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Harry Voß
Ben & Lasse
Agenten außer Rand und Band
Harry Voß, Jahrgang 1969, ist seit 1995 als Kinderreferent hauptamtlich für den Bibellesebund e.V. tätig. Auf seinen Lesetouren und bei Kinderbibelwochen, Kinderfreizeiten und Bibelactionpartys ist er als Gitarre spielender Geschichtenerzähler unterwegs.
Nach dem Megaseller Schlunz hat Harry Voß mit Ben & Lasse eine neue Buchreihe für Kinder ab 8 Jahren begonnen.
Mit seiner Familie lebt Harry Voß in Gummersbach.
Impressum
© 2017 Verlag Bibellesebund Marienheide
und SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen
2. Auflage 2017
© 2019 der eBook-Ausgabe
Bibellesebund Verlag, Marienheide
https://shop.bibellesebund.de/
Coverillustration: Georg Design, Münster (www.georg-design.de)
Covergestaltung: Luba Siemens, Marienheide
ISBN 978-3-95568-313-9
Hinweise des Verlags
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.
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Inhalt
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Eine Kunstausstellung! Wen, bitte, soll das interessieren? Ich habe keine Ahnung von Kunst. Und ich habe auch nicht wirklich Lust, mir fünfhundert Jahre alte Gemälde anzuschauen. Aber ich weiß, dass die Erwachsenen, besonders die Lehrer unserer Schule, große Fans davon sind. Darum wünschen sie sich natürlich, uns Schülern würde das auch gefallen. Ich könnte nie Lehrer werden, wenn man dafür alte Gemälde schön finden muss. Tja. Ich werde aber sowieso nicht Lehrer, das weiß ich jetzt schon. Wenn ich groß bin, werde ich Polizist und fange Schmuggler, Einbrecher und andere Ganoven. Denn im Beobachten, Befragen und Kombinieren bin ich sehr gut. Wie mein Papa übrigens. Der ist nämlich schon Polizist.
Heute gibt es zur Eröffnung der Bilder-Ausstellung eine Einführung von unserem neuen Rektor. In der dritten Stunde müssen wir alle in die Turnhalle kommen. Mit „alle“ meine ich wirklich alle. Alle Schüler unserer Schule von der fünften bis zur zehnten Klasse strömen in die Turnhalle. Und nicht nur die. Um die Kunstausstellung besonders wichtig erscheinen zu lassen, sind obendrein auch noch alle Schüler der Grundschule eingeladen. Schon witzig, wie die Kleinen zu uns stoßen: Während wir Großen wie die Wilden in die Halle gestürzt sind und uns auf den aufgestellten Stühlen verteilt haben, kommen die Grundschüler ganz ordentlich Klasse für Klasse hereinspaziert. Immer zwei und zwei aufgereiht. Ja, so bin ich früher auch ganz brav hinter meiner Lehrerin her gewatschelt. Damals, als ich noch klein war. Jetzt bin ich bereits elf Jahre und gehe in die fünfte Klasse. Da gelten andere Regeln. Logisch.
Schon höre ich ein Geschrei aus der Erstklässler-Meute: „Hallo Ben! Ich seh dich! Hallo, hier bin ich!“
Mir ist sofort klar, wer mich da gerufen hat: mein kleiner Bruder Lasse, der im ersten Schuljahr ist. Er hält mit dem Jungen neben sich Händchen, wie es die Lehrerin angeordnet hat. Mit der freien Hand winkt er wie ein Verrückter. Und er hört nicht auf zu brüllen: „Das wird super hier, Ben! Jetzt bin ich mit euch zusammen in derselben Halle! Klasse, was? Leider kann ich nicht neben dir sitzen! Wir müssen alle zusammen bleiben, hat Frau Aust gesagt!“
Einige von denen, die in meiner Nähe sitzen, kichern laut. Ich schaue beschämt vor mich auf den Boden und tue so, als hätte ich diese Rufe nicht gehört. Mein kleiner Bruder kann super peinlich sein.
Aber dann höre ich einen anderen Jungen ebenfalls laut rufen: „Sina! Komm hier her! Hier habe ich einen Platz für dich frei gehalten!“ Vorne vor der ersten Reihe steht Jonathan aus meiner Klasse. Er hat an der Ecke einen Stuhl zur Seite geschoben und winkt mit beiden Armen: „Komm hier her, Sina!“ Eine erwachsene Frau, die hinter Lasses Schulklasse hergeht, schiebt ein Mädchen im Rollstuhl. Die Frau lächelt und gibt mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie Jonathan entdeckt hat. Sie schiebt das Mädchen im Rollstuhl an die Stelle, an der Jonathan den Stuhl beiseitegeschoben hat. Das Mädchen strahlt Jonathan an. Jonathan hilft der Frau, den Rollstuhl in die richtige Position zu bringen, und zieht die Bremse an den Reifen fest. Dann lächelt er das Mädchen an, sagt ihr etwas, das ich nicht verstehe, klopft ihr kurz auf die Schulter und läuft zurück auf seinen Platz in der fünften Reihe. „Wer ist das?“, frage ich Felix, der neben mir sitzt.
„Die Schwester von Jonathan“, weiß Felix. „Sie kann nicht laufen und kann auch ihre Hände nicht so gut benutzen. Aber mehr weiß ich auch nicht.“
Ich nicke und schaue wieder betreten auf meinen Schoß. Ein bisschen schäme ich mich dafür, dass mir mein Bruder so peinlich ist. Jonathan hat eine Schwester im Rollstuhl und er schämt sich kein bisschen. Vielleicht sollte ich mal wieder netter zu Lasse sein.
Die Veranstaltung beginnt. Herr Hohmann, unser neuer Schuldirektor, geht ans Mikrofon und hebt seine Hand. Tatsächlich wird es sofort einigermaßen leise hier in der überfüllten Turnhalle. Ich glaube, die meisten an unserer Schule sind ganz zufrieden mit ihm. Unser eigentlicher Schulleiter, Herr Schöller, ist für längere Zeit unterwegs, hat man uns erklärt. Kur oder Auszeit oder so was. Als Herr Hohmann vor ein paar Wochen hier angefangen hat, hat er gleich eine große Party für die ganze Schule gegeben. Alle haben Brötchen mit Schokokuss bekommen, und er hat angeordnet, dass an diesem Tag kein Lehrer Hausaufgaben aufgeben durfte. Da war allen klar: Dieser Mann steht auf unserer Seite.
„Heute ist ein großer Tag“, beginnt er feierlich seine Rede. „Denn wir dürfen in dieser Woche eine der bedeutendsten Kunstausstellungen Deutschlands in unserer Schule präsentieren.“ Er schwärmt von dem berühmten Maler, dessen Kunstwerke wir hier bewundern dürfen, von seinen gemalten Predigten, in denen er all die wichtigen Dinge dargestellt hat, die er von der Botschaft der Bibel verstanden hat. Gerade das Bild „Christus am Kreuz“, meint er, bringe das ganz besonders zum Ausdruck.
Die Lehrerinnen und Lehrer in der ersten Reihe nicken zustimmend. Besonders unser Kunstlehrer, Herr Hartmann, kommt aus dem Nicken gar nicht mehr raus. Wenn er weiter so heftig nickt, fürchte ich, dass ihm gleich der Kopf von seinem Hals abbricht und über den Boden kullert.
„Diese Ausstellung ist nicht nur wichtig für die Schülerinnen und Schüler unserer Schule“, erklärt Herr Hohmann mit kräftiger Stimme, „sondern für alle Kinder in unserer Stadt. Darum bin ich sehr froh, dass sich auch die Schülerinnen und Schüler der Grundschule bereit erklärt haben, die bedeutenden Gemälde zu bewundern.“
Ich seufze leise. Mir ist es eindeutig zu anstrengend, dieser langen Rede zuzuhören. Aufmerksam werde ich erst wieder, als Herr Hohmann erzählt, wie viel diese Gemälde wert sind: „Das Bild ‚Venus mit Amor als Honigdieb‘ ist das wertvollste Stück unserer Ausstellung. Lange Zeit wusste niemand, wo sich dieses Gemälde befindet. Vor etwa einhundert Jahren wurde es bei einem Kunstsammler in Frankfurt entdeckt. Seitdem ist es immer wieder an verschiedene Personen oder auch Museen weiterverkauft worden. Zuletzt wurde es im Jahr 2013 für mehr als zwei Millionen Euro in London versteigert.“
„Boooah!“, machen gleich ein paar Schüler, die noch zugehört haben.
„Ich bin besonders stolz darauf“, fährt Herr Hohmann fort, „euch dieses Bild als wirkliches Original in unserer Ausstellung für zwei Wochen zeigen zu dürfen. Der heutige Besitzer, Herr Ferdinand von und zu Liechtenfels, hat unserer Schule freundlicherweise das Gemälde zur Verfügung gestellt.“
Die Lehrer klatschen Beifall.
„Das haben wir unter anderem der Vermittlung von unserem Landesschulminister, Herrn Hofenseher, zu verdanken, der ein persönlicher Freund von Herrn von und zu Liechtenfels ist. Er hat ihm sein Ehrenwort gegeben, alles dafür zu tun, dass dem kostbaren Bild kein Schaden zugefügt wird. Das Schulministerium hat sich darum obendrein mit einer nicht unbeträchtlichen Summe an einer extra Versicherung beteiligt“, betont Herr Hohmann. „Selbstverständlich hängt das millionenschwere Bild hinter Panzerglas, das mit Alarm gesichert ist. Der Verlust dieses Kunstschatzes wäre für uns als Schule überhaupt nicht zu verkraften.“
In der ersten Reihe schnellt ein Erstklässler-Ärmchen nach oben und meldet sich aufgeregt. Herr Hohmann bemerkt das und schaut freundlich in die erste Reihe: „Ja, mein Kind? Was möchtest du sagen?“
„Sie brauchen keine Angst zu haben, dass das Bild gestohlen wird!“, höre ich einen Jungen laut und fröhlich quaken, und sofort ist mir klar, dass es sich um keinen anderen handelt als um meinen vorlauten Bruder Lasse. „Mein Bruder und ich sind Agenten! Wir schnappen jeden Dieb oder Schmuggler! Auf uns können Sie sich verlassen!“
Herr Hohmann zieht seinen Mund zu einer Schnute zusammen, seine Augen blitzen. Ich kann erkennen, dass er sich sehr bemühen muss, um nicht laut loszulachen. „Wie alt ist denn dein Bruder?“
„Der ist schon richtig groß! Der ist schon elf! Aber zusammen sind wir die besten Agenten dieser Stadt!“
„Ach, wirklich?“ Herr Hohmann lacht so laut auf, als hätte jemand den Witz des Jahrhunderts erzählt. „Wie heißt du, Junge?“, fragt er, als er sich wieder beruhigt hat.
„Lasse! Lasse Baumann!“
Herr Hohmann verlässt sein Rednerpult, geht auf die erste Reihe zu und schüttelt ihm die Hand. „Du gefällst mir, Lasse Baumann. Mutig, entschlossen und voller Tatendrang, um die Welt vom Bösen zu befreien. Solche Burschen wie dich sollte es öfter geben!“ Er geht wieder zurück an das Mikrofon und hebt seine Hand als Zeichen, dass die Schüler wieder ruhig sein sollen.
„Damit euer Interesse an unserer bedeutenden Ausstellung noch mehr gesteigert wird“, fährt Herr Hohmann fort, „fordere ich euch hiermit zu einem tollen Malwettbewerb auf!“ Herr Hartmann und ein paar andere Lehrer nicken wieder heftig. Gleich macht es in irgendeinem Hals knack. Wetten? „Schaut euch die Bilder in der Ausstellung an. Besonders das bedeutende Werk ‚Christus am Kreuz‘. Und dann malt etwas zu dem Thema: ‚Was habe ich von der Botschaft der Bibel verstanden?‘ Oder: ‚Was ist mein persönlicher Glaube?‘ Auch diejenigen unter euch, die nicht so sehr mit der Bibel vertraut sind, können sicher etwas dazu malen, woran sie glauben.“
Oha. Malen gehört nun wirklich nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Und wenn ich an die Benotung meiner bisherigen Kunstwerke denke, dann habe ich sowieso keine Chance, bei dem Wettbewerb zu gewinnen. „Der Gewinner bekommt eine Prämie von einhundert Euro, die uns freundlicherweise eine Bank unserer Stadt gestiftet hat“, kündigt Herr Hohmann an. Ein Raunen geht durch die Reihen und alle klatschen. Auch ich. Hundert Euro – das lohnt sich. „Außerdem wird die ganze Klasse des Wettbewerb-Gewinners zu einem großen Eisessen zu mir nach Hause eingeladen“, setzt er noch eins drauf. Na schön. Unter diesen Umständen könnte ich vielleicht doch langsam mal anfangen, meine Fähigkeiten im Malen zu entdecken.
Am nächsten Tag in der zweiten Stunde gehen wir zusammen mit Frau Pohl durch die Ausstellung. Ich glaube, die Lehrer haben sich einen Plan erstellt, wann welche Klasse sich mal ganz alleine die Bilder anschauen darf. Denn jetzt sind wir die einzigen hier. Außer den beiden schwarz gekleideten Männern, die hier seit gestern jeden Vormittag vor der Eingangstür der Schule und manchmal auch in der Ausstellungshalle auf und ab gehen. Offensichtlich bewachen sie die Kunstwerke. „Security“ steht auf einem Schildchen an ihrer Jacke. „Sicherheitsdienst“, heißt das. Also fast so was wie Polizei. Nur mit dem Unterschied, dass die vordem Diebstahl arbeiten müssen. Die Polizei nachher. Ob Lasse ihnen schon erklärt hat, dass er ein Kollege von ihnen ist, weil er auch aufpasst, dass die Bilder nicht wegkommen?
Alle Schüler meiner Klasse rennen natürlich sofort zu dem Gemälde hinter Glas.
„Iiih, eine nackte Frau!“, brüllt Torben, als er davor steht. Einige andere kichern und zeigen verschämt auf das große Gemälde hinter der Glasscheibe. Es ist auf eine Holzplatte gemalt und zeigt eine nackte Frau und einen kleinen nackten Jungen, die vor einem Baum stehen. Auf einem Schild unter dem Bild steht: „Venus mit Amor als Honigdieb“.
„Und das ist zwei Millionen Euro wert?“, wundert sich Torben. „Was soll daran so besonders sein?“
„Versuch du doch mal, eine nackte Frau zu malen“, belehrt ihn Bea. „Da wirst du sehen, dass das gar nicht so einfach ist!“
Torben rümpft die Nase. „Nee, danke.“
„Und wieso malt man so was?“, will Jonathan wissen.
„Weil das so in der Bibel steht!“, erklärt Bea altklug.
Frau Pohl lacht. „Nein. Das steht ganz bestimmt nicht in der Bibel. Venus und Amor sind Götter, die die Römer vor einigen Jahrtausenden verehrt haben. Wenn du willst, kannst du Herrn Hartmann später mal danach fragen. Ich kenne mich damit nicht so gut aus.“
„Aber Herr Hohmann hat doch gesagt, hier hängen Bilder, die was mit der Bibel zu tun haben“, erinnert sich Sarah.
„Hier sind ja auch noch mehr Bilder.“ Frau Pohl zeigt auf ein Bild an der Wand gegenüber. „Schaut mal. Dort ist auf jeden Fall etwas aus der Bibel gemalt. Seht ihr?“
„Das ist Jesus am Kreuz!“, weiß Leonie. „Das hab ich mal als Film gesehen! Die haben da richtig Nägel in seine Hände geschlagen! Das fand ich voll eklig!“
Auf dem Bild ist riesengroß Jesus gemalt, wie er am Kreuz hängt und stirbt. Rechts neben ihm stehen drei Männer. Links neben dem Kreuz steht noch ein Mann. Nackt. Mit rotem Umhang. Als ich näher hinschaue, erkenne ich, dass dieser linke Mann mit den Füßen auf zwei Zombies steht. Oder Drachen oder Knochenskeletten. Sieht zumindest sehr unheimlich aus. Der sterbende Jesus am Kreuz hat eine blutende Wunde am Bauch, das kenne ich schon aus anderen Bildern von der Kreuzigung. Auf diesem Gemälde ist aber etwas sehr Merkwürdiges gemalt: Aus der Wunde am Bauch von Jesus spritzt ein Blutstrahl im hohen Bogen quer durch das Bild wie aus einem Springbrunnen. Und dieser Strahl trifft genau den mittleren der drei Männer, die rechts neben dem Kreuz stehen. Aber der scheint das gar nicht zu merken. Wirklich ein sehr seltsames Bild.
2
Im Kunstunterricht in der sechsten Stunde ist das reinste Chaos ausgebrochen. Alle rennen kreuz und quer durch den Raum, um sich Pinsel, Farbe, Wasser und andere Materialien für ihre Bilder zu holen. Jeder will das schönste Bild malen. Jeder will als erstes mit seinem Plastikbecher am Wasserhahn sein. Schon rutscht Mandy auf der Pfütze vor dem Waschbecken aus und fliegt mit einem lauten Platsch auf den Boden. Das Wasser in ihrem Becher verteilt sich in einem Umkreis von zwei Metern und schwappt dabei über die Schuhe von Sondra, die gerade mit vollem Becher auf ihren Platz gehen will. Sondra schreit laut auf vor Schreck und lässt ihren Becher fallen. Natürlich auf Mandy, die noch auf dem Bauch vor ihr liegt. „AAAAAH!“, quiekt Mandy, die nun nicht nur auf dem Bauch, sondern auch auf dem Kopf und dem Rücken nass ist.
„Was ist denn hier los?“, brüllt Herr Hartmann, der bisher auf seinem Stuhl hinter dem Lehrerpult gesessen und die Tageszeitung gelesen hat.
„Die spinnen hier alle!“, heult Mandy.
Herr Hartmann springt von seinem Stuhl auf und stößt mit Torben zusammen, der ebenfalls gerade dabei ist, einen Wasserbecher zu seinem Platz zu tragen. Es platscht und beide haben einen riesigen Wasserfleck vor dem Bauch. „Pass doch auf!“, schimpft Herr Hartmann.
„Ich war zuerst hier!“, beschwert sich Torben und geht mit dem verbliebenen Wasser einfach weiter, als sei nichts passiert.
Ich sitze vor meinem Zeichenblock und kämpfe seit mehreren Minuten mit dem Papier. Egal, auf welcher Seite ich versuche, es von dem Papprand zu lösen – an einer Stelle reißt es immer ein. Mittlerweile versuche ich es schon mit dem dritten Blatt. Vorsichtig gehe ich mit dem Finger unter das oberste Blatt Papier, trenne es sorgfältig Stück für Stück von dem Rand. Endlich. Schadfrei von der einen Seite gelöst. Die andere Seite ist immer ganz einfach zu reißen. Einfach wie bei einem gewöhnlichen Block abreißen. Ich ziehe beherzt, das Blatt reißt genau in der Mitte in zwei Teile. Das gibt es einfach nicht.
„Was machst du denn da?“, fragt mich Sofie im Vorbeigehen.
„Nichts“, stöhne ich. „Ich versuche einfach, ein Blatt aus diesem blöden Zeichenblock zu trennen, aber es reißt immer ein.“
„Ist doch ganz einfach“, sagt Sofie, nimmt das oberste Blatt aus meinem Zeichenblock, zieht links, zieht rechts – und das Blatt ist ohne einen Riss aus dem Block gelöst. „Wie hast du das gemacht?“, frage ich erstaunt. „Ist doch ganz einfach“, wiederholt sie und geht weiter. Ich schüttle den Kopf. Sofie hat magische Hände. Anders kann ich mir das nicht erklären.
„Kannst du mir ein Blatt ausleihen?“, fragt mich Mandy, die klatschnass vor meinem Tisch steht. Aus ihren Haaren fallen Tropfen auf mein frisches, neues Blatt ohne Riss.
„Da liegen welche“, sage ich und bedecke mit meinen Armen das Blatt, um es vor Mandys Tropfen zu schützen. Mit meinem Kopf zeige ich auf den leeren Stuhl neben mir mit den verunglückten Blättern. „Die sind allerdings eingerissen.“
„Das ist mir egal“, sagt Mandy und nimmt eins der Blätter. „Bei mir reißen die normalerweise noch mehr ein.“
Das beruhigt mich etwas. Ich nehme einen Pinsel und überlege, was ich malen soll. „Was habe ich von der Botschaft der Bibel verstanden?“, war das Thema. Oder: „Was ist mein persönlicher Glaube?“
Ich gehe sonntags in den Kindergottesdienst. Dort beten wir, reden über Gott und hören Geschichten aus der Bibel. Was davon habe ich verstanden? Hm. Gott hat die Welt gemacht. Das habe ich verstanden. Jesus war ein guter Mensch, der andere gesund gemacht hat. Das weiß ich auch noch. Aber ist das die Botschaft der Bibel? Was genau ist überhaupt die Botschaft der Bibel? Dass Gott alle Menschen liebt? Dass wir an ihn glauben sollen? Tja. So genau habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Oder was ist mein persönlicher Glaube? Die Frage kapiere ich nicht. Was soll denn mein persönlicher Glaube sein?
Felix, der neben mir sitzt, malt schon fleißig ein Rennauto. Er malt nicht mit Wasserfarben, sondern mit Filzstiften. Dürfen wir das? Und was, bitte, hat ein Rennauto mit der Bibel zu tun?
Neben Felix sitzt Marvin. Er hat mit blauer Wasserfarbe eine fette Wolke auf sein Blatt gepinselt. Darauf malt er eine Frau, einen Mann und drei Kinder, die fröhlich auf der Wolke tanzen. „Wie wär’s“, sagt Marvin zu Felix, ohne von seinem Blatt aufzuschauen, „wir klauen das wertvolle Bild und verkaufen es für eine Million Euro.“
„Au ja“, grinst Felix. „Und von dem Geld kaufe ich mir einen Ferrari!“
„Und ich mir ein Luftgewehr.“ Marvin grinst und malt weiter. Marvin ist mir ein bisschen unheimlich. Er wohnt in der Straße mit den hohen Häusern, wo es ständig Prügeleien gibt und wo immer wieder die Polizei kommen muss. Ihn kann ich mir wirklich gut mit einem Luftgewehr vorstellen. Wenn ich groß bin und als Polizist arbeite, sollte er aufpassen, dass er nicht als Verbrecher arbeitet. Sonst fange ich ihn und sperre ihn ein.
„Bist du bescheuert?“, höre ich Anna plötzlich in der letzten Reihe laut schimpfen. „Wieso legst du dein Pausenbrot auf mein Blatt?“
„Soll ich es etwa auf mein Blatt legen?“, blafft Torben, der neben ihr sitzt, zurück. „Das gibt doch Fettflecken!“
„Ach ja! Und jetzt habe ich Fettflecken auf meinem Blatt!“
„Ach Quatsch! Man sieht doch gar nichts!“
Herr Hartmann schaut von seiner Zeitung hoch: „Torben, pack dein Pausenbrot weg!“
„Ich hab aber Hunger!“, verteidigt er sich.
Herr Hartmann schüttelt den Kopf und vertieft sich wieder in seine Zeitung.
Schon wieder steht Mandy vor meinem Tisch: „Kannst du mir Deckweiß leihen?“
Sie meint die Tube mit der dicken weißen Farbe, die eigentlich in jedem Farbkasten liegt.
„Warum hast du selbst keins?“, frage ich zurück.
„Schon leer.“
„Und warum fragst du dann ausgerechnet mich?“
„Weil ich gesehen habe, dass dein Deckweiß noch aussieht wie neu.“
„Das ist auch neu.“
„Kann ich es jetzt haben? Bitte?“
Ich hole die Tube aus dem Wasserfarbkasten und gebe sie ihr. „Aber nicht alles verbrauchen.“
„Klar.“ Damit schwirrt sie ab, bleibt aber beim Tisch von Jonathan stehen: „Süüüüß!“
Die Tischnachbarn von Jonathan drehen sich sofort um und schauen auf sein Gemälde. „Du kannst aber toll malen“, findet Christina.
„Kannst du mir auch so ein schönes Bild malen?“, fragt Sarah.
„Was soll das sein?“, erkundigt sich Bea.
„Das da bin ich“, Jonathan zeigt mit dem Pinsel auf eine der beiden Figuren auf seinem Blatt, „und das andere ist meine Schwester.“
Ich stehe von meinem Platz auf, gehe auch zu Jonathans Tisch und staune. Der Kerl kann wirklich gut malen! Ein Junge und ein Mädchen tanzen auf einer Blumenwiese. Die Sonne scheint und das ganze Bild sieht hell und fröhlich aus. Wenn Jonathan so weiter macht, hängen seine Bilder in fünfhundert Jahren auch in einem Museum und sind mehrere Millionen Euro wert.
„Und was hat das mit der Bibel zu tun?“, fragt Bea weiter.
Sarah beugt sich über das Blatt: „Ich dachte, deine Schwester sitzt im Rollstuhl! Oder hast du noch mehr Schwestern?“
„Nein, ich habe nur die eine Schwester. Sina. Ja, sie sitzt im Rollstuhl. Mit der Bibel hat das wohl nichts zu tun. Aber wir sollten ja auch malen, woran wir glauben. Und ich glaube, dass meine Schwester eines Tages wieder laufen kann. Oder … wenn das mit dem Himmel stimmt, wie es Herr Jung manchmal in Reli erzählt … dann glaube ich, dass Sina spätestens da wieder laufen kann und dass wir zusammen rumtoben können.“
Deborah, die inzwischen auch an Jonathans Tisch steht, sagt: „Ja, das glaube ich auch. Im Himmel ist alles Schlimme weg.“
„Du kannst voll schön malen“, lobt ihn Sarah. „Bestimmt gewinnst du den Wettbewerb.“
„Oh super“, freut sich Mandy, „dann brauche ich mich nicht mehr anzustrengen und wir bekommen trotzdem als ganze Klasse das Eis von Herrn Hohmann!“
Es klingelt. Die Kunst-Stunde ist zu Ende und ich habe noch nicht mal angefangen, etwas zu malen. Ganz toll.
„Wie ich sehe, sind noch nicht alle mit ihrem Bild fertig geworden“, stellt Herr Hartmann fest, während wir schon laut und hektisch unsere Sachen einpacken. „Da der Abgabetermin für den Malwettbewerb aber am Donnerstag ist, bitte ich euch, die Bilder zu Hause zu Ende zu malen und spätestens übermorgen abzugeben.“
Auch das noch! Hausaufgaben in Kunst! Das hatten wir noch nie!
Mandy drückt mir eine zusammengeknautschte, ausgepresste kleine Tube in die Hand: „Hier, dein Deckweiß. Wie versprochen bekommst du es wieder zurück.“
Mir klappt der Mund auf: „Die Tube ist ja leer!“
„Nein, nicht ganz. Wenn man ganz dolle drückt, kommt noch was raus.“
„Was hast du damit gemalt?“
„Eine große, weiße Wolke.“
Ich kann nicht glauben, was ich da höre. „Du hast mit meinem Deckweiß eine große, weiße Wolke auf ein weißes Blatt Papier gemalt?“
„Ja klar! Eine Wolke ist doch weiß!“
„Aber das Papier ist doch auch weiß!“
„Ja, weiß ich doch!“
„Dann hättest du das Blatt doch an der Stelle einfach weiß lassen können!“
Mandy rollt mit den Augen. „Wir sollten ein Bild malen und nicht ein Bild weiß lassen! Aber keine Sorge. Das Bild ist sowieso nichts geworden. Ich habe andauernd übergemalt. Ich habe das Bild weggeworfen. Zu Hause male ich ein neues.“
Damit schwirrt sie ab. Ich fasse es nicht. Beim nächsten Mal verstecke ich meine Deckweiß-Tube in der Schultasche, dann muss ich sie nicht mehr ausleihen!
3
Zu Hause quatscht mir Lasse beim Mittagessen ununterbrochen die Ohren voll, was er Tolles zu Papier gebracht hat: Er hat die Arche Noah gemalt. Mit allen Tieren, die er zeichnen kann: Elefanten, Giraffen und jede Menge Schafe. „Und ich habe den Tyrannosaurus Rex gemalt und den Stegosaurus“, erzählt er. „Die dürfen natürlich nicht fehlen. Dinos sind am coolsten.“
„Ich glaube nicht, dass Dinosaurier mit auf der Arche waren“, gebe ich zu bedenken.
„Alle Tiere waren auf der Arche“, belehrt mich Lasse. „Also auch Dinos. Dinos sind meine Lieblingstiere!“
„Aber Dinos waren doch schon längst ausgestorben, als Noah und die Tiere auf der Arche waren“, sage ich.
„Das weißt du doch gar nicht! Du warst nicht dabei! Nicht wahr, Mama?“
Mama schmunzelt und wuschelt mit einer Hand über Lasses Kopf. „Du kannst ruhig deine Dinos in die Arche malen.“ Sie schaut mich an. „Und was hast du gemalt, Ben?“ „Noch gar nichts. Ich weiß nicht, was ich malen soll. Ich finde das Thema viel zu schwer. Einfach nur eine Geschichte aus der Bibel aufzumalen, finde ich doof.“
„Was?“, platzt es aus Lasse heraus. „Du findest mein Bild doof?“
„Nein. Nicht dein Bild. Aber es geht ja nicht darum, nur eine Geschichte zu malen. Wir sollen doch malen, was wir von der Botschaft der Bibel verstanden haben. Oder was wir glauben. Und ich weiß nicht, was ich glaube.“
Lasse hebt seine Gabel in die Luft. „Frau Aust hat gesagt, wir können ruhig eine Geschichte aus der Bibel malen. Unsere Lieblingsgeschichte.“
„Ja. In der ersten Klasse geht das ja auch noch. In der fünften muss man sich schon ein bisschen mehr anstrengen.“
„Ich strenge mich an!“, protestiert Lasse wieder.
Ich rolle mit den Augen und esse weiter, ohne darauf einzugehen.
Mama stützt den Kopf auf ihre Faust und denkt nach. Dann fragt sie mich: „Was würdest du sagen, ist dir an deinem Glauben an Gott am wichtigsten?“
Puh. Habe ich darüber jemals nachgedacht? „Ich weiß auch nicht“, brumme ich vor mich hin. „Vielleicht, dass Gott immer da ist und man mit ihm reden kann?“
„Okay. Was noch?“
„Hm. Dass Gott die Welt gemacht hat?“
Lasse platzt dazwischen: „Und dass er die Dinos gemacht hat!“ Er nickt ganz schlau.
Mama überhört den Kommentar von Lasse und fragt mich weiter: „Und wie könnte man das malen?“
„Dass Gott die Welt gemacht hat?“
„Ja. Und dass er immer bei dir ist und mit du mit ihm reden kannst.“
„Keine Ahnung. Man kann Gott ja nicht malen. Soll ich denn malen, wie ich in der Kirche sitze und bete?“
„Du betest ja nicht nur in der Kirche. Du betest ja auch zu Hause. In deinem Zimmer. Oder auch in der Schule oder wo du gerade bist.“
„Ich will mich aber nicht selbst malen.“ Dann schaue ich Mama an. „Was ist denn für dich die Botschaft der Bibel?“
„Das Wichtigste ist für mich auch, dass Gott mich gemacht hat und dass er mich lieb hat. Jesus ist für meinen Glauben auch ganz wichtig. Jesus hat uns gezeigt und erklärt, wie Gott ist. Jesus hat gesagt, dass Gott der Freund von jedem Menschen sein will. Und indem Jesus am Kreuz gestorben ist, ist es überhaupt möglich geworden, dass wir Freunde von Gott werden können. Und als Jesus wieder auferstanden ist, hat er gezeigt, dass auch wir einmal wie er nach unserem Tod weiterleben können. Bei Gott im Himmel. Bei Jesus. Das ist für mich die wichtigste Botschaft in der Bibel.“
Ich muss an das Bild von Jonathan denken. „Stimmt es, dass dann die, die jetzt im Rollstuhl sitzen, wieder laufen können?“
„Ja. So steht es in der Bibel. Im neuen Himmel, den Gott schaffen wird, wird es kein Leid mehr geben. Gott wird alle Tränen abwischen.“
Tränen abwischen. Das klingt gut. Mir ist manchmal zum Heulen zumute, obwohl ich gar keinen Grund dazu habe. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die mich so ärgern, dass ich am liebsten heulen würde. Hausaufgaben, die ich nicht kapiere. Andere in der Klasse, die etwas Gemeines zu mir sagen oder über mich lachen, wenn mir was Peinliches passiert. Wenn ich was Doofes geträumt habe. Wenn ich vor irgendetwas Angst habe. Alles Dinge, bei denen eine Stimme in mir sagt: „Jetzt bitte mal eine Runde heulen!“ Ich mach das dann natürlich nicht, weil ich keine Heulsuse sein will. Aber wenn mir alles zu viel ist oder wenn ich ausgeschimpft werde oder Mama und Papa sich streiten, dann wünsche ich mir, an einem Ort zu sein, wo es all das Schlimme nicht gibt. Ob der Himmel so ein Ort ist?
„Da braucht Gott aber ein großes Taschentuch“, fällt Lasse ein, „wenn er alle Tränen abwischen wird!“
Mama lacht. „Ja, das glaube ich auch. Aber ich denke, das Taschentuch von Gott wird groß genug sein.“
Vielleicht male ich das. Ein großes Taschentuch, das ein Gesicht voller Tränen abwischt. Obwohl … dann könnten die anderen denken, ich wäre der mit den Tränen. Und dann halten sie mich für einen Waschlappen. Ich seh schon: Das mit dem Malwettbewerb wird richtig schwer.
4
Wie zu erwarten sprechen wir am nächsten Tag in Religion über das Bild „Christus am Kreuz“, das wir gestern schon in der Ausstellung gesehen haben. Herr Jung, der unser Religionslehrer ist, zeigt uns das Bild über Beamer an der Wand. Wir sollen sagen, was wir erkennen und was das wohl alles bedeuten könnte. Die Schüler zählen auf, was mir auch schon aufgefallen ist: Jesus am Kreuz, die drei Männer auf der einen Seite, der nackte Mann auf der anderen Seite, die Monster unter den Füßen von dem Nackten, der Blutstrahl.
Herr Jung erklärt, dass der nackte Mann auf der linken Seite auch Jesus sein soll. Obwohl auf demselben Bild auch Jesus am Kreuz zu sehen ist. Also zweimal Jesus auf einem Bild: einer am Kreuz, wie er stirbt, und einer, der wieder auferstanden ist. „Mit seinem Tod und der Auferstehung hat Jesus ein für alle Mal den Tod besiegt“, erklärt Herr Jung. „Die beiden Gestalten auf dem Boden, die ihr als Monster bezeichnet habt, sollen der Tod und die Sünde sein. Das, was uns von Gott trennt. Unsere Welt, in der wir leben, ist voller Dinge, die uns das Leben schwer machen: Streit, Angst, Hass, Gemeinheiten. Alles das ist mit dem Wort ‚Sünde‘ gemeint. Das trennt uns von Gott. Eigentlich müssten wir Menschen deswegen für immer weit weg von Gott bleiben. Ewiger Tod sozusagen. Das ist schlimm. Gott hat den Menschen im Alten Testament Gesetze gegeben. Darin hat Gott gezeigt, wie er sich wünscht, dass wir miteinander umgehen: Gott lieben und ehren, unsere Mitmenschen lieben und achten. Nicht stehlen, niemanden ermorden, nicht neidisch oder eifersüchtig sein, gut miteinander umgehen. ‚Wenn ihr euch daran haltet‘, hat Gott gesagt, ‚dann geht es euch gut. Dann bin ich bei euch.‘ Weil in uns Menschen aber Streit, Neid, Eifersucht und so weiter ganz tief drin stecken, brechen wir immer und immer wieder die Gesetze von Gott. Niemand kann so leben, wie Gott das eigentlich möchte. Darum müssten alle Menschen eigentlich von Gott bestraft werden. Mit dem ewigen Tod. Aber schon damals hat Gott angekündigt: ‚Eines Tages werde ich die Strafe für die Schuld aller Menschen auf mich nehmen. Dann werde ich allen ihre Schuld vergeben können.‘ Als Jesus auf der Erde gelebt hat, hat einer über ihn gesagt: ‚Schaut her, dieser Mensch wird die Sünden der ganzen Welt tragen.‘ Jesus hat also die Todesstrafe für die Menschen getragen.“
„Ist ja brutal“, kommt es von Tobias. „Jesus hat nichts Böses gemacht und wird trotzdem bestraft.“
„Ja, das ist es auch.“ Herr Jung nickt. „Aber wir müssen uns bewusst machen: Das Böse in dieser Welt ist so schlimm, das muss bestraft werden. Eigentlich ist das ja auch gut so. Denn wir wünschen uns ja auch, dass das Böse bestraft wird. Wenn euch jemand verletzen oder etwas wegnehmen würde, dann fändet ihr es unfair, wenn derjenige keine Strafe bekäme. Richtig? Und so ist es auch bei Gott. Strafe muss sein. So ist es gerecht. Weil Gott uns Menschen aber so sehr liebt, hat er die Strafe nicht uns auferlegt, sondern selbst getragen. Jesus hat einmal gesagt: ‚Der Vater und ich sind eins.‘ Als Jesus gestorben ist, hat Gott also selbst die Strafe getragen. Das Blut von Jesus bezahlt die Schuld für alle Menschen.“
„Ist das das Blut, das da durch die Gegend spritzt?“, fragt Sofie.
„Ja, genau.“ Herr Jung zeigt auf den Blutstrahl. „Seht ihr auch, wohin das Blut spritzt?“
„Ja, auf den Alten in der Mitte von den drei Männern!“, meldet sich Sarah.
„Richtig. Dieser alte Mann ist der Maler selbst. Er hat sich mit in das Bild gemalt und damit deutlich gemacht: Ich habe verstanden, dass das, was Jesus hier getan hat, auch für mich gilt. Jesus ist nicht nur ganz allgemein für alle Menschen gestorben, sondern auch für mich ganz persönlich.“
„Selbst schuld.“ Raul hat seine Arme verschränkt. „Für jemanden zu sterben, der eigentlich bestraft werden müsste, obwohl man selbst nichts gemacht hat. So was würde mir nie einfallen.“
Herr Jung schmunzelt. „Klar. Dir würde das nicht einfallen. Ich glaube, niemand von uns wäre bereit, für einen anderen zu sterben. Außer, man hat denjenigen sehr, sehr, sehr lieb.“
„Für meine Schwester würde ich alles tun!“, ruft Jonathan dazwischen. „Die ist mir das Wichtigste auf der Welt!“
Herr Jung zieht die Augenbrauen hoch. „Auch sterben?“
Jonathan kratzt sich am Kopf. „Das weiß ich nicht. Aber das muss ich ja auch nicht, denn meine Schwester macht ja nie was Böses. Schon gar nichts, wofür einer sterben müsste.“
„Ja, normalerweise muss niemand von uns sein Leben für einen anderen einsetzen. Aber ich glaube, es ist trotzdem deutlich geworden, wie sehr Gott uns liebt. Er ist nicht nur grundsätzlich bereit, alles für uns zu tun. Er hat wirklich alles für uns getan. Er hat sich quälen lassen, damit wir gerettet sind. Das hat der Maler verstanden.“
„Ist das dann die Botschaft der Bibel?“, traue ich mich zu fragen.
„Ja“, antwortet Herr Jung. „Für uns Christen ist das die wichtigste Botschaft der Bibel.“
„Dann kann ich das ja malen!“, sage ich.
„Ja. Wenn du das verstanden hast und es für dich ebenso wichtig ist, dann kannst du genau das malen.“
„Auch wenn es eigentlich nur abgemalt ist?“ Herr Jung lächelt. „Ich glaube nicht, dass es jemand als abgemalt bezeichnen würde, wenn du das darstellst, was auch vielen anderen wichtig geworden ist.“
Na gut, denke ich. Jesus am Kreuz – das krieg ich noch hin.
Beim Mittagessen erzählt mir Lasse, dass Sina, die Schwester von Jonathan, das schönste Bild von der ganzen Welt gemalt hat: „Eine Wiese und darauf tanzen sie und ihr Bruder. Und die Sonne scheint und alles ist wunderschön! Sina hat gesagt, das ist zwar keine Geschichte aus der Bibel, aber in der Bibel wird ja auch vom Himmel erzählt. Und so stellt sich Sina den Himmel vor: dass sie wieder laufen und mit ihrem Bruder spielen kann. Das ist toll, was?“
„Das ist das Bild von Jonathan“, entfährt es mir sofort. „Genau so ein Bild hat Jonathan gestern im Kunstunterricht gemalt.“
„Ja? Meinst du?“ Lasse legt die Stirn in Falten. „Also, ehrlich gesagt, habe ich mich auch ein bisschen gefragt, wie sie das so schön hinbekommen hat. Denn wenn wir Buchstaben schreiben sollen, kann sie den Stift kaum halten. Es gelingt ihr nur, wenn Frau Beckmann, die immer neben ihr sitzt, hilft. Und trotzdem schreibt sie sehr groß und krumm.“
„Klarer Fall: Jonathan hat das Bild gemalt“, sage ich. „Agentenschule, Klasse eins.“
„Dann ist das aber unfair!“, empört sich Lasse.
Ich nicke langsam. „Wenn das wirklich stimmt, finde ich das auch.“
Am nächsten Morgen versuche ich Jonathan noch vor der ersten Stunde zu erwischen. Ich finde ihn, als er gerade vom Lehrerparkplatz kommt. Im Hintergrund sehe ich, wie Herr Hohmann seine Aktentasche aus dem Kofferraum seines Autos holt. Ob Jonathan gerade mit dem Rektor gesprochen hat? Ich spreche ihn sofort an: „Sag mal, kann es sein, dass du deiner Schwester das Bild für den Wettbewerb gemalt hast?“
Jonathan ist bemüht, unschuldig auszusehen, aber sein fettes Grinsen verrät ihn: „Wieso?“
„Weil mein Bruder davon erzählt hat!“
„Dein Bruder? Woher will der denn wissen, ob ich Sinas Bild gemalt habe?“
„Weil er und deine Schwester in dieselbe Klasse gehen! Und er hat gestern erzählt, welches Bild Sina abgegeben hat. Da war mir klar, dass das genau das Bild ist, das du am Dienstag in Kunst gemalt hast!“
„Na und?“ Jonathan geht an mir vorbei und schlendert über den Schulhof in Richtung Eingang. „Ich darf das.“
Ich hole ihn ein und gehe neben ihm her. „Wieso darfst du das?“
„Weil meine Schwester ihre Hände nicht so gut bewegen kann!“
„Deshalb darfst du für sie das Bild malen?“
„Ich habe eben gerade Herrn Hohmann gefragt, ob es in Ordnung ist, wenn man seinen jüngeren Geschwistern ein bisschen hilft.“
„Und da hat er Ja gesagt?“
„Na ja, zuerst nicht. Aber dann habe ich erzählt, dass meine Schwester Schwierigkeiten mit ihren Händen hat. Und dann hat er mit den Augen gezwinkert und gesagt: ‚Du bist ein guter Bruder. Tu, was du meinst, und wir tun so, als hätte dieses Gespräch niemals stattgefunden.‘“
„Aber das ist ja dann unfair!“, platzt es aus mir heraus.
„Wieso?“, empört sich Jonathan. „Nur, weil ich meiner Schwester helfe?“
„Wenn Sina den Wettbewerb gewinnt, nur weil du ihr geholfen hast, dann hat ja eigentlich nicht sie gewonnen, sondern du!“
Jonathan winkt ab. „Quatsch. Das Bild gewinnt doch sowieso nicht. So toll ist das nun auch wieder nicht.“
„Mein Bruder war total begeistert.“
Jonathan grinst. „Echt?“ Wir sind an der Eingangstür angekommen und bleiben in der Nähe von einem der Sicherheitsmänner stehen. „Vorgestern habe ich Sina mein Bild gezeigt und ihr erzählt, was ich glaube: dass wir beide im Himmel zusammen spielen können, weil sie dann gesund ist. Da hat sie sich so gefreut und hat gesagt, ich soll ihr auch so ein Bild malen. Denn das wäre auch genau das, was sie glauben würde und überhaupt könnte sie ja selbst gar nicht so gut malen und sie könnte mit ihrem Körper ja sowieso nie irgendwo gewinnen und so weiter. Da habe ich ihr das Bild geschenkt.“
„Aber das ist ja dann eigentlich Betrug“, gebe ich zu bedenken.
Einer der Sicherheitsleute dreht sich zu uns um: „Wie bitte?“
Ich hebe kurz meine Hand: „Nichts. Keine Angst. Kein schlimmer Betrug. Nur ein Kinder-Betrug!“
Jonathan packt mich am Ärmel und zieht mich von dem Sicherheitsmann weg. „Deswegen bin ich doch gerade bei Herrn Hohmann gewesen und habe ihn gefragt. Wenn er Nein gesagt hätte, dann hätte ich mir das Bild von Sina zurückgeben lassen.“
„Aber heute ist Abgabetermin. Heute Nachmittag ist die Auswertung, morgen wird der Gewinner bekannt gegeben! Da kannst du dir nichts mehr geben lassen!“
Jonathan grinst breit. „Da kann ich ja froh sein, dass Herr Hohmann ein Auge zugedrückt hat, was?“ Und damit geht er ins Schulgebäude rein und lässt mich auf dem Schulhof zurück.
5
Am Freitag versammeln sich wieder alle in der Turnhalle. Wieder sind die Erstklässler dabei. Wieder reißt sich Lasse die Arme beim Winken aus, als er mich sieht. Und wieder hat Jonathan für Sina einen Platz in der ersten Reihe freigehalten.
An ungefähr tausend Stellwänden am Rand der Turnhalle entlang hängen aus jedem Jahrgang die schönsten Bilder. Meins hängt nicht dabei. Ich habe am Mittwochnachmittag schnell noch einen Jesus am Kreuz gemalt. Daneben habe ich auch einen Jesus gemalt, der auferstanden ist. Mein Jesus war allerdings nicht nackt, sondern trug ein Kleid, wie ich es aus meiner Kinderbibel kenne. Und ich habe gedacht, ich mache es mal besonders gut: Ich habe rechts neben das Kreuz einen Jungen gemalt, der zu Jesus schaut. Das soll ich sein. So wie der Maler von damals sich auch selbst mit ins Bild gemalt hat. Und oben vom Himmel kommt ein überdimensionales Taschentuch herunter, um alle Tränen abzuwischen. Damit habe ich den Gedanken von Mama auch noch mit gemalt. Der hat mir gut gefallen. Als mein Bild fertig war und ich es mir angeschaut habe, habe ich gedacht: Ja, das drückt das, was ich glaube, ganz gut aus: Jesus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben. Auch für mich. Und irgendwann, wenn diese Welt zu Ende ist, trocknet Gott meine Tränen ab und alles Heulen, alle Eifersucht, alles Anstrengende ist vorbei. Darauf freue ich mich. Anscheinend habe ich die Jury aber nicht überzeugt. Denn mein Bild hängt, wie gesagt, nicht dabei.
Endlich geht die Veranstaltung los. Herr Hohmann und die Kunstlehrer der beiden Schulen überschlagen sich eine Viertelstunde lang in Lobes- und Dankesreden über die tollen, tollen Bilder, die die Schüler gemalt haben. „Eins schöner als das andere!“, betont Herr Hohmann. Das kann ich kaum glauben, denn so schön, dass es aufgehängt wird, ist meins ja offensichtlich nicht.
Dann werden die Preise verliehen. Jahrgangsweise. Immer fünf pro Jahrgang. Also fünf Preise in Klasse eins, fünf Preise in Klasse zwei und so weiter. Bis zur zehnten Klasse. Mit Klasse eins fängt es an. Lasse hat keinen Preis gewonnen. Die Kinder der Plätze fünf bis zwei kenne ich nicht. „Und auf dem ersten Platz ist“, Herr Hohmann macht eine lange Kunstpause und löst dann das Rätsel endlich auf, „Sina Bingel!“
Die Kinder der ersten Klasse springen auf vor Jubel. Auch Jonathan reißt auf seinem Platz die Arme in die Luft. Als Frau Aust das Bild von Sina in der Hand hält, um es allen in dieser Halle zu zeigen, höre ich, wie einige aus meiner Klasse tuscheln: „Das ist doch das Bild von Jonathan!“ – „Das hat doch Jonathan gemalt!“ – „Hey, Jonathan! Dein Bild!“
Es geht mit der zweiten, dritten und vierten Klasse weiter. Dann kommt die fünfte Klasse dran. Auf dem fünften Platz ist Sofie. Die Plätze vier bis eins gehen an Schüler aus der Klasse 5b. Von mir aus. Ab Klasse sechs schaue ich unentwegt auf die Uhr. Mir ist langweilig. Und die Verleihung des Schulsiegers interessiert mich auch nicht wirklich, denn da niemand aus unserer Klasse auf Platz eins im fünften Schuljahr ist, wird wohl auch keiner von uns Gesamtsieger. Dann endlich verkündet Herr Hohmann den Hauptpreis: hundert Euro bar auf die Hand und ein Eisessen für die ganze Klasse am kommenden Montagnachmittag bei Herrn Hohmann. „Natürlich können wir bei einem Gesamtsieger nicht das Bild der Erstklässler und der Zehntklässler gleichberechtigt nebeneinander legen“, erklärt Herr Hohmann. „Darum haben wir genau überlegt, bei welchem der Bilder ist es für das Kind dieser Jahrgangsstufe besonders gut gelungen?“ Und bla, bla, geht die Rede noch weiter und natürlich haben eigentlich alle gewonnen und dabei sein ist alles und so weiter. Aber dann endlich holt Herr Hohmann feierlich Luft und beginnt: „Und der Gewinner ist …“ Er macht es wieder sehr spannend, „… vielmehr die Gewinnerin …“ Er hält die Luft an, wirbelt die Arme nach oben und brüllt: „Sina Bingel!“
Tosender Applaus. Die Kinder aus Lasses Klasse springen von den Stühlen auf und schlagen Purzelbäume auf dem Boden. Jonathan jubelt ebenfalls. Kann ich mir denken. Immerhin ist es ja eigentlich sein Bild, das gewonnen hat. Die Schüler in meiner Klasse klatschen nicht so wild wie die anderen. Sie stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. Ich kann mir auch denken, was die reden.
„Du hast beim Wettbewerb betrogen!“, schimpft Bea mit Jonathan, sobald wir wieder zurück im Klassenraum sind. „Wir hätten Sieger werden können, wenn du dein Bild für unsere Klasse abgegeben hättest und nicht für das erste Schuljahr!“
„So ein Quatsch!“, tobt Jonathan. „Meine Schwester kann keine Bilder malen! Da kann ich ihr doch wohl helfen!“
„Du hast aber nicht geholfen“, plärrt Bea, „du hast das Bild komplett selbst gemalt!“
Herr Jung kommt zur Klasse herein und will wissen, was hier los ist. Bea erklärt Herrn Jung ihre Sicht der Dinge: Jonathan hat so ein schönes Bild gemalt, aber er hat es seiner Schwester gegeben und die hat damit den ersten Preis der Schule gewonnen. Das findet sie unfair.
Herr Jung bittet Jonathan, die Sache aus seiner Sicht zu erzählen. Bei ihm klingt das alles viel harmloser: Nicht er habe das Bild seiner Schwester geschenkt, meint er. Seine Schwester sei traurig gewesen, weil sie meinte, sie könne nie mal etwas gewinnen. Also habe er ihr sein Bild überlassen. Er hängt so an seiner Schwester und er kann es nicht ausstehen, wenn sie traurig ist. Und sie hat doch schon so viele Nachteile in ihrem Leben. Er konnte ja nicht ahnen, dass Sina wirklich den ersten Preis der ganzen Schule bekommt. Außerdem hat er Herrn Hohmann gefragt, ob es in Ordnung ist, wenn man seinen Geschwistern hilft. Und der hat im Fall von Sina eine Ausnahme gemacht.
Herr Jung schaut in die Klasse: „Tja. Was meint ihr? Wie sollen wir damit umgehen? Sollen wir Herrn Hohmann und Frau Aust erklären, wie das Bild von Sina entstanden ist? Oder sollen wir uns einfach so über den Sieg von Sina freuen, der eigentlich der Sieg von Jonathan ist?“
„Mir tut Sina leid“, sagt Mimi. „Ich finde, sie soll den Preis behalten.“
„Nein!“, protestiert plötzlich Jonathan und springt von seinem Stuhl auf. „Das ist richtig doof! Wenn Sina eins hasst, dann ist es, wenn jemand sagt, dass sie ihm leid tut! Sie braucht oft genug Hilfe, das stimmt. Aber sie will nicht, dass man ihr aus Mitleid hilft. Und erst recht nicht, dass man ihr etwas Böses nachsieht. Wenn ihr alle meint, dass das nicht richtig war, dann gehe ich heute Nachmittag oder morgen mit Sina zu Herrn Hohmann und sage, dass wir geschummelt haben.“
„Aber du hast ihr doch auch aus Mitleid geholfen“, hakt Mimi nach. „Das hast du doch gerade erzählt.“
„Nein, nicht aus Mitleid.“ Jonathan schaut in der Klasse hin und her, als suchte er dort nach den richtigen Worten. „Wenn ein großer Bruder seiner jüngeren Schwester hilft, weil die nicht so gut zurechtkommt … egal, ob sie im Rollstuhl sitzt oder nicht … dann ist das doch kein Mitleid. Dann tut er es doch aus … aus …“ Er überlegt, er ringt nach Worten.
„… aus Liebe“, beendet Deborah seinen Satz.
Jonathan schaut zu Boden und wird ein bisschen rot. „Genau. Aber das klingt so kindisch.“
„Das ist nicht kindisch“, widerspricht Deborah. „So ist das doch bei mir und meinen jüngeren Geschwistern auch. Denen helfe ich, weil ich sie lieb habe. Und meine großen Geschwister helfen mir, weil sie mich lieb haben. Und Gott hilft uns, weil er uns lieb hat. Nicht weil er uns bemitleidet.“ Sie schaut Herrn Jung an. „Oder?“
„Klar“, stimmt er zu. „Das sehe ich genauso. Aber was heißt das für uns als Klasse und für den Gewinn von Sina oder Jonathan? Sollen wir es auf sich beruhen lassen?“
Tobias lehnt sich mit dem Stuhl zurück. „Wir können ja alle zusammen zum Eisessen zu Herrn Hohmann gehen!“
„Au ja!“, rufen einige und jubeln schon los.
„Na, ob die alle in sein Wohnzimmer passen?“, lacht Herr Jung.
Tobias sitzt wieder gerade auf seinem Stuhl: „Klar! Sina und Jonathan haben das Bild zusammen gemalt, das hat Jonathan vorhin erzählt. Also haben sie zusammen gewonnen. Die hundert Euro darf sie von mir aus behalten. Aber so ein Eisessen wäre schon cool!“
Wieder rufen einige durch die Klasse, dass sie diese Idee gut finden.
„Was haltet ihr von folgendem Vorschlag“, sagt Herr Jung, „ich spreche am Wochenende mit Frau Aust. Dann laden wir sie am Montag mit ihrer Klasse zu uns in die Deutsch-Stunde ein und feiern zusammen. Die Erstklässler zeigen uns ihre Bilder, wir zeigen ihnen unsere Bilder. Jonathan und Sina können allen erklären, wie ihr gemeinsames Bild entstanden ist. Und dabei essen wir alle zusammen Eis, das Frau Aust und ich besorgen.“
Alle in der Klasse reißen die Arme nach oben und jubeln, als wäre Deutschland Weltmeister geworden. Herr Jung hat einfach die besten Ideen.
6
Am Montag in der zweiten Stunde kommen tatsächlich die Erstklässler in unsere Klasse. Bea und Jonathan haben dafür gesorgt, dass genügend Stühle im Raum sind. Alle können Platz nehmen. Vorne auf dem Lehrerpult stehen mehrere Packungen Eis. Mir läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen.
Als Lasse mich sieht, rennt er sofort auf mich zu und blökt: „Das ist cool, dass wir bei euch sind, was? Wer ist denn eigentlich der Bruder von Sina?“
„Jonathan“, sage ich und zeige auf den Jungen, der heute zufällig neben mir sitzt.
„Du bist das?“, fragt Lasse begeistert.
Jonathan nickt. „Ja, warum?“
„Danke für das Eis!“, strahlt Lasse. „Malst du mir auch so ein schönes Bild wie das für Sina?“
Jonathan grinst: „Ja, kann ich machen.“
„Kommst du heute Nachmittag zu uns nach Hause?“
„Ich denke, ihr seid bei Herrn Hohmann zum Eisessen.“
„Ach ja, richtig!“ Lasse klatscht sich an die Stirn und lacht laut los. „Dann komm doch trotzdem. Du kannst vorher mit dem Lego Star Wars von meinem Bruder spielen, und wenn ich nach Hause komme, malst du mir ein Bild!“
Jonathan reißt die Augen auf und schaut mich an: „Cool, du hast Lego Star Wars?“
„Ja.“
„Sollen wir heute zusammen Lego Star Wars spielen?“
„Ja, von mir aus.“ Ich habe viel zu selten Leute aus der Klasse zu Besuch. Das wäre heute eine gute Gelegenheit. Aber dass Lasse meint, er kann darüber bestimmen, wer mit meinem Lego spielen darf, passt mir eigentlich nicht.
„Super!“, freut sich Lasse und sucht sich einen freien Platz im Klassenraum.
Herr Jung begrüßt unsere Gäste und erzählt, was wir am Freitag hier besprochen haben und warum wir finden, dass eigentlich ein bisschen auch Jonathan gewonnen hat. Frau Aust fügt hinzu, Sina habe ihr heute Morgen gesagt, sie wolle die hundert Euro gar nicht für sich behalten, sondern für die Klassenkasse spenden. „Und zwar fünfzig Euro für eure Klasse und fünfzig Euro für unsere Klasse“, sagt sie fröhlich.
Alle klatschen begeistert.
Auch Herr Jung freut sich: „Da können wir uns ja noch in Ruhe überlegen, was wir uns von diesem Geld kaufen wollen.“
Lasse streckt seinen Finger in die Luft und zappelt auf seinem Stuhl.
Herr Jung nimmt ihn dran: „Hast du schon eine Idee?“
„Nein“, antwortet Lasse. „Ich wollte fragen, ob ich mal zur Toilette gehen darf!“
Alle lachen laut.
„Hat das auch Zeit bis zur Pause?“, schmunzelt Herr Jung. „Heute Morgen vor Unterrichtsbeginn hat Herr Hohmann uns Lehrer noch mal extra darauf hingewiesen, wir sollen darauf achten, dass während der Schulstunden niemand durch die Flure rennt. Der Sicherheitsdienst muss jedes Mal nachschauen, wenn einer durch die Ausstellungshalle läuft, wer das ist und was er dort will. Es reicht ihnen, dass in den Pausen dort so ein großes Gedränge ist. Darum hat er uns ausdrücklich gesagt, dass alle in den Klassen bleiben sollen.“
„Na gut“, sagt Lasse. „Dann mache ich in die Hose.“
Herr Jung lacht. „Na, wenn es gar nicht anders geht, dann musst du eben mal schnell zur Toilette flitzen.“
Lasse springt von seinem Stuhl auf. „Okay! Und wissen Sie, Herr Lehrer, ich kann so heimlich durch den Flur schleichen, dass mich niemand erwischt. Nicht die Wachleute und nicht der Herr Dings.“
„Herr Hohmann“, berichtigt ihn Herr Jung.
Lasse legt kurz seinen Finger auf den Mund: „Wie noch mal?“
„Hohmann.“
„So heißt der Rektor?“
„Ja.“
„Bei dem wir heute Nachmittag Eis essen?“
„Ja.“
Lasse kichert. „Ein lustiger Name. Bestimmt heißt er so, weil er vor lauter Arbeit immer ‚Oh Mann!‘ sagen muss!“
Herr Jung lächelt. „Das kann sein. Er heißt aber nicht Ohmann, sondern Hohmann. Vielleicht sagt er ja beim Arbeiten immer ‚Hoh Mann!‘“
Lasse lacht laut. „Sie sind lustig! ‚Hoh Mann!‘ sagt doch keiner!“
„Alles klar“, drängt Herr Jung. „Dann lauf mal los, ohne dich erwischen zu lassen. Weißt du, wo unsere Toiletten sind?“
„Nein, nicht so richtig. Aber mein Bruder Ben kann ja mitkommen und es mir zeigen. Ja, Ben?“
Ich werde knallrot.
Herr Jung sieht mich an: „Von mir aus. Aber beeilt euch bitte.“
Ich seufze und gehe mit Lasse vor die Tür. Ausgerechnet jetzt, wo es Eis gibt, muss kein anderer aufs Klo als mein kleiner Bruder. War ja klar. Wir müssen uns echt beeilen, sonst essen die alles ohne uns auf. Wir gehen den Flur entlang. Alles ist still und leer. Hier ist wirklich keiner unterwegs, wie es Herr Hohmann angeordnet hat. Dann kommen wir an der Ausstellung in der Eingangshalle vorbei. Irgendetwas ist anders, denke ich im Vorbeigehen. Hängen die Bilder in einer anderen Reihenfolge? Egal. Wir haben keine Zeit und gehen so schnell wie möglich zu den Toiletten. Lasse verschwindet in einer der Toilettenzellen. Ich höre, wie der Klodeckel nach hinten gedonnert wird, kurz darauf ein Strullern und von Lasse ein tief seufzendes: „Aaaaaaaaaah.“
Ich gehe in dem kleinen Flur vor den Zellen auf und ab und warte, bis Lasse fertig ist. Durch das kleine Klofenster sehe ich, wie die Wolken recht schnell am Himmel entlangziehen. Draußen ist es sehr windig. Den gepflasterten Weg hinter der Schule kann ich nicht erkennen, weil das Fenster höher angebracht ist als mein Kopf. Ist ja auch richtig so, denn niemand will, dass jemand von außen reinschauen kann, wie man hier pinkelt. Außerdem ist draußen sowieso nichts Besonderes zu sehen, denn das Fenster geht nicht nach vorne zum Schulhof, sondern nach hinten. Ich schaue mir die Wolken an und warte, bis Lasse fertig ist.
Plötzlich sehe ich, wie etwas großes Braunes von oben am Fenster vorbei nach unten fällt. Fallen da etwa schon vor lauter Sturm die Backsteine von der Schule? Ich gehe ans Fenster. Das Fensterbrett ist so hoch, dass ich mit meinen Händen gerade so eben dran komme. Aber wenn ich mich fest daran klammere und mit den Füßen an der Wand hochlaufe, kann ich mich so weit hochziehen, dass ich mich mit den Unterarmen auf dem Fensterbrett abstützen kann. Vor dem Fenster steht ein Lieferwagen von einer Reinigungsfirma. Ein Eimer und ein Putzlappen sind auf der Seite aufgemalt, „Putz und Blitz“ steht in blauen Buchstaben daneben. Zwei Männer in weißen Latzhosen stehen davor. Der eine hält ein braunes Päckchen in der Hand, fast so groß wie eine Tischplatte, und legt es hinten in den offenen Wagen. Ich glaube, das ist das, was da gerade heruntergeworfen wurde. Was ist das? Eine Schranktür? Was Putzleute alles sauber machen müssen … Der andere Mann schaut nach oben und gibt mit erhobenem Daumen ein Zeichen, dass das Paket ohne Schaden unten angekommen ist. Dann steigen die Männer ins Auto und starten den Motor.
In diesem Augenblick kommt Lasse aus seiner Zelle: „Was guckst du da, Ben? Bist du neugierig?“
„Ich gucke gar nichts.“ Ich lasse mich von der Fensterbank gleiten und springe auf den Boden. „Die Putzfirma hat ihr Auto beladen und fährt weg.“
Lasse grinst. „Und das findest du spannend?“
„Spannender als dir beim Pinkeln zuzuhören.“ Ich gehe auf die Ausgangstür zu und zeige auf das Waschbecken. „Hände waschen nicht vergessen.“
Als wir durch die große Halle gehen, um zurück zu meiner Klasse zu gelangen, weiß ich plötzlich, was sich verändert hat: Das teure Bild hinter der Glasscheibe hängt nicht mehr da. Die Scheibe ist noch wie vorher an der Wand angebracht. Das Bild dahinter fehlt. Sicher wurde es in ein extra Geheimversteck gebracht, damit ihm hier nichts passiert.
„Schau mal, Ben“, ruft Lasse auch gleich. „Da fehlt ein Bild!“
„Ja, das ist mir auch gerade aufgefallen“, sage ich.
„Ist das geklaut?“
„Ja“, gebe ich zurück. „Ich habe es in meine Schultasche gesteckt. Aber sag’s keinem weiter.“
Lasse bleibt stehen und haut sich erschrocken auf den Mund. „Wirklich?“ Er legt seinen Kopf schief. „Aber das Bild ist doch viel zu groß für deine Schultasche!“
„Das war ein Witz, Lasse. Ich weiß nicht, wo das Bild ist. Wahrscheinlich hat es jemand abgehängt, damit morgen eure wertvollen Gemälde vom Malwettbewerb dort aufgehängt werden können. Die sind ja jetzt auch mehrere Millionen Euro wert.“
Lasse grinst und setzt sich wieder in Bewegung. „Das kann natürlich sein, Ben. Boah, das wird klasse! Alle aus der Schule werden vor unseren Bildern stehen und staunen! Und damit sie keiner klaut, hängen sie hinter Glas! Was für eine tolle Idee!“
Ich schüttle den Kopf und gehe auf meine Klasse zu. Während ich die Tür öffne, sehe ich am Ende des Flures, wie Herr Merkendorf, unser Hausmeister, mit einer Leiter in der Hand aus dem Werkraum kommt. Von wegen, niemand darf sich im Flur aufhalten.
7
Zum Glück haben die anderen gerade erst mit dem Eisessen begonnen, als wir zurück in den Klassenraum kommen. Wir bekommen also auch noch unsere Portion. Herr Jung ist gerade dabei, unsere gemalten Bilder zu loben: „Ich staune über so viele gute Ideen. Das zeigt mir, dass in jedem von euch schon ein guter Gedanke über Gott steckt. Wenn wir also über Gott reden und über das, was wir tief in unserem Herzen glauben, dann müssen wir nicht bei null anfangen. Jeder von uns hat einen Glauben. Und es ist gut, wenn wir miteinander darüber ins Gespräch kommen.“
Gerade will Herr Jung auf eins der Bilder zeigen, als wir von draußen aus der Halle einen schrillen und lauten Schrei hören. Alle in der Klasse erschrecken und schauen zur Tür. Drei Sekunden halten alle die Luft an. Auch Herr Jung und Frau Aust. Dann beginnen einige Mädchen zu schreien und alle anderen tuscheln laut und aufgeregt miteinander. Dann höre ich eine Frauenstimme, die hysterisch kreischt: „Herr Hohmann! Herr Hohmann!“
„Los, wir müssen nachschauen!“, brüllt Tobias und erhebt sich schon von seinem Stuhl.
Herr Jung beruhigt ihn: „Nein, das müssen wir nicht.“ Trotzdem geht er mit schnellen Schritten auf die Klassenzimmertür zu und schließt sie ab. Er legt sein Ohr an die Tür und lauscht, dann geht er wieder nach vorne zur Tafel und atmet einmal tief ein und aus. „Wenn dort draußen etwas Gefährliches passiert, dann ist es umso wichtiger, dass wir hier in der Klasse bleiben. Und wenn draußen nichts Gefährliches und auch nichts Schlimmes passiert, dann gibt es keinen Grund für uns, warum wir nach draußen gehen sollten. Wenn etwas geschehen ist, das uns alle angeht, werden wir sicher später darüber informiert. So, und jetzt esst in Ruhe euer Eis zu Ende.“
Damit sind alle einverstanden. Trotzdem fühlen wir uns merkwürdig in einer Klasse mit abgeschlossener Tür. Was geht hier vor sich?
In der großen Pause spricht sich schnell herum, was hier passiert ist: Das kostbarste und teuerste Bild ist in der vergangenen Schulstunde gestohlen worden. Obwohl vor der Schule und in der Halle ohne Unterbrechung der Sicherheitsdienst auf und ab gegangen ist, ist das Gemälde, das heute Morgen noch hinter Glas gehangen hat, verschwunden. Vor der leeren Glasscheibe steht eine dicke Traube von Schülern, die sich das alles ganz genau anschauen wollen und unzählige Geschichten darüber erzählen, wer hier angeblich was gesehen und gehört und erfahren haben will. Ein paar Lehrer drängen die Schüler immer wieder von der Bildergalerie zurück, aber sie haben keine Chance. Es werden immer mehr Schüler, das Gedränge wird immer stärker.
Herr Hohmann kommt zusammen mit zwei Polizisten in die Halle. Hinter ihnen kommt Frau Schwan, die Schulsekretärin, hergeklackert und drückt einen Stapel Ordner an ihre Brust. „Macht Platz! Macht sofort Platz!“, höre ich den Rektor rufen, während er grob die ersten Schüler zur Seite schiebt. Die Menge teilt sich. Schüler springen nach rechts und links zur Seite. Herr Hohmann drängt sich bis direkt vor die große Scheibe, hinter der heute Morgen noch „Venus und Amor als Honigdieb“ hing. „Da!“, sagt er fassungslos zu den beiden Polizisten und zeigt auf die Scheibe. „Es ist einfach weg. Und die Scheibe ist verschlossen wie immer.“
Einer der Polizisten fasst an den Rand der Scheibe und rüttelt daran. Sie bewegt sich nicht.
Herr Hohmann dreht sich zu seiner Sekretärin um. „Wer hat alles einen Schlüssel für diese Verglasung?“
„Ich weiß nicht.“ Frau Schwan hat die Augen weit aufgerissen. „Herr Merkendorf?“
„Der Hausmeister?“
„Ja.“
„Wer noch?“
„Na ja“, Frau Schwan drückt mit einem Finger ihre Brille an die Stirn. „Sie natürlich.“
„Ich.“ Herr Hohmann schaut kurz die beiden Polizisten an, dann wieder Frau Schwan. „Wollen Sie mir damit etwa unterstellen, dass ich das Bild gestohlen hätte?“
Frau Schwan erschrickt. „Selbstverständlich nicht, Herr Direktor. Aber Sie wollten doch wissen, wer einen Schlüssel hat. Und immerhin haben Sie einen Schlüssel.“
„Ach so. Ja. Richtig.“ Herr Hohmann kratzt sich am Kinn. „Und wo befindet sich der Schlüssel, den ich zu dieser Verglasung habe?“
„Normalerweise in der obersten Schulbade Ihres Schreibtisches, Herr Direktor.“
„Normalerweise? Was heißt das? Wo befindet er sich denn augenblicklich?“
„Ich weiß es nicht, Herr Direktor. Ich dachte, er liegt da immer noch.“
„Sie dachten das. Aha.“ Plötzlich wird er laut: „Dann schauen Sie gefälligst nach, ob er dort immer noch liegt!“
Frau Schwan drückt sich erschrocken die Brille gegen die Stirn. „Selbstverständlich.“ Sofort dreht sie sich um und klackert durch die Halle bis zur Treppe und verschwindet nach oben.
Einer der Polizisten schaut sich das Glas näher an: „Seltsam, dass der Alarm nicht ausgelöst wurde.“
„Das finde ich allerdings auch“, sagt Herr Hohmann und wirft einen kritischen Blick in die Menge der Schüler. „Wer von euch hat etwas gesehen oder bemerkt?“
Lasse steht ganz in der Nähe von Herrn Hohmann. Er streckt seinen Zeigefinger: „Wir konnten ja nichts bemerken, denn wir durften ja nicht die Klasse verlassen.“
„Das stimmt natürlich.“ Herr Hohmann fasst sich an seine Krawatte und fummelt an ihr herum, als wollte er den Knoten lockern. In diesem Augenblick erkennt er Lasse vor sich, über den er letzte Woche so gelacht hat. Sofort schmunzelt er und legt Lasse die Hand auf den Kopf. „Das hast du gut herausgefunden, kleiner Agent.“ Er beugt sich leicht nach vorne. „Und jetzt brauchen wir die Hilfe von richtigen Agenten wie dir. Hast du denn etwas Verdächtiges bemerkt?“
„Leider nein. Aber wissen Sie, Herr Ohmann, wir haben uns nicht ganz an die Regel gehalten. Mein Bruder und ich waren vorhin kurz in der Halle. Ich musste ganz dringend aufs Klo und mein Bruder Ben hat mir den Weg gezeigt. Aber da war das Bild schon weg. Hab ich recht, Ben?“
Lasse schaut mich an und klopft mir gegen den Arm. Sofort schaut mich auch Herr Hohmann streng an. Schnell antworte ich: „Ja, das stimmt. Das Bild war schon weg. Zuerst habe ich mich gewundert, aber dann habe ich gedacht, vielleicht ist es einfach weggeräumt worden, damit es nicht gestohlen wird. Oder es hätte ja auch sein können, dass der Besitzer es zurückhaben wollte. Es hätte also ganz viele Gründe geben können, warum das Bild nicht mehr da hängt.“
„Das stimmt“, sagt Herr Hohmann und schaut mich prüfend an. „Wie lange wart ihr in der Halle?“
„Nicht lange“, antworte ich. „Wir sind nur durch die Halle bis zur Toilette gegangen und wieder zurück. Wir sind nicht stehen geblieben und haben nichts gemacht.“
„Wer kann das bezeugen?“
Ich beginne zu schwitzen. Werden wir jetzt verdächtigt, das Bild gestohlen zu haben? „Niemand natürlich! Denn es durfte ja niemand die Klasse verlassen!“
„Das ist richtig“, sagt Herr Hohmann. „Niemand durfte die Klasse verlassen. Und ihr habt sie trotzdem verlassen.“
„Herr Jung hat es uns erlaubt“, mischt sich Lasse ein.
„Herr Jung“, wiederholt Herr Hohmann und runzelt die Stirn. „Aha.“ Plötzlich richtet er seinen Zeigefinger auf mich: „Wisst ihr, wo sich der Schlüssel zu der Sicherheitsscheibe befindet?“
„Natürlich nicht“, brumme ich.
Lasse schlägt mir gegen den Arm. „Na klar wissen wir das, Ben! Der Schlüssel liegt bei Herrn Ohmann in der obersten Schreibtisch-Schublade!“ Er hebt den Zeigefinger und grinst dabei Herrn Hohmann an. „Normalerweise!“
„Spinnst du?“, herrsche ich Lasse an. „Was soll denn Herr Hohmann jetzt von uns denken?“ Meine Lippe bebt, als ich den Schulleiter flehend anschaue. „Wir haben nichts damit zu tun! Wirklich nicht!“
Herr Hohmann zeigt auf Lasse. „Woher weißt du, wo der Schlüssel zu diesem Glas liegt?“
„Das hat die Frau mit den Klackerschuhen doch gerade gesagt!“
„Klackerschuhe.“ Herr Hohmann schmunzelt und tippt mit seinem Zeigefinger Lasse an die Brust. „Da hast du vollkommen recht, Herr Agent.“ Er schaut mich an und lächelt. „Ich weiß doch, dass ihr nichts damit zu tun habt. Ich wollte nur mal eure Fähigkeiten als Agenten testen.“ Wieder tippt er Lasse an die Brust. „Das hast du gut gemacht. Weiter so, Agent Null-Null-Sieben.“
„Agent Lasse“, verbessert Lasse.
Frau Schwan kommt die Treppe herunter geklackert. „Der Schlüssel liegt ordnungsgemäß in der obersten Schublade Ihres Schreibtischs, Herr Direktor!“
„Aha.“ Herr Hohmann fummelt an seiner Krawatte herum. „Wer hat alles Zugang zu meinem Schreibtisch?“
Frau Schwan drückt sich die Brille gegen die Stirn. „Nun ja … so lange der Schreibtisch nicht abgeschlossen ist, könnte jeder die Schubladen öffnen …“
„Und war der Schreibtisch abgeschlossen?“
Frau Schwan lächelt verlegen. „Äh, nein, Herr Direktor.“
Herr Hohmann stemmt seine Hände in die Seiten. „Aha? Und warum nicht?“
„Ich … also … bisher gehörte es nicht zu meinen Aufgaben, Ihren Schreibtisch abzuschließen, Herr Direktor.“
Herr Hohmann geht mit großen Schritten auf die Treppe zu und brüllt dabei laut: „Also hätte es sozusagen jeder in dieser Schule sein können! Jeder Lehrer und jeder Schüler!“ Er bleibt plötzlich stehen und dreht sich zu seiner Sekretärin um. „Wissen Sie, wo der Alarm für das Sicherungsglas ausgestellt wird?“
„Ja, Herr Direktor“, haucht sie unsicher. „An dem Knopf im Tresor im Sekretariat. Das wissen Sie doch!“ „Aha. Und wer hat Zugang dazu?“
„Ähm …“, Frau Schwan sieht sich nach allen Seiten um, „Sie und ich, Herr Direktor … und ähm … alle, die wissen, wo der Schlüssel zum Tresor liegt …“
Herr Hohmann stemmt wütend die Hände in die Seite: „Und wer in diesem Haus weiß, bitteschön, wo der Schlüssel zum Tresor liegt?“
„Soviel ich weiß“, Frau Schwan wischt sich etwas Schweiß von der Stirn, „ist jeder von den Lehrern schon mal am Tresor gewesen … immerhin liegen ja auch die Abschlusszeugnisse darin und so weiter …“
„Jeder?“ Der Schulleiter hebt seinen Zeigefinger bis weit über seinen Kopf. „Jeder?“ Laut brüllt er: „Jeder kann also den Alarm ausschalten und jeder kann die Scheibe öffnen? Das ist ja nicht zum Aushalten!“ Herr Hohmann dreht sich um und geht weiter. Die Polizisten folgen ihm.
Frau Schwan schnauft und wackelt hinterher.
Lasse läuft ihnen nach. „Herr Ohmann! Herr Ohmann!“
Herr Hohmann dreht sich zu Lasse um, beugt sich nach vorne und beginnt sofort wieder zu lächeln. „Was ist denn noch?“ „Können wir denn trotzdem heute Nachmittag zu Ihnen zum Eisessen kommen? Oder fällt das jetzt aus, nur weil ein Böser ein Gemälde gestohlen hat?“ Herr Hohmann streckt seinen Rücken gerade und fummelt am Knoten seiner Krawatte herum. „Öhm“, macht er. Er schaut Frau Schwan an, aber die sagt nichts. Er schaut sich in der Menge der Schüler um und macht noch mal: „Öhm.“ Dann wendet er sich wieder Lasse zu und gewinnt sein Lächeln zurück. „Also … natürlich findet das Eisessen statt. Das habe ich euch doch versprochen. So lange die Polizei hier in der Schule nach Spuren sucht, stehe ich sowieso nur im Weg herum.“ Er grinst, tippt Lasse zweimal an die Stirn, dreht sich dann endgültig um und schreitet die Treppe nach oben.
Lasse kommt zu mir zurück und grinst übers ganze Gesicht. Ich stehe noch wie gelähmt da und bin nass geschwitzt von dem kurzen Moment, in dem ich dachte, ich werde hier des Diebstahls an dem Bild verdächtigt. Erschöpft atme ich aus und schaue Lasse an. „Toll gemacht, Lasse. Um ein Haar hätte er gedacht, wir waren es!“
„Quatsch!“, lacht Lasse. „Der wollte doch nur testen, ob wir gute Agenten sind!“
Ich weiß nicht. Irgendwie fühle ich mich unwohl. Aber ich weiß nicht warum.
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