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Hans Leip
Begegnung zur Nacht
Erzählungen
Saga
Irrlicht am Kanal
Spät gelangten wir mit unserer Jolle vor die Schleusen bei Brunsbüttelkoog. Ery hatte sich vorgenommen, schon bei Tagesanbruch in der Ostsee zu baden. Wir machten an der Südmole fest, und ich biesterte mit den Vermessungspapieren auf die Schleusenwache. Man gähnte mich an. Eine Schleppgelegenheit? Vor morgen früh kaum. Und segeln darf man nicht im Kaiser-Wilhelm-Kanal. Wir redeten dies und das. Der Wachthabende wurde munter. Er war als junger Mann in Panama gewesen. Jedoch hier sei alles größer. Ich stimmte ein in das Lob der Heimat. Wir sprachen von Seeschifffahrt und Überseehandel. Aber es nützte alles nichts.
So mußte ich denn unverrichteter Sache über die Schleusenbrücken zurück. Wo aber unlängst ein guter breiter Weg gewesen, klaffte jetzt der Schlund der Nacht. Ein russischer Dampfer war inzwischen eingelaufen und lag am Nordkai. Er sah nicht bedeutend aus in den Schluchten der Schleusenkammern, darin die »Europa« und »Bremen« und die mächtigsten Schiffe der Welt Platz haben. Doch vor den Schleusentoren sind alle gleich. Ich hatte zu warten. Uferauf und -ab die runden Lampen blühten wie die Blume Trollius in den Fischergärten hinterm Deich, gelb, rund und auf langen Stielen. Ich sah hinunter, wo sie sich zittrig spiegelten, tief unten, wo das Wasser schwärzlich schwappte, ohne daß man sein Glucksen vernahm, so tief lag es.
Endlich wurde das Schleusentor geschlossen. Es fuhr als mietskasernengroße Schiebetür von jenseits aus der Dunkelheit heran, geräuschlos; man erblickte keinen Mann Bedienung. Es war ein unheimlicher Vorgang. Und auf einmal war wieder eine bequeme, mild erleuchtete Straße, wo soeben nichts als Abgrund gelauert.
Ery war sehr enttäuscht. Sie hatte keine Lust, die Nacht im Boot zu bleiben. Sie sagte, sie wolle auf die Lotsenstation. Vielleicht wisse man dort besser Bescheid über die Möglichkeit, weiterzukommen. Wir wurden uns nicht einig, und sie verließ das Boot und entschwand die eiserne Molenleiter empor und sozusagen in den Himmel.
Sie ist erwachsen genug. Dann soll man wissen, was man tut, sagte ich mir. Schließlich wurde mir die Zeit lang. Auch vermeinte ich, oben Stimmen zu vernehmen, die mir nicht unbekannt schienen. Ich kletterte also ebenfalls die Sprossen hinauf. Ery stand oben auf den Steinen und neben ihr Lotse Prott, den wir von Hamburg-Altona-Oevelgönne kannten.
»Hallo!« sagte ich.
Aber die beiden sahen, ohne sich stören zu lassen, angestrengt nach dem fernen Ende der Mole, nach dem Signalmast dort, der die beiden Arme waagerecht ausstreckte und gegen den Westhimmel aussah wie ein riesiges Kreuz, mit einem gelben Lampenpunkt links und rechts an den Enden.
»Könnte gleichsam zum Gedenken für Skagerrak sein!« äußerte ich, näher tretend, obschon ich wußte, daß es nichts weiter bedeute als »Einfahrt wird freigemacht«. Prott warf mir einen knurrigen Blick zu, und Ery schüttelte den Kopf.
»Ein Irrlicht!« flüsterte sie aufgeregt.
»Ein Irrlicht? Nanu!« Ich vermochte nichts zu erkennen. Und nach einer Weile sagte auch Lotse Prott: »Nö, Deern, nu is es djä denn woll rein weggepust.«
Lotse Prott war ein Berg von Mensch, und sein Brösel qualmte wie ein Vulkan. Sein Benehmen war grobdrähtig und seine Seele die eines Kindes. Er war als abergläubisch verrufen. Darum nahm ich die Sache nicht weiter für ernst, und wir gingen zu dritt zur Station, um die Nachtkühle durch einen Grog aufzuheben.
Die Gaststube war voll Tabaksqualm und Rumdunst. Die roten Gesichter, die darin glommen, lachten Ery zu und gröhlten: »Mönsch, Prott, is dat dien Irrlicht?« Prott schien es für richtig zu halten, die Sache so beizudrehen, und erklärte dröhnend, das könne ein Taubstummer mit dem Stocke riechen, daß es diesem Fräulein ihr Haar gewesen sei, was da auf der Mole geleuchtet habe. Und er legte besitzergreifend eine Pranke um Erys dünne Schulter, und jedermann wollte auf der andern Seite neben ihr sitzen.
Notgedrungen wurde auch mir voll eingeschenkt.
Ich warf matt ein, sie könne nicht viel vertragen. Aber die Runde der dreizehnmal um Kap Hoorn gepökelten Salzwassermäuler lachte, daß die Glasstäbe in den Gläsern tanzten und die Segelschiffbilder an den Wänden musizierten.
Ery glühte mitten dazwischen und ließ sich den walfischgroben Hof machen. Ihr Haar stand wie eine gelbe Flamme über dem Sofa. Und sie erzählten ihr Geschichten von der Urwaldjagd auf Halmahara und von den spaßigen Sitten der Damen auf den Nengonengoinseln. Sie hörte zu, wie ein Schiffsjung so tapfer, sie, die sonst empfindlich war wie Seidenpapier; die Garne spannen hart an der Grenze zwischen Großmamas Schaukelstuhl und Störtebekers Stammtisch.
Ab und an wurde einer der Lotsen aufgerufen; dann war sein Törn da, und er mußte in die dunkle Veranda und durchs Glas nach den von See kommenden Schiffen luchsen wie eine Spinne nach Mücken. Und andere wurden dann gerufen und mußten hinaus in die Nacht und auf die Lotsenbarkasse und weit in den Strom an die Dampfer heran und die Jakobsleiter mühsam hinauf an Bord, um Mensch und Fracht sicher hinzugeleiten elbauf durch Untiefen und Leuchtfeuer zum Hamburger Hafen.
Und ehe er sich’s versah, war auch Lotse Prott an der Reihe, um auf Ausguck in die Veranda zu gehen. Er erhob sich schwer. Ich sah meine Zeit ebenfalls gekommen und wollte an Bord.
»Recht so, Jung!« meinte Prott väterlich: »Sieh nach die Boot. Anne Süd is ümmer ekligen Sog. Aberst dein Deern laß man noch’n büschen hier!«
Der Beifall der Runde übertönte jeden Einwand. Ich ging zum Boot, zog die Leinen nach, machte die Schlafplätze bereit und wartete. Es war eine windstille Nacht. Nein, wenn wir auch hätten segeln dürfen, das Morgenbad in der Ostsee war unerreichbar. Hinter der hohen Schleusentür zischte der russische Dampfer. Sein Signal heulte in die Nacht. Warum schrie er so? Warum lag er noch da? War wohl nicht alles in Ordnung? Hatte er noch jemand an Land?
Ich hatte auch noch jemand an Land. Doch sah ich keinen Grund zum Heulen. Obschon ich mir die Reise anders vorgestellt hatte. Oben auf der Mole klangen leichte rasche Schritte auf. Ach, mein Herz blies jeden Groll von dannen und sang das alte Kinderlied, ob es wollte oder nicht:
Wenn wir fahren auf der See,
wo die Fischlein springen,
freuet sich mein ganzes Herz,
lauter Heil und Singen.
Ery, Ery, wir sind hier,
die Fischlein, die Fischlein, die fangen wir.
Aber was war das? Die Schritte oben entfernten sich. Kein Zweifel. Sie konnte unser Boot nicht finden. Das kam von dem verfluchten Grog. Ich turnte die Molenleiter hinauf.
»Ery!« rief ich.
Sie wandelte schon fern und gerade auf die Schleusenbrücke zu. Sie wandte sich nicht um, hatte ihren Schal um den Kopf geschlungen. Das tat sie sonst nicht, das mußte auch vom Grog kommen. Und da! Träumte ich? Sie trug ein flackerndes Licht in der Hand, ich sah es deutlich, als sie in der Biegung des Weges den Kurs änderte, sah hell ihre andere Hand, die sie vor die Kerze hielt, den Zug abzufangen. War das ein Spuk? Hatte Lotse Protts abergläubischer Klabauterzauber einen Scherz in ihr entfesselt?
»Ery!« schrie ich.
Sie eilte unentwegt weiter.
»Ery!«
Wollte sie etwa, ich sollte hinter ihr hertürmen wie ein verliebter Affe?
»Ery! Verflixt!«
Sie lief glatt auf die Schleusenbrücke zu, die, großer Gott, im nächsten Augenblick sich katzenleise öffnen würde, um den Dampfer herauszulassen. Nun rannte ich doch hinterher.
»Ery! Ery!«
Ihre schmale Gestalt war umflossen von flackerndem Schein. Jetzt war sie am Brückeneingang. Die Aufbauten dort entzogen sie jäh meinem Blick. Dünn und schrill hörte ich das Glockensignal der Schleusenöffnung.
Ohne Atem langte ich an beim Brückenkopf. Vor mir gähnte der Abgrund, tief unten das Wasser, die schauernde Schlucht der Nacht, darin ein paar Fetzen Licht zuckten wie verlöschende Kerzen.
Drüben, kleiner und kleiner schwand das Schlußstück des Schleusentors zum andern Ufer.
»Ery!«
Stand sie nicht da? War sie gerade noch hinaufgelangt und, obwohl es verboten ist, mitgefahren, das tolle Balg? Eben bevor der Spalt aufriß zwischen Leben und Tod? Wahrhaftig, da flackerte drüben das kleine Licht, huschte am andern Ufer entlang. Klar, sie wollte über die obere Brücke wieder zurück, zu mir zurück. Jetzt verbarg sie der lange schwarze Rumpf des russischen Dampfers, dessen Rauch aus dem langen Schlot keuchte. Seine Maschine rummelte schon. Eine sonderbare Angst überkam mich, Ery würde mit diesem Dampfer durch die aufgestoßene Schleuse auf Nimmerwiedersehn davonfahren.
»Nanu? Stehst du hier?«
Eine Stimme und eine Hand tupften mich an. Es war Ery. Ich mußte mich sammeln und stotterte, sämtliche Olympiaden seien nichts gegen sie, so rasch die ganze Schleuse zu runden, und daß ich jeden Ulk schätze, daß sie jedoch hier erbarmungslos hätte hineinfallen können.
»Schnack!« erwiderte sie, und es war ein merkwürdig sanfter Klang in ihrer Stimme: »Hineingefallen bist augenscheinlich du, mein Lieber. Läufst du in solchem Tempo fremden Mädchen nach? Das war nämlich nicht ich mit der Kerze, das war das Irrlicht von der Mole, verstehst du? Das war eine Russin von diesem Dampfer. Da geht er raus, er hat wohl auf sie gewartet. Denn sie hat hinten auf der Mole gebetet, weil es da wie ein Kreuz aussieht.«
»Aussah!« entgegnete ich, zufrieden, meiner Erleichterung und meiner Beschämung Luft zu geben. Das Kreuz nämlich hatte in diesem Augenblick die Arme gesenkt und seine Lampen in Grün gewandelt zum Zeichen, daß nunmehr die Einfahrt in die Schleuse frei sei oder, was für den russischen Dampfer in Betracht kam, die Ausfahrt.
»Ganz gleich!« fuhr Ery eifrig fort: »Der kleinen Maruschka war es mehr als ein Signal und mehr als ein Zufall. Du solltest Achtung haben vor der Einfalt gläubiger Herzen. Die Lotsen haben natürlich gelacht. Der Schleusenwärter kam eben ins Lotsenhaus, und wärst du dageblieben und hättest mich den Haifischen und Walrössern nicht so lieblos eifersüchtig allein überlassen, so hättest du es selber hören können, und daß die Arme es wegen ihres Mannes getan hat, der im KZ sitzt. Verstehst du?«
Ich verstand und verstand auch nicht. Ich sah den langgestreckten, schwarzen, sonderbar mageren und fast lichtlosen Dampfer sich zum Strom hinschieben. Er schrie böse auf. Mir war, als flöge der dünne Schein des Irrlichtes aus dem Schlot empor, eine bleiche, verstörte Flamme, die sich aufmachte, den Himmel zu suchen.
Erys leichte Hand drückte auf meine Schulter. Sie sagte etwas Freundliches, etwa, daß man von den Irrlichtern zu den guten Positionslaternen zurückkehren müsse. Und daß in einer Viertelstunde ein Schlepper nach Holtenau gehe und uns in Schlepp mitnehmen könne; sie habe es am Telephon mit Hilfe des Schleusenwärters schon alles ollreit. Und nach dem Grog müsse sie nun endlich redlich schlafen, und ob ich im Boot auch alles dafür ollreit hätte. Und nun könnten wir also doch den Morgen schon in der Ostsee baden. Das Irrlicht habe Glück gebracht.
»Hoffentlich hat es selber Glück!« murmelte ich betreten.
Wir machten das Boot fertig, und der Schlepper kam, und wir saßen stumm nebeneinander unterm Persennig. Der Himmel hinter schwärzlichen Flören schien mir wie ein Panzergewölbe, hart und golden vernietet. Und es war fraglich, ob es je den Schlüssel zum höchsten Gut gegeben habe.
»Hoffentlich hat es Glück!« wiederholte Ery leise. Ich glaubte, sie schlafe längst. Doch sie wiederholte es nochmals, und sogar angstvoll und flehend. Sie richtete sich halb auf, ohne Rücksicht auf die Schwierigkeit, das Persennig wieder so vorteilhaft hinzustauen.
»Schlaf doch!« sagte ich bedrückt, indem ich das Ruder bediente. Aber sie starrte in das zischende Wasser vorm Bootsbug, darin die Hecklampe des Schleppers sich spiegelte und wie ein Irrlicht tanzte.
»Gibt es den alten Mann dort oben?« fragte sie durch die Zähne.
»Hinter der Panzertür – vielleicht –« murmelte ich. Was sollte ich auch antworten?
Sie legte sich still zurück. Wir hatten unseren Ferienausflug so leichthin begonnen. Es schien uns an nichts zu fehlen. Und nun war uns ein Irrlicht hineingehuscht.
Ich wollte fluchen. Ich hatte keine Lust, mich um viel andere Dinge zu bekümmern als um das angenehme Mädchen, das Ery hieß. Aber es schien nunmehr weit von mir abgerückt, so fröstelnd es sich auch an mich drängte. Traurig lagen wir da, haltlos fortgezogen in das Ungewisse aller Zukunft. Und über uns das Irrlicht stieg und stieg wie eine Pfeilspitze scharf und war glühender als unsere Wünsche und zerbrach die besternten Panzer der Ewigkeit und sengte an den Füßen der Engel, daß sie sich aufmachen sollten, das Böse von der Erde zu tilgen.
Das kleine Bonnet
Wir saßen bei von Appen in Blankenese, hinten in der gemütlichen Ecke. Da fragte einer, ob jemand ein Schifferklavier zu bändigen verstehe.
»Julus von Dalben!«
»Der? Seit wann?«
»Ich hab es selber gehört«, sagte ich.
Julus stand auf, weiß im Gesicht. Er war aus Blankenese, begütert und nicht alt. »Schweig von dem kleinen Bonnet, verflucht, du und sie!« lachte er unsicher und ging davon.
Ich erzählte nichts, und wir tanzten nach den unpersönlichen Platten. Aber nun, da er sich anderweitig verheiratet hat, ist es besser, alles klarzustellen.
Julus hatte sich nämlich damals verknallt in eine der Gondefros. Die Gondefroschen Töchter sind, nehmen wir an, alle blond wie Manilahanf und schlank wie Schilf. Und wie Schilf ist auch, daß man sich manchmal fürchterlich dabei schneidet. Sie sind eine große Familie, uralte Segelreederei, Salpeter, Zement, vormals Tee- und Sklavenhandel, die Gondefros.
Julus war nur Mitbesitzer einer netten Fischräucherei. Aber er pochte auf sein »von«. Alle Blankeneser heißen mehr oder weniger »von«. Es ist ein gewöhnliches Bauern- oder Fischer-Von. Doch Herr von Dalben hielt seines für ungewöhnlicher. Er ließ ein Wappen in seine Briefbogen pressen (nicht auf die Umschläge, um sich nicht bei der Post zu blamieren). Und danach lud er »sie« schriftlich zum Segeln ein.
Man muß es ihm lassen, er ist ein ausgeluvter Segler, der gute Julus, und seine Sloop ist eine der gelecktesten zwischen Hamburg und Helgoland. Aber eines hätte er wissen müssen, man tauft sein Boot nicht von einem Tag zum andern um; es bringt kein Glück. »Nasser Kater« ist ein annehmbarer Name für ein Boot. Aber als die schneeigen Schuhe der Gondefro übers Schanddeck ins Cockpit schritten, da stand am Spiegel mit frischer Farbe »Alwel«. Und so hieß sie. Sie haben sonderbare Namen, die Gondefros. Ihr Bruder beispielsweise hieß Pipp. Sie hatte ihn kurzerhand mitgebracht. Er war zwölf Jahre. Mir war es gleich.
Was ich dabei sollte? Ich sollte die Fock bedienen und so, damit er sich ausgiebiger ihrem Anblick widmen könne; denn von Unterhaltung kann bei Julus nicht viel die Rede sein, was er wohl wußte; darum gedachte er, mich als Spaßmacher zu verbrauchen. Auch sollte ich, er sagte es mir hinter der Hand, und hinter der Hand sag ich es wieder, ich sollte bei Gelegenheit eine kleine Empfehlung seiner Person mit einfließen lassen.
Es war ein hübscher, heißer Tag, es briste sanft achterlich, und wir rutschten mit der letzten Ebbe elbabwärts und kamen nach Glückstadt, als der Wind schralte und von Nord uns anhustete. Da zeigten wir, was wir konnten, hüpften über den Schwell und kratzten mit drei Schlägen in den Hafen. Aber als Julus auf den Streckbug über Stag ging, da klang mir sein »Ree!« weiß der Teufel zu schnauzig, und ich sah, wie sich Fräulein Alwels angenehmer Mund leicht spöttisch gegen mich hob. Somit fierte ich die Fockschot ein wenig spät, und wir schrapten um Fingerbreite an der Mole längs und nahmen ein dickes Stück Wasser über. Nun, an Julus schwappte es leider vorbei, der Knabe Pipp hatte sowieso nichts an, da er für ein zu erwartendes Indianerfest »röten« wollte, aber Alwel Gondefros herrliche Beine, die traf es.
Julus war sehr in Kragen, Schlips und Jacke. Sie zog die Strümpfe lachend aus und die Schuhe über die bloßen Füße. Auf halbem Wege zum Essen meinte er, ob ich nicht lieber den ganzen Lunch ins Boot besorgen könne. Und man sah ihm an, daß er aus seiner puren Auffassung von Vornehmheit ihre mangelnden Strümpfe bedachte. Ich sagte ruhig und plump genug, wir sollten uns freuen, daß alle Leute uns mit einer Gondefro in bloßen Beinen zu sehen kriegten, die hübscher seien als der teuerste Strumpf.
Er wollte mich übertrumpfen und verglich sie mit der Fortuna, die oben auf der goldenen Kirchturmskugel statt des Gockels steht, und ich beneidete ihn schon, da aber entgegnete sie kühl, er verwechsle es hoffentlich nicht mit seinem Wappen. (Auf demselben war nämlich eine Duckdalbe, ein Anlegepfahl, und eine Möwe darauf sitzend.) Und die Dame dort oben habe eine zu unmoderne Figur, obwohl sie Tennis mit dem Morgenstern zu spielen scheine, und überdies hießen nach Morgenstern alle Möwen höchstens Emma.
Nach so viel Geist und Schnippigkeit verstummten wir ein bißchen. Und nur der gute Junge Pipp half uns beim Essen darüber hinweg, indem wir uns in ein nachhaltiges Gespräch verwickelten über die in Indianerreservaten bevorzugten Automobilmarken.
Julus war in sich gekehrt. Ich sagte, um Luft zu schaffen, wir würden, wenngleich schmerzlich, so doch es begreifen, wenn Fräulein Gondefro mit der Bahn anstatt mit unserer Kuff nach Hause fahre.
Julus sprang wie ein harpunierter Schweinsfisch in die Höhe. Aber die unendlich kühle und schöne Alwel winkte lässig ab. Sie denke gar nicht daran; wir und das süße Boot, das mache ihr wirklich Spaß.
Somit seilten wir elbauf zurück, und Julus überließ mir gnädig die Pinne, um dem ungerührten Segelweiß der Angebeteten die Grundlagen seiner Existenz zu unterbreiten.
Ihre Hautschatten waren bronzen wie die Tönung kantonesischer Glocken, ihre Augen weit und silbergrau wie die Nordseekimm bei Westernwind. Die Sonne durchleuchtete ihre Gobbymütze und ihre dikken Schläfenhaare. Es war ein milder Tag voll Ausflugdampfermusik und voll der großmächtigen Bässe abgesalzener Überseer aus aller Welt. Aber unser Wind wurde flauer, und knups, schlief er ein. Pipp, der unverblümte Knabe, ritt auf der Großbaumnock seiner Vollendung als Rothaut entgegen, klimperte an der Dirk und flötete nach Taifun und Hurrikan.
Noch schob uns die Flut. Ich sah abwechselnd auf das verschämt killende Achterliek und auf Alwel, die verträumt dasaß, während Julus still und vergeblich nach Worten rang. Auf einmal schrie er: »Wir wollen Wein trinken, Wein, ich weiß ein molliges Lokal. Höher an den Wind, mein Gott, wir kriechen ja in Sirup!« Damit war sein erkünstelter Überschwang auch schon verpufft, und er kratzte belämmert am Mast, mein Segeltalent in Zweifel ziehend.
»Hissen Sie ein kleines Bonnet!« lächelte Alwel. »Die Gondefroschen Kapitäne auf den Teeklippern haben gute Erfahrungen mit kleinen Bonnets gemacht.«
»Hiß ein kleines Bonnet!« grunzte Julus mich an, seine Verständnislosigkeit mit dem Brustton eines Hapagkommodores verdeckend.
»Ay, ay!« erwiderte ich, ergriff, um etwas zu ergreifen – denn ich hatte auch keine Ahnung –, die seidenen Strümpfe, die noch immer auf dem Kajütsdach lagen, obwohl längst trocken, und schor sie an die Flaggleine.
Die Wirkung war, daß wir uns allesamt mit Julus verkrachten; denn er versteht betreffs korrekter Haltung keinen Scherz. Indessen machten wir wieder Fahrt, obgleich achteraus, da der Strom gekentert hatte. Und im Nu saßen wir fest auf Meiers Sand, das nette Hochgebirge Blankeneses vor der Nase.
Wir hatten rund zehn Stunden Zeit. Es wurde Nacht. Alwel Gondefro wollte nicht im Boot bleiben. Sie ruderte mit ihrem Bruder auf die schilfgrüne Sandbank. (Nein, nach Hause fuhr sie nicht.) Sie nahm alle unsere Decken und Kissen mit und wollte baden.
»Fahr hinüber und sprich mit ihr!« sagte Julus.
»Dir ist wohl flau!« entgegnete ich. »Und du willst mich wohl als kleines Bonnet für dein Lebensschiff mißbrauchen!« Aber dann pfiff ich Pipp, und das Beiboot blieb danach drüben.
Wir lagen still auf dem Rücken, nicht weit voneinander, sie und ich, und blickten in die Sterne und die Stromlichter. Pipp schlief. Aber Julus schlief nicht. Was er nie im Beisein anderer fertiggebracht hätte, er zog eine Ziehharmonika hervor und spielte herzzerreißend die ganze Nacht. Daher eben weiß ich es.
Eine Handharmonika in einer lauen Nacht überm Wasser bei Schiffslichtern, die vorüber in die unbekannte Ferne gleiten, das ist nicht ungefährlich für ein junges Mädchen. Ich hörte es wohl, wie Alwel schwerer zu atmen begann. Oho, Julus war doch ein Hund.
Ob ich sie fragte? Natürlich! Jedoch der Mensch ist ein böses Tier von Jugend auf. Ich fragte sie, wie es sei mit ihr und – mir. Und daß ich, an der Flaggleine meines Daseins ihre kleinen seidenen Sachen in Ewigkeit als Nationale zu führen, als mein Ziel ansehe und verrückt sei wie ein entseelter Hering.
Sie weinte ein wenig an meinem Halse, das schöne Kind. Es sei dies der Abschied von uns allen, sagte sie. Denn die andere Woche, da fahre sie nach Makassar. Und ich solle es auch Herrn von Dalben mitteilen, daß nämlich die Gondefros nicht gern in Hamburg und Blankenese heiraten, sondern lieber in der weiten Welt.
Bar an Bord um Mitternacht
Wenn man Southampton hinter sich hat und es kommt die letzte Nacht, die noch vom lieben Festlande trennt, so muß man ein hartgesottener Amerikaner sein oder aber ein furchtbar reines Gewissen haben, falls man diese Nacht wie andere Nächte mit mehr oder weniger Schlaf vergeuden soll. Mein Herz war weich und heimatzugewandt, obwohl ich nur von London kam, mein Gewissen jedoch, auf dieser Reise bislang unbelastet, hatte nichts gegen ein Abenteuer; denn der Obersteward hatte mich an einen Tisch zu zwei Plätzen gesetzt, und mein Gegenüber war eine sehr junge und angenehme Dame mit kastanienfarbenem Haar.
Wir unterhielten uns gut über verschiedene naheliegende Themen, von der frischen Seeluft, von der Vorzüglichkeit ebenfalls frischen Steinbutts, vom Glück und von den erträglichen unter den englischen Strandbädern. Danach setzten wir uns noch ein wenig in die Bibliothek, während die anderen Leute ihre Verdauungsmeile ums Promenadendeck abdienten, was wir später bei stillerem Verkehr nachzuholen gedachten. Und das zarte Wesen legte mir eine schmale Hand auf den Arm und erzählte mir, wie sehr dort in England jemand gern gehabt worden sei.
Trauer war in dieser sanften und noch ein bißchen kindlichen Stimme, und ich betrachtete die kleine Hand, die leicht bräunlich überhaucht war von Golf und Sommertennis. Ich hatte gar keine Lust, hier die Rolle eines guten Onkels und Beichtvaters zu spielen, und ich sagte mir: Diese Hand auf meinem Arm ist viel zu jung, zu aufgeweckt und zu leichthin, um so schrecklich tief sich an das zu klammern, was da sozusagen als Liebe genannt war.
Ich setzte an, um zu erklären, daß solcherlei eine schwebende, wandelbare, ja fluoreszierende Angelegenheit sei, da schnitt plötzlich eine lange magere Gestalt in meinen Faden. Sie kam durch den Raum und sah nach Mütze, Jacke und Gesicht aus wie ein ältlicher Bootsmann und hatte hier kaum etwas zu suchen, deuchte mir.
Der Büchersteward, der dabei war, die Liste seines Schrankes nachzuprüfen, sah mit einem Ruck zu ihm auf, so als schnappe eine Feder in seinem Genick in die gewöhnliche Lage: »Na, und wie . . .?« fragte er, indem seine Augen an den Mann geheftet waren und sein Tonfall keine Annehmlichkeit vermuten ließ.
Der Bootsmann legte ein Buch auf den Tisch, wandte keine Miene und sagte, ohne Weg und Haltung zu unterbrechen, breitschlächtig und würdig: »Werden ihm woll kaum dorchkriegen bis Cuxhoben.«
Danach war eine gewisse Stille, von den davonschreitenden Stiefeln auf den Teppich geheftet, und es fiel mir schwer, meiner Nachbarin zuliebe (die sich nicht getraute) mich zu erkundigen, ob jemand krank sei an Bord.
»Ach, nur der Ober von der Zweiten; er hatte ein Buch geliehen, mein Eigentum«, antwortete der Steward wegwerfend, ließ seine Genickfeder wieder ausschnappen und stürzte sich wie ein pickendes Huhn in seine Bücherrevision zurück. Man merkte ihm die allgemeine Vorschrift an, alle Beunruhigung der Passagiere zu vermeiden. Und da der Mensch seit Urzeit geneigt ist, sich den bequemen Auffassungen des »Ach nur . . .« anzuschließen, horchten wir auf die Musik, die vom Teesalon herüberflirtete.
Aber wir gingen nicht sofort hin. Wir nahmen unsere Mäntel und spazierten ein wenig an Deck. Es war noch rot im Westen; doch dort, wohin wir fuhren, war schon finstere Nacht. Sehr friedlich war alles bis auf das Zischen des Wassers tief unten an der Schiffswand, und an der englischen Küste blitzte ein unruhiges Leuchtfeuer. Wenn man an den Fenstern des Teesalons vorbeikam, hörte man die muntere Tanzmusik. Auch sah man durch die Vorhänge, daß ein, zwei Paare schon auf dem Parkett waren. Wir gingen daran vorbei. Ich dachte, es ist richtig, man soll nicht tanzen, wenn andere darniederliegen. Und wir sprachen von Hannover, wo der Typ der Frauen ersprießlich ist, und es komme von der englischen Herrschaft einst, meinte sie, und sie war daher.
Als wir das zweitemal den glasabgedeckten Gang unterhalb der Brücke am Vorschiff rundeten und mir nicht unbeklommen war in der Nähe des zierlichen Geschöpfes, öffnete sich die Tür backbords, die dort hinausführt auf eine Treppe zur dritten Kajüte und auf das Vorschiff, wo die Mannschaft wohnt, und herein trat in einem Schwall von Wind und Rauschen die lange Gestalt des Bootsmanns von vorhin. Er sagte nichts, sah uns auch wohl kaum, ging mit seinem starr schwebenden Taubenschritt, wie alte Seeleute zu gehen pflegen, davon und die Treppe zum Bootsdeck hinauf.
Wir gingen nicht dort auch hinauf, so sehr es mich reizte, sondern vollendeten unseren zweiten Rundgang und begannen den dritten, und als wir achtern an der Laube vorbeikamen, hörten wir vom Lukendeck einen näselnden Singsang. Es waren da ein paar Matrosen bei einer Lampe tätig, an einer Winsch etwas auszubessern, wozu morgen keine Zeit mehr sein mochte.
Es schien immerhin der Melodie nach eine Art Revolutionslied, aber es wurde ziemlich ins Lächerliche gezogen, und der Text war ein bißchen verändert und hieß: Flunki muß sterben, ist noch so jung, jung, jung . . . So ging es eine Weile, immer dasselbe, bis einer unter großem Gelächter einen Gedanken faßte und den Reim in breitem Hochdeutsch vollendete: »Wenn wir was erben, ist es bloß Stunk.«
»Wer ist Flunki?« fragte meine Begleiterin. Sie zitterte, ich merkte es durch ihren Pelz. Ich fürchtete, sie denke an ihren betrüblichen Abschied in Bornmouth oder so und wen sie da geliebt, und ich erwiderte behutsam: »Flunki nennen sie die Stewards.«
»So ist es also der Oberflunki«, entschied sie und fügte energisch hinzu: »Und jetzt gehen wir in den Salon.«
Im Salon vereinigten wir den Mosel, der von Tisch her in uns war, mit einer edleren Sache, und wir tanzten lange nicht, jedoch unsere Stimmung war freundlich. Die Kapelle ließ nichts zu wünschen übrig; wir begutachteten die Tanzpaare, und es war nicht viel bis auf eine blonde Dame und zwei Kavaliere, die es nicht übel verstanden und sogar im Smoking waren, obwohl nur Grünhörner oder Snobs sich den letzten Abend umzaubern.
Ich sagte das, und sie fand es auch und meinte, was die an Tango könnten, könnten wir auch, und somit tanzten wir, obwohl sie so klein und zierlich war, daß von einer gewissen Perspektive jedermann hätte glauben können, ich tanze gänzlich solo. Sie war weiß der Himmel sehr niedlich und elegant und tanzte leicht wie eine Eiderdaune.
Ich merkte, wie die Augen der beiden noch in Betracht Kommenden wohlgefällig auf ihr ruhten und kalt an mir vorbeiglitten, was mein Gefühl zu heben wohlgeeignet war. Gewiß, deren beider Figur hätte womöglich besser zu ihr gepaßt, hingegen zu mir gegebenenfalls die Hochblonde. Dennoch, die Verteilung der Verhältnisse darf im Leben nicht das Ausschlaggebende für die Stimmung sein. Gott sei Dank verschwand das Trio bald, und es wurde gegen Mitternacht. Sie sprach von Mammi und Pappi, die Kleine, und daß ein weißer Lancia, links geschaltet zu vier Gängen, in hundertzwanzig Kilometer Tempo ihr Ideal sei. Als der Steward kam und kassierte, flüsterte er mir zu, in der Bar werde weitergetanzt.
Ja, es war eine letzte Nacht an Bord, wer konnte ahnen, wie es am lichten Morgen und an Land wieder daheim sein würde. Mochte zu Bett gehen, wer wollte. Wir gingen in die Bar. Sie lag einen Stock höher, und als wir die Tür aufmachten, war es eine ganz kleine Bar mit drei Hockern, nicht mehr, und auf einem saß einer der beiden Smokingkavaliere und hatte neben sich ein Grammophon und legte gerade eine neue Platte auf. Der andere und die Blonde saßen an dem einzigen Tisch in diesem dämmerigen, von atemwarmen Flipdünsten erfüllten Raume, und er hielt gerade ein Glas vor der Nase, es war groß wie eine halbe Pampelmuse, und er sagte gedämpft: »Ihr Wohl, Frau Baronin!«
Es hatte den Anstrich einer privaten und geschlossenen Gesellschaft; ich hätte mich gerne zurückgezogen samt meinem Mäuschen. Jedoch der Mixer hob einladend die Hand, und es war einer jener Barkeeper, die begnadet sind, so daß man ihnen schlecht etwas abschlagen kann. Auch seufzte nunmehr die Platte los, es war eine süße Sache, ›The bench in the park‹ oder so was, und wirkte wie ein Magnet auf meine Begleiterin.
Somit saßen wir denn auf den Barhockern. Und George, das war der Mixer, schenkte ein. Oh, es war der beste Mixer auf den gesamten atlantischen Linien und ein wahrhaftiger Mensch, so daß es mir nicht an Unterhaltung mangelte.
Die Stunde rückte vor. Die liebe Dame, mit der ich gekommen war, tanzte mit dem einen, der auch die Platten aufzulegen pflegte und blond war wie eine gebleichte Kokosmatte; es stellte sich heraus, daß er gewissermaßen ein Tanzstar sei und von einem amerikanischen Turnier kam. Er war durchaus ein Ritter und fragte mich manchmal, ob er auch dürfe, als ob ich über das gute Kind zu verfügen gehabt hätte, weil ich etwa an einem Tisch damit gesessen; nein, es war ihr eigenstes Risiko.
Wir tranken viele hübsche kleine Sachen, namentlich einen sogenannten Maracaibo, so eine Mischung aus Wermut, Angostura und Gin, denke ich, die wegen Venezuela so bezeichnet war, woher der andere recht dunkle Herr kommen mochte, der nicht abließ von der blonden Baronin und wohlerzogen auf sie einredete. Die Baronin lachte laut auf und sprach Gewagteres, und meine kleine Freundin, von Maracaibo heiter gelaunt, meinte dicht an meinem Ohr, sie glaube nicht, daß es eine wirkliche Baronin sei, und ob ich es übelnehme, wenn sie so viel tanze.
Ihr Atem ging wie ein brennender Flip durchs Ohr in meine Seele; ich war nicht glücklich, aber was sollte ich übelnehmen? »Tanze, tanze!« entgegnete ich milde, wollte auch väterlich über ihr Haar streichen, das der Mode nach ein wenig auf »Großer Kurfürst« gehalten war. Ach, sie war schon lange entglitten und hing an dem blassen Turnierstern. Ihre Liebe und der Abschied und was sie mir gebeichtet, das schien schon alles verflogen. George philosophierte auf eine weltmännische Art, sein Horizont war weit, er hatte den Kronprinzen geduzt und den ausgedörrten United States derzeit manche nasse Kiste in die Gurgel gelotst und hatte eine andere große Sache vor, woran ein Vermögen zu machen war, und wir tranken auf frohes Gelingen, und er zwinkerte mir zu, der gute Junge, in bezug auf mein Mädchen, und ich schluckte es (denn der Maracaibo ließ wenig Widerstand zu) und sah zur Seite und sah, wie die Baronin herüberlächelte.
Blond, sagte ich mir da, ist eigentlich mehr mein Fall als der herbe und nicht ungewöhnliche Kastanientimbre, und lächelte zurück, gehalten und weltkundig, wie ich mich fühlte. Aber sie erhob sich, kam herbei und wandte sich an George, zog eine große Perle aus ihrem winzigen silbernen Täschchen: Was George meine, ob er sie drüben absetzen könne, und die oldenburgische Prinzessin habe damit gespielt.
Das beweise die Echtheit, sagte George höflich und nahm die teure Kugel zwischen die Zähne; denn sie muß sich dann rauh anfühlen, so glatt sie ist. Und wir fühlten es alle der Reihe nach zwischen den Zähnen, zuerst ich, da ich George am nächsten saß, dann das Kastanienfarbene; ich achtete scharf darauf, daß sie es nach mir bekam, und hätte es noch lieber umgekehrt gehabt. Nun hätte es genug sein können, sie hätte die dicke Perle an George zurückgeben sollen, aber auch die Kokosmatte wollte sich überzeugen und erhielt sie, die zuvor den süßen Mund berührt.
Der Venezuelaner hatte inzwischen das Grammophon wieder in Schwung gebracht; ich wandte mich nach der Baronin um. Ich kam zu spät, sie tanzte schon mit ihm, und die andern beiden tanzten auch. George und ich waren wieder allein, und er sagte, er mache das alles, zwotausend Dollar diese Perle, ein geringfügiger Job zwar, aber man müsse sehen. Dann wurde er bedenklicher, nicht wegen dieser, wegen der anderen großen Sache, und zog in Erwägung, daß oft die besten Freunde die größten Schweinehunde seien, wenn es darauf ankomme.
»Meinst du, George, daß es hier darauf ankommt?« fragte ich vieldeutig.
»Man darf es niemals tragisch nehmen, old judge!« lächelte er. »Sie sieht zwar fast aus wie . . .«
Und nun ergingen wir uns in gemeinsamen Hamburger Erinnerungen. Als aber die, die sich noch außer uns in diesem Raum befanden, die Nadel immer wieder zurückschoben und ihre Füße nicht aufhörten, stets nach demselben English Waltz über den Teppich zu schmelzen, und sie auch laut mitsangen, da ging ich teuflisch an den Kasten, um ihn knacks überzudrehen, das heißt, ich wollte, aber eben war ich von meinem Hocker herunter, da sah ich den langen Bootsmann zur Tür hereintreten, lautlos, starr schwebend, mit braun hölzernem Gesicht, die Augen überhell spitz vorausgerichtet. Er sah nicht links und rechts, sagte nicht guten Abend, nahm die Mütze nicht ab, ging stracks durch den Raum in die kleine Tür neben der Bar. Das Grammophon schluchzte weiter, es wurde auch weiter getanzt, niemand schien den Mann gesehen zu haben außer mir. Ich wußte nicht, sollte ich George fragen. Es gibt Augenblicke, die man seinen Augen nicht zutraut.
George schüttelte den Mixbecher für eine neue Lage, als sei nichts geschehen. War ich schon so betrunken? Da auf einmal kam der Bootsmann wieder heraus, starr und gerade, und sagte im Hinausgehen, ohne sein Gesicht zu wenden, mit dem gleichen unbewegten Tonfall wie in der Bibliothek: »Denn laß ihn man mal ’n Glas heißen Rotwein kriegen. Ist sein letztes.«
Seine harte klare Stimme drang durch den mürben Schwall aus Tanz und Musik und Gemixe. Und siehe da, nun brach alles ab. George verschwand mit einer Flasche Bordeaux in die Kombüse nebenan, wo ein kleiner Heißwasserspeicher war für die Grogs.
Die Kokosmatte aber taumelte ein wenig, ließ das Einglas fallen und schnarrte: »Wat hat denn hier ejalweg det Personal zu suchen?«
Es war eine Weile unbehaglich still. Meine holde Tischgefährtin aus Hannover war blaß und sah mich angstvoll an, ihre großen kindlichen Augen rührten mich, aber ich verbiß es, verliebt zu sein oder gar unglücklich wegen ihres Wankelmuts. Und auch die Baronin sah mich an und die beiden Kavaliere auch, als ob ich hier Aufklärung zu geben hätte.
»Ja«, sagte ich da, um keinen zu enttäuschen: »Das ist eben nun mal so, da ist nichts zu machen.«
Der Venezuele hatte blaue Schatten ums Kinn; es war bald Zeit, sich wieder zu rasieren.
»Nein, da ist nichts mehr zu machen!« sagte da auch George. Er war wieder hinter die Theke getreten. Ergebung lag auf seinem guten Antlitz: »Wenn Bootsmann es sagt, dann ist es so. Der weiß mehr als jeder Schiffsarzt. Mich soll wundern, wenn er es noch bis Cuxhaven macht. Wenn erst Land in Sicht ist, dann wird er wohl Ruhe haben!«
»Liegt er denn hier und wer überhaupt?« fragte einer entsetzt.
»Natürlich, wo denn sonst? Hier hinter der Wand, Obersteward von der Zweiten!« antwortete George: »Erstens ist da sein Zimmer, und zweitens hört er so gern Musik, und drittens freut es ihn, wenn der Umsatz floriert. Er hat Wasser am Herzen. Meine Herren, einem Seemann soll das Wasser am Herzen liegen, bei einem Flunki ist es ungesund. Prost!«
»Eine Runde Maracaibo ist besser!« faßte sich der Venezuele.
Mir aber schmeckte es nicht mehr. Ich ging hinaus, wo die Sterne schwankten. Anfangs vernahm ich noch die Musik wie ein Radio aus fernen Sälen.
Es dämmerte. Auf einmal stand meine kleine Dame neben mir, verhüllt und stumm. Was sollte man viel sagen? Die Nacht war ungefähr dahin. Vorm Bug erglomm der Himmel, knallrosa Wolken waren wie ein Vorhang aufgetan vor der feurigen Helle.
»Ob er so ins Paradies sehen wird oder wir eines Tages?« sagte sie da leise an meiner Schulter.
Ich strich über ihr Haar, wie ich es vordem hatte tun wollen; es war feucht vom Tau. Ein Stück Küste schimmerte grau und messerdünn hinter der lila See und schnitt eine blasse Scheibe Sonne über die Kimm. Das Schiff wurde lebendig, es erscholl von Arbeit. Der Tag war da. Wir gingen zurück an den Niedergang.
Da, als unser Blick nach achtern fiel, hißte man gerade die Heckflagge; aber sie stieg nicht ganz empor, sie blieb auf Halbmast stehen.
Der Gingkobaum
Im Jenischpark auf dem hohen Ufer zu Teufelsbrück bei Altona steht ein ehrwürdiger Gingkobaum. Jedermann kann ihn ansehen. Der Park ist öffentlich.
Eines sonnigen Nachmittags kam eine Studentin durch die Gartengefilde, die älter sind als alle anderen englischen Gärten des Festlandes, und verhielt unter dem breiten, lichten Geäste des fremden Baumes, bog ein Blatt herab und betrachtete es eingehend. Denn sie studierte Biologie. Das kleine Blatt sah aus wie ein dunkelgrün lederner Puppenfächer. Aber da es keine Puppenfächer solcher Art gibt, verwarf das Fräulein den Vergleich, mußte aber dennoch an ihre einstigen Püppchen denken, die überhaupt keine Fächer gehabt hatten, sondern in altbäuerliche Tracht gekleidet gewesen waren auf der Insel Sylt, wo sie herstammte, und die aus lila und rosa Herzmuscheln gegessen und getrunken hatten. Und während sie in der betreffenden Abteilung ihres Verstandes wissenschaftlich nachlas und neu notierte, wie einzigartig diese Sorte Baum sei, die stehengeblieben ist auf halbem Wege vom Nadel- zum Laubholz, vermerkte ihr unwissenschaftlich phantastisches Herz: Es ist eine Krone, behängt mit lauter uralten, platt, ledern und dunkel gewordenen Herzmuscheln. Denn sie war in den Jahren, da man manchmal das Leben als eine große Trauer empfindet.
Als sie noch so verweilte und den bedrängenden Duft jungen Grases und aufbrechender Knospen einatmete, den der wässerige Wind unter den zeitlosen Wipfel des Gingkobaumes trug, erging sich vom Herrenhause her eine Gruppe ernster Männer. Es waren einige Räte der Stadt mit fremdländischen Gästen, mit japanischen Arbeiterführern, die zur Erkundung eines vorbildlichen Fürsorgewesens nach Deutschland gereist waren und auch dem kleinen gerühmten Altona ihren Besuch abstatteten. Sie waren in europäischer Kleidung und schritten bescheiden und höflich lächelnd neben den sich heiter zeigenden, massigeren Herren und gelangten wie zufällig an den Gingkobaum, wo sie allesamt stehenblieben.
Der freundliche Wohlfahrtsdirektor der Stadt, der die kleine Versammlung führte, sagte da in Freude, einen Anknüpfungspunkt zwischen den Völkern gefunden zu haben, poetischer als die Statistik der Arbeitslosen und der Krisengelder: »Ein Gingkobaum, meine Herren. Er muß an die hundert Jahre alt sein.«
Die schmächtigen Japaner bestätigten es mit höflichem Nicken. Sie hatten einen Dolmetscher unter sich, einen jungen Arzt, der in Tokio studiert und schon von seinem Vater, der auch Arzt war, an Hand medizinischer Bücher Deutsch gelernt hatte.
»Ja«, fuhr der Wohlfahrtsdirektor fort: »Es gibt einen Brief darüber. Ein japanischer Handelsfreund hat diesen Baum dem ehemaligen Besitzer dieses Parkes als Angebinde geschickt, und eine schilfgeflochtene Tasche voll japanischer Erde, darin er gewurzelt, hat ihn begleitet und hat sich hier dem deutschen Boden vermählt und ihm die Anpassung leichter gemacht.«
Die Gäste vernahmen es, und der Stadtvertreter sah, wie es sie rührte. Darum setzte er offenen Gemütes hinzu: »Möge dieses Sie heimatlicher anmuten, meine Herren, als das, was Europa, wie Sie vorhin gespürt, aus Ihrem Tee gemacht hat!«
»Oh, wir danken Ihnen!« antwortete da der junge Dolmetscher mit einer leichten Verbeugung, und seine Freunde verbeugten sich alle mit. Seine Stimme klang vorsichtig. Er hatte so sehr oft noch nicht Gelegenheit gehabt, sein Deutsch anzuwenden, und es klang wie zart gepinselt und mit altem Goldstaub gefärbt: »Wir danken Ihnen für Ihre Güte!« sagte er: »Es ist viel Heimat für uns, was wir hören und sehen. Viele Leute in Osaka haben nie einen grünen Baum zu sehen. Ich bin Arzt in einem Krankenhause dort. Es sind Fabrikarbeiter.«
Das junge Mädchen stand ganz in der Nähe, anscheinend versunken in die Betrachtung eines Büschels blaßroter Aurikeln. Es war ihr wie ein Wunder, unter dem fremden Baume so ungefähr alsbald die dazugehörigen fremden Gesichter zu erleben. Wie durfte man da etwa undankbar schnell enteilen!
Sie stand indes zu fern, um die Erwiderung des jungen Arztes aufzufassen, sie vernahm nur den Wohllaut seiner Stimme, und indem sie seine zierliche Erscheinung verstohlen und undeutlich in den Augenwinkeln erfaßte, floß das Aurikelnbeet unter ihr zusammen in geschlossenere Töne, gestickt oder gemalt, hingehaucht auf Lack, auf Porzellan, auf Goldpapier, auf dünne gebleichte Seide. Gebildete Erinnerungen an Farbendrucke und Gelesenes formten dort eine helle fremde Landschaft, weiß und silbergrau das Haupt des Fuyisan unter lila verschwebendem Himmel über einem türkisgrünen See, davor stand der alte Gingkobaum und ein lackrotes aufgebogenes Tempeltor, und daneben saß der junge japanische Mann mit zedernholzfarbenem Antlitz und schwarzgetuschten, bogigen Brauen und weise-stillem Lächeln und war gekleidet in einen dunkelvioletten Seidenkimono mit blauem und goldenem und blaßrotem Getier und hatte neben sich eine bauchige messingne Aschenschale und rauchte aus dünner silberner Pfeife.
In Wirklichkeit rauchte er eine Zigarette und trug einen Cutaway und einen weichen, grauen, amerikanischen Hut, und sein Kragen war ein wenig hoch, und sein Schlips war grün mit aurikelroten Tupfen.
Die Herren waren vom Poetischen gleich wieder auf das Soziale gekommen und schritten gemessen zurück zum Herrenhaus. Die kleine Studentin hatten sie gar nicht beachtet. Sie waren mit den Nöten der Zeit beschäftigt.
Die kleine Studentin, nachdem sie sich umgesehen und niemanden mehr erblickt hatte, auch keinen Parkwächter, pflückte ein Blatt von dem Gingkobaum und legte es zu Hause in ein Buch von Dauthendey, das ›Die fliegende Erde‹ heißt und aus lauter Lobgesängen einer Weltreise besteht. Es war ein Verlegenheitsgeschenk einer Freundin gewesen, das nun auf einmal tiefere Bedeutung gewann.
Die Studentin wählte lange unter den japanischen Hymnen des unruhigen Dichters, der, halb Journalist, halb ätherisch Verzückter, scharfsichtig und berauscht die Seiten seines Reisetagebuches gefüllt hatte. Sie suchte nach einem japanischen Mannesnamen und legte nach einigem Zögern, dann aber innerst erschauernd, das kleine ledrige Gingkobaumblatt zu der Geschichte der Brüder Juro und Goro und der Kurtisane Tora Gozen.
Es war das längste Gedicht im ganzen Buch, sie hatte es bislang immer überschlagen, und als sie es jetzt las, war es ganz unpassend blutig und grausig. Jedoch der Name Goro bestimmte sie, das Blatt an dieser Stelle liegenzulassen. Und zwei Verse sind es, die sie dann mit klopfendem Pulse die Nacht noch auswendig lernte, anstatt sich auf ihr Seminar vorzubereiten:
Und Goro sieht Tora am Gitter dort stehen. Da werden des durstigen Goro Augäpfel, die vorher tot, wie tauendes Eis im Abendrot, und sie müssen heiß das Mädchen betrachten . . . Das weiße Antlitz von Tora Gozen anschauen, sie, die schönste der tanzenden Frauen, sie, die zart ist wie auf einem Spiegel ein Atemhauch. Sie ist den Zuschauern erschienen wie ein Abendsegel im Abendwind, faltenlos und weiß, ein Segel, das seinen Schein leis in die Seewelle goß . . .
Die Studentin hieß nicht Tora, sie hieß Omke Prott, was immerhin auch kein gewöhnlicher Name ist. Sie war weit entfernt, sich mit der schönen Kurtisane und zarten Tänzerin Tora Gozen gleichzustellen. Sie war eher derb und groß als zart und war sehr unjapanisch blond. Dennoch machte es ihr die Schläfen heiß. Sie war noch recht kindlich, aber sie konnte sich erschrekkend gut in die Angelegenheit hineinversetzen. Sie suchte nach biologischen Erklärungen. Ihr Großvater war Kapitän auf einem Ostasiendampfer gewesen und hatte sicher in Yoshiwara zu Tokio so eine kleine süße Teetänzerin kennengelernt und geliebt. Das war es. Und da es nun wissenschaftlich kühl und sachlich auseinandergelegt war, hätte sie dem Verstande nach zufrieden einschlafen können. Sie hatte aber in dem lieblosen Mietszimmer, an dessen Scheibe der Großstadtlärm als eine unreine Brandung schlug, die ganze Nacht Heimweh nach ihrer Insel. Sie war noch nicht allzulange fort. Und darin fühlte sie sich eins mit dem fremden jungen Manne und auch ganz ohne lyrisches Beiwerk. Er stammte ja auch von einer Insel und war fern davon.
Allerdings hatte sie das unaufdringliche Erlebnis ziemlich vergessen, als sie bei Beginn des neuen Semesters den jungen Japaner plötzlich in der Eingangshalle der Universität sah. Sofort stand die unscheinbare Begegnung unter dem alten Gingkobaum in jenem Frühlingsgarten vor ihrer Seele und dazu der wortelose Wohlklang der fremden Stimme und der Name Goro und das Inselheimweh. Der junge Arzt fühlte ihren Blick, hob nachdenklich die schwarzen Augen, zog die Luft ein, grüßte bescheiden und verschwand in einem Hörsaal.
Medizin! sagte sich die Studentin: Ist er es oder ist er es nicht? Sie erkundigte sich und erfuhr, daß er längst Amt und Titel habe, drüben in Japan, und daß er fließend Deutsch spreche und einige Vorlesungen belegen wolle, ehe er in die Heimat zurückkehre.
Die kleine Studentin belegte auch einige Vorlesungen Medizin. Ihr Professor lobte ihren Fleiß. Es wäre immer gut zu erkennen, wie sehr die Medizin im Grunde ein biologisches Studium sei.
Nun sah sie den schmächtigen stillen Fremdling jeden Tag. Sie hörte nicht viel von dem, was vom Katheder aufstieg in der Unwiderlegbarkeit fachlicher Satzgefüge. Ihre Phantasie tuschte an zartfarbenen Holzschnitten, darin der Name Goro in prinzlichen Gewändern eine teils sinnliche, teils heldische Rolle spielte. Ich heiße Omke, ich heiße nicht Tora, dachte sie und lächelte darüber oder ärgerte sich, je nach Laune.
Es war Herbst. Omke sehnte sich oft, noch einmal in den Park zu gehen und am Gingkobaum auf ein Wunder zu warten. Sie malte es sich in Gedanken aus, aber den Tatsachen nach erschien es ihr doch zu unwahrscheinlich, und darum blieb sie lieber in der Stadt und ging vor der städtischen Klinik auf und ab. Dort war Goro auf Gastspiel und arbeitete im Labor, um zu lernen, nur zu lernen, und war als tüchtig gerühmt.
Bin ich ein alberner Backfisch, schrie Omke sich innerlich an. Aber es war nichts zu wollen. Ihr Großvater hatte schuld mit seinem Yoshiwaraseitensprung. Sie läutete an der Klinikklingel und fragte nach dem japanischen Arzte. Sie wußte auch längst, daß er Dr. Yeiji hieß.
Die Schwester ließ das hübsche Mädchen mit gleichmütiger Verbindlichkeit wie eine Patientin in ein privates Wartezimmer treten und nahm die Visitenkarte. Omke Prott hatte sich eine nette Visitenkarte drucken lassen. Es dauerte nicht lange, da kam Dr. Yeiji lächelnd und lautlos in schneeweißem Kittel herein. Omke blieb sitzen, sie wollte nicht größer sein als er. Er fragte höflich mit einatmender, feierlicher und tiefer Verbeugung nach ihren Wünschen.
Sie wurde sehr rot und stammelte: »Möchten Sie mich untersuchen. Ich glaube, ich habe einen Herzfehler.«
Der junge Arzt neigte seinen glänzenden schwarzen Scheitel und dankte der Dame vielmals für das große Vertrauen, aber er müsse leider bedauern, er sei nicht hier, um eine Praxis auszuüben, er sei mit Studien beschäftigt und müsse die Dame an den Geheimrat selber verweisen.
»Mein Gott!« flüsterte sie geschlagen. Wie komme ich überhaupt dazu! dachte sie. Ihr Gesicht war nun ganz weiß. Der Arzt in seiner Höflichkeit wagte erst jetzt, sie richtig anzublicken. »Ah so«, sagte er dann: »Sie sind ja Kollegin, im Kolleg. Oh, was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht gut?«
Er faßte behutsam ihren Puls. Sie entzog ihm die Hand. Es war unnennbar sanft, wie er sie berührt hatte. Eine große rote Nelke, wie mit Goldstaub bestäubt, stand in einer matten irdenen Vase. Der Duft war betäubend.
»Nein!« sagte sie willenlos. Sie erhob sich mit Mühe. Sie überragte den dunklen Scheitel des Arztes um das schmale Oval ihres friesischen Gesichtes: »Ich wollte Ihnen nur japanische Holzschnitte verkaufen.«
Er entgegnete gleichmütig freundlich: »Sehr, sehr lieb. Ich werde sie kaufen. Verzeihung sehr, ich bin ein Sammler nicht. Viel, viel Arbeit und immer. Schöne Blätter, Hukusai, Sie wissen, in meiner Familie, so in der Ecke, alte Blätter, vom Vater, vom Großvater, vom Urgroßvater und so weiter, sind sehr schön.«
Er umging die Absage mit vielen hilflosen blumigen Wendungen. Sie unterbrach seine Höflichkeit, indem sie einen Zweifel ließ, daß sie ihn durchschaue: »Wohnen Sie dort ganz ohne Möbel?« fragte sie und war froh, daß er nicht sammelte. Sie besaß gar keine Holzschnitte außer denen in ihrer Phantasie.
»Wir in Osaka wohnen ganz europäisch. Ich habe gelernt, auf Stühlen zu setzen. Verzeihung, sitzen, zu sitzen. Setzen wir uns? O bitte, bitte sehr!« sagte er. Sie setzten sich beide, entfernt voneinander. »Wie schade!« antwortete Omke: »Ich habe Sie mir in einem dunkelveilchenfarbenen Kimono vorgestellt, der bestickt ist mit goldenen Blumen und allerhand Getier.«
Er lächelte gleichmäßig fort: »Mein Vater, ja, noch. Wir nur selten. Tag der Fische vielleicht, wenn gerade Urlaub. Oder die Päonienblüte.«
Sie vermeinte, Heimweh in seiner Stimme zu spüren. »Sie Armer!« sagte sie. Er wehrte sanft ab. Seine Augen hatten glimmende Funken. Er sog den Atem tief in der Höflichkeit seiner Sitte ein. Er saugt mich ein, aber er sieht mich gar nicht an, dachte die kleine Studentin.
Nun sprach er weiter, als spreche er zu einer fernen Versammlung. Sein Deutsch wurde fließender, als lese er ab: »Wir haben auch gelernt, daß es noch mehr gibt, als nur Schönheit lieben. Vielleicht war Japan besser ohne Fabriken. Aber wir haben kein Recht zu fragen. Es ist Schicksal. Wir müssen es so gut machen, wie es geht. Wir müssen die Infektion, die aus dem Westen kommt, überwinden und überwinden helfen.«
»Sie waren bei der Abordnung der japanischen Arbeiterschaft. Warum sind Sie nicht mehr dabei?« fragte Omke nun. Ihr Herz war kühl, aber es tat weh. Der Laut der fremden Stimme war kühlend und schmerzhaft zugleich.
»Ich war der Dolmetscher. Ich bin noch dabei. Ich lerne, unseren Arbeitern zu helfen.«
Бесплатный фрагмент закончился.
