auf den schwarzen Streifen herum, die die Stahlrohrstühle hinterließen.
»Das nützt nichts«, sagte Johnny. »Du vergeudest deine Kraft, Svempa. Diese Streifen sitzen bombenfest.«
»Nun ja. Hartnäckigkeit siegt. Man kann es jedenfalls versuchen.«
Johnny zuckte mit den Schultern.
»Okay. Das ist dein Problem.«
»Ich habe Kaffee aufgesetzt, wenn du welchen willst.«
»Danke.«
Johnny holte sich einen Becher und schenkte sich ein. Der Kaffee war schwach und nicht richtig heiß. Johnny blätterte ein paar Zeitungen durch, nein, es stand nichts drin. Eine ganzseitige Anzeige zeigte Kleidung für Teenager. Das Mannequin war ein mürrisches Mädchen in Jessicas Alter, ihr gar nicht so unähnlich.
Der Putzmann ging mit dem Eimer hinaus, kam aber gleich zurück.
»War der Kaffee zu kalt?«, fragte er. »Ich habe noch ein bisschen Wasser nachgekippt.«
»Ist schon in Ordnung.«
Der weißhaarige Mann nahm sich auch einen Becher und ließ sich am Tisch nieder.
»Hast du Kinder?«, fragte Johnny.
Svempa starrte ihn an.
»Kinder?«
»Ja.«
»Ich hatte mal welche. Aber wir haben keinen Kontakt mehr.«
»Nein?«
»Na, wenn sie klein sind, dann sind sie so ... ja, man gibt für sie sein Leben hin. Aber dann wachsen sie sich zurecht. Und dann ...«
Johnny dachte an die Jungs, an Henke und Klein-Pelle.
»Na, das muss ja nicht immer so sein«, sagte er langsam.
»Ich weiß nicht. Aber irgendwie fährt man auf verschiedenen Gleisen.«
Eine Weile blieb es still. Svempa drehte seinen Kaffeebecher.
»Almis ... er hatte keine Kinder«, sagte er dann.
»Nein.«
»Dann gibt es also keine Kinder, die trauern.«
Sein Hals war dünn und faltig, plötzlich stand er auf und ging zu einer Topfpflanze, die am Fenster stand. Mit Daumen und Zeigefinger zupfte er ein Blatt ab.
»Es tut mir Leid«, sagte er leise.
»Mir auch.«
»Was soll man dazu sagen?«
»Es gibt nichts zu sagen. Es ist nun mal so.«
Von der Straße her war ein Motorengeräusch zu hören, ein Diesel. Johnny zog sich halb hoch und schaute aus dem Fenster. Die Einsatztruppe kam zurück. Es war wohl wie üblich ein falscher Alarm gewesen. Ein Rauchmelder, der verrückt gespielt und losgejammert hatte.
»Ich hau mich für ’ne Weile aufs Ohr«, brummte er. »Ich will meine Ruhe haben.«
Er legte sich in seinen Kleidern hin. Sein Kopf platzte fast, und ein paar tiefe Risse in den Fingerspitzen schmerzten. Die Dämmerung setzte bereits ein, er hörte die Geräusche der anderen, Stimmen aus dem Stockwerk unter ihm. Jemand war auf dem Klo, Toilettenpapier wurde abgewickelt, eine Runde nach der anderen.
Er hatte das Gefühl, als hätte er Sägespäne in den Augen.
Der Raum in diesem dunklen Dezemberlicht, er kannte ihn eher im elektrischen Lichtschein, jetzt sah er fremd und anders aus, wie ein Zimmer in einer Hütte, das vermietet wurde. Die abgenutzte Birkenkommode mit ihren Schubladen, der Radiowecker, die gestreiften Standardgardinen. Auf dem Nachttisch lagen ein paar Zeitschriften, Der Feuerwehrmann, Feuer und Feuerschutz, eine Zeitungsbeilage vom Sommer und ein Taschenbuch ohne Einband. Er teilte das Zimmer mit drei anderen. Hoffte, das keiner hereinkommen würde.
Er hatte sich auf die Seite gedreht, als sein Handy klingelte.
Scheiße, dachte er. Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße.
Es war Lotta. Sie rief aus dem Friseursalon an, in dem sie arbeitete. Er konnte sofort hören, dass sie mit ihrer Tochter gesprochen hatte.
»Wo bist du?«, fragte sie.
»Auf der Wache.«
»Wieso, du fängst doch nicht vor halb sechs an.«
»Nein, ich weiß.«
»Ich möchte mit dir über etwas reden.«
»Können wir das nicht später, Lotta. Ich kann das im Augenblick nicht.«
»Wieso kannst du das nicht? Aber Jessica misshandeln, dass konntest du offenbar!«
»Hat sie das gesagt? Hat sie gesagt, dass ich sie misshandelt habe?«
»Du hast sie geschlagen, hat sie gesagt. Und sie war total erschüttert. Sie ist noch nie vorher geschlagen worden, Johnny, noch nie. Begreifst du das? Noch nie hat jemand die Hand gegen sie erhoben. Du bist der Erste, der das gemacht hat. Der Mann, den ich liebe ...«
»Lotta!«
»Und vielleicht war das ja gar nicht das erste Mal.«
»Nun hör aber auf!«
»Man kann ja nie wissen. Das war jedenfalls dumm, mit Gewalt richtet man gar nichts aus. Ich dachte, du als Feuerwehrbeamter würdest das am besten wissen.«
»Feuerwehrmann, Lotta. Nicht Beamter.«
»Nun häng dich nicht an Worten auf!«
»Okay, okay. Ich gebe ja zu, dass das dumm war. Ich habe ganz einfach die Nerven verloren. Sie hat mich provoziert ... bis ich geplatzt bin. Du weißt doch, wie sie ist.«
»Das ist keine Entschuldigung.«
»Verzeih mir.«
»Johnny ... Wir müssen jetzt vorsichtig mit ihr sein, sie ist in einem empfindlichen Alter. In dem mit den Kindern alles schief gehen kann. Ich meine, wenn sie sich zu Hause nicht wohl fühlen. Dann können sie abhauen und auf die schiefe Bahn geraten. In schlechte Gesellschaft kommen. Mit allem, was damit zusammenhängt.«
Es ist dein Kind, dachte er. Aber er sagte es nicht.
»Johnny, ich will das nicht so haben, ich möchte, dass wir es schön miteinander haben.«
»Aber das will ich doch auch.«
»Außerdem hat sie Bauchschmerzen, sie hat ihre Menstruation. Wir müssen ein bisschen Geduld mit ihr haben. Mädchen sind so empfindlich.«
»Okay. Ich werde mir Mühe geben.«
»Ich habe noch zwei Kundinnen, dann fahre ich nach Hause. Hast du was eingekauft?«
»Sollte ich das?«
»Ich habe einen Zettel geschrieben und ihn an den Kühlschrank geklebt.«
»Den habe ich nicht gesehen, hier ist so viel passiert, Almis ist tot. Wir hatten einen Alarm heute Nacht, und er ist aus dem Feuer nicht wieder rausgekommen.«
»Tot! Was sagst du – Almis ist tot?«
»Ja.«
»Mein Gott, Johnny! Das kann doch nicht wahr sein!«
»Doch, leider stimmt es.«
»Aber warum hast du das denn nicht gleich gesagt? Und warum haben sie nichts im Radio gebracht? Ach nein, wir haben heute ja gar kein Radio gehört, da ist irgendwas kaputt mit dem Apparat, wir müssen einen neuen kaufen, der alte funktioniert nicht mehr.«
Er schwieg.
»Johnny«, sagte sie, und ihre Stimme klang angespannt und schrill. »Du musst doch heute Nacht nicht arbeiten, oder?«
»Doch«, sagte er. »Doch. Ich werde arbeiten.«
6
Franki machte sich immer zuerst auf dem Fahrrad warm. Wenn es noch frühmorgens war, fuhr er mit einem Widerstand von sechzehn, war es schon später am Tag, konnte er bis auf zweiundzwanzig hochgehen. Anfangs, als er die Wohnung gerade neu bekommen hatte, stellte er seinen Radiowecker immer auf halb sechs, um dann aufzustehen und zu trainieren. Um diese Uhrzeit war er noch so verdammt müde. Und so frustriert.
Inzwischen wachte er von allein auf. Das war allein eine Frage des Willens. Sonst nichts. Vollkommene Kontrolle über das eigene Dasein. Nur darum ging es. Und der Schlüssel dazu war, das er einfach anfing. Darauf achtete, sofort aus dem Bett zu springen, sobald das Radio einsetzte, ab in den Trainingsraum, fünfzig Minuten hartes Training, duschen und dann ein ordentliches Frühstück. Anschließend war er bereit, dem Tag in die Augen zu sehen und allem, was dieser wohl für ihn bereithielt. Oder für ihn im Schoß hatte, wie Mutter sich auszudrücken pflegte.
Das Leben war leichter geworden, seit er den Kontakt zu Roger abgebrochen hatte. Das war zum Schluss nur noch chaotisch gewesen, überhaupt nicht so, wie er es geplant hatte. Franki hatte ihn in Verbindung mit dem von seinem Vater geerbten Geld kennen gelernt. Er hatte sich lange mit dem Gedanken getragen, etwas Eigenes zu gründen. Zum Beispiel ein Sportstudio. Zu der Zeit trainierte er bei Aiskilos im Sveavägen. Und dort lernte er auch Roger kennen.
Roger war in seinem Alter. Er arbeitete als privater Fitnesstrainer und war äußerst geschätzt, besonders von verfetteten Vierzigjährigen, die langsam ahnten, dass ihre Glanzzeit dem Ende zuging. Als Franki Roger von seiner Idee erzählte, stellte sich heraus, dass dieser schon seit mehr als einem Jahr die gleichen Pläne hatte.
Also beschlossen sie, Kompagnons zu werden. Sie mieteten Räume an der Tulegatan und warfen allen alten Plunder hinaus, renovierten und kauften die notwendige Einrichtung. Das war eine schöne Zeit, voller Erwartung und Zufriedenheit. Er dachte oft daran, nicht mit Verbitterung, sondern eher mit einer Art ungewohnter Wehmut.
Dann sollte es losgehen. Aber da war es nicht mehr schön, und das lag an Roger. Er hatte versprochen, Kunden zu besorgen, hatte groß mit seinen weitläufigen Kontakten geprahlt. Doch plötzlich verschwand er einfach.
Es wäre zu peinlich gewesen, bei Aiskilos anzurufen und zu fragen, ob die wüssten, wo er war. Doch nach ein paar Tagen traf Franki ein Mädchen von dort in der Schlange vor dem Bankautomaten. Sie erzählte, dass Roger wegen Unterschlagung und Betrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war.
»War dir das denn nicht klar?«, fragte sie, und ihr Pferdeschwanz schaukelte verächtlich hin und her. »Man konnte ihm doch ansehen, dass er ein Gauner war!«
Es gelang Franki, einen Teil der Einrichtung zu sich zu schaffen, bevor der Konkurs eröffnet wurde. Aber ansonsten war er vollkommen abgebrannt. Seine Mutter hatte nichts dazu gesagt, in der Beziehung war sie sehr diskret. Stattdessen hatte sie versucht, ihm zu helfen. Sie war es übrigens auch, die diese Wohnung für ihn gefunden hatte. Sie lag an der Persikogatan in Hässelby Strand, im Erdgeschoss eines Mietshauses. Als er sie zum ersten Mal sah, störte ihn der Gedanke, ebenerdig wohnen zu müssen. Er dachte an Einbrüche und an Kinder, die ihn ärgern und Dreck gegen die Fenster werfen konnten. Aber es war schwierig, eine billige Wohnung zu finden. Also hatte er keine große Wahl.
Seine Mutter lieh ihm Geld für ein paar Gitter in schwarzem, gedrehtem Schmiedeeisen. Die setzte er vor die Fenster – und das half. Nur einmal hatte ein Kind draußen gestanden und ihn angestarrt. Da hatte Franki sich seine Mütze aufgesetzt und so getan, als wollte er rausgehen. Er hatte das Licht in der ganzen Wohnung gelöscht und war im Dunkeln stehen geblieben, unsichtbar, abwartend. Und schließlich war das Kind davongetrottet.
Im Sommer wurde die ganze Wohnung von duftenden Rosenbüschen versteckt, da konnte er auf der Terrasse sitzen und sich einbilden, er wäre ganz woanders. InVisby. Oder im Ausland, in Spanien, auf Kos. Zumindest solange, bis ein U-Bahn-Zug in die Station einlief, fauchend und stinkend wie nach einer besonderen Leistung. Es gab auch ein Stückchen weiter noch eine Bushaltestelle, aber an das Busgeräusch hatte er sich gewöhnt, er hatte so lange damit gelebt, dass es zu einem Teil seiner selbst geworden war.
Die Übungsgeräte hatte er in das größere der beiden Zimmer gezwängt. Das war sicher eigentlich als Wohnzimmer gedacht, und seine Mutter hatte sich darüber beklagt, wie er es eingerichtet hatte. Aber schließlich musste sie es doch akzeptieren.
»Na, es ist sicher gut, dass du dich fit hältst«, erklärte sie. »Man soll auf sein Humankapital achten, das ist das einzige Vermögen, über das man wirklich verfügen kann.«
Das andere Zimmer, das kleinere, hatte er mit ihrer Hilfe eingerichtet, und hier hatte sie ihre weibliche Fantasie und Schöpferlust voll entfaltet. Die Gardinen waren gelb und gebauscht, wie Taschen genäht, in die leicht zusammengeknülltes Seidenpapier gestopft wurde. Aus dem gleichen Stoff war die Tagesdecke und eine staubige kleine Decke, die auf der Anrichte lag. Sie hatte ihm angeboten, sie ab und zu zu waschen und sich sowieso um seine Wäsche zu kümmern. Aber das hatte ihn sehr verletzt.
Auf der Wache kümmerten die Männer sich selbst um ihre Wäsche. Das war die Aufgabe desjenigen, der in dem Dreierwagen hinten saß. Und die Feuerwehrmänner übernahmen auch selbst die Küche. Dann würde er solche komplizierten Dinge ja wohl auch zu Stande bringen.
»Aber Franki, reg dich doch nicht so auf!« Sie hatte ihre Augen aufgerissen, und er sah, dass der Strich um die Augen herum ungleichmäßig gemalt war, was ihm vor Wut Kopfschmerzen bereitete.
Als sie gegangen war, zerschlug er drei Teller. Er nahm sie mit ins Badezimmer und ließ sie dort fallen, einen nach dem anderen, direkt auf den Fliesenboden. Das knallte in seinem Trommelfell. Er zog dem Gesicht im Spiegel ein Fratze. Plötzlich gefiel es ihm nicht mehr.
Nach dem Trainingsfahrrad ging er zu den anderen Geräten über. Er machte einige Übungen an der Beinpresse und auf der Ruderbank, dann fünf mal zwanzig an dem Bizepsgerät, zweihundert Liegestütz und dann Sit-ups, so lange er es schaffte und noch ein paar zusätzlich. Das Training war wichtig, das machten sie täglich auf der Wache, und es gab immer wieder Tests, um zu sehen, ob die Jungs den Ansprüchen auch gerecht wurden. Waren sie es nicht, so hatten sie drei Monate Zeit, etwas für ihre Kondition zu tun. Sonst bekamen sie einen Schreibtischjob, wie in so einem blöden Behördenbüro. Franki würde jedenfalls nie durchfallen. Er konnte jederzeit zeigen, wie gut er war. Niemand würde ihn deshalb absetzen können. Niemand.
Hinterher war er ein wenig zittrig. Das war ein gutes Zeichen. Das zeigte, dass er nicht versucht hatte, zu schummeln oder sich durchzumogeln. Er hatte seine Muskeln bis zum Äußersten beansprucht, und unter der Dusche befühlte er sie, strich über sie, dehnte sie, sein Körper war glänzend und kräftig. Sein Humankapital.
Es war wichtig, viel zu essen. Das Training hatte ihn hungrig gemacht, das war äußerst praktisch. Wie sonst hätte er etwas in sich hineinkriegen können? Er briet sich Eier und Schinken und machte Pommes frites unter der Mikrowelle heiß, währenddessen schmierte er sich einige Brotscheiben und schnitt Käse, Wurst und Tomaten auf.
Die ganze Zeit bei laufendem Radio.
Dem internen Feuerwehrfunk.
Der Trupp von Katarina war gerade zu einem großen Alarm ausgerückt. Das hatte er gehört. Der erste Wagen hatte bestätigt.
»Katarinawache mit drei Zügen auf dem Weg.«
Frank hatte die Adresse nicht mitbekommen, aber später erfuhr er sie doch noch, als die Verstärkung von Kungsholmen den Alarm bestätigte. Brännkyrkagatan 25.
Das schien ein Wohnungsbrand zu sein.
Er drückte auf seinen üblichen Sender, 103,3. Musik. Madonnas neue Scheibe, shanti, shanti, irgendwas. Er streute Salz auf die Eier.
Während er aß, fiel ihm Waltraut wieder ein, ihre mageren Schenkel um seine Wangen, der Duft des glänzenden Stoffs. Seine Handflächen wurden feucht. Dieser dünne, kleine Puppenkörper, die Töne, die sich da drinnen befanden, tief unten in ihrer kleinen Spatzenlunge versteckt. Er dachte an die Engel und musste laut lachen. Was für eine verrückte Idee, Engel an der Decke. Aber sie hatten sie festgekriegt, zusammen war es ihnen gelungen, die beiden Schrauben festzudrehen, er hatte ihr gezeigt, wie es ging, sie wusste so etwas ja nicht. Hatte mit zwei mickrigen Nägeln dagestanden.
Plötzlich war er vollkommen satt. Zwei geschmierte Scheiben lagen noch auf dem Tisch und ein Bissen des klebrigen Eigelbs, ein vages Übelkeitsgefühl überkam ihn, und er musste seinen Blick abwenden.
Er hatte gerade eine neue Kur mit Tabletten angefangen. Er war jetzt in der zweiten Woche, jeweils drei Stück, morgens, mittags, abends.
Er musste aufs Klo, scheißen. Er zögerte das gern hinaus, das tat so verdammt weh. Kinder zu kriegen, war das genauso, ging es ihnen so? Den Damen. Mit all ihren Löchern. War das so ein Gefühl?
Anschließend stand er auf und starrte in die Toilettenschüssel. Eine sonderbare Angst überfiel ihn, schnell machte er den Deckel zu und drückte den Spülknopf, immer wieder. Hatte man so was in sich, diesen braunen, stinkenden Dreck? In seinem Körper, in seinem Magen, seinem Darm. Richtig lebendig hatte es ausgesehen, als es da im Wasser lag. Was für eine eklige, blöde Konstruktion.
Seine Beine zitterten, er legte sich aufs Bett und schloss die Augen.
Das Telefon klingelte.
Zuerst wollte er nicht rangehen. Vermutlich war es seine Mutter, die seine Hilfe für irgendetwas brauchte. Er hatte versprochen, sich ihren alten Saab anzugucken, der in der Garage stand. Da stimmte etwas nicht mit der Zündung, aber das schaffte er im Augenblick nicht, dazu war er zu müde.
Dann fiel ihm ein, dass es vielleicht jemand von der Wache war. Vielleicht brauchten sie Verstärkung, sie wussten ja, wo er zu finden war.
Aber die waren es nicht. Es war Waltraut.
7
LB beorderte die ganze Gruppe, sich am Nachmittag einzufinden. Ein paar von den anderen Gruppen wollten auch kommen, schließlich kannten alle Almis, aber er lehnte ab. Es durften nicht zu viele sein.
»Wir werden mit euch später reden. Es ist erst mal wichtig, dass wir, die ... die ihm am nächsten standen ..., dass wir zuerst drüber reden.«
Engen fror. Er trug seine eigene Kleidung, Jeans und einen Baumwollpullover, er überlegte, ob er nicht die Uniform anziehen sollte, obwohl er diese Schicht nicht arbeiten musste. Er hatte das Gefühl, er wollte sich als Teil eines größeren Ganzen zeigen, als ein unscheinbares Rädchen, das nur in Kombination mit den anderen funktionierte, nicht aus eigener Kraft.
Der Leiter der Wache hatte ihnen freigegeben. Was passiert war, war einfach zu heftig. Aber dann hatte er sie angerufen und sie gebeten, doch für eine Weile zu kommen.
»Wir müssen über die letzte Nacht reden«, hatte er erklärt, und seine Stimme hatte eine dünne, zittrige Schärfe bekommen.
Debriefing wurde das genannt. Oder Kameradenunterstützung. Manchmal kam jemand von außen und führte das Gespräch, manchmal übernahm das jemand von der Wache. Es war wichtig, das durchzusprechen, was geschehen war, damit man weitermachen konnte. Das alte Sprichwort, dass die Zeit alle Wunden heilt, stimmte nicht mehr.
Oft sprachen sie über alles hinterher in der Sauna. Schmutzig und müde, gingen alles noch einmal durch, schimpften auf fehlende Ressourcen und über das Material, das nicht in Ordnung war.
Aber heute nicht. Die Leute waren sofort nach Hause gefahren. LB hatte Kurse mitgemacht und gelernt, wie solche Gespräche zu führen waren. Trotzdem war er beunruhigt. Er hätte natürlich gut und gern jemand anderen herbeiholen können, aber er war der Meinung, er müsse das selbst machen, schon wegen Almis. Sonst hätte er das Gefühl, ihn im Stich zu lassen.
Alle bis auf Jompa hatte er erreicht. Bei dem hatte sich zu Hause niemand gemeldet, und seine Handynummer fand er nicht. Sie wollten sich im Kellergeschoss treffen, wo normalerweise die Feste gefeiert wurden. Auf dem Weg nach unten stieß er auf den Putzmann. Er war auf dem Weg nach Hause.
»Du hast nicht zufällig Jompa gesehen?«, fragte LB.
Der andere schwieg.
LB wiederholte seine Frage.
Da machte der Putzmann eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf und zeigte nach oben.
»Ist er hier?«
»Ja. In seiner Kammer. Er wollte in Ruhe gelassen werden.«
Engen stand direkt hinter ihnen.
»Ich kann ihn holen«, sagte er.
»Ja, wenn du so nett bist.«
Dann saßen sie also alle acht da. Engen, Jompa, Tuborg, Jack, Roffe, Evert, Myran und er selbst, LB.
Der Raum lag im Dunkel, nur von einem Adventsleuchter auf dem Bartresen erhellt. LB schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Er betrachtete die nackten, leeren Gesichter vor sich, niemand erwiderte seinen Blick, alle schauten zu Boden oder auf die eigenen Hände.
»Das war hart«, sagte er. »Verdammt hart.«
Niemand gab eine Antwort.
»Aber wir müssen jedenfalls ... Also, wir sind uns doch einig, dass wir über das, was wir hier drinnen sagen oder tun, absolutes Stillschweigen bewahren. Gegenüber anderen. Nichts davon dringt nach draußen. Ist das in Ordnung?«
Alle nickten.
»Schließlich haben wir gerade einen Arbeitskollegen und Freund, Stefan Almgren, verloren. Und das trifft uns alle, wir sind alle traurig und schockiert über das, was passiert ist.«
Er unterbrach sich und blieb eine Weile schweigend sitzen. Seine Stimme war ganz brüchig.
»Wenn wir mal versuchen, das zu rekapitulieren ...«
Und er konzentrierte sich auf den Handlungsablauf, den Alarm, der anonym aus einer Telefonzelle gekommen war, den Aufbruch und den Einsatz. Das Feuer selbst war gelöscht worden, sobald sie Verstärkung bekommen hatten. Aber da war es für Almis schon zu spät gewesen.
Engen musste berichten, wie es da drinnen gewesen war. Er beschrieb, wie sie sich vorgetastet hatten, wie der Rauch sie eingehüllt und wie er sich nach Almis umgedreht hatte.
»Wir haben ein Geräusch gehört«, sagte er. »Es klang, als wenn jemand da drinnen wäre, verletzt oder so ... jemand, der Hilfe brauchte. Aber wir haben niemanden gefunden. Und ich wollte mit Almis darüber reden, aber als ich mich dann umdrehte ... da war er nicht da. Und das ist ja schon merkwürdig, denn schließlich war er die ganze Zeit direkt hinter mir ... und ich denke, dass ...«
Er verstummte.
»Ja, das ist schon merkwürdig«, sagte LB. »Was hast du gemacht, als du gemerkt hast, dass er nicht mehr da ist?«
Engen fuhr sich mit dem Finger unter der Nase entlang. Er räusperte sich, alles kam wieder zurück. Die Hitze, der Rauch, der ihn einhüllte und es ihm unmöglich machte, etwas zu sehen, er versuchte, am Schlauch entlang zurückzukriechen, während er Tuborg draußen zurief: »Wir brauchen sofort Hilfe. Ich glaube, es ist was passiert. Wir schaffen das hier nicht allein.«
»Warum zum Teufel hat er seine Atemmaske abgerissen?«, fragte Tuborg, und sie hörten seinen dänischen Akzent, auffälliger als sonst. »Verdammt, warum hat er das gemacht?«
»Ja«, sagte LB. »Das ist die große Frage.«
Evert sagte:
»Ich habe so was schon mal erlebt, das war in Göteborg, als ich da gearbeitet habe. Ein Kumpel von mir kriegte die große Panik, er hat sich die Maske abgerissen und den ganzen Mist, die Flaschen und alles. Er fing an, da drinnen Amok zu laufen, das war in einer Wohnung ... aber schließlich haben wir ihn rausgekriegt, lebendig.«
»Ja. Aber so was ist ja nun nicht gerade üblich.«
»Es war schrecklich, ihm zuzusehen, so was hat keiner erwartet ... er nahm einen Sessel und warf den direkt in den Feuerherd, als wollte er ...«
»Okay, Evert. Okay. Aber wir wollen uns jetzt lieber auf die letzte Nacht konzentrieren ... Engen, was hast du gedacht, als du bemerkt hast, dass Almis nicht da war, kannst du ...?«
Engen guckte auf seine Nägel, sie waren kurz und gedrungen, seine Nägel und seine Finger, er konnte sie steuern und mit ihnen machen, was er wollte, er konnte seine Kinder mit ihnen streicheln oder seine Frau, er konnte einen Wasserschlauch damit packen oder sich am Hintern kratzen. Seine Hände, sein lebendiger Körper. Seine Zähne schlossen sich, bissen fest zu, seine Kiefermuskeln zitterten vor Schmerz.
»Gedacht? Was ich gedacht habe?«
»Ja, was hast du gefühlt, als du gemerkt hast ...?«
»Ich wurde wütend. Ja, nicht gleich, zuerst bekam ich eine Riesenangst und wurde ganz unruhig, mir war ja klar, dass irgendwas passiert war, und ich war ganz verzweifelt, weil ich nicht wusste, wie er einfach so verschwinden konnte ... aber dann ... später.«
Es gab einen Alarm, einen kleinen Alarm. Die grüne Lampe an der Wand begann zu blinken. Johnny lauschte den Geräuschen oben, Anspannzeit, das Wort stammte noch aus einer Welt mit Pferden. Die Gäule mussten angespannt werden, neunzig Sekunden, um eine störrische Mähre vor einen Wagen mit Dampfspritze zu spannen, wie konnten sie das nur schaffen, genauso viel Zeit wie heute. Oder viel zu wenig, damals war ja viel mehr mit Holz gebaut, und Telefon gab es auch nicht. Die Leute mussten sich aufs Pferd schwingen und im Galopp zur Wache reiten ...
Er sah aus dem Augenwinkeln, dass Engen aufgestanden war, er sah krank aus, mit kleinen, glasigen Augen. Er hörte die Sirenen jetzt auch.
»Oh Scheiße ... Wie bescheuert darf man eigentlich sein. Er musste doch wohl wissen ..., dass er da nicht einfach seine Maske runterreißen kann ... Schließlich hat er seit fünfzehn Jahren mit Bränden zu tun ... oder besser gesagt: hatte ... Ich finde es einfach so schrecklich ...«
Engen sank wieder in sich zusammen, verbarg sein Gesicht in den Händen. Myran, Arne Myran, legte ihm einen Arm um die Schulter.
»Er war nicht richtig bei sich ... ja, aber das weißt du ja selbst, seit das mit ihr, mit der Maria passiert ist, war er ziemlich fertig, wohl mehr, als wir dachten.«
»Aber dafür muss er doch nicht uns bestrafen?«
»Man denkt wohl nicht so klar, wenn ...«
»Er kann das mit Absicht gemacht haben!« Das war Tuborg. »Er kann das gemacht haben in Ermangelung von ...«
»Nein, verdammt noch mal, nein!«, rief Johnny. »Dann gibt es ja wohl andere Möglichkeiten, effektivere. Und außerdem ... nur wegen so einer blöden Liebessache.«
Engen richtete sich wieder auf.
»Ja, jedenfalls hätte ich besser auf ihn achten müssen. Schließlich waren wir beide zusammen da drin. Und wir hatten ja Kontakt ..., aber dann ...«
»Und du, Tuborg«, fragte LB. »Du hattest doch mit beiden Funkkontakt.«
»Ja.«
»Was hast du als Letztes gehört?«
»Du meinst, von Almis?«
»Ja.«
»Nichts Besonderes. Ich meine, nichts, was mir einfällt, alles schien ganz normal zu sein. Es sah aus, als würde alles wie immer verlaufen. Sie arbeiteten sich voran, mit der rechten Hand an der Wand ... dann war da ein wenig Unruhe, und dann habe ich den Kontakt mit ihm verloren, Engen hat Hilfe angefordert, und ich habe den beiden befohlen rauszukommen. Aber nur Engen ist gekommen.«
»Hast du mit seinen Angehörigen gesprochen?«, fragte Johnny. »Leben die Alten noch?«
»Seine Eltern? Ja, die leben noch. Ich war heute Morgen bei ihnen. Ein Pfarrer ist mitgekommen. Ekholm, ihr kennt ihn, nicht wahr?«
»Der mit der Nase?«
LB nickte.
»Wie ... wie haben sie ...?«
LB zuckte steif mit den Schultern.
»Wie man es erwarten kann«, sagte er.
»Und Maria?«, fuhr Johnny fort. »Seine Ex?«
»Sie wollten Kontakt mit ihr aufnehmen. Ich weiß gar nicht, wo sie arbeitet ...«
Plötzlich merkte er, wie ungemein müde er war. Er hätte das Gespräch nicht führen sollen, er hätte jemand anderen dazu holen sollen. Er sprach noch eine Weile weiter, ließ alle ihre Meinung sagen, machte dann eine Art von Zusammenfassung. Gerade als sie aufbrechen wollten, stellte Engen sich hin und starrte ihm ins Gesicht.
»Vergiss nicht, was wir da gehört haben«, sagte er. »Da war jemand drinnen, ich weiß das. Noch jemand außer Almis und mir. Vielleicht ist nicht nur Almis tot. Vielleicht hat dieses verdammte Feuer nicht nur ein Opfer, sondern zwei gefordert.«
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