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Helmut Krätzl
Brot des
Lebens
Mein Weg mit der Eucharistie
Bildauswahl und Bildbeschreibungen Hubert Gaisbauer

Zum Umschlagbild:
Willy Fries, „Das große Gastmahl“ 1965, Ölfarbe auf einer Holztafel, 270 × 180 cm Bartholomäuskirche in Berlin-Friedrichshain
„Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein.“ (Mt 22,9)
Der Schweizer Künstler Willy Fries (1907–1980) hat dieses Bild ursprünglich für ein evangelisches Missionshaus in Berlin gemalt. Man sieht, wie die gut gekleideten Satten, in sich verschlossen, dem „Tisch des Herrn“ den Rücken kehren und in eine unbestimmte Ferne gehen. Aber es kommen Hungrige, Nackte und Krüppel „von den Straßen“, die Speise und Gemeinschaft suchen und finden. Aus den Schatten von Angst und Bedrängnis fliehen sie zum Licht des gedeckten Tisches, an dem sie von Christus gespeist werden.
Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
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© 2014 Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung und Layout: Tyrolia-Verlag, Innsbruck
Umschlagmotiv: Willy Fries, Das Große Gastmahl (Ausschnitt),
© Stiftung Willy Fries, Wattwil (CH)
Bildnachweis: alle Verlagsarchiv Tyrolia, außer: S. 61 Stadtmuseum Nördlingen;
S. 71 Wikimedia Commons; S. 103 Kunsthistorisches Museum, Wien;
S. 137 © Sieger Köder; S. 166 Art Gallery Lilja Zakirova, Heusden a/d Maas (NL);
S. 174 Prämonstratenserstift Strahov
Druck und Bindung: Gorenjski-Tisk, Slowenien
ISBN 978-3-7022-3325-9 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3355-6 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Kapitel Mit Kindern Eucharistie entdecken
Frühkommunion
„Messe spielen“
Erstkommunion
Beichte vor der Erstkommunion?
Neun Mal Kommunion am Herz-Jesu-Freitag – Garantie für die Seligkeit?
2. Kapitel Das Messverständnis, als ich Priester wurde
Wie ich im Priesterseminar Messe „lesen“ lernte
Das eine Opfer und die vielen Messen
3. Kapitel Das Konzil lehrt uns die Messe neu sehen
Statt Priesterliturgie Feier des ganzen Volkes
Eucharistie – mehr Opfer oder Mahl?
Mahlgemeinschaft mit Jesus
Die Mystik der Eucharistie und ihre soziale Dimension
Eucharistie – Brot des Lebens
Pro multis – doch nicht für alle?
4. Kapitel Was die liturgische Erneuerung bremst
Wachsende Kritik an der Liturgieerneuerung
Rom selbst behinderte die Liturgieerneuerung
Was in der Liturgie noch erneuert werden sollte
5. Kapitel Eucharistische Schaufrömmigkeit
Wie es zur Schaufrömmigkeit kam
Das Fronleichnamsfest
Anbetung
Wortgottesfeiern – mit oder ohne Kommunion?
Geistliche Kommunion
6. Kapitel Eucharistie – die drängende Herausforderung in Pastoral und Ökumene
Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion
Der eine Leib und die getrennten Tische
Max Thurian wurde der Eucharistie wegen katholischer Priester
7. Kapitel Eucharistie ist der Schlüssel jeglicher Kirchenerneuerung
Keine Neuevangelisierung ohne Eucharistie
Eucharistie, Prüfstein glaubwürdiger Ökumene
Barmherzige Pastoral nicht ohne Eucharistie
Eucharistie verändert die Welt
8. Kapitel Eucharistie – das Brot meines Lebens
Wenn Kommunion „alltäglich“ wird
Die tausend Messen – wann war ich dem Geheimnis am nächsten?
Wo bleibt die Ehrfurcht?
Am Wunder vorbei
Öfter verwendete Literatur
Vorwort
Anlässlich meines diamantenen Priesterjubiläums blicke ich zurück. Die Eucharistie hat mein religiöses Leben seit früher Kindheit stark geprägt. In 60 Priesterjahren habe ich tausende Male Eucharistie gefeiert, Kinder und Erwachsene darüber belehrt und selbst immer neu versucht, diesem Geheimnis näherzukommen.
Obwohl die Eucharistie zu den Zentralwahrheiten unseres Glaubens gehört und die Messe Quelle und Höhepunkt kirchlicher Gemeinschaft ist, hat sich im Laufe meines langen Priesterlebens Deutung und Bedeutung der Eucharistie verändert, sind neue theologische und pastorale Fragen aufgetaucht, die zum Teil kontrovers diskutiert werden. Die Zahl der Messbesucher nimmt ab. Ist die Liturgieerneuerung nach dem Konzil daran schuld? Bei vielen Messen gehen fast alle zur Kommunion. Was denken sie sich dabei? Welche Voraussetzungen verlangt die Kirche noch für einen würdigen Empfang? Ist die Messe mehr Opfer oder Mahl? Ist sie Priesterliturgie, auch private Andacht oder Feier der ganzen Gemeinde? Was hindert noch eine eucharistische Gastfreundschaft mit evangelischen Christen? Hat man bald nach dem Konzil nicht schon großzügigere Zulassungsbedingungen für wiederverheiratete Geschiedene im Einzelfall gekannt? Wird man bei einer Strukturreform auf Grund demographischer Veränderungen und des wachsenden Priestermangels eher auf Eucharistie am Ort verzichten, als neue Zugänge zum Priesteramt zu eröffnen? Schafft die Werbung für eucharistische Anbetung auch neue spirituelle Zugänge zu Feier und Empfang der Eucharistie?
Alle diese Fragen haben mich in meinem Priesterleben stark beschäftigt, ich habe viel nachgedacht, engagiert darüber diskutiert und nicht weniges dazu auch publiziert. Hier will ich schlaglichtartig einige dieser Fragen aufgreifen und meine Erfahrungen dazu niederschreiben. Das Geheimnis der Eucharistie ist für mich nicht durchschaubarer geworden. Aber beim Schreiben dieses Buches ist mein ehrfürchtiges Staunen davor noch einmal gewachsen. Letztlich ist das irdische eucharistische Mahl nur Vorgeschmack auf jenen Tag, von dem Jesus sprach, nachdem er den Seinen den Kelch gereicht hatte. An jenem Tag, sagte er, „werde ich mit euch von neuem davon trinken im Reiche meines Vaters“ (Mt 26,28). Dann erst öffnet sich das ganze Geheimnis, wenn wir vom Glauben zum Schauen kommen.
Helmut Krätzl
Ostern 2014
im 60. Jahr meines Priesterlebens
1. Kapitel
Mit Kindern Eucharistie entdecken
Frühkommunion
Am 21. Juni 1936, am Gedächtnistag des hl. Aloisius von Gonzaga, ging ich zur Erstkommunion. Erst im Oktober darauf wurde ich fünf Jahre alt. Ein Kaplan unserer Pfarre St. Ulrich im 7. Wiener Gemeindebezirk – dort wirkten bis 1968 die Steyler Missionare aus St. Gabriel –, der viel in unserer Familie verkehrte, sagte eines Tages zu meiner Mutter: „Ich glaube, der Helmut könnte zur Frühkommunion gehen.“ Und so war es dann auch. Im benachbarten Kloster der Sionsschwestern feierte der Kaplan für mich allein und meine Familie die Messe, bei der ich – ohne vorher gebeichtet zu haben – zum ersten Mal zur Kommunion gehen durfte. Weil ich so klein war, hatten die Schwestern für mich eigens einen kleinen Betstuhl zimmern lassen, ein prie-Dieu, wie sie ihn, die vielfach französischsprechend waren, nannten. Ich empfand eine riesengroße Freude, nun Jesus in der Kommunion empfangen zu dürfen, gleich wie meine Eltern und die größeren Geschwister. Ich glaube, ich bin damals in ganz jungen Jahren dem Geheimnis der Eucharistie erstaunlich nahe gekommen.
Von da weg ging ich auch unter der Woche sehr oft zur heiligen Messe. Meine Mutter hatte nämlich die Gewohnheit, wenn die größeren Geschwister in die Schule gegangen waren, vor dem Einkaufen die Acht-Uhr-Messe in St. Ulrich mitzufeiern. Ich ging voll Freude mit und hatte nie Langeweile. Sehr bald begann ich auch schon zu ministrieren. Für mich war es der Anfang einer ganz persönlichen eucharistischen Frömmigkeit, die mich mein ganzes Leben begleitete und die auch ein besonders starkes Motiv war, einmal Priester zu werden.
Aus meinem eigenen Erleben weiß ich daher, dass Kinder fähig sind, eine Liebe zu Jesus in der Kommunion zu verspüren, wenn sie gut vorbereitet sind und in einem Milieu aufwachsen, in dem Ehrfurcht vor der Eucharistie herrscht. Andererseits können aber auch Kinder Erwachsene zu neuer Andacht anregen. Eine Schwester von mir, die sieben Jahre älter war – sie ist leider 2008 mit 84 Jahren gestorben – hat mich noch in hohem Alter manchmal am 21. Juni an meine Erstkommunion erinnert. Diese Frühkommunion muss für die Familie einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben.
„Messe spielen“
In meiner Kindheit war es nicht selten, dass begeisterte Ministranten zu Hause „Messe spielten“. Es gab einen gewissen Wettstreit, wer dazu die schöneren Messgeräte hatte: einen kleinen Kelch mit Patene, einen Überwurf, der einem Messgewand ähnlich schaute, Kreuz und Kerzen auf einem Tisch, ein Messbuch. Wir hatten ja schon das neue Schottmessbuch. Bruder Philomenus, der Sakristan in St. Ulrich, der mich sehr gerne hatte, gab mir sogar „echte“ Hostien. Ich machte alles genauso nach, wie ich es dutzende Male in der Kirche gesehen hatte. Natürlich wusste ich, dass das alles ein Spiel war, aber für mich ein sehr ernstes. Ich wollte dabei auch nicht gestört werden. Manchmal dachte ich mir in meiner kindlichen Einfalt: Wenn Gott es will, könnte er doch auch jetzt gegenwärtig sein, obwohl ich kein Priester bin. Er war es wohl auch, nicht in sakramentaler Gestalt, aber in meiner Sehnsucht nach seiner Nähe. Einmal hat mir sogar der Kaplan, der mich vor Jahren auf die Frühkommunion vorbereitet hatte, ministriert.
Ich weiß nicht, wie Kinder heute über ein solches Mysterienspiel denken. Das „Messespielen“ war sicher ein Zeichen, dass die heilige Messe für uns wichtig war. Uns musste niemand die einzelnen Teile der Messe erklären, wir kannten sie besser als so mancher Erwachsene, der schon seit Jahrzehnten der Messe „von ferne beigewohnt“ hatte. Dann aber lässt ein solches Spiel doch auch so etwas wie einen entfernten Berufswunsch erkennen. Bei mir war es sicher so.
Was spielen Kinder heute? Wie äußert sich der Wunsch nach einem Beruf, der sie fasziniert? Zumindest könnte man in das unüberschaubare Angebot von Spielen, die den Kindern heute elektronisch zur Verfügung stehen, auch religiöse aufnehmen. Vielleicht hätten die Kinder dafür mehr Interesse, als Eltern und Spielemacher ihnen zutrauen.
Erstkommunion
Die Erstkommunion hat mich immer sehr berührt. Einmal, weil mir die Fähigkeit der Kinder aufgefallen ist, eine emotionale Beziehung zu Jesus in der Kommunion zu entfalten. Dann aber, weil die Erstkommunion der Kinder sich vielfach auf die Familie und die ganze Pfarrgemeinde auswirkt.
Sowohl als Kaplan in Baden bei Wien (1954–1956) als auch als Pfarrer in Laa an der Thaya (1964–1969) unterrichtete ich Religion in den Erstkommunionklassen. Ich wollte damit die Wichtigkeit dieses Jahres für die religiöse Entwicklung der Kinder unterstreichen, aber auf diese Weise auch mit Schule und Elternhaus Kontakt aufnehmen, damit die Bildung ganzheitlich gelingen kann. Als Pfarrer habe ich den alten Brauch des Herbergsuchens wieder eingeführt. Mit Jungscharkindern ging ich in der Adventzeit in die Familien, wo ein Kind in der zweiten Klasse war. Wir beteten und sangen und ließen ein Marienbild zurück, mit der Erklärung, für Jesus werde in diesem Jahr in dieser Familie „Herberge“ gesucht. Später habe ich dann bei offiziellen bischöflichen Visitationen in den Pfarren fast immer über die Verantwortung von Eltern und Gemeinde für die Kommunionerziehung der Kinder gesprochen. Das Erstkommunionjahr könnte für die ganze Familie wie eine eucharistische Katechese wirken.
Was die Kinder verstehen
Kinder fragen nicht nach der dogmatischen Erklärung für die „Verwandlung“ des Brotes. Sie freuen sich aber, wenn man ihnen aus der Bibel erzählt, wie sie zu der besonderen „Gesellschaft“ Jesu gehören. Z. B. wie Jesus seine Jünger belehrte, die die Kinder – offenbar weil sie „störten“ – zurückdrängen wollten: „Lasst diese Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 19,13ff.).
Auch der Bub begeistert sie, der laut Joh 6,9 der Einzige war, der schlauerweise Proviant mitgenommen hatte, fünf Brote und zwei Fische, der sie freiwillig hergab und so die Speisung der fünftausend Männer ermöglichte. Von seinem Opfer blieben dann noch zwölf volle Körbe übrig. Gerne erzähle ich den Kindern auch, mit welcher Sehnsucht sich Jesus nach dem letzten Abendmahl sehnte und dass dort dann einer, den Jesus besonders liebte, wie es in der Bibel heißt, ganz nahe bei ihm zu Tische lag. In meinem Brevier habe ich ein Bild von dieser Szene. Da denke ich mir oft: So nahe möchte auch ich Jesus sein!

Aus dem „Codex Aureus“ (Blatt 108/109)
„Das Wunder der Brotvermehrung“
zwischen 1030 und 1050, Kalbspergament, 44,5 × 31 cm
Benediktinerabtei Echternach
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
„Und er gab den Jüngern die Brote, die Jünger aber gaben sie dem Volk.“
(Mt 14,19)
Der prachtvoll gestaltete Golddeckel sowie die durchgehend goldfarbene Schrift haben dem reich illustrierten Codex seinen Namen gegeben. Auffallend in der Miniatur von der Speisung der Fünftausend ist die strenge Symmetrie der Verteilung, durch die alle gesättigt werden. Wie eine Welle setzt sich die gebende Geste Jesu in den beiden Apostelgestalten fort. Deutlich ist zu sehen, dass sie geben, was sie selber empfangen haben. Es ist gute Glaubenstradition, in der Erzählung vom Brotwunder ein Vorzeichen der Eucharistie zu sehen. Im gemeinsamen Mahl reicht sich Christus im Brot selber weiter, so kann man es im Bild aus dem „Codex Aureus“ lesen.
Wenn es uns doch gelänge, den Kindern verständlich zu machen, dass Jesus selber sie zur heiligen Messe einlädt und sie so gerne ganz nahe bei sich haben will, weil er sie liebt. Nicht wegen eines Gebotes müssen sie am Sonntag zur Messe kommen, nicht der Pfarrer lädt sie ein, sondern Jesus selbst: „Komm, ich warte auf dich!“ Und es gibt Kinder, die das verstehen. Da denke ich dann immer an den Lobpreis Jesu: „Ich preise dich, Vater, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast“ (Mt 11,25). Dass wir doch von den Kindern die Unbefangenheit des Glaubens lernen könnten! „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 18,3) soll wohl auch heißen: Wenn ihr nicht wie Kinder werdet, könnt ihr auch das Geheimnis der Eucharistie nicht verstehen.
Erstkommunionvorbereitung heute
Die Vorbereitung auf die Erstkommunion ist heute viel intensiver als früher. Mütter versammeln die Kinder um den Tisch – sogenannte Tischmütter – und versuchen, sie in das Geheimnis der Eucharistie einzuführen. Gelegentlich gibt es sogar „Tischväter“. Für die Kinder wird dadurch klar, dass die Kommunion keine Kindersache ist, sondern sie vielmehr nun befähigt werden, die heilige Messe ganz, wie die Erwachsenen auch mit der Kommunion mitzufeiern. Die Mütter aber werden herausgefordert, selbst über die Eucharistie nachzudenken und darüber, was sie ihnen bedeutet. Nur so können sie ja glaubwürdig zu den Kindern reden. Freilich soll sie der Seelsorger dabei nicht allein lassen, sondern geistlich begleiten. Und wo Kritik geübt wird, die „Tischmütter“ würden zu sehr am Äußerlichen hängen bleiben, gilt der Vorwurf den Priestern, die die so notwendige geistliche Begleitung vernachlässigt haben.
Erstkommunionvorbereitung sollte überhaupt Sache der ganzen betroffenen Familie werden. Das hat uns Professor Albert Biesinger von Tübingen gelehrt. Von 1982 bis 1991 war er Religionspädagoge an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg. Damals arbeitete ich als „Schulbischof“ (Beauftragter für Schulsachen in der Österreichischen Bischofskonferenz) eng mit ihm zusammen. Er wurde zum religiösen „Anwalt“ der Kinder. Besonders bekannt wurde er durch sein Buch „Kinder nicht um Gott betrügen. Anstiftungen für Mütter und Väter“. 2001 gründete er eine Stiftung für „Gottesbeziehung in Familien“ und 2008 schrieb er ein Buch mit dem Titel „Wie Gott in die Familie kommt“. Er regte an, dass in die Erstkommunionvorbereitung die ganze Familie einbezogen werde, und entwarf dafür ein eigenes Programm. Viele Pfarren haben es dann versucht. Ich staunte, dass das sogar in einigen Großstadtpfarren in Wien gelang. Das wurde zu einer ganz neuen Form der Pastoral gerade für junge Familien. Denn was immer in den Erstkommunionkindern an zarten Pflanzen der Liebe zu Christus in der Kommunion wächst, verdorrt alsbald, wenn es nicht in der Familie weitergepflegt wird.
In manchen Landpfarren erlebe ich noch heute bei den Visitationen, wie sich auch die Schule, durch die Religionslehrerinnen angeregt, an der Erstkommunionvorbereitung beteiligt.
Bei aller Klage über den Rückgang des Religiösen in der Gesellschaft: Die Vorbereitung auf die Erstkommunion war noch nie so gut wie heute und die Mitverantwortung der Laien zeigt ein neues Kirchenbild.
Kutten oder Alltagskleidung?
Seit etwa 30 Jahren hat sich vielerorts eingebürgert, dass die Kinder gleich gekleidet in Kutten zur Erstkommunion gehen. Der Hauptgrund war die lästige Kleiderfrage. Als Pfarrer war ich sehr enttäuscht, dass sich die Eltern – meist die Mütter – beim Elternabend vor der Erstkommunion fast ausschließlich für die Kleiderfrage interessierten. Ich warnte sie, Mädchen einen „Brautschleier“ umzuhängen, weil er zu leicht durch die brennenden Taufkerzen entzündet werden könnte. Die Kleider wurden auch zum Statussymbol. Es ging darum, wie wertvolle man sich leisten konnte. Daher erlebte ich in meiner Pfarre, dass Frauen Kinder aus ärmeren Familien eigens ausstatteten, damit sie nicht vom allgemein Üblichen abfallen. Nun gehen alle gleich gekleidet, in eigens dafür geschneiderten Kutten. Die Pfarren, die das als erste einführten, waren stolz darauf und kamen sich besonders fortschrittlich vor.
Ich verstehe die Gründe für diese Entwicklung. Überdies interpretierte man die weißen Kutten gerne als Erinnerung an das Taufkleid. Dennoch halte ich diese Lösung letztlich nicht für gut. Durch diese gemeinsame „Tracht“ wird die Erstkommunion zu einem herausragenden, einmaligen Ereignis. In Wirklichkeit aber sollte die „erste Kommunion“ darauf hinweisen, dass ab nun das Kind die Messe voll und ganz mitfeiern kann, wozu eben die Kommunion gehört. Dass die Kommunion ab jetzt sozusagen zum „sonntäglichen Alltag“ gehört. Da gibt es dann aber keine Kutten mehr, sondern das übliche Sonntagskleid. Und wenn manche klagen, dass Kinder nach der Erstkommunion lange nicht mehr – oder höchstens unter dem „gelinden Zwang“ einer Schulmesse – zur Kommunion gehen, dann mag die „Ausnahmekleidung“ vielleicht auch eine Rolle spielen. Also Kommunion nur unter besonderen Umständen, in „liturgischer Kleidung“, nicht aber wie selbstverständlich an jedem Sonntag.
Sollen Schwerstbehinderte auch zur Erstkommunion gehen?
Schon öfter wurde ich von einem Sonderpädagogischen Zentrum am Rand von Wien eingeladen, dort Kindern die Firmung zu spenden, gelegentlich auch die Erstkommunion. Auch jüngst war es wieder so. Die Kinder waren unterschiedlich behindert und die Gestaltung der Messe war sehr lebendig. Das Evangelium vom Sturm am See und der Angst der Apostel, während Jesus schlief, wurde szenisch dargestellt. Ein Schlauchboot zeigte das Schiff, ein Bub spielte den schlafenden Jesus und wurde sehr emotional von den Mitschülern geweckt. Der Gesang wurde von einer lautstarken Band der Schule angefeuert. An Lebendigkeit fehlte in dieser Messe nichts. Ein Bub sollte auch zur Erstkommunion gehen. Er war geistig schwerst behindert. Als ich mit der Kommunion zu ihm kam, wehrte er sich vor lauter Aufregung lautstark. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ihm die Kommunion aufzwingen? Eine Betreuerin redete mit ihm, beruhigte ihn und deutete mir, ihm nun die Kommunion zu spenden. Ich gab ihm ein ganz kleines Stück der Hostie, dann einen Schluck Wasser. Hinter ihm stand seine Mutter. Als ich aufblickte, sah ich, wie sie bitterlich weinte. Nach der Messe kam sie zu mir und erklärte mir ihre Tränen. Sie hätte vor Glück geweint. Vor Glück, dass ihr Bub, der so vieles entbehren muss, immer wieder zurückgesetzt und ausgeschlossen ist von so vielem, nun von der Kirche das Heiligste, das sie hat, bekommen hat. Was der Bub davon verstand? Ob er wenigstens die Hostie von gewöhnlichem Brot unterscheiden konnte, was ja Mindestforderung für den Empfang ist? Ich weiß es nicht. Aber hat der Glaube der Mutter nicht all das ersetzt, ihr Glück mein Tun gerechtfertigt? War nicht in diesem Buben der Herr schon längst gegenwärtig, bevor ich ihn in der sakramentalen Gestalt brachte? „Ich war krank, und ihr habt mich besucht.“ Oder wie es Papst Franziskus am 4. Oktober 2013 bei seinem Besuch in Assisi in einer Klinik für kranke und behinderte Kinder sagte: „In diesen leidenden Kindern ist Christus verborgen.“
Um der Erstkommunion willen getauft
Die Zahl der ungetauften Kinder nimmt in der Großstadt immer mehr zu. In der zweiten Volksschulklasse, in der die Kinder zur Erstkommunion gehen, wird dies manchen Eltern erst bewusst. Sie wollen ihrem Kind die große Feier im Rahmen der ganzen Klasse nicht vorenthalten und entschließen sich, das Kind nun taufen zu lassen.
Die Beweggründe der Eltern mögen bedenklich sein, aber ihr Wunsch bietet den Seelsorgern einen Anlass, um mit ihnen über Glaube und Taufe und ihre Verantwortung für das Kind zu reden. Jedenfalls habe ich schon öfter erlebt, wie die Taufe mit der ganzen Klasse vorbereitet und gemeinsam gefeiert wird. So erleben die anderen Kinder in der Klasse, was und wie Taufe ist. Erstaunlich, dass offenbar die Kommunion den sonst gar nicht so gläubigen Eltern einen unerwarteten Weg zur Taufe ihres Kindes auftut. Die Bedeutung der Erstkommunion für das Leben der Menschen, der Kirche ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Darum predige ich auch bei Visitationen immer darüber und wie Erstkommunion zur eucharistischen Besinnung für die ganze Gemeinde werden kann.
Beichte vor der Erstkommunion?
Ich mache mir Sorgen, dass eine schlechte Beichtvorbereitung den Kindern die Freude an der Kommunion raubt und ihnen sogar für ihr ganzes Leben ein falsches Gottesbild vermittelt. Und diese meine Sorge ist in letzter Zeit größer geworden.
Verunglückte Beichtvorbereitung
Bei der Visitation einer Pfarre im südlichen Anteil der Erzdiözese Wien erlebte ich, wie ein sehr frommer Pfarrer, der sonst sehr viel auf die Verehrung der Eucharistie hält, in der Erstkommunionvorbereitung den Akzent auf die Beichte legte. Im Schlussprotokoll der Visitation regte ich an, den Schwerpunkt doch deutlich auf die Eucharistie zu legen und in den Kindern eine große innere Freude zur Begegnung mit Christus in der Eucharistie zu wecken. Sie sollen nicht den Eindruck haben, Eucharistie brauche immer vorher Beichte, oder dass man in der Begegnung mit Christus immer zugleich auch die Sünde betont. In einer anderen Pfarre hörte ich die Eltern klagen, dass der Pfarrer bei der Erstkommunionvorbereitung in übertriebener Weise von Sünde und schwerer Sünde redet, sodass die Kinder Angst bekommen, Angst auch vor einem strafenden Gott.
In Wien mussten wir, Kardinal König und ich als Generalvikar, einen Pfarrer absetzen, weil er trotz heftiger Einsprüche von uns den Erstkommunionkindern Bilder von blutigen abgetriebenen Embryonen zeigte, um sie, wie er meinte, rechtzeitig immun zu machen vor einer Verharmlosung dieser so schweren Sünde. Die Eltern schickten ihre Kinder aus Protest in eine andere Pfarre, da sie zu Recht fürchteten, ihre Kinder würden ein unheilbares Trauma im Hinblick auf Sexualität und Elternschaft bekommen.
Woher kommt die so enge Bindung zwischen Beichte und Kommunion?
Freilich sind die erwähnten Beispiele Ausnahmen, der letzte Fall sogar eine extreme. Aber es bleibt die Frage, ob der Erstkommunion immer die sakramentale Beichte vorausgehen muss. Dies scheint der Kirche aber so wichtig zu sein, dass sie es sogar in ihrem offiziellen Rechtsbuch (CIC 1983) festgehalten hat. Dort wird in can. 914 den Eltern sowie dem Pfarrer zur Pflicht gemacht, die Kinder, die zum Vernunftgebrauch gelangt sind, gehörig vorzubereiten und „möglichst bald, nach vorheriger sakramentaler Beichte, mit dieser göttlichen Speise“ zu stärken. Das hat seine Wurzel in der bewegten Geschichte der Beichte, als man begann, sie als notwendige Voraussetzung für den Kommunionempfang anzusehen. Diese Lehre geht schon auf die Mitte des 8. Jahrhunderts zurück und im 4. Laterankonzil kam es 1215 zur gesetzlichen Verpflichtung, dass jeder Gläubige vor Ostern bei seinem zuständigen Pfarrer zur Vorbereitung auf die vorgeschriebene Osterkommunion „all seine Sünden“ beichten müsse. Da die Gläubigen damals sehr selten kommunizierten, blieb der Brauch, jedes Mal vor der Kommunion zur Beichte zu gehen. In den orthodoxen Kirchen gilt das heute noch.
Versuche, Beichte und Erstkommunion zu entkoppeln
Pius X. (1903–1914) hat die Gläubigen zu häufigerer Kommunion ermutigt und das Zweite Vatikanische Konzil hat eine tiefere Einsicht in Eucharistie und Bußsakrament bringen wollen. De facto wurde in der Konstitution über die heilige Liturgie die enge Verbindung zwischen Kommunion und Beichte entkoppelt.
Der „Rahmenplan für die Glaubensunterweisung“, der 1967 vom Deutschen Katechetenverein erstellt und von den katholischen Bischöfen Deutschlands herausgegeben wurde, sah vor, die Erstkommunion im zweiten Schuljahr zu halten, die Erstbeichte aber erst im vierten. In vielen Pfarren hielt man sich daran. 1972 hat sich die römische Kleruskongregation dagegen ausgesprochen, aber ohne es direkt zu verbieten. 1973 jedoch forderte Rom die Beendigung dieses Experimentes. Das führte zu erheblicher Unruhe in vielen Pfarren Deutschlands. Die gemeinsame Synode der Bistümer Deutschlands 1971–1975 in Würzburg sah die Bußerziehung als „durchlaufende Aufgabe der christlichen Erziehung“, getragen von der ganzen Gemeinde. Für den Zeitpunkt von Erstbeichte und Erstkommunion sei die konkrete Glaubenssituation des Kindes und vor allem seiner Familie entscheidend. Dennoch mahnte die Synode, „in der Regel“ die Hinführung zum Bußsakramente mit der Vorbereitung auf die Erstkommunion zu verbinden. Die Praxis blieb unterschiedlich.
In der Erzdiözese München beispielsweise wurde unter Kardinal Julius Döpfner eine Neuregelung zum Bußsakrament „ad experimentum“ eingeführt. Beichte und Erstkommunion wurden getrennt, um die Kinder nicht zu überfordern. Als Joseph Ratzinger 1977 Erzbischof wurde und nach drei Monaten auch Kardinal, stoppte er auf Weisung Roms dieses Experiment. In einem Brief an die Pfarrer argumentierte er, dass es dagegen auch theologische Gründe gebe. Nicht alle Pfarrer folgten dieser Anweisung, später kam es zu einem Kompromiss.
Auch in Österreich haben manche Pfarrer die Beichte in die vierte Klasse verschoben. Ich glaube nicht, dass theologische Gründe dagegen sprechen, eher pastorale. Gerade im Erstkommunionjahr ist die Hinwendung der Kinder und ihrer Familien zum Glauben, zu Kirche und Gemeinde sehr stark, sodass auch die Beichte in diesem Rahmen größere Aufmerksamkeit erfährt. Aber das Schwergewicht müsste doch auf der Hinführung zur Begegnung mit Christus im Altarsakrament liegen. Eine Feier der Versöhnung kann verschiedentlich aussehen, es muss nicht immer die Beichte sein.
Unvorbereitet zur Kommunion gehen?
„Jeder soll sich selbst prüfen und erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken“, rät der Apostel Paulus der Gemeinde von Korinth (1 Kor 11,28) und bei Matthäus mahnt Jesus, sein Opfer erst zum Altar zu bringen, wenn man sich versöhnt hat (vgl. Mt 5,23). Auch Kinder können verstehen, dass man nicht in die Tischgemeinschaft mit Jesus passt, wenn man mit anderen in Zwist und Streit lebt. Dass das Mahl der Liebe nur würdig empfangen wird, wenn man um Liebe bemüht ist. Daher sollte in der Vorbereitung auf die Erstkommunion ernst über Versöhnung gesprochen werden und dann auch ein schönes Fest der Versöhnung gefeiert werden. So nennt man heute übrigens auch die Beichte. Aber vielleicht ist eine gemeinschaftliche Feier erlebnisreicher als die individuelle Beichte. Schließlich hat uns gerade das Konzil gelehrt, wieder die verschiedenen Formen der Sündenvergebung zu feiern. Auch dort werden Sünden vergeben, so es nicht „schwere“ sind. Übrigens ist nach CIC can. 988 § 1 die Beichte nur für schwere Sünden verpflichtend. Und kommen diese im Leben eines siebenjährigen Kindes überhaupt vor? Für die Sünden eines Kindes passt nicht das Bild des „verlorenen“ Sohns mit dem barmherzigen Vater, der neu mit dem Festtagskleid, der Gnade, bekleidet werden muss. Eher doch das Bild der Kinder, die zu Jesus drängen und die er umarmt und vor den Eltern segnet.
Neun Mal Kommunion am Herz-Jesu-Freitag – Garantie für die Seligkeit?
Jugendliche tun sich heute schwer mit der heiligen Messe. Sie haben nur selten eine innere Beziehung zum Geheimnis der Eucharistie gefunden, beurteilen die Messe daher vor allem nach der äußeren Gestaltung. „Warum ist die Messe immer so schnarchlangweilig?“, schrieb mir ein Mädchen vor der Firmung. Ich bewundere ihre Wortschöpfung, bin aber traurig über diesen Eindruck. „Die Pfarrer sollten kreativer sein“, klagt ein anderer Firmling. „Ich gehe regelmäßig zur Messe“, teilt mir stolz ein Jungscharführer mit, „einmal im Monat“. Ja, das ist auch regelmäßig, aber was ist an den anderen Sonntagen? Und selbst wenn der Wille da wäre, die Beginnzeiten der Sonntagsgottesdienste sind für Jugendliche heute immer zu früh. Das wird noch ärger, wenn Priester immer mehr Pfarren betreuen und ihren Sonntag in einer Pfarre schon um 7.30 Uhr beginnen müssen.
Jugendliche tun sich heute schwer mit der Messe. Das war aber nicht immer so. Als junger Priester habe ich das anders erlebt.
Was hat früher die Messe attraktiver gemacht?
In meiner Kaplanszeit in den 1950er Jahren habe ich eine Jugend erlebt, die ein ungezwungenes Verhältnis zur heiligen Messe hatte. Grund dafür war nicht die „alte Messe“, der heute wieder manche, auch Jugendliche, nachtrauern, es waren verschiedene Umstände, die gleichsam zur Messe „einluden“.
Da war einmal die Tatsache, dass die Eucharistiefeier in der Gesellschaft eine besondere Wertschätzung erfuhr. Die Sonntagsmesse war für viele eine Selbstverständlichkeit, nicht wenige feierten sogar an Wochentagen mit. Dann war die erlebte Gemeinschaft. Jungschar- und Jugendgruppen nützten viele Gelegenheiten, zusammenzukommen, so auch Andachten und Gottesdienste. In meiner Jugendzeit hatten wir in der Pfarre St. Ulrich jeden Mittwoch um 6.15 Uhr eine Jugendmesse. Es kamen erstaunlich viele, auch weil wir uns treffen wollten. Und schließlich machte oft der Jugendkaplan die Messe „attraktiv“. Nicht durch ein besonderes Ritual oder gewagte Experimente, sondern – wie erstaunlich – durch die Predigt. Als ich in meiner Jugendzeit mit der Pfarre auf Sommerlager war, feierten wir ohne Frage täglich die Messe und hörten unseren jungen „Pater“ gerne. Als Kaplan fuhr ich auf Jungscharlager und auch dort feierten wir täglich die heilige Messe. Es gab kein Murren, es gehörte einfach zum Tagesablauf dazu. Manche gingen sogar während des Lagers zwischendurch zur Beichte.
Es war erfreulich, dass die Jugend der Messe aus diesen Gründen näherkam. Bedenklich aber ist, wenn es dabei bleibt und die jungen Leute nicht auch zur persönlichen Begegnung mit Christus kommen. So schien eine versäumte Messe dann eher den Gemeinschaftssinn zu verletzen oder den Kaplan zu kränken, wurde aber nicht als Geringschätzung der Einladung durch Christus, den Gastgeber, empfunden.
Herz-Jesu-Verehrung verständlich für Jungscharkinder?
In den 1950er Jahren wurde die Herz-Jesu-Verehrung besonders betont. Unter anderem wurde eine der vielen Verheißungen an die hl. Margareta Maria Alacoque (1647–1690) verbreitet. Die Verheißung verspricht: „Wer an neun aufeinanderfolgenden ersten Monatsfreitagen die heilige Kommunion empfängt, wird eine gute Todesstunde haben und die Seligkeit erlangen.“ Als junger Kaplan gefiel mir diese Verheißung sehr und ich erzählte sie meiner großen Jungschargruppe. Zu meiner Überraschung waren etliche bereit, auf diese Verheißung einzugehen. Sie kamen am Herz-Jesu-Freitag regelmäßig zur Messe, beichteten vorher und gingen zur Kommunion. Ich weiß nicht, wie viele die neun Freitage „aufeinanderfolgend“ durchhielten. Sonst hätte man ja laut Verheißung wieder von vorne anfangen müssen. Aber ich freute mich riesig, für die Jugend ein neues Motiv für Messe und Kommunion gefunden zu haben.
Heute wäre solches sicher nicht mehr möglich. Ich würde es auch nicht mehr tun. Denn rückblickend bekomme ich auch schwere Bedenken. Einmal, dass ich den Eindruck erweckte, man könne sich sein Heil „verdienen“. Zum anderen habe ich es versäumt, gerade an diesen neun Freitagen die Jugendlichen dem Geheimnis der Eucharistie persönlich näherzubringen, in der wir ja das Gedächtnis dessen feiern, der „sein Herzblut für alle vergossen“ hat.
2. Kapitel
Das Messverständnis, als ich Priester wurde
Während meiner 60 Priesterjahre hat sich der Ritus der Messe in der lateinischen Kirche mehrmals verändert. Ich musste einige Male „umlernen“. Es war einerseits ein Zeichen der Lebendigkeit der Kirche, andererseits aber auch das Ringen, das Wesen der Eucharistie immer deutlicher werden zu lassen, dem immer näher zu kommen, was Jesus uns zu seinem Gedächtnis hinterlassen hat.
Wie ich im Priesterseminar Messe „lesen“ lernte
Alle, die etwas von Liturgie verstehen, werden mich rügen, dass ich Messe „lesen“ schreibe. Die Messe feiert man doch. Das weiß ich. Aber was ich in Vorbereitung auf meine Priesterweihe lernte, war tatsächlich, die Messe zu „lesen“. Es waren die genauen Vorschriften für den Priester, wie er den Ritus der Messe zu vollziehen habe.
Minutiöse Regieanweisungen für den Vollzug der Messe
Im letzten Jahr vor der Priesterweihe gab es viele sogenannte Hausstunden, die uns in den Vollzug der Messe einführten. Man sagte uns, wie wir die Hände halten müssen: gefaltet oder ausgebreitet und dann in welcher Höhe. Daumen und Zeigefinger müssen wir nach der Wandlung, da wir ja die heilige Hostie berührten, geschlossen halten bis nach der Kommunion. Hierauf wird über die Finger Wein und Wasser gegossen, und die Ablutio, wie es fachmännisch heißt, trinkt dann der Priester. Jetzt ist man sicher, dass auch nicht das kleinste Stückchen der Hostie mehr an den Fingern klebt.
Es gibt drei Arten von Verneigungen: die kleine, die mittlere und die ganz tiefe. Das Messbuch muss einmal rechts, dann links stehen. Die Auswahl der Gebete ist streng vorgeschrieben. Vor der Kommunion der Gläubigen betet der Ministrant noch einmal wie beim Stufengebet das Confiteor und der Priester darauf erneut die Vergebungsbitte. Obwohl seit Pius X. die Kommunion der Gläubigen häufiger war, erinnert dieser doppelte Ritus der Vergebungsbitte (Stufengebet und jetzt) daran, dass nach der ursprünglichen Form der „tridentinischen“ Messe die Kommunion des Volkes innerhalb der Messe gar nicht vorgesehen war.
Eine Reihe von Gebeten mussten wir auswendig lernen, so zum Beispiel jene, die beim Anlegen der liturgischen Gewänder zu beten waren. Etwa beim Schultertuch, das zuerst über den Kopf zu ziehen war, beteten wir: „Leg mir o Gott den Helm des Heiles auf das Haupt, um den Anfeindungen des Teufels widerstehen zu können.“ Beim Binden des Zingulums beteten wir: „Umgürte mich Herr mit dem Gürtel der Reinheit und lösche in meinen Lenden die Quellen der Begierlichkeit, damit in mir die Tugend der Enthaltsamkeit und Keuschheit bleibe.“
Nach der Messe wurden wir verpflichtet, uns auf die Stufen des Altares zu knien und die sogenannten Leonianischen Gebete zu verrichten. 1884 hatte sie Leo XIII. vorgeschrieben, daher ihr Name. Es war das einzige Gebet, das wir mit der Gemeinde in der Muttersprache verrichteten. Wir beteten drei Ave Maria, dann das Salve Regina und schließlich ein Gebet zum Erzengel Michael. Es war eigentlich ein Exorzismus gegen „alle bösen Geister“: „Heiliger Michael, verteidige uns im Kampf gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels. Stoße den Satan und die anderen bösen Geister durch die Kraft Gottes in die Hölle.“ Zuerst war dieses Gebet für die Bekehrung der Sünder gedacht, dann gegen die Feinde im Kirchenstaat, schließlich unter Pius XI. und Pius XII. für die Bekehrung Russlands und damit gegen den Kommunismus. Den Kommunismus hatte die Kirche damals mehr gefürchtet als den wachsenden Faschismus. Gleich zu Beginn des Konzils – ich erlebte das in Rom – wurden diese Gebete abgeschafft. Vor wenigen Jahren aber traf ich bei einer Visitation in Wien einen Pfarrer, der das Gebet zum hl. Michael mit seinen Ministranten nach jeder Messe in der Sakristei betete. Ich weiß nicht, mit welcher Intention oder welchen Teufel er seinen Schützlingen da an die Wand gemalt hatte.
Am Rückweg vom Altar war der Lobpreis der drei Jünglinge im Feuerofen zu beten mit Psalm 150 und eine darauf folgende Oration. Dafür hatte Papst Pius XI. am 3. Dezember 1938 einen Ablass von fünf Jahren gewährt, und wenn man dies einen ganzen Monat tat, konnte man sogar einen vollkommenen Ablass gewinnen. Darüber hinaus sah das Messbuch noch eine Reihe sehr schöner Gebete als Vorbereitung und Danksagung der Messe vor, die man nach eigenem Gutdünken auswählen konnte. Als Ministrant erlebte ich noch, dass die Steyler Missionare aus St. Gabriel, die unsere Pfarre betreuten, tatsächlich vor und nach der Messe still hinknieten und diese Gebete andächtig verrichteten. Zerstreuendes Geschwätz vor der Messe in der Sakristei gab es damals keines.
Was lernte man da eigentlich für die Messe?
Wenn ich das jetzt hier niederschreibe, wundere ich mich, dass wir bei diesen Hausstunden nicht mehr Kritik geübt haben. Wir waren doch alle durch die Liturgische Bewegung eines Pius Parsch auf eine Erneuerung der Eucharistiefeier vorbereitet und hatten schon sogenannte Betsingmessen erlebt und mitgestaltet. Das setzte man im Priesterseminar offenbar voraus, und solche Messen wurden in der Seminargemeinschaft am Morgen ja auch immer wieder gefeiert. Notwendig erschien aber, uns nun das starre Gerüst von Vorschriften und Rubriken beizubringen, was uns nicht weiter störte. Wir wollten alle Priester werden und unsere große Sehnsucht war, dazu geweiht zu werden, die heilige Messe feiern zu können. Es war uns klar, dass wir das im Auftrag der Kirche und in Verantwortung ihr gegenüber tun. Ihr also steht es zu, die Ordnung für die Sakramente aufzustellen und zu achten, dass sie würdig und gültig vollzogen werden. Dazu wussten wir uns mit den Priestern der ganzen Welt, so sie dem lateinischen Ritus angehörten, bis ins kleinste Detail verbunden. Der Panzer der liturgischen Vorschriften schützte den Vollzug der Messe vor Eigenwilligkeiten. Die Strenge, mit der die Rubriken vor dem Konzil oft eingeklagt wurden, hat auch die Ehrfurcht vor dem heiligen Geschehen bewusst werden lassen. Dennoch klage ich darüber, dass damals die heilige Messe nur vom Priester her gesehen wurde und die Gültigkeit des sakramentalen Geschehens von äußerer Erfüllung abhängig gemacht wurde. Das hat dazu geführt, dass die Messe vor dem Konzil eine reine Priesterliturgie war, bei der die Gläubigen, so sie da waren, der Messe „anwohnten“ und sie „anhörten“, wie es in den Kirchengeboten wörtlich hieß, aber sich sonst nicht beteiligten.
Das betont sogar noch die Enzyklika Mediator Dei von Pius XII. aus dem Jahr 1947, die sonst erste Anstöße zu einer Liturgieerneuerung gab. Dort heißt es: „Das erhabene Altarssakrament wird mit der Kommunion der göttlichen Speise abgeschlossen. Um jedoch die Vollständigkeit dieses Opfers zu erreichen, ist, wie alle wissen, lediglich erforderlich, dass sich der Priester an der himmlischen Nahrung erquickt, nicht aber, dass auch das Volk – was übrigens höchst wünschenswert ist – zur heiligen Kommunion hinzutritt“ (DH 3854). Betont wird das eucharistische Opfer: „Das heilige Mahl aber gehört zu seiner (= des Opfers) Vervollständigung und zur Teilhabe (am Opfer) durch die Vereinigung mit dem erhabenen Sakrament, und während sie für den Diener, der das Opfer darbringt, ganz und gar notwendig ist, ist sie den Christgläubigen lediglich nachdrücklich zu empfehlen“ (ebd.).
Was wir damals nicht lernten
Das waren etwa die Kreativität, die Messe lebendig, je nach Anlass und Zusammensetzung der Gemeinde zu gestalten. Wir lernten kaum, die Gemeinde anzusprechen und in das heilige Geschehen mit einzubeziehen. Wir bekamen zu wenig Anregung, wie man die Mitfeiernden dem Geheimnis der Messe innerlich näherbringen könnte, sodass sie dem Herrn im heiligen Mahl persönlich begegnen. Dazu hilft kein seelenloses Protokoll. So feierte ich vor dem Konzil täglich die Messe, durchaus andächtig, für die Kirche und für die Gemeinde, oft aber nicht wirklich mit ihr. Was Jesus zu seinem Gedächtnis als Mahl eingesetzt hatte, war wohl anders gedacht.
Das eine Opfer und die vielen Messen
Karl Rahner SJ hatte sich schon 1949 in einem Artikel in der Zeitschrift für katholische Theologie mit dem Problem der vielen „privat“ gefeierten Messen kritisch auseinandergesetzt. Damit löste er eine heftige Diskussion aus. Viele stimmten ihm zu, andere widersprachen ihm. Nach mehreren Artikeln, die seine theologische Position verteidigten, gab er schließlich 1966 zusammen mit P. Angelus Häussling, Benediktiner in Maria Laach, eine Quaestio disputata (Nummer 31) unter dem Titel „Die vielen Messen und das eine Opfer“ heraus. Diese Publikation ist später fast legendär geworden. Als Priester erlebte ich hautnah die von Rahner kritisierte Situation, aber auch die Hinwendung der Gesamtkirche zu seiner Option.
Der willkommene Ausweg durch die Erlaubnis zur Konzelebration
Vor dem Konzil gab es die Konzelebration mehrerer Priester nur bei der Priesterweihe und da in reduzierter Form. Sonst feierte jeder Priester, auch wenn viele an einem Ort waren, allein die Messe. Ihnen die Gelegenheit dazu zu geben, wurde immer schwerer, wenn die Zahl der Priester sehr groß war. Ein Beispiel war der Massenandrang von Priestern beim Jubiläum von Lourdes 1958. Das führte dazu, dass schon an die Vor-Vorbereitungskommission des Konzils (die antepraeparatoria, wie diese Kommission genannt wurde) das Anliegen herangetragen wurde, am Konzil die Erlaubnis zur Konzelebration auszuweiten. Übrigens hat auch Kardinal König dies in der Vorbereitung auf das Konzil angeregt. Am 20. November 1963 wurde dann das zweite Kapitel der Liturgiekonstitution mit großer Mehrheit angenommen (2057 gegen 123 Stimmen), in dem in den Artikeln 57 und 58 dem Ortsbischof die Vollmacht zugesprochen wurde, die Konzelebration in vielen Fällen zu gestatten. Es sollte damit die Einheit des Priestertums zum Ausdruck kommen, die Eucharistie als Sakrament der Einheit sichtbar werden, aber auch ein befremdendes Bild aus den Kirchen und den Mönchsgemeinschaften entfernt werden, wenn viele Priester in verschiedenen Ecken an kleinen Seitenaltären mehr oder weniger gleichzeitig zelebrierten. Freilich verbot das Konzil nicht, einzeln zu zelebrieren, dann „aber nicht zur selben Zeit in derselben Kirche, während einer Konzelebration und nicht am Gründonnerstag“ (SC a. 57, n. 2)
Die vielen Messen in „Ecken der Kirche“
Ich habe das noch jahrelang erlebt. Als ich 1956 Kardinal König als Zeremoniär zugeteilt wurde, feierte ich vor Beginn des gemeinsamen Arbeitstages im Dom von St. Stephan an irgendeinem Seitenaltar allein die Messe. Weil nicht einmal ein Ministrant anwesend war, bat ich einen bekannten Kaplan, der in seiner Pfarre eine starke Ministrantengruppe aufgebaut hatte, mir täglich einen zu schicken, was er auch tat. Auch die Kanoniker von St. Stephan „lasen“ zuerst an einem Seitenaltar die Messe, bevor sie sich zum gemeinsamen Chorgebet versammelten. Und während einer dann die Konventmesse las, wohnten die anderen nur bei, meditierten oder lasen die noch übrigen Teile des Stundengebetes für sich.
Von 1960 bis 1963 wohnte ich während meines Romstudiums im deutschsprachigen Priesterkolleg Anima. Dort waren in Nischen acht Seitenaltäre. Wir waren 24 Priesterstudenten und bildeten Zweierschaften, wo einer zelebrierte, der andere ihm ministrierte, und dann gleich umgekehrt. Ein stolzer Römer namens Salvatore half uns beim Ministrieren. Er stand an einem strategisch günstigen Punkt, sodass er drei, vier Messen zugleich „beobachten“ konnte und die notwendigen lateinischen Antworten in die Kirche rief. Nur zur Gabenbereitung schritt er an den Altar. Da lehrte er uns, wie persönlich Fürbitten sein können. Er sagte gerne: „Faccia una preghiera per mia moglie, per le gambe di mia moglie!“ Also: Beten Sie für meine Frau und ihre schlechten Beine!
Als 1962 das Konzil begann, wohnte auch Joseph Ratzinger, der Kardinal Frings aus Köln theologisch beriet, in der Anima. Auch er zelebrierte und ministrierte an einem der Seitenaltäre.
In Klöstern feierte jeder Mönch zuerst privat die Messe, um dann pflichtgemäß an der Konventmesse teilzunehmen.
All das hat den Eindruck erweckt, als würden viele einzeln gefeierte Messen mehr Gnade vermitteln, als wenn Priester gemeinsam zelebrieren.
Ist eine Messe für Verstorbene zu wenig?
In Rom erlebte ich auch, was ich sonst nur aus liturgischen Büchern kannte, die sogenannten „Beimessen“ für Verstorbene. Wohlhabende Römer suchten sich für das Requiem ihrer Angehörigen einen Bischof, was bei der großen Zahl in Rom nicht schwer war. Dazu „mieteten“ sie mehrere Priester, die gleichzeitig mit dem Bischof Messe hielten. Einmal war ich auch dabei. Wir zogen uns gemeinsam in der Sakristei an. Dann formierte sich der Zug der Priester, am Schluss der Bischof. Dieser ging zum Hochaltar, wir zu einem der Seitenaltäre und feierten nun „synchron“, aber natürlich jeder für sich ganz privat, die heilige Messe, eine „Beimesse“, wie der Fachausdruck hieß. Wurden dadurch dem Verstorbenen mehr Gnaden vermittelt, weitete sich die Barmherzigkeit Gottes durch die Vielzahl der „Messopfer“? Die Volksfrömmigkeit glaubte das. Wir Priester aber und liturgische Riten wie die der Beimessen stärkten noch diesen Aberglauben.
„Jedem Priester bleibt die Freiheit, einzeln zu zelebrieren“
Darauf hat das Konzil über die Konzelebration hinaus ausdrücklich hingewiesen. Was kann einen Priester motivieren, sich diese „Freiheit“ zu nehmen? Die Vermutung, dass, wenn er allein zelebriert, die Frucht der Gnade doch größer ist, als wenn er konzelebriert?
Auch heute gibt es bei Priestertagen noch immer Mitbrüder, die lieber allein die Messe „lesen“, als zu konzelebrieren. Denken sie nicht daran, dass durch die Konzelebration die Einheit des Priestertums in Erscheinung tritt, wie es das Konzil ja ausdrücklich sagte? (SC 57 § 1)
3. Kapitel
Das Konzil lehrt uns die Messe neu sehen
Im Laufe meiner 60 Priesterjahre habe ich tiefgreifende Veränderungen in der Feier der Messe erlebt. Die Liturgische Bewegung in Österreich, in Deutschland und in Frankreich wurde schrittweise offiziell anerkannt. Als Papst Johannes XXIII. die Bischöfe der ganzen Welt fragte, welche Themen ihnen für das Konzil besonders wichtig erscheinen, nannten sehr viele „eine Erneuerung der Liturgie“. Es ging immer um die eine Messe, von Jesus eingesetzt und durch 2000 Jahre zunehmend in der ganzen Welt gefeiert. Aber das Konzil wollte das Wesen der Messe deutlicher zum Ausdruck bringen und zeigen, wie sie „Quelle und Höhepunkt“ christlichen Gemeindelebens ist. In verschiedener Weise hat uns das Konzil die Messe tatsächlich neu sehen gelehrt.
Statt Priesterliturgie Feier des ganzen Volkes
Das Konzil hat sich endlich zu dem bekannt, was die liturgischen Bewegungen seit den 1920er Jahren unverdrossen angemahnt und in kleinen Gemeinden auch schon „experimentiert“ hatten. Dazu waren aber vorbereitende Schritte notwendig.
Schon Pius XII. gibt den Anstoß zur Liturgiereform
Zwei Enzykliken von Pius XII. haben uns in unserer Jugend besonders begeistert. 1943 Mystici corporis, wo die Kirche von der Bibel her gesehen wird. Im Vordergrund steht nicht mehr ein einseitig juridisches Kirchenbild. Das hat uns im Krieg und in der Nazizeit neue Freude an der Kirche bereitet, einer Kirche, die wir durch die Taufe alle gemeinsam selber sind.
1947 schrieb Pius XII. Mediator Dei. Obwohl Rom der Liturgischen Bewegung immer kritisch gegenüberstand, regte nun der Papst selbst eine liturgische Erneuerung an. Es war wie ein Befreiungsschlag. Manches klingt schon an, was im Konzil dann noch deutlicher ausgesprochen wird. So heißt es dort: Die heilige Liturgie stellt die öffentliche Verehrung dar, „die unser Erlöser, das Haupt der Kirche, dem himmlischen Vater erweist“ zusammen mit allen Gläubigen, den Gliedern dieses Leibes. Demnach ist die Messe also keine Privatandacht des Priesters, wie wir sie oft erlebten. In manchen Passagen der Enzyklika scheint dies allerdings immer noch durch (vgl. oben S. 33).
Die Liturgische Bewegung fand sich durch diese Enzyklika bestätigt und konkrete Änderungen folgten. 1947 gab es schon ein zweisprachiges Rituale für Frankreich, 1950 auch für Deutschland. Ab 1951 begann Papst Pius XII. schrittweise die Osterliturgie zu erneuern. Bis dahin wurde die „Osternacht“ ja paradoxerweise am Karsamstag in aller Früh gefeiert mit zwölf endlosen Prophetien, die nur lateinisch vorgetragen wurden. Wir Ministranten langweilten uns furchtbar. Gemeinde war kaum anwesend, die feierte ja am Nachmittag in der „Auferstehungsprozession“ auf ihre Weise Ostern. Nun sollte die Ostervigil in der Nacht zum Sonntag oder zumindest am Abend vorher gefeiert werden. Die Prophetien wurden auf sieben vermindert und die Bedeutung der Osternacht für die Taufe betont. Dies geschieht heute durch die Taufwasserweihe, die Erneuerung des Taufgelübdes durch die Mitfeiernden und gelegentlich sogar durch eine Taufe selbst. Ich habe schon öfter in der Osternacht getauft. Dabei wurde den Gläubigen der Sinn der Osternachtsliturgie in eindrucksvoller Weise deutlich.
Ich erinnere mich noch, wie damals auch zum ersten Mal Abendmessen gestattet wurden. Früher gab es Messen ja nur in der Frühe. Das eucharistische Fasten – früher ab Mitternacht gefordert – wurde erleichtert. 1958 wurde in der Instructio de Musica sacra zur aktiven Teilnahme der Gläubigen am Gottesdienst ermutigt. Die Umsetzung war in den verschiedenen Teilen der Weltkirche unterschiedlich, aber wo die Liturgische Bewegung gewirkt hatte, fühlte man sich bestärkt und erwartete nun vom Konzil noch weitere Schritte. Die Kurie selbst aber schien eher zu bremsen.
Unmittelbare Vorbereitung auf das Konzil
An die Vorbereitungskommission wurden viele Wünsche herangetragen, die Liturgie weiter zu erneuern. In manchen römischen Kreisen schien dies Unruhe zu erzeugen. Jedenfalls wurden unerwartet rasch noch einige Verfügungen vorgenommen. 1960, also schon während der Vorbereitung auf das Konzil, wurde ein Codex rubricarum mit 530 Artikeln im Stile der bisherigen strengen Rubrizistik erstellt. 1961 wurden Änderungen im Brevier vorgenommen und 1962 ein neues Messbuch herausgegeben. Es ist dies das Missale, das heute die Grundlage für den sogenannten „außerordentlichen Ritus“ der Messe ist, welche oft fälschlich „tridentinische Messe“ genannt wird und sich heute erstaunlicherweise wachsender Beliebtheit erfreut. Verteidigend sagt man, es handle sich dabei gerade um den vom sonst so gelobten Papst Johannes XXIII. eingesetzten Ritus, nach dem auch die Konzilsväter zelebrierten. Zeitlich stimmt das, aber es ist trotzdem die vorkonziliare Messe, da tiefgreifende Erneuerungen ja erst beschlossen werden sollten.
1962 wurde der alte Ritus nur geringfügig verändert, die durchgehende Sprache, auch im Verkündigungsteil, war weiterhin Latein. Um das zu sichern, erschien am 22. Februar 1962 das Motu proprio Veterum sapientia, in dem die lateinische Sprache für den Unterricht in Rom erneut vorgeschrieben wurde, obwohl man an den meisten Universitäten längst auf lebende Sprachen übergegangen war. Dino Staffa, der Sekretär der Studienkongregation, meinte aber, Latein sei die „vollkommene Sprache für die Theologie, aber auch ein Konstitutivum für die Einheit der Kirche“.
Liturgiereform – ein Grundanliegen des Konzils
Am 16. Oktober 1962, also bereits fünf Tage nach der Eröffnung des Konzils, wurde völlig überraschend erklärt, die Beratungen werden mit dem Schema über die Liturgie beginnen, wie es auch am 22. Oktober geschah. Ob man durch diesen Überraschungseffekt eine intensivere Vorbereitung verhindern wollte? Andere meinten, man wollte eben mit einer „leichten Materie“ beginnen, um sich in das Konzilsgeschehen einzuüben. Schließlich aber wurde daraus ein deutliches Zeichen, dass die Liturgiekonstitution einen besonderen Vorrang hat, weil Liturgie das Wesen der Kirche ausmacht und sie beschreibt. Denn das Konzil hatte sich zum Ziel gesetzt, „das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen“ (SC 1). Besonders in der Eucharistie vollzieht sich das Werk unserer Erlösung, „und so trägt sie in höchstem Maße dazu bei, dass das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird“ (SC 2). Es ging also den Konzilsvätern nicht nur darum, einen alten Ritus so zu verändern, dass er dem modernen Menschen verständlicher wird, sondern Liturgie zum Ausdruck eines neuen Kirchenbildes zu machen.
Erneuerte Liturgie als Interpretation des neuen Kirchenbildes
Das alte Kirchenbild war einseitig hierarchisch, während das Konzil nun die Kirche als das Volk Gottes beschreibt. Der große Fortschritt am Konzil in Bezug auf die heilige Messe war deshalb, dass man von einer einseitigen Priesterliturgie wieder zur Feier des ganzen Gottesvolkes gefunden hat. Träger des Gottesdienstes ist der Priester Jesus Christus, aber der „ganze Christus“ aus Haupt und Gliedern, d. h. die ganze mit Christus vereinte Gemeinde (Kirche), wie es Theodor Schneider, ein Sakramententheologe, ausdrückte.
Daher wünscht die Kirche, „alle Gläubigen möchten zu der vollen, bewussten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern geführt werden, wie sie das Wesen der Liturgie selbst verlangt und zu der das christliche Volk kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet ist“ (SC 14). Lateinisch heißt es sogar: „vi baptismatis ius habet et officium“. Damit ist die Gemeinde in ihr ursprüngliches Recht und Amt wieder eingesetzt, wie Schneider einmal meinte.
„Die liturgischen Handlungen sind nicht privater Natur, sondern Feiern der Kirche, die das ‚Sakrament der Einheit‘ ist; sie ist nämlich das heilige Volk“ (SC 26). Die Riten sind auf Grund ihrer Eigenart auf gemeinschaftliche Feier mit Beteiligung und tätiger Teilnahme der Gläubigen angelegt. Die verschiedenen „Rollenträger“ in der Liturgie vollziehen einen „wahrhaft liturgischen Dienst“ (ministerio liturgico funguntur). Die Gläubigen sollen nicht wie „Außenstehende oder stumme Zuschauer beiwohnen“ (SC 48), sondern die heiligen Handlungen „bewusst, fromm und tätig mitfeiern“. Hier geht es um die „tätige Teilnahme“, die „actuosa participatio“, wie im Dekret mehrfach wiederholt wird. Versteht sich doch die Kirche nun als das Gottesvolk, da alle durch die „Taufweihe“ gemeinsam am Priestertum Jesu Christi teilhaben.
Christus ist mehrfach gegenwärtig in der Eucharistie: in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht, in den eucharistischen Gestalten von Brot und Wein, im gemeinsam betenden Volk und im Wort, da der Herr selbst zu uns spricht. Nun wird die Verkündigung des Wortes aufgewertet, die früher eher als „Vormesse“ gering geachtet wurde. Das verlangt natürlich danach, die Verkündigungsteile in der jeweiligen Muttersprache vorzutragen.
Liturgieerneuerung und Kirchenerneuerung sind untrennbar
Die Liturgieerneuerung ist also Frucht des neuen Kirchenbildes und zugleich dessen Interpretation. Um sie in der Feier der Eucharistie umzusetzen, war wieder ein neues Messbuch notwendig. Papst Paul VI. hat das neue Missale am 1. April 1969 in diesem Geist in Kraft gesetzt, am Gründonnerstag 1970 wurde es vorgestellt, 1971 für Rom vorgeschrieben und in deutscher Übersetzung erschien es 1975. Das ist nun das für alle verpflichtende Messbuch, das im Geiste des Konzils erneuert worden ist.
Johannes Paul II. hat 25 Jahre nach Verabschiedung der Konstitution über die Liturgie zu Recht gesagt: „Es besteht in der Tat eine sehr enge organische Verbindung zwischen der Erneuerung der Liturgie und der Erneuerung des ganzen Lebens der Kirche.“ Das lässt aber befürchten, dass überall dort, wo man die Liturgieerneuerung stoppen will, auch der Wille zu noch notwendigen Erneuerungen der Kirche insgesamt fehlt. So gesehen ist es aber auch nicht gleichgültig, welchen Messritus man heute verwendet, den von 1962 oder den, der nach dem Konzil festgelegt wurde. Es sind nicht austauschbare Riten, sondern zwei verschiedene Kirchenbilder.
Die Messe feiern neu gelernt
Ich bin froh, dass ich nach dem Konzil „neu“ Messe feiern lernte, und das nicht an einem Seitenaltar in St. Stephan, sondern als Pfarrer in einer kleinen Stadt in Niederösterreich, in Laa an der Thaya. Und als ich das erste Mal mit dem Gesicht zum Volk zelebrierte, verstanden es die Leute, dass wir nun alle, sie und ich, um den Altar geschart auf Jesu Wort hören, ihn loben und preisen und uns in seinem Mahle stärken lassen. Aus der Priesterliturgie von früher ist die lebendige, beglückende Feier der Gemeinde geworden.
Eucharistie – mehr Opfer oder Mahl?
Katholischerseits spricht man häufig vom „Messopfer“, in der evangelischen Kirche eher vom „Abendmahl“. Das hat weitreichende Folgen für die eucharistische Frömmigkeit. Betont man das Opfer zu sehr, drängt sich der Gedanke auf, wir könnten Gott etwas anbieten, könnten durch ein Opfer seine Barmherzigkeit „erkaufen“. Wird der Mahlcharakter zu wenig gesehen, hat das Auswirkungen auf den Kommunionempfang. Tatsächlich war es ja über Jahrhunderte bei Katholiken üblich, nur selten zu kommunizieren. Man wohnte dem Opfer bei, das der Priester darbrachte, und verehrte die Eucharistie mehr im Anschauen als im Empfang.
Ist nun die Messe mehr Opfer oder mehr Mahl?
Für die Urkirche ist Eucharistie das „Herrenmahl“
Im Neuen Testament wird nie von einer Opferfeier geredet. Die Apostelgeschichte berichtet, wie die ersten Christen Tag für Tag in ihren Häusern das Brot brachen und in Freude und Einfalt des Herzens Mahl hielten (Apg 2,46). Dabei gedachten sie wohl des Todes Jesu, aber mehr noch erfüllte sie die Freude über die Auferstehung des Herrn.
Paulus rügt mit scharfen Worten Missstände beim „Herrenmahl“, das damals noch in Verbindung mit einem gemeinsamen Essen abgehalten wurde (1 Kor 11,17–34). Er mahnt auch, sich selbst zu prüfen, bevor man von dem Brot isst und aus dem Kelch trinkt. Denn sooft ihr dies tut, sagt Paulus, „verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1 Kor 11,26). Das Herrenmahl ist Gedächtnis an den Tod Jesu, drückt aber gleichzeitig auch die Sehnsucht nach seiner Wiederkunft aus. Die Emmausjünger erkennen die Gegenwart des Auferstandenen erst, als er mit ihnen das Brot bricht (Lk 24, 30).

Meister Nikolaus von Verdun „Das Opfer des Melchisedech“
Erstes Bild der 7. Reihe des sog. Verduner Altars; Emailarbeit, um 1181 Leopoldskapelle des Augustinerchorherrenstifts Klosterneuburg
„Melchisedech, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus.“
(Gen 14,18)
Ursprünglich diente der „Altar“ mit den 51 Emailbildern als Verkleidung einer Kanzel. Bilder vom „sich erfüllenden Erlösungswerk“ sind dabei in 30 Szenen aus dem Ersten Testament eingebettet. So befindet sich die Tafel des Abendmahls Jesu zwischen dem Opfer des Melchisedech und der Einsammlung des Manna in der Wüste. Melchisedech tritt in der Bibel als König des Friedens – Salem – auf und wird in Psalm 110 als Vorbild eines zukünftigen Priestertums genannt: Nicht blutige Tieropfer bringt er dar, sondern Brot und Wein. Im Ersten Hochgebet betet der Priester in der Messe, Gott möge die Gaben annehmen „wie die heilige Gabe, das reine Opfer deines Hohenpriesters Melchisedech“.
Das Zeichen des Mahles, das Jesus als Gedächtnis hinterlässt, ist auch im Zusammenhang mit den vielen Mählern zu sehen, zu denen Jesus im Laufe seines Lebens eingeladen hat. Schließlich verweist er auch auf das endgültige Mahl im Reiche des Vaters, wo er aufs Neue aus dem Kelch trinken wird, den er den Jüngern gereicht hat (vgl. Mt 26,29).
Wieso dann heute die Überbetonung des Opfers?
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