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Heinrich Thies

Hilferuf aus

dem Folterkeller

Die Hamburger Säurefassmorde

Eine Spurensuche


© 2014 zu Klampen Verlag · Röse 21 · 31832 Springe

www.zuklampen.de

Umschlaggestaltung: HildenDesign, www.hildendesign.de

Umschlagmotiv: © HildenDesign/​shutterstock.com

Satz: thielenverlagsbuero · Hannover

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

ISBN 9783866743625

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Die dunkle Seite des Pelzhändlers

I Die Spur der Vermissten

II Soko 924

III Der Prozess

IV Nachspiel

V Briefe aus Santa Fu

VI »Die Angst hat eine kalte Hand« – Der Fall wird zum Film

Die Lust am Bösen – Sadomasochismus: Das Spiel mit dem Feuer

»Das Wichtigste ist das Machterleben« – Interview mit dem Sexualwissenschaftler Prof. Wolfgang Berner

Nachwort

Anhang

Verwendete Literatur

Danksagung

Über den Autor

Heinrich Thies bei zu Klampen!

Die dunkle Seite des Pelzhändlers

I Die Spur der Vermissten

1.

Es war der 6. September 1991. Ein Freitag. Als am Abend gegen acht Uhr das Telefon klingelte, hatte Karla Sommer ihre Arbeit eigentlich längst hinter sich gelassen. Das Wochenende stand bevor, im Haus war manches liegen geblieben, und weil es schön werden sollte, wollte sie endlich mal wieder einen ausgedehnten Lauf machen. Daraus aber wurde nichts. Der Anruf kam von ihrem Dienstvorgesetzten aus dem Polizeipräsidium am Berliner Tor: Eine Frau war entführt worden. Die 53-jährige Verwaltungsangestellte Christa S. war am Morgen nicht an ihrem Arbeitsplatz im Krankenhaus erschienen, am späten Nachmittag hatte ihr Lebensgefährte Kurt Kloeßer einen Anruf von einer vermeintlichen Rechtsanwältin bekommen. »Wir haben Ihre Lebensgefährtin«, teilte die Anruferin mit. »Wenn Sie möchten, dass sie lebend zurückkehrt, müssen Sie 300 000 D-Mark zahlen.« Fragen des früheren Pelzhändlers wehrte die Unbekannte ab – auffällig oft mit den Worten »okay, okay«. Merkwürdig war, dass die Entführte sich zuvor selbst an ihrem Arbeitsplatz gemeldet hatte. Eine von vielen Merkwürdigkeiten. Auch beim Sohn der verwitweten Frau war ein Anruf eingegangen. Aber für Nachfragen blieb keine Zeit. Eine sogenannte Verhandlungsgruppe wurde zusammengestellt, und Karla Sommer war für die Angehörigenbetreuung vorgesehen. Schon am nächsten Morgen um acht Uhr hatte sie sich beim Lebensgefährten der Entführten einzufinden, um gemeinsam mit einem Kollegen vierundzwanzig Stunden im Haus des älteren Herrn im Stadtteil Poppenbüttel zu verbringen. Am Sonntagmorgen sollte sie von einem zweiten Team abgelöst werden. Klar, dass sie danach hundemüde sein würde und an einen Sonntagsausflug nicht mehr zu denken war.

Da die Umstände der Entführung und Lösegeldforderung mysteriös und undurchsichtig waren, wurde sie aufgefordert, bei ihrer Angehörigenbetreuung vorsorglich eine Waffe mitzuführen. Selbstverständlich diskret.

Die meisten Hamburger schlafen noch, als die 44 Jahre alte Kriminalbeamtin am nächsten Morgen ihre Sig Sauer P 6 ins Holster schiebt und in Richtung Poppenbüttel fährt. Wie ihre Kollegen hat sie die Anweisung erhalten, ihr Auto einige hundert Meter entfernt von dem weißen Bungalow des Kürschnermeisters zu parken. Denkbar, dass der Entführer das Haus in der Ulzburger Straße überwacht und den Besuch der Kriminalbeamten bemerkt. Das könnte Komplikationen geben – und gefährlich für das Entführungsopfer werden. Immerhin darf Karla Sommer den Vordereingang benutzen. Die übrigen Kollegen sollen sich dem Haus durch eine hintere Gartenpforte nähern und einen Nebeneingang nehmen.

Kürschnermeister Kloeßer, der bis vor wenigen Jahren noch ein eigenes Pelzgeschäft betrieben hat, wirkt unruhig und übermüdet, ist aber gleichwohl elegant gekleidet – mit Seidenhemd, Jackett und Halstuch. Karla Sommer erläutert, dass sie bereit ist, sich in dieser schweren Zeit um den Haushalt zu kümmern: einkaufen, putzen, kochen. »Außerdem stehen wir Ihnen natürlich auch zur Verfügung, wenn noch mal so ein Anruf kommen sollte.«

»Danke, das ist sehr freundlich.« Kloeßer ist anzusehen, wie er darum ringt, die Fassung zu wahren. Nervös knetet der alte Herr die Hände, zuckt mit den Augenlidern, presst immer wieder die Lippen zusammen. Als alle technisch-praktischen Fragen geklärt sind, lässt er sich in einen Sessel sinken und beginnt zu erzählen, wie ihn die Ereignisse dieses Tages aufgewühlt haben.

Der Anruf lässt ihm keine Ruhe. Die Stimme dieser Rechtsanwältin sei ihm irgendwie bekannt vorgekommen, sagt er. »Wenn ich bloß wüsste, woher.«

Sowie sich der Entführungsverdacht konkretisiert hatte, ließ die Polizei das Telefon anzapfen. Zum Glück. Immer wieder lässt Kloeßer die Aufnahme abspielen, kommt aber nicht darauf, woher er die Stimme kennt. Auch er selbst ist bei der Aufnahme zu hören. Mit zittriger Stimme weist er darauf hin, dass er krank sei, wieder mal von einem heftigen Herzrasen geschüttelt werde, fragt, ob man ihn »totkriegen« wolle. Daraufhin redet die Anruferin besänftigend auf ihn ein. »Okay, okay …« Frau S. werde nichts passieren, wenn er die 300 000 Mark zahle. »Keine Angst. Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«

Diese Stimme. Immer wieder fragt Kloeßer sich, woher er die Stimme kennt, kommt aber zu keinem Ergebnis. Wie die Polizei zweifelt der frühere Pelzhändler daran, dass es sich bei der Anruferin wirklich um eine Rechtsanwältin gehandelt hat. Denn vermutlich würde sich keine Anwältin der Welt auf so plumpe Weise für ein solches Verbrechen einspannen lassen und sich dann auch noch als Anwältin zu erkennen geben.

Kloeßer betont, dass er alles tun will, damit seine Lebensgefährtin heil zurückkehrt. Wirklich alles. »Ich krieg das Geld schon zusammen, keine Sorge. Wichtig ist, dass Christa nichts passiert.«

Der Kürschnermeister hat schließlich schon einmal eine Frau verloren: seine Ehefrau Hildegard. Fünf Jahre ist das erst her. Völlig unerwartet war Hilde aus seinem Leben verschwunden. Von einem Tag auf den anderen nicht mehr auffindbar. Eine seltsame Sache. Und ebenso beunruhigend wie die merkwürdige Lösegeldforderung jetzt ist für Kloeßer, dass diese vermeintliche Rechtsanwältin davon weiß. Einige Tage vor der Entführung von Christa S. nämlich hat sie sich bereits gemeldet und ihn an den schmerzlichen Verlust erinnert »Ich vertrete Ihre Frau Hilde«, hat die Anruferin gesagt. »Die möchte jetzt endlich die Scheidung.«

Außerdem habe die angebliche Anwältin ihn gebeten, mit einer Person seines Vertrauens sprechen zu können, erzählt Kloeßer den Polizisten. Daraufhin habe er Christa genannt. Die sei mal Anwaltsgehilfin gewesen und wisse, wie man aufdringlichen Leuten den Marsch blase. Aber wahrscheinlich sei das ein Fehler gewesen. Ein großer Fehler.

Am Vorabend der Entführung habe die merkwürdige Rechtsanwältin noch einmal angerufen und mit Christa S. gesprochen. »Der Pass von Frau Kloeßer ist abgelaufen«, teilte die Anruferin mit. »Der muss dringend verlängert werden, Frau Kloeßer will ins Ausland reisen.« Als Christa S. nach einem Lebenszeichen oder einer Vollmacht der Vermissten fragte, habe die Anruferin sofort aufgehängt.

Karla Sommer horcht auf und hakt nach: »Wie war denn das damals mit Ihrer Frau? Hat die sich tatsächlich nie mehr gemeldet?«

Kloeßer schüttelt den Kopf und erzählt.

2.

Alles begann am 12. März 1986. Kurt Kloeßer war gerade mit seiner Frau Hildegard von einer gemeinsamen Urlaubsreise aus Fuerteventura zurückgekehrt, da geschah das Unbegreifliche: Als der Pelzhändler am Abend nach Hause kam, war seine Frau verschwunden. Auch Dackel Donald war nicht mehr da. Auf dem Esszimmertisch fand der Kürschnermeister eine Art Abschiedsbrief – eine knappe Nachricht in der Schrift Hildegards:

»Hab Arbeiten satt

ich will nicht mehr Arbeiten

Vill nur noch Leben. im Urlaub ist mir klar geworden.«

Auf der Rückseite stand:

»Brief Folkt.«

Kloeßer verstand die Welt nicht mehr. Bisher hatte seine Frau nie Andeutungen in dieser Richtung gemacht. Sie schien sich wohl zu fühlen an der Seite ihres Mannes, dessen Pelzhandel dem Ehepaar ein sorgenfreies Leben bescherte – zumindest in materieller Hinsicht. Natürlich hatte es immer wieder mal Streit gegeben. Aber wo gab es das nicht? Das war doch normal. Kein Grund jedenfalls, so Knall auf Fall das Weite zu suchen. Nach 32 Ehejahren!

Und dann dieser Brief. Eigentlich war es gar nicht Hildes Art zu schreiben. Sonst rief sie immer an, wenn sie unterwegs war.

Aber zwei Tage später kam ein weiterer Brief in Hildes Handschrift. Das Schreiben hatte die gleiche Stoßrichtung wie das erste, war nur noch viel ausführlicher.

»Lieber Kurti

Ich habe dich jahrelang gebeten, das Geschäft aufzugeben oder zu verkaufen. Aber du suchst immer neue ausreden um bei deinen Pelzen zu bleiben. Das wurde mir jetzt im Urlaub erst richtig klar. Nur 14 Tage im warmen, das ist mir zu wenig … Ich will und kann nicht mehr arbeiten […]. Ich gebe dir noch eine möglichkeit benehme dich wie ein Mann, laufe nicht gleich zur Polizei, denn die kennt meine neue Adresse nicht. Bitte bleibe ganz ruhig und denke darüber nach […]. Verhalte Dich ruhig, dan könnte es sein das meine Sachen mit mir plötzlich wieder im Hause sind …«

Eindringlich wurde Kloeßer in diesem in Hamburg abgestempelten Brief vor allem ermahnt, sich keinesfalls an die Presse zu wenden oder etwa Detektive einzuschalten.

Am selben Tag ging auch bei der Hamburger Polizei ein Brief in der Schrift Hildegard Kloeßers ein. »Ich bin keine Vermisste«, stand darin. Es mache daher keinerlei Sinn, nach ihr zu suchen.

Einen Brief mit ähnlichem Inhalt bekam auch Hildes Schwester. Sie möge ihren Schwager doch bitte dazu bringen, endlich vernünftig zu werden:

»Wenn Er die Polizei verrückt macht bitte beruhige ihn.«

Auch Kurt Kloeßer erhielt wieder Post von seiner Frau.

»Wenn Du mein Verschwinden weiter überall erzählst, komme Ich gar nicht mehr nach Hause. (Das ist unsere Sache) …«

Kloeßer war wie vor den Kopf geschlagen – zumal auch Kleidungs- und Schmuckstücke seiner Frau verschwunden waren. Außerdem – und das gab schon sehr zu denken – fehlten zwanzigtausend Mark. Das Geld war hinter einem Spiegelschrank im Badezimmer versteckt gewesen. Jemand hatte den Spiegelschrank regelrecht aus der Wand gerissen, um an das Geld zu kommen. Unvorstellbar, dass Hilde das gemacht haben könnte. Völlig undenkbar!

Rätselhaft war auch, warum seine Frau ihre Pelzmäntel mitgenommen haben sollte, obwohl sie, wie sie schrieb, ein neues Leben im sonnigen Süden beginnen wollte. Zur Bestätigung schickte sie Ende Mai 1986 ihrem Mann und ihrer Schwester Urlaubsgrüße von der Insel Teneriffa – aufgegeben an ihrem Geburtstag:

»Es geht mir gut. Mach Dir keine sorgen.

[…] Kann endlich wieder lachen.

Viele Grüße von Donald und Hilde.«

Oft hatte Kloeßer gemeint, alles sei nur ein böser Traum. Aber es war Realität. Ein nicht enden wollender Alptraum. Mochten seine Angehörigen noch so besänftigend auf ihn einreden, er kam einfach nicht zur Ruhe. Monatelang suchte der Pelzhändler nach seiner Frau – zuerst in Hamburg, dann gemeinsam mit seinem Dekorateur auch auf Teneriffa. Es war alles vergebens.

Am 8. September ging er schließlich verzagt zur Polizei und erstattete Vermisstenanzeige, doch besonders ernst genommen fühlte er sich nicht. Die Beamten versicherten ihm zwar routinemäßig ihr Mitgefühl, als er aber von den Briefen seiner Frau erzählte, schüttelten sie den Kopf und rollten vielsagend mit den Augen. Gerade so, als hielten sie ihn für einen der vielen vertrottelten Ehemänner, die nicht begreifen können, dass ihre Frauen genug von ihnen haben und alles auf eine neue Karte setzen wollen. Zusätzliche Sorgen machte ihm, dass seine Schwägerin einen Abwesenheitspfleger für ihre vermisste Schwester einsetzen ließ, um deren Vermögen zu sichern. Unter anderem ein Mehrfamilienhaus, das er seiner Frau überschrieben hatte. Für die Kosten des Abwesenheitspflegers hatte Kloeßer aufzukommen.

Zu allem Überfluss wandten sich nach und nach auch noch viele Berufskollegen von ihm ab. Es ging das Gerücht, er habe seine Frau selbst irgendwie beiseite geschafft. Verzweifelt mühte er sich, das Gerede zu entkräften. Aber er kam nicht dagegen an, und so wurde es immer einsamer um den einstigen Innungsvorsitzenden. Kloeßer verlor allen Lebensmut, gab sein Pelzgeschäft auf, wurde herzkrank und musste sich im Krankenhaus behandeln lassen.

Dort lernte er Christa S. kennen. Die Krankenhausangestellte kam gerade darauf zu, als er auf dem Flur eine neue Herzattacke erlitt. Und sie half ihm auch dabei, über den Verlust seiner Frau hinwegzukommen. Schließlich wurden die beiden ein Paar.

3.

Und nun ist auch Christa verschwunden.

Kloeßer sitzt zusammengesunken in seinem Sessel und grübelt weiter über den merkwürdigen Anruf nach. »Mein Gott, diese Stimme. Woher kenn ich bloß die Stimme?«

Die Polizistin schenkt ihrem Gegenüber eine Tasse Tee ein. »Darüber sollten Sie sich jetzt nicht mehr das Gehirn zermartern, dafür ist es zu spät. Das wird Ihnen bestimmt noch einfallen.«

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn das Telefongespräch ist von der Polizei aufgezeichnet worden. Schon am nächsten Tag wird die Aufnahme einem Stimmensachverständigen des Bundeskriminalamts zugeleitet. Der Befund: Frauenstimme, ca. fünfzig Jahre, vermutlich Raucherin.

Karla Sommer und ihre Kollegen legen dem Kürschnermeister ein Foto nach dem anderen vor – alles Frauen aus dem näheren oder entfernten Umfeld Kloeßers, Raucherinnen, auch Nichtraucherinnen und zum Teil deutlich jünger oder älter als fünfzig. Aber Kloeßer schüttelt immer nur den Kopf.

Unterdessen hat der Geschäftsmann die geforderte Lösegeldsumme bei der Bank bereitstellen lassen. Unklar aber ist immer noch, wie das Geld übergeben werden soll. Die ominöse Rechtsanwältin hat angekündigt, sich wieder zu melden. Doch der erhoffte Anruf bleibt aus – zumindest im Hause Kloeßer. Mehrmals dagegen hat sich die vermeintliche Anwältin beim Sohn der Entführten gemeldet. Dabei war schon mal die Rede davon, dass das Lösegeld auf dem Friedhof Ohlsdorf übergeben werden sollte, nähere Modalitäten sind aber noch nicht erörtert worden.

Karla Sommer müht sich bei ihren Einsätzen in Poppenbüttel, dem besorgten Ehemann zur Seite zu stehen. Sie kauft für Kloeßer ein, versorgt ihn nicht nur mit Lebensmitteln, sondern wie gewünscht auch mit einer Flasche Oldesloer Korn. Sie macht ihm Essen, wischt Staub, räumt auf, hält ihn auf dem Laufenden über die Arbeit der Kollegen. Das zermürbende Warten belastet auch sie. Zur Ablenkung bietet Kloeßer ihr an, einige von den Pelzen anzuprobieren, die er noch in seinem Lager hat: Westen, Stolen, Mäntel. Karla Sommer erinnert sich:

»Und dann haben wir eine kleine Modenschau veranstaltet. Die Sachen standen mir wirklich gut. Er wollte sie mir schenken. Aber das habe ich natürlich abgelehnt. Klar, das geht ja nicht.«

In der übrigen Zeit läuft oft der Fernseher – ein nagelneues Gerät mit Videotext. Karla Sommer und ihr Kollege halten sich während ihrer Vierundzwanzig-Stunden-Schichten mit Kaffee wach. Schlafen ist während der Betreuungsschichten nicht vorgesehen. Allenfalls ein bisschen dösen – im Sessel oder auf der Couch. Besonders lang werden die Nächte. Wenn der Hausherr im Bett liegt und nichts, absolut nichts passiert. Jedes Geräusch lässt die Polizeibeamten während dieser stillen Stunden zusammenzucken – sei es auch nur das Rascheln der Zeitung, die sich der Kollege auf einem Sessel unter die Füße gelegt hat, um sich ein bisschen auszustrecken.

Schließlich kommt es zu einer überraschenden Wende. Zuerst erschrickt Karla Sommer, als am Freitagabend, eine Woche nach der Entführung, der Leiter der Verhandlungsgruppe bei ihr anruft und von einer »dramatischen Entwicklung« spricht. Dann aber atmet sie auf: Die Entführte ist vor der Polizeiwache in Hamburg-Langenhorn auf freien Fuß gesetzt worden. Sie hat sich an der Wache gemeldet und ist wohlauf.

Später am Abend – es ist schon kurz vor Mitternacht – erhält die Polizeibeamtin einen zweiten Anruf von ihrem Dienstvorgesetzten. Sie wird gebeten, ins Polizeipräsidium zu kommen. Christa S. soll von dem Hamburger Gerichtsmediziner Professor Klaus Püschel im Beisein Karla Sommers eingehend untersucht werden.

Wie geplant findet die Untersuchung auch in der Nacht vom 13. auf den 14. September statt. Der Befund ist negativ. Hinweise auf sexuelle Übergriffe und körperliche Misshandlungen finden sich bei der korpulenten Frau nicht. Dies deckt sich mit dem, was die Freigelassene zuvor selbst gesagt hat: »Er hat mich nicht angerührt, jedenfalls nicht sexuell. Das können Sie mir ruhig glauben …«

Doch die Vernehmungsbeamten zeigten sich skeptisch. Was Christa S. über ihre Entführung erzählte, fanden sie ziemlich wirr und unglaubwürdig. Als sie gleich nach der Freilassung tränenüberströmt und mit zerzausten Haaren in die Polizeiwache von Hamburg-Langenhorn gestürmt war, glaubten die Polizeibeamten, sie sei der psychiatrischen Klinik in Ochsenzoll entlaufen. Kein Wunder: Seit einer Woche schon trug sie gezwungenermaßen die gleiche Kleidung und roch auch entsprechend.

Im Verlauf der späteren Vernehmungen wurde es für die Freigelassene noch schlimmer. Sie wurde von den Kriminalbeamten in die Mangel genommen, als habe sie alles nur vorgetäuscht, gemeinsame Sache mit ihrem Entführer gemacht. Man glaubte ihr einfach nicht. Ob sie einsam sei, etwas erleben wollte, wurde sie gefragt.

Christa S, machte es wütend, nach der schlimmen Zeit im Keller so behandelt zu werden. Sie beschimpfte weinend die Polizisten, die es ihr noch nicht einmal gestatten wollten, mit ihrem Lebensgefährten zu telefonieren.

Entsprechend fiel dann auch das Fazit der Vernehmungsbeamten aus: »Die spinnt, die Dame.«

Sehr viel differenzierter fasst einige Jahre später der Gerichtsmediziner Klaus Püschel seinen Eindruck zusammen. »Christa S. war in ihrer psychischen Verfassung sehr wechselhaft«, schreibt Püschel in seinem Beitrag für den Sammelband Die unglaublichsten Fälle der Rechtsmedizin. »Sie weinte hin und wieder und erschien müde, abgespannt und erschöpft; dann wieder war sie ruhig, wirkte voll konzentriert und machte klare Angaben.«

Gegen drei Uhr in der Nacht wird Karla Sommer schließlich gebeten, Christa S. nach Hause zu fahren. Während der dreißigminütigen Autofahrt berichtet ihr die energische Frau noch einmal von den Ereignissen der zurückliegenden Woche. Das alles klingt nach wie vor ziemlich verrückt. Sommer versteht, dass ihre Kollegen mit Skepsis reagierten. Aber sie lässt sich nichts anmerken und hört aufmerksam zu.

4.

Sie sei vor Schreck fast gestorben, als dieser Kerl an jenem Freitagmorgen plötzlich in der Garage ihre Autotür aufgerissen habe, erzählt Christa S. Sie habe das Auto gerade rückwärts herausfahren wollen. Auf einmal habe er neben ihr gestanden und ihr eine Art Pistole an die Rippen gedrückt (wie sich später herausstellte, handelte es sich um ein Elektroschockgerät). Er habe ihr eine verklebte Sonnenbrille aufgesetzt und sie gezwungen, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. »Rutsch rüber, ich brauch dein Auto«, habe der Kerl gezischt. »Na los! Mach schon.«

Dann sei er mit ihr durch die Stadt gefahren – mit vorgehaltener Waffe. Wahrscheinlich nicht allzu weit, aber ihr sei die Fahrt endlos vorgekommen. Schließlich habe er irgendwo geparkt, sie zu einem Hauseingang gedrängt und irgendwelche Kellerstufen hinuntergeführt. Am Ende habe er sie gezwungen, durch eine enge Luke in einen winzigen Raum zu steigen – ein fensterloses Kabuff mit gelbem Licht. Hier habe er sie dann mit Handschellen an das Metallgestänge eines Feldbetts gefesselt und versprochen, dass sie wieder freikomme, wenn sie alles tue, was er von ihr verlange. Unter anderem habe sie bei ihren Kollegen in der Krankenhausverwaltung anrufen müssen, um sich krank zu melden. In einem weiteren Telefonat habe sie ihrem Sohn von der Entführung und der Lösegeldforderung berichten können. Später habe der Typ sie auch aufgefordert, Briefe zu schreiben – an Kloeßer und ihren Sohn. Immer mit vorgegebenem Text. Dass es ihr gut gehe und so weiter. Auch Kassetten habe sie besprechen müssen. Zwischendurch sei ihr »Bewacher« weggegangen, habe aber immer Lebensmittel und Getränke für sie zurückgelassen. Am zweiten Tag der Entführung habe er ihr nach der schrecklichen Nacht morgens sogar Brötchen und Kaffee gebracht und Mineralwasser dagelassen. »Ich bin ein guter Entführer«, habe er gesagt. »Ich helfe dir hier raus. Ich bin ein guter Entführer, glaub mir.«

Immer hin und her sei das gegangen. Mal sei er böse, dann wieder ganz nett gewesen. Einmal habe er ihr erzählt, dass er gern tauche und in Südamerika nach Schätzen suche, ein anderes Mal habe er ihr schreckliche Fotos gezeigt: Polaroidaufnahmen von einer fast nackten Frau, die mit gefesselten Händen am Haken hing, zum Beispiel. Sadistische Pornobilder. »Ich bin immer auf ihn eingegangen, ich wollte ihn ja auf keinen Fall reizen«, berichtet Christa S. Trotzdem habe sie sich aber auch nicht alles gefallen lassen. »Ich habe möglichst nur frisches Obst gegessen, vor allem Äpfel. Dass er mir nichts untermischen konnte. Und ich habe nur aus Flaschen getrunken, die noch ungeöffnet waren.« Der Entführer habe sich ihrem Willen gefügt. Er habe ihr sogar täglich neue Slipeinlagen beschafft.

»Und woher?«

»Von der Dame des Hauses.«

Gleichwohl habe er sie weiter gefangen gehalten in diesem fensterlosen Raum und immer wieder gefesselt. Die Nummern der Handschellen habe sie sich heimlich auf ihrem Mieder notiert – auch die Marke: »Smith & Wesson«.

»Wie ging das denn? Wie sind Sie denn an einen Stift gekommen?«

»Ich hatte einen Kugelschreiber – für die Kreuzworträtsel, die er mir gebracht hat.«

Ja, ein merkwürdiger Typ sei das gewesen. Einerseits ganz nett und fürsorglich, und dann wieder so grausam. Mit diesen Handschellen und den fürchterlichen Fotos. Seine Frau lebe in Spanien und arbeite für die Mafia, habe er ihr erzählt. »Lauter so verrückte Sachen.« Lang und breit habe ihr »Bewacher« ihr auch erklärt, dass er an die Macht der Sterne glaube und sich mit Astrologie beschäftige. Das habe sie schon ziemlich komisch gefunden, kurze Zeit später dann aber wieder Tränen in den Augen gehabt. Denn diese Gefangenschaft sei natürlich alles andere als lustig gewesen. Völlig ausgeliefert habe sie sich gefühlt, immer in der Angst, dass sie nicht lebend aus diesem Verlies herauskomme.

»Aber ich habe mir die Angst möglichst nicht anmerken lassen. Das hat ihm ja gerade Auftrieb gegeben – zu sehen, wie ich zittere und wimmere. Das hat ihn richtig geil gemacht. Ich hab’ es seinen Augen angesehen. Der hat sich an meiner Angst regelrecht geweidet. Ich habe darum gegen meine Angst angeredet, hab’ ihn vollgequatscht, das Gespräch auf andere Themen gelenkt. Und das hat scheinbar gewirkt. Ja, das hat ihn irgendwie verunsichert. Er war plötzlich nicht mehr der Boss, der Überlegene, der alles bestimmen konnte, und ich nicht mehr das wehrlose Opfer. Objektiv betrachtet natürlich schon, aber eben nicht in seiner Vorstellung. Ich habe mich förmlich aufgebäumt gegen meine Opferrolle. Das hat ihn total aus dem Konzept gebracht – und mir vielleicht das Leben gerettet.« Am Ende hätten ihr vielleicht auch die Sterne ein bisschen geholfen, erzählt die Frau.

»Die Sterne?«

»Na ja, er hat sich doch dauernd mit seinem Astrologen beraten, und der hat ihm wohl am Ende gesagt, dass die Sterne für ihn nicht so gut stehen. Dass es Probleme geben könnte.« Karla Sommer hört aufmerksam zu und fragt behutsam nach, wenn ihr etwas allzu abwegig, wirr oder widersprüchlich erscheint. Obwohl sie bis zuletzt skeptisch bleibt, beschließt sie, für die Kollegen ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen. Vielleicht ist ja doch was dran.

Sie fährt Christa S. zu ihrem Haus in Hamburg-Langenhorn, wo ihr Sohn schon auf sie wartet. Den Rest der Nacht wird Karla Sommer im Hause Kloeßers in Poppenbüttel verbringen. »Kommen Sie doch morgen mit Herrn Kloeßer zu mir zum Frühstück«, sagt Christa S. zum Abschied. Karla Sommer bedankt sich für die Einladung, lehnt aber höflich ab.

Als Kloeßer am nächsten Tag von seiner Lebensgefährtin erfährt, dass ihr Entführer einen Bunker besitzt und gern taucht, wird er hellhörig. »Interessant, ich kannte einen, der hat sich vor einigen Jahren auch einen Atombunker bauen lassen. Bei der Einweihung war sogar unser damaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, sogar das Fernsehen war damals da. Und getaucht hat der Kerl auch. Seifert heißt der: Lutz Seifert. Der war Geselle bei mir. Später hatte ich ihn in der Meisterprüfung. 1972 muss das gewesen sein. Ich habe ihn beim Schummeln erwischt. Der hat versucht, uns ein Prüfungsstück unterzumogeln, das schon vor der Prüfung fertig war. Der war natürlich sauer, dass ich ihm auf die Schliche gekommen bin.«

Er sei bei der Kürschnerinnung Mitglied der Prüfungskommission gewesen und habe in deutlichen Worten Zweifel an der Qualifikation seines Gesellen geäußert, erinnert sich Kloeßer. »So ein Mensch kann doch keine jungen Leute ausbilden«, habe er gesagt. »Unmöglich. Was wäre das für ein Vorbild?!«

Reichlich unsauber und faul sei dieser Seifert gewesen. Außerdem habe er komische Geschichten erzählt – zum Beispiel von einem Folterkeller in der Heide.

Karla Sommer macht sofort den Vorschlag, im Telefonbuch nach dem Mann zu suchen. Mit Erfolg: Kloeßer findet den Namen und die Adresse seines früheren Angestellten. Seifert lebt am Dompfaffenweg in Hamburg-Rahlstedt – ist mittlerweile mit einer Steuerberaterin verheiratet und Vater einer zwölfjährigen Tochter.

Die Kollegen sind ihm schon auf den Fersen. Sie haben unter anderem herausgefunden, dass der letzte Anruf von einer Telefonzelle in Basedow kam – einem Dorf im Herzogtum Lauenburg, wo Seifert ein Wochenendhaus besitzt.

5.

Alles Weitere ist eine Sache von drei Tagen. Lutz Seifert ist bereits vor der Freilassung der Entführten durch seine Anrufe bei dem Sohn von Christa S. ins Visier der Ermittler geraten. Eine Fangschaltung hat zu ihm geführt. Am Morgen des 17. September 1991 wird er von einem Mobilen Einsatzkommando vor seinem Haus in Hamburg-Rahlstedt festgenommen.

Es verspricht, ein schöner Tag zu werden. Die Sonne hat sich gerade durch den Morgendunst gekämpft. Die Blicke der Nachbarn am Dompfaffenweg aber richten sich nicht auf den Himmel, sondern auf die Polizeibeamten in ihren Kampfanzügen. Noch weniger Interesse für den schönen Spätsommermorgen vermag Seifert aufzubringen.

Anfangs hören die Polizisten nur seine Stimme. »Was soll denn der Quatsch?«, ruft jemand hinter dem Haus. »Verschwindet hier! Haut ab!« Die Stimme klingt so piepsig, dass einer der beteiligten Polizisten meint, dass es sich um eine Frau handeln muss. Vielleicht die ominöse Rechtsanwältin, die die Lösegeldforderung übermittelt hat?

Aber die hohe Stimme, die Kurt Kloeßer so bekannt vorgekommen war, gehört Lutz Seifert selbst. Als Karla Sommer später davon erfährt, fasst sie sich an den Kopf: »Wären wir doch nicht so auf eine Frau fixiert gewesen! Dann hätten wir Kloeßer natürlich nicht nur Frauenfotos, sondern auch die Fotos von Männern aus seinem Bekanntenkreis vorgelegt.«

Doch für die Kriminalkommissarin ist der Fall zunächst abgeschlossen. Nur von Kollegen erfährt sie nach der Festnahme, dass Seifert zwar alles abstreitet, aber so gut wie überführt ist. Auch Christa S. hat dazu beigetragen. Die Entführte hat nämlich die Aufkleber von den Äpfeln, die Seifert ihr in den drei mal drei Meter großen Raum hinter dem Atombunker brachte, heimlich an die Wand hinter ihrem Feldbett geklebt. Um Spuren zu hinterlassen. Als die Ermittler das Kellerverlies inspizieren, entdecken sie die Obstaufkleber sofort. Damit ist zumindest bewiesen, dass sie in dem Raum war – mag Seifert auch behaupten, sie sei ihm freiwillig gefolgt.

So manche Frage bleibt weiter ungeklärt. Immerhin kristallisiert sich allmählich heraus, warum der Beschuldigte Christa S. freiließ, ohne das von ihm verlangte Lösegeld einzustreichen. Seine Frau sei schon vor einer Woche überraschend von der Insel Sylt zurückgekehrt, weil ein dort geplantes Fortbildungsseminar abgesagt worden sei, verrät der Festgenommene. Das habe alles komplizierter gemacht. Er habe zum Beispiel seine Frau davon abhalten müssen, in den Atombunker zu gehen, der auch als Weinkeller genutzt werde. Sie sei zwar sowieso nur selten in den Bunker gegangen, aber zur Sicherheit habe er jetzt auch noch eine Lampe dort unten zerschlagen. »Dann habe ich ihr eingeschärft, dass sie auf keinen Fall in den Keller gehen soll. Weil die Beleuchtung kaputt ist. Auch meiner Tochter habe ich das gesagt.«

Ein gutes Gefühl aber habe er trotzdem nicht gehabt. Sein Astrologe habe ihn darauf hingewiesen, dass die Sterne nicht günstig für ihn stünden. Vor allem aber hatte Seifert wohl mitbekommen, dass die Polizei ihm auf den Fersen war.

Der Festgenommene ist dem Anschein nach bisher nie mit Straftaten in Verbindung gebracht worden. Lutz Seifert entstammt buchstäblich der Mitte der Gesellschaft. Der Kürschner war – nach seiner Gesellenzeit bei Kloeßer – in das Pelzgeschäft seiner Mutter eingestiegen und hatte damit Kontakt zu Kunden und Berufskollegen aus den gehobenen Kreisen der Hansestadt. Ein Sparkassenfilialleiter, ein Arzt und ein Kriminalbeamter zählten zu seinen Weggefährten. Als der Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi 1983 Seiferts Atomschutzbunker einweihte, empfing er vermögende Freunde und Kunden mit Sekt und Häppchen.

Die Pelzhandlung blieb aber im Besitz seiner Mutter. Die alte Dame weigerte sich bis zuletzt, ihrem Sohn das Geschäft zu übertragen. Klara R. lebte weiterhin in ihrer Wohnung oberhalb des Ladens und ließ sich von ihrem Lutz wenn irgend möglich täglich über den Fortgang der Geschäfte unterrichten. Nicht selten aber musste der Kürschnermeister seine Berichte ein bisschen schönen, um sich nicht den Zorn seiner Mutter zuzuziehen. Denn nach und nach war es mit dem Pelzhandel abwärts gegangen. Seifert machte dafür unter anderem die Hetzkampagne der Grünen verantwortlich, die ganz in der Nähe seines Pelzgeschäfts in der Wandsbeker Chaussee ihre Hamburger Geschäftsstelle etabliert hatten.

Als der Betrieb bereits auf den Ruin zusteuerte, brannte das Pelzgeschäft aus. Manches deutete auf Brandstiftung hin, auf versuchten Versicherungsbetrug, aber das ließ sich nicht beweisen.

Seifert sah sich gezwungen, das Pelzgeschäft aufzugeben, und geriet dadurch offenbar in eine seelische Krise. Der Kürschner litt an Depressionen, ließ sich von einem Psychiater behandeln, unterzog sich einer Kur in der psychosozialen Klinik in Bad Salzuflen.

Am wohlsten fühlte er sich in dieser Zeit offenkundig im Wasser. Als aktives Mitglied eines Hamburger Schwimmvereins pflegte er Kontakt zu Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen – und als Bademeister in den Alster-Schwimmhallen nutzte er sein Hobby auch zu einem kleinen Nebenverdienst. Nebenbei werkelte er an seinem Ferienhaus in Basedow bei Lauenburg. Im Sommer lud er oft seine Freunde aus dem Schwimmverein und Nachbarn zum Grillen ein. Er war beliebt, galt als Stimmungskanone in der Ferienhaussiedlung am Lanzer See – als trinkfester Schützenfestbesucher und Geschichtenerzähler. Manchmal zwar ziemlich poltrig, rüde und ungehobelt, allgemein aber doch sehr nett und hilfsbereit. Ein echter Kumpeltyp: locker, umgänglich und nie um einen Spruch verlegen.

Ganz ähnlich sahen ihn auch seine Nachbarn und Bekannten in Hamburg. Obwohl er oft mit fettigen Haaren und in abgewetzter Lederjacke herumlief, gelang es dem kräftig gebauten Mann mit dem Schnauzbart, die Menschen für sich einzunehmen. Vor allem bei Frauen hatte er einen Schlag. Manche fanden es zwar nicht so toll, wenn er sie am Po oder Busen betatschte und seine versauten Sprüche klopfte, doch mit seiner (vermeintlich) offenen und herzlichen Art schaffte er es meist, das Eis zum Schmelzen zu bringen. Nie war es bei ihm langweilig.

Um seine Ehe indessen soll es in der letzten Zeit nicht mehr so gut bestellt gewesen sein. Es hieß, das Ehepaar Seifert lebe nebeneinander her. Gleichwohl galt er als vorbildlicher Vater. Er habe viel Zeit mit seiner Tochter Andrea verbracht, wurde gesagt, sei sogar mal mit ihr allein nach Mallorca in Urlaub gefahren.

Für Andrea brach eine Welt zusammen, als ihr Vater an jenem sonnigen Septembertag festgenommen wurde. Die Zwölfjährige hatte gerade Bundesjugendspiele, als in der Schule Polizeibeamte in Zivil auftauchten.

6.

Karla Sommer verfolgte die Nachrichten über den Festgenommenen nur noch aus der Ferne. Sie nahm wieder ihre bisherige Arbeit in einer Sonderkommission auf, ermittelte gegen Justizbeamte in der Nachlassverwaltung. In den Zeitungen war von »Leichenmafia« die Rede. Die Justizangestellten sollten sich in großem Stil an Verstorbenen bereichert haben: Testamente gefälscht oder unterschlagen, Angehörigen manipulierte Bestatterrechnungen vorgelegt, den Schmuck der Toten an sich gebracht haben. Die Ermittlungen in Sachen »Leichenmafia« erforderten ein hohes Maß an akribischer Recherche. Karla Sommer hatte Rechnungen und Buchungsabläufe zu durchleuchten und war glücklich, auf diese Weise jeden Tag etwas dazuzulernen.

Die Polizeilaufbahn hatte für die Hamburgerin überhaupt erst im Alter von 31 Jahren begonnen. Ihr Sohn, den sie nach der Scheidung allein aufzog, war damals gerade zehn. Zuvor war die erfolgreiche Leichtathletin Sportlehrerin gewesen – auf der Basis von Zeitverträgen hatte sie an verschiedenen Schulen Kinder und Jugendliche unterrichtet – seit 1971 an der Hamburger Polizeischule außerdem angehende Ordnungshüter. Die wenigen Polizeischülerinnen mussten ihre Leibesübungen in dieser Zeit noch getrennt von ihren männlichen Kollegen absolvieren. Und was die jungen Frauen ihr aus dem Polizeialltag berichteten, faszinierte sie. So entwickelte die alleinerziehende Mutter wachsendes Interesse an der Polizeiarbeit und entschloss sich 1978, eine Ausbildung zur Schutzpolizistin zu beginnen.

Frauen hatten in dieser Zeit bei der Polizei noch Seltenheitswert. Bei ihrer Einstellung standen 375 männlichen Polizeischülern nur fünf weibliche gegenüber.

Hamburg, die Stadt, in der sie als Einzelkind geboren und aufgewachsen war, wurde ihr Einsatzgebiet. Wie ihre jungen Kollegen und Kolleginnen erlebte sie ihre ersten Bewährungsproben bei Einsätzen gegen die Hausbesetzerszene aus der Hafenstraße. Nach der Grundausbildung für den mittleren Dienst schloss sich eine Zusatzausbildung für den Dienst bei der Kriminalpolizei an. 1981 wechselte Karla Sommer schließlich zur »Sitte« und widmete sich Delikten wie Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Kindesmissbrauch. Neun Jahre blieb sie in dieser Abteilung für Sexualdelikte, wo die Opfer vorwiegend weiblich sind. Die Frauenquote der Beschäftigten liegt hier bei fünfzig Prozent – und ist damit um ein Vielfaches höher als in anderen Polizeibereichen.

»Die Zeit bei der Sitte hat mich sehr geprägt. Da habe ich gelernt, zu unterscheiden, ob einer die Wahrheit sagt oder ob er lügt. Ja, da hatten wir nicht selten mit Falschaussagen zu tun. Mit Frauen, die ihren Männer eine Vergewaltigung angedichtet haben, um sie loszuwerden, aber auch mit echten Vergewaltigern, die versuchten, sich herauszureden und ihre Opfer unglaubwürdig zu machen. Man hat gelernt, auf überprüfbare Details zu achten, auf Dinge, die man sich nicht aus den Fingern saugen kann. In dieser Zeit habe ich viele Glaubwürdigkeitsanalysen gelesen. Das ist mir später zugute gekommen.«

Erfahrungen ganz anderer Art sammelte die Polizistin, als sie 1990 zur Soko »Leichenmafia« abgeordnet wurde. Diese Arbeit nahm sie auch wieder auf, als die Angehörigenbetreuung im September 1991 nach einer Woche beendet war.

Am 1. Januar 1992 begann für die sportliche Polizistin, die inzwischen ein zweites Mal geheiratet hatte, ein neues Kapitel in ihrer Berufslaufbahn. Sie wechselte zur Mordkommission – bis dahin eine reine Männerdomäne.

Mit dem Entführungsfall Christa S. wurde Karla Sommer erst wieder konfrontiert, als vor dem Landgericht im Mai 1992 der Prozess gegen Lutz Seifert begann. Die Polizeibeamtin wurde als Zeugin geladen. Eigentlich nichts Besonderes, ein üblicher Gerichtstermin. Aber sie sollte sich täuschen.

7.

Karla Sommer schildert dem Gericht detailliert, was das Entführungsopfer ihr in ihrem Auto berichtet hat. Im scharfen Widerspruch dazu stehen die Aussagen des Angeklagten. Seifert bestreitet fast alles, was zu seinen Lasten ausgelegt werden könnte. Christa S. sei ohne Gewaltanwendung mit ihm in den Keller gegangen, behauptet er. Fast klingt es, als habe die Verwaltungsangestellte gemeinsame Sache mit ihm machen wollen.

Bei der geforderten Lösegeldsumme in Höhe von 300 000 Mark habe es sich um »Schwarzgeld« gehandelt, wird er später sagen. Kloeßer habe das Geld unversteuert eingestrichen und musste daher damit rechnen, selbst belangt zu werden, wenn er sich an die Polizei wende. Deshalb habe er gehofft, die Angelegenheit mit seinem früheren Chef direkt zu klären, sozusagen von Mann zu Mann.

Bei anderer Gelegenheit behauptet der Angeklagte, die Mafia habe ihn zu der Lösegeldforderung gezwungen. Das mutet zwar alles reichlich abenteuerlich an, aber Seifert trägt seine Darstellungen mit seiner bisweilen piepsig klingenden Stimme so selbstbewusst und eloquent vor, dass sie den Anschein von Plausibilität vermitteln.

Überzeugend klingt es auch, wenn er darlegt, wie rücksichtsvoll er seine Gefangene angeblich behandelt hat. Am Abend des ersten Tages der Entführung habe er zum Beispiel die Handfesseln der Frau gelöst, so dass sie die Nacht ungefesselt im Bunker verbringen konnte. Am nächsten Morgen habe er dann zwar wieder eine Hand an einen Pfosten des Etagenbettes gefesselt, aber auch den Bewegungsradius der Frau vergrößert, indem er die Handschelle mit einer kleinen Kette verlängerte. Zudem habe er Christa S. eben auch mit Kaffee und Brötchen versorgt und besänftigend auf sie eingeredet. Als er ihr von dem Telefonat mit Kloeßer berichtete, habe sie angenommen, dass ihr Freund nicht bereit sei, Geld für ihre Freilassung zu zahlen. Das habe die Frau schon sehr beunruhigt.

Das von Seifert zur Schau gestellte Mitgefühl, das sich teilweise mit den Aussagen der Entführten deckt, bleibt vor Gericht nicht ohne Wirkung. Auch seine Angaben zur eigenen Person beeindrucken die Strafkammer. Der frühere Pelzhändler vermittelt den Eindruck, weitgehend ohne eigene Schuld tief gestürzt zu sein. Wirtschaftlich und seelisch. Aber der Angeklagte sieht nicht aus, als käme er aus der Gosse. An jedem Prozesstag erscheint er in Anzug und mit Krawatte. Man könnte ihn immer noch für einen angesehenen Geschäftsmann halten. Eine vornehme Erscheinung. »So fein sah er sonst nicht aus«, sagen Prozessbesucher, die ihn früher meist in seiner abgewetzten Lederjacke gesehen haben. »So schick kenn ich den gar nicht.« Was aber vielen ebenso auffällt, sind seine stechenden Augen – Augen, die einen zu durchbohren scheinen.

Die Rede ist auch von den Pornofotos, die Seifert der Entführten vorlegte – jene Bilder von einer gefesselten nackten Frau, die Christa S. so schockiert hatten. Doch der Angeklagte spricht von üblichen Sadomaso-Aufnahmen und macht kein Hehl daraus, dass er eine Vorliebe für SM-Sex hat. Und Christa S. berichtet zwar, dass die Fotos sie in Angst und Schrecken versetzten, es ihr aber gelungen sei, ihre Angst zu verbergen. Äußerlich kühl und unbeeindruckt habe sie ein anderes Thema angesprochen. Dabei sei ihr zugute gekommen, dass sie im Rahmen ihrer beruflichen Fortbildung Kurse über Gesprächsführung und Verhaltenstraining besucht habe. Offenbar mit Erfolg, denn Seifert habe die Fotos zur Seite gelegt, ihre Handschellen gelöst und wieder von einer dieser Mafia-Geschichten gesprochen.

Eher beiläufig kommt im Gerichtssaal auch das mysteriöse Verschwinden Hildegard Kloeßers zur Sprache. Seifert kannte selbstverständlich die Frau seines früheren Chefs. Dass er sich bei seiner Lösegeldforderung als Anwältin der Vermissten ausgegeben hat, wird vom Gericht als Teil seiner Einschüchterungsstrategie gewertet, weiter aber nicht groß beachtet. Der Angeklagte wusste ja, dass Kloeßer seine Frau vermisste, und niemand in der Strafkammer kommt auf die Idee, ihn dafür verantwortlich zu machen. Darum geht es nicht in diesem Verfahren.

Doch eine siebzig Jahre alte Dame im Zuschauerraum horcht auf, als von der Vermissten die Rede ist. Das alles erinnert Margarete Röhl an ihre eigene Tochter: an Annegret Bauer, die am 6. Oktober 1988 ohne jede Vorwarnung verschwunden ist. Unter ähnlichen Umständen wie Hildegard Kloeßer. Erst 31 Jahre war sie alt.

Wie bei der Frau des Pelzhändlers hatten auch die Angehörigen Annegrets Briefe und Karten erhalten, in denen die junge Frau mitteilte, dass sie einen Mann kennengelernt habe, ein neues Leben zu führen gedenke und in die große weite Welt reisen wolle. Als ihre Mutter bei der Polizeiwache in Wandsbek eine Vermisstenmeldung erstattete, zuckten die Beamten nur bedauernd die Achseln: »Ihre Tochter ist erwachsen und kann selbst entscheiden, wo und mit wem sie leben möchte. Da können wir leider nichts machen.« Dass alles so unbegreiflich sei, ändere nichts daran.

Margarete Röhl äußerte auch den Verdacht, dass Seifert möglicherweise etwas mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun haben könnte. Der Kürschner war mit dem Ex-Mann der Vermissten eng befreundet und auch mit Annegret gut bekannt. Es sah sogar aus, als laufe er der jungen Frau hinterher, die sich dem Schwimmsport ebenso verschrieben hatte wie er selbst. Annegret Bauer dagegen konnte dem derben Pelzhändler nicht so viel abgewinnen. Sie ließ ihn offenbar abblitzen. Gleichwohl stand sie vor ihrem Verschwinden mit Seifert in Kontakt. Ihre Mutter hatte den Kürschner daher in seinem Geschäft aufgesucht und gefragt, ob er wisse, was mit Annegret sei. Um eine Antwort war er wie üblich nicht verlegen gewesen, hatte wortreich darüber schwadroniert, dass Annegret ganz bestimmt wisse, was sie tue, kein Grund zur Sorge bestehe, er aber auf jeden Fall seine Augen aufhalten werde. Jederzeit könne Annegrets Mutter zu ihm kommen, ohne Hemmungen.

Sprüche. Doch manche Sprüche Seiferts stimmten die Witwe nachdenklich – und irgendwie erinnerte sie die Redeweise des Kürschners auch an den Stil der Briefe und Karten, die da von ihrer Tochter kamen. Der Polizeibeamte in Wandsbek aber schüttelte nur mitleidig den Kopf, als sie dessen Namen ins Spiel brachte. »Lutz Seifert? Ich bitte Sie! Warum sollte der so was machen?«

Der Kürschnermeister war schließlich ein angesehener Bürger – kontaktfreudig und mit guten Verbindungen. Immer einen munteren Schnack auf den Lippen. Ein »Sabbelbüddel«, wie die Hamburger sagen. Doch Margarete Röhl wurde dieses ungute Gefühl nicht los. Vor allem blieb es für sie unbegreiflich, warum Annegret einfach so mir nichts, dir nichts von der Bildfläche verschwunden war. Das passte einfach nicht zu ihr. Mehr als drei Jahre war sie nun schon abgetaucht – eine Zeit quälender Ungewissheit, durchmischt von Hoffen und Bangen.

Am Muttertag des Jahres 1992 entdeckte Margarete Röhl schließlich in der Zeitung einen Bericht über den bevorstehenden Prozess gegen Seifert im Landgericht Hamburg. Ihr Entschluss stand sofort fest: »Da muss ich hin.«

Gebannt verfolgt die Rentnerin, wie jetzt im Gerichtssaal die Details der Entführung erörtert werden. Besonders hellhörig wird Margarete Röhl, als Christa S. von jenen Polaroidfotos berichtet, die eine gefolterte Frau zeigten. Sie geht daher in einer Verhandlungspause zu der Zeugin, nimmt ein Foto ihrer Tochter aus der Handtasche und fragt, ob es vielleicht diese Frau gewesen sein könnte, die auf den schrecklichen Bildern zu sehen war. Christa S. nickt: »Ja, die war es. Da bin ich mir ganz sicher. Hundertprozentig.«

Der alten Dame klopft das Herz. Sie fürchtet, dass ihre schlimmsten Angstfantasien Wirklichkeit werden könnten. Eigentlich ist es ja Aufgabe der Polizei, diesem Zusammenhang nachzugehen. Aber nichts spricht dafür, dass man sie dort auf einmal ernst nimmt. Allzu oft ist sie von Polizeibeamten weggeschickt worden. Die Kriminalbeamtin, die da gerade im Zeugenstand ihre Aussage gemacht hat, erscheint ihr vertrauenswürdiger. So wendet sich Margarete Röhl in einer weiteren Verhandlungspause an Karla Sommer:

»Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie einfach so anspreche, aber was Sie da gerade dem Richter gesagt haben, interessiert mich sehr. Meine Tochter ist nämlich verschwunden – auf ganz ähnliche Weise wie die Frau von diesem Pelzhändler.«

Wegen der vielen Unstimmigkeiten habe sie sich schon an die Polizei gewandt, sagt sie. »Aber die nehmen mich einfach nicht ernst.«

Karla Sommer geht mit der Mutter Annegret Bauers in einen Aufenthaltsraum neben dem Gerichtsflur, und dann erzählt Margarete Röhl, warum ihr Leben seit dem 6. Oktober 1988 aus den Fugen geraten ist.

8.

Es war ein Donnerstag gewesen – ziemlich windig, aber trocken und mild. An diesem Tag war etwas Merkwürdiges geschehen. Wie üblich hatte die blondgelockte Industriekauffrau in ihrem Haus im Stadtteil Jenfeld einen Zettel mit Anweisungen für ihre Putzfrau hinterlassen, bevor sie gegangen war. Als die Putzfrau den Zettel aber umdrehte, war sie verwirrt gewesen. Auf die Rückseite hatte Annegret Bauer etwas geschrieben, das sie ratlos machte:

»Mir ist sowieso egal was Sie machen

ich ziehe aus.

Alles Gute für Sie persönlich.«

Alles egal? Ich ziehe aus? Was sollte das denn?

Tatsächlich kehrte die junge Frau nicht mehr zurück. Auch etliche Schmuck- und Kleidungsstücke blieben verschwunden – ebenso ihr weißer Golf.

Annegrets Mutter war schockiert – auch Annegrets Lebensgefährte. Thomas B., der eine eigene Firma in Hannover betrieb, konnte sich keinen Reim aus dem Verschwinden seiner Freundin machen, die nach ihrer Scheidung ein neues Leben mit ihm beginnen wollte. Sicher, die Beziehung war in letzter Zeit etwas eingetrübt. Thomas B. hatte aus seiner ersten Ehe schon ein Kind. Das machte es nicht so leicht, gleich wieder eine neue Ehe einzugehen, wie Annegret es sich gewünscht hätte. Das schuf Konfliktstoff, war aber noch lange kein Trennungsgrund. Vor allem gab es keinen Grund, einfach das Weite zu suchen. Schließlich hatten sich beide gerade erst ein Haus gekauft – als Heimstatt für eine gemeinsame Zukunft.

Alles war ja so überstürzt. Am Wochenende wollte Annegret Bauer doch eigentlich mit Freunden ins Elsass fahren. Besonders merkwürdig war, dass sie den Rasierapparat ihres Freundes mitgenommen und ihren Lady-Shaver hatte liegen lassen. Alle wunderten sich auch, dass ein Handtuch mit den Initialen einer Tante ihres Freundes verschwunden war. Annegret hatte das Handtuch nie gemocht. Warum nahm sie es jetzt mit – auf dem Weg in ein neues Leben? Und ihre Unterwäsche hatte auch sie zurückgelassen. Das war schon sehr merkwürdig.

Gern hätte Thomas B. Annegret gefragt, was sie bewogen habe, so Knall auf Fall das Weite zu suchen. Aber er wartete vergebens auf einen Anruf. Stattdessen traf in seiner Firma in Hannover nur ein Fax ein.

»Lieber Thomas, es wird ein Schock für dich sein … ich werde dir dein Wochenende verderben …«

Ganz sicher war das Schreiben in der Handschrift Annegrets abgefasst, doch die Sendequalität war so schlecht, dass nicht alles zu entziffern war. Deutlich wurde immerhin die Botschaft, dass seine Lebensgefährtin nichts mehr von ihm wissen wollte und nicht zurückzukehren gedachte.

Besser zu lesen war ein Brief, den Annegrets Mutter zwei Tage später von ihrer Tochter erhielt:

»Ich glaube ich habe für Thomas eventuell schon einen Ersatz gefunden. Ich kenne seit 5 Monaten einen Finanzunternehmer der Finanzgeschäfte in der ganzen Welt abwickelt. Er ist sehr vermögend mach mich gern, und wohnt zwischen Zürich und Basel. Sein Haus liegt wunderschön in den Bergen. Er ist seit 4 Jahren geschieden ist 45 Jahre alt und hat einen 12jährigen Sohn, der in den USA lebt.«

Wie war dieser Sinneswandel zu erklären? Bisher hatte Annegret ihren Freund doch noch gedrängt, sich endlich von seiner Frau scheiden zu lassen und möglichst bald zu heiraten. Sie wollte ja ein Kind von ihm, das in geordneten Verhältnissen aufwachsen sollte. Dass es in der Beziehung geknirscht hatte, war auch Annegrets Mutter nicht entgangen. Aber das war doch noch kein Grund, einfach so zu verschwinden.

Die Mutter wunderte sich nicht nur über den Inhalt, sondern auch über die Form. Sonst gab sich Annegret immer so viel Mühe mit dem Schreiben. Warum strotzte dieser Brief von Zeichensetzungsfehlern? Warum waren die Sätze so schlecht gebaut? Das war einfach nicht Annegrets Stil. Die hatte schließlich Abitur. Merkwürdig war auch, dass Annegret die Nummer ihres Personalausweises über den Brief geschrieben hatte. Was sollte das alles?

Margarete Röhl verstand die Welt nicht mehr: Was war da bloß passiert?

Dann kam wieder eine Botschaft, die den Anschein erweckte, als sei es der Verschollenen wirklich ernst mit dem Abschied von ihrem bisherigen Leben: In der Pharma-Firma der kaufmännischen Angestellten ging am 14. Oktober 1988 ein Kündigungsschreiben ein – allerdings nicht in der Handschrift Annegret Bauers, sondern ausnahmsweise auf einer Reiseschreibmaschine getippt:

»Kündigung

Sehr geehrter Herr B.,

ich möchte hiermit mit sofortiger Wirkung kündigen. Meine Gründe dafür liegen nur im privaten Bereich. Ich war sehr gern in dieser Firma und habe mich wohl gefühlt, bitte haben Sie für mein unkaufmännisches Geschäftsgebaren Verständnis …

Mit freundlichen Grüßen

Annegret Bauer.«

Nebenbei war in dem Brief auch noch von Urlaubsplänen die Rede.

Die Unterschrift war zweifellos echt. Auch bei etlichen Bestellungen im Namen der Vermissten fehlte die Unterschrift nicht. Und stets wurde die bestellte Ware abgeholt – eine Klappcouch zum Beispiel. Nicht von Annegret Bauer selbst, aber oft unter Vorlage ihres Personalausweises. Außerdem fiel auf, dass größere Geldbeträge vom Bankkonto der Vermissten abgebucht wurden. Schon nach kurzer Zeit war das Konto um 16 000 Mark überzogen; 6000 Mark fehlten auf dem Konto, das Annegret gemeinsam mit ihrem Freund eingerichtet hatte. All dies beunruhigte Annegrets Mutter zusätzlich.

Am 21. Oktober erstattete sie Anzeige. Doch die Polizei sah keinen Anlass, eine Fahndung einzuleiten. Die Botschaften deuteten ja eben darauf hin, dass Annegret Bauer aus freien Stücken gegangen war.

Nur wohin? Auch Bernd Röhl, der Bruder der Vermissten, erhielt eine Karte. »Mein liebes Bruderherz …« Annegret grüßte mit der Ansichtskarte aus einem kleinen Ort bei Rothenburg ob der Tauber. Als Röhl daraufhin dienstlich in Süddeutschland unterwegs war, sah er sich in dem Ort näher um, fragte in Gaststätten und Pensionen der Gegend, ob jemand seine Schwester gesehen habe. Aber alle schüttelten nur den Kopf.

Auch in Hamburg hielt er Ausschau nach seiner Schwester – zwar nicht gezielt, sondern eher beiläufig, doch beharrlich und in ständiger Unruhe.

Bernd Röhl erinnert sich:

»Man guckte an jeder dritten Straßenecke, wenn da eine Frau vorbeiging, und man dachte: Das könnte sie sein. Diese Ungewissheit war schon sehr quälend. Vor allem für meine Mutter. Ich hatte ja meine Familie, aber meine Mutter war ganz allein mit ihren Sorgen.«

Gut zehn Briefe trafen von der Vermissten ein – bei der Mutter und anderen Familienangehörigen, bei dem Ex-Mann, bei ihrem Lebensgefährten. Nur selten fehlte die Personalausweisnummer, immer strotzten die handschriftlich abgefassten Schreiben von Fehlern. Auch zahlreiche Urlaubskarten erreichten die Freunde und Angehörigen der Verschollenen in den nächsten Monaten. Nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus der Schweiz, aus Chile und Brasilien. Sogar drei Weihnachtskarten mit lieben Grüßen waren mit der Unterschrift Annegret Bauers versehen. Dadurch keimte immer wieder so etwas wie Hoffnung auf. Vielleicht hatte Annegret sich ja wirklich entschlossen, ein neues Leben zu führen. Vielleicht tourte sie ja jetzt tatsächlich durch die Welt und würde irgendwann zur Vernunft kommen und heimkehren.

Aber sie kehrte nicht heim. Niemand bekam die junge Frau mehr zu Gesicht. Die letzte Karte war am 31. März 1989 in Rio de Janeiro abgestempelt worden. Danach blieben auch diese Lebenszeichen aus.

9.

Karla Sommer hört interessiert zu, während die alte Dame mit den sorgsam frisierten grauen Haaren erzählt. Das erinnert tatsächlich an das Verschwinden Hildegard Kloeßers. Was aber hat das alles mit Lutz Seifert zu tun, gegen den hier verhandelt wird?

»Oh, das will ich Ihnen sagen«, sagt die Frau. »Meine Tochter kannte den. Sogar sehr gut. Der war mit ihrem Ex-Mann befreundet. Darum ist er dann auch Trauzeuge bei Annegrets Hochzeit gewesen. Ich hab’ ihn ja auch kennengelernt.«

Die Polizistin nickt nachdenklich. »Das ist wirklich sehr spannend.«

Und in Kurzform berichtet die alte Dame, vor dem Verschwinden Annegrets habe Seifert sich auffällig um ihre Tochter bemüht. Regelrecht hinterhergelaufen sei er ihr, habe sich eingemischt in die Auseinandersetzungen mit ihrem Lebensgefährten, habe Annegret geschrieben, dass er ihrem Thomas »eins auswischen« wolle und so weiter. Wie ein lieber guter Onkel habe er sich aufgespielt.

Später sei sie auch bei Seifert im Pelzgeschäft gewesen, um sich nach Annegret zu erkundigen. Aber da habe er sie nur vertröstet und in seiner bekannten Art vollgequatscht.

»Er hat mich sogar hier im Gericht begrüßt«, fährt die alte Dame fort »›Hallo, Frau Röhl‹, hat er mir zugerufen, als er im Flur an mir vorbeigeführt worden ist. ›Wie geht’s Annegret?‹«

Da habe sie geantwortet: »Das müssen Sie ja wohl besser wissen als ich.«

Karla Sommer schüttelt verblüfft den Kopf. Noch mehr steigert sich ihr Erstaunen, als die Frau ihr ein Foto ihrer Tochter zeigt und sagt, dass sie die Aufnahme auch schon Christa S. vorgelegt habe. »Das ist wirklich alles merkwürdig, da gebe ich Ihnen recht«, sagt die Polizistin. »Ich verspreche Ihnen, dass ich mich darum kümmere.«

Sie notiert sich Namen, Anschrift und Telefonnummer von Frau Röhl und hält gleich, als sie ins Büro zurückgekehrt ist, die Unterhaltung in einer Gesprächsnotiz fest.

Umgehend lässt sie sich auch einen Termin bei ihrem Dienststellenleiter geben, denn aus Sicht der Kriminalbeamtin besteht Handlungsbedarf. Dringender Handlungsbedarf. So manches deutet darauf hin, dass Lutz Seifert nicht nur Christa S. entführt, sondern auch mit dem Verschwinden der anderen beiden Frauen zu tun hat. Wer weiß denn, wie lange er überhaupt noch sitzen muss? Der Prozess hat sich immer mehr zu seinen Gunsten entwickelt.

Doch der Leiter der Mordkommission schüttelt nur abwehrend den Kopf, als Sommer ihm ihre Erkenntnisse und Vermutungen vorträgt und darum bittet, für die Sache freigestellt zu werden, um in Ruhe weiter zu ermitteln. »Liebe Frau Sommer, wir sind hier in der Mordkommission. Wir haben es mit Tötungsdelikten zu tun. Bei Ihnen handelt es sich um Vermisstenfälle. Das ist einfach nicht unser Bier, verstehen Sie, das ist Sache der Kollegen in der Leichen- und Vermisstenstelle.«

Die Kommissarin weist darauf hin, dass die Kollegen die beiden Fälle bereits ad acta gelegt haben, es aber eben noch viele Fragen und Ungereimtheiten gebe und manches auf Lutz Seifert hindeute. Doch der Dienststellenleiter will davon nichts wissen: »Ich glaube, Sie haben sich da in etwas verrannt, verehrte Kollegin. Konzentrieren Sie sich lieber auf Ihre Arbeit in der Mordbereitschaft. Damit müssten Sie doch eigentlich ausgelastet sein.«

Wütend und enttäuscht kehrt die Kriminalbeamtin in ihr Büro im siebten Stock des Polizeipräsidiums am Berliner Tor zurück und wendet sich notgedrungen der üblichen Routinetätigkeit zu. Aber das rätselhafte Verschwinden der beiden Frauen geistert weiter in ihrem Kopf herum. Die Erzählungen Margarete Röhls lassen ihr keine Ruhe. Sie beschließt, die alte Dame einfach mal nach Feierabend zu besuchen und sich die Vermisstenakten der beiden verschollenen Frauen außerhalb der Dienstzeit zu beschaffen. Schließlich hat sie der Siebzigjährigen ihr Wort gegeben.

10.

Die Entführung der Krankenhausangestellten stellt Lutz Seifert vor Gericht unterdessen fast wie einen Freundschaftsdienst dar. So entsteht der Eindruck, Christa S. habe ihren Lebensgefährten um ein paar Hunderttausend Mark erleichtern wollen und sich zu diesem Zweck mit dem früheren Pelzhändler verbündet. Seifert räumt ein, dass er einen schweren Fehler gemacht habe. Aber es sei eben einiges zusammengekommen in dieser Zeit – und die Sterne hätten günstig gestanden. Zumindest im Vorfeld der Entführung.

Vermeintlich offenherzig spricht der Angeklagte auch über seinen Hang zum Sadomaso-Sex. Überhaupt: »Ich bin in allen Dingen extrem. Mein Leben ist von einem übersteigerten Sexualtrieb bestimmt.«

Solche Bekundungen lassen das Gericht bei aller Skepsis nicht unbeeindruckt. An der Entführung ist zwar nicht zu rütteln, doch die Umstände stimmen die Strafkammer gnädig. Wegen erpresserischen Menschenraubs in einem »minderschweren Fall« wird Seifert darum am 25. Mai 1992 zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt. Der milde Urteilsspruch kommt nicht unerwartet. Der psychiatrische Gutachter stellt zwar fest, dass der astrologiegläubige Angeklagte den Eindruck eines gestörten Menschen mache, bescheinigt ihm aber »seelische Ausgeglichenheit« und sieht »absolut keine Gefahr für die Allgemeinheit«. Der Vorsitzende Richter folgt dieser Bewertung in seiner Urteilsbegründung:

»Bei dem depressiv und masochistisch veranlagten Angeklagten, der über eine erhebliche Umtriebigkeit verfügt, lässt sich das Merkmal der ›schweren anderen seelischen Abartigkeit‹ gemäß Paragraph 20 des Strafgesetzbuchs im Sinne eines Zusammentreffens ungünstiger Persönlichkeitsfaktoren mit situativen Merkmalen zwar nicht verneinen, jedoch ist hierdurch mangels Zerstörung oder Erschütterung des Persönlichkeitsgefüges keine strafrechtlich relevante Verminderung der Steuerungsfähigkeit eingetreten. Die Kammer hat von der Möglichkeit der doppelten Strafmilderung Gebrauch gemacht. Bei der Bejahung des minderschweren Falles und bei der Zumessung der schuldgerechten Strafe wurde berücksichtigt, dass der Angeklagte bislang sozial eingeordnet gelebt hat und erstmals im Alter von 43 Jahren straffällig geworden ist. Nachdem seine bürgerliche Existenz und sein Selbstverständnis durch die erzwungene Aufgabe der beruflichen Tätigkeit ins Wanken geraten sind, ist es ihm nicht gelungen, beruflich wieder festen Fuß zu fassen, um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu sichern. Er hat sich vielmehr in immer stärkerem Maße seiner Astrologiegläubigkeit hingegeben, die dann Auslöser dieser schweren Straftat geworden ist. Er hat kein durchgeplantes Konzept gehabt, sondern zeitweise spontan gehandelt. Die Lösegeldforderung ist von ihm nicht mit Todesdrohungen verknüpft worden. Soweit es die Lage zuließ, hat er sein Opfer gut behandelt. Er hat ein Geständnis abgelegt, das allerdings erheblich eingeschränkt war und daher auch nur in diesem Umfang mildernd berücksichtigt werden konnte.

Der Angeklagte befindet sich das erste Mal in Haft und leidet unter dem Verlust des bürgerlichen Ansehens, von dem auch seine Familie betroffen ist.«

Das milde Strafmaß von drei Jahren begründet die Strafkammer vor allem mit dem Vorleben des Angeklagten, das bisher von keinem Gesetzesbruch getrübt werde. Strafmildernd wirkt sich auch aus, dass weiter der Verdacht im Raum steht, Christa S. habe möglicherweise gemeinsame Sache mit ihrem Entführer gemacht. Der Richter weist jedenfalls ausdrücklich darauf hin, dass die Hauptbelastungszeugin offenkundig nicht alles gesagt habe, was sie wisse. Eine Unterstellung, die der Frau zusätzlich zu ihren traumatischen Erfahrungen im Kellerverlies schwer zu schaffen macht.

»Das war schon sehr hart, dass dieser Richter dem Täter mehr geglaubt hat als mir.«

Zur Verbüßung seiner Haftstrafe wird der Verurteilte in den offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt Glasmoor in Norderstedt verlegt. Da die vorangegangene Untersuchungshaft von knapp neun Monaten auf die Strafe angerechnet wird, kann Seifert hoffen, schon nach einem Jahr wieder frei zu sein.

11.

Für Karla Sommer begann eine Zeit fieberhafter Privatermittlungen. Wenn ihre Kollegen in der »Mordbereitschaft« am Berliner Tor ihre Sachen packten und dem Feierabend im Kreise ihrer Familien entgegensahen, startete die Freizeitsportlerin noch einmal voll durch. Sie führte vor allem ausgedehnte Gespräche mit der Mutter von Annegret Bauer, die ihr weitere Einzelheiten von dem mysteriösen Verschwinden ihrer Tochter berichtete. Wie sie damals im Oktober 1988 diesen merkwürdigen Zettel für die Putzfrau gefunden und Annegrets Stofftier Mopsi noch auf dem Nachttisch gestanden hatte. Wie sie immer neue Briefe von ihrer Tochter erhielt – in diesem merkwürdigen Stil, mit den vielen Fehlern. Wie sie sich bei ihrer verzweifelten Suche auch an Seifert gewandt habe, der Annegret ja so gut kenne. »Rufen Sie mich ruhig an«, habe der in seiner launigen Art gesagt. »Ich bin ein richtiger Witwen- und Waisentröster.«

Karla Sommer besuchte Kurt Kloeßer und seine Lebensgefährtin Christa S., sammelte Briefe und Karten der verschollenen Frauen und fand immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Vermisstenfällen:

Hildegard Kloeßer schreibt, dass sie ins Ausland reisen möchte und darum keinesfalls auf die »Gesuchtenliste« kommen will. Und Annegret Bauer betont, dass es ihr »peinlich« wäre, »im Beisein von Bekannten« an der Grenze festgenommen zu werden. Selbst die Zeichensetzungsfehler sind bei beiden Frauen identisch. Regelmäßig fehlt zum Beispiel das Komma vor dem erweiterten Infinitiv. Auffällig ist auch, dass bei beiden Frauen Handlungsabläufe völlig unmotiviert abgerissen sind. Hildegard Kloeßer etwa hatte gerade Blumen für eine Nachbarin gekauft, die während ihres Urlaubs auf Fuerteventura auf ihren Dackel aufgepasst hatte. Die Blumen waren liegengeblieben. Und Annegret Bauer hatte bei ihrem Arzt ein Rezept bestellt und nicht abgeholt.

Hatte Karla Sommer die Gespräche mit den Angehörigen beendet, hielt sie die Ergebnisse in Aktenvermerken fest – oft bis spät in der Nacht. Viel Zeit für ihren Mann blieb in diesem Sommer des Jahres 1992 nicht. Nur ihren Aerobic-Kurs leitete sie weiterhin. Zum Turnen, Schwimmen oder Volleyballspielen kam die Polizistin dagegen nur noch selten. Nicht nur die Feierabende, auch die Wochenenden waren angefüllt mit Erkundungen in Sachen Lutz Seifert.

»Das hatte was von einem Puzzlespiel. Es ging darum, die vielen Teile in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen.«

Im Zentrum der Recherchen stand die Auswertung der Vermisstenakten. Da für die Vermisstenstelle kein Handlungsbedarf mehr bestand, hielt sich deren Kooperationsbereitschaft in Grenzen. Im Falle Hildegard Kloeßers war es trotzdem nicht schwer, an die Akte zu kommen. Sie wurde wie die übrigen Vermisstenfälle in der Registratur aufbewahrt. Im Falle Annegret Bauers dagegen fand sich nichts mehr im Polizeipräsidium. Nach umständlichen Ermittlungen im Labyrinth der Hamburger Justizbehörden entdeckte Sommer die Vermisstenakte schließlich im Amtsgericht Wandsbek. Der Freund der Vermissten hatte zwischenzeitlich hier, wo das gemeinsame Haus im Grundbuch eingetragen war, eine Zivilklage eingereicht, um die 5000 Mark zurückzufordern, die er seiner Freundin geliehen hat. Denn Thomas B. war zu der Überzeugung gelangt, dass Annegret Bauer ihn wirklich verlassen hatte. Wie sonst waren die verletzenden Briefe und Karten zu erklären?

Auch die Vermisstenakte ließ diese Frage offen. Doch Karla Sommer stieß zumindest auf Ansatzpunkte für neue Ermittlungen. Von weiteren Karten der Vermissten war die Rede, noch mehr Bestellungen und Geldabbuchungen – Monate nach dem Verschwinden Annegret Bauers – wurden aufgelistet, vor allem aber war der Akte der Vermerk eines Kollegen aus dem Polizeipräsidium angefügt. »Hiermit möchte ich darauf hinweisen, dass Annegret Bauer meines Wissens ihren Lebensbereich in Hamburg aus freien Stücken verlassen hat«, hieß es in dem Vermerk. »Sie hat sich entschieden, mit einem neuen Partner zusammenzuleben. Es ist darum meines Erachtens nicht Aufgabe der Polizei, nach ihr zu fahnden.«

Als vermeintliches Beweisstück war ein Brief in der Handschrift Annegret Bauers angefügt – wie die übrigen Briefe dieser Art überschrieben mit der Personalausweisnummer der Vermissten.

Eingeleitet war das Schreiben mit einer allgemein an die Polizei gerichteten Mitteilung im Amtsdeutsch:

»Betr.: Vermisstenanzeige

Ich möchte hiermit klarstellen, dass ich, Annegret Bauer nicht vermisst bin.«

Wie kann man klarstellen, dass man nicht vermisst ist? Das klang so schief, als sei die Schreiberin der deutschen Sprache nicht mächtig, fast absurd. Es folgte ein in privatem Ton gehaltener Brief an den Kriminalbeamten, der offenkundig mit der Vermissten persönlich bekannt war.

»Lieber Uwe,

ich habe von dem ganzen Ausmaß, den meine Mutter angerichtet hat, gehört. Mein Bruder wurde von mir gebeten, auf unsere Mutter aufzupassen, aber er kann sie wohl auch nicht bremsen. Seit dem Tode meines Vaters bin ich ihr ein und alles.

Da ich meine Entscheidung allein treffen möchte, ohne Familienrat, und ohne das wenn und aber. Deshalb der plötzliche Abbruch. Kannst du mir helfen?? (Bitte)

Wenn du es nicht kannst, wäre es das Ende meiner neuen Beziehung. Bitte versetze dich in meine Lage, wie peinlich und entwürdigend es wäre, an der Grenze neben meinem neuen Bekannten festgenommen zu werden …«

Karla Sommer hatte bereits aus den Gesprächen mit Annegret Bauers Mutter und Ex-Mann Jochen B. von dem Kriminalbeamten erfahren, der Lutz Seifert aus dem Schwimmverein kannte und auch mit der Vermissten befreundet war. Der Kollege hatte den beiden demnach den dringenden, »gut gemeinten« Rat gegeben, sich damit abzufinden, dass Annegret freiwillig gegangen sei. Die Polizei könne da gar nichts machen, habe der Kriminalbeamte gesagt, ohne selbst für Vermisstensachen zuständig zu sein. Dabei habe er sich nicht nur auf Annegrets Brief berufen, sondern auch auf ein persönliches Gespräch mit Seifert, der ihn in sein Haus in Hamburg-Rahlstedt eingeladen habe. Seifert hatte dem Freund offenkundig von einem Treffen mit Annegret berichtet und ihm eingeschärft, dass diese nichts weiter wünsche als ihre Ruhe – fernab ihrer Familie und ihres Partners.

Damit war der Fall für den Kriminalbeamten buchstäblich erledigt gewesen, wie es scheint. Was die Angehörigen zu sagen hatten, interessierte den Mann offenkundig nicht. Die berichteten, der Polizist habe sie nicht angehört, sondern nur »abgebürstet«.

Karla Sommer war empört über den »Freundschaftsdienst« des Kollegen – und sie erinnerte sich, dass auch im Falle Hildegard Kloeßers ein Brief der Vermissten bei der Polizei eingegangen war. Mit fast gleichlautendem Inhalt. Es gab weitere Übereinstimmungen: Beide Frauen hatten zum Beispiel bei der Flucht aus ihrem bisherigen Leben keine Unterwäsche mitgenommen, dafür aber etliche Haushaltsgegenstände. Beide hatten an ihre Angehörigen Briefe und Karten in fehlerhaftem Deutsch geschrieben. Und vor allem: Beide kannten Seifert!

Ausgehend von den Vermisstenakten befragte Karla Sommer weitere Personen aus dem Umfeld der Verschollenen: den Lebensgefährten Annegret Bauers, Arbeitskollegen, ihren Bruder, Familienangehörige und Freundinnen Hildegard Kloeßers. Immer unwahrscheinlicher erschien es ihr nach den Vernehmungen, dass die fast gleichlautenden Botschaften wirklich von den Frauen stammten. Aber es war mit Sicherheit ihre Handschrift. Auch die Schriftsachverständigen im Landeskriminalamt (LKA) bestätigten dies. Rechtschreibung, Satzbau und Stil dagegen passten nicht zu den verschollenen Frauen.

Für die Textanalyse empfahlen die LKA-Experten den renommierten Sprachwissenchaftler Theo Bungarten von der Universität Hamburg. So schickte die Kriminalbeamtin die Briefe und Karten dem Germanistikprofessor. Doch die Auswertung zog sich hin.

Unterdessen ging die Doppelbelastung weiter, und die drei Kollegen in der Mordbereitschaft ermutigten Karla Sommer nicht gerade bei ihren Privatermittlungen. Die Hauptkommissarin spürte, dass ihr Alleingang auf Ablehnung stieß. Als sie trotzdem einmal den Versuch unternahm, den Kollegen die brisante Gemengelage zu erläutern, entgegnete einer mit mildem Lächeln: »Du solltest dich da nicht so reinsteigern, Karla. Das wird sich alles schon noch auflösen.«

Karla Sommer entging nicht, dass hinter ihrem Rücken auch weniger freundliche Bemerkungen ausgetauscht wurden. Prägend für das Klima war, dass der Chef der Mordkommission den Alleingang seiner widerspenstigen Mitarbeiterin bekanntermaßen missbilligte.

Der atmosphärische Gegenwind erhöhte den Stress der Doppelbelastung zusätzlich. Da geschah es nicht selten, dass Karla Sommer überreizt in ihr Reihenhaus in Volksdorf zurückkehrte und die Ereignisse des Tages ihr den Schlaf raubten.

»Diese Zeit war für mich und meinen Mann nicht leicht. Das war ja schon sehr anstrengend, immer von den Kollegen angemacht zu werden. Andererseits hat mich meine Arbeit aber auch erfüllt. Dieses Puzzle, das damit verbundene logische Denken – das war schon ein Traumjob für mich. Und das Besondere in diesem Fall war ja, dass es einen Tatverdächtigen gab, einen Mann, dem ich die Tat nachweisen musste. Auch das hat mich motiviert. Ich war mir einfach zu hundertzwanzig Prozent sicher, dass ich richtig lag – mochten die Kollegen noch so lästern.«

Schließlich wurde ein junger Kollege in die »Mordbereitschaft« versetzt, der nicht lästerte, sondern Interesse zeigte: Andreas Lohmeyer, der 1981 im Alter von zwanzig Jahren in den Polizeidienst eingetreten war, nach einigen Jahren in Uniform mit Streifenwagen- und Hafenstraßen-Einsätzen die Fachhochschule besucht, erste Erfahrungen bei der Kripo gesammelt und ein halbes Jahr lang in Schwerin bei der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit mitgewirkt hatte. Und Lohmeyer fing sofort Feuer:

»Ich fand den Fall total faszinierend, ich habe die Akten regelrecht verschlungen. Mein kriminalistisches Gespür sagte mir: Da stimmt was nicht.«

Auch Lohmeyer musste erfahren, dass die »Altgedienten« in der Abteilung die nebulösen Fälle mit aller Macht abwehrten: unbedeutende Fälle für die nicht sehr hoch im Kurs stehende Vermisstenstelle eben. Nichts für echte Mordprofis! Gleichwohl unterstützte Lohmeyer die Kollegin.

»Wir haben uns gegenseitig motiviert, Karla und ich.«

Mit vereinten Kräften unternahmen die beiden daraufhin den Versuch, beim Raubdezernat, das auch für Entführungen zuständig war, ganz offiziell Nachermittlungen zu beantragen. Doch die Kollegen erteilten ihnen eine Abfuhr: Alles schon durch, lautete die Antwort. Der Entführungsfall sei längst abgeschlossen. Was diese Christa S. da erzähle, sei doch nur wirres Zeug.

Die Kollegen in der Mordermittlung fühlten sich bestätigt: Haben wir’s nicht gesagt?! Lohmeyer, der heute den Rang eines Kriminaldirektors im Hamburger Landeskriminalamt bekleidet, im Rückblick:

»Wir haben von keiner Seite Rückenwind verspürt. Immer nur Gegenwind.«

Dennoch setzte Karla Sommer – unterstützt durch ihren Kollegen – ihre eigenmächtigen Ermittlungen fort.

»Die Angehörigen der Vermissten hatten einfach ein Recht darauf, endlich zu erfahren, was mit den Frauen wirklich geschehen war. Diese Ungewissheit war für sie unerträglich. Immer, wenn zum Beispiel die Mutter von Annegret Bauer einen weißen Golf gesehen hat, hat sie gedacht, dass ihre Tochter darin sitzen könnte. Das ist auf die Dauer doch total zermürbend.«

Ein weiteres Puzzleteil brachte Bewegung in die Ermittlungen. Hans-Uwe V., der frühere Dekorateur Kloeßers, rief bei Karla Sommer an. Der Mann hatte von Kloeßer erfahren, dass die Hauptkommissarin auf eigene Faust gegen Seifert ermittelte. Dadurch hatte sich der Dekorateur an ein Gespräch mit Seifert erinnert, für den er auch schon Schaufenster gestaltet hatte. Als Hans-Uwe V. dem früheren Auftraggeber erzählte, dass er Kloeßer bei der Suche nach seiner vermissten Frau nach Teneriffa begleiten werde, habe Seifert nach den Erinnerungen des Dekorateurs erwidert: »Da könnt ihr lange suchen. Damit verplempert ihr bloß eure Zeit. Die findet ihr nie.«

»Warum bist Du Dir denn so sicher?«, habe er nachgefragt. Daraufhin habe Seifert nur die Achseln gezuckt und still in sich hinein gelächelt. Ein anderes Mal habe der Pelzhändler ihm anvertraut: »Ich habe da eine Frau kennengelernt, die braucht Schläge.«

Karla Sommer beschränkte ihre Recherchen nicht auf Hamburg. Sie bezog auch die Ferienhaussiedlung in Basedow bei Lauenburg mit ein, wo Seifert bekanntlich seit Jahren ein Wochenendhaus besaß. Sie ging von Haus zu Haus mit den Fotos der Verschollenen und fragte, ob jemand die vermissten Frauen gesehen habe. Die Befragten schüttelten bedauernd den Kopf, erinnerten sich aber plötzlich auch an Seiferts düstere Seiten. Einerseits kannte man ihn als Stimmungskanone und Sprücheklopfer, als hilfsbereiten, patenten Nachbarn und guten Vater, andererseits ließ er aber auch durchblicken, dass er auf Quälen und Fesselspiele stehe. »Da haben wir uns schon ein bisschen erschrocken.«

Als ihre Materialsammlung auf fast 400 Seiten angewachsen war, entschloss sich Karla Sommer Ende August 1992 die Staatsanwaltschaft einzuschalten, um einen Durchsuchungsbeschluss zu erwirken. Mochte der Dienstvorgesetzte sagen, was er wollte.

Gleich zwei Staatsanwälte saßen ihr gegenüber. Der ältere der beiden runzelte skeptisch die Stirn, doch der jüngere zeigte sich offen und nahm den prall gefüllten Aktenordner dankend entgegen. Beeindruckt von der Lektüre beantragte der Staatsanwalt schon zwei Tage später beim Landgericht den gewünschten Durchsuchungsbeschluss. Mit Erfolg.

Endlich erfuhr die Kriminalbeamtin von höherer Stelle ausdrückliche Anerkennung. »Das ist ja wirklich eine interessante Sache«, teilte ihr der zuständige Richter mit. »Da halten Sie mich mal auf dem Laufenden.«

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
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201 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783866743625
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