Читать книгу: «Ostexpress in den Westen»
INHALT
IMPRESSUM 6
VOM KOPF 7
1 7
2 21
3 30
4 37
5 43
6 52
7 58
8 60
9 63
10 71
11 74
12 77
13 82
14 90
15 95
16 100
17 102
VON KOPF BIS FUSS 104
1 104
2 116
3 119
4 135
5 147
6 154
7 180
8 184
9 189
10 193
11 197
12 202
13 207
14 211
15 226
16 229
17 235
18 238
19 244
20 251
21 255
22 264
23 277
24 293
25 319
26 323
27 329
28 332
29 343
30 351
31 356
32 378
33 388
34 397
35 404
36 422
37 428
38 437
39 453
40 458
41 463
42 482
ZU FUSSE 493
1 493
2 501
3 514
4 530
5 536
6 550
7 554
8 567
9 571
10 582
11 586
12 595
13 597
14 604
15 610
16 616
17 630
18 669
19 679
20 683
21 692
22 694
IMPRESSUM
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-037-3
ISBN e-book: 978-3-99130-038-0
Lektorat: Tobias Keil
Umschlagfoto: Esebene, Taiga, Inara Prusakova, Tevarak11 | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
VOM KOPF
1
Fensterkreuzfäden aus Rost und Beton zielen unter der Sonne auf Mittag, und der Staub tanzt mit den Tränen, die wie Perlen kristallen sich drehen. Verlegen malt der Bahnhof die Stadt ohne Farbe und stellt Girlanden und Fahnen anstelle. Blusen blähen sich auf dem Steig, Gesichter drängen, singen und weinen. Irgendwohin plagt die Musik. Unter den Kindern reißt ein Chor Lieder vom Kai, und sein Führer verschweißt aufgewühlt in der Menge mit dem Blau seines halboffenen Hemds. Auf den Gleisen der Zug – Zug um Zug mit einem Bändchen bespannt:
„Sondertransport Berlin–Moskau–Studentenver…“, und auf der anderen Seite ist das weiter unbeachtet vom Winde verweht. In den Wagons rutschen die Scheiben nieder wie wohlweislich entglittene Brote, und belegte Rufe fliegen zu Eltern, Verwandten, Geliebten geschmiert. Eine Jacke schüttelt sich spannungsgeladen, voll von scheckigen Orden behängt, und ihr Träger redet von Auftrag, Ehre und Pflicht. Das Mikrofon versteuert sich leicht. Eine Fernsehkamera surrt, und der Redakteur stellt sich die Gruppen ins Licht. Die Eltern erzählen von Kindern, die Kinder von sich.
„Freundschaft-Völkerverbund …“ – „Immer bereit!“ –
Gleich einer welken Mauer bröckelt das Echo, und die Getroffenen rühren sich warm. Dann drückt sich ein Offizier in die Einstellung groß. Hände schütteln Hände wie reife geschwollene Früchte, und Blumen fallen ins Bild. Die Musik salutiert wieder Ohrenlauthals. Ihre Fetzen stoßen gegen das Dach aus der Hülle von Stahl und mischen mit dem Lärm von den Zügen, den Lautsprecherhöhen und dem Stöhnen der Karren Gepäcks. Allein der Himmel scheint lautlos verschmiert.
Humpelig schürfen zwei Koffer die Treppe hinauf, und der Junge an ihnen tut sich schwer die Menschen zur Seite zu wühlen. Eire Rotblonde dahinter schiebt ihn weich in den Rücken.
„Los doch, Beeilung!“, kommandiert ihr der Junge.
„Verzeih! – Deine Hand!“ – Der Bahnsteig, die Leute.
„Welcher Waggon?“
„Der dritte!“ Die Rote schaut nach dem Atem.
„Hier! Endlich.“ – Er fächert in den Korridor mit den Koffern, stellt sie breit auf die Plätze und schleppt sich wieder leer auf den Steig. „War knapp“, sagt er, rundet einen Blick über die Menge und Fahnen, über die Köpfe – im Windzug geschmückt –und zwinkert einem Mädchen ins Auge, das sich weit hinauslehnt zur Schau. Aber es macht ihn nicht sicher mit mal Er haspelt im Wort und verkürzt zu dem Schluss: „Ganz aufgeregt ist man ja schon.“ – Doch die mit dem Farbenhaar Sonne hat nichts gemerkt, bemerkt nur die Tränen um sich, und sie reibt im Gesicht: Die Tusche läuft ihr von den Wimpern und verwischt die Sprossen vom Sommer mit zu. „Ich komme bald wieder …“, heilt sein Trost in dem Lärm. „Vielleicht schon Oktober – oder … Du kommst nach Moskau …“ Er umarmt sie wie alle umarmen: verwandt und bekannt.
„Ach, Liebe …“, fällt ihm Gott sei Dank ein. Dann trennt er sich abrupt von ihr und zieht fix das blaue Hemd über: „Hätte ich beinah vergessen! – Wir müssen doch alle …“ – Das Mädchen hatte es schon vorher gründlich gebügelt.
„Zum Sonderzug … einsteigen! Türen schließen!“
Das letzte Hetzen beginnt, und die Rotblonde heult mit den Rudeln. Der Junge kennt keinen Rat. Was sollte er tun? „In Kürze … Petra, nicht weinen! Ich denke … wir denken …“ Der Zug stößt sich ab, und die Musik stampft mit den Rädern, den Bräuten, den Müttern. Das Schluchzen wird frei. Wagen und Wagen rollen wie ein Film, verschwommen und trüb. Die Hände sind nur noch Zeichen und Schläge. Vergeblich freilich klammern sie sich an dem Bahnsteige dicht, denn sie gehen mit der ersten Biegung unter am Gleis. Es ist Abschied, ist Abstand und Wiedererlangen. So rollt der Zug in die Formen dahin.
„Wozu? Warum das Fort und die Unrast? Warum dieses Rad?“ – Gedanken spalten in Wehe, und die Weite schmilzt sich in Einsamkeit um. Ungewiss wie die Augen, die dunkelgrund Signale vorholen, sind Martin Sarodnicks Fragen. Indes, im Mund bleibt ein Lächeln verspielt. Er wechselt vom Schaden in Freude – der Weg ist gemacht, er ist auf der Strecke. Alles andere ist lange zurück. Ein paar Nachwehen bleiben, wie das Knie, das bepackt ist mit Bändern aus Mull. Darunter ruhen der Schmerz und ein Sommer.
Im Waggon drei schweben Gespräche und Nachsicht. Namen fallen ins Spiel. „Dieses Bohren und Brennen!“ – Er hätte Arzt werden sollen, wie es der Vater gedacht, der bis heut’ noch böse sich gibt und die Absage, den Trotz nicht verzieh. „Der Arzt wüsste Bescheid.“ – So ist das Knie. Und die Schmerzen. Und so waren die Ferien gemischt, die letzten mit Petra: ein Sommer am Meer, ein Zeltsommer auf kieseligem Sand mit Schaum in den Haaren und Wind. „Als ob das Nichts dieses Sommers den Schmerz retten kann!“ – Oder gilt er als letzter Stein in den Fragen? Darf ein Sturz mit dem Krad in den Graben mit überdrehendem Tempo den Abschied nicht abhalten können? „Glück gehabt, es hätte schlimmer sein können!“ – Schlimmer für wen? Für Petra bestimmt nicht, sondern wäre nur ein Verzögern für sie, eine Hoffnung auf Bleiben, gar auf „Zu-Hause-Verblieben“. Hatte sie ihm nicht schon die Ringe in der Auslage in Leipzig gezeigt? Er hatte dazu nur ironisch gelacht: „Wie komisch die aussehen: dickgebogen und Gold!“ – Rot war sie dabei geworden, verstand nicht den Spaß und sprach nie wieder darüber. „Also wird es ein später noch geben.“ Für Petra. Und für Sarodnick auch? –
Monika aber sitzt jetzt jedenfalls neben, wickelt den Jungen ein übers Knie, und ihr Blick ist der eines Sieges von heute – oder wenigstens „wie“, wenigstens „dicht“. „Soll die Zeit ruhig rollen und spielen.“ – Aber noch ist Moskau nicht da, und Rückkehr fädelt Nadeln in Öhre, dringt durch wie gesiebt. Monika ist die Brücke schon einmal gelaufen, nicht fremd und von der Erde – wer weiß schon wohin? – in ihre Augen zurück:
klar, ohne Wolken, blau, deutschblau, mit Wasser am Rand und dem Wissen vom Ich: „Ich sehe mich tief, fleißig und zornmütig gar – vorher und nachher aber gemütlich.“ – Auch Petra hat dieses Reine, ähnelt ihr, und Monika wiederum ähnelt denen, die er gekannt, ist ein wenig heller, fahlgelber bloß und dazu mit einem Polster aus Herz. Sarodnicks Mutter dagegen hat die braunen, die so auch seine Augen geworden. Der Sohn aber sucht in dem Blau, in den Flecken Metall-Spiegel und glatt wie gefallen. Verflacht seine Kindheit darin? „Petra, Monika – sind sie gleich wie zwei Augen?“ – Sein Mund formt sich zur Klage, hat eine Absicht bewirkt, und die Hände des Mädchens binden sich zart, sie lindern Bescheid. –
In Halle, um Liebfrauen und Händelaltar, wo Bettina von Arnim zwischen zwei Männern entschied, traf Sarodnick dieses Mädchen zum nächsten Mal wieder. Denn vorher war Leipzig – die gleiche Universität, die Korridore, die um das Gleiche sich wanden. Doch es war damals bloß ein flüchtiges Sehen darüber, ein Fluchtsehen nur. Der schale Kaffee an verschiedenen Tischen, und ein Lächeln war ungezählt nichts – eine nichtgezählte Begegnung. Da in Halle freilich zählte es plötzlich schon, und grundlos fand sich der Anlass: „Du hier?“ Sie hatten den Flirt – ein Dutzend von Tagen. In der Stimmung lag Grund, der Zubereitung beließ: das Studium vor Moskau, das Ausrichten, das Gleichrichten für mehr und mit staatlichen Richtern als Beilage zu, die sich spiegelgleich glichen, das Konzept in der Hand, und mit dem sie Zweifel zerhieben in Bande. Begeisterung und etwas Entgeisterung blieb. Die Halbtausend wachsenden Kinder spürten – wenn sie nicht lange schon ahnten! –, warum sie gerufen, wozu dieser Trab: Man baute die Fronten, gab ein Erlauben in Ehre fanfarig, und das Band sprach bis zum Ostbahnhof Bände, war breitstirnig dort um die Wagen gerollt.
Natürlich war für Monika alles weniger voll und aufregungsgeladen. Sie stand in den Dingen, hatte ihr Studium schon weg und hängte ein Jahr nur hinzu. „Es werden verlängerte Ferien für sie“, dachte Martin und kratzte am Bein: „Fünf Jahre dagegen für mich.“ – Fünf Jahre sprechen und schreiben in einer Sprache, die sich nicht gibt, mit der ihn höchstens Grammatik verband. Es war nicht seine eigene Sache. „Ich sollte mich an Monika halten, am nützlichen Bier.“
Steht sie nicht immer noch unter dem Torbogen im Vorgestern-Halle?
Sarodnick hatte das Gas heulen lassen vom Krad, und die Radspur schabte im Moos, gassengerecht, an den Freistellen fürs Wohnen, fürs Grade-noch-Wohnen, fürs Neuwohnen in der Nichtmöglichkeit.
Monika hielt – die Erfahrung bei sich – , hielt aus bis „unmöglich“, bis zum Sturz ab gegen den Zaun, und sie wusste, dass das Motorrad nicht das erste Mal fiel und noch weitere Male wird werfen – bis zu dem Umsturz mit Petra am Meer.
„Wann wirst du bloß klüger?“, sagte sie und hatte sich das Bein nur gerieben. „Klüger ist Klugscheiß“, antwortete Sarodnick und schlug sich auf seine Knochen. – War sie verliebt? War sie angezogen vom Lärm, von dem Drumherum um die Kunst, die wie ein Brei in ihm wärmte? Wie gern hätte sie auch dort selber gekocht! War sie verliebt in das Fach von dem Jungen? Vielleicht. Auch jetzt. Und später?
In Halle, am letzten Tag tanzten sie auf dem Ball, den Schlusstanz zusammen – einen Tanz ohne Schlüsse: Monika hatte so lange gewartet auf ihn. Gekleidet als Fest, mit einer gefiederten Brosche am Schnitt, das weiße Haar in den Nacken gestrengt, zogen tief ihre Winkel im Mund und liehen ihr Unnähe, Unweiche und Stolz: „Er hatte ihr es versprochen.“ – Der Abend ging ab, und der letzte Tanz sollte doch kerben, sich spitz einzeichnen ins Hirn. Bald würde bald, wäre das notwendige Übel verdaut, und sie könnte sich wegheben von ihrem Kreis, der sie schnürte, der das Theater, die Bücher als Notdurft sah auf die Schnelle. Bietet nicht Sarodnick so ihr eine Chance? „Die Sprache ist Mittel zum Zweck“, – und der Zweck würde nah bei ihm sitzen, wie ein Foto im Klick, wie das Auslösen eines Moments, der die Entscheidung bedeutet.
Fotografiert sie nicht gern? Hatte sie nicht schon als Kind vom Dach andere Dächer gemalt? Ihre Mutter freilich holte sie fort, wies den Vertrieb aus der Zeit und stellte sie auf die richtigen Beine – sie hatte ganz andres zu tun. „Ohne Mann“ – das war ohne Vater, hieß alleine durchbringen das Kind, bedeutete die Knochen sich nässen im Brauwerk und diesem „Kerl“ den Fluch nachschicken für die angedauten Jahre als Braut – brautlos und ohne Beruf. Sie war rum um die Jahre, und in den Tränen hatte sie dazu noch den Hopfen, die Gerste von dem Freibier im Werk. „Das Kind soll im Elend nicht saufen!“ – Das Kind – der Glücksspiegel eh schon verspielt – sollte studieren, ordentlich sein, Leute und fein, mit Geld in der Tasche, das knistert. „Malerei? – Maler malen daneben. – Sie kann nebenbei tun, als würde sie sein: häuslich zu Hause, vom Balkon das Bild auf die See.“
Und Monika wurde begabt für die Sprachen, redete nach dem Munde der Fremden, sprach breiter als die Spitzen im Norden, und es klang ein bisschen wie Ausland dazu. Die Tochter sollte mal die Mutter begleiten rund um die Welt, in ihre Träume und in ihr „Erzähl mir von das!“. Monika ließ ihre Mundwinkel hängen im Winkel und hörte den Rat, wird lange noch hören, gehören, gehorchen – trotz Trotz –, den Trotz nur in die Lippen sich schreiben. Sie wird die Mutter dulden und meiden – geschehen ist Scham, und zweimal kann man nicht in den Topf –, die Entscheidung fällt einmal im Staat. Gewöhnlich nimmt der Vater die Wahl, wenn man nach Grünzeug gerade erst riecht, und er nimmt sich dabei außerordentlich frei: „Du studierst – warte mal! – studierst Medizin!“ – Man wartet – der Vater bewirbt, kommt an, und der Weg des Sohnes ist gemacht und sein Bett: fünf Jahre höhere Schule, der Arbeitsplatz in der Klinik schon vor der „Fünf“ um den Hals und an diesem Platz bis zum Platzen gehalten. Da ist bloß noch für Auftrag, Orden und Lohntüte Raum. „Also die Ausnahme sein?“ – Ausnahmen stinken wie Schweiß oder Urin, den man in der Hose mitträgt als Angst. Sagen wir Normalität, abgesteckter Pfahl in dem Bein, Norm in der Norm: „Ich werde Lehrer. Geschichtenlehrer.“ – Nach vierzig Jahren schichtet man noch, langlebig, zukünftig, sicher auf festen Füßen genagelt. Der Marsch, die Unweil ist der Tugend abhold. „Wir wissen!“ – schon längst. „Seid bereit!“, – im Alter das Kind, der verdiente Feierabend mit dreißig – mit fünfundzwanzig gibt es keinen Studienplatz mehr, allerhöchstens noch fern, zweitgleisig, unwichtig, oder mit wichtigen Leuten im Gleis. Gewisslich wäre das auch zu stark für den Staat: Nach einem Vierteljahrhundert will plötzlich noch einer wissen, dass er nicht weiß, dass er sich irre und anders will sein! Ziele sind Ziele im Auge wie Dorn, und der Staat kann nicht warten, bis Monika sich bequemt zu entschließen. „Nützlichkeitsding.“ – Jedes Ding ist nützlich, solange es läuft.
Und Monika lief wie gedreht in Stralsund inmitten der plattspitzen Schüler, die Stimme im Glas, die sie im Schulchor kristallisierte. „Lehrerin!“, stimmten die Lehrer. „Stimme, Strenge und Stolz.“ Doch Monika leerte den Stolz, gor ihn in sich noch auf: wenn schon nicht malen, wenn schon die Mutter, dann die Erziehung – und die Kinder am Zug zu den Teufeln!
„Schön“, sang sie, „Pädagoge. Aber höher zum Alt, das Philosophische in den Lauten, den Schlag in den Rätseln, höher zum Fremden, in die Magie.“ – Das wäre Kunst fast schon wieder, ein semantischer Trick im Syllabus, die Sprache verworren in anderer Sprache. Vermählt sein mit Zeichen, ohne Ehe zu sein, ein Tor in die Weite – deuten lernen und verstehen in Zeit, lauschen wie Tiere, wie die Natur und begreifen. Begreifenmachen das Bild seinem Betrachter. Indes, Lehrerin also? Ja, aber auf einer oberen Warte: Es bleibt ein Verhüllen, ein Heimlich dazu. Der Lehrer entblößt, entzaubert, zeigt ganz. Der in der Sprache dagegen gibt nur Ergebnisse an, nicht den Weg und erst gar nicht den Ursprung. Das fertige Werk ist ein fertiges Bild – aufgestellt, ausgestellt alles. Es sind die Gedanken, die Umformung, das Vormalige hinter der Wand, und die Kunst ist ins Leben getragen. Vielleicht. Das ist die Farbe. Und Aufgabe. Ein Vermitteln, das nicht fordert, verlangt.
Ihr Deutschlehrer war glücklich im Sieg. Für ihn zählten Prozente, und Monika zählte doppelt für ihn. Beim Malen sind Schlangen gestellt – und stehe mal an! –, eine Absage wäre ein Jahr für den Hund und ein Minus für die Zahlen der Schule. Da verzählt man sich schnell. Für die Sprachen ist es nicht leicht, aber ein Wink, eine Beurteilung, die sticht, kann den guten Rat billig machen und frei.
Russisch/Englisch – zwischen Saxonen und Russen, zwischen zwei Welten, auf einem Steg zum Wackeln, zum Todwackeln und Fallen steht ihr jetziges Leben darauf. Und Monika ist nüchtern geworden, der Regenbogen ist weg, das Artifizielle, die Sprachkunst, die Kunst. In das Entwirren wirrt ein wenig nur Langeweile hinein – kein Mehr, keine offenen Fragen, keine Zeilen dazwischen –, und Regeln und kristallene Worte wirken ohne den zufälligen Grad. „Das wäre der Anfang“, könnte man sagen, wenn es nicht das Ende schon wär’. Es ist das Bedrängen der Arbeit, der Vertrag, das Ziel unter dem Glas. Der Alltag sollte beginnen – undenkbar, zum Denken gezwungen –, die alltägliche Arbeit, das Maschinelle mit individuellem Verstrich, wie jede Maschine mal ist.
Dieser Gedanke würgte wie eine Kahlfläche zur Last, und Monika trägt ihn mit sich aus Leipzig in ihrem Gepäck. „Was aber soll’s! Bis dahin und dann.“ – Martin ist hier, der wird sie schon brauchen, und sie braucht es davon. Weit hinter dem Bahnhof ist Petra geblieben, hinter der Grenze, die Frankfurt passiert. Danach kommt mit Sicherheit Brest – die sicherste Grenze der Welt. Wer könnte die schon durchqueren? Wem gibt man den Schein zum „Betreten verboten“? – „Und die Touristen?“, denkt Monika sich. – „Petra hat Geld.“ Aber Zeit ist kein Geld und die Pässe liegen nicht auf der Straße herum. „Ob er sie liebt, diese Petra?“ – Eine Lücke saugt in der Stirn, in die ihre, in die von Sarodnick auch. –
„Wie eilig sind diese zwei Jahre mit Petra vergangen!“ – Sarodnick sieht sie wieder in sich, sieht ihren Blick in der Mensa der Uni von Leipzig. Dort studierte sie Ökonomie, und Martin aß in dem gleichen Saale zu Mittag. „Achtzig Pfennig mit Nachschlag“ – und das nutzte er aus, reichlich und stetig, gleich, was es gab –, er hatte Hunger und viel, und er hatte obendrein auch kaum Geld. Seine Eltern halfen ihm nicht — wegen der Medizin und der verlorenen Aussicht. Der Sohn wollte die Kunst, und er stopfte sich mit Fertigkost voll seine Ohren. Danach ging’s in die Mensa, mit Blutwurst, Sülze, Eintopf, Kartoffeln und Kraut – achtzig Pfennige haben, Pfennige für den Geschmack –, und die Küchendamen kannten ihn schon des Nachschlags wegen. Der indes reichte ihm dick bis zum Abend. Hundert Mark für den Monat, mehr hatte er nicht, hundert von der hundertjährigen Oma, die stand noch zu ihm. Dazu gesellten sich die Kreuzer für die Arbeit zur Nacht – bei der Post, auf der Messe, auf dem Bahnhof als Lasten-Verschlepper. Gut war es ihm mehr in der Kunstakademie, als ein Zeichen zum Zeichnen, als ein Stück außer Papier: rumstehen und Geldverdienen dabei – die Stunde fünf Mark, stehen und denken „Was macht man damit?“ Ein Hintern, ein Fetzen Fleisch auf dem Block und die Konturen panieren, sich Zustellen wie eine aufgerissene Palette, Standgeld bekommen ohne den Stand: „Irgendwie verliert man an Würde dabei.“
Es war Frederike, die ihm das Stehen verdross beim Faschingsball ihrer Schule oder danach – ja, kurz hernach war es wohl eher. Für ihn war es der erste Karneval in der Stadt und noch dazu bei den Künstlern, mit den berüchtigten Saiten, den Matratzen im Raum und den gemischten Getränken. Allein gewiss traute sich Sarodnick nicht, und so fragte er Dieter, den Freund aus der Schule, der in Leipzig studierte wie er. Der aber hatte zu tun, hatte eine Freundin sitzen zu Hause, musste ihr schreiben, wollte sie denken und konnte auch traurig sein bei. Dieter sagte sich ab, und Martin schilderte ihm den Fasching in Farben, nackt und berauschend, als kenne er sich da aus, als hätte er dort jedes beliebige Mädchen verbraten, und er briet seinen Plan: „Ich verspreche dir, was du willst, wen du willst – wenn du nur wölltest!“ – Aber Dieter wollte ja nicht – freilich, wer möchte schon nicht, mochte nicht wenigstens gucken?
„Man lässt uns nicht ein ohne Kostüme“, zerstreute er seine Betrachtung.
„… ohne Kostüm“, wiederholte Martin stur, „ganz ohne – oben und unten wie nichts.“
„Gut, ich nehme es bar“, toppte Dieter faustdick dem lästigen Freund hinter die Ohren. „Du nackt, oder sagen wir, in Unterhosen ‚verkleidet‘. Das wäre für mich womöglich ein Grund …“
„Das ist doch wohl nicht dein Ernst?“, stöhne Sarodnick und stand da ohne Hose. „Dann eben nicht. Tschüs! Ich muss den Brief weiterschreiben an Ilse.“ – „Hier“ – wieder ging Martin sich an den Gurt: „Ich werd’ es dir zeigen!“ Und kurzbeinig, peinlich – der Gummi war schlaff – watschelte er ohne Schuhe in wollenen Socken, und der Mut sank ihm in den Schnee vor der Tür an der Höheren Schule. Aber dahinter war Fasching, und er zog ihn mächtig hinein.
„Du warst doch schon drin!“, sagte einer noch auf der Straße und stieß ihn zur Tür, ohne zu fragen, ohne Billett.
Frederike malte im letzten Studienjahr Träume. Sie war groß und begabt und nahm Martin zu sich erfahren nach Haus. Ihr geliehener Mantel schlotterte ihm als bloße Stafette ums Knie. Sie aber gab den Stab an ihn weiter. Er fummelte dran, fand nichts dabei, fand überhaupt nichts bei sich und war drüber erstaunt: Frederike war seine erste richtige Frau, und er hatte nicht einmal richtig geschlafen mit ihr. Die Angst schlief mit ihm, er wusste nicht wie, nicht wohin, und das Mädchen wusste nicht mehr oder wusste, dass Männer nicht unbedingt sind, und nahm den Jungen wie Sahne. Der leckte es ab, machte sich nass, und die Frau schlief unter dem Mantel in Ruhe. Weit war der Weg zu den Mädchen, und große Worte gehörten nicht zu. Die Furcht saß bei Martin dazwischen, Kompromisse im Satz, das Abstreifen der eigenen Grenze.
„Ihren Pass bitte!“ – Sarodnick zeigt seinen Vermerk „Gültig für alle Staaten“. Und der erste Stempel drückt sich im Pass, und ein Gruß des Soldaten – gültig in jeder Armee – klappt hinter ihm zu: „Gute Reise für Sie!“
„Elende Fahrt!“ Zuhause jetzt hätte er Ferien, wie Petra, mit Petra im schönen August, im Zelt an der See, hätte ihren Mund in dem seinen – ihren, der schmal war und schnittig. Lange hatte es gedauert, bis der Kuss ihnen „saß“, und sie hatten sich festgeklammert im Glück. Am Morgen dann waren ihre Lippen geschwollen, und sie schämten sich beide darüber. Ihre Zärtlichkeit war ohne Lippen viel mehr, war ein vorsichtendes Grüßen, ein Ausweichen vor Zittern, vor Schmerz, war Bruder und Schwester, war eher Spiel als Berührung und Schmelzfluss im Sinn.
„Monika küsste sehr gut, unsinnig besser – o nein! nicht besser, nur voller – nach dem Festball in Halle vor ihrer Tür.“ – Vielleicht war sie zu offen mit ihm, war ein Mund bloß als Rand – sicher ein Schwungrand, aber doch Rand. Und Martin riss die Lippen mit auf, wie bei Linda, der Germanistin aus der Deutschen Bücherei in der Stadt, in der er fast jeden Tag saß und die Philosophie verschlang wie den Nachschlag zum offiziellen Gericht: Er hatte von Linda eine Sondergenehmigung für Nietzsche, C. G. Jung, Stephan George … bekommen. Es war wie ein Geheimnis für ihn, und er wühlte darin, war eine Einführung in okkulte Bereiche, ein trotzdem zum Leben, zum Wertlosen, das wertlich beschrieben, und die Schwermut nahm sich darin schwer und sehr ernst.
Sarodnick lag in seinem gemieteten Bett, im gemieteten Zimmer für dreißig Mark in der Vorstadt von Leipzig und wog seinen Mut: Konnte er leben mit hundert Mark unter dem Kissen, mit Unvermögen sich Wege zerstreuen, mit abgerissen von gestern, von Eltern, von Freunden und mit keiner Richtung in Sicht? Er klang sich in Reue, im Schatten, und er wärmte darin, klammerte an den Büchern, um die Triebe in Nachsicht zu setzen, die Analyse zum Reif in die Leere – sein eigenes Ich.
Die Bänke im Saal waren schwer von den Köpfen, und Martin las in Märchen und Typen, die in Archen verpackt waren und ruhten. Er fand den Mann in der Schwüle der Endproduktion, den Hauch der Bürgerentsammlung, die Hochzeit im Beinhaus. Er spürte überall künstliches Licht, und das zog ihm über das Herz, diese Sprache im Tritt, die Krankheit verschmierte in Ordnung, die vor dem Meer einen Breitstrom, ein Delta abgab. „Drei Noten im Tristan“ und der Klang von gekippten Betten darin, das hohe Fieber mit Ironie – wer könnte da lachen im Krampf?
Drei Bänke weiter saß Linda, drei Straßen weiter von ihm in dreißig Mark Miete. Sie schied sich in Psychologie, schied sich die Geister, scheute bescheiden den Lärm und kannte Bescheid: Saß sie doch schon Jahre einige Reihen weiter im Saal. So kam für beide die Trauer gemeinsam, der Zweifel, der Einsang zu fragen und die Harmonie im einfachen Schweigen. Stumm hatte Martin sie zu küssen versucht, und sie staunte darin: Ihr Mund war weit vor der Antwort, klappte nicht zu, war ein Wochen- und Monatestaunen. Später dann nahm Martin die Hand mit zur Hilfe, und er öffnete zum Mund ihr die Bluse. Ein Knopf rollte ab, und Linda schlug die Empörung an ihn: „Wie konntest du nur?!“ – Fortab saß sie wieder ferner drei Bänke und suchte in ihren Büchern allein. Sarodnick aber war zum Fasching gegangen, lag Frederike selber Modell und stellte sich nie mehr für fünf Mark splitternackt aus: Er hatte seinen eigenen Preis. Oder ging er nur Gefahren zur Seite? –
„Clever wie sie“, sagte er sich und sah auf Monika seitlich. Sie hatte gewartet, bis der Zug den Bahnhof verließ, bis Martin abklang in sich, sacht und entschieden. Alsdann schickte sie ihre Freundin voraus mit dem Gruß: „In unserem Abteil ist ein Platz über.“ – Wie hätte er abschlagen, nicht überschlagen sollen – einen Platz zwischen den Mädchen? Er reute es nicht – gesorgt und gehegt von den Formen, geboten in Wahl und in Reihen – und Selbstruhe lag in dem, ein Grund in der Sache: „Ein Mädchen ist verteilt keine Frau.“ – Sarodnick muss sich nicht zeigen, vermag nicht und muss nicht vermögen; er kriecht in die Streuung und macht allen den Hof. Aber er schlief doch mit Petra? – Eben. Das einzige „Richtig“, das einzige Mal, die einzige Frau. Darum die Bindung, die Trauer, die Furcht. – Der Zug geht durch Fremde, durch Gebiete, die Sarodnick nur aus dem Schulunterricht kennt: wohlige Namen, die einstmals anders geheißen – deutsch-endig und -stämmig. Sie sind polnisch geworden, neulich und wieder, sind vom Leide gelöst, von dem Tod, den sie gaben, und sie sind Ausland, ausladend für die, die sie nahmen.
Noch niemals war Martin im Ausland gewesen – das eine Mal als Kind kann er nicht zählen, im Lager, als er sich verlief in den Bergen und nach dem Weg einen Bauern fragte, der ihn in einer fremden Sprache erschreckte. Und der Junge weinte damals davor. Tschechisch war es, und Polnisch ist dem verwandt, wie Russisch, wie alle slawischen Sprachen. Zehn Jahre hat er Russisch gelernt – und wie! –, mit Zensuren, die stimmten wie die anderen auch, und mit nichts, fast gar nichts, das hängengeblieben wäre davon. Monika indes hat zwei Sprachen in ihrem Hals, das ist wie eine Kette, ein Schmuck. Und er bittet: „Sag etwas in Russisch, ein Wort!“ – Dampf, Schienen und Müdigkeit schlagen auf Schwellen. Nacht zieht hinter die Fenster, und ungewohnt breitet der Schlaf sich in Fahrt. „Unter dem Weg, auf dem Wege, wegig, unterwegs – Kilometer im Leben, rollendes Leben …“ Im Sinken, im Eintauchen legt sich Vergessen, legen sich Träume zum bald, und Martin greift in die Tiefe, klammert die Hände daran. Allein in den Welten, Gleiten im Sein, mitten von löschenden Sinnen – nichts tun, ein Flackern, ein Blasen, ein Scheitholz im Feuer des Wagens, ein Silberton im Gesicht. Nacht. Endlich. Räder laufen im Atem. Eine Hand drückt die seine – gleichviel von wem. Man ist noch. Zählt. Und man hält in den Händen und sinkt. –
Als der Tag in den Wagen sich gießt, ist man in der Sowjetunion schon, in Weiß-Russland, und die Waggons laufen jetzt breit, auf breitbeinigen Schienen, anders genormt.
„Die könnten sie bei uns auch installieren“, meint jemand. „Unmöglich“, erwidert sein Gegenüber. „Der Westen macht da aber keineswegs mit, und wir sind leider immer noch abhängig von ihm.“ – Breitspurig erklärt er die Lage, und die Lage wird klar: Sarodnick ist in dem Land mit den anderen Normen. Schicksale gehen die Runde, und an die Türen klopfen Studenten in Uniformen und verteilen Broschüren, formen, was noch nicht ist geformt, Abteil an Abteil. In jedem Kopf stecken Plaketten, man fährt in die Sonne, und Martin bangt in der Frage nach Ankunft.
Berlin–Leipzig war klar. Er studierte hier, dort wohnte Petra. Martin nahm den Koffer, kam an, „zuhause“ bei ihr. In Berlin war seine Wohnung, in einem Gartenhaus bei einer vergessenden Dame, in einem Haus außer Häuschen, mit Musik und Festen darin. Dahinter lag Berlin als Hinterhalt, als Hauptstadt, als Zwilling vom verlorenen Sohn, mit Kultur und aufgeputzten Ruinen. Sarodnick spielte mit ihnen, zeichnete sich aus und steckte die Delegierung nach Moskau sich an den Hut: „Als Einziger! Einzig!“ Er klapperte sich die Fanfaren herunter, die Zirkel, die schönen Worte der Straße als Bühne. „Ein Theater würgt ab“, und Martin blähte gelähmt, flimmerte den Schein und den Spott in den Kegeln. „Das ist schon das Größte, weiter geht es nicht mehr – Kerzen in Schlössern und Sphären!“ – Er schluckte die Masken – Leipziger oder Berliner – die Drachen, die Bärte, den Sommernachtstraum, und er fiel über die Steine, die man ihm absichtlich stellte: Bert Brecht, die Zweifel im Hoch, die Krise als Zucht und die Maßnahme als Regel – das elfte Plenum als Spiel. Für Sarodnick waren es ausgelegte Karten zum Greifen, und er griff nicht daneben, noch nicht. „Glatt wie ein Scheit“, – und glatt rollten die Gespräche mit Monika über die Bühne. „Wir haben in der Oper herzlich gelacht.“
„Zum Kotzen, der ‚Faust‘! Der zweite Teil ist zum Vergessen.“ – Monika schaute die Könige alle in Leipzig, und Sarodnick hinkte voraus. „Über das Leipziger Ballett kann ich wohl richten“, spürte er und kannte ihre Tänzer sehr gut, ihr FF, ihre wie Faltern schwebenden Finger, ihr Freifeist und -geist, ihr fahrendes Fisteln, und er lockte sich mit in dem Spiel an den Hoden und ließ sich austanzen am Schweif. Ein Ausguss lief über die tanzenden Körper, lief über und goss manche Male aus Martin heraus. Es war ein Ringeltanz zum Anfassen unter dem Bauch. Petra freilich zog ihn vom Buhlen in ihren Sommer, und sie blitzte im Zimmer mit Teppich und Blumen. Da konnte Martin nicht anders, kroch in ihr Sofa und stellte die Schuhe auf ihre Löcher. Geborgenes Nest, eine Schwalbe im Herbst, Schwesterngeliebte – so nahm sie ihn auf. Sein Vater und seine Mutter waren entschuldigt mit ihr und ihre Flüche vergessen gemacht.
Der erste Geliebte. Die Erste geliebt. Zweiseitig klebte die Angst, es zu nehmen, und erst nach langen Monaten hemmte sie aus: Sie gruben sich ein – vorsichtig, rücksichtig, den anderen nicht störend im Tun. Es war Liebe ohne Schreie und Schmerzen, ein Dahinschaukeln, ein Interruptus – man unterbrach sich mitten im Wort: „Was wolltest du eigentlich sagen?“ – „Ach, nichts.“ – Zu hoch mutete die Erziehung im Fleisch, war eine Not nur verrichtend: „Nichts. Mache nur weiter“ – es war der Schreck vor dem Später, und weil es nun einmal anders nicht ging, war eine Bindung, die bindet und löscht – gleichgerichtet auf Flammen zu Glut: „Das Feuer schüren, solange es löscht.“ – Jetzt ist es in Sehnsucht verstellt, ist „nicht wichtig“, und Petra ist eine Fiktion – Petra ist Liebe. Wie soll er da raus? –
„Wir sind angekommen!“, erinnert ihn Monika unversehens an Moskau. „Was? Schon?“ Ein Wischen auf Scheiben, ein Tuscheln, und das Stechen im Hirn. Wieder Musik und wieder Plakate und Fahnen und Menschen.
Der Junge irrt, stößt sanft gegen die Leute und Rufe, gegen Wartende mit Schildern unter der Brust. Um jeden beschriftenden Bauch scharren die Neuen, die angekommenen Deutschen und ordnen sich zu. Für Sarodnick dagegen warten kein Schild, kein Institut und kein Ruf – er steht den Namen im Rücken. „Wo ist Monika nur?“ – Ordner treiben ihn weiter, ins Gitter, zu neugierigen Augen, die nach etwas ihn fragen. „Ich …“, steckt er bloß ein. „Wenigstens die Koffer irgendwo stellen!“ –
Der Bahnhof ist wie eine ausgetretene Wiese. „Farbiger“, denkt er, „Farbe vergossen für Jahre.“ – Eine Frau aus der Botschaft verzagt: „Auf meiner Liste finde ich nicht ihren Namen. Aber temporär … Ich kann telefonieren.“
Man geht „vorübergehend“ zur Universität – zu einer fremden. „Da sind Betten. Und später regeln wir alles von selbst.“
2
Kunstleder im Arm rollt Sarodnick auf der Treppe für Götter, für die Gestürzten, in marmorne Schächte: Die Moskauer Metro gibt ihr Karussell. In Steinen setzen schwingende Fäuste, und Mosaike sind in die Flechten der Haare geschnitzt. Halbwärts auf Flitter beugen sich brustfest Ritter vom Amt zu dem hastenden Volk – Mitfahrervolk –, zu den schwankenden Netzen und Taschen. Nichts ist zu schade hierfür. Die Wände sind mit Edelsteinen besetzt, und Lenin liest sich in georgischen Lettern. Im Überlicht steuern die Scheinwerfer aus, Kathedralen wanken unter der Erde Öffentlichkeit, Burgen und Schlösser steigen aus der Legende, und mit ihrer Freizeit im Schoße sitzen die Mädchen mitten darin. Ihre Zimmer aber schlafen auf Erden. Hier jedoch sind ihre Stunden, das Buch, der Freund und der Kuss. Unterstellen, um zärtlich zu sein, anonym sein, schön in dem Zelt. Die Sackgasse wird zur offenen Tür – allein und gemeinsam, riesig und klein – zu einem Tempel für unheilige Zeiten, zu einem Satzzeichen in einer wörtlichen Rede. – Sarodnick lädt sich selbst in die eisernen Betten des Internats, irgendwo weit im Moskauer Süden. Die Nächte sind heiß, und herbergig ist die Hoffnung nach Klärung – von Botschaft aus Botschaft – das Hoffen auf das eigene Bett. Er streift die Vertikalen zum Himmel, verdreht die Lomonossow-Universität sich von den Seiten, die wolkenhoch sozialisiert. Der Wunsch ist verhangen, das Wider zu den Kratzern im Westen: Kaukasische Berge, gedrechselte Wertarbeit unter dem Tisch, und eine Höhe ist „um Gottes willen“ erreicht. Für die Besten der Besten ist es gemacht, sind Volkshäuser für die Verdienten des Volkes. Man gab ein Exempel, das Exempel genügte: ein Vorzeigestück. –
Die geplante Versammlung am Morgen fiel aus, wie alle Versammlungen ausfielen, und man traf sich nur kurz, wie geniert, im Hofe der Uni, war gepresst von dem Mittag der Hitze. Ein Vertreter der Botschaft teilt sich mit – knapp, blitzknapp und leise:
„In dieser Nacht haben unsere gemeinsamen Streitkräfte des Warschauer Paktes die Grenzen zur Tschechoslowakischen Volksrepublik überschritten und haben damit den Weltfrieden gerettet.“ – Was für schreckliche Hitze! Irgendjemand ruft: „Bravo!“ Der Botschafter packt zusammen, verschwindet. Zweihundert Jungen und Mädchen sind wieder allein. „Das muss ausdiskutiert werden“, sagt einer. Keiner.
„Später! Ihr bekommt Direktiven.“
„Diskretion und Disziplin wahren!“
„Die Unterkunftsfrage wäre zu klären.“
„Die Essensmarken bitte bei mir!“ –
Warten und Teetrinken – russischer Tee mit viel Zucker.
„Das schlafft deine Nerven“, hatte Sarodnicks Großmutter gemeint und ihm den Topf mit selbstgemachtem Kandis heimlich gereicht. Heimlich musste es sein, die Eltern waren dagegen: „Das Unkraut! Der schmutzige Zucker.“ – Heimlichkeit war eine Zier in dem Haus, heimlich schmeckte es besser, heimlich sündigte es sich, heimlich hörte man westliche Sender, heimlich kam eine krumme Frau, um in der Zukunft zu lesen, derweil der Vater auf Versammlungen einstimmig wählte. Probleme lösten sich hinter vorgehaltenen Händen, und die Hand schob sich schnell in den Mund und manchmal auch tiefer – zum Kotzen war es.
Sarodnick hielt sich daran und hält die Hand gegen die Sonne, um von den Leninbergen zu schauen. Moskau ist dort, der Horizont seine Heimat und Petra und die Panzer, die fahren. Er nimmt die eigene Faust mit zu Hilfe und sucht die Zeitungen ab. Doch die deutschen sind gestern und hinken, nur die sowjetischen winken und strahlen:
Kinder und Mütter schmücken Soldaten. Martin kann die Buchstaben lesen, die aber geben ihm keinen Text: „Frieden“ und „Freundschaft“ – und Flechtwerk zu Prag. „Verdammt, diese Sprache! Es hat keinen Sinn.“ – Monika müsste er finden. Gleich an der Lubjanka, am KGB, hat sie ein Zimmer, in einem Haus mit viel Glas und aufgelockerten Mauern, mit Flügeln, Balkons und gestaffelten Fronten, mit krummen Winkeln und Winkeln, die tolldreist sich bilden, mit Treppenhäusern aus Licht: ein Wohnheim-Konstruktivismus. Und Martin erbaut sich darin.
In dem Haus teilt sich Monika den Raum mit einer Jüdin und einem georgischen Mädchen. Sie sind freundlich, und beide gewöhnt als Dreiheit zu leben. Die Jüdin ist rund um den Tisch, dunkel, untergestellt, mit offenen Augen wie Grauputz und Seide. Die Georgierin dagegen ist groß, gliedrig, mit olivenem Kopf, schwarzen Zopfhaaren über den Schultern und einem sehr lang gekrümmten Hals. Sie ist eine Frau aus den Epen, eine Unwahre, Ungefasste, mit schiefem winzigen Mund und hängenden Augen voll Ernst. Aus Suchumi stammt sie, und Suchumi hat Wasser und Berge und Honig. Martin lässt die Finger dran kleben und trinkt grusinischen Wein. „So tanzt Europa“, zeigt er den Mädchen, ist weit weg von den Körpern und sucht mit Gesten verständlich zu sein. Sie lachen: „Überhaupt nichts verstanden …“ – Er geht. Monika bringt ihn zur Treppe. „Ich hab’ dich gesucht.“ – Sie lässt ihren Mund ihm wie damals in Halle am Bogen, und es hat etwas an sich, etwas Wohliges, Sanftes, hat etwas von der Treppe dazu. Wie das Eisen stützt es, gibt den kühlen Kopf wieder, die Hilfe, die er jetzt braucht. Eine verschlüsselte Liebeserklärung murmelt er über die Diele, ein verhangener Nebel, der die Banalitäten verhüllt. Doch die mag sie erst recht nicht, mag sie ihn auch.
Monika ritzt und formt seine Sprache – eine Sprachführerin – und führt durch die Stadt.
„Entschuldigen Sie bitte, die Filmhochschule …?“ – Es ist am anderen Ende der Stadt, Nord weit und weg.
„Wie viele sind Sie aus Ihrem Staate?“, fragt der Direktor, und Monika springt in die Lücke, sagt:
„Einer. – Oh, der Martin, Herr Sarodnick kann alles verstehen, nur sprechen ist für ihn noch zu schwer, wegen der Scham …“ – und sie tritt ihm auf die Füße, so dass Martin zustimmend nickt. „Ein Vorbereitungskurs ist nicht nötig.“ – Der Direktor ist verführt von dem Charme: „Dokumentar- oder Spielfilmregie?“
„Spielfilm natürlich.“
„Das wird sicherlich schwer“, spricht der Mann und meint es so gut wie versprochen. Monika ist ins Institut aufgenommen, und der Direktor gibt ihr die Hand.
„Herr Sarodnick, hier!“
„Natürlich, Frau, Fräulein … bloß ‚Spielfilm‘, ich weiß nicht …“
„Es steht im Vertrag.“ – Wer hat Verträge gelesen?
„Gut. Kommen Sie in drei Wochen!“
„So lange wartet der Herr?“
„Das ist seine eigene Sache.“
Das Internat ist ein Steinklotz an der Jausa, ein nebenseitiger Arm von der Moskwa, am Bahnort nach Norden Sagorsk. Die Tataren hatte man nah von hier aufgehalten im Mittelalter am Fluss, der jetzt fast gänzlich weggetrocknet und bald nur noch die Erinnerung lässt. Hinter den Schienen ist ein Wald bis zum Sakolniki Park ausgeworfen, mit Birken, wie es in Büchern oft steht. Der Lärm der Züge weht in die Etagen des Heimes und zieht den Geruch der Bäume nach sich hinein. Die Fenster schmücken den Rest. Der Bau duldet den Zweck, die Unterbringung von Menschen. Er ist ein Zelt für den Winter, übereinander gestockt in fünf Reihen. Die erste ist für die Aspiranten gezogen, die zweite für die Ökonomen und Kameraleute, die dritte für Maler und Szenaristen, die vierte für Schauspieler und Regisseure, die fünfte für Mädchen. Vier Stöcke – vier Leute im Zimmer, drei Leute – wenn man drei Jahre schon wohnt. Jede Zeile fließt in die Küche, in die Toilette, in die Waschräume aus. Im Keller wärmt eine Dusche, darüber liegt eine Kantine, darüber das Leben, darunter aber die Erde und das Gewässer der Jausa von eins.
Ein Junge, zwei Koffer, zwei Taschen, zwei Zettel mit Stempeln würgen sich in das Zimmer im dritten Stock. „Tag Martin!“
„Ach ja, Fritz!“, sagt der eine von den Zimmerbewohnern.
„Martin. Sarodnick, Martin.“ – Die anderen lachen. Martin ist es ganz schnuppe, wo er seine Nächte verbringt.
„Willst du teilen mit uns?“ – Wladimir, Samwel, Wasili. Russe, Armenier, Bulgare. Im Schrank hängt ein Mantel, eine Jacke, zwei Hemden – Sarodnick richtet sich ein.
„Die Koffer wohin?“ – Ein Tisch, zwei Tag- und Nachtschränkchen, vier eiserne Betten, ein Schrank und ein mickriger Lautsprecher daneben geschraubt. „Ich brauche etwas Privates. Mit Schloss! Ich werde mit dem Internatsleiter reden. – Passt auf, dass niemand inzwischen was klaut!“ – Sarodnick geht.
„Deine Mutter hab ich gefickt!“, schleudert der Armenier gegen die Tür. Er kommt aus Tbilissi, wuchs auf unter Georgiern, lebte mit seiner Großmutter allein, denn die Eltern waren im VaterländischenKriege gefallen. Jura hat er studiert, als Advokat kurz praktiziert und beginnt „Regie“ heuer zu lernen. „Diesen Fritz, verdammten Scheißkerl, erschlage ich noch!“, schreit er und geht an die Luft, den blauen Schlips knotend, die Kunstlederschuhe sorgfältig hoch über die Knöchel geschnürt und die grau schlendernde Hose knapp unter das verwaschene Sakko geknöpft. Zeitlos sind sie gewaschen – die Jacke, das Hemd und der Binder –, zeitlebens sind die Schuhe gezeitigt, und bloß die Turnhosen wechseln von Jahr zu Jahr, wenn sie mal völlig verschlissen.
Am nächsten Tag ist Samwel mit den anderen schon aus dem Häuschen: Der erste Kurs fährt zum Ernteeinsatz – Kartoffel lesen und packen. Sarodnick dagegen hat inzwischen Zeit sich einzuleben, zu gewöhnen, einzurichten, Vokabeln zu lernen. „Wie gut, dass Monika ist!“ – Bis zum Abend büffelt, ächzt er sich durch und lässt Monika da, wo sie ist – es stehen ausreichend Betten.
„Frierst du nicht?“, fragt er, im Halse das Herz hörend, „unter der anderen Decke allein?“ – Und er streichelt sich ein, fängt das Gesicht und den Mund. Sie liegt wie die Ruhe daneben: „Geschieht es, gescheh!“, erwidert den Kuss, entkleidet von ihm sich die Haut. Martin tastet die Hand in sein Bein und spürt die Gleichgültigkeit bei: ein Mädchen, ein Junge – nah, lustig, lustzagen, lästig. Er hat nichts in den Händen, und Monika wartet aufs Ziel. Er hört seine Brust schlagen, lauter als sonst, und der Schlag wird zum Selbstschlag, schlägt die Lust nieder mit einem, und die Regung regt sich als Schmerz in dem Magen wie ein „Kann nicht“, ein „Ich kann nicht“, wie ein „Breit in dem Mädchen versagt.“ Brutal aber schmälert der Junge es nieder, und gewinnt mählich seine Macht über den Bauch: „Ich dachte, du hättest noch nie … mit einem Mann … – Mit jeder kann ich nun nicht“, beanstandet er und tröstet sich somit erleichtert. Monika weint:
„Einen. Einzigen. Einmal geschlafen.“
„Und doch!“
„Es war eigentlich nichts.“
„Und doch.“ – Sarodnick ist enttäuscht, sitzt auf der Kante vom Bett und wischt ihr die Tränen, wischt große Worte ins Dunkel: „Liebe ist rein. Not opfert den Geist. Verfrüht ist Finden vor Suchen, die Prüfung ist Leid zur Veredlung, die Zeit ekelt in Schnelle – schnelllebig, spannungsverladen –, es ist nur im Bett und ohne Sagen danach. Man schläft Langeweile verborgen … ich verzeihe es dir. Aber wisse es wohl! – Und dann ist noch Petra. Nicht einfach das Stück. Ich kann nicht wechseln wie Hemden; Treue vertrocknet nicht an der Leine so schnell. Alles ist mit dem Wind.“ – Seine Sprüche sind flattrig, gelesen, ohne Bezug in dem Bett, und der Körper des Mädchens entflieht verschämt in die Kleidung zurück. –
Nicht das erste Mal trifft Martin da auf den Kopf. Er kennt die Szenen, die Schlappen, aus denen er das Beste stets macht. Mit sechszehn fror es ihn schon, kroch er unter die Decke von einer Frau, und die Lust ging ihm fix in die Binsen. Nur der Schweiß stand gepanscht auf der Stirn, und er wollte rasch sich verziehen.
„Hast du ein Gummi bei dir?“, fragte plötzlich die Frau, und Sarodnick fiel es wie ein Stein in das Bett: Er fand Gott sei Dank wieder das Wort:
„Nein.“
„Dann lassen wir’s lieber.“
„Ja“ und „hurra“ – ein Jubel ohne Ekstase, aber Jubel trotzdem, ein Motiv für die ungeschehene Tat, für die Nichtfähigkeit.
Später traf er Ilona. Er kannte sie schon aus der Schule, kannte ihren Busen für zwei offene Hände, die Küsse vor ihrer Haustür, die ihn verschlangen, und seine Finger spielten gefurcht mit ihren Beinen daneben. In Leipzig war er ihr wieder begegnet, und ihr Körper stand vor ihm in den Tag, und er nahm sie ins Kino, spürte die Gier neben sich, die sich mit den Bildern der Leinwand synchronisierte, spürte das Bild nicht zu Ende und lockte daher zu sich.
Sie saßen in der Kneipe zur Ecke bei Brause, und Martin beobachtete das Licht im zweiten Stock gegenüber vom Haus. Seine Wirtin brannte noch wach, und erregt stierte er an Ilona vorbei zu den Fenstern: „Verflucht, die Alte findet nicht Schlaf!“ – Nach der fünften Limonade flackerte es endlich und löschte, und die beiden schlichen ins verbotene Zimmer hinauf. Martin nahm einen Likör aus dem Schrank und reichte den Trunk genau unter der Lampe dem Mädchen. Der Plan spannte sich auf, und Sarodnick drehte schnell an der Birne. Im Dunkel suchte er Schutz und versteckte Ilona ins Bett.
„Und weiter? – Diese Brause! – Ach, küssen, streicheln die Lust.“ – Er fühlte die Patsche in ihr, setzte sich zu, kramte im Handeln – schnell musste es gehen! –, tat so, als täte er ob, und die Kälte lief ihm über den Rücken. Ilona ließ sich gewähren, eine Erfahrung bediente sich ihr: „Dieser Kerl hat mit vielen geschlafen.“ Doch der Kerl stand nicht da wie ein Kerl, überlegte zu viel und verhedderte sich weiter im Stecken. Plötzlich warf er verzweifelt den Schuh, lauschte sich eine Frist: „Die Wirtin ist wach!“ – Einen Moment verharrte sie heiß, schmiegte sich schnell dann wieder an ihn und suchte die Form in der Hand. Wieder schleuderte er den Filz gegen die Tür:
„Die Alte!“ – und er zog sich was drüber. Ilona verstand nicht, schüttelte den faulen Trick von sich ab, fand sich zerknittert, erniedrigt. Die Wirtin trat ein.
„Eine Kommilitonin“‚ stellte Martin sie vor. „Sie kam ein Buch holen, mehr nicht. Indes, sie wollte dann bleiben – wegen der letzten Straßenbahn…
die ist nun schon weg.“
Die Hausherrin drohte mit Polizei, und ihr Nachthemd wehte beklemmend: „Besoffene Weiber bei mir! Ich kündige ihnen … unmittelbar … auf.“ – Verbraucht, ungebraucht heulte Ilona in ihrer Wohnung und schrieb zehn Seiten Abschied an Martin. Er hatte sie nicht mehr gesehen.
Linda, Frederike, Elke – die noch unberührt war und weinte ganz nackt: „Ich habe so Angst“, – und Sarodnick weinte mit ihr: „Dann lieber nicht.“ – Zufrieden teilte er ihren Dank. Petra, Monika … Sie rauchte. Martin strich ihr über die Haare, balancierte über die Sprache und setzte sich hart in die russischen Sätze, die anders sich setzen als seine, die weniger kalt, die verschiedene Worte für gleiche Begriffe sich nehmen und nach den Gefühlen klar unterscheiden. Eine Sprache, die nicht verallgemeinert, sondern verstreut, die sich in Räumen bewegt und wenig im Transzendenten, die Blutwärme hat, Traufe, ein Nest. „Sie klingt wie die Sinne.“ – Es ist eine Sinnlichkeit tief, reifend, beschreibend, und die Träger sagen mehr, was sie empfinden und weniger, was sie gedacht, sagen es geradeheraus, direktweg zum Du, wie ein Hinüber ins andere, über andere, Äußere, ohne Vermittler und Eigen. Die Gefühle genieren nicht mehr, schämen nicht Worte zu machen daraus, die für Sarodnicks Sprache abgenutzt schienen, abgegriffen, unsagbar, nicht wiederzuholen, banal. Und mit Genuss lernt er diese neue Sprache, den Ursprung, von klein sozusagen, wo alles frisch, neuwertig, fremd, wo man vorbeigeht und fragt: „Was ist das?“, und man antwortet nur: „Ein Garten“ –, und das Wort ist hier noch sehr rein, festgewachsen im Beet, ganz konkret „so und nicht anders“, das Wort schaut aus dem Gegenstand raus. Wenn alsdann jemand ein anderes Haus, einen anderen Garten ihm zeigt und sagt: „Das ist ‚Garten‘“, ist er verblüfft, ist es wie ein Missgriff für ihn, ein Ausrutscher, eine zweite Liebe, die kurz war und nur so heißt, um irgendetwas erklären zu müssen oder um eben gar nichts klären zu müssen. Leicht sind die Phrasen, die Schemen, die Schilder; man passt sich hinein und stopft Fragen mit falschem Bewusstsein. Indes war jedes Wort doch ein Ding, jedes Ding war ein Zeichen und jedes Zeichen ein Graufleck auf Karten. Sarodnick hat in seiner Sprache über Gefühle wie in einer Geschichte gelesen, als Bezug über Gedanken, weislich gehütet, und im Leben fand er sie fad, wertlos, unoriginell. Oder lag es nicht dort? Hat er bloß nicht sprachlos und sprachlich gefühlt? „Ich liebe“ war abgerückt und verloren. „Liebe“ in der neuen Sprache hingegen ist neu, nicht wirklich, noch nicht erfasst wie ein Haus oder Garten. Sie wächst nicht und schmeckt, sie ist kein Schulfach für Martin.
Dafür lernt er die Flüche, die mütterlichen, die Gesten, die unanständigen, nicht vernünftigen Worte, die die Launen nachzeichnen, die Stimmungen, welche weichstimmen, welche Lücken füllen und das Nichtweitergewusst, die Schmus sind für Ohren und für empfindliche Augen ohne Geschmack, schmutzig, ein „So-etwas-sagt-man-doch-nicht“! Erinnerungen sind sie von gestern, dass wider Erziehung noch strotzte oder vielleicht auch hauchende Nachwehen von Kindheit, von Kindheit-an-sich. Das wäre dann Freisinn, zwanglos, ohne Gepäck, ohne Kleider. – Zuerst wurde Sarodnick rot von den Fladen, unsicher, und er lenkte vorüber, sprach „schlafen“ und „mögen“, und der Anstand stand ihm dabei ganz gut. Er reckte in Sprachdisziplin und bog sich weg vom „Beim-Namen-Genannt“. – „So biegt sich das Deutsche ins Licht“‚ pflegte er es persönlich zu nennen. „Die Sprache ist voll von Dingen im Kopf, zeigt Denken im Namen, Hirnstriche, Reflexionen. Was aber spielt sich darunter? Wozu ist der Körper gesetzt? – Wir haben lateinische Formeln anstelle.“ Ein paar kluge, zensurfreundliche, für niemanden bissig. Wie drückt man Zärtlichkeit aus? Schon Niedlichkeiten sind träge, Verkleinerungsformen werden gemieden. Jeder spricht gleich. Sarodnick hört in die Graduierungen hinein, in das Beleben der toten Welt, der Natur. Und der Mensch tritt mit seiner Beziehung dazu. Ein Bund wird mit der Schöpfung gesiegelt, und das Wort gibt dem Menschen sein Bild.
Als Sarodnick gehen lernt sprachlich, und Samwel – Semjon, Sjoma, Samweltschik, Sjomotschka – ihn in das Fluchen einweiht, wird er nicht fahrig, wechselt nicht weg, sondern scheint Gefallen daran. Es ist ein Jenseits vom Wert, von klassischer Bildung und Klassen, geschöpft aus Vorkrieg und Vorrevolution, wo es Aborte und Fleckenwasser nicht gab.
3
Sie ist Turkmenin vom Kaspischen Meer, andererseits, jenseitig, zu Asien kaum oder gerade noch zugehörig und an Europa allenfalls grenzend. Ihr Volk ist eine Wurzel der Steppe, eine ziehende Horde mit Legenden auf Pferden, ein See zu den Bergen und mit Mädchen im Schlaf. Zu diesem noch aber hängt sich Europa und ein wenig Zivilisation, die Sippe versprengend, die Armut, die Wehr.
Sie hat noch nicht die klaren asiatischen Formen, diese Bewegung, das Lächeln, das Nicht-Ausdruckgenaue. Maja ist groß, aus weichem Ton farben, aus Früchten und Brüsten, aus Augen wie Kirschen im nachweiligen Sommer, dunkel und fallend: „Berührt sind sie noch nicht.“ Etwas Nachtschönes geht in sie ein, ein Lösen im Dunkel, zudem ihre Haare den Hals als Schatten bedecken, dessen Haut vom Meere entstieg, sonnengetrunken im Bad. Sie ist inmitten von Pferden gekommen, vom Zelt auf der Weide, dann sesshaft gemacht, den Schleier zerrissen, das Messer der Freier verworfen. Manchmal aber keimt es noch auf, fiebrig, kristallen wie Schnee und geblendet – ein Sturm, eine Braut, die wirbt und nicht gibt, nur den Zorn und die Klage. Maja ist da, schön, diamanten – ein Rohdiamant ohne Fassung am Ring, ein Preis in den Bergen, zur Erde gefallen und tot. Jedoch Maja möchte die Haltung, will den Schliff und die Stellung. Sie wünscht Europa zu sich, möchte die Freiheit, hat aber noch keine Übung darin. Die Männer begehren sie, fachen sie an wie das Feuer, sie aber will nur die Flamme, die Glut, die nicht löscht, ist rechtlos im Geben, im Wunsch, in ihren Gefühlen, und es verfliegt diese Gier vorschnell, vergebens.
Kennengelernt hat Sarodnick sie über Peter – ein Sohn der DDR-Nomenklatura – welcher Russisch beherrscht wie sein Vater das Amt, das seinen Sohn rettet vor Rettung, die freilich unsinnig ist. Denn Peter ist hier nicht am Platze, ist fehltrittig, hingeschoben nur von dem Vater. Es juckt wie auf Zwecken in ihm. Er ist ohne Ruder und Willen: Zehn Jahre Moskau haben in ihm ein Leck eingefressen. Nach jeder durchgefallenen Prüfung kommt eine Mitarbeiterin seines Vaters aus der Botschaft zur Schule und spricht – vier Augen – hinter Türen zur Traute. Man traut ihm über den Weg über den gestandenen Vater, der eine Seele von Mensch und unmenschlich, wie es das Regime so verlangt. Peters Freundin wohnt mit Maja zusammen, und Sarodnick verliebte sich allda, wie Blitze es tun: unangemeldet und heftig. Gemüter reißen Spalten auf in Lawinen, und man heilt, was gut ist, was jedermanns Sache, gut für tausend Jahre und mehr. Maja zerrt sich von der Innenwelt ab, die aus den Fugen geraten – Sippe, Eigentum, Patriarchat. Sie zerbricht an diesem danach, dem Epilog in dem Märchen, trägt sich selbst fort zu den Kindern, zu den Buchstaben und geschriebenen Bildern. Sie wird zum Leser gedruckt, schmilzt zu einfachen Zeilen und schweigt. Manchmal noch blättert sie von der Literaturgeschichte ins Leben zurück, aber ihre Siegel sind bar. Maja vergisst. Sie kann sich nicht mehr erinnern. Das Gestern ist vormals und weit und gelb wie abgestandene Molke. Ihre eigene Sprache hat sie lange verlernt, spricht Russisch, gibt sich europäisch, will frei sein, und kann es bloß nicht. Der Sprung geht in Jahre, und die sind zu viel.
Ausgelassen feiert sie sich, liebt die Abende mit der Musik, die Dämmerung, den Wein und die Tänze, sie liebt neue Gesichter, neue Gedanken, neue Kulturen. Dahinter aber birgt sich die Furcht vor Bewährung und Bleiben. – So ein neues Gesicht ist allenfalls Sarodnick auch –, sitzt ihr in den Augen und traut sich nicht, nicht seinen Augen. Fesseln möchte er sie, zielen, seine Spielregeln geltend machen für sie. – Maja kocht Reis, Hammel mit vielen Gewürzen. Die Becher klingen mit Wein zu der Musik, und man richtet sich ein in dem Zimmer mit den drei Betten. Martin tastet sich vor, befühlt Taten, sucht Gedanken zu setzen, ungesagt bislang in der Sprache. Doch die Ideen versumpfen, verwischen, wirren und treffen sie nicht. Wer kennt schon seine aufgezählten Namen, die Sprüche, die geklopften Zitate? „Novalis schrieb Lasker-Schüler und Conrad Ferdinand Meyer …“
„Bitte? Ich verstehe dich nicht. Geht man von Achmatowa aus, schließt der Ring um Block mit der Zwetajewa ab.“ – Die reden vorbei. Sarodnick kann es nicht nennen, sein Bedürfnis sticht nicht und verleitet, er ist an eine Mauer gestoßen, ein Inkommensurabel, eine Unlänge, die nicht ausdrückt genug. Wörterbücher nur brechen den Rhythmus, kalten, lassen schal, und Peter setzt ein wie ein Mittler, als Überbringer von Botschaften, die keine mehr sind. Man spricht aus seinem Graben heraus. Peter ist mühsam, schön und gut, aber ihm fehlt die Deutung, die eigene Soße, der Faden, der ködert. Man redet und redet – verschieden, verschiedene Welten – und ohne Händel dabei. Goethe ist ihnen nicht heilig, Kant nicht unbedingt Ausgangspunkt. Wo könnte Sarodnick ansetzen, Bezugspunkte gleiten?
„Fische, die liegen zu lange und riechen“, sagt er und lässt sich selbst im Trockenen stehen.
„Sandburgen!“, lacht Maja, „auf Sandkuchen gebaut.“
„Nehmen wir Hegel …“
„Nehmen wir die Bylinen“, schäkert sie.
„Und wenn Hölderlin in den Oden an Gott nebenging von der Erde …“
„Hast du Puschkin gelesen?“, stört sie ihn, und Martin weiß weiße Stellen, zeigt auf freie Rhythmen beim Schreiben.
„Das ‚weiße‘ Gedicht heißt freilich nicht reimen“, ist sie sich sicher dabei. „In Russland galt es lange verpönt solchermaßen zu dichten.“
„Die Deutschen schrieben derweil schon in Prosa.“
„Na und?“ – Ausgequetscht, saftarm, Unbeweise im Schwindel. Holt Martin einfach zu viel? Ihn stört das Atemholen in Sätzen, das Mischen mit Hammel und Wein:
„Zwischen zwei Bissen kann man nicht Kierkegaard klären.“
„Tanzt du mit mir?“ – Sie drückt seine Unzufriedenheit fest in den Griff und gibt ihren Mund: „Entschuldige bitte.“
Peter derweil lächelt betrunken: „Das alte Lied.“ – Seine Freundin holt ihre abgedroschene Platte aus dem Regal. Allein, Martin glaubt an sein Glück. Köpfe drehen und wenden, unwichtig ist das andere jetzt, lächerlich, laut.
„Küss mich und leg meine Haare um deinen Mund.“
„Um die Finger.“ – Wie leicht sagt man, was man gar nicht gelernt. Tausend und eines Gedicht.
„Die Lippen …“ Er fängt sich darin, lauscht auf den Atem.
„Ich möchte allein sein mit dir“, flüstert er kühn, sagt es ohne Gewissen, denn er ahnt, dass sie nie käme: Zu sehr liebt sie das Spiel, liebt den Flirt mehr als den Flirter.
„Ich verbrenne mich nicht“, flüstert sie und tanzt in die Nacht.
„Ich habe Verlangen nach dir.“
„Vor meiner eigenen Schwäche habe ich Angst.“ – Sie haben beide gelogen. Eine Katze. Man tut, als würde man sein.
„Wir sind an Oberflächen gewöhnt.“ – Sie können nicht lieben. „Du schläfst nicht mit mir.“
„Woher willst du das wissen?“
„Beide wissen wir es.“ – Die beiden küssen, ohne zu fragen, ohne Herzklopfen, küssen die Hülle ohne den Kern.
„Wir treiben sie aus.“
„Was?“
„Triebe.“ – Beide könnten es sagen.
„Zutreiben über die Schwelle.“
„Ungetrieben davon.“ – Wie schön zu sagen: „Ich möchte dich haben“, nach dem Verzicht.
„Wir sind sicher im Gehen.“
„Wir tun, als wäre das Gegenteil von.“
„Wovon?“
„Von dem Zauber.“ – Sie bezaubern sich roh, und sie lässt ihren Körper verwundern, befühlen: „Wie schön bin ich so.“
„Du bist ein Wunder für sich.“ – Ein glückliches Paar, ein Plakat, buchstabenlos scheinbar, aber gekonnt. Sie verstreichen den Abend, und Sarodnick legt sich beruhigt ungestillt hin. Er hat sich verliebt, hat Maja in den Schlaf eingewiegt und ihr etwas von Glück, von Freude erzählt. Ungewichtig ist er und gleich, und er schreibt einen Brief sich nach Hause, schreibt von Sehnsucht, die sich gut sieht auf dem Papier, von den Tagen, die kommen, die sich begegnen, und schreibt an Petra in Leipzig.
Gern liest Petra die Briefe, die Tränen, den Wink aus dem Zug, den Brunnen der Zeit. Sie sitzt in der Mensa alsdann, daselbst, wo er einmal gesessen, gegessen ohne Gabel und Messer – und in der Rechten ständig ein abgegriffenes Buch. In sich fraß er hinein, haarstrebend aß er Seiten und Töpfe. „Ein Tier!“, hätte ihr Vater bemerkt oder „so einen“ gar nicht gemerkt. Aber Sarodnick war dies egal, ein langer Weg stand bevor, ein Hunger für sich. Das Mädchen dawider ist Tochter, ist an Wochenenden daheim bei den Lieben, beim Vater, bei sich. Alther stammte das Geschlecht und die Sippschaft, hatte nach allen Kriegen gewonnen und in die vollen Hände gefüllt. Sie überleben, leben lang, und der Staat ist auch nur ein Lied mit einigen Strophen. Alsdann ist der Alltag, und für Habenichtse gibt es nur noch Akkorde – im Tempo bremst sich die Zeit.
Petra gefiel dieser Junge dort zehn Meter weiter. Das Fremde stach sie, zündete sie, das, was sie zu Hause immer verachten, das sie einfach nicht sahen. Zu „erzogen“ war sie jedoch, um ihm dies zu beweisen, um eine Deutung ihm zu gewähren, und nur über „Ecken“ erfuhr Sarodnick es, aus einer halbseidigen Quelle im „Tempel“ von Nerus, der ihm unter dem Dach zuflüsterte: „Unter einer Bedingung!“ Er hatte das doppelte Alter vom Jungen, und er stieg von seiner Zinne über die Straßen, in die Cafés, in die Toiletten vom Park. Seine Haare waren wie Atlas gekämmt, und er puderte sich rosa, zog seine Brauen zum Strich. Hochauf balancierte er dann, fuhr von dem Bahnhof zur Großen Oper und strich die Bedingungen ein. Dies gefiel Sarodnick gut – wie er selbst gerne gefiel –, und er duldete gern sich zu einem Becher zu laden, zu einem Schmaus, ließ unterhalten, ließ es befühlen. Nerus verehrte die Seide, schenkte mit offenem Arm, und reichte Wäsche zum Kleiden, zum Anziehen, aber „sofort!“ – Sarodnick zog in die Hose, über das Hemd und zeigte, was frei war an ihm. „Wenn der mich anfasst, haue ich drauf!“, hielt er sich offen und stand nur in Mode, ging auf den Steg, den Körper vom Dache geneigt.
„Du bist sehr schön“, sagte ihm Nerus, rieb an den Fingern von Martin und ließ sich dann hinter dem Vorhang ins Bett, in dem ein anderer Junge einlag. Sarodnick hörte sie kichern, sah die Schatten kippen im Stoff und packte sich zu, sagte: „Danke. Glückauf!“
„Einen schönen Gruß auch von Petra“, hielt ihm die Stimme vom Jungen hinter dem Store auf, „ich studiere mit ihr.“ – Und dann quiekten sie wieder. Mit Petra in dem Salut ging Sarodnick fort. Er wägte, er zirkelte ab: „Sollte er den beiden da glauben?“ Und er entschied sich für den Versuch.
Sarodnick steigt in die Kantine, nimmt sich die ranzige Butter vom Brot und gießt den Joghurt in die Gedanken. Dann streckt er alle vier zufrieden ins Glas, kauft eine dicke Zigarre und schenkt sie dem alten Wächter am Eingang: „Wenn Monika kommt, lass sie passieren. Das ist diese Blonde mit dem Zeisiggesicht?“
„Wie sieht ein Zeisig denn aus?“
„Sehr fein und sehr blass.“ Der Alte pafft den Qualm durch die Nase: „Ein wenig dick ist sie schon.“
„Kannst du durch die Ohren ausrauchen?“
„Kann ich, aber das Kraut ist zu schwer, es bleibt hängen im Schädel.“
„Das nächste Mal schenk ich dir eine aus Kuba.“
„Oh, Kuba! Das ist eine saubere Sache.“
„Mit Schleife am Bauch.“
„Schleifen sind nicht mehr in Mode.“
„Wieso?“
„So.“
„Ich wollte mich eigentlich baden.“
„Das solltest du öfters noch tun. Die Dusche ist unten im Keller.“ – Sarodnick schlägt das Handtuch gegen den Rauch und bläst seinen Atem gegen die Treppe zum Keller. Leichtherzig verliert er das Hemd und die Hose und hüpft singend und pfeifend aus dem Käfig ins Bad. Dampfwolken stehen im Wege, und er sieht sein Nacktes nicht vor den Augen. Aus dem Brodem steigen Gekicher. Sarodnick nimmt den Nebel als Nebel und zwitschert aufs Horn – er sucht eine freie Kabine.
„Besetzt“, sagt eine sehr hohe Stimme, und Martin erkennt an den Linien die Frau. Nun ist der Dampf bei ihm runter, und die Schwaden klären sich auf. Ein Mädchen ist wie das andere hübsch, und sind dazu noch alle ganz nackt. Sie johlen und jaulen vor Freude: „Ein Mann hat sich verirrt, hat in den süßen Apfel gebissen.“ – Aber Martin ist nicht zumute nach Spaß. Er zieht seinen Mann zwischen die Beine und rennt, was das Zeug hält, durch den Feix und die Äste zum Biegen. Beinahe hätte man ihm ein Loch in den Bauch mit der Schleife gelacht, beinahe wäre alles schiefgegangen in ihm. Jetzt ist er gerettet im Hemd.
„Wieso, was ist los?“, fragt er den Alten mit dem großrunden Stummel in der Hand. „Zieht schlecht, zu feucht.“
„Ich war in der Dusche.“
„Erkälte dich nicht.“
„Da sind Mädchen in ihr.“
„Glück muss der Mensch haben.“ – Aber Sarodnick hat das Glück von der anderen Seite – er hat sich die Finger verbrannt.
„Verdammt heiß!“
„Warum sind die Mädchen da drin?“
„Warte, was ist heute für Tag?“, fragt der Pförtner und die weißmehlige Asche rollt ihm aufs Jackett.
„Dienstag.“
„Dienstag. Natürlich, da baden die Mädchen.“
„Aber du hast doch gesagt …“
„Morgen ihr, übermorgen wieder die Mädchen, Freitag ihr …“
„Und Sonntag?“
„Sonntag sind die Läden dicht und geschlossen. Sonnabend die Mädchen, Montag ihr …“
„Weshalb überhaupt Sonnabend?“, ärgert sich Sarodnick laut. „Weshalb Samstag die Mädchen, weshalb wir Montag, weshalb dieser Scheiß?“
„Die Frau badet vorher, der Mann nachher. Ganz einfach.“ – Und der Alte zieht an dem Rest seiner Zigarre.
4
Die arbeitswillig Gemachten kehren zurück, fröhlich gebräunt mit selbstgebrannten Sprit und alten Ikonen als Dank von den Bauern. Zum ersten Mal begegnet Sarodnick beidem, und er trinkt den Sprit auf den Brettern, die schwarz glänzen und deren aufgemalte Gesichter aussehen wie ein und dasselbe. Wladimir lagert sie verpackt unter das Bett wie einen Schatz, und wenn Martin bittet: „Ich möchte sie sehen“, verachtet ihn Wowa von seinem Estrich herab: „Da. Aber für eine Sekunde. Was verstehst du schon davon!“ – Sarodnick ist verblüfft:
„Ich kenne doch die Heiligen wie du aus der Kirche.“
„Aus eurer Kirche. Es ist nicht die unsere. Die unsere ist gereinigt, sie hat das Bild umgestürzt.“
„Das Bild?“
„Die ewige Form. Bei euch ist es die menschliche Grenze, das Unheilig-Gemachte, die Frau von der Straße. Die Sixtinische steigt herab und nicht in den Himmel, ab zu Fleischmüttern und zu Sybillen. Ihre Heimat ist das florentinische Waschhaus, die Gerberei, und der Vater isst dazu in der Kneipe zu Mittag, in der gleichen Spelunke, in der Winkelmann sich wälzte im Blut.“
„Gott ist zum Menschen geworden“, sagt Sarodnick nur.
„Der Mensch ist sterblich“‚ erwidert Wolodja, „aus seinem Leichnam formt sich die Welt. Auf seinen Schädeln geht der Mensch in die Irre und zerstört die Illusion von dem Ich. Der Mensch hat seine Endform erreicht, er ist bloß ein Elend, und zurückbleibt das Bild.“
„Unseres Bildes, nicht wahr, und es hat …“
„Hat den Menschen vergöttert. Der Unhold trat an die Stelle von Kunst.“
„Er trat aus der Geschichte, aus dem Gemeinen.“
„Du sagst es: aus der Gemeinschaft. Der Dieb ersetzte die Kunst. Wir hingegen in Russland gingen andere Wege. Das Einzige wurde das Werk, das Bleibende, entblättert vom Zufall, vom Ein-Fall. Wir setzten die Messe zum Sakrileg, setzten ins Rituale, ins Zeitlose ein und verklärten.“
Sarodnick ist gelähmt, unfähig zu streiten, kann kein Gegengewicht auf die Waage ihm legen, und er sagt nur: „Und Lenin?“
„Als ob es der Mensch wäre, den man vergöttert! Es ist der Träger einer Idee, wie Johannes für seine Taufe, wie Myschkin bei Dostojewski fürs russische Volk. Steingewordene Schrift ist es, ein Mosaik in dem Chor. Die Symbole aber sind gleich dem Baum Jesse, ein Ausrufezeichen – sie sind Metaphysik.“
„Jedoch gab es die Revolution.“
„Das Volk hat Russland erlöst, nicht das Gewehr, nicht die Schalmei. Unsere Musik ist die Offenbarung, sind die Ketten vom Manifest, sind seine Messer.“
„Es ist wie ein Leitmotiv“‚ schwankt Martin in den Gedanken, „eine Leitmutter, Das Leben an-sich.“
„Neu leben“, erwidert Wladimir nickend, „ein Gedicht für die Taten. Als hätte Lenin ein Menschenantlitz! Das hat er spätestens auf dem Panzerwagen auf dem Finnischen Bahnhof im April 1917 verloren. Er hat es selber zu Grabe getragen, er hat Uljanow zu den Akten gelegt.“
„Und ist in die Geschichte getreten.“
„Aus ihr“, antwortet Wowa‚ „und wir stehen wieder am Anfang: ‚Verehrung des Gottes‘ oder wieder ‚Image‘?“
„Der Anfang vom Bild.“
„Der Anfang von Gott.“
„Steckt eure Ärsche gefälligst unter den Altar! Ich kann das eigene Wort nicht mehr hören“, flucht Samwel darein und wirft die Ikonen Sarodnick auf die Matratze. „Verfeuere sie, Fritz, dann sabberst du wenigstens nicht mehr so dämlich herum.“
„Mit dem 8.Thermidor muss man wieder beginnen“‚ will Wiadimir noch ergänzen, doch Sjoma schreit: „Schnauze!“
„Ich habe gar nichts gesagt“, rechtfertigt sich Martin.
„Dann glotz nicht so hinterfotzig genial!“
„Ich? Ach lass mich!“
„Ich lasse euch beide gleich über meinen Sack springen! Und deine Großmutter kann ihre Gräten auch schon breitmachen.“
Samwel spricht mit einem kaukasischen Sang, voluminös, weit in die Kehle gezogen, und er lässt die Vokale rund auf der Zunge zergehen, bevor sie herausfliegen, behauen, kraftvoll wie Exkremente. „Kellersprache“, denkt Sarodnick‚ „armenisches Ghetto, der Kampf um Behauptung, gegen Verachtung, gegen das Muss des Minderheitseins. Da konnte man nicht zimperlich sein.“
Sjoma besuchte die georgische Schule und lernte Russisch nur als Fremdsprache. Zuhause sprach er armenisch, auf der Straße georgisch und in den Ferienlagern russisch zuweilen. Indes, keine der drei Sprachen beherrscht Samwel gleich, keine perfekt, keine aus vollem Gemüt. Er schreibt grusinisch – spricht aber schlecht, spricht armenisch – schreibt jedoch schlecht, er denkt manchmal russisch und schreibt grusinisch armenische Träume. „Russisch ist unwirklich“, meint er, „Amtssprache nur, eine Verbindung, eine Notwendigkeit.“ – Aus ganzen Rohren wurde Sjoma diese Sprache erst in der Armee beigelernt, bei der Marine: fluchen über dem Bord, ins Wasser spucken und staunen darüber, was es in seiner Haussprache nicht gab. Und der Fluch wurde heilig für ihn.
„Du lästerst wie die Mongolen“, sagt Wolodja schmähend, „die haben uns diese Scheißwörter gebracht, brannten uns ihre Flüche ins Fleisch, und wir latschen sie heute noch aus.“
„Diese Tartarenmongolen haben deine Russen von hinten gefickt!“, winkt der Armenier bloß ab. Er liebt nicht die großen Gespräche, die Ausstellung des Geistes, und er verachtet Sarodnick vor allem dafür. „Ich erschlage ihn tot!“, meint den Deutschen, und Wowa hebt nur abwehrend den Arm. So meidet Sarodnick dieses Zimmer, kehrt sehr spät meist zurück und freundet sich an mit Mais, einem Mann mit Schnurrbart aus Baku, der die Armenier hasst von ganzem Herzen und die Kohle schürt in Sarodnicks Grund:
„Unruhestifter! Alles Kulturemigranten, diese Zucht. Die verschlucken sich noch an ihrer Zivilisation. Immer sind sie auf ihre krummen Riecher gestürzt und haben trotzdem niemals genug. Wohin sind sie denn letzten Endes gekommen? Nach Baku. Stalin hat doch bei uns seine Millionen geklaut und damit die Parteikasse der Bolschewiken gefüllt. Ganz Armenien ist nur eine jämmerliche Provinz.“ Mais ist der Sohn des Ministers für Leichtindustrie Aserbaidschans und hat im vorletzten Studienjahr seinen Platz im Filmstudio von Baku schon sicher. Liebselig warm ist er und gleicht Peter auf Schritt, nennt diesen „meinen Bruder“ und vertrinkt auch die Abende freudig mit ihm. – Eines Abends trifft Sarodnick den Aserbaidschaner wieder bei Peter. Der Wodka brennt in den Augen, und Mais läuft über in Klagen, in Unmut, gräbt eine Herzgrube sich.
„Diese kaukasischen Juden!“, droht er erbärmlich, „meine Freunde beleidigen! Ich werde es ihm schon zeigen!“ – Schwach ist Mais, ziemlich klein in den Beinen: „Die denken, sie wären besser als wir.“ – Die drei trinken sich voll, küssen sich Busengetreue, lieben Maja mit Tränen und fangen von vorn wieder an: „Du bist gut. Der liebe Gott ist ‚einen guten Mann lassen‘.“ – Sarodnick trottet nach Hause.
„Warst du schon wieder bei deinem räudigen Hund?“, stichelt Sjoma und spuckt auf den Teppich. Doch Martin schläft schon friedlich den Rausch aus. An der Tür aber schlägt es: Der Gevatter aus Baku steht auf einem Bein hinter.
„Dein Faschist pennt“, mault Semjon ihn an, „und wacht hoffentlich nie wieder auf. Nacht!“ Indes, Mais hält den Schuh in den Spalt.
„Soll ich dir das Bein aus deinem türkischen Dreckarsche zerren?“, fragt der Armenier und hebt Mais in den Korridor raus.
„Scheißkerl!“, weht der Aserbaidschaner dagegen und krakelt. Ein anderer Junge stellt sich dazwischen:
„Streiten könnt ihr woanders, nicht vor der Tür!“
– „Wichskopp!“ – Mais rennt wutentbrannt gegen die Mauer, zielt mit einem Messer auf Sjoma, stolpert … und trifft nur den Falschen, sticht den vergeblichen Schlichter ins Herz.
Der „Falsche“ verstirbt im Krankenhaus später. Sehr gut war Mais, zu gut für das Leben. Er soll für 10 Jahre in den Knast. Aber … aber sein Vater war doch schließlich Minister. So strich der Vater die Frist und Mais verbrachte nur einige Monate in der Zelle.
Dem Deutschen aber schwimmt seine letzte Hoffnung im Blut, und seine Felle laufen ihm fluchtartig weg durch das Bammeln. Doch unerwartet – ganz über Tag – wirft ein anderer Deutscher den Ring: Werner Kletters, ein Berliner mit blondspeckigem Haupt, hat die Partei am Hemd stecken und studiert im dritten Jahr Dokumentarfilmregie. „Du hättest dich längst schon an mich wenden … gemusst.“
„Ja.“
„Ich werde dir helfen.“ –
Kletters weiß, was er sagt, „auf dem Posten“ ist er allesamt, alleweil, mit Hinz und Kunz informiert und mit Absprachen gesegnet. Er diskutiert nicht lange, er fackelt – Werner Kletters ist Leiter der Gruppe 5 Moskau, für Deutsche. – „Du wohnst vorläufig bei mir in dem Zimmer“, gibt er seine Empfehlung zum Schlechten, und Sarodnick sieht Samwel vorläufig nicht mehr. „Ich überleg’ mir da noch einen Trick, etwas Besonderes für dich“‚ spricht Kletters in Rätseln und rät und verrät wie ein Sieb, das in die Abtritte leert an öffentlichen Gebäuden. Neugierig, aber nicht aufdringlich ist er, hat Ohren wie Ringe und ein Gedächtnis für morgen, für die Stelle anbei. Als Assistent in den Studios von DEFA wusste er schon sehr früh, was man dachte, und wusste auch, was zu denken anstand. Einmal wird er Wissen vermitteln, wisssagen, wissmachen, Wissen befehlen. Im Institut sammelt er auf schickt an, schickt sich zu und füllt das Leben in Akten. Er ist delegiert – assistentenlegiert – von der Nadel der Brust und bewährt sich wie der Nagel im Heu: unmerklich, auf den Kopf zugesagt. Er währt lange und gut.
Kletters ist verliebt über seine großen rosigen Ohren, verliebt in das Unglück, das er in Wodka vergießt. Die halbmondäne Kira braucht Kosmetik und Wäsche aus Deutschland, und Kletters bringt sie in Haufen, bekommt dafür die Hand, selten eine Nacht auch als Gabe, und so sind seine Nächte grüblerisch kalt. Er verdammt die Liebe und Kira, die irgendwo einem anderen Mann ihre deutsche Unterkleidung gerade und geradeaus vorführt. Aufgeschlossen hört Sarodnick diesen täglichen Jammer, verbraucht mit Werner Leid und Trug und er erklärt dem falschen Freunde die deutsche Romantik, das Platonische in einer Beziehung:
„Die Liebe der nutzlosen Träumer, der großen Romantiker verwirklicht, mündet einfach bei Strindberg. Man ist mit den Frauen glücklich – allein.“ – Kletters stöhnt, und Sarodnick zeigt ihm vom Institut einen Brief: „Sie können nicht einfach da wohnen, wo es ihnen so passt.“ – Sollte er womöglich zu Sjoma zurück? „Muss ich alleine mit meinen Problemen mich plagen?“, denkt Werner und setzt sein eigenes Schreiben entgegen: „Im Namen von Sarodnick Martin erkläre ich, dass der noch schlecht schreibende Sarodnick hier bleiben muss, weil ihn ansonsten seine ehemaligen Zimmergenossen stetig beleidigen und bedrohen.“ – Und er ergänzt unter dem Strich, unterstrichen: „Und außerdem ihn mit ‚krummen Geschäften‘ bedrängen.“ – Dieses eingestrichene Wort kann mit Sicherheit alles Mögliche wohl bedeuten: Es steht für vieles – für Stiefel, für Kleider, Rasierwasser und Seife im Kern – verkauft, verhökert, verschoben. Das Wort duftet nach Nebel und Nacht und hat etwas Verbotenes pappen. Sarodnick freilich schnuppert nur dran und setzt naiv seinen Namen dahinter.
„Mach schnell, ich hab’ keine Zeit. Alles wird, wie ich will.“ – Alles.
Wladimir und Samwel erhalten eine Verwarnung: Der Direktor warnt und droht ihnen scharf mit dem Rausschmiss! – Martin aber muss trotzdem zurück in das Zimmer, ins Feuer, zurück in die Hölle. In der Botschaft indes notiert Kletters minuziös diesen Fall:
„Sarodnick handelt mit suspekten Leuten suspekte Ware.“ – So hat Martin einen Minuspunkt sich gehandelt, und Kletters unkte ihn aus.
5
Glattleck, ohne Portal mit einem Blendbogen wie eine Fest-Halle geschmiedet, blickt die Filmhochschule aus etwas zu breiten Fenstern auf die Gärten der Volkswirtschaftsausstellung. Innen verschließt sich ein Foyer mit einer kurzen Barriere, an der der Pförtner seinen guten Tag hockt. Dahinter ist Ende, nur für Eingeweihte betretbar, vom Wächter geprüft, bis klar wird „dieser gehört hier wohl zu“.
„Ihren Ausweis?“ – Martin kramt in der Tasche. „Der nächste!“ –
Er kann nicht verstehen. Der Wächter steht auf, legt die Hand auf die Sperre, um sie dann handlich verlängern zu können: „Sie wollten wohl einfach so durchschlüpfen?“
„Ich studiere doch hier“, erklärt Sarodnick, prallt aber ohne Mitleid auf einen abgewandten Rücken: Durch zu viele Bitten hat der Pförtner die Rührung verlernt.
„Vorschrift“, sagt er nur zäh. – Durchhalten, anhören, abweisen. „Fragen sind dort am Fenster zu klären. Zwei Meter weiter zurück!“
„Aber Sie kennen mich ja.“
„Na und?“
„Ich gehöre hierher.“
„Ich weiß.“
„Also.“
„Dein Ausweis!“
„Ich habe ihn im Internat liegenlassen, habe heute Morgen eine falsche Jacke übergezogen.“
„Ist die gefüttert, Martin?“ –
„Ja, es ist heuer kälter geworden.“
„Bei euch ist es um diese Zeit bestimmt noch warm?“
„Und ob.“ – Sarodnick drückt sich vor die Barriere.
„Deinen Ausweis!“
„Aber ich …“ Martin schaut in das Fenster dahinter: „Guten Tag!“
„Ach, der Deutsche! Wie geht’s?“
„Ich habe mein Büchlein vergessen.“
„Und ich dachte, die Deutschen vergessen nie.“
„Ausnahmeweise“, stellt er sich traurig.
„Geh nach Hause und hol ihn“‚ rät sie ihm freundlich.
„Zum Platzen!“, rutscht es ihm aus dem Mund, erinnert sich aber geschwind: zwei Kilometer hin und zwei wieder her. „Bitte!“, ist er erbärmlich und schön. Die Frau schaut aus ihrem Kiosk, greift zum Hörer und telefoniert. Irgendwann steigt die Sekretärin herab:
„Alle gesund? Wie bist du gestern nach Hause gekommen?“ – Die Schalterdame bedankt sich und erzählt ihre Geschichte. Sarodnick hüstelt dazwischen, die Frau starrt, erinnert sich später und fragt: „Kennst du diesen Jungen?“
„Ja.“
„Studiert er bei uns?“
„Natürlich.“
„Gut. Ihren Namen?“
„Aber …! Martin Sarodnick.“
„Fakultät?“
„Regie.“
„Hier! Ihren Passierschein.“ – Sarodnick nimmt den Zettel und gibt ihn dem Pförtner. Der überprüft und trägt ihn wieder zum Glashaus.
„Alles in Ordnung.“ – Sarodnick steht vor der Barriere.
An der Garderobe grüßt er fünfmal fünf Frauen: „Was stricken Sie heut?“
„Wie geht’s in Berlin?“ –
„War das eine Freundin von dir gestern im GUM?“
„Nur so.“
„Na!“
„Meine Jacke.“
„Ist die von euch?“
„Ja, – meine Jacke!“
„Swetlana ist dran.“
„Nein“‚ streitet Swetlana, „ich habe doch den vorvorletzten Mantel gehängt.“
„Unmöglich!“
„Meine Jacke.“
„Nina, du!
„Wieso?“ –
„Und Ludmila, die schläft.“ – Sarodnick ist es egal, er legt die Jacke über den Tisch:
„Die Marke hole ich mir später.“
Altvertraut-heimisch präsentiert sich das Institut, bringt die Schulzeit ins Gedächtnis zurück und beschützt seine Kinder wie eine langgestrichelte Pute. Jeder einzelne Wurf rückt eng miteinander zusammen, kennt aus- und inwendig sich, arbeitet und verbringt auch die Freizeit gemeinsam. Die Vorlesungen bezeichnen sich so nur, sind in Wirklichkeit Seminare, Unterrichtsstunden mit Partnern, und das Lesen ist Unterhalten, Schöpfen im Spaß. Eine Linie folgt sich befreit, angerissen gekappt, und die Fragen gehen dazwischen, lenken ins Wasser, ins Lose: „Wo waren wir eigentlich stehengeblieben?“ – aber der Unterricht ist schon vorbei. „Lesen Sie selbst nach!“ – Die Stunde ging ein. „Geklärt.“ –
Der Stoff füllt sich – nicht trockenvöllig zur Rampe –, die Zeit wird gesäumt und gedacht.
Sarodnick schaut auf den Mund, schreibt jede Bewegung der Lippen und versteht jede dritte davon. Erstrangig sitzt er, die Sicht nach hinten verlegt zu den anderen Mitkommilitonen, die nie vollzählig, besonders am Morgen, die Distanz halten auf Dauer und dort mehr sehen als er. Vorbild und bildend lauscht er auf seiner Bank, bildet sich ein alles zu hören und hört seine Nachbarn sich streiten. „Pst!“ – ganz hinten träumen Schauspielstudentinnen. Sarodnick lässt sich alles vorlesen, notiert, lernt russisch einschreiben, den Kopf russisch verschmelzen, und er schmilzt mählich ins Land. Manche Studenten sind freigestellt von den Unterrichtsstunden, sie haben schon früher Fächer abgeschlossen und Zweige und haben Diplome im Lohn. Andere wieder kommen frisch von der Schule und backen noch dran. Das Land schüttet mit Formen, die ausgliedernd sind. Man studiert, lernt, wenn es beliebt, und was angetan ist. Jeder beschließt seine zehn Klassen und öffnet sich damit einheitlich gleich – gleich bis zum gleichen Gericht.
Eifrig aber eilt Sarodnick alle Vorlesungen ab. Ihm gefällt das Verschieden im Interpretieren, die Würze in Lücken, der Klang, das asymmetrisch Verdrehte. –
„Die Geschichte unserer Partei …“, Grigorenko atmet eine längere Pause, „ist uns nicht Rednerpult nur.“ – „Die Revolution handelt verschwiegen“, schreibt Sarodnick auf, und er macht ein Sternchen ins Heft: „Wurde da Stalin zitiert?“ Unvorsichtig und wiederholt wird in den alten Schriften gekramt, kleinlaut, verständlich.
„Die Zeit überlebt.“ – Grigorenko legt die wenigen Haare nach hinten. „Ich will Namen nicht nennen.“ – Das Halleluja des Gewissens beginnt. „Sie ist immer einen Abschnitt voraus, eine Walze, die überfährt, über und über – manchmal gar auch den Fahrer.“ Er lächelt verschmitzt. „Frieden bedeutet Umwege gehen – wie der Sieg und die Chance. Die Revolution rettet sich selbst. – Wir können nicht vor Gewehren nur stehen, wir vertuen im Kleinen. Natürlich gab es Rapallo, gab es leise Beziehungen zum Westen, lebten Versprechen. Wir aber mussten uns mausern, häuten. Ein Maul wollte zu fressen, und das Land lag im Brach, der Lehrling stand ohne Meister, das Geld machte sich rar. Bei uns blieb der Letzte zurück. Der Bruder schlug den Bruder und wurde aus dem Paradiese gejagt.“ – Der Professor hält fest und rückt einen Schritt vor, mehr gedämpft: „Man konnte nicht ewig auf Mitziehen warten, auf Nachkünfte, auf neugeborene Erben.
Trotzki musste sterben, wenn man weiterleben hier wollte. Auch schiefe Bahnen sind gerade, und es musste laufen, koste es, was es solle, sei es selbst im Zurückpfeifen, im Zurückschießen der ewig Morgigen, die den Zeitgeist verspielten, die den Karren umstießen und einen neuen haben wollten anstelle. Sicher: Nicht in Gute und Schlechte sondert die Welt, nicht Pfähle werden gepflockt an den Gittern. Erde funktioniert nur als Ganzes, und das Glück als Flucht bricht sich das Genick. Indes, wird nicht der gute Wille aufgesogen von dem Unwill der erschreckt Stehengebliebenen in den ach so klügeren Staaten des Westens?“
Sarodnick zählt die Zeilen, nummeriert das Blatt und findet schwer den geeigneten Platz, ist sich nicht sicher, ob er begriff oder ob er daneben nur hört, und die Logik Grigorenkos bloß mit der seinen vertauscht. Er legt die Feder zur Bank, versucht, sich zu konzentrieren, zu ermessen, was der Professor – kaltmienig fast, ohne die Wimpern – zum Fenster ausspricht. Jedoch irgendetwas hemmt ihn da bei, als traut er sich nicht, als fehlte der Mut.
„Ergo erschoss sich Majakowski, um die Front zu verkürzen, den Ausgleich wider den Kleinhandel, die Kleinlichkeit, den Kleinmut in die Waage zu werfen; ergo schmiss Lunatscharski den Hut, damit die Bildung gedeihe auf Teufel komm raus; ergo blühte der Realismus von Gorki, dem LEF und dem Proletkult zum Trotz. – Wir brauchen die Erde, und wenn es nur für die Brotsamen wäre. Wir müssen suchen, sammeln, zählen wie einst im Mai – was ist da schon ein Oktober? Reden sollen andere, die langen Worte mit dem kurzen Sinn sind zu Ende. Es normt sich derzeit, plant im Namen des Bestehenden, des Bestehens gegen die Welt und mit ihr. Wir wollen so werden wie sie, ja, ein wenig noch besser.“ – Der Professor sieht auf. „Gut, diese Freiheit! Die sitzt in den Köpfen wie Spuk. Wie aber hätte man wirtschaften sollen ohne die Wirtschaft? Diese vielsagende Freiheit ist nichts, die nur erhebt, die nicht einmal weiß, was sie wert ist, nicht wiegt.“ – Draußen klingelt es. Grigorenko dreht sich halb zu der Tür: „Ich hasse Leute, die den Ausgang der Geschichte nicht kennen.“ – Und der Lektor geht rasch raus ohne Gruß.
Sarodnick malt ein Dreieck aufs Blatt. Wie unklar ist doch alles für ihn, wie flau. Mit wem sollte er reden darüber? Die Zunge hat er noch nicht, die Winke, die Gänge. Und so schreibt er Briefe nach Hause, erklärt sich Petra, verklärt in den Seiten an sie. Ein Heimweh fordert ihn ab, eine Unruhe, eine Einsamkeit zehrt. Im Internat stößt er auf volle Räume, findet Briefe von Petra zu spät, findet Monika, die ihn drängt, die für ihn konzipiert, projektiert und hilft, wo es nicht hilft. Und er findet in seiner Stube ein kaltes Bett und ein sauberes Laken darauf. Sarodnick stolziert in das Tun, tut, als wäre er beschäftigt, macht die Zeit rar und rarer, hastet vom Institut zum Internat. Ein Hörgang ist es für ihn, ein Gang in das Nutzen, und lästig wird es ihm bei, zu Lasten geht es, und er besucht nur den Trott, das andere Sich. Die Einzige, die neben ihm wandelt – geduldet – ist Monika noch. Kurzbleibig zwar – der Weg ist lang von der Bahn bis zur letzten –, ist ein welliges Sitzen, ein Blick, eine Frage; dann ist sie wieder vorbei. Martin braucht sie, schöpft wie im Brunnen in ihr, und er wünscht, dass sie ihren Ursprung preisgibt in dieser Sprache, dass sie ihm zuhört, wie er deutsch mit ihr spricht.
„Dein fehlender Ausdruck ist es, der leidet“, sagt sie ihm, und er gibt ihr bloß Recht:
„Ein spröder Stein in dem Mund, und dazu Idiome.“
Monika hält hin, lässt ihn glänzen, der so viel Glanz schon verlor neben anderem Geist. „Ich muss Dampf ablassen“, entschuldigt er sich, „mir fehlt das Glatte, ich zimmere grob.“
„Nicht doch!“, rückt Monika auf. Sie ist müde geworden, möchte einlenken und ablenken: „Fahren wir doch morgen einfach irgendwo hin.“
„Warum?“
„Ich kann es nicht schaffen immer zwischen Bereitschaft und Pflicht.“ – Er will sie hinaushetzen, sich eingraben und heulen, doch küsst er sie zag – wie ein volles Zimmer ihm es erlaubt.
„Mein Anspruch ist zu gesteckt, zum Fassen ganz fern.“
„Ein Geständnis?“, fragt sie.
„Mehr resignativ“, wehrt er ab, „ein Rauschen und manchmal ein Sich-fallenlassen-Wollen, aber wohin?“
„Nicht gut ist es“‚ gibt Monika zu bedenken, „es ist das Nicht-mehr-gut-Zumachende, seinen Hut nehmen oder seinen Schuh stehenlassen und gehen.“
„Ich weiß“, ist Sarodnick selbst überrascht, „der letzte Hinweis, die Spur, und weiter kann keiner mehr folgen – bis zu der Stelle, der Marke, dem Zeichen, dem Fuß in dem Felsen.“
„Ein Pferdefuß ist es, ob Ölberg oder Felsenmoschee.“
„Aber ein Zeichen.“
„Walpurgisnacht“‚ lacht Monika auf. „Du hast’s mit den Hexen, ich sagte es doch.“ –
Die Zweischneidigkeit, dieses Ungewisse lockte Martin, verführte ihn hin bis zur Gefahr. „Ist es das Böse? Die Lästerung? Oder nur nichts?“, fragt er sich jetzt.
„Ein zugeschütteter Abgrund“, wirft Monika ein. „Was sind wir denn sonst?“
„Nein“, widerspricht Martin. „Wir sind mehr – mehr oder minder. Wir sind Ausgang, Übergang, ein Präludium zum großen Stück Wunder, eine Saaltür am Eintritt, ein Torbogen. – Erinnerst du dich? Halle.“
„Natürlich, mein Lieber.“
„Dahinter war nichts. Das Schloss war im Kriege geblieben.“
Sarodnicks Kindheit schaute in die Ruinen hinein. Dieses Noch-nicht-Vollendete, das Nie-Vollendbare geisterte, begeisterte ihn. Ganz egal war ihm die Frage: „Wird es ein Haus oder war es mal eins?“ Um das Weder-Noch, das Zwischendrin-Sein ging es ihm doch, das Halbe im Ganzen, die Trümmer als Werk. Sehr traurig konnte er werden, wenn sie plötzlich geräumt waren, irgendwann nach der Zeit. Gestern standen sie noch, waren beendet und rein, als wären sie ewig, und heuer Enttäuschung, das fertige Haus, an dem Martin das Kribbelige seiner Leitidee misste: „Und möglicherweise ist es gar keins?“ – Er hasste Baustellen, das Fertigstellen, die Schlüsselübergabe. Mit dem Richtfest starb für ihn das Interesse, der Bund und das Eins. Wie traurig war es für ihn, als man in Leipzig die Universitätskirche sprengte. Fremdprotestierend stand er am Platze, an der Sperre vor der Oper da. Auswärtig fern, unsolidarisch drängte er mit der Masse, die Restaurierung wünschte statt Abriss, Kirche statt Mensa, Bewahrung statt Revolution.
Sorgfältig mied er das Ganze. Es zog ihn nach Paulinzella, in die Ruinen zwischen Mauern zu Säulen, die den Himmel abstützten, und wo auf den Altar der Regen jetzt schlug. An der Hand der Großmutter spazierte Martin durch Dresden, und sie erzählte vom Krieg, von diesem Februar 45. Nichts explizierte sie, sagte nicht: „Dies war das gewesen“ und „So sah jenes mal aus“. Sie schwieg, zeigte das Nichtgesichtete nur, das Hinter-Dem, das, was noch stand: die Keller, der offene Stall, die geworfenen Steine. „Von Gott ist es nicht“‚ bemerkte sie und ergänzte: „Es ist für die Ewigkeit da.“ – Für Sarodnick war es vollkommen, aus einem Guss, war Andeutung, unbrauchbar unnütz, war eine Nachhalligkeit. „Kunst“‚ staunte er‚ „außerhalb der Vernichtung und doch nahe daran.“
Das Fast-Fertige, Nie-Fertiggewordene war es, ein „Beinah-Nichtzerstörtes und doch Zerstörtes“, das versteckte Chaos, das nicht geordnete Wachsen – ein babylonischer Turm. Es war das fragmentarische „Fort und fort“, das nicht zu Ende gesprochene Wort, das Sarodnick anzog, das er pries und himmelhoch hob. „Nicht der Goethe, der noch einmal entsiegelt und ändert“‚ sagte er einmal, „sondern der Urfaust, die Marienbader Elegie, die hilflos vollendet, geworfen als letzter Gruß und nicht aus letztem Erdenken, nicht Wilhelm Meister, sondern Mignon, nicht Iphigenie, sondern das Exil dort in Rom.“ – Das Demetrius-Fragment feierte er als Schillers „göttlichstes Werk“, als „Nur-Plan“, der planlos mündet in Tod. „Erst der hingeschlachtete Zarewitsch war der ideale Herrscher geworden, der Große, der Retter am Volk. Und kam Schillers Reife nicht selbst auch kurz vor dem Tod oder gar ein wenig danach?“ – War Martin gesund? Steckte da nicht vielmehr auch seine Angst vor der Steigerung, vor der Ruhe? Erregte er sich nicht in dem Kuss und wich doch der Zärtlichkeit aus? Oder war es kein Ausweichen, war nur ein Unvermögen aus dem Anfang zu kommen und den Schlussstein zu setzen? Häufig war es freilich das andere auch, die Heftigkeit, das Wollen ohne die führende Hand, ohne Verflechtung und Dialog – ein Ausrutschen, ein Erschlaffen, ein Absacken, eine zerstörte Berührung, die den Guss antizipiert ohne Wert, ohne Erlösung. – Und das Spiel mit Petra? Lief es nicht aus den gleichen Bahnen heraus? Ging es nicht aus von den Sinnen, von der Bereitschaft, um jäh abzuknicken, wegzutreten ohne Vollenden? Und trotz des Drängens, des Gärens in ihm, ließ ihm das „Sich-verströmen-Bevor“, vor dem eigentlichen
Ineinandergeflossen, traurig zurückfahren zu sich – in den Schlaf. Auch Monika ist ihm Fragment, abgeschlossen in seiner Latenz und seinem angedeuteten Alles. Unbeholfen genau spürt Sarodnick, dass alles so bleibt und bleiben wird für die Jahre ohne Hoffnung auf Wachsen. Auch möchte er nicht, setzt auf das Nichts, ja, es behagt ihm gar so in der Haut. Und möglichenfalls waren alle seine Beziehungen lediglich ein Torso gewesen, ein steckengebliebener Anfang, der einen miserablen und damit vergessen Sturz in ihm birgt? Möglicherweise. – Martin blickt sich nach Monika um. „Sie ist schon gegangen“, denkt er. „Sie wird gehen und kommen.“ –
Monika ist gerne gesehen, und zuerst und vor allem heizt sich Samwel an ihr, kann „auf Solche“ und „Solche“, „auf Norden“ und „Weiß wie der Schaum und das Sperma“, und in Worten kleidet er sie aus bis zum Grunde: „Meine stehende Angebetete springt mir ins Auge, ins Glied. Komm, leg dich zu mir!“ – Monika zupft an den Lippen und schweigt:
Zu nichtssagend ist ihr der Sturm, das mütterliche Liebeserklären: „Ich muss zwischen deine Beine hinein …!“ – Doch Sarodnick kommt es entgegen, ist ihm gelegen. Monika ist wie vorgeschoben für ihn, ist ein Treppchen zu Samwel vorab, ein Versuch, ein Lockvogel, um ihn für sich zu gewinnen. Und eines Tages ist es dann auch so weit an der Zeit: Der Armenier spricht Sarodnick an. Mit abgewandtem Rücken redet er zu ihm, ohne Schnörkel und Floskel: „Jeder von uns muss etwas spielen, ein Stück von einem Stück. Wir könnten doch zusammen das machen.“ –
„Wir?“ – Doch diese Frage stellte sich nicht. Heimliche Freude, Schaden-Freude erfasst Sarodnick, und darin liegt auch ein wenig von Furcht. „Was sollte es sein?“
„Brecht.“
„Brecht?“ – Die beiden entscheiden, den Hatelmaberg zu besteigen – „Herr Puntila und sein Knecht Matti.“
6
Wochen probieren sich zähe, und ein Problem stellt sich für Samwel und Martin: einsteigen oder dabeistehen? Äußerung oder Selbstäußerung? Wie muss man den Dramatiker spielen? Darf man ihn überhaupt heute noch spielen?
„Spiel ist Trieb – wie eine Frau besteigen“, sagt Sjoma. „Brecht ist die Erklärung dazu“, kontert Sarodnick.
„Hängengeblieben beim Vögeln.“
„Soll man den Herzschlag nehmen oder das zwischen zwei Schlägen?“
„Handeln will ich, nicht quatschen!“, lärmt der Armenier dazwischen, „wie Hamlet am Schluss.“
„Verwerflich“, denkt Martin. „Ist nicht jedes Handeln verwerflich, wenn es vom Einzelnen kommt? – . Brecht ist keine Methode für euch“, sagt er laut. „Weder im Institut noch in Moskau.“
„Keine Mode.“
„Kein Stanislawski.“ Sarodnick ist sich bewusst, dass es mit Hauruck hier nicht geht.
„Klugscheißer“‚ spottet Semjon. Wen aber meinte er damit? Die Sinne begehrt er, den Witz, die Freude dabei, möchte gestikulieren, laut lachen und schmausen, während der Deutsche stoppt, den Knüppel in den Weg wirft und interpunktiert:
„Zäsuren!“, kommandiert er. „Du bemerkst nichts hinter der Nische.“
„Ich pinkele drauf.“
„Prima! Wir markieren die Ecken.“
„Den Schädel rasieren, damit man ihn sieht“‚ grölt Samwel.
„Hier muss ich stoßen, und du haust mit Vergnügen dazu.“ –
„Und rein, rein und wieder rein!“ – Sie lachen gemeinsam, und der Armenier freut sich darüber: „Siehst du wohl selber jetzt, als ob man jedes Lachen erklären kann! Man lacht, wie man’s versteht.“
„Dass man’s versteht.“
„Darauf wichs ich mir einen! Entweder kommt’s oder kommt’s nicht.“
„Und wenn’s kommt?“
„Feix ich.“
„Warum?“
„Arsch! Weils eben kommt.“
„Und warum kommt’s?“
„Weil ich feix .Ach, geh mir nicht auf die Eier!“ –
Samwel spielt Matti, Martin den Herrn. Der Herr ist gut, wenn er trinkt, und er ist, wie er ist, wenn er nüchtern geworden, ist, wie er sein muss – ein Herr. Ein Herz hat er nur, wenn er säuft, denn sonst wäre er doch kein Herr. Man kann nicht gut sein, wo die Dinge nicht gut, und sie sind es nun einmal nicht.
„Es gibt einstige Knechte, die sind nicht mal besoffen human“, konstatiert Martin.
„Einen Dreck hat es sich heute geändert“, brummt Sjoma, „das heißt: Nur die ehemaligen Wichsköpfe sind besser geworden. Ein Hungerleider ist immer ne Jungfer und fickst du sie, tritt sie dir hinterher in den Sack.“
Semjon spielt den „Noch bin ich Knecht“ mit Verwarnung, will er doch werden wie Puntila selbst. – So reicht er die Stühle, die Tische, die Schränke zum Berg, bis es ausreicht zum Haufen und man rechtzeitig nüchtern wird drauf. Sarodnick aber wittert die Nase: Er könnte sein „Herr sein“ versaufen. Ausgelassen schreit er ihm seine Gutmütigkeit ins Gesicht:
„Die Wiese dort ist meine geworden. Der Stall, die Pferde, die Knechte, – der Knecht. Du bist mein!“
„Ja, mein Herr, trinken Sie weiter.“ – Und dies könnte dem Knecht auch so passen, es wird seine Stunde bald kommen.
Jede Nacht ist das Klavierzimmer voll. Sarodnick klebt sich den Text in den Schädel und das oft mit Gewalt, fühlt er doch nicht jedes der Worte, schwingt es nicht so wie im Deutschen für ihn. „Auswendiglernen! Nach dem hundertsten Mal sitzt’s – wie der Nagel in den eigenen Knochen“‚ instruiert Sjoma und korrigiert ihn manchmal falsch: Die Betonung liegt auf Armenisch, und das ist Tausende Kilometer daneben. Martin indes spricht mit Brecht, lernt ihn noch einmal, so wie er Tschechow auswendig lernt, und er holt so manchen Satz aus dem Kasten an unrichtiger Stelle. Wie schön sind schöne Worte getan, Brecht mit Tschechow vertauscht, und am Abend in der Kantine mit den Kameraden darüber sich streiten: „Zum Brechen und Tschechen.“ – Aber Sarodnick möchte ja reden. Und klug reden kann er nur durch Imitation. Im eigenen Kopf ist keine Ordnung gemacht – wie sollte er auch sein Chaos denn übersetzen? Also redet er wie gelesen, und die Mädchen sagen: „Faselt der blöd!“, und: „Er ziert sich wie eine Kanne.“ – So gießt er seinen Inhalt nicht aus und ist ein gehaltener Bursche. Womöglich ist er deshalb Brecht auf der Ferse: Er interpretiert die Gefühle. Und lange noch wird er zu Tschechow nicht finden. – Er trainiert im Heim „Puntila und sein Knecht Matti“, und Semjon langt alle Möbel hinauf. Das Internat steht ihm Kopf, die Stühle sind bereits alle auf der Szene gesetzt. Aber man lacht: „Nur etwas lauter noch, Martin!“ – und Sarodnick hält Hitlers Rede zum ersten Mal. Wie eine Ebbe ist sie, wie ein Zögern die Scham, wie ein Knecht ist der Redner, der sich anbiedert und urplötzlich ausbricht dann als Vulkan, die Stühle zerschmetternd im Steigen. Der Schrei, der Herrenschrei drückt die Faust in den Nacken, ist zur Geste offen unter dem Tisch. – „Dieser Herr hat sich niemals besoffen.“
„Bravo!“, macht Sjoma. „Man könnte sich aufreißen lassen. Ohne Kommas gesprochen, die Zeichen woanders gesetzt, und Millionen Deutsche grölten Sieg Heil! – Ohne Kommas gesprochen?“ – Puntila röhrt nur im Trunk, er hat’s noch nicht nötig, die Umstände sind noch nicht nötig, die Faust sitzt noch unausgesprochen gehorsam. „Die Knechte sind einfach klüger geworden“, weiß Sjoma, „die Knechte spielen Theater.“ –
Am Vorabend der Premiere vom Stück wälzt Sarodnick das Bett dreimal um sich, liegt quer, diagonal, breit, klein wie die Feder und hart – er hat keine Ruhe im Schlaf: „Wie hat man ‚Puntila‘ schreiben können im Krieg? Was geht mich Puntila an? Nur so einen Mist konnte man wohl in dieser Zeit schmieren. Der Krieg war weit, Finnland war von den ‚Freunden‘ besiegt – aber die ‚Freunde‘ luden Brecht gar nicht erst ein. Er war jetzt keiner von ihnen. Aber er wollte nicht daran glauben, setzte trotzdem auf sie und nahm den Zug nach ‚Leningrad‘. Insider warnten davor:
‚Die Köpfe fallen wie Früchte dort bei deinen Genossen‘, seine Kunst wäre reif, viel zu reif, um sie zu kapieren, und Schwieriges wäre suspekt: ‚Wer gegen Deutschland ist, ist eine Deutschstoßlegende.‘ – Wie kann man deutschhassig sein in dem Jahr 1940! ‚Verschwinde nach Deutschland! Verschwinde von uns, und niemand hat etwas bemerkt. Du kannst ansonsten schnell Meyerhold spielen, und der hat sich tragisch verspielt.‘ – Und B. B. versteht, macht kein Theater – die Freunde rieten aus ihren Verstecken heraus: ‚Mach Mücke, es beißt!‘ – Er nahm den Schnellzug – ‚die sterbende Freundin stirbt schon allein im gefährlich gewordenen Moskau‘ – Transit durch Sibirien: Ostexpress nach dem Westen. Zu weit lag die Rettung für ihn: Wilshire-Boulevard. Was ging schon Puntila die Sowjetunion an! Die Knechte waren herrlich geworden, und in Deutschland war Krieg – das Herrenvolk siegte. Kunst war unnütz, missbraucht und gefährlich zu brauchen, ein unnützes Feuer zum Spielen. Manche verbrannten sich dran, sie scheuten das Feuer: ‚Sollte doch alles verbrennen!‘ – Und niemand war unschuldig bei. Theater hatte doch mit Leben gar nichts zu tun, und solche Herren da gab es nur noch in Finnland – nah an der russischen Grenze.“ –
Im Schlaf greift Sarodnick nach dem Schlaf: „Ich krieg’ kein Auge mehr auf. Morgen ist Prüfung.“ – Er steigt den Hatelmaberg auf, und der hat keine Spitze; er schreit: „Mehr Stühle!“, und Sjoma reicht hoch.
„Noch mehr! Es hat keine Spitze. Die Tische! Die Bänke! Höher! Los! Sjomotschka, mach fix! Die Leute gaffen schon alle.“ – Ganz oben – Schweiß in den Haaren – krümmt Martin sich: „Die Spitze! Ich sehe noch nichts, bin noch nicht droben, weiter! Beeil dich!“ – Es sind keine Möbel im Raum, und Samwel reißt an den Dielen: „Baue einen Berg! – Ein Brett nach dem anderen! Es reckt sich schon in den Himmel!“ – Und Martin stößt den Kopf gegen die Decke: „Noch höher!“ – Sjoma reicht ihm die Zimmertür hoch. „Aber die Decke! Mein Kopf! – Gib die Wandtäfelung noch! – Oh je, um Gottes willen die Decke!“
„Hau ein Loch in sie rein! – Keine Spitze! Die Tafeln gib mir! –
Mit dem Schädel hindurch, kraftvoll! Wir bauen im zweiten Stock weiter. – Lass durch, es tut weh! Gegen die Decke.“ – Der Putz fällt. Ein Rieseln beginnt. „Es schmerzt!“ – Die Ohren glauben, plötzlich zu hören: Neben Sarodnick ist auf einmal ein Stöhnen, ein Stoßen, ein Lallen, ein Kichern und Rollen – er kann seinen Augen nicht glauben. Im Dunkeln sieht er nahebei Figuren: Semjon liegt auf einer Frau, bewegt sich darauf, bewegen sich beide zueinander und auseinander, gleiten in Nacht, so dass sie schmatzt wie ein Tier. Vier Mann schlafen in einem Zimmer – drei Mann schlafen in einem Raum, und einer schläft mit ner Frau. Zwei Mann schlafen in einer Stube, einer schläft mit einer Frau, und einer kann es nicht fassen: „Wie kann man in aller Öffentlichkeit nur …!“ –
Das Bett singt mit den rostigen Federn im Takt, Füße kratzen am Boden, Beine liegen oben herum.
„Was für Skandal!“ – Sarodnick möchte die Sachen packen und gehen, beschweren, in die Visage spucken dem „Schwein“: „Wie kann man …!“ Aber der kann. „Es ist der Gipfel! Die Spitze!“ – Doch brav wie die Unschuld liegt Sarodnick aus, die Abscheu erwischt ihn mit Lust: „Ich will es zu Ende erleben.“ —
Am nächsten Morgen senkt Wolodja schwer seine Augen, und er wandelt den ganzen Tag über in Melancholie: „Bitte?“, und: „Entschuldige“, und: „Ich habe ein wenig Schmerzen im Kopf.“ Dann liegt er Stunden im Bett, den Blick an die Decke geheftet. Wasili dagegen aber schlief wie ein Tier nach einem tierischen Abend mit Sprit: „Hast du nicht nachts …?“
„Haltet die Fressen, ihr Tiere!“ – Mit Samwel wechselt Martin kein einziges Wort, und schweigend geht er zur Prüfung: Puntila marschiert den Hatelmaberg auf, und das Publikum kocht. Er schreit dem Knecht in die Gusche: „Alte Sau! Ich bin wahrscheinlichbesoffen, aber ich bin ich. Nichtsnutz! Unstand! Du Knecht!“ Er wird bissig zu ihm: „Du kannst deine kaukasischen Berge berotzen. Nicht aber mit mir!“ – Er ruft ihm Befehle, rülpst ihm ins Auge: „Du glaubst, ich bin voll? Penne? – Alles ist mein Kapiert? – Das Bett, das Zimmer, die Leute. Ich gieß dir die Milchkannen über den Nischel. Was hast du persönlich da drin? Das ist hier kein Puff! Such dir eine andere Ecke!“ Die Zuschauer bekommen eine Hühnerbrust von dem Schauer und applaudieren begeistert: „Fritz, der Faschist!“ – „1940!“ – „Der Herr hat sich zum Nazi gekrönt.“ – „Warum nicht!“ – „Warum?“ – „Der hat den Matti vom Berge geschrien.“ – „Aber Semjon hat nur den Schlauen markiert. Lass ihn ruhig brüllen, hat er gemeint, ‚der hat wohl nachts schlecht geschlafen. Ich dagegen hab mein Vergnügen gehabt‘.“
„Ich wird’ es dir zeigen!“, ruft Puntila aus und weist auf das Weibergefängnis. „Du denkst wohl, es wäre ein Schloss?“ – Alle klatschen vor Beifall: „Samwel hat ihm eines gebaut.“ – „Der Fritz macht ‚Heil!‘ von ganz oben, wenn er über die Leute hinzeigt, ‚Heil! Ihr Schweine da unten.‘“ – „Vielleicht ein wenig komisch“, meint jemand, „zu wenig oder zu viel.“ – „Als wäre Brecht komisch! Brecht ist gar nicht wenig.“ – „Puntila ist klein, nur die Mittel sind groß.“
„Mitsingen! Habt ihr keine Vaterlandsliebe?“, ruft Martin. – Die Leute raffen sich hoch und heben die Hände zum Himmel, zu den beiden, die unter der Decke dichtgedrückt über den Häuptern ausschwingen, und Puntila donnert zu ihnen: „Noch einmal! Da capo! Singt!“ – Und das Publikum singt weise – einer, zwei, alle:
„Die Wellen, sie küssen milchigen Sand.“
„Noch einmal! Und einmal!“ Der Saal schrillt. Puntila nimmt Matti in seine Arme.
„Sie küssen den Sand …“ Alsdann, mit einer harten Bewegung bringt Martin Stille ins Zimmer:
„Sagt, dass euch das Herz aufgeht, wenn ihr das seht.“ – Und er stößt Sjoma vom Berg, dass der sich kopfüber auf der Erde wiederfindet unter den übergeschlagenen Stühlen: Das Herz geht ihm auf, wenn er Sarodnick-Puntila sieht.
Der Professor drückt den zweien die Hände: „Ihr habt da ja etwas ganz Schönes aufgebaut! Von unten kann einem dabei schon schwindlig werden.“ – Martin aber schlägt dem Armenier hart auf die Schulter:
„Was hast du dir nur dabei gedacht heute Nacht und getraut!“ –
„Hättest ja mir sagen können, dass du nicht schläfst“, meint Samwel und grinst: „Wir hätten sie sonst beide gevögelt.“ –
Am Abend kutschiert Martin zu Monika mit dem Bus, streichelt die Hand, sitzt dumm herum, langt in die Brust, tanzt nach den schlürfenden Platten und spürt, dass er nichts spürt. Da verlässt er sie wieder. „Bis Sonntag!“, ruft sie ihm nach. „Wir können nach Archangelskoje fahren.“ – Doch Sarodnick ist die Lust nur lustloses Treiben, ein „Gute-Nacht-Kuss“ vielleicht. Eine lange Nacht bringt nichts Gutes, allenfalls gute Träume mit schlechtem Gewissen.
Im Bus schreibt er einen Brief an Petra, zerreißt ihn, zankt an der Haltestelle wegen der Reihenfolge in der Schlange herum und legt sich angekleidet ins Bett. Ein Tag mit steifen Manschetten verabschiedet sich wieder – ein Tag, ein Monat und drei.
7
Stetig und hartnäckig-grausam lernt er die Sprache, die Geschichte ohne Sprache des Grigorenko, die Sprache mit Breschen und Spalten, mit einem einzigen Zwischenraum und vielen Worten dazu.
„Es gibt Namen, die waren nicht Namen, sie waren versehentlich da, ein Irrtum im siècle, sie waren vor der Zeitrechnung da oder knapp später.“ Grigorenko flüstert, und Sarodnick schaltet ins Aus. „Wer hat die Revolution gemacht?“, überlegt er. „Lenin? Gut. Zuerst aber das Volk.“ – „Es sind Fehler gewesen … Kamenjew, Sinjowew, und es gab noch Trotzkismus“, bestätigt der Professor. „Überall, wo es rauchte. ‚Trotzkismus‘, das hieß Parteiausschluss, weg vom Tisch, unter die Erde, Name gestrichen.“
„Die Kinderkrankheit des Kommunismus … – Zuweilen möchte man den 20. Parteitag zurücknehmen“‚ macht Grigorenko sich einen Spaß und lächelt verschmitzt. „Jeder Staat schämt sich meist seiner Gründer – sie sind in Grund und Asche verstreut. Freilich, der Unterlegene – sollte er überleben! – hat es dann leicht zu erklären: Er hätte und wäre der Beste. Im Ausland schreiben sich Bücher ganz gut, und man wäscht sich die Hände im Blut, das man vormals selber vergoss. Bronstein, der ‚Linkeste links‘, ein ‚linker‘ Genosse, der am weitesten ging – über Leichen. Er hätte bestimmt nicht die Bauern mit so viel Halbherzigkeit abgetan, ihnen mit der Sense schon früher von links unlinkisch den Hals abgesägt. Der Weltwille wäre wie B-stein geworden.“ – Grigorenko streicht die Haare scheitelgerecht: „Natürlich hat man nach dem Leben getrachtet – nach der Revolution wird immer geschossen!
Der Georgier hat sich indes gut in der Mitte versteckt.
Schlimm genug – es hätte noch schlimmer sein können! Wer ist denn von den 1789er am Leben geblieben? Eine späte Figur: Bonaparte, der mit dem winzigen tiefsitzenden Glied …“ Der Professor räuspert: „Revolution war mit der Wahl der Volkskommissare zu Ende.“ – Sarodnick schlägt zehn leere Seiten im Heft.
„Beginnen wir also mit dem Londoner Parteitag. Menschewiki und …“ — Es klingelt.
So lernt der Deutsche am schnellsten die Sprache: Das Wesentlichste wird nicht gesagt, und das ist immer am schwersten. Er sitzt vorne mit in, mit denen, die in jeder Pause den Lehrer bedrängen, die geordnet, ordentlich ihre Hand heben: „Herr Professor, ich hab eine Frage …“ – „Ich wollte gern wissen …“, „Ich habe gelesen …“ –
„Sie haben ganz Recht.“ – Wie eifrig sie sind.
„Gibt es Gesetzmäßigkeiten im Volk?“
„Jedes Volk ist verschieden.“
„Und die Weltrevolution?“
„Darüber sprechen wir später.“
„Herr Lehrer, schönen Dank.“ – In der vordersten Reihe, in Reih und Glied. Sjoma lacht sich darüber halbtot:
„Wie ein Idiot! Jedes Wort bläst du wie eine Nutte ohne zu kauen. Jede Minute hast du im Arsch, und du verdämelst wie blöd! Koks lieber mal einen Tag aus und denke an nichts weiter.“
„Ich mach’s doch wie die anderen auch.“
„Die anderen?“, lacht Samwel. „Willst du wie die anderen sein? Es ist ein madiger Apfel, und du wirfst den ersten Stein ins rosige Beet.“ – Doch Sarodnick schläft nicht aus, geht nicht in die Stadt, fährt nicht nach Archangelskoje mit Monika, hört das Kichern der Mädchen nicht hinter dem Rücken. „Die lachen mich aus.“ – Er hat Heimweh bekommen.
„Ich möchte zu Petra.“ – Und er schreibt: „Liebe … ruf bitte an! Sage, meine Mutter ist krank, und ich soll nach Haus sofort kommen.“ – Petra telefoniert, und im Institut ist man hörig:
„Du musst fahren!“ – Der Deutsche sträubt sich:
„Es geht nicht.“
„Alles geht! Für ein paar Tage.“ – Sarodnick lacht sich ins Herz.
8
„Das halt ich nicht aus dort in Moskau“, hält er Petra im Arm.
„Ohne dich ist bloß Sehnsucht, ich hab ja nur dich, es gibt nichts, ich kann nicht – mit niemandem hab ich geschlafen.“ – Er legt sich auf sie, sieht den Bauch Monikas an, schaut in die Augen von Maja, hört das Röhren Samwels im Bett und lässt sich in Petra. Der Bauch und die Augen. Lautlos gleiten Leiber zusammen. Anständig geht es zu, und anständig bekommen beide genug – nicht über die Ohren, nicht übergelaufen, sondern gerade „bis da“, bis zum Kinn, und man kann noch sprechen dabei. „Als wäre es das Allerwichtigste auf der Welt! Ich erzähl dir lieber von Eugen Onegin. Weißt du, Onegin hat niemals geliebt …“
Petras Familie ist eine liebe Familie geworden, und Sarodnick ist mitten drunter gemischt: der Bruder, die Schwester, die Mutter, die Dienstmagd. „Ein trauter Tisch und die Beine darunter sind Heimat“, denkt Sarodnick. „Hier bin ich sehr gern.“ – Und er erzählt der Familie von Moskau: „So wie ihr es euch schon früher gedacht habt, obgleich … Na ja, ich behalt’ es für mich. Alles ein wenig chaotisch.“ – Der Mund von Maja, das Kichern hinter dem Rücken. „Fünf Jahre stehe ich es nicht durch.“ – Die lieben Leute rücken sehr dicht an ihn ran:
„Ist es wahr? Nicht wahr?“, und rücken schnell wieder ab: „Das muss etwas Extravagantes, Gefährliches sein.“ – Die Familie aber ist stolz auf die Tochter, die Tochter auf Martin, Martin auf die Familie. Das hatte er zu Hause niemals gekannt. Da war ewige Hetze, der Streit: „Kannst du nicht mal …!“, und: „Ich hab’ keine Zeit“, und Martin verschwand in den Büchern. – In Halberstadt jedoch steht das Glück mucksmäuschenstill – das Haus, die Betten, der Dom. Wie Heringe tot und getrennt schläft löblich das Paar – er auf dem Boden, sie im Salon, dazwischen baumelt die Decke wie Scham: fix die Hose herunter, fix in die Scham, fix die Sache erledigt und hurtig den Schwamm drübergelegt. „Pfui!“, stöhnen die zwei und wischen beide daran.
Später reist Martin mit Petra zu seinen Eltern, und die sind erfreut endlich das Mädchen zu sehen: „Was für Blitzmädel das ist! Welche Manieren! Wie geschickt! Und stets ein freundliches Lächeln! – Liebe Petra, kommen Sie doch öfters zu uns!“ Sarodnick war hinter dem Mädchen versteckt und hat so seine Ruhe. Er studiert, studiert schwer in der Ehre, und die Ferien sind zum Ausspannen da. Doch Petra spannt die Spannung in ihm – Majas Augen, die Rücken, die Mädchen vom Schauspieler-Kurs … „Ein besserer Mensch sublimiert“, erklärt er der Braut. „Nimm Hölderlin, Tschechow und Lenin.“
„Wird man dabei nicht krank?“
„Wobei?“
„Beim Sublimieren.“
„Nur die Krankheit gebärt Schönes. Die Kunst braucht den Gebärmutterkrebs.“ – Und Petra hilft in der Küche beim Kochen.
Dann fährt Sarodnick nach Berlin, weint auf dem Flugplatz mit Petra und hat die Arme in ihre gelegt: „Wir bleiben immer zusammen.“ – Stumm schluchzt das Mädchen. – „Die Leute!“ – Sie nickt:
„Ich habe dich unheimlich gerne.“ – Und unheimlich wird dabei Martin zumute:
„Zum Jammern ist das! Wäre ich bloß nie nach Moskau
gegangen.“ – Der Flug. Man serviert kaltes Huhn mit Weißwein und Marmelade. –
In diesem Jahr fliegt Sarodnick Moskau/Berlin und Berlin/Moskau mehrere Male, und Petra hilft ihm dabei. Eine Flugkarte kostet nicht die Welt und die Erde, und Petras Eltern haben viele Kilo im Garten davon. „Ein Fahrschein macht treu, währt am längsten.“ – Auf dem Flugplatz holt die Familie Sarodnick ab. Er wird ein begüterter Mann, und eine Aktie fällt auf sein Haupt – in der DDR gibt es nicht viele von diesem Zeug. „Was kosten die Welt und die Erde?“ – Für Martin eine Lappalie. Die Luft ist darüber – zwischen Moskau/Berlin und zurück – und weniger Petra. Er ist im Flugzeug zu Hause, schnuppert am Heimatgefühl in der Höhe, und in Berlin dann wartet er bereits auf den Tag in der Luft. Zwischen Himmel und Erde sieht er die Braut, und sie ist lediglich ein Häufchen aus Sand. „Wäre sie doch auch das Firmament und der Äther!“ – So aber fliegt er in die Luftsucht zurück. Fünfmal reist er im Jahr, und nur einmal ist es Regel, die anderen Male umgeht er heimlich die Botschaft, meldet die Meldepflicht ab.
„Mich sieht hier niemand so leicht“, meint er sehr kühn, „zehn Kilometer von meiner Botschaft entfernt.“ Und Peter und Werner haben mit sich selber zu tun: Der eine hat eine schwangere Frau, der andere geht schwanger mit ungelegten Liebeswehen zu Kira. So fährt Sarodnick einfach und basta! Und wenn jemand fragt: „Wo ist denn der Martin?“, sagt Samwel bloß: „Der hat sich den Tripper geschnappt.“ Und die Neugierigen gehen erschrocken von dannen.
Glücklich lernt Petra in Leipzig, und Sarodnick ist ihr treu, ist ein Flieger, fliegt in die Nähe und hat den Finger in ihr. „Ich hab meinen Freund.“ – Wie ein Ring ist sie sozusagen verlobt. „Fremde Hände sind fremd.“ Sie schlägt die Beine übereinander und wartet zwei Monate wieder. Weich wie ein Kissen liebt sie ihren Martin, und es ist besser als nichts. – Fünfmal im Jahr ins Weiche geflossen. Eine treue Tomate, die platzt. –
In der Diele schiebt Monika ihren Mund hin zum Küssen, und Sarodnick greift in die Schläfe: Er hat ihre Nagelspuren am Hals. „Du warst schon wieder zu Hause gewesen?“
„Meine Mutter … ich muss … da sind …“ – Monika aber möchte besser nichts wissen. „Ich will nicht nach Archangelskoje, ich will nicht nach Sagorsk, ich will nicht nach Jasnaja Poljana. Nirgendwohin will ich. Es interessiert nicht, ist mir zu ausländisch-fern, ist ein anderer Stil, eine andere Religion, sind andere Leute. Ich habe anderes Blut.“ – „Im Urin. Pinkel dich aus!“, denkt Monika, doch sie schüttelt nur ihren Kopf: Sie hat die Tage geweint. „Sinnlos ist es“, hat sie gemeint, und „Martin ist trotzdem mein Freund. – Das ist alles?“ – Martin versteht:
„Ich habe Petra“‚ sagt er und ergänzt, wie sich entschuldigend noch: „Wenn’s beim ersten Mal nicht funktioniert, geht es wohl nie. Mit Petra geht es ganz gut.“ – Es geht.
9
Hungrig sucht Sarodnick die Bibliotheken an Sonntagen auf, denn im Heim kann er nicht bleiben. „Es sei denn, man ist ein lustiger Kerl, laut lustig zum Brüllen“, denkt er „oder man ist ein todgemütlicher Mensch, dem nichts aus dem Gleichgewicht bringt. Heisa popeia, Ringeltingel und Fassen.“ – Nach einem versoffenen, hoch-fraulichen sonnabendlichen Abend bis in den Morgen stehen die Toiletten über dem Rand, liegt die Verdauung darin, und Zeitungen darauf flattern gebraucht. Die Waschbecken sind unbenutzbar geworden vom übernutzten Gebrauch, und der Fußboden ist zum Übergeben ganz glatt: Man schlittert auf der eigenen Soße: „Es ist darauf geschissen!“, und der Magen dreht sich nach unten. In den Aborten sind die Kabinen besetzt, und die Besetzer schlafen bis Mittag.
Martin nimmt seine Sachen, steigt in den Morgen, und in der Bibliothek auf dem Waschhaus setzt er sich aus – eine saubere Stunde, er hat es schließlich verdient. Alsdann kramt er in Büchern, leiht sich Jack London und möchte seinem Professor einen Wohlwillen machen. „Der liebt den amerikanischen Film“, erinnert er sich. „Hat er nicht selbst amerikanisches Kino gemacht?“, fragt er sich und überlegt in den Tag.
„Er hat als Löwe begonnen und landete später im Zoo“, spottet Sjoma über den Meister und spielt an auf den Namen von diesem: Lew heißt Löwe in der russischen Sprache.
„Man hat ihm den Namen genommen“, behauptet André, der Junge von nebenan im Internat, der Leningrader, der „Älteste“, der Weiseste aus der Gruppe, der hochgeschossen – ein Reis in die Sterne –, gezogen, gestreckt, mit Narben wie ausgeschlagene Knospen und Haaren aus Stroh, ausgedroschen, verwelkt.
„Als er sich mit einem F schreiben ließ, hat man ihm auf das Maul gehauen, und so blieb ihm nur das LEK mich am Arsch übrig.“
Lew Kuleschow ist Professor, Mitbegründer der Filmhochschule 1919, Rektor von einst, Regisseur vormals, war ein LEF, ein Biomechanischer, ein Natur-Modell aus Tambow, wo sein Großvater den Gutsbesitz in die Kehle schluckte, und der Enkel die Oberwelt von einem Ufer zum anderen über den Fluss kahnte. Mit den Kopeken dafür fuhr er nach Moskau in die Kinofabrik. Die Revolution entfesselte das Talent, und so wollte er das Entfesselte mit Kino und nur mit dem Kino realisieren.
„Kuleschow ist unser Vater“, meint André.
„Und der Vater wurde von den Söhnen gehasst“, kontert Sjoma. „Er hat völlig neue Dinge gemacht, die andere später benutzt haben wie neu. Die Dinge waren wohl aber zu spitz für die Zeit.“
„Er wollte den russischen Krimi, den Detektiv, die Spannung, den Schlag, den Mord und den Totschlag-Effekt.“
„Er hielt den Schnitt im Salto mortale, und der Schauspieler wurde ihm ein bewegender Körper. Seine Psyche stand ihm am Leib, entpsychologisiert, enttheatralisiert, Entbund und Entlast – und man flog durch den Raum. Kuleschow hat die Massen montiert, und zum ersten Mal wurde mit vollem Bewusstsein, mit dem Selbst-Bewusstsein einer Idee, die Einstellung, der Einstellung en face und danebengeschnitten, selbst konfrontiert und dieselbe mit anderen zum Wechseln gebracht.“
„Und der ,Kuleschow-Effekt‘ wurde so durch Onanieren geboren“, witzelt Semjon. „Der Effekt war groß bei jenen und bei den anderen auch. Die machten nach, meinten, eine neue Kunst ist am Werke, und meinten nicht schlecht. Jene warteten ab und warteten da nicht umsonst. Ihre Zeit sollte noch kommen.“ –
„Noch aber galt die Einstellung, der Buchstabe als Klippe und Klare, galt das Symbol“, lässt André sich nicht stören. „Lissitzky malte die Lenin-Tribüne, Eisenstein malte den ‚Streik‘ und die fallenden Kanonen, die Treppe, den Schrei seiner Mutter, Majakowski brüllte: ‚Alles ist gut‘, und Malewitsch formte sein Schwarzes Quadrat. Alles war flächig geworden wie Mägen, zum Greifen wie das Ziel vor den Augen, und das Leben war das Plakat, zum Ankleben, zum Wechseln: ‚Was Neues muss ran!‘. Immer was Neues, und das Alte kam auf den Müll, wurde nicht wieder gespielt, war im nächsten Jahr schon vergessen. ‚Schaffe, baue, laufe, höre!‘“ –
„Und schon saßen Leute auf ihren Ärschen und wollten nicht mehr vom Stuhle herab: Heute sitze ich, morgen sitze ich, übermorgen … – Was heißt ‚flache Wampe‘, was heißt ‚der Schlag der Pumpe gemäß‘? Die Revolution war erfolgreich beendet. Da zog man zwar noch nach links, nach rechts, in die Mitte – Proletkult, ACHRR, VAPP, Pereval, Litfront, Serapionsbrüder und Schwestern mit hochgeschürzten Neorealisten und Imaginisten. Kuleschow würgte, wälzte die Reste, die Trümmer zusammen. K-Effekt, das ist: Rote Front im Lande der Bolschewiki – Schnitt: bis auf die Knochen – Schnitt: bis in das Kahle – Schnitt: bis in die Sonne.“ Sjoma schnappt verzweifelt nach Luft.
„Kuleschow zeichnete die Bedeutung ins Bild und das Bild bewegte in Angst, war immer Bewegung, war ein Licht, war der biologische Teil“, erwidert André ganz leise.
„Und dann hing man diese Ideen an ihren biologischen Eiern auf“, macht der Armenier sich lustig, „man bremste den Regisseur Kuleschow aus und schob ihn ins Amt, zu einem Professor ab. – Leeres Stroh war’s, nicht das, was man denkt, sondern man hatte die Lehre gezogen, sonst nichts. Majakowski hatte den Löffel schon abgegeben. Kuleschow dagegen versuchte noch den Großen Tröster zu spielen – er tröstete sich selbst: ‚Gott sei Dank hat es mich nicht erwischt!‘ Man war zufrieden damit. Von ‚Effekten‘ quatschte nun keiner mehr, es stank nach gefesselter Kulturpolitik, und man hielt mitten im Akt das Herz stille.“
„Spannung wollte er nichtsdestotrotz zeugen“, wehrt der Leningrader sich leise, „Energie und Furore. Er wollte den Amerikanern eins auswischen: ‚Wir können es besser.‘“ –
„Jedoch wünschte man keine westliche Kunst, sondern wünschte nur sie selber zu gaffen“, spielt Sjoma auf die geschlossenen Vorführungen der Parteibonzen an. „Ich! Ich allein, bin allein. Licht aus! Ruhe! Bitte nicht stören! – Im Kreml flimmerten diese verbotenen Filme. ‚Bei uns aber keine und niemand!‘ – Und der Mann im Kreml – ganz alleine im Staat – sagte dann nachdenklich rauchend: ‚Diese dürre hässlich Rote – wie heißt sie doch gleich? Chochlowa? Richtig, die Frau von dem da … – Sie wissen schon – Kuleschow, dass ich diesen stinkigen Stockfisch nicht mehr hier auf der Leinwand erblicke!‘ – Die Hässlichen hatten verspielt. Die Schönheit triumphierte – Russland war schön. Eisensteins Bäuerin in der Generallinie war das aus der Mode gekommene Alte. ‚Solche brauchen wir nicht! Es ist nicht typisch! Was soll man in Amerika denken!‘ – Greta Garbo, Katherine Hephburn, Julie Harris, Joan Crawford, Rita Hayworth – ‚der rote Fisch!‘. Zu untypisch war das für die hässlichen Jahre. – Die große Angst machte sich breit, das Donnerwetter begann – Gott strafe! Gerechte Strafe muss sein! Generälen fiel das Herz in die Kugel. Hatte Kuleschow nicht den Armeegeneral Tuchatschewski einst in der spitz-endigen Budjonny-Mütze gezeigt? Drehte er nicht ‚Die Pfeife von Stalin‘ – ohne jemals drehen zu können.“
„Die Idee war sehr gut“, verteidigt André den Professor. „Natürlich. Kuleschow hatte endlich gefressen, und die Pfeife kippte ihm die Asche aufs Haupt: ‚Ich tue dir nichts, wenn du weiter nichts tust.‘ – Der Professor ist ein guter Professor. Eigentlich ist er schon lange gestorben. Ein Museum. Modell.“
„Er ist die zwanziger Jahre, der Anfang, die Erfindung, die Hoffnung, die Revolution noch im Schwung“, resümiert weise der hochgetriebene Junge vom Norden.
„Jetzt schwingt er dreißig Jahre seinem Ende entgegen, ist ein Wärter der entwerteten Werte, ein ausgestopfter Weihnachtsmann-Löwe.“
„Eisenstein, Pudowkin, Wertow, Dowschenko hat er überlebt …“
„Und ist viel älter als sie. Wer überlebt hat, hat sein Leben vermurkst. Er hätte besser tot sein müssen, um weiterzuleben.“ –
Schwerkrank sitzt Kuleschow an dem Tisch, hüstelt, quält sich im Husten, am Auswurf. Seine Frau, die Chochlowa, streicht ihm den Rücken, und die Assistenten warten nervös und devot. Der Professor erzählt von damaligen Freunden, von dazumal, von den „Zeiten“: „Schwierig war es – viele Kinder der Bourgeoisie studierten damals noch hier. Einige gingen ins Ausland, die anderen hatte die Tscheka selber geholt …“ – Der Professor ist krank. „Jetzt sind nur noch die braven Bürgersöhne geblieben.“ – Er räuspert sich leise vor Schmerz.
„Lew Kuleschow schreibt seine Memoiren“, flüstert André.
„Und er wird sich an die Wahrheit nicht mehr erinnern“, winkt Samwel ab. „Eine Epoche könnte er sein. Er war doch mit allen befreundet. Verschwunden, vergessen im Ruhm, im Schweigen, in Schande. Warum schreibt er nicht, wie es war?“
Der Husten peinigt den Mann, und er verzerrt sich in Qualen. Ist er zerbrochen wie alle, die weitergemacht? – Die Studenten ehren, verehren ihn, streuen ihm einen Kranz auf das Haupt. Er ist der Letzte der Letzten.
„Der Letzte ist nicht immer der Beste“, sagt Sjoma sarkastisch. „Er geht über Leichen hinweg oder stellt sich bloß tot. – Ein anerkannter Meister ist er geworden.“
„Er schreibt seine Erinnerungen auf.“
„Kranke, mit Löchern.“
Wenn Lew Kuleschow da ist und schweratmend spricht, gibt es keinen einzigen freien Platz mehr im Saal.
„Jeden Film müssen Sie sorgfältig antizipieren, vorbereiten, sorgsam mit allen, mit den Schauspielern vor allem. Ich habe als Erster ein detailliertes Drehbuch verlangt. Es war mit den Akteuren bis zum letzten Komma besprochen, erdacht. Und jeder Film wurde danach meist mit den gleichen Leuten gedreht. Den ‚Großen Tröster‘ habe ich zunächst auf der Bühne inszeniert, durchexerziert, habe da schon Kino gemacht ohne Film. Bergmann tut es übrigens auch – dreißig Jahre nach mir … Habt ihr die ‚Mutter‘ gesehen? Pudowkin hat in seinem Film jede Einstellung vorher gezeichnet, jedes Detail war erkennbar, lesbar gemacht und genau definiert. Alles im Film sollte etwas bedeuten, aussagen, verfechten, verteidigen oder anklagen … Es war ein ganzes Jahrhundert darin. Die Montage danach schnitt sich den Sinn und gab die sublime Überhöhung. Das Innere des Menschen wurde durch die Bilder ersetzt, die Psychologie hing an der Schere … Alles entstand im natürlichen Raum. Ich habe Kulissen vermieden, immer nur Natur zusammengesucht – den Fluss, den einsamen Baum, die Wiese, den Schnee auf den Hügeln, von überallher einzelne Stückchen genommen und habe es dann am Tisch zur Einheit montiert … Solch ein Film machte den aristotelischen Regeln den Garaus. Schon Meyerhold hatte ein Bein aus dem Theater gestellt. Modernes Theater kann sich nicht vor dem Vorhang verbeugen. Es wurde demokratisiert, war nicht mehr Salon, sondern das Vorzimmer, die Gesindestube mit dem Hofe dazu. Der Raum erweiterte sich zum Kosmos, das Volk sprengte ihn auf. Dies aber kann in dieser Großartigkeit eigentlich nur der Film realisieren, oder das Theater muss seine heiligen Hallen endlich verlassen … Wir haben zuerst mit den Massen gearbeitet. Später dann kam erst der ‚Streik‘, ‚Potemkin‘, kam Griffith …“ – Kuleschow hüstelt stark, macht eine Geste, bricht ab und blickt sich plötzlich auffahrend um: „Zu viel ist schon gesagt worden, zu weit bin ich gegangen … Alle guten Filme heute schöpfen von dort, entwickeln sich in dieser Tradition weiter … dank unser neuen Gesellschaft … Alles verdanken wir ihr …“
Jetzt hustet er stärker, die Halsadern schwellen wie Stricke beim Henken, das Gesicht ist bläulich ein Weiß, und die Augäpfel bluten vernehmlich. Seine Frau streicht zärtlich über sein Jackett: „Ist gut!“, und der Professor erhebt sich duldend, lehnt sich über den Arm vom devoten Assistenten anbei: „Nach der Pause werden wir spielen.“ –
Die Rast aber zieht sich ungemein hin, und als die Assistenten endlich zum Eintreten bitten, ist der Professor schon mit dem Dienstauto nach Hause gefahren. Seine Frau indessen klatscht in die mageren welken Hände: „Na dann wollen wir mal.“ – Doch die Lust ist weg mit der Zündung. „Wir sind alle nur Assistenten“‚ spricht die Frau traurig gen Tür.
Alexandra Chochlowa – Schauspielerin, Professorin, Ehefrau. Und manches noch mehr war sie ihrem Leben. Sie sprach niemals darüber, dürfte nicht sprechen, dürfte sich überhaupt an vieles nicht mehr erinnern – wer sie war und nicht war, wie alt sie ist – alterlos und verbraucht. Keiner weiß es, und sie weiß es auch nicht genau, hat es vergessen oder musste vergessen. Hat alles vergessen gemusst. Ihr Onkel war Dr. Botkin gewesen, der Leibarzt von Nikolaus II., der am 17. Juli 1918 gemeinsam mit der gesamten Zarenfamilie in Jekaterinburg umgebracht wurde. So konnte sie natürlich nicht mehr diesen Namen tragen, es käme einem Todesurteil gleich. Sie wurden ihre Memoiren gelöscht, sie viel jünger gemacht und hatte somit ihren Onkel nie gesehen oder gekannt. Nach dem Namen ihrer Mutter wurde sie zu „Tretjakow“ umgewandelt. Doch dann erwies sich ihr Vetter, der große Dramatiker und Futurist, Gründer der Künstlergruppe LEF, Sergei Tretjakow, als Volksfeind und fiel 1937 dem Großen Terror zum Opfer. Da konnte sie auch nicht mehr „Tretjakow“ sein, sondern wurde simpel zu „Chochlowa“ sowjetisch geformt. Sehr einfach, unschuldig, anonym, Proletarierin – nur nicht vom Blut.
Besorgt und etwas müde nimmt Chochlowa den zurückgelassenen Zettel ihres Mannes zur Hand und liest dessen Willen den Anwesenden vor: „Jeder Student hat eine Etüde zu schreiben, ohne Worte, eine Stummfilmgeschichte, um sie später auf der Bühne zu stellen.“ Eine ungesprochene Sache soll es sein, in der alles gesagt ist im Raum, in der Gestik, im Körper. Kein abgedrehter, ausgeschalteter Ton also müsste es werden, auch kein ‚Er hat die Sprache verloren‘ oder ‚ein Taubstummer‘, sondern das Wort ist überflüssig geworden, nicht am Platze, zu viel – hier ist gerade genug gesprochen, weil niemand mehr etwas sagt. – Die Ehefrau, Schauspielerin, Mitarbeiterin kneift ihre Augen zusammen, holt ihre Brille hervor und liest weiter: „Der Stummfilm ist die schwierigste Sache der Welt, der Höhepunkt in der Geschichte des Films. Das Bild muss die Sprache substituieren, ersetzt sie und totalisiert die Gestaltung, verbildlicht die Realität. Der Regisseur ist ein Dichter, sein Wort ist die Spiegelung auf der Leinwand und der Rhythmus ihre Montage. Der Stumm-Film – nicht der taub-stumme Film! – der Nicht-Sprech-Film, der Sprech-Film ohne den Mund aufzureißen, ist das große Geheimnis. Er ist in Bildern geschrieben, und man liest das Bild als Poem.“ – Aleksandra Chochlowa faltet den Zettel ihres Mannes zusammen und steckt ihn sorgfältig in den Briefkuvert wieder zurück. –
Hinter einem Tisch zeichnet ein kranker Mann an seinem Leben. Ein Gesicht erscheint im gefrorenen Fenster, weiß, mit einem Auge, das sticht. Es ist der Freund an dem Guckloch, der, mit dem der Kranke weiland auf der Schule malen gelernt hatte. Hastig haspelt der Leidende auf. „Um das Haus gehen, die Tür!“, weist seine Geste dem Freund. Der hebt eine blutige Hand: „Du musst mich verstecken!“, will sie ihm sagen. – „Um das Gebäude und rechts!“ – Auf der Glasscheibe malt der Atem sich ab, und Finger krallen sich draußen ins Holz. – „Einmal herum!“ Der Kranke setzt sich zurück in seinen Stuhl und zeichnet von neuem am Blatt. – An der Tür klopft der Freund, leise, ängstlich, vergeblich – die Tür ist verschlossen und stumm. – In der Stube indessen radiert der Maler am Kopf, es ist eine Arbeit im Stillen. Dann setzt er die Teekanne auf, nimmt zwei Tassen vom Schrank und prüft das Holz in dem Ofen. Er reibt an den Händen, rückt an dem Stuhl und legt die Decke aufs Knie. Da fällt ihm der Freund wieder ein, und er geht über den Flur zu der Tür. Draußen friert der Winter sich aus, und in dem Schnee sind Spuren in dunklen Flecken gerahmt. Der Mann schüttelt den Kopf und dreht den Schlüssel wieder im Schloss. Ihn fröstelt, und er legt einige Holzscheite nach, nimmt die eine Tasse vom Tisch und stellt sie in den Schrank auf ihren Platz. Dann schlürft er zum Fenster: Zwei Männer führen durch den Schnee seinen Freund. Der Atem des Mannes erblindet das Glas, und er wischt mit dem Ärmel darüber. Ein Gesicht starrt in das Fenster: der Freund. – Der Mann schließt die Augen, geht zu dem Stuhl und nimmt die Zeitung zur Hand. Draußen ist Winter. In der Scheibe blendet blakig die Sonne den Schmutz. –
10
Wladimir lockt Sarodnick ins Zimmer und riegelt hinter sich ab. „Setz dich hier an den Tisch“‚ sagt er erregt. „Ich will dir was zeigen.“ Und leise fügt er hinzu: „Aber niemandem davon ein einziges Wort!“
„Gut“, nickt Martin gespannt.
„Nicht ‚gut‘. Schwöre!“
„Ich verspreche es dir.“
„Auf die Ikone!“, verlangt Wowa, und er kramt unter dem Bett ein rechteckiges Brettchen vor mit einer hingedunkelten Farbe. „Es ist Johannes der Täufer.“ – Wladimir bekreuzigt sich und küsst das Gesicht des Propheten. „Leg deinen Zeige- und Mittelfinger darauf“‚ fordert er Sarodnick auf. Der tut, wie es ihm geheißen, setzt sich dann aufs Bett wieder zurück und wartet in Schweigen. Wolodja rückt den Tisch an die Seite, stellt die Stühle darauf, so dass sich ein Freiplatz zwischen den eisernen Schlafstätten bietet. Hiernach legt er Zeitungen auf die Bretter des Bodens und breitet eine große Landkarte aus. Liebevoll streicht er darüber: „Eins zu viertausend.“
„Was ist das?“, fragt ihn der Deutsche.
„Der Plan der entscheidenden Schlacht, der großartigsten, der Großen Schlacht unseres Krieges.“
„Stalingrad?“
„Ach was. Stalingrad war doch nicht das!“, wehrt Wladimir ab, „war die größte Kapitulation vielleicht, war Elend, Kälte und Hunger. Keine Munition, keine Moral und eine Handvoll taktischer Fehler. Stalingrad war kein Kampf, sondern war ein Vernichten, Ausbluten, Tod. Stalingrad war einfach die Hölle.“ – Erregung sprüht in ihm, und er drückt sich dichter an Martin: „Der wahre homerische Schau-Platz ist Prochorowka für mich, ein Borodino des Zweiten Weltkrieges – ein Mann gegen Mann, Held gegen Held, ein Gleiches mit Gleichem.“ – Er zeigt auf die Karte: „Kein Ausweichen, keine Ausreden, kein Ausfall – jeder wollte den Kampf, jeder wollte dasselbe, jeder suchte die Offensive. Ein offener Schlagaustausch war es gewesen mit gleichen, mit ausgewogenen Mitteln: gleiche Waffen, gleiche Truppen, gleicher Plan.“ – Mit einer erhitzten Bewegung öffnet Wowa seinen Koffer, der vollgepackt ist von winzigen Spielzeugen, Figuren, Bleisoldaten, Kanonen. „Ein Panzer von mir steht für hundert“‚ erklärt er und postiert die Fahrzeuge fachgerecht auf die Karte. „Dies hier sind die 500 Panzer und Sturmgeschütze der SS-Panzergrenadierdivision ‚Leibstandarte Adolf Hitler‘, des ‚Totenkopfs‘ und des ‚Reiches‘, da sind die 850 Panzer unserer 5. Gardepanzerarmee.“ – Und im Taumel verteilt er die Miniaturen auf dem Karton: „Auf diesem leicht hügeligen schmalen Geländestreifen von fünf Kilometer Breite zwischen dem Psjol und dem Bahndamm der Strecke Belgorod–Kursk wälzten sich dröhnend und hohe Staubwolken aufwirbelnd die Panzerlawinen aufeinander und gegeneinander“, beginnt Wolodja seinen Bericht und schiebt die kleinen Pappfiguren langsam zur Mitte. „Im Schutze des kleinen Wäldchens dort bewegten sie sich durch die Steppe in Gruppen, und das Geböller der Panzerkanonen flossen zu einem gewaltig anhaltenden Grollen zusammen. Die erste Staffel unserer 5. Gardepanzerarmee drang voller Fahrt in die deutsche Gefechtsordnung ein. Sie hatten enge Berührung, es blieben weder Raum noch Zeit sich vom Gegner zu lösen und die Gefechtsordnung wiederherzustellen. Aus kürzester Entfernung abgefeuerte Granaten durchschlugen die Bugpanzerung der meisten Kampfwagen. Häufig explodierten dabei Munitionen und Treibstofftanks, und die abgeschmetterten Panzertürme wurden Dutzende Meter weitergeschleudert.“ – Wladimir hatte seine Spielsachen auf das Schlachtfeld geschoben und ließ sie abwechselnd von beiden Seiten beschießen, um sie danach mit einem exaltierten Enthusiasmus zu vernichten. Alsdann holt er neues Material aus dem Koffer und ordnet es rasch auf die Ränder der Karte: „Als sich gegen Mittag erwies, dass es nicht möglich war, direkt auf Prochorowka durchzubrechen, entschloss sich das Oberkommando der 4. Panzerarmee, mit der SS-Panzergrenadierdivision ‚Totenkopf‘ und der 11. Panzerdivision über diesen Brückenkopf da im Psjol-Knie linksflankierend in den Rücken der 5. Gardepanzerarmee vorzustoßen. Nach mehreren mit 100 Panzern und Fliegerunterstützung geführten Angriffen erreichte der Vorstoß den Ort Poleschajew am nördlichen Ufer des Psjol, wo er jedoch zum Stehen gebracht wurde, – während die von Westen auf Prochorowka vorgehenden Verbände des II. SS-Panzerkorps in heftige Kämpfe verwickelt wurden, unternahm das III. Panzerkorps Anstrengungen, von Süden auf das Schlachtfeld durchzubrechen, den gegen die SS-Divisionen fechtenden Verbände unserer 5. Armee in den Rücken zu fallen und die zwischen den beiden Quellflüssen des Donez hier stehenden Kräfte einzuschließen. Der Angriff mit 200 Panzern, den die Luftwaffe gut unterstützte, erreichte bereits in den Morgenstunden Rschawez. Es gelang, einen Brückenkopf auf dem rechten Ufer des Donez zu bilden und von dort aus weiter nach Nordwesten zu dringen. Angesichts dieser Flanken und Rückenbedrohung musste die 5. Armee einen erheblichen Teil ihrer Reserven mit 200 Panzern dem deutschen 3.Panzerkorps entgegenwerfen. Diese hielten die Deutschen verlustreich etwa 15 Kilometer südlich Prochorowkas zwar auf, aber trotzdem blieb die Lage für sie äußerst gespannt. Unsere übrigen Armeen, die im Laufe des Nachmittags erst zum Angriff übergehen konnten, erzielten an den Flanken einzelne kleine Einbrüche. Damit verhinderten sie das weitere Vordringen der deutschen Truppen in Richtung Obojan. Entscheidende Resultate erreichten sie aber nicht. Die Offensive der beiden größten Armeen war aufgehalten und heroisch gescheitert. Zu Ende war die größte Panzerschlacht aller Zeiten, unentschieden, remis wie Borodino. Und wie damals war es der Wendepunkt, war es die Grundlage für unseren endgültigen Sieg.“ Feucht glänzt Wladimirs Wange. Er scheint aufgerührt gewallt und von Fieber. Martin nimmt seine Hand, drückt sie anteilig-teilend, und unergründlich unerklärlicherweise bleibt er lange noch auf dem Bett Wolodjas ruhen und starrt auf die Karte mit ihren Haufen von geworfenen, zerstörten und umgekippten Figuren.
11
In den Winterferien reist Sarodnick nach Haus, wählt sich einen Kamerastudenten aus Babelsberg und dreht mit diesem die Fastnacht in seinem sorbischen Heimatort.
Als Kind hatte Martin stets teilgenommen an dem Fest, an diesem Spiel, hatte sich verkleidet und war von Haus zu Haus durch das Dorf Zampern gegangen: „Gebt mir ein bisschen Geld oder Eier, Speck oder Butter!“ – Später zogen die Großen, die Männer, und die Kinder und Frauen blieben erwartungsvoll ängstlich daheim.
Zeitig am Morgen sammeln sie sich auf dem Platz vor dem Gemeindebüro, und der Frost treibt den Korn in den Rachen, treibt der Korn den Frost aus dem Bauch. „Wer ist dort gekommen?“ – Ein Paar mit Wasserköpfen am Hals.
„Sicher Paulick und Jatzwack.“ – „Nein. Paulick ist doch der Schornsteinfeger daneben.“ – „Ach was! Das ist Lehmann.“ –
„Der Bär …dieser Riese ist wer?“ – Brombog reitet auf der Ziege einher, und eine Braut in dem Schleier, ein Zigeuner, ein Bettelstudent, eine Alte mit einem Storch und Kinderwagen promenieren dahinter. In der Karre plärrt wütend der Balg. „Bolke ist das, könnte ich wetten.“ – Ein Teufel mit mistiger Gabel, eine Stadtdame unter einem riesenradigen Hut, ein Advokat auf dem Schimmel, ein Apotheker mit giftgrünen Tabletten treiben einen Leiterwagen mit Marionetten beladen. Pamarz schreitet als trächtige Kuh mit einem Euter wie vier große Schläuche, Wietsent trompetet als Feuerwehrmann und spritzt Wasser aus einem Kübel vorbei. Ein Polizist trillert, und ein Engel fliegt schnell hinter den Busch mit unschuldiger Miene. Aus dem ehemaligen Kaiserreich aber marschieren Soldaten mit Pickelhauben und Bajonetten, drei leichte Mädchen flirten wie Grazien, und ein Fliegenspritzer spritzt auf sie ein. Ein Indianer, zwei Schauspieler, ein Gaukler, ein Mohr, ein Gespenst. Eine Hexe reitet rücklings in einer dreirädrigen Kutsche, die mit lahmen Pferden geschirrt. Auf dem Bock sitzt Krabat verschmitzt und kaut an Gedanken. Nun sind sie alle beisammen, die „Körner“ gesammelt, geschüttelt, die Kleider gezogen, hat man dahinter geblickt und geraten, gewusst, wer wer ist und wer nicht. Noch einmal wird heftig gelacht, am Euter gezupft und Bier in die Gläser gekippt. „Zum Fotografieren bereit!“ – „Die Kleinen nach vorn! Die Braut, die mit den Brüsten, die ohne Löcher, in die Mitte zum Mann! Die Pferde nach hinten! Ruhe! Das Bild wackelt. Steht eine Minute mal still. – Der mit der Leiter! – Der Engel! Der Hut! – Alle mal freundlich!“
„Und die Musik?“ – „Die Kapelle mit Pauken und Posaunen! Und dahinter die Frauen in den sorbischen Trachten.“
„Keine Musik!“
„Haut auf die Pauke!“
„So. Fröhlich das Herz! – Die Hochzeitsbitter links und rechts von dem Ganzen! Nach außen! Die Flasche ist nicht zu sehen! – Klick!“
„Jeder auf seine Plätze!“ —
Vorn marschiert die Musik, alsdann kommen die Bitter, die „Damen“, die Herren, die Kühe, die Pferde, die Engel, die Teufel – zu aller guter Letzt Krabat in seiner alten wackligen Kutsche. „Das den keiner nach hinten überholt! Man wüsste sonst nicht, wer uns fehlt.“ – „Eins, zwei, drei – einen Marsch!“
„Wir fangen beim Bürgermeister an und danach geht’s linksherum weiter.“ Die Blasmusik paukt, das Schifferklavier klirrt, die Teufelsgeige krächzt und die Engel fliegen dreimal über das Dorf. In seinem dicken Strafregister blättert der Advokat: „Herr Bürgermeister schönen Tag!“ – Alle sind aus dem Häuschen, die Trompeten zwitschern ein Ständchen und die Hochzeitsbitter bitten zum Tanz. Den wendischen Frauen wirbeln die roten, grünen oder himmelblauen Röcke, und im Takt drehen die Schleifen die Runde. Schnaps verschenkt sich wie Freude, man schüttelt sich, lacht, wischt an den Lippen. In die Liste tragen die Bitter die Namen: „Wie viel wolltest du gleich geben?“
„20 Mark.“ – Es wird notiert und bedankt und ins nächste Haus eingezogen: „Schönen Gruß!“ – Die anderen besetzen den freigewordenen Platz. Die Kuh spritzt ihr Bier in die Eimer, die Soldaten drohen mit Krieg, der Schornsteinfeger jagt Kinder und verschmiert seinen Ruß an den hübschen weißen Mädchengesichtern: „Man hätte sich auch loskaufen können.“ –
Auf dem Hof demonstriert das Brautpaar die Liebe, und die Beglückte zeigt stolz das Falsche von ihr. Der Engel aber sammelt brav Eier für seine verlorenen ein, und allen hängt eine Büchse am Hals: „In den Schlitz bitte werfen das Geld.“ – Genau um die Hälfte betrügt die Zigeunerin ihre Klienten. Sie hatte es aber ihnen schon vorher geweissagt.
Auf jedem Hof singt die Musik, jauchzen die Stimmen, rollt das Geld in die Büchsen verhext, und der Feuerwehrmann löscht mit dem Wasser die hitzigen Köpfe. Der Polizist indessen schreibt die Strafzettel aus. Der Zug rattert durchs Dorf, und die Kinder verfolgen ihn ängstlich mit Abstand: „Ist das ein Fest!“ – Der Bär tanzt mit der Tschertschick eine Runde für Speck, der Fliegenspritzer schüttet tote Fliegen aufs Haupt, und die Ziegen lecken die Stiefel. Jedem Haus gilt die Offerte, jedes Haus ist zu einem offenen, öffentlichen erklärt, und die Lust biegt sich vor Freude den Buckel. – An dreien der Häuser aber baumelt ein Schloss, und man sagt: „Das sind Zeugen Jehovas. Für die ist das Zampern vom Teufel, wie auch die Wahl, die Gemeindeversammlung, das Erntedankfest im Herbst.“ – Die Hexe macht drei Kreuze ans Tor, und der Feuerwehrmann wirft einen Knallfrosch über den Zaun, dann torkelt man weiter zu den offenen Türen. Die Kutsche aber mit den vier lahmen Pferden in ihrem Geschirre fährt auf, und die Peitsche schlägt gegen das Tor. Erschreckt weicht das Holz, der Wagen rollt auf den Hof, und Krabat, witzig gewitzt, erzählt seine Geschichte. Die Kinder klammern sich vor Schreck an die scheckigen sorbischen Trachtenröcke, die Frauen kichern in ihre Tücher, und die Alten blicken mit zwinkerndem Auge misstrauisch hinter den Schwank: „Das ist doch Sarodnicks Jüngster!“
12
Hinter vorgehaltener Tür hat Tretin dem Ältestenrat des Kurses etwas zu sagen. Inständig lange drängt ihn der Professor, dass er noch einmal auf gut Freund melde, was er unlängst ihm selbst bereits angezeigt hatte: Das Verhalten Sarodnicks ist nicht kursgerecht, wäre sowjetfeindlich gar. Tretin aber hält hinter dem Berg, lauscht bloß dem kurzfliegenden Atmen seines Professors.
„Bitte, Jakob, wiederhole, was du mir und dem Rektor mitgeteilt hast.“ Tretin erhebt sich, fühlt plötzlich Schwäche in seiner schmalen Brust, lässt sich jedoch nicht von den rosshaarigen Beinen holen. Mit gesenkten Lidern kaut er genüsslich jedes Wort auf der Zunge:
„Ja. Sowjetfeindlich!“ – Ratlos muckt sich das Kollektiv: „Wir verstehen das nicht.“
„Na schon raus mit der Sprache!“, drückt der Professor kraftvoll auf die Tube, und unehrenvoll tropft es von den auftragenden Lippen Tretins zu Boden:
„Sarodnick macht oft Bemerkungen … zum Beispiel über die Tschechoslowakei, über Dubček, über die Panzer …“ – Jakob sucht die Blicke seines Beschützers: Kuleschow kann ihn doch jetzt nicht alleine hier zappeln lassen!
Zu Hause würde er ihm jetzt einen Fisch braten, bis er blau wär. Zu Hause! Ist nicht Lew schließlich und endlich sein Vater, „wie ein Vater“, „an Vaters statt“ – ein versprochener Vater nun doch?
Kuleschow hatte mit Tretins Vater einst mal Freundschaft geschlossen – hinter verschlossenen Türen – und hatte sich hinter dessen Rücken geschickt versteckt in den Jahren der „Der Großen Zeit“, der wechselnden Ämter, des „Heute-was-und-morgen-Nichts“. Sein Vater war schließlich ein angesehener Maler, „offiziell“, war angesehen, genehmigt, gelobt von der Hohen Stelle im Staat, und daher wohlgesehen von allen, ein liebend gesehener Gast: „Mit dem kann man sich sehen lassen! Der malt nur die festgesessenen Köpfe, solche die nicht wackeln, die keine Miene verraten, die man sich unbedenklich in sein Arbeitszimmer aufhängt.“ – „Der kennt sogar ‚Den‘ persönlich!“, flüsterte man. – „Der ist höher als der!“ – „Das ist eine ‚Persona mit Grata‘!“ – „Wer den kennt, wird nicht mehr verkannt, und dies hieße, sein Süppchen im Sicheren kochen!“
Mit Jakob und dessen Vater hatte Lew Kuleschow häufig an einer Tafel gegessen, aus einem Topfe gegessen, hatte ihm seine Sorgen verborgen und ihm einige Male im Vertrauen gesagt, dass die zwanziger Jahre für ihn endgültig vorüber, über, über Bord wären. Von dem Maler hernach erfuhren die Leute, die mehr waren als Leute, was für ein fortschrittlicher und parteilinienfrommer Mensch Kuleschow geworden ist, dass er keine Projekte mehr hat und nie und nimmermehr davon träume, einen Film fürs Kino zu machen. Sein Freund gab ihm da von hinten und vorne vollkommen recht. Und Recht gab ihm Lew wieder dankend zurück, als der sich von der Ehefrau trennte und sich den gemeinsamen Sohn aneignete wie die öffentliche Meinung Gewalt. Die Mutter wurde nicht für „würdig“ erklärt, musste Moskau mit leeren Händen verlassen und wurde später ins Lager geschickt. Den Sohn hatte der Vater, und er ließ ihn nach seinen eigenen Bildern erziehen.
Als jedoch nachmals eine ganze Epoche ins verwelkende Gras biss und des Malers Gönner ihre Lorbeeren büßten, stürzte der alte Jakob wie eine Laus in eine selbstgezündete Kugel: Er hatte es nicht für möglich gehalten. Wer hätte auch bei ihm noch bestellt? Der Laden war dicht. So aber war er in allen Ehren rechtzeitig verschieden: „Man muss in Würde abtreten mögen!“, bewunderte ihn sein Freund Kuleschow. – Noch kurz bevor Jakobs Vater die Pistole in den staunenden Mund zielte, verfasste er einen Brief an diesen: Er möchte doch um seinen Sohn sehen, kümmern, schützen und fördern. Und der frühe Regisseur schwor es auf dem Staatsbegräbnis des tragischen Mannes. – Die Mutter aber erreichte ihre staatliche Gutmachung erst an ihrer Bahre – Mühlen mahlen nicht wie Maler so schnell.
Die Großmutter nahm sich des Waisen an mit dem Wink von dem Freunde: „Für immer auch mein.“ – Tretin wuchs dem Alten ans Herz – hatte er doch seines – und mit ihm seinen Sohn – im Kriege verloren. Er „bemutterte“ ihn, ließ ihn rufen, prüfte die Arbeiten in der Schule und übergab ihn überdies den alten Erziehern, den alten Lehrern, den alten Genossen: Blieben diese doch ihrem glücklicherweise nicht vorzeitig „entlarvten“ Meister treu bis ans Grab und auch darüber hinaus.
Tretin fiel dadurch die Freude in seinen zu kleinen Schoß: Er bekam bessere Noten, bessere Kleidung, bessere Nahrung – er war ein Kind mit „vorbildlichem“ Vergangenheitsgrad. – „An Vaters-Statt“ nahm Kuleschow ihn ins Filminstitut, anstatt und an Statt – staatlicher Aussteuer-Statt. Und Tretin hielt die Klinke von Lews Wohnung in seiner eigenen Tasche. Das wissen alle im Institut, das nutzen viele, das nützt einigen auch: „Jakob, nimmst du mich zum Professor nach Hause mit?“ – „Was hat der Professor gesagt?“ Tretin lässt es sich auskosten im Munde. Jedoch Martin schmeckt das nicht sehr: „Was geht mich deren Vergangenheit an!“ –
„Was meint die Gruppe dazu?“, fragt Kuleschow. Und der Kurs ist gegruppt und gespalten: „Von wo weht der Wind eigentlich?“ – „Ist es nicht gut Kirschen essen dabei?“ – „Ist es rot?“ – „Eine Ampel?“ – Samwel steht auf:
„Ich bin zehn Jahre in der Partei und fresse mit Sarodnick an einem Tisch. ‚Antisowjetisch‘ – ist doch eine Fatz. Martin ist, wie er ist, und wie die meisten von uns. Der hat es im Kasten, sabbelt, wie er einfach so denkt und ist Kumpel und Kimme. Ich bin sein Freund und lege meine Hand ins Feuer für ihn. ‚Antisowjetisch!‘ – dass ich nicht lache. Tretin soll seine Worte vorsichtig wählen! Ich warne dich Zapp!“, wendet er sich an den Verräter. „Das Kollektiv bist nicht du, das Kollektiv bin ich und die anderen.“ – Tretin ist in seinen Holzsitz geklappt.
„Das, was Samwel sagte, kann ich nur noch bestätigen“, nickt Ljuba, die Lehrerin Ljuba, deren Mann und ihr Kind in Woronesch blieben und mit Ungeduld duldend warten auf sie. Ljuba, die jeden Morgen leise klopft an die Tür, auf die Bettkante zu Wowa sich setzt und ihm zart unter der Decke auf und ab streicht: „Wowotschka, du musst jetzt aufstehen, mein Kater.“ – Diese Ljuba knüpft eine neue Schleife in ihre Bluse, und ohne aufzusehen, sagt sie: „Das ist die Wahrheit!“ – André der Gruppenälteste, dreht sich zwei Meter in die Luft und saugt diplomatisch daran:
„Herr Professor, ich glaube, das ist alles ein großes Missverständnis. Jakob hat, seiner Jahre wegen, einfach nicht den Hintergrund, den eigentlichen Sinn in den Späßen, in den ironischen Äußerungen Martins begriffen.“
„Damit wäre die Sache abgeschlossen“, wischt der Professor die Unannehmlichkeit von dem Katheder, und mit einem Blick zu Tretin fügt er hinzu: „Mit Jakob red’ ich später noch selbst.“ –
„Die hätten dir ganz schön die Eier gebraten!“, meint Sjoma am Abend zu Martin. „Und das mit der Tschechoslowakei – behalte es lieber für dich“‚ ergänzt Wladimir. „Prag liegt zu weit weg, um es von hier richtig sehen zu können.“
„Mein Vater hat persönlich Dubček gekannt“, sagt plötzlich Wasili und drückt sich seine Locken zurecht.
„Dein Vater ist in der Partei?“, fragt Sarodnick neugierig den Bulgaren. „Sein Vater ist die Partei“‚ antwortet Sjoma. „Er hat im Politbüro sein Büro.“
„Sie haben auf der gleichen Schulbank gesessen“, erklärt Wasili‚ „auf der Parteihochschule in Moskau.“
„Die gleiche russische Küche und auf die gleiche russische Bank – für ihre Dienste den Lohn“‚ lacht Sjoma.
„Aber sie haben daraus nicht die gleichen Lehren gezogen“‚ ergänzt Wladimir schlau. „Die eine war kurz, die andere tief.“
„Alle zehn Jahre rückt er weiter nach oben“, glossiert der Armenier die Karriere von Wassilis Vater. „In dreimal zehn Jahren hat er nur noch unter sich einen winzigen Rest von den auserwählten Gesalbten: dreimal gewünscht, dreimal darfst du raten, dreimal geht es in die Hosen. Es hängt an der einmaligen Höhe, und die hängt bis sie fällt – die hängt, bis sie henkt. Sein Vater hofft auf das Letzte. Er will in den Himmel.“
„In dreimal zehn Jahren ist sein Vater dort, wo sein Banknachbar stand“, unterbricht ihn Wolodja.
„Vielleicht. Aber die Überlebenden leben heute sehr lange“, widerspricht ihm der andere.
„Zu Hause bei uns klebt ein Foto im Schrank“, erzählt Wasili weiter, „die ehemalige Klasse des Vaters von Moskau: In der vordersten Reihe, Seite an Seite, sitzen mein Vater und Dubček.“
„Es war nicht die richtige Seite gewesen“‚ weiß Samuel jetzt.
„In Moskau waren sie das allererste Mal zusammen, und auch das letzte Mal war es in Moskau gewesen. Das war Jahre danach.“
„Vor dem letzten Tag Dubčeks“, ironisiert der Armenier.
„Sie saßen da noch vor kurzem in Moskau hart auf der Bank, alle gemeinsam, die Genossen. Mein Vater sagte zu ihm: ‚Wir sind doch Freunde gewesen!‘ – Dubček sah sich um und fing an zu … weinen. Von den Bänken tröstete man ihn. ‚Wir sind das letzte Mal Freunde gewesen!‘“.
„Danach hat er ihn nie wieder gesehen.“
„Siehst du, Fritz, so schnell kann das gehen! Einmal probiert und dann in die Sterne gerotzt. Und du willst im Institut Vorträge halten! So etwas ist für die Fotz. Nimm dir ein Mädchen und schlaf mal darüber!“
„Ein Mädchen? Als wäre das hier bloß so einfach.“
„Du Klöppel bist natürlich verwöhnt. Bei euch lassen ja auch die Kinder schon an die Möse.“
„Na, na.“
„In Europa nehmen die kleinen Mädchen bereits Pillen“‚ bestätigt Wasili. „Was heißt ‚kleine Mädchen‘?“, fragt Martin.
„Dreizehn, vierzehn, fünfzehn usw.“‚ sagt Sjoma.
„Das glaube ich nicht“‚ zweifelt Wolodja.
„Oh ja! Ich leg dir die Eichel unter den Hammer. Da findest du garantiert keine mehr, die Jungfer noch wäre.“
„Ganz so schlimm ist es nicht“, streitet der Bulgare. „Samwel übertreibt wieder wie immer.“
„Meine Fresse! Übrigens, Fritz, erzähl doch mal! Bei euch gibt es jedes Jahr im Frühjahr ein Fest.“
„Hm. Und?“
„Und? – Da werden die kleinen Schnecken geknackt. Alle vierzehnjährigen Mädchen springen über die Klinge. Stimmt doch?“
Sarodnick wird rot, stottert, lacht hilflos und spürt die Augen auf sich gerichtet: „Na?“, fragen sie, und „Das kann doch nicht sein!?“ – Was soll er ihnen nur antworten? „Es gibt bei uns sicher für die Kinder, die die achte Klasse beenden, eine Feier …“
„Na bitte!“
„Nein! Das ist so eine … das ist die Konfirmation.“
„Was für Zeug?“
„Oder auch Jugendweihe.“
„Was hab ich gesagt? Weihe. Sakrale Weihe, wie zu vorchristlichen Zeiten: Das Mädchen wird dem Schwanze geweiht.“ – Und Sarodnicks abwehrende Worte verschlucken sich unhörbar im lauten Gelächter.
13
Beides hatte Martin damals gewollt, wünschen müssen unter Nachhilfe und Druck: Konfirmation für die Eltern und für das Dorf, die Jugendweihe jedoch für die Schule, für seinen Lehrer, der geradeheraus ihm erklärte: „Ohne Weihe – keine Oberschule, und ohne Oberschule – kein Studium.“ – Damit hatte man ihm freilich die Unschuld genommen, die Unschuld der freien Entscheidung, das, was vor der Vergewaltigung steht.
Die Bibel und „Weltall, Erde, Mensch“ schenkte man ihm: zwei Bücher – für jede Hand eins, für jeden Glauben einen Titel oder für den Nicht-Glauben eine Erklärung. Als Vorhang oder als Fortsetzung las sich die Heilige Schrift als ein hinter dem Weltall, ein „Was kommt nach dem Buche der Erde und unseres Alls“. – Sie war Strenge für Martin, schwarzer Ornat, war weiße Gesichter und auswendig gelernte Gesänge. Die Konfirmation indes war das Dorf, die Isolation, war das Ghetto der Religion.
Manchmal hörte man hinter dem Altarraum Gelächter, das aus den Ruinen kam, welche die Kirche – die selbst fensterlos, turmlos, mit abgeschlagenem Haupte – umgaben, umtrauten, trauerten, den Krieg beschworen und „Gott bewahre“ noch schrien. Dieses Lachen war ein Schieflachen also, eins aus den Trümmern, in denen die Stadtkinder Tabak verteilten und Seiten aus ihren Heften fetzten, um sich Zigaretten zu drehen. Zu Hause sagten sie „Religionsunterricht!“, hier aber starrten sie in die Asche, die glühte, verschluckten das Husten, und ihre Augen warteten auf das Wunder.
Zwei Mal in der Woche, zwei Mal Gottesdienst mit ängstigen Fragen, die oben hängenblieben im dritten Gestock, im wurmkränkelnden Gestühl, das knarrte, wenn man dranstieß. Unten freilich saßen bloß die Dorfkinder in der Buße, Kinder mit Eltern, die von früh bis abends auf den Feldern rackerten, die wussten, dass es zu Essen nichts gab, wenn die Ernte verreckte. Wer könnte da schon helfen, wenn nicht der liebe Gott? Wer könnte die Arbeit verfluchen, sonntags und feiertags und abends und nachts? Und wer könnte verzeihen und die Verzweiflung nehmen und geben und nehmen und weinen und wissen, dass jemand einem zuhörte, wenn die Eltern schon nicht, die abgenutzt, Ohren verschlossen, und verschlissen die letzte Kraft gaben für Schläge, um den Ärger irgendwo in die Ecke zu werfen? Die Schuldigen saßen zu weit. – Zwischen diese Kinder, zwischen Dorf und die Stadt, zwischen Arbeit und Tun, zwischen Demut und Trotz hatte sich Martin gesetzt. Er fuhr die fünf Kilometer in die Schule und nur in die Schule, denn für mehr, für Freundschaften, für Spaziergänge war die Stadt für ihn Ende der Welt, „für den Hund“, unrückbar, unreichbar, und selten gewährte man ihm den längeren Atem dorthin. Immer war es nur ein Moment, ein Blitzmoment, ein Sprung, ein „Satz“ und geschafft. – Das Dorf lag näher gewiss, aber für Martin war es noch weiter, um in sein Leben zu greifen: Andere Kinder, andere Fragen, andere Welten wuchsen da drin. Er wohnte dazwischen, war Zwischenkind – mitten hinter dem Walde, mitten hinten und vorn. Sein Vater war Lohnarbeiter, seine Mutter und Großmutter waren Bauern, das machte zusammen einen schönen Arbeiter- und Bauernsohn wohl. Wäre es bloß so einfach dieses Gemisch aus Eigentum und geeignet fürs Schuften! Der Bauer gab dem Arbeiter Fressen, und am Sonntag gingen beide zur Kirche. Ein Rucksackarbeiter war der Vater, und auf dem Rücken hatte er immer etwas in stiller Reserve – kein Arbeiter also, kein echter, keiner nach Marx, denn er ging freiwillig in die Fabrik. Aber auch kein richtiger Bauer, denn zwei Kühe machten die Sahne nicht fett. Dafür waren die Brotstullen dicker, und der Sohn lief zum Religionsunterricht – wie alle im Dorf. In diesem Punkt war Martin also das Dorf, im anderen hingegen standen die Jugendweihe und die Arbeiterluft. Martin schnüffelte an beiden: Fuhr zur Schule in die Stadt und war nachmittags auf dem Feld, ging in die Kirche und ebenso zur neuen Aufklärungszunft.
„Weltall, Erde, Mensch.“ Da gab es Filme und Exkursionen, und da besuchte man das Hygienemuseum mit mahnenden Worten: „Wer onaniert, dem steigt es zu Kopfe! Oder: Wer onaniert, dem bläst es den Geist aus, und er wird demzufolge ein Blöder. – Finger davon!“, sagte der Leiter, „das könnte ins Auge gehen und tiefer.“ – Und die Kinder schauten sich in die Augen und suchten darin zu begreifen, wer unter ihnen ein Blödian wär’.
Im Frühjahr reisten die Kinder nach Weimar zu Goethe und Schiller, während Nietzsche stillschweigend im Grabe verblieb, grabstill, ohne ein Wort, denn bestimmt hat so einer auch nicht gelebt, hat vielmehr den Geist sich überschnappen lassen von der Un-Onanie, vom Gar-nicht-geliebt oder doch von Onanie auch: Sich ruiniert in dem Kopf von der Sich-Liebe, vom „Immer nur begatten das Ich“. – Darüber aber sprachen sie nicht, diese Kinder, die sich aufklären ließen von deutscher Klassik und vor Goethes Ei im Gartenhaus staunten. Von Weimar chauffierten sie zu Fichte und ins Weltplanetarium nach Jena. Das war eine Kugel in Weiß, oder eine Halbkugel besser, ein zerschnittener Globus, in dem die Bänke drum herum ellipsenförmig aufgestellt waren. Die Kinder starrten auf die Decke, warteten auf die Erscheinung, dass die Tünche zerfließt und der Globus zerplatzt. Ziemlich dicht saßen sie, waren erregt, und auch Angst spielte dazu, als das Licht schnell verlosch und lange nur Dunkelheit herrschte. Eine Hand fasste plötzlich Martins, ein Mädchen drückte sich enger an ihn, suchte die Augen und suchte den Mund. Die Sterne kreisten um ihn, und die Schatten zogen über Gesichter, die hinauffuhren in Monde, in Milchstraßen – ins All. Martin hatte die Lippen des Mädchens, hatte seine Zähne im Mund, sah die Sterne in seinen Haaren, auf seiner Brust, und er tastete in die Sonnen, berührte die Wangen, spielte zu den Himmelskörpern hinauf. Aufgerührt spürte er den Kosmos in sich, griff in das All, das mählich sich drehte, und die Lichtpunkte flohen und flossen ins Ich. „Nicht gehen!“, flüsterte sie, „ich halte sie fest.“ – Und Martin nahm die Sterne, saugte das Licht zwischen das Dunkel und atmete es gierig in sich. Schmerzhaft erschrocken rauschte es hin. Ihre Hände glitten herab, er küsste ihre Brüste im Wall, und seine Finger fanden die Bahnen in Gräben. Das Blut rann auf der Lippe, die Hände klammerten, öffneten die Gestirne und ließen die Freude, steigen ins All, in die Unendlichkeit, in den Fluss, in den Sprung, in das Nichts. –
Das Kreisen wurde ein Karussell, die Lichtfetzen jagten die Bahnen, und zwei Sterne stürzten in eins. Das Mädchen schütterte, taumelte, das Beben lief wie eine Schlange zu ihm, kehrte im Kreise, zog über die Erdwelle hin. Fasern spannten in Lust, und die Hände glitten am Ende ins Zittern, ins Herz mit dem Schlage aus Glut. Er ergoss in die Wonne, lief über die Arme, mischte sich mit den Sternen – wurde zum Milchstraßenfluss. – Hernach erloschen sie alle, das Kreisen beschloss, der Globus wurde zur Decke, und die Decke zum Kalk. Man rieb sich die Augen, die Lampen schmerzten darin, man suchte zu kennen und verzagte vor Mut. Sie war Ricarda, mit Lippen, die rot-schwollen waren. „Martin“, sprang es von ihnen, „ich fühl dich im Fuß.“ – „Du hast Sternschnuppen im Kleid“‚ sagte er und war für lange entsprungen. –
Später traf er sie wieder – am ersten September, am Tag, als für ihn eine neue Schule begann: Ober-Schule, ein Gymnasium für heute, eine Schule für die, die besser waren als die anderen, besser nach Meinung der Lehrer, nach Meinung der Zettel, die man zweimal im Jahre verteilte. Eine Belohnung war es, und die zog über vier Jahre sich hin, eine Standleiter, die von Grundschule, Mittelschule, Oberschule bis zur Hochschule sich streckte. In die andere Richtung aber wäre nur Sturz, wäre ein infantiles Geheule. Nach acht Klassen waren es vier für Sarodnick noch in der oberen Schule – angesammelt, gesiebt, geordnet aus den vielen mittleren Schulen im Kreis. Ein kleines Häufchen sammelte sich zum Viellernen, Besserlernen, Vergessen. – Unter ihnen saß auch Ricarda aus Neudorf. Neudorf, weil neues Dorf, und neues Dorf hieß ein Ort mit einer schon vor Jahren geschaffenen Genossenschaft für die Bauern, war so viel wie Vorreiterposten, eine Aktivistengemeinde, ein Voraktivist. Ricarda Kaiser war das Kind vom Vorsitzenden dieser Genossenschaft, der ein Abkommandierter vom Landwirtschaftsrat im Bezirk war, der den rückgewandten Bauern der anderen Dörfer auch vorführen konnte und vor allem sollte, was Zukunft hieß und was ihre Stunde geschlagen. Aus diesem Grunde konnte seine Tochter auch nur eine Jugendweihtochter sein – ohne dieses Halbe und Halbe. Noch dazu damals in diesem entscheidenden, in diesem wichtigsten Jahr, als der Sturm auf die Bauern anhob, als der Auszug der Vorposten begann und zum Einzug der Noch-Besitzer ins Allgemeinwohl und Habenichts Stadium führte: Die Proletarisierung der Bauern, das vollprozentige Genossenschaftsdorf nannte es sich.
Ricardas Vater streifte durch Lande, rührte kräftig die Trommel, redete Stunden, zerredete Nächte, hob warnend den Finger, die Fäuste, gab zu denken, zu schenken: Den Ersten kam er mit Autos, den späteren mit Zement und mit Schlachtscheinen – die Letzten bissen die Schweine. Auch in Martins Dorf, in Sorbwinkel war Vater Kaiser gewesen – bei Metaschk, bei Paulik, bei Petschick, bei Sarodnicks in dem Haus und agitierte, propagierte und drohte. Seither kannte man ihn nicht mehr, wollte man ihn nicht mehr sehen und hören, sagte: „Was mischt der sich hier bloß ein!“ – Martins Mutter hatte schnell ihre Kühe verkauft, hatte sich verkleinert, verwinzigt von sechs Hektar auf ganze drei Morgen, wurde vom Bauern zum Groß-Schrebergarten-Besitzer. „Schuld hat die Kolchose“, schimpfte sie, „die LPG, der Fortschritt, der Kaiser.“ – Zwar kam man gerade noch einmal herum – von dem Genossenschaftlichen, von dem Gemeinen – , aber zurückblieb der Bauer, zurück blieben die eigene Milch und die Butter, blieben die fetten Jahre, der Acker, der 16-Stunden-Tag und das Jahr ohne Urlaub. Martin wurde zum Arbeiterkind, zum ganzen, zum echten, ohne Geruch von Sahne im Haar. — Ricarda jedoch war stolz auf den Vater. Die Schlacht war gewonnen, der Staat 100-prozentig – ein Volk, eine Gemeinde –, und der Bauer eingegliedert ins Wohl und Wehe für alle. Ricardas Vater schritt ganz vorne mit an. Martin indes verfluchte die Tochter oder schämte sich wegen der verlorenen Sterne.
So oder so, er ging ihr aus dem Wege, obgleich sie in derselben Klasse saßen und lernten. Er konnte den Vater ihr nicht verzeihen oder ihren Fortschritt, ihr Weiter-Sein, ihre Überlegenheit in den Fragen – „In welchen eigentlich denn?“ –, in Fragen der Liebe. Martin spürte es, fühlte, dass sie ihn mochte, möchte für immer, für lange, für mehr – für das ganze Milchstraßensystem. Allein, er hatte ihr nur die Furcht zu bieten und ein wenig seichtes Gesabber und kaltes Gelächter dazu: Einer, der nimmt sich selber nicht ernst. Er ging seiner Wege, Umwege, um sie weit herum und sah vier Jahre ihr nicht mehr direkt in die Augen. Ab und an nachts wohl, wenn er träumte, wenn der Stoff haftete am Leib, und er am Morgen sich abwusch vom Schleim, spürte er sie: ein grausames Spiel – Spielverderber, verdorbenes Ei. Vier Jahre. Beinahe.
Einmal noch, in der Hälfte der Zeit drang er in sie ein, verstohlen, wie ein Dieb, in ihre Wäsche, in ihre Gedanken: Er hielt ihr Tagebuch in den Händen, wollte lesen, blätterte drin. Seinen Namen konnte er entzifferte, und der Kopf tat ihm weh – das Kreisen wie damals begann, die Nacht, das Zeitlose, das All. Dann war sie plötzlich in die Klasse getreten, berührte ihn, sagte irgendetwas und suchte den Blick. Der aber war in dem Absatz, im Wegfall, mit Augäpfeln ganz weiß und Erschrecken. Roh stieß er sie fort, und das Buch fiel schreiend zur Erde. – Martin wurde daraufhin, als Konsequenz und wegen sträflichen Verhaltens aus dem Schulensemble ausgeschlossen, erhielt einen strengen Verweis, und sein Name wurde ausgehängt in der Halle wie vor dem Richter: „Sarodnick, Martin – ein Dieb!“ – Ricarda hatte sich beklagt und geklagt: „Der dort hat mir die Tasche gestohlen!“ –
Endlich aber war da noch einmal ein kurzes Aufblitzen, ein Zusammenstoß, ein „Noch-einmal-Vergessen“. Das war kurz vor dem Abitur, vor dem letzten, vor dem Auseinandergehen für immer. Ricarda sollte Nachhilfestunden in Mathe bekommen, und der Lehrer bestimmte Martin dafür. Seltsamerweise. Obwohl Sarodnick in Mathematik nicht schlecht gewesen, gut, vielleicht sehr gut war. Aber warum er, warum ein Junge, warum überhaupt dieser Kram? Doch es gab kein „Nein“ und kein Aufbäumen: Vor dem Abitur hielt jeder das Maul, „bloß durchkommen“, „Glück haben“, „nur nichts verscherzen!“ – Sarodnick nickte und ließ sich seine Arbeit diktieren. Drei Mal lief alles recht gut. Sie lernten gleich nach dem Unterrichtsschluss, und sehr viele Leute rumorten auf den Korridoren laut. Martin streifte nicht seine Hemmungen ab, das ist, seinen Humor oder, besser, seinen Sarkasmus, streifte nie seinen Blick ab von der Tür und ließ sich die Zeit abrollen in bloßer Routine. Eines Tages freilich konnte Ricarda nur am Abend erscheinen, und ihr Vater sollte sie dann abholen um elf. – Leicht erhitzt betrat Martin die Klasse. Die Sonne stand schon tief, und wie ausgebrannt wirkte die Schule. Ein Windlächeln drückte von außen ins Fenster, und Ricarda spielte im Haar. „Es ist heiß“, sagte sie. „Früher haben wir bei so einem Wetter Hitzeferien bekommen.“ – Aber nun waren sie Abiturklasse, und niemand gab ihnen frei. „In vierzehn Tagen ist alles vorbei“, antwortete Martin lässig. „Dann machst du sowieso, was du willst.“ – Und der Sinus huschte über die Tafel, die Kreide zeichnete auf der Haut und fiel mehlig auf die nackten Füße von ihm. „Wir müssen nochmals Kurven berechnen!“, versuchte er besonders wichtig zu sein. Wenn nur die Sonne noch bliebe und der Abend noch einen Tag währte – vor dieser Nacht! Draußen heulte ein Motorrad laut rufend auf, und Martin erhob seine Stimme. „Da könnte man singen.“ – Der Schwamm schmierte trocken über die Tafel. Man müsste ihn waschen, man müsste alles neu wischen, saubermachen, wieder ins Reine bringen. Drunter auf der Tafel tauchten die Konturen des Vormaligen auf: „Man sollte wenigstens einen Lappen hier haben. Die alten Kurven erscheinen, verwirren das Bild. – Verdammt, es ist schon zu dunkel. Aber kein Licht! Das Geschmiere – kein Licht! Ich sehe, was du nicht siehst …“
Und Ricarda war still, sagte etwas später bloß: „Ich setze mich näher, von hier sehe ich nichts.“ – Doch „Licht“ sagte sie nicht. „Das hat sie vergessen. Vielleicht haben sie in Neudorf auch keins? Nur Kerzen. Oder liegen um diese Zeit schon im Bett. – Quatsch! Ein Dorf ohne Licht! Außerdem hat ein Vorsitzender alles. – Noch einmal von vorne! Von Anfang. Wir waren bei Minus …“, reflektiert Martin.
„Du hast Kreide im Haar“, meinte sie plötzlich, und Martin verhaspelte sich, schluckte Mut und schielte auf ihre Stimme. Ihre Zehenspitzen drückten sich ab, und ein Mund hauchte ihm Wärme ins Ohr. Sie knickte ein in den Knien, lachte: „Ich bin wohl zu klein“, und Martin hielt ihre Schultern im Arm. Schatten gerannen, die Helle machte sich rar, und auf den Boden glitten zwei Rücken. Ihr Hals beugte sich zu den Lippen, und von der Tafel sprangen die Kurven ins Kleid. Haut suchte Kühle, sprengte die Hülle, wollte die andere Haut reißen an sich, und die Finger spielten im Hirn. Eine Öse rollte über die Dielen, und er spürte das Heiße, spürte die Beine an ihm, fühlte das Vibrieren unter dem Nagel, benetzt von dem Haar. Herzschläge zerrten in ihm, Hochschläge und Auffall – ein leichtes Rauschen im Sinn. Es verlangte Unendlichkeitsgründe, wünschte den Abgrund, die Metamorphose, begehrte das eine: über in sie. – Ihre Füße krümmten sich weg, legten sich breit. Martin ging über Nacktes, über den Leib, und das Mädchen strebte zu ihm. „Nein!“, löste sich überströmend sein Schrei in die Angst, und der Sinn sickerte ihm über den Boden – dem Mädchen zum Trotz. – Sarodnick suchte den Schwamm, suchte das Du und fand sein eigenes nicht. Fluchtträchtig entleert in der Hoffnung, hatte das Mädchen auf den Falschen gesetzt.
Draußen aber heulte wieder dieses Motorrad, und die Schläfe litt von dem Klang. Ein Vater schaute nach seiner Tochter, und in dem Zimmer brannte kein Licht.
„Ach guten Tag, Herr Kaiser! Wir sind gerade fertig.“ – Doch fertig war Sarodnick bloß, und Ricarda fiel durch das Mathematikabitur. Die Schuld war wohl in den Sternen verwirkt.
14
Im Frühjahr reist Petra nach Moskau. „Oh, endlich!“ – Sarodnick wird ihr die Stadt zeigen, den Kreml, die Universität, die breiten Boulevards. Doch Martin kennt die Stadt nicht, kennt die Straßennamen nicht, nicht die Plätze, die Vororte, die Museen – er sollte anfangen bei null: „Hier ist null. Siehst du von weitem die Stellen hinter dem Komma? –
Ein Buch sollte ich kaufen. Drei Tage Moskau, von hinten bis vorne, auswendig lernen und hinbeten zum Staunen: ‚Wie viel hat der doch gelesen!‘ Ein Buch – drei Tage für Petra, im Frühling in Moskau. – Was habe ich nur die übrige Zeit angestellt? Studiert bis in die Nacht und gedacht, das Internat stände mitten drin in der Welt. Mit Monika hätte ich die Gegend abfahren sollen. Aber von Monika lieber kein Wort, kein Wort an Monika für die paar Tage mit Petra!“ —
Mit Wolodja holt Sarodnick Petra vom Flugplatz. Der Freund ist besser im Bilde.
„Das ist übrigens …“ Sarodnick drückt Petra ungeschickt mit dem Mund auf den Mund. „Wie schön!“
„Guten Tag, Petra!“, artikuliert Wiadimir geschickt. Er hat Deutsch in der Schule gelernt. „Und das dort ist ein Denkmal, Panzer-Stopp. Hier waren Deutsche – bis hier.“
„Oweia! So weit? Man kann von hier Moskau schon sehen“‚ ist Petra überrascht. Normalerweise sieht sie Moskau von den Ansichtskarten nur, die Martin ihr schickt, formt dieses Land aus den Albträumen des Vaters einst und der vielen Väter daheim.
„Von dort fahren die Schiffe ab über die Moskwa zur Wolga. – Hier an diesem Bahnhof bin ich angekommen mit dem Zug, damals im Sommer.“ – Petra streichelt die Hand:
„Ich bin sehr glücklich bei dir.“
Sarodnick schläft im Hotel Bukarest an dem Fluss, und die beiden sind froh, sich wiederzusehen, wieder zu spüren nach so langer Zeit. „Wann habe ich bloß das letzte Mal im Hotel …? Habe ich überhaupt im Hotel …?“ Im Hotel ist alles inklusive: die Wäsche, die Liebe, das Wasser im Bad. „Wie lange haben wir uns nicht mehr gefasst?“
„Es ist wie …“
„Du.“ – Ein Hauch weht über die Lippen.
„Hast du etwas bemerkt?“
„Nein. Das ist Moskau, über dem Fluss.“
Sie fahren mit der reisenden Gruppe im Bus, und Sarodnick erlebt die Stadt zum ersten Mal als ein Tourist.
„Ist die aber groß!“
„Da kannst du mal sehen.“
„Jeder Pavillon war früher unseren fünfzehn Sowjetrepubliken gewidmet“, erklärt Wolodja in der Volkswirtschaftsausstellung. „Man kann die Konturen und Buchstaben von den vormaligen Losungen noch erkennen: Stalin und Stalin und Stalin … – Lissitzky hatte dem Bau die Hand anlegen wollen. Als wäre man noch bei 1920 gewesen!“ Im Panoramakino kugeln sich die drei fast ihren Kopf aus für hundert Kopeken, als seien sie mitten dabei. Und sie ducken sich von den Schmerzen im Rücken.
„Das ist die Zukunft des Films“, erläutert ihnen Wladimir. –
„Das ist Semjon-Sjoma, das ist Ljuba, das ist Jura – ein Film-Ökonom“, stellt Martin seine Freunde ihr vor.
„Zum Einfließen schön ist deine Petra“, sagt Samwel, und geniert öffnet Wladimir die Flasche mit Wodka. „Ich tuckel nur Wein“, bemerkt der Armenier, und Wladimir gesteht:
„Ich trinke eigentlich nicht.“ – Galant ausgeschwungen spricht er zu Petra, aber das Mädchen kann nicht schwingen mit ihm – sie lässt es sich übersetzen, unübersetzt.
„Dieses mit den Kanonen vor der Blende über dem Tor …– haben Sie es schon visitiert?“ Petra lacht über den Ton.
„Das ist das Museum der Revolution!“ Sie entschuldigt sich rasch: „Bei meinen paar Tagen! Ich kann nicht alles besuchen.“
„Schade. Sehr schade. Einmal war es der englische Club, und man speiste dort ein Menü à la Zar – extravagant und superb.“
Jura hat für Samwel Portwein für einen Rubel zwanzig besorgt.
„Auf ihrer ersten Voyage in unserem Land!“, prostet Wowa und hebt das Glas. Rasch hat der Ökonom, der Ukrainer aus Kiew, den Klaren aus dem Auge verloren, und er lacht nur noch aus Spaß.
„Das kann heiter noch enden!“ –
„Auf Deutschland. Prost!“
„Ihr Vater war in Russland gewesen?“
„Keine Geschichten!“, ermahnt Samwel den Ukrainer.
„Dort in der Passage hat sich Majakowski erschossen.“
„Dann wollen wir nicht mehr stören“, rüstet die schüchterne Ljuba zum Abgang. Doch die Getroffenen bleiben stumm und stumpf in den Sesseln. Nur Wladimir weiß, was sich gehört, und er küsst die Hand der „Deutschen Madame“: „Auf Wiedersehen! Es war mir eine sehr große Ehre, mit einer solchen Dame zu konversieren.“ – Wolodja und Ljuba verlassen das Paar. Die anderen aber prusten, lallen und lecken den mickerigen Rest aus den Flaschen.
„Du musst nämlich wissen, Wowa, der spinnt“‚ wird der Armenier sehr deutlich. Für Petra aber ist alles prima und „nett“: „nette Leute“, „netter Abend“, „nettes Gespräch“. „So viel habe ich lange schon nicht mehr getrunken!“
Ein normaler gewöhnlicher Tag: Alle besaufen sich, umarmen sich, schlecken sich ab und finden – „welch ein Wunder!“ – hinterher noch ihre Betten. Am nächsten Morgen kommt man natürlich zu spät zu den Seminaren, und der Kopf brüllt zum Schreien: „War ich gestern voll leerem Stroh!“ – Jetzt aber spielt es keine Geige, die Saiten sind vollzählig, sind mit Seife geschmiert, und es rutscht wie in den besten Konzerten. „Auf unser schönes deutsches Mädchen!“ – Und man prostet die ganze Familie und lässt sie in Toasten und Trinksprüchen hochleben. Es bleiben die Toten noch über: „Tränke man bis zum Jüngsten Gericht …!“ „Um die Ecke, zur Neglinnaja hin, war einst der deutsche Bezirk“‚ weist Samwel ausschweifend breit aus und lässt noch einmal sich nachschenken. „1914 wurde er reif zum Prügeln und Massakrieren geschlagen.“
„Was konnten denn die armen Leute dafür, für den Krieg?“, fragt Petra.
„Wer konnte dafür? Pogrome sind Abwehr. Das geht weit ins Abstrakte“, antwortet Jura.
„Einige wurden sogar selbst von den eigenen Leuten inszeniert und dann an die große Glocke gehängt. Siehe Odessa“, erinnert der Armenier.
„Stimmt! Wie im Film.“
„Bloß die Ausländer hatten die Genehmigung mit Wodka zu handeln.“
„In Russland! Stellst du dir das mal vor? Das Trinken kommt hier noch vor dem Saufen.“ –
Sehr spät löst man das Häufchen auf in dem Glück. Man hat sich getroffen. Halb fallend stützen sich Jura und Samwel in die wartende Taxe.
Martin schläft sich bei Petra, hält inne, überlegt: „Ist es Zeit? – Noch ein Weilchen. Es ist so gut, nahe zu sein.“ – Er küsst ihre Zähne, wechselt den Takt und verendet im Nabel: „Es ist kummervoll, sich trennen zu müssen.“
Auf dem Flugplatz, am Arm, ist Petra wieder sehr traurig. Der Koffer, die Souvenirs, der Sekt … „Wann seh’ ich dich wieder?“
„Im Sommer. Du organisierst ihn wie immer für mich?“
„Martin.“ Sie küsst ihn und schaut noch einmal über die Barriere vom Zoll, schaut prüfend, streichelnd, ein klein wenig jedoch höher auf seine Stirn, da wo die Augenbrauen beginnen.
„Wie ihr Vater damals, als er uns zum Bahnhof gefahren“‚ fällt es – wie die Schuppen vom Haar – Sarodnick ein.
Martin hatte sich damals mit Petra im Hecksitz versteckt, brav, ängstlich: Der Vater führte vorn auf dem Bock. Ihre Finger berührten sich keusch, und der „Fahrer“ sagte den Weg über kein Wort, hatte die Hände, die durch lederne, kleinlöchrige Handschuhe mattfarben schimmerten, spielend auf das Lenkrad gelegt. Ordentlich hielt er das Wagenfenster geschlossen, wegen der Hitze draußen und auch der Haare schon wegen, die im Fahrtwinde ihre Fasson einbüßen könnten und selbst ihren pomadigen Glanz. Er blickte nicht in die Seite, und er fuhr sehr schnell durch die Stadt. „Hat er es eilig? Oder ist er nervös?“, überlegte Martin. Petra hatte ihm doch bestätigt, dass der Vater nicht dagegen war, dass sie verreiste mit ihm. – Der Handschuh fingerte an dem Spiegel, und der Blick des Vaters in ihm fiel auf den Jungen. Der stahl sich hinaus, wich diesem Blickfeld, drehte zum Fenster sich ab, kam zurück, zu Petra, knöpfte am Hemd. Der Blick aber spiegelte ihn. „Was begafft er mich wie einen Esel“, fragte er sich und wurde sesshaft, standhaft, heftete sein Auge ins andere Auge, ins Auge im Spiegel: „Na und?!“ – Der frierende Guck wurde weicher, vom „Lang-Sehen“ weich, streifend-streichelnd. Und abweit verschleierte er sich in den Brauen des Jungen. Wieder und wieder spiegelte Martin – eine Wand, eine Fläche, ein See. „Es kann mich sehen, wer will!“ – Plötzlich stieß sein Kinn hart gegen die Lehne des Vordersitzes auf. Er rieb es, schaute auf: Der Rückspiegel war ein Hochhinaus-Spiegel geworden, abgedreht in den siebenten Himmel, mit mattem Gesicht – ein Stückchen Plastik und Glas.
Der Vater chauffierte langsamer nun, bremste alsdann, streifte den rechten Handschuh vom Arm und reichte der Tochter die Hand: „Und keine Dummheiten, hörst du!“ Und er ließ sich die Wange küssen von ihr. Mit dem löchernden Handschuh aber klopfte er Sarodnick auf die Schulter: „Seien Sie vor-sichtig!“, mahnte er leicht, vorbeischauend am Haar. Er dehnte das „vor“, als würde er es verschluckt haben in irgendwelcher starken Erregung. –
Drei Wochen später wurde Petras Vater verhaftet. Er hatte in seinem Betrieb einen Lehrling verführt. Nach dem 12. Verhör verstarb er plötzlich. „Herzinfarkt“ war die offizielle Version. Obwohl er in seinem Leben schon ganz andere Verhöre erlebt und überlebt hatte. Das war damals nach Stalingrad, als er in die russische Kriegsgefangenschaft kam und als hoher Wehrmachtsoffizier so manches Märchen zu erzählen hatte. Die einfachen Landser dagegen wühlten inzwischen in der sibirischen Taiga im Morast, fällten ausgehungert bis zum Umfallen riesige Bäume und krepierten dabei wie das Ungeziefer in den löchrigen Decken und die Ratten in den winddurchlässigen schiefen Baracken. Die höheren Grade indes, hochgradig schuldig und mit viel Dreck an den Knochen, schliefen tatenlos ihren vierjährigen Totentanz auf weicheren Eisenmatratzen und aßen Doppelportionen vom Schwarzbrot, vom Magermilchbrei mit gelegentlich Fleischklößen dazu. Die dienten danach zum Aufwärmen, zum Reinbeißen, Reiben, Lecken und Striegeln der Offiziere, um kraftspendend an die Reserven, ans frische Fleisch der ehemaligen Kriegskameraden gehen, besser liegen zu können – bis zum Absprung und verbotenen Abspritzmanschetten. Die Rangordnung – die strammsten und wuchtigsten Mit-Glieder – bestimmte das Untergestelle dabei.
Petra hat darüber geschwiegen, auch vom Erfurter Gefängnis wollte sie nicht reden, von dem bezaubernden Lehrling mit dem Besenstil von seinem Meister im Griff seiner Faust. Das war alles ein Schandfleck für sie, ein Stoß in die falsche Richtung, ein Schiss in die Hose oder einfach nur ein Fauxpas, der letztlich nach hinten losging.
15
„Mein Katerchen, du musst deine Träume verlegen“‚ hält Ljuba die Hand ihres Freundes unter der Decke. „Hast du gut geschlafen? – Guten Morgen, Semjon? Guten Morgen, Wasili! Guten Morgen, Martin!“
„Hm.“
„Petra ist wirklich sympathisch.“
„Allen ist sie sympathisch“, antwortet Martin.
„Mit größtem Vergnügen würde ich sie von hinten vernageln.“ „Semjon!“, mahnt Ljuba vergeblich.
„Was ist? Sind kleine Kinder im Raum?“, fragt Sjoma und dreht sich verwundert um. „Ach so! Wowa. Ich habe vergessen.“
Ljuba streicht Wolodja die Haare aus seiner Stirn: „Zieh dich jetzt an, Wowotschka, mein Sternchen, mein Katerchen, ich warte auf dich in der Diele“, zirpt sie und geht aus dem Zimmer.
„Ich hatte mal eine Mieze, die hat beim Vögeln immer wie eine Biene gesummt“, rollt Samwels Satz gegen die eingezogene Tür.
Sehr musikalisch ist Ljuba. Sie hat Musikpädagogik studiert und danach in der Schule Gesang unterrichtet. Sie kennt alle Volks- und Kinderlieder im Kopf – hat nur diese Lieder dort oben. Ihr Mann ist zu Hause geblieben. Rotborstig, mit einer grobhornigen Sechser-Brille auf der russischen Nase, ist er einmal bescheiden nach Moskau besuchsweise gekommen. Wer hätte ihn da schon bemerkt, wenn Ljuba nicht jedem Einzelnen ausdrücklich gesagt hätte: „Mein Mann!“ Er hatte höflich gegrüßt, nach rechts und nach oben – das Filminstitut ist für die Leute in Woronesch eine ganz hohe und ernstzunehmende Sache. Beim Abschied dann hatte er bewegt Ljubas Hand gefasst und ihren kurzen Mund durch seine dick gläserne Brille gesucht.
„Das war mein Gatte. Und nach meinem ersten Film wollen wir Kinder haben. Bestimmt fünf“, sagte sie ausgesprochen melodisch. Ljuba greift immer in Dur: ausgeglichen, allfreundlich, mit den Pädagogen lehrerbezogen. „Mein Pfötchen, es ist jetzt an der Zeit!“ – Wladimir belässt unter der Bettdecke die Hand in der ihren – mehr lässt er ihr nie. „Es ist angenehm, unter einer Frau zu erwachen“, stöhnt er vor Glück. Ljuba indessen sendet „Die Grundlagen der Filmregie“ an ihren Mann: „Viele Grüße von Semjon, Martin und Wladimir.“
In dem Buch steht eine persönliche Widmung von Lew Kuleschow, und sie legt eine Pelzmütze mit hinein ins Paket, die ihr Venka aus Bulgarien mitgebracht hat: „Für dich, liebes Hündchen. – In Bulgarien ist es viel wärmer als in Woronesch. Dafür aber gibt es in Sofia Mützen aus echtem Fell.“
Venka bekommt den Mund nicht ganz zu voller Zähne, und ihre obere Lippe versucht verzweifelt, verspannt dieses Weißgelb zu decken. „Wie ein Hauch. Eine zweite Sarah Bernhardt“, soll der Professor über sie einmal gesagt haben – hat jedenfalls Tretin behauptet. Schließlich hatte er die Bernhardt persönlich gekannt. Und mündig ironisch spitzen die Dilettanten im Kurs ihren Mund: „Venka, das Stummfilmidol.“
„Sie darf beim Rezitieren bloß nicht den Rachen aufsperren“, meint Sjoma. „Dann kann sie sein, wer sie will.“ – Nach der ihr zugeflüsterten Eloge des Meisters gibt sich Venka sehr schön und lässt sich nicht zwei Mal nur bitten. „Sarah-Venka!“, ruft man ihr nach, und ihr Kiefer fällt vor Stolz beinah auf die Treppe. Unten steht Martin und krabbt ihn fast in den Keller: „Der rollt!“ – Hat er nicht mit ihr schon sieben Worte gewechselt? „Ich war noch nie in Bulgarien gewesen.“ – Sie hätte nicht laut lachen gesollt! So ist alles verdorben – die Treppe hinunter. Hinterher wird gesagt, Martin hat sie gestoßen. „Wenn ich doch unten gestanden habe in diesem Moment! Oben stand doch zu diesem Zeitpunkt gerade Kim-Lan.“
Wer weiß genau, wie alt sie ist, wie viel Jahre sie hinter sich hatte? Dreißig? Fünfunddreißig? Noch älter? Altlos, weit an der russischen Sprache vorbei, ist Kim-Lan ein Geheimnis, ein Kriegsgeschenk aus Hanoi. In Dutzenden Filmen hat sie bereits bei sich zu Hause gespielt und wurde ein Ur-Stern über dem Wald, eine vietnamesische Diva. Jetzt wird die Schauspielerin zur Regisseurin geformt, denn der Krieg in Vietnam hat Akteure genug. Unter den Bomben sind die Studios zu Pulver, und das Geld für das Kino wird in die Gewehre gesteckt. Wer aber filmt die Taten der Toten? – Kim-Lan wird einmal Spielfilme drehen. Ihr Mann jedoch bleibt als Flieger am Himmel, den Amerikanern zum Fraß: Wer hat die besten Kanonen? Stets, wenn ein Flugzeug über den Moskauer Himmel pfeift, senkt Kim-Lan ihre unendlichen Haare – sie denkt an ihn, an den Krieg: „Die Ausländer können uns mal!“ – eine leise Unruhe ist dann auf ihrer leicht faltigen Stirne zu lesen, und sie kann darin sogar ein wenig erstarren.
Zwei Jahre ist sie nicht zu Hause gewesen – „Ob es noch geht?“ – und sie hanoit lautlos über die Flure. „Kim-Lan!“ – Wie aus Scham biegt sie den Hals. Sehr schön war sie sicher einmal gewesen – und ist es immer noch heute. Das wenige, welches sie spricht, was sie überträgt aus den sechsgestrichenen Ton-Leitern ihrer eigenen Sprache, will sie nicht sprechen, singt sie, möchte nicht singen, bleibt hängen in ihrem Hals. Eine dunkle Ader läuft dort ihr
darüber, und kleinschrittig huscht Kim-Lan hinaus aus dem Saal: Sie kann keine Kriegsfilme mehr sehen und ist zur Toilette geeilt. Dorthin verfolgen sie die infernalen Sirenen im Sinn. „Du bist traurig, Kim-Lan?“
„No.“ – Sie ergreift die Finger von Martin, beißt sich in sie, so dass er aufschreit, und seine Stimme fast die Höhe der ihren erklimmt. „Glücklich du bist, Martine?“, haucht sie, gibt sie nicht los und schiebt ihre Hand in den Ärmel.
„Ich … weißt du … Wie gefiel dir der Film?“, fragt er unpassend ungeschickt nicht am Platze und fühlt sich in den oberen Wolken, verblüfft.
Ihre Ader schlafft ab, entleert sich, und sie schaut ihn gleichgültig-achtlos nur von der Seite.
„Du bist nicht richtig hier – Damentoilette“, sagt sie in ihrem singenden Ton. – Eine Wunde bleibt Martin zurück, und er saugt sich fest an der Stimme:
„Entschuldige bitte!“ – Sie aber ist plötzlich wieder Kim-Lan, bloß wieder ein Rätsel.
„Ta-Scha, Ta-Scha“, verballhornt Dascha den Jungen, spült das Wasser im Klo und ordnet ihr Kleid.
„Dumme Gans!“, tut Martin verdrießt.
„Tumme Tascha“, macht sie sich her über seine Konsonanten, die weich sind wie schimmliges Obst. „Teine Sprache ist pfaul. Im Teutschen pist tu ein Schwuler mit so einem ‚Tu‘. – Alle Teutschen sint schwul. Tu aper pesonters!“
„Du spinnst! Als würde ich nicht Dascha sagen zu dir, wie die anderen auch.“ – Er reißt ihr wütend die Schleife vom Zopf: „Wenn du noch einmal …!“ – Sie prustet:
„Noch einmal!“, und ergänzt wonnig: „Rasum“ – russisch „Verstand“ – und rollt das „R“ wie eine Säge im Holz, so dass Sarodnick vor Neid sich die Zunge fast schneidend abbeißt. „Du Kind!“ – Sie ist blutneu, blutjung, blutunerfahren.
„Dtdtdascha!“, wiederholt sie ironisch. Ihr Vater hatte ihr die Filmhochschule vorgeschlagen, sie hat eingeschlagen ohne ein Wort: Er ist ein bekannter sowjetischer Filmregisseur. Alles bleibt in der Familie.
„Als wäre es so wichtig, welches ‚D‘ man sich wählt!“ – Wie ein Kreisel tanzt sie um ihn:
„Gehen wir Eis essen ins Café ‚Zu den zwei Rosen‘? – Schnell! Keine Furcht! Ich bezahle.“
„Du kleines Kind.“
„Mit dir bleibt man es natürlich bis in das Grab“, sagt sie und küsst ihn auf den Mund. „Tatjana wartet auf uns.“ – Tatjana studiert im Parallelkurs, und ihr Vater ist der stellvertretende Rektor vom Institut. „Ein Teutscher, ta!“, ruft ihr Dascha von weitem schon zu, „mit tunklen Augen und tunklem Haar – ganz wie der Führer.“ Ein Kind.
Helläugig, rotwangig ist sie, noch grün hinter den Ohren, mit einer kleinen knorpligen Nase; und die vollen Brüste sind auffällig rundbäckig prall schon für ihre kaum sechzehn ein halb. „Die wird mal ein ganz schönes Kaliber!“ – Aber noch – Gott sei gelobt! – ist sie ja ein frischer Kuchen zum Schleckern und Naschen, und Martin folgt ihrem Hintern wie blinde Kuh: „Dascha! Das Eis!“
„Tasch-Eis“, schlenkert sie ihm die Brüste entgegen, und Martin stolpert vor Wut: „Blöde Pute! Geht doch allein. – Was ist schon daran!“ –
Vier Mädchen studieren mit Martin – vier von zwanzig im Kurs. „Man sollte sich vielleicht was Besseres besorgen!“, reflektiert sinnig Sarodnick. „Vier verschiedene – und wer ist die Beste davon? – Bestimmt nicht, bestimmt. Man müsste probieren.“ – Venka ist von der Treppe geschlittert, und wie Sarah Bernhardt steht Kim-Lan stummtaub – ein Dschungel – daneben, als Ljuba am Flügel die Lieder begleitet. Dascha aber ist in den Zirkus gegangen. Sie braucht eine Hand. Die vier Mädchen reichen sich beide.
„Was ist los nur mit Martin?“ – „Alleine nur träumt er davon. Mit den Mädchen ist dies etwas ganz andres.“ – Klein bei geht er zurück in die Probe. Der Professor müsste heute persönlich erscheinen – eine Erscheinung trügt Schein. Die Schüler hoffen mit den Assistenten und die mit der Frau Kuleschows.
„Erst einmal Pause!“
„Mein Mann wird bald wieder gesund.“ – Der neunte Monat ist schon im Gange. Ljuba liest persönlich den Text von dem Mann vor:
„Die Arbeiten meiner Gruppe …“ – Eine fernere Gruppe ist sie, und im Bett urteiltest sich leicht.
„Wir werden ihn morgen besuchen!“
16
„Ich hab es geahnt“, sagt Kletters wagehalsig und flüstert dem Botschaftsrat etwas ins abgestandene Ohr. „Wie viel Male waren Sie schon zu Hause“, rät nun der Mann im Halbdunkel rum.
„Zweimal“, untertreibt Sarodnick seine Antwort. „Das erste Mal und das zweite.“
„Wir haben aber andere Informationen bekommen“, hat die Botschaft gehört.
„Es muss ein Missverständnis vorliegen“, legt Sarodnick nach. „Die andere Zeit war ich krank.“
„Krank?“
„Ja. Eine Verstauchung.“
„Genosse Kletters, was meinst du dazu?“
„Ich? Ja, der Sarodnick … Wir sind gute Freunde“, redet Kletters um Martin herum. „Das Weitere steht im Bericht.“
„Geben Sie mir Ihren Pass!“, verlangt der Botschaftsrat von dem Heimfahrer.
„Den habe ich verloren“‚ rutscht es Sarodnick wie aus der Tasche.
„Was?“ Schreiend erhebt der Mann sich in seiner Stellung. „Verrückt geworden! Da sind doch die ganzen Stempel gewesen.“ – Jeder Stempel ein Flug. „Los, geben Sie uns einmal Ihr Märchen zum Besten!“
Und Sarodnick zählt auf seine letzten Stunden im Leben: „Um 16 Uhr befahl mir Kletters, dass ich sofort mit dem Pass in der Botschaft erscheinen solle. Um 17 Uhr war ich schon auf dem Weg. Um 18 Uhr hab’ ich plötzlich Hunger bekommen, aß eine Kleinigkeit schnell, und um 19 Uhr bezahlte ich an der Kasse fürs Essen. Um 20 Uhr war ich dann bei Ihnen hier.“
„Eine miese Geschichte“, verdrießt der hohe Genosse sich rastlos und glotzt auf das Porträt von dem Ulbricht. „Weiter! Wo ist nun der Pass?“
„Irgendwo zwischen 16 und 20 Uhr.“
„Das können Sie in der Kneipe erzählen!“, schenkt der Mann redekarg aus, und Sarodnick gibt ihm voll Recht:
„Daran habe ich auch gleich gedacht, aber die Kassiererin hat nichts gesehen.“
„Die lügen doch alle hier wie die Reiher!“, vergisst der Mann sich im Land. „Eine Hand klaut die andere.“ Und er haut auf den Tisch. „Wir prüfen die Sache!“ Und zu Kletters gewandt: „Du hättest ihn niemals aus den Augen sollen lassen, Genosse!“
„Ich habe es nicht.“
„Und von 16 bis 20 Uhr? Was war da?“ – Kletters nickt, er hat seine Lücken begriffen.
17
Ein Sommer wie jeder andere. Ein Meer wie jedes. Ein Mädchen wie andere auch. Auf der Rückfahrt vom Sommer, vom Meer und von Petra macht Sarodnick eine Rast. Sie ist kurz und bescheiden, denn der Sommer wollte nicht enden, wie das Meer endet am Strand. Das Auto bleibt auf der Straße, es hat inzwischen das Motorrad ersetzt, hat die Gefahr ein Stück in die Wege gerückt, und die Rast steht vor dem Hause nun auf vier Beinen.
„Grüß dich!“
„Grüß dich!“
„Setz dich, mein Schatz!“
„Oh. Danke.“
„Erzähle von dir.“
„Das ist Petra.“
„Ich kenne sie schon von dem Bahnhof.“
„Petra ist eine Freundin von mir.“ – Monika zerrt an dem Mund: „Weiter, mein Schatz.“
„Wir sind von der Ostsee.“
„Das sehe ich wohl.“
„Wir fahren wieder nach Hause.“
Die Mutter stellt Kuchen: „Meine Tochter hat so viel von Ihnen berichtet.“
„Mutti!“
„Sie studieren also in Moskau?“
„Bitte!“
„Monika hat ja nun ihr Diplom absolviert.“
„Mutti, geh in die Küche!“ –
„Was wirst du jetzt tun?“, fragt Martin und sieht der Mutter hinterher zu der Tür.
„Ich möchte …“, Monika ziert sich zickig im Stuhl, „fotografieren.“
„Ist dies denn möglich?“, fragt Petra aus der hinteren Reihe, doch Monika hat die Frage gar nicht gesehen.
„Ich mache ein Buch.“
„Und worüber?“, staunt Martin.
„Nicht hier!“, flüstert Monika leicht und guckt wie durch die Wand in die Küche und durch Petra hindurch wieder zur Wand. „Wir reden unter vier Augen darüber. – Du hilfst mir dabei?“
„Klar!“, couragiert sie Martin lautstark.
„Ich komme noch öfters nach Moskau.“
„Schön.“ Martin verschluckt sich im Magen und dreht sich geniert zu Petra herum.
„Ich werde da schon aufpassen auf dich“, schäkert Monika, himmelblau in den Augen.
„Wieso aufpassen?“, stellt sich Sarodnick dumm.
„Na, na!“, zieht sie sich hoch. „Keine anderen Mädchen, mein Schatz!“ Und sie schmettert diesen Satz Petra ins Gesicht wie eine Fanfare.
Die Rast geht zu Ende. Jeder Abschied tut weh. Petra sitzt in dem Auto, und Sarodnick schnappt noch ein Foto vom Kuss, den er Monika gibt.
„Ciao! Auf Bälde.“
„Grüß Moskau von mir!“
VON KOPF BIS FUSS
1
Sie hat lange Pechhaare bis zur winzigen Taille, und die Taille ist gleich einem Ring am Gelenk, die sich wiegt wie in einer Muschel am Flusse, leise sich öffnend zum Kiesel – ein südrussischer Stein mit den Mongoloiden von drei Jahrhunderten Joch. Und jochbeinbreit reißt es im Gemüte gleich einem entfesselnden Tiere in der unendlichen Steppe, dass man reinbeißen muss in die Zähne, in die lockenden Milchstreifen am Himmel, in die Milch ihrer Haut. Zum Springen weit dagegen leuchten die Lippen wie die Wildkirschen zur Reife im Fallen, und zum Versinken im Weich sprühen die Augen, diesem Grün der Zeitlose morgens im Tau. Träumt sie noch den Kindschlaf der Jahre?
„Wladimir?“ – Schwebe hält das Gesicht, und wenn es lacht, ist ein leichtes Grübchen darin. „Wladimir.“ – Die Zunge macht einen kleinen Satz auf der zweiten Silbe, und die Lippen verschließen nicht mehr vollständig. Wolodja ist verwirrt, ordnet sein Hemd und steht wie ein gefeierter Jüngling neben dem Bett, mit der Hand die Geste entschuldigend: „Ich bin Wladimir“, und er verheddert sich vor dem Mädchen, das so urplötzlich da steht im Raum. Gleich Samwel, der stetig weiß, was zu tun, oder nie weiß, was wirklich die Sache, und der jetzt durchgedreht, unsicher, kopfscheu gemacht, in ihren Mund starrt und sich verschluckt in der sinnlichen Form. – Das Mädchen stellt ein großes Glas, Papierbogen bedeckt und mit einem gelben Gummi verschlossen, auf den Tisch nahe am Bett: „Von Ihrer Mutter. Ich habe sie auf dem Bahnhof getroffen.“
„Das ist aus dem Garten … Honig. Setzen Sie sich! Ein Wunder! Woher? Und Ihr Name?“
„Larissa“, setzt sie sich fest in den schwingenden Vokalen und lässt die Tür hinter sich angelehnt wie zur Flucht. Aber Samwel – sperrig, ein Wille: „Die oder keine!“ – blockiert ihr den Weg. Er hat seinen Rhythmus gefunden, den Taktstock, den Einsatz:
„Meine Fresse! Das ist nicht zu fassen.“
„Sehr schön Larissa, möchten Sie nicht …?“, kommt ihm Wowa zuvor. Doch der Armenier hat schon ihre Schultern berührt und sucht den Körper in seine Worte zu ziehen:
„Ich bin ganz über von dir, fließe schon aus. O meine Schönheit!“ – Federnd stoppt sie ihren Handrücken an seinem Hals und kehrt sich geschickt ab, weg in die Seite, dorthin, wo Martin liegt auf dem Bett.
„Das ist unser Fritzig!“, folgt Samwel unruhig ihrer Bewegung.
Wie eine noch reifende Mandel huschen die Augen des Mädchens in die dunklen von Martin, und Sekunden starren Augenweiten in -weiden, wird ein Tausend zu ewig, und Welten balancieren im Licht.
„Nachgerade ist sie zu mir doch gekommen“, wehrt Wladimir die Freunde sich ab. Ein wenig herzschwer winkt sie nun ab, sich mit dem Blick an Martin noch klammernd:
„Zu mir …?“, fragt sie lang atmend, um sich alsdann rasch wieder an die anderen beiden im Lachen zu wenden:
„Alles wäre gesagt.“ – Sie zieht an der Tür. –
„Aber warten Sie doch!“
„Du kannst mich doch jetzt nicht so alleine liegen lassen!“ – Noch einmal zeigt sie die Grübchen und geht. Das Schweigen, das Verdutzen bleiben und haben sich durch das ganze Zimmer gespannt.
– Später dann ist Wladimir den Flur hinuntergelaufen, über die Treppe, den Hof und hat auf der Straße einen Treffpunkt von ihr sich erbeten. Dass sie nicht weit von hier im Internat wohne, hat er von ihr nur erfahren.
Am nächsten Tag schlüpft er in die besten Kleider, kauft Blumen, zimtfarben und blattlos und sucht Larissa im angezeigten Studentenwohnheime auf. Nach einer Stunde freilich kommt er wieder zurück, und auch an den anderen Tagen wiederholt sich dieses Spiel ohne Dauer. – So stocken Wochen im Sand, – und Samwel verzieht den Mund bis hinter die Ohren und klirrt:
„Der Sack! Fiedelt mit Liebe wie bei Tolstoi, statt sie einfach zu geigen.“ – Und er rafft sich selbst auf den Weg, um sich die Unruh krönen zu lassen. Mühselig hatte er sich Eintrittskarten besorgt und lädt mit diesen das Mädchen zu einem neuen amerikanischen Film in den exklusiven Kinoklub ein. Nach der Vorstellung indes lässt Larissa ihn stehen und fährt alleine zu sich. Wladimir reibt sich vor Schadenfreude die Hände, kauft wieder zimtfarbene Blumen und sitzt eine Stunde bei Larissa in ihrem Zimmer am Tisch. Er spricht sehr klug über den Dichter Nikolai Gumiljow und dem Leben als große Tragödie schlechthin: „Am gleichen Tag, als man den Dichter erschoss, ist Alexander Blok zu Hause verhungert. Und keiner hatte von dem Tod des anderen erfahren. – Allein, es sind immer die anderen, die alles gewusst haben. Die anderen gehen über die Straße im Blick, und sie finden dort nur die Steine am Rand.“ – Sehr spät kehrt Wladimir nach Hause zurück, ohne dass Larissas Mund sich zu einem „Warte!“ bewegte. Und weiter saugt er die Tage in Harren, ist verschlossen in Gram. – Wie ein Rebhuhn dagegen fliegt Samwel zu ihr, ergreift sie, kniet vor ihr nieder, flucht, sagt die romantischsten, sentimentalsten Dinge und Undinge der Welt und wickelt sie um und ein in ihre Haare:
„Geliebte! Mein Alles! Das Leben verwirkt ohne dich …!“
Hierauf – auf dieser Szene in schwülstiger Luft – kocht Wladimir erneut den Groll in sich auf bis zum Wallen, seinen Ärger hinauf, verbietet, verbittet die Rechte, bittet Respekt seiner Gefühle und tritt trotzdem nur auf dem Flecke. Freilich, auch andere Freier stehen in Lauer, bereit, die ersten zu sein:
„Ich bin vom Film …!“ – „Möchten Sie nicht in meinem neuesten selbst drehen?“ – „Meine persönlichen Möglichkeiten sind kolossal …“ – „Wir könnten zu einer Premiere …“ – „Ins Restaurant …?“ – „Mit dem Auto?“ – „In den Ferien können Sie in meiner Datscha am Meer …“ Wie Wölfe zerren sie hungrig am Fleisch. Larissa aber bleibt ruhig dabei, verschmäht diese Rudel, fegt von der Schwelle die Rage, und überrascht-überraschend verfängt sie sich fernerhin in der Masche Wolodjas und Samwels, obgleich mehr befangen und roh, mehr mit einem leichten Bedauern oder gar Dauern und ohne ganz landwärts zu kommen. Es ist ein Vergeblich – sie zieht ihre Kreise um sich und atmet die Feuchte am Fluss. Irgendwo spielt sie noch in dem Morgen, ist selbst von den in ihren jähen Keimen der Frau ein wenig erstaunt, die ein Sinn, eine Lust für die sind, die unentdeckt, spähend wie Rosen angenehm picken, um plötzlich dann zu wachsen, zu antizipieren. – Schwunglos verreiben sich Wladimir und Samwel. Doch hinter sich die Gegnerschaft fühlend, im Felde, in den eigenen Autos und großen Häusern, aufgeschlossen und pranzend, gedulden sie sich, dulden stolz den schmalen wackeligen Steg, der sich ihnen noch bietet.
„Du bist meine ganz große Liebe!“ – Wowa spricht wieder von Gumiljow: „Vom Todesurteil hatte Lenin erst viel später erfahren. Hätte er an dem Verdikt etwas geändert? Gumiljow hatte er doch selbst niemals gelesen. – Ein schwarzer Rebell. Vielleicht hatte sein Name ihn einfach verraten: ‚Gumiljow‘ – mit solch einem Namen darf man nicht kämpfen, er ist zur ‚Humiliation‘, zur Demütigung prädestiniert – wie der der Zwetajewa – ‚Blume und Farbe‘ – der zum ‚Verblühen‘, zum Frühtod, zum Selbst-Tod nur geeignet wohl war. –
Ein Name ist wie ein Gewitter: ‚La-Ris-Sa‘ – der Hauch einer verspielten Nymphe, die in heimende Wässer entführt.“ –
Manchmal sieht man sie mit Samwel im Club, lässt sich vorstellen, vorzeigen, bewundern, meiden, beneiden – sich und den Mann: schön, weich – eine Daune und Samt. In den Kulissen aber zu zweit wirkt sie nur krallend, rar, unnehmbar und kalt. „Sie segelt wie eine Möwe – über die Wasser und unheimlich hoch.“ Natürlich, Semjon zeigt niemandem seine seelischen Narben, trägt es in sich, hält seinen Ruf – er muss der Mann sein zum Schwindeln in schwindelnder Höhe. Was er fasst, gelingt ihm total. Fast. Und nicht immer. Ausnahmen bestätigen seinen Jammer bloß umso mehr.
Schnell riecht Walodja das Faule, er ist nicht auf seine Augen gefallen, ihre gefallen ihm nur. Es ist nicht das Wort – er verliert zu viele bei ihr, ohne das richtige Wort wirklich zu sagen, hören zu können: Sie bleibt stumm, und stumm kreuzen sich ihre Wege. Mit beiden. Mit beiden und einem. Ungewollt schreibt Martin unbewusst ihren Namen auf einen Zettel im Seminar, und Sjoma grinst witzig-gewitzt: „Du musst zuerst noch die Schalen deiner Eier polieren. Lerne und lerne und lern!“ – Aber lernt Martin nicht weiter? Oder nur mit Gewalt? „Wenn bloß Wolodja das Geschriebene nicht entdeckt! Der hat sich mit Blindheit geschlagen und meint, das wäre die ganz große Liebe.“ – Das Mädchen jedoch macht keinem das Bett, und dies schärft noch die Messer der beiden. „Der Erste verliert.“
Konfus schrickt Martin vor den eigenen Buchstaben fort: „In der Tat! Ihr Name. Ist’s Spielerei?“
„Martin, Martin!“, kneift Semjon ihm in die Backe. „Nimm die Finger davon. Sie ist nicht umsonst. – Schenk lieber Lewon etwas zu seinem Geburtstag!“, fügt er ganz nebenbei noch hinzu.
„Warum?“ – Lewon stammt aus der anderen Gruppe, ist noch ein halbes Kind, ein noch werdender Mann, mit einem mächtigen Bauch, wie ihn die Alten nur haben, einem Bauch, der gemütlich und weich hinter französischen Hosenträgern sich hält und von dort laut wackelt wie ein Gelee.
„Oh, Fritz! Lewon, Ljowa ist doch auch ein Armenier.“ – Damit ist’s formuliert. Armenier sind Freunde, und die Freunde von ihnen sind Freunde. „Mein Freund ist dein Freund, und sein Freund ist der Freund unseres Freundes“. Der Wunsch wird Sarodnick heilig, und er sendet dem neuen: „Alles Gute, Liebe, Jahre, Erfolge …!“ – und schenkt ihm ein französisches Kartenspiel aus Berlin.
Der stattliche Bauchbesitzer grunzt erfreut. Seine Träger hüpfen bunt durcheinander, und die winzigen schmalen Hände schütteln und schütteln zärtlich und weich: „Ich lade dich ein für heut’ Abend zu mir.“
„Mich? – Warum nicht?“
„Und möchtest du nicht jemanden mitbringen?“, fragt das Geburtstagskind ganz ohne Zeremonien.
„Sjoma vielleicht?“
Der Kaukasier kratzt an seiner armenischen Nase – adelig, adlerich, gebogen wie bei den Georgiern auch, bloß mit einer zusätzlichen Krümme nach rechts: „Nein. Eher ein Mädchen. – Wie wär’ es mit Larissa?“ – Die Nase wird schiefrot und zielt auf die Schläfe von Martin.
„Was habe ich mit Larissa zu tun?“ – Straff spannen die zarten Finger Ljowas die Träger, und die weiten Hosen steigen hochwasserhoch:
„Das werden wir sehen!“ – Und der Halter schnalzt auf das Hemd. „Versuchen wir’s einfach!“
Unruhig von Fuß und von Kopf, stehen die zwei vor Larissas Tür, und Ljowa klopft als Erster sachte bis ins Gehör.
„Bitte?“
„Danke.“ – Der Armenier passt zwischen die Tür, Sarodnick in die Angel. „Ich möchte dich zu meinem Jahrestag laden.“
– „Und wer ist noch dabei?“, fragt neugierig das Mädchen.
„Mein Vater, mein Bruder, ich, wie gesagt mein Vater, Martin und du. Alles.“
„Schön. Bis heute Abend!“
Auf der Straße meint Lewon: „Na bitte!“, und ist selbst überrascht.
„Das ist lange aber noch keine Garantie.“
„Aber schon etwas.“ –
„Mein Vater!“ – Er ist das Abbild des Sohnes nur in großem Format, eine Großeinstellung, alles eine Portion weiter, wuchtiger und in Schöpfen gekeilt.
„Ich bin erfreut, dass mein Sohn einen solchen Freund hat.“ Sarodnick aber hatte noch gar nichts gesagt, denn er lauscht der Wohnungsklingel am Pfosten der Tür.
Der Vater bittet ins Zimmer, ins Ein-Zimmer, das er mietet für seinen Sohn. Für den anderen mietet er gleich nebenan. Der Tisch ist gedeckt. Man hat vom schicken Hotel „Budapest“, wo der Vater immer absteigt in Moskau, kommen lassen, was dieser zum Kommen wert hielt. – Die Klingel! Das Herz klopft Sarodnick laut. „Mein Bruder, Aram. Er studiert im MGIMO, wird Diplomat.“ – Nichts geht sich von selbst.
„Einen Kognak? Der beste der Welt.“
„Wir warten noch auf die einzige Dame.“
„Einzigartig! Da lass ich mich überraschen.“
Als dann endlich die Tür sich aufsperrt, ist der Vater der erste bei ihr, und er nimmt Larissa in’ Arm. Seine stattliche Gestalt strebt in die Höhe, und die Augen gleiten ungesehen über das Mädchen. Es ist diese Nie-Gleichgültigkeit, dieses „Zuerst ist man ein Mann“, die Ewig-Erregung des südlichen Herzens vor der gelungenen Form, vor einem Lippenschnitt, der ins Fleisch schneidet und sticht.
„Sie sind die lange Erwartete. Das aber hätte ich bestimmt nicht erwartet: eine Fee aus dem Märchen. Treten Sie ein!“ – Die Söhne, der Freund bleiben im Abseits, sie stauben nur ab.
Das Einhaken des vermeintlichen Vaters erduldend, erzählt sie, erklingt ihre Stimme, zeigt ihren halboffenen Mund, das Schlagen des Pulses auf ihrem so schneeweißen Hals.
Später sitzt man am Tisch zueinander, langt über, nascht von den Bissen und leert die Kognakgläser zum Toast. Mit den Getränken streift die Hemmung sich ab, die Gäste atmen sich frei, reden, erinnern an Nahe, an Ferne, an Freunde. Das wärmste Glas ist für das Mädchen bestimmt:
„Auf die Schönste, die Unnahbarste, die Unberechenbarste – auf die russische Frau!“
„Hast du in Deutschland jemals so ein Mädchen gesehen?“, prahlen die Worte, und Martin versinkt vor Scham in die Erde: „Nein. Ganz ehrlich …“ – Noch einmal schließt der Vater das Mädchen an sich: „Hätte ich Sie doch früher getroffen …!“ – Und ein letztes Mal schwärt ein Funke in ihm. Dann küsst er die Söhne, sagt zu Sarodnick noch:
„Vielleicht besuchen Sie uns demnächst?“ – Es bleibt keine Zeit für die offenen Fragen. Unten fährt das Auto schon vor. Die Kinder sind wieder allein. Endlich, schade, warum eigentlich nicht?
Aram gibt Anekdoten und Halbwahrheiten von seinem Institut für internationale Beziehungen zum Besten: „Eine exquisite Elite wächst bei uns dort hinter dem Zaun.“
„Ausgewählt vom Vater zum Sohn“, bemerkt Sarodnick plötzlich wie aus der Pistole. „Geprüft bis in die Nieren und weiter höher und tiefer auch noch dazu. Ein gutes Gewissen – und kein einziger weißer Fleck darf da sein.“
„Wer da herauskommt, geht in die Annalen der Sowjetunion ein“, verteidigt sich der Armenier.
„In die Parteigeschichte. In die kleinen Geschichten vor allem im Auslandsbüro“‚ kontert ihn Martin bissig. „Er ist der Repräsentant, der nur repräsentiert und belauscht – sonst weiter wohl nichts.“
„Man ist eben UdSSR.“
„Ein Klotz – unbeweglich, unnahbar, hinter dem Zaun –, in die Welt gestampft zum Wohle des Staates, den Zaunpfahl im Auge – je dicker, umso weiter kommt man herum und hinauf.“
„Wenige fangen so an, aber so fängt man gut an.“
„Ausgekocht bis in die Mark geht die Pflicht tief in die Knochen. Für immer – oder für immer vorbei. Aram, du bist die armenische Hoffnung!“ –
„Wir werden von Anfang an schon für bestimmte Länder spezialisiert“, lenkt Aram das Gespräch in geordnete Bahnen. „Ich lerne Türkisch, Persisch, Englisch und ein bisschen Französisch. Die Richtung ist uns natürlich a priori gelegt und der lange Marsch auch noch dazu. – Alle Diplomaten sind grau. Es ist an dir, sich Farbe zu geben.“
„Der Dank schleicht hinter den Hacken – abgelatscht bis zum Wundfuß im Dreck“, sagt Sarodnick wieder sarkastisch, vom Kognak ermutigt. „So lebt man sein Leben ruhig und lange, der Dip-Pass verdeckt das Gesicht.“
„Dafür ist man unter uns und mit uns.“
„‚Unter uns sind wir offiziell. Unter uns muss man sein.‘ – Der Umgang wird dir von oben empfohlen. Der Diplomat brät im eigenen Fett, und das Fett ist Hausmacherkost. Im eigenen Haus aber kocht man nur faul“, widerspricht ihm wieder der Deutsche.
„Man isst eben nicht zu Mittag bei seinen Feinden“, antwortet ärgerlich der Armenier.
„Der Feind ist immer der andere. Für den im Osten – der aus dem Westen, für den im Westen – du und deine Kumpanen. Alle haben schließlich ihre MGIMOs, ihre Gitter, ihre Suppen, ihren Marsch, ihren eigenen Schmalz. Sie sind spezialisiert. Die Spezialisierung ist die Subordination und das Gastrecht missbrauchen. Überall. Der Dip-Pass macht einen legal. Tabu, Taba, Tuba, tutu. In den Häusern mit den fremdländischen Fahnen.“
Witzig wippt die Trikolore am Hosenträger des Jungen. Die Brüder tragen ihn beide – durch dick und durch dünn. Aram ist etwas schmaler geraten. Es weht in seinem Institut schließlich eine andere Kost, und es geht viel sportlicher zu. „Die ‚Marseillaise‘ kann ich sogar im Original singen.“
„Originell“, nickt Martin. „Du fängst sehr gut an.“
„Auf die Franzosen!“, hebt Aram schreiend sein Glas. „Die haben die Hofordnung erfunden“, zelebriert er hoffärtig-höflich und schon ein wenig benommen, „morgen habe ich eine Prüfung, ‚Geschichte des Islam‘. Ich muss mich vorbereiten dazu. Macht’s gut!“ – Er wird sich noch oft vorbereiten müssen dafür,wird noch oft früher gehen müssen als andere.
„Auf bald!“ – Bald geht sein Stern auf unter dem Himmel. –
„So aber bleiben noch drei“, meint Lewon weise. „Und zu dritt spielt man gewöhnlich Karten bei uns.“ – Er packt Martins französisches Geschenk auf den Tisch. „Wer verliert, muss ein Kleidungsstück setzen.“
Man setzt sich zur Erde, mischt, teilt aus und gewinnt. Alle verlieren. Am meisten aber Larissa – sie bleibt im kurzen Unterrock sitzen. „Ich kann nichts mehr bieten“, bedauert sie sehr, doch Ljowa ist eingenickt und liegt in seiner giftgrünen Turnhose mit den bunten Trägern als Klips auf dem Bett. Er ist einfach nicht mehr zu rühren. Schwindlig, aber ein wenig unverständig-anständig noch, starrt Martin in die Grübchen Larissas und traut sich nicht, weiter nach unten zu sehen. „Der schläft“, murmelt er leise. „Wir müssen jetzt gehen.“ – Sie schaut auf die Uhr: „Um diese Zeit gibt es hier keinen Bus, keine Taxe, kein Nichts.“ – Und mit einem gewagten Blick auf das Bett meint sie: „Das ist so breit wie für drei.“
Schwer fällt Martin das Herz bis hin zu den Ohren, hat sich verhört, hat sie überhaupt nicht gehört. Doch Larissa steckt bereits unter der Decke mit dem, was sie noch nicht am Abend verspielte:
„Mach das Licht bitte aus!“ – Er macht’s und macht, dass er ins Bett kommt – an seinen äußersten Rand. Sie aber nimmt ihn geschickt unter das Laken, legt ihren Körper und ihre Lippen zu ihm. Mit diesem Mund könnte sie beide Jungen umarmen, und er ist heiß wie die Beine von ihr. Martin rührt zaghaft daran, und er zittert, er bewegt ihre Haut, den Nacken unter dem Haar, er rührt an dem Glück. „Ich kann es einfach nicht glauben“, zweifelt er leise. Indes, das Mädchen glaubt dran, hatte schon immer gehofft, von dem allerersten Sehen im Heim: „Ja.“ – Ihre Zunge – sie lacht. Ein Rauschen. Nur schön. Halten, sich krallen am Reiz, und alles ist jetzt. Alles ist Kosten, ist Nießnutz und Nießbrauch, und man atmet den Atem des anderen ein. „Warum habe ich noch nie so geküsst? Bin nie versunken gewesen in solche Lippen, die von irgendwo herkommen ohne ein Halt und ins Nicht-mehr-Erinnern verlaufen, in Sand?“ – Probierte er nicht vormals, in früheren Tagen hinzukommen, zu wünschen, hinzubekommen den Wunsch? Und war es trotzdem immer und um Gottes willen nicht bloß ein Nebenan, war lediglich ganz dicht, nur eben nahe daran? Wie oft hatte er es gehabt dieses „Fast genau“, das „Beinahe ein Mädchen“, das „um ein Haar“, das „Bald“, das „Es fehlte nicht viel, und es wäre ideal“? Doch ein Schier ist ein Ungefähr, und ist tausend Werst vom haargenau weg – es ist das Gleiche wie nichts. Und plötzlich zählt das alles nicht mehr, war trivial, war niemals und kalt. Neben ihm liegt das Mädchen, und Martin brennt in sein Herz: „Bloß es nicht mehr verschenken!“ – Und Larissa reicht hin: „Nimm, was du willst, und was du willst, ist für mich übergenug.“ – Seitwärts am anderen Rande schläft Lewon seinen seltsamen Traum, schläft leicht zuckend sein Babygesicht und ruhen seine geschlossenen Augen.
„Ljowa könnte uns hören“‚ mahnt Martin.
„Er hört nichts, er sieht nichts, er ahnt nichts“, lacht sie und küsst Martin geschwind. Und er fühlt den Wandel an sich, das Lose, die verlorene Angst. Er ist in Frieden mit sich. Jede Zeile von ihr ist ein Strömen in ihm, ein Kuss, die Hand auf dem Bein ist ein „Niemals genug“. Martin denkt nicht an „mehr“, er denkt überhaupt nichts, er hat das Denken verlegt. Es ist ihm eine sichere „Bank“, und jede Winzigkeit ist ihm neu, ist ihm Wunder und schön. „Wie kann ich bloß alles genießen, versuchen und schmecken?“ – Es wird jetzt eine Zeitlupenprobe für ihn, ein Tasten in ihre Welt.
Und das Mädchen ist da, ist „an-sich“, weiß eigentlich nur: „Alles ist uns erlaubt, alles ist möglich“ – es gibt keine Achtungssignale, kein Halt vor dem Reiz, der aus den Zellen ihm fließt. Wie viel Zeit muss man haben, um alles zu spüren? – Es ist ein Ring in die Ringe, das Einringen zu dem Blühen, ein Letztes. Larissa aber hat keine Angst vor Martin, vor dem schlafenden Armenier, vor der fremden Haut an der ihren. Sie hat nur Freude daran, vor dem Hingeben an den Lauf aller Dinge, dem Tun, dem Gefühl. Wer freilich könnte behaupten, dass die beiden sich bereits an die Grenze gefühlt, sich gezogen bis an den Schlussstein, dass sie etwas konkret Genaues möchten mit einem „bestimmt“ – in ihn, in sie –, wo die Leiber befrieden in einem einzigen Kuss, in einem Blick, einer Frage, wo Erregung kommt von dem, dass man ist, dass man „zwei“ ist, eine Seele, und dass man unendlich genießt an dem Nichtgewesenen, an dem, was im Traum existiert? Als ob eine einzige Nacht Befriedigung schafft! Als ob die Nacht nicht Befriedigung in Kristalle zerlegt. – So suchen zwei sich wie ewig, um alles zu finden darin. –
Als es schon graut, und von unten die Straßenbahnen durch die Fenster aufschreien, als Lewon sich streckt bis zur Decke und die Augen sich reibt, lösen sie sich – das Lösen verwünschend – und wünschen sich: „Schönen Tag!“.
„Bist du müde?“, fragt er, und leichtfertig leicht antwortet sie:
„Ich liebe.“ – Nichts wissend, ahnend, schmunzelnd und an seiner Bergnase ziehend, bemerkt Lewon:
„Seit gestern bin ich ein Jahr älter als du, kleine Larissa. Ich bin achtzehn geworden.“
„Seit gestern bin ich wieder geboren“, antwortet sie nur zart lächelnd, verschmitzt. –
Die Straßenbahn schüttelt in den Tag, in die Trennung. Jeder hat jetzt wieder seinen eigenen Weg.
Als Ljowa und Martin ins Institut langen, greifen von weiter Hand Flüche sie an: Samwel ist längst informiert. „Ich reiß dir die Hoden aus deinem Sack, du Fotzenreiter, du Sacklaus und Scheißhaufen! Deine Mutter lass ich über meine steife Klinge springen …! In das Arschloch gefickt …! Sauhund räudiger! Den Freund an der Knolle rumführen! Mistkrücke! Mieser Zuhälter von Nutten …!“
Nervös schnappt Lewon Luft wie ein Fisch auf sumpfigem Kies und ringt mit kränklicher Blässe, hat plötzlich überhaupt keine Zeit mehr für Dialoge und für die harten Worte und spielt den angepinkelten Pudel vor dem Landesbruder aus Tiflis.
„Aus deinem elenden Maul schlag ich dir alle Zähne heraus!“, attackiert ihn Samwel. „Scheiße sollst du fressen, drei Tage lang.“
„Was ist eigentlich los?“, fragt endlich nach einer peinlichen Pause scheinheilig Lewon.
„Bastard!“ – Samwel ist spitz, spitzfindig, spitzkommend. Er spitzt die Sache zur Stecknadel im Heu und hat es im Riecher. Der Teufel hat ihm eine Nachricht geritten. „Dieser armenische Zwitter von Lewon glaubt mich austricksen zu können. Deinem Puff werd’ ich es schon zeigen!“ Lewon aber acht und ocht unschuldig über die Maße und macht einen Rotznasenbogen um seinen Kompatrioten. Indes, der packt ihn am Kragen: „Ausgeburt von der Hölle, syphilitischer Kuppler! Hat der Faschist dieses Mädchen gevögelt?“
„Ach, Sjoma!“ – Lewons Kragen wird eng, das Gesicht knallig, und er japst wie vom Kloße gewürgt: „Ich kann dir wirklich nichts sagen. Ich schwöre. Ich habe geschlafen.“ – Lang zieht Samwel ihm die Hosenträger über die Ohren und schnippt sie brutal wie eine Schleuder schmerzhaft zurück:
„Stinkender Potz!“ – Alsdann wendet er sich an die andere „Krücke“: „Faschist! Hast du ihr das Ding reingesteckt?“
„Nein“‚ antwortet Martin.
„Nein?!“, brüllt Sjoma zurück. „Dieses Schwein schwarze hat das Maul noch zum Lügen.“ – Ärgerlich schiebt er den Neinsager zur Wand und wuchtet noch einmal die Stimme: „Und dieser Schlampe mit der Flappe für zehn Schwänze näh ich heut noch die Schamlippen zu.“
Leute laufen aufgeregt zusammen, Mädchen halten sich erschreckt den Mund mit den Händen, Pädagogen öffnen die Türen und schließen sie schnell wieder zu, und Neugierige gehen uninteressiert wieder und wieder vorbei. Jemand lacht auf, jemand schüttelt den Kopf, jemand verliert ihn, jemand hat nur seine Farbe verloren und alle gewinnen dabei. Lauschig tritt die Rosanowa – Dozentin am Institut – an das Grüppchen heran:
„Wer philosophiert denn hier so unintellektuell?“
„Das ist Metaphysik, meine liebe Frau Zenon“, antwortet Samwel. „Der Fritz da glaubt mir meine kleine Hure ausspannen zu können.“
„Im Prinzip muss man Huren nicht ausspannen, sie spannen sich selbst“, kommentiert die Dozentin klug.
„Aber nicht auf meine Kosten!“
„Das ist schlecht ohne Kost. Mit Huren sollte man erst schlafen und dann sie bezahlen. Wie viel ist sie dir schuldig?“
„Der Armenier hat sie angemacht, und der Deutsche legt sich in sie“, wiehert einer hinter der Ecke.
„Ich werde beide vernageln!“, droht Samwel und verlässt in unendlicher Rage die Stunde.
„Beide …“, murmelt Wolodja mechanisch ihm nach. Reizsam und fahrig hat er seine Hände versteckt, seinen Blick – fahlgräulich versunken im Abstand, im Abgrund –, und wie einen Aussätzigen meidet er von nun an den Deutschen. Enttäuschung, Trauer und Hass, ein unendender Riss frisst sich fest in seinem Hirn und lässt ihn für lange ganz alleine zurück.
2
Mit flachköpfigen Reißzwecken picken die Studenten Seiten von Zeitungen an die Wand – an die Hinterwand, an die Seitenwand und vis-à-vis an die Seite. Sogar auf den Fußboden heften und kleben sie sie und auch an die Decke des Raumes. Sie bauen einen Zeitungskiosk von innen, in den man hineinschauen, sich hineinkaufen kann, oder in dem die Zuschauer selbst als Verkäufer, als gedruckte Zeile sich finden. Dahinter aber ist nichts, ist die andere Seite, das „Nur Weiße“, die Wand. Und alles ist auf der Mauer geschrieben, steht schwarzzeilig dort.
In diesem gezeitungten Raum richten die Mädchen und Jungen eine Bude sich auf, einen Jahrmarkt, eine Wartehalle, eine geschützte Rednertribüne – geschützt aber vor wem? – und ein Nichts zieht in ein Nichts, ein Kiosk in Kiosk. Zwei Säle stehen zum Spielen oder zwei Zuschauerräume werden fiktiv sich erdacht. Keine Schwelle, kein Podest, keine Rampe beklemmt. Das Auditorium ist ein gewöhnliches Zimmer nur, ein in die Länge gezupfter Saal, hingeblasen von der Dichte der sitzenden Zuspieler, die das Theater bedingen. Der magische Kreis ist die Lücke, und die Spieler sind bloß durch die Gucker, durch die Gaffer lebig-lebendig. Ihr Herz ist unselbst geschlagen, denn auf dem Markt hat der Schreier gefälligst die Angeschrienen zu befragen, der Redner schaut auf die Massen, und der Wartende wartet auf was. Er wartet auf die Bewegung. „Wie das züngelnde Weich einer angedunkelten Flamme“, sagte dazu der Dichter.
Die Studenten spielen „Die Schaubude“ von Alexander Blok. Aus dem Zimmer haben sie die Stühle geräumt und Kissen auf den Boden gebreitet. Hingegen setzen möchte sich niemand, man bleibt nicht, sondern läuft – hierhin, dahin – umhin, nimmt sich ein Getränk von dem Tisch in der Ecke, grüßt den Professor, dem man einen Rollwagen gab, wie sie Körperbehinderte normalerweise benutzen. An der Tür lehnt André mit einer Drehorgel und brüllt aus der bemalten Visage Bänkellieder zum Flur, über den Clowns, die mit am Hemd angenähten Programmzetteln handständlich purzeln. Am Ende des Ganges ragt ein Wegweiser auf: „Rektorat – Kantine – Jahrmarkt – Toilette.“
Aus der Bude kratzt verstimmte Musik. Der „Autor“ klettert unter dem Vorhang hervor und wendet sich an die Schaulustigen mit einer heftigen Beschwerde über seine Akteure, doch eine kräftige Hand zerrt ihn in die Kulissen zurück. Unvermittelt hallen Paukenschläge, und Musik fliegt wie ein Tiefschlag über die Leute.
Der breite rote Lappen der Schaubühne hebt sich, und ein ovaler Tisch mit lang aushängendem schwarzen Samt und einem goldenen Samowar in der Mitte blickt darunter hervor. In der Tischplatte lugen fünf Löcher, in denen die „Mystiker“ mit Zipfelmützen und weiten Ärmeln einsitzen. Als der Vorhang dann von ober zur Mitte sich senkt, hängt mit grellweißem Gesicht und gesteppten Rüschen Pierrot von dem Szenendach ab. Auf die Bühne tritt Kolombine, und wie vor einer unsichtbaren Kraft fliehend, weicht der Vorhangtüll zur Seite. Das ganze Theater ist frei. – Erschrocken sind die Mystiker mit einem Ruck fort. Bloß die hohen Mützen und ihre leblosen Ärmel bleiben auf dem Tisch von ihnen zurück. Dann, nach einer Weile tauchen die fünf von Neuem auf, und ihre Arme beleben wieder zur Geste: „Der Tod ist erschienen.“ Da springt wie ein Komet blitzschnell Pierrot von der Decke, widerspricht seinen Mitspielern:
„Meine Herren! Sie irren. Das ist Kolombine. Das ist meine Braut.“ – Ein Gesicht schiebt sich vorsichtig unter dem Samt: Es ist Harlekin, und er beginnt seine pantomimische Harlekinade. Eine Beziehung zu dritt spielt sich nun ab – Pierrot, Kolombine, Harlekin. Ein jeder von ihnen bezirzt, verführt, macht dem anderen den Hof, und am Ende ist Harlekin Sieger: Er führt Kolombine mit sich von dannen. Wie eine Puppe zerbrochen indes bleibt der verlassene Pierrot auf dem Boden zurück. – Aus den Zuschauern sprengt André, der Regisseur auf die Bühne, fuchtelt ärgerlich mit den Armen: „Das ist doch nicht so. Diese Schauspieler machen mir alles kaputt. Ich habe es ganz anders probiert. Es ist doch keine Komödie!“ – Die Umstehenden aber stoßen ihn weg, und auf den Brettern schmettert Musik zu dem Ball. Elegante Mädchen in Masken schreiten feierlich vom Korridor in den Raum, stellen sich vor, drehen sich, beugen sich, machen vor den Zuschauerreihen einige Schritte und zeigen ihre Beine und Farben. Dann gleiten sie auf die Bühne, formen sich zusammen zu einem Ring und vollenden danach unter süßen Klängen ihren Tanz.
Jäh aber setzt die Musik aus, die Figuren erstarren in ihren Posen, und in die Stille schallen die Verse von Blok, gesprochen von geheimnisvollen Gestalten, die sich dann auf einmal als verkleidete Jungen aus dem Studienkurs ausweisen. Alsdann singt die Melodie weiter, die Bewegung gefriert wieder abrupt, und die Verse fallen über die schiefen Figuren. Erneut tönt die Musik, hektischer werdend, eskalierend und sich gar zu einem Totentanz wandelnd, der von Harlekin angeführt wird. Mit seinem Zauberstab wischt er über die Rückwand der Bude, so dass der Stoff von dieser zerfetzt, und Kolombine dahinter vor der beklebten schmutzigen Zeitungswand zum Vorscheine tritt. Jetzt aber ist sie wirklich der Tod, mit der Sichel auf ihrem Rücken, und marionettenhaft wankt Pierrot, traurig, seinen Augen nicht trauend, mit ausgestreckten Armen zu ihr. Noch einmal springt Andre, der Regisseur, auf die Bretter, um vergeblich das Stück noch zu retten. Vergebens versucht er, die Hände der beiden Liebenden zu vereinen. Ein schweres Donnern jedoch macht dem Spuk ein unvermitteltes Ende. Kolombine und der Regisseur werden in den Zeitungskiosk verschluckt. Pierrot fällt, getroffen kopfüber vorn über die Rampe. Hinter seinem Rücken aber schließt sich der Vorhang. — Seinen hängenden Kopf zum Publikum drehend, schaut Pierrot – es ist Martin! – bewegungslos lange, Reihe für Reihe streifend, um dann endlich einen letzten Monolog von der Bühne zu deklamieren:
„Ich bin sehr traurig. Und ihr? Könnt ihr denn eigentlich lachen?“ – Er zieht aus der Tasche eine Flöte und fängt an, ein Lied darauf vorsichtig zart zu blasen. Im Raum aber verlöscht langsam das Licht.
Als es wieder aufleuchtet, ist die Szene schon leer. Allein der Tisch mit dem herunterbaumelden Fahnentuch steht noch unter den tief-schlotternden Zeitungsparolen der Decke.
3
Über Neujahr reist Martin mit Lewon nach Jerewan. Sie sind da keineswegs allein auf dem Weg. Viele fahren nach Jerewan Neujahr, fahren nach Hause, fahren irgendwo hin, fahren vergessen, abtreten und den größten Feiertag festen: bloß essen, gut essen, gut trinken, sich ins neue Jahr wachen mit einem wachen und einem traurigen Auge, seine Melancholie tränken, mit seiner Frau wieder in einem Bett liegen, abspannen, schlafen. – Alle Flugkarten sind bereits seit Wochen bestellt, ausgeschrieben, bezahlt, ausspekuliert. Mit einem Studentenausweis kann man außerdem erst 24 Stunden vor dem Abflug Tickets erwerben. – Auf der Warteliste warten Lewon und Martin einen langen Tag über, eine Nacht. „Jerewan können wir in die Wolken verbuchen“, schlussfolgert der Armenier.
„Was tun?“ – Tbilissi ist voll, Baku ist voll – jeder Platz hat wenigstens drei, vier, fünf, die daran zerren; selbst die Notsitze werden überbezahlt. Und die beiden können heuer den Piloten das Wasser nicht reichen: Es fließt zu teuer für sie.
„Wenn es bloß am Jahresende nicht wäre!“
„Zwei Karten für Mineralnyje Wody!“, bietet man da plötzlich marktschreierisch an. Die beiden greifen, ohne zu fragen.
„Wo liegt eigentlich dieser Ort?“, fragt Martin. „Warum nicht gleich Nowosibirsk?“
„Weil es nach Nowosibirsk auch nichts gibt“, antwortet ihm Ljowa gereizt. „Außerdem befindet sich Mineralnyje Wody im Kaukasus, also ganz neben und dicht. Es riecht nach Heimatluft sozusagen wenn du willst, und im Winter hat dort sowieso niemand etwas zu suchen.“ – Freilich in Min-Wody dann stehen sie ratlos und hohl. Der Kurort schläft kurig in Höhen, die frieren, und auch nicht so alleine sind die zwei hier: Sie waren nicht die einzigen Schlauen. „Jerewan bitte?“
„Nichts.“
„Tbilissi?“
„Nichts.“
Nach Stunden wird dann um Sotschi gefeilscht. Man schlägt ein und schlägt zu – es ist die andere Richtung.
„In Sotschi kommen die Züge Moskau–Jerewan durch“, tröstet Lewon, „und das läge für uns auf der Strecke.“ – Doch die Züge sind bereits voll bis zum Knacken, und auf dem Perron warten mindestens noch mal so viel Leute wie bereits in den überladenen Waggons drinnen schon sind. „Das käme uns wohl zu teuer“, meint der Armenier. „Nehmen wir einen billigeren lieber! – Die S-Bahn kostet Kopeken: Sotschi–Suchumi. Das wäre dann sozusagen schon Georgien.“ – Je näher – je weniger Wünsche.
– In Suchumi später sind dann schon einhundert Kilometer auf den Gleisen geblieben und dazu eine sehr lange trostlose Nacht.
„Der nächste Zug nach Jerewan kommt in achtzig Minuten erst an. Wir könnten inzwischen was essen“‚ schlägt Lewon vor. Chinkali – Teig und innen ist Fleisch. –
„Für jeden zehn Stück!“ – Der schnurrbärtige Kellner schiebt die Teller mit den heißen Fleischtaschen und zwei große Bier über den Stand.
„Für mich bitte keins!“, drängt Martin das Getränk von sich fort. Schwerhörig sich gebend aber wackelt der Mann nur schräg mit dem Bart, und das Bier steht wieder bei Sarodnick an der Seite.
„Chinkali isst man zu Bier“, erklärt Lewon.
„Aber ich trinke niemals so enn Zeug!“ – Der Verkäufer wirft einen treffsicheren Blick auf den eigenartigen Gast:
„Fremdsein ist hier keine Entschuldigung.“ – Sarodnick gibt drei Rubel, der Wirt steckt sie lässig ins Hemd und pfeift sich ein Lied.
„Den Rest!“, will Martin noch bitten, doch der Armenier stellt ihm das Bier vor den Mund. So schnell hat Sarodnick noch niemals getrunken. –
Es ist Nacht. Und Georgien. Auf dem Bahnhof in Suchumi stehen gefährliche Schlangen.
„Zwanzig Rubel nach Jerewan“, verlangt der Wagenbegleiter. „Moskau–Jerewan kostet doch nur achtzehn“, denkt Lewon laut und zögert sehr lange. Langsam rollen die heruntergelassenen Fenster der Wagen vorbei. „Wir hatten hier eine große Chance gehabt“, ärgert sich zu spät der Armenier.
Nach zwanzig und zwanzig Minuten kommt der Zug nach Tbilissi. Vor jedem Waggon stehen zehn Leute. „Zehn Rubel!“ –
„Einverstanden.“
Spät bekommt Sarodnick eine Pritsche im dritten Stock, Lewons Stunde aber wird erst nach Kutaissi geschlagen.
„Zehn Rubel mal zehn. Jeder Wagen hat zwei Kondukteure – zehn mal zehn durch zwei …“, kalkuliert Martin hart. „In die eigene Tasche.“ – „Nicht ganz“, widerspricht ihm der Armenier. „Teile mit Freunden! Der Zugleiter, der Stellvertreter. Vielleicht die Direktion. Sein Chef ganz bestimmt. Wer Bescheid weiß, will etwas haben, wer etwas zu sagen hat, bekommt ab. Und für die stille Reserve noch etwas zur Seite: Eines Tages kommt ein Inspektor gefahren … ‚Guten Tag, Herr Inspektor!‘ – ‚Guten Tag, Herr Begleiter! Sie haben fünfzehn Plätze im Wagen zu viel besetzt, aber die nötigen Fahrkarten fehlen dazu.‘ – ‚Ich weiß. Wie viel möchten Sie haben?‘ – Der Inspektor geht zufrieden nach Hause, er hat den Zug kontrolliert. Sein Gehalt reicht nicht aus, will er etwas erreichen, so aber reicht’s. Fünfzehn Waggons. Er teilt’s mit seinem Direktor – versteht sich von selbst. Er hat die Quelle, sein Chef aber kennt sie, deckt sie, trägt das Geschäft und muss womöglich weiter höher noch teilen. So gibt man besser ab. Und dann wird gemeldet: Ich melde: ,Alles in Butter.‘ – Einmal freilich kam einer gefahren, der wollte es nicht: ‚Guten Tag, Herr Inspektor!‘ – ‚Guten Tag, Herr Wagenbegleiter …!‘ – Nein, der grüßte nicht mal, er notierte, zählte, schrieb aus seine Strafen. Die versuchte Bestechung machte es teurer. Dieser unbestechliche Trottel! Mit den vollen Taschen der vollen Strafen kam er nicht mal nach Hause. Unterwegs ist er traurig verschieden: Vergiftung. – Er hätte den gebotenen Tee ablehnen sollen! Strafe geht auf den Magen, geht verdammt in die Kehle – die falsche.
Heute kommen die Inspektoren gefahren, kennen den Tee, ihren Magen, haben in der Tasche nur noch die Angst, und sie ermahnen bloß wie aus Spaß – schließlich gibt es die Regeln, die Formalitäten. Ehrlich währt kurz – jeder will leben.“ – Die im Bahnhof schließen die Schalter, der Wagenbegleiter verdient sich die Nacht um die Ohren, und Lewon und Sarodnick sind in Tbilissi. Endlich. –
„Es ist warm“, merkt Martin und knöpft sich das Hemd auf.
„‚Tbili‘, die warme Quelle – man konnte eine Kuh darin kochen oder fünfzigtausend Georgier im Jahre 853“, erzählt Ljowa Geschichten. – Die Häuser scheinen steil in die Kura zu fallen und klammern sich an ihren geschnitzten Balkons. Wie Loggen sind die, und unter Bögen gehüllt, verstecken sie Stein, geben den Bittergeschmack unter der Decke. Während anbei süß auf der Landzunge Metechi – ein Fenster mit ornamentalem Kreuz und Quadrat – als trauriges Auge verflacht.
„Eine Zunge ohne den Gaumen“, meint Ljowa schlau. „Den haben die Mongolen verschluckt. Den Palast und die Vorkirche noch zu. Narikala aber hat es vergessen; hätte er sonst überleben können en face, Gesicht in Gesicht?“
„Die Mongolen. Was hat Gorgosali damit zu tun?“, fragt Martin. „Auf dem Pferd! In die Quelle gerutscht.“ – Die Kura feuchtet die Schrägen zu krummen Terrassen, fürchtet den Ritter und seine erhobene Hand.
„Mit ihm beginnt die neue Geschichte“‚ sagt der Armenier.
Im Netz. Das andere bleibt in den Trümmern.
„Und die Ikone aus Antschi?“, fragt Martin und zeigt auf die Antischisschati-Kirche am Ufer.
„Sie ist der Mutter geweiht“, antwortet Ljowa. Geweiht und entstellt. Ein kaustischer Heiland ist vom Himmel gestiegen: Dreischiffig gewölbt, ohne Emporen – ein schleifendes Kreuz wie das Bild, das aus ihr genommen. Die Mutter ist in der Flamme nur Wachs.
„Danach kam Arabien … Und die Quellen, die heißen, in denen Fleisch und Gemüt zum Kochen gebracht wurden. Eine kühle Endung kam zu: ‚Tbili-ssi‘. – Da ist es auch genießbar geworden.“ –
Auf den großen Boulevards, auf dem Rustaweli trinken sie Wasser mit Himbeergeschmack – für alle Geschmäcker. Wertlos gießt Martin sich ein, um die Schärfe der Tschachochbili zu dämpfen, die Ungewissheit wohl auch: „Fahren wir irgendwann ab?“
So spazieren die zwei die totgeschlagene Zeit zwischen die Häuser, um des Abends zu harren, des Zugs. Auf dem Bahnhof liegt Warten in Haufen – zum Umdrehen ist da kein Platz. Man steigt über, auf Bänken, darunter; auf den Boden sind Menschen gestreut. Man steigt über lebende Leichen. „Bloß der Tod hat es eilig. Erst schlafen einmal!“
Eine Zigeunerin presst Sarodnick einen Kasten an seine Brust: „Dein Schicksal! Ich spiele es dir.“ – Schicksalsverstrickt stecken kleine Zettel darin, und ein Papagei ist die Zaubermaschine. „Ein Rubel!“ – Drei Mal streicht die Frau den Vogel über die Rätsel und drückt ihn dann in ein Fach. Im Schnabel steht Martins Schicksal geschrieben: „Suche dein Glück von der anderen Seite.“
– Ein kleiner Junge bietet Fahrkarten an. „Falsche natürlich“, ahnt Ljowa, der vorweislich ahnt. Die Schalter sind alle geschlossen. Ein Mann verlangt dreißig Rubel für echtebis Jerewan. Lewon indes kann beim armenischen Wagenbegleiter den Preis günstig gestalten: zehn Rubel.
„Das hätten wir von Suchumi aus schon haben können“, ist Sarodnick schadenfreudig erbost.
„Was man hat, hatte man nicht“, antwortet Ljowa. „Ohne Preis keine Weis.“
Am frühen Tag sind sie endlich zu Hause, und der Tuff lässt das Morgenrot rosig erscheinen. Es ist der 31. Dezember. – Ljowas Eltern wohnen in Jerewan in einem normalen Haus mit normalem Standard und ungewöhnlichen Leuten: Regierungsmitglieder, Mitglieder, Mitarbeiter von nicht genannten Organisationen, Ungenannte, Ungenannt-bleiben-Wollende, Nicht-Wollende.
„Ich freue mich, Sie endlich wiederzusehen“, drückt der Vater lautstark Martin die Hand. Er hat seinen politischen Weg ohne eigene Wohnung gelegt, ohne Vater und Mutter, mit eigenem Rücken, schmerzend vom Weiterkommen. Aus der neuen Generation – nach den 26 Kommissaren und den Hunderten Häschern danach – wär er fast selber gefasst worden, wenn das Alter nicht wäre. Zu jung war er, noch nicht aus den Kinderschuhen gewachsen, um ihm die Schuld in die Schuhe schieben zu können. Die Maße hatte er sich alleine genommen, hat politische Ökonomie studiert und alsdann einen Großbetrieb im Norden des Landes regiert. Später rief man ihn nach Jerewan, machte ihn zum stellvertretenden Wirtschaftsminister, danach Minister für Sport und endlich für die Kultur. Er ist ein Kulturmensch, ein Mensch mit Sinn für Verstand, mit einer bestimmten Ästhetik. „Das Land wird nach vorne gekurbelt über Vergangenheitsdrang“, sagt er zu Martin. „Es wird in die Erde gewühlt. Die Zeit wird gesammelt und alsdann rausgestampft wieder. – Hast du die Lieder des Aschuchs gelesen? Das sind drei Jahrtausende Leid. Es ist in die Steine geflossen, und ich versuche, dies zu Erinnerungen zu schichten – die alte Kultur zwischen drei Meeren: Griechen, Römer, Perser, Iberer, Araber, Seldschuken, Mameluken, Mongolen und Türken –, der Todesgang, der Tod unter den Füßen, der Tod in eine Grenze gefetzt. Enver Pascha und Tala’at Pascha haben sich zum Henker gekrönt, und bei euch in Berlin hielt man sich vor Entsetzen den Mund: Eine Million für diese Totenstille gab es in bar. Hundepascha – Hunde sind für ewig verfolgt. Aus den Gräbern graben wir Tränen. Araber, Mongolen, Perser, Seldschuken. Aus den aufgesammelten Knochen formen wir einen Menschen. Den Menschen von Haik. In der Berginsel zwischen Taurus, Antitaurus und Kaukasus.“
In der Küche dampft es vor Eifer. Ljowas Mutter hat eine Verwandte bei sich, und die Frauen füllen die Töpfe, das Feuer, Aroma. Der Tag ist aus Rezepten geschrieben – jeder hat seine im Kopf.
Dunkelschön ist die Mütter, kräftig, der Berge Kraft, kraft dieses Landes – sie hat drei Kinder geboren, drei Söhne. Die schwarzen Haare zum Knoten gebunden, lächelt sie bescheiden devot: „Der Freund meines Ljowotschkas.“ – Ein leichter Akzent summt mit in der Stimme: Sie ist bis zum Fuße armenisch. Und sie küsst ihren Sohn auf den Mund: „Esst wenigstens eine Winzigkeit hier!“ – Alles scheint winzig, fipsig und lütt, und immer gibt man schließlich klein bei. „Einen kleinen Salat, ein kleines Stück Fleisch, ein kleines Stück Kuchen, ein kleines Glas Wein!“
Am Abend dann ist die richtige Tafel gedeckt, man geht hinein in das Fest und schlemmt für Tage darin. Tolma, weiße Bohnen, Weißkrautsalat mit Oliven, Gemüsesalat, Spinat mit Nüssen, Bosbasch, Musaka mit Kürbis, Muntapur, Hammel mit getrockneten Aprikosen, Schaschlik, Kalbfleisch mit gebackenen Tomaten. Kuchen und Süße und Gata, Nasuk, Bagardsh und Nschablit. Martin bekommt den Mund nicht mehr zu. Und Weißwein und Rotwein und Wodka und Kognak und Sekt laufen schwer auf den Grund, der schon lange besetzt ist wie die Toilette, die leichttürig wie Schall sich direkt neben der Küche befindet. „Der beste Kognak …“ – Drei Sterne, vier Sterne, fünf … – je weiter man trinkt. „Der beste der Welt.“
– „… weil das Holz alt ist und speziell“, erklärt der Vater, „weil der Großvater es von seinem Großvater hat. Ein Handwerk, der den goldenen Boden bewahrt bis in die ewigen Gründe.“ – Ewige Sprüche. Die kaukasischen Trinksprüche sind Anfang und Ende.
„Wir trinken auf die Mutter … auf die Kinder … auf die Hüter Armeniens, berghoch, da, wo einst der große Stalin sich zum Monument hob und stürzte wie Nichts in den Abgrund“, predigt der Vater und trinkt mit allen im Chor. „Manche fremden Zungen aber behaupten, er wäre nur in den Sockel gerutscht, und einmal wird er wieder nach oben geleiert.“ – Die alte Leier, die gefährliche Leier … „Auf die Mutter Hayastans! Oder auf den bastardierten Vater gestrichen, den byzantinischen falschen Theologen, Seminaristen, Prschewalskiabguss und Alanenverspross, auf das reinste grusinische Giftkraut, welches je aus dem Schoße geschlüpft, unzeitgemäß! – Wir trinken auf das, das es nie wieder! Nie wieder gute Worte gute Worte nur sein!“ – Eine Phrase perlt eine andere, und natürlich bleibt es dabei, bei dem Wort, von dem viele gesprochen – von unten bis oben hinauf.
„Im Namen der Worte sind Menschen gefallen, im Worte des Friedens, der Freiheit, der Menschlichkeit – mit dem Ellbogen über das Maul –, und Mäuler sind mit Zangen gekniffen – der Schrei! –, die armenische Tragödie, die menschliche Tragödie gesamt. – Alles ist menschlich, alles menschliche Vernichtung, alles verzeihbar. In Worten. Über die Berge der Schall. Verhallt. Über den Bergen dort ist die Mutter, und auf die Schultern des anderen Menschen laufen Tränen entlang. Irgendwann hebt sich die Schulter und drückt die Mutter ins Grab: ‚Zurück! Von dort kommst du her!‘ – Die Vormütter werden aus dem Schoße verstoßen. Auf die Berge. – Das unsere Kinder glücklicher werden als wir!“
„Stellt eine neue Flasche über die Tafel!“ – Hände fassen sich hinter dem Tisch, Schultern umarmen die Brust. Dann, wenn auf die Frau, auf das andere Geschlecht angestoßen wird, schlüpfen flink, mit dem Halbmond der Geste, die Geschöpfe aus der Küche in den Saal, heben befriedet, schamtemperiert, das ihnen gereichte Glas und nippen, mit Glanz in den Augen, wie am Spielzeug daran. Hernach sind sie wieder aus dem Sinne gewandelt, lange, bis zum nächsten und nächsten. Das neue Jahr ist im Ganzen eine Männergeschichte, im Großen die Arbeit der Frau.
Unter der Tanne heilt die Familie, das eigene Haus. Der Vater, die Söhne, der Freund des Vaters, der Bruder der Frau. Die Allerheiligsten, die Allernächsten. Es ist Heiliger Abend und Silvester in einem Topfe gerührt.
Um Mitternacht klingen wieder die Gläser: „Frohes neues Jahr dir!“ – Mit Champagner, mit Küssen über das ganze Gesicht – schmale Lippen auf breite. „Dass das Jahr ein neues wird!“ – Die Hoffnung wird breit in die Auslage geschrieben. „Dass es keine Kriege mehr gibt! Dass man zu essen hat! – Auf die Gesundheit!“ – Der Vater spricht armenisch zu seinen Söhnen, redet in der Muttersprache das Wort. Aus der Küche eilen wieder die Frauen und vergießen ihre Tränen in Fülle. – Martin betrachtet ein Original von Sarjan an der Wand: Roter Sand brennt unter den Nägeln. Ein Armenier sitzt ohne Grenzen in Schmerz.
„Die Söhne sollen es besser haben!“
„Besser? Als wer?“, denkt Martin. „Als der Vater? Wohl kaum. Dazu fehlt ihnen Substanz. Besser als der Großvater? Der hat die Revolution mitgemacht – an einem leeren Tisch und mit einem Vater, den die Türken erschlugen. Solch eine Revolution gibt es nur einmal in 100 Jahren. Wir sind die Zwischengeneration, die toten Gleise, die Schreiber – lediglich ein Roman bleibt zurück.“ Der Großvater hatte noch selbst Geschichte geschrieben, und der Vater bemüht vorsorglich ihre Flecke zu tilgen, die späten. Die Söhne aber sitzen am gemachten Tische, die Beine darunter, sie sind in die Karriere gebettet: Den Ältesten hat der Vater in den Sattel zum Diplomaten gehievt und Lewon ins Filminstitut.
Als dessen Aufnahmeprüfung gewesen, war der Vater in Moskau mit ihm. Er hat ihm geraten, hat telefoniert und beraten. Ljowa lief über die Drähte, kannte die Fragen, die kamen und kannte selber sehr wenig davon. Das wenige jedoch traf direkt in das Schwarze. Die Zielscheibe hatte der Vater gesetzt. – Aus der sowjetischen Literatur-Prüfung aber kam Lewon einmal blass wie ein Laken. Man hatte ihm eine Fünf eingetragen, und plötzlich stand alles wieder in Frage. „Wissen ist machtlos“, schluchzte der Sohn, aber der Vater tobte wie wild: „Nicht möglich! Die Hure!“ – Es war ein Toben über sein Wissen hinaus. „Erzähle noch einmal!“, insistierte er beim Sohn. „Du bist also gekommen, hast gesagt, du bist Lewon Aserjan, hast ihr die Hand gegeben, gelächelt und dann …? Die falsche Frage bekommen?“ Der Sohn nickt: „Es ist ja egal.“ – Er hatte schon immer gemeint, es wäre zu schwer. – „Memme und Schlammsack! Ich habe schon ganz andere Probleme in meinem Leben gelöst.“ – Er telefonierte, und Ljowa trotzte dazwischen: „Ich glaub, sie ist eine Jüdin.“ – „Was?“, schrie der Vater. „Wie sah sie denn aus?“ – „Rothaarig, kleine Locken, ziemlich dick.“ – „Armleuchter! Eine Kerze für unseren Sohn!“ – Lewon war bei der Falschen gewesen. Am nächsten Tag war der Fehler behoben, die Rote abgefunden, und die Richtige noch einmal beraten. Lewon aber strahlte das Glück in die Haare: Er hatte seinen Sitz im populärwissenschaftlichen Film sicher. – „Mit Kuleschow wäre es sicher schwerer Fische zu fangen“, denkt Martin. „Er trägt zu viele Narben vom Kaukasus in sich. – Aber was soll’s! Der Sohn wird sowieso im Komitee sitzen. Dazu braucht er nur ein Diplom. Gleichviel. Diplom, Komitee, Ratgeber, Rater – ein Kompetenter an kompetenter Angel und Punkt. Er hat es sich redlich verdient, redlich und ruchlich, dient, verdient so viel Geld – zum Sohn, zu den Enkeln; Vererbung ist wichtig im Staat. Staatsgenerationen.
Mit Stumpf und mit Stiel. Bis in die Wurzel verfolgt und den Stammbaum gepflanzt. Liquidiert bis zum Schopf. Eine Revolution hat die Spirale nicht schaffen können und spielt die gesprungene Platte noch mal – in der unteren Rille. Zum Kratzen!“ –
Um ein Uhr wird das neue Jahr nach Moskauer Zeit zelebriert. Aus dem Radio donnern die Glocken vom Kreml, läuten von älteren Zeiten und läuten nicht neu.
„Ein neues Jahr auf unsere Lieben in unserer Hauptstadt!“, prostet der Hausherr. „Auf die Zurückgebliebenen, Vorwärtsgekommenen! – Unser Jüngster reist in diesem neuen Jahr auch dorthin nach Moskau – gebe es Gott! – und wird das gleiche Institut wie sein ältester Bruder besuchen.“
Zwei Stunden später ist Berlin an der Reihe.
„Martin! Auf deine Mutter, deinen Vater, deinen Bruder! In dieser Minute sind deine Gedanken natürlich bei ihnen. Auf die Lieben! Die Liebsten! Die Heimat!“
„Das zerrissene Hemd und das Land“, denkt Martin. „Wie der Spiegel: Man hat sich geblendet. In die Hemden gespuckt.“
„Dass von deutschem Boden nie mehr …!“
„Ich verspreche. – Rapallovertrag. Im offenen Wagen ermordet.“ „Auf Berlin! Deine Hauptstadt.“
„Hauptstadt – statt was? Statt ohne Kopf? Abgeschlagener Johannes und den Verführern auf der Schüssel gereicht. Die Schöne indes tanzt nach dem Westen den Osten. Ein hauptloses Land, verlorener Kopf und Verstand. So lebt es gewissenlos ins Gewissen: ‚Wie alles war! Wie schön es war! Es ist schön!‘ Verstand ist von Stehen: abgestanden in den Ruinen, die geblieben, und anderenteils sind neue darüber gewachsen. Ruiniert bis zu den Ewigkeiten zu Ende.“
„Auf diese Stadt!“
„Auf Deutschland durch zwei. – Trotzdem ein Deutscher. Wilhelm Caligulalein der zweite – hat die Armenier verkauft an den Tod. Die guten Deutschen. Berlin.“ – Drei Stunden nach Mitternacht.
Hiernach löst man die Tafel ein wenig und hebt sich für Luft. Knöpfe fallen, Halskragen werden geschoben, gezogen. Man geht eine Runde – eine Stammrunde, eine Freundesrunde –, besucht das eigene Haus. „Ein gesundes neues Jahr! Herr und Frau …“
„Der Direktor vom Fleischkombinat“‚ flüstert Ljowa dem Deutschen. „In diesem Haus gibt es Fleisch unverhüllt und in Fülle.“
„Herr Fleischmann, irgendjemand hat meinetwegen heute am Knochen gelutscht.“ – „Das macht aber nichts. Essen Sie hier etwas besonders Zartes. Auch ein Direktor hat nicht alles alle Tage im Jahr.“ –
„Schönes Fest, Herr Plankommission!“ – Er wohnt einen Stock höher. „Planen Sie das letzte Mal wieder im Voraus.“
„Guten …! Herr und Frau aus dem Schwermaschinen … Schienenminister.“
„Von Kollege zu Kollege …“
Die Brüder ziehen sich bescheiden mit Martin zwei Stöcke höher davon: „Silva.“ – Ein Mädchen wie ein Jasmin, alleingelassen in ihren Wünschen fürs Jahr. Martin trinkt, riecht an der Blüte, nascht den Appetit wieder an und lacht in die schwarzen Augen unter den schwarzen Locken der Stirn. Von unten ruft der Vater die Söhne. Der Schwerminister hat eine Erklärung zu lesen, und Martin bleibt allein mit der Frau.
Eine Stille ist plötzlich, man trinkt – wie viel hat man nicht schon getrunken! – und schaut in den Kelch. „Du gefällst mir“‚ sagt sie mit mal, und aufgeregt schüttet Martin den Champagner aufs Hemd. Ihr Tuch tupft in die Spur, gleitet leichtsinnig-armig unter den Gurt, und der Junge stürzt zitternd in ihren Mund, findet die Hand, findet die Linie zwischen dem Stoff. Die Frau hat ihn erwartet, warmnetzend, gierig. Ihre Lippen fallen zum offenen Mund, und ein Hauch ragt unendlich vor. Ihr Kuss zieht den Hals, spannt sich zur Sehne wie die Lust in den Spitzen, die sie ihm schmerzlich vollhaft bekehrt, wieder und wieder. Im Taumel hat Martin die Sinne verloren, hat die Finger zum Bogen gekrampft und schwimmt langsam, lang-samtig im Kreise vergossen.
Vor der Tür lauern die Schritte, schreckt die Glocke im Ruf, und hastig sinkt der Arm in die Spannung, zum Gestöhn, zum Zartweh, zerrt die Frau ihre Beine überschlagend zu eins, über sich, über die Finger von ihm. – Wieder fordert die Klingel, das Lachen, sein Lachen, und auf ihre Hand strömt vollsamig Fruchtbarkeit eilfertig hin. Noch einmal aber wirft sie sich in den Rücken, geladen, einer Forelle gleich, vom Wasser geschieden, und aus der Kehle schlägt ein Schrei wie der Puls in der Haut. Sie legt den Arm aufgeblüht auf den seinen: „Danke!“ Dazwischen liegen Sekunden … Dann hebt sie den Kopf zu den Rufen hinter der Tür und spült mit dem Sekt die Blüten vom Knie. „Martin hat Champagner über die Hose gegossen“, sagt sie den Brüdern lachend, rosa erregt, und ein sündig-sündhafter Glanz lugt in den mächtigen Augen.
„Und wir dachten schon, ihr hättet es verschlafen!“, bemerkt Lewon und merkt nichts. „Komm! Ich möchte dich unserem Boxtrainer vorstellen.“
„Und Silva?“, fragt Martin bereits auf der Treppe. „Wer ist Silva? Wo kommt sie her?“
„Lass sie in Frieden!“, mahnt Ljowa, „ihr Mann ist Offizier bei den Sicherheitstruppen.“ –
Eine zerschlagene Nase schnaubt Martin unter dem Kronleuchter geradehin ins Gesicht: „Wadim.“ –
„Gut.“ – Und die Faust schließt sich ohne Ende um die Hand Sarodnicks. „Weltergewicht. Meister des Sports.“
„Und ihr Mann? Wo ist der?“, interessiert sich Martin jedoch immer noch für die Frau.
„In Prag. Schon seit August vorigen Jahres.“
„Die Arme!“
„Der Arme! – aber lass sie in Frieden! Gefährlich.“
„In Frieden. Befrieden. Befriedigt. In die schwarzen Haare unter die Wurzeln sinken und an der Blüte naschen im Strom ihrer Pollen.“
„Zweifacher Europameister. Bloß sieben Kämpfe verloren.“
„In Prag. Holt sich den Frieden herunter. Eine Hand hilft der anderen. – In Silva begann das neue Jahr, und die Hoffnung ist über ihre Grenzen gelaufen.“ —
Die Söhne schlafen friedevoll-traulich nicht weit in der Stadt – weit, unter einer Decke gepackt. Die Köpfe sind im vorigen Jahr noch gespalten von Wünschen. Der Vater hat sich verdoppelt, ist ein Doppelspiel mit einfachen Türen: eine Tür in die Wohnung persönlich für ihn und eine fürs Kind – getrennt unter dem Zelte der Stadt. Vollgestopft, müde liegen dort seine Kinder, gemästet, alleine, und sie pfeifen durch die Zähne im Schlaf. – Vor Martin sitzt die armenische Frau, sepiabeinig in dem Sessel gelehnt, und wie den anderen Tag seine Larissa, ist der nackte Körper zum Beben gebracht. Steil berührt er Erinnerungen zwischen den Fingern und spielt die Bilder sich ab. Hat er geliebt? Atemlos schnell – der Mannsgeruch kitzelt die Nase – fällt er in die Frage hinein. Armenische Frau, russische Frau – Larissa träumt mit ihm in dem Bett, und zu den Füßen der Söhne kratzen die beiden Söhne den Takt. –
Auf dem Regierungsplatz vor dem Fenster steht Lenin in Bronze, hochgebaut, unerreicht, die geballte Faust in der Hose. In der Nachmittagssonne werfen die Falten einen bizarren Schatten aufs Pflaster: Die Hand wird ein Fruchtbarkeitsmal auf dem riesigen Platze verstreut. Steht Lenin. Im Schatten. Eine alte Frau mit dem Eiswagen sitzt ihm im Nacken davor: „25 Kopeken“‚ verlangt sie von Martin.
„21 steht dort bei Ihnen geschrieben.“ – Wortlos legt sie das Eis in die Kiste zurück.
„Ich habe ja nur gemeint …“ – Vom Platz wacht Uljanow mit dem erektilen Schatten, weich in den Falten. Und weich sind auch die Herzen im Lande der Steine und Paradiese. Vom Ganzen der Rest. Wie die Lanze im Tod. –
Am ersten Tag des angefangenen neuen Jahres wandern die Jungen von Tante zu Tante, zu Cousin und Cousine und Freund. Ein paradiesisches Leben: Man isst und man trinkt, wechselt nichts und nichtige Dinge und schleppt sich zur nächsten Cousine. Die bietet Weintrauben aus dem eigenen Garten, und mit Wein aufgegossen färben sie sich. Ihr Mann ist rosig und Zahnarzt, spezialisiert für die vorderen Zähne. „Die Armenier lieben das Gold“, sagt er professionell. „Und sie lieben die Angst. Auf dem Stuhl zahlen sie dafür ihren Tribut. Der Zahn ist eine reiche Quelle für mich.“ – VonAngesicht zu Angesicht gegenüber ein Haus, fünf Stöcke, mit dreien, die hinken wie vollgestopfte Säcke nach unten vor Last. „Die oben die drücken“‚ erklärt der Onkel. Für die alten bekam man das Geld, um sie zu Grabe zu tragen. Die abbruchreife Frucht sollte fallen und sich zu ebener Erde ausglätten. Jedoch das Haus blieb das alte. Das Geld verteilte sich geschickt auf seine Art und die Weise, verbrauchte, und der Abriss verkostete sich. – Nun bekam man die Summe für den Neubau geschickt – fünfstöckig, angepasst den unpassenden Häusern daneben. Indes, die Mittel wurden in die hungrigen Fugen geschmiert, eingetascht und kein einziges Wort mehr verloren. Und die Bruchbude steht – dreimal ein jämmerlicher Streifen von Fenstern – am Himmel.
„Aber …“, wendet Martin ein und zeigt auf die fünf Etagen en face.
„Kein Aber“, antwortet ihm der Zahnarzt. „Ein Architekt wurde gefunden; der baute schnell die zwei Stockwerke auf und stützte sie vierseitig mit Säulen zur Erde, damit den unteren drei nicht gleich die Luft ausgehen konnte.“
„Und wenn es einstürzt?“, erschrickt Martin.
„Dann wird man eine Eingabe machen: ‚Ein altes Gebäude ist zum Abbruch bereit!‘ Fertig. Und vielleicht ändert man die Hausnummer noch.“ –
Verwandte, Bekannte defilieren bis in die Nacht und keine Taxe fährt heim und kein Bus. Die Jungen wälzen sich, rundgefressen und handeln sich rund um die Uhr Rundfüße ein. – Draußen darnach, im Dunkeln aber ist plötzlich kein Licht, näherkommend, auf Schienen. Metallhäuschen still, kaum zu vernehmen, tastet sein Schall. „Die schwarze Tramway“, bemerkt spitzfindig Ljowa. Ungefragt, scheinlos, hat sie sich nach Feierschluss aus dem Wagenpark gestohlen und fährt so, als hätte sie sich verlaufen. Augenlos sieht sie, was fleucht und ihr winkt, als wäre gar nichts gewesen, als wäre es gerade erst Mittag. Zwei Mann sind in ihr drin – einer führt, der andere kassiert, ordnungsgemäß, außer der Ordnung. Eine richtige Bahn fährt zur unrichtigen Stunde mit richtigem Geld nicht richtig gestohlen.
„Einen Rubel!“ – Bügelfrisch ruhen die Billette neben der Kasse, und unschuldig – unberührt – wird die Rolle nicht dünn: In der Kiste klingelt kein Geld.
„Bitte einen Fahrschein!“, bittet Martin. Der Lenker wird handlos, sein Leib dreht sich zur Frage erstaunt – wie ein Witz –, und sein tierischer Blick fährt in die Glieder:
„So eine Frage! In Russisch dazu. Eine blöde russische Frage.“ –
Zum Frühstück setzt der Vater seinen Chauffeur an den Tisch – wie seine Frau, wie die Söhne, wie Martin: „Er ist wie alle von uns.“ – In aller Seele nimmt der Fahrer sich, was er kann, dann sagt der Vater zum Gleichen: „Du fährst mich zur Arbeit, wartest ein Stück, und dann schauen wir uns gemeinsam das Kloster Geghard mal an. Du kennst die Kirche, du kennst also den Weg.“
Im Stein auf Stein, hinter dem Tuff, neu wie eine Grimasse, verschwindet der Vater zum Leiten. – Später dann lenkt sein Fahrer zum Kloster, an Garni vorbei – vom Erdboden dem Erdboden gleich –, vorbei in die Berge, die den Ararat stützen, die Macht, die Legenden. „Noah landete dort mit dem Boot“, zeigt Lewon Richtung Türkei. „Und das Wasser fiel und zog sich unter den Felsen zurück“‚ hilft der Vater ihm nach. „Manchmal jedoch schlug es noch als Quelle ans Licht“‚ ergänzt er. „Dann aber wird es heilig, in Glut, feuchtet die durstenden Lippen und kühlt die Wunden an der Stelle der Schlucht, wo Heiden Gläubige wurden. Hier aber in dem kalten Sprudel sakralen Lichts ergießt sich das Wasser blendend über die Opfer.“
„Und der einzige, der einige Gott?“, fragt Martin erstaunt.
„Als der kam, wurde die Quelle zur Taufe gepredigt und tief in den Abgrund versteckt. Airivank aber – die Höhle – wurde zur Lanze ‚Geghard‘ erhoben, das heißt, die Frau zum Manne gemacht“‚ erzählt er und spielt an auf die Geschichte des Klosters.
„Der Vater, der Gottmensch, der vollendete Mensch an dem Kreuz“, reflektiert Martin für sich.
„Im Felsen verborgen“, setzt der Vater seinen Gedanken fort, ohne auf den Jungen zu achten. „Wie der vierseitige Pfeiler, geschmückt als Heilsgeschichte, als Steinpfahl, als Lebensbaum, ohne Licht in die Blöcke gehauen und unsichtig dem Auge aus Stein in die Seele versenkt. Es ist eine Höhle im Baum, der Kreuzstein ‚Chatschk’ar‘.“ –
„Doch es bleibt trotz alledem immer die Kirche“, wendet Martin dazu noch ein.
„Es bleibt der Berg, die rohe Haut, bergend den Kern, das Kernmal mit den ausschwingenden Flügeln.“
„Flügel aber zu Gott.“
„Die armenische Kirche ist ein unheiliger Block“, erwidert der Vater und winkt ab. „Die Wunder sind immer nur Frucht, reif für den Eintretenden bloß.“
„Die Struktur ist inwändig zu fassen – wie Gott“‚ glaubt Marin verstanden zu haben.
„Eine geschlagene Quelle, im Flug aber ist die Fackel vorloschen“, widerspricht ihm der Vater. „Im Flug legte Nasr das arabische Feuer, und die Kirche zerfloss, war Leben gewesen. Indes, das Wasser, das blieb. Und die Heiligkeit und die Berge darauf. Es ging die Geschichte darüber, und das Volk trug den Stein in den Stein, die Höhle zur Höhle, das Kreuz zu dem Kreuz.“ – Der Vater macht eine Geste zum Tor und zeigt zu der Felsenkirche vor ihnen: „Für das Auge ist die Heilige Jungfrau, der Herd und das Haus, zum Lauschen ist das Ohr in der vorderen Halle und das Heim in der Narthex.“ – Und fast flüsternd setzt er hinzu: „Dahinter jedoch ist das Unterbewusste, Gehöhlte – weg von Gott und zu Gott. Heilig und heidnisch schlägt das Wasser mit dem Herzschlag die Wand. So fließt der Innenraum in den Quell, wird das unvolle Kreuzmal voll durch die Flüsse getragen, wallt selber zu Gott – vom Gotte fort. – Das Zeichen aber ist eine Legende“, stöhnt er leicht und tippt wortgewaltig aufs Kreuz. „Ein Schnitt, für den Menschen gemacht, und sein Arm ist in der Strömung verschwommen. — Siehst du die Stalaktiten dort?“, richtet er sich an Martin. „Es ist Wasser, gefroren. Sie halten einen Moment, wie die Höhle dem Monolithen Einhalt für einen Atem gewährt, für das Leben in Wellen. Der Stalaktit wächst als Hoffnung zum Licht, das dort über dem Granatapfel scheint. Es ist ein Loch, ein Gott in dem Loch, ein Nichtgott im Licht, eine Öffnung zum ‚Bewusst‘, zum bewussten Sein nach dem Sein, jenseits der Höhle und zur Quelle zurück.“
„Und die ist als Chatschk’ar markiert?“, fragt Martin neugierig klug und weist auf den Stein. „Das Großkreuz ist in vier kleine gerückt: vier Himmelsrichtungen, vier Kirchen in Geghard – die vier Säulen der Welt. Auf dem Haupt des Chaos, des Todes – das Labyrinth. Es wächst Ordnung hinein. Adam und Eva – der Mann und die Frau – sind getrennt, vorhallengetrennt. Der Sarkophag, die Nische – dazwischen ist diese Säule, der Ewigkeitsbann.“
„Ewigkeitsband“, korrigiert der Armenier, „Fruchthorn und Lanze – ‚Geghard‘ – sind in die Hände gegeben. Über die Stalaktiten tropfen von den geflügelten Häuptern die Granatblüten zur Frucht und zum Licht. Der Speer ist dorthin gerichtet, und vom Licht empfängt die Frau das gefüllte Maß an die Lippen. Es ist die Erlösung, die Frucht – der Felsen öffnet der Taube das Land, und die Quelle schwimmt gegen den Berg. Wir freilich falten Gebete in Stein.“
4
Ausgestorben und ausgestopft, mit dünn streuenden Lauten sind Korridore und sie wirken endlos gestreckt, einer Frau gleich in verlassener Nacht, wie das Schluchzen ihrer Kehle am Morgen nach mehr, nach einer Zärtlichkeit noch. Hoffnungslos drückt Martin von neuem die Klinke, die sich verbeugt und fix zurückprallt ins Schloss. Dann zieht er über das rautige Parkett seine Füße, sieht in der Küche den Wasserhahn tropfen wie im vorigen Jahr, und das Gas brennt auf dem Herd als ewige Flamme, als ewiges Feuer, das nimmer verlöscht, das zum Andenken ist, zum Gedächtnis an Streichhölzer, die stetig hier fehlen. Die Bar ist noch zu, und der Pförtner ist irgendwo, nur nicht am Platze. – Glassplitter bröckeln unter dem Schuh, machen unbequem seinen Gang. So reißt Martin sich einen Zweig von der Hecke und peitscht den Ärger über die Blätter in Striemen. Hinter den Kronen fällt ungerufen plötzlich eine Stimme zwischen die Schläge: „Martin!“ – Er hebt den Kopf und schaut Larissa unter die Stirn.
„Ich wollte zu dir“, sagt er ungewiss, unentschlossen, und er wirft den Reis in die Luft.
„Und warum kommst du nicht rein?“, fragt sie, und er wird verlegen, bemerkt ihre Wangen rot wie Wein in dem Keller. Er kann die Etikette nicht streifen, steht – eine Wurzel –, bricht und erzählt von Jerewan, von Lewon und von dessen Vater.
„Es wird kalt in dem Raum“, mahnt sie, und Martin besinnt sich: „Die Stufen, das Tropfen in der Küche, der tote Flur in der Flucht.“
Sie schließt die Tür hinter ihm wieder zum Riegel: „Ich habe Philosophieprüfung morgen.“
„Oh!“, springt er auf. „Ich störe.“
„Wieso? Philosophie ist im Großen ein deutsches Problem. Das Sein vor Bewusstsein, das Huhn vor dem Ei“‚ scherzt sie mit ihm.
„Ein schönes neues Jahr dir!“, wünscht Martin und gibt brav deutsch seine Hand. Sie aber gibt ihren Mund, und er streift ihn, streift die Bücher auf ihrem Bett. „Philosophie hört mit Marx auf“, sagt er. „Ein bisschen noch Lenin, und danach ist tote Hose. Als wäre eine Hecke drum rum. Ein ungelegtes Ei. Das Huhn in der Suppe. Zum Magen verderben!“
Sie saugt an dem Zucker und trinkt heißes Wasser dazu: „Ich mache dir einen Tee“, schlägt sie vor. Er aber winkt ab:
„Nach Tee schlafe ich nicht.“
„Dann koch ich dir zwei.“ – Er schluckt:
„Wie dazumal Weimar.“
„Weimar!“, schwärmt sie. „Goethe und Schiller.“
„Cranach, Wieland, Herder, Schiller, Goethe und Liszt. Die Klassikerrezeption. Was dazu gehört, hört zu“, antwortet Martin. „Doch es ist noch nicht zu Ende gesagt. Wer A sagt, muss auch Z sagen. Schopenhauer und Goethe. Und der steht auch im ‚Kote‘, nicht in den ‚Gothen‘ allein, im guten Erbe, im Tage. Liszt hat das Kreuz am Ende besungen, Nietzsche besudelt und beides ist wahr. Deutscher Geist ist auch Nachtgeist – und gar in erster Instanz. Wollen wir es haben und nicht.“ – Martin nimmt einen Schluck von dem Tee. „Und streng betrachtet ist Marx, ist Hegel, ist Leibnitz weit weg. Sie sind zu modern, zu westlich für euch, sie sind Tagesplaneten“, lächelt der Deutsche. „Während die anderen, die Mystiker, die Böhme, die Nietzsche Zauberer sind, alte Zigeuner, die aus den Händen gelesen. Ihre Bücher sind Un-System und kein Leitbild zum Packen. Sie sind da zum Erfühlen, zum Einklingen mit dem, was urlange bekannt, ja erfüllt ist sogar. Bloß ist Furcht dazwischen gepackt, eine östliche Diva, das Unpreußische – der Orient ist darin. Kant in Königsberg lag weit okzidentaler als Schelling in Tübingen. Er war auch ein wenig Slawe, doch mit deutschem Drang zum Sortieren. Und in uns steckt diese Melange, das Mixtum compositum, das Gemengsel von Osten und West, von Niere und Herz.“ – Er trinkt und starrt vor sich hin. „Aussöhnung ist vielleicht nur von Böhme aus möglich, von Wiedertaufe, von der Ohrfeige ins schlechte Gewissen oder von der Ikone, die läuft.“
„Es ist die Ikone aus meiner Kindheit zu Haus“, nickt das Mädchen. „Man streute Reisig in eine kupferne Schüssel, goss Rosenöl über die Zweige, nahm aus der Lampe ein Feuer und zündete damit das Holz. Dann ging die Großmutter mit der Schale durch die Zimmer, schlug das Kreuz und weilte lange vor der Ikone in der rotschönen Nische. Ruß fiel von der Flamme, die Großmutter strich einen brennenden Zweig in die Finger und drückte ihn sich auf die Stirn. Ein Brandmal war es für uns, zeichnend die Versöhnung mit Gott.“
„Die Alten sind heilig“, stimmt Martin zu.
„Die anderen auch.“
„Die anderen?“, fragt Martin und bemerkt jetzt erst die unberührten Betten im Raum.
„Sie sind im alten Jahre geblieben“, folgt sie seinen Gedanken. „Ich bin alleine mit dir.“
„Und deine Prüfung?“, zweifelt er.
„Na eben! Die Prüfung …“, lacht sie. – Die Tage im Winter sind kurz, und die Dunkelheit faltet die Konturen zwischen die Sinne, in die Profile, in Lippen, die auftun, in die Brust unter dem Kleid. Sie sind wie ein Messer ins Auge, wie die Finger an seinem Hals, und sie fallen unter die Decke, fallen zu einem Körper zusammen, saugen den Traum phantastisch sich aus. Aufregend-regend, mit Händen die zittern, sucht er Verschlüsse, öffnet ihr Nacktsein sich zu und wickelt noch fester das Tuch. Sie hängt an dem Mund, zieht das Blut in das Fleisch und drückt in seinen Rücken die Arme. Weich ist der Körper, weichrund, mit einer Taille zur Nadel, die pikt, die sich bewegt bei dem Griff, aufstöhnt, großporig Haut bildet bis in den Nabel, wo sein Mund liegt, dass sie schreit wie eine hungrige Katze nach Milch, und die Brüste Zartheit suchen in stehender Mahnung. Laut spürt er sein Herz drüber erbeben, fühlt, wie er nackt sich gibt auf den Leib, sieht das Wachsen-Verlangen, die Starre, die Feuchtigkeit steigen, schamhaft Scham netzend und suchend, spürt das Schlagen der Brüste, ihren Atem, das Keuchen, und wie ihre Lippen den Schrei in seiner Kehle ersticken. – Da läuft Wonne auf ihre Haut über, springt schmerzvoll-lusthaft wie eine Welle von der Hüfte auf seine, und matt sinkt sie ins Kissen, erschöpft, mit offenem Mund, weit in die Nacht ihre Augen ausrichtend. Er kann sie nicht sehen, will sie nicht sehen. Regungslos, schlaff ohne Mann, wie ein Kind Unverstand, versteht Martin nicht, versteht nicht ihr Glück, ihren Himmel, sieht nur seine Scham, seine Eile, übereilig am Ziele vorbei. Und er möchte Abstand gewinnen, Spuren verwischen und in die Dunkelheit haschen.
„Bleib liegen!“, sagt sie, ihre Arme im Griff. „Dein Körper, mein Körper … Ich fühle mich – ihn.“ – So weilt er und glaubt Tröstung zu hören, hört indes nur das Herz, ihre Augen, die zurückkommen mählich, die Brüste, kosend die Hand und sieht den Nabel, der wegzieht, als wäre es Frost. Da findet er Bewusstsein in sich, Ruhe, findet sich überrascht und selbst zum Himmel empor, ganz hoch, in ihren Beinen verschlungen, in ihrem Gefühl. Und er gleitet zum Leib, merkt ihre Schenkel nach außen weggebend, hingebend, sich nehmend, nicht genug nehmend, alles, die letzte Zelle zu sich, das Erwarten. Und an diesem Vibrieren zieht er hinan, an dem Puls, an seinem Puls in der Starre, der auf Widerstand schlägt, auf Halt und auf Ein-Halt. – Sie beißt in die Lippe, möchte zu ihm – ihre Liebe, die Liebe, den Schmerz –, und er drückt sich in sie – tief, immer –, drängt, lässt sich in sie und spüren jählings das Rauschen, das Fließen und das Beben in ihr. Dann fallen ihre Arme aufs Laken, verlöscht sie, lehnt ihr Kopf auf der Schulter, und nachtweich verschlungen, gebogen in Form, Unverwechselbarkeit ausstrahlend und Weibheit, liegt ihr Haar um die Gelenke gedreht und eine Glut auf der Stirn. Keine Bewegung, kein Wort. Einen Hauch, einen Gedanken, einen Traum schließt sie sich ein, wandert zu sich hinüber in ihre eigene Tiefe, den Schlaf, fallen die Augen an die Stufe zum deutenden Nichts und sendet Ruhe nach drüben, Entspanntheit und Trance.
Martin fliegt von Jerewan in die Wolken, noch einmal im Gleitfluge abwärts, und die Landung zu Hause, das Zucken im Arm ist Larissa, mit dem Mal an der Stirn. „Der Garten bedeutet die Welt, die Früchte die Menschen. Die ganze Philosophie ist ein wachsender Baum, an dem man den eigenen Willen gelassen; und mit Gelassenheit eilt tief das Licht in die Wesen. Alles ist Ist. So viele Dinge freilich sind Gott.“
Morgenrot schaut in den Tag, und über das Laken ist die erste Liebe geschüttet, wie eine Flamme geflossen in heidnischer Bande über den Schoß. Martin starrt in das Fenster, fassungslos wie der Morgen. „Larissa.“ – Sie lächelt. „Du bist jetzt kein Mädchen mehr“, lauscht er seinen eigenen Worten, glaubt ihnen nicht – sie sind auf dem Bette geschrieben. Er zieht ihren Mund in sich ein, ihren Duft, trinkt das Wasser der Kanne mit einem Stück Zucker über der Zunge. „Kein Mädchen …!“
„Nur eine Frau liebt“, verschmitzt antwortet sie, zieht sich an, will sich nicht waschen, will es noch an sich tragen einmal, einmalig, neu, ungewöhnlich und traulich. – Sie eilt, stellt ihm einen Brei auf den Stuhl: „Ich bin gleich wieder zurück“, sagt sie, schließt ab, geht die Prüfung abschließen, den Prüfzettel ziehen und auf die Frage eingehen: „Was ist primär?“
„Ein Gesetz weicht dem anderen, eines hebt das andere auf, ein Fremder wird einem näher als sein eigenes Kind, und wo Frieden ist, ist kein Frieden. Zuerst ist der Leib, ist die Form, und die Sinnlichkeit läuft über den Geist.“ Larissa hat ihre Prüfung bestanden. –
Der Riegel springt aus dem Riegel – die Ungarin steht in der Tür. Und in der Blöße des Bettes wird Sarodnick wach. „Schamlos!“, quakt sie und schmeißt wieder die Pforte.
„Das alte Jahr ist endgültig passé und vorbei.“ –
Traurig steigt Martin in seine Kleider, in den quakenden Flur, in den Teich mit den Fröschen, mit dem Frost auf der Treppe. – Kalt liegt er im Bett, einzeln, einzig, gesondert, à part – lange für sich, tagelange im Einssein, im Stillstand als Wegziel. Es ist der cherubinische Krebsgang für ihn, die Stille, die Ledig-Seel, stillschweigend im geistigen Nehmen. – Und so verbleibt er in sich, bei sich, hinter den Träumen für Zeiten, für Wochen. Dann, von einer Sehnsucht gestochen, fliegt er wieder heraus, zu ihr an das Laken. – Lange jedoch ist das Zimmer zurückgekommen, belegt mit den anderen drei. Es ist ein anderes jetzt.
Larissa nimmt ihren Mantel und geht in die Küche mit Martin. Ein Mädchen schält Kartoffeln, im Korridor gafft brennend das Licht in die Augen, und auf der Treppe über das abgeschabte Geländer gebeugt, grinsen alte Bekannte. Martin lenkt ins Zimmer zurück. Es ist dunkel und schläft, und die drei Mädchen darin liegen unhell im Bett.
Auf den einzigen Stuhl hinter dem Schrank, hinter den Mädchen versteckt, sucht Martin mit Larissa sich Platz. Er schleudert den Mantel von ihr und merkt die Nacktheit unter dem Hemd, ihre Beine, die nicht enden im Stoff. Er geht ihrem Ausgangspunkt zu, ihrer Quelle – fließend, durstrollend über den Rand –, reißt die Knöpfe vom Bund – auf den Boden gespult – und legt ihre Füße in seine über den Schoß, den sie vergibt, um die Völle zu nehmen, bis zu dem Ruf. – Hinter dem Schrank wälzt die Ungarin sich: „Was ist los?“, fragt sie barsch. Dort ahnen sie nur, und der Stuhl ist zu alt, um Schweigen zu hüten. Indes, zum Schweigen ist es zu spät.
Martin erhebt sich, hebt sie mit sich – in sich gesetzt –, schwingend – dreht sich der Kopf, um den ihre Hände sich binden. Ein Dreibund fliegt so in Bewegung, und lautlos verschluckt Larissa den Laut, bestimmt den Rhythmus befriedend, gleichklingend mit ihrem Puls, unlast in sie, aus ihr, in dem Gleiten der Sinne, schwere und los. Und wie ein Seraph mit den Flügeln zum Blute schwingt sie das Lied zum Refrain, steigert sie ihn – in dem Klang, in dem Rausch –, und im Appetit geht er ganz in sie über – die Quelle zur Quelle –, tausinkend über die Wiese. Wie ein Reh fällt sie in den Rücken zurück, ihre Haare fahren über den Boden, fährt ihr Leib zu dem Haar und verschmilzt streckend, todgleich mit Nacht. Trunken, Stahlfedern im Knie, kriecht Martin zur Luft – Nebel der Äther –, und keine Luft kriegend, luftlos, lustlos über den Rand, völlig verloren, die Besinnung verloren, den Tag mit der Gleiche, packt er seine Jammertasche mit der dreckigen Wäsche und nimmt das Flugzeug Berlin.
Petra kommt – ein unschuldiger Engel – weiß, blond und schön. Sie fahren nach Halberstadt, rühren sich an, er stößt gegen sie, knöpft ihre Kleider und liegt in ihrem Bett weich, totenweich ruhig. Nichts will zu ihr hin – ein schlaffes Gesicht, schlaffende Zeit wie verplempert, ein Tag wie der andere. Er greift ihre Figur, ihre Haut – willenlos, will nicht –, und es geht kein Sinnen in sie, sinnt er geschlossene Augen – es dreht ihm im Haupt –, er ist nicht bei sich, irgendwo dort, die Haut ist ihm fremd, kühlfremd, und ungläubig umarmt er die Weite: „Ich kann nicht.“
Petra streicht über die Haare: „Nicht schlimm. Muss ja nicht sein. Mutti hat Kuchen gebacken.“
„Musste nicht sein.“ – Neben ihr liegend die Nacht, nackt, mit nichts in den Armen, kneift Martin sich in die Lende – ekelhaft sich: „Schlappschwanz! Schwanzloser! Zum Pissen gerade genug.“ – Wenn er früh aufwacht, erschrickt, entpellen sich möchte und glaubt, da ist etwas, die Braut, hat er nachts nur die andre gesehen. – Und in der vierten Nacht fließt diese ihm von selbst über die Beine – gelaufen von selbst, von der Traumbraut im Bett. Er kann sich an den Traum nicht erinnern, verdrängt ihn. „Er war schön.“ – Petra liegt neben ihm nehmbar – er aber hat eine andere berührt in dem Schlafe, ist ihr auf die Beine geschwommen wie Laich.
Sarodnick versteckt sich in seine Kleider, und kurz und lang streicht er die Segel zu seinen Eltern, enttäuscht: „Nur keinen mehr sehen! Und nicht das Haus mit der übermäßiger Wärme.“ – Aber die Eltern geben nicht Frieden, sind unfrieden, unfriedsam, unbefriedigt, weil er allein – als wäre er befriedigt allein! –, weil Petra nicht da ist. Petra ist eigentlich wichtiger als Martin für sie – ist Petra wichtig für ihn? – Sie ist ein wichtiger Engel für sie, denn sie denken wie alle, alles an sich.
So stellen sie Fragen, Falten, Fallen, falten Löcher in seinen Bauch, und er schläft mit sich selbst, in den Löchern, im selbigen Fleisch. „Hast du dich mit Petra zerstritten?“ – „Wie konntest du nur!“
„Konnte er nicht? Wäre nicht nötig? Notdurft muss sein. ‚So ein liebes Geschöpf!‘ – Ohne Liebe.“ – Sarodnick haut die Faust in den Schrank und fährt aus dem Haus – elternen Haus, nicht sein eigenes Haus –; er möchte jetzt wenigstens schweigen, nur über das Haar streichen sich lassen: „Nicht schlimm! Muss ja nicht sein!“ Und er klopft an die vormalige Tür wieder. Petra aber ist nach Leipzig gefahren.
Sie ist nicht allein, ein Mann sitzt bei ihr ein. „Ich muss mit dir reden.“ – Petra bittet, den anderen zu gehen.
„Sie ist nicht allein. Ein Freund. Ein anderer Mann.“ – Daran hatte Sarodnick niemals gedacht, war nie in den Kopf ihm gekommen, so etwas war ausgeschlossen im Denken von ihm. Ein anderer Mann: „Was soll eigentlich das?“
„Wolfgang hat mich sehr gern“, schwärmt sie von diesem. „Hat mich sehr gern.“ Sarodnick fühlt seinen Eitel verletzt, eine Narbe: Da kommt ein anderer ins Haus, und er ist weg von dem Ofen. Unglaublich für ihn. „Und du?“
„Sehr sympathisch.“
Wutschäumend geht Sarodnick in die Höh, auf den Baum: „Ich bin ein Mann!“, geht auf den Ast, greift nach ihr – Wut und Blut in der Stirn würgt es ihm tief im Halse, „ein Mann! Da, der Beweis in der Hose!“ – Er stößt sie aufs Bett, sie ein, hassleidend, „werd’ ich es zeigen, wer ein Schlappschwanz hier ist! Zeigen! Guck auf! Zeiger, zeig an in die Tiefe!“ – Und Petra schnurrt eine Mischung wie echt, kippt ein hohes C in sich ab, und atmet einen halben Brustschlag höher und tiefer. – Martin hat es geschafft, hat die Liebe in ihre Poren begraben.
„Ich dachte schon, du liebst mich nicht mehr“, flüstert sie und ist bald schon wieder bei Sache.
Als Wolfgang – weggeschickt – sich schickt wiederzukommen, wird er nicht mehr gefragt. „Ich hab’ mich entschieden“, ruft Petra und winkt aus dem Fenster, winkt Sarodnick seeaalig sein Glück, gemütlich, geborgen: „Als wäre ‚schlafen‘ so wichtig! – Das Erste, das ist der auswendige tierische Mensch, das Zweite ist der vernünftige Mensch, der dritte Mensch ist das Gemüt, der obere Teil unserer Seele.“ – Eine jede Lehre ist Leere, abstützend jedes für jeden. Petra hat ihm die Vernunft wiedergebracht, und gemütlich blickt er nach oben in die animalische Seele, verdammt. Gemütlich vergeht ihm der Zweite, der Dritte im Bunde, und das Niedere ist wieder ad acta gehackt. Ruhig fährt er nach Moskau zurück.
Hier ist die große Versöhnung mit Sjoma, mit Wowa. Petra hat ihnen feine Gaben gepackt, und sie ist weit, ihm kostbar zu sein. „Eine Perle!“ – „Wer kann sie nicht lieben!“
„Fritz, du Päderast! Du wolltest dich wegen einer Nutte vergreifen“, flucht flachsig der Kaukasier, flucht noch eine verlorene Träne nach, und auch Wolodja ist für Sekunden versunken: Eine Windjacke aus Berlin ist ihm als Geschenk übergeben. Die große Versöhnung! Ihr Schwanz ist der Bann.
„In die Kufe den Kofen verschickt! Die Ölfunzel ist aus. Larissa hat ihm bloß Böses gebracht, war nur ein Keil – ein Keiler ist in die Säue gefahren.“ –
Langschrittig nun weicht Martin ihr aus dem Weg, sieht sie nicht mehr, nicht mehr mit offenen Augen, dreht Kreise um sie — eben nur Kreise. Sie indes hält sich abseits, in ihrem Haus, kommt nicht in die Quere, und selbst die alten Plätze von ihr sind verwest. Einäugig hatte Martin diese beäugt – alles von weit, in die Weite. Nach Haus aber schreibt Sarodnick Briefe, an die Lieben, an Lieblich und Treue, anlieber als was?. Mit Samwel besucht er den Klub, spricht mit Wladimir über die Kapitulation von Königsberg und legt die Moral in den Imperativ wieder. Im Institut dieweil kullern die Fächer zu Teig, und eines Tages zeigt man dort einen Film.
Martin hatte ihn in Berlin schon gesehen, hatte ihn damals ganz intellektuell genommen, und unter dem Eindruck der Psychoanalyse kritisierte er ihn, nörgelte er, fand Symbole an den Haaren gezogen, der Todeszeichen zu viel: „Jede Einstellung ist eine Metapher, die ihren sinnlichen Ausdruck verlor und bloß in reiner Deutung sich gibt, nur des Zeichens da-ist, ohne ein Zeichen zu sein.“ – Sarodnick sah überall nur Punkte gesetzt mit dicken Ausrufezeichen. Es fehlten die Schnörkel für ihn und die Bindung. Das Bild blieb phantastisches Bild, eine Galerie, ohne Gesamtbild zu sein, ohne Bewegung zu einem Ziel.
Jetzt aber betrachtet er den Film „Schatten vergessener Ahnen“ wieder von Neuem und wärmt sich darin, lässt sich nicht mehr lediglich von der Geschichte einnehmen, ablenken, sondern lenkt sich in ihre Form, in ihren Gehalt und sieht die Innerbewegung, das Fresko oder besser das Triptychon aus dem von sehr tief ihm der sakrale Gang, der Stellengang hinein scheint in eine andere Sphäre, mittelbar neben dem Bild der Gestalt. Das Handeln ist ihm ein Vorwand, um die Un-Handlung zu schauen, die Metaphysik, den Geist, in dem die Dinge gebunden, verbunden, bindend zu sich, in sich, zu ihm sind. Es ist ein Ding vor dem Ding, das Vorgeahnte, die Vormorgenröte und die tragische Determiniertheit in ihr, das Wissen und das „Dagegen nichts tun“, das „Nichts tun können daselbst“. – „Der Gang ist bestimmt, der Ausgang, der Mensch und das Wunder“, denkt er. „Die Emotion ist nicht mehr einfache Angst, Angst um das vermeintliche Ziel, sondern die Freude, das Reinigende, die Amoral. Ist doch Moral von den Umständen her, das Außer-Gewöhnliche, die Formung, die Doppellichtung, die Entdingung des Leibes, die Katharsis – nicht das ‚was‘, sondern das ‚wie‘ ist es gemacht. Der Tod wird entbanalisiert, und der Kuss Irrealität, unmaterielle Gesichte. Das Leben ist Leben an sich, unendlich, nicht-individuell, es geht ins Volk, ganz, auf dass es ewig lebt und nicht genug Ewigkeit wird: Es wird heiliggesprochen. Das Volk ist Choral, die Vorreligion, die Antike, ist einfach Bruder und Schwester, ist Volkssein, und ihre Symbole sind von ihnen gepflanzt, in ihrer Kette, in ihrer Archestalt, hinunter, fern zu den Ahnen, geliefert von Seele zu Seele und nicht nur ein Traum von dem Traum einer fiebrigen Nacht.“ – Sarodnick spürt den Volksbrauch darin, die Gebräuche, die Kinderspiele von den Kindern ererbt, die Naturmagie und die Weisheit, ohne Gabel und Messer – vom Munde zu Mund. – Eine rote Beere fällt in das Gras, die nackte Frau läuft ins Gewitter, und Milch reift Ferment, der Tanz geht in magische Kreise, Fruchtbarkeit betörend und Sinne. – „Das Beil ist Erotik – Gewalt“, merkt Martin bewegt, „das Un-Wetter verlängert zum Wetterleuchten sich aus, und der Himmel gießt das Licht über die Haut.“
Jura war Assistent bei Sergei Paradschanow gewesen, hat die gestrichenen Blätter gesehen, die zerschlagene Kamera über dem Hang, er hat den Huzulen ihre Lieder gesungen und dem Regisseur ukrainisch gelehrt. Er hat das Romanisierende ins Russische übertragen, hat aus den Museen die Vergangenheit in die Hütten geschleppt, und die Plastikschüsseln durch Keramik ersetzt; er schrieb die Gebete der Bergfrauen auf in ihren Kirchen, in den Stuben im Winter, die Klagen und das murmelnde Weh: „Zwischen ihnen liegen die Geister.“
Zusammen mit Paradschanow hat Jura bei den Hirten gewohnt, Gewohnheiten gelernt, das Nicht-Zuerlernende gefasst und aus einem Topf mit ihnen gedacht. War es noch Denken? „Zuerst waren sie misstrauisch gewesen, diese Huzulen“, erzählt Jura, „fremd gegen die Fremden, und verschlossen schlossen sie sich von uns fort. Diese metallenen Glasaugen machten sie wirr. Da entschied Paradschanow, den Apparat zur Seite zu legen, hinter die Mauer, schmiss die Technik gegen die Wand, und unsere Gruppe löste sich auf in das Dorfkollektiv. Einige Wochen. Wir mischten uns unter die Leute, mischten mit, trugen uns ohne die Stadt, waren ein Mensch, ein Mit-Mensch, wie alle Menschen hinter den Bergen. Wir lernten die Maultrommel spielen, das Alphorn, lernten, wieder zu hören – in ein Ohr rein, ins andere zu der Seele, waren ein Herz, eine lange Geschichte. – Die Bergler stiegen hinab und sahen ihre Bräuche in Büchern und hatten sie doch so lange vergessen. Wir erinnerten sie mählich daran. ‚Wie unsere Väter, die Ahnen‘, sagten sie uns und ‚genau, haargenau so‘ und ‚so nicht!‘ – ‚Bloß zum Kirchgang nur war dieses Kleid Gang und Gabe – rot wie die Wildbeere unter dem Gras‘, – ‚so ungefähr.‘ – ‚Die Lieder sind die einzigen Zeugen – fast einzig, ein Jammer!‘ – ‚Das Herz noch, das Schwingen der Seele beim Singen, beim Gebet ohne Heilige Schrift.‘ – Lange Zeit waren sie Heiden, sind Heiden, sind das Gegenteil von: ‚Heute ungläubig und einst gläubiger Heid.‘
‚Ein Elend!‘, sagte man beim Trinken aus den bauchigen Krügen. Und Paradschanow erzählte ihnen ihre Geschichte. Sie haben sie schon gewusst, bloß nicht gewusst, wie man weiß – in Zeilen, in Prosa, mit Vorwort und Namensregister. Für sie ist jeder Name ein Vorwort für eine Legende, ein eigener Name aus der eigenen Sippe.
‚Haben wir wirklich gelebt?‘, fragten sie uns. – Paradschanow verstand ihre Wahrheit, dass sie da ist, dort unter der Wahrheit der wahren Hirtographie. – ‚Alles ist wahr ‘, sagte er ihnen, ‚eure Väter, euer Leiden, euer Jetzt-sein, euer Vergessen darin, und daran hängt das Seil zur vergangenen Zeit, unvergangen in euch, vergangen nur für die Bücher. – Es lebte einmal …‘ – Sie leben alle noch heute, verwechselbar, Wechsel aus sich, verschoben in Unkenntlichkeit. Und sie verkennen sich selbst: ‚Was geht es uns an! Alte Mützen für uns!‘ – Und schnell ist ein Bild von ihnen gemacht, eine Schnellkarikatur: ‚Gute Menschen. Gutherzig verschroben, abseits, hinter dem Mond, mit Volkstänzen, Volksmusik und jeden Sonntag einem Fest, einem Trachtensonntag – Trachten aus der Fabrik, Geschirr aus dem Laden, Getränke, Sitten, Musik von dem Berg, Souvenirs für die Touristen.‘ –
Was geblieben aßen die Museen für Eintritte auf, und die Huzulen haben endlich ihr Handwerk verlernt. Die Zeit rollt wie ein Elefant über unzerbrechliche Ware, und die Kunst geht über die Leute hinweg: Sie sind Kunstmenschen geworden wie tote Porträts in Kategorien. Bewahren? – Bewahre! Nur die Achtung bewahrte Paradschanow vor diesen Menschen. Er sagte: ‚Ihr seid die Künstler. Ein Künstler aber ist ein Mensch, der seine Kunst lebt und nicht ein lebloser Fisch, ein Zeichenfisch, ein Zeichner, der das Wasser nur malt: vor sich, aus sich, außer, fremd, Entfremder, bloß Nehmer, ein ‚Nimm dir deinen Teil‘– teilnahmslos, einteilig, ein schwarzes Kostüm ohne Trauer. ‚Du bist es selbst, Gezeichneter! Bist ein Zeichen – siehe dich ein! Einsicht in selbige Sicht – und gib dich den seinen! Kunst muss nicht unbedingt gemacht werden wie ein Machen ins Bett. Seid werdend! Seid, seid bereit! Seid alle vier Seiten! Seid eingekehrt in die Kehrseite und kehrt euch drin aus! Seid reinende Arbeit! Denn die Arbeit ist Buch, eure Lieder, die Milch, die sich wandelt zum Brotüberstrich.‘ Paradschanow hatte gesprochen.
Nach Wochen meinten die Leute zu ihm: ‚Du bist wie ein Mensch‘, und der erwiderte ihnen: ‚Ein Mensch wird euch von Menschen erzählen.‘ – Tage berichtete er nur von sich, und sie merkten, dass er eigentlich nur von ihnen erzählte. So gingen sie ein in seinen Refrain und setzten die Strophen: ‚Wir wollen dir von Marischka singen, von Iwan, von Jurko dem Magier … Denn sie leben noch heute, hier bei uns in den Bergen. Im Frühling kann man des Nachts ihre Lieder über den Tälern vernehmen, die Liebeslieder, die Hochzeitslieder ihrer nicht endenden Brautnacht. Iwan, Marischka – unsere eigenen Kinder sind ihre, wir sind in ihnen erkannt. Wenn der Winter verendet, und der Magier seine Macht verliert über die Natur, ziehen wir aus und wecken Iwan und Marischka wieder zum Leben, feiern die Treue, ihr Leid, ihre unendende Liebe.‘
Sodann nahm Paradschanow endlich die Kamera auf, die anderen aber ihre alten Gebräuche, die Kleidung, ihre Lebensgewohnheit, die Schatten. Und die Gegenwart raunte die Gegenwart fort.
So entstand dieser Film“, endet Jura seine Erzählung, „und als die Stadtleute wieder zu ihrer Stadt fuhren, war die Ungewissheit in den Bergen geblieben. In Paradschanow jedoch was das eine Gewisse: Es ist alles nicht so! Nicht so ist es alles gewesen.“
5
Im wehenden Schnee wandert Martin die Fährte entlang, sieht sie den Bahndamm raufklettern und zwischen den Schwellen der Schienen verwirken. „Sie sind zum Norden gelaufen, meidend den Schnee, abkürzend, um langtreten zu können, auszuspüren den ungeräumten Weg und ihn umzutraben gen Pol: Dort liegt Sagorsk, die Papststadt, der Vatikan der russischen Kirche.“ – Einen Moment harrt Sarodnick in der Waage: „Ich müsste den Tapfen gar folgen als eine Art von Verzeihung.“ – Aber er besinnt sich der Stunde: Zu kurzatmig sind die Tage im Winter, zu weit ein Atem zu dieser Stadt. „Als wär’ ich ein Pilger! Als müsste ich Buße ablegen. Vor wem? Wem interessant?“ –
Von Kindesbeinen war Sarodnick Protestant, evangelisierte später rasch weg, und nur manchmal – den Eltern zuliebe oder bloß aus Liebe zum Altar – brachte ihn ein Liebes-Kummer zurück. Freilich, es half nicht – er konnte sich stemmen! – der Protestantismus bürgerte aus. Er konnte Luther nicht leiden – schon wegen des Namens, der vom Kampfe fortführte, und wegen des anderen wohl, welcher der seine auch war: Wer hat eigentlich von wem abgeschrieben? Wegen des Briefes an die Fürsten zu Sachsen von dem „auffrurischen geyst“ war er ihm unholde vor allem, welcher aus dem einen einzigen Grunde geschrieben, sich zu rechtfertigen, das Recht zu verfertigen vor dem irdischen Gott. Da er doch vernommen habe – o Gott! – als wolle es derselbe geyst nicht beim Wort bleiben lassen, sondern gedenke in Bälde, sich mit der Faust drein zu begeben, und sich mit Gewalt wider die Obrigkeit setzen. – „Was soll der geyst wohl anfangen, wenn er des Pöbels Anhang gewinnt!“, fragte Sarodnick sich sehr oft. „Hatte Luther nicht Müntzer auf dem Gewissen und Schwenckfeld und Sebastian Franck?“ – Für Martin war der Reformator nur die ordentliche Sprache, die Übersetzung ins Reine, das gesprochene Wort, aber nie das erfüllte. „Nach diesem Deutschen führten just und nunmehr die Luthers das Schwert, und der Geist ruhte geschrieben als Wort, als Bibel, Pudel und Babel. Zu viel war irdischer Geist in der Mode und zu wenig der Ab-Geist, der Frei-Geist, die Geisterei. – Luther hat die Semantik gereinigt“, predigte Sarodnick immer, „und deren Stall“, schloss er ins teuflisch Sarkastische ab. „Er hat die Mantik befleckt und ihre Manie. Wir sind mit ihm deutsch geworden und ehrlich“, schlussfolgert Sarodnick heuer. „Dieser Vorsachse war zu stark, um andere seitlich, unseitengerecht stehen zu lassen, wie später Goethe zu stark, wie Friedrich der Große, wie das Tausendjährige Reich. Mit Lutherist die Dialektik weggerutscht, das Gleichgewicht, der phantastische Schnitt, ist die andere Seite unter das Messer geraten – immer, ewiglich. Amen.“ – Sarodnick blickt auf die Hände: „Amen Romantik. Amen die Mystik. Amen Freischwärmerei. Alles bleibt schwärmen, schwären, Schwere – in die Schwere gerückt. Luther hat keine Chanc’ uns gelassen sich zu interpretieren von selbst. Die schwarzen Schafe wurden schwarz wie die Nacht, und der Nachtgeist zog ein und aus wie der Wind über die Felder – auf der elenden Strecke. Geblieben. Es ist der Weg zu dem Papst“, sinniert Martin und blickt die Schienen entlang. „Es gab genügend russische Päpste.“ – Er macht schnell ein Kreuz – Kreuz, wie die Katze auf der Alten am Ofen –, springt von da auf den Damm, schlägt einen Haken und geht in die Richtung, wo sein Internat niemals lag, streift den Wald, quert einem Mädchen den Weg und querte Larissa: „Du?“
„Du?“
„Ich gehe. Spazieren.“
„Ich auch.“
Sie stehen sich gegenüber, spiegelgerecht und haben ihre Worte verlegt. „Wie lange …?“
„Ist alles her.“ – Martin armt sie an sich, an seinen Mund. Tief atmet Larissa, schließt ihre Augen und löst sich nicht von dem Kuss, bis die Füße nicht stehen, und sie schwankt mit dem Jungen leiden-leidenschaftlich, fällt endlich-endlos weich hintenüber in’ Schnee. Fiebrig fasst Martin die Knöpfe, tanzt unter dem Rock, und berührt den Scheitel der Beine. In seiner Hand schmilzt der Schnee, er streift die Seide über die Knie, knüpft an dem Gürtel und rollt groß zwischen Himmel und Erde. Wie ein Flug springt es über die Schmelze, und ihr Mund zuckt in dem Leib, geht in die Tiefe, wird unheimlich-heimlich. Sie ist eine Höhle aus tausend und Hexen, und das Opfer verfängt sich in ihr. Der Trank fließt aufzehrend-labend, bis sie hin schreit wollig darin. Einer Welle gleich beben sogleich die Lippen kalt durch die Flut, und die Augen leuchten weiß-grün als heller Kiesel im Schnee. – Ein Zug schiebt nah bei durch das Feld Richtung Norden. Die weitlaufenden Wangen zucken davon, und der Strom verlängert sich bis zu dem Hals, bis zu der Sehne. Auf die Erde ist ihre Mütze geworfen, der Pelz mit den Perlen, und Martin gewahrt auf einmal die winzigen blonden Härchen über der Stirn.
„Wo sind deine Haare geblieben?“, fragt er ganz überrascht, „diese langen schwarzen, bis tief in den Rücken?“ – Sie lächelt noch matt, und in den Augen füllt sich allmählich das Grün:
„Die hab’ ich verloren, damals mit dir.“ – Er versteht nicht und ärgert sich nur:
„Wie schön sie doch waren!“
„Sie waren anders“, sagt sie. „Ich bin blond und bin es immer gewesen.“ – Und Martin überlegt, ob er Blonde mag oder Dunkle. „Wie Petra“, fällt es ihm ein, „ganz anders als Petra.“
„Das ist Glück“, drückt Larissa sich an ihn und weg. Sie schreiten zu den Schienen nach Hause – jeder in seine eigene Richtung.
„Ich melde mich bald“, notiert er ihr noch, doch sie sieht ihn hinter den Häusern aus ihren Augen verschwinden.
„Bald …“, küsst sie die Seide: Sie mag diesen Geruch. „Mandeln – wie Augen.“ – Sie liebt den Mandelgeruch ihrer Augen.
„Ich melde mich bald.“ –
Lange noch sticht Sarodnick seinen Kreis zu dem Damm, kehrt wieder, geht an der geschlossenen Gottesmutterkirche vorbei, wirft über den Zaun einen Blick zu den zugenagelten Fenstern und läuft über den Schnee. „Larissa. Ich muss etwas tun. So ist nicht mehr weiter. Ein Tier. Ich kann mich nicht bremsen. Was hat sie davon? Und ich ein schlechtes Gewissen. Man trifft sich und schlägt heftig zusammen. Als wäre man nur Antrieb und Trieb! Das kommt von der inneren Leere. Man hat sich zu wenig zu sagen, hat zu wenig Gemeinsamkeiten, hat zu wenig gelebt, zu wenig im Kopf. – Sie fährt wild aus der russischen Haut und macht mich zur Schnecke.“ – Das allererste Mal ist Sarodnick im Leben in dem Häuschen und nicht aus diesem geraten. Immer hatte er nur gemacht, was ihm passte, und konnte bis zehn zählen, sogar bis einhundert, und neben ihm lagen die Fleischberge rum. Jetzt aber kann er nicht mal bis drei, und der Kopf dreht, und das Vergessen geht ab: Zwischen den Fingern rinnt ihm das Nichts. Zum ersten Male! Der Kitzel Sekunden. „Das ist für den Mann auf der Straße“, beruhigt Sarodnick sich. „Was sollte ansonsten auch herauskommen, wenn alles hineingeht? Zeit ist Sublimation, das heißt Unterdrückung, Beherrschung der Triebe: an den Baum binden und wie Prometheus Gedichte aufsagen. Wer ein Bein hebt, pisst sich selber aufs andere. Sich meistern, fruchtbar sein und nicht schleudern dorthin und hierhin, Konzentration – hinterher ist man schlaff wie ein Sack, ein leerer Sack bis zum nächsten. – Freilich, ruhig auch bin ich, geglichen, man denkt wie ein Kind, und nicht mehr verkrampft. Vielleicht ist Larissa auch etwas wie Gleiche, um nicht zu zerreißen anbei? – Bloß so nicht! Nur Fleisch. Ich könnte mit ihr über Dinge reden, Reden halten – nicht Hände! – und meinen Rhythmus finden mit ihr. Ausweichen ist keine Lösung, Herumgehen wie der Hund den heißen Knochen – der Knochen muss weg! Ich kann nicht so leben mit dem Gefühl unter dem Bett und im Traum ihren Körper betasten. Ich werde verrückt. Man muss es mit den eigenen Mitteln verjagen, wenn überhaupt Haupt. Sie hat sich als Erotik gegeben, und nun sitzt sie wie Ungeziefer fest unter der Haut: Es zwickt und zwackt, und man kratzt bis zum Blut. Es sind die Gründe zu heilen. Sie macht mir Petra kaputt und Sjoma und Wowa und meinen Kurs und Deutschland und Heimat und Kunst. Alles vergeht wie der Nebel. Ausmisten den Stall von Augias mit Stumpf – vor allem mit Stiel! –, sich sattsehen, übersehen und aus dem Halse hängen lassen Gefühle. Es ist nicht über dem Damm, es ist Stirn gegen Stirn, überhaben – den Vogel in der Hand –, haben und die Sinne seinlassen in Frieden. – Jedoch anfangs den Krieg. Larissa den Krieg. Mit ihren winzigen Haaren! Nicht in die Suppe sich mischend, esse ich meine eigene auf. — Einfach müsste sie werden, banal, ein Jeder, Gesicht wie Gesicht, und dann wäre der Zauber zu Ende. Man latscht zusammen, redet das und dieses – kein Wert – nur für sich, spiegelt sich groß, liebt sich größer, rutscht selbst in die Hose, und der andere ist dabei wie ein Ding ohne große Bedeutung. Larissa wird zum Ding degradiert und ich werd’ wieder ich, hänge nicht mehr in ihrer Liebe wie ein verlorener Lurch in der Furt. – Ich muss mit ihr reden, zerreden, zeigen, was ich kann, was sie nicht kann und die verdammte Lust in den Kopf steigen lassen, steigern, intelligant: galanter Martini, Gala Soiree – man zeigt sich von seiner besseren Seite, und die ist die Brust, nicht der Arsch – der steckt zugeknöpft in dem Anzug. Liebe bleibt ein gestecktes Wort in der Luft wie der Geruch der Toilette, ein sanitäres Gelaber.
Man greift nur gebügelte Seide, und das Herz schwärt von dem Haken herab.“
Martin kann nicht mehr leben mit dem Gesicht in dem durchdrehenden Kopf, die Augen wie Wasser über den Algen, den Mund aufgesprungen. Wie eine Frucht schwer tropft Larissa in ihm, haltlos wie Wind, und er kann sie nicht halten, hält sich an ihren Zähnen, der Brust, ihrer Zirpe aus Taille und der auftuenden Hüfte. Banalisieren, runterholen vom Status, wünscht Sarodnick sie und will wieder sich selbst, wieder den Monolog, die Rednertribüne, die Kunst unter dem Teppich. „Als wäre sie Partner! Eine Hure ist sie, die nie genug haben kann. Ich bin keine Ziege zum Melken!“
Die Vernunft geht ihm über, geht zu den Gleisen, zur Gottesmutterkirche über den Zaun und sucht Larissas Stapfen im Schnee: „Sie hat mich verdreht, und ich dachte, sie ignorieren zu können.“ In den Briefen an Petra zwischen den Zeilen, in den Seminaren und noch schlimmer des Nachts hat er sie an sich geklebt. Mit Flüchen im Mund: „Ich müsste mich stellen. Als wäre das Liebe! Ich liebe sie nicht, nie, liebe nur den Reiz, das Neue, ihre Lust, den Sog unter dem Nabel. Ich habe es bloß noch nicht vorher gehabt. Aber das kann ich mit jeder X-Beliebigen haben, auf der Straße – das Straßenmädchen, die hinter der Ecke –, nur mit reinem Gewissen dazu. Liebe sind höhere Werte, der Wert seines Ichs, das Zusammensein, das Danach, das Leben zwischen der Lust.“
Und Martin verlangt es sie zwischenzustellen, sie zu weisen, ihr zu zeigen, wie sie eigentlich ist, auszuspielen, zu flirten und dann zu ironisieren, sich lustig zu machen, Freunde bloß zu sein, selten sein und vorbei: „Nichts bleibt in der Asche.“
– Er denkt an Petra, an ihren Anfang, wo es auch prickelte, spannte und über den Rücken auslief. Freilich war es da schon verpackt, fassbar, erklärlich, nie über den Abhang gehängt, war immer noch wissen, wo ist der Kopf, wo Wasser, das Tuch, wann raus, wann die Tage, und er konnte sogar reden dabei. Es war wie ein gutes Gericht – schmackhaft, unnötig-nötig, ein Notlicht bei Nacht und erledigt. Das Leben ging weiter, eine Pause zum Luftlassen war wieder vorbei, ohne Erhitzung und ohne Erkältung. Petra verstand seinen Reigen, neigte sich ein in Reih und Glied, verstand die lasche Figur, zum Abstürzen gerade genug, gerade, mit viel Mühe auch manchmal, und man nahm die Finger zur Hilfe dabei. Schließlich war er ein Mensch, war überzeugt, dass Liebe über dem Gürtel liegt und sprach von Petrarca und Dante: „Ein Mädchen ist Reiz Stimulanz, und das Gedicht ist der Akt, die wahre Erfüllung. Wäre die nur mit dem Mädchen, fiele die Poesie mit ihm in den Sumpf. Herumtasten, fingern, sich aufpusten, ein wenig sich abtun ist grad’ in dem Maß. Die Haupt-Arbeit liegt mir danach, die Hand auf dem eigenen Geschlecht und leichte Musik in den Hosen.“ – Petra hat dies immer begriffen, hat nie ihn gedrängt, hat ihn genommen wie er „da-war“ vor ihr: ein wankender Zweig ohne viel Blut. Und sie hat sich selbst sublimiert, hat gelesen, genäht und Figuren geknetet aus Lehm. „Schöpfertum ist sich nicht stören, alleinlassen gemeinsam“, hat sie einmal gesagt. Man isst, spaziert, kauft ein, geht ins Kino, zu Leuten und ist wieder allein. „Die Leidenschaft liegt in der Tätigkeit selbst“, gähnte Sarodnick und rekelte sich oft auf ihrem Sofa, bequem. „Man schöpft mit der eigenen Kelle.“ – Was ist da schon Liebe! „Wie Latschen, wie Kinder in die Welt, wie Ehe und Spät, wie eher den Tod.“ – Auch Petra ist tauschbar, bloß ist sie für Martin nicht übel – übel wird ihm nur manchmal dabei. „Hat sie nicht alles in sich?“ – Sarodnick hat keine Zeit da anderswo noch zu suchen. „Als fände ich besser als sie! Irgendjemanden muss man wohl haben“, meint er scheinklug und ist nicht ganz sicher dabei: „Eine zweigestrichene Eins. Und zum Masturbieren eine Dirne fix bei der Hand. Danach wieder die Eins.“ – Mit Petra scheint es bequemer. „Liebe? – Eine Laus über die Leber. Ich kann mich sehenlassen mit ihr. Sie hat Geist, stellt das Essen, die Wärme, macht mir das Bett. Solche finde ich nimmer. Ein Volksspruch, ein Lächeln wenn nötig am Platze – sie weiß, wo Messer und Gabel sich legen, und mit ihr trudelt viel Zeit in den Tag. Dagegen Larissa: wohnlos, hauslos, elternlos – ihr ist alles egal und ganz schnuppe. Sie ist zu schön. Man kann sich nicht zeigen mit ihr. Auf ihren Lippen ist die Hure geschrieben. Jeder Blick von ihr geht in die Lenden, und sie ist ohne Geschirre, frisst dich mit Haaren, frisst die Butter vom Brot. Lacht sie, will sie ins Bett, in den Wusch, zwischen die Beine, und die schwingen wie Fiber von weit. Zu schön! Schönheit für alle, zum Reinbeißen – Beißen auf hohlem Zahn. Ich habe noch nie ein vernünftiges Wort ihr gesagt. Sie macht zum Idioten. ‚Der Erste!‘ – Gut, aber bestimmt nicht der Letzte. Ein zufälliger Fall. Wenn nicht ich, dann ein anderes Ich. Sie ist mir in der Brunstzeit gekommen, und nun ranzt sie schon monatelang. Es ist ihre eigene Sache. Für Hurerei hat man früher den Frauen die Haare geschnitten. Sie hat es selber getan.“
Sarodnick beobachten den Zug nach Sagorsk: „Da ist Godunow begraben. Und Eisenstein hat ihn herausholen wollen, diesen Zarenmörder, den sich selber Krönenden, den Zar-Epigonen, das Ende von Russland im Lied und in mythologischer Linie – eine Todlinie und Todbringerin auch. Aus Sagorsk schaffen und über die Leinwand! Ein anderer Godunow-Epigone sagte ihm: ‚Nein!‘“ – Der Zug fährt zum Grab, und an den Fenstern schauen Gesichter gleichgültig gleich, singen die Gleise, rasen die Räder achtlos wohin – nur in Bewegung. Gesichte im Fenster, zwischen den Gleisen, zwischen den Gräbern, zwischen Bewegung – zu dem Vergessen – , die Gräber, das Ende, Gesicht.
Sarodnick kreuzt die Geschichte, seine Geschichte – Larissa und Petra, das andre Geschlecht –, kreuzt die Geschlechterbewegung. „Ein Mädchen ist Statik, ein Bild, hingestellt in die Ecke des guten Gewissens, kontemplativ, mit Staub auf dem Rahmen. Entweder Himmel, Anhimmel, geschlechtsloser Engel, auf den Knien gestanden, ein Reim oder: die Erde, die Mutter, das Haus, beinlos – Beine unter dem Schemel. Dazwischen liegt die Hölle allein – zwischen den Beinen –, der Sündapfel, der Vertreib – gedankenlos, kopflos, Verschlucken“, antwortet Martin dem Herzen. „Ich muss Larissa in den Himmel mir ziehen, dann macht man Verse auf sie. – Schönheit abstrakt! Aber zur Mutter taugt sie einen Pfifferling nicht. Also zum Petrus mit ihr, oder ans Kreuz. Dafür hingegen ist es noch Zeit; es muss kalt werden zuerst, abgestellt, ranzig, zu Butter.“
Martin holt den Zug wieder zurück, setzt sich in die Gleise und schaut auf die Sterne. „Winter. Er beruhigt die Knochen.“ Und er sehnt in die Ferne: „Fernfahren mit diesem Mädchen. Ruhig. Nur Knochen.“ – Dann schreibt Sarodnick einen Brief, einen Zettelbrief an den Rand, ohne Rand: „Larissa, Sonntag früh in die Ferne …“
6
Um acht Uhr morgens, sehr pünktlich, kommt Martin ins Internat. In der Stube zagt Schlaf, und Larissa ist niemals zu wecken. Er rüttelt, spricht auf, und sie murmelt verdreht. Die Ungarin fordert zur Ruhe. So sitzt Sarodnick leicht in der Küche, und über die Scherben weht Kälte über der ewig tanzenden Flamme des Herdes.
Um zehn geht die Tür, und eine Nase schiebt sich lang ein: Die Ungarin hüpft im Nachtkleid zur Diele, stellt den Kessel aufs Gas, rümpft mit dem Mund und flieht danach vor dem Mann wieder davon. Nach ihr schleicht Sarodnick hin und kantet sich weich zu Larissa. Die wischt ihre Wange an ihm und flüstert sehr leise: „Komm in mein Bett.“ – Etwas rührt seinen Rücken, und nervös bittet er Larissa zu eilen: „Du hattest versprochen …“
Sie verspricht alles: „Bloß fünf Minuten für mich“, lallt sie, scheint wieder zu schlafen, und er schüttelt an ihrer Schulter, verzagt. Schnell rutscht sie seinen Arm in die Beine, und schließt wieder die Augen, unbeweglich, ihre Taille ganz leicht anhebend. Und abermals diese Minuten. – Ein Seufzer regt sie, die Ungarin fährt aus dem Bett und Martins Nagel heraus, glänzend im Licht.
„Schütte mir Wasser ins Glas“‚ bittet sie und trinkt ihr Frühstück zum Zucker. „Steh auf!“, fleht er, und sie erhebt sich sehr spät, geht waschen, später, kommt wieder, legt sich ins Bett: „Fünf Minuten ruh ich mich aus.“ – Er schimpft. „Dann fahre allein!“, antwortet sie und dreht sich zur Wand. Er bettelt, beschwört, und sie erbarmt sich zum Schluss. –
Sie nehmen den Eilzug nach Tula, nehmen in Tula den Bus und mit ihren Füßen den Rest.
Dunkel schon ist es in Jasnaja Poljana, und nur ein kleines Tor steht noch offen in dem Landgut von Lew Nikolajewitsch Tolstoi. Längst ist das Museum geschlossen, und die Lichter geben keine Signale. Die beiden steigen den Weg ab, gewöhnen die Augen, lassen den mittleren Teich an der Seite mit der Strohhütte bei. „Da steckten Tolstoi und die Frau, um die Kleider zum Baden zu legen“, bemerkt leise Larissa. „Und im Winter, auf dem Wasser, gefroren, banden sie sich die Eisschuhe um.“
Aus dem Haus klingt Musik – Lev Nikolajewitsch trinkt seinen Tee nach dem Bade. „Wie gern hätte Sophia Andrejewna selber gespielt, vierhändig, die andere Hand in die seine gelegt. So aber korrigiert sie die ‚Kreutzersonate‘ und schläft in ihrem Zimmer allein.“ –
Sie ist sechzehn Jahre jünger als er, hat dreizehn Geburten gehabt, und er hat noch sechzehn Jahre zu leben.
Am Flügel sind sie zu zweit. Die Kinder stehen im Abstand, und der Dichter stampft unruhig im Raume, ausschreitend verkehrt. Tanejew spielt Beethoven vor, und unter der Ulme singen die Mädchen. „Wie zittert das Herz von der Frau.“
Es ist die Zeremonie ihres Herzens, und sie schöpft selbst da heraus, stellt sich dagegen, fühlt, wie es nicht ist, und läuft in die Arme, bleischwer vom Werk, in den Verrat ihres eigenen Mannes, und er hat noch sechzehn Jahre zu leben.
Dann, noch einmal geht sie zum Freund, setzt sich an das Klavier, möchte Partner noch sein, Freund und gar Mutter. Doch sie schwankt wie ein Blatt, ignoriert ihre Zeit, springt über den Graben.
„Lew ist heilig geworden“, weiß Martin klug, „er hat keine Begierden, keine Gier nach dem Wort. Er hört die Gottesworte in sich bis zur Verzweiflung, bis die Verzweiflung spricht, bis zur Ekstase: ‚Das Gottesreich ist in uns.‘ Lew schreibt sich ab, schreibt die Pelle vom Nabel, schreibt das Schlechte vom Himmel, bis es wieder zieht, anfängt zu drücken – die Hölle, die Frau.
Die Unschuld wird Schuld, die Mutter zum Leichtsinn verstempelt, und der Mann springt in das Opfer, reißt die Kleider von ihr, und findet auf den Kopf sich gestellt – das Blut in dem Kopf, findet er ab. Keuchend vergräbt er die Augen ins Laken: ‚Fluch über mich! Fluch dieser Frau! Fluch, fahre hinan!‘ – Alsdann reicht er ruhig das Manuskript ihr und sagt: ‚Bis morgen die Korrektur, die Kinder versorgen, die Abendlektüre bereiten, ein frisches Bett mir noch auflegen.‘ – Bis morgen. Er schreibt.“
„Die Schuld ist einzig in ihm“, nickt Larissa.
Tanejew spielt vierhändig mit Sophia die Kreutzersonate und Lew Nikolajewitsch begleitet sie rasend. „Eifersucht ist an ihm“, meint Martin, „kein Vorwissen, sondern einfaches Wissen von sich, von seinem eigenen Schatten. Er muss die Eifersucht sein, muss die Frau degradieren, muss den anderen als Hurenbock sehen. Aus der Unschuld wurde ein Lamm, geschoren, an den Pranger gestellt, und die Lust kam vom Zureden, Zugrunde-Reden des Engels, vom Verwerfen, Werfen mit Steinen.“ –
„Mit einem Engel geht man auch nicht ins Bett“, flüstert das Mädchen.
„Tolstoi wenigstens nicht“, spottet der Junge atembetäubt und ein wenig müde vom Reden. „Und wenn die wahre Sophia vortrat, die Geburtenmaschine, das Haustier, die Ehefrau, ging er neben ihr her, gleichgültig fremd. Sie war eine Ikone, eine Kirche, ein erlaubtes Weib Gottes.“
„Die Erbsünde …“, wendet schüchtern Larissa ein, „war nicht sein Vater erschlagen? Hat er nicht selbst in Sewastopol auch gemordet? Hat er nicht sein Geburtshaus verzecht? Seine Brüder gleichgültig begraben? Geschlagen die Frau …“
Eine Frau ist mit sich allein. Unter der Ulme singen die Leute. „Die Armen! Vergib uns unsere Schuld!“ –
„Sie lastet in Tolstoi wie das Grab auf dem Grünzweig der Kindheit, verwünscht“, fügt Martin hinzu, „dahinter laufen die Pferde – losgelassen im Ritt: ‚Lass sie doch gehen!‘ –, über die Birken von seiner Hand.“ –
Das Gutshaus ist wieder geschlossen. Es ist lange schon Nacht. Larissa und Martin sperren den Zaun und sperren das Haus, unscheinbar,jetzt im Dunkel. Alles senkt sich ins Finster, alles ist Schein. Durch die vergessene Pforte, über die Wege zu Fuß, laufen zwei in den Netzflug, in keine Besinnung, in den Zug, in den anderen Tag, in die andere Kunst, in die Menschlichkeit anders, in die andere Richtung, laufen zu Anton Pawlowitsch Tschechow. Sie reisen von Jasnaja Poljana zu ihm, so wie damals der Arzt zu dem Mann in den Jahren des Kreuzes. –
„Wegen Restaurierung geschlossen.“ – Melichowo wird gerade frisiert, und die Fahrt ist umsonst – wie die von Anton Pawlowitsch nach Poljana einst war gewesen: umsonst und vergeblich. Geschlossene Herzen werden überholt in der Nacht, und im Teich spielen sie Lieder. Am Baum lehnt das Mädchen, und die blaue Farbe des unschuldigen Hauses hängt in der Krone von Blättern.
„Unschuldiger Anton! Seine Menschen sind wie Holz, gestrichen Azur, und ein Zaun ist um die Farbe gelegt“, sagt das Mädchen zum Jungen. – Verschlossen. Wie lange? Melichowo, Jasnaja – feldklar wie Kreide … Den Weg sich gemacht und vergebens! Immer bleibt etwas liegen im Feld, auf dem blaufarbigen Holz, geschnitten im Weg. Tschechow ist über dem Weg nach Poljana. Dorthin, nachmals und niemals ging der Alte zum Jungen – es sei denn wenigstens über Gedanken. In Melichowo derweil beginnt der andere – schwerbeladen, weit abgesetzt, neue Schuld aufhäufend – die neue Periode.
„Das Krankenzimmer war eine Alltäglichkeit jetzt, eine Nummer wie sechs“, erzählt das Mädchen.
„Tschechow hatte schon von Kind an nicht gelebt“, widerspricht Martin ihr weise, „sondern geschuldet, unter der Schuld sich schuldig getan, seine verdammte Schuldigkeit nur getan, hat die Last der Familie auf sich genommen und das blaue Haus in Melichowo ihnen gezollt und so das Opfer gebracht – dem Vater, der Mutter, der Schwester, dem Menschengeschlecht. Die Zeit hatte ihn schuldig gesprochen, und er hat das Urteil für bare Münze genommen, war verdammt bis zum Tod, bis zum Tod nur ein Sohn, ein verlorener Sohn, ein Esau, mit Striemen betan, und er fühlte sich als Gewissen, als Schlächter, Gefehlter, im Dunkel Arbeitender, über alle Kräfte hinaus, sinnlos hinaus, in die Leere nur wirkend. In Melichowo schindet Tschechow sich tot – für alle zu haben –, von Morgen bis Morgen: im Rat, als Lehrer und Arzt, als Bauer von Schulen und Straßen, um sich darüber totlachen zu können, um den schwarzen Mönch zu sehen, ein Haus mit Zwischengestock – zwischen Abgrund und Abgrund. Einen Baum pflanzen, kultivieren, mit den Händen fassen den Schweiß, wissen und sterben. Im Melichowo hält er sich krampfhaft an seine Arbeit, um dieses Egal nur am Körper zu spüren – nicht mitten darin –, unter die Arbeit sich stürzend. Irgendetwas muss man wohl machen, muss man, dies und das ist zu müssen, und er freut sich vom Geschaffen und ist erschrocken – die Hand vor dem Gesicht –, schrecklich: ‚Na und?‘ – Schulen zum Drillen, Krankenhäuser zum Sterben, Wege in Weglosigkeit.“
Martin und das Mädchen laufen ins Gut. Eine Ecke springt der andren ins Auge. „Welch eine Arbeit!“ – Das geordnete Feld, ein Haus zum Hause gebracht, Pfade zur Reihe, die Funktionen im Winkel. „Welch’ Illusionen zwischen die Bäume gepackt!“ – Am Wege stehen brav Häuschen. „Braver Soldat Anton! Er hat es bis zum Letzten versucht, dem Menschen gegeben, und kein Mensch war neben ihm da. – Die Wildheit in diesem Poljana – über Jahrzehnte schon hin – verfolgt Tolstoi auf jedem Tritt – am mittleren Teich, unter den Birken und noch hinter dem Grab –, und zuchtlos züchtigt er sich vergeblich, gibt er sich aus. Dagegen hier in Melichowo steht nur die Zucht, die Zucht selbst wie vergeblich vom anderen Traum. – Er überreicht den Schlüssel vom Gut an die, die noch leben, die immer leben noch werden, die er gehasst und beneidet, die mit den Armen im Schoß. Melichowo wird zur Restaurierung gegeben, und Anton Pawlowitsch fährt in den Tod, in sein ‚warmes Sibirien‘, von den Teufeln bewohnt. Er wartet auf Schluss und wird nackt wie die Wahrheit, kristallklar – es ist nichts mehr zu tun.“
„Ich weiß“‚ gibt sie ihm Recht. „Ich hätte dich ohne dieses Wissen wahrscheinlich niemals geliebt.“ – Martin erschrickt bei dem Wort, verfängt sich unter dem Zaun. Ein Alter schreit wie am Stocke:
„Verschwindet! Könnt ihr nicht lesen?“
Sie haben bei Tschechow gelesen, sonst wären sie nicht übergestiegen über den Zaun und hätten nicht durch die verriegelten Läden stibitzt. „Ein Vogel hört Lieder, nie aber sein Lied. Seins ist nur Lockruf für wen“, sagt Martin. „Manchmal glaubt man, Tschechow singt für sich selbst, singt seinen Gesang, und der andere, der ‚Dicke‘, der sich dickmacht mit Noten, lockt Tausende nach Jasnaja und Poljana. In Scharen. Von Melichowo nach Tula, ‚von … zu‘, und es gibt kein ‚zu … von‘.“
„Als ob er das Glück sucht, als ob Tschechow die Hoffnung sucht, zu der er kein Recht hat, ist nur rechtlos dem Geiste verfallen – ein gefallener Geist – , um ihn so zerfallend zu machen“, antwortet das Mädchen entschlossen.
„Wie liebte Tolstoi diesen Jungen – wie er nach der eigenen Strafe seine Frau liebte ohne Geschlecht.“
„Auf dem Rücken des Pferdes ins Himmelreich blicken“, meint sie wieder zu ihm.
Das Mädchen und der Junge sitzen unter der Ulme, die Ulme ist Nacht, und das frisierte Haus hinter ihnen ist weder Geburts- noch Todesstätte, es ist beides zugleich. Leichtsinnig sind beide verspielt. Und mit hohem Bewusstsein. „Unter der Ulme spielt die Kreutzersonate“, sagt das Mädchen und zeigt auf den getretenen Pfad. „Da ist Tschechow gegangen – über den Punkt.“
Unter dem Fenster spiegelt das Lied. Es fröstelt. Der Junge klopft auf die Stiefel, Kristalle so streifend, als wäre es Wissen. „Wir sind spät“, drängt er zum Gehen, „der Zug.“
Das Mädchen hat die Hände auf seine Schultern gelegt:
„Zurückkommen ist einfacher noch.“ – In den Wintersternen ist das Holzhaus eine Winzigkeit nur und zehrt wie ein verloschener Funke, abrötend sich hinter dem Efeu.
„Er war einer der Größten“, sagt der Junge banal, und banal fängt er die Tränen auf seiner Wange. Niemals war er so weit von der Welt, so nah an dem Ich, und mitleidslos, vorsorglich fasst er die Hand wie die von der Schwester. Es ist ihm, als säße er auf dem Dache da oben, das Waldstück im Kopf sich verlaufend. „Ist es nicht vieles zu klein? Über die Wasser? Der erste Tag Schöpfung oder die Sonne?“ – Bloß der Atem des Mädchens geht neben ihm her: Er ist ein Nebelhorn in der Nacht.
„Früher war das ein Pfad, in die Felder gewebt, mit den Prägeschritten von Generationen“, ist ihr bewusst.
Das Mädchen und der Junge schreiten auf Asphalt. Ein ausgetretener Winter, der sanft schlafend hingeht zu anderen Leuten, zu den Gütern mit schlechten Zäunen drum rum, mit der Tafel „Tschechow hat hier gewohnt.“
„Er war nicht der Herr, war er der Herr?“, fragt Larissa.
„Ein Herr wie Gesinde. Vater, Mutter, Schwester – eine Herde hinter sich her, hungrig, hilflos, blutleerer Fels. Anton Pawlowitsch schlug einen Haken daraus, an den er sich hängte.“
„Der traurigste unserer Dichter“, regt sich das Mädchen.
„Traurig wie die Starhäuser auf den hohen Bäumen dort oben: ‚wie in der Strohhütte Platz‘“, antwortet er, „wenn wenigstens Liebe bei wäre! Doch Liebe war nur in den Bäumen, ausgeschlüpft, ausgeflogen – der Vater, die Mutter, die Schwester. Und die Schwester wurde zur doppelten Schwester: Krankenschwester, Leibschwester, die Seele im Haus. Sie hat Medikamente gerührt, die Toten gerührt, war in dem Bruder, und der tat ihr kein Leid, tat sie ihm leid – wie freilos er war. Sie wusch ihn rein – Maria Magdalena –, die Füße, von früh bis zum Abend darauf.“
Maria Pawlowna sitzt am Feuer und träumt von dem Mann, und der brennt in ihr, brennt eine Frage auf Lippen, ein Schweigen. Jede Bewegung ist eine Darbringung für ihn, eine Aufmerksamkeit, merkend im Haar. Sie ist eine christliche Schwester im Golgathaweg, das Schweißtuch auf ihm, und sie wird es bis zum Lebensabend hintragen: „Mein Gott, warum ist er mein Bruder?“ Sie drückt sich die Knie im nicht endenden Schmerz: „Der Mensch neben mir … – Eine Angst, eine Stille am Ohr.“ – Sie leben zusammen wie Mann und Frau und bemerken es nicht – éternel, schauerlich rein. Sie sitzen am Feuer. Maria Pawlowna legt ihr Tuch auf seine Brust, – perforiert –, und er legt seine Hand an ihr Herz – perforiert. Still atmen sie sich, freundlich frohleidend. „Geht es dir gut?“
„Gut. Und dir, meine Schwester?“ – Könnte er doch weggehen von ihr? Könnte sie es?
„Wenn er! Dann vielleicht …“
„Wenn sie, könnte ich …“ – Doch keiner könnte zuerst. Ewig sind sie zusammen: Schweiß, Schweißnaht im Blut und zu Geschwistern verlacht. Sein Schatten lastet auf ihr, lastet sie schwer, und sie sind glücklich im Dienen: ein Gottesdienst dies, ein Gebet. Und Gott ist lange verloren. Aneinandergelehnt schauen sie in den Garten – sich anblicken meidend –, in die Bäume, die starlosen Stare. Es friert. „Man könnte weiter oben eine Kirche anlegen.“ – Alles ist klug wie ein Drama. „Einen Anbau vielleicht für die Kinder“, sagt er, und sie errötet wie ein Ballkleid unter den Kerzen. „Schön nur über die weiße Wiese zu sehen.“ – Nicht von dieser Welt sind sie, eher von dort, von wo der Schnee fällt und womöglich darüber. Sie streicht ihm die Strähne aus seinem Glas:
„Es könnte so allartig sein und natürlich, es könnte immer so sein.“ – Er hustet den Auswurf:
„Die Rezepte hab’ ich schon durchgesehen, der Vater lässt fragen, die Gutsherrin, der Fabrikant …“ – Er schreibt an den lustigen Stücken. So köstlich lacht sie, wenn er ihr vorliest. Und die Leute sind einfältig – vom vielen Lachen die Falten.
Dann plötzlich geht er, muss gehen – die Ärzte! – nach Nizza und kehrt nicht mehr nach Hause zurück. Aufgegeben ist er, der Doktor hat seine Diagnose gemacht, ein Negativ-Tschechow hat sich begriffen und kippt den Kahn um mit dem Bade. Von Nizza geht er nach Jalta – er baut sich ein Haus ohne Vater und Mutter und Schwester. Tschechow verkauft Melichowo, verkauft seine Werke, und Tschechow ist frei: von vorne beginnen! Keine Verantwortung, keine Pflicht, keinen öffentlichen Dienst, keinen Beruf: „Alles ist Kunst.“ – Er ist ein Nur-Dichter, mit einem Beine in der Erde, weg von der Erde. –
Die Schwester führt Buch, Trauer und wie eine Ruine die Stadt: „Ich bin in Moskau und du?“
Weitab ist er am Meer, in Wäsche gehüllt. Ihn friert. Hat er Furcht vor dem Reinen, den luftleeren Räumen? Er glaubt nicht an sich, das Herz – schwach wie ein Beil – haut diese Wunde, und ein Lichtblick verteilt:
Nicht Reinbeißen, zum Wiederwidergebrauch.
Vom Norden träumt er, von dem Schnee und von Moskau. Mit Ironie. Alles phantastisch. „Mir geht es gut“ – und die Lieben fallen wie Seetauben rein. Er setzt den Punkt unter den „Kirschgarten“, holzt ihn ab, bleibt als der Alte zurück in dem Hause verschlossen und kommt im Winter nach Moskau. Seine Stunde weiß er geschlagen, die letzte Seite ist zu. Allein noch den Willen steht er sich zu: „In Russland will ich nicht sterben.“ Denn Sterben ist ein letztes Mal Ordnung, ist ein Haus mit dem Garten drum rum, ist Selbstdisziplin vor dem Chaos, vor dem Fried-Hof, Jungfrauenfriedhof im Lande. Und in Deutsch sagt er: „Ich sterbe“, trinkt den Sekt klar und verschließt von innen die Tür.
Im Kirschgarten von Melichowo schreien die Stare vor Hunger und Kälte.
„Dort in dem Flügel wurde die ‚Möwe‘ geschrieben. Alles ist blau, Strich unter dem Strich“, sinniert wieder der Junge.
„Als wäre es kein russischer Garten“, sagt das Mädchen über den Zaun. „Russisch ist Jasnaja Poljana: russische Idylle mit Birken und Flächen und Teichen ohne Funktion, mit viel sinnlichem Sinn. Zum Sehen, zum Baden, Spazieren.“
„Melichowo ist im Kopf aufgewachsen“, erwidert der Junge. „Obstbäume, Gemüsegarten, Teich in Karauschen, Blumen im Beet. Vielleicht hat Tschechow für Jasnaja Poljana geschrieben oder für Menschen mit Träumen aus Traum – wurzelvertrieben? Denn Träumen ist sinnvoll, Sinnphantasie.“
„Zwischen Träumen und Träumen gestanden“, nickt das Mädchen. „Russisch und Deutsch. An der russischen Krankheit gelitten, gestorben in Deutschland und wieder russisch zum Friedhof in Austern gebracht.“ –
„Der Dichter hat Ordnung gewollt, und es war ein obersätziges Unterfangen, nicht losgelassen, gebändigt.“
„Nur kranke Leute sind Weltenerbauer“, sagt das Mädchen plötzlich nach einer Pause. „Er hat die Welt ins Grab mitgenommen, und die Welt blieb hier draußen, wie sie ist, war und immer – ein undauter Traum.“
Schon im zweiten Tage schwanken die Kinder – so Halme –, und wie die Sumpftiere ziehen sie ihre Füße aus den Gedanken. Das Mädchen hat Hunger bekommen, und sie schlingt ihre Finger in Krabben. „Nimm!“, bittet sie, reicht sie, die Finger beklebt. Indes, der Junge ist aus dem Alltag gestiegen, weit weg:
„Tschechow hat die zweite Natur artifiziert“, dreht es ihm in dem Kopfe, „Tolstoi die erste vergegenständlicht und zusammen …“ – Die Krabben sind süß und kriechen wie die Pest in den Mund. „Wie kannst du die Gegend verseuchen, an diesem heiligen Ort!“, schimpft Martin und spuckt aus. Die Gedenkstätte ist geschlossen – vor Tula, dahinter. Zwei Stätten – ein Denken – eine ehrliche Zeit.
„Ich weiß nicht“, sagt sie zwischen die Zähne, „Melichowo stimmt traurig, Jasnaja Poljana aber sehr froh.“
„Das ist so: Anton Pawlowitsch haben alle geliebt“, erklärt er. „Tolstoi hat Tragödien geschrieben, Tschechow hat sie gelebt. Tolstoi hat sich die Krankheit vom Halse geschrieben, Tschechow sie an den Hals sich gehängt. In Jasnaja Poljana steht’s in den Zeilen, in Melichowo alles dazwischen.“
„Wo würdest du lieber wohnen wollen?“, fragt überraschend das Mädchen.
„Natürlich dort“, antwortet er, und sie nickt beipflichtend zu. Die beiden sind ihre Gleise gegangen, über die Schwelle getreten bis zum Relais. Zwei Tage waren in Not, ohne Liebe, weil er es gewollt, waren stille, mit übergeschlagenen Beinen, und sie haben die Bücher entblättert wie fauler Odem den Zauber. Sie war ihm nähergekommen über das Wissen, und erschreckt rotiert er von ihr. Hatte er nicht das Gegenteil von dem angepeilt? Hatte er sie nicht vom nackten Sockel stoßen gewollt? Jetzt stößt sie eigen hier hoch, gleichhoch, gleichnah, reicht ihm das Wort. Und unwillig – das Erstaunen wahrnehmend – geht Sarodnick ein.
Sie erzählt außer Chronik, erzählt aus dem Stegreif, hat es vermutlich gerade erfunden.
„Wahr ist niemals am Ufer, sondern wie eine Feder darin“, sagt sie. „Es ist aufs Felle geschrieben, und der Platz richtet sich ein.“ – Ein Platz an der Sonne, zum Wärmen, Verbrennen. „Lebe als Flamme! – Es geht länger bergab – wie in Jasnaja Poljana darnach. Später ist es leichter zu leben, die Knochen sind gebrechlicher wie.“
Als der Zug fährt, sind die zwei umfallend müde, und sie stützen sich gegenseitig im Rücken als Lehne. Ihre Köpfe mischen sich an den Punkt, dass es schmerzt. Den Jungen verlangt’s nach der Tüte, die aber ist leer. Sein Essen daut nicht nach seinem Wunsche, wie Wünsche sich fressen zu Staub.
Ein zerschlagenes Fenster zieht Nachtkälte ein, die sich in die gleichgültigen Holzsitze trägt: Zu dieser Stunde schlägtder Widerstand fehl. Schwunglos läuft das Mädchen hinter dem Schlaf, einholend, lassend dann wieder auf der holprigen Strecke. Trauzart ist es beim Jungen, liebt ihn, der neben ist wie eine andere Welt. Freilich, diese Fahrt hat ihn erkenntlich gebracht, und es hat eine Kruste, die allmählich bricht. Hat er nicht ihre Geschichte erobert, ihre Vergangenheit zusammengeholt? Will er sie fassen als Subjekt? Ganz? Über den goldenen Umweg? Über die Wurzel? Die russische Farbe? Greifen das Mädchen mit Zöpfen, welches in der Vorflut und Stammbüchern wächst? Oder ist es für ihn bloß ein literarisches Phantom? Eine Kritik über dem Kreise? Eine Expedition? Und sie ist Reisebegleiter, das Schild für die Langeweile, ein Ausländerversteck ohne Visum? Ist der Reiz einer Schlange durch die russischen Felder, reizvoll und schön?
Im Rücken spürt ihn Larissa – eine Last aufgebürgt, eine Liebe – könnte sie sprechen mit ihm! Er aber denkt im Traum nicht daran, denkt, Tolstoi ist begnadet, Tschechow ist Gnade. „Sind sie heute noch möglich? Sind ihre Frauen schon tot? Oder sind sie erlebbar, liebbar, zu lieben? ein Märchen oder Märchenfiguren? Geht man mit ihnen zu Bett?“ Nina, Mascha, Natascha, Anna, Katja. – „Er würde ihnen eine Erklärung machen, auf der Stelle für sie. Die Kunst ist dem Leben hausmannsüberlegen, sie ist meilenbreit ihm voraus.“ – Holt aber dieses Mädchen nicht die Wirklichkeit ein? Ist Larissa nicht für ihn selbst ein Roman? – Irritiert und verletzt schiebt Martin Bedenken beiseite: „Eine Romanfigur muss man schaffen! Sie ist nicht vordem, von vornherein da, schaffen muss man, einen Punkt stellen und weiter. Larissa aber hält auf, ist da, vor mir gewesen, ist denkbar auch ohne mich und nur ohne mich. Zu viel EigenSein hat sie, ist aus den Seiten gesprungen, geplatzt vor den Sinnen, als Lyrik dran war. Sie lässt nicht in Ruhe, rennt gegen das Schaffen, kappt das Ziel mir weg unter den Beinen, dass ich die Lust aus den Augen verlier – Lust materialisiert –, und das Buch liegt mit der ersten Seite im Schoß. Wäre sie ganz ohne Fleisch, bloß Tinte, Schönheit im Bild – wie das Bild Imagination –, nur Mädchen und wenig Larissa, Mädchen in Melichowo, unter der Ulme, vierhändig an dem Klavier, als Muse und Eifersucht reproduziert!“
Martin nimmt den Rücken von ihr und liest Gorki über Tolstoi, Gorki über Tschechow, Gorki beide zusammen. „Die Weisheit hat dieser kühl heruntergewürgt und war ein neuer Weiser geworden. Höher? Oder in einer Linie? Spirale? Oder nur Kreis? Tolstoi oder Tschechow?“ – Der Junge liest, auf der Holzbank gemurmelt: „Würde es nicken, das Rätsel, der Zeuge selber gezeugt!“ – Auf der Bank, wie zwei Tage in Liebe – ihre Legende gewebt –, vor den Läden in Melichowo am Teich, um zu baden hinter dem Zaun: „Stände ich immer darum!“ – Als wäre Poljana ein Zaun! – ist offenliegend wie Fläche – eine Natur –, geht in die Natur, über die Teiche und Lücken – wie in Melichowo die Hecke, der Graben. Ein Stück entreißt sich davon, veredelt – edel und gut. „Melichowo ist edel, Poljana ist gut.“ Der Garten und unendlich Gut, Land wie es ist, Land wie es sein könnte, real und über real, zusammengefasst wie im Zuge – der Junge, das Mädchen zusammen gefasst jetzt. Gorki im Buche. „Wie viel hat er geschrieben? Und wie viel auch nicht?“
Im Wagen schlafen sie schon, und leicht wiegen sie weit wie im Bett unter den Rädern, das Gesehene einstampfend allzeit: Räder zum Wiegen. –
Schwer überkippend am Kutusow-Prospekt wohnen die Herren der Herren, und salzig wie Speck stützen sie in die Kraftautos sich. Sie splittern glatt über die Straße – ohne Kante und Krume –, wo Wege normal sind wie ausgetretene Schuhe. Ein Lackstiefel ist’s für die schwarzsargigen Limousinen mit den Regeln wie für die Katz und auch für den Mann mit der Datscha in der selbigen Richtung. Dieser Mann aber ist schon ein Mann, denn die Sommerhäuser dort liegen nicht einfach so auf der Straße. Freilich, er ist nach dem Gesetz – die schwarzen Insassen neben ihm nur liegen daneben.
Zuerst passieren die Bullaugen ihn, die mit dem dreifachen Guckscheibenspalt, dann die größeren, die richtigen Fenster, alsdann die Möwen und Wolgen. Darnach – langtrottend, atemanhaltend im Abstand – folgen die Autos zum Zählen. Manchmal fährt ein Diplomatenschild schnell wie ein Haase und duckt sich gewagt an den Ecken, die vollgesät sind mit Posten, weißsteife Manschetten um die salutierenden Arme gestreift. Moschaiskoje, Rublowskoje Chaussee. Hier biegen die gezogenen Gardinen nach rechts. Ihre Häuser bläken wie Kalk. Ein Wochenende beginnt. Die anderen suchen das Weite, freuen sich, dass sie was sind, und fahren zum Nikolas Berg. Ein Mächtiger hatte dort parzelliert und schenkte göttlich den „Nicht-Jeden“ einen Fetzen von Land. Die Kinder sind Kinder von ihm, aus seinem Schädel gesprungen und springen nicht weit. Sie haben die Wohnung im Zentrum der Stadt und das Haus am sauberen Knie dieses Flusses.
Das Mädchen bezahlt für das Taxi – ist doch weiter kein Weg –, und sie werden die Stiefel benutzen. Rechterhand auf die Halbinsel gestellt, rasten die Pferde in Rasse. „Bis hier darf ich. Nicht weiter“, konstatiert Martin. Die Moskauumgebung ist an ihre Grenze gestoßen, ist Umgebung inoffiziell, ist inoffizielle Schönheit drum rum.
Die beiden schielen an der Moskwa vorbei, die Eisstücke treibt, kurven links in den Acker und laufen dem Staatsgute zu.
„Wo bellen die Hunde?“ – Quer mit dem Finger zeichnet Larissa über die Furchen, und sie folgen dem Finger auf Tritt. An seinem Ende heben sich Berge, glattgekämmt wie ein Wall, als wären sie nur so auf die Felder geschüttet, um sich zu verstecken vor wem. Dicht steigen sie an – zum Halsbrechen steil! –, und vom Kamm lauschen künstliche Augen: „Dorthin kommt nichts ungesehen geahnt.“ Das Mädchen birgt an einen Baum, lehnt hinten sich an, die Arme um seinen Jungen, der sich ziert wie die Tanne. „Wir müssen so tun, als wäre es ob!“, küsst sie ihn, „ohne ist es gefährlich.“ – Und sie umarmen sich „ob“ – wie lang ist’s her? Ist er nicht Geist geworden, Kunstgeist, Gespenst, hat Enthaltung gepriesen, Kasteien, war in dem Kasten mit der Liebsten gepackt, und nichts ist passiert? War es ein Selbstexperiment? Ein Resultat, geistvoll oder vergeistigt? Oder war es Geistesentschluss, Geistesverschluss und Versagen? „Gelegenheit macht Schwachköpfe draus.“
Er küsst sie – nicht unwohl steht ihm die Rolle: Er ist wie ein Fischbein an Land –, küsst sie, als sei es Befehl von ganz oben. Freilich, ihre Lippen sind nicht danach, sind weich wie die Wonne und gehen von unten ins Fleisch. Glücklich hält der Baum das Mädchen in Weise, und es sinkt in die Krone, presst den Leib an den aufbäumenden Sinn: „Wie hab’ ich’s gemisst!“ – Er fühlt sie im Zeh und denkt mit dem Finger; seine Schwüre sind hin. Sie kreist ihm den Hals über den Kopf, und er flüstert ihr zu: „Die können uns sehen!“
„Sie können“, atmet sie ihn, „und benachrichtigen ihre Zentrale.“ „Benachrichtigen?“
„Sie schicken eine Streife zu uns. Hier ist alles verboten.“ „Verboten?“ – Weiß stößt Martin sich ab: „Du bist wohl verrückt! Komm von hier fort.“
„Es ist doch bloß so!“, küsst sie ihn wieder. „Wir müssen nicht fallen.“ – Sie streift die Verbindung, die Bindung, den inneren Bund, den ihr Mantel verdeckt, deckt lange und ruhig aneinandergedrückt den Mund in den Mund. Ihren Herzschlag indes kann gar niemand sehen, von außen ist alles normal. Ihre Hand ist am Band schwerfingerspitzig errötend – alles normal, ein Liebespaar, ein Bund, eine Hand, ein weitlieblich Paar. – Ein weicher Faden läuft über die Elle, und sie zieht das Blut in den Mund bis der Kopf sich gegen die Baumrinde wirft, sinnlos, besinnungslos, Blindreiz. Dann rutschen langsam ihre Beine ins Knie, sinken zusammen ins Lot.
Alles im Rechten! Bloß schlecht ist dem Mädchen geworden. Der Junge kümmert sich schon, hebt es auf und stützt, zu einem Stumpfe es schleppend. Dort erholt es sich rasch.
„Siehst du das Fenster? Das Dach?“, fragt sie nach einer Pause und schaut vorbei in die Höhe. „Dort hat Gorki gewohnt. – In Gorki ist Gorki geboren, und in Gorki ist Gorki gestorben. Nischni war zu Gorki geworden und dies Gorki war immer schon Gorki: wie Gorki 1, Gorki 2, Gorki l0, wie Gorki, wo Lenin seine Geistesumnachtung austagte.“
„Wie Gorki aus ‚Bergen‘ besteht“, belehrt sie der Deutsche.
„Alle Berge sind ‚Gorki‘ im Deutschen, und nur die namenlosen davon sind Gorki geblieben, als die Häuser sich setzten auf sie. ‚Gorki‘ ist auch ‚bitter‘ in Deutsch. Der Bittere war in Gorki, und Gorki im ‚Bitter‘, und ‚bitter‘ in ‚bitter‘. In Bitter ist der Bittrige gestorben.“
„Worden.“
„Eine bittrige Sache: Gorki wurde sein Lebensabend versalzen!“ – „Gorki hatte seinen Vorschlag gemacht, und damit war für Jahrzehnte alles gesagt“, spielt Martin ins Horn. „Da war für viele nichts mehr zu sagen. Die Erde war aufgeteilt: schwarz oder weiß.“
„Romantischer Realismus“, sagt das Mädchen, „positives Märchen: Es wird einmal sein.“
„Dann wurde ‚Sozialismus‘ anstelle gesetzt, Dreieinigkeit – Glaube, Hoffnung und Liebe.“
„Gorki hat es so gar nicht gemeint“, widerspricht ihm das Mädchen.
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