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Hans Leip
Die getreue Windsbraut
Saga
Ein süß und salzig gemischtes,
durchweg heiteres Buch
teils windiger, teils bräutlicher Geschichten,
mitgeteilt aus der Tafelrunde
„Zum Fröhlichen Haifisch“
zwischen dem Ärmelkanal und
der Biskaya in sieben Abenden
Erster Abend
Kam ein Gast um Mitternacht,
Setzt sich an den Tisch,
Hat dem Nachbarn zugelacht
Und bestellt ihm frisch;
Ist nicht laut und ist nicht stumm,
Rutscht die ganze Reih’ herum,
Weder frech noch eingeschnappt.
Jeder hat ihn lieb gehabt. –
Und wie hieß der Wundersame? –
Freundschaft ist sein Name.
So laßt uns gute Segler sein
Bei Weltenwind und Sonnenwein
Und gute Trinker bis zum Tod!
Auf der Mel d’Iry-Insel zwischen dem Ärmelkanal und der Spanischen Bucht steht nahe dem Hafen Ovrail auf halber Höhe der Felsen ein Wirtshaus. Es heißt zum Fröhlichen Haifisch. Der Wirt ist ein untersetzter, ungewöhnlich breitschultriger, olivhäutiger Mann mit kleinen Augen, die bald den Spitzen stählerner Frittbohrer, bald denen gemütlicher Korkenzieher gleichen, je nachdem er einen Gast oder eine Flasche betrachtet. Sein schwarzes Haar ist geölt, sein Schnurrbart dagegen struppig wie ein Hofbesen, seine Hände haben die Form von Kartoffelschaufeln, aber dennoch sind seine Bewegungen zart, wenn er eine scharfe Sache unter der Tonbank hervorzieht und sie in die bläulichen Schnapsgläser träufelt. Er betreibt letzteres als eigentliches Geschäft, wenigstens der Öffentlichkeit gegenüber, bekümmert sich auch gelegentlich um den gottgesegneten Gemüsebau hinterm Haus, zumal den hübschen Stangenkohl, fährt auch hin und wieder mit auf Fischfang, wenn die Festlandspreise genügend hoch stehen, hat auch Neigung für gestrandete Schiffe, Wrackholz und dergleichen. Aber unter der Hand – und was hätte nicht Platz unter dieser Hand! – treibt er sicherlich ein wenig Schmuggel mit allerlei netten Sachen, die man in Paris ohne Zoll höher bewertet als mit, abgesehen davon, daß manche von abseitigen Kennern begehrten Genüsse selbst mit aller Offenherzigkeit gegen die grünen Nachkommen des Jüngers Matthäus schwer, wenn nicht unmöglich in den fetten Kreislauf des Geldes zu bringen sind.
Der Zollbeamte kannte ihn ganz genau, den Wirt zum Fröhlichen Haifisch, aber die beiden hatten nach anfänglicher unfruchtbarer Aufregung Frieden geschlossen. Eigentlich seit dem Abend, da der Wirt, er hieß Jean Poujell, vor den Augen des schnüffelnden damals noch jungen Zöllners einer soeben gefangenen und lebendigen Ratte den Kopf abbiß und ihn zum offenen Fenster hinausspie.
„So beiße ich!“ lachte Poujell dem Erbleichten ins Gesicht und entblößte seine Oberzähne, und diese bestanden, ein sonderbares Spiel der Natur, aus einer wohlausgebildeten Doppelreihe.
Das Schenkenschild führte seinen Namen also nicht mit Unrecht; manch biederer Maat von den bei schlecht Wetter im Hafen Schutz suchenden Küstenschiffen oder auch größeren, die vor der Biskaya Angst bekommen hatten, spürte es nachdem an seinen leergeschluckten Taschen. Jedoch auch bezüglich der Fröhlichkeit stimmte es; denn Jean Poujell pfiff und sang, obschon gänzlich heiser und daneben, den ganzen lichten Tag. Nur in der Dämmerung schwieg er und überließ den Gästen das Wort.
Er hatte übrigens eine Tochter, namens Virgitte, mit einem feinen weißen Madonnengesicht. Unglücklicherweise war sie bucklig. Sie litt darunter wie eine Heilige; denn der Alte hatte die Gewohnheit, sie vor aller Mäuler damit zu necken, wohl um eine abgründige Liebe sowie seine Enttäuschung und seinen Jammer wegen dieses Kindes in sich zu ohrfeigen, das merkte man. Seine Frau war längst tot. Aber Poujell wußte sich in der Nachbarschaft und wo es ging, dafür zu entschädigen.
Eines Tages lief in das kleine felsige Hafenloch ein deutscher Dampfer ein, der Seeschaden gelitten hatte und vernünftiges Wasser abwarten wollte. Es war kein besonders großes Schiff und hatte Stückgut nach Lissabon, Cadix und Barcelona und auch einige Passagiere, die teils nach spanischen Orten, teils ins Mittelmeer wollten. Es war zwischen Pfingsten und Weihnachten, also die richtige Reisezeit, ja, es war schon herbstlich, und einige der Fahrgäste hatten sicherlich dem trüben Wetter daheim gen Süden entfliehen wollen.
Leider nun war es auf dieser unfreiwilligen Zufluchtsinsel durchaus nicht paradiesisch, und man pries sich schließlich glücklich, in der Wirtsstube zum Fröhlichen Haifisch eine einigermaßen behagliche Bleibe zu finden. Denn auf dem Dampfer war es wegen des Ausbesserungslärmes, der mit eigenen Kräften begonnen worden war und in Eile bis spät nachts nicht schwieg, kaum erträglich.
Somit kamen die paar Fahrgäste, acht an der Zahl, samt und sonders zumindest an den Abenden, die schon früh und recht kühl hereindunkelten, in der gemütlichen Schenkstube zusammen. Es war dort im Hintergrunde ein abgeteilter, ein paar Spannen erhöhter Winkelplatz mit einem alten wackligen, runden Eichentisch, an dem schon mancher Fausthieb und manche Messerschneide gewetzt waren. Dorthin setzten sich auf Einladung des Wirtes die fremden Gäste, und von der Schiffsleitung kamen je nach der Wache entweder der Kapitän selber oder der erste und der zweite Offizier und oft auch einer der Maschinisten.
Die Bewohner der Insel sprachen bretonisch. Der Wirt allerdings verstand sich auf ein bißchen Englisch, Französisch und Spanisch, wie es zum Geschäft gehört, so daß man sich verständigen konnte.
Eine schiefe Klampfe hing dort an der Wand neben dem blau und goldenen Bild der heiligen Katharina, ein paar verrosteten Säbeln, Flinten und Seitengewehren aus den finstersten Zeiten der Bretagne, und unter der verrußten Decke baumelte ein ausgestopfter Schwertfisch und auch ein Hai, ein richtiger Blauhai mit grinsend gefletschtem Zahnkranz und von den Bröseln der Gäste gänzlich schwarz geräuchert.
Die deutschen Passagiere nun waren folgende: Um mit den Damen zu beginnen waren da nur zwei, nämlich erstens ein Fräulein Irene Siebenstern, vormals Kindergärtnerin, mit schauspielerischen Neigungen, die aber zu keinem bedeutenden Erfolge geführt hatten, weshalb auf Grund einer kleinen Erbschaft das hübsche, noch junge, sammetäugige Fräulein – sie war, kann man sagen, vielleicht ein wenig rundlich – ihre Lebensenttäuschung mit einem südlichen Seereisebummel zuzudecken unternommen hatte. Ihre Absicht war, die mangelnden Fähigkeiten, aber mehr wohl ihre mangelnde Reife durch eine Horizonterweiterung und durch fremdländische Abenteuer zu fördern. Sie hatte Zeit und begrüßte die Unterbrechung, da sie sich auf See noch nicht recht einzugewöhnen wußte. Sie, die an Bord ziemlich bläßlich umhergehangen hatte, blühte nun erstaunlich auf und wußte alle mit ihrer guten Stimmung anzustecken.
Dann war da noch die Gattin des Herrn Doktor Kosel, der halb auf eigene Rechnung, halb als Schiffsarzt mitgefahren war. Sie war wie ihr Mann sehr auf äußere Haltung aus, hatte blondere Haare als ihr womöglich von Natur zustanden, war überaus schlank, auch ein bißchen größer als er und verzog darum gewöhnlich die Schultern nach vorn, um lässig vornehm und kleiner zu erscheinen. Sie sprach nicht viel und immer mit einem leicht ausländischen Tonfall, was von entfernten englischen Verwandten herrühren mochte. Wer sie näher kennenlernte, fand, daß sie ganz verträglich war und mit Geschick viele ganz unmoderne kleine Häkelarbeiten anfertigte. Ihr Gatte war ein gemütvoller Vierziger, der den ganzen Tag auf der Insel in den Felsen und zwischen den Kohlalleen nach Pflanzen und Käfern jagte, das heißt, immer in betont gutem Anstande, aber nicht viel Beute heimbrachte, was an der Insel liegen mochte oder an seiner zu wenig dem wahren naturforschenden Umherkriechen und auf dem Baucherutschen zugewandten Figur oder auch daran, daß Fräulein Siebenstern ebenfalls durch das Eiland streifte, um den dunkelhaarigen Eingeborenen näherzukommen. Seine Frau saß währenddes am Strande oder an Bord und las oder häkelte.
Dann waren da noch der Konsul Sotteig aus Stade, ein Mann mit dem Antlitz Karls des Fünften, der sehr rasch und mit zuckenden Augenbrauen sprach, viel gereist war und eine Korbwarenfabrik besaß. Sein Gegenstück war der lange, vierschrötige Detleffsen aus Dithmarschen, mit Haaren wie Buchweizenstroh, angeblich Landwirt mit höherer Bildung, der sich sowohl die Stiere Andalusiens wie die Schafzucht dortselbst ansehen wollte. Dann weiter: Ein Herr von Karb, wohnhaft in Altona an der Elbe, früherer Gardehauptmann, wonach er auch aussah, fuhr zum Vergnügen und hatte aus dem Kriege ein künstliches Bein mitgebracht. Ein gut angezogener, langsamer, hanseatischer Kaufmannstyp, Herr Alwedder, und ein jüngerer, sommersprossiger, verträumter Mensch namens Meier mit reichlich ungekürztem Haarschopf unbestimmter Farbe, der für einen Verlag spanische Bildaufnahmen machen sollte, vollendeten die Reihe.
Wie schon gesagt, am Abend kam man allgemach, nachdem man an Bord gegessen hatte, im Fröhlichen Haifisch zusammen, nahm dort noch gelegentlich ein in Hammelfett gebackenes, mit der großen Kunst dieser Küste bereitetes kleines Fischgericht und ein zartes Kohlgemüse zu sich und trank Glühwein, einen wirklich ausgezeichneten, mit Nelken, Muskat und Malvenblättern gewürzten und mit Honig gesüßten Glühwein, und obgleich es um die Grundlage, einen auch allein trinkbaren dicken roten Algierwein fast schade war, entzog sich keiner diesem Genusse, selbst Frau Doktor Kosel nicht. Was Wunder, wenn die Laune an den Abenden stieg und alle das Gefühl hatten, seit Ewigkeit miteinander bekannt und befreundet zu sein. Und wie es zu sein pflegt, griff einer nach der alten Gitarre, die von einem Schiffer aus Villagarcia mangels Kleingeld zum Pfand kleben geblieben war. Weiß Gott, es war der erste Offizier selber, Herr Bermann, ein lustiger Junge aus Mitteideutschland, der manches erlebt hatte und eine hartgepökelte Nordseeschnauze sein eigen nannte. Fräulein Siebenstern hatte ihn aufgeputscht, da sie ihn in seiner Kabine habe einst schon singen hören, und kurzerhand stimmte er die vier noch heilen Saiten und sang das Lied vom Seemann und der Windsbraut, das folgendermaßen lautet:
Der Seemann und die Windsbraut.
Wen die Windsbraut erst liebt,
der weiß Bescheid,
der ist verdammt gesiebt
von wegen Zärtlichkeit.
Sie, die mit jedem geht
und jeden auch versetzt,
das ist es, was ihr steht,
und was er an ihr schätzt:
Ein Hochzeitskleid aus Gischt,
ein Kranz, geteert, aus Tau,
mit Sonn und Mond gemischt,
bestickt mit Kabeljau.
Erst streichelt sie ihn mild,
dann preßt sie ihn an sich,
umarmt ihn naß und wild
und bleibt doch jungfräulich.
Manch Häuserkette rückt
er zwischen sich und sie,
wenn es im Hafen glückt.
Doch er vergißt sie nie.
Die Stadt, die nirgend schwankt,
hat Kammern, wo er still
einkehrt. Und manche dankt,
wenn er bezahlen will.
Er hob die Lampe auf,
sie schien wohl auf die Wand,
wohl auf ein Bild, darauf
ein Schiff in Segeln stand.
„Herr Seemann, ach herrje,
noch eine halbe Stund!“
Nein, klar zum Wenden – ree!
Die Windsbraut ist der Grund.
Die Männer von dem Meer,
die lieben immer neu.
Kommt die Windsbraut daher,
sind sie ihr wieder treu!
*
Dieses Lied brach das vorhandene Eis des Abstandes soweit, daß man allgemein mehr hören wollte. Fräulein Siebenstern, sehr wohl selber begierig, etwas vorzutragen, regte an, daß jeder, wer es auch sei an diesem Tische, etwas zum besten geben solle, ob gesungen oder gesprochen. Es erhob sich allerhand Einwand, aber Doktor Kosel stimmte als erster so heftig zu, daß keiner sich zu drücken mehr berechtigt fühlte, da er überdies die medizinischen Vorteile der geistigen Ablenkung und Anregung überzeugend darzulegen wußte. Er schlug vor, gewohnt, als Arzt sogleich die praktische Anwendung zu geben, man solle sich am richtigsten an einen bestimmten Vorwurf halten, ja, gerade der saftige Shanty Herrn Bermanns bringe ihn auf den Gedanken, alles, was hier mitten im Ozean erzählt werde, müsse entweder mit Wind oder mit Braut oder mit der Windsbraut etwas zu tun haben, das sei geradezu heilige Pflicht und Ehrfurcht dem Orte gegenüber.
Man loste, und die höchste Zahl fiel auf den Schiffsingenieur, der mit seinem munteren Schnurrbart auch anwesend war. Er grübelte nicht lange, strich mit dem Kamm seiner fünf Finger über sein rötliches, spärliches Haar und sagte: „Also –“
„Erst die Überschrift!“ unterbrach ihn Fräulein Siebenstern. „Alles muß eine Überschrift haben; wir wollen schon an der Überschrift sehen, ob es uns paßt oder nicht!“
„Gut!“ lächelte Hollbeck. „Das ist die Übung des Kondensierens von Gehirndampf, was sie verlangen. Und wenn Sie einverstanden sind, nenne ich die Sache:
Überfall im Gelben Meer
Während eines Übeln Taifuns hatte der kleine deutsche Frachtdampfer ‚Eulenfels‘ die Bucht von Lio an der Küste des Gelben Meeres anlaufen müssen. Es gelang ihm, in verhältnismäßig ruhigem Wasser unter dem Schutze eines Vorgebirges Anker zu werfen, und die Mannschaft war dabei, die beim Verrutschen der Ladung Reis entstandene Schlagseite durch Umstauen wieder auszugleichen, als – es war heller Vormittag, und der Kapitän hatte sich mit dem ersten Offizier gerade zum Frühstück niedergelassen – plötzlich zwei schnellsegelnde Dschunken sich näherten und lautlos zu beiden Seiten des Dampfers anlegten. Im Nu die Ungetümen Mattensegel reffend, kletterte auch schon ein Schwarm halbnackter gelber Kerle an hinaufgeworfenen Tauen backbord wie steuerbord über die Reling, einige sogar sprangen wie die Affen hoch aus der Takelung ihrer Fahrzeuge an Deck, so daß die paar dort befindlichen Leute nicht daran denken konnten, Widerstand zu leisten, sondern dort, wo man sie erwischte, an Winschen, Stagtauen oder sonstwie angebunden wurden. Dasselbe Schicksal erfuhren der Kapitän und der erste Offizier oben auf der Brücke, wo man sie nach kurzem Kampfe an das Kompaßhaus fesselte, während man den Meßjungen, der bei Tisch aufgewartet hatte, unter Drohungen mitnahm, damit er als Führer durch die Räume diene. Inzwischen hatte sich eine Abteilung der Seeräuber wie eine schmutzige Sturzwelle in die offene Ladeluke ergossen.
Hier nun kam es durch die Unbedachtsamkeit eines Matrosen namens Pössel zum Handgemenge, indem er mit seiner Schaufel einem der Eindringlinge die Hirnschale einschlug. Der zweite Offizier, der unten die Aufsicht führte, wurde durch einen Schulterschuß verletzt, und auch sonst noch färbte sich der Rangoonreis hier und da rot, bis schließlich, da die Gelben den Zuzug ihrer Kumpane von oben erhielten, die gesamte Belegschaft in den Maschinenraum flüchtete, wo trotz der Gefahr, verbrüht zu werden, einer der Heizer ein Rohrventil öffnete, welches sonst, bei leeren Kesseln, nur zu Reinigungszwecken dient. Nunmehr aber, während er sich mit den anderen in den Kettenraum des Vorschiffes retten konnte, wo es gelang, das Schott zu schließen, füllten sich die übrigen Unterräume mit dem heißen Dampf, der nebenbei unter gehörigem Druck stand, da das Schiff schon eine Weile lag, ohne daß die Feuerung abgestoppt war, wollte man doch, so rasch es ging, weiter. Die Angreifer waren gezwungen, sich nach oben zu verziehen, und da sie fürchten mochten, das Schiff werde in die Luft fliegen, begnügten sie sich mit einer ziemlich oberflächlichen Plünderung der Offizierskabinen, wobei namentlich einige hübsche Aktzeichnungen, die der Kapitän in freien Stunden aus dem Gedächtnis anzufertigen pflegte, in ihre Hände fielen, sowie sämtliche Taschenuhren und die Trauringe, die sie in der Eile von den Fingern der Betreffenden herunterwürgen konnten, wie auch einiges Geld und eine silberne Tabaksdose; aus dem Mannschaftslogis selber aber raubten sie nur einen Ölmantel und aus der Kombüse die dem Koch gehörige „Anweisung zu sämtlichen Kartenspielen“, und das wohl wegen des Goldschnittes; er hatte sie von seiner Braut zu Weihnachten bekommen.
Dann jumpten sie in ihre Boote, hißten die Segel und hielten sich in respektvoller Entfernung von dem aus allen Öffnungen weißqualmenden Dampfer, dessen Untergang sie anscheinend erwarteten, um vielleicht noch dabei ihre Beutegelegenheit zu ergattern. Sie mochten sicher Witterung davon haben, daß außer dem Reis sich eine Ladung wertvollen Stückgutes an Bord befand, nämlich verschiedene Kisten sehr teurer Seidenschals, dazu auch Gegenstände aus Bronze und Porzellan, echte Museumsstücke, wie sie in Revolutionstagen eben zu haben sind und was alles sie wegen des Dampfes nicht hatten antasten können.
Übrigens war ihnen inmitten des Gerangels im Laderaum auch der Meßjunge, der ihr Führer sein sollte, abhanden gekommen, er hatte sich nämlich bis über die Haare in dem losen Reis verkrochen. Halb erstickt, mit Brandblasen an Stirn und Nacken, gewann er noch eben die Leiter und das Deck, als die Räuber es gerade in Hast verließen. Er befreite die oben befindlichen von ihren Stricken, was ungeachtet des schützenden Qualmes und aller Vorsicht zur Folge hatte, daß von den Dschunken ein lebhaftes Feuer auf jedes sich nur Bewegende eröffnet wurde; auch näherten sie sich wieder, und die Lage war höchst ungemütlich.
Aber auf einmal nahmen sie den Wind voll in ihre Lappen und machten sich Hals über Kopf davon. Auf der Höhe der Bucht, das stellte sich bald heraus, war nämlich zum Glück eines jener englischen Kanonenboote in Sicht gekommen, die in der Zeit des chinesischen Bürgerkrieges zahlreich in den Gewässern kreuzten. Der Kapitän, der schon SOS hatte funken wollen, verschmähte es nun, und der Engländer, wohl den ungetrübteren Handelsbeziehungen der Deutschen nachsinnend, verhielt sich abwartend, fuhr einen großen Bogen unter Land und verschwand, ohne daß von einer der beiden Seiten eine Verbindung angestrebt worden wäre. Immerhin waren mehrere Stunden vergangen, in denen man an Bord des Dampfers nicht müßig gewesen war. Man hatte von oben Wasser in den Heizraum gepumpt und damit die Kesselfeuer gelöscht. Aber erst gegen Abend war man soweit, daß man die in das Kettengatt Geflüchteten, mit denen man sich durch den engen Ventilator indessen schon verständigt hatte, aus ihrem dunklen, engen und heißen Gefängnis befreien konnte, und es ist ein Wunder zu nennen, daß selbst die Verwundeten sich später erholten, als man ohne weitere Belästigung endlich wieder auf der freien See schwamm. Bemerkenswert ist auch, daß die Reisladung in ihrer Oberschicht durch den Wasserdampf wohl zehn Zentimeter tief vollkommen gar gekocht war, so daß man ohne weiteres seine Mahlzeit davon nehmen konnte – was auch geschah – bis auf die vom Kampf besudelten Stellen.
Ja, wären Kannibalen an Bord gewesen, sie hätten sicher auch den Leichnam des von der Matrosenschaufel Erschlagenen, fertig gesotten, wie er war, verspeist, was nunmehr die Haifische besorgten.
*
„Nun kommen Sie,“ sagte Frau Kosel zu Herrn Alwedder.
Herr Alwedder, der saubere hanseatische Typ, drückte seine Zigarette aus. Mit unbeschwerter, langsamer Stimme erklärte er trocken, das mit dem Überfall sei mehr Wind als Braut gewesen, darum müsse er notgedrungen von einer solchen erzählen; es sei von einer heimlichen, die von zweien zugleich begehrt, danach in die weite Welt gezogen sei. Blankenese bei Hamburg-Altona werde sicher jeder der Anwesenden kennen. Was aber ein Bonnet sei, habe er erst später aus einem Seefahrtswörterbuch erfahren, es sei nicht französisch auszusprechen, trotzdem es wohl von der Levante-Schifffahrt herrühre und auch kein englischer Strohhut, sondern eine Art Schönwettersegel, das in seitlicher Verlängerung der großen Rahsegel auf den Seilschiffen des vorigen Jahrhunderts bei gutem Wind zur Fahrtverbesserung gedient habe. Die Geschichte könne und solle, so niemand etwas dagegen habe, darum auch heißen:
Das kleine Bonnet
Wir saßen bei von Appen in Blankenese, hinten in der gemütlichen Ecke, ähnlich wie hier im Fröhlichen Haifisch, nur, daß es an der Elbe war. Da fragte einer, ob jemand ein Schifferklavier zu bändigen verstehe? – „Julus von Dalben!“ – „Der? Seit wann?“ – „Ich hab es selber gehört,“ sagte ich.
Julus stand auf, weiß im Gesicht. Er war aus Blankenese, begütert und nicht alt. „Schweig von dem kleinen Bonnet, verflucht, du und sie!“ lachte er unsicher und ging davon.
Also gut. Ich erzählte nichts, und wir tanzten nach den unpersönlichen Platten. Aber nun, da er sich anderweitig verheiratet hat, ist es besser, alles klarzustellen.
Julus hatte sich nämlich damals verknallt in eine der Gondefros. Die Gondefroschen Töchter sind, nehmen wir an, alle blond wie Manilahanf und schlank wie Schilf. Und wie Schilf ist auch, daß man sich manchmal fürchterlich dabei schneidet. Sie sind große Familie, uralte Segelreederei, Salpeter, Zement, vormals Tee- und Sklavenhandel, die Gondefros.
Julus war nur Mitbesitzer einer netten Fischräucherei. Aber er pochte auf sein „von“. Alle Blankeneser heißen mehr oder weniger „von“. Es ist ein gewöhnliches Bauern- und Fischer-Von. Doch Herr von Dalben hielt seines für ungewöhnlicher. Er ließ ein Wappen in seine Briefbogen pressen (nicht auf die Umschläge, um sich nicht bei der Post zu blamieren). Und danach lud er „sie“ schriftlich zum Segeln ein.
Man muß es ihm lassen, er ist ein ausgeluvter Segler, der gute Julus, und seine Sloop ist eine der gelecktesten zwischen Hamburg und Helgoland. Aber eines hätte er wissen müssen, man tauft sein Boot nicht von einem Tag zum andern um; es bringt kein Glück. „Nasser Kater“ ist ein annehmbarer Name für ein Boot. Aber als die schneeigen Schuhe der Gondefro übers Schanddeck ins Cockpit schritten, da stand am Spiegel mit frischer Farbe „Alwel“. Und so hieß sie. Sie haben sonderbare Namen, die Gondefros. Ihr Bruder beispielsweise hieß Pipp. Sie hatte ihn kurzerhand mitgebracht. Er war zwölf Jahre. Mir war er gleich.
Was ich dabei sollte? Ich sollte die Fock bedienen und so, damit er sich ausgiebiger ihrem Anblick widmen könne; denn von Unterhaltung kann bei Julus nicht viel die Rede sein, was er wohl wußte; darum gedachte er, mich als Spaßmacher zu verbrauchen. Auch sollte ich, er sagte es mir hinter der Hand, und hinter der Hand sag ich es wieder, ich sollte bei Gelegenheit eine kleine Empfehlung seiner Person mit einfließen lassen.
Es war ein hübscher, heißer Tag, es briste sanft achterlich, und wir rutschten mit der letzten Ebbe elbabwärts und kamen nach Glückstadt, als der Wind schralte und von Nord uns anhustete. Da zeigten wir, was wir konnten, hüpften über den Schwell und kratzten mit drei Schlägen in den Hafen. Aber als Julus auf den Streckbug über Stag ging, da klang mir sein „Ree!“ weiß der Teufel zu schnauzig, und ich sah, wie sich Fräulein Alwels angenehmer Mund leicht spöttisch gegen mich hob. Somit fierte ich die Fockschot ein wenig spät, und wir schrapten um Fingerbreite an der Mole längs und nahmen ein dickes Stück Wasser über. Nun, an Julus schwappte es leider vorbei, der Knabe Pipp hatte sowieso nichts an, da er für ein zu erwartendes Indianerfest „röten“ wollte, aber Alwel Gondefros herrliche Beine, die traf es.
Julus war sehr in Kragen, Schlips und Jacke. Sie zog die Schuhe über die bloßen Beine. Auf halbem Wege zum Essen meinte er, ob ich nicht lieber den ganzen Lunch ins Boot besorgen könne. Und man sah ihm an, daß er aus seiner puren Auffassung von Vornehmheit ihre mangelnden Strümpfe bedachte. Ich sagte ruhig und plump genug, wir sollten uns freuen, daß alle Leute uns mit einer Gondefro in bloßen Beinen zu sehen kriegten, die hübscher seien als der teuerste Strumpf.
Er wollte mich übertrumpfen und verglich sie mit der Fortuna, die oben auf der goldenen Kirchturmskugel statt des Gockels steht, und ich beneidete ihn schon, da aber entgegnete sie kühl, er verwechsele es hoffentlich nicht mit seinem Wappen. (Auf demselben war nämlich eine Dückdalbe, ein Anlegepfahl, und eine Möve darauf sitzend.) Und die Dame dort oben habe eine zu unmoderne Figur, obwohl sie gerade Tennis mit dem Morgenstern zu spielen scheine, und überdies hießen nach Morgenstern alle Möwen höchstens Emma.
Nach soviel Geist und Schnippigkeit verstummten wir ein bißchen. Und nur der gute Junge Pipp half uns beim Essen darüber hinweg, indem wir uns in ein nachhaltiges Gespräch verwickelten über die in Indianerreservaten bevorzugten Automobilmarken.
Julus war in sich gekehrt. Ich sagte, um Luft zu schaffen, wir würden, wenngleich schmerzlich, so doch es begreifen, wenn Fräulein Gondefro mit der Bahn anstatt mit unserer schmutzigen Kuff nach Hause fahren werde.
Julus sprang wie ein harpunierter Schweinsfisch in die Höhe. Aber die unendlich kühle und schöne Alwel winkte lässig ab. Sie denke gar nicht daran, wir und das süße Boot, das mache ihr wirklich Spaß.
Somit eilten wir elbauf zurück, und Julus überließ mir gnädig die Pinne, um dem ungerührten Segelweiß der Angebeteten die Grundlagen seiner Existenz zu unterbreiten. Ihre Hautschatten waren bronzen wie die Tönung kantonesischer Glocken, ihre Augen weit und silbergrau wie die Nordseekimm bei Westernwind. Die Sonne durchleuchtete ihre Gobbymütze und ihre dicken Schläfenhaare. Es war ein milder Tag voll Ausflugdampfermusik und voll der großmächtigen Bässe abgesalzener Überseer aus aller Welt.
Aber unser Wind wurde flauer, und knups, schlief er ein. Pipp, der unverblümte Knabe, ritt auf der Großbaumnock seiner Vollendung als Rothaut entgegen, klimperte an der Dirk und flötete nach Taifun und Hurrikan.
Noch schob uns die Flut. Ich sah abwechselnd auf das verschämt killende Achterliek und auf Alwel, die verträumt dasaß, während Julus still und vergeblich nach Worten rang. Auf einmal schrie er: „Wir wollen Wein trinken, Wein, ich weiß ein molliges Lokal. Höher an den Wind, mein Gott, wir kriechen ja wie im Sirup!“ Damit war sein erkünstelter Überschwang auch schon verpufft, und er kratzte belämmert am Mast, mein Segeltalent in Zweifel ziehend.
„Hissen Sie ein kleines Bonnet!“ lächelte Alwel. „Die Gondefroschen Kapitäne auf den Teeklippen Anno dazumal haben gute Erfahrungen mit kleinen Bonnets gemacht.“
„Hiß ein kleines Bonnet!“ grunzte Julus mich an, seine Verständnislosigkeit mit dem Brustton eines Hapagkommodores verdeckend.
„Ay, ay!“ erwiderte ich, ergriff, um etwas zu ergreifen, – denn ich hatte auch keine Ahnung, – die seidenen Strümpfe, die noch immer auf dem Kajütsdach lagen, obwohl längst trocken, und schor sie an die Flaggleine.
Die Wirkung war, daß wir uns allesamt mit Julus verkrachten; denn er versteht betreffs korrekter Haltung keinen Scherz. Indessen machten wir wieder Fahrt, obgleich achteraus, da der Strom gekentert hatte. Und im Nu saßen wir fest auf Meiers Sand, das nette Hochgebirge Blankeneses vor der Nase.
Wir hatten rund zehn Stunden Zeit. Es wurde Nacht. Alwel Gondefro wollte nicht im Boot bleiben. Sie ruderte mit ihrem Bruder auf die grasbüschlige Sandhöhe. (Nein, nach Hause fuhr sie nicht.) Sie nahm alle unsere Decken und Kissen mit und wollte baden.
„Fahr’ hinüber und sprich mit ihr!“ sagte Julus endlich.
„Dir ist wohl flau!“ entgegnete ich. „Und du willst mich wohl als ein kleines Bonnet für dein Lebensschiff mißbrauchen!“ Aber dann pfiff ich Pipp und das Beiboot blieb danach drüben.
Wir lagen still auf dem Rücken, nicht weit voneinander, sie und ich, und blickten in die Sterne und die Stromlichter. Pipp schlief. Aber Julus schlief nicht. Was er nie im Beisein anderer fertiggebracht hätte, er hatte eine Ziehharmonika hervorgezogen und spielte herzzerreißend die ganze Nacht. Daher eben weiß ich es.
Eine Handharmonika in einer lauen Nacht überm Wasser bei Schiffslichtern, die vorüber in die unbekannte Ferne gleiten, das ist nicht ungefährlich für ein junges Mädchen. Ich hörte es wohl, wie Alwel schwerer zu atmen begann. Oho, Julus war doch ein raffinierter Hund.
Ob ich sie fragte? Natürlich! Jedoch der Mensch ist ein böses Tier von Jugend auf. Ich fragte sie, wie es sei mit ihr und – mir. Und daß ich, an der Flaggleine meines Daseins ihre kleinen seidenen Sachen in Ewigkeit als Nationale zu führen, als mein Ziel ansehe und verrückt sei wie ein entseelter Hering ...
Sie weinte ein wenig an meinem Halse, das schöne Kind. Es sei dies der Abschied von uns allen, sagte sie. Denn die andere Woche, da fahre sie nach Makassar. Und ich solle es auch Herrn von Dalben mitteilen, daß nämlich die Gondefros nicht gern in Hamburg-Altona und Blankenese heiraten, sondern lieber in der weiten Welt.
*
„Der Wind hat seine Rolle bei dem kleinen Bonnet gespielt, wenngleich mehr durch Abwesenheit,“ bemerkte Herr Sotteig.
Alle sahen von dem blonden, beherrschten und reinlich geformten Gesicht des Hamburgers auf das düster lebhafte, zerfurchte und zonenerfahrene des Konsuls.
„Ich will nun mal berichten,“ fuhr er fort, „wo ich den Wind in seiner furchtbarsten Gestalt kennengelernt habe. Es war Gott sei Dank nicht auf See oder wie eben hübsch bei Haus, sondern an der Küste Floridas. Und zur Abwechslung stammt die Dame, die darin vorkommt, nicht aus höheren Kreisen; wenigstens war sie damals nichts als Stubenmädchen in einem Hotel und auch in Deutschland war sie, soviel ich weiß, nur Kindergärtnerin gewesen.“
Hier schrak Fräulein Siebenstern peinlich zusammen. Aber Konsul Sotteig sprach weiter: „Ein Beruf übrigens, der für die Erziehung der Menschheit und die Entwicklung der Kultur eine bisher noch lange nicht genug untersuchte Einwirkung und Aufgabe hat, da gerade die Kindheit vor dem schulpflichtigen Alter ihre später bestimmenden Eindrücke empfängt, was Herr Doktor Kosel als Arzt mir bestätigen wird. Aber davon abgesehen, Diese Geschichte hat mit Kindern weniger zu tun. Wir dachten wahrhaftig, der Jüngste Tag sei hereingebrochen und mit ihm
Die Sündflut zu Miami
Das Zimmermädchen Alma Jahm kam in jener denkwürdigen Nacht des September 1926 etwas später als sonst nach oben. Der schreckliche Wind, der seit zwei Tagen herrschte, hatte die Schutzwand auf der Südveranda eingedrückt, ein Gast war verletzt worden, und Alma Jahm, gerade in der Nähe, hatte beim Verbinden geholfen, da zufällig beide Hotelschwestern kurz vorher durch das herabstürzende Oberlicht im Laboratorium ernstlich zu Schaden gekommen waren. Zudem sprach der junge Allan M. Firewood, den Hut in der Hand, sie in sichtlicher Aufregung an, als sie die Treppe hinaufgehen wollte, die den letzten Aufstieg bildet vom Fahrstuhl des zwölften Stocks in den Dienstbotenflur. Er nahm das Unwetter draußen als Anknüpfungspunkt und fragte sie, was um Gottes willen ein Mann von Lebenslust vor Langeweile dabei beginnen solle. Sie antwortete mehr mitleidig als spöttisch, ohne eine Spur von Dienstbarkeit übrigens dem vornehmen Herrn gegenüber, er solle das Hotel kaufen und ein Heim für arme Kinder Europas daraus machen, indem sie auf einmal phantastisch ein neues, schöneres Wirkungsfeld für sich aufdämmern sah. Er jagte im Augenblick voller Dank für die Anregung vor ihr die Berechnungen gierig durch sein Gehirn, doch mit einem schlecht gezügelten Fluch auf den teuersten Boden der Welt, der den Preisen in Wallstreet oder der Park-Avenue kaum nachstand, taumelte er an den Lift. Es war klar, daß ihm die alkoholischen Flips nicht bekamen, denen er wie alle in der Öde des Luxusbades aller Luxusbäder verfallen war, sein Gesicht war grau und verzerrt vom Nachdenken über den Sinn des Daseins, und somit rief sie hinter ihm her, aufbebend unter dem Geräusch des Sturmes, das den Treppenschacht füllte, nicht in den Spielklub zu gehen, sondern das Boot zu nehmen und hinaus damit auf die See zu steuern, das solle doch wohl eine Sache sein für einen Mann bei diesem Wetter. Danach trat sie in ihre Kammer.
Die Französin, Mitinhaberin ihrer Stube, hob den Kopf aus der Decke, wirrsträhnig, ihre Augen krallten sich angstvoll und verächtlich in Alma Jahms solides Unterzeug, das vom Luftzug flatterte, obschon diese Seite ohne Meeresaussicht war und im Windschatten lag. Mit ihrer von Erfahrung brüchigen Stimme stieß sie hervor, sie habe aus den Karten gelesen, diese Nacht werde Entsetzliches geschehen. Sie betete plötzlich laut in ihrer Muttersprache, dazwischen voller Zweifel, ob Gott in diesem verfluchten Lande französisch könne. Und dann hörten sie beide trotz des Wetters die Brandung der See, die sie so lange nie bis hierher vernommen hatten.
Alma Jahm zog sich das Laken bis ans Kinn, das ungeheure Haus schien zu schwanken, zu torkeln, wie auf sausenden Flügeln schoß es von dannen. Irgendwo erscholl es von zerberstenden Scheiben. Nun kam der Regen wieder, das irrsinnige Gießen, das wie ein Ozean sich niederließ und alles zu ertränken drohte. Aber was war zu fürchten? Dies Gebäude, vierzehn Stock hoch, Beton und Eisen, es war gebaut für Menschen, die nichts zu fürchten lieben. Florida war dies, die Küste der Welt, unermeßlich an Schönheit und Wert.
Die Französin schaltete das Licht wieder ein, beugte sich vor in ihrem seidenen Hemde und erzählte schrill zum dutzenden Male die Stunden ihrer Schande. Alma Jahm fühlte, angeekelt und gestört, dennoch in ihrer Mädchenhaftigkeit zum ersten Male etwas wie Neid. Die Gelegenheiten waren von ihr wie lästige Mücken abgescheucht worden. Nun, wo es unter ihr wie ein Schiff zu rollen und zu stampfen begann und Sturzseen wie damals im Atlantik über Deck brachen und die Worte der Pariserin, die im Tosen untergingen, wie Leuchtschrift in ihr sich fortsetzten, bekam sie Furcht, das Leben möchte zu Ende sein, bevor sie manche ungekannte Straße gewandelt sei. Und sie dachte an Allan M. Firewood, der an der Treppe gestanden hatte, den Hut in der Hand. Es ist ein Erdbeben! schrie die Französin. Die Klingeln zirpten überall, doch es war kein Dienst für sie, und sie schliefen eine Weile, denn sie waren müde vom Tag, und ein Erdbeben gibt es nicht im schönen Florida.
Es mochte nicht lange gewährt haben, da erwachten sie jäh, weil das Fenster zerklirrte und der Regen hereinstürzte und die brüllende Luft. Auch war die Glühbirne zerschmettert oder die Leitung entzwei, so daß es grausig war in der Finsternis. Zugleich ging das Telephon, man vernahm es kaum, und sie sollten hinunter. In den Fluren brannte das rote Nachtlicht. Wie eine Schar aufgescheuchter weißer Möven sammelten sich die Mädchen und senkten sich hinab ins Erdgeschoß, flatterten auf und stießen in die erregten Korridore. Alma Jahm blieb unten, kam in die Halle, wo sie mit Fackeln waren und wo das Wasser über die Stufen schülpte. Sie wollten wohl die Teppiche retten; die Neger wühlten dort barbeinig umher, der Hausmeister pfiff, daß es das Getöse durchschlug, von den Galerien hingen schrekkensbleiche Gesichter, und auf einmal neigte sich die Spiegelwand, über aller Aufschrei barst sie herab, eine rosenrote Wolke stand einen Wimperschlag lang im Raum, dann war es dunkel.
Alma Jahm blieb nicht stehen. Sie fühlte das Wasser um ihre Füße, und ihre Lackschuhe bedauernd, ertappte sie die Stufen. Jemand packte sie und griff an ihren Beinen hinauf. Sie schlug zu, entwand sich und wechselte die Richtung. Sie sank in Laues und Nasses, fühlte undeutlich einen Torbogen über sich, der sich aufzuzeichnen begann von einem Licht her, das näherschwang, aber kein Geschrei oder Flehen drang in die Mauer des Orkans. Doch dann war es da, ein Scheinwerfer, und das an Herrn Firewoods Boot, an Allan M. Firewoods großem Motorboot, in dem er wie ein Satan mit gesträubten Haaren stand. Schon ritt es vorbei, und eine Hauswand war beleuchtet und fiel um, als sei es vom Licht. Alma Jahm packte ohne Umschweife zu, es war der rechte Augenblick, und sie brauchte nicht um Kraft zu betteln, denn der Windstoß hob sie und warf sie in Regen und Flut gehüllt über die Bordkante hinter Allan M. Firewood nieder. Sie sah Firewoods Zähne breit leuchten. Er lachte, weiß Gott, wohl lauthals; doch wer sollte es vernehmen bei der Kanonade des Unwetters! Er zog sie mit freier Hand neben sich ans Steuer, brüllte ihr ins Ohr: das sei ein wahrhafter Gedanke gewesen, endlich sei was los in Miami, und dies Venedig sei billiger als in Palm-Beach nebenan, wo sie es mit so viel Geld und Zeit gemacht hätten.
Sie landeten unversehens an einem Stockwerk, wo Haufen zerrütteter Lebewesen sich bei einer Taschenlampe um Überreste balgten, die ein schwarzer Koch aus einem Hotel gerettet hatte. Es war eine wahnwitzige Auktion, und Firewood ergriff eine Zinnbüchse Kaviar und schlug den Nigger zu Boden. Als sie hinaus gelangten, war das Boot voll von Gestalten und Regenwasser. Es kam ein banger Psalm auf, und es war dürftig hörbar, daß es besser sei, auf Gott denn auf Sand zu bauen. Fackelschein stand hinten in der Schwärze, aber sie drangen nicht durch, da sie in dem entwurzelten Kokoshain der Westpromenade einen üblen Widerstand fanden. Flach unter Wasser, einer Sumpfschildkröte gleich, schwappten sie weiter. Firewood brüllte: „Das Wasser steigt, die Preise fallen!“ Dann starrte er wortloser vorweg in die Verwüstung, die der Scheinwerfer zuckend beleckte, bis ein Fensterflügel das dicke Glas traf und alles dunkel war. Erschrocken stieß der Motor sie ins Ungewisse, von den Böen getreten und gefoppt. Sie gerieten auf Klippen zusammengewehter Autos, ein unerwarteter Schwell hob sie wieder hinunter; der Motor schwieg, das Boot zitterte nicht mehr, sondern schwebte gelähmt in unübersichtlichen Kurven dahin.
Dort, wo bei beginnendem Morgengrauen drei steile Häusertürme einen riesigen Kamin bildeten, auf dessen Boden sich eine Plattform inselhaft aus der Überflutung hob, fiel das totenstille Boot in einen Windtrichter, der die Geräusche emporsog, so daß auf einmal Firewoods Stimme wie in Watte verpackt aufzutönen begann. Und er schrie das Mädchen neben sich an, es sei nun sicher schon ein Kinderheim, und dies sei die Terrasse des DDC., des Teufels-Tanz-Clubs, der leider so harmlos gewesen sei wie eine Flasche Soda. Aber nun sei alles, was trocken heißt, bis auf den letzten Faden erledigt. Und er langte eine Flasche aus der Finsternis, trank und warf sie fort. Damit sauste der Luftwirbel, der in der Höhe gezögert hatte, schon wieder hernieder und stieß das Boot gegen das zerknickte Gestänge der einstigen Zeltträger. Firewood nahm den Ruck wahr. Das Mädchenbündel unterm Arm, sprang er hinüber, sich stolpernd auf dem schlüpfrigen, aufbäumenden Zeltplan haltend. „Ich rate, Ihr seid die Herzogin von Surrey!“ keuchte er. Denn es war ein Film, der in diesem Augenblick sein Gemüt erhellte.
„Ich bin Alma Jahm, Kindergärtnerin aus Deutschland!“ riß der Sturm ihre Entgegnung gen Himmel.
„So segne dich Gott, Almy, daher kam mein Urgroßvater, das Felleisen auf dem Rücken,“ schrie er.
Der Sturm hob und senkte das schwimmende Zeltkissen, das Motorboot war längst vergurgelt. Sie flüsterte, verzückt in seine triefende Jacke verklammert: „Die Sündflut! Die Sündflut!“ und fiel nieder, hingemäht vom Wind, auf den schäumenden Boden, der sich blähte wie ein Segel; und Firewood, der junge Sohn der Industrie, fiel lallend über sie, schwörend, das Erbe seines Vaters ihren unschuldigen Händen preiszugeben. Die Luft schien stillzustehen, aber die Brandung warf einen betrunkenen Polizisten zu ihnen. Über ihnen röhrte der Sturmkrater, sog sich voll und schrob sich herab. Zu ihren Häupten, hoch an der Mauerdämmerung klebte eine Palmenkrone, flachgepreßt und festgenagelt vom Luftdruck, und während die Musik Mozarts aus der A-Dur-Sonate das Herz des Kindermädchens erfüllte und die Wälder und kleinen Städte Deutschlands darin aufsangen, griff der Wirbel herab, krachend flog das Zelttuch empor, von der Gewalt des Hurrikans entführt und trug sie vereint in die Ewigkeit.
*
Das geschilderte schreckliche Erlebnis hinterließ sichtbarlich eine allgemeine Benommenheit. Nur Herr Alwedder fragte sachlich nach einigen Einzelheiten, nach den tatsächlichen Zerstörungen, ihrer Einwirkung auf die Bodenpreise und nach den neuerlichen aber weniger großen Verheerungen durch den Orkan 1928.
Der Wirt hinter der Toonbank gähnte lauthals und es hörte sich an wie das Rollen und Seufzen ferner Brandung. Alle anderen Gäste, ein paar Fischer und ein paar Matrosen hatten die Schenke schon verlassen. Virgitte, die bucklige Wirtstochter, wünschte mit ihrem schönen Munde auf bretonisch eine gute Nacht, was ihr Vater in eine Anzahl lebender Sprachen übersetzend nachrasselte.
Man zahlte, und die, welche sich schon mit spanischem Gelde versehen hatten, legten für die anderen aus, da dem abseitigen Inselwirte Poujell mit deutschem Gelde noch weniger gedient war. Man ging hinaus auf den steilen Weg und bekam ein Windlicht mit, das Herr Holbeck, der erste Maschinist, beflissen trug. Drunten blitzte das Molenfeuer, und die Lichter des erleuchteten Dampfers, auf dem der Lärm schon Feierabend hatte, schwammen heimatlich in den schwärzlich verhangenen Formen des Hafenbeckens. Herr Bermann pfiff wie verabredet nach dem Boote. Man sprach wartend hin und her über das Vernommene. Und auf einmal war es Herr Meier, der reichlich angetrunken alle übertönte, indem er das Lied von der Windsbraut aus seinem schmalen Brustkasten hervorgrub, und alle setzten so gut sie es behalten hatten mit ein, so daß man zur Verwunderung des guten Kapitäns mit ziemlichem Hallo an der Falltreppe landete, und selbst an Bord hallte es noch eine Zeitlang weiter, ja bis in die Schlafkammern hinein.
Zweiter Abend
Laßt uns von den bösen Tagen klagen
Laßt uns Gutes zu einander sagen,
Ach, wir sind so oft allein:
Laßt uns Freunde sein!
Den anderen Abend waren die Offiziere alle an Bord geblieben. Ein Vertreter der Hafenbehörde zu Brest und einige Sachverständige, teils wegen der Taucherarbeiten an dem beschädigten Steuerruder – ein Dock war in dem kleinen Hafen ja nicht vorhanden – teils wegen der Versicherung, waren noch spät vom Festlande angelangt und in der Messe zu Tisch geladen worden. Die Fahrgäste, somit unter sich, zogen vor, wiederum die gemütliche Schenke Jean Poujells aufzusuchen. Nachdem man dort genugsam über die Besatzung, die fremden Beamten und die vermutliche Dauer der Ausbesserungen geredet hatte, ergriff statt Herrn Bermanns Fräulein Irene die Klampfe. Dr. Kosel ließ sie aber nicht sogleich zu Worte kommen, sondern bat um die Erlaubnis, noch einen Trinkspruch ausbringen zu dürfen, der denn auch kräftig und munter den kleinen und zufälligen Kreis der Freundschaft pries. Und wie aus dem allerseits zustimmenden Gefühl heraus formte sich danach ein getragenes, inniges Lied aus Fräulein Siebensterns gewölbtem Munde, oder vielmehr war es ein zart beschwingter Sprechgesang:
Von der Freundschaft
Sag mir was Liebes und gib mir deine Hand,
Schön ist im Sommer das Leben.
Schön ist im Sommer das grüne deutsche Land,
das uns viel Liebe gegeben.
Tritt auch manch dunkle Zeit schnell zur Tür herein,
Soll unsere Freundschaft doch unverändert sein.
Wenn zwei in Freundschaft und Ehre bestehn,
Lächelt das Schicksal so gerne.
Fremd ist die Fremde allein anzusehn,
Blaß sind die Freuden der Ferne.
Froh deine Augen und auch dein guter Mund
Nehmen den Gram von der ungetrosten Stund.
Hör nur die Drossel, vom Ufer lockt sie her,
Wo sich die Sonne anzündet.
Trennt uns das Schicksal und trennt uns Land und [Meer,
Bleibt uns doch, was uns verbündet.
Unverwandt bindet uns über allen Tag,
Was wir empfunden mit gleichem Herzensschlag.
Draußen der Dampfer, er wartet am Pier,
Qualm macht den Himmel nun trüber.
Blau weht die Flagge, sie gilt mir und dir,
Schon winkt der Bootsmann herüber.
Ach, deine Träne, mein Mund trinkt sie ein,
Soll unserer Freundschaft Besiegelung sein.
*
„Diese Verse,“ ließ sich daraufhin nach einer Verbeugung vor Fräulein Siebensterns Leistung Herr von Karb vernehmen, und seine Sprechweise war etwas weniger schnarrend als gewöhnlich, „sind sicher ganz einwandfrei und so unvei zwickt und klar wie ein Volkslied gemeint. Dennoch erinnern sie mich, und ich bitte die Herrschaften mir dies nicht übel nehmen zu wollen, an zwei Prachtstücke von Verzwicktheit aus meiner entfernteren Verwandschaft, nicht Blutsverwandschaft übrigens und glücklicherweise, die beide den Begriff Freundschaft in einer abgewandelten Form für den Begriff Liebe nachzuleben sich veranlagt sahen und sich im Grunde nicht wohl dabei fühlten, abgesehen davon, was die Mitwelt davon hielt. Natürlich, Verfallserscheinungen, Überzüchtung und meiner Meinung nach ohne die hochgeistige Verknüpfung mit der sogenannten Klassik, die so gern mit hehrem Faltenwurf vor gewisse bemitleidenswerte Beziehungen gehängt wird. Es sei allerdings ferne von mir, sittliche Urteile sprechen zu wollen, zumal über das, was mir unverständlich ist. Die Erscheinungsformen dieser runden Welt reizen mich auch in den Abarten, solange sie nicht aufdringlich werden, zur Kenntnisnahme und zum Nachdenken. Aber ich kann nicht verhehlen, daß ich folgendes Ereignis wie manches andere der Art nie tierisch ernst, sondern nur erheiternd empfinden kann. Totz aller Leugnung des Hellenentums dabei möchte ich dennoch die Geschichte, die eigentlich nichts weiter als ein Zwiegespräch zwischen jenem guten Grafen und mir sein wird, „Die Amazone“ nennen. Die Amazone ist eine Gegenspielerin zu dem jungen Manne, den wir nach drüben geschickt hatten, um dem Unheil und dem Gerede zu steuern. Er kam aber ohne Erfolg zurück, und wir beschlossen, ihn zu verheiraten. Sie sehen es wird schon bräutlich. Der Versuch, es sei gleich bemerkt, mißglückte, mußte mißglücken. Mein armer Graf Bohren hat es mir dann selber berichtet, und zwar ungefähr wie folgt. – Ach so!
Die Amazone
„Also nicht mit einem Lasso?“ sagte ich.
„Oh, ich bitte Sie! warum muß ich es noch einmal berichtigen!“ antwortete er.
„Aber, Graf Bohren! Gibt es nicht geradezu eine Lust der Schmach? Nehmen Sie noch eine! Diese Marke läßt sich rauchen.“ Ich bot ihm eine Zigarre an.
„Diese, ja –. Und wie es auch ist, leider nimmt man eine für viele.“
„Nehmen Sie ruhig noch eine, lieber Graf!“
„Danke! Man mißversteht mich leicht. Drüben sagte mir eine Dame, ich wirke verwirrend auf Männer. Sehen Sie, auch das war ein Grund, hier angekommen, alsbald zu heiraten. Ein reines Mädchen, aus aufrichtigster Gesinnung, gar nichts als heiraten. Kann man mehr verlangen? Satt war ich der dunklen Abenteuer. Und nun ist mit der einen die Gelegenheit für alle dahin. Verstehen Sie das? Eine Sehnsucht nach der Kindheit sozusagen erfüllte mich ganz.“
„Sie war blond!“
„Sie ist es noch. Ich spielte mit ihr, damals, es war im Jahre –, ich sammelte gemeinsam mit ihr den Strickkorb unserer Großmama Bohren-Schmalbach voll mit kleinen Fröschen, das heißt, sie stiftete mich an; ich war sanft von Natur:“
„Sie sind es noch!“
„Mein Onkel Eitel Jojakim von Bohren-Pesenbruch machte mich, gleich nach Ankunft, darauf aufmerksam, daß sie noch immer unverehelicht, ja unberührt sei. Er zeigte mir ein Bild. Ich erfuhr, sie lebe auf dem Jungfernstift unserer Familie, mitten im Wattenmeere, als einzige Anwärterin besagter Gattung. Ich sei der Mann, Dornröschen zu erlösen. Wissen Sie, was Watt ist? Nein? Es ist ein Dreck, der leider nur zur Flutzeit überspült wird. Außerdem war eine nicht unbeträchtliche Stange Goldes an den Vollzug der Ehe geknüpft. Dies alles bestimmte mich. Mein Vetter Edvard von Bohren-Hinterleck, ihr Bruder, warnte mich. Sie sei zwar ein ganzer Kerl, aber sozusagen eine Amazone, und ihre Mägde seien ihr lieber. Doch ich spürte den leichten Filz in seinem Unterton. Und beschloß rasch zu handeln. Kennen Sie Husum? Ich fuhr nach Husum. Finden Sie auch, daß ich für Frauen zu weichmütig bin? Aber für diese, die doch ihre Mägde –. Lächeln Sie nur, ich bin es gewohnt, daß mir Männer zulächeln! Und mein guter Onkel Eitel Jojakim wollte damit zwei dunkle Punkte der Familie sozusagen auf einen Schlag aneinander weißwaschen. Gut! Es quält sich dort täglich ein Dampfboot ins Wattenmeer. Aber das jungfräuliche Eiland berührte es nicht. Somit mietete ich mir einen Fischer. Er sprach langsam in fremden Vokabeln zu mir, aber ich entnahm, während wir uns unter Segel der winzigen Hallig näherten, daß er sozusagen Schiß, mit Verlaub, vor meiner Base hatte; sie hatte ihm nämlich seinen Beßmann grausig vertrümmert, weil er wegen eines der Mädchen dort gelandet war. Und sie ritte so gerne umher, eine Flinte auf dem Rücken, immer quer durchs Watt, in dieser Weise Seehunde und dergleichen erlegend. Und ob ich ein Lasso mit hätte? Ich wäre doch aus Amerika.“
„Na, sehn Sie wohl!“
„Aber wieso! Lassen wir doch endlich das Lasso aus dieser Sache! Und selbst mit Lasso, es wäre auf dasselbe hinausgelaufen. Also. Ich verwies den Burschen an seine Arbeit. Er zog das Segel ein, da der Wind schwach war, und wriggte hintenaus, sehen Sie, so. Wir hatten nur eine schmale Fahrrinne zur Verfügung, die sie dort Priel nennen, und gelangten schließlich nach Stunden in die Nähe des Ufers, so ungefähr auf sechs Meter, und näher ging es auf keine Weise, trotzdem ich dem Burschen zeigte, wie man es machen müsse; es war alles ein elender Schlamm. Unterdessen sah ich die Besitzung durchdringend an. Alles war still, aber gut erhalten. Wenn auch leider nicht die Toteninsel von Böcklin, öffnete sich sozusagen meine Seele, verstehen Sie, als spräche eine innere Stimme zu mir: Hier will ich in Frieden heiraten! – Nach einiger Zeit, hervorgerufen durch das rauhe „Ahoi!“ meines Begleiters, erschien eine Magd, drall, gesund und unelegant, wie es die Landessitte erheischt. Sie fragte unartikuliert nach unserem Begehr. Ich begehrte, die Herrin dieses verwünschten, ich glaube, ich sagte, verwunschenen Gestades zu besuchen, und verlangte gebieterisch einen sofortigen Landungssteg. – „Se slöpt!“ Das war alles, was die Magd zu entgegnen wußte. – Warte, mein Täubchen! dachte ich, ich werde dich diesen Schiffsknechten ausliefern, sobald ich –. Schließlich erfaßte ich das Idiom und erkannte, daß meine Ersehnte schliefe. Ich war also wie der Prinz im Märchen. Vergebens versuchte ich, der Zofe meine Visitenkarte zuzuwerfen, welch letzteres meinem Fährmanne mit der Bootsleine besser gelang, die sie festhielt. Ich überlegte lange, was zu tun sei. Sollte ich sie wecken lassen, sie um ihr Erscheinen am Ufer bitten? Aber ich zeigte keine Lust, meine Rede nach berühmtem Vorbild vom Boot aus zu halten. Ich wählte die Taktik der Überraschung, und da der schwerfällige Eingeborene mein Ansinnen, mich hinüberzutragen, etwas tiefer als meine – wir unterhielten uns notgedrungen in der Zeichensprache – Andeutung auf seinen Rücken beantwortete, ich aber seine Stiefel wegen des Geruches nicht anzunehmen vermochte, entledigte ich mich männlich und entschlossen meiner Schuhe, Socken und Sockenhalter und raffte meine Garnitur wie mein Beinkleid genügend empor, um den trotz Ziehens der Magd noch immer trennenden Schlammgürtel zu durchschreiten. Schon hatte ich, auf jede Hilfe verzichtend, des entsetzlichen Schlicks nicht achtend, ein Bein über Bord geworfen, da erschien plötzlich meine teure Base auf dem Hügel ihres Hauses, und zwar hoch zu Roß. Im Nu war sie am Ufer. Ich, schon mit einem Knöchel im Schlamm, hatte mir meinen Antritt anders vorgestellt. Jeder, der die Situation erfaßt, wird zugeben, daß ein Mann nicht gerade vorteilhaft –“
„Wohl, wohl, Graf Bohren, das sind die rechten Freiersfüße nicht!“
„Nun ja, ich resignierte im Augenblick, schon angesichts ihrer enormen Wasserstiefel und ihres unziemlichen Sitzes im Sattel. Ich versuchte zwar klarzulegen, aber, passen Sie auf, meine Base nimmt unversehens die Bootsleine aus der Hand der Magd, gibt ihrem Pferd die Sporen und, was sag ich, sprengt mit einem Satz aufs Watt und davon. Wir spürten einen Ruck, ich schrie, klammerte mich mit Mühe fest, und unser Boot wandte den Schnabel. Denken Sie an, wandte den Schnabel. Und wir fanden nichts, um das Tau zu kappen, wie man in der Seemannssprache sagt. So zog uns dies, mit Verlaub, ungastliche Frauenzimmer, weiß Gott, eine häßliche Strecke dahin, und wir kamen schneller aus dem Priel heraus als hinein, bis wir schließlich auf Grund gerieten und sie losließ und mit einem, ich kann es nicht anders leugnen, teuflischen Lächeln und einem Adieu davongaloppierte.“
„Sie scheinen bewegt, Graf Bohren!“
„Lemonie von Bohren-Bohren! Sie wird als Jungfrau sterben, die einzige unseres Geschlechtes. Denn nach Aussage meines Onkels Eitel Jojakim von Bohren-Pesenbruch wäre ich ihre letzte und einzige Möglichkeit gewesen. Und sie, das fühle ich hier, die meine! – Vorbei!“
„Verzagen Sie nicht, Graf Bohren! Ein Weib, das so leicht Leine zieht –“
„Mein Herr! Gestatten Sie mir, daß ich Sie der Kühnheit zeihe! Dreierlei soll der Mensch hochhalten: Die Vorrechte seines Standes, die deutsche Frau und die Hand zum Schwur. Und hiermit vollübe ich das letztere und spreche feierlich: Ade, mein Kind, ade!“
*
Eine gewisse Betretung über die freimütige Behandlung eines so gewagten Vorwurfs war nun in der Tafelrunde unverkennbar. Herr Alwedder sagte ganz ruhig, ihm scheine das Mitgeteilte widerlich. Konsul Sotteig klopfte ihm auf die Schulter und sagte väterlich: „Junger Mann, Normalität ist das Bequemste!“ Doktor Kosel fühlte sich als Mediziner veranlaßt, das größte Verständnis für den Fall zu haben. Er wollte sich dem unbewegt weiterschmauchenden Karb mit wissenschaftlichen Erläuterungen aufmerksam erzeigen, aber seine Gattin hinderte ihn mit dem Hinweis auf Fräulein Siebensterns unmündige Jugend. Dieser entfuhr gekränkt die Bemerkung, ihre Erfahrungen seien bislang ausschließlich mit Mädchen gewesen. Die Stimmung wurde durch das unbändige Gelächter Detleffsens gerettet, der aller Wahrscheinlichkeit nach nichts von der Sachlage verstand und glaubte, einen harmlosen Witz bewiehern zu müssen, was dann das spitze Pfui Frau Kosels übertönte.
„Eine seltsame Gegend, diese Nordseeküste da oben!“ lenkte nunmehr Doktor Kosel ein. „Herbe, verschlossen, rauh, macht sie ihre Bewohner leicht zu Sonderlingen, wie ich an meiner lieben Ehehälfte manchmal festzustellen Gelegenheit habe.“ Er verschanzte sich hinter dem breiten Rücken des Dithmarschers Detleffsen, aber seine Frau lächelte und trank diesem zu, ja, ihre Eltern stammten dort aus der Gegend bei Husum her. Der beglückte Detleffsen wurde nun von ihr zu einigen landwirtschaftlichen Bemerkungen veranlaßt, und alle waren eigentlich froh, somit von der heiklen Sache Herrn v. Karbs abzulenken. Man bat ihn, nun seinerseits etwas zu erzählen.
Der sinnende Blick des schleswigen Bauernschädels blieb auf einem Seehundsfell haften, das als hier recht ungewöhnliche Jagdbeute hinter der Toonbank zuseiten der Flaschenbörter hing und die Unterlage eines ältlichen Schiffsbarometers bildete.
„Ja, es gibt, um beim Thema zu bleiben,“ begann er, der Besorgnis ringsum ungeachtet, „merkwürdige Käuze an unserer Muttkante!“ sagte er dann in seiner singenden, gedehnten und mit kleinen Weilenblitzlichtern versehenen Sprechweise.
„Aber keine Amazone, bitte!“ flötete Fräulein Siebenstern.
„Nein, gar nicht!“ erwiderte Detleffsen ein wenig verlegen. „Im Gregenteil, man könnte beinahe sagen, ein Zentaur, aber ich bin zu wenig gelehrt, ich wollte sagen, eine Kreuzung, doch nicht gerade aus Mensch und Seepferd, was kein gutes Verhältnis abwürfe, sondern vielmehr aus Mensch und Seehund, und das wegen seiner Kleidung. Ich meine den, um den es sich gleich handeln wird. Sein Neckname in der Gegend war:
Mussel auf dem Schlick
An der Dithmarschener Küste lebten zwei Vettern, die von Jugend auf einander ähnlich sahen und auch an Wildheit der Gebärde und der Lebensauffassung keiner dem anderen nachstand. Sie hießen beide Leweko. Harm, der eine, als Erbe eines großen Hofes, wurde Landwirt, der andere, ohne Aussicht auf Grundbesitz, machte zur Not die Abschlußprüfung und begann in Kiel dies und das zu studieren, als der Krieg ausbrach und er sich als Matrose meldete. In den langen Jahren zwischen U-Boot und Hafendienst gelangte er, bei allem Wagemut durch mancherlei Zügellosigkeiten den Vorgesetzten unbequem, nicht weiter als bis zum Obermaaten, spielte alsbald bei den Umsturzgeschichten eine Rolle, wurde fast, ob zu Gebühr oder nicht, von den eigenen Kameraden standrechtlich erschossen und kam, abgekühlt und nach Ruhe verlangend, in seinem Heimatorte wieder an,
Dort hatte er, wie es menschlich ist, ein Mädchen gern gehabt, die Tochter des Schulmeisters, sich aber während des Feldzuges wenig um sie bekümmert. Sein Vetter hingegen, sein Gegenspieler auch in dieser Sache wie in manchen sonstigen Wettbewerben der einstigen Jugend, war schon länger wieder daheim; sein Draufgängertum hatte ihm bei der Linie bis zu den silbernen Achselstücken verholfen, so daß er mit Glück die einst heiß Umstrittene für sich gewann, zumal über den anderen, der unzweifelhaft vor Jahren die besseren Aussichten hatte, allerhand der dunklen Kieler Gerüchte selbst bis an diesen weltverlorenen Strand drangen.
Was Wunder, daß keiner von dem „roten Kieler“ recht etwas wissen wollte. Selbst seine Eltern und Geschwister empfingen ihn voller Angst, daß nun bald das Dorf von seinen Untaten erschüttert werden würde. Nur der alte Strandvogt vermeinte, den guten Kern unter der zerlumpten Marinebluse zu erkennen, indem er eine Ahnung verspürte von dem Heimweh und der enttäuschten Liebe dieses Menschen, welcher Empfindungen ein Vieh und Blutschänder, so schloß er, nicht fähig sein könne.
Der Heimgekehrte, dessen Neckname vordem Mussel gewesen war, weil er als ein vorzüglicher Muschelfischer gegolten hatte, besann sich auf die See hinterm Deich, lieh sich ein Boot und eine Möwenflinte bei eben diesem Vogt und fuhr auf eine als unwirtschaftlich von der Domäne längst aufgegebene Schlickinsel weit draußen im Watt, wo die Tiden – Ebbe und Flut – seit Urzeiten Land wegschlürfen und Land anspeien wie am zweiten Schöpfungstage. Dort hauste er in der während des Krieges verlassenen Schäferhütte, die auch kurz für den Beobachtungsposten gedient hatte. Er schoß Seehunde und Wattvögel und begann mit den Fellen und Bälgen einen Tauschhandel nach Helgoland, das er fast alle vierzehn Tage, Sommer und Winter, in seinem unmöglichen und vielgeflickten Boote aufsuchte.
Niemand störte ihn dabei. Eine Anzahl von Legenden bildeten sich über den anwachsenden Reichtum seiner Haushaltung, jedoch auch über die lebensgefährlichen Maßnahmen, die er zur Verteidigung seiner Schlickfestung ersonnen hatte, indem er angetriebene oder aufgefischte Minen in die Prielänge rund um die Insel verankert haben solle.
Inzwischen fand die Hochzeit des Vetters statt, der das Hoferbe angetreten hatte. Die junge Frau sah am Hochzeitsmorgen ein ausgesucht schönes Seehundsfell vor der Hausschwelle liegen. Ihr Mann, der darüber zukam, wie sie es in einer Truhe verbergen wollte, meinte Lunte wittern zu müssen und ließ nicht nach, in der Folgezeit auf Schritt und Tritt zu sticheln und zu argwöhnen, zumal die junge Frau angab, erst am Trautage selbst durch den Vogt erfahren zu haben, daß Mussel Leweko noch in der Gegend sei, sie es aber weder damals noch jetzt glauben könne. Die mißtrauischen Redensarten ihres Gatten, die schließlich, obwohl gänzlich grundlos und wohl gerade deswegen, in Grobheiten und sogar Handgreiflichkeiten ausarteten, weckten notgedrungen immer stärker die Erinnerung früherer, längst vergessener Zärtlichkeiten des anderen, die auf dem trüben Grunde dieser Ehe mählich übergroß und verlockend aufzublühen begannen.
Inzwischen war der Behörde vielerlei Unliebsames zu Ohren gekommen über einen Schmuggel mit unverzolltem Rum zwischen Helgoland und der Dithmarschener Küste. Der alte Strandvogt, der die Aufmerksamkeit der Amtsstellen nach der dänischen Grenze abzulenken gewußt hatte, starb um diese Zeit. Seinen Posten übernahm Harm Leweko, und eine seiner ersten Vogthandlungen war, sich mit einer Anzahl Flurjäger, die ihm aus Schleswig zur Verfügung gestellt wurden – mit den ortszuständigen hatte er sich längst überworfen und bezichtigte sie alle der Unfähigkeit – nach jener Schlickinsel einzuschiffen, die er als Schmugglernest lange und laut schon in Verdacht gehabt hatte. Sie kamen auch unter Beobachtung aller Vorsicht durch den Ostpriel. Von einer Minensperre zeigte sich nicht die Spur, und der neue Strandvogt lachte verächtlich über das Gefasel der albernen Koogbauern, die über Nacht einen Seeteufel und Störtebecker aus dem dummerhaften, weggelaufenen Mariner und Muschelschlucker gemacht hätten. Er prahlte, er werde den Käskerl sanft wie ein Milchlamm und ganz allein aus seiner Schlammbude holen.
Somit ließ er die Landjäger, die sich in der grauen, naßkalten Nordsee-Einsamkeit sowieso nicht zu Hause fühlten, an der Vorsandgrenze im Boot zurück und stieg unbegleitet, allerdings die Flinte hinterm Knast, in seinen Schaftstiefeln den mehrere Kilometer breiten, öden Quellergürtel hinan, der ungestaltet, seltsam und häßlich wie etwas eben Geborenes, die flache Kuppe Sandes umgab, die hinter einem kniehohen Dünensaum den Unterschlupf für den Gesuchten trug. Es war noch früh im Jahr. Vogelschwärme zogen sich wie schmale enggestrickte Reusennetze durch die Diesigkeit des Tages.
„Er soll mir nicht entgehen!“ sagte sich der Neuvogt; denn er sah Rauch über der Bude aufsteigen. Aber er erstaunte, als er statt der morschen Schäferhütte, oder vielmehr hinter den Resten dieser, ein, wenn auch niedriges, doch sehr kräftig anmutendes Haus aus frischem Holze sah.
Einer der Beamten, der ihm durch das Glas vom Boote aus zu folgen vermochte, bemerkte, wie er die Flinte nach vorn schob und in dem Bauwerk verschwand. Nach einer Weile hörten sie von dort einen Knall, der nichts anderes als ein Gewehrschuß sein konnte, und dem bald ein zweiter folgte. In Eile machten sie sich nun auf, um über das Vorland an die Hütte zu gelangen; ihre Füße sanken ein, und es dauerte eine halbe Stunde, ehe sie den niedrigen Dünensaum erreichten. Dort trat ihnen der Strandvogt entgegen und führte sie in das Haus, wo er im Vorraum auf ein Dutzend voller Rumfässer wies. In der Stube, die mit aller Behaglichkeit eingerichtet war, lag ein Mann erschossen auf dem Boden. Er war in Seehundsfell gekleidet und hielt in der gekrampften Rechten ein noch neues Jagdgewehr. Er sah so aus, wie ihn Bauern und Fischer auszumalen pflegten.
„Es ging nicht anders, er oder ich!“, sagte der Vogt, „hier ging sein Schuß, und Gott sei Dank vorbei, in die Wand.“ Die Beamten gaben zu, daß die Sache unglimpflicher hätte ablaufen können. Der Vogt erklärte, ein Protokoll schon aufgenommen zu haben. Im übrigen müsse man sich sputen, da die Witterung unbeständig sei. Man bedachte, was zu machen war, vermied an der Lage des Toten Wesentliches zu ändern, nahm ein Faß Rum als erstmaliges Zeugnis mit, und nachdem noch ein Wachtmeister flüchtig zu einem seiner Kameraden bemerkt hatte, der Erschossene und der Strandvogt sähen einander merkwürdig ähnlich, und der Angeredete ihn taktvoll daraufhin anstieß, es seien ja auch Vettern gewesen, die beiden, fuhr man wieder von dannen.
Der Strandvogt zeigte von da ab ein sonderbar verändertes Wesen, obschon die gerichtliche Untersuchung seinem kräftigen Vorgehen durchaus Billigung angedeihen ließ. Er war sanfter, namentlich gegen seine Frau, und beide machten oft einen seltsam heiteren Eindruck. Manche wollten allerdings seit der unseligen Tat eigentümliche Gedächtnisstörungen und eine veränderte Redeweise bei dem Strandvogt bemerkt haben. Vielleicht war ihm die Sache nähergegangen, als man vorher hätte vermuten können. Immerhin schien ihm und namentlich auch der Frau, die ein Kind zu erwarten begann, die Gegend nicht mehr zu gefallen. Sie verkauften den Hof und wanderten nach Kanada aus.
Mieke Teersticken auf Neuwerk, als sie davon hörte, meinte einmal, die Vettern hätten im Tode ihre Personen ausgetauscht, oder vielmehr nur ihre Kleidung, und den man dort auf der Insel begraben habe, das sei Harm Leweko gewesen, und der „rote Kieler“ habe Amt und Frau des Toten kraft seiner Ähnlichkeit einfach übernommen.
Nun, sie redet oftmals solchen Unsinn, den keiner für Ernst nimmt. Das allerdings, pflegt sie zu beteuern, sei wohl keine Lüge, daß des Vogts Gewehr erst an zweiter Stelle geschossen habe. Aber der es gegen die Wand abdrückte, das werde wohl Mussel selber gewesen sein.
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Man beleuchtete die verzwickte Angelegenheit noch eine Weile. Dann bedankte sich Frau Kosel noch besonders bei ihrem Landsmanne von Eltern her, es habe ihr sehr gefallen, und sie könne das alles gut verstehen. Ihr Mann habe leider nicht einen so vortrefflichen Vetter.
„Mieke Teersticken?“ ließ sich nunmehr Herr Alwedder vernehmen, „dieses sonderbare Wesen kannte ich auch, und zwar von Neuwerk, wo sie wohl herstammte, und ich weiß auch, daß sie an der Dithmarscher Küste bei Verwandten in Dienst war. Die Leute auf Neuwerk stehen aber denen an der Küste keineswegs an Merkwürdigkeit nach, und bei folgender Begebenheit spielt auch Mieke eine Rolle. Der Mittelpunkt der Sache war allerdings mehr der Wirt dort im Gasthaus, der Rose hieß. Ich weiß nicht, ob er noch da ist. Jedenfalls war er einer der aufrechtesten, kernigsten und klügsten Männer an der ganzen Küste, weit berühmt durch seine trockenen Witze und seine ausgesuchten Feuchtigkeiten. In letzterer Beziehung stand er unserm Musjö hier nichts nach. Er führte überhaupt eine prächtige Küche, war ein furchtloser Segler und ein erfahrener Kenner des Wattenmeeres, hat auch manchem das Leben gerettet. Sollte er in folgendem nicht ganz so prachtvoll gezeichnet sein als er es in Wirklichkeit war, so liegt das nicht an ihm, sondern an der sonderbaren Sache und auch, das darf man nicht vergessen, daran, daß ich ihn damals noch nicht so gut kannte. Daß es aber so gediegen kam, das lag an jemand drittem, und das war
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