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Ines Langelüddecke
Alter Adel – Neues Land?
Die Erben der Gutsbesitzer
und ihre umstrittene Rückkehr
ins postsozialistische
Brandenburg

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung
des Förderungs- und Beihilfefonds Wissenschaft der VG Wort
Für meine Kinder Salka und Frida
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© Wallstein Verlag, Göttingen 2020
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf
Umschlagfotos: Oliver Mark, Berlin
ISBN (Print) 978-3-8353-3635-3
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4458-7
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4459-4
Inhalt
Einleitung. Probleme der Wiederbegegnung von Adligen und Dorfbevölkerung nach 1989/90
1. Geschichte als Rahmen. Die Zäsuren des 20. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf das Gutsdorf
1.1. Die deutsche Einheit 1990: Neuordnung von Grund und Boden
1.2. Das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945: Der Untergang der alten Welt von Adel und Dorf
1.3. Getrennte Wege 1945-1990: Adelsfamilien in der Bundesrepublik und Dorfbevölkerung in der DDR
1.4. Drei ehemalige Gutsdörfer nach 1990: Siebeneichen, Bandenow und Kuritz
2. Gutshäuser und Schlösser. Widerstände gegen die Neugestaltung des ehemaligen Herrschaftszentrums
2.1. Dorf ohne Schloss: Das Ringen um die leere Mitte von Siebeneichen
2.2. Ein Schloss, das nicht sein soll: Distanz und Diskretion im Sprechen über die Gutshäuser von Bandenow
2.3. Schloss ohne Gutsherr: Ein öffentlicher Ort in Kuritz
2.4. Fazit
3. Die Kirche im Dorf. Zwischen Gut, Gemeinde und Gott
3.1. Patronat im Wandel: Die Kirchenrestauration in Siebeneichen als Aushandlungsprozess
3.2. Adliges Engagement und dörfliches Desinteresse: Die Kirche von Bandenow
3.3. Rivalen vor Gott und vor der Gemeinde: Pastoraler Geltungsanspruch und adliger Rückzug in Kuritz
3.4. Fazit
4. Adlige Familienfriedhöfe. Bedrängte Bastionen der Tradition
4.1. Urnen auf Reisen: Grabpflege in Siebeneichen zwischen symbolischer Präsenz und materieller Aneignung
4.2. Traditionswahrung über Systemgrenzen hinweg: Die Erhaltung der Adelsgrabstätte in Bandenow vor und nach 1989/90
4.3. Zwischen den Gräbern Pferde, Schweine und Gänse: Der Konflikt um die Nutzung des Adelsfriedhofs in Kuritz
4.4. Fazit
5. Bauernland in Junkerhand? Felder und Wälder als Konfliktquelle zwischen Adelsfamilien und Dorfbevölkerung
5.1. Belasteter Boden, geschichtete Erinnerung: Strategien adliger Vertrauensbildung in Siebeneichen
5.2. Adel, der arbeitet: Unternehmertum in Bandenow zwischen symbolischer Inszenierung und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit
5.3. Streitbarer Adel: Der Gutsherr mit der Peitsche und die Last der Vergangenheit in Kuritz
5.4. Fazit
6. Der Park, ein Privileg. Adlige Grenzziehung als Ausdruck der neuen Raumordnung zwischen Gut und Dorf
6.1. »Es wäre auch ganz schön, mal einen Gartenzaun zu haben«: Adliges Understatement in der räumlichen Expansion in Siebeneichen
6.2. »Nun hat er es wieder«: Dörfliche Kritik an der Parkgestaltung in Bandenow
6.3. »Und grade rüber vom Schloss war ein verwilderter Park«: Vom unsentimentalen Verschwinden eines Repräsentationsraumes in Kuritz
6.4. Fazit
7. Und was ist mit dem Ungesagten? Das Schweigen des Dorfes als Ausdruck asymmetrischer Machtverhältnisse
Schluss: Der Transformationsprozess in historischer Tiefe
Dank
Kurzbiographien der Interviewten
Literatur- und Quellenverzeichnis
Anmerkungen
Einleitung
Probleme der Wiederbegegnung von Adligen und Dorfbevölkerung nach 1989/90
Ein Gutsdorf zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Als der junge Adlige Jasper von Sierstedt im September 1990 aus Bayern nach Brandenburg übersiedelte, begann er bald ein neues Haus für seine Familie zu bauen. Das Schloss gab es nicht mehr.[1] Parallel dazu sanierte der damals 29-jährige Enkel des letzten Gutsbesitzers zusammen mit der Pfarrerin und den Kirchenmitgliedern die verfallene Kirche. Sogar die Patronatsloge wurde so rekonstruiert, wie sie ausgesehen hatte, als sein Großvater noch Kirchenpatron von Siebeneichen war. Heute bleibt die Loge über dem Kirchenschiff leer, denn im Unterschied zu der Zeit vor 1945 sitzt die Adelsfamilie in den Kirchenbänken, wie alle anderen Gläubigen auch. Die Kirche von Siebeneichen hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war sie als Patronatskirche im Adelsbesitz. Während der Jahre der DDR verfiel sie immer mehr, bis sie nach 1990 auf Initiative der Adelsfamilie rekonstruiert und wiederaufgebaut wurde. Heute vermittelt die Kirche den Eindruck, als hätte es im Dorf nie eine Zeit ohne die lokale Adelsfamilie gegeben.
Jasper von Sierstedt, der 1961 in der Bundesrepublik geboren wurde und das Projekt der Kirchenrenovierung maßgeblich vorantrieb, kannte Siebeneichen bis 1990 nur aus den mündlichen und schriftlichen Erzählungen, die in seiner Familie weitergegeben wurden. Zu dieser Familienüberlieferung gehört auch ein kleines Heft mit Tagebuchaufzeichnungen seines Großvaters aus dem Jahre 1945. In kurzen Einträgen hielt dieser den Alltag und den Untergang der alten Welt des Adels fest. Am 15. April 1945 notierte der damals 51-jährige Botho von Sierstedt:
»Unser Dasein hier ist wohl nur noch nach Stunden zu zählen. Früh trommelt der Russe im nördlichen Abschnitt. Danach streut er mit großen Haubitzen. Die ersten Dinger pfeifen uns über den Kopf in den Acker hinter der Koppel. Dann eins auf die Koppel hinter dem Ersatzteilschuppen und verletzt dabei unseren letzten Treckerfahrer. Das kann Einschießen zur großen Kanonade bedeuten, die sehr bald einsetzen wird und Siebeneichen zerschlagen wird. Man sitzt herum, hat nichts zu tun und wird geplagt von den Gedanken, was werden soll. […] Noch schlägt die Kirchturmuhr getreulich ihre Stunden.«[2]
Einen Tag später, am 16. April, folgte dann wie erwartet der Angriff der sowjetischen Truppen, der das östlich von Berlin gelegene Dorf in Trümmer legte. Botho von Sierstedt, der kurz vor der sowjetischen Großoffensive noch seine verbliebenen Angestellten mit der Frühjahrsbestellung auf seinen Feldern beauftragt hatte, musste das Dorf und sein Gut für immer verlassen. Seine Frau und die sieben Kinder waren schon vor ihm aus Siebeneichen geflohen.
Drei Jahre später berichtete ihm seine ehemalige Angestellte Helene Kaiser in einem Brief vom 29. Januar 1948, was aus dieser letzten Aussaat auf seinen Äckern geworden war. Anfang des Jahres 1948, als ein sehr kalter Winter mit Nahrungsmittelknappheit herrschte, erinnerte sie sich an die Fürsorge des Gutsherrn für seine Angestellten. Sie schrieb:
»Als wir im Herbst 45 nichts zu essen hatten und die Not so furchtbar groß war, weil alles Land nicht bestellt war, da war es eine Fügung, dass hinter dem großen Schuppen der große Schlag mit Pferdebohnen stand, […] und der Schlag mit den Mohrrüben, der allerdings von den Russen bewacht wurde. Aber beim Auspflügen durften Frauen und Kinder abdrehen helfen und dafür bekamen wir dann welche. Mindestens zwei Wochen lang dauerte die Ernte. […] Schauen Sie, verehrter Herr von Sierstedt, trotzdem Sie nicht mehr da waren, ist durch die Fürsorge der Landbestellung vielen Menschen geholfen worden. Und dafür müsste der Herrgott Ihnen und Ihrer Familie auch wieder helfen.«[3]
In einer Deutung, die an Theodor Fontanes Gedicht über Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland[4] denken lässt, bezog sich Helene Kaiser in ihrem Brief auf die traditionelle Gutsherrschaft, in deren Rahmen sich die Angestellten unterordneten, dafür aber gutsherrschaftlicher Fürsorge gewiss sein konnten. So wie auf dem Grab des verstorbenen Gutsbesitzers in Ribbeck ein Birnbaum wächst und Früchte trägt, die die Kinder des Dorfes jedes Jahr wieder essen, so konnten in Siebeneichen Frauen und Kinder auf den Feldern des Gutes wenigstens noch einmal die Mohrrüben ernten, die Botho von Sierstedt im Frühjahr kurz vor Kriegsende hatte aussäen lassen. Diese letzte Ernte im Herbst 1945 beschrieb Helene Kaiser im Rückblick als bedeutendes Ereignis der Nachkriegsmonate. Zugleich versorgte sie den enteigneten Gutsbesitzer, der mittlerweile im Rheinland lebte, auch mit Neuigkeiten darüber, wie sich die Verhältnisse im Dorf verändert hatten:
»In Siebeneichen würde sich manch einer freuen, wenn ›der Chef‹ bald wieder käme. Aber leider sind auch welche dabei, die Sie einst ihre Getreuen nannten, die heute sagen: ›Mir geht es so viel besser.‹ Ein paar Neubauten sind auch schon in Siebeneichen entstanden.«[5]
Die Adelsfamilie und die Dorfbewohner waren 1948 noch verbunden durch die gemeinsame Geschichte, die der Enteignung vorausgegangen war.[6] Daran erinnerte Helene Kaiser in ihrem Brief über die Zonengrenze hinweg. Zugleich hatte mit dem Umbruch von 1945 eine neue Zeit begonnen, in der sich die Verbundenheit der früheren Angestellten mit dem Gutsherrn, der nicht mehr im Dorf lebte, allmählich lockerte. Für Botho von Sierstedt erfüllte sich nicht mehr, was er in seinem Antwortbrief an Helene Kaiser vom 1. April 1948 ersehnt hatte: »Im tiefsten Herzen aber bleibt doch immer noch die Hoffnung, dass wir doch einmal noch die Heimat wiedersehn dürfen. Es gilt nur noch lang hübsch geduldig bleiben.«[7] Er starb 1982 in Köln. Der letzte Brief von Helene Kaiser stammt aus dem Jahr 1975, als sie aus einem Pflegeheim an den ehemaligen Gutsbesitzer schrieb.[8] Auch sie erlebte das Ende der deutschen Teilung nicht mehr. 1990 begegneten die Nachfahren des enteigneten Gutsbesitzers der Dorfbevölkerung von Siebeneichen. Jetzt erhoben beide Seiten, Adelsfamilie wie Dorfbewohner, Anspruch auf das ehemalige Gut. Teilweise kooperierten sie, beispielsweise bei der Wiederinstandsetzung der Dorfkirche, sie verhandelten aber auch und stritten über die Frage, wie die ehemalige Gutsanlage und die dazugehörigen Gebäude praktisch und symbolisch genutzt werden sollten.
Historischer Hintergrund
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 befanden sich in Brandenburg die großen landwirtschaftlichen Güter (mit Acker- und Waldflächen von häufig über 1000 Hektar) im Besitz der jeweiligen Adelsfamilie, oftmals seit Jahrhunderten.[9] Als Folge der Bodenreformverordnung, die auf Initiative der KPD und der sowjetischen Besatzungsmacht in Brandenburg am 6. September 1945 in Kraft getreten war, bildeten sich in den Dörfern Bodenreformkommissionen, die das Land der Gutsbesitzer und Großbauern, die über 100 Hektar besaßen, an landlose und landarme Bauern verteilten.[10] Die Gutsgebäude gingen in die neugeschaffene Rechtsform des Volkseigentums über. In der ersten Zeit nach der Enteignung dienten sie häufig als Unterkünfte für die sogenannten Umsiedler, später dann als Altersheime, Schulen, Kindergärten oder landwirtschaftliche Betriebe. Ungefähr 420 Gutsbetriebe in adligem Besitz waren 1945 in Brandenburg enteignet worden.[11] Nach dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung 1990 veränderten sich die Eigentumsverhältnisse in Ostdeutschland erneut. Etwa 30 bis 40 Adelsfamilien kehrten zwischen 1990 und 2010 nach Brandenburg zurück.[12] Die Nachfahren der enteigneten Gutsbesitzer kauften 1990 das Land und die Gebäude des ehemaligen Gutes aus staatlichem Besitz, denn die Enteignungen im Zeitraum zwischen 1945 und 1949 wurden nicht rückgängig gemacht.[13] Die Adelsfamilien sanierten die Gebäude, gründeten Unternehmen, engagierten sich in der Lokalpolitik und verhandelten mit der Dorfbevölkerung über die Verpachtung oder den Verkauf von Ackerflächen.[14] Schlösser, Kirchen, Friedhöfe, Parks, Felder und Wälder im ehemaligen Gutsdorf sind heute nicht nur private, sondern zumindest zum Teil auch öffentliche Räume.[15] Sie sind, wie die ehemalige Patronatskirche in Siebeneichen, immer auch Symbole einer standesspezifischen Familienerinnerung. In der Zeit der deutsch-deutschen Teilung waren sie für die Adelsfamilie mit dem Verlust ihres Gutes verknüpft. Die Gutsgebäude haben im Laufe der Zeit ihr Aussehen verändert. In ihrer Materialität weisen sie aber bis heute Spuren von Macht, Repräsentation und Reichtum auf. Sie zeugen von dem Willen der adligen Oberschicht, das Gutsdorf als Herrschaftsraum zu gestalten. Die Gutsanlagen mit ihrer repräsentativen Architektur befinden sich häufig im Zentrum der ehemaligen Gutsdörfer. Doch nicht nur für die Adelsfamilien, auch für die Dorfbewohner sind die Schlösser, Kirchen und Parks Bezugspunkte für die lokale Geschichte. Für beide Seiten verbinden sich damit Vorstellungen von Heimat und regionaler Zugehörigkeit.[16]
Forschungsgegenstand und Fragen
Drei brandenburgische Gutsdörfer, in denen seit 1990 wieder die enteigneten Adelsfamilien von einst leben, sind Gegenstand der Fallstudien, auf denen diese Untersuchung basiert.[17] Hier verlief die Geschichte nach 1945 und 1990 ganz unterschiedlich: In Siebeneichen wurde das Schloss nach Kriegsende zerstört und nicht wieder aufgebaut. In Kuritz ist das ehemalige Schloss heute ein kulturelles Zentrum, das dem Landkreis gehört. In Bandenow lebt die zurückgekehrte Adelsfamilie wieder im Gutsgebäude. Nach dem Ende der DDR trafen die adligen Rückkehrer in den drei Dörfern auf drei unterschiedliche Konstellationen: der Abbruch der Adelsgeschichte nach 1945 in Siebeneichen, die Weiterführung der vom Adel begründeten landwirtschaftlichen Traditionen in Bandenow sowie die Umwidmung der Adelsgeschichte in eine lokale Geschichtserzählung in Kuritz. Diese Unterschiede im Umgang mit der lokalen Adelstradition sind der Grund für die Auswahl dieser spezifischen drei Dörfer. Siebeneichen, Bandenow und Kuritz gibt es jedoch auch zahlreiche Gemeinsamkeiten im Umgang mit der Gutsgeschichte und den Gebäuden des Gutes.
Im Zentrum der Untersuchung stehen die Rückkehr dieser Adelsfamilien nach Brandenburg und die Begegnung mit den Menschen im Dorf seit 1990. Beide Gruppen sind durch eine geteilte Vergangenheit bis zur Enteignung 1945 miteinander verbunden, waren aber die folgenden 40 Jahre lang voneinander getrennt. Im ehemaligen Gutsdorf wurden wie unter einem Brennglas spezifische Probleme und Dynamiken sichtbar, die seit 1990 überall im Osten Deutschlands auftraten. Selten trafen Ostdeutsche und Westdeutsche so direkt aufeinander wie in diesen ehemaligen brandenburgischen Gutsdörfern.
Inwiefern versuchten die Nachfahren der 1945 enteigneten Herrschaftselite nach 1990, also 45 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, an ihre Familiengeschichte anzuknüpfen? Nahmen sie dafür Umbauten an den ehemaligen Gutsanlagen vor? Wie und mit welchen Ergebnissen verhandelten sie mit der Dorfbevölkerung über die Neuordnung des Gutes, das sich nach Enteignung und Bodenreform nun wiederholt veränderte? Welche Konflikte ergaben sich aus dem Problem, unter den neuen Bedingungen einer demokratischen Gesellschaft Gebäude zu rekonstruieren, die in ihrer Materialität auf die traditionelle Gutsherrschaft verwiesen?[18] Wie sprechen beide Seiten rückblickend über diesen Transformationsprozess im ehemaligen Gutsdorf? Wie unterscheiden sich dabei die Erzählungen der im DDR-Sozialismus aufgewachsenen Bewohner der Dörfer von denen der bundesrepublikanisch sozialisierten Adligen, den Nachfahren der »Junker und Ausbeuter«, wie sie im SED-Propagandajargon abschätzig genannt wurden?[19] Welche Narrative über den Raum sind auf beiden Seiten mit dieser Rückkehr des Adels nach Brandenburg verbunden?
Die Kategorie des Raumes
In diesem Buch gehe ich von der Annahme aus, dass sich im Reden über den Raum zwischen Dorf und Gut Beziehungsverhältnisse und Interessen sowie Erwartungen und Erfahrungen niederschlagen.[20] Der Raum ist eine Kategorie, um die physischen Bedingungen eines konkreten Ortes und die damit verbundenen menschlichen Handlungen und Deutungen zu analysieren.[21] Innerpersönliche Erzählmuster der Selbst- und Fremdwahrnehmung sind dabei mit äußeren Prozessen verknüpft, die sich aus der baulichen Umgestaltung der ehemaligen Güter nach 1989/90 ergeben. Das ehemalige Gut kann nicht als ein abgeschlossener »Containerraum« gesehen werden, der unveränderlich in der Topographie des Dorfes verankert wäre.[22] Schloss und Kirche, Park und Wald, Friedhof und Feld bestehen zum einen aus ihrer Materialität,[23] zum anderen bilden sie eine »Kontaktarena«,[24] in der sich die adligen Rückkehrer und die Dorfbevölkerung in der Gegenwart begegnen und miteinander aushandeln, wie der Raum genutzt werden soll. Dieser soziale Raum des früheren Gutes ist durch seine materiellen ebenso wie durch seine symbolischen Charakteristika geprägt.[25] In meinem Buch untersuche ich, wie dieser Raum des ehemaligen Gutes nach dem Umbruch von 1989/90 sozial (wieder)hergestellt wird, aber auch, was dieser spezifische Raum aufgrund seiner Materialität selbst vorgibt.[26]
»Der Raum ist ein Ort, mit dem man etwas macht« – so setzt der französische Historiker Michel de Certeau diese beiden Begriffe ins Verhältnis.[27] An de Certeau und Martina Löw anknüpfend wird in diesem Buch deshalb unterschieden zwischen Räumen, in denen Akteure aufeinandertreffen und Aushandlungsprozesse stattfinden, und Orten, die konkrete Gebäude und Gebiete beschreiben.[28] »Im Raume lesen wir die Zeit«, hat der Osteuropahistoriker Karl Schlögel festgestellt: allerdings, so muss man einschränken, nur bei sehr genauer Betrachtung.[29] Nicht immer lässt sich genau unterscheiden, was alt und was neu ist, was restauriert und was hinzugefügt wurde. Bei der Analyse von Räumen geht es um Grenzen zwischen Innen und Außen, um Zugehörigkeit und Fremdheit.[30] Welche spezifischen Raumvorstellungen konkurrierten also in diesem Aushandlungsprozess auf der lokalen Ebene im ehemaligen Gutsdorf, und welche Vergangenheits- und Gegenwartsbezüge wurden dabei von allen Beteiligten hergestellt?[31] In diesem Buch werden Raum- und Erinnerungstheorie methodisch miteinander verschränkt. Dabei finden die Perspektiven einer Kulturgeschichte nach dem Spatial Turn Anwendung.[32]
Quellenlage
Oral History-Interviews sowie Archivmaterialien bilden die Quellenbasis für diese Studie. In zwei Dörfern, Bandenow und Kuritz, geben die Dorfarchive ausführlich darüber Auskunft, wie die Gebäude des Gutes nach der Enteignung 1945 genutzt und wie die staatlichen Vorgaben zur Bodenreform umgesetzt wurden, welche Aushandlungsprozesse auf lokaler Ebene und mit den zuständigen Landesbehörden und SED-Abteilungen darüber erfolgten, aber auch, wie sich der Umgang mit diesen Gebäuden über die Zeit der DDR veränderte. Für Siebeneichen ist hingegen nur eine schmale, wenig ergiebige Gemeindeüberlieferung im Kreisarchiv vorhanden. In allen drei Kreisarchiven, im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam sowie im Bundesarchiv Berlin konnten Gemeindeakten, SED-Berichte, behördliche Protokolle und Presseberichte eingesehen werden.[33] Für das Dorf Siebeneichen existiert ein sehr ausführlicher Nachlass der adligen Familie, der die Nutzung des Gutes vor 1945 dokumentiert und zahlreiche Aufzeichnungen, Briefe und Tagebücher des enteigneten Gutsbesitzers aus der Zeit der Bundesrepublik enthält. Auch für Bandenow ist eine eigene Überlieferung der Adelsfamilie vorhanden. Beide Bestände befinden sich im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam.
Die Methode der Oral History
In dieser Studie werden die Aussagen von Frauen und Männern, von Menschen adliger und nicht-adliger Herkunft analysiert, die mir Auskunft darüber gegeben haben, wie sie die Begegnungen zwischen den beiden Akteursgruppen – Adelsfamilien und Dorfbevölkerung – und die damit verbundenen lokalen Aushandlungsprozesse nach 1990 wahrgenommen haben. In themenzentrierten Interviews mit autobiographischen Anteilen haben Landwirte, Handwerker, ein Pfarrer und eine Pfarrerin, Bürgermeister, Menschen im Ruhestand und Angestellte, insgesamt 21 adlige und nicht-adlige Interviewte aus drei ehemaligen Gutsdörfern, berichtet, wie sich ihr Leben nach dem Umbruch von 1990 verändert hat. Ihre erzählten Erinnerungen handeln von der Zeit nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung, aber auch von der Zeit der DDR, der Zeit der Bundesrepublik und von den Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg, als in ihren Dörfern mit der Enteignung und der Bodenreform die traditionelle Gutsherrschaft endete. Sieben Adlige, die drei Adelsfamilien angehören, und vierzehn Einwohner aus drei verschiedenen Dörfern blickten aus den Jahren 2010 und 2011, als diese Interviews entstanden, auf ein wechselvolles 20. Jahrhundert zurück.[34] Es war mir wichtig, mit Schlüsselpersonen des öffentlichen Lebens in dem jeweiligen Dorf ins Gespräch zu kommen, mit Bürgermeistern und Pfarrern, die nicht nur über ihre eigene Lebensgeschichte, sondern auch über allgemeinere Angelegenheiten Auskunft geben konnten. Außerdem habe ich Personen mit einer engeren Beziehung zur Geschichte des Guts befragt, beispielsweise Kinder von Gutsangestellten. Von allen angefragten Zeitzeugen erklärten sich nur zwei Siebeneichener nicht zu einem Interview bereit. Das könnte Zufall sein, hat aber möglicherweise auch Gründe, um die es in den Kapiteln über Siebeneichen gehen soll. Bei den Adligen war die Bereitschaft, sich interviewen zu lassen, hingegen sehr groß: Alle, die ich um ein Interview bat, reagierten ausnahmslos mit Zusagen. Mit den Nachfahren der Gutsbesitzer in den drei ausgewählten Dörfern habe ich nach dem ersten Interview noch ein weiteres geführt, in dem ich auf ungeklärte Fragen zurückkam und eine biographische Erzählung, vor allem mit Schwerpunkt auf deren Leben in der Bundesrepublik, anregte. Besonders interessierte mich in diesen Gesprächen die innerfamiliäre Tradierung von Erinnerungen innerhalb der Adelsfamilien.[35] Für die beiden Dörfer Siebeneichen und Bandenow konnte ich zwei Generationen der ehemaligen Gutsfamilie interviewen. In Kuritz konnte ich nur den Enkel des letzten Gutsbesitzers befragen, der heute wieder in diesem Dorf lebt.
Die in den Interviews greifbaren Erinnerungen sind ebenso konkretes Ergebnis des Interviewprozesses selbst wie der individuellen Erfahrungsaufschichtung innerhalb jeder Lebensgeschichte.[36] Biographisches Erzählen zielt zum einen auf die Vergegenwärtigung der Vergangenheit und zum anderen auf die Darstellung einer in sich kohärenten Lebensgeschichte. Jede subjektive Erinnerungserzählung ist zudem sozial gerahmt, das heißt, sie ist an die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gruppen gebunden, wie zum Beispiel Familie, soziale Schicht, Altersgruppe, Beruf, Religion oder Geschlecht. Ob Mann oder Frau, adlig oder nicht-adlig, jung oder alt, Pfarrer oder Bäuerin: In allen diesen Erzählungen gibt es Schichten, die auf die jeweilige soziale Gruppe verweisen, aber auch solche Aspekte, die die Individualität jedes einzelnen Gedächtnisses ausmachen.[37] Die eigene Biographie zu erzählen heißt also nicht nur, eine in sich selbst schlüssige Geschichte zu präsentieren. Mit jeder lebensgeschichtlichen Interviewerzählung wird die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bekräftigt.[38] Das Erzählen folgt immer einem spezifischen sozialen Drehbuch oder Skript.[39] Bei der Interviewanalyse stehen nicht nur die dominanten Erzählmuster innerhalb dieses Drehbuchs im Mittelpunkt, sondern auch die Brüche und Widersprüche, die aus dem Erzählkontext hervorscheinen und auf tiefere Schichten der Erfahrung verweisen können.[40]
Die Erzählgemeinschaften von Adligen und Dorfbevölkerung
Im Unterschied zu anderen Oral-History-Studien geht es in meinem Buch nicht um eine einzige Gruppe oder eine Generation, sondern um zwei unterschiedliche Erzählgemeinschaften.[41] Nach Albrecht Lehmann konstituiert sich eine Erzählgemeinschaft aus der Gemeinsamkeit des sozialen Erlebens in einer Familie oder in einem sozialen Milieu, in einem Dorf oder auch in einem städtischen Wohnmilieu.[42]
Adlige und Menschen im Dorf stehen sich als zwei voneinander getrennte Erzählgemeinschaften gegenüber.[43] Für die interviewten Adligen ist die Enteignung von 1945 ein zentrales Ereignis ihrer Familiengeschichte im 20. Jahrhundert.[44] Die Erinnerung an diese Erfahrung konnten die adligen Familien innerhalb ihrer spezifischen Sozialformation in der Zeit der Bundesrepublik weitergeben und sich innerhalb ihrer sozialen Gruppe darüber solidarisieren.[45] Mit dem materiellen Verlust des Eigentums und mit dem verlorenen Zugang zum früheren Gutsdorf waren für diese Familien die zentralen Ressourcen für Macht und Herrschaft verlorengegangen. Vor allem die Schlösser und Gutshäuser, die Kirchen und die Friedhöfe sind die zentralen Räume des Gutes, mit denen sich auf einer symbolischen Ebene die Zugehörigkeit zu einem generationenübergreifenden Familienverband verknüpft. Der Pflege der Familienerinnerung kommt für den Adel eine besondere Bedeutung zu, weil auf diese Weise die herausgehobene gesellschaftliche Position auch in Niedergangsprozessen, wie nach dem Ende der Monarchie 1918 und der Enteignung 1945, zumindest symbolisch gehalten werden kann.[46] Die Selbstwahrnehmung der Erzählgemeinschaft der adligen Rückkehrer ist charakterisiert durch den Bezug auf die eigene Familiengeschichte mit der Gutsherrschaft vor 1945, den Erlebnissen von Enteignung, Flucht und Vertreibung, der Zeit in der Bundesrepublik und vor allem auf das Ereignis der Rückkehr nach Brandenburg.
In den Deutungen der Leute aus dem Dorf und in ihrem Reden über die Adligen verbinden sich hingegen Anti-Junker-Ressentiments aus der Zeit der DDR mit Erwartungshaltungen an einen paternalistischen, fürsorglich agierenden Gutsherrn oder auch mit Kritik an westdeutschen Investoren in der Zeit der Wiedervereinigung. Zentrale Ereignisse in diesen Erzählungen sind die Enteignung, die Bodenreform, die Kollektivierung der Landwirtschaft und der Umbruch von 1989/90. Die Erzählgemeinschaft der Dorfbevölkerung ist in sich heterogener als die der Adelsfamilien. Unter ihren Angehörigen dominiert eine Selbstwahrnehmung, die vor allem auf die DDR und die Erfahrung des Umbruchs von 1989/90 konzentriert ist. Aus diesen konträren Grunderfahrungen in beiden Gemeinschaften resultieren unterschiedliche Wahrnehmungen und Interessen, die sich auf die Aushandlungsprozesse im Dorf auswirken.
Forschungsperspektive
In allen Interviewerzählungen überlagern sich verschiedene Schichten von individuellen Erfahrungen und Deutungen mit Bildern und Vorstellungen, die in sozialen Gruppen und Gemeinschaften überliefert werden. In einem multiperspektivischen Zugriff verknüpfe ich in meiner Untersuchung diese unterschiedlichen subjektiven Erzählungen mit dem vorhandenen Archivmaterial. In einigen Fällen bestätigen die schriftlichen Überlieferungen die mündlichen Äußerungen, in anderen nicht.[47] Dann stellt sich die Frage, warum einige historische Ereignisse, die sich aus der schriftlichen Überlieferung rekonstruieren lassen, nicht Bestandteil der Erzählungen sind. Daneben existieren zahlreiche Geschichten, die von verschiedenen Interviewpartnern weitergegeben werden, für die es aber keine Entsprechung in den schriftlichen Quellen gibt. In dieser Untersuchung geht es nicht darum, die Aussagen der mündlichen Quellen mit den schriftlichen Überlieferungen abzugleichen und eventuelle Inkonsistenzen herauszuarbeiten. Die rekonstruierbaren historischen Ereignisse bilden vielmehr die Grundlage für die Untersuchung der Deutungen, die innerhalb der beiden Erzählgemeinschaften formuliert werden. Diese Vergangenheitskonstruktionen, Sinnzuschreibungen und räumlichen Narrative, die mit Erwartungen und konkreten Interessen verknüpft sind und die zum Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen beiden Akteursgruppen werden, stehen im Mittelpunkt dieses Buches.[48]
Wie bereits erwähnt wähle ich in meinem Buch einen methodischen Zugang, der sich aus der Verbindung von Raum- und Erinnerungstheorie ergibt. Daneben verorte ich meine Untersuchung in so unterschiedlichen Feldern wie Adels-, DDR- und Transformationsforschung und folge damit einem kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Ansatz.[49] An die Forschungen von Arnd Bauerkämper und Jens Schöne anknüpfend, untersuche ich die historische Entwicklung in drei ehemaligen Gutsdörfern nach 1945.[50] Ich betrachte die Gutsdörfer in der DDR und die Adelsfamilien in der Bundesrepublik dabei in einer beziehungsgeschichtlichen Perspektive.[51] Diese »asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte« über die Begegnung zweier unterschiedlicher Akteursgruppen in drei ehemaligen Gutsdörfern verfolge ich außerdem über die Zäsur von 1989/90 hinaus bis fast in die Gegenwart.[52] Der Untersuchungszeitraum der Arbeit erstreckt sich dabei vom Zeitpunkt der Interviews 2010/2011 rückblickend in eine Vergangenheit, die ungefähr 80 bis 100 Jahre zurückliegt. Der zeitliche Erfahrungsraum umfasst jeweils drei Generationen[53] und damit diejenigen Erinnerungen, die beispielsweise in einer Familie von der Elterngeneration an die Kinder und Enkelkinder weitergegeben werden.[54] Meine älteste Interviewpartnerin, Clara von Sierstedt aus Siebeneichen, ist 1922 geboren: Ihre Erzählungen und die einiger anderer Zeitzeugen reichen bis in die Zeit der Gutsherrschaft zurück.
Meine Annäherung an die untersuchten Gutsdörfer in der Zeit der DDR und vor 1945 sowie an die Adelsfamilien in der Bundesrepublik erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch eröffnet sich durch die Auswahl der Beispiele, die mündlichen Erzählungen und die schriftlichen Quellen ein Mosaik, in dem die Konflikte, Kompromisse und Konsensbildungen in den ehemaligen Gutsdörfern nach 1989/90 und zugleich die damit verbundenen tieferen Zeitschichten aufgezeigt werden können. In den Auseinandersetzungen der Transformationsperiode beziehen sich die unterschiedlichen Akteure auf verschiedene Zeitschichten aus der Zeit der DDR, der Bundesrepublik und der vorangegangenen Gutsherrschaft, die in den Erzählungen gleichzeitig vorhanden und wirksam sind.[55]
Der Umbruch von 1989/90 und der Systemwechsel nach dem Ende der DDR sollen hier nicht als eine eindeutige Zäsur, sondern – unter Einbeziehung seiner Vorgeschichte und seiner langfristigen Folgen – als eine längere Übergangsperiode betrachtet werden. Im ehemaligen Gutsdorf lässt sich der »Wandel nach der Wende«[56] nur im Zusammenhang mit dem Umbruch von 1945 und den jeweiligen politischen und sozialen Parallelentwicklungen in der DDR und in der Bundesrepublik verstehen. Mit dieser These schließe ich an neuere Studien zur historischen Transformationsforschung an, die ihren Untersuchungszeitraum über die Zäsur von 1989/90 hinweg ausdehnen und auch die Vorgeschichte in der DDR und in der Bundesrepublik mit einbeziehen.[57] Im Unterschied zur bereits existierenden, in erster Linie politikwissenschaftlich und an den Ereignissen von Mauerfall und Wiedervereinigung ausgerichteten Transformationsforschung[58] soll mit diesem Ansatz eine Vereinigungsgesellschaft in den Blick genommen werden, in der sich auf verschiedenen gesellschaftlichen Feldern über einen längeren Zeitraum vor, während und nach 1989/90 Entwicklungen und Aushandlungsprozesse mit ihren spezifischen Dynamiken vollzogen haben.[59]
Den Umbruch von 1989/90 und die Jahre danach hat der Historiker Jürgen Danyel als eine Zeit beschrieben, »in der das Alte noch nicht völlig verschwunden war und das Neue sich erst allmählich zu etablieren begann«.[60] Alt und Neu sind als konträres Begriffspaar auch in meinem Buch zentral. In jeder sozialen Gruppe, in jedem Individuum, in jeder Erfahrung – »in der viele Schichten früherer Zeiten zugleich präsent sind, ohne über deren Vorher und Nachher Auskunft zu geben«, so der Historiker Reinhart Koselleck[61] – ist Altes und Neues in einem sich ständig verändernden Mischungsverhältnis verwoben. So sind Geschichte, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpft. Der Titel dieses Buches »Alter Adel – neues Land?« verweist auf die Konstruktion einer langen generationenübergreifenden Kontinuitätslinie innerhalb der Adelsfamilien, die sich nach 1990 wieder in einem Land ansiedeln, dessen Bewohner vom SED-Sozialismus geprägt sind und dessen Bevölkerungsstruktur sich nach den Umbrüchen von 1945 und 1989/90 tiefgreifend verändert hat. Aber auch die Umkehrung des Begriffspaares wäre möglich: »Neuer Adel – altes Land?« – weil sich nicht nur das Land und seine Bewohner in der Zeit des Sozialismus verändert haben, sondern auch der Adel während der Jahre der Bundesrepublik soziale Wandlungsprozesse erlebt hat.[62]
Bei der Rückkehr der Adligen in die ehemalige DDR geht es nicht nur um lokal begrenzte Dorfgeschichte. Die umstrittene Rolle der adligen Gutsbesitzer als militärisch-politische Elite bis 1945 wurde in der Geschichtswissenschaft, in der Öffentlichkeit der alten Bundesrepublik und nach 1990 kontrovers diskutiert.[63] Die Debatte über die Rolle der Adligen ist nach dem Ende der DDR im Zusammenhang mit der Debatte über die nicht erfolgte Rückgabe des enteigneten Landes neu entflammt und bis heute aktuell.[64] Die Auseinandersetzungen zwischen Adligen und Dorfbevölkerung in der postsozialistischen Gesellschaft sind bisher vor allem ein medial vielfach beleuchtetes Thema gewesen.[65] Geschichtswissenschaftliche Arbeiten, die das Verhältnis zwischen beiden Gruppen mit einem beziehungs- und erinnerungsgeschichtlichen Ansatz in den Blick nehmen, gibt es jedoch bislang nicht.[66] Diese Lücke möchte dieses Buch schließen.
Aufbau des Buches
Im ersten Kapitel werden die historischen Rahmenbedingungen für die Rückkehr der Adligen in die früheren Gutsdörfer nach 1990 vorgestellt. Damit wird der Bogen über das 20. Jahrhundert von der Gutsherrschaft über die Enteignung 1945, die Zeit der Bundesrepublik und der DDR bis in die Gegenwart gespannt. Anschließend werden in einem Überblick die drei Dörfer vorgestellt. In den folgenden fünf Kapiteln werden die Räume der früheren Güter, die damit verbundenen Erzählungen und die Auseinandersetzungen zwischen Adligen und Dorfbevölkerung in den drei Dörfern untersucht, beginnend mit den Gutshäusern und Schlössern, danach die ehemaligen Patronatskirchen, die adligen Familienfriedhöfe, die Felder und Wälder und zuletzt die Parks. An diese Kapitel schließt sich jeweils ein kurzer Vergleich zur Situation in den drei Dörfern an, in dem die Unterschiede und Parallelen in der Auseinandersetzung um den jeweiligen Raum von der Zeit der Gutsherrschaft über die DDR bis nach 1989/90 diskutiert werden. Auf diesen Hauptteil der Untersuchung folgt ein Exkurs zum ambivalenten Verhältnis von Schweigen und Reden in diesen Dörfern von der Gutsherrschaft bis in die Gegenwart. Ein Schlusskapitel fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen.
Siebeneichen gibt es nicht, genauso wenig wie Bandenow und Kuritz – aber natürlich gibt es die drei Dörfer, die sich hinter diesen Namen verbergen.[67] Um die Persönlichkeitsrechte der befragten Interviewten zu wahren, wurden für alle Personen und Orte fiktive Namen gewählt.[68] Die Untersuchung folgt damit den Standards der Oral-History-Forschung, doch hat die Anonymisierung noch einen weiteren Grund: In diesem Buch soll es nicht in erster Linie um den Einzelfall eines ehemaligen Gutsdorfs mit seiner spezifischen Lokalgeschichte gehen, sondern darum, wie sich das Allgemeine im Besonderen zeigt. In der Auswertung der Interviews möchte ich verallgemeinerbare Muster und Tendenzen im Umgang mit den früheren Gütern für diese drei Dörfer deutlich machen. Jedes Dorf für sich ist ein Sonderfall der deutsch-deutschen Wiedervereinigungsgeschichte. Auf lokaler Ebene sind sich in diesen Dörfern seit 1990 Ostdeutsche und Westdeutsche begegnet und haben sich in komplexen Aushandlungsprozessen mit der Neuordnung des dörflichen Raumes auseinandergesetzt. Lässt sich von diesem lokalen Sonderfall der Transformationsgeschichte etwas für die gesamtdeutsche Situation ableiten? Vom Besonderen zum Allgemeinen und von der Nahaufnahme zur Sicht auf das Ganze, das ist die Suchbewegung, der ich mit dieser Studie folge.[69]
1. Geschichte als Rahmen
Die Zäsuren des 20. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf das Gutsdorf
1.1. Die deutsche Einheit 1990:
Neuordnung von Grund und Boden
Den Rahmen für die Auseinandersetzungen zwischen adligen Rückkehrern und Dorfbewohnern im postsozialistischen Brandenburg bildet eine Vereinbarung, die als »Gemeinsame Erklärung der Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik zur Regelung offener Vermögensfragen« am 15. Juni 1990 getroffen wurde. Im Dezember 1989 hatten sich Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow darauf geeinigt, eine deutsch-deutsche Arbeitsgruppe zur Klärung der Vermögensfragen einzusetzen.[1] Im ersten Halbjahr 1990 trafen sich dazu Experten aus beiden Staaten mehrfach.[2] Die »Gemeinsame Erklärung« vom 15. Juni 1990 war das Ergebnis dieses bilateralen Aushandlungsprozesses. Sie wurde mit demselben Wortlaut in den Artikel 41 und als Anlage in den Einigungsvertrag vom 3. Oktober 1990 übernommen – und damit Gesetz.[3] In diesem heißt es:
»Die Enteignungen auf besatzungsrechtlicher bzw. besatzungshoheitlicher Grundlage (1945 bis 1949) sind nicht mehr rückgängig zu machen. Die Regierungen der Sowjetunion und der Deutschen Demokratischen Republik sehen keine Möglichkeit, die damals getroffenen Maßnahmen zu revidieren. Die Regierung der Bundesrepublik nimmt dies im Hinblick auf die historische Entwicklung zur Kenntnis. Sie ist der Auffassung, dass einem künftigen gesamtdeutschen Parlament eine abschließende Entscheidung über etwaige staatliche Ausgleichsleistungen vorbehalten bleiben muss.«[4]
Für diejenigen, die bereits unter sowjetischer Besatzungsherrschaft enteignet worden waren, sah dieses Gesetz also keine Entschädigung für verlorenes Eigentum und Vermögen vor, ebenso wenig für ihre Nachfahren. Im Unterschied dazu galt für Enteignungen nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 der Grundsatz der Restitution – und zwar nach dem Prinzip »Rückgabe vor Entschädigung«. Ab September 1945 waren in der sowjetischen Besatzungszone im Zuge der Bodenreform alle Großbauern mit einem Betrieb über 100 Hektar Größe sowie diejenigen, denen eine Beteiligung an NS-Verbrechen vorgeworfen wurde, entschädigungslos enteignet worden. Der aus der Bodenreform resultierende Strukturwandel in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands sollte 1990 nicht wieder rückgängig gemacht werden. Dadurch sollten mögliche Konflikte zwischen DDR-Bürgern, die auf Bodenreform-Land ihre Häuser gebaut hatten, und Bundesbürgern, die auf dieses Land Anspruch erheben würden, verhindert werden. Die Regierung der Bundesrepublik fügte sich also in diesem Punkt den Interessen der sowjetischen wie der DDR-Regierung. Im Gesetzestext erläuterte sie diese Entscheidung unter Verweis auf die historische Entwicklung. Mit dem Hinweis auf eine noch ausstehende Regelung, die der Bundestag verabschieden sollte, machte sie den Betroffenen zugleich Hoffnung auf spätere Ausgleichsleistungen.[5]
Warum mit den Enteignungen, die vor 1949 in der sowjetischen Besatzungszone durchgeführt wurden, grundsätzlich anders umgegangen wurde als mit denjenigen, die nach 1949 in der DDR stattfanden, ist zum einen mit einer verhandlungstaktischen Ebene im Einigungsprozess zu erklären. Zum anderen geht es um die historische Entwicklung, auf die im Gesetz verwiesen wird. Diese im Wortlaut nicht genauer erläuterten geschichtlichen Zusammenhänge, als deren Folge das Gesetz selbst zu verstehen ist, sind Ausdruck der komplexen Problemlage von 1990. Damals ging es darum, in einem relativ kurzen Verhandlungszeitraum zwischen Dezember 1989 bis Oktober 1990 einen sozialverträglichen Ausgleich zwischen den rechtlichen Ansprüchen der DDR-Bürger, die Bodenreform-Eigentum besaßen und nutzten, und den Erwartungen der Enteigneten auf Wiedergutmachung herzustellen. Außerdem musste die Position der Sowjetunion berücksichtigt werden, die 1945 als Besatzungsmacht die Bodenreform in ihrem Einflussbereich durchgesetzt hatte. Nach der Wiedervereinigung standen sich damit zwei konkurrierende Eigentumsansprüche, gegenüber, die einander ausschlossen. Vor allem die Frankfurter Allgemeine Zeitung bot in den folgenden Jahren eine Plattform für konservative Kritik an dieser nicht erfolgten Restitution.[6]
Dieser umstrittene Umgang mit den SBZ-Enteignungen nach 1990, gegen den die Nachfahren der früheren Guts- und Großgrundbesitzer erfolglos vor dem Bundesverfassungsgericht und vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagten, steht in einer längeren Kontinuitätslinie, die über die Zeit der DDR und die Jahre der sowjetischen Besatzungsherrschaft bis in die Jahrzehnte vor 1945 zurückreicht. In den folgenden Kapiteln soll die »Gemeinsame Erklärung zur Regelung offener Vermögensfragen« vom Juni 1990 vor dem Hintergrund der Umbrüche des 20. Jahrhunderts eingeordnet werden. Zuerst betrachte ich die soziale Situation im preußischen Gutsdorf vor 1945 sowie anschließend die unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungen in der DDR und der Bundesrepublik nach der Enteignung der Gutsbesitzer und der Bodenreform 1945. Auf diese Weise soll der historische Kontext erläutert werden, in den die Rückkehr der Adelsfamilien nach Brandenburg seit 1990 eingeordnet werden kann.
1.2. Das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945:
Der Untergang der alten Welt von Adel und Dorf
Der Abstieg des Adels und das preußische Gutsdorf
Das 19. und 20. Jahrhundert waren für den preußischen Adel eine Zeit des gesellschaftlichen Abstiegs. Auf gesetzlicher Ebene hatten die Gutsbesitzer mit den Agrarreformen seit 1807 in den Dörfern immer mehr an Einfluss und Macht verloren; außerdem konnten die Gutsbesitzer nun nicht-adliger Herkunft sein.[7] Mit dem Ablösungs- und Regulierungsgesetz vom 2. März 1850 wurden die leibherrlichen Bindungen, die sogenannte Erbuntertänigkeit, aufgehoben. In der Folge konnten sich die Bauern und Leibeigenen gegen eine Entschädigungszahlung von ihren traditionellen Diensten und Abgaben gegenüber ihrem Lehnsherrn freikaufen.[8] Damit war die jahrhundertelange Verfügungsgewalt des Adels über »Land und Leute« aufgehoben, die der preußische König nach mittelalterlichem Lehnsrecht an den Landadel verliehen hatte. 1872 wurden zudem die gutsherrliche Polizeigewalt und die Gerichtsbarkeit aufgehoben.[9] Die größte Zäsur in diesem Abstiegsprozess des Adels aber war das Ende der Monarchie. Am 9. November 1918 dankte Wilhelm II. als letzter deutscher Kaiser ab und emigrierte ins niederländische Exil nach Doorn. Der preußische Hof wurde aufgelöst. Mit der Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung 1919 (Artikel 109, Absatz 3) wurde der Adel als eigener Stand abgeschafft.[10] Noch bis zum 1. Oktober 1928 bestanden in Preußen neben kommunal verwalteten Bezirken allerdings die sogenannten »Gutsbezirke« fort, in denen der Gutsherr qua Gesetz auch Oberhaupt der lokalen Selbstverwaltung war.[11] Außerdem nutzten die Gutsbesitzer seit dem 19. Jahrhundert ein besitzrechtliches Privileg, ihr Eigentum abzusichern, den sogenannten »Fideikommiss«.[12] Damit wurde das Gut zu einer rechtlichen Einheit zusammengefasst, das nicht verkauft, an verschiedene Erben weitergegeben oder mit Krediten belastet werden durfte.[13] Obwohl in der Weimarer Reichsverfassung festgeschrieben worden war, dass die Fideikommisse aufzulösen seien, zog sich dieser Prozess aufgrund von Protesten aus adligen Kreisen bis 1938 hin.[14]
Diese rechtlichen und politischen Veränderungen im 19. und im beginnenden 20. Jahrhunderts die von einer zunehmenden Industrialisierung und Modernisierung der Arbeits- und Produktionsprozesse in der Landwirtschaft begleitet waren, führten zu einem Wandel im Gutsdorf. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs machten sich hier aber immer noch vormoderne, feudale Herrschaftsbeziehungen bemerkbar. Zu diesen Überresten gehörte auch das Kirchenpatronat, mit dem für den Adel Privilegien und Herrschaftsrechte verbunden waren. Der adlige Kirchenpatron hatte das Recht, den protestantischen Pfarrer zu bestimmen, und verfügte damit über eine Möglichkeit, das soziale Gefüge des Dorfes zu beeinflussen und zu steuern. Gleichzeitig war der Gutsherr für die Renovierungsmaßnahmen an der Kirche zuständig. Das Patronat existierte in den Gutsdörfern bis 1945, obwohl in Preußen schon seit 1848/49 über seine Aufhebung diskutiert worden war.[15] Die landeskirchlichen Leitungsorgane hatten letztlich kein Interesse daran, die Patronate aufzulösen, vor allem weil der Patron die notwendigen Kirchensanierungen, die sogenannte »Baulast«, übernahm.
Trotz aller weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen blieb das preußische Gutsdorf noch während der Zeit des Nationalsozialismus bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Ort, an dem die Gutsbesitzer und ihre Angestellten zusammen mit den Bauern und Handwerkern des Dorfes in einem klar geordneten Herrschaftsgefüge lebten. Bis zum Mai 1945 waren der Gutsbetrieb der dominierende Wirtschaftsfaktor und der Gutsherr die unangefochtene Respektsperson im Dorf. Die Gutsangestellten erlebten in diesem hierarchisch gegliederten Verhältnis Fürsorge und Schutz, aber auch Ausbeutung und Abhängigkeit. Dieser sogenannte Paternalismus beruhte auf persönlichen Autoritätsbeziehungen und konnte so die Gutsherrschaft als informelles, aber dennoch wirkungsmächtiges Strukturprinzip im Dorf bis 1945 stabilisieren und erhalten.[16]
Perspektiven über das Gutsdorf hinaus
In der ständischen Gesellschaft unterschieden sich die Horizonte von Adligen und Dorfbewohnern. Während die Leute im Dorf ihren Arbeits- und Besitzverhältnissen entsprechend in unterschiedlicher Weise auf den Gutsbesitzer als Arbeitgeber und als dörfliche Autoritätsperson bezogen waren, waren die Adligen in Netzwerke eingebunden, die über das Gutsdorf hinausreichten. Als Folge des mittelalterlichen Lehnswesens standen die Adelsfamilien als sozial abgeschlossene Gruppe untereinander und zum preußischen König in enger Beziehung. Der Berliner Königshof war bis zum Ende der Monarchie 1918 ein Ort kultureller Repräsentation wie auch der politischen Lobbyarbeit, den die adligen Gutsbesitzer für ihre Interessen nutzen konnten, beispielsweise wenn es um die von ihnen geforderten Schutzzölle für Getreide ging. Über die Erste Kammer des preußischen Abgeordnetenhauses verfügte der Adel bis 1918 über eine direkte politische Einflussmöglichkeit.[17] Adlige Männer verfolgten häufig Laufbahnen im preußischen Militär und konnten sich so Karrierewege eröffnen, die aus dem Gutsdorf hinausführten.[18] Über ihre spezifischen Netzwerke waren die Adligen in größere regionale Zusammenhänge eingebunden. Zudem verfügten sie durch die Vorstellung einer generationenübergreifenden Familientradition über zeitliche Horizonte, die zumeist länger in die Vergangenheit zurückreichten als die üblichen Vorstellungswelten der Dorfbewohner. Je stärker der Adel im 19. und 20. Jahrhundert gesellschaftlichen Abstiegstendenzen ausgesetzt war, umso wichtiger wurde es für seine Angehörigen, diesen innerfamiliären Zusammenhalt zu stärken und sich dadurch als herausgehobener Stand nach außen hin abzugrenzen.[19]
Das Ende der Monarchie, die politischen Veränderungen der Weimarer Republik, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise verstärkten in den adligen Familien die Wahrnehmung eines rapiden gesellschaftlichen und teilweise auch sozialen Abstiegs. Das konnte wiederum zu einem Interesse an und einer Hinwendung zur nationalsozialistischen Ideologie führen. So war in der NSDAP der Adel bereits im Januar 1933 überrepräsentiert.[20] Dabei waren es weniger die vermögenden Gutsbesitzer als die verarmten, sozial destabilisierten Teile des Kleinadels, die diesen politischen Radikalisierungsprozess vorantrieben.[21] Die meisten brandenburgischen Gutsbesitzer ließen nach dem Umbruch von 1918 eine offen republikfeindliche, monarchistische Gesinnung erkennen. Institutionell schlug sich diese in der Mitgliedschaft in der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) oder im Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten nieder.[22] Neben der anfänglichen Begeisterung für den Führer speiste sich aus dieser (Selbst-)Wahrnehmung einer gesellschaftlich abgeschlossenen Gruppe mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein, das über die Gegenwart hinausreichte, aber auch der adlige Widerstand gegen Hitler bezog sich darauf.[23] Das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 war vor allem von adligen Offizieren vorbereitet und ausgeführt worden, die sich aus vielfältig verwobenen Freundes- und Familienkreisen kannten und die für ihre Aktivitäten adlige Netzwerke in Anspruch nehmen konnten.[24] Als ländliche Bastionen adliger Herrschaft und gesellschaftlicher Vorrangstellung waren die Adelsgüter von den Nationalsozialisten weitgehend unangetastet gelassen worden und boten damit eine Ausgangsbasis für die Organisation des Widerstands, der zum Attentat auf Adolf Hitler führte.[25]
Der »Junker« als Figur der Kritik im 19. und 20. Jahrhundert
Parallel zur allmählichen Abschaffung der ständischen Privilegien seit Beginn des 19. Jahrhundert veröffentlichten Publizisten und Wissenschaftler wie Hugo Preuß, Max Weber oder Ferdinand Tönnies in der Zeit des Kaiserreichs verschiedene Schriften, in denen die »Junker« in den Fokus ihrer politisch linksliberal motivierten Kritik gerieten. So schrieb Preuß 1897:
»Alle Versuche, das Junkertum in einen modernen, politischen Adel zu verwandeln, mussten und müssen fruchtlos sein. Man kann einer sozialen Gruppe nicht ihre spezifischen Existenzbedingungen nehmen, ohne sie selbst aufzulösen. Und die Existenzbedingungen dieses Junkertums wurzeln ein für allemal in rückständigen Wirtschaftsformen.«[26]
Weber und Tönnies lasteten den »Junkern« zudem an, dass sie durch ihre Interessenpolitik die Entwicklung des Kaiserreichs von einem Agrar- zu einem Industriestaat blockierten. Vor allem kritisierten sie die Bildung der Fideikommisse als privilegierte Besitzform, mit der die Adelsfamilien ihren Landbesitz der Marktkonkurrenz entzogen.[27]
Einen administrativ-politischen Ausdruck fand die Junkerkritik mit der Auflösung Preußens 1947, aber vor allem mit der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone 1945 als einer grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzung. Diese politischen Weichenstellungen bildeten den Abschluss eines Entwicklungsprozesses, in dem seit dem 19. Jahrhundert die adligen Gutsherren immer weiter an Macht und Einfluss verloren hatten. Die Alliierten begründeten die Auflösung Preußens im Kontrollratsgesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947 damit, dass Preußen »seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist«.[28] Auf ähnliche Weise hatte das führende KPD-Mitglied Anton Ackermann am 14. Juni 1945 den Aufruf der KPD zur Bodenreform erläutert. Darin forderte Ackermann dazu auf,
»gleichzeitig mit der völligen Vernichtung der Überreste des Hitlerstaates und der Hitlerpartei den reaktionären Schutt aus der Vergangenheit hinwegzuräumen, den die feudalen Überreste darstellen, vor allem der reaktionäre preußische Militarismus mit allen seinen ökonomischen und politischen Ablegern«.[29]
In der DDR wurde die Anti-Junker-Propaganda zur offiziellen politischen Leitlinie, mit der die Bodenreform legitimiert und die ländliche Bevölkerung in den neugegründeten sozialistischen Staat integriert werden sollten.[30] Auch im westlichen Teil Deutschlands wurden die Adligen als Führungsschicht des preußischen Staates zu den Hauptschuldigen des Zweiten Weltkriegs erklärt, so etwa in der 1946 erschienenen Schrift »Die deutsche Katastrophe« des Historikers Friedrich Meinecke.[31] Weitergeführt und zugespitzt wurde diese Deutung dann in der These des »deutschen Sonderwegs« von einer jüngeren bundesrepublikanischen Historikergeneration in den 1960er und 1970er Jahren, die damit vor allem an die Forschungen des in der NS-Zeit in die USA emigrierten deutsch-jüdischen Historikers Hans Rosenberg anknüpfte.[32] Rosenberg beendete seine 1978 erschienenen Ausführungen über »Die Pseudodemokratisierung der Rittergutsbesitzerklasse« damit, dass er deren »Helfersdienste bei der Heraufbeschwörung der deutschen Katastrophe und in ihrem Gefolge die historische Vernichtung des ostdeutschen Gutsbesitzertums« feststellte und mit den Worten schloss: »Wer möchte wohl ernsthaft daran glauben, dass im Falle einer deutschen Wiedervereinigung im westlichen Sinne die ostelbische Rittergutsbesitzerklasse wiederauferstehen würde?«[33] Mit diesen Überlegungen sollte Rosenberg recht behalten. Den Nachfahren der Gutsbesitzer wurde 1990 ihr ehemaliger Familienbesitz nicht restituiert.
1.3. Getrennte Wege 1945-1990: Adelsfamilien in der Bundesrepublik und Dorfbevölkerung in der DDR
Die Regelungen im Einigungsvertrag und die Reaktion der betroffenen Adligen
Mit der »Gemeinsamen Erklärung« vom Juni 1990 setzte sich die Entscheidung gegen die Restitution der zwischen 1945 und 1949 enteigneten Vermögenswerte in der juristischen Ausgestaltung des Einigungsprozesses durch.[34] Die Betroffenen der SBZ-Enteignungen und ihre Nachfahren konnten diese für sie nachteilige gesetzliche Regelung nicht nachvollziehen, wie mir alle meine adligen Interviewpartner erklärten. Sie argumentierten mit der Idee einer notwendigen und umfassenden Wiedergutmachung von Unrecht, das sie und ihre Vorfahren in der Vergangenheit erlitten hatten. Nach dieser Vorstellung von Gerechtigkeit sollten den Opfern von Gewalt und Willkürakten, wie sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der sowjetischen Besatzungszone geschehen waren, Wiedergutmachungs- und Entschädigungsleistungen zustehen.[35] Diese Ideen vertraten nicht nur die Adligen, die ich interviewt habe, sondern sie sind auch im öffentlichen Bewusstsein und im Wertekanon der westlichen »postheroischen Gesellschaften« tief verankert.[36] Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs lässt sich eine Tendenz zur »Viktimisierung« feststellen, d. h. eine Verlagerung vom heroischen Gedenken hin zu Diskursen, die das Opfer in den Mittelpunkt stellen. Dieser Fokus auf der Opferperspektive verlangt allerdings, dass die betroffene Opfergruppe in einem umfassenden Sinne als unschuldig angesehen werden muss.[37] Diesen eindeutigen Opferstatus konnten die nach 1945 enteigneten Gutsbesitzer nicht für sich reklamieren, denn in der öffentlichen Wahrnehmung wurde dem Adel eine wesentliche Mitschuld am Aufstieg Hitlers und am preußischen Militarismus zugeschrieben.[38] Mit dieser Deutung wurde der Opferstatus der Adligen in Frage gestellt, ganz unabhängig von der Tatsache, dass ihnen 1945 ihr Besitz gewaltsam entzogen worden war und sie zwangsweise in die westlichen Besatzungszonen übersiedeln mussten.
Vor allem der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, hatte im Einigungsprozess dafür plädiert, die Eigentumsveränderungen der Bodenreform nicht anzutasten und auf die Restitution des 1945 enteigneten Gutsbesitzes zu verzichten.[39] Darin unterstützt wurde er vom Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, der jedoch im Nachhinein den Anteil der Sowjetunion an der Festschreibung der Bodenreform für gering erklärte, die er als deutsch-deutsche Vereinbarung betrachtete.[40] Im Gegensatz hierzu sagte der damalige Leiter der Abteilung 2 im Auswärtigen Amt, Dieter Kastrup, der auf Seiten der Bundesrepublik an den Verhandlungen mit der UdSSR beteiligt gewesen war, dass die sowjetische Regierung 1990 konsequent an der Festschreibung der Bodenreform festgehalten hätte.[41] Ob auch die Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl schon von Beginn der deutsch-deutschen Verhandlungen an einen Ausschluss von Restitutionen für die Enteignungen zwischen 1945 und 1949 favorisierte oder ob sie damit lediglich auf ostdeutsche und sowjetische Forderungen reagierte, bleibt bis heute eine offene Frage.[42]
Die Gegner der Bodenreform-Regelung waren mit dieser Entscheidung jedenfalls nicht einverstanden und legten nach Abschluss des Einigungsvertrags eine Verfassungsbeschwerde ein, die jedoch am 23. April 1991 vom Bundesverfassungsgericht abgelehnt wurde.[43] Darauf reagierten die Betroffenen mit einer erneuten Klage. Am 18. April 1996 bestätigte das Bundesverfassungsgericht in diesem Punkt den Einigungsvertrag.[44] Nach diesen beiden Niederlagen reichten die Betroffenen noch einmal auf europäischer Ebene ihre Klage ein. Doch auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg kam am 30. März 2005 zu dem Ergebnis, dass die deutsche Rechtslage im Umgang mit den Enteignungen 1945 nicht gegen die Menschenrechtskonvention verstößt.[45] Die zwischen 1945 und 1949 enteigneten Adelsfamilien, die nach der Wiedervereinigung in die ehemalige DDR zurückkehren wollten, konnten also nicht mit der Restitution ihres früheren Eigentums rechnen. Vielmehr mussten sie den ehemaligen Familienbesitz von der Treuhandanstalt zurückkaufen oder pachten.[46] Die »Treuhand« war als öffentliche Behörde dafür eingesetzt, die volkseigenen Betriebe sowie die enteigneten, volkseigenen land- und forstwirtschaftlichen Flächen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu privatisieren. 1992 übernahm dann die Bodenverwertungs- und -verwaltungs-GmbH (BVVG) als eigene Behörde die Aufgabe, ausschließlich die Bodenflächen zu verwalten, zu verpachten und zu verkaufen. Hierhin mussten sich die Adelsfamilien wenden, wenn sie ihren früheren Besitz in den Gutsdörfern zurückbekommen wollten.
Die Rückkehr des Adels in die ehemalige DDR nach 1990
1990 begegneten sich in den ehemaligen Gutsdörfern die bundesrepublikanisch sozialisierten Nachfahren der ehemaligen Gutsbesitzer und die vom DDR-Sozialismus geprägten Dorfbewohner, aber die Herrschaftselite von einst verfügte nun nicht mehr über die materielle Vormachtstellung wie zur Zeit der traditionellen Gutsherrschaft. 1990 vollzog sich in diesen Dörfern ein erneuter Wandel, ähnlich tiefgreifend wie in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Bodenreform und der Kollektivierung. Jetzt wurden die großen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) wieder zu bäuerlichen und genossenschaftlichen Betrieben umstruktiert. Die Übernahme des politischen Systems der Bundesrepublik, der Übergang von der sozialistischen Wirtschaftsordnung zur sozialen Marktwirtschaft sowie die damit verbundenen grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen waren in den ländlichen Regionen der ehemaligen DDR von einer ökonomischen Anpassungskrise mit hoher Arbeitslosigkeit begleitet, die ihren Höhepunkt 1992 erreichte.[47] In dieser krisenhaften Umbruchssituation trafen nun die Nachfahren der adligen Gutsbesitzer und die Dorfbevölkerung mit ihren jeweils unterschiedlichen historischen und lebensgeschichtlichen Prägungen aufeinander.
Rückblende I: Die vertriebenen Adligen und ihre soziale Situation seit 1945
Die allermeisten der enteigneten brandenburgischen Adelsfamilien waren 1945 aus der sowjetisch besetzten Zone geflüchtet. Sie gehörten damit zu den ungefähr 14 Millionen vertriebenen Deutschen nach 1945.[48] Mit der Ankunft in den westlichen Besatzungszonen war häufig ein sozialer Abstieg der vormals landbesitzenden und vermögenden Adelsfamilien verbunden. Schwierigkeiten bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche sowie Versorgungsengpässe bei Nahrungsmitteln und Heizmaterial bestimmten die ersten Nachkriegsjahre. Der Rückgriff auf adlige Netzwerke und Verwandtschaftsbeziehungen konnte die Etablierung im Westen erleichtern, dennoch hatten gerade Vertriebene mit einer landwirtschaftlichen Berufsausbildung in der stärker auf die Industrie ausgerichteten Wirtschaft in den westlichen Besatzungszonen häufig einen schweren Start.[49] Eine finanzielle Unterstützung durch staatliche Stellen erhielten die geflohenen brandenburgischen Gutsbesitzer in den allermeisten Fällen vorerst nicht. Lediglich die Gutsbesitzer aus der Neumark, dem Teil Brandenburgs östlich der Oder-Neiße-Grenze, gehörten rechtlich gesehen zu den Vertriebenen aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches. Diese Gruppe hatte ab 1952 Anspruch auf den sogenannten »Lastenausgleich«. Die Vertriebenen erhielten in der Bundesrepublik Sozialleistungen, Renten und eine Entschädigung für das verlorene Vermögen.[50] Die meisten der brandenburgischen Gutsbesitzer hatten jedoch in dem Teil Brandenburgs gelebt, der ab 1945 zur sowjetischen Besatzungszone gehörte, und waren deswegen anfangs vom Lastenausgleich ausgenommen.[51] Erst mit der Novellierung des Lastenausgleichsgesetzes von 1965 wurde die ungleiche Behandlung der Flüchtlinge aus der SBZ/DDR aufgehoben. Die ersten Entschädigungszahlungen erhielten die früheren Gutsbesitzer allerdings erst ab 1971 – und damit mehr als 25 Jahre nach ihrer Enteignung. Bei der Entschädigung des verlorenen Vermögens wurde der Einheitswert von 1935 zugrunde gelegt. Die so ermittelten Grundbeträge wurden nur bis zur Höhe von 4.800 Reichmark (RM) vollständig in Deutsche Mark (DM) entschädigt, bei Eigentum im Wert von bis zu 100.000 RM verminderte sich die Entschädigung auf ungefähr 25 % des Grundbetrags und bei Schäden über einer Million Reichsmark lag die Entschädigung nur noch bei ungefähr 6,5 % des enteigneten Vermögens.[52]
Die ersten Auszahlungen an die Enteigneten der Bodenreform von 1945 erfolgten während der sozialliberalen Koalitionsregierung unter Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) und damit in einer Zeit, als die DDR und die Bundesrepublik zum ersten Mal seit ihrer Gründung 1949 über zwischenstaatliche Abkommen verhandelten. Mit dem sogenannten Grundlagenvertrag vom November 1972 zwischen beiden deutschen Staaten war die Anerkennung der Zweistaatlichkeit verbunden. Zwar war in der Präambel des Lastenausgleichsgesetzes der ausdrückliche Vorbehalt festgeschrieben, »dass die Gewährung und Annahme von Leistungen keinen Verzicht auf die Geltendmachung von Ansprüchen und Rückgabe des von den Vertriebenen zurückgelassenen Vermögens bedeutet«.[53] Trotzdem hießen die Entschädigungszahlungen in den frühen 1970er Jahren für die enteigneten Gutsbesitzer-Familien zweierlei: zum einen die späte gesetzliche Anerkennung des individuellen Eigentumsverlustes – und zum anderen die zunehmende Delegitimierung von Rückkehrhoffnungen auf die früheren Güter in einer Zeit, in der mit der politischen Akzeptanz der Zweistaatlichkeit die Aufhebung der deutschen Teilung in immer weitere Ferne gerückt war.
Die Adligen als distinkte soziale Gruppe in der Bundesrepublik
Die Enteignung und die Vertreibung 1945 waren prägende Ereignisse für die adligen Familien, denn mit dem Verlust des Familienbesitzes ging häufig auch ein sozialer Abstieg einher.[54] Dieser Verlust blieb auch nach 1945 ein wichtiger Referenzpunkt der Existenz und der Identität der vertriebenen Adligen, wurde aber zunehmend als innerfamiliäre Erzählung weitergegeben.[55] Wichtiger als der reale Landbesitz wurde die ideelle Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, die sich über spezifische Erinnerungsbestände konstituierte.[56] Die politische und gesellschaftliche Ordnung der Bundesrepublik bot dabei Spielräume und Nischen, um distinkte Formen adligen Lebens zu praktizieren und innerhalb des Familienverbandes zu pflegen.[57] Einen wichtigen erinnerungspolitischen Rahmen für die Integration der enteigneten Adligen in der Bundesrepublik stellte wiederum das offizielle bundesrepublikanische Gedenken an das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 dar, das mit den Reden Ernst Reuters zur Einweihung des Ehrenhofes im Bendlerblock (1953) und von Bundespräsident Theodor Heuss im Audimax der Freien Universität Berlin (1954) seinen ersten Ausdruck fand.[58] Im gesamtgesellschaftlichen Konsens des Antikommunismus der Adenauer-Ära wurden die Adligen mit ihrer Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Enteignung als soziale Gruppe von staatlicher Seite aus anerkannt und konnten sich so in das politische System der Bundesrepublik integrieren.[59]
Rückblende II: Das ehemalige Gutsdorf in der DDR und seine Bewohner
Mit der Einführung von Reiseerleichterungen nach dem Grundlagenvertrag ab 1972 konnten sich Adlige und Dorfbevölkerung wieder im Gutsdorf begegnen.[60] Für DDR-Bürger war es hingegen erst in den 1980er Jahren und nach aufwändigen Antragsverfahren möglich, ihre Verwandten in der Bundesrepublik zu treffen. Die Gutsbesitzer und ihre Nachfahren durften schon in den 1970er und 1980er Jahren wieder das Dorf besuchen, aus dem ihre Vorfahren vertrieben worden waren. Alle von mir interviewten Adligen berichteten in den Interviews über diese Besuche in der DDR. Die früheren Gutsdörfer hatten sich allerdings inzwischen grundlegend verändert. Durch die Bodenreform von 1945 waren kleine Parzellen des vormaligen Gutsbesitzes an landlose und landarme Bauern verteilt worden, die durchschnittlich fünf bis acht Hektar groß waren. Aus der Bodenreform war eine spezifische Eigentumsform hervorgegangen: Das zugeteilte Land durfte nicht verkauft, verpachtet oder verpfändet werden.[61] Mit dem Strukturwandel der Landumverteilung wurde das Ziel verfolgt, den Einfluss von KPD/SED im dörflichen Milieu zu erweitern. In den ersten Nachkriegsjahren gelang dies in den Dörfern jedoch nur mit eingeschränktem Erfolg.[62] Die ländliche Gesellschaft in der DDR-Nachkriegszeit war von traditionsbewussten Sozialmilieus geprägt, die sich gegenüber staatlichen Eingriffen tendenziell abschlossen.[63] Erst in den 1950er Jahren, als die kleinbäuerliche, private Landwirtschaft nach und nach von genossenschaftlich organisierten Wirtschaftsformen abgelöst wurde, konnte die SED in den ländlichen Regionen an Einfluss gewinnen. Bis 1960 wurde der Prozess der Kollektivierung auf massiven staatlichen Druck hin abgeschlossen. Diejenigen, die mit dieser neuen, zwangsweise implementierten Wirtschaftsform nicht einverstanden waren, konnten ihr Dorf bis zum Mauerbau im August 1961 über West-Berlin in die Bundesrepublik noch verlassen. Mit der zwangsweisen Kollektivierung waren dann alle zuvor selbständigen Bauern in Genossenschaften organisiert und bewirtschafteten die landwirtschaftlichen Flächen gemeinsam.[64] In dieser neuen Form einer industriellen Landwirtschaft, die sich von der traditionellen Gutsherrschaft und der kleinbäuerlichen Wirtschaftsweise der Nachkriegsjahre unterschied, waren während der DDR-Jahre die meisten Einwohner der Dörfer beschäftigt.
Auf dem Land kam es in den Jahren nach der Gründung der DDR zu einem langsamen Mentalitätenwandel. Mit der voranschreitenden Auflösung der traditionellen bäuerlichen Milieus schwand beispielsweise die Zugehörigkeit zur protestantischen Kirche. Auch der Konflikt zwischen der staatlich organisierten Jugendweihe und der protestantischen Institution der Konfirmation hatte in den 1950er und 1960er Jahren Auswirkungen auf das ländliche Leben: Die Menschen in den Dörfern mussten sich entscheiden, wie sehr sie sich dem staatlichen Druck beugen und die Jugendweihe vorziehen wollten oder ob sie ihren Kindern mit der Teilnahme an der Konfirmation möglicherweise Karriere- und Aufstiegswege im SED-Staat vorenthalten und verbauen würden.[65]
Die Rückkehr der preußischen Geschichte in der DDR und in der Bundesrepublik
Nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages 1972 stellte sich in der DDR und in der Bundesrepublik die Frage nach der jeweiligen staatlichen Eigenständigkeit neu, nachdem nun eine Wiedervereinigung immer unwahrscheinlicher geworden war.[66] In der DDR veränderte sich in dieser Zeit der Blick auf die historischen Epochen, die zeitlich vor der Gründung des sozialistischen Staates 1949 lagen. Im Rahmen der sogenannten »Tradition- und Erbe-Konzeption« beschäftigten sich staatsnahe Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre mit der preußischen Geschichte und boten ideologische Erklärungen an, um diese in die offizielle Geschichtserzählung des sozialistischen Staates einzubetten.[67] In der Bundesrepublik wurde parallel dazu mit der Preußenausstellung von 1981 in West-Berlin an den 1947 aufgelösten Teilstaat erinnert.[68] In Ost-Berlin durfte seit 1981 das Reiterstandbild von Friedrich dem Großen, das dreißig Jahre zuvor abgebaut worden war, wieder im Zentrum der Stadt, gegenüber der Humboldt-Universität, aufgestellt werden.[69] Während die deutsche Einheit durch den Grundlagenvertrag in eine immer fernere Zukunft rückte, bekam in Ost und West die preußische Geschichte einen neuen Stellenwert, der jedoch ambivalent blieb und zwischen Abgrenzung und Zustimmung zu dieser umstrittenen Epoche der Vergangenheit changierte. In ihrer Wirkung können die Preußen-Renaissance der 1980er Jahre in Ost und West ebenso wie die innerdeutschen Reiserleichterungen ab 1972 damit als Ausdruck einer fortdauernden Verbundenheit der beiden deutschen Teilstaaten angesehen werden, auch wenn das natürlich nicht unbedingt beabsichtigt war.[70]
Die Wiederbegegnung von Adligen und Dorfbevölkerung nach 1990
Nach dem 3. Oktober 1990 änderte sich der Charakter der Begegnung zwischen zurückkehrenden Adligen und den Menschen in den Dörfern: Sie trafen nicht mehr nur als Besucher aus zwei deutschen Teilstaaten aufeinander. Jetzt begegneten sie sich in einer Gegenwart, in der die Geschichte vor 1945 und die Nachkriegsjahre unter der sowjetischen Besatzungsherrschaft wieder zu einem konkreten Bezugspunkt für aktuelle Auseinandersetzungen wurden und nicht mehr nur – wie in den 1970er und 1980er Jahren – eine historische Reminiszenz waren. Im Einigungsprozess des Jahres 1990 verhandelten die gewählten Vertreter von DDR und Bundesrepublik dann darüber, ob die enteigneten Gutsbesitzer ihren früheren Besitz zurückerhalten sollten. Der gesamtdeutsche Beschluss gegen die Restitution war auch eine Entscheidung dafür, dass die Herrschaft des Adels heute als eine historische Epoche betrachtet werden kann, die endgültig der Vergangenheit angehört.
1.4. Drei ehemalige Gutsdörfer nach 1990:
Siebeneichen, Bandenow und Kuritz
Das neu gegründete Bundesland Brandenburg war nach dem Ende der DDR eine ländlich geprägte Region mit ungefähr 2,5 Millionen Einwohnern, in der nur in Cottbus und Potsdam mehr als 100.000 Menschen lebten. Den drei früheren Gutsdörfern, die als Fallbeispiele in diesem Buch vorkommen, ist gemeinsam, dass sie jeweils 280 bis 480 Einwohner haben und alle drei bis 1945 Sitz einer Adelsfamilie waren. Damit gehören sie zu den ungefähr 30 bis 40 Dörfern in ganz Brandenburg, in die die früheren Adelsfamilien zurückgekehrt sind.[71] In diesem Buch steht die Rückkehr der Adelsfamilien in drei brandenburgische Dörfer in der Transformationszeit nach 1990 im Zentrum. Wer sind die Menschen, die mit mir über ihr Leben und über die Rückkehr der adligen Familie in ihr Dorf, ihre Heimat gesprochen haben? Wie sieht es in den Dörfern aus, in denen diese Menschen leben?
Siebeneichen
Siebeneichen ist ein kleines Dorf im östlichen Brandenburg mit etwa 280 Einwohnern. Derjenige Teil des Dorfes, in dem sich bis 1945 das Gut der Familie von Sierstedt befand, ist übersichtlich entlang der Straße angeordnet: eine mehrgeschossige Scheune, einige Häuser, die Kirche, daneben der Friedhof mit den adligen Gräbern, zwei Kriegerdenkmäler und die Wiese hinter dem Teich, wo sich bis Ende der 1940er Jahre das Schloss befand, mit einem Park dahinter. Die bis heute sichtbaren Baulücken im Zentrum des Dorfes stammen aus der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs, als das Dorf stark zerstört wurde – und aus den Nachkriegsjahren. Ende der 1940er Jahre wurden die Ruinen des Schlosses und der meisten Gutsgebäude abgerissen. Auf dem ehemaligen Gutsgelände baute Jasper von Sierstedt nach seiner Rückkehr 1990 zwei ehemalige Nebengebäude des Schlosses zu Wohnhäusern um. In dem kleinen Dorf Siebeneichen gibt es, abgesehen von einem Restaurant in der ehemaligen Gutsscheune, keine Infrastruktur. Es existieren vor Ort keine Einkaufsmöglichkeiten, keine Schule und kein Kindergarten.

In Siebeneichen sprachen der 1961 geborene Jasper von Sierstedt, seine 1964 geborene Frau Franziska und seine 1922 geborene Mutter Clara mit mir über die Rückkehr der Familie ins Dorf. Ihre Erzählungen wurden durch den umfangreichen Nachlass ihres Großvaters und Vaters Botho von Sierstedt (1893-1982) ergänzt. Der Familiennachlass mit Chroniken und Briefen befindet sich im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam und durfte von mir nach vorheriger Genehmigung durch die Familie eingesehen werden. Daneben existiert ein weiterer Teil des Nachlasses, der die Zeit der Gutsherrschaft von Botho von Sierstedt in den Jahren von 1919 bis 1945 umfasst, der wiederum frei zugänglich im Potsdamer Archiv aufbewahrt wird.
Von den Menschen aus dem Dorf waren die Pfarrerin im Ruhestand Johanna Brogel (*1935), die ehemalige Bäuerin Marianne Schulz (*1934) und der Handwerker Sebastian Menzel (*1973) bereit, mit mir über das ehemalige Gut in der Zeit vor und nach 1990 zu reden.[72]
Die Erzählungen der Familie von Sierstedt reichen von der Gegenwart aus gesehen über mehr als 120 Jahre Familiengeschichte zurück. In Verbindung mit dem Nachlass von Botho von Sierstedt geht die familiäre Überlieferung also bis ins 19. Jahrhundert zurück. Sie umfasst die Zeit der Gutsherrschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts, die Vertreibung und die Enteignung, die Zeit in der Bundesrepublik und die Rückkehr nach Siebeneichen. Die Erzählungen der befragten Menschen aus dem Dorf umfassen hingegen einen kürzeren Zeitraum von etwa 80 Jahren. Ihre Lebenserzählungen reichen von der Zeit des Zweiten Weltkriegs, der Enteignung und der Aufbaujahre des Sozialismus mit der Kollektivierung der Landwirtschaft über die Spätphase der DDR bis hin zur Transformationszeit nach dem Fall der Mauer 1989. Die drei Interviewten bewegen sich alle in einem kirchennahen Umfeld. Die Pfarrerin war für mich eine Schlüsselperson: Sie gab mir nicht nur über ihr Leben, sondern auch über allgemeinere Angelegenheiten des Dorfes Auskunft. Ihre Erzählungen waren umso wertvoller, als es in Siebeneichen – von wenigen überlieferten Aktenordnern abgesehen – kein Gemeindearchiv gibt. Neben diesen drei Interviewten noch weitere Menschen aus dem Dorf für ein Gespräch zu gewinnen, stellte sich in Siebeneichen als schwierig heraus. Die Tochter einer ehemaligen Gutsangestellten sagte den bereits vereinbarten Interviewtermin wieder ab. Die ehemalige SED-Bürgermeisterin war nach meiner Anfrage nicht zu einem Gespräch bereit. Man könnte also vermuten, dass in einem kleinen Dorf wie Siebeneichen die soziale Kontrolle sehr ausgeprägt ist, so dass lediglich die Pfarrerin aus einer Position der Unabhängigkeit sprechen konnte. Die beiden anderen Zeitzeugen waren und sind mit Jasper von Sierstedt, dem einzigen Arbeitgeber im Ort, nachbarschaftlich eng verbunden. Sebastian Menzel bietet im Wechsel mit Jasper von Sierstedt Führungen in der Kirche an. Marianne Schulz hat die landwirtschaftlichen Flächen ihrer Familie an ihn verpachtet. Ich gehe deswegen davon aus, dass ihre Bereitschaft, auch kritische persönliche Eindrücke vom Transformationsprozess zu berichten, womöglich geringer ausgeprägt war als in den beiden anderen, größeren Dörfern.
Bandenow
Bandenow ist ein Dorf mit ungefähr 480 Einwohnern im südlichen Brandenburg. In der Mitte des Dorfes, an einer der Nebenstraßen, befindet sich hinter einem kleinen Teich der frühere Adelssitz. In diesem größten Gebäude des Dorfes, das die Dorfbewohner »Schloss« nennen, wohnt heute Leopold von Hohenstein jr. mit seiner Familie. Er selbst bezeichnet sein Wohnhaus als »Gutshaus«. Hinter ihm erstrecken sich ein Park und einige Wirtschaftsgebäude seines landwirtschaftlichen Betriebes. In der Nähe, an der Dorfstraße, gibt es ein weiteres kleineres Gutshaus, in dem Leopold von Hohenstein jr. gemeinsam mit seiner Frau ein Hotel betreibt. Seine Eltern leben ebenfalls in Bandenow in einer Villa, die bis 1945 der Familie von Hohenstein gehört hatte und die sie wieder zurückgekauft haben. Zum früheren Gut gehören auch die Kirche und die Grabstelle der Adelsfamilie auf dem Friedhof, der sich am Dorfausgang befindet. Bandenow ist ein Dorf mit einer guten, attraktiven Infrastruktur. Es gibt Einkaufsläden, ein Restaurant im Gutshaus-Hotel, einen Kindergarten, jedoch keine Schule. Der Sportverein des Dorfes hat eine eigene Sporthalle und einen Sportplatz. Außerdem besteht es eine Freiwillige Feuerwehr.

Interviewen konnte ich in Bandenow den Ortsbürgermeister Manfred Lössner (*1946), die Rentnerin Barbara Schönpflug (*1946), die in den 1970er und 1980er Jahren die Gräber der Adelsfamilie pflegte, Susanne Beierlein (*1958), eine Mitarbeiterin im Saatzuchtbetrieb, sowie Hartmut Bauer (*1935), einen Halbbruder von Leopold von Hohenstein sr., sowie dessen Frau Hanna (*1937). Über ihr Leben und den Neuanfang in Bandenow sprachen mit mir außerdem Leopold von Hohenstein jr. (*1969), sein Vater Leopold von Hohenstein sr. (*1940) und seine Mutter Dorothea (*1944).[73] Die Erzählungen der Adelsfamilie reichen von der Gegenwart aus gesehen ungefähr 130 Jahre zurück. Ergänzend dazu sind im Familienarchiv Unterlagen zur Familiengeschichte, wie Chroniken und Briefe, überliefert. Bei den Menschen aus dem Dorf reichen die Erzählungen von Hartmut Bauer am weitesten zurück, ungefähr bis ins Jahr 1900. Sie umfassen damit einen fast ebenso langen Zeitraum wie die Erzählungen der Adelsfamilie. Als unehelicher Sohn spricht er ähnlich ausführlich wie die Adelsfamilie über die eigene Familiengeschichte, allerdings mit einer doppelten Zugehörigkeit zu den Handwerkstraditionen seiner Familie mütterlicherseits und zum Adel väterlicherseits. Die Erzählungen der anderen Dorfbewohner umfassen neben der eigenen Lebensgeschichte auch die Dorfgeschichte der vergangenen rund 100 Jahre. Alle Bandenower identifizieren sich mit der landwirtschaftlich geprägten lokalen Tradition des Dorfes, denn der adlige Gutsbetrieb wurde in der DDR als volkseigenes Gut (VEG) weitergeführt, und es wurde auch offiziell an die Adelsgeschichte angeknüpft. Darum soll es in den folgenden Kapiteln, in denen das Dorf im Mittelpunkt steht, ausführlicher gehen. Die Überlieferungslage für Bandenow ist ausgesprochen gut. Im Unterschied zu Siebeneichen gibt es ein Gemeindearchiv mit einem umfangreichen Aktenbestand zum Dorf und zum VEG Saatzucht in der DDR, das im Kreisarchiv II überliefert ist.[74]
Es war unproblematisch, Zeitzeugen aus dem Dorf zu finden. Bandenow ist eine große Ortschaft: Im Unterschied zu Siebeneichen ist die Adelsfamilie heute nicht der einzige Arbeitgeber. Alle Befragten redeten aus einer Position der Unabhängigkeit über die Familie von Hohenstein.
Kuritz
Kuritz ist ein Dorf im westlichen Brandenburg mit etwa 380 Einwohnern. Durch den Ort führt eine Bundesstraße, von der die kleinere Dorfstraße zum Schloss hin abzweigt. Im Zentrum des Dorfes gibt es das Schloss mit einem Restaurant, die Kirche sowie einige Wohnhäuser und Cafés. Gegenüber vom Schloss steht ein neugebautes Haus, in dem Gerold von Watenburg, der zurückgekehrte Angehörige der lokalen adligen Familie, lebt. Ganz in der Nähe dieses Hauses, an einer Seite der Wiese hinter dem Schloss, befinden sich die Familiengräber der Adelsfamilie. Kuritz ist ein kleines Dorf, in dem es eine Freiwillige Feuerwehr, einen Heimatverein, einen Kleintierzüchterverein und einige Cafés gibt, aber darüber hinaus weder eine Schule, einen Kindergarten noch eine Einkaufsmöglichkeit. Interviewpartner waren Gustav Meier (*1928), dessen Vater Kutscher auf dem Gut war, die Tochter des Oberförsters auf dem Gut, Ilse Mahler (*1927), und der ehemalige Bauer Harald Meister (*1933). Die Erzählungen der Kinder der ehemaligen Gutsangestellten beziehen sich auf die Zeit der Gutsherrschaft in den 1930er Jahren, die Enteignung, die Zeit der DDR und die Transformationszeit nach 1990. Noch länger reichen die Erzählungen von Harald Meister zurück, dessen Familienerinnerungen eng mit dem kleinbäuerlichen Landbesitz seines Vaters und Großvaters verknüpft sind und bis zur Jahrhundertwende um 1900 zurückgehen. Außerdem wurden von den Dorfbewohnern der Pfarrer im Ruhestand Ansgar Rauschenbach (*1947), der ehrenamtliche Dorfbürgermeister Martin Köhler (*1958) und die Architektin Julia Sarhausen (*1970) interviewt.[75] Der ehemalige Pfarrer und der Bürgermeister sprachen aus einer professionellen Perspektive über die dörflichen Angelegenheiten und nicht nur über ihr eigenes Leben. Aus der Adelsfamilie wurde der 1939 geborene Gerold von Watenburg interviewt. Seine Erzählungen reichen etwa 130 Jahre zurück und beginnen 1880 mit der Geburt seines Großvaters, dem letzten Gutsbesitzer.

In Kuritz gibt es ein umfangreiches Gemeindearchiv, das im Kreisarchiv III überliefert ist.[76] Auch die Adelsfamilie verfügt über ein kleines Familienarchiv, das sich im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam befindet. Hier war es unkompliziert, Interviewpartner zu finden, die über die Rückkehr des Adels und über ihr Leben in Kuritz sprechen wollten. Gerold von Watenburg betreibt ein kleines wirtschaftliches Unternehmen im Dorf, aber er ist im Unterschied zu den Adelsfamilien in Siebeneichen und Bandenow kein Landwirt. Auch im Schloss lebt er nicht. Er hat nach seiner Rückkehr keine kommunalen Ämter im Dorf übernommen. Die befragten Menschen aus dem Dorf sprachen mit einer Haltung der Unabhängigkeit und Distanz über ihn. In den beiden anderen früheren Gutsdörfern konnten jeweils mehrere Generationen der Adelsfamilie interviewt werden, nicht so in Kuritz. Zeitweise hat Gerold von Watenburgs Sohn auch im Ort gewohnt, inzwischen ist er aber wieder nach Süddeutschland gezogen.
2. Gutshäuser und Schlösser
Widerstände gegen die Neugestaltung des ehemaligen Herrschaftszentrums
2.1. Dorf ohne Schloss:
Das Ringen um die leere Mitte von Siebeneichen
Schlösser und Gutshäuser waren bis zur Enteignung architektonische Zeichen von Macht und Herrschaft der Adelsfamilie. Sie waren bis 1945 die Orte, an dem sich die öffentliche Sphäre der traditionellen Gutsherrschaft und der private Wohnraum der Adelsfamilie verbanden. Das Schloss war der Schnittpunkt von »Drinnen« und »Draußen«, zwischen dem Adel, den Angestellten und den Menschen aus dem Gutsdorf. Hier befand sich der Mittelpunkt der Lebenswelt des Adels.[1] Das Schloss, von seinen adligen Bewohnern auch schlicht »Haus« genannt, gehörte der Familie in einem übergenerationellen Sinne. Mit Understatement verkleinerten sie rhetorisch die Größe des Gebäudes. Bis zum Ende der Monarchie 1918 war es das Zentrum von Machtanspruch und Repräsentation in einer ständisch verfassten Gesellschaft zwischen Gutsdorf, Adel und preußischem Königshaus. Mit dem Schloss als Mittelpunkt des Gutes manifestierte sich das Bemühen des Adels, als »Meister der Sichtbarkeit« wahrgenommen zu werden.[2]
Das Zentrum des Gutes in Siebeneichen ist heute leer. In der Mitte des Dorfes, in der das Schloss gestanden hatte, befindet sich seit seinem Abriss nach Kriegsende nur noch eine Wiese. Das verschwundene Schloss ist in der Gegenwart eine Projektionsfläche für unterschiedliche Erzählungen über die Gutsherrschaft bis 1945, gerade weil es nicht mehr da ist. Es ist kein Raum der Auseinandersetzung zwischen Adelsfamilie und Dorfgemeinschaft, sondern ein Raum, der äußerlich leer erscheint, mit dem sich aber auf beiden Seiten verschiedene Deutungen der Vergangenheit verbinden.
Welche Bedeutung hat das unsichtbare Schloss heute? Wie sprechen die Angehörigen der adligen Familie und die Menschen aus dem Dorf, die ich interviewen konnte, über diesen Ort? Über welche Vergangenheitsepochen sprechen sie, und wie beschreiben sie das verschwundene Schloss? Thematisieren sie eher die Zerstörung und die damit verbundene Umwandlung des Gutsdorfes Siebeneichen in ein sozialistisches Dorf nach der Bodenreform? Oder lassen sie in ihren Erzählungen ein Märchenschloss aus der Zeit der Gutsherrschaft auferstehen? Die überlieferten Chroniken und Briefe im Nachlass des letzten Gutsbesitzers Botho von Sierstedt (1893-1982) erlauben außerdem, die Erzählungen der Adelsfamilie in der Bundesrepublik über das zerstörte frühere Zentrum der Gutsherrschaft zu analysieren. In Reden anlässlich der Hochzeiten seiner sieben Kinder zwischen 1949 und 1963 sprach er über den Verlust des ehemaligen Familienschlosses und setzte so dessen Umwandlung in einen familiären Memorialort in Gang. Diese Reden können als Ausdruck der Selbstvergewisserung einer Adelsfamilie aufgefasst werden, die sich nach der Vertreibung von ihrem Stammsitz ein neues Familienbewusstsein ohne das Schloss als konkreten Ort der Familientradition schuf.
Reden über die Zerstörung: Das verschwundene Schloss
Wenn die interviewten Menschen aus dem Dorf und die adlige Familie über das Schloss sprechen, das es nicht mehr gibt, ist seine Zerstörung immer ein Thema. Allerdings divergieren die Versionen, die erzählt werden. Einige erwähnen die Kriegszerstörungen vom April 1945. Andere sprechen vor allem über die Sprengung des Schlosses, die sie wahlweise auf die Jahre 1947, 1948 oder 1949 datieren. Warum herrscht offenbar bis heute Uneinigkeit über die Umstände, die zum Verschwinden des Schlosses führten?
Im Abgleich mit der schriftlichen Überlieferung[3] erscheint die Deutung der Ereignisse von Marianne Schulz am wahrscheinlichsten. Sie hat als zehnjähriges Mädchen das Kriegsende in Siebeneichen miterlebt und spricht im Interview von der unmittelbaren Nachkriegszeit in ihrem Heimatdorf, das in einer der am stärksten vom Krieg zerstörten Regionen Brandenburgs lag. Auf die Frage: »Erinnern Sie sich noch an das Gut, wie es damals aussah? Es war zerstört durch den Angriff?«[4] antwortet Marianne Schulz:
»Es war so zerstört wie die Kirche, […] die Kirche hatte einen Einschuss, wie gesagt, wie bei uns der Stall, das Haus, wir hatten überall Einschüsse. Kaputt. Da wurde nach dem Krieg nichts mehr dran gemacht, weil ja kein Eigentümer mehr da war.«[5]
Marianne Schulz berichtet über das Leben im zerstörten Dorf, in dem sie mit ihrer Mutter und Schwester mit den Aufräumarbeiten begann, aber ohne den Vater, der im Krieg gefallen war. Während die Leute in Siebeneichen ihre Häuser wieder aufbauten, blieben das Schloss und die dazugehörigen Gebäude als Ruinen stehen, weil die Adelsfamilie nicht mehr im Dorf lebte. Der Gutsherr Botho von Sierstedt hatte Siebeneichen verlassen, als die Sowjetarmee das Dorf erreichte, und war am 16. April 1945 auf sein zweites Gut in der Nähe von Potsdam geflohen. Von der erheblichen Zerstörung des Schlosses erfuhr er drei Monate später durch seinen Bekannten »Herrn Hauser«. Am 2. Juli 1945 hielt Botho von Sierstedt in seinem Tagebuch fest:
»Gestern Abend kam noch Hauser von Siebeneichen zurück mit viel schlimmerer Nachricht, als wir nach Bisherigem annahmen. Das Schloss ist wirklich bis auf die Grundmauern zerstört und ausgebrannt. […] Das Kavalierhaus ist zerstört, der Kutschstall halb.«[6]
Wenige Wochen später konnte der Gutsherr am 26. Juli 1945 selbst noch einmal das Dorf besuchen und sich ein Bild von den Zerstörungen machen. Auch davon berichtete er in seinem Tagebuch:
»Von Siebeneichen grüßt wehmütig der alte, aber auch wunde Kirchturm. Je näher wir kommen, schnürt sich einem das Herz zu vor dem Anblick der Zerstörung. […] Ich tue noch einen Blick auf die Schlossruine und den völlig verwüsteten Park.«[7]
Zum letzten Mal war Botho von Sierstedt im Hochsommer 1945 in Siebeneichen. Zum Zeitpunkt der Enteignung im September 1945 hielt er sich auf seinem zweiten Gut in der Nähe von Berlin auf. Von dort floh er im Oktober 1945 über Berlin in den Westen. Seine Tagebücher jedoch konnte er auf seiner Flucht mit ins Rheinland nehmen. Im Dezember 1989 haben Familienangehörige ausgewählte Einträge aus Botho von Sierstedts in Sütterlin geschriebenem Tagebuch aus dem Jahr 1945 transkribiert und für den Privatgebrauch vervielfältigt – zu einem Zeitpunkt, als das Dorf Siebeneichen nach dem Mauerfall wieder erreichbar wurde. Die Familienangehörigen, mit denen ich sprechen konnte, kennen die Tagebuchaufzeichnungen ihres Vaters beziehungsweise Großvaters, die sie mir für meine Forschung überlassen haben. Dennoch nehmen sie in ihrem Reden über die Zerstörung des Schlosses nicht Bezug auf die Kriegseinwirkungen, die dieser beschrieben hat. Clara von Sierstedt erzählt anders von dem Schloss:
»Das hatte so dicke Mauern. Das hatte wohl ein paar Treffer. Da sind auch ein paar Türmchen runtergefallen, aber das ganze Schloss war nicht zerstört. Es waren dann Flüchtlinge … Durch diese Kriegshandlungen stürmte ja alles aus diesem von den Russen zerschossenen … . Der Flüchtlingsstrom, der sich hier ergoss und versuchte, hier noch irgendwo unterzukommen, und da waren natürlich so und so viele auch im Schloss. […] Es war Winter, es war kalt. Dann heizte man die Kamine, konnte nicht damit umgehen, wusste nicht wie, dann war Funkenflug. Das sind meine Versionen. Aber anders kann ich es mir nicht erklären, dass das Schloss abgebrannt war.«[8]
Clara von Sierstedt, die schon seit ihrer Hochzeit 1943 nicht mehr in Siebeneichen lebte, geht also davon aus, dass das Schloss abbrannte, als Flüchtlinge in dem Gebäude wohnten. In ihrer Erzählung wirkt das Schloss schier unzerstörbar, wenn sie hervorhebt, dass es selbst in den Kriegsgefechten erhalten geblieben sein muss und nur »ein paar Türmchen runtergefallen« seien. Damit zitiert sie indirekt einen Tagebucheintrag ihres Vaters Botho von Sierstedt, der nach den ersten sowjetischen Angriffen am 23. März 1945 notiert hatte:
»Um 6 Uhr treibt’s mich heraus – gerade wieder im rechten Augenblick, denn nun bepflastert uns der Russe noch genauer als gestern. Das Schloss bekommt am Giebel über unserem Schlafzimmer einen Treffer; ein Türmchen ist heruntergeflogen, und das Dach hat ein Loch. […] Aber die Fenster sind heraus und die Splitter ins Zimmer geflogen, so dass es einstweilen unbenutzbar ist.«[9]
Vielleicht ist für Clara von Sierstedt der Aspekt wichtig, dass das Schloss ihrer Kindheit als größtes und repräsentativstes Gebäude im Ort in den Kriegsgefechten selbst stehen blieb – im Unterschied zu den Häusern des Gutsdorfes. Mit ihrem Hinweis darauf, dass dort Flüchtlinge unterkamen, betont sie, dass das Gebäude nach Kriegsende humanitären Zwecken diente. Im Unterschied dazu berichtet Marianne Schulz, dass nicht im Schloss, sondern im Amthaus, dem Wirtschaftsgebäude des Gutes, in den ersten Jahren nach 1945 noch Flüchtlinge wohnten, für die sie die DDR-typischen Bezeichnungen »Umsiedler« und »Siedler« verwendet:
»Und die Siedler, die sollten …, erst haben die hier angefangen zu bauen, da haben wir verschiedene Baustellen. Dann hieß es mit einmal: Nein, die müssen auf ihrem Land bauen, also auf ihrem Feld. Dann wurden ja diese Ausbaugehöfte angelegt und die brauchten Baumaterial. Und was haben sie genommen? Vom Gutshaus, da war der große lange Stall. […]. Das wäre alles reparabel gewesen, aber der Eigentümer war nicht da und nun teilen wir uns das alles.
IL: Und da wohnte auch keiner mehr?
Zu Anfang waren da noch Umsiedler. Die haben anfangs noch im Amthaus gewohnt, das war auf’m Gutskomplex.«[10]
Auch in der Erzählung von Marianne Schulz waren es also Flüchtlinge, die für die restlose Zerstörung der Gutsgebäude verantwortlich waren – nicht jedoch, weil sie Fehler beim Heizen gemacht hätten, sondern für den Bau ihrer eigenen Häuser »auf ihrem Land« das Gut als Steinbruch nutzten. Hier bezieht sich Marianne Schulz auf eine behördliche Anweisung, den SMAD-Befehl Nr. 209, der am 9. September 1947 von der sowjetischen Besatzungsmacht veröffentlicht worden war. Darin stand, dass die Umsiedler auf dem Land, das ihnen in der Bodenreform 1945 zugeteilt worden war, Häuser errichten müssten. Die »Neubauernhöfe« sollten mit den Steinen der zerstörten Schlösser und Gutshäuser gebaut werden, deren Abriss von den sowjetischen Besatzern gefordert wurde.[11] Möglicherweise ebenfalls im Zusammenhang mit diesem SMAD-Befehl wurden auch die Überreste des Schlosses in Siebeneichen gesprengt. Dieses Ereignis datiert Marianne Schulz auf 1947:
»Das Schloss wurde ja 1947 gesprengt und da hat gleich der Bürgermeister gesagt: Und den Schafstall nebenan, den sprengt ihr gleich mit. Der Schafstall, der war die Kirche. So war man auch gegenüber der Kirche eingestellt. Den Sierstedt, den brauchen wir jetzt nicht mehr. Wir können das jetzt alleine oder wir können das besser. Oder genauso gut, so war die Meinung. Und die Dümmsten hatten das Sagen. Die wurden Bürgermeister, was weiß ich. Partei hatte das Sagen.«[12]
Nach der Erzählung von Marianne Schulz waren der Bürgermeister und die SED-Mitglieder im Dorf für die Sprengung des Schlosses verantwortlich. Marianne Schulz war damals 12 Jahre alt und beschreibt das Ereignis so, als hätte ihre Familie nichts mit der neuen Führungsgruppe im Dorf zu tun gehabt. Ihre Eltern waren Kleinbauern, die Kirchenmitglieder waren. Mehr als für das Schloss interessierte sich ihre Familie anscheinend für den Umgang mit der Kirche. In Siebeneichen ist die Kirche erhalten geblieben – möglicherweise genau darum, weil sich Mitglieder der Dorfgemeinschaft gegen ihre Zerstörung stellten. Die Sprengung des Schlosses war nicht zu verhindern. Mit diesem Akt der Zerstörung ließen die neuen Machthaber nach Kriegsende die Symbole früherer Adelsherrschaft verschwinden und versuchten auf diese Weise, die neue, sozialistische Ordnung im Dorf zu etablieren.[13] Blendeten die Menschen aus dem Dorf möglicherweise die Ereignisse, die zum kompletten Abriss des Schlosses führten, aus ihrer Wahrnehmung aus, weil sie sich in das neue Herrschaftssystem einfügen und einer neuen Führungselite unterordnen mussten? Davon geht Clara von Sierstedt, die Tochter des letzten Gutsbesitzers, aus. Sie besuchte nach 1990 häufiger das Dorf ihrer Vorfahren, seit 1998 lebt sie wieder hier. Nach ihrer Rückkehr versuchte sie mit den Leuten über die Zerstörung des Schlosses zu sprechen, konnte dabei aber ihrer Einschätzung nach nichts Genaueres erfahren:
»Wie groß der Schaden ist, das werden Sie ganz schwer nur aus den Leuten rauskriegen, weil sie keinen Blick dafür hatten. Sie waren in ihrem Bereich, auch mit kleinen Kindern. Dann waren sie ja auch verpflichtet zu Aufräumungsarbeiten und ich weiß nicht was und unterernährt. Da war ein übergreifendes Interesse. Abgesehen davon, in der Furcht des Herrn, dieser hier Mächtigen, die sich hier aufgespielt haben, da mussten sie ja nun auch noch vorsichtig sein.«[14]
Das Schicksal des Schlosses wird im Dorf weitgehend beschwiegen. Diese Erfahrung hat Clara von Sierstedt nach dem Ende der DDR in Siebeneichen gemacht. Ihre Erfahrung kann allerdings auch Ausdruck ihrer Schwierigkeiten sein, als Rückkehrerin aus dem Westen mit den Menschen im Dorf über die Nachkriegsjahre und die Zeit der DDR zu sprechen. Womöglich interpretierten diese den Versuch Clara von Sierstedts, sich mit ihnen über diese Zeit zu unterhalten, als einen unausgesprochenen Schuldvorwurf, nichts gegen die Zerstörung des Schlosses unternommen zu haben. Die ehemalige Gutsbesitzertochter sieht allerdings überhaupt keine Schuld bei der Dorfgemeinschaft, sondern macht die Flüchtlinge und das Chaos der Nachkriegszeit für die Zerstörung des Schlosses verantwortlich.
Während Marianne Schulz von einer Sprengung des Schlosses 1947 spricht, datiert Jasper von Sierstedt dieses Ereignis auf 1948. Interessanterweise wird das »Schloss« in seiner Schilderung zum »Haus«, wenn er kurz und knapp sagt: »Das Haupthaus ist 1948 gesprengt worden«[15]. Mit adligem Understatement lässt der 1961 Geborene das Schloss damit kleiner erscheinen als die anderen Interviewten. Die Zerstörung des Gebäudes ist kein Thema, bei dem er sich – im Unterschied zu seiner Mutter und zu seiner Frau – länger aufhält. Franziska von Sierstedt, seine Ehefrau, ist bei der Datierung wiederum anderer Ansicht als ihr Mann:
»49 ist es gesprengt, unter Ulbricht. Man hört immer wieder Leute, die sagen, es war 47, aber es gab ja diesen Aufruf von Ulbricht: Macht Euch die Schlösser zu den Steinbrüchen eurer Häuser! Und in dem Zuge ist es gesprengt worden.«[16]
Für Franziska von Sierstedt scheint also Walter Ulbricht, der seit 1949 Vorsitzender des SED-Politbüros war und damit eine Schlüsselstellung im Parteiapparat innehatte,[17] der Hauptverantwortliche für die Sprengung des Schlosses zu sein. Mit ihrer Datierung auf 1949 verschiebt sie die Sprengung des Gebäudes in die Gründungsphase der DDR. Mit dem Bild von den Schlössern als Steinbrüchen, das sie Ulbricht zuschreibt, nimmt sie ebenfalls Bezug auf den Befehl Nr. 209 der sowjetischen Besatzungsmacht vom September 1947. In ihrer Erzählung vermischen sich politische Ereignisse aus der Phase der sowjetischen Besatzung mit der Gründungszeit der DDR. Franziska von Sierstedt versucht die Unklarheiten, die mit der Zerstörung des Schlosses zusammenhängen, mit der Einordnung in einen vermeintlichen historischen Kontext aufzulösen – und schafft dadurch neue Ungereimtheiten.
Im Nachlass von Botho von Sierstedt sind einige Briefe überliefert, nach denen die Sprengung des Schlosses womöglich auf 1948 datiert werden kann. Am 29. Januar 1948 erwähnte die ehemalige Gutsangestellte Helene Kaiser in einem Brief an ihren ehemaligen Arbeitgeber, dass das Schloss damals noch als Ruine existierte:
»Am letzten Montag war ich wieder mal in Siebeneichen […] und das Herz ist so schwer und traurig, wenn das Auge weiter schweift und im Hintergrund die Ruine und der vernachlässigte Park stehen.«[18]
Einige Monate später schrieb Botho von Sierstedt am 2. Juni 1948 an eine Bekannte:
»Mir wurde die betrübliche Nachricht, dass man die Ruinen von Siebeneichen sprengte, dass freilich sich das solide alte Gemäuer doch noch weitgehend gewehrt hat. Aber den alten Park haben sie abgehauen! Das ist alles unvorstellbar und zwingt immer deutlicher zum Verzicht und zur Verwahrung um so festerer Erinnerung.«[19]
Demnach hat der ehemalige Gutsherr im Frühjahr 1948 von der Sprengung der Schlossruine erfahren, zugleich aber auch gehört, dass dabei das Gebäude nicht komplett zerstört wurde. Ob die Dorfbewohner, die ihm diese Nachricht wahrscheinlich übermittelten, mit ihrem Bericht über eine nur zum Teil erfolgreiche Sprengung den Gutsherrn schonen wollten? In seinem Brief drei Jahre nach Kriegsende beschwört Botho von Sierstedt das Bild eines solide gebauten, quasi unzerstörbaren Schlosses. Im Interview mit Clara von Sierstedt taucht genau dieses Bild wieder auf. Anscheinend wurde diese Nuance der Erzählung innerhalb der Familie in der Bundesrepublik weitergegeben – auch wenn sie dem widerspricht, was der Gutsherr nach seinem letzten Besuch in Siebeneichen im Juli 1945 in seinem Tagebuch notiert hatte, wo er festhielt: »Das Schloss ist wirklich bis auf die Grundmauern zerstört und ausgebrannt.«[20]
Zugleich versuchte Botho von Sierstedt 1948 in seinem Brief die vorsätzliche Sprengung des Gebäudes, mit der die Kriegsruinen beseitigt werden sollten, zu verarbeiten, indem er das Schloss zu einem Ort erklärte, der nur noch in seiner Erinnerung existierte. Durch das Betonen seiner Robustheit, blendete er in seiner Erinnerung den letzten Besuch in Siebeneichen aus, als er das bis auf die Grundmauern ausgebrannte Schloss mit eigenen Augen gesehen hatte. Während die Leute im Dorf die Ereignisse rund um die Zerstörung des Schlosses bis heute beschweigen, wie Clara von Sierstedt glaubt, hat in der Adelsfamilie wohl eine Verklärung der historischen Zusammenhänge stattgefunden. Diese Unklarheiten, die im Abgleich von Tagebucheinträgen und Briefen von Botho von Sierstedt bereits in der Nachkriegszeit auftauchen, durchziehen auch die Interviews mit den verschiedenen Mitgliedern der Adelsfamilie. Das Ereignis und seine genaue Datierung bleiben unklar, es erscheint unfassbar für den Zeitzeugen Botho von Sierstedt genauso wie für die Nachgeborenen.
Die Erinnerung an Weihnachten auf dem Schloss
Erst im Rückblick berichtet die frühere Gutsangestellte Helene Kaiser sechs Jahre später, im Dezember 1954, über das endgültige Verschwinden des Schlosses. Um die Postkontrolle der DDR-Behörden zu umgehen, schrieb sie ihren Brief an Botho von Sierstedt während eines Besuchs bei Verwandten in West-Berlin:
»Ja, sehr geehrter Herr von Sierstedt, in der Heimat leben doch noch viele Menschen, die Ihnen ihre Treue bewahrt haben. Für uns Ältere ist es auch nicht mehr die alte geliebte Heimat, seit Sie und Ihre Familie, das alte ehrwürdige Schloss und Park fehlen. Dass das Schloss Siebeneichen zum Sterben verurteilt war, war für uns Ältere, die wir dort groß geworden sind, genauso schmerzlich. […] Wenn ich an meine Kinderzeit denke und an das Weihnachtsfest, dann war das Herrlichste von allem die Bescherung im Schloss Siebeneichen. Darauf freuten wir uns und träumten davon.«[21]
Helene Kaiser beschreibt in ihrem Brief den Verlust der alten Heimat – in ihren Augen eine Erfahrung, die sie mit dem vertriebenen Gutsherrn in der Bundesrepublik verband. Zentral für diese Verlusterfahrung war neben der Enteignung und Vertreibung der Adelsfamilie 1945 die komplette Zerstörung des Schlosses in Siebeneichen, die zum Zeitpunkt des Briefes schon einige Zeit zurücklag. Möglicherweise wollte Helene Kaiser nicht die Überbringerin dieser schlechten Nachricht an den vormaligen Gutsherrn sein, da sie ihn erst so spät über die Zerstörung des Schlosses informierte. Es ist jedoch auch denkbar, dass die Zerstörung des Schlosses in mehreren Schritten erfolgte: erst durch die Kriegseinwirkungen, dann durch die Vernachlässigung in der Nachkriegszeit, durch eine teilweise Sprengung 1947 oder Anfang 1948 und das endgültige Abräumen des Schutts und der Grundmauern in den Jahren danach. Vielleicht konnte Helene Kaiser auch erst schreiben, nachdem sie für sich mit dem Weihnachtsfest für die Angestellten und deren Kinder im Schloss ein Bild des Trostes gefunden hatte. In ihrer Erinnerung wird das zerstörte Schloss wieder zu einem Ort adliger Fürsorge für die Angestellten des Gutes. Die 1894 geborene ehemalige Hausangestellte verweist in ihrem Brief auf ihre anhaltende Treue zum früheren Gutsherrn, der für sie mehr war als nur ein Arbeitgeber. Über die Erinnerung an das Weihnachtsfest auf dem Schloss waren die einstigen Gutsangestellten weiterhin mit ihrem Gutsherrn im Westen verbunden. Nun pflegten sie den Kontakt per Post. Auch die »Mutter Jahrmatter«, eine andere, 1872 geborene ehemalige Angestellte, die in den Briefen keinen Vornamen trägt, erwähnte am 17. Januar 1950 dieses Ereignis gegenüber Botho von Sierstedt:
»Weihnachten ist wieder vorüber und wie gedenkt man der schönen Zeit, wo wir alle auch unter dem Lichterbaum standen, wo wir alle zu einer Familie gehörten und heute liegt alles in Schutt und Trümmer, aber der liebe Gott lebt noch und wird alles zum Guten führen!«[22]
Weihnachten auf dem Schloss, an das beide Briefeschreiberinnen erinnern, erscheint als Kristallisationspunkt des Verhältnisses zwischen der adligen Familie und ihren Angestellten. Im Nachlass Botho von Sierstedts sind einige seiner Reden zur »Leutebescherung« überliefert, die erkennen lassen, dass der Gutsherr den Anlass durchaus auch zur Inszenierung seiner paternalistischen Herrschaft nutzte. Am 23. Dezember 1920 äußerte der damals 27-Jährige, der ein Jahr zuvor das Gut Siebeneichen übernommen hatte:
»Ich habe meine Freude, wenn ich unser kleines Dörfchen überblicke und zu erkennen glaube, dass hier die neue Zeit nicht hat zu rütteln vermocht an dem guten und friedlichen Einvernehmen unter uns, wie es gewesen war seit alters her, und so auch bleiben wird, wie es meine feste Zuversicht ist. […] Liebe Leute, fahrt nun willig fort, wie bisher Eure Pflicht zu tun und Euch willig unterzuordnen unter die Ordnung, ohne die nun einmal es kein gedeihliches Wirtschaften gibt. […] Wir haben nun wieder jedem eine kleine Weihnachtsgabe aufgetischt. […] Die Sachen sollen nachher zur Verlosung verteilt werden. […] Den Familien wird noch ein kleines Bildchen zugegeben werden. Meine Frau hat die Bilder selbst eingerahmt. Es stellt das Schloss hier dar und soll Euch das Bildchen ein kleiner Zimmerschmuck sein, der Euch alle Zeit eine Erinnerung an Siebeneichen sein soll und die Bewohner dieses Hauses, die Euch gern haben.«[23]
Anlässlich der »Leutebescherung« 1920 bekräftigte der junge Gutsherr also die hierarchische Beziehung zwischen der Adelsfamilie und ihren Angestellten, forderte von seinen Gästen Pflichterfüllung und Unterordnung, ermöglichte ihnen dafür aber privilegierten Zugang zum Schloss und verteilte Geschenke an sie und ihre Kinder. Zwei Jahre nach dem Ende der Monarchie und der Abschaffung des Adels als eigenem Stand versuchte Botho von Sierstedt, diesen Umbruch wegzuerzählen, indem er die alte Ordnung als die weiterhin gültige beschreibt (»die neue Zeit nicht hat zu rütteln vermocht an dem guten und friedlichen Einvernehmen unter uns«) – als wäre das Dorf ausgenommen von den politischen Veränderungen der Weimarer Republik. Das Schloss selbst als Ort der Adelsherrschaft und als Raum, in dem sich die Familie von Sierstedt und ihre Angestellten begegnen, wird hier noch einmal wie zur symbolischen Bekräftigung dieser Ordnung als gerahmtes Bild an alle Weihnachtsgäste verteilt. Interessanterweise betont der Gutsherr in seiner Rede eigens, seine Frau habe die Bilder selbst gerahmt. Offenbar hatte sie dafür ausnahmsweise nicht auf die Hilfe ihrer Angestellten zurückgegriffen. Dass dieses beschworene Verhältnis zwischen Adel und Dorf im Laufe der Jahre allerdings brüchiger wurde und sich die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen auch in Siebeneichen bemerkbar machten, kam in der gutsherrlichen Weihnachtsrede von 1924 zum Ausdruck. Im Tonfall eines strengen Patriarchen merkte Botho von Sierstedt an:
»Mit einiger Betrübnis hatte ich vernommen, dass hier und dort abfällige Worte über unsere Weihnachtsfeiern gefallen waren. Es ist so dargestellt, als läge dieser Veranstaltung die Absicht zu Grunde, man wollte damit Eure Gesinnung einfangen. […] Das Wahlergebnis in Siebeneichen könnte mich glauben machen, Euch und mich trennten unüberbrückbare Gegensätze, da ein Großteil von Euch seine Stimme der Soz.Dem.Partei gab, ich aber meine den Deutschnationalen. […] Das Eine mögt Euch stets vor Augen halten, dass wenn sich auch noch hundertmal die Verhältnisse in Revolutionen umkehren mögen, niemals aus der Welt die Standesunterschiede verschwinden werden. Solange die Welt bestehen wird, wird es geben »hier Arbeitgeber« und dort »Arbeitnehmer«. Nur das ist erreichbar und erstrebenswert, dass ein Stand den anderen achtet. […] Was hier auf Erden sich niemals erfüllen wird, das wird das Jenseits gewähren. Dort werden wir alle gleich sein, so wir nur hieniden jeder an seiner Stelle, wo ihn das Schicksal hingestellt hat, unsere Schuldigkeit getan haben.«[24]
Wie schon vier Jahre zuvor forderte Botho von Sierstedt von seinen Angestellten soziale Unterordnung ein. Anscheinend war im Dorf, wo die SPD eine einflussreiche politische Kraft geworden war, Kritik an der weihnachtlichen Kombination von Geschenken und politischer Richtungsbestimmung laut geworden. Das hinderte den Gutsherrn allerdings nicht daran, die Standesunterschiede zu betonen, deren Fortbestehen er trotz der Abschaffung des Adels 1918 immer noch als zentral für seine Herrschaft in Siebeneichen erachtete. Die gesellschaftlichen Standesunterschiede zwischen ihm als dem Gutsherrn und seinen Angestellten sah er als naturgegeben an. Im Unterschied dazu erinnerte sich Frau Jahrmatter im bereits zitierten Brief rund 25 Jahre später vor allem daran, dass an Weihnachten im Schloss »alle zu einer Familie gehörten«. Möglicherweise gestattete gerade die Inszenierung der »Leutebescherung« den engsten Angestellten die Illusion, dass sie auf ihre Weise Teil der gutsherrschaftlichen Familie waren, auch wenn der Gutsherr das anders sehen konnte. Zumindest in den Briefen von Helene Kaiser und »Mutter Jahrmatter« aus der DDR wurde das Weihnachtsfest als Sinnbild der heilen Welt aufgerufen, in der Angestellte und Herrschaft vereint waren. Die beiden Frauen, die nach 1945 mit Botho von Sierstedt im Briefkontakt standen, beschrieben den zerstörten Raum des Schlosses wie einen weihnachtlich beleuchteten Raum und konnten so die Nachkriegsrealität mit dem Rückgriff auf die jährliche »Leutebescherung« früherer Zeiten nostalgisch verklären.
Die Informationen per Post, die Botho von Sierstedt in der Nachkriegszeit aus Siebeneichen bekam, waren spärlich. Weil die von mir befragten Mitglieder der Adelsfamilie auch heute noch sehr unterschiedliche Ansichten zu Verlauf und Ausmaß der Schlosszerstörung haben, kann davon ausgegangen werden, dass sich in der Familienerzählung nach 1945 keine einheitliche Deutung der Ereignisse durchgesetzt hat. Nicht genauer wissen zu wollen, wie die endgültige Zerstörung des Schlosses vonstatten gegangen war, war vielleicht auch eine Möglichkeit, diesem Verlust keinen zu großen Raum in der Familientradition zukommen zu lassen.
Hochzeitsreden als Momente der Selbstvergewisserung in einer adligen Familie
Adlige Hochzeiten waren opulente Familienfeste mit vielen Gästen. Sie boten durch die Hochzeitsreden die Möglichkeit, das Selbstverständnis der Familie vor einem größeren Verwandtenkreis zu bestimmen und an die nächste Generation weiterzugeben. Im Nachlass von Botho von Sierstedt sind alle Hochzeitsreden für seine sieben Kinder aufbewahrt, die er izwischen 1943 und 1963 gehalten hat. Diese Reden sind Zeugnisse dafür, wie sich die innerfamiliären Erzählungen der Adelsfamilie gewandelt haben in der Zeit vor dem Kriegsende, als die Gutsherrschaft noch existierte, bis in die 1960er Jahre, als die Familie in der Bundesrepublik lebte. In der ersten Hochzeitsrede für seine zweitälteste Tochter Clara von Sierstedt spielte das Gut in Siebeneichen noch keine zentrale Rolle. Bei ihrer Hochzeit am 26. September 1943 während des Zweiten Weltkriegs sagte der Vater, an seine Tochter gerichtet: »[dass Du] Kraft empfingst mit dem Blut der Ahnen, aus dem Boden ihrer jahrhundertealten Heimat und von fröhlich-hellen Kindheitstagen, um feste Wurzeln zu schlagen in dem Boden der Heimat des Richards [der Heimat des Bräutigams].«[25] Der Vater beschrieb hier »Blut und Boden« als die beiden zentralen Elemente, die er der Tochter aus der eigenen Familientradition für ihre Ehe mitgeben wollte. Er verwendete in seiner Rede ein zentrales Begriffspaar der nationalsozialistischen Ideologie. »Blut und Boden« bezeichnete die Einheit eines rassisch definierten Volkskörpers und seines Siedlungsgebiets. Mit diesen agrarpolitischen Ideen wurde eine bäuerliche Lebensweise idealisiert.[26] Botho von Sierstedt benutzte dieses Begriffspaar nun im adligen Kontext. Nach adligem Verständnis lässt sich über die Kategorie des »Blutes«, auch des sogenannten »blauen Blutes«, das spezifische Abstammungsbewusstsein des Geburtsadels verdeutlichen, im Gegensatz etwa zu einem »Adel der Gesinnung« oder zum »Adel des Geldes«.[27] Dieser seit dem 19. Jahrhundert gebräuchliche Ausdruck war bedeutsam für die Hinwendung des Adels zu völkischem Gedankengut und dann zum Nationalsozialismus, denn das Denken in Kategorien der Abstammung war den Adligen vertraut.[28] Wie am Beispiel der Hochzeitsrede deutlich wird, benutzte Botho von Sierstedt diese Begriffe jedoch nicht politisch im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, sondern um seiner Tochter und den anwesenden Hochzeitsgästen die Zugehörigkeit zum Adel und damit zu einem jahrhundertealten Familienverband näherzubringen.
Im Interview 2011 fast siebzig Jahre nach ihrer Hochzeit beschreibt Clara von Sierstedt ihre Situation aus einer Perspektive, die der damaligen ihres Vaters entspricht, allerdings ohne die Metapher vom adligen Blut zu benutzen:
»Als Frau in der damaligen Zeit mit der Auffassung, mit der ich groß geworden bin, verliert ja jede Frau mit der Heirat ihre Heimat. Denn sie macht sich dort fest, wo der Mann lebt. […] Deswegen verschwindet nicht das Erlebnis oder das Erlebte von früher, aber die Verklammerung an einen besonderen Ort, das habe ich mir, wenn ich das ein bisschen drastisch sagen soll, nie leisten können.«[29]
Clara von Sierstedt begründet ihr eher unsentimentales Verhältnis zu Siebeneichen nach der Enteignung damit, dass sie von klein auf dazu erzogen wurde, sich in die Familie des Ehemannes einzufügen. Den Grundbesitz erbte allein der erste Sohn, die Töchter dagegen sollten in adlige Familien einheiraten. Der Ehemann von Clara von Sierstedt fiel allerdings schon ein Jahr nach der Hochzeit an der Ostfront. Nach dem Kriegstod ihres ersten Mannes heiratete sie am 25. Juli 1949 zum zweiten Mal – einen weiter entfernten Verwandten, der aus einem anderen Zweig der Familie von Sierstedt in Ostpreußen stammte. In den sechs Jahren seit ihrer ersten Hochzeit hatte die Familie ihren Besitz in Siebeneichen verloren. In seiner Rede zu dieser Hochzeit sagte Botho von Sierstedt an beide Ehepartner gerichtet:
»Unsere Erinnerungen an unsere Heimaten sind fest in unsere Herzen eingetragen, aber gleichsam losgelöst von jedem Schmerzlichen. Es ist nur Dank geblieben für alles, was war und seine unauslöschlichen Spuren hinterließ in unsern Herzen.«[30]
Zum Zeitpunkt ihrer zweiten Hochzeit 1949, vier Jahre nach der Enteignung ihres Vaters, lebte die Tochter zusammen mit ihrem neuen Ehemann auf einem Gutshof in Bayern, den sie von ihrer Großmutter mütterlicherseits geerbt hatte. Der verlorene Besitz der väterlichen Familie war nach wie vor ein wichtiger Bezugspunkt, aber die Perspektive schien wenige Monate nach der Gründung der Bundesrepublik auf den Neuanfang im Westen ausgerichtet zu sein.
Auch in den Reden zu den Hochzeiten zweier weiterer Töchter, die beide 1950 heirateten, sprach der Vater nur kurz und ohne Bedauern und sehr knapp über den Verlust von Siebeneichen. Da seine drei ältesten Töchter jeweils in adlige Familien einheirateten, betrachtete er es womöglich als Aufgabe der Familie des Bräutigams, ausführlicher über deren Herkunft zu sprechen. Ausführlicher als in den zuvor gehaltenen Reden bezog er sich 1956 auf die Siebeneichener Herkunft, als er anlässlich der Hochzeit einer weiteren Tochter ausführte:
»Wär’s noch in der Heimat, wir hätten das alte Haus geputzt und geschmückt. […] Ich meine hier in diesem alten Gemäuer […] möchte uns ein Ersatz gegeben sein für jenes tragende Gefühl der Verbundenheit mit der Vorzeit, so wie uns Sierstedts das die Heimat Siebeneichen immer so stark hat empfinden lassen. Denn ich halte es für hilfreich, in Freundschaft mit dem Geist der eigenen Herkunft zu leben, der irgendwie doch – und eigentlich höchst natürlich – uns in unsrer Art geprägt hat.«[31]
Der Brautvater war jetzt bereits 63 Jahre alt und stand kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter. Möglicherweise deswegen fiel sein Rückblick auf die eigene Herkunft ausführlicher aus als anlässlich der früheren Hochzeiten 1949 und 1950, als er noch versuchte, beruflich wieder als Landwirt und Gutsverwalter in der Bundesrepublik Fuß zu fassen. Außerdem fand die Hochzeit auf einem Schloss statt, das die Familie für den Anlass gemietet hatte. Dieses angemietete Schloss erscheint in der Rede als Ersatzobjekt, das dazu diente, auch in der Fremde die Verbindung zu den vorherigen Familiengenerationen aufzurufen. Sein zukünftiger Schwiegersohn war nicht adlig – womöglich ein weiterer Grund, die eigene Familiengeschichte ausführlich zu schildern, damit dieses Wissen in der Ehe der Tochter nicht verlorenging. In seiner Rede deutet Botho von Sierstedt zudem an, dass seine Tochter einen schwierigen Start in der Bundesrepublik hatte. Bei Kriegsende war die Tochter 17 Jahre alt. Bis zum Herbst 1946 lebte sie mit der Mutter und ihrer nächstjüngeren Schwester in Halle/Saale, getrennt vom Vater und den anderen Geschwistern, bevor sie in die Bundesrepublik flohen. Auf diese Erlebnisse ging der Vater jedoch nicht ein. Vielmehr wirkt es so, als wollte er mit der ausführlichen Erwähnung des Schlosses als Ort der Kindheit der Braut von den familiären Schwierigkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit ablenken. Mit dieser Hochzeitsrede und den folgenden Reden für die jüngeren Kinder übernahm Botho von Sierstedt in seiner Familie immer mehr die Rolle eines Patriarchen ohne Besitz, der seinen Kindern und Enkeln ihre Herkunft aus Siebeneichen durch seine Erzählungen weitergeben wollte.
Die nächste Familienhochzeit fand am 20. Juli 1958 statt. Zu Beginn dieser Rede für seine nächstjüngere Tochter nahm der Vater Bezug auf den 20. Juli 1944, als das Hitler-Attentat der Gruppe um Graf Stauffenberg scheiterte: »Dies Datum ist zum Denkmal geworden für die Tat der Liebe – der Liebe, die durch den Einsatz des Lebens für die Brüder als grösst-erwiesene Liebe gilt.«[32] Botho von Sierstedt erwähnte in seiner Rede nicht, dass es an diesem Tag vor 14 Jahren um den geplanten Sturz der nationalsozialistischen Regierung ging. Wahrscheinlich setzte er voraus, dass die Hochzeitsgäste wussten, wovon er redete. Stattdessen sprach er davon, dass dieser Tag inzwischen zu einem Denkmal für die Liebe geworden war. Ausführlicher sprach er nicht über dieses Ereignis, das damit vage blieb. Diese uneindeutige Redeweise passt zu den offiziellen Erinnerungsdiskursen über den 20. Juli 1944 in der Anfangsphase der Bundesrepublik. Einerseits wurde Stauffenberg in den 1950er Jahren noch als »Vaterlandsverräter« gesehen, wie ihn Goebbels genannt hatte, andererseits wurde er nach der Einweihung des Ehrenhofes im Bendlerblock 1953 durch den Regierenden Bürgermeister West-Berlins, Ernst Reuter, und nach der Rede von Bundespräsident Theodor Heuss am 20. Juli 1954 im öffentlichen Gedenken herausgehoben und infolgedessen zu einer heroischen Symbolfigur des Widerstands gegen Hitler.[33] Für Familien wie die von Sierstedts kam dieser öffentlichen Bezugnahme auf einen adligen Offizier überdies die Bedeutung zu, als gesellschaftliche Gruppe in der Bundesrepublik Anerkennung zu finden.[34] Wahrscheinlich ist diese Veränderung innerhalb der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur auch ein Grund dafür, dass Botho von Sierstedt seit seiner Rede von 1956 wieder selbstbewusster die adlige Familienherkunft thematisierte und die Familie 1958 den Jahrestag des gescheiterten Hitler-Attentates als Hochzeitstermin wählte. Im Unterschied zu seiner Rede von 1956 stellte der Vater anlässlich der Hochzeit von 1958 allerdings keine Reflexionen darüber an, was die Herkunft bedeutete – vielleicht, weil dieses Mal die Tochter wiederum einen Adligen heiratete.
Über Herkunft und Heimat sprach Botho von Sierstedt erst wieder, als am 25. März 1961 sein einziger Sohn und damit der eigentliche Erbe heiratete. Im Unterschied zu seinen Töchtern gab Botho von Sierstedt seinem Sohn und dessen künftiger Frau den expliziten Auftrag, das Familienerbe nach der Enteignung auf einer geistigen Ebene zu bewahren. An seine kommende Schwiegertochter gerichtet sagte er:
»Du wirst Christian auch darin eine Stütze sein, dass er sein Wächteramt über Geist und Haltung unseres Stammes treulich erfülle. Denn es wird Dein – Euer – Haus über unsere Zeit hinaus der Hort der Siebeneichner Tradition sein, die nach dem Verlust allen äußeren Besitzes nur umso unbelasteter und intensiver das zu bewahren hat, was bei rechtverstandener Tradition und ihrer Pflege im geistigen Sinne fortleben muss.«[35]
Auch wenn das Erbe der Familie nach 1945 nicht mehr mit einem konkreten Besitz verbunden war, verstand der Vater es immer noch als ideelles Erbe, das er nun an seinen Sohn übergeben wollte. Vor seinen Kindern und Verwandten legte er seine Auffassung dar, wonach mit der adligen Herkunft trotz der Enteignung eine Form der familiären Traditionspflege verbunden sei, die nun sein einziger Sohn und dessen zukünftige Ehefrau übernehmen sollten. Botho von Sierstedt hatte damit im März 1961 eine Möglichkeit für die Familie gefunden, die adlige Familientradition auch ohne den Besitz fortführen zu können. Die politische Lage in den Monaten kurz vor dem Mauerbau ließ eine Rückkehr der Familie nach Siebeneichen immer aussichtsloser und unrealistischer erscheinen. Nachdem 1960 fast 200.000 Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet waren, hatte die SED-Führung in Ost-Berlin mit geheimen Planungen begonnen, um die anhaltenden Flüchtlingsströme über West-Berlin zu stoppen.[36] Während Botho von Sierstedt mit seiner Familie die Hochzeit des einzigen Sohnes feierte, wurde eine Abriegelung des östlichen Sektors der geteilten Stadt durch eine Mauer in der ersten Hälfte des Jahres 1961 immer wahrscheinlicher. Über eine mögliche Rückkehr auf den Gutsbesitz in der DDR sprach der ehemalige Gutsherr in dieser Rede ebensowenig wie in den Hochzeitsreden für seine Töchter. Stattdessen erklärt der Vater ganz konkret, was er als ein zentrales Element dieser »Traditionspflege ohne Besitz« betrachtete, wenn er an seinen Sohn gewandt äußerte: »dass Du in Deinem schönen Drang nach Leistung auf neuen Wegen bestätigen wirst, dass unser Können und Wollen nicht begraben wurden unter den Trümmern unserer Häuser.«[37] Damit forderte er von seinem Sohn im Unterschied zu den Töchtern ein Leistungsbewusstsein, das dieser zwar nicht mehr als Gutsherr unter Beweis stellen musste, sondern in seinem (vom Vater nicht näher beschriebenen) Beruf. Dieser entschiedene Appell an den Sohn, der nicht in vergleichbarer Form an die Töchter erging, leitete sich aus den unterschiedlichen Rollenerwartungen an den männlichen und weiblichen Nachwuchs innerhalb der Adelsfamilie ab.[38] Für die materielle Absicherung der Töchter war die Ehe das angestrebte Ziel. Der einzige Sohn war hingegen als Erbe des Familienbesitzes vorgesehen und sollte damit die Familienkontinuität sichern.[39] Auf diese herausgehobene Position des Sohnes unter den sieben Geschwistern wies Botho von Sierstedt in seiner Rede hin, indem er seinen Sohn direkt ansprach, um ihn zu erinnern: an »den Verlust der Heimat und Deiner, Dir einst schon abgesteckten Bestimmung und Auftrag an ihr«.[40]
Über ihren 1933 geborenen jüngeren Bruder, der 1991 starb, sagt Clara von Sierstedt: »Christian, mit 39 Jahren hatte er einen Zusammenbruch, einen Schlaganfall, der ihn nachhaltig eingegrenzt hat.«[41] Christian von Sierstedt, der in der Bundesrepublik im Auftrag des Vaters das ideelle Familienerbe verwalten und die Familientradition bewahren sollte, konnte diese Aufgabe nicht erfüllen, als mit dem Mauerfall im November 1989 Siebeneichen wieder erreichbar geworden war. 1991 besuchte er zwar dort noch seinen Neffen Jasper von Sierstedt, der am alten Familiensitz einen landwirtschaftlichen Betrieb aufzubauen versuchte. Da jedoch die Enteignungen aus der Zeit der Bodenreform nicht rückgängig gemacht wurden, konnte er sein eigentliches Erbe nicht zurückerlangen und antreten. 1991 starb er. Auch seine beiden Söhne, die nach seinem Tod die Erben des Familienbesitzes gewesen wären, kehrten nicht in das Dorf der Vorfahren zurück. Christian von Sierstedt selbst und einer seiner Söhne liegen heute auf dem Familienfriedhof neben der Kirche in Siebeneichen begraben. Als Elfjähriger hatte der Adlige das Dorf kurz vor Kriegsende verlassen, sein Sohn hat nie dort gelebt. Dennoch war anscheinend in der Familie das Bewusstsein für die herausgehobene Position der beiden Erben innerhalb der männlichen Linie so ausgeprägt vorhanden, dass er und sein Sohn eine eigene Grabstätte in Siebeneichen bekamen. Durch die Wende 1989 war das ehemalige Gutsdorf zum ersten Mal seit Jahrzehnten für die Familie wieder erreichbar geworden.
Als im Mai 1963, knapp zwei Jahre nach dem Mauerbau, die jüngste Tochter Botho von Sierstedts einen nicht-adligen Mann heiratete, lag das Familiengut außer Reichweite. Bei der Hochzeitsfeier war es nur als Illustration auf den Tischkärtchen präsent, auf denen es in unzerstörtem Zustand abgebildet war. Darauf spielte der Brautvater in seiner Tischrede an:
»Grad so wie die Heimat immer in unserem Herzen verwahrt sein wird, unberührt von aller Zerstörung. Das will nun aber nicht wehmütige Erinnerungen wecken, sondern nur, gleichsam symbolisch einen Begriff wachrufen von dem, was darin beschlossen liegt an besonderer Gabe, die denen gereicht ist, die herkommen oder herkamen von dort.«[42]
Wie schon 1961 deutete der enteignete Gutsbesitzer seine Familie als eine privilegierte Gemeinschaft, deren Angehörigen auch ohne den enteigneten Besitz besondere Eigenschaften zukämen. Gleichzeitig richtete Botho von Sierstedt in dieser Rede den Blick auch von der Familiengemeinschaft hin zum Individuum. Jeder Familienangehörige sollte sich an das unzerstörte Siebeneichen erinnern und sich der »besondere[n] Gabe« dieser Herkunft bewusst sein. Was er genau damit meinte, wird allerdings nicht deutlich. Erneut fand in diesem Fall das Familienfest anlässlich der Hochzeit der jüngsten Tochter auf einem angemieteten Schloss statt – wie schon 1956 bei der Hochzeit von Ada von Sierstedt. Während Botho von Sierstedt von seinem Sohn Christian bei dessen Hochzeit zwei Jahre zuvor Leistungsbereitschaft und Traditionspflege eingefordert hatte, stellte er nun vor versammelter Hochzeitsgesellschaft die rhetorische Frage, warum »die schönen Wahrzeichen ostdeutscher Geschichte aus dem Bereich des Sichtbaren verschwinden mussten?«[43] Damit spielte Botho von Sierstedt ganz offensichtlich auf die zerstörten Schlösser auf DDR-Gebiet an, deren Verschwinden er beklagte. Das Problem des Unsichtbarwerdens der Adelsschlösser durch ihre Zerstörung lässt sich in Verbindung bringen mit der Forschungsthese von Heinz Reif, der den Adel als »Meister der Sichtbarkeit« bezeichnet hat.[44] Ohne Schloss konnten die vertriebenen ostdeutschen Adelsfamilien in der Bundesrepublik keine repräsentative und öffentlich sichtbare Position mehr einnehmen. Sie konnten ihren Adel nur noch auf der geistigen Ebene pflegen – und sich ansonsten für private Feste ein Schloss anmieten.
Botho von Sierstedt rief 1963 für alle Zuhörer die Zerstörung des Familienschlosses in Siebeneichen in Erinnerung und endete mit der Aufforderung: »Möge dieses Rätsel uns die Spannung und somit die Kraft verleihen, die der Erinnerung Dauer und Würde schenkt.«[45] Und an seine Tochter gerichtet sagte er: »dass solches Besinnen Dir eine Mitgift erschließt – vielmals wertvoller als je einstiger Glanz und Reichtum der Heimat Dir hätte mitgeben können.«[46]
Der ehemalige Gutsherr, der inzwischen 70 Jahre alt war und seine jüngste Tochter finanziell nicht mit einer Mitgift ausstatten konnte, wie er es als Schlossbesitzer getan hätte, gab ihr und der versammelten Hochzeitsgemeinde stattdessen ein Rätsel auf, das eher wie eine Meditationsaufgabe klingt. Er forderte seine Tochter anlässlich ihrer eigenen Familiengründung auf, über den ideellen Mehrwert des Heimatverlustes nachzudenken, anstatt die verlorenen, materiellen Werte zu beklagen. Botho von Sierstedt stellte außerdem einen Bezug her zu den früheren Familiengenerationen und erinnerte seine Tochter daran, wie »deren [das der Vorfahren] Bluterbe Dich in irgendwie geheimnisvoller Weise hineinbezieht in gleiches Denken«.[47] Wie bereits in der Hochzeitsrede für sein zweitältestes Kind Clara 1943 verwendete er auch 1963 wieder die Metapher des Blutes, um auf den adligen Generationenzusammenhang zu verweisen, der auch ohne den konkreten Besitz imaginiert werden konnte. Die antisemitischen Konnotationen des Begriffs »Bluterbe« und seine Herkunft aus der völkischen Ideologie der Nationalsozialisten waren dem Brautvater anscheinend nicht bewusst oder aber gleichgültig, als er diesen archaisch anmutenden Terminus noch 1963 verwendete.[48] Ohne das eigens zu erwähnen, bezog sich Botho von Sierstedt in seiner Rede wahrscheinlich implizit auch auf einen Text, der sich in seinem Nachlass findet und der im Johanniter-Blatt publiziert worden war. Außerdem erschien der Text auch in der ZEIT vom 28.12.1962. Es handelte sich dabei um den Abdruck eines Vortrags mit dem Titel »Ein neuer Auftrag wäre nötig«, den der prominente ostpreußische Adlige und Schriftsteller Hans Graf von Lehndorff am 9. September 1962 zum »Tag der Heimat« in der Frankfurter Paulskirche gehalten hatte. Sein Verfasser, der wie Botho von Sierstedt Ritter und Mitglied des evangelischen Johanniterordens war, reflektiert darin über den Heimatverlust der Vertriebenen sowie über eine mögliche, daraus resultierende Aufgabe:
»Ein neuer Auftrag wäre notwendig, um mit den Geistern der Vergangenheit fertig zu werden. Ein Auftrag, der weder mit Kultur, noch mit Wirtschaft, noch mit irgendeiner Ideologie etwas zu tun hat, sondern der allein das zum Ziel hat, was unserer Welt heute am meisten fehlt: nämlich die Hinwendung zum Mitmenschen unter Zurücksetzung der eigenen Interessen. Aus diesem Geist ist einmal das christliche Abendland hervorgegangen.«[49]
Für Hans Graf von Lehndorff war es ein Auftrag, der aus der »Hinwendung zum Mitmenschen« bestand und weitgehend offenblieb, für Botho von Sierstedt war es ein »Rätsel«, über das die Hochzeitsgesellschaft nachdenken sollte. Für beide stellte sich die Frage, was nach dem Mauerbau 1961 und mehr als zwanzig Jahre nach der Vertreibung der Heimatverlust für die davon Betroffenen bedeutete. Dabei entsteht der Eindruck, dass sich in diesen Reden der beiden adligen »Johanniter-Ritter« ein spezifisches Pflicht- und Dienstideal artikuliert. Je größer im 20. Jahrhundert der auf dieser gesellschaftlichen Gruppe lastende Legitimationsdruck wurde, umso stärker rückte eine noblesse oblige in das Zentrum der Werteordnung des Adels.[50] In diesem »Adel verpflichtet« verband sich ein Überlegenheitsgefühl mit der Überzeugung, im Gegensatz zu Nichtadligen Aufgaben und Pflichten für die Allgemeinheit zu haben.[51] Obwohl Botho von Sierstedt dem Johanniter-Orden angehörte, einem bis 1948 rein adligen ehrenamtlich-karitativen Verein[52], thematisierte er in den Hochzeitsreden für seine Kinder nicht die öffentliche Komponente der Idee des »Adel verpflichtet«, sondern bezog sich allein auf die innerfamiliäre Ebene der Verpflichtung, die mit der adligen Geburt einherzugehen schien. Eine adlige Hochzeit war in der Bundesrepublik im Jahr 1963 zu einem rein privaten Ereignis geworden, denn das Gutsdorf, das bis 1945 den Rahmen für repräsentative Hochzeitsfeste abgegeben hatte, befand sich jenseits des Eisernen Vorhangs.
In den ersten Jahren nach der Ankunft im Westen hatte der ehemalige Gutsbesitzer in den Hochzeitsreden für seine Töchter, die ihrerseits in adlige Familien einheirateten, den Verlust des Familienbesitzes nur am Rande erwähnt. Ab Ende der 1950er Jahre wurde das Ereignis dann jedoch ausführlicher in seinen Reden besonders in den Fällen thematisiert, wenn seine künftigen Schwiegersöhne selbst nicht adlig waren – oder als sein einziger Sohn und damit der Erbe heiratete. Von seinem Sohn forderte er ein Leistungsbewusstsein, seinen jüngeren Töchtern, deren Ehemänner keine Adligen waren, rief er ihre besondere Herkunft vor Augen. Das Schloss war also in jedem Fall ein zentraler Bezugspunkt in den Hochzeitsreden: Nach seiner Zerstörung diente es als imaginierter Ort, an dem sich im bundesrepublikanischen Exil der generationsübergreifende Zusammenhalt der adligen Familie kristallisierte. Wie allerdings die Kinder des enteigneten Gutsbesitzers, an die er sich in seinen Reden richtete, diese Überlegungen zu ihrer Herkunft aus Siebeneichen in ihren jeweiligen Familien thematisierten, muss wegen fehlender Quellen offenbleiben. Das zweitälteste Kind Clara von Sierstedt erwähnt im Interview, dass sie und ihr Ehemann mit den eigenen Kindern nicht viel über den früheren Gutsbesitz in beiden Familien gesprochen haben. Über ihren Ehemann und dessen Erzählungen über seine adlige Herkunft berichtet sie:
»Wenn die Kinder gefragt haben, dann hat er auch mal davon erzählt, aber es war nicht Thema Nummer Eins. Dazu war man zu sehr. … Die Kinder haben ihn ja weitgehend. … Das heißt, die drei Großen haben ihn noch als Landwirt erlebt. Die anderen später, auch die Großen, haben ihn als Student, auch wenn er vorgerückten Alters war, und dann im Beruf erlebt. (IL: Als Pfarrer dann?)
Als Pfarrer, das ist ja eine prägende Sache.«[53]
Clara von Sierstedts 1961 geborener Sohn Jasper fragt sich allerdings in diesem Zusammenhang:
»Wie würden meine Kinder, wenn sie von heute auf morgen Siebeneichen verlassen müssten, wie würden die das sehen, wie würden die das beschreiben? Ja, ich bin eben ohne diese elterlichen Emotionen großgeworden. Das ist, und ich wüsste nicht, ob ich so emotionslos, wenn ich von heute auf morgen das Elternhaus verlassen müsste, ob ich das so emotionslos leben könnte, wie das meine Eltern gelebt haben. […] Ich höre immer wieder den Satz meiner Eltern: »Haben, als hätte man nicht«. Ja, materielle Güter spielen keine Rolle oder eine sehr untergeordnete Rolle. Meine Eltern waren beide […] sehr im Glauben lebend, überzeugte Christen. Sie haben ihr Leben ganz der Berufung meines Vaters gewidmet, auch meine Mutter.«[54]
Jasper von Sierstedt berichtet, wie seine Eltern wenig und vor allem ohne Gefühle über den Verlust der Güter auf beiden Seiten der Familie gesprochen haben. Während sein Großvater zumindest in den Reden anlässlich der Hochzeiten seiner sieben Kinder immer wieder auch in der Familienöffentlichkeit an Siebeneichen erinnerte, scheinen seine Tochter Clara und deren Ehemann über die Vergangenheit vor allem geschwiegen zu haben. Die Verarbeitung des Heimatverlusts in der Familie wurde zugleich mit einem indirekten Bibelzitat überhöht: »Haben, als hätte man nicht« – eine Strategie des Loslassens, die darauf zielte, die eigene Identität nicht auf irdische Güter zu gründen.[55] Jasper von Sierstedt hat sich nach dem Ende der DDR für die Rückkehr auf das Familiengut in Brandenburg entschieden, trotz oder auch vielleicht gerade wegen der distanzierten Erzählweise seiner Eltern über ihre familiäre Herkunft. Womöglich wollte der 1961 Geborene genauer wissen, was sich hinter diesem fremd-vertrauten Ort Siebeneichen verbarg, von dem alle in der Familie redeten und zugleich darüber schwiegen? Seit 1998 lebt seine Mutter ebenfalls wieder im Dorf ihrer Kindheit. Ihr Vater versuchte, in der Bundesrepublik zu den Hochzeiten seiner sieben Kinder, aber sicherlich auch zu anderen Anlässen die Erinnerung an Siebeneichen durch seine Erzählungen lebendig zu halten. Er starb 1982 und konnte zu Lebzeiten nie mehr zurück nach Siebeneichen. Seine Urne dagegen überführten die Kinder nach dem Ende der DDR auf den kleinen Familienfriedhof neben der Kirche, in der 1943 das letzte Mal eine adlige Familienhochzeit stattgefunden hatte.
Narrative der Adelsfamilie und der Menschen aus dem Dorf über das verschwundene Schloss in der Zeit der DDR und in der Gegenwart
Nach dem Abriss des Schlosses in der Nachkriegszeit entstand in der Mitte des Dorfes ein leerer Raum, der nicht wieder bebaut wurde. Diese Leerstelle ist ein zentrales Thema in allen Interviews. Sebastian Menzel (Jahrgang 1973), der als Handwerker in Siebeneichen lebt und in seiner Freizeit Kirchenführungen anbietet, hat für unser Interview die Kirche als Treffpunkt ausgewählt. Noch bevor wir die Kirche betraten, erläuterte er, wo früher das Schloss stand:
»So dass man eigentlich vom Teich her den Blick auf die Hauptfassade des Schlosses hat, die also quasi hier in Höhe dieser Wildrosenhecke sich befand, ja. […] Und man sieht ja hier andeutungsweise noch dieses Gesträuch, was jetzt hier rechts steht hinter dem Zaun, da ist ja auch noch so eine kleine Erhöhung, darunter ist auch noch ein bisschen Schlosskeller. Na was wird das sein, 4 mal 5, 5 mal 5 Meter. Da ist also noch ein Kellerraum. Das heißt also, das Schloss hat hier noch Fundamente. Also wenn man jetzt graben würde, könnte man theoretisch die Fundamente sicher auf jeden Fall also noch finden.«[56]
In seinem Bericht greift Sebastian Menzel auf Bilder aus einem der bekanntesten Märchen der Brüder Grimm zurück. So wie im Märchen von Dornröschen eine Rosenhecke das Schloss überwuchert, wächst in Siebeneichen eine Wildrosenhecke genau an der Stelle, an der früher das Schloss stand.[57] Unter dem »Gesträuch«, wie Sebastian Menzel es nennt, ist noch etwas von dem einstigen Gebäude erhalten. In seiner Erzählung unterteilt er das Schlossgelände in einen ober- und in einen unterirdischen Teil mit einem Keller, den er als letzten Gebäuderest beschreibt. Fast wirkt es so, als würde sich Sebastian Menzel eine archäologische Ausgrabung wünschen, um den Keller freizulegen. Diesem letzten Gebäuderest vom Schloss haftet noch die Aura des Authentischen an: wie eine Beglaubigung, dass hier einmal ein imposantes Gebäude gestanden haben muss, das der 1973 Geborene selbst nie gesehen hat.[58]
Über ein Haus in unmittelbarer Nähe des zerstörten Schlosses, in dem zum Zeitpunkt des Interviews Clara von Sierstedt lebt, berichtet Sebastian Menzel:
»Dieses Kavalierhaus, weiß ich, war von einem Herrn Monath bewohnt. Horst Monath, bis Mitte, Anfang der 80er Jahre. Ja, kann ich nicht mehr genau sagen. Allerdings war dieses Gebäude dem Verfall bereits preisgegeben. Der darin wohnte, hat sich nicht geschert, irgendwas besonders für den Erhalt des Gebäudes zu tun. Das Gebäude war also schon sehr dem Verfall preisgegeben. Er selbst ist dann eines Abends aus der Gaststätte gekommen […] und ist im Dorfteich ertrunken.«[59]
Mit dem Gebäude verbindet sich ein tragisches Unglück, da ein ehemaliger Bewohner in den 1980er Jahren anscheinend alkoholisiert im Dorfteich ertrank. Zum Zeitpunkt dieses Ereignisses war Sebastian Menzel ein Kind und wohnte mit seinen Eltern in einem Haus gegenüber des Teiches. Als wolle er dem verstorbenen Nachbarn nicht nur Schlechtes nachsagen, fügt er aber an:
»Ansonsten, so lange der Herr hier wohnte, hat er dann wenigstens die hohen Brennnesseln abgemäht und man hatte dann den Blick wenigstens auf das Gelände. Das machte hier allerdings keinen seriösen Eindruck mehr. Und als der Herr verstarb, war natürlich hier alles am Zuwuchern, ja. Es wuchsen Bäume und Sträucher. Selbst die Gemeinde hatte hier im vorderen Bereich, wo Sie jetzt stehen, noch einen, ja, Schrottplatz angelegt. Der wurde dann alle Jubeljahre mal abgefahren, dann war er wieder leer. Dann wurde das wieder hier aufgetürmt.«[60]
Sebastian Menzel erklärt, dass sich dieser Bewohner zwar nicht um das Haus, aber immerhin um den Garten gekümmert habe. Er nennt ihn »den Herrn« und bleibt damit sprachlich im Duktus einer Schlossführung, wenn er über die verfallenden Nebengebäude des Schlosses während der DDR-Zeit spricht. Auch dabei ruft der geübte Touristenführer Bilder auf, die an den hundertjährigen Schlaf von Dornröschen erinnern. Im Märchen wuchs die Dornenhecke jedes Jahr höher, bis das Schloss nicht mehr zu sehen war. In Siebeneichen wuchsen nicht nur Bäume und Sträucher, sondern auch ein Schrottberg dort, wo früher das Schloss gestanden hatte. Es scheint so, als wollte die Dorfgemeinschaft von Siebeneichen nach 1945 den leeren Raum auffüllen, aber nicht wieder bewohnen. Sebastian Menzel bietet im Interview eine Erklärung an, die er wahrscheinlich schon häufiger gebraucht hat und die mit ihren Parallelen zum Märchen von Dornröschen auch populäre Bilder von Schlössern aufruft. Seine Sicht auf das anwesende und zugleich abwesende Schloss erscheint wie auf die Bedürfnisse von interessierten Touristen zugeschnitten. Mit der romantisierenden Wortwahl und der Verbindung zur Märchensymbolik verwendet er außerdem eine Deutung, die diesen zerstörten Raum in eine imaginierte und auch heilere Perspektive stellt.
Soll dieses Gelände nun weiterhin unbebaut bleiben, jetzt wo die Adelsfamilie wieder im Dorf lebt? Diese Frage haben sich anscheinend einige Menschen aus dem Dorf gestellt. So erwähnt es zumindest Jasper von Sierstedt:
»Viele waren eben der Meinung, was weiß ich, dass das Schloss wieder aufgebaut werden würde. Dass eben die guten alten Zeiten, in Anführungszeichen, dass die eben mit unserer Rückkehr, jetzt verwende ich auch diesen Begriff, weil viele das eben auch so gesehen haben, dass eben diese Zeiten wieder anbrechen würden. Da waren viele bitter enttäuscht.«[61]
Der Enkel des Gutsbesitzers legt den Schluss nahe, 1990 wären in erster Linie die Menschen im Dorf daran interessiert gewesen, das leere Zentrum des Gutes wieder mit einem Schloss zu bebauen. Mit diesem Wiederaufbau wäre seiner Ansicht nach jedoch nicht nur eine räumliche Rekonstruktion, sondern auch eine direkte Bezugnahme zur Gutsherrschaft vor 1945 verbunden gewesen, die er ablehnte. Das Schloss wurde also nicht wiederaufgebaut, doch nach 1990 sanierte die Familie von Sierstedt einige Nebengebäude. Diesen Gebäuden geben sie Namen, die auf die frühere Schlossarchitektur verweisen. Das erwähnt auch Sebastian Menzel während seiner Kirchenführung. Im sogenannten »Kavalierhaus« wohnt heute Clara von Sierstedt und im sogenannten »Torhaus« ihr Sohn mit seiner Familie. Sebastian Menzel erläutert:
»Zum Schlosse gehörten die beiden Anbauten, das große Gebäude, das Torhaus und das Kavalierhaus, die sind aber erst im späten 19. Jahrhundert gebaut worden. Das Torhaus ist eine Remise gewesen, also eine Unterstellmöglichkeit für Kutschen und Pferde.
(IL: Das ist das große Gebäude?)
Dieses Gebäude ist 1994 komplett abgetragen worden und neu gebaut worden, alter Grundriss. Und dort wohnt ja die junge Familie. Das Kavalierhaus, dieses kleine Gebäude, war ja das erste Gebäude, was man sich herrichtete.«[62]
Jasper von Sierstedt und seine Frau, die er die »junge Familie« nennt, leben also heute in einem neu erbauten Gebäude, das sie nach altem Grundriss dort errichteten, wo früher die Remise stand. Sie nennen es das »Torhaus« – vielleicht, weil »Remise« als Bezeichnung für ein wirtschaftlich genutztes Gebäude kein angemessener Name für das Wohnhaus einer adligen Familie wäre. Außerdem erwähnt Sebastian Menzel das »Kavalierhaus« als erstes Wohnhaus der Familie von Sierstedt in Siebeneichen nach 1990. Auf dem ehemaligen Schlossgelände gibt es noch zwei weitere Häuser, die Anfang der 1950er Jahre gebaut wurden. In einem dieser Häuser ist der 1973 geborene Sebastian Menzel aufgewachsen, dort lebt er auch heute mit seiner Familie. Für die Häuser der Dorfbewohner auf dem ehemaligen Schlossgelände gibt es keine Bezeichnungen, während die Wohnhäuser der adligen Familie Namen tragen, die auf ihre historische Funktion verweisen – wie eben im Fall des »Torhauses«. Dieser Name soll möglicherweise unterstreichen, dass das Gebäude, in dem die Familie wohnt, kein repräsentatives Gutshaus ist. Franziska von Sierstedt, die Ehefrau von Jasper von Sierstedt, nimmt im Interview direkt darauf Bezug:
»Und wir haben eben kein Gutshaus. Und da sind wir aus der heutigen Situation, also aus der damaligen Situation waren wir eigentlich letztendlich eben ganz froh, denn das hätte natürlich Unsummen verschlungen, die wir auch erstmal gar nicht gehabt hätten. Das [Torhaus] haben wir auch erstmal als Ruine stehengelassen, haben drüben erstmal [das Kavalierhaus] renoviert und sind dann eingezogen, weil wir bis ’97 alle vier Kinder hatten. Und wir sind ja noch ohne Kinder hergekommen und das ging einfach so rasant schnell.«[63]
Franziska von Sierstedt ist es offenbar wichtig zu betonen, dass es sich bei ihrem Wohnhaus nicht um den früheren Familiensitz der adligen Familie handelt, auch wenn das Gebäude mit seiner Größe und Ausstattung wie ein Gutshaus oder eine Villa wirkt. Für sie stehen finanzielle und praktische Erwägungen im Mittelpunkt, nicht die Maßgabe, die historischen Gebäude eines Adelssitzes zu sanieren – möglicherweise inklusive des Schlosses. Franziska von Sierstedt stammt selbst nicht aus dem Adel, sondern aus einer Unternehmerfamilie. Ihr Ehemann sagt dazu:
»Hätte ich nicht das Glück einer vermögenden Frau, dann wären wir heute nicht in der Lage, so zu wohnen, wie wir wohnen. Sicher wären wir heute nicht mehr im Wohnwagen, aber wir hätten uns einen Neubau nie leisten können. Wir würden maximal im Kavalierhaus leben. Aber auch das hat mein Schwiegervater ermöglicht. Mein Schwiegervater hat sich nie um die unternehmerischen Belange gekümmert und auch kein Geld ins Unternehmen gesteckt, aber er hat uns vom ersten Tag an die finanziellen Möglichkeiten für Haus und Garten zur Verfügung gestellt. Und das war für uns schon ein großer Segen, und ist für uns ein riesiger Segen.«[64]
Jasper von Sierstedt sanierte zuerst das sogenannte »Kavalierhaus« und baute dann das »Torhaus« zu einem Wohngebäude für seine inzwischen gewachsene Familie aus. Auch den Wohnwagen, in dem er und seine Frau von 1990 bis Anfang 1991 in Siebeneichen lebten, erwähnt er in diesem Zusammenhang. Ihm ist es wichtig, seine Unabhängigkeit als Unternehmer zu betonen. Daher unterscheidet er in seiner Erzählung zwischen seinem eigenen landwirtschaftlichen Unternehmen, das er selbst finanziert hat, und den neuen Wohngebäuden mit Garten, für die sein Schwiegervater aufgekommen ist. Das neue Haus der Familie ihres Sohnes erwähnt auch die Mutter.
Als einziges Familienmitglied stellt sie in ihren Erzählungen Bezüge zur Zeit vor 1945 her und ruft damit den Zustand vor der Kriegs- und Nachkriegszerstörung in Erinnerung. Während des Interviews zeigt mir Clara von Sierstedt an dieser Stelle ein Bild in einem Fotoalbum mit der Erklärung:
»Das ist das Haus, wo die Kinder drin wohnen. Wir nennen es Torhaus, weil man früher durch dieses Tor auf den Innenhof kam. Jetzt haben sie daraus ja die Halle vorne gemacht, auf der Rückseite das große Esszimmer. Das war Kutschstall, das war Wagenremise, oben war Waschküche.«[65]
Clara von Sierstedt weist darauf hin, dass ihre Familie die neue Bezeichnung als »Torhaus« eingeführt hat, und beschreibt den Um- und Neubau. In diesem Gebäude gab es früher einen großen Torbogen, durch den hindurch der Weg auf den Innenhof des Schlosses führte. Heute gibt es dieses Tor nicht mehr. Mit dem Namen »Torhaus« stellt die Familie also eine Verbindung zum früheren Schlossensemble her. Das »Torhaus« ist damit eine Art Transitraum, benannt nach seiner Funktion als Durchgang und Einfahrt zu einem anderen Gebäude, dem Schloss, das es nicht mehr gibt. Wenn die Familie diesen Namen für ihr Haus wählt, weist dies darauf hin, dass in ihrer Imagination die freie Fläche hinter dem Haus mehr als nur eine Wiese ist: Hier stand eben einst das Schloss, der Familiensitz.
Clara von Sierstedt selbst lebt seit 1998 in dem benachbarten Gebäude, dem sogenannten Kavalierhaus, in dem zuvor ihr Sohn mit seiner Familie wohnte. Über ihr altes Fotoalbum, das sie während des Interviews zeigt, sagt sie:
»Und da habe ich dann in einer Eingebung all die Orte, die mit meinem Leben zu tun haben, habe ich dann in dieses kleine Album zusammengestellt. […] Um nachher eine Erinnerung zu haben. Das war dann ganz hilfreich für meinen Sohn, als er dann hier diese Häuser wiederaufbaute, dass er sich ein Bild machen konnte.«[66]
Clara von Sierstedt hat die Fotos vor Kriegsende in das Album geklebt, als sie noch im Siebeneichener Schloss lebte. Das Fotoalbum war vor ihrem Auszug aus dem Elternhaus als Erinnerungsalbum angelegt. Nach der Wiedervereinigung 1990 erhielt es nun eine ganz neue Funktion. Auf den alten Fotografien konnte ihr Sohn sehen, wie die Häuser vor 1945 ausgesehen hatten. Zugleich ließ sich mit den Bildern womöglich auch ihr eigener Wunsch unterstreichen, dass sich ihr Sohn bei der Sanierung der Gebäude am historischen Vorbild orientieren würde. An der Art und Weise, wie die 1922 geborene Clara von Sierstedt über die Vergangenheit spricht, wird deutlich, dass sie die Rolle einer Familienchronistin übernimmt. Als Frau in einer patriarchal organisierten Familie ist sie selbst nicht erbberechtigt. Sie kann aber durch ihre Vergangenheitsdeutungen am Prozess der symbolischen Aufwertung des Familienbesitzes teilhaben und selbst aus dem Hintergrund mitwirken.
Die Rückkehr des Adels im Wohnwagen 1990
Die Gebäude auf dem ehemaligen Schlossgelände erwähnt auch eine weitere meiner Interviewpartnerinnen in Siebeneichen, die ehemalige Pfarrerin Johanna Brogel. Die Pfarrerin ist 1935 geboren und war bis zu ihrem Ruhestand für Siebeneichen zuständig. Sie lebt in der nächstgelegenen Kleinstadt. Über Jasper von Sierstedt, der 1990 nach Siebeneichen kam, erzählt sie:
»Er hat erstmal klein gekauft, wiedergekauft, also das Haus vor allen Dingen und na diese Wiese dahinter, aber längst nicht alles. Und ein Stück vom Gutshof, glaube ich, ich weiß nicht so genau. Und hat dann versucht mit Baugenehmigungen … Und haben erst das Querhaus, also nicht da, wo sie jetzt wohnen, sondern wo die alte Dame wohnt, das erst gebaut.«[67]
Das verschwundene Schloss erwähnt die Pfarrerin nicht. In ihrer Erzählung steht im Mittelpunkt, wie zurückhaltend Jasper von Sierstedt die Gebäude des Gutes gekauft und saniert hat. Möglicherweise hatte sie erwartet, der Enkel der Adelsfamilie würde sich anders verhalten. Das Gebäude, das Jasper von Sierstedt zuerst gekauft und renoviert hat, nennt sie »Querhaus« – sie wählt dafür also nicht die historische und von der Familie wieder verwendete Bezeichnung »Kavalierhaus«. In ihrem Bericht über die Rückkehr der Adelsfamilie erwähnt die Pfarrerin auch den Wohnwagen, in dem Jasper von Sierstedt und seine Frau 1990 bei ihrer Ankunft in Siebeneichen lebten:
»Er hat also eine Wohnung beantragt, weil er ja irgendwo wohnen musste. Und dann hat er in Siebeneichen, naja übers Wohnungsamt, alles richtig gemacht. Aber dann hat er in Siebeneichen gehört: ›Wenn Herr von Sierstedt kommt, dann geht das schnell. Wir müssen ein Dreivierteljahr warten.‹ Dann hat er die Wohnung zurückgegeben, als er das gehört hat, und ist dann mit dem Wohnwagen gekommen.
(IL: Ja, das hat er erzählt. Und wie war das dann?)
Das hat ihn sehr sympathisch gemacht im Ort, den Winter über im Wohnwagen und sie erwartete das erste Kind. Sie haben also praktisch den auf den früheren Gutshof gestellt und den Stecker in irgendeine Steckdose, die da war. So haben sie am Anfang gelebt.«[68]
Johanna Brogel geht im Interview ausführlicher auf die Zeit nach dem Ende der DDR ein, als Jasper von Sierstedt nach Siebeneichen kam. Der junge Adlige hatte im September 1990 die ersten Ackerflächen im Dorf gepachtet, wie er mir gegenüber im Interview erläutert hat, und sich zeitgleich beim örtlichen Wohnungsamt um eine Wohnung beworben – wie in der DDR allgemein üblich. Die Abteilung »Wohnungspolitik« beim Rat des jeweiligen Kreises entschied darüber, wer eine Wohnung zugewiesen bekam. Die Wohnungssuchenden erhielten von dieser Stelle eine Zuweisung, wobei Parteifunktionäre, ökonomisch wichtige Hochschulabsolventen und junge Familien in den Vergabeplänen eher berücksichtigt wurden als kinderlose Unverheiratete.[69] Nach diesen Kriterien konnte der frisch verheiratete Jasper von Sierstedt, dessen Frau ein Kind erwartete und der sich mit seinem landwirtschaftlichen Betrieb zudem für den wirtschaftlichen Aufschwung der Region einsetzte, in den letzten Wochen der Existenz der DDR mit einer erfolgreichen Wohnungszuweisung durch die staatlichen Stellen rechnen. Diese Kriterien trafen also auf ihn zu, obwohl er vor der Wiedervereinigung noch als Bundesbürger in die DDR gekommen war. Allerdings sorgte in Siebeneichen die zügige Zuweisung einer Wohnung an den Enkel des letzten Gutsbesitzers für Unmut bei den Dorfbewohnern, so erzählt die Pfarrerin. Nachdem Jasper von Sierstedt von dieser Kritik gehört hatte, zog er lieber in einen Wohnwagen auf dem Gutshof, als die zugewiesene Wohnung tatsächlich zu beziehen. In der Erzählung der Pfarrerin, die die Ressentiments der Dorfbevölkerung aus dieser Zeit wiedergibt, fällt zudem auf, dass sie dem Enkel des letzten Gutsbesitzers positiv konnotierte Eigenschaften wie Zurückhaltung und Bescheidenheit zuschreibt. Offenbar unterlief er mit seiner Entscheidung die Erwartung, er würde als Angehöriger der Familie von Sierstedt herrschaftlich und fordernd auftreten, was ihm im Ort wohl Sympathien einbrachte. Gleichzeitig folgte Jasper von Sierstedt damit einer schichtenspezifischen Haltung, wonach Vermögen und eigene Ambitionen möglichst hinter einer äußeren Erscheinung der Bescheidenheit und Zurückhaltung verborgen bleiben sollten. In der geschichtswissenschaftlichen Forschung ist diese Haltung als typisch für den Adel und als »Kult der Kargheit« beschrieben worden.[70] Seit der Jahrhundertwende und verstärkt nach dem Ende der Monarchie 1918 hatte sich demnach im deutschen Adel zunehmend eine »antimaterialistische« Tendenz zur Selbststilisierung durchgesetzt, die als Reaktion auf den gesellschaftlichen Abstieg verstanden werden kann. Über diesen »Kult der Kargheit« ließ – und lässt sich bis heute – adliger Familienzusammenhalt nach innen stabilisieren, zugleich aber auch Abgrenzung nach außen und die Überhöhung spezifischer adliger Eigenschaften inszenieren.
Die ehemalige Pfarrerin beschreibt nicht nur die Bescheidenheit der Adelsfamilie, sondern erzählt die Ankunft des Enkels des letzten Gutsherrn nach Siebeneichen wie eine moderne Weihnachtsgeschichte, wenn sie beschreibt, dass seine Frau schwanger war und sie den Winter im Wohnwagen verbrachten, weil sie keinen anderen Ort zum Wohnen hatten.[71] Als die erste Besucherin aus dem Dorf wie einer der Hirten aus der Weihnachtsgeschichte in die einfache Herberge der Familie von Sierstedt kam, war ihr erstes Kind zwar noch nicht geboren. Die Pfarrerin beschreibt die Ereignisse dennoch so, als wäre das (Jesus-)Kind bereits auf der Welt:
»Und nun muss man auch wissen, die Bürgermeisterin, die es damals gab, […] die war SED, die war jung, aber die ist eine ganz tolle Frau. Die hat dann überall gefragt: ›Wie ist denn das, werden wir jetzt über den Löffel gezogen?‹ Die hat sich erkundigt, aber die hat ihm [Jasper von Sierstedt] das auch gesagt, diese Ängste, ja. Und er sagt ja heute noch: ›Das erste, was ich in Siebeneichen gekriegt habe, ist das warme Abendbrot von Frau Marzinok.‹ Er hatte sich dann angekündigt, mit dem Wohnwagen. Da hatte sie an dem Abend, als er da kam, da hat sie dann Abendbrot hingebracht. Und das hat ihn schon sehr beeindruckt, dass das die Bürgermeisterin macht.«[72]
Johanna Brogel beschreibt die engagierte Bürgermeisterin, die sich in der Wendezeit um die Belange der Menschen im Dorf kümmerte, aber auch mit Jasper von Sierstedt über deren Ängste sprach. In dieser Variation der Weihnachtsgeschichte, die zwar nicht auf Jesu Geburt zuläuft, gibt es trotzdem ein gutes Ende, denn die SED-Bürgermeisterin hat den früheren »Klassenfeind« und Enkel des letzten »Junkers« freundlich begrüßt und unterstützt. Wie das Märchen von Dornrösschen, das im Interview mit Sebastian Menzel mitschwingt, sind auch die Anklänge an die Weihnachtsgeschichte in Johanna Brogels Bericht möglicherweise als Versuch aufzufassen, die Leerstelle in der Mitte des Dorfes, wo sich früher das Schloss befand, in der Gegenwart als einen positiv konnotierten Ort zu beschreiben. Auch Jasper von Sierstedt erzählt im Interview davon, wie er und seine Frau nach ihrem Umzug nach Siebeneichen zunächst im Wohnwagen lebten und danach in das Haus neben der Kirche, das bis 1945 zum Gut gehört hatte, umzogen. Er beschreibt die Transformationszeit nach 1989/90 im Unterschied zur Pfarrerin allerdings, ohne die Kritik einiger Menschen aus dem Dorf an der raschen Wohnungsvergabe an ihn zu erwähnen:
»In diesen 20 Jahren, im September werden es 20 Jahre, die ich jetzt hier bin, da ist enorm viel entstanden. Wir haben im wahrsten Sinne des Wortes: aus Ruinen auferstanden, ja. Wir haben im Wohnwagen die ersten neun Monate hier gelebt und gewirkt, umgeben von, ja, ja, von unwirtschaftlichen Gegebenheiten. Haus und Garten und Park waren ja sowieso verwüstet und nicht mehr vorhanden. Der Betriebsmittelpunkt und Lebensmittelpunkt war auf dem Wirtschaftshof.«[73]
Die Beschreibung Jasper von Sierstedts kreist um die Zerstörung des Gutes und seine eigene Aufbauleistung vor Ort. Dafür zitiert er die erste Zeile der DDR-Nationalhymne »Auferstanden aus Ruinen«. Er wendet damit die Fortschritts- und Aufbaurhetorik der frühen DDR-Jahre auf seine Situation 1990 in Siebeneichen an und spricht über einen Ort, der aus Ruinen aufersteht. Jasper von Sierstedt erklärte mir, dass er mit seiner Frau im Wohnwagen wohnte, weil »Haus und Garten und Park« nicht mehr vorhanden waren. Sie mussten stattdessen auf dem Wirtschaftshof leben. In Siebeneichen war der landwirtschaftlich genutzte Wirtschaftshof des Gutes bis 1945 durch eine Straße vom Schloss mit seinen Nebengebäuden sowie der Kirche getrennt. Jasper von Sierstedt entschied sich dafür, seinen Wohnwagen auf der Seite der Straße aufzustellen, auf der die landwirtschaftlich genutzten Gutsgebäude lagen – wahrscheinlich, weil sich dort einige von der LPG genutzte ehemalige Gutsgebäude befanden und es den von der Pfarrerin erwähnten Stromanschluss gab. Johanna Brogel stellt das Wohnen im Wohnwagen wie einen Beweis für den Neuanfang des Adels in Siebeneichen unter einfachen Bedingungen dar. Dieser kann aber auch als ein temporäres Zuhause gesehen werden, in dem normalerweise Urlauber auf dem Campingplatz wohnen, denn anfangs hatte die Familie noch keinen festen Wohnort in Siebeneichen. Mit seiner Entscheidung für die provisorische Wohnwagenlösung hatte Jasper von Sierstedt womöglich nicht nur die kritischen Dorfbewohner, sondern auch seine Verwandtschaft im Blick, denn er war nicht der einzige, der sich für den ehemaligen Familiensitz interessierte. Damals machte auch sein 57-jähriger Onkel, der älteste Sohn und Erbe des letzten Gutsbesitzers, einen Erkundungsbesuch in Siebeneichen und wollte wohl das frühere Gut übernehmen. Jasper von Sierstedt erzählt:
»Der Onkel wäre der eigentliche Erbe von Siebeneichen gewesen, der ist ja, der war auch 1991 rege dran. Der tat sich sehr viel schwerer mit meiner Entscheidung. Der hat gesagt, der fand das jetzt nicht so komisch, dass ich mich hier in Siebeneichen niederließ und hatte mich auch 1991 zur Wohnwagenzeit besucht und meinte, naja, das Bundesverfassungsgericht hätte ja noch nicht entschieden. Wenn das dann entschieden hat, dann müssen wir mal gucken. Im April kam dann …, ehrlich gesagt bin ich von Anfang an davon ausgegangen, dass es keine Rückgabe geben wird. Das habe ich auch schon 1990 nachweislich …, ich konnte es mir einfach nicht vorstellen.«[74]
Bis zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts am 23. April 1991 war nicht entschieden, ob Jasper von Sierstedt die Flächen des Gutes hätte zurückkaufen können oder ob sein Onkel als Erbe das Gut zurückbekommen würde. Zwar war im Einigungsvertrag festgelegt worden, dass es keine Rückgabe des enteigneten Besitzes in der sowjetischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1949 geben würde. Dagegen hatten die Betroffenen erfolglos vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt. Zwischen September 1990 und April 1991 lebte Jasper von Sierstedt also mit seiner Frau in Siebeneichen, konnte sich aber noch nicht sicher ein, ob die landwirtschaftlichen Flächen des Gutes an seinen Onkel zurückgegeben werden würden. Über die »Wohnwagenzeit«, wie er sie selbst bezeichnet, spricht er als eine zeitlich und räumlich herausgehobene Übergangsperiode. Allerdings erwartete er seiner eigenen Aussage im Interview zufolge kein Urteil zugunsten der adligen Enteigneten und renovierte bereits vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts das Haus, in das die Familie im Frühsommer 1991 einzog und in dem sie bis 1997 lebte. In diesem Jahr zog die Familie dann in das benachbarte »Torhaus«, einen Neubau. Durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1991 ist der innerfamiliäre Konflikt, den Jasper von Sierstedt im Interview andeutet, zwischen ihm und seinem erbberechtigten Onkel nicht ausgebrochen. Der Adelsnachfahre, der 1990 mit 29 Jahren in Siebeneichen ankam, bewertet die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts daher positiver als andere interviewte Rückkehrer.
Adel und Angestellte ohne Schloss nach 1990
Bis 1945 war das Siebeneichener Schloss der zentrale, gemeinsame Bezugspunkt für die Angestellten wie für die adlige Familie: Über das Modell der Gutsherrschaft waren beide Gruppen gleichermaßen in die ständische Ordnung eingebunden und die Angestellten dem Gutsherrn untergeordnet. Ohne das Schloss als Wohnsitz stellte sich für Jasper von Sierstedt bereits 1990 – vom Wohnwagen aus – die Frage, welche Rolle er als Arbeitgeber einnehmen wollte, denn wie seine Vorfahren leitete er nun einen landwirtschaftlichen Betrieb. Er kommt auf ein Erlebnis aus der Zeit seiner Unternehmensgründung zu sprechen:
»Sicher hat es auch viele Enttäuschungen gegeben. Ich kann mich noch erinnern, da saßen wir noch im Wohnwagen, in der Zeit, als wir nach Mitarbeitern suchten. Da kamen Leute zu uns, die waren jetzt fest davon überzeugt, dass sie eben als Chauffeur bei uns jetzt eingestellt werden würden. Ich sag: ›Ja, Herr Sowieso, ich brauch einen guten Schlepperfahrer, ich brauch einen Landwirt, aber einen Chauffeur brauch ich keinen.‹ ›Ja, aber, mein Vater, mein Großvater eher, war doch auch schon Kutscher bei Ihrem Großvater.‹ ›Ja, mein Lieber, die Zeit ist …, die Zeiten haben sich geändert.‹ ›Aber Ihr Großvater hatte doch auch nachher einen Chauffeur.‹ ›Ja, aber auch das ist …‹ Kleine nette Episode am Rande.«[75]
Im Interview formuliert Jasper von Sierstedt es so, als wären mit seiner Ankunft bei einigen im Dorf über Generationen weitergereichte Verhaltensmuster zwischen Angestellten und Gutsherrschaft reaktiviert worden, die beiden Seiten vertraut waren. In einem überlegenen Ton, sei es aus Überforderung oder Unsicherheit in der für beide Gesprächspartner ungewohnten Kommunikationssituation, weist der Enkel des Gutsherrn den Mann aus dem Dorf ab, der daraufhin anmerkt, dass sich ihre Vorfahren gekannt hätten und er über die Verhältnisse auf dem Gut vor 1945 Bescheid wüsste. Dieser Hinweis konnte allerdings offenbar keine Verbindung zwischen beiden herstellen, sondern führte im Gegenteil zum Abbruch der Kommunikation. Dabei unterstellt Jasper von Sierstedt diesem Mann, dass er sich in der Gegenwart auf eine Vorstellung von adliger Gutsherrschaft bezieht, die er als Nachfahre nicht teilt. Sich selbst beschreibt er hingegen als einen modernen Adligen, der keinen Chauffeur benötigt. Als sein Gesprächspartner die Kutscherdienste seines Großvaters erwähnt, scheint das für Jasper von Sierstedt mit ambivalenten Gefühlen verbunden zu sein.
Womöglich hatte der Enkel bereits ein Bild vom Kutscher seines Großvaters vor Augen. Im Nachlass von Botho von Sierstedt findet sich dazu ein Text von 1969 mit dem Titel »Gestalten einer versunkenen Welt: Vater Schulz«, den der ehemalige Gutsherr für seine Enkelkinder in der Bundesrepublik verfasste. In diesem beschreibt er seine langjährige enge Beziehung zu seinem Kutscher, der für ihn ein persönlicher Angestellter und zugleich ein Statussymbol adliger Herrschaft war. Auf zwölf Seiten erzählt Botho von Sierstedt aus jovialer Gutsherrenperspektive und im Tonfall eines märchenerzählenden Großvaters über seinen Kutscher, der »seinen Pferden vertrauen und auch getrost auf den langen Wegen sein Nickerchen machen [konnte]«. Ordentlich sei er auch gewesen: »Tipp-top war’s bei ihm im Stall wie bei ihm zuhause.« Und anderweitig einsetzbar war er auch, als der Krieg Personalmangel mit sich brachte:
»Als nun im Kriege auch der Diener zu Felde zog, kam Vater Schulz als Diener ins Haus. In diesem Amt entwickelte er seine eigentlichen Gaben, ward bald zum unersetzlichen Factotum. Er drängte sich zwar nicht nach Arbeit, aber tat doch das Seine und war immer adrett und freundlich.«[76]
Aus der verklärenden Perspektive des ehemaligen Hausherrn und Arbeitgebers berichtet Botho von Sierstedt von seiner Nähe zu einem wichtigen Angestellten, den er als freundlich, ordentlich, umgänglich und gewissenhaft charakterisiert. Einen Kutscher, wie denjenigen, der bei seinem Großvater beschäftigt war, wollte der Enkel 1990 hingegen keinesfalls als persönlichen Bediensteten beschäftigen, auch wenn dieser sich nun Chauffeur nannte.
Clara von Sierstedt erläutert mir im Gespräch, wie sie die Aufgabe ihres Sohnes in Siebeneichen als Nachfolger seines Großvaters beschreiben würde:
»Er [Jasper von Sierstedt] begegnet auf Schritt und Schritt: ›Das hat dein Großvater gemacht und ich hab Deinen Großvater noch gekannt,‹ sagt mal der eine, oder? So die Bäume, die hat der Großvater gepflanzt. Also man ist kein Anonymer hier.
(IL: Sie fanden, das ist eine große Aufgabe, das alles, sich da gut zu bewegen, das anzunehmen?)
Ja, das anzunehmen, das ist das Beste, was Sie damit ausgedrückt … Die Vergangenheit holt dich ein, nämlich, was man hier mal darstellte. Ja, ich meine, dass es anders ist in heutiger Zeit, das ist was anderes. Man hatte eine Sonderstellung. Ich sage das nicht als Eitelkeit oder Eingebildetheit, sondern die war gegeben durch die Situation. Und die ist natürlich jetzt wieder gegeben.«[77]
Clara von Sierstedt erzählt hier davon, wie sie die Reaktionen der Leute in Siebeneichen auf ihren Sohn erlebt. Sie spielt damit nicht auf etwaige »junkerkritische« Einstellungen an, sondern beschreibt aus ihrer Wahrnehmung, wie viele sich im Ort noch an den Großvater erinnern und ihren Sohn mit diesen Erinnerungen heute konfrontieren. Ihr Sohn dagegen betont im Interview, dass die Zeiten sich geändert haben und er für sich persönlich keinerlei soziale Sonderstellung beanspruchen möchte. Dorfbewohnern, die diesbezügliche Erwartungen oder Unterstellungen formulieren, schreibt er anachronistische Vorstellungen zu. Seine Mutter sieht die Rückkehr ins Dorf hingegen aus einer anderen Perspektive. Sie weist zwar darauf hin, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Zeit der Gutsherrschaft und der Gegenwart, aber trotzdem nimmt sie heute wieder eine Sonderstellung ihrer Familie im Dorf wahr. Dabei konstruiert sie eine direkte Verbindungslinie von ihrem Vater zu ihrem Sohn, auch wenn in ihrer Generation die Familie nicht im Besitz des Gutes und über die Zeit der DDR eine Lücke in der Generationenfolge entstanden war. Außerdem war ihr Familienzweig eigentlich nicht erbberechtigt, sondern ihr Bruder, der das Erbe nach der Wiedervereinigung allerdings nicht angetreten hat. Durch die Heirat mit einem namensgleichen Verwandten tragen sie und ihre Kinder wiederum den Namen »von Sierstedt«. Das lässt nach außen den Eindruck aufkommen, dass Jasper von Sierstedt in der direkten männlichen Erbfolgelinie steht, auch wenn er der Sohn einer Tochter ist. Womöglich auch wegen der veränderten Erbfolge weist Clara von Sierstedt anerkennend darauf hin, dass ihr Sohn nun auch innerhalb der größeren Familie eine wichtige Position eingenommen hat: »Sagen wir mal, dass er [Jasper von Sierstedt] es jetzt erkennt, als Sammelpunkt, oder sagen wir mal als einen Punkt innerhalb der Großfamilie. Das nutzt er dafür, zum Beispiel, um zu seinem 50. Geburtstag sehr großzügige Einladungen in die Großfamilie zu schicken. Damit die Großfamilie sich kennenlernt, die kennen sich ja nicht. Jeder sitzt hinter seinem Computer in der ganzen Welt oder fliegt in der Welt rum, mal hier, mal dort. So will er, dass dieser Ausgangspunkt vieler Familien …, die Nachkommen auch mal wieder zum Ursprung zurück beziehungsweise sich ein Bild, überhaupt mal ein Bild machen können vom Ursprung. Die waren doch überhaupt noch nicht mal hier.«[78]
Der ehemalige Familienbesitz in Siebeneichen ist für Clara von Sierstedt in erster Linie dynastisches Zentrum, durch das der Familienzusammenhalt – nach den Jahren in der Bundesrepublik ohne Familienmittelpunkt – jetzt wieder ganz konkret möglich wird. Das Wissen über die Herkunft und über den Ort, aus dem die eigene Familie stammt, hat für sie eine besondere Bedeutung, um der Vereinzelung und dem Verlust von Bindungen in der Gegenwart entgegenzuwirken. Mit der Rückkehr 1990 und der Wiederansiedlung auf dem Siebeneichener Gutsgelände ist das Zentrum der Familie auch ohne das Schloss aus der Sicht von Clara von Sierstedt wiederhergestellt. Noch wichtiger ist für sie, dass ihr Sohn diese Verantwortung für den Ort heute übernimmt, wenn er auch entfernt lebende Familienmitglieder zu seinem Geburtstagsfest einlädt. Ihr Sohn spricht hingegen mit Bezug auf das zerstörte Schloss und das damit verbundene Familienerbe nicht über die Gegenwart, sondern über die Vergangenheit:
»Also ich hätte, wenn das Schloss noch stehen würde, hätte ich also selbstverständlich die Verantwortung für dieses Haus auch mit übernommen. Dieses Siebeneichner Haus hatte eine ganz besondere Bedeutung in der großen Familie. (IL: Das Schloss als Haus.) Das Schloss als Haus. (IL: Welche?) Dieser Clan. Dieser Clan-Gedanke. Die Familie als Clan gesehen, das war in den Generationen von meinem Großvater und auch davor ganz selbstverständlich, auch das, auch die Übergabe des Vermächtnisses an die weichenden Erben, nicht der weichenden Erben, derjenigen, die den Besitz an die nächste Generation übergeben haben. Ja, da steckt enorm viel Verantwortung und Fürsorge auch drin. Und wie wichtig es den Generationen vorher war, vor meinem Großvater, wie immer wieder gesagt wurde: Also Siebeneichen muss gehalten werden. Das ist das Zentrum der Familie. Das ist das Herz der Familie.«[79]
Zentral in der Darstellung Jasper von Sierstedts ist die Verantwortung für die ideelle Dimension des Familiengutes in Siebeneichen. Diese Vorstellung wurde in seiner Familie nach der Enteignung in der Bundesrepublik weitergegeben, auch wenn sich der Ort des ehemaligen Adelssitzes auf dem Gebiet der DDR befand. In den familieninternen Erzählungen, die Jasper von Sierstedt in seiner Kindheit und Jugend immer wieder gehört haben muss, wurde die adlige Familie wie ein Organismus beschrieben, dessen Herz das Schloss ist, das hier mit adligem Understatement nur »Haus« genannt wird und damit kleiner und vertrauter erscheint als ein imposantes Schlossensemble. Nach der Vertreibung aus Siebeneichen fehlte dieses »Herz« als realer Bezugs- und Treffpunkt sowie als Wohnort für die Familie. Der Besitz in Siebeneichen hatte bis 1945 den Familienzusammenhalt ermöglicht, zugleich aber auch die Verbindung in die Vergangenheit, zu den vorhergehenden Generationen, hergestellt. Für diese erweiterte Familie und den familiären Großverband verwendet Jasper von Sierstedt das ursprünglich schottisch-gälische Wort »Clan«. Im Deutschen hat der Begriff allerdings vor allem negative Konnotationen, zum Beispiel um die Kriminalitätsrate von arabischen Großfamilien-Clans zu beschreiben. Für den Adel ist dieser Terminus eigentlich nicht geläufig. Ob Jasper von Sierstedt diesen Begriff benutzt, ohne sich über die mitschwingenden negativen Anklänge bewusst zu sein oder ob er gerade diese Konnotationen zulässt, um zu sagen, dass er sich nicht eindeutig vorbehaltlos mit den Familiengenerationen vor ihm verbunden fühlt, muss hier offenbleiben. Mit dem Begriff der »weichenden Erben« jedenfalls erwähnt er einen technischen Begriff aus dem landwirtschaftlichen Zusammenhang, mit dem die Miterben und Geschwister bezeichnet werden, die nicht den Hof erben, sondern vom Familienbesitz »weichen« müssen. Die Verwendung von Begriffen aus unterschiedlichen Kontexten und Zeiten deutet darauf hin, dass es in der Gegenwart womöglich nicht leicht ist, in einem Interview adlige Vorstellungen wie Familienbewusstsein oder die Verantwortung für einen landwirtschaftlich geprägten Familienbesitz zu erklären, insbesondere gegenüber einer nicht-adligen Gesprächspartnerin wie mir. In der Wahrnehmung seiner Mutter hat Jasper von Sierstedt seit 1990 die Verantwortung für das Familienerbe übernommen. Er selbst präsentiert sich aber in erster Linie als bodenständiger Landwirt und Unternehmer, der vor der Kulisse der Vergangenheit und unter den Schwierigkeiten der Umbruchszeit am Ort seiner Vorfahren einen eigenen Betrieb aufgebaut hat. Er bewegt sich damit wie alle anderen Menschen im Dorf in einem Raum, in dem die Spuren der Adelsherrschaft und deren gewaltsame Zerstörung noch in der Gegenwart wahrnehmbar sind.
2.2. Ein Schloss, das nicht sein soll: Distanz und Diskretion im Sprechen über die Gutshäuser von Bandenow
In Bandenow gibt es zwei Gutshäuser, die beide Leopold von Hohenstein jr. und seiner Frau gehören. Das größere der beiden Gutshäuser, das einige aus dem Dorf auch als »Schloss« bezeichnen, wurde 1858 erbaut. Leopold von Hohenstein hat es 2006 gekauft und renoviert. Außerdem besitzt die Familie ein weiteres repräsentatives Haus, in dem sich heute ein Hotel befindet. Es wurde in den 1930er Jahren als Firmensitz für die Saatzucht-GmbH gebaut, die 1926 aus dem Gutsbetrieb ausgegliedert worden war. Nach der Enteignung 1945 bis 1991 befand sich hier der Sitz des VEG Saatzucht, seit den 1960er Jahren zudem noch ein Forschungsinstitut für Saatzucht. Im Zusammenhang mit diesem Gebäude erwähnten die interviewten Dorfbewohner mehrfach das Büro der Staatssicherheit, das im Dachgeschoss des Hauses eingerichtet worden war.
Schloss und Gutshaus (als dessen kleinere Entsprechung) waren zentrale Legitimationsressourcen für die Macht des Adels im Gutsdorf:[80] Bis zur Enteignung 1945 fungierten sie sozusagen als steingewordene soziale Distinktion des Adels. Während die Angehörigen der Familie von Hohenstein die beiden repräsentativen Gebäude in ihrem Besitz als »Gutshäuser« bezeichnen, ist das größere vor allem für die älteren Dorfbewohner das »Schloss« und das kleinere wahlweise das »Hotel«, die »Saatzucht« oder das »Institut«. Die Vermeidung des Wortes »Schloss« vonseiten der Adelsfamilie könnte darauf hindeuten, dass sich die Familienmitglieder in der Öffentlichkeit von den Aspekten früherer adliger Herrschaft wie Sichtbarkeit und Repräsentation zu distanzieren versuchen, obwohl sie durch den Kauf und die Renovierung der Gebäude an die Zeit vor der Enteignung ihrer Familie anknüpfen.[81] In den Bezeichnungen, die die befragten Menschen aus dem Dorf für die Gebäude im Interview wählen, spiegeln sich gleichfalls individuelle Deutungen von Geschichte und Gegenwart des Adels in Bandenow – wenn sie etwa vom »Schloss« oder vom »Gutshaus« reden. Im Folgenden werden diese Interviews vor dem Hintergrund der Archivquellen, die vor allem über den Funktionswandel des Gebäudes aus den Jahren nach der Enteignung 1945 überliefert sind, analysiert. Wie vielschichtig sind die Narrative der Menschen aus dem Dorf und der Adelsfamilie über diese Gebäude, und auf welche zurückliegenden Zeiten verweisen sie? Welche Interessen verbinden sich mit den jeweiligen Erzählungen?
Konkurrierende Bezeichnungen für das Hauptgebäude des Gutes
Leopold von Hohenstein sr., der Vater, der ebenfalls in Bandenow lebt, erinnert sich: »Meine Großmutter wohnte hier im Gutshaus, wo mein Sohn jetzt sein Büro hat, wo er wohnt, was er jetzt gerade aufbaut, wo er jetzt gerade dabei ist.[82] Und weiter: »Und wir sind hier als Kinder sehr oft durch den Park rübergegangen zu Großmutter.«[83]
Vergangenheit und Gegenwart verbinden sich, wenn der 1940 Geborene über das Gutshaus spricht. Er selbst hat nie in diesem Haus gelebt, denn das war seinen Großeltern vorbehalten, die den Gutsbetrieb führten. Da sein Vater zwar der Erbe des Gutes war, aber 1941 im Zweiten Weltkrieg gefallen war, wohnte Leopold von Hohenstein bis zur Flucht Anfang 1945 mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester in einer benachbarten Villa. So wie er als Kind seine Großmutter besuchen konnte (der Großvater war bereits 1931 verstorben), kann er jetzt durch den Park zu seinem Sohn spazieren. Während Leopold von Hohenstein vom »Gutshaus« spricht, nennen einige aus dem Dorf das Gebäude »Schloss«, so auch Hartmut Bauer. Er ist der Halbbruder von Leopold von Hohenstein, ein 1935 geborener unehelicher Sohn. Hartmut Bauer und seine Frau Hanna sind mit Leopold von Hohenstein und dessen Frau Dorothea befreundet, seit die Adelsfamilie 1990 erste Schritte zu ihrer Rückkehr nach Bandenow unternahm. Zwischen beiden Familien gibt es unterschiedliche Auffassungen über die Frage, ob das Hauptgebäude des früheren Gutes »Schloss« oder »Gutshaus« heißt.
HANNA BAUER: Dorothea sagt immer Gutshaus. Für uns ist es das Schloss.
HARTMUT BAUER: DAS IST IMMER DAS SCHLOSS GEWESEN.
HANNA BAUER: Das ist auch das Schloss, das ist der Herrensitz. […] Dorothea sagt neulich zu mir: ›Das ist nicht das Schloss! Das ist das Gutshaus. Ich sag: ›Dorothea, wir haben immer Schloss gesagt.‹
HARTMUT BAUER: Wobei Dorothea ja das überhaupt auch erst nach der Wende kennengelernt hat. Sie weiß ja auch nichts hier, außer aus Kirchenbüchern oder so. Das ist mit Leopold Senior ähnlich. (IL: Weil der noch so klein war?) Der war ja noch jünger. Der war damals fünf Jahre. Der kann von damals so gut wie überhaupt gar keine Erinnerungen haben.«[84]
Hanna Bauer wurde also von Dorothea von Hohenstein für ihre Verwendung des Wortes »Schloss« korrigiert. Anscheinend besteht in der Familie von Hohenstein heute Konsens darüber, das von den Älteren aus dem Dorf so genannte »Schloss« als »Gutshaus« zu bezeichnen, ob aus Unkenntnis der historischen Benennung (wovon Hartmut Bauer bei seinem jüngeren Halbbruder ausgeht) oder als bewusste Entscheidung, das Gebäude beim öffentlichen Reden darüber sprachlich zu »verkleinern«. Denkbar ist, dass sich hinter diesem Bemühen der Wunsch verbirgt, Verweise auf die frühere dominante Stellung des Adels nach dem doppelten Umbruch von 1945 und 1989/90 möglichst zu vermeiden. Bemerkenswert ist dabei, mit welcher Vehemenz sich Dorothea von Hohenstein – nach den Äußerungen von Hanna Bauer zu urteilen – für den von ihr favorisierten Begriff einsetzt.
Das Zentrum des Gutes vor 1945
Dem Dialog des Ehepaares Bauer lässt sich entnehmen, dass für sie das »Schloss« ein zentraler Bezugspunkt in der dörflichen Topographie und seine vermeintlich korrekte Benennung für sie wichtig ist. Hanna Bauer benutzt außerdem für das Gebäude, in dem der Gutsherr mit seiner Familie wohnte, den altertümlicheren Begriff »Herrensitz«. Offenbar wird das Dorf Bandenow aus Sicht der Familie Bauer dadurch aufgewertet, dass es ein Schloss und damit eine lokale Sehenswürdigkeit besitzt. Mit diesem Gebäude verbinden sich für Hartmut Bauer außerdem eigene Kindheitserinnerungen aus der Zeit vor 1945, als er als unehelicher Sohn dorthin eingeladen wurde, um seinen jüngeren Halbbruder Leopold und dessen Schwester Luise zu treffen:
»Ab und zu musste ich dann mal da zu Besuch gehen. Und Sie sehen ja, ich bin ja, wir sind ja hier freie Leute. Und wenn das dann dahin ging, dann wurde man dreimal gewaschen, weil zweimal nicht reichte. Dann wurde man noch mal angezogen. Das stand mir schon immer bis hierher. Und dann musste ich doch rübergehen.«[85]
Hartmut Bauer spricht nicht vom »Schloss«, sondern nur davon, dass er »dahin« gehen musste und dass er allein »rübergehen« musste in den Bereich des Gutes, der sich von dem Teil des Dorfes unterschied, in dem er mit seinen Großeltern als »freie Leute« lebte. Als Teil der Vorbereitung auf diese Besuche beschreibt Hartmut Bauer eine aufwändige und für ihn unangenehme Waschprozedur, als wäre das Schloss ein Ort, der sich in seiner Sauberkeit vom Dorf unterscheiden würde, oder als könnte sich der Makel der unehelichen Herkunft abwaschen und durch ordentliche Kleidung verdecken lassen. Den zweiten Teil des Besuchs im Schloss beschreibt Hartmut Bauer so:
»Ich bin kaum drin gewesen, gabs schon den ersten Ärger. (IL: Warum?) Bloß noch ne kurze Story. […] Leopold war ja kleiner, der ist ja fünf Jahre jünger als ich. Die Luise ist jünger noch. (Hanna Bauer: anderthalb Jahre.) Die waren ja nun so … [zeigt die Größe mit der Hand an]. Und ich war als Fünfjähriger ein bisschen größer, und die kriegten nun Haferbrei und was weiß ich da. Die hatten ja alle Mädchen, Stubenmädchen oder Kindermädchen. Dann sollte ich da auch essen. Dann habe ich gesagt: ›Das ess’ ich nicht. Ich will ne anständige Wurststulle haben. Oder Schinkenstulle.‹ Da hatten sie schon angerufen. Bin nach Hause gekommen, da habe ich schon Ärger gehabt. […] Ich bin da mit Horror hingegangen. Es war nicht oft, aber ab und zu wurde man dann mal hinbestellt.«[86]
Nachdem Hartmut Bauer sich den Vorstellungen seiner Großeltern von Sauberkeit und angemessener Kleidung untergeordnet hatte, weigerte er sich als kleiner Besucher der Familie von Hohenstein, dort seine Bedürfnisse erneut zurückzustellen und mit den jüngeren Halbgeschwistern Haferbrei zu essen. Den Haferbrei betrachtete er als eine für ihn als fünfjährigen Jungen unangemessene Form der Babynahrung. Hartmut Bauer beschreibt rückblickend einen Raum, in dem er sich als Besucher den Erwartungen der Adelsfamilie fügen musste. Für den unehelichen Sohn ist die Geschichte der Adelsherrschaft über das Dorf Teil der eigenen Biographie und bis heute verbunden mit unangenehmen Kindheitserlebnissen.
Positiv konnotierte Erzählungen, die mit dem Gebäude verbunden sind, erwähnt die 1946 und damit nach der Enteignung geborene Barbara Schönpflug, die sie von »Tante Helga«, einer ehemaligen Mitarbeiterin im Gutsbetrieb gehört hat. Während der DDR-Zeit kursierten demnach in Bandenow Anekdoten über die Zeit vor 1945 wie diese:
»Es hieß eigentlich immer, wer hier bei den Hohensteins gearbeitet hatte, dem ging es eigentlich gut, die hatten immer gut zu essen. Die wurden immer human behandelt. Da hat nie einer, da muss ich sagen, schlecht geredet. Den Leuten ging es immer gut. Dass der alte Herr immer gern Pellkartoffeln mit Quark gegessen hat, das hat Tante Helga immer erzählt. Und die hatten auch schon immer eine Küche im Keller. Und der alte Herr von Hohenstein, wenn der von draußen gekommen ist, der ist auch in die Küche gegangen und hat sich mit dem Gesinde an den Tisch gesetzt, hat mit denen gegessen. Die waren da nicht so. Da wurde auch Kuchen fürs Gesinde mitgebacken und gemacht.«[87]
Auch hier geht es – wie in der Erzählung von Hartmut Bauer – ums Essen und das Verhältnis von Adel und Dorf. Wie schon in Hartmut Bauers Erinnerung ist es bemerkenswert, wenn Adlige und Leute aus dem Dorf trotz sozialer Distanz gemeinsam essen. Der Gutsherr konnte diese Trennung aufheben, indem er sich in die Küche zum »Gesinde« setzte. In dieser Erzählung bildet sich das Herrschaftsverhältnis zwischen dem alten Herrn von Hohenstein und seinem Gesinde ab, das in der Küche im Keller wirkt und von diesem manchmal besucht wird, wenn er von draußen kam, um anschließend nach oben ins Schloss zu gehen. In dieser Wortwahl bilden sich die räumlichen und sozialen Hierarchien von oben und unten, vom Herrn und vom Gesinde ab, so dass dieser Raum zu seiner näheren Bestimmung keine Bezeichnung wie »Schloss« oder »Gutshaus« benötigt. In beiden Erzählungen wird ein räumlich abgetrennter Bereich des Gutes beschrieben, der nur von denjenigen betreten werden darf, die im Gutsbetrieb angestellt waren oder – wie im Falle des unehelichen Sohnes – dorthin eingeladen wurden. In beiden Erzählungen über die Zeit vor 1945 bleibt dieser Raum ohne Namen.
Der Brand 1946
Nach der Flucht der adligen Familie am 20. April 1945, der Enteignung des Gutes am 6. September 1945 und der Umwandlung in ein sogenanntes »Provinzialgut« setzte eine Phase ein, in der das Schlossgebäude unterschiedlich genutzt wurde.[88] Am 1. April 1946 übernahm die Deutsche Saatzuchtgesellschaft das Gebäude, das inzwischen als Unterkunft für Flüchtlinge diente.[89] Bei einem Brand im Dezember 1946 wurde es teilweise zerstört. Das geht aus den Gemeindeakten hervor, die sich mit dem Brand 1946 beschäftigen. So berichtete der Dorfbürgermeister am Tag nach dem Feuer:
»Als ich am Dienstag, dem 17. Dezember 1946, nachts gegen 1/2 1 Uhr meine Wohnung aufgesucht hatte, hörte ich, wie unsere Sirene Feueralarm gab. Ich eilte sofort zur Brandstelle nach der Gutsstraße. Der Dachstuhl des ehemalig [sic] von Hohenstein’schen Schlosses, welches jetzt als Wohnhaus und Zentralschulzwecken dient, brannte im rechten Drittel. […] Durch Wasser sind erhebliche Schäden auch im 1. Obergeschoss entstanden. […] Es war möglich, fast das gesamte Hab und Gut der in dem Hause wohnhaft gewesenen 14 Flüchtlingsfamilien zu retten. […] Menschenleben sind nicht zu beklagen.«[90]
Der Bürgermeister bezeichnete in seinem Bericht das Gebäude als »ehemaliges Schloss«, das sich an der »Gutsstraße« befand. Über ein Jahr nach der Enteignung wurde das Gebäude also noch nach seiner früheren Funktion benannt. Auch der Name der vertriebenen Adelsfamilie wurde in diesem und auch in einem anderen Bericht erwähnt, in dem ein Zeuge beschrieb, wie das Feuer in der Dachkammer durch ein provisorisch angebrachtes Ofenrohr ausbrach. Der 16-jährige Manfred Guhl gab am 20. Dezember 1946 zu Protokoll:
»Ich bewohnte mit Walter Kittner seit Herbst 1945 im ehemaligen von Hohenstein’schen Schloss eine schräge Dachkammer. […] Da das Zimmer keinen Ofen hatte, wurde im vorigen Winter ein Ofen aus einer alten Milchkanne gefertigt und ein eisernes Ofenrohr durch die Decke zum Dach hinausgeführt. […] Im November 1946 wechselte ich den alten Ofen gegen einen sogenannten eisernen Kanonenofen aus. Wir heizten unseren Ofen regelmäßig mit Holz […] und Briketts.«[91]
Der Brand wird auch im Interview mit Leopold von Hohenstein jr. angesprochen:
»Das Gebäude ist 1945 abgebrannt, voller Flüchtlinge allerdings. Ich glaube auch, das stimmt sozusagen, dass zwei Kinder mit Feuer gespielt haben und es sich dabei entzündet hat. Denn es wäre ja nicht das einzige Gutshaus, was angezündet worden ist, von wem auch immer, von der russischen Armee, von deutschen Kommunisten oder wer auch immer. Aber es scheint da wirklich so zu sein, dass zwei Kinder mit Feuer gespielt haben, weil es eben auch bis unters Dach voll war mit Flüchtlingen im Endeffekt. Da wären die ja schön blöd gewesen, wenn die sich ihr eigenes Haus angezündet hätten. […] Leute umgekommen sind wohl keine, aber sie erzählen nur alle, dass das ganze Dorf mitgeholfen hat zu löschen. Es war wohl unter minus 20 Grad.«[92]
Leopold von Hohenstein spricht nicht vom Schloss, sondern vom »Gutshaus« als einem Gebäude, das nach der Enteignung einem humanitären Zweck diente. Seine Umwandlung in eine temporäre Flüchtlingsunterkunft ist für ihn auch der Grund dafür, warum das Gebäude nicht mutwillig durch Brandstiftung zerstört worden sein kann, sondern dass der Brand zufällig ausgebrochen sein muss. Zugleich deutet Leopold von Hohenstein seine emotionale Verbundenheit mit dem Familienstammsitz an. Der Solidarität der Dorfbewohner ebenso wie der Zufälligkeit des Brandes kommt dabei eine entlastende Funktion zu, mit der der 1969 Geborene verdeutlicht, dass es in Bandenow im Unterschied zu anderen Dörfern keine Feindschaft gegen den Adel gegeben habe, die sich in der mutwilligen Zerstörung der Gutsgebäude Bahn gebrochen hätte. Seiner Information nach brannte das Schloss durch das Feuer im Dachstuhl komplett aus. Auffällig ist auch, dass er den Brand statt auf Dezember 1946 auf den »Winter 1945« vordatiert. So fallen in seiner Erzählung Kriegsende, Enteignung, Vertreibung und der Brand in das Jahr 1945, das damit zu einer Aneinanderreihung von für die Familie von Hohenstein als zerstörerisch wahrgenommenen Ereignissen wird.
Bandenow in der Zeit der DDR
Nach dem Brand von 1946 erwähnte der Bürgermeister von Bandenow in seinen Dokumenten das Schloss erst wieder am 26. November 1949, nun allerdings mit dem Zusatz »alt«. Im ersten sogenannten Rechenschaftsbericht nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949, der für die übergeordnete SED-Ebene verfasst wurde, stand:
»Seit 1945 ist das Schulproblem das Schmerzenskind der Gemeinde. Durch die Umsiedler stieg die Zahl der Schüler von 60 auf 160. Die DSG [Deutsche Saatzucht-Gesellschaft] stellte im September 46 das alte Schloss für Schulzwecke zur Verfügung. Am 18.12. zerstörte der unglückselige Brand alle weiteren Aufbaupläne.«[93]
Im Unterschied zu seinen Aufzeichnungen von 1946 bezeichnet der Bürgermeister drei Jahre später das Gebäude nicht mehr in erster Linie als das Schloss der Familie von Hohenstein, sondern betrachtet es als »alt« und nach dem Brand möglicherweise auch als baufällig. 1949/1950 wurde mit den Sanierungsarbeiten am Gebäude begonnen. In einer offiziellen Broschüre über den Saatzucht-Betrieb von 1981 heißt es: »Seit 1950 besteht in Bandenow die Betriebsberufsschule. Sie vereint unter einheitlicher Leitung den theoretischen und praktischen Unterricht, sowie die Erziehung der Lehrlinge im Lehrlingswohnheim.«[94] Hervorgehoben wurde außerdem:
»Seit 1975 bildet die Betriebsberufsschule Bürger der Sozialistischen Republik Vietnam und der Mongolischen Volksrepublik aus. Mit dieser Aufgabe leisten die Werktätigen des VEG Pflanzenproduktion Bandenow einen Beitrag zur internationalen Solidarität.«[95]
Dass sich die Betriebsberufsschule mit angeschlossenem Lehrlingswohnheim in einem ehemaligen Adelssitz befand, wurde in dieser offiziellen Publikation von 1981 nicht mehr erwähnt. In der Broschüre wurde jedoch ein Foto des herrschaftlichen Gebäudes abgebildet – unkommentiert.[96]
In offiziellen Verlautbarungen der 1980er Jahre hat sich also der Begriff des Schlosses nicht erhalten, wohl aber in der Wortwahl der Menschen aus dem Dorf, so auch bei Barbara Schönpflug. Im Interview kommt sie auf die Nutzung während der Zeit der DDR zu sprechen: »Im Schloss waren ja dann die Lehrlinge, war ja Internat, war ja Lehrlingswohnheim.«[97] Durch die Umwandlung in eine Berufsschule mit Internat veränderte sich der Charakter des Gebäudes, das nach der Enteignung nicht mehr das soziale Gefälle zwischen Adel und Dorf verkörperte. Der frühere Adelssitz war kein exklusiver, nur einer sozialen Gruppe vorbehaltener Ort mehr. Der Zugang war nun durch das Beschäftigungsverhältnis im VEG Pflanzenproduktion reguliert. In der Sprache der älteren Bandenower, wie bei Helga Schönpflug und auch bei Hartmut und Hanna Bauer, hat sich der Begriff »Schloss« erhalten. Möglicherweise bezeichneten und bezeichnen sie in der Zeit der DDR bis in die Gegenwart damit einen herausgehobenen Ort, der auch ohne die Ordnung der traditionellen Gutsherrschaft als wichtiges Merkmal der Topographie des Dorfes fungiert.
Weiter berichtet Barbara Schönpflug über ihr Dorf zur Zeit der DDR:
»Vor dem Schloss war so ein großes Rondell, das war immer alles sehr gepflegt und schön. Da hatten wir solche Yucca-Palmen und Rosen. Das sah schön aus. Da hatten sie ja noch eine Baracke hingebaut. Da war das Schloss, da war ein bisschen nichts und dann war da die Baracke. Da hatten sie die Schule gemacht für die Lehrlinge, mal so Klassenräume. Da hat das Lehrerehepaar auch Blumen angepflanzt. Das wurde gut gepflegt, aber dann nicht mehr. Nach 90 nicht mehr.«[98]
Barbara Schönpflug beschreibt die Bemühungen der Lehrer an der Berufsschule, den Hof mit Rosenbeeten und exotischen Pflanzen zu verschönern und damit das Schloss als repräsentativen Ort zu erhalten. Aus Sicht von Barbara Schönpflug setzte der Verfall erst nach 1990 ein, während sich die Bewohner in der Zeit der DDR für dieses Gebäude verantwortlich fühlten. Für den neuen Besitzer Leopold von Hohenstein stellt sich die Zeit der DDR allerdings anders dar:
»In den 50er Jahren ist es [das Schloss bzw. Gutshaus] neu aufgebaut worden, mit einer zusätzlichen Etage aufgebaut worden, mit einem flachen Wellasbestdach. Dadurch von den Proportionen her überhaupt nicht mehr stimmig, aber eben nutzbar für die Zeit. Da war dann die Landwirtschaftsschule drin, dann war es Lehrlingswohnheim für die Landwirtschaftsschule.«[99]
Aus seiner Perspektive lassen sich die Jahre der DDR in wenigen Sätzen zusammenfassen als eine Zeit, in der nicht Ästhetik und Rücksicht auf Bautraditionen, sondern die pragmatische Nutzung des enteigneten Gebäudes im Vordergrund stand. Auch wenn seine heutige Sicht mit dem Fokus auf den baulichen Gegebenheiten die Perspektive eines Bauherrn ist, der mit der Sanierung beschäftigt ist, schwingt in seiner Äußerung doch die Systemkonkurrenz von Sozialismus und Adelsherrschaft mit. Leopold von Hohenstein erwähnt zudem, dass in Bandenow während der DDR-Zeit nicht offiziell über die enteignete Adelsfamilie geredet werden durfte, und bezieht sich dabei auf eine Ausstellung, die er in diesem Gebäude gesehen hat, als er 1990 nach Bandenow kam:
»Offiziell wurde die Familie schon eher totgeschwiegen. Nach der Wende hing drüben im alten Gutshaus, da war unten eine Ausstellung. Da war eine Landwirtschaftsschule drin, da gab’s sehr viele Lehrlinge, die da im Internat lebten. Da gab’s auch einen Ausstellungsraum, da fing die ganze Geschichte 1945 an.«[100]
Wenn Leopold von Hohenstein formuliert, dass »die Familie schon eher totgeschwiegen« wurde, wählt er eine drastische Sprache, die erkennen lässt, dass er die staatliche Anti-Junker-Propaganda in der DDR auch als eine persönliche Kränkung und Abwertung seiner Herkunft auffasst. Unerwähnt bleibt dabei, dass in Bandenow mit dem Denkmal eines adligen Saatzüchters, des Ur-Ur-Großvaters von Leopold von Hohenstein, nach dem auch eine Straße im Dorf benannt worden war, die Adelsgeschichte in der Zeit der DDR zumindest innerhalb der von der SED gesetzten Grenzen weiterhin präsent war.[101] In der Betriebsbroschüre von 1981 wurde der prominente Vorfahre mit einem Satz erwähnt:
»Bandenow ist durch die Züchtung von Roggen und Hafer über unsere Landesgrenzen hinaus bekannt geworden. Den Grundstein dazu legte der Züchter Leopold von Hohenstein (1849 bis 1924), der im Jahre 1881 begann, die geringen Getreideerträge der Gegend auf dem Wege der Pflanzenzüchtung zu verbessern.«[102]
Ausführlichere Erläuterungen über den adligen Saatzüchter wurden in dieser Broschüre nicht gegeben. Trotz Denkmal und Straßenbenennung gab es in Bandenow seit dem hundertjährigen Betriebsjubiläum von 1981 eine quasi »eingehegte« mythische Figur, zu der der adlige Saatzüchter von den SED-Propagandisten gemacht werden sollte. Der Adelsbezug war eine kommunikative Herausforderung, die sich in eine offizielle Ausstellung in der Berufsschule Bandenow möglicherweise nicht einbetten ließ, ohne dass die Schüler Fragen nach der Enteignung 1945 gestellt hätten. Das war möglicherweise der Grund, warum der adlige Saatzüchter in der Ausstellung für die Berufsschüler nicht erwähnt wurde.
Der Umbruch von 1989/90 und die Transformationsphase
Während also in einem offiziellen Gemeindebericht von 1949 noch vom »Schloss« die Rede war, wurde dieser Begriff in der Betriebsbroschüre des VEG Saatzucht von 1981 nicht mehr erwähnt. Einige Dorfbewohner benutzten wiederum im Interview die Bezeichnung »Schloss«. Die Mitglieder der Familie von Hohenstein sprechen nach der familiären Erfahrung der Vertreibung sowie vor dem Hintergrund einer adelskritischen Öffentlichkeit vor und nach 1990 dagegen lieber in der Verkleinerungsform vom »Gutshaus«.[103]
Allerdings gibt es auch die Menschen im Dorf, die vom »Gutshaus« sprechen, wenn sie das »Schloss« meinen – so zum Beispiel Susanne Beierlein, eine ehemalige Angestellte im Saatzuchtbetrieb: »Dann gab es ja noch das alte Gutshaus. Da war ja dann die Berufsschule integriert bis 1990 und jetzt hat das auch Leopold junior zurückerworben und baut es jetzt auch aus.«[104] Sie wählt also die Bezeichnung, welche die Familie von Hohenstein favorisiert und versieht diese mit dem Zusatz »alt«, vielleicht, um die derzeitige Renovierungsbedürftigkeit des Gebäudes zu beschreiben. Zudem ist das ehemalige Zentrum des Gutes aus dem 19. Jahrhundert älter als das zweite, neue Gutshaus, das als Betriebsgebäude in den 1930er Jahren gebaut wurde und heute ein Hotel ist. Es gibt zum Zeitpunkt des Interviews, also 2010, verschiedene Bezeichnungen für dieses Haus, die erkennen lassen, dass sich Bandenow in einer Transformationsphase befindet – von der Zeit der DDR und der Wendejahre hin zu einer neuen Ordnung. Seit 1990 befindet sich das Dorf in einer Übergangsphase, in der der Diskurs über das frühere Zentrum adliger Herrschaft von Distanzierungsbemühungen und Diskretion geprägt ist: Das Gebäude soll kleiner wirken, als es ist, auch wenn es nach der Sanierung wohl wieder so repräsentativ aussehen wird wie vor der Enteignung.
Ohne den Begriff »Schloss« zu verwenden, spricht der neue Besitzer Leopold von Hohenstein jr. ausführlich über sein Haus und seine Renovierungspläne, durch die das Gebäude wieder in den Originalzustand aus der Zeit vor 1945 versetztt werden soll. Er berichtet, wie er dem Landkreis, der das Gebäude nach 1990 verwaltete, über einen längeren Zeitraum signalisierte, dass er das Haus für einen symbolischen Preis kaufen würde:
»Das Haus wurde nach der Wende dem Landkreis übergeben, damals. Alles auch lange Geschichten. Beim Landkreis war es so, dem hatte ich damals gesagt, ich würde es für eine Mark, später für einen Euro übernehmen. Mehr könnte ich einfach nicht zahlen, weil es einfach viel zu groß für uns ist. Weil es auch sehr viele bauliche Schwierigkeiten hat. Es ist 45 ausgebrannt.«[105]
Der Landkreis ging auf dieses Angebot nicht ein, sondern schrieb das Haus stattdessen zum Verkauf aus. Allerdings fand sich kein anderer Käufer, so dass Leopold von Hohenstein das Haus seiner Vorfahren zwar nicht für den Symbolwert von einem Euro, aber dennoch zu einem für ihn akzeptablen Preis erwerben konnte. Obwohl das Gebäude nach dem Brand nach Kriegsende saniert worden war und von 1950 bis 1991 als Berufsschule genutzt wurde, argumentierte er offenbar in den Verkaufsverhandlungen mit einem mehr als 40 Jahre zurückliegendem Feuerschaden in der Nachkriegszeit:
»15 Jahre stand es eben leer. Der Landrat war immer nicht bereit, es zu verkaufen, nur für einen sehr hohen Preis, wollten immer 220.000 DM dafür haben. Irgendwann in Euro umgerechnet, dann haben sie es ausgeschrieben unter Immobilienscout.de. Dann gab es wohl noch drei weitere Interessenten. Das waren ein Modeschöpfer aus Paris angeblich, dann ein Antiquitätenhändler aus Berlin und dann noch aus der Ukraine ein Unternehmer, der laut Aussagen des Landkreises aber eher im Rotlichtbereich, Mafia, Rotlichtbereich angesiedelt war. Diese zwei anderen sprangen dann nach kurzer Zeit ab, Mindestangebot waren 20.000 Euro. Dann blieb nur noch dieser Ukrainer übrig. […] Ich hatte gar nicht mehr mitgeboten, aber er [der Landkreismitarbeiter] hatte mich immer informiert und dann hat er mir aber irgendwann die Pistole auf die Brust gesetzt und gesagt: ›So, jetzt müssen Sie sich entscheiden. Entweder Sie bieten jetzt anständig was und Sie kriegen es oder es ist weg, weil der es haben will.‹ Dann habe ich damals 22.500 Euro geboten und das Mindestgebot waren ja 20.000 Euro und das haben sie dann auch sehr schnell akzeptiert.«[106]
Leopold von Hohenstein erzählt diese Episode so, als ginge es um eine Immobilie, die er zwar gern besitzen würde, auf die er aber ebenso gut auch verzichten könnte – und als hätte gerade seine Gelassenheit verbunden mit seiner Ausdauer dazu geführt, dass ihm der Familiensitz seiner Vorfahren inzwischen wieder gehört. Der Verweis auf die Konkurrenten dient ihm als Illustration dafür, wie der Verkaufsprozess ausgegangen wäre, wenn sich der Landkreis nicht für ihn entschieden hätte. Nachdem Leopold von Hohenstein schließlich den Kaufzuschlag bekommen hatte, entwickelte er ein Konzept für Ferienwohnungen unter dem Slogan »Urlaub auf dem Bauernhof«. Wiederum könnte man hierin einen Versuch des Gutsbesitzers vermuten, sein Eigentum sprachlich zu verkleinern.
Nach vierjähriger Vorbereitungsphase begann Leopold von Hohenstein 2010 mit dem Umbau des Hauses:
»Wir werden es wieder in den alten Zustand zurückversetzen, da hat der Architekt eine Entwurfsplanung gemacht, nach den alten Maßen des Gebäudes von früher. Wir werden das in den alten Maßen wiederaufbauen. […] Die Idee ist, wir wollen ›Urlaub auf dem Bauernhof‹ anbieten, auf dem Hof. Wir wollen die Anlage Schritt für Schritt, so wie es finanziell eben möglich ist, wieder auf Vordermann bringen. So wie es jetzt aussieht, ist es in den Dimensionen völlig also hässlich, sag ich mal. Es haut von den ganzen Dimensionen nicht hin. Es hat dieses flache Wellasbestdach, was nicht auf Dauer halten wird. Wir müssten da sowieso was machen. Und es wäre einfach, den alten Zustand zumindest von der Form wiederherzustellen, macht einfach aus ästhetischen Gründen, wenn wir es irgendwann mal vermarkten wollen, macht einfach absolut Sinn.«[107]
Im Vordergrund der Sanierungsmaßnahmen steht die Wiederherstellung des Zustandes vor den DDR-Baumaßnahmen. Leopold von Hohenstein argumentiert hier, dass er vor allem aus Marketing-Gründen daran interessiert ist, das Gebäude zumindest äußerlich in den Originalzustand zurückzuversetzen. Er bezieht sich damit womöglich auch auf das Bedürfnis einer geschichtsbewussten Öffentlichkeit, die sich nach vorgeblich authentisch restaurierten Objekten und Gebäuden aus der Zeit vor 1945 sehnt – ein Trend, der auch bei der Rekonstruktion der Schlösser in Berlin und Potsdam sichtbar wird.[108] Im ehemaligen Adelssitz sollen Ferienwohnungen für historisch interessierte Touristen entstehen. Einerseits lässt Leopold von Hohenstein das Gebäude wieder in den Zustand vor der Enteignung zurückversetzen. Andererseits vermeidet er diskret jeden Hinweis darauf, dass mit ihm ein Angehöriger einer Adelsfamilie über den Stammsitz seiner Familie spricht. Die Immobilie wird von ihm – zumindest in der eigenen Darstellung im Interview – vor allem aus unternehmerischem Blickwinkel betrachtet. Zugleich spricht er über das Haus seiner Familie wie über einen halb-öffentlichen Ort, zu dem die Menschen aus dem Dorf eine enge Verbindung haben:
»Am Anfang war es sogar so, dass die dann plötzlich im Haus einfach irgendwo standen, die sich einfach interessieren. Es gibt ja viele Leute, die ihre Ausbildung hier gemacht haben, hier gelernt haben oder eben hier zu DDR-Zeiten gelebt haben und danach weggegangen sind oder als Kinder dann in den Westen gegangen sind und jetzt wiederkommen. Die interessieren sich alle sehr, das merkt man, die machen oft dann einen Spaziergang da vorbei und gucken dann einfach.«[109]
Das Gebäude wird von dem neuen Besitzer als ein Identifikationsort, vor allem für die ehemaligen Berufsschüler, dargestellt. Wiederum spricht er statt vom »Schloss« mit einigem Understatement vom »Haus« und beschreibt zugleich die Besonderheit dieses quasi-öffentlichen Ortes, dessen Eigentümer er ist. Die Renovierungs- und Umbauarbeiten der Familie von Hohenstein wurden vor Ort offenbar genau beobachtet.
Kritik aus der Dorfgemeinschaft
Wie genau die Menschen im Dorf den Renovierungsprozess verfolgten, wird an den Erwähnungen der staatlichen Fördermittel, die in die Sanierung der Gebäude geflossen sind, deutlich. So bemerkt Manfred Lössner, der 1946 geborene ehrenamtliche Ortsbürgermeister, über den sechs Jahre älteren Leopold von Hohenstein sr.:
»Der alte Hohenstein hat auch versucht, sich hier gut einzubringen, hat kandidiert hier für Gemeindevertreter. Und hat auch ganz gut Stimmen gekriegt, die erste Wahl hat er noch mehr gekriegt als ich, bei der nächsten Wahl dann nicht. Aber das empfand ich eigentlich als gut. Ist hier nicht als Besserwisser irgendwie aufgetreten, hat hier versucht, was aufzubauen und hat sich im Dorf engagiert. […] Obwohl es dann auch viele gab, die ein bisschen neidvoll geguckt haben: ›Hier wird was aufgebaut. Da das Schloss. Wo hat der das ganze Geld her? Der lebt doch nur von Fördermitteln und so.‹ Ich weiß nicht, wie viel und das sagt er auch nicht. Das gibt’s natürlich auch, dass manche das ein bisschen neidvoll sehen, dass der soviel Macht hier hat.«[110]
Manfred Lössner lobt das integrative Verhalten von Leopold von Hohenstein sr., der sich für die Belange des Dorfes eingesetzt habe. Dabei spielt er womöglich auf das Schimpfwort des »Besserwessi« an, eine nach 1990 gebräuchliche abwertende Bezeichnung für arrogant auftretende Westdeutsche im Osten des Landes.[111] Anscheinend unterscheidet sich Leopold von Hohenstein sr. mit seinem Verhalten vom Stereotyp des finanzstarken westdeutschen Zugezogenen. Zugleich gab es im Dorf offenbar auch Irritationen darüber, woher die adlige Familie die finanziellen Mittel für ihre Investitionen in Bandenow nahm. Die Kritik einiger Menschen im Dorf an der Fördermittelvergabe richtete sich vermutlich in erster Linie an Leopold von Hohenstein sr., aber wahrscheinlich auch an seinen Sohn. Die wirtschaftliche Überlegenheit westdeutscher Investoren und deren Kenntnis staatlicher Förderprogramme waren ein wiederkehrendes Thema auch in den anderen Gutsdörfern, beispielsweise in Siebeneichen, wo Jasper von Sierstedt staatliche Subventionen für die Kirchensanierung organisierte. Nur wenn es der Adelsfamilie gelang, die Fördermittel nicht nur für ihre eigenen Interessen, sondern auch für die Infrastruktur des Dorfes einzusetzen, bewerteten die Menschen diese Bauprojekte positiv, wie in Susanne Beierleins Kommentar deutlich wird:
»Erstmal hohe Anerkennung der Familie, dass sie mit dem Hotel Arbeitsplätze geschaffen hat, dass sie Freizeiten ermöglichen, dass die Familie sich sehr im Dorfleben engagiert, generell politische als auch kirchliche Arbeit. Da ist die Familie sehr rege. Und es gibt natürlich auch kritische Stimmen, die aber, ich denke mal, sehr kurzsichtig sind. Und Investitionen werden hier sehr viele getätigt. Und Herr von Hohenstein hat eben durch kluge Entscheidungen oder eben Antragswege gefunden, Finanzierungen für Gebäude und Anlagen zu schaffen. Da ist die eigene Kreativität gefragt und die steht da in der Familie sehr, sehr hoch. Muss man wirklich anerkennen. Also aus meiner Sicht muss jeder den Hut ziehen für so viel Engagement hier im Ort.«[112]
Susanne Beierlein erblickt im Einsatz der Familie von Hohenstein Kreativität und Unternehmergeist, was langfristig der Gemeinde zugutekommt, dennoch erwähnt sie auch die Kritik aus dem Dorf. Für sie stehen die Arbeitsplätze an erster Stelle, die im Hotel entstanden sind. Im Interview beschreibt Leopold von Hohenstein jr. selbst, wie er mit Hilfe von Fördermitteln den Umbau des Gutshauses finanziert hat:
»Wir kriegen eine Förderung über LEADER, das ist ein EU-Förderprogramm, 45 Prozent Zuschuss dafür. Dann ist es ein Denkmal, dann kann man die restlichen Ausgaben auch noch absetzen, steuerlich, und von daher ist jetzt eine Chance da, es zu finanzieren.«[113]
Der Bauherr gibt im Interview also selbst eine mögliche Antwort auf die implizite Frage einiger aus dem Dorf, wie er es geschafft hat, staatliche Gelder für den Umbau der Immobilien zu bekommen:
»Ich bin bei der LAG [Lokale Aktionsgruppe], das ist ein Verein, der die LEADER-Europaförderung letztendlich verwaltet, als Ausschuss die Anträge bewilligt oder ablehnt. Bewilligt ist vielleicht das falsche Wort, votiert. Es gibt eine Behörde, die das begleitet und wir sind der Ausschuss, der das bewertet. Ist das sinnvoll für die Region oder nicht? (IL: Tourismusprojekte?) Das ist alles, was die ländliche Entwicklung betrifft, das ist viel Tourismus. Das sind aber auch ganz andere Projekte. Dann ist es bei mir das ganze Schulthema, das ich mache. […] Dann bin ich im Tourismusförderverband, bei den Wirtschaftssenioren, dann im Kuratorium des Seniorenzentrums in Jeistikow, […] das geht über die Johanniter.«[114]
Leopold von Hohensteins Strategie ist offenbar, über ehrenamtliches Engagement Kontakte zu knüpfen und sich darüber an Entscheidungsprozessen auf regionaler Ebene beteiligen zu können – ein Verhaltensmuster, das auch bei anderen adligen Familien erkennbar wird. Zugleich kommt ihm bei der Fördermittelvergabe vermutlich zugute, dass mit seinen Aktivitäten auch die wirtschaftliche Entwicklung des ländlichen Raums in einer strukturschwachen Region verbunden ist.
Diese Ansammlung von Ehrenämtern in der Familie von Hohenstein und der damit verbundene Machtzuwachs können als eine Form der Anpassung der Gutsherrenrolle an demokratische Bedingungen gedeutet werden. Leopold von Hohenstein beschreibt die Strategien seiner Familie so:
»Mein Vater ist jetzt in der Stadtverordnetenversammlung, das hat vorher meine Frau gemacht. Das machen wir eigentlich auch immer so, dass sich immer einer aus der Familie zur Wahl aufstellt. […] Meine Mutter Landessynode, Kreissynode. Mein Vater ist im Kuratorium des Tragelehner Krankenhauses, auch über die Johanniter.«[115]
Die ältere Generation der von Hohensteins ist also auf kommunalpolitischer und kirchlicher Ebene aktiv, er selbst ist auf Verbandsebene in der regionalen Wirtschafts- und Tourismusförderung tätig. Beide Generationen verbindet zudem das soziale Engagement, das über die Johanniter läuft, einem bis 1945 vom preußischen Adel geprägten Verein, der seit 1948 auch nicht-adligen Mitgliedern offen steht.[116] Über das Dorf Bandenow hinaus ist die Familie damit eingebunden in regionale und – über die Johanniter auch in adelstypische – Zusammenhänge, die mit einem Zugewinn an Macht und Einfluss einhergehen. Adliges Engagement und Gemeinwohlinteresse haben ihren Ursprung in der Gutsherrschaft vor 1945, in der der Patron im Gutsdorf zwar die eigenen Herrschaftsinteressen durchsetzte, sich dennoch seinen Untergebenen fürsorglich verbunden fühlte. In der Gegenwart finden sie neue Formen. Trotz der Enteignung von 1945 sind hier adelstypische Verhaltensmuster weiter wirksam, wenn auch in abgewandelter Weise.
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