Читать книгу: «Das Halsband»
Das Halsband
Roman
von
Courths-Mahler
Inhaltsverzeichnis
Das Halsband
1.
2.
3.
4.
6.
7.
8.
9.
13.
14.
15.
16.
17.
19.
20.
21.
23.
26.
27.
28.
29.
31.
34.
Schluß
Impressum

1.
Gräfin Susanne wollte nach Ostende reisen. Es war ihr zu langweilig auf Schloß Wildenfels.
Sie brauchte Bewunderer ihrer Schönheit, Geselligkeit, Schmeicheleien und Publikum für ihre neuesten Pariser Toiletten. Das alles hoffte sie in Ostende zu finden. Vor der Welt reiste sie natürlich nur dahin, um mit einigen befreundeten Familien zusammenzutreffen.
Ihr Gemahl hatte keine Lust, sie zu begleiten, er blieb lieber daheim bei seiner Mutter und seinem Sohne.
Gräfin Susanne war das sehr angenehm. Sie amüsierte sich immer besser, wenn ihr Gatte nicht dabei war, obwohl er ihr in allen Dingen freie Hand ließ. Wußte er doch, daß ihr kaltes, hochmütiges Wesen sie davor behütete, jemals die Grenzen zu überschreiten, die einer ehrbaren Frau gesteckt sind. Mochte ihre Eitelkeit Triumphe feiern — das war ihr Lebensinhalt.
Der Wagen mit einem Diener, einer Zofe und vielem Gepäck war bereits zur Stadt gefahren, die etwa eine Stunde von Wildenfels entfernt lag. Es war eine kleine Garnisonstadt.
Für Gräfin Susanne stand ein vornehm ausgestatteter Wagen bereit. Ihr Gemahl wollte sie bis zum Bahnhofe begleiten.
Sie verabschiedete sich eben in der großen hochgewölbten Halle des Schlosses von ihrer Schwiegermutter, der Gräfin Thea Wildenfels. Diese war eine sehr aristokratisch aussehende Dame mit graugemischtem Haar, feinen durchgeistigten Zügen und klaren, gütigen Augen.
Der Abschied zwischen den beiden Damen sollte herzlich sein. Beide gaben sich Mühe, einen warmen Ausdruck in ihre Worte zu legen, aber gerade der gezwungene Ton verriet, daß sich ihre Herzen nicht sehr nahe standen. Während Gräfin Susanne die alte Dame auf die Wange küßte, kam ein schlanker, etwa vierzehnjähriger Knabe den langen Gang vom westlichen Flügel hergestürmt. »Mama — du hättest wohl vergessen, mir Adieu zu sagen!« rief er vorwurfsvoll.
Gräfin Susanne wandte ihr schönes, stolzes Gesicht lächelnd ihrem einzigen Sohne zu.
»Du bist doch kein Baby mehr, Lothar, sondern schon ein kleiner Kavalier. Als solcher wirst du doch deiner Mutter das Geleit zum Wagen geben!«
Lothar sah mit seinen klaren, blauen Augen, die zu dem dunklen Haar und dunklen Wimpern einen eigenartigen Kontrast bildeten, erst zu seiner Mutter, dann zu seiner Großmutter empor. Sein von Luft und Sonne gebräuntes Gesicht rötete sich.
»Ich wußte ja gar nicht, daß es schon Zeit zur Abreise war. Mein Lehrer hat mich mitten aus der Geschichtsstunde entlassen müssen, als ich den Wagen vorfahren hörte. Wie leicht hätte ich zu spät kommen können. Großmama kommt immer zu mir, um mir Lebewohl zu sagen, wenn sie verreist.«
Seine Mutter lachte. Es war kein gutes, warmes klingendes Lachen, welches wohltut. Ein gereizter, spöttischer Klang lag darin.
»Ja, ja,« sagte sie halb scherzend, halb tadelnd, »Großmama verzieht dich sträflich.«
In dem feinen gütigen Gesicht Gräfin Theas zeigte sich eine leise Röte. »Den Vorwurf solltest du mir nicht machen, Susanne. Ich verziehe Lothar gewiß nicht.«
Susanne legte ihre feinbekleidete Hand auf den Arm ihrer Schwiegermutter.
»Es war ja nur ein Scherz, Mama. Du nimmst es sehr ernst mit Lothars Erziehung. Aber in Bezug auf Zärtlichkeiten verwöhntest du ihn doch wohl.«
»Liebe geben ist nicht verwöhnen, Susanne. Ein Kind braucht Liebe, um zu gedeihen.«
Susanne zuckte die Achseln und sah nach der im Hintergrunde der Kapelle emporführenden Treppe, ob ihr Gemahl noch nicht erscheine. Sie nannte im Stillen ihre Schwiegermutter sentimental, obwohl diese in ihrer klaren ruhigen Art diese Bezeichnung nicht verdiente. Der wahre Inhalt ihres Wesens war Güte und Vornehmheit.
Gräfin Thea liebte freilich ihren Sohn und ihren Enkel anders, als Susanne ihr Kind liebte. Diese hatte nie viel Zärtlichkeit übrig, weder für ihr Kind, noch für ihren Mann. Sie war zu sehr mit ihrer eigenen Persönlichkeit beschäftigt, liebte zu sehr sich selbst, als daß sie noch einem andern Wesen besonderes Interesse zu widmen imstande gewesen wäre.
Da soeben Graf Joachim Wildenfels die Treppe herabkam, beugte sich Susanne zu ihrem Sohne nieder und küßte ihn.
»Adieu denn, kleiner Mann. Sei brav, solange Mama nicht zu Hause ist. Belästige Großmama nicht zu viel.«
Lothar sah mit einem fast traurigen Blicke in das unbewegte Antlitz seiner Mutter.
»Adieu, Mama. Gute Reise — und komme gesund wieder heim. Und wegen Großmama brauchst du dir keine Sorge zu machen. Wenn ich hundertmal am Tage zu ihr käme — es wäre ihr nicht lästig, gelt, Großmama?«
Er trat zu der alten Dame und legte mit ungestümer Zärtlichkeit seinen Arm um ihre Taille. Sie strich zärtlich über das wellige, ziemlich kurz gehaltene Haar und nickte ihm zu.
Ein mokantes Lächeln huschte um Susannes Lippen. Ihrem Wesen lagen alle Gefühlsergüsse fern. Graf Joachim trat zu ihnen.
Er war eine vornehme Erscheinung von etwa vierzig Jahren. Aus seinem schöngeschnittenen Gesichte leuchteten dieselben tiefblauen Augen, wie aus dem seines Sohnes. Auch er hatte das dunkle, leicht gewellte Haar, die langen dunklen Wimpern. Aber seine Züge waren etwas zu weich — weicher noch als in dem Gesichte seines jungen Sohnes. Um Lothars Mund und Kinn bildete sich schon jetzt ein charakteristischer energischer Zug, der seinem Vater völlig fehlte. So ähnlich sich Vater und Sohn auf den ersten Blick waren, so verschieden wirkten sie bei näherer Betrachtung.
Graf Joachim war eine etwas haltlose Natur. Sein verstorbener Vater, ein Mann wie aus Stahl und Eisen, hatte das frühzeitig erkannt und weil ihm jede Schwäche ein unverstandener Begriff war, suchte er diesen Charakterfehler seines Sohnes durch übertriebene Strenge auszumerzen. Aber er schoß über das Ziel hinaus. Statt seines Sohnes Leichtsinn und Haltlosigkeit zu bessern, trieb er ihn durch seine Unduldsamkeit dazu, allerlei Torheiten heimlich zu begehen. Je strenger ihn der Vater hielt, je ärger trieb er es im stillen. Als Joachim vierundzwanzig Jahre alt war, hatte ihn sein Vater, ohne nach seinen Wünschen zu fragen, mit Komtesse Susanne Hagenau verheiratet. Joachim war damals in einer rätselhaften seelischen Depression gewesen und hatte sich fast willenlos in alles gefügt. Komtesse Hagenau schien Joachims Vater die passendste Lebensgefährtin für seinen Sohn. Trotzdem sie erst achtzehn Jahre zählte, war sie vollendete Weltdame, deren kühle Selbstbeherrschung ihm genug Garantien bot, daß sie seinen Sohn nach seinen Wünschen beeinflussen würde.
Es schien auch, als habe er das Rechte getroffen. Joachim schien nach seiner Verheiratung — ja — schon während der Verlobungszeit — ein ganz anderer geworden zu sein. Gräfin Thea hatte sich freilich gegen diese Verbindung gesträubt. Sie kannte ihren Sohn besser, wußte, daß er mit Liebe eher zu leiten war, als mit Strenge und Kälte. Von mancher Torheit hatte sie ihn abgehalten durch liebevolles Zureden. Sie wußte, daß Susanne eine gefühllose Person war, und daß Joachim ein sehr liebebedürftiges Herz hatte.
Aber ihr Widerspruch hatte nicht geholfen. So war diese Ehe zustande gekommen. Graf Joachim war ein artiger, ritterlicher Gatte, der seiner Frau umso ruhiger allen Willen ließ, als sie seine Person nicht in Anspruch nahm. Joachims Vater war sehr zufrieden gewesen mit dem Erfolge seines Experimentes. Es war unleugbar eine große Veränderung in Joachims Wesen zu bemerken.
Aber seine Mutter hatte diese Veränderung nicht mit Befriedigung erfüllt. Im Gegenteil, sie machte ihr heimlich große Sorge. Sie allein hatte auch bemerkt mit den scharfen, sorgenden Mutteraugen, daß Joachim schon in der Zeit kurz vor seiner Verlobung ein anderer geworden war. Ungleichmäßig und gedrückt, nicht mehr in froher Laune überwallend, fast scheu und unruhig war er ihr erschienen. Sie hatte ihn einige Male in liebevoller Weise gefragt, ob ihm etwas fehle, ihn etwas bedrücke. Danach hatte er sich stets eine Zeit lang zusammengenommen, ohne je auf ihre Frage eine rechte Antwort zu geben.
Joachim war ihr einziges Kind — er war so recht ein Sorgenkind von Anfang an gewesen. Aber umso zärtlicher umfaßte ihn ihr Herz. Sie litt fast mehr unter der kalten, liebeleeren Ehe, die er führte, als er selbst. Sorgend suchten ihre Augen wieder und wieder in seinen Zügen.
Joachims Vater hatte noch erlebt, daß ihm ein Enkel geboren wurde. Es gelüstete ihn danach, auch an dem Enkel seine Erziehungstheorien zu erproben. Aber ehe er dazu kam, einen Einfluß auf den Knaben auszuüben, war er gestorben. Seit seinem Tode hatte sich Joachim inniger denn je an seine Mutter angeschlossen, während sein Verhältnis zu seiner Frau immer förmlicher wurde. Mit seiner Mutter und mit seinem Sohne lebte er in herzlicher Gemeinschaft. Seine Frau war ihm im Herzen eine Fremde. — — —
Graf Joachim half seiner Gattin in den Wagen. Lothar stand neben ihm und küßte seiner Mutter die Hand. Seinen Vater umarmte er herzlich.
Dann stieg Joachim selbst ein und der Wagen fuhr davon. Lothar sah ihm eine Weile nach. Dann sprang er mit zwei Sätzen die Freitreppe empor. Oben unter dem Portale stand Gräfin Thea. Lothar umfaßte sie stürmisch. So war auch Joachim als Kind oft zu ihr gekommen, Liebe heischend, Liebe gebend. So ausbrüchlich hatte er auch den Regungen seines Herzens Ausdruck gegeben. Sie drückte Lothar fest an sich und sah ihn ernst an.
»Tut es dir nicht weh, daß Mama auf lange Wochen fortgeht?«
»Weißt du, Großmama, ich habe von Mama auch nicht viel, wenn sie zu Hause ist. Manchmal sehe ich sie kaum bei den Mahlzeiten. Freilich — wenn Papa mit abreiste — dann wäre ich viel mehr betrübt. Ich habe ja dich und Papa.«
Diese Worte kennzeichneten zur Genüge, welche Stellung Gräfin Susanne im Herzen ihres Sohnes einnahm. Er empfand nach Kinderart sehr genau, daß die Mutter nicht viel Liebe für ihn hatte. Ihr kaltes, spöttisches Wesen scheuchte ihn zurück, wenn er sich ihr liebevoll nahen wollte. So suchte er bei Großmutter und Vater die Liebe, die er zum Gedeihen brauchte. Und da fand er sie in reichstem Maße. Fest umschlungen gingen die beiden in die Halle zurück.
»Jetzt muß ich aber wieder ins Schulzimmer, Großmama, meine Geschichtsstunde ist noch nicht zu Ende. Der Herr Kandidat wird schon warten.«
»So geh, mein lieber Lothar.«
»Ich habe noch eine Stunde Latein nach der Geschichtsstunde. Aber dann bin ich frei — dann darf ich doch zu dir kommen?«
Er lief mit schnellen Schritten wieder den teppichbelegten Gang nach dem Schulzimmer zurück. Liebevoll blickte Gräfin Thea dem schönen Jungen nach. Dann stieg sie sinnend die Treppe zum ersten Stock hinauf, wo sich im westlichen Flügel ihre Zimmer befanden.


2.
Als Graf Joachim aus der Stadt zurückgekehrt war, begab er sich in den Salon seiner Mutter. Er fand Lothar bei ihr und wurde von beiden herzlich begrüßt. Sie nahmen zusammen den Tee und Lothar sorgte durch sein lebhaftes, übermütiges Wesen für eine heitere Stimmung. Gräfin Thea sah mit inniger Befriedigung, daß ihr Sohn froher aussah, als seit langer Zeit.
Später gingen sie alle drei zum See hinunter. Auf dem Wege dahin neckte sich Lothar mit seinem Vater, und schließlich brachte er ihn soweit, einen Wettlauf mit ihm zu veranstalten.
Mit glücklichem Gesichte schaute die alte Dame hinter ihnen her. Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust. Wie traut und schön war es, wenn Susanne nicht dabei war.
Sie erschrak über diesen Gedanken, aber zu bannen vermochte sie ihn nicht.
Am See lagen zwei Ruderboote und eine kleine Segeljacht. Zu Lothars heller Freude entschloß man sich zu einer Segelfahrt. Joachim half seiner Mutter sorglich beim Einsteigen und hüllte sie in ein warmes Tuch. In glücklichster Stimmung, wie Kinder, die Ferien haben, fuhren sie über den See dahin.
Als sie nach einer Stunde zum Landungsplatze zurückkehrten, stand Lothars Hauslehrer auf dem Stege. Kandidat Wetzel war ein sympathischer, frischer junger Mann, dem man es nicht anmerkte, daß er sein Studium hindurch gehungert hatte. Er wurde von Graf Joachim und Gräfin Thea als zielbewußter Erzieher und tüchtiger Lehrer sehr geschätzt. Mit Lothar stand er auf einem sehr guten, fast kameradschaftlichen Fuße. Herr Wetzel hatte die einträgliche Hauslehrerstelle angenommen, um sich die Mittel zu weiterem Studium zu verdienen. Er sollte Lothar bis zum Abiturium unterrichten, also noch mindestens vier Jahre in Wildenfels bleiben. Ohne dazu aufgefordert zu werden, legte er bei der Landung des Segelbootes hilfreiche Hand an. Graf Joachim und Gräfin Thea begrüßten ihn.
»Wollen Sie auch eine Wasserfahrt machen, Herr Kandidat?« fragte Lothar.
»Ja, ich möchte ein Stündchen rudern.«
»O — da helfe ich mit. Darf ich, Papa?«
»Wenn dich der Herr Kandidat mitnehmen will?«
»Sehr gern, Herr Graf.«
»O — fein. Kommen Sie, Herr Kandidat, wir machen das Boot los. Adieu Papa, adieu Großmama!« rief Lothar. Er sprang in das Ruderboot, welches zunächst lag, der Kandidat folgte. Gleich darauf ruderten sie davon. Graf Joachim und seine Mutter blieben noch ein Weilchen stehen und sahen dem Boote nach.
Dann gingen sie langsam nach dem Schlosse zurück. Sie sprachen über den Kandidaten und lobten seine prächtige Art, mit Lothar umzugehen.
»Susanne mag ihn seltsamerweise nicht leiden, ich verstehe das nicht,« sagte Joachim im Laufe des Gesprächs. Gräfin Thea lächelte fein.
»Sie behauptet, er habe demokratische Ansichten und fürchtet, daß er Lothar in dieser Hinsicht beeinflußt.«
Joachims Gesicht überflog ein Schatten. »Meine Frau ist in dieser Beziehung sehr kleinlich. Uebrigens gefällt mir gerade der leise demokratische Einschlag des Kandidaten. Ich wünsche nicht, daß Lothar sich dem Einflusse seiner Zeit entzieht. Viele unserer Standesgenossen sind noch rückständig. Ich fühle, daß wir am Anfange einer Zeit stehen, in der nur das gilt, was ein Mensch ist und leistet, nicht der Zufall seiner Geburt.«
»Du magst wohl recht haben. Freilich — dein Vater hätte solche Ansichten nicht hören dürfen.«
Auf Joachims Stirn zeigten sich Falten des Unmuts.
»Vater war ein starrer Anhänger der alten Schule, er glaubte an die Rechte der bevorzugten Geburt. Aber wir sind auch nur Menschen. Und es ist mir sehr lieb, daß Lothar eine freiere Auffassung vom Leben erhält, als ich. Jedenfalls habe ich dafür gesorgt, daß Wetzel Lothars Erziehung in der Hand behält, bis er die Universität besucht. Sein Kontrakt bindet ihn und uns.«
»Und du willst, daß Lothar Jura studiert?«
Joachim zuckte die Achseln.
»Susanne will ihn unbedingt zum Diplomaten machen. Ihr Ehrgeiz sieht ihn schon in den höchsten Aemtern des Landes.«
»Und du, Joachim?«
Er lächelte wehmütig.
»Ich habe diesen Ehrgeiz nicht, Mama. Aber daß Lothar ein ernstes Studium zu Ende führt, ist auch mein Wunsch. Und er selbst hat Lust dazu. Was später aus ihm wird, darüber soll er selbst entscheiden. Teilt er den Ehrgeiz seiner Mutter — nun, so mag er in das diplomatische Korps eintreten. Begnügt er sich aber damit, schlecht und recht, wie ich, seinen Kohl zu bauen — dann steht ihm auch das frei.«
»Hast du niemals den Wunsch gehabt, daß er Offizier werden möge?«
»Nein. Ich selbst bin nur auf Vaters Wunsch Soldat geworden und nach seinem Tode zog ich mit einem Gefühl der Befreiung den bunten Rock aus. Hätte Lothar Lust gehabt, Offizier zu werden, so hätte ich ihn nicht gehindert. Irgend einen Zwang würde ich nie ausüben. Ich weiß, wie man an Leib und Seele verkümmert, wenn man immer unter Druck gehalten wird.«
Die letzten Worte klangen sehr bitter. Gräfin Thea legte ihre Hand auf seinen Arm und sah ihn bekümmert an.
»Joachim!«
Er zog die Hand an seine Lippen und küßte sie. Trübe sah er in das gütige Frauenantlitz.
»Ja, Mutter — ich bin ein erbärmliches Menschenkind geworden — durch Anlage und Erziehung. Nein — sieh mich nicht so bang und traurig an. Du hast wahrlich getan, was du konntest, um meine Seele frei zu machen. Aber du und ich — wir waren zu schwach. Vaters eiserner Wille hielt uns fest.«
»Joachim — du bist unglücklich, ich weiß es längst. Susanne ist nicht die Frau, die du brauchtest. Ich habe mich gesträubt gegen diese Verbindung — aber es half alles nichts.«
»Mache dir darum keine Sorgen, Mutter. Ob Susanne oder eine andere — ich wäre doch nicht glücklich geworden. Als ich mich verheiratete, war es schon zu spät — da war mein Leben schon zerstört.«
Seine Mutter seufzte tief auf.
»Ich habe es geahnt, mein Sohn — du weißt, ich fragte dich oft, ob du mir nicht anvertrauen wolltest, was dich drückt und quält. Willst du es auch heute noch nicht tun?«
Joachims Gesicht zeigte einen gequälten Ausdruck.
»Nein — ich kann nicht — laß mich — damit muß ich allein fertig werden. Vielleicht — vielleicht erfährst du es aber doch noch eines Tages — jetzt aber laß uns davon schweigen.«
»Ich möchte dir so gern helfen, mein Sohn.«
»Es könnte sein, ich nähme dich eines Tages beim Worte.«
»Tue es, du sollst mich stark und willig finden zu allem, was dir Frieden schaffen kann.«
Wieder führte er ihre Hand an seine Lippen. Im Schlosse angekommen, zog sich Joachim in seine Zimmer zurück. Seine Mutter sah ihm bekümmert nach. Nun würde er wieder ruhelos auf und ab wandeln wie so oft.
Sie seufzte tief und schwer. — — —
Zum Abendessen fand sich Joachim in dem kleinen Speisesaale ein, der neben der großen Halle lag. Hier nahm die Familie des Grafen die Mahlzeiten ein, wenn keine oder nur wenige Gäste anwesend waren.
Joachim sah bleich und abgespannt aus. Er zwang sich mühsam, an der Unterhaltung teilzunehmen. Die Anwesenheit des Kandidaten, der stets seinen Platz neben Lothar hatte, ließ ein vertrauteres Gespräch nicht aufkommen. Es war schwül und drückend heiß. Ein Gewitter lag in der Luft.
Nach Tische ging man hinaus auf die Terrasse. Die Diener hatten die rot und weiß gestreiften zeltartigen Vorhänge hochgezogen. Die bequemen, modernen Korbmöbel luden zum Sitzen ein. Lothar und der Kandidat trieben ein wenig Astronomie und suchten mit dem Fernglase den Himmel ab, der noch nicht von Wolken verhüllt war. Graf Joachim rauchte eine Zigarette nach der andern und seine Mutter betrachtete ihn in sorgender Schweigsamkeit.
Um neun Uhr zog sich der Kandidat zurück und auch Lothar sagte Vater und Großmama fröhlich Gute Nacht.
Kaum war er verschwunden, da sprang Joachim auf und klingelte.
»Mein Pferd,« rief er dem herbeieilenden Diener zu. Gräfin Thea sah erschrocken auf.
»Du willst noch ausreiten, Joachim?«
Er sah an ihr vorbei, hinaus in den schweigenden Park.
»Mutter — das tue ich doch so oft.«
Sie seufzte. Diese späten Ritte ihres Sohnes, die sich oft bis Mitternacht ausdehnten und von denen er sein Pferd immer abgehetzt und schaumbedeckt nach Hause brachte, waren ihr schon lange eine schwere Sorge. Sie hatte ihre Schwiegertochter heimlich gebeten, Joachim von diesen wilden Ritten abzuhalten. Aber Susanne hatte sie ausgelacht.
»Ich bitte dich, Mama, diese Ritte sind das einzige, womit Joachim noch einigermaßen Schneid verrät. Wie kannst du dich darum sorgen? Er ist doch Kavallerist. Willst du ihn denn ganz und gar nur noch in Schlafrock und Pantoffeln sehen? Er kann wirklich ein wenig Schneid brauchen. Ich werde mich hüten, ihn davon abzuhalten.« Das war ihre Antwort gewesen. Aber Gräfin Theas Sorge war damit nicht gemildert.
»Leider reitest du immer so spät aus. Aber heute solltest du es wirklich nicht tun, Joachim — es ist heute ein Gewitter im Anzuge,« sagte sie jetzt bittend.
Joachim starrte düster vor sich hin.
»Es hat noch lange Zeit — bis es losbricht, bin ich wohl wieder daheim.«
Gräfin Thea blickte unruhig zum Himmel empor; eine dunkle Wolkenwand erhob sich über den Bäumen des Parkes wie ein starres, felsiges Gebirge. Dann wandte sie die Augen wieder ihrem Sohne zu. Seine Züge waren schlaff und die Augen blickten matt und düster. Um den Mund zuckte es nervös, als sei es ihm schwer, sich zur Ruhe zu zwingen.
Er warf den Rest seiner Zigarette fort und trat zu seiner Mutter.
»Gute Nacht, Mama — du bist wohl zur Ruhe gegangen, wenn ich heimkomme.«
Sie faßte ängstlich seine Hand.
»Bleib doch heute zu Hause, Joachim,« bat sie eindringlich.
Er lachte, aber dieses Lachen kam nicht aus dem Herzen. Es klang leer und unnatürlich.
»Aber Mama — sei doch nicht so ängstlich. Ich brauche den Ritt wie einen Schlaftrunk. Gute Nacht.«
Er küßte ihr die Hand und ging eilig davon.
Seine Mutter erhob sich und trat an die Terrassenbrüstung. Wieder flog ihr Blick sorgend zum Himmel empor. Es war unheimlich still und schwül. »Ruhe vor dem Sturme,« mußte sie denken.
Und da führte ein Reitknecht bereits Joachims Pferd vorüber. Es hob den Kopf und sog mit den Nüstern wie prüfend die Luft ein.
Gleich darauf sah sie ihren Sohn über den Rasenplaz reiten. Sie starrte ihm nach. Was war es nur, das ihn so ruhelos und freudlos gemacht hatte?
Der Reitknecht schritt wieder mit ehrfurchtsvollem Gruße an ihr vorüber nach den Ställen hinüber, die hinter dem Gebäude lagen, das an den westlichen Flügel des Schlosses angebaut war. In diesem Gebäude waren die Verwaltungsräume untergebracht. Im Erdgeschosse lag das Rentamt. Man konnte es durch den westlichen Schloßflügel betreten. Eine einzige Tür war durch die starken Schloßmauern gebrochen. Sie war von Eisen, eine Doppeltür, zu der nur der Graf von Wildenfels den Schlüssel hatte. Niemand durfte diese Tür benutzen als der Graf und der Rendant, denn sie führte direkt in den Raum, wo in eingebauten eisernen Wandschränken die Kasse, die Wirtschaftsbücher, aller wertvolle Schmuck und das silberne Tafelgeräte, soweit es nicht täglich gebraucht wurde, untergebracht waren. Hier ruhte wohlverwahrt gegen Feuersgefahr und Diebstahl der Reichtum der Grafen von Wildenfels.
Im ersten Stocke des Gebäudes befand sich die Wohnung des Rendanten und seiner Familie, im zweiten Stocke wohnten die beiden ledigen Verwalter. Die sonstigen Wirtschaftsgebäude lagen hinter dem Park am See.
Gräfin Thea war hinaufgegangen in ihre Zimmer. Als sie ihr Vorzimmer betrat, erhob sich eine etwa fünfzigjährige Frau in schwarzem Kleide, weißem Häubchen und weißer Schürze. Sie hatte am Fenster gesessen und vor Eintritt der Dämmerung wohl in dem Buche gelesen, das auf ihrem Schoße gelegen. Ihr frisches, rundes Gesicht wandte sich der Gräfin mit sorgendem Ausdruck zu.
»Heute hätten Frau Gräfin nicht zulassen sollen, daß der gnädige Herr Graf ausreiten. Es gibt ein schweres Wetter,« sagte sie fast vorwurfsvoll. Es war Frau Friederike Grill, Gräfin Theas langjährige Kammerfrau. Als junges Zöfchen hatte sie vor dreißig Jahren ihren Einzug in Schloß Wildenfels gehalten. Später war sie die Frau des Kammerdieners des Grafen, Heinrich Grill, geworden, ohne deshalb ihren Dienst bei der Gräfin Thea aufzugeben. Sie wurde einfach zur Kammerfrau erhoben und blieb auf ihrem Posten, als ihr Mann vor etwa zehn Jahren starb. Gräfin Thea hielt große Stücke auf die ihr treu ergebene Person und sprach wohl auch ein vertrauliches Wort mit ihr. Gelegentlich ließ sie sich sogar ein wenig von ihr tyrannisieren.
Jetzt blickte sie kummervoll in das treubesorgte Gesicht.
»Grill — du weißt doch — er läßt sich nicht halten,« sagte sie leise.
Grill — sie wurde seit ihrer Verheiratung nur so von der Gräfin genannt — nickte mit dem Kopfe.
»Na ja — na ja — aber heute hätte der gnädige Herr Graf man doch lieber zu Hause bleiben sollen.«
Gräfin Thea seufzte.
»Hast du mal nach Lothar gesehen, Grill?«
Die nickte lächelnd.
»Na — das lasse ich mir doch nicht nehmen. Erst hat er noch sein Späßchen mit mir gemacht, dann ist er mit einem Purzelbaum quer durchs Zimmer, nun liegt er und schläft — so fest und ruhig — den weckt kein Gewitter auf, bis er ausgeschlafen hat.«
»Leg mir einen bequemen Morgenrock zurecht. Ich will erst noch zu ihm hinüber, dann hilfst du mir beim Umkleiden. Zu Bette will ich gar nicht erst gehen, das Wetter treibt mich doch wieder heraus.«
Sie ging nach Lothars Schlafzimmer. Liebevoll sah sie auf den Schläfer herab und freute sich an seinen ruhigen tiefen Atemzügen. Ein heißes Gebet für sein Wohl stieg aus ihrem Herzen empor. Dann ging sie leise hinaus.
Grill kleidete ihre Herrin flink und gewandt in ihren weichen Morgenrock und löste aus den noch recht ansehnlichen grauen Flechten die Nadeln. Während sie das Haar bürstete und für die Nacht in einen Zopf einflocht, plauderte sie von den Ereignissen des Tages, um ihre Herrin zu zerstreuen. Aber dabei lauschten doch beide immer wieder hinaus. Ein heftiger Wind hatte sich erhoben. Grill mußte die Fenster schließen. Dabei sah sie, daß die Wolkenwand gespensterisch und unheimlich näherzog. Gräfin Thea hatte sich erhoben und trat neben sie.
»Das sieht böse aus, Grill. — Ich gehe hinüber in mein Wohnzimmer. Wenn du willst, kannst du zu Bette gehen.«
»Aber nein, Frau Gräfin können doch denken, daß ich bei dem Wetter wach bleibe. Frau Gräfin brauchen nur zu rufen, wenn Sie mich brauchen.«
»Es ist gut, Grill.«
Gräfin Thea ging in ihr Wohnzimmer. Es war ein ziemlich großer Raum im Stile Ludwigs XIV. Prachtvolle Damastbezüge und Vorhänge in goldgelber Farbe gaben dem Raume ein vornehmes Gepräge. Ueber dem Kamine hing ein kostbarer Gobelin. Mitten im Zimmer stand auf einem weichen, in grauen Tönen gehaltenen Teppich ein Tisch mit schwarzer Marmorplatte, deren Mitte ein Blumenkorb mit dunkelroten Rosen zierte. Am Fenster stand ein Schreibtisch, darüber hing das lebensgroße Porträt ihres Sohnes. Er trug noch die Uniform seines Regiments und mochte höchstens dreiundzwanzig Jahre gezählt haben, als das Bild gemalt wurde.
Gräfin Thea stellte sich an das Fenster. Ihr Blick wandte sich in das Zimmer zurück auf das Bild ihres Sohnes. Ja. — Damals — da war er noch froh und glücklich gewesen. Gerade in jener Zeit hatte es wie Sonnenglanz auf seinen Zügen gelegen.
In Gedanken stand sie da und grübelte, wie so oft, über sein verändertes Wesen nach. Da schreckte sie plötzlich zusammen, ein greller Blitz leuchtete auf, dann ein furchtbarer Donnerschlag, der die Fenster klirren machte. Es war, als sei dies ein Signal gewesen, das alle Elemente entfesselte. Ein orkanartiger Sturm brach mit plötzlicher Gewalt los. Die Baumriesen im Parke wurden wie schwache Rohre hin- und hergebogen. Es krachte und knatterte unaufhörlich, als sei alles, was sich dem Sturm entgegenstellte, dem Untergange geweiht. Und dann wieder in kurzer Folge Blitz und Donner, dazwischen das Heulen des Sturmes und endlich ein wolkenbruchartiger, mit Hagelschauern vermischter Regen.
Gräfin Thea war entsetzt in das Zimmer zurückgewichen und in einen Sessel gesunken. Schreckensbleich starrte sie vor sich hin und faltete die Hände. Wo mochte Joachim sein in diesem furchtbaren Unwetter? Kehrte er noch nicht heim?
Wieder krachte ein knatternder Donnerschlag hernieder.
»Vater im Himmel — schütze meinen Sohn,« flüsterte sie mit bebenden Lippen.
Aber während dies Gebet zum Himmel stieg, lag Graf Joachim Wildenfels bereits blutüberströmt unter seinem Pferde auf der Chaussee. Ein durch den Sturm entwurzelter Baum hatte Pferd und Reiter unter sich begraben. Das Pferd war tot und Graf Joachim lag schwer verwundet und bewußtlos unter dem schweren Tierkörper.


3.
Das Unwetter hatte ausgetobt. So schnell und furchtbar es gekommen, so schnell war es vorübergegangen. Der Mond schien bereits wieder friedlich zwischen den zerrissenen Wolkenfetzen hervor. Gräfin Thea hatte in angstvoller Unruhe auf die Rückkehr ihres Sohnes gewartet. Die Unruhe steigerte sich von Minute zu Minute.
Noch hoffte sie, daß er im Dorfe Unterschlupf gefunden hatte. Daß er aber dann sofort nach dem Gewitter heimkehren würde, um sie zu beruhigen, galt ihr sicher.
Aber er kam nicht!
Nun hielt es die geängstigte Mutter nicht länger. Sie eilte hinaus in das Vorzimmer. Da stand auch Grill mit blassem Gesicht und horchte hinaus.
»Grill — rufe mir die Leute zusammen — es muß meinem Sohne ein Unfall zugestoßen sein, sonst wäre er daheim,« stieß Gräfin Thea atemlos vor Erregung hervor.
Wenige Minuten später waren alle Dienstboten in der großen Halle versammelt. Gräfin Thea gab dem Hausmeister mit bebender Stimme Befehl, die Leute mit Fackeln und Windlichtern auszurüsten und die Umgegend absuchen zu lassen. So schnell es anging, wurde der Befehl ausgeführt. Der Hausmeister führte selbst den Zug an und verteilte draußen die Leute in mehrere Gruppen.
Es dauerte nicht lange, da hatte man den Verwundeten gefunden. Laute Rufe schallten durch die Nacht. Die Leute stießen wieder zusammen. Es kostete viele Mühe, den Baum und das tote Pferd soweit beiseite zu räumen, um den Grafen zu befreien. Ein leises Stöhnen zeigte dem niederknieenden Hausmeister, daß sein Herr noch lebte. Zum Glücke war es nicht weit vom Schlosse. Der Hausmeister schickte einige Leute zurück. Einer sollte die Gräfin Thea vorbereiten, ein anderer sollte sofort zum Arzt fahren. Die übrigen bekamen den Auftrag, eine Tragbahre herbeizuschaffen, denn ohne eine solche konnte man den Verwundeten nicht fortschaffen.
Gräfin Theas Unruhe war auf das Unerträglichste gesteigert worden, als die Schreckensbotschaft eintraf. Einen Moment wankte die alte Dame und Grill sprang erschrocken heran, um sie zu stützen. Aber nur einen Augenblick währte diese Schwäche, dann lief die unglückliche Mutter, wie sie ging und stand, in die Nacht hinaus. Grill folgte ihr wie ein treuer Schatten.
Gräfin Theas Morgenrock schleifte auf dem nassen Boden — sie achtete nicht darauf. Ihre grauen Flechten hatten sich gelöst, lose Haarsträhnen fielen über ihr entsetzensstarres Gesicht. Atemlos hastete sie vorwärts und als sie bei der stumm und erschüttert dastehenden Gruppe der Leute anlangte, machte man ihr ehrfurchtsvoll Platz.
Schweigend, wie zerbrochen, sank sie neben dem leblosen Körper ihres Sohnes in die Knie und dann stöhnte sie auf — ein einziges Mal nur — aber der ganze furchtbare Schmerz ihres gemarterten Herzens kam in diesem qualvollen Laute zum Ausdruck.
Die ausgesandten Leute kamen mit der improvisierten Tragbahre herbei. Die Zähne fest zusammengebissen, ein Bild versteinerten Jammers, half Gräfin Thea selbst mit, ihren Sohn darauf niederzulegen. Sie schritt dicht neben ihm, als sich der Zug in Bewegung setzte und auf dem kurzen Wege bis zum Schlosse litt sie tausendfältig die Schmerzen ihres Sohnes mit. Ihr Kleid war mit Blut besudelt, sie hatte nicht darauf geachtet, daß sie in eine Blutlache getreten war, als sie neben ihrem Sohne niedersank. Es war ein trauriger Zug, der sich schweigend dem Schlosse nahte.
Im Schlafzimmer des Grafen war inzwischen alles zur Aufnahme des Verwundeten vorbereitet worden. Man legte ihn sorgsam auf das Bett. Die Leute schlichen stumm und betreten hinaus, nur Grill und der Hausmeister blieben im Zimmer. Eigenhändig wusch Gräfin Thea mit zarter Sorgfalt das Blut von dem Antlitz ihres Sohnes. Sie vergaß sich selbst und ihren Jammer im Bestreben, ihm wohlzutun, ihm etwas Liebe zu erweisen.
Bange, martervolle Minuten, die sich zu Ewigkeiten dehnten, vergingen, bis der herbeigeholte Arzt eintraf.
Dann gab es ein geschäftiges Treiben. Der Arzt waltete seines Amtes. Grill war halb ohnmächtig und nicht imstande, zu helfen, so gern sie es getan hätte. Aber die Gräfin hielt sich wie eine Heldin. Sie wich nicht aus dem Zimmer und verrichtete mit zusammengebissenen Zähnen alle die kleinen Dienste, die der Arzt verlangte. Mit ihrer und des Hausmeisters Hilfe wurde der Verwundete untersucht und verbunden.
Sie sprach kein Wort, fragte nicht und weinte nicht, aber ihre Augen forschten voll brennender Unruhe in dem ernsten Gesicht des Arztes. Und als dessen Miene immer düsterer wurde, ahnte sie, daß ihr das Schlimmste noch bevorstand.
Grill hatte, ehe sie hinausging, gefragt, ob sie Lothar wecken und herbeirufen sollte. Schaudernd hatte Gräfin Thea den Kopf geschüttelt. Diesen gräßlichen Anblick wollte sie ihrem Enkel ersparen, wenn es möglich war.
Bis zum Schlusse hielt die arme Mutter tapfer aus, aber als dann die Untersuchung zu Ende und die Verbände angelegt waren, und als ein leises Stöhnen sich über die Lippen ihres Sohnes rang, da brach sie kraftlos in einem Sessel neben dem Bette zusammen.
Der Arzt flößte ihr ein Glas Wein ein und sie erholte sich schnell. Dann bot er ihr den Arm und führte sie in das Nebenzimmer mit einem bezeichnenden Blick auf den Kranken. Er gab dem Haushofmeister durch einen Wink zu verstehen, daß er den Verwundeten bewachen sollte, bis er zurückkam. Drüben führte er die Gräfin Thea zu einem Sessel. Sie sah zu ihm auf mit einer qualvollen Frage in den Augen.
»Die Wahrheit, Herr Doktor, die Wahrheit!«
Lallend rangen sich die Worte von ihren Lippen.
»Er lebt,« sagte der Arzt mit heiserer Stimme. Was er zu sagen hatte, wurde ihm schwer den leidvollen Mutteraugen gegenüber.
»Und — und? —«
Der Arzt zögerte noch immer.
»Die Wahrheit — ich will die Wahrheit,« sagte sie noch einmal und krampfte die Hände um die Sessellehne.
Da trat der Arzt an ihre Seite, um sie zu stützen.
»Beten Sie — Frau Gräfin — beten Sie — daß er nicht am Leben bleibt.«
Da fiel das Haupt der alten Dame wie leblos zurück.
Aber mit übermenschlicher Anstrengung zwang sie sich wieder empor.
»Tot — oder ein Krüppel. Nicht wahr?« sagte sie leise mit den blassen Lippen kaum verständlich die Worte formend.
Der Arzt nickte nur. Da erhob sie sich langsam und wollte wieder hinüber.
Er hielt sie zurück.
»Legen Sie erst dieses Kleid ab, Frau Gräfin — er wird vielleicht bald zum Bewußtsein kommen. Ich gehe inzwischen hinüber und lasse Sie sofort rufen, wenn er zu sich kommt.«
Grill hatte schon ein anderes Gewand für ihre Herrin zurechtgelegt. Mit bebenden Händen half sie ihr beim Umkleiden. Gräfin Thea ließ sich kaum Zeit, das Haar festzustecken. Dann eilte sie wieder hinüber.
Graf Joachim lag bleich mit geschlossenen Augen auf seinem Lager. Mühsam hob sich die Brust in schweren Atemzügen und zuweilen stöhnte er auf.
Seine Mutter setzte sich an sein Bette und wandte die Augen nicht von den geliebten Zügen. Der Arzt beugte sich zu ihr herab.
»Ich habe ein Telegramm an Gräfin Susanne aufgeben lassen,« flüsterte er.
Sie sah zu ihm auf. »Sie fürchten — schon so bald? —«
Der Arzt sah ernst und voll Mitleid in ihren vergehenden Blick.
»Es könnte — ein schnelles Ende ist hier nicht ausgeschlossen.«
Sie preßte die Hände an das Herz, um den Schmerzensschrei zu ersticken. Ihr Gesicht schien versteinert in Schmerz und Leid.
Dann heftete sie ihren Blick wieder auf ihres Sohnes Antlitz. Keine Träne brachte ihr Linderung. Das tiefste Leid ist tränenlos. Aber eine Zaubermacht lag in den Mutteraugen. Sie riefen den Todwunden noch einmal ins Leben zurück.
Joachim schlug plötzlich die Augen auf. Sein Blick irrte fieberhaft und suchend umher und traf dann den der Gräfin. Jede Mutter ist wohl in solchen Augenblicken eine Heldin. Auch Gräfin Thea brachte es über sich, ihrem Sohne zuzulächeln. Aber er erkannte trotzdem die Verzweiflung, die sich hinter diesem Lächeln verbarg.
»Mutter — meine Mutter,« sagte er matt.
Sie beugte sich über ihn, die Lippen lächelten noch immer — aber die Augen brannten vor Leid.
»Mein Joachim — mein geliebter Sohn — sprich nicht — liege ganz still.«
Er sann eine Weile nach, mußte sich erst besinnen, was geschehen war. Ein Gefühl, als sei sein Geist nicht im Zusammenhange mit seinem Körper, beherrschte ihn. Aber trotzdem erkannte er mit unheimlicher Schärfe seinen Zustand. »Ah — jetzt weiß ich — der Baum — ich konnte nicht mehr ausweichen — Fafner scheute — wie steht es mit Fafner?« Die Sorge um sein Pferd schien ihn zu bedrücken.
»Er ist wohl und munter — im Stalle,« sagte die Gräfin — lächelnd. Es war eine jener frommen Lügen, die Wohltaten bergen.
»Das ist gut — ah und da — Herr Doktor — bitte.«
Er sah den Doktor mit großen Augen an, als dieser sich über ihn beugte.
»Wie lange noch — Doktor?« fragte er fest und klar.
»Herr Graf —«
Joachims Augen zuckten unruhig.
»Ehrlich, Doktor — ich bin kein altes Weib.«
Der Arzt atmete gepreßt. »Wo Leben ist — ist Hoffnung,« sagte er leise.
Joachims Blick erhielt etwas Starres. Aber dann lächelte er wehmütig.
»Also das Ende — arme Mutter.«
Er lag eine Weile mit geschlossenen Augen. Gräfin Thea saß mit zusammengepreßten Händen wie leblos da und sah ihn an.
Gleich darauf hob der Verwundete wieder den Blick.
»Doktor — ich habe noch etwas zu regeln — es ist notwendig. Haben Sie etwas — nur eine Stunde noch Kraft und Klarheit — dann geben Sie es mir — bitte.«
Der Arzt verstand ihn. Er entnahm seinem Besteck ein Fläschchen und zählte einige Tropfen in einen Löffel. Die reichte er dem Kranken. Dieser dankte mit einem Blicke.
»Nun lassen Sie mich, bitte, allein — mit meiner Mutter.«
»Ich bleibe in der Nähe, wenn Sie mich brauchen — in einer Stunde kann ich Ihnen diese Tropfen noch einmal geben,« sagte der Arzt und ging hinaus.
Nun waren sie allein — Mutter und Sohn.
Joachim sah seine Mutter eine Weile stumm an. Dann bat er leise:
»Nicht lächeln, Mutter — dein Lächeln tut mir weh.«
Die Gräfin brach in die Knie und küßte ihm die Hand. Dann legte sie einen Augenblick ihr Haupt mit geschlossenen Augen neben das seine. Joachim atmete schwer.
»Fasse dich, meine Mutter — sei stark — du hast schon soviel für mich getan — nun auch noch das. Ich brauche deine Hilfe, Mutter — du mußt gut machen — was ich verbrochen. — Wolltest immer wissen, was mich verändert hat. — Die Schuld — Mutter — die Schuld — jetzt will ich beichten — du wirst verzeihen — du gute Mutter — du wirst gut machen.«
Die Gräfin hob den Kopf und sah ihn an.
»Sprich nicht, wenn es dir Schmerzen macht,« bat sie, fast vergehend.
»Nein, nein — eine Wohltat — ich muß — sonst ist es zu spät. Versprich mir — daß du gut machen willst, bitte!«
»Ich verspreche es dir, mein Sohn, bei meiner grenzenlose Liebe zu dir — ich schwöre dir, daß ich alles tun werde, was du von mir verlangst.«
Ein tiefer Atemzug hob seine Brust. Dann fragte er leise:
»Wo ist der Rock, den ich trug — in der Brusttasche steckt ein kleiner Schlüssel.«
»Der Schlüssel liegt schon hier bei den andern Sachen, wir haben alles aus der Tasche genommen.«
»Nimm den Schlüssel — Mutter — und geh hinüber ins Nebenzimmer, in meinem Schreibtische links oben ist ein Fach. Oeffne es mit diesem Schlüssel und bringe mir die kleine Kassette, die du dort findest.«
Gräfin Thea erhob sich und ging, seinen Wunsch zu erfüllen. Mit der Kassette in der Hand kehrte sie zurück. Joachim öffnete sie mit einem Druck auf eine Rosette und nahm ein Kästchen heraus. Das reichte er seiner Mutter.
»Oeffne es,« bat er.
Sie tat es und sah verständnislos auf ein kostbares Halsband, welches mit Brillanten und Smaragden von seltener Schönheit besetzt war. »Das Halsband — es ist — wie sonderbar — wie kommt es in diese Kassette?« stammelte sie betroffen.
Er faßte wieder in die Kassette und zog ein Schriftstück hervor. Das gab er seiner Mutter, sie mit brennenden Blicken betrachtend.
»Oeffne — und lies — es erklärt alles — ich brauche dann nicht mehr viel zu reden.«
Gräfin Thea las die Aufschrift: »An meine Mutter, Gräfin Theodora Wildenfels, geb. Gräfin Solnau. Nach meinem Tode zu öffnen.«
Die alte Dame brach in den Sessel nieder und öffnete mit zitternden Händen das Schreiben. Während sie las, sah Joachim unverwandt in ihr Gesicht. Er sah das Erschrecken in ihren Zügen, sah Blässe und Röte darüber hinjagen und ein tiefer Seufzer entfloh seinen Lippen. Da blickte sie auf und faßte seine Hand.
»Mein Sohn — mein armes, liebes Kind,« sagte sie erschüttert.
»Du verdammst mich nicht, Mutter, wendest dich nicht voll Abscheu von mir?« fragte er leise.
Sie beugte sich hernieder zu ihm und küßte ihn mit zuckenden Lippen.
»Wenn du eine Schuld auf dich geladen hättest, tausendfach größer als diese — ich würde dich nicht verdammen. Eine Mutter kann alles verzeihen. Ach, wärst du doch früher voll Vertrauen zu mir gekommen, ich hätte dir tragen helfen, hätte mit dir zusammen gut zu machen gesucht.«
Er seufzte wieder tief auf.
»Ich konnte nicht, Mutter. Immer hoffte ich, selbst zum Ziele zu kommen. Seit fünfzehn Jahren habe ich alles versucht — erfolglos — es ist, als wären sie vom Erdboden verschwunden. Aber vielleicht hast du nun mehr Glück. Nicht wahr, du versprichst mir, nach ihnen zu suchen und mein Unrecht gutzumachen?«
Er faßte ihre Hand und sah ihr mit brennenden Augen ins Gesicht.
»Ich verspreche es dir, mein Sohn. Nicht ruhen und rasten will ich, bis ich deine Schuld gesühnt habe.«
»Dank, heißen Dank, meine Mutter. Und nicht wahr — wenn du sie, glücklicher als ich, gefunden hast — und wenn du Annie noch einmal im Leben gegenüberstehst — dann sage ihr — ich habe sie geliebt — wie ich nie vorher und nachher ein Weib geliebt habe. Du hast sie gekannt, Mutter — aber du weißt nicht, welch feine, stille Seele sie war. Damals — ja — damals war ich glücklich — drunten am See — als ich sie im Arme hielt. Wie sie zitterte, Mutter — wie sie mich ansah mit den lieben, guten Augen. Damals vergaß ich alles — Vaters Strenge — meinen Namen, meine Geburt — ich war nichts als ein glücklicher Mensch. — Und dann — dann habe ich sie selbst hinausgetrieben — vielleicht in Not und Elend — Mutter — das hat an mir gezehrt — mehr als alles andere.«
Er schwieg erschöpft und schloß die Augen. Seine Mutter sah mit heißem Erbarmen und unendlicher Liebe in sein Gesicht und streichelte seine Hand.
»Da konntest du freilich nicht glücklich werden mit Susanne. Auch wenn sie eine andere gewesen wäre, hätte es dir nichts geholfen.«
»Nein — in meinem Herzen lebt Annies Bild — und es wird bis zum legten Atemzuge in mir leben. Daß Susanne kalt und hochmütig war, hat mir das Leben mit ihr eher erleichtert. Sie forderte nichts, was ich nicht geben konnte. Eine Fremde ist sie mir geblieben — mein Vater hatte wahrlich gut für mich gewählt.«
Die letzten Worte klangen unendlich bitter.
»Verzeihe deinem Vater, Joachim. Er hat immer dein Bestes gewollt. Wenn er geahnt hätte, wohin er dich mit seiner Strenge getrieben — er würde manches anders gemacht haben. Aber nie hätte er seine Einwilligung gegeben zu deiner Verbindung mit Annie Horst. Er war in dieser Beziehung noch strenger als in jeder andern.«
»Und du, Mutter? Hättest du eingewilligt, wäre dir das bürgerliche Mädchen als Schwiegertochter willkommen gewesen?«
Gräfin Thea sah mit leidvollen Augen zu ihm nieder.
»Dein Glück hätte mir mehr gegolten, als törichte Standesvorurteile.«
Ein schattenhaftes Lächeln huschte um seinen Mund.
»Dann wirst du sie auch an dein Herz nehmen, wenn du sie findest. Denk immer daran, Mutter — was du ihr Gutes tust, — das tust du mir. Und alle Liebe, die du ihr erweisest, wird meine Schuld geringer machen.«
»Sei ruhig, mein Joachim — wie eine Tochter soll sie mir sein, das gelobe ich dir mit heiligem Eide.«
Er atmete auf, wie von einer Last befreit.
»Heißen Dank — nun kann ich ruhig meine Augen schließen — für immer.«
»Joachim!«
Es war ein herzzerreißender Klang in diesem einen Worte und er sah matt zu ihr empor.
»Klage nicht, Mutter. Gönne mir die Ruhe. Ich habe furchtbar gelitten.«
Müde schloß er die Augen. Sein Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an.
Die Gräfin rief entsetzt nach dem Arzte, nachdem sie das Halsband und das Schreiben wieder in der Kassette geborgen hatte. Der Arzt flößte dem Verwundeten noch einmal die belebenden Tropfen ein. Seine Augen öffneten sich wieder und wurden klarer.
»Hole mir Lothar — Mutter. Nicht wahr, Doktor, es ist Zeit zum Abschiednehmen?«
Der Arzt antwortete nicht und sah ihm in seine Augen.
Gräfin Thea war hinausgeeilt. Leise trat sie in Lothars Schlafzimmer und weckte ihn.
»Lothar, mein lieber Junge — komm — werde munter — steh' auf.«
Lothar setzte sich erstaunt im Bette auf und rieb sich die Augen.
»Was ist denn — Großmama, es ist doch noch ganz dunkel. Warum soll ich denn aufstehen?«
»Komm schnell, mein liebes Kind. Und sei recht tapfer und ruhig. Dein armer Papa ist krank. Weißt du — erschrick' nicht — er ist gestürzt — mit Fafner. Und nun möchte er dich sehen.«
Mit einem Ruck war Lothar aus dem Bette. Sein frisches Gesicht war blaß geworden und die Augen blickten erschrocken.
»Großmama — sag es mir — ist es schlimm?«
»Ja, mein Lothar.«
In fliegender Haft warf Lothar einige Kleidungstücke über. Seine Großmutter half ihm mit zitternden Händen. Und dann schritten sie, eng umschlungen, hinüber in das Krankenzimmer.
Ehe sie eintraten, flüsterte die Gräfin: »Bleibe recht ruhig, Lothar. Stark mußt du sein, damit du Papa nicht noch mehr Herzeleid machst.«
Er schluckte tapfer die Tränen hinunter. »Ich weine ganz gewiß nicht, Großmama,« sagte er mit bebender Stimme.
Und er hielt Wort, der kleine Mann. So sehr er erschrak beim Anblick seines Vaters, er ließ die Tränen nicht heraus, die ihn im Halse würgten. Graf Joachim sah mit umflorten Augen auf seinen Sohn und legte seine Hand auf das junge Haupt.
»Sei stark und fest, mein Sohn — und treu dir selbst. Gott segne dich,« sagte er eindringlich, wie beschwörend.
Der Arzt hatte das Zimmer verlassen, als Lothar mit seiner Großmutter eintrat. Der Knabe küßte des Vaters segnende Hand.
»Papa — lieber Papa — du wirst doch wieder gesund?« brach es angstvoll über seine Lippen.
Eine Träne schimmerte in Graf Joachims Augen. »Mein lieber Junge — mein geliebtes Kind,« murmelte er, und der Schmerz, von seinem Kinde fort zu müssen, übermannte ihn. Dann aber faßte er sich und wandte sich seiner Mutter zu.
»Wenn du das Werk nicht vollenden kannst, Mutter — dann soll Lothar alles wissen — dann soll er — gutmachen. Bewahre meine Aufzeichnungen — für ihn — wenn es sein muß.«
Sie beugte sich über ihn und küßte seine Augen.
»Dein Wille soll geschehen — und sei ruhig — wir werden sie finden und alles sühnen — alles,« flüsterte sie.
Der Arzt trat leise wieder ein. Ein Blick in Joachims Gesicht verriet ihm, daß das Ende nahe sei. Er gab der Gräfin, auf Lothar zeigend, einen Blick.
Sie verstand ihn und faßte erschreckt nach dem Herzen. Joachim schien bewußtlos. Liebevoll führte sie Lothar bis zur Türe.
»Gehe in dein Zimmer, mein Kind — ich komme nachher zu dir. Papa muß jetzt Ruhe haben.«
Gehorsam ging Lothar hinaus. Sie sah ihm nach mit starrem Blicke.
»Er soll seinen Vater nicht sterben sehen,« dachte sie erschauernd. Dann trat sie wieder an das Bett ihres Sohnes. Der Arzt zählte den Puls des Kranken und trat mit ernstem Gesichte zurück. Noch einmal schlug Joachim die Augen auf.
»Mutter!«
Sie beugte sich über ihn. »Mein Sohn?«
Er lächelte. »Annie — süßes blondes Kind — wie golden dein Haar — wie ich dich liebe — du, mein Sonnenstrahl,« flüsterte er.
Und dann klärten sich noch einmal seine Sinne.
»Mutter — meine Mutter — Lothar und du — ihr beide — ach — schuldlos sein — schuldlos und Annie.«
Er brach ab — ein langer, schmerzlicher Seufzer — das Auge brach. Graf Joachim war tot.
Gräfin Thea drückte ihm mit sanfter Hand die Augen zu — dann sank sie ohnmächtig neben dem Bette nieder, ohne einen Laut. Bis zu diesem letzten Liebesdienste hatte ihre Kraft ausgereicht. Nun war sie zu Ende damit.


4.
Gräfin Susanne fand das Telegramm, welches ihr den Unfall ihres Gatten meldete und sie heimrief, bereits im Hotel vor, als sie in Ostende ankam. Mehr ärgerlich als betrübt gab sie ihrer Zofe und ihrem Diener Befehl, alles zur Heimreise zu rüsten.
Es blieben ihr bis zur Abfahrt des nächsten Zuges einige Stunden Zeit. Sie nahm zur Erfrischung ein Bad, frühstückte und schrieb einige Billetts an ihre Bekannten, daß sie sofort wieder abreisen müsse.
Müde und verdrießlich saß sie am Fenster und schaute hinaus auf das Meer. Unten herrschte schon reges Leben. Gräfin Susanne begriff nicht, daß alle Menschen so vergnügt aussahen. Sie konnte im Schlafwagen nicht rechte Ruhe finden. Und nun hatte sie die anstrengende Reise gemacht, um sofort wieder heimzukehren. Wieder stand ihr eine lange Bahnfahrt bevor. Und dann zu Hause, was erwartete sie da? Ein schwerer Unfall — so hatte der Arzt gemeldet. Nun konnte sie möglicherweise den ganzen Sommer in Wildenfels sitzen und Krankenpflegerin spielen. Brrr — sie schüttelte sich. Kranke Menschen waren ihr widerwärtig, sie mied sogar das Krankenzimmer, wenn ihr Sohn das Bett hüten mußte.
Was mochte nur geschehen sein? Solche Telegramme waren entsetzlich. Man hätte doch Rücksicht darauf nehmen müssen, daß sie erst die weite Reise hinter sich hatte. Kehrte sie aber nicht sofort zurück, dann war ihre Schwiegermutter sicher wieder gekränkt und beleidigt.
Sie las die Depesche noch einmal durch: »Graf Joachim von schwerem Unfall betroffen. Zustand bedenklich. Sofortige Rückreise dringend erwünscht. Dr. Kreuzer.« Nervös nagte sie an der Unterlippe. Diese Nachricht hätte etwas weniger im Depeschenstil gehalten sein sollen. Dieser Dr. Kreuzer war sehr kurz angebunden. Ihre Schwiegermutter hätte wohl dafür sorgen können, daß man ihr ausführliche Nachricht gab. Aber die war natürlich kopflos vor Schreck. Wenn ihrem Sohn oder Lothar nur ein Finger weh tat, war sie schon außer sich.
Aergerlich — zu ärgerlich und hier in Ostende hätte es so amüsant werden können.
Sie erhob sich und trat vor den Spiegel. Aufmerksam betrachtete sie ihr schönes, regelmäßiges Gesicht. Ihr Teint war frisch und zart, wie bei jungen Mädchen, obwohl sie schon im dreiunddreißigsten Jahre stand. Keinerlei seelische Erregungen hatten in diesen glatten Zügen Runen hinterlassen. Hätten die etwas zu hellen, blauen Augen nicht so kalt und seelenlos geblickt, Gräfin Susanne wäre eine vollkommene Schönheit gewesen.
Mit beiden Händen umspannte sie ihre Taille und zog an dem elegant sitzenden Reisekleide. Schade, daß sie nun um die Seebäder kam, die ihr immer so gut getan hatten. Man mußte etwas tun, um sich die jugendliche Schlankheit zu bewahren. Ihre Mutter war im Alter zu stark geworden — soweit durfte es bei ihr nie kommen.
Sie drehte sich hin und her und stieß einen leisen Seufzer aus. Ohne sich zu schmeicheln, mußte sie sich gestehen, daß sie nicht älter aussah wie fünfundzwanzig Jahre. Aber freilich — ihr großer Sohn — der kompromittierte sie: Er verriet ihr wahres Alter.
Sie ließ sich wieder nieder und seufzte von neuem. Ihre herrlichen Pariser Toiletten fielen ihr ein. Die durfte sie nun am Ende nur in Wildenfels tragen zur Erbauung für die Krautjunker der Umgegend, oder, wenn es hoch kam, für die paar Offiziere aus der nahen Garnison. Hier wären sie ganz anders zur Geltung gekommen.
Aergerlich — zu ärgerlich!
Gräfin Susanne ahnte nicht, daß sie schon am nächsten Tage würde Trauerfleider anlegen müssen. — Wie sie in Wildenfels ankam, empfing sie eine seltsame Stille. Der Wagen war am Bahnhofe gewesen, aber weder der Kutscher noch der Lakai hatten ihr gesagt, was geschehen war. Sie liebte es nicht, sich mit diesen Leuten zu unterhalten.
Nun empfing sie der Hausmeister in bedrückter, feierlicher Haltung, und in der Halle kam ihr Gräfin Thea, bleich wie der Tod, und in schwarzem Gewande entgegen.
»Mein Gott, Mama — was ist geschehen?« rief sie nun doch ernstlich erschrocken.
Gräfin Thea fühlte in diesem Augenblicke mehr denn je, daß Susanne ihren Sohn nie geliebt hatte und daß sie mit der Trauerkunde keine tiefen, unheilbaren Wunden schlagen würde. Darum sparte sie sich eine lange Vorbereitung. Sie öffnete stumm die Türe zu dem kleinen Empfangssalon und lud Susanne zum Eintreten ein. Als sie allein waren, sagte Gräfin Thea mit tonloser Stimme:
»Joachim ist diese Nacht gestorben.«
Susanne zuckte zusammen und verfärbte sich.
»Tot — Joachim tot — nein, das kann ja nicht sein,« stammelte sie.
Die alte Dame berichtete kurz, sich mühsam die Worte abzwingend, was geschehen war.
Susanne war in einen Sessel gesunken und starrte betroffen in das grausam veränderte Gesicht ihrer Schwiegermutter. In diese Züge hatte das Leid seine Runen gezeichnet. Gräfin Thea war bisher eine stattliche Frau gewesen, der man nicht anmerkte, daß sie die Sechzig begann. Diese eine Nacht hatte sie um Jahre altern lassen. Als sie zu Ende war mit ihrem Berichte, seufzte Susanne auf.
»Wie furchtbar — wie entsetzlich, Mama!«
Ein paar Tränen rannen über ihre Wangen. Sie trocknete sie umständlich mit dem feinen Spitzentuche.
Gräfin Thea hatte keine Tränen. Ihre Augen blickten erloschen und leblos. Ihres Lebens höchstes Gut war ihr auf grausame Weise entrissen worden. Sie kam sich vor, als sei sie selbst gestorben.
Susanne faßte sich bald. Sie erhob sich und küßte ihrer Schwiegermutter die Wange.
»Wir müssen es zusammen tragen, Mama. Es ist sehr schmerzlich. Wenn ich das geahnt hätte — ich wäre zu Hause geblieben. Ich bin tief erschüttert.«
Gräfin Thea erhob sich ebenfalls. »Willst du ihn sehen? — ich führe dich zu ihm.«
Susanne erschrak. Ihr graute vor allem, was mit dem Tode zusammenhing.
»Ist er — sehr verändert?« stieß sie angstvoll hervor,
»Habe keine Angst — er liegt wie im Schlafe — das Gesicht ist nicht entstellt. Aber wenn du dich scheust, so gehe nicht zu ihm.«
Susanne zog nervös an ihrem Taschentuche.
»Später vielleicht — Mama — ich bin noch so namenlos erschüttert. Und ich möchte zu Lothar. Auch trage ich noch nicht einmal ein schwarzes Kleid. Schrecklich — wie konnte ich ahnen! Ich muß mir sofort einige Kleider bestellen — ich werde kaum mehr als ein schwarzes Kleid in Vorrat haben. Schrecklich — furchtbar — wie konnte ich so Entsetzliches ahnen.«
Sie fragte nicht: Hat er sehr gelitten — hat er an mich gedacht? Fremd und kühl stand sie dem Toten gegenüber, wie sie es dem Lebenden gegenüber getan hatte. Die Sorge um ihre Kleidung nahm sie weit mehr in Anspruch, als der Verlust ihres Gatten. Und nur das Grauen dem Toten gegenüber machte einigen Eindruck auf sie. Gräfin Thea sah ihr mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke nach, als sie schnell das Zimmer verließ.
»Sie wird nicht daran zugrunde gehen — o nein — einige elegante Trauerkleider werden ihr seelisches Gleichgewicht wieder herstellen,« dachte sie bitter. Und dann barg sie das Gesicht aufstöhnend in den Händen.
»Mein Sohn — mein Joachim.«
Sie erhob sich müde und schritt hinüber in den großen Saal, in dem man die Leiche Graf Joachims aufgebahrt hatte. Jede Minute, die sie erübrigen konnte, sollte ihm gehören, solange er noch nicht der Erde übergeben war.
Gräfin Susanne suchte ihr Zimmer auf und vertauschte ihr Reisekleid mit einem schwarzen Kostüme. Dann schrieb sie eilig eine Depesche nieder an ein Modenhaus. Nachdem sie ihrer inzwischen eingetroffenen Jungfer noch allerhand Befehle erteilt hatte, ging sie hinüber in die Zimmer ihres Sohnes.
Lothar saß auf einem Sessel und hatte das Gesicht in den Armen vergraben, die auf einem Tische ruhten. Ein heftiges Schluchzen schüttelte seinen Körper. In Gegenwart seiner Großmutter hatte er sich beherrscht, jetzt, da er sich allein wähnte, brach der ganze Jammer um den Verlust des geliebten Vaters mit Gewalt hervor. Er hatte seine Mutter nicht ankommen hören und auch nicht vernommen, daß sie bei ihm eintrat. Als sie ihre Hand auf seine Schultern legte, schreckte er auf.
»Mama — ach — Mama,« schluchzte er auf. Sie beugte sich über ihn.
»Nicht so fassungslos sein, Lothar. Man muß tragen, was das Schicksal bringt,« sagte sie ermahnend.
»Ach du — du hast ihn wohl nicht so lieb gehabt. Großmama und ich — wir beide sind so furchtbar traurig — wir hatten ihn so sehr lieb. Mein armer, lieber Papa!«
In Susannes Gesicht stieg eine unmutige Röte über den etwas rebellischen Ton — und vielleicht auch im Bewußtsein, daß Lothar recht hatte. »Du hast ihn wohl nicht so lieb gehabt.« Das klang wie ein herber Vorwurf aus dem Munde ihres Kindes. Sie preßte die Lippen zusammen. Nein — sie hatte ihn nicht so lieb gehabt, hatte ihn nur geheiratet, weil es ihre Eltern so bestimmten, weil er unbedingt die vorteilhafteste Partie für die nicht sehr vermögende Grafentochter war, die ein glänzendes Leben liebte und das riesige Vermögen und den großen Besitz der Grafen Wildenfels wohl zu schätzen wußte. Aber auch er hatte sie nicht geliebt — auch er hatte sich nur dem Willen seines Vaters gefügt. Ein Schwächling war er gewesen — jawohl — ein Schwächling, der ihr durch nichts imponiert hatte. Hätte sie ihm eine Liebe aufdringen sollen, nach der er nie Verlangen gehabt? Nein — dazu war sie zu stolz. Und damit sprach sie sich frei — der Vorwurf ihres Kindes konnte sie nicht tiefer berühren.
»Du darfst nie wieder so töricht sprechen, Lothar, sonst machst du mich böse. Heute will ich nicht streng mit dir rechten. Aber bedenke wohl — man darf seine Gefühle nicht zu Markte tragen.« Lothar sah sie an mit einem Blicke, als sähe er sie zum ersten Male. Und von dieser Stunde an grübelte er oft über das Wesen seiner Mutter nach und beobachtete sie forschend. — —
Die Beisetzung des Grafen Joachim Wildenfels war vorüber. Susanne hatte dafür gesorgt, daß bei dieser Gelegenheit alle Pracht entfaltet wurde. Gräfin Thea hatte sich um nichts gekümmert, sie wich nicht von der Leiche ihres Sohnes, bis der Deckel des Sarges über ihm geschlossen wurde. Susanne hatte während der Beisetzung die rührendsten Posen eingenommen. Sie sah blendend schön aus in ihrer eleganten Trauerkleidung, die das etwas farblose Blond ihres Haares vorteilhaft hob. Und die kalten Augen erhielten durch die vergossenen Tränen einen weicheren Glanz. Es war sehr rührend anzusehen, wie sie nach der Feier ihre Schwiegermutter umfaßte und liebevoll stützend davonführte. Niemand ahnte, daß all ihr Tun nur auf die äußerliche Wirkung berechnet war. Niemand — nur Gräfin Thea fühlte die Lüge in Susannes Wesen. Aber sie zürnte ihr kaum. Susanne hatte Joachim nie geliebt, — aber auch er hatte seiner Frau im Herzen fern gestanden. Immer klangen ihr die Worte im Ohre nach, die Joachim ihr über die blonde Annie Horst gesagt hatte: »Ich habe sie geliebt, wie ich nie vorher und nachher ein Weib geliebt habe.« Und wenn ihre Gedanken einmal abirrten von dem geliebten Toten, dann befaßten sie sich mit dem Vermächtnis, das er ihr hinterlassen und schweiften suchend in die Ferne — zu Annie Horst und ihren Angehörigen.
Annie war ein schönes, liebliches Geschöpf, voll Anmut und Jugendfrische, die Tochter des früheren Rendanten Horst. Aber nie hatte Gräfin Thea geahnt, daß zwischen Annie und ihrem Sohne irgend welche Beziehungen bestanden. Wo mochte sie weilen — sie und ihre Angehörigen? Aus ihres Sohnes Aufzeichnungen hatte sie entnommen, daß sich der Rendant Horst damals mit seiner Familie nach Amerika eingeschifft und sich dann von den Vereinigten Staaten nach Südamerika begeben hatte. Bis nach Venezuela hatte er ihre Spur verfolgt, dort hatte er sie verloren und trotz aller Mühe und Ausdauer nicht wiederfinden können. Nun sollte sie selbst weiter forschen — und sie wollte es tun und nicht ruhen und rasten, bis sie ihres Sohnes Vermächtnis erfüllt und seine Schuld gesühnt hatte.
»Denk immer daran, Mutter — was du ihr Gutes tust — das tust du mir.« So hatte er zu ihr gesagt und diese Worte sollen all ihr Tun in Zukunft bestimmen. —
»Großmama — liebe Großmama — hab mich lieb,« bettelte eine zitternde Knabenstimme an ihrer Seite.
Sie schreckte auf aus ihrem schmerzvollen Brüten und legte beide Arme in inniger Liebe um ihren Enkel.
»Mein Lothar — mein liebes Kind — nun habe ich nur dich noch auf der Welt.«
Lothar umfaßte sie ungestüm.
»Großmama — du und ich — wir gehören zusammen,« sagte er mit erstickter Stimme.
Sie blieben zusammen im Wohnzimmer der Gräfin Thea, während Susanne den Trauergästen die Aufwartung machte. Mancher unter den jüngern, unverheirateten Herren sah mit besonderem Interesse auf die schöne, jugendliche Witwe.


5.
Das Leben in Wildenfels ging scheinbar seinen alten Gang. Der eigentliche Herr von Wildenfels war nun Lothar, aber bis zu seiner Mündigkeit war er unter die Vormundschaft seiner Mutter gestellt.
Gräfin Thea und ihre Schwiegertochter hatten einige Konferenzen mit dem Rendanten und den Verwaltern. Es waren erprobte Leute, die in ihrem Amte verblieben. Es würde alles seinen geregelten Gang gehen. Die Vermögensverhältnisse waren glänzend. Nicht nur, daß die ausgedehnten Güter bedeutende Einkünfte brachten, es lag auch ein großes Barvermögen in der Schatzkammer des Schlosses, wohlverborgen, in sichern Papieren angelegt. Gräfin Thea besaß allein ein eigenes Vermögen von anderthalb Millionen Mark. Ihre Schwiegertochter hatte allerdings kein nennenswertes Heiratsgut eingebracht, aber als Witwe des Grafen Wildenfels bezog sie ein glänzendes Einkommen. Lothar würde einst der Herr eines ausgedehnten Besitzes und eines großen Vermögens sein. Aber damit begnügte sich Gräfin Susannes Ehrgeiz noch nicht. Sie strebte danach, ihren Sohn draußen in der großen Welt eine Rolle spielen zu sehen. Deshalb bestimmte sie, daß er sich der diplomatischen Laufbahn widmen sollte.
Es war ihr unangenehm, daß ihr verstorbener Gatte den Kandidaten Wetzel für Jahre hinaus zum Lehrer und Erzieher Lothars bestimmt hatte. Wetzel war ihr zu selbstbewußt, seine aufrechte Art und sein freier Ton erschienen ihr zu demokratisch, sie hätte ihn gern von Wildenfels entfernt. Aber neben ihres Mannes Bestimmungen hielt ihn auch noch die Vorliebe ihrer Schwiegermutter, die »merkwürdig milde« über den »Demokraten« urteilte und ihn mehr als nötig zur Familie hinzuzog.
Als Susanne ihr eines Tages sagte:
»Es ist mir unangenehm, in so intime Berührung mit dem Kandidaten zu kommen,« hatte Gräfin Thea mit ihrem unerträglich ruhigen Blick erwidert: »Ich meine im Gegenteil, wir müssen uns so familiär wie möglich mit ihm stellen, denn er hat Geist und Seele deines Kindes in seinen Händen — er darf uns nicht nur ein bezahlter Untergebener sein.«
Damit war Susanne ein für alle Mal zum Schweigen gebracht. Aber im stillen war ihr der Kandidat sehr zuwider, weil er Lothar stets darauf hinwies, daß es viel mehr sei, ein guter, tüchtiger Mensch zu sein, als ein Graf Wildenfels. —
Es war eine Woche seit Graf Joachims Beisetzung vergangen, als die beiden Damen mit Lothar nachmittags den Tee auf der Terrasse einnahmen. Die Türen zu den reich und vornehm ausgestatteten Räumen standen alle offen, um der warmen Sommerluft Einlaß zu gewähren. Sie mündeten alle auf die große Terrasse, welche die ganze Front des Schlosses begrenzte.
Die Damen sprachen nur wenig miteinander. Lothar hielt die Hand seiner Großmutter fest in der seinen und streichelte sie zuweilen, als müsse er sie trösten.
Susanne bemerkte es, aber es tat ihr nicht weh. Sie war nicht für Zärtlichkeiten eingenommen.
Nach einer ziemlich langen Gesprächspause sagte Gräfin Thea plötzlich:
»Ich reise morgen vormittag nach Berlin, Susanne — hast du irgend etwas zu besorgen?«
Susanne sah erstaunt auf.
»Du — nach Berlin, Mama, jetzt mitten im Sommer?«
Gräfin Theas Stirn rötete sich ein wenig unter dem kalt forschenden Blicke.
»Ja, ich habe einige Besorgungen zu machen.«
»Nimm mich mit, Großmama,« bat Lothar.
»Nein, mein lieber Junge, diesmal nicht. Ich habe auch nur zwei Tage dort zu tun.«
»Soll ich dich begleiten, Mama? Du bist so angegriffen jetzt, es könnte dir etwas zustoßen,« sagte Susanne eifrig. Eine Reise nach Berlin hätte immerhin einige Abwechslung gebracht.
»Nein, nein, Susanne, ich danke dir. Grill begleitet mich, das genügt. Ich fühle mich auch körperlich kräftig genug. Bleib du nur lieber bei Lothar.«
»Mein Gott, Mama, er ist doch wahrlich alt genug, um einmal ein paar Tage allein in Wildenfels zu bleiben,« rief Susanne ärgerlich.
»Das wohl, Susanne. Aber bedenke, was jetzt Furchtbares auf ihn eingestürmt ist. Es ist mir lieber, du bleibst bei ihm.«
»Ich hätte aber auch allerlei in Berlin zu besorgen.«
»Dann kannst du vielleicht reisen, wenn ich zurück bin.«
Das war Susanne noch lieber. Sie war sehr zufrieden, daß sie nun einen Vorwand hatte, einige Zeit nach Berlin zu reisen.
Nachdem die Damen den Tee eingenommen hatten, forderte Susanne ihren Sohn zu einem Spaziergange auf. Er erhob sich sofort artig. Aber dann umfaßte er erst zärtlich Gräfin Theas Hals.
»Willst du nicht mitkommen, Großmama?«
»Nein, Lothar, ich habe noch einiges vorzubereiten für die Reise!«
»Aber ich darf doch nachher noch zu dir kommen?«
»Gern, mein Lothar.«
Mutter und Sohn schritten hinüber nach dem Parke. Lothar unterhielt sich artig mit seiner Mutter, aber es war mehr die konventionelle Plauderei zweier Menschen, die einander fernstehen, nicht ein herzliches Gespräch zwischen Mutter und Sohn.
Gräfin Thea hatte sich hinaufbegeben in ihre Zimmer. Im Vorraume saß Grill mit einer leichten Näharbeit beschäftigt.
»Bist du bald fertig, Grill?« fragte die Gräfin.
Grill hob das gutmütige Gesicht und blickte ihre Herrin über die Brillengläser hinweg an.
»Nur noch ein paar Stiche. Haben Frau Gräfin einen Befehl für mich?«
»Ja, Grill. Wenn du fertig bist, komm herein zu mir.«
Sie betrat ihr Wohnzimmer. Grill sah mit besorgtem Ausdrucke hinter ihr her und seufzte tief auf. Die treue Seele trug ihren Anteil am Leide ihrer geliebten und verehrten Herrin.
Eilig beendete sie ihre Arbeit an einem Garderobestücke Gräfin Theas. Dann trug sie es hinüber in deren Ankleideraum und verwahrte es in einem der großen Wandschränke. Sorgsam entfernte sie ein paar schwarze Fädchen von ihrer Schürze und ging hinein in das Wohnzimmer.
Gräfin Thea saß an ihrem Schreibtische, über dem das Bild ihres Sohnes hing. Sie hatte das Schmuckkästchen vor sich liegen, welches sie der Kassette entnommen hatte, die ihr Graf Joachim in seiner Sterbestunde übergeben hatte. Die Kassette hatte sie noch in derselben Nacht in ihrem Schreibtische verschlossen.
Als Grill eintrat, schreckte Gräfin Thea aus tiefem Sinnen auf.
»Komm einmal her zu mir, Grill,« sagte sie erregt. Grill tat, wie ihr geheißen wurde.
»Frau Gräfin befehlen? Mein Gott — sind Frau Gräfin nicht wohl?«
»Nur ein wenig unruhig und erregt, Grill. Du sollst gleich erfahren, warum.«
Sie sah empor in das treue Gesicht ihrer Dienerin.
»Du bist alt geworden in meinen Diensten, liebe Grill, und warst mir immer treu ergeben. Weißt du noch, wie du vor vielen Jahren hierherkamst?«
Grill nickte. Die Augen wurden ihr feucht.
»Ich weiß es noch genau — es war auch so ein schöner klarer Sommertag. Und Frau Gräfin waren damals eine wunderschöne junge Dame und der hochselige Graf Joachim trug ein weißes Kittelchen mit einem breiten Spitzenfragen. Er lachte mich freundlich an und Frau Gräfin waren so gütig, daß ich mir gleich ein Herz faßte.«
Gräfin Thea nickte wehmütig.
»Ja — damals waren wir jung und hoffnungsfroh und wußten nichts von dem, was uns die Zukunft brachte. Nun — wir haben auch glückliche Tage zusammen verlebt, so müssen wir auch die unglücklichen mit Würde tragen.«
Grill zog schnell die Hand der Gräfin an ihre Lippen. Eine Träne fiel darauf nieder. Sie wischte sie schnell mit der Schürze ab.
»Laß doch die Träne, gute Grill — ich weiß, sie kommt aus redlichem Auge. Alte treue Seele, ich hoffe, der liebe Gott läßt dich mir bis zu meinem Ende. Aber ich wollte von etwas anderem mit dir reden. Grill —kannst du dich noch auf den Rendanten Horst besinnen?«
Grill nickte lebhaft auf.
»Ganz genau, Frau Gräfin — ganz genau. Er war ein aufrechter, stattlicher Mann und hatte eine liebe freundliche Frau. Und das Töchterchen erst — das Fräulein Annie — das war ein schönes Mädchen — so ein liebes goldiges Ding.«
Die Gräfin nickte. »Ein süßes, blondes Kind.«
Grill war durch den Zwischenruf verstimmt und sah nun ein wenig unbehaglich aus.
»Frau Gräfin verzeihen — ich — ich sollte wohl nicht so von den Leuten sprechen. Ich hatte fast vergessen, was mir Frau Gräfin damals anvertraut hatten. Kein Mensch hatte ja von Herrn und Frau Gräfin mehr erfahren, als mein seliger Grill und ich. Wir haben es auch keinem Menschen weiter gesagt, obwohl sich alle wunderten, daß der Rendant mit seiner Familie so schnell von Wildenfels fortmußte. Es war auch gar so schwer, etwas Schlimmes zu glauben von dem Rendanten. Aber freilich — es mußte ja wahr sein. Und unser alter hochseliger Herr Graf war ein sehr gerechter Mann, wenn er auch sehr streng sein konnte. Ein anderer hätte wohl noch schlimmere Strafe über den Rendanten verhängt.«
Gräfin Thea hatte den Kopf in die Hand gestützt.
»Erzähle mir doch einmal, wie es kam damals — daß wir das — Halsband vermißten, ich kann mich nicht mehr so recht besinnen,« sagte sie leise.
»Oh, ich weiß es noch ganz genau. Frau Gräfin hatten das Halsband einige Wochen vorher getragen und da es ein bißchen eng war, hatten Frau Gräfin Kopfweh davon bekommen. Frau Gräfin klagten darüber, als ich es abnahm und zu den übrigen Schmucksachen legte. Ich weiß es noch ganz genau, der hochselige Graf Joachim waren zugegen und Frau Gräfin sagten ärgerlich: »Nie wieder trage ich dies dumme Halsband, das mir soviel Unbehagen schafft.« Nachher haben es Frau Gräfin selbst mit den übrigen Schmucksachen in das Rentamt getragen, damit es verschlossen wurde in den eisernen Schrank. Einige Wochen später sagten Frau Gräfin zu mir: »Grill, es ist doch zu ärgerlich, daß ich das Halsband nicht mehr tragen soll, ich mag es sonst so gerne. Weißt du, ich werde es mir einfach weiter machen lassen. Vielleicht kann der Juwelier etwas einsetzen. Geh zum Herrn Rendanten und bitte es dir aus.« Ich ging sofort ins Rentamt und richtete dem Rendanten den Auftrag der Frau Gräfin aus. Frau Gräfin können mir glauben, er war nicht die Spur verlegen, machte noch sein Späßchen mit mir und schloß den Schrank auf. Aber das Halsband war verschwunden. Wir suchten den ganzen Schrank durch — vergeblich. Ich gehe also zurück und melde es Frau Gräfin. Gleich darauf kam Rendant Horst selbst. Er war sehr bleich und aufgeregt. Ich mußte den Herrn Grafen holen und hörte von draußen noch lange erregte Stimmen. Der Herr Graf ging dann mit hinüber ins Rentamt. Da sind wohl die Schlösser genau untersucht und noch einmal das Unterste zu oberst gekehrt worden. Aber das kostbare Halsband blieb verschwunden. Es hatte wohl an die fünfzigtausend Mark gekostet. Da nun kein Einbruch vorliegen konnte und nur der Herr Graf und der Rendant Schlüssel hatten, so war kein Zweifel mehr, daß der Rendant Horst das Halsband entwendet hatte. Und er mußte fort, der Herr Graf meinten, in einem solchen Amte könne er nur einen Mann gebrauchen, der über jeden Zweifel erhaben sei. Na ja — das muß wohl auch sein. Aber lieber Gott — ehrlicher als der Rendant Horst hat nie ein Mensch ausgesehen.«
Gräfin Thea hatte schweigend, den Kopf in die Hand gestützt, zugehört. Nun hob sie das blasse Gesicht langsam empor, es war starr und schmerzzerrissen. Sie faßte der Dienerin Hand.
»Grill — Rendant Horst ist auch, allem Schein zum Trotz, ein ehrlicher Mann gewesen. Da — schau her.«
Sie öffnete mit zitternden Händen das Kästchen und hielt es ihr hin.
Grill stieß einen leisen Schrei aus.
»Das Halsband — Frau Gräfin — meiner Seel — das ist ja das verschwundene Halsband.«
Die Gräfin nickte und sah mit gramvollen Augen auf das blitzende Geschmeide.
»Ja, Grill — das verschwundene Halsband. Horst ist mit Unrecht aus seinem Dienst entlassen worden. »Ich« — sie zögerte einen Augenblick, und ihr Gesicht rötete sich — »ich selbst bin schuld daran. In der Zerstreuung legte ich wohl das Halsband hier in das schmale Fach meines Schreibtisches, das ich sonst nie benutze, und trug nur die übrigen Schmucksachen in das Rentamt. Durch einen Zufall entdeckte ich es heute — nach mehr denn fünfzehn Jahren. Grill — kannst du dir nun meine Erregung erklären? Horst wurde unschuldig entlassen. Ich sehe noch, wie er mit seiner weinenden Frau und Tochter das Rentamt verließ. Er schritt aufrecht und stolz — mein Mann nannte es im Zorne verstockt. Und die blonde Annie — ach, Grill — sie war so blaß und traurig und sah sich mit einem verzweifelten Blicke noch einmal um — so — als warte sie noch auf — auf Hilfe in der Not — ach, Grill!«
Sie lehnte sich mühsam atmend mit geschlossenen Augen zurück. Tränen quollen zwischen den Lidern hervor. Die fromme Lüge war ihr schwerer geworden, als sie selbst sich dachte. Und zugleich kam ihr mit aller Macht die Erinnerung wieder an die letzte Stunde ihres Sohnes und an sein qualvolles Leben.
Grill beugte sich erschrocken über sie.
»Frau Gräfin sollten sich beruhigen. Ein Irrtum kann jedem Menschen begegnen — und das läßt sich wohl auch noch gutmachen. Zum Glück ist ja der Herr Rendant vor Gericht nicht angeklagt worden und sonst hat niemand etwas erfahren.«
Gräfin Thea trocknete hastig die Tränen und richtete sich auf. »Ja, Grill, gut machen will ich. Nicht wahr, das kannst du mir nachfühlen?«
»Will ich wohl meinen. So gut wie Frau Gräfin sind, werden Frau Gräfin sonst keine ruhige Stunde mehr haben. Aber wo mag Horst mit seiner Familie jetzt leben? Ich glaube, er ist damals gar nach Amerika gegangen, weil er fürchtete, hier keine Stellung wieder zu bekommen. Frau Horst hat mir, dächte ich, eine Andeutung gemacht, daß sie sich in Amerika eine Farm kaufen wollten von ihren Ersparnissen.«
Gräfin Thea erhob sich und ging im Zimmer unruhig auf und ab.
»Ich muß sie finden, Grill. Und deshalb will ich morgen nach Berlin reisen. Du sollst mich begleiten. Aber nicht ein Wort darfst du von alledem verraten. Siehst du, Grill, in Berlin gibt es nun einen berühmten Privatdetektiv, ich habe kürzlich erst von ihm gehört. Den will ich sprechen und ihn beauftragen, Horsts Aufenthalt zu ermitteln. Ich habe Wunderdinge von diesem Manne gehört. Meinst du nicht auch, daß es ihm gelingen wird, Horst aufzufinden?«
»Wenn er noch am Leben ist, wird er ihn hoffentlich finden.«
»Und wenn er nicht mehr am Leben wäre — so könnte ich doch an seiner Familie gutmachen. Ach, Grill, du ahnst nicht, wie ich mich danach sehne, es zu tun.«
Grill nickte lebhaft.
»Frau Gräfin haben nie einem Menschen weh tun können.«
Gräfin Thed blieb vor ihr stehen.
»Nun geh, Grill, rüste alles zur Reise. Morgen früh fahren wir nach Berlin.«
»Sehr wohl, Frau Gräfin sollten auch guten Mutes sein. Ein Mensch kann doch nicht so ohne weiteres verloren gehen oder gar eine ganze Familie. Der Detektiv wird es schon herausbringen. Und ich bin so froh, daß der Rendant doch ein ehrlicher Mann war.«
Grill ging hinaus.
Gräfin Thea trocknete sich den Schweiß von der Stirn und trat an ihren Schreibtisch, um das Halsband wieder in die Kassette zu legen. Dann sah sie lange zu dem Bilde ihres Sohnes empor.
»Gut machen will ich, mein Joachim, hundertfältig will ich sie entschädigen, was sie schuldlos erduldet haben. Und dadurch, daß ich den Irrtum auf mich nahm, kann ich den Namen Wildenfels vor einem Flecken bewahren. Gott wird mir helfen zu sühnen,« flüsterte sie vor sich hin. Dann sank sie in den Sessel zurück und barg weinend ihr Haupt in den Händen. Die Tränen lösten endlich die Spannung ihrer Nerven und erleichterten sie.
Kurze Zeit darauf kam Lothar zu ihr.
»Da bin ich schon zurück, Großmama!«
Sie zog ihn in seine Arme.
»Warst nur kurze Zeit mit Mama spazieren?«
»Ja — Mama fand es langweilig im Parke. Und ich bin auch lieber bei dir. Willst du mich wirklich nicht mit nach Berlin nehmen? Wer soll dich denn trösten, wenn du traurig bist?«
»Ich bleibe ja nur zwei Tage, Lothar, und kann dich wirklich nicht gebrauchen. Auch müßtest du zwei Tage den Unterricht versäumen, und das sieht Herr Wetzel nicht gern.«
Lothar setzte sich zu ihren Füßen auf ein Kissen und sah zu dem Bilde seines Vaters auf. Eine lange Pause entstand. Endlich sagte Lothar aus tiefen Gedanken heraus: »Großmama, warum hat Papa nie so fröhlich ausgesehen, wie hier auf dem Bilde?«
Gräfin Thea seufzte leise.
»Damals war er noch jung und sorglos. Später drückte ihn mancherlei.«
Lothar faßte ihre Hand.
»Großmama — ich muß immerfort über die Worte nachdenken, die Papa gesprochen, als ich in der Nacht an seinem Bette stand.«
»Was waren das für Worte?« forschte die Gräfin.
Lothar sah sinnend vor sich hin. Dann sagte er fast andächtig:
»Sei stark und fest, mein Sohn — und treu dir selbst.« So sagte er zu mir. Diese Worte habe ich wohl verstanden und ich will immer daran denken und danach handeln. Aber dann sprach er etwas zu dir über mich.«
»Was meinst du?«
»Er sagte: »Wenn du das Werk nicht vollenden kannst, Mutter — dann soll Lothar alles wissen — dann soll er gutmachen.« Und da wollte ich dich fragen, ob ich dir nicht gleich helfen könnte bei dem Werke, das dir Papa aufgetragen hat?«
Gräfin Thea streichelte sein Haar. Ihr Blick umflorte sich wieder.
»Du bist ja noch ein Kind, mein Lothar.«
»O — ich bin schon sehr verständig, und vielleicht ist es dir allein zu schwer.«
»Nun, ich verspreche es dir, daß ich es dir sagen will, wenn du mir helfen kannst. Jetzt grüble nicht mehr darüber nach, das mußt du mir versprechen. Ein wenig kannst du mir jetzt schon helfen, aber ich fürchte, es ist vielleicht zu schwer für dich.«
Lothar richtete sich auf. Seine Augen blitzten. »Um so besser — recht schwer soll es sein.«
»Nun also, du sollst gegen jedermann schweigen über diese Worte.«
Lothar sah enttäuscht aus. »Ach, das ist doch nicht schwer.«
Gräfin Thea lächelte wehmütig.
»Mein lieber Junge — es gibt zuweilen nichts Schwereres, als schweigen. Und es ist sehr viel, was du damit tust. Hörst du, kein Mensch soll von diesen Worten wissen, auch Mama nicht. Es muß wie ein Geheimnis zwischen uns bleiben. Willst du mir das versprechen?«
Lothar nickte energisch und gab ihr mit einer raschen Bewegung die Hand. »Ehrenwort, Großmama!«
Sie küßte ihn, gerührt über seinen jugendhaften Eifer.
»Ich danke dir, mein Kind.«
»Weißt du, was ich wünschte?«
»Nun?«
»Ich wünschte, du wärest zu schwach, das Werk zu vollenden. Ich möchte selbst furchtbar gern Papas letzten Wunsch erfüllen, weil ich ihm doch nun gar nichts mehr zuliebe tun kann.«
»Mein Goldjunge, mein lieber. Werde du nur ein guter, starker Mensch, dann wirst du deinem Vater auch genug Liebe erweisen.«
»Das will ich ganz sicher. Und frage nur den Herrn Kandidaten — er ist jetzt sehr zufrieden mit mir.«
»Das freut mich sehr. Herr Wetzel ist ein prächtiger Mensch, tue nur immer, was er verlangt. Er erzieht dich ganz im Sinne deines Vaters.«
»Aber denke, Großmama, Mama ist gar nicht mit ihm zufrieden. Sie sagte vorhin im Parke zu mir, er wäre nicht ehrerbietig genug ihr gegenüber. Kannst du dir so etwas denken?«
Gräfin Thea schüttelte den Kopf.
»Nein. Er ist nur ein aufrechter Mensch, der sich seines Wertes männlich bewußt ist. Mama war wohl nur ein wenig nervös und verstimmt, als sie das sagte,« erwiderte sie und nahm sich vor, ein ernstes Wort mit Susanne zu reden. Mit solchen Ausfällen gegen den Kandidaten Lothar gegenüber untergrub sie nur die Autorität des Lehrers. Das durfte nicht sein.


6.
Ein großer Dampfer war angekommen. Ueber die Landungsbrücke ergoß sich ein Strom von Menschen. Ein unruhiges Hasten und Treiben von Ankommenden, Abholenden, Kofferträgern, Bedienten und Schiffsmannschaften entwickelte sich. Begrüßungen und Verabschiedungen der Reisenden untereinander. — Man hatte sich auf der langen Reise miteinander befreundet — hier und da eine Verabredung für ein späteres Zusammentreffen. Umarmungen, Küsse, Tücherschwenken — alles schwirrte, rauschte, lachte und weinte durcheinander. Die Lastträger fluchten, wenn ihnen jemand im Wege stand, die Kutscher riefen laut ihre Nummern, nach und nach lichtete sich das Treiben und nur einzelne Gruppen standen noch beieinander in lebhafter Unterhaltung.
In dem Strome der Ankommenden war auch eine schlanke junge Frau mit goldblondem Haar und blassem Gesicht über die Brücke geschritten. Sie trug Trauerkeider von einfachem Schnitt und führte ein reizendes kleines Mädchen von vielleicht sechs Jahren an der Hand. Die Frau mochte im Anfange der dreißiger Jahre stehen und sah aus, als habe ein schweres, körperliches Leiden ihre Jugendfrische aufgezehrt. Trotzdem war ihr feingeschnittenes Gesicht immer noch sehr schön, und die traurig blickenden braunen Augen strahlten noch jetzt einen eigenen Zauber aus. Das Kind an ihrer Seite glich ihr so sehr, daß man sofort die Mutter in ihr erkannte. Nur war die liebliche Schönheit des Kindes frischer, leuchtender, in dem runden Gesichtchen pulsierte das Blut rasch und gesund und die braunen Augen hatten einen strahlenden, goldig schimmernden Blick. Das Haar der Kleinen ringelte sich in kurzen, dichten Locken, um eine Schattierung heller, goldiger als das der Mutter.
Einige Damen und Herren sahen noch einige Male interessiert und grüßend nach Mutter und Tochter zurück. Ein älteres Ehepaar trat zu ihnen heran, als sie die Brücke passiert hatten und, auf den Gepäckträger wartend, stehen blieben.
»Kann ich noch etwas für Sie tun, Mrs. Warrens?«
»Ich danke Ihnen sehr, Mr. Nobbs — Sie haben mir schon während der ganzen Reise so viele Dienste erwiesen, Sie und Ihre liebe Frau Gemahlin.«
»Ach, davon reden wir doch nicht, meine liebe Mrs. Warrens,« warf die alte Dame ein. »Es war wenig genug, was wir für Sie tun konnten. Wir bedauern nur, daß wir Sie nun verlassen müssen. Aber Sie wissen, unsere Reise geht noch weiter.«
»Bitte, lassen Sie sich nicht länger durch mich aufhalten, sonst erreichen Sie Ihren Anschluß nicht mehr.«
»O, auf einige Minuten kommt es nicht an. Da ist ja Ihr Gepäck, kommen Sie, wir begleiten Sie noch zu einem Wagen,« sagte Mr. Nobbs.
Die Unterhaltung wurde in englischer Sprache geführt. Man schritt zusammen zur Droschke.
»Haben Sie gar keine Verwandten mehr in Deutschland, Mrs. Warrens?« fragte Mr. Nobbs teilnehmend.
»Nein,« antwortete die blonde Frau traurig.
»Ach, so hätten Sie doch lieber drüben bleiben sollen,« rief Mrs. Nobbs lebhaft. Mrs. Warrens sah mit einem todtraurigen Blick in die Augen der alten Dame.
»Ich konnte nicht — Sie wissen — da drüben habe ich alles hergeben müssen, was mir im Leben lieb war — auf eine furchtbare, grausame Art. Ich kann kein Herz mehr fassen zu jener Welt dort drüben. Und mein Töchterchen wollte ich wenigstens in meine alte Heimat retten — sie ist das einzige, was mir geblieben ist.«
Mrs. Nobbs streichelte ihr die Hand.
»Armes, liebes Kind — Ihr Schicksal war hart. Aber Amerika ist groß. Sie brauchten ja nicht in dem fürchterlichen Lande zu bleiben, wo ein Aufstand dem anderen folgt. Es gibt auch drüben bei uns ruhige, friedliche Stätten.«
»Das wohl — aber überall hätte ich ein neues Leben anfangen müssen, und da zog es mich doch nach Deutschland zurück, wo ich eine glückliche Jugend verlebte. Aber nun will ich Sie wirklich nicht länger aufhalten.«
»Gott mit Ihnen und Ihrer lieben kleinen Jonny. Adieu, Mäuschen, süßer kleiner Schatz.«
Mrs. Nobbs beugte sich zu der Kleinen nieder und küßte sie. Das Kind nickte ihr lachend zu, als sie Mr. Nobbs in den Wagen hob. Dieser half auch Mrs. Warrens einsteigen und schloß den Wagenschlag. Der Gepäckträger hatte das Gepäck schon aufgeladen. Mrs. Warrens sagte dem Kutscher den Namen des Hotels, welches ihr empfohlen worden war. Dann fuhren sie davon. Noch ein letzter Gruß herüber und hinüber und Mr. Nobbs mit seiner Gattin waren ihren Blicken entschwunden.
Mrs. Warrens seufzte tief auf. Nun war sie ganz allein mit ihrem Töchterchen, losgelöst von allem, was sie noch mit dem fremden Weltteile verbunden hatte, in dem sie nichts als Gräber und ein verwüstetes, wertloses Stück Land zurückließ.
Mrs. Warrens kam aus Venezuela. Bei einem Aufstande waren ihre Eltern und ihr Gatte ums Leben gekommen und ihr ganzer Grundbesitz verloren gegangen, Nichts, als ihr und ihres Töchterchens Leben und eine bescheidene Summe Geldes hatte sie aus dem völligen Zusammenbruche retten können. Schreckliche, furchtbare Bilder hatten sich ihr auf der Flucht eingeprägt. Ohne die Hilfe eines treuen, alten Dieners wäre auch sie und das Kind verloren gewesen. Schaudernd war sie mit ihrem Kinde geflohen aus den Greueln jenes Landes, wo blutiger Parteihaß ohne Erbarmen alles zerstörte, was ihm in den Weg kam.
Und in ihrer Verlassenheit, in ihrem Elend war die Sehnsucht nach der alten Heimat in ihr erwacht. Sie hatte auf einem Dampfer, der nach Deutschland fuhr, für sich und ihr Kind Plätze belegt. Hier wollte sie versuchen, mit der bescheidenen Summe, die ihr geblieben war, für sich und ihr Kind eine neue Existenz zu gründen. Wie sie das anfangen wollte, wußte sie selbst noch nicht. Die furchtbaren Aufregungen und Strapazen, Angst und Sorge, tagelanges Kampieren im Freien und der Schmerz um den Verlust geliebter Menschen hatte ihre schon seit Jahren sehr zarte Gesundheit schwer geschädigt. Sie fühlte sich unsagbar matt und elend und so mutlos, daß sie vorläufig nicht imstande war, feste Pläne zu fassen. Einige Wochen Ruhe, so hoffte sie, würden sie soweit herstellen, daß sie weiter denken und schaffen konnte. In dem einfachen, aber sehr guten und sauberen Hotel, welches ihr Mitreisende empfohlen hatten, nahm sie für einige Zeit Wohnung. Gerade hier in der großen, verkehrsreichen Stadt hoffte sie am ehesten später etwas zu finden, womit sie sich und ihr Kind ernähren konnte. Man kam ihr in dem Hotel sehr freundlich entgegen. Das große Leid des Lebens hatte sie gezeichnet und ihre Trauerkleider hatten gleichfalls ihre Sprache. Dazu kam, daß die entzückende kleine Jonny alle Herzen gefangen nahm. Die Bediensteten des Hotels wetteiferten, dem Kinde etwas Liebes zu tun. Das hübsche, frische Zimmermädchen erbot sich freiwillig, Jonny abends zu Bette zu bringen und morgens anzukleiden, da sich Mrs. Warrens so matt fühlte.
Am Abend des ersten Tages brachte Berta, so hieß das Zimmermädchen, etwas Tee und Butterbrot und ordnete es zierlich und einladend auf dem runden Tische. Sie half dann auch Mrs. Warrens beim Auspacken.
Jonny wurde zeitig zu Bette gebracht. Sie war müde von der Reise und den neuen Eindrücken, die das kluge lebhafte Kind beschäftigten.
Mrs. Warrens saß, in ein schlichtes, bequemes Gewand gehüllt, am Fenster und starrte mit müden, traurigen Augen hinab auf das Großstadtgetriebe. Aber ihre Sinne nahmen es nicht auf. Ihre Gedanken flogen zurück in die Vergangenheit, weit fort aus dem schlichten Hamburger Gasthofszimmer.
Vor fünfzehn Jahren, da war sie mit ihren Eltern schon einmal zwei Tage in Hamburg gewesen. Damals war sie noch jung und gesund, wenn auch das erste Leid schon drückend auf ihren Schultern ruhte. Aber mit achtzehn Jahren glaubt man noch nicht an die Dauer des Leides, da hofft man noch auf irgend ein Wunder, das alles Leid in Freude kehrt. Nur als es dann ernst wurde mit dem Abschiede von Deutschland, als das Schiff sich in Bewegung setzte, ohne daß ein Wunder geschah, da brach sie haltlos zusammen.
Noch sah sie den Vater vor sich, wie er beruhigend und tröstend auf sie einsprach. Ach — er kannte ja nicht den ganzen Umfang ihres Leides — niemand hatte ihn kennen gelernt, auch ihre liebevolle, zärtliche Mutter nicht, die so tapfer hinauszog in ein unbekanntes neues Land. Mutig hatte die Mutter gelächelt, als der Vater sie fragte: »Wird dir der Abschied sehr schwer?«
»Ich nehme ja alle meine Schätze mit, dich und mein Kind. Ihr beide seid meine Heimat.« So hatte sie geantwortet, die tapfere, liebe Mutter, obwohl ihr das Herz fast brach, daß der geliebte Gatte, mit unverdienter Schmach bedeckt, die Heimat verlassen mußte.
»Mutter — liebe, teure Mutter — wie gesegnet war dein Leben — trotz allem.«
Mrs. Warrens seufzte tief auf, sie sah sich wieder zwischen Vater und Mutter an Bord des Dampfers, wie sie alle drei zurückblickten, bis die Augen brannten. Welch eine drückende Trostlosigkeit lag auf ihrer Seele. Wußte sie nun doch, daß sie den einen, einzigen, nie mehr sehen würde, dem sie ihre junge Seele in jubelndem Entzücken zu eigen gegeben hatte. Nun lag das Weltmeer zwischen ihm und ihr, er kam nicht mehr, wie sie gehofft hatte, um ihr zu sagen: »Was auch geschehen ist, ich liebe dich und lasse nicht von dir.«
Weiter und weiter wurde der Raum, der trennend zwischen ihnen lag, und das zuckende Herz mußte seinen Jammer fest in sich verschließen, um das Leid der geliebten Eltern nicht noch zu vergrößern.
Wochenlang waren sie dann alle drei von einem Orte zum anderen gereist, bis der Vater in dem fremden Lande die Farm gekauft hatte. Nun gab es Arbeit in Hülle und Fülle unter schwierigsten Verhältnissen. Aber diese Arbeit war gesegnet. Sie lenkte ab von Leid und Schmerz und half ihr langsam, das seelische Gleichgewicht wiederzufinden. Das schöne, blonde, deutsche Mädchen fand bald auch in jener weltfernen Gegend Bewerber. Aber alle schlug sie aus. Zu ihren treuesten Verehrern gehörte ein junger Engländer, Mr. Warrens, der in der nächsten Nähe eine Farm besaß. Er diente fast um sie, wie einst Jakob um Rahel, ohne Unterlaß — sieben Jahre. Da endlich entschloß sie sich, den Wunsch ihrer Eltern zu erfüllen und Mr. Warrens Gattin zu werden. Sie hatte es nicht zu bereuen. Ihr Gatte trug sie auf den Händen, und sie achtete ihn hoch, seiner edlen Eigenschaften halber.
Aber in stillen Nächten erwachte doch noch zuweilen die alte, brennende Sehnsucht. Ihr holder Jugendtraum spann sie in den alten Zauber ein. Die Erinnerung wurde wieder wach an die wenigen glückseligen Stunden. Ein holder Frühlingsabend am Wildenfelser See — als sie in Joachims Armen gelegen und gläubig und vertrauend seinen heißen Liebesworten gelauscht hatte — wie glücklich war sie damals gewesen, hatte nicht an die Zukunft gedacht, nur an die köstliche Gegenwart. Bald darauf war das Leid gekommen — das bittere Leid — und die Trennung. — —
Und nun war sie, elender und unglücklicher denn je, aus dem fremden Lande zurückgekehrt. All ihre Lieben waren ihr genommen worden, bis auf ihr Kind, die kleine, liebe Jonny. Die mußte nun ihres Lebens ganzer Inhalt sein, des Kindes wegen mußte sie es weiter tragen, obwohl sie es gern wie eine drückende Last von sich geworfen hätte. Wahrlich, viel des Schweren und Trüben war ihr aufgebürdet worden und sie kam sich mit ihren dreiunddreißig Jahren wie eine Greisin vor.
Sie schauerte zusammen, trotz des warmen Sommerabends. Ein leichter Schwindel befiel sie, so daß sie sich an ihren Stuhl klammern mußte.
Erschrocken blickte sie um sich. Um Gotteswillen — nur nicht krank werden jetzt. Gewaltsam riß sie sich zusammen, und klingelte dem Zimmermädchen.
»Bringen Sie mir bitte noch ein Glas Tee, aber recht heiß,« sagte sie hastig.
Das Mädchen sah die fremde Frau mitleidig an. Wie blaß und traurig sie aussah.
Eilig brachte sie den Tee herbei und unaufgefordert legte sie noch einige Tageszeitungen auf den Tisch.
»Wenn gnädige Frau vielleicht ein wenig lesen wollen,« sagte sie freundlich.
Mrs. Warrens dankte. Als das Mädchen gegangen war, nahm sie ein warmes Tuch um die Schultern und trank den Tee so heiß wie möglich. Da wurde ihr doch ein wenig behaglicher zumute. Sie setzte sich an den Tisch und blätterte in den Zeitungen.
Wie seltsam vertraut ihr die deutschen Worte erschienen. Es war wie ein Gruß, den ihr die alte Heimat brachte. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen, es war, als erzähle ihr die Zeitung von lauter alten Bekannten.
Und plötzlich zuckte sie zusammen. War es ein Phantasiegebilde oder hatte sie wirklich den Namen Wildenfels gelesen? Sie strich sich mit zitternden Fingern über die Augen und sah dann noch einmal scharf prüfend auf dieselbe Stelle. Ja — da unter den Adelsnachrichten — da stand klar und deutlich der Name, der einst ihr Lebensinhalt gewesen war: »Graf Joachim Wildenfels.«
Ihre Hände zitterten, ihre Augen umflorten sich. Sie mußte sich erst beruhigen, ehe sie lesen konnte, was die Zeitung über Joachim Wildenfels berichtete. Welch seltsamer Zufall, daß ihr dieser Name gleich am ersten Lage in der alten Heimat ins Auge fiel.
Endlich hatte sie sich soweit gefaßt, daß sie lesen konnte:
»Das Unwetter, welches in der Nacht vom Montag zum Dienstag in ganz Norddeutschland große Verheerungen angerichtet, hat auch ein Menschenleben vernichtet. Unweit seines Schlosses ist Graf Joachim von Wildenfels samt seinem Pferde von einem durch den Sturm entwurzelten Baum erschlagen worden.«
Annie Warrens stand plötzlich kerzengerade da, den entsetzten Blick ins Weite gerichtet, als sähe sie eine furchtbare Erscheinung. Und dann brach sie ohnmächtig zusammen. So fand sie das Zimmermädchen, als es frisches Trinkwasser für die Nacht brachte.
Es wusch ihr mitleidig Gesicht und Hände mit kaltem Wasser, öffnete ihr das Kleid und richtete sie empor.
Langsam kam Annie Warrens wieder zu sich.
»Gnädige Frau sind nicht wohl. Sie sollten lieber zu Bette gehen,« sagte das Mädchen besorgt.
Annie erhob sich mit deren Hilfe und starrte auf das Zeitungsblatt. »Es war — ich las da zufällig — vom Tode eines — eines alten Bekannten. Und dazu — die weite Reise — ich bin wirklich sehr müde. Sie haben recht, ich werde zu Bett gehen,« sagte sie matt.
Dankbar nahm sie die Hilfe des Mädchens beim Auskleiden an. Als sie im Bette lag, atmete sie schwer auf.
»Morgen früh werden gnädige Frau sich schon besser fühlen, gute Nacht,« sagte Berta und ging hinaus, nachdem sie noch ein Glas Wasser für Annie bereit gesetzt hatte.
Annie Warrens lag in ihrem Bette, als sei ihr Körper von Stein. Ach — so liegen und schlafen können — und nie mehr aufwachen — alles vergessen — alles. Aber das Kind — Jonny — meine liebe, kleine Jonny. Nein — vernünftig sein, tapfer, nichts denken, als daß das Kind sie braucht — nichts denken — sonst würde sie krank. Nicht an Sterben denken, gesund bleiben für das Kind. Das Denken mußte sie sich abgewöhnen, das richtete sie noch zugrunde. Da waren die toten Eltern — wie sie bleich und starr in ihrem Blute lagen — und daneben John Warrens, ihr Gatte, der sie hatte schützen wollen. Mit dem eigenen Leben hatte er es büßen müssen. Tot — alles tot — alles, was ihr lieb und teuer — nun auch Joachim Wildenfels — erschlagen — erschlagen mit seinem Pferde. Die lachenden Augen, die sie so geliebt — starr — leer — und dort — der Wildenfelser See — Mondenschein — wie das Wasser silbern flimmerte. Die Blätter an den Bäumen — lauter Silber — und die Nachtigallen sangen so süß. Joachim Wildenfels von einem Baume erschlagen — und die Eltern — von bösen, wilden Menschen — tot — alle tot — nur sie noch und das Kind. Jonny — süße, kleine Jonny. Nein — nur nicht mehr denken an all das Grausame — gesund bleiben — nicht krank werden. Um Gotteswillen nur nicht krank werden. —
Am anderen Morgen vermochte sich Annie Warrens nur schwer zu erheben. Aber die Angst vor dem Krankwerden trieb sie doch aus dem Bette.
Klein Jonny plauderte so lieb und drollig mit dem blassen Mütterchen und Berta kleidete sie an, nachdem sie das Frühstück gebracht hatte. Jonny schwatzte deutsch und englisch durcheinander und auch einige spanische Worte liefen mit dazwischen. Berta lachte und war ganz verliebt in das reizende Kind.
Später ging Annie mit ihrem Töchterchen ein wenig ins Freie. Aber sie schleppte sich nur bis zu den nächsten Anlagen. Dort setzte sie sich auf eine Bank und Jonny plauderte abwechselnd mit ihr und mit dem Püppchen, das sie mit sich genommen hatte.
Um die Mittagszeit kehrte Annie in das Hotel zurück. Und so zwang sie einige Tage die schleichende Krankheit nieder, immer hoffend, daß es nur eine vorübergehende Schwäche sei.
Acht Tage waren so vergangen, als es ihr eines Morgens nicht möglich war, sich weiterzuschleppen, als vom Bette bis zum Diwan. Berta suchte sie zu überreden, einen Arzt zu befragen. Aber Annie wehrte ängstlich ab. »Nein, nein, liebe Berta, ich bin ja nicht krank. Nur ein wenig müde und matt von allen Strapazen. Ich muß mir nur einige Tage richtige Ruhe gönnen, nicht ausgehen. Jonny kann leider einige Tage nicht hinaus. Aber es muß gehen.«
»Ich werde Jonny mit mir hinaus nehmen, sie kann auf dem Korridor spielen, da hat sie mehr Platz und gnädige Frau haben Ruhe. Ich gebe gut acht auf die Kleine, gnädige Frau können ganz außer Sorge sein.«
»Gute Berta, ich bin Ihnen so von Herzen dankbar, daß Sie sich meiner und Jonnys annehmen.«
»O, das Kind macht mir gar keine Last. Sie ist so lieb und artig, die kleine Jonny. Ich tue es gern, gnädige Frau, erholen Sie sich nur in aller Ruhe.« Damit ging Berta mit der fröhlich plaudernden Jonny hinaus. Annie sah ihnen mit trüben Augen nach. Es war hart, auf die Barmherzigkeit einer gutmütigen Dienerin angewiesen zu sein. Und doch dankte sie dem Schicksal, das sie gerade hierher geführt hatte.


7.
Gräfin Thea hatte sich schon einige Tage vor ihrer Abreise nach Berlin brieflich mit dem ihr gerühmten Auskundschafter in Verbindung gesetzt. Sie hatte um eine Unterredung gebeten und angefragt, ob sie ihn zu einer bestimmten Zeit in ihrem Berliner Hotel erwarten dürfe.
Herr Anton Völker hatte der Gräfin geantwortet, daß er pünktlich zur Stelle sein würde.
Gräfin Thea hatte danach ihre Abreise für den nächsten Morgen festgelegt und war auch dann programmmäßig mit ihrer treuen Grill in Berlin eingetroffen.
Am nächsten Vormittag, Punkt elf Uhr überreichte ihr Grill eine schlichte Visitenkarte.
»Anton Völker.«
»Führe den Herrn herein, Grill, und bleibe im Nebenzimmer, daß wir von niemand gestört werden,« sagte Gräfin Thea.
Grill verschwand und gleich darauf trat ein mittelgroßer, gutgekleideter Mann von ungefähr vierzig Jahren in das elegante Hotelzimmer. Gräfin Thea sah forschend in sein bartloses, nicht uninteressantes Gesicht, in dem das Kinn und die Nase besonders charakteristisch waren. Die tiefliegenden grauen Augen hatten mehr den Ausdruck eines Künstlers oder Gelehrten, doch leuchteten sie zuweilen seltsam auf.
Artig und höflich, als ein Mann von guter Erziehung, verneigte er sich vor ihr.
»Frau Gräfin Theodora Wildenfels?« fragte er mit einer ruhigen, sympathischen Stimme.
»Ich bin es, Herr Völker — bitte, nehmen Sie Platz. Ich muß Ihre Aufmerksamkeit eine Weile in Anspruch nehmen.«
Sie deutete auf einen Sessel. Völker ließ sich darauf nieder und betrachtete mit diskretem Interesse das leidvolle, gütige Gesicht der vornehmen Aristokratin.
»Meine Zeit gehört Ihnen, gnädigste Gräfin. Ich bitte, ganz darüber zu verfügen. Je ausführlicher Sie mich mit Ihren Wünschen bekannt machen, je besser kann ich Ihnen dienen.«
Gräfin Thea holte tief Atem und begann dann zu erzählen von dem vor fünfzehn Jahren verschwundenen Halsband. Sie schilderte genau die Veranlassung zur Entlassung des Rendanten Horst und sagte ihm, daß ihr Mann damals nur von einer Anzeige Abstand genommen hatte, weil Horst schon seit vielen Jahren seine Stelle verwaltete und sonst ein sehr tüchtiger Beamter gewesen wäre. Außerdem wäre es ihm unangenehm gewesen, mit der Polizei in Berührung zu kommen.
»Auch ich hatte meinen Mann aus Mitleid mit Horst's Familie selbst darum gebeten, ahnungslos, daß ich selbst am Verschwinden des Halsbandes schuld war,« fuhr sie fort.
Völker, der bisher unbewegt ihrem Bericht gefolgt war, sah sie bei diesen Worten mit einem seiner seltsam forschenden Blicke an.
»Sie selbst?« fragte er aufmerksam.
»Ja, ich selbst. Denken Sie sich mein Erschrecken, als ich vor einigen Tagen das Halsband in einem Geheimfache meines Schreibtisches fand, wo ich es damals in der Zerstreuung selbst hingelegt hatte.«
Wieder traf sie ein intensiv aufleuchtender Blick.
»Bitte, weiter,« sagte er aber nur.
Gräfin Thea schilderte ihm nun ihre Unruhe, ihre Gewissensbisse, daß durch ihre Unachtsamkeit so viel Leid und Schmach über einen ehrlichen Mann und seine Familie gebracht worden war. Sie hatte sich schon so in den Gedanken eingelebt, daß es wirklich so war, wie sie es erzählte, daß sie kaum noch das Gefühl hatte, die Unwahrheit zu sagen. Sie schloß ihren Bericht mit der Bitte, Völker möge seine ganze Kunst, all seinen Scharfsinn aufbieten, um den jetzigen Aufenthalt der Familie Horst zu ermitteln, damit sie ihre Schuld wieder gut machen könnte. Das sei ihr Auftrag, den sie ihm zu erteilen habe.
Völker verneigte sich, als sie zu Ende war und zog ein ziemlich starkes Notizbuch hervor.
»Gestatten Sie mir nur einige Fragen, gnädigste Frau Gräfin. Wissen Sie, wohin sich damals der Rendant Horst mit seiner Familie gewendet hat?«
»Ja, sie sind nach Venezuela ausgewandert, wahrscheinlich, um sich dort eine Farm zu kaufen.«
»Können die Mittel hierzu sehr groß gewesen sein?«
»Kaum, da sie nur aus Ersparnissen während der Zeit seiner Tätigkeit bestanden haben können.«
»In welchem Monat sind sie ausgewandert?«
»In der Mitte des Juli.«
»Bitte wollen Sie mir nun eine möglichst genaue Personalbeschreibung der drei Menschen liefern?«
Gräfin Thea tat das und Völker notierte sich einiges. Dann fragte er weiter:
»Hatte die Familie Horst Verwandte in Deutschland?«
»Soviel ich weiß, nicht.«
»Auch nicht in Amerika?«
»Das scheint mir ausgeschlossen.«
»Schön — das würde vorläufig genügen. Nun eine andere Frage, Frau Gräfin: Würden Sie für die Kosten einer Reise nach Venezuela aufkommen, wenn meine Nachforschungen von hier aus erfolglos wären?«
Gräfin Thea nickte lebhaft.
»Selbstverständlich. Ich bitte Sie, sich durch den Kostenpunkt gar nicht beeinflussen zu lassen. Mir liegt unendlich viel — alles — daran, meine Seelenruhe wiederzufinden und mein Unrecht gut zu machen.«
»Sie geben mir also in allem freie Hand?«
»Vollständig. Bitte, nennen Sie mir die Summe, die ich Ihnen anweisen lassen soll.«
»Vorläufig genügen mir einige hundert Mark. Müßte ich nach Venezuela reisen, würde ich mir eine neue Anweisung ausbitten.«
»Wie Sie wünschen. Jedenfalls bitte ich Sie, sich ausschließlich meiner Angelegenheit zu widmen.«
»Das soll geschehen. Auf welche Weise darf ich Ihnen Nachricht zukommen lassen über meine Ermittelungen?«
»Am besten, Sie suchen mich in Wildenfels auf, wenn Sie irgend welche Erfolge zu verzeichnen haben. Sonst bitte ich um briefliche Nachricht unter meiner Adresse.«
Völker notierte sich auch das und steckte sein Notizbuch wieder zu sich. Dann erhob er sich.
»Haben Sie sonst noch irgend welche Befehle, gnädigste Frau Gräfin?«
»Nein, Herr Völler, mir liegt nur diese Angelegenheit am Herzen. Glauben Sie, daß ich mir Hoffnung machen darf?«
Völker lächelte ein wenig. »Die Unruhen, die gerade kürzlich wieder in Venezuela stattgefunden haben — eigentlich hören sie nie ganz auf — machen die Nachforschungen schwierig. Von hier aus ist wohl kaum etwas zu erreichen. Aber ich habe schon schwierigere Aufgaben gelöst. Und schlimmstens Falles unternehme ich die Reise. Persönliche Nachforschungen führen dann meist zu einem Resultat.«
Gräfin Thea reichte ihm die Hand. »Ich würde Ihnen zu großem Dank verpflichtet sein und werde mich sehr erkenntlich zeigen für Ihre Bemühungen. Meine ganze Hoffnung habe ich auf Sie gesetzt.«
»Ich hoffe, Sie nicht zu enttäuschen. Gestatten Sie, daß ich mich zurückziehe, ich will sofort Vorbereitungen treffen.«
»So gehen Sie und Gott helfe Ihnen und mir.«
Völker verneigte sich tief und ging.
Gräfin Thea sah ihm in Sinnen verloren nach. Als gleich darauf Grill eintrat, rief sie ihr lebhaft entgegen:
»Grill — ich glaube, dieser Herr Völker findet sie. Sein kluges Gesicht hat mich mit Vertrauen erfüllt.«
»Das will ich hoffen. Aber Frau Gräfin dürfen sich nun nicht mehr über die ganze Angelegenheit aufregen.«
»Das will ich auch nicht, gute Grill. Nun laß einen Wagen holen. Wir wollen für meinen Enkel doch eine kleine Ueberraschung einkaufen. Etwas muß ich ihm doch von Berlin mitbringen. Mit dem Dreiuhrzuge fahren wir wieder heim. Mein Geschäft ist hier erledigt.«


8.
Einige Tage später, es war ein Regentag, saß in Gräfin Thea mit Lothar in ihrem Salon. Susanne war gleich nach ihrer Rückkehr nach Berlin gereist und wollte wenigstens eine Woche fortbleiben. In Susannes Abwesenheit nahm auf Gräfin Theas Wunsch der Kandidat Wetzel meist den Tee in ihrer Gesellschaft. Sie liebte es, mit dem jungen Manne über allerlei Dinge zu plaudern und auch über Erziehungsfragen zu debattieren. Susanne kümmerte sich aus einem gewissen Trotz gar nicht mehr um Lothars Erziehung, weil man ihr Wetzel aufgenötigt hatte als Erzieher ihres Sohnes. —
Auch heute stellte sich der Kandidat pünktlich zur Teestunde in Gräfin Theas Wohnzimmer ein. Er hegte eine große Verehrung für die alte Dame, während er Gräfin Susanne nur den schuldigen Respekt erwies.
In seiner frischen, ungezierten Art neckte er sich erst noch ein wenig mit Lothar, nachdem er Gräfin Thea die Hand geküßt hatte. Ein Diener rollte den Teetisch herein und Grill servierte den Tee. Gräfin Thea liebte es nicht, andere Dienerschaft um sich zu haben, wenn sie in ihren Gemächern weilte. Ein anderer als der Kandidat Wetzel hätte wohl, der Trauerstimmung des Hauses angemessen, einen ernsten oder gar melancholischen Ton angeschlagen. Aber er plauderte frisch und lebendig, scherzte mit Lothar und ließ keine trübe Stimmung aufkommen. Auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten hielt er es so. Gräfin Susanne hatte deshalb sein Benehmen roh und taktlos genannt ihrer Schwiegermutter gegenüber. Gräfin Thea hatte jedoch die Absicht des Kandidaten erkannt und gebilligt:
»Lothar ist jetzt in einem gefährlichen Alter. Gemütsbedrückungen in dieser Zeit haben oft die schlimmsten Folgen. Lothar muß daher in seinem Schmerz um den schweren Verlust abgelenkt werden, um seine körperliche und geistige Frische nicht zu verlieren!« So hatte Gräfin Thea den Kandidaten verteidigt. Susanne rümpfte jedoch nur die Nase und sprach von Plebejermanieren und leeren Ausflüchten.
Lothar zuliebe stimmte Gräfin Thea in den munteren Ton mit ein und Lothar befleißigte sich wieder, seine geliebte Großmama aufzuheitern. So halfen sie sich gegenseitig über die traurige Stimmung fort. Der Tee war eingenommen worden und Grill war geräuschlos hinausgegangen, als sie nicht mehr gebraucht wurde.
Aber gleich darauf trat sie mit lebhaft gerötetem Gesicht wieder ein und überbrachte ihrer Herrin eine Visitenkarte.
»Der Herr wartet unten im kleinen Empfangssalon,« sagte sie mit einem bedeutsamen Blicke.
Gräfin Thea nahm die Karte und richtete sich überrascht auf, als sie gelesen hatte. »Anton Völker« stand auf der Karte.
Sie erhob sich sofort.
»Ich muß dich jetzt mit dem Herrn Kandidaten allein lassen, Lothar. Eine wichtige geschäftliche Angelegenheit ruft mich ab. Der Regen hat aufgehört, vielleicht machst du einen Spaziergang.«
Sie küßte Lothar, nickte Wetzel freundlich zu und ging schnell hinaus.
Wenige Augenblicke später trat sie zu Völker in den kleinen Salon neben der Halle.
»Sie kommen selbst — und so bald — darf ich das für ein gutes Zeichen halten?« fragte sie erregt. Völker hatte sie artig begrüßt und nun nahmen sie, sich gegenübersitzend, Platz.
»Was bringen Sie mir?« fragte die alte Dame dringend und suchte schon im voraus die Antwort von seinem unbeweglichen Gesicht abzulesen.
»Ich bringe Ihnen genaue Auskunft, gnädigste Frau Gräfin.«
Sie starrte ihn ungläubig an.
»Genaue Auskunft? Nein — das ist doch unmöglich. So bald schon — nein, ich kann es nicht glauben.«
Völker lächelte.
»Vor vier Tagen, als Sie mir den Auftrag gaben, hätte auch ich einen so schnellen Erfolg für unmöglich gehalten. Und hätte mich nicht ein Zufall begünstigt, so wären wahrscheinlich langwierige Nachforschungen nötig gewesen.«
»Sprechen Sie — o bitte — sprechen Sie — was haben Sie in Erfahrung gebracht? Sie können sich meine fieberhafte Unruhe denken.«
Völker zog sein Notizbuch hervor und gab einen kurzen, klaren Bericht.
»Der frühere Rendant von Wildenfels, Karl Heinrich Horst, hat sich am 19. Juli 1893 mit seiner Frau und seiner Tochter Annie nach Newyork eingeschifft. Von dort ist er auf Veranlassung einer Gesellschaft nach Venezuela gereist und hat sich dort eine Farm gekauft für sechstausend Dollars. Diese Farm hat er mit seiner Frau und Tochter erfolgreich bewirtschaftet, so daß er mit den Jahren einen gewissen Wohlstand erreichte, obwohl ihm das Leben durch allerlei politische Unruhen und räuberisches Gesindel sehr schwer gemacht worden ist. Sieben Jahre nach seiner dortigen Ansiedelung hat sich seine Tochter mit einem Engländer, John Warrens, der die Nachbarfarm besaß, verheiratet, nachdem sich dieser schon jahrelang vergeblich um sie beworben hatte. Dieser Ehe ist ein Töchterchen mit Namen Jonny entsprossen. Bis vor kurzer Zeit haben die beiden Familien ziemlich friedlich und glücklich gelebt. Da brachen im Anfange dieses Jahres wieder Unruhen aus. Außerdem gelang es einem abgewiesenen Freier Annies, Horst und Warrens als Parteiführer zu verdächtigen. Ohne viele Umstände wurden sie erschossen.
Frau Horst wurde durch das räuberische Gesindel ermordet, die Farmen geplündert und der Grundbesitz konfisziert. Frau Annie Warrens entkam mit ihrem Töchterchen wie durch ein Wunder. Ein treuer Diener rettete sie auf heimlichen Wegen durch dichten Wald. Nichts, als die Kleider, die sie trugen und tausend Dollars etwa an Geld konnten in Sicherheit gebracht werden. Die unglückliche junge Frau hat sich dann mit ihrem Töchterchen zurück nach Deutschland begeben, um sich hier in der alten Heimat eine bescheidene Existenz zu gründen. Vor zehn Tagen ist sie in Hamburg eingetroffen.«
Gräfin Thea hatte erregt in atemloser Spannung diesem Bericht gelauscht. Nun preßte sie erschüttert die Hände ans Herz. Die Schuld ihres Sohnes wuchs riesengroß und weckte noch inbrünstiger den Wunsch in ihr, mit allen Mitteln, die ihr zu Gebote standen, gutzumachen.
Erst, nachdem sie sich mühsam gefaßt hatte, kam ihr zum Bewußtsein, wie wunderbar es war, daß Völker so schnell und ausführlich Klarheit schaffen konnte. Was enträtselte dieser Mann in wenigen Tagen. Freilich, Joachim hatte nur vorsichtig und verschwiegen forschen können, hatte wohl auch keinen so begabten und hervorragenden Auskundschafter gefunden. Aber auch für einen Mann wie Völker grenzte dieser Erfolg ans Märchenhafte,
»Sie sehen mich fassungslos, erschüttert, Herr Völker. Das traurige Schicksal dieser prächtigen Menschen greift mir ans Herz. Daß Sie mir das alles aber in so kurzer Zeit berichten konnten, ist mir unfaßbar. Ehe Sie mir aber näheres erklären, beantworten Sie mir noch eine Frage: Ging die Spur, die Sie gefunden haben, in Hamburg verloren oder wissen Sie den Aufenthaltsort der unglücklichen jungen Frau?«
»Ich weiß ihn.«
»O, mein Gott — wie dankbar bin ich Ihnen. Sie haben mir einen unschätzbaren Dienst geleistet durch Ihre hervorragenden Fähigkeiten.«
Wieder lächelte Völker.
»Gnädigste Frau Gräfin, diesmal bin ich nur durch einen glücklichen Zufall zu einem Erfolge gekommen. Darf ich Ihnen genauen Bericht erstatten?«
»Ich bitte darum.«
Völker räusperte sich ein wenig und fuhr dann fort:
»Ich hatte mich nach Hamburg begeben, um dort erst einmal mit meinen Nachforschungen zu beginnen. In einem mir von früher her bekannten guten, wenn auch nicht erstklassigen Hotel nahm ich Wohnung. Gleich in der ersten Stunde machte ich auf dem Korridor vor meinem Zimmer die Bekanntschaft eines entzückenden kleinen Mädchens von etwa sechs Jahren, das dort mit dem Zimmermädchen in einem drolligen Gemisch von deutscher, englischer und spanischer Sprache plauderte. Ich bin ein großer Kinderfreund und konnte nicht widerstehen, mich mit der Kleinen ein wenig anzufreunden.
Dabei erfuhr ich, teils von ihr, teils von dem Zimmermädchen, daß die Mutter des Kindes unwohl zu Bette lag, müde und leidend von den Strapazen einer großen Reise. Das Zimmermädchen teilte mir redselig mit, daß sie der Dame schon wiederholt geraten habe, einen Arzt zu befragen, aber diese behaupte, nicht krank, nur müde und abgespannt zu sein. Es sei ja auch möglich, denn die arme Dame käme aus Venezuela, wo sie auf schreckliche Weise ihre Eltern und ihren Mann verloren habe. Bei der Erwähnung des Wortes Venezuela war ich aufmerksam geworden. Ich sah mir das kleine Mädchen an. Sie hatte goldblondes Haar und braune Augen. Auf meine vorsichtige Frage erfuhr ich, daß auch die Mutter des Kindes dasselbe Haar, dieselben Augen habe und trotz ihrer Mattigkeit sehr schön sei. Weiter erfuhr ich, daß die Dame schon seit einer Woche hier in dem Hotel wohne und gleich am ersten Abend eine Ohnmacht gehabt hatte, als sie in der Zeitung die Nachricht von dem Tode eines alten Bekannten gelesen habe. Ich stellte die Zeitung durch unverfängliche Fragen fest und beschloß, vorläufig meine Nachforschungen aufzugeben, um nicht aufzufallen. Zuerst verschaffte ich mir nun die fragliche Zeitung. Hier habe ich sie Ihnen mitgebracht.«
Er nahm eine Zeitung aus seiner Brusttasche und legte sie vor die Gräfin hin, auf eine Notiz darin zeigend.
»Ich fand darin die Nachricht über den plötzlichen Tod Ihres Herrn Sohnes, des Grafen Joachim Wildenfels, als ich sie gründlich durchstudierte. Ob diese Nachricht imstande war, eine erschütternde Wirkung auf die Dame auszuüben, weiß ich nicht. Ich habe Ihnen nur, um Ihnen meinen Gedankengang klarzulegen, die Zeitung mitgebracht.«
Gräfin Thea starrte auf die Zeitungsnotiz. Ihre Ahnung, daß jene blonde junge Frau Annie Horst sei, schien sich zu bestätigen. Und wenn sie bei dieser Nachricht ohnmächtig geworden war, dann war auch ihr Joachim nicht gleichgültig geworden, trotz ihrer Ehe mit einem andern.
»Weiter,« flehte die alte Dame, tonlos mit zuckenden Lippen.
»Ich bin nun bald zu Ende. Am nächsten Morgen sah ich die Kleine wieder draußen auf dem Korridor. Sie nickte mir schon ganz vertraulich zu. Ich trat zu ihr. Sie spielte am Fenster mit einer Anzahl Visitenkarten, aus denen sie ein luftiges Gebäude aufführen wollte. Es mißlang jedoch, und ich erbot mich zur Hilfe. Als ich die Karten in die Hand nahm, hätte ich beinahe einen Freudenruf ausgestoßen, denn ich las wohl zehn bis zwölf Mal: Annie Warrens geb. Horst.
Als ich noch gedankenverloren mit den Karten spielte, kam das Zimmermädchen herbei und erzählte mir, daß Mrs. Warrens heute noch elender sei, und daß sie auf eigne Gefahr einen Arzt wollte rufen lassen.
Blitzschnell entwarf ich einen Plan, um mich unverfänglich mit Mrs. Warrens in Verbindung zu setzen. Ich habe in meiner Jugend einige Semester Medizin studiert und sagte nun dem Mädchen ruhig, ich selbst sei Arzt und wolle zu ihrer Beruhigung nach der Kranken sehen. Das Mädchen meldete mich an und Klein-Jonny an der Hand, trat ich zu Mrs. Warrens ins Zimmer. Jonny sprang auf die schöne bleiche Frau zu, die auf dem Diwan ruhte. Innig umschlungen sah sie zu mir auf. Es war ein holdseliger und rührender Anblick, die schöne, bleiche Frau und das entzückende Kind.
»Mami — da ist ein Onkel Doktor, der dich gesund machen will,« sagte die Kleine.
Wirkliches Mitgefühl ließ mich fast meine Rolle vergessen. Ich sah auf den ersten Blick, daß ich es mit einer Schwerkranken zu tun hatte. In meinem Berufe beobachtet man scharf. Ich hätte nicht Arzt zu sein brauchen, um zu bemerken, daß Mrs. Warrens hohes Fieber hatte. Ich fühlte nur ihren Puls, um festzustellen, daß er meine Beobachtungen bestätigte. Es war klar, daß hier dringende ärztliche Hilfe nötig war.
Es gelang mir, das Vertrauen der armen Frau zu gewinnen. Teilweise freiwillig, teils auf meine vorsichtigen, teilnehmenden Fragen antwortend, erzählte sie mir alles, was ich Ihnen eben berichtet habe. Nur von Wildenfels und der Veranlassung, die sie und ihre Eltern nach Amerika getrieben hatte, erzählte sie kein Wort. Zum Schlusse beschwor sie mich, sie schnell wieder gesund und kräftig zu machen, denn sie dürfte nicht krank werden.
Ich war tief bewegt, gnädigste Frau Gräfin. Es lag etwas Rührendes in dem Wesen der jungen Frau und auch das liebe kleine Mädchen sah mich an, als wollte es sagen: »Nun hilf du schnell meiner lieben Mutter!« Glauben Sie mir, ich bin selten so glücklich über die Lösung einer Aufgabe gewesen, als in diesem Falle, wußte ich doch, daß ich wirkliche Hilfe bringe in der höchsten Not.
In der Voraussetzung, in Ihrem Sinne zu handeln, habe ich mir erlaubt, sofort einige Vorkehrungen zu treffen. Zuerst teilte ich der Kranken mit, daß ich leider an demselben Tage wieder abreisen müsse. Ich würde ihr jedoch sofort einen mir bekannten Arzt schicken, der ihre Behandlung übernehmen würde. Ueber den Kostenpunkt brauche sie sich keine Sorge zu machen, dieser Arzt sähe sich seine Leute an und würde nicht viel berechnen. Wenn sie schnell gesund werden wolle, müsse sie sich am besten in der Klinik des Arztes aufnehmen lassen, ich würde dafür sorgen, daß sie nicht mehr Kosten davon haben würde, als ihr der Aufenthalt im Hotel verursache.
Sie sträubte sich erst dagegen, weil sie glaubte, sie müsse sich von ihrem Kinde trennen. Ich beruhigte sie darüber und versprach ihr, daß sie Jonny bei sich behalten dürfe. Jedenfalls sei es nötig, daß sie sich meinen Anordnungen füge, sonst würde sie ihr Leiden verschlimmern.
Seufzend willigte sie ein, daß ich die nötigen Schritte tue. Sie dankte mir so inbrünstig, daß ich mich schämte, da mir dieser Dank gar nicht zukam.
Ich sagte mir, daß Sie, gnädigste Frau Gräfin, keine Kosten scheuen würden, um der unglücklichen Frau zu helfen. So suchte ich einen Frauenarzt auf, der eine Privatklinik leitet. Ich sagte ihm soviel, als er unbedingt wissen mußte, um die Sachlage zu verstehen und verbürgte mich für alle entstehenden Kosten. Das Kind wollte er erst nicht aufnehmen, aber mein Hinweis, daß ihm alles reichlich vergütet werde und daß es einfach Pflicht der Menschlichkeit sei, ließ ihn einwilligen. Morgen Nachmittag soll die Kranke, wenn es der Arzt nach der Untersuchung für nötig befindet, in die Klinik gebracht werden. Ich reiste sofort ab, um Ihnen Nachricht zu bringen.«
Gräfin Thea drückte ihm, wortlos und ergriffen, die Hand. Dann erhob sie sich und ging einige Male, nach Fassung ringend, im Zimmer auf und ab. Endlich blieb sie vor Völker stehen, ihre Augen leuchteten.
»Ich danke Ihnen — danke Ihnen tausendmal. Mit Geld allein kann ich Ihnen das nicht lohnen. Daß Ihnen ein glücklicher Zufall Ihre Aufgabe erleichtert hat, macht Ihren Dienst nicht geringer. Ich reise gleich morgen früh nach Hamburg, um die junge Frau gleich selbst aufzusuchen. Aber jetzt sollen Sie sich vor allen Dingen stärken und erfrischen. Wollen Sie heute noch nach Berlin zurückkehren?«
»Das möchte ich allerdings. Bis zum Abendzuge bleiben mir noch drei Stunden.«
»So lange sind Sie mein Gast. Ich werde dafür sorgen, daß zu rechter Zeit ein Wagen für Sie bereitsteht.«
Sie klingelte und befahl dem eintretenden Diener, daß im kleinen Speisesaale eine Mahlzeit in kürzester Zeit aufgetragen würde.
Als der Diener hinaus war, wandte sie sich wieder zu Völker.
»Sie haben die Güte und notieren mir die Hamburger Adressen — das Hotel, den Arzt und die Klinik. Inzwischen gehe ich zum Rendanten hinüber und hole Ihnen den Betrag, den ich Ihnen zugedacht habe. Entschuldigen Sie mich einige Minuten.«
Schnell und elastisch schritt sie aus dem Zimmer. Man merkte ihr an, daß ihr Wesen frischer und angeregter war, als alle Tage seit dem Tode ihres Sohnes. Sah sie doch nun ihre Aufgabe greifbar vor sich, wußte sie doch nun, daß sie den Wunsch ihres Sohnes erfüllen konnte, daß sie gutmachen konnte, wenn auch nicht an Horst selbst, so doch an seiner Tochter und ihrem Kinde.
Kurze Zeit darauf trat sie wieder zu Völker in den Salon und händigte ihm eine Summe Geldes ein. Er sah betroffen auf.
»Das ist zu viel, gnädigste Frau Gräfin — Sie belohnen mich weit über Verdienst,« sagte er verwirrt.
»Nehmen Sie nur — nehmen Sie nur,« drängte sie. »Ich allein weiß, was mir Ihr Dienst wert ist. Ich bin so froh, daß Sie mir so schnell Nachricht brachten — vielleicht wäre es sonst zu spät gewesen. Nun kommen Sie, ich führe Sie selbst in das Speisezimmer hinüber, damit Sie sich erfrischen können.«
Völker dankte mit freudig strahlendem Blick und steckte das Geld in seine Brieftasche.
»Lauter solche Aufträge — dann wäre ich bald Millionär,« dachte er.
Dann händigte er Gräfin Thea den Adressenzettel ein, den sie sorgfältig zu sich steckte.
Im Speisesaale überzeugte sie sich selbst, daß es Völker an nichts fehlte. »So, mein verehrter Herr Völker — nun muß ich mich von Ihnen verabschieden. Ich habe noch allerlei zu ordnen für die Reise. Haben Sie irgend welche Wünsche, so klingeln Sie dem Diener. Der Wagen wird zur rechten Zeit bereit stehen. Und nehmen Sie nochmals meinen herzlichsten Dank. Verschwiegenheit brauche ich Ihnen nicht anzuempfehlen, nicht wahr?«
Völker küßte ihr dankend die Hand. »Verschwiegenheit ist unzertrennlich von meinem Berufe, gnädigste Frau Gräfin.«
Sie nickte ihm noch einmal grüßend zu und ging hinaus.
Oben in ihren Zimmern angelangt, ging sie einige Male sinnend auf und ab. Dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch und schrieb eine Depesche nieder.
»Liebe Susanne! Ich muß morgen auf unbestimmte Zeit verreisen. Bitte, kehre sobald als möglich nach Wildenfels zurück, damit Lothar nicht zu lange allein ist.«
Dann klingelte sie nach ihrer Kammerfrau. Als diese eintrat, erhob sich Gräfin Thea lebhaft.
»Grill — wir verreisen morgen früh schon wieder — diesmal nach Hamburg. Annie Horst ist gefunden worden. Ich erzähle dir das alles nachher. Jetzt lasse dieses Telegramm sofort besorgen und dann packe meinen Koffer.«
»Für wieviel Tage wünschen Frau Gräfin Gepäck mitzunehmen?« fragte Grill.
Sie war sehr neugierig, Näheres zu erfahren, aber als wohlgeschulte Dienerin mußte sie warten, bis man ihr Eröffnungen machte.
Gräfin Thea sann eine Weile nach. »Vorläufig für eine Woche, Grill. Ich weiß noch nicht, wie lange ich fortbleiben werde. Nun geh — und sieh zu, ob mein Enkel zu Hause ist, dann schicke ihn zu mir.«
»Graf Lothar ist mit dem Herrn Kandidaten zum See hinabgegangen.«
»Es ist gut, Grill, sobald er zurückkommt, soll man ihn zu mir bitten. Auch den Herrn Kandidaten.«
Grill ging geschäftig hinaus, um die ihr gewordenen Aufträge auszuführen. Ihre Herrin blieb regungslos, in Gedanken versunken, am Schreibtische sitzen und blickte mit schmerzlichem Ausdruck empor in das sonnige Gesicht ihres Sohnes. Wenn er gewußt hätte, welch furchtbares Schicksal Horst und seine Familie betroffen — wie viel qualvoller hätte er gelitten unter dem Bewußtsein seiner Schuld. — —
Als Lothar mit dem Kandidaten zurückkam, teilte ihm die alte Dame mit, daß sie auf unbestimmte Zeit verreisen müsse und gab dem Kandidaten noch einige Verhaltungsmaßregeln für den Fall, daß ihre Schwiegertochter nicht sofort zurückkäme. Lothar war sehr betrübt, daß Großmama schon wieder ohne ihn verreisen wollte. Aber als sich der Kandidat zurückgezogen hatte, nahm ihn die Gräfin bei den Schultern und sah ihm fest in die Augen.
»Mein lieber Junge — diese Reise hängt mit dem Werke zusammen, welches mir dein Vater aufgetragen hat. Nicht wahr — du bist nun vernünftig und machst mir das Herz nicht schwer durch deine Betrübnis?«
Lothar küßte ihr die Wange und nickte. »Du sollst dich nicht über mich zu beschweren haben, Großmama, wenn ich nun auch erst recht gern mit dir gehen würde, um dir zu helfen.«
Sie streichelte sein Haar.
»Wenn ich zurückkomme, Lothar — das verspreche ich dir — dann sollst du mir helfen.«
»Wieder nur durch mein Stillschweigen, Großmama?« forschte er, wenig erbaut.
»Nein — nicht dadurch. Jetzt sollst du eine wirkliche Aufgabe bekommen. Aber das Bewahren unsers Geheimnisses steht noch immer obenan.«
»Du hast ja mein Ehrenwort,« sagte der kleine Mann mit Würde. Sie küßte ihn herzlich und die Augen wurden ihr feucht.

Бесплатный фрагмент закончился.
