Читать книгу: «Jenes hügelige Sein»
Hans Haumer
JENES HÜGELIGE SEIN
LEBEN, TUN UND DENKEN

www.kremayr-scheriau.at
ISBN 978-3-218-01234-8
eISBN 978-3-218-01246-1
Copyright © 2020 Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Christine Fischer, unter Verwendung eines Fotos von
Andrea Haumer
Typografische Gestaltung und Satz: Danica Schlosser
Lektorat: Stefanie Jaksch
DER ZUKUNFT UNSERER KINDER UND ENKEL ZUGEDACHT
INHALT
VORWORT
KRIEG UND FRIEDEN
Weihnachten 1943
Chor der Engel
Schillernde Gerechtigkeit
Gerechte Politik?
Gut und Böse
Logik des Herzens
DAS WERDENDE ICH
Mythen der Menschwerdung
Süßer Vogel Freiheit
Ich bin ein Europäer!
Pietati et litteris
Morgensterns Verfassungsrecht
AUF WANDERSCHAFT
Es muerto!
Ein emotionaler Rucksack
Präludium und Fuge in cis-Moll
Das Teilen der Bürde
TAUMELNDE JAHRE
Das Quintett
I have a dream
Prager Frühling
Der Baum und die Vögel
Wendezeit
Friedensgeld
DER FELSEN DES SISYPHOS
Ja durch Nein
Die halbseidene Schnur
Das Labyrinth
Der Torso des Apoll
Die Schließe der Kette
FÜRSTLICHER LOHN
Metamorphosen
Schöpferische Zerstörung
Mens sana
ZWISCHENTÖNE
Hirn, Herz und Hand
Wahre Wirklichkeit
Du holde Kunst
Vertrauen in das Leben
ZEIT UND EWIGKEIT
Eine Theorie von Allem
Die Zukunft des Planeten
Der wachsende Denkbaum
Seelenlose Intelligenz
Ende der Geschichte?
Der Wille zum Sein
Das große Geheimnis

VORWORT
In meinem Hauptberuf war ich wohl für die meisten Menschen, die mich flüchtig kannten, ein Banker, ein Mann der Wirtschaft. Manche wussten auch, dass ich angeblich ganz leidlich Klavier spielen könne. Das stimmt zum Teil. Es gibt vieles, was nicht so bekannt ist. Ich hatte ein Leben lang viele Interessen und die Gelegenheit zu vielfältigen Erfahrungen in aller Welt. Als begeisterter Lehrer und lebenslang Lernender hat mich das Streben nach Lebensweisheit immer wieder in die Höhen und Tiefen der Gedankenwelt geführt. In meiner beruflichen Tätigkeit war ich bemüht, die mir anvertrauten Mitarbeitenden in einem humanistisch geprägten Geist zu führen. Von vorsichtigem Optimismus getragene Meinungen über die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft der Menschheit fanden Niederschlag in Büchern, Kolumnen und Vorträgen. Die wichtigsten Stationen meiner achtzig Jahre samt zeitgeschichtlicher Erinnerung und philosophischer Besinnung bilden diesen Abriss Jenes hügeligen Seins, als welches ich mein Leben sehe. Nicht zu schroff, nicht zu sanft, nicht zu laut, nicht zu leise, manchmal bergauf, dann wieder bergab, bis der Wanderer eines Abends Ruhe und Schlaf findet.
Statt mein Leben einfach niederzuschreiben, wollte ich es erzählen. Constanze hört dieser Erzählung geduldig zu, unterbricht manchmal mit einer Frage, inspiriert mich dazu, nicht vom Hundertsten ins Tausendste, sondern „zum Punkt“ zu kommen, und war eine lebende Mahnung für mich, an die Zukunft und unsere Verantwortung für eine bessere, sagen wir lieber, eine gute Welt zu denken. Sie ist das Firmkind meiner Frau Andrea, und ich fühle mich wie ein Großvater, der seiner Enkelin etwas mitgeben will, was auch sie von ihm haben möchte: Eine Erzählung über sein Leben und über das, was war und das, was bleibt. Ich weiß, dass sie mir gerne wie einem Großvater zuhören wird!
Am Beginn der Erzählung steht das Trauma des Krieges und der Verlust des Vaters. In der kargen, aber glücklichen Kindheit hat sich mein ethisches Gewissen und die Gerechtigkeit als sein Leitmotiv entfaltet. Das werdende Ich verdankt der humanistischen Bildung bei den Piaristen viel Nährboden für ein ganzes Leben. Die Versöhnung zwischen den Todfeinden von gestern erlebte ich als Fünfzehnjähriger in der Bretagne; sie hat mich zum Europäer auf Lebenszeit gemacht. Die taumelnden Jahre in Nord- und Südamerika bauten mir den idealen Werkzeugkasten für die berufliche Laufbahn in Europa; deren größte Herausforderung war wohl, was ich den Felsen des Sisyphos taufte. Nach meiner vergeblichen Mühe durfte ich Jahre später erleben, dass diese Fron den steilen Weg zum Gipfel für andere mutige Helden geebnet hatte. Die Tätigkeit für das Fürstenhaus und die Finanzwirtschaft des Nachbarlandes Liechtenstein wurde gekrönt vom Geist der Academy und belohnt vom erfolgreichen Abenteuer der CapitalLeben und einer geglückten Metamorphose des Fürstentums.
Aber die wahre Wirklichkeit meines Lebens war nicht das materielle, sondern das geistige Streben. Von diesen Früchten des Denkens sind manche Zwischentöne nachgeklungen. Der wohl nachhaltigste davon ist die holde Kunst geblieben. Meine lebenslange Bemühung, das große Geheimnis von Mensch und Kosmos zu verstehen, hat auch grundlegende Fragestellungen der Theorie von Allem und des wachsenden Denkbaums betroffen. Die Zukunft unseres Planeten und die Herausforderung einer Gesellschaft, deren demokratische Spielregeln gefährdet sind, kommen mir mitten in der dramatischen Erderwärmung vor wie die Spitze eines Eisbergs. Werden wir als nutzlose Wesen enden und unsere Freiheit an die Eigentümer der seelenlosen Intelligenz und Herrscher über die Algorithmen verlieren? Wie werden der Mensch und die Erde diese Eruption evolutionärer Kraft bewältigen? Das ist eine Grundfrage, ob und in welcher Form der Mensch überleben wird. Erleben wir ein ganz anderes Ende der Geschichte, als es vor Jahrzehnten gemeint war?
Gerade als ich dieses Buch abschließe, trifft die Menschheit eine Pandemie, die auch unser ausgewiesener Fortschritt nicht oder noch nicht zu meistern weiß, ohne dass gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Strukturen bis zum Zerreißen beansprucht werden. Noch wissen wir nicht, wie eine „soziale Distanzierung“ und eine gegenseitige Abschottung letztendlich wirken und welche Folgen daraus entstehen werden. Und wir alle wurden plötzlich Eingeschlossene, zurückgeworfen auf uns selbst und das Internet. Der Schatten des „Schwarzen Schwans“ Covid-19 und dessen Folgen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft lassen sich noch gar nicht wirklich ermessen. Ein anderes Ende der Geschichte? Oder eine neue Version von Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit? „Ich stehe am Totenbett der Zeit“, schrieb Kraus in seinem Arbeitsprogramm für dieses Weltuntergangsdrama, welches unsere Welt allerdings schon hundert Jahre überlebt hat …
Ich kann mich an den selbstbewussten Ausspruch eines Wissenschaftlers erinnern, den ich vor ungefähr 50 Jahren (mitten in der Ölkrise) beim Forum Alpbach hörte: Die Menschheit hat schon so viele Krisen überlebt, sie wird auch diese überstehen! So ähnlich habe ich es als einen wichtigen Grundsatz meiner „Lebenspoesie“ formuliert: Wir dürfen das Vertrauen in das Leben nicht aufgeben und müssen das Hoffen lernen! Das erstere ist das Glaubensbekenntnis der Biophilie, der Lebensliebe, die sich auf die Lebenskraft, den Eros, der Menschheit stützt. Das Erlernen der Hoffnung ist die Stütze dieses Glaubens.
Dieses Buch soll schließlich ein Dank an alle genannten oder ungenannt gebliebenen Menschen sein, die Berge und Täler des Lebens mit mir liebend, lehrend, gebend und nehmend durchwanderten. Das gilt im Besonderen für meine Familie und alle Menschen, die mich ein Stück des Weges eng begleitet haben. Sie mögen meine Geschichte mit verständnisvoller Geduld hören.

KRIEG UND FRIEDEN
WEIHNACHTEN 1943
Als wir im letzten Frühling durch den Wald wanderten, den frühen Abend und die Stille dankbar genießend, da hast du plötzlich zu mir gesagt: Möchtest du mir nicht aus deinem Leben erzählen? Ich habe gezögert und dir geantwortet: Nicht jetzt, Constanze, aber vielleicht später. Dann, wenn ich die Zeit dazu gekommen sehe. Nun fühle ich, sie ist reif, und ich will deinen Wunsch erfüllen. Aber du weißt ja, ich rede manchmal zu viel, ich streue zu viel Spreu ins lockere Gespräch und fabuliere gerne über Gott und die Welt, wie man so sagt. Ich weiß, hast du geantwortet, aber ich möchte doch und gerne erfahren, was du erlebt hast, was du getan und wie du gedacht hast, was für dich wirklich wichtig war? So sind wir damals schweigend zurück ins Haus gegangen. Jetzt, im späten Herbst, sind die langen Abende gerade recht, um, wie Rilke so schön dichtete, lange Briefe zu schreiben – oder eben Geschichten darüber zu erzählen, was war und was bleibt. Ich will versuchen, Constanze, Erlebnisse und Gedanken im milden Licht des Abends so darzustellen, dass du sagst: Jetzt habe ich dich erst wirklich kennengelernt.
Der Anfang ist ernst und traurig, aber er war ungeheuer wichtig für den Eintritt in die Wirklichkeit der Welt. Diese furchtbare Ur-Erinnerung im Alter von drei Jahren hat mein späteres Leben wohl mehr beeinflusst, als mir selbst heute klar ist. Es war der Weihnachtsabend 1943, als mein Vater endgültig in einen Krieg hineingestoßen wurde, den er ablehnte, ebenso wie den „Führer“, der das neue an sich zweifelnde und politisch zerrissene Österreich erst kurz davor „heim ins Reich“ geholt hatte. Er musste einrücken und sich von seiner kleinen, jungen Familie verabschieden, mit der er so glücklich war. Ich erinnere mich lebhaft, dass er nicht und nicht zum Tor hinauswollte, lieber desertieren, sich verstecken, in den Widerstand gehen wie manche Verwandte von uns. Aber meine desperate Mutter, mit zwei Kleinkindern an der Kittelfalte, brachte ihn mit einem schluchzenden Satz von seinem Vorhaben ab, den ich mein Leben lang nicht vergessen kann: Du musst gehen, sonst bringen sie uns alle um! Also ging er. Traurig, gottergeben schloss er das Haustor hinter sich. Und kam nie wieder.
Meine Mutter hatte als Dienstmädchen in einem jüdischen Haus wenige Jahre davor erleben müssen, dass sich ihr Arbeitgeber aus Verzweiflung über den „Anschluss“ am Türstock erhängte. Und am Heiligen Abend 1943, Constanze, wurde eine unschuldige Familie ins Mark getroffen wie so viele andere und wurde eingefügt in dieses reale Bild der Hölle, die dieser „größte Feldherr aller Zeiten“ größenwahnsinnig als Höllenfürst befeuerte.
Mein Vater schrieb jeden Tag Feldpostbriefe voll Hoffnung und Flucht ins Alltägliche, aber mit dem Orgelpunkt einer tiefen Verzweiflung über den Wahnsinn des Krieges. Sein letzter Brief aus Odessa kam Ende August 1944 und enthielt ein kurzes Gedicht über den Soldatentod. Er, der Soldat wider Willen, kam als Kriegsgefangener auf einem Vernichtungsmarsch nach Sibirien um. Wir konnten nie herausfinden, wo und wie er starb, ob er begraben wurde, wo er Ruhe fand. Noch Jahre danach ging meine Mutter, immer wenn Züge mit Heimkehrern angekündigt wurden, zum damaligen Ostbahnhof in Wien, voll des Glaubens, ihren Mann und unseren Vater wieder in die Arme schließen zu können. Sie wartete vergeblich, opferte sich für meine jüngere Schwester Maria und mich auf und war ein Vorbild der selbstlosen Nächstenliebe.
Ich habe auch noch andere Erinnerungen an diesen Krieg. Je näher sein Ende kam, desto öfter kamen die Bomben. Wir waren immer wieder gezwungen, nach dem Alarm der Sirenen in den großen Luftschutzkeller des Wiener Rathauses zu rennen; meine Mutter mit dem Kinderwagen und meiner kleinen Schwester, ich verschreckt daneben her. Wirklich Angst hatte ich nur, als wir es einmal nicht mehr schaffen konnten und im Keller unseres Nachbarhauses eng aneinander gedrängt die Bomben ganz nahe pfeifen hörten. Und deren eine explodierte mit einem Riesenkrach. Das Gewölbe des Kellers bebte und schien einzubrechen; aber es war nur der Mörtel, der uns alle bedeckte, Gott sei Dank. Diese Bombe machte ein großes Wohnhaus ein paar Dutzend Meter von uns entfernt dem Erdboden gleich. Nach Kriegsende, auch daran erinnere ich mich noch, haben wir Kinder in diesem Trümmerhaufen gespielt. So war der Tod, so war das Leben, ganz nahe beisammen.
Wir verstehen heute, dass dieser Krieg gewissermaßen die Fortsetzung des Ersten Weltkrieges war, dessen Friedensverträge viele ungelöste Probleme, größte Anpassungsschwierigkeiten an die neuen Ordnungen und fundamentale Fehler in der Friedenspolitik zu einem explosiven Cocktail mischten. Lord Keynes, der berühmte englische Ökonom, warnte schon damals vor den Economic Consequences of the Peace, den untragbar großen wirtschaftlichen Lasten, welche die Sieger den Besiegten als Kriegsschuld aufluden. Philipp Blom hat Die zerrissenen Jahre. 1918–1938 einen instabilen, temporären Waffenstillstand genannt. Ich bin kein Historiker und kann dir keine Einzelheiten schildern, Constanze. Aber erinnert wurde ich an die weltweite Aufmerksamkeit, die das Jahr 1918 fand, nicht nur wegen der Feiern zum 100. Geburtstag der Republik Österreich am 12. November (1918 offiziell noch Deutsch- Österreich), sondern auch durch die würdige Begehung des Armistice Day in Neuseeland, wo wir uns damals gerade aufhielten. Neuseeland war die englische Kolonie, welche relativ zur Gesamtbevölkerung die meisten Gefallenen unter den Kriegsparteien zu beklagen hatte. Bis heute gedenkt dieses Land von fünf Millionen Einwohnern am ANZAC Day der Landung australischer und neuseeländischer Corps in Gallipoli, dessen Heldenlegenden sich tief ins nationale Gedächtnis eingegraben haben.
Dein Ur-Urgroßvater hieß Thompson, seine Familie war Mitte des 19. Jahrhunderts aus Irland nach Neuseeland gekommen, und er war – zumindest bevor er mich kennenlernte – den Deutschen und Österreichern gegenüber skeptisch eingestellt. Deine Großmutter hat ja Geschichte studiert, aber auch sie lernte die feinen Haarwurzeln des Ersten Weltkriegs erst im Lauf unserer Ehe richtig einschätzen. Das muss ich dir noch einmal sagen, obschon du es oft genug gehört hast – wie gekonnt und souverän sie ihre Rolle an meiner Seite gemeistert hat! Ihre Kenntnisse der europäischen politischen Geschichte sind sehr ausgewogen zwischen der Erziehung in ihrer angestammten und der Erfahrung in ihrer eingelebten Heimat. Wenn du mehr darüber wissen willst, wie diese Wurzeln des Krieges zu bewerten sind, so kannst du im Buch The Sleepwalkers von Christopher Clark eine großartige und spannende Analyse finden.
Meinen Vater kenne ich nur als eine schwankende Gestalt meiner Gefühle aus frühester Kindheit. Aber von all den Erlebnissen als kleiner Knabe mit ihm, die ich aus Erzählungen meiner Mutter kenne, möchte ich dir eines schildern: Meine Mutter hatte den zweijährigen Hansi zum Spaziergang mit dem Vati schön sauber herausgeputzt. Als wir wieder nach Hause kamen, war sie entsetzt. „Wie schaut denn der Bub aus?! Voll bespritzt mit Schlamm!“ Mein Vater antwortete ruhig: „Er wollte in der Pfütze im Park spielen und hat sich so gefreut, ich konnte ihm das nicht verbieten …“ Das sagt über den Charakter meines Vaters sehr viel aus, denke ich. Und ich stellte mir immer wieder vor, was geworden wäre, wenn ihn der Krieg verschont hätte. Aber ich denke auch an die Abermillionen Familien, denen es so oder noch schlimmer ergangen ist als uns. Und wenn ich dann den Sprung in die Gegenwart mache und bedenke, wie viel Krieg und Gewalt seither und bis heute in der Welt passiert ist und gerade passiert, dann – ja, es klingt krass – schäme ich mich fremd für die Menschheit. Sind die Menschen so schlecht, so dumm, so egoistisch, so gedankenlos, ich könnte mit dieser Suada an Schuldzuweisungen an unsere Art fortfahren, dass es ohne Krieg nicht geht!? Dass gar der Krieg als Mutter des Fortschritts oder kalte Dusche gegen die Hybris, wenn nicht geliebt, so im Prinzip doch geduldet werden kann? Oder gar als Mittel der Natur, ein Ungleichgewicht in der Welt zu beheben und einen Neuanfang zu erzwingen? Das sind krause Gedanken eines vorbehaltlosen Pazifisten, der ich durch den erlebten und erlittenen Krieg geworden bin. Glücklich und dankbar bin ich dafür, mehr als siebzig Jahre Frieden in Europa genossen zu haben. Aber deiner Generation muss man in Erinnerung rufen, Constanze, was ein Krieg hautnah bedeutet, damit auch ihr den Frieden schätzen lernt und bereit seid, ihn zu schützen und um ihn zu ringen um jeden Preis!
Was ich dir über den Krieg erzählt habe, hat mich für das ganze Leben eingestimmt. Dieses frühe Erlebnis des Krieges und sein gesamtes Umfeld kann man vielleicht den Kammerton nennen, nach dem sich die orchestrierte Stimmung meines Lebens richtete. Ich war ab da ein Gegner von Krieg und Gewalt; ich sah, was dieser Krieg meiner Mutter abverlangte, die viele Jahre lang hoffte und betete, dass unser geliebter Vater doch noch am Leben wäre. Ich glaube auch, dass ich damals eine Art innere Rüstung anlegte, um mich selbst zu schützen, aber auch, um andere besser zu verteidigen. Vielleicht habe ich auch geahnt, dass ein solches Trauma der Kindheit einen abwehrenden Panzer braucht, will man nicht lebenslang verletzt und verletzbar bleiben. Mit dieser harten Schale ist auch die Abscheu vor der großen Ungerechtigkeit dieses Krieges mitgewachsen. Und damit wohl auch das Empfinden für Gerechtigkeit entstanden, das für mich ein wichtiger Wegweiser geworden ist. Die Suche nach der gerechten Sache, der gerechten Handlung, der gerechten Gesinnung hat mich durch jenes hügelige Sein des Lebens geleitet. Die lebenslange Suche nach dem Wesentlichen, der Wahrheit und der Gerechtigkeit wurde mein charakterlicher Leitstern.
CHOR DER ENGEL
Mein erstes Weihnachtsgeschenk im Jahr 1945 war ein Bauernhof, von meinem Onkel Martin aus einer kleinen Holzkiste gebaut, mit ein paar grob geschnitzten Tieren drinnen. Mit denen habe ich stundenlang spielen und reden können. Onkel Martin war der Lieblingsbruder meiner Mutter, die ihm von ihrem kargen Lohn erspartes Geld geliehen hatte, damit er seine erste Maschine kaufen konnte. Er war gelernter Wagner, also Wagenbauer. Er und seine Frau Kathi, meine Taufpatin, waren auch meine Ferieneltern. Mit den vier Hillingerbuben gab es in den heißen Sommern von Jois, dem Heimatort meiner Mutter, manche wilde Wasserschlacht und riskante Spiele. Im Sommer 1946 fiel ich bei einer solchen Mutprobe von einem Flachdach mehrere Meter auf den harten Boden und war stundenlang bewusstlos. Meine Mutter muss ausgeflippt sein, und mein Onkel hatte Mühe, sie zu beruhigen. Erst der Vater, dann der kleine Sohn … nicht auszudenken!
Dieses Erleben hat sich mir plastisch eingeprägt. Ich hätte damals sterben können, wäre ich nicht mit dem Kopf in meine linke Hand gefallen, die mir wahrscheinlich das Leben rettete und dabei zu Bruch ging. Von der mühsamen holprigen Fahrt in einem offenen Dreiradauto ins Wiener Allgemeine Krankenhaus weiß ich nur noch wenig. Aber die schwache Narkose und der Holzhammer des Arztes zum Einrichten der Knochen sind mir noch in Erinnerung. Manchmal kann doch die Hand wichtiger sein als der Kopf, der sie hätte lenken sollen! Alle sprachen vom Schutzengel, der mich bewacht haben musste. Ich selbst dachte das wohl auch, und mir war dieser Unfall eine Lehre fürs Leben.
Dann kam ich in die Volksschule der Piaristen in der Josefstadt und hatte die ersten zwei Jahre eine wunderbare Lehrerin. Du kannst in meiner Stimme hören, Constanze, wie ich das heute noch spüre. Sie verdrängte die Kälte des Winters ohne Heizmaterial mit ihrer Herzenswärme und brachte uns auch das Lesen und Schreiben so bei, dass es keine Qual, sondern Freude am Lernen war. Nach diesem furchtbaren Krieg, in den ersten Nachkriegsjahren, mangelte es an allem. Aber die Menschen machten damals durch Zusammenstehen und Hilfsbereitschaft die materielle Not wett, soweit es möglich war. Und ich habe auch das Gefühl, dass gerade die Kinder diese große Zuwendung voll Zukunftshoffnung dankbar spürten.
Bald danach wurde ich Ministrant bei den Patres Piaristen in der Pfarre Maria Treu, worauf ich sehr stolz war und die Togen der Fakulanten (Fackelträger) ganz besonders schick fand. Ich hatte eine schöne Altstimme und sang als Josef mit einem anderen Buben als Maria die vorweihnachtliche Herbergsuche im Duett: „Wer klopfet an? Oh zwei gar arme Leut’! Was wollt ihr dann? So gebt uns Herberg heut’ … Geht fort von hier!“ Bis heute mahnt die Ablehnung der Wirte mein Gewissen, Constanze. Dann sangen wir die schönen alten Kirchenlieder zur Adventzeit, die mächtig klangvollen der Auferstehung in der Osternacht, die ergreifenden Marienlieder zur Maiandacht. Und immer wieder Gregorianischen Choral, der wegen seiner mystischen Charismatik heute eine Renaissance erlebt.
Den Gregorianischen Choral hat mir auch nahegebracht, was wir als kleine Ministranten im Stift Heiligenkreuz erlebt haben. Dorthin durften wir als Belohnung zwischen Weihnachten und Neujahr fahren und das Klosterleben, aber auch das Balgen und Spielen in der winterlichen Natur genießen. Ich erinnere mich, wie wir um 6 Uhr morgens in der kalten Kirche den Mönchen beim Singen zuhörten. Sie begannen schon damals – ich glaube, der Abt hieß Albrecht – wieder mit dieser Tradition, die Heiligenkreuz Jahrzehnte später weltberühmt machte. Wir taten das unter dem aufmerksamen Ohr unseres Präfekten Hans Smejkal, der uns als geprüfter Organist einige musikalische Details der Kirchentonarten und der Geschichte der mehr als tausend Jahre alten römischen schola cantorum erzählte. Ich war als neunjähriger Bub damals vielleicht der Meinung, einer dieser Knaben zu sein, die den Chor der Engel auf Erden bildeten.
Eines Tages hat mich ein älterer Bub in eine Chorprobe mitgenommen, die Hans Gillesberger mit der Wiener Kantorei hielt. Ich sollte dem schon damals bekannten Chorleiter etwas vorsingen und tat das auch mit einem Lied, das ich in der Schule gelernt hatte: „Ich ging durch einen grasgrünen Wald und hörte die Vögelein singen …“ So nahm mich Gillesberger als Altstimme in den damals berühmten gemischten Chor auf. Wir probten die Matthäuspassion von J. S. Bach, heute Weltkulturerbe der UNESCO. Die ergreifende Aufführung und das Singen dieser zeitlosen Choräle in einer großen Kirche hat mir die Liebe zur Musik eingepflanzt.
Um die gleiche Zeit hat mir Hans Smejkal den ersten Klavierunterricht gegeben. Ihm verdanke ich sehr viel an Vaterersatz und Zuwendung in dieser Phase der Kindheit, die den Erwachsenen prägt. Er war überaus musikalisch, hatte eine herrliche Baritonstimme und war ein fantastischer Improvisator auf der „Brucknerorgel“ der Kirche. Die barocke Orgel hat diesen Spitznamen deshalb, weil der große Anton Bruckner hier seine Meisterprüfung im Orgelspiel ablegte. Einer der Prüfer sagte nach dieser offenbar fantastischen Meisterleistung Bruckners: „Nicht wir hätten ihn, er hätte uns prüfen sollen!“ Diese Orgel habe ich dann oft mit meinem Musiklehrer stimmen (und auch ein wenig spielen) dürfen.
Als universale Sprache des Gefühls wirkt die Musik wie gute Medizin, Constanze, sie hat keine negativen Nebenwirkungen, reinigt und beflügelt, verzaubert und erschüttert, zerstört das Böse und hilft dem Guten. Im Musikzimmer meines Gymnasiums hing an der Wand der alte Spruch: Wer nicht Musik hat in ihm selbst, taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken. Nun, das ist nur zum Teil richtig, denke ich. Der Umkehrschluss stimmt nicht unbedingt. Denn auch im Konzentrationslager mussten todgeweihte Häftlinge, die Musiker waren, musikliebende Aufseher unterhalten, aber abhalten von ihren Verbrechen konnten sie sie nicht. Viele auf der Welt können bis heute nicht verstehen, wie Musik von Engeln mit Mord der Teufel zusammengeht!
Ja, Constanze, ich war ein Träumer (so nannte mich manchmal meine Mutter als Kind liebevoll-kritisch) mit künstlerischen Neigungen, aber auch wach genug für das praktische Leben. Von der Musik wusstest du ja längst. Manche meinten, auch ich selbst eine kurze Weile lang, mich eines Tages als Musiker auf einer Bühne zu sehen. Ich erkannte aber bald die Grenzen meiner Begabung und blieb doch lieber Amateur, einer, der sich aus reiner Liebe zur Musik an ihr laben kann, ohne von ihr leben zu müssen.
SCHILLERNDE GERECHTIGKEIT
Die Suche nach der gerechten Sache, der gerechten Handlung und der gerechten Gesinnung hat mich ein Leben lang geführt und begleitet. Gerechtigkeit ist ein gedankliches Gebirge, Constanze, an dem sich der Mensch seit je die Hirnzähne ausbeißt. Es ist kaum jemandem gelungen, dieses Scheidewasser unseres inneren Kompasses ohne Anleihe bei den Überirdischen zu erklären. Objektive Gerechtigkeit bräuchte einen unverrückbaren Bezugspunkt, den wir Idee der Gerechtigkeit nennen könnten. Eine lange Reihe großer Geister rang und ringt seit tausenden Jahren mit dieser notgedrungen abstrakten Idee. Die Ergebnisse dieses Nachdenkens sind schwierig zu verstehende Lehrsätze, die auf Annahmen beruhen, etwa Gerechtigkeit sei „im Prinzip“ Gleichheit.
Das berühmteste moderne wissenschaftliche Werk über Gerechtigkeit hat der Amerikaner John Rawls 1971 veröffentlicht. Seine Theory of Justice vertritt zwei Konzepte der Gerechtigkeit als Fairness eines sozialen Systems. Du wirst gleich sehen, Constanze, wie theoretisch das klingt. Das erste: Jeder soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle verträglich ist. Erinnert ein bisschen an Kants Kategorischen Imperativ vom individuellen Verhalten, das zum allgemeinen Gesetz werden könnte. Das zweite: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass sie nach vernünftiger Annahme zu jedermanns Vorteil dienen und sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offenstehen. Soviel zur Idee der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gerechtigkeit. Ein wenig schwer zu verdauen, nicht?
Die Realität der Gerechtigkeit sieht ganz anders aus. Eine Vielheit von subjektiven Gerechtigkeiten mit ihren beliebigen Bezugspunkten sucht nach dem gesellschaftlichen Kompromiss im Dialog oder nimmt den Kampf auf. Wenn es um einen großen gerechten Wert wie Freiheit geht, dann kennen wir aus der Geschichte und bis heute die Bereitschaft der Menschen, dafür sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Die Proteste gegen politische Unterdrückung in Russland, Hong Kong, Venezuela oder im Iran sind aktuelle Beispiele dafür.
Eine endgültige Belohnung in der göttlichen, überirdischen Gerechtigkeit zu suchen und auf die Bestrafung der Ungerechten dieser Welt zu hoffen, das war immer wieder auch Zuflucht und Trost für jene, die mit der irdischen Ungerechtigkeit anders nicht zu Rande kommen konnten. Ist aber Gott selbst gerecht? Wie sollte diese Gerechtigkeit einer höheren Ordnung denn aussehen?
Die Theologen nennen die Frage von Gottes Gerechtigkeit mit dem griechischen Namen Theodizee (theodikía). Wie kann ein barmherziger, guter Gott unbarmherzig so viel Übel in der Welt zulassen? Ich habe die Antwort von Kardinal Schönborn auf diese Frage gehört und nur in Erinnerung, dass auch er als ausgewiesener Theologe keine für Laien schlüssige Antwort geben konnte. Der Mensch hat von Gott, folgt man den Schriften, den freien Willen zum Widerstand auch gegen ihn, Gott selbst, erhalten, also auch die Fähigkeit und Bereitschaft zum Bösen. Und warum lässt Gott die Menschheit gewähren für die kaum erheblichen Bruchteile von Sekunden ihrer Existenz im an Ewigkeiten gemessenen Zeitmaß des Universums, stellt sie ständig auf die Probe, bleibt der „unbewegte Beweger“, wie schon Aristoteles ihn nannte? Die Antwort der Religionen ist überall ähnlich. Bei den alten Ägyptern etwa das Totengericht, ein überirdischer, gerechter, unanfechtbarer Richtspruch über Gut oder Böse, ewiges Licht oder ewige Finsternis für die unsterblichen Seelen der Verstorbenen. Ich meine, dass dieses von Menschen entworfene Gottesbild uns Trost zu Lebzeiten spenden soll. Ob der Gott aller Universen uns wirklich während unserer flüchtigen Existenz im Kosmos ernst nimmt?
Man sieht, Constanze, wie der Mensch mit seinem Denken an die Tür von Geheimnissen klopfen kann, die sich vielleicht sogar öffnet. Aber sicher wartet dahinter eine weitere und noch eine und wieder eine, was ihn in diesem kafkaesken Schloss ziellos herumirren lässt. Wir werden noch mehr solcher Mysterien zu knacken haben, aber wahrscheinlich an den vielen Türen scheitern, die sie vor ihrer Entdeckung schützen.
Es gibt eine Mysterianismus genannte Schule der Philosophie, welche die Grenzen unseres Geistes zum Maß vieler Dinge macht. Nach dieser Denkschule werden sich manche Rätsel der Natur möglicherweise für immer jenseits unseres lösungshungrigen Verstandes verbergen. Der Mensch ist einfach nicht gescheit genug, er ist ein Produkt der Evolution, und das allein beweist: Es gibt auch eine höhere Stufe der Intelligenz als die des Menschen! Die größten Wissenschaftler waren meist sehr demütig, wie auch die größten Philosophen. Isaac Newton verglich sich mit einem Knaben am Strand, der immer wieder eine schönere Muschel oder einen glatteren Kiesel findet, „… aber der große Ozean der Wahrheit liegt noch unentdeckt vor mir“, schrieb er. Und Sokrates’ Spruch, „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, kennt bei uns jedes Kind. Diese Dualität von Demut vor dem Wissen und von Respekt auch vor dem Nichtwissen sollten wir uns aneignen! Ich werde dir sicher noch vom Tao erzählen, das viel zum Verstehen von Gegensätzen beitragen kann. Soll ich dir Gusto darauf machen? Warte ab. Warum Wasser härter als Stein sein kann, das ist die Frage!
Wenn wir nunmehr wieder in unsere irdische Wirklichkeit eintauchen, so nimmt auch die Gerechtigkeit menschliche Züge an. Die Gerechtigkeit, von der man so respektvoll als platonische Idee der Seele spricht, ist in der Realität vergleichbar mit einem Gefäß, in dem der reine Wein der Gerechtigkeit mit dem Wasser des Lebens verdünnt wird. Probieren wir das an einem wichtigen politischen Begriff aus: Was ist soziale Gerechtigkeit? Oft wird darunter nur die Verteilung von materiellen Gütern zwischen Arm und Reich verstanden, was natürlich zu simpel ist. Was ist mit der ungleichen Verteilung der Gene und Begabungen, der unterschiedlichen Geburtsorte und Familienherkunft, der empfangenen Liebe und Zuwendung in der Kindheit, ganz allgemein der Lebenschancen, wie das Ralf Dahrendorf nannte? Er, den ich während meines Postgraduate-Jahres in Tübingen als jungen Professor kennenlernen konnte, sah mehr Lebenschancen für möglichst viele Menschen als Ideal einer liberalen und demokratischen Politik und Gesellschaft an. Chancengleichheit ist ein politisches Ziel, das breite Zustimmung finden kann. Aber wie viel Wein, wie viel Wasser definiert diese Gleichheit von Möglichkeiten für jeden? Noch weniger einig ist man sich darüber, wie solidarische, die ungleichen Startchancen mildernde Eingriffe ausschauen sollen. Hier meldet sich wieder das Eigeninteresse der Bevorzugten, da sitzt wieder der Teufel im Detail und freut sich am Streit um mehr finanzielle Zuschüsse oder den leichteren Zugang zu mehr Bildung. Und da rede ich nur von den so genannten entwickelten Ländern, wo man bereits ein halbwegs funktionierendes Bildungssystem und ein geknüpftes soziales Netz vorfindet, das Schwächere grundsätzlich auffängt. Mit Lebens- und vor allem Bildungschancen sind wir der Suche nach wahrer sozialer Gerechtigkeit schon nähergekommen, aber eine klare begriffliche Bestimmung dieses Wieselworts entgleitet mir. Zum Beispiel hatte ich einen Start ins Leben, Constanze, der zwar auf den ersten Blick nicht günstig war; aber gerade deswegen gute Lebenschancen, weil alle Muskeln und Sehnen des Lebendigen in mir frühzeitig trainiert wurden! Gibt es so etwas wie eine gerechte Gesellschaft, einen gerechten Staat, eine gerechte Politik überhaupt? Das ist eine spannende Frage und verdient eine kurze Erörterung.
GERECHTE POLITIK?
Vor rund zweieinhalbtausend Jahren hat der Denker und Lehrer Platon mit Der Staat (Politeia) einen philosophischen Markstein gesetzt; im Untertitel heißt diese Schrift Über das Gerechte. Es lohnt sich, über ihre vielleicht bekannteste Aussage zur politischen Gerechtigkeit nachzudenken: Die Könige sollten Philosophen oder die Philosophen sollten Könige sein, damit der Staat gerecht und daher gut regiert werde. Du fragst mich natürlich zurecht, Constanze, wieso die Regierenden oder im weiteren Sinn die führenden Eliten gerade den esoterischen Touch der Philosophen haben sollten? Wären da nicht ganz andere Eigenschaften notwendig, um ein Staatswesen gut zu lenken oder wichtige gesellschaftliche Aufgaben erfolgreich zu erfüllen? Nun, Platon meint, nur die Philosophen könnten die Wahrheit finden, weil das ja ihre Berufung sei, den Dingen auf den Grund zu gehen. Und die Wahrheit sei die Mutter der Gerechtigkeit, sie solle das Szepter der Macht in Händen halten. Ist diese Vorstellung nicht total weltfremd, wirst du fragen? Ja, in der bisherigen Geschichte der Menschheit schon, denn die große Welt und ihre vielen kleinen Abbilder und Probebühnen in unser aller Leben werden von Streit um Macht und Besitz entstellt.
Der klarste Widerspruch zu dieser Meinung Platons kommt von einem ebenso großen Geist, denke ich, nämlich Immanuel Kant. Macht, schreibt er, würde die Vernunft stören, sie also nicht mehr rein sein lassen. Daher wäre es gar nicht wünschenswert, wenn Könige auch die Gerechtigkeit und Wahrheit als Philosophen kontrollierten. Sehr weitblickende Gedanken aus Kants Essay Zum ewigen Frieden! Darum greifen Tyrannen ja seit eh und je ungeniert nach der Macht über die Meinung! Wir können das heute in Amerika deutlich sehen, wo die Fake News eine Fake Reality zu schaffen trachten und damit ziemlich erfolgreich waren und sind. Der Hauptdarsteller Trump hat seit Amtsantritt in steigendem Ausmaß gelogen und bis Mitte 2020 viele tausende Fehl- und Falschaussagen auf dem Gewissen. Autokratenlehrlinge wollen auf dem Weg zur Herrschaft die im Weg stehende Wahrheit kontrollieren.
Nach langem Zögern wurde es den Demokraten zu viel, und sie leiteten das Impeachment des Präsidenten ein, das Amtsenthebungsverfahren zum Schutz der Verfassung gegen undemokratische Akte des Präsidenten. Die zwei formellen Anklagepunkte der demokratischen Mehrheitspartei im Repräsentantenhaus waren: Erpressung einer ausländischen Macht (Ukraine) zur Schädigung eines politischen Konkurrenten (Joe Biden) sowie bewusste Missachtung von Beschlüssen des Kongresses. Das „Vorspiel“ dazu war die Untersuchung einer möglichen russischen Beeinflussung der Präsidentenwahlen 2016. Der Special Counsel Robert F. Mueller III. deckte die unglaublichsten Vorkommnisse von kriminellen Attacken gegen Recht und Staat auf, die nach gängiger Rechtsauffassung Hochverrat wären. Aber dem geübten Entfesselungskünstler gelang es, die Anschuldigungen zu verkehren, seine Anhänger zu betören und seine Ankläger zu verstören. Der Versuch, den Präsidenten abzusetzen, scheiterte knapp an der starken Hand des Senatspräsidenten und dem biegsamen Gewissen der republikanischen Senatoren – mit Ausnahme des Mormonen Mitt Romney. Er hatte zur Jahreswende 2018/19 einen Beitrag in der New York Times verfasst, in dem er konstatierte, Trump „has not risen to the mantle of the office“, er sei der Würde dieses Amtes nicht gewachsen. Und stimmte als einziger Republikaner für das Impeachment.
Manchmal gewinnt man aus dieser Entwicklung den Eindruck, Constanze, Trump möchte es Putin gleichtun und Herrscher auf immer als Begründer einer Dynastie sein. Wir können nur darauf hoffen, dass Mitch McConnell – der die Einvernahme von Zeugen in der Verhandlung über die Amtsenthebung verhinderte und diese zur Farce degradierte – seine Mehrheit von Mitläufern verliert.
Glücklicherweise gibt es in diesem ideell gespaltenen Land auch freie und mutige Medien, die sich dieser Entwicklung beharrlich entgegenstemmen, auch wenn sie noch so oft als Feinde der Demokratie (!) beschimpft werden. Auf ihnen lastete es, das Impeachment so darzustellen, wie es wirklich war, worum es da tatsächlich ging: um die Grundfesten des politischen Hauses Amerika, um seine Verfassung und deren zentrale Frage nach der Sicherung des Rechtsstaats vor den Übergriffen der Macht. Der französische Historiker Alexis de Tocqueville bereiste Anfang des 19. Jahrhundert die junge Republik der 25 noch nicht vereinigten Staaten. Seine Studie Über die Demokratie in Amerika ist eine weit vorausblickende Beurteilung der Gefahren, welche die Demokratie bedrohen; aber auch Beschreibung der vorbildlichen von Bürgern getragenen privaten Initiativen als Urbild der modernen Zivilgesellschaft. Gar herrlich weit hat es das große Vorbild gebracht!
Die neuseeländische Zeitschrift Listener zeigte auf ihrem Titelblatt Anfang 2019 das Bild Donald Trumps als Westernheld mit dem im Wilden Westen seinerzeit gebräuchlichen Fahndungsplakat und der Aufschrift: WANTED for Crimes against Democracy. Wie kann ein Land wie Amerika von einem „narzisstischen Psychopathen“ – so der Befund einschlägig tätiger amerikanischer Ärzte – derartig in Geiselhaft genommen werden und zulassen, dass aus der Führungsmacht des Westens ein großes Sorgenkind der einst von ihr Behüteten wurde? Und viele Amerikaner selbst sagen Schlimmeres, da ist Lachnummer noch schmeichelhaft.
Apropos Lachnummer. Die amerikanischen Politshows haben mit zahlreichen Veräppelungen Trumps ihre Zuschauer zu schallendem Gelächter gebracht. Ich hätte eine für intellektuelle Musikfreunde parat. Das interessiert dich? Dann gebe ich dir eine Variante der Wirtshausszene im 3. Akt des Rosenkavalier von Richard Strauss mit dem wunderbaren Text Hugo von Hofmannsthals zum Besten: Der als Mariandl verkleidete Oktavian hat eine grobe Störung des Schäferstündchens ausgeheckt, das sich der Ochs auf Lerchenau mit „ihr“ erwartet. Unter grellen Dissonanzen, die plötzlich in die lyrische Melodik der Musik hereinbrechen, erscheinen aus Fenstern und Vorhängen (in der Jahrhundert-Inszenierung unseres genialen Otto Schenk) Fratzen und Masken. (Donald) Ochs muss schließlich die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen. Das Mariandl (Pelosi) hat ihn ausgetrickst, seine Geldheirat mit Sophie (America) ist geplatzt, er muss sich „retirieren“. Jetzt können wir wieder lachen, gell? Aber das war nur ein Traum, oder, wie es im Original treffend heißt, eine Farce. Noch wird der Wähler im November 2020 das letzte Wort haben, ob es Traum oder Wirklichkeit war …
Wenn wir von Wahrheit reden, fällt mir spontan ein großer dänischer Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts ein, der eigentlich durch seinen Beitrag zur Atomwissenschaft berühmt wurde, aber auch einer war, der die Weisheit liebte: Das Gegenteil einer großen Wahrheit, sagte Niels Bohr, kann wieder eine große Wahrheit sein. Gerade in der Politik können Freiheit und Gerechtigkeit, das ständig präsente Power Couple, als Leerformel mit allen möglichen Inhalten unguter Provenienz gefüllt werden! Die eine und einigende Idee der Wahrheit wird die Menschheit leider ewig suchen und nicht finden, genau so wenig wie die eine verbindende Idee der Gerechtigkeit. Aber die wirklich große, geradezu herkuleische Aufgabe guter Politik ist ein ständiger Dialog in gutem Glauben. Weißt du, wie ich Dialog gerne übersetze, Constanze? Diese Kombination von diá (in diesem Fall etwa hin und her) und logos (mehr als Wort, auch Vernunft und Sinn) ist: Der Austausch von Vernunft und Sinn! Dieser Denkansatz fordert viel von jedem von uns. Streng durchdacht, kann man die Brücke zwischen Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit nur so nennen oder gar betreten: zum Dialog in gutem Glauben. Sich in die Haut oder, besser, die Gehirnwindungen des Gegenübers zu versetzen, ist kein Spaziergang im Park. Es erfordert zähe und zähmende Arbeit an den vielen kleinen Ichs, welche unser großes Wir behindern, es fesseln wie böse Liliputaner einen guten Gulliver. Ein gerechter Staat als Ergebnis gerechter Politik kann nur einer sein, der diese Wahrheit für möglichst viele als „Mantra“ immer wieder in ehrlicher Auseinandersetzung sucht. Das setzt voraus, dass die Eliten der Politik Menschen sind, die sich selbst diesem Prozess der Wahrheitsfindung stellen. Das ist nicht leicht, wusste Karl Popper, es geht nur in vielen kleinen Schritten, die er piecemeal engineering nannte. Mit anderen Worten, es hängt wieder an uns allen, den Bürgerinnen und Bürgern, für die uns gerechte Politik mit noch so viel kleinen Schritten ständig wachsam zu sorgen!
GUT UND BÖSE
Was fehlt uns noch auf eine vollständige Dreifaltigkeit der Grundwerte, nachdem wir über Wahrheit und Gerechtigkeit dilettiert haben? Meiner Meinung nach, Constanze, ist es jetzt der innerste Kern von Wahrheit und Gerechtigkeit, das Gute. Notgedrungen müssen wir da auch über das Böse reden. Seit Anfang der menschlichen Kulturen in Mythen, heiligen Schriften und Weisheitslehren standen die Spannungen zwischen Gegensätzen im Mittelpunkt der Erklärung, was den Weltenlauf in Gang hält. Ob es Yin und Yang, Götter und Göttinnen oder Himmel und Hölle sind – überall treffen Gegensätze seit je aufeinander, und ihr ständiges Ringen erzeugt erneuerte Lebenskraft. So ist es auch mit dem Scheidewasser Gut und/oder Böse. Adam und Eva aßen die verbotenen Früchte vom Baum der Erkenntnis. Prometheus stahl den Göttern das Feuer und gab es den Menschen. Auch im Mythos von Prometheus büßen diese mit den Übeln, die sein Bruder Epimetheus (das heißt ja, der erst nachher Denkende, im Gegensatz zum vorausdenkenden Prometheus!) aus der Büchse der Pandora unwissend entwischen lässt. Die Kulturgeschichte von Gut und Böse, Constanze, würde ganze Bibliotheken füllen. Ich begnüge mich mit einigen kurzen Gedanken, wenn dir das recht ist?
Wie die Gerechtigkeit und die Wahrheit, so ist auch das Gute schwer zu fassen. Es ist wie alle großen Ideen und Glaubensdinge eine intersubjektive Realität, wie Y. N. Hariri in Homo Deus, einer Kurzen Geschichte von Morgen schreibt. Sie ergänzt das bekannte Duo von objektiver und subjektiver Wirklichkeit als eine gemeinsame sinnstiftende Meinung der Menschen, im Original „fictions that give meaning“. Für Hariri waren das beispielsweise Religionen oder sind heute andere, irdische Wertvorstellungen, die als gemeinsam erdachte und gelebte soziale Motivation funktionieren, wie ich es interpretieren würde.
Auch das Ringen zwischen Gut und Böse ist eine solche uralte Fiktion, die Sinn schafft, um die Definition von Hariri zu verwenden. Dieser Kampf wird in der biblischen Überlieferung durch den Höllensturz des verstoßenen abtrünnigen Engels Luzifer vom gottestreuen Erzengel Michael für das Gute entschieden: die Anbetung und Anerkennung Gottes und seiner Gebote. Der Diábolos (griech. Verworfene) war ehedem ein Luzifer (lat. Lichtträger) und wurde zum bösen Deibel (man erkennt noch die griechische Herkunft) als Höllenfürst. Der Engel Mammon in John Miltons Paradise Lost stürzt, weil er das Gold der Himmelsstraßen mehr schätzte, als er Gott fürchtete. Diese Schilderungen sollen uns den Sieg des Guten durch Gottesfurcht und Glaubenstreue bestätigen, aber auch warnen, dass das Böse nicht verschwindet, nein, sondern als mächtiger Dämon im Reich der Hölle ein ständiger Verführer auch der Allerbesten bleibt. Du weißt sicher, dass die Bibel sogar von den Versuchungen Christi durch den Teufel spricht. Freilich weiß sich dieser zu verteidigen. Aber wir Menschen haben nicht alle und nicht immer die moralische Kraft, die Versprechungen des Bösen so zurückzuweisen wie Er, die Inkarnation des Guten.
Was ist also das Gute? Was ist das Böse? Versuchen wir’s wieder mit den Griechen. Platon erzählt im Dialog Phaidros, wie die ungeborenen Seelen die Urbilder alles Wirklichen erblicken und sich daraus die Sehnsucht und das Streben der Sterblichen erklärt. Wie steht es bei Platon zu lesen? Zeus, der Fürst des Himmels, zieht über das Himmelsgewölbe. Er lenkt seinen geflügelten Wagen, ihm folgen die Götter und Dämonen und danach die unsterblichen Seelen. Sobald sie nach riskanter Fahrt den Zenith des Himmels erreicht haben, blicken sie hinaus und können im Universum das wahrhaft Existierende sehend erfassen, die Idee des Guten, Schönen und Wahren. Idee kommt ja von sehen (gr. eidón, das Gesehene). Nach Platon versucht der Mensch dann, die seiner Seele eingeprägten Bilder als Lebensplan zu verwirklichen. Manche Seele hat Schwierigkeiten, das Himmelsgewölbe zu durchstoßen. Warum? Die zwei gefiederten Pferde, die jeder Seele vor den Wagen gespannt sind, haben ein konträres Naturell. Das eine ist willig und gut, das andere widerspenstig und böse. Das gute Pferd zieht den Seelenwagen hinan, das böse will hinab. Wenn die Seele dieses unbändige Pferd nicht zügeln kann, wird sie es nicht zum Zenith des Firmaments schaffen. Du siehst, Constanze, diese Ambivalenz des menschlichen Wesens ist in allen Mythen und auch in diesem platonischen Dialog (der eigentlich von Liebe und Schönheit handelt) als ständiger Kampf von Gegensätzen dargestellt. So kommt es, dass die gute Seele einen guten Menschen ausmacht, der vor seiner Geburt schon die Idee des Guten erfahren durfte. Nicht, dass diese Geschichte dem heutigen Stand des Wissens entspricht; aber sie enthält sicher mehr als ein Körnchen Wahrheit. Heute werden gute Menschen zuweilen als Gutmenschen bespöttelt. Sei stolz, wenn dich jemand so schimpft! Allerdings heißt das nicht, total naiv vor dem Bösen in der Welt die Augen zu verschließen und ihm schnurstracks in eine seiner überall aufgestellten Fallen zu laufen. Die Menschen haben neben dem Trieb der Selbsterhaltung, also Egoismus, sehr wohl seit Anbeginn ihrer nachweisbaren Existenz auch natürlichen Altruismus gezeigt. Das haben unter anderem Grabungen gezeigt, die schon den Neandertalern eine Fürsorge für Mitmenschen bestätigen, deren physische Beeinträchtigungen sonst schon viel früher zum Tod geführt hätten. Und die Nächstenliebe ohne Gegenleistung ist der beste Beweis für „das Gute im Menschen“.
Schon sehr früh haben sich die großen Denker der Menschheit auch ohne religiöse Deutung mit den Tugenden befasst, die den freien Willen der Menschen zum Guten leiten sollten. Die Wörter in verschiedenen Sprachen für einen tugendhaften Charakter verraten gewisse kulturelle Nuancen: Die Griechen sprachen schlicht von areté (Gutheit), die Römer von virtus (Mannhaftigkeit); das englische virtue und das französische vertu leiten sich davon ab. Das deutsche Wort Tugend hängt mit taugen zusammen; die Herkunft des Wortes erhellt die tiefere Wurzel der taugenden Tüchtigkeit. Fasst man nur diese drei Deutungen zusammen, so wird aus (guter) Tugend in der westlichen Philosophie ein tapferes und taugliches und daher auch gutes Verhalten. Tugend, das kaum mehr verwendete Wort, ist beinahe ein uncooles Unwort wie Gutmensch geworden. Der Universalgelehrte des griechischen Altertums, Aristoteles, hat die areté den wahren Weg zur eudaimonía genannt, ungenau meist mit Glückseligkeit übersetzt. Besser ist die wortgetreuere Übersetzung mit Erfülltheit von gutem Geist. Ein gutes Leben ist von einem guten und damit glückhaftem Geist erfüllt. In einer Zeit des Kampfes und der hervorragenden Kämpfer waren die nützlichen Fähigkeiten eines Kriegers „tugendhaft“. List, Kampfesstärke, Geschicklichkeit und eine (schwankende) Unterstützung der Besten durch miteinander verfeindete oder rivalisierende Götter zeichneten die Helden der Ilias und Odyssee, des Nibelungenlieds und vieler anderer Sagen aus. Auch in den Kriegen unserer Epoche gab es Helden, gute wie böse. Wenn an einem Krieg überhaupt etwas Gutes sein kann!
Ich glaube an das Gute im Menschen, Constanze, den überwiegenden Hang dazu in den meisten Menschen, den Ansatz zum Guten in fast allen. Mein Menschenbild ist positiv geblieben, trotz aller Attacken, die es aushalten musste. Alle Menschen haben meiner Meinung nach einen Funken des Guten in sich, der angefacht werden kann, am besten durch Vorleben.
Wir haben jetzt ausführlich und doch nicht intensiv genug über eine Kernfrage der Ethik gesprochen, Constanze. Die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, das Streben nach dem Guten in uns, ich halte das für wichtige Gedanken. Aber was nützen die besten Gedanken, wenn sie nicht zur Tat werden! Die schillernden Werte von wahr, gerecht und gut müssen nicht nur erkannt, sie müssen gelebt werden! Da werden wir nicht nur persönliche Erfolgsgeschichten erfahren, sondern auch Niederlagen und Enttäuschungen. Davon hat es auch in meinem Leben einige gegeben. Aber ich denke, du möchtest noch ein wenig mehr aus meiner Schulzeit hören. Einmal hast du mich schon gefragt, warum ich so gerne lese?
LOGIK DES HERZENS
Meine Leselust war groß und ist es bis heute geblieben. Das fing schon in der Volksschule an, mit Karl May. Die ersten Helden des Guten, denen ich mit sieben oder acht begegnete, waren Winnetou und Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi (das war doch die arabische Version seines Namens, der deutsche Karl, nicht wahr?) und sein Begleiter Hadschi Halef Omar, den Kara Ben Nemsi letztendlich zum Christentum bekehrt, wie dann auch den sterbenden Winnetou. Ich kletterte langsam die Bücherleiter hinauf und entdeckte ständig Neues.
Schon in der ersten Klasse Gymnasium lehrte uns Richard Bamberger die Liebe zum Lesen. Er war unser Deutschprofessor, nebenbei Generalsekretär des Buchclubs der Jugend, und schleppte jeden Samstag einen Stoß Bücher in die Klasse, hinter dem der kleinwüchsige Mann fast verschwand. Wir sollten sie nach Gusto lesen und bei der Rückgabe in wenigen Sätzen den Inhalt zusammenfassen. So brachte er uns die Bücher als unsere Freunde nahe und machte viele von uns zu Leseratten, wie man damals sagte. Es gab ja weder Fernsehen noch Facebook, wir konnten nicht googeln, sondern bestenfalls im Lexikon nachlesen. Die Küche des Wissens war immer noch in erster Linie unser eigenes Gedächtnis, nicht das Blättern im iPhone. Bis heute bin ich dem Motto treu, Reads statt Tweets, wenn man es so salopp sagen kann. Oh, du sollst jetzt nicht glauben, dass ich gegen dein Handy oder meinen Laptop antrete! Ich meine nur, dass man heute viel Kraft braucht, um sich das eigenständige Denken zu bewahren und die notwendige Zeit zum Nachdenken nicht stehlen zu lassen. In der Ruhe liegt die Kraft, das ist eine der östlichen Weisheiten, die ich verinnerlichte und bis heute zu beachten versuche. In das Denken Ruhe zu bringen, ist ein wichtiger Beitrag zur Kraft, die du zum Leben brauchst!
Der Reichtum im geschriebenen Wort der Weltliteratur ist unerschöpflich, und in einem Menschenleben ist nur Zeit für einen kleinen Schritt auf der Suche nach immer neuen Schätzen. Was die Kunst der Worte vermitteln kann, ist nicht nur Wissen. Es ist Gefühl, individuelle Gefühlslogik. Das ist nicht die strenge Logik eines Aristoteles oder eines Wittgenstein. Es ist eine, die runder und weiter ist als die des Verstandes und der Vernunft. Es ist eine Logik des Herzens. Von Blaise Pascal stammt der Satz: „Le coeur a des raisons que la raison ne connait point.“ Man kann das nicht so wortspielerisch übersetzen, wie es im Original klingt, aber du verstehst: Das Herz hat Gründe, welche die Vernunft nicht kennt. Jetzt betreten wir den Tempel der Gefühle, Constanze, und verharren zunächst in schweigender Nachdenklichkeit.
Es gibt außergewöhnliche Destillate des menschlichen Geistes, die mehr noch als Wissen und Weisheit enthalten. Einer der großen Sätze der menschlichen Kultur ist dieser:
Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer
und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht,
je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit
beschäftigt. Der bestirnte Himmel über mir und das
moralische Gesetz in mir. Ich sehe sie beide vor mir
und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein
meiner Existenz.
Geschrieben hat dies einer der großen Denker der Aufklärung, der Philosoph Immanuel Kant als die summa seiner Kritik der praktischen Vernunft. Um wirklich zu wissen, was ein tiefer Blick in den bestirnten Himmel im Innersten bedeuten und auch bewegen kann, solltest du einmal in einer sternklaren Nacht den Himmel betrachten und dich hinaustragen lassen in die unendliche Ewigkeit des Universums – und dabei das eigene Herz schlagen hören. Ich habe dieses Gefühl einer gewaltigen überirdischen Ordnung, eines Kosmos, der die Welt des Ich mit dem Universum verknüpft, in einer Winternacht in den Bergen empfunden. Damals war ich noch etwas jünger als du heute, scheu verliebt in ein Mädchen unserer Gruppe von Schisportlern, also richtig eingestimmt auf große Gefühle. Die unvorstellbare Ferne der Milchstraße ist mir bewusst geworden, aber ich kann sie bis heute nicht begreifen, nur bewundern. Dabei ist unsere Galaxie nur eine von unendlich vielen! Heute sagen uns die Astronomen, sie wüssten nicht genau, wie viel Sternlein am Himmelszelt stehen. In unserer benachbarten Galaxie, der Milchstraße, sind es schätzungsweise um die 200 Milliarden. Im ganzen Universum möglicherweise 10 Trilliarden (als Mathematikerin wird dir 10 hoch 22 mehr sagen), die in geschätzten tausend oder mehr Milliarden von Galaxien verteilt strahlten und strahlen. Und das wissen wir Menschen oder ahnen es, und können wieder nur staunen und staunen und wieder staunen über dieses Geheimnis des Menschen auf der winzigen Erde inmitten dieser riesigen noch kaum erforschten Unendlichkeit?!
Hast du übrigens gewusst, dass die Überlegungen Kants schon in den Upanischaden (den gehörten Überlieferungen) des alten Indien Eckpunkte des Welt- und Menschenbildes waren? Die höchste Wirklichkeit des Universums, der Urgrund von allem (Brahman) und das Innerste des Menschen, die ewige Seele (Atman), hingen engstens zusammen als Weltgeist und Selbst. Und auch die alten Chinesen kannten mit der aus Tibet kommenden Idee des Tao den Weg (des Lebens), der gleichzeitig das Ziel ist. Gemeinsam mit dem Konfuzianismus, dessen Tugendlehre jener der Griechen ähnelt, formte der Taoismus über Jahrtausende die asiatische Seele mit ihrer Passivität und Gelassenheit gegenüber der Welt, die wir heute meist mit den Lehren Buddhas verbinden. Aber auch das ändert sich, wenn wir das moderne Asien betrachten. Auch dort werden alte Traditionen genau wie bei uns von der modernen Zivilisation ab- und allmählich aufgelöst.
Die Idee der Weltseele erlebt eine erstaunliche Wiederkehr, wie Eduard Kaeser in einem kleinen Essay in der Neuen Zürcher Zeitung ausführt. Er sieht die Ursache dafür in einem wachsenden Bedürfnis nach metaphysischem Trost; da kann ich ihm nur beipflichten. Neu ist das ja nicht, denk an die jahrtausendealten Religionen, die sich alle in verschiedenen Bildern mit diesem Urwunsch des Menschen nach sicherem Wissen und Geborgenheit, gerne würde ich hinzufügen nach Weltvertrauen, sehnen. Jetzt entdeckt man den Panpsychismus: Seele ist überall. So wie der Pantheismus sagt: Gott ist in allem. „Eine Welt, die von einer Seele durchwirkt und durchweht wird, spendet existenzielles Grundvertrauen, das Gefühl eines Zuhauseseins“ (Eduard Kaeser). Und was sagt Hariri dazu? Die Wissenschaft tendiert immer mehr zu einer einheitlichen Auffassung: Das Leben ist (nichts als) Datenverarbeitung. Diesen interessanten Satz werden wir später nochmals aufgreifen, Constanze.
Die Welt begreifen heißt für mich zunächst, die persönliche innere Wirklichkeit ordnen. Ich würde noch lieber sagen: der inneren Wirklichkeit die rechte Logik des Herzens lehren. In der chinesischen Philosophie jener (von Karl Jaspers) so genannten Achsenzeit vor zweieinhalbtausend Jahren wurde die Grundfrage nach dem Ursprung des Seins mit der Rätselfrage nach dem Tao beantwortet. Die Menschen sollten einfach leben und auf das Tao vertrauen. Dieses sei der Weg und das Ziel ihrer sittlichen Vervollkommnung und gleichzeitig die Urkraft des Universums. Glück erreiche ein Mensch, wenn er sich frei macht von Ruhmsucht, Egoismus und Gewalt. Und es ist der ewige Austausch zwischen dem Licht, der gestaltenden Kraft des Yang, und dem Dunkel, der erhaltenden Macht des Yin, dem sich der Mensch fügen müsse.
Ich möchte gerne mit dir dieses Gefühl der Unerklärlichkeit des Seins teilen, Constanze, wie sie in vielen Sprüchen des Tao te king (Buch vom Sinn und Leben) oder des I Ging (Buch der Wandlungen) – zwei wichtige schriftliche Quellen aus der Frühzeit dieser transzendenten Philosophie – zum enigmatischen Ausdruck kommt. So höre:
Nichts auf der Welt ist so weich
und so formbar wie das Wasser.
Beim Angriff auf das Harte und das Starre
ist dennoch nichts so überlegen.
Wegen dessen, was es nicht ist, wird ihm dieses leicht.
Das Weiche überwindet das Harte,
das Biegsame überwindet das Starre.
Niemand auf der Welt ist ohne dieses Wissen
und niemand vermag es anzuwenden.
In diesem berühmten 78. Spruch des Tao te king wird klar, dass die Gegensätze nur Schein und nicht Sein sind. Alles hängt mit allem zusammen. Und nur die Zeit macht den Unterschied, ob Wasser dem Stein ausweichen muss oder ob der stete Tropfen den Stein höhlt. So sollten wir auch die Welt verstehen: Sie funktioniert, wie ich schon von Gut und Böse sagte, als Ergebnis ewiger Gegensätze, die in immerwährendem Zusammenhang stehen! Denn aus diesem Krieg und Frieden zwischen Yin und Yang entsteht die Lebensenergie Ch’i.
Der Taoismus glaubt an die moralische Beeinflussbarkeit des Menschen und ist in dieser Hinsicht dem christlichen Denken sehr verwandt. Eines seiner Gebote heißt: Behandle den Guten gut, behandle aber auch den nicht Guten gut, und so erlangt er Güte. Behandle den Wahrhaftigen wahrhaftig und den nicht Wahrhaftigen auch wahrhaftig, und so erlangt er Wahrhaftigkeit. Wir fühlen uns an die Bibel erinnert, in der nicht nur ein ähnliches Gebot der Nächstenliebe verkündet, sondern auch die Bereitschaft verlangt wird, die linke Backe hinzuhalten, wenn die rechte geschlagen wurde. Eine äußerst unangenehme moralische Forderung! Aber die Lehren der Ethik und Moral sind ja keine Beschreibung des Seins, sondern eine des Sollens. Ich möchte dir eines mitgeben, Constanze, neben dem Wissen, seinem Erwerb und seiner Verwendung muss auch der Charakter gebildet werden. Und der folgt den Gefühlen mehr als dem Verstand. Also muss man auch dem Gefühl ein gewisses Wertekorsett anbieten, das uns in einem bewegten Leben Halt geben kann. Das ist letztlich die Logik des Herzens, die mehr verstehen kann als der Verstand. Entwickle sie und vertrau ihr!

DAS WERDENDE ICH
MYTHEN DER MENSCHWERDUNG
So haben wir uns also in die Tiefen und Höhen unserer geistigen Welt gewagt, Constanze. Die Logik des Herzens war unser Führer durch diese Gefilde und hat sie uns nahegebracht. Jetzt wandern wir zurück und fragen in der Wiege unserer eigenen Kultur nach dem Werden des Menschen, seiner Vernunft, seiner Moral und – seiner Hoffnung. Wann begann sich der Mensch von den Göttern zu lösen, die überall ihre Hand im Spiel hatten und daher ständige Begleiter und Herren aller Ereignisse von Belang waren? Deshalb waren diese der Natur ausgelieferten Geschöpfe ja bemüht, die Götter mit Opfergaben und Verehrung günstig zu stimmen und zu versöhnen, wie die Mythen in allen Kulturen berichten. Erst nach und nach emanzipierte sich der Mensch zu einem freien Wesen. Aber immer noch glaubt er an höhere Gewalten, er betet um Hilfe, sucht Schutz und dankt dafür.
Das erste bekannte Dokument dieser Entwicklung des menschlichen Selbstbewusstseins, der eigentlichen Menschwerdung, ist das Epos von Gilgamesch. Die sicherlich so ähnlich wie die Genesis der Bibel öfter überarbeitete und zunächst mündlich überlieferte erste schriftliche Fassung auf Tontafeln ist etwa viertausend Jahre alt. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt und handelt von einem König, der alle anderen übertrifft, wahrscheinlich eine historische Figur aus Uruk. Das zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris gelegene Mesopotamien (Zwischenstromland) hält man für die Wiege unserer Kultur, wie du weißt. Dieser König oder Kriegsherr Gilgamesch und sein Begleiter Enkidu, eine etwas widerborstige Figur, begeben sich auf die Suche nach der Unsterblichkeit. Am Ende muss Gilgamesch einsehen, dass doch nur die Götter sie besitzen. Es ist bemerkenswert, dass Gilgamesch, wie der Titelheld Odysseus in der viel später entstandenen Odyssee, in die Unterwelt hinabsteigen darf, dabei aber bestimmte Regeln beachten muss. Über Gilgamesch kann ich dir nicht sehr viel mehr sagen, aber in der Odyssee trifft Odysseus im Hades seine ehemaligen Freunde und toten Kampfgefährten. Wir hatten zur schriftlichen Matura in Griechisch eine dieser Szenen des 11. Gesangs zu übersetzen, es war die bewegende Begegnung des Odysseus mit Achilles in der Unterwelt.
Ich glaube, dass mit der Frage nach Leben und Tod ein wichtiger Teil dieser Menschwerdung angesprochen wird. Das Hinabsteigen der Lebenden in die Unterwelt – Gilgamesch, Odysseus, Orpheus, Aeneas – weist eine Verbundenheit von Leben und Tod auf, die so aussieht wie eine kleine und widerrufbare Unsterblichkeit.
Ich denke jetzt an eine wunderbare und überaus ergreifende Aufführung des Requiems von Giuseppe Verdi. Sie fand im August 2019 unter der Leitung von Ricardo Muti in Salzburg statt, zum Gedenken an den 30. Todestag Herbert von Karajans. Da heißt es am Schluss: „Libera me, domine, de morte aeterna …“ Befreie mich, Herr, vom ewigen Tode. Der ewige Tod ist in diesem Fall die ewige Finsternis der verdammten Seelen nach dem Jüngsten Gericht. Sie dürfen nicht mehr hoffen, in Ewigkeit nicht. Den Gerechten wird gesungen, „Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis.“ Sie sollen selig im ewigen Licht weilen. Ihr Hoffen auf eine bessere Welt hat sich damit erfüllt. Aber ist ewiger Tod nicht auch das Auslöschen jeglichen Gedenkens? Ist ewiges Leben nicht auch Fortleben in der Erinnerung? Verdi und Karajan, aber viele, viele andere auch gehören für mich in diesem Sinn zu den Unsterblichen! Weißt du, Constanze, dass die von Kardinal Richelieu gegründete Académie Française ihre Mitglieder les immortels nennt? Wer in unserer Erinnerung bleibt, wird ewig leben, wird ein Unsterblicher.
Die Mythen der Menschheit sind spannend und vielsagend. Sie waren und sind immer noch der Kitt der Erinnerung. Sie enthalten die ewige Botschaft des Werdens und Vergehens als Bestätigung eines ewigen Lebens der Menschheit. Denn auch das zeichnet den Menschen aus: Er weiß, dass sein Leben ein Ende haben wird. Er hofft, dass seine Kinder und Kindeskinder ein gutes, ja besseres Leben haben werden. Nicht nur die Fantasie der Zukunft und die Unmittelbarkeit der Gegenwart beschäftigen ihn, sondern auch die Vergangenheit. Die Schöpfungsgeschichten aller Kulturen haben deshalb vieles gemeinsam. Sie befassen sich mit der Entstehung der Welt und des Menschengeschlechts als einem schöpferischen Akt, der von einer überirdischen Macht gelenkt und gesetzt wurde. Abgesehen von der Bibel sind die griechischen Mythen für uns vielleicht die naheliegendste und interessanteste Schöpfungsgeschichte von Himmel und Erde. Sie erzählt vom Kampf um die Macht unter Titanen, Göttern und unsterblichen Halbgöttern. Und Menschenfreunden wie Prometheus.
Wunderbare Kunstwerke legen Zeugnis ab von der Entstehung der Götter- und Menschenwelt und ihren teilweise brutalen Einzelheiten. Ich gebe dir nur zwei Beispiele der Malerei, die mich sehr beeindruckt haben: Die Geburt der Venus aus dem Schaum des Meeres von Sandro Botticelli als Symbol des Eros, und ein starkes, schwarzes Bild von Francisco Goya, Saturn verschlingt eines seiner Kinder, für den Gegenpol Thanatos. Saturn, in Griechenland Kronos, fraß sie alle auf – bis auf Zeus, den kleinsten, den seine Mutter erfolgreich vor ihm versteckte. Aber der Tod ist eng mit dem Leben verbunden: Mit Hilfe der Nymphe Metis gab Zeus seinem Vater ein Brechmittel ein, so dass er alle die verschlungenen Kinder wieder – natürlich lebendig! – ausspie. Die versammelten sich nun unter seiner Führung zum Titanenkampf, der mit dem Sieg von Zeus endete.
So ähnlich sind praktisch alle Schöpfungsmythen aufgebaut, Constanze. Wir können auch die Entstehung der Welt und die Menschwerdung nach dem Buch Genesis der Bibel ähnlich interpretieren. Gut und Böse, Himmel und Erde tauchen in anderem Gewand auf, und der eine Gott verbannt die Möchtegern-Götter Adam und Eva, die er selbst erschaffen hat. Die Verführung zum Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis und die Vertreibung aus dem Paradies laufen im Prinzip auch auf nichts anderes hinaus, als diese Ambivalenz zwischen Sünde und Tugend darzustellen, genau wie die Göttergeschichten der alten Griechen es tun. Auch dort begegnet uns das Feuer als Symbol der Erkenntnis und Prometheus, der es den Göttern stahl und für diesen Frevel bitter bestraft wurde. Herakles erlöste ihn schließlich am Kaukasus von seinen Ketten und erlegte den Adler, der ihm die täglich nachwachsende Leber qualvoll abfraß.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die Schöpfungsgeschichten eine von einer höheren Macht geduldete und im Weltenplan der Evolution vorgesehene Befreiungstat des nun auf sich selbst gestellten Menschen. Neuere Forschungen lassen annehmen, Constanze, dass diese Befreiung, diese Entstehung des menschlichen Ich-Bewusstseins gleichzeitig mit der Entwicklung des aufrechten Gangs des homo erectus vor etwa zwei Millionen Jahren einsetzte. Da wurden die Hände frei, um Werkzeuge und Knüppel anzufertigen und zu nutzen, die sein Überleben erleichterten. Aus primitiven Anfängen vor vielen hunderttausenden Jahren ist seit der Aufklärung ein riesiges und schwer beherrschbares Weltkonglomerat unvorstellbarer Komplexität und Vernetzung geworden. Im Vergleich zur langen Geschichte des Lebens auf der Erde war das ein evolutionärer Sprint! Wir werden noch von dieser „Beschleunigung der Geschichte“ reden, die wir (mit Unterbrechungen wie Weltkriege, Große Depression oder Covid-19) hautnah erleben.
Ja, du hast recht, mich einzubremsen. Beinahe hätte ich das zweite der „Dinge“ vergessen, denen Kant mit Bewunderung und Staunen gegenübersteht. Ich hole das gerne nach. Neben dem bestirnten Himmel steht als „zweites Ding“ das moralische Gesetz. Es ist unser Gewissen, das die Kontrolle über unser Tun und Lassen ausüben soll. Sigmund Freud wird diese Aufsichtsinstanz später Über-Ich nennen. Dem moralischen Gesetz hat Kant auch einen kategorischen Imperativ als Kompass beigegeben, ein unbedingtes Gebot, das einem Handeln nach Lust und Laune entgegensteht: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde. So einfach, so klar, Constanze, und doch so schwer nachzuleben! Einfacher zu befolgen ist vielleicht das alte Sprichwort: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu!
Diese Verhaltensregeln haben eine gemeinsame Wurzel – Vertrauen. Es ist neben der Kommunikation durch offenen Dialog die Basis einer konstruktiven und friedlichen Koexistenz der Menschen, und, wie ich auch sagen möchte, der beste Katalysator für das Wachstum des Guten. Das älteste Dokument dieses Vertrauensprinzips, das Gleiches mit Gleichem aufwiegen und dadurch als gesellschaftlicher Stabilisator funktionieren will, ist der in schwarzen Stein gehauene Codex Hammurapi. Heute ist diese zwei Meter hohe Stele aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. im Louvre zu sehen. Neben vielen praktischen und oft sehr modern anmutenden Rechtsvorschriften verkündet König Hammurapi – namens des Gottes der Sonne und der Gerechtigkeit, Schamasch – auch die so genannte lex taleonis. Die Bibel hat dieses Gesetz der Vergeltung im Buch Moses des Alten Testaments als „Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn“ wiedergegeben. Das wurde und wird als Drohung und Racheschwur verstanden, war aber nicht so gemeint! Das Original liest sich anders: Wer einen anderen Menschen verletzt oder schädigt, darf nur verhältnismäßig, nicht maßlos bestraft oder zum Ersatz des Schadens herangezogen werden. Meines Wissens ist das der erste und erstaunlich moderne Rechtssatz, der die Gewaltbereitschaft, überhaupt das Böse im Menschen eindämmen soll.
In Goethes Faust II urteilt am Schluss der Chor der Engel: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Ich glaube, dass in jedem Menschen etwas von diesem faustischen Streben steckt, das Goethe so unvergänglich gezeichnet hat. Der Lebensweg dieser allegorischen Gestalt ist auch eine Allegorie für alle unter uns, die das Geistige im Menschen als den höchsten Schatz empfinden, den es zu wahren und zu mehren gilt. Nur was du an Gedanken und Gefühlen in dir trägst, gehört wirklich dir. Werde, was du sein willst und kannst. Forme dein Ich zur Ganzheit der Person. Das fühlende Herz hat eine Logik, die das strebende Wissen nicht kennt. Vermähle diese vermeintlichen Gegensätze zu einem einzigartigen Kunstwerk des Lebens. Werde, was du bist und sein willst! Aristoteles schrieb über das Werden eines Werks: In jedem Marmorblock steckt eine Statue, wenn man nur alle unnötigen Splitter entfernt hat. Jeder Mensch muss sein eigener Bildhauer werden, um diese Statue zu erschaffen! Aber selbst Michelangelo hatte zu lernen. Er war zunächst mit dreizehn Lehrling in der Werkstatt von Domenico Ghirlandaio … das entlockt dir ein Lächeln, ja? Ist doch ein guter Abschluss für heute, nach so viel ernstem Zeug! Wir kehren jetzt wieder in das wirkliche Leben von damals zurück. Denn das Jahr 1955 war ein wirklich wichtiges in meinem Leben, und du sollst erfahren, warum.
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