Читать книгу: «Am Sonnenhof»

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Vollständig aktualisierte E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen 10., aktualisierten Auflage 2003

© 2021 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

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Titelfoto: © Patrick Daxenbichler – stock.adobe.com (oben) und Erika – stock.adobe.com (unten)

Satz: Carmen Oberlechner, Rosenheim

eISBN 978-3-475-54900-7 (epub)

Worum geht es im Buch?

Hans Ernst

Am Sonnenhof

Der 15-jährige Hans hatte eine glückliche Kindheit. Doch als seine Mutter stirbt, beginnt für ihn ein Leidensweg. Der Vater verkauft ihn an den reichen Sonnenhofbauern, dessen Anerkennung Hans nur langsam gewinnt. Als Regina in sein Leben tritt, die nach der Meinung des Sonnenhofers für ein hartes bäuerliches Leben nicht geeignet ist, versucht dieser mit allen Mitteln, das Glück der beiden zu zerstören. Beinahe gelingt ihm dies.

Ludwig Schmederer war einer von jenen, die an der Vergangenheit festhalten, obwohl es geradezu provozierend wirkte, wenn er zum Beispiel jeden Donnerstagabend in den Gasthof „Zur Post“ zum Stammtisch ging und dann so tat, als sei er noch der gutsituierte Schreinermeister Schmederer, der in der Kreisstadt vor Jahren ein Wohnhaus sein Eigen nannte und in seiner Werkstatt vier, fünf Leute beschäftigte.

Gewiss, damals war er noch ein wohlhabender, anerkannter Handwerksmeister, für den es angemessen sein mochte, am Stammtisch ein gewichtiges Wort zu sprechen. Er war ein Mann, der geachtet war im ganzen Städtchen und es sich leisten konnte, sich im Gasthaus das vorsetzen zu lassen, wonach sein Gaumen gelüstete.

Deswegen aber wäre er sicherlich nicht gleich „draufgegangen“, wie man seinen plötzlichen Sturz aus der Höhe bezeichnete. Nein, da war schon die Zeit auch ein wenig schuld: die Zeit mit ihren Neuerungen und der Geschmack des Publikums, das diesen Neuerungen so aufgeschlossen gegenüberstand. Es fiel einfach niemandem mehr ein, sich Möbel von einem Kleinbetrieb zu kaufen. Alles fand Gefallen an der viel billigeren Massenware. Die Möbelfabriken begannen den Markt damit zu überschwemmen, sie brachten eine neue Mode in Schwung. Und wer als Möbelschreiner zugleich auch Geschäftsmann war, hatte sich umzustellen. Aber Ludwig Schmederer war eben kein Geschäftsmann, er war ein biederer Handwerksmeister mit einer gehörigen Portion Berufsehre.

Eine Zeit lang behauptete er sich noch, aber dann zog es ihn in den Strudel hinein. Wie hätte er sich auch halten können, da er von Natur aus kein Kämpfer war! In seiner bürgerlichen Behäbigkeit kam es ihm lange nicht zum Bewusstsein, dass es ihn unerbittlich in die Tiefe zog. Und als ihm das bewusst wurde, da war es bereits zu spät, da hatte er auch das Haus schon schwer belastet. Eines Tages musste er auch den letzten Gesellen entlassen. Wortlos ertrugen seine Frau und seine zwei Kinder diese wachsende Not, und es wäre der Frau gar nicht eingefallen, dem Gatten etwa Vorwürfe zu machen.

Eines Tages war dann der Mann, der bisher als gutherziger Gläubiger aufgetreten war, bei ihm erschienen und hatte erklärt: „Hören Sie, Schmederer, ich beabsichtige, meine Firma für Innenausbau hier zu vergrößern. Sie können bei mir mitarbeiten, wenn Sie wollen.“

Zuerst hatte Ludwig Schmederer den andern ganz entgeistert angestarrt. „Aber ich bitte Sie, mein Herr. Als was soll ich denn bei Ihnen arbeiten? Als Geselle vielleicht? Ich, Ludwig Schmederer, der schon seit vielen Jahren ein freier Meister ist? Dort, sehn Sie hin, dort hängt mein Meisterbrief!“

„Den können Sie gleich einwickeln und mitnehmen, wenn Sie bei mir nicht arbeiten wollen. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, dass ich das ganze Haus beanspruchen muss, Sie sich also um eine andere Wohnung umsehen müssen.“

„Gut, gut“, hatte der Schmederer geantwortet. „Wie Sie wollen. Ich werde eben auch wieder eine Werkstatt aufmachen. Da brauchen Sie gar nicht zu lächeln, mein Herr. Ich habe einen Namen hier und habe immer Qualitätsarbeit geliefert. Die Leute wissen das.“

„Wie Sie meinen“, antwortet der andere mit überheblicher Sicherheit und war gegangen.

Ach, es hatte alles keinen Sinn mehr. Eines Tages packte er seine Möbel zusammen und zog mit Frau und Kindern nach Birnegg. Ausgerechnet nach Birnegg, wo seine Frau beheimatet war.

So wurde Ludwig Schmederer Schreiner von Birnegg. Sein Auftauchen in diesem Bauerndorf gab den Leuten tagelang Gesprächsstoff, denn der Schreiner war in seinen jungen Jahren ein verflixter Bursche gewesen, denn sonst wäre es doch wahrhaftig nicht möglich gewesen, dass ihm die Tochter des reichen Sonnhofer verfallen wäre, die sich lieber vom Hofe hatte weisen lassen, als dass sie ihren Ludwig aufgegeben hätte. Es hatte viel Aufruhr gegeben damals. Der alte Sonnhofer ging monatelang nicht mehr unter die Leute, so sehr hatte er sich geschämt, dass seine Tochter einem Schreinergesellen nachgerannt war. Es konnte ihm auch kein rechter Trost sein, als er hörte, dass dieser Ludwig Schmederer in der Kreisstadt ein Geschäft gegründet hatte, und zwar mit dem Geld, das der Sonnhofer seiner Tochter notgedrungen als mütterliches Pflichtteil hatte ausbezahlen müssen. Schließlich trug man ihn frühzeitig auf den Kirchhof hinunter, und die Leute sagten, dass der Gram um die missratene Tochter ihn so bald ins Grab gebracht hätte. Auf alle Fälle, die Schmach ist ihm erspart geblieben, noch erleben zu müssen, wie die Tochter wieder ins Heimatdorf zurückkehrte, um dort eine winzige Wohnung und eine noch kleinere Werkstatt zu bekommen, in einem Haus, bei dem schon der Putz von den Wänden blätterte.

Sein Sohn Karl, der nach ihm den Sonnenhof bekommen hatte, ballte wohl in ohnmächtigem Zorn die Fäuste. Er war aber viel zu stolz, um in das Schicksal der Schreinersleute helfend einzugreifen. Die Schwester existierte für ihn längst nicht mehr, und er brachte es ohne Weiteres fertig, den Kopf auf die andere Seite zu drehen, wenn er an ihrem Haus vorüberging.

Den Ludwig Schmederer störte das nicht im Geringsten. Er fühlte sich wohl im Dorf und gewann seine alte Fröhlichkeit wieder. Die Leute schätzten die Qualität seiner mit Liebe gefertigten Möbel, und so litten die Schmederers durchaus keine Not, und die Kinder sahen geradezu prächtig aus. Dass die Frau an den veränderten Verhältnissen schwer zu tragen hatte, dessen wurde er gar nicht gewahr. Sie zeigte ihm auch nie ein trauriges Gesicht und wäre mit ihm, ohne zu fragen, durch viel tieferes Elend gegangen.

So ging der erste Sommer in Birnegg vorüber, und Ludwig Schmederer hatte bereits wieder einige tausend Euro auf die Seite legen können. Wenn er abends Hobel und Säge ruhen ließ und sich zu seiner unermüdlich wirtschaftenden Frau hinter den Tisch schob, dann konnte er schon wieder Luftschlösser bauen. Er träumte von einem eigenen Häusl, das er sich am Anger des Siedlbauern bauen wollte, der ihm ein Stückchen Grund verkaufen würde, dem Sonnhofer zum Trotz, mit dem er schon seit Jahren verfeindet war.

Die Frau nickte ihm dann lächelnd zu, träumte zuweilen vielleicht seinen Traum mit und konnte doch nicht recht dran glauben. Ihr Herz war oft so müde und schwer, und manchmal, mitten in der Arbeit, legte sie die Hand darauf, weil sie meinte, es ginge langsamer im Schlag oder wolle ganz aussetzen. Nur die Kinder lebten ganz unbekümmert. Sie begriffen vielleicht den Wandel nicht, der sich vollzogen hatte. Kinder werden bei jedem Umzug ganz einfach mitgenommen, so wie die Möbel mitgenommen werden, und es ist ganz gut, dass sie nicht darüber nachdenken, wie schwer das Schicksal bei so einem Umzug eingegriffen haben kann.

Vorerst also lebten die beiden Schmedererkinder ganz froh und unbelastet. Langsam taumelte der Sommer schon dem Herbst in die Arme. Und wenn es so zu herbsteln begann, dann war es im Saltertal ganz besonders schön. Die Waldberge legten ihr allerschönstes Kleid an; die Buchen leuchteten wie Blut im dunklen Grün der Tannen. Das gelbe Laub der Birken mischte sich vereinzelt drein und ergänzte das farbenfrohe Bild des Waldes, der noch einmal seine ganze Schönheit verschenkte, ehe der Winter ihn mit seinem weißen Bahrtuch bedeckte. Die Weidensträucher am Rande der Salter verloren schon ihre Blätter und ließen sie von den munter plätschernden Wellen hinaustragen zum großen Strom, soweit sie sich nicht in einem Rechen an irgendeinem Stauwehr verfingen, das der Bach auf seinem weiteren Weg noch zu passieren hatte. In dieser Salter gab es auch herrliche Forellen, und niemand verstand sich so darauf, in einem der vielen Ablaufgräben mit der bloßen Hand eine Forelle sicher herauszufischen, wie der Schreinerssohn Hans Schmederer.

So saß an einem noch recht warmen Sonntagnachmittag auch die sonst so unermüdliche Schreinersfrau Maria Schmederer zwischen den Sträuchern am Ufer des Bächleins, um sich einmal ein Stünderl Ruhe zu gönnen. Und wie sie so die Füße in das plätschernde Nass baumeln ließ, überraschte sie der Tod. Augenblicklich knickte sie in sich zusammen, lag dann hingekauert und wie schlafend im Ufergras.

Der Doktor stellte einen Herzschlag fest, und drei Tage später gaben die Leute von Birnegg ihr das letzte Geleit zu dem auf freier Höhe gelegenen Friedhof. Der Mann war ganz zerschlagen, und er ging mit kleinen, trippelnden Schritten zwischen seinen beiden Kindern, von denen der Knabe 15 und das Mädchen acht Jahre alt war. Erst als der Sarg in der Grube verschwand, hatte Ludwig Schmederer so viel Kraft, den Kopf zu heben und sich umzusehen unter den Menschen. Aber den seine Augen suchten, den fand er nicht. Mochte er noch so angestrengt über die Trauergemeinde hinschauen, den Sonnhofer konnte er nirgends entdecken. Hatte der Schreiner das wirklich erwartet?

Ja, er hatte gehofft, dass der Tod die jahrelange Feindschaft versöhnend überdecken könnte. Schließlich war die Verstorbene immerhin die leibliche Schwester des Sonnhofers, und es wäre ihm keine Perle aus der Krone gefallen, wenn er ihr die letzte Ehre als Bruder erwiesen hätte. Zumindest hätte er einen Kranz schicken können, fanden die Leute von Birnegg, die mit herzlicher Teilnahme hinter dem gebeugten Schreiner und seinen Kindern standen. Der Schmederer hatte es inzwischen aufgegeben, unter der Menge weiter nach dem Schwager zu suchen. Mit gesenktem Kopf stand er wieder da, und die Tränen fielen lautlos auf seine verschlungenen Hände, denn er hatte die Tote wirklich von Herzen liebgehabt. Scheute sich doch der Pfarrer auch nicht, in seiner Grabrede zu erwähnen, dass die Verstorbene eine Sonnhofertochter gewesen sei, die vor Jahren ihrem Gatten in die ferne Kreisstadt gefolgt sei und in recht glücklicher Ehe mit ihm gelebt habe. Beim Begräbnis war also der Sonnhofer nicht anwesend. Dafür erschien er drei Tage später in der Werkstatt des Schreiners.

Er war ein großer, hagerer Mann, der sich bücken musste, als er über die Schwelle trat, um nicht am Türbalken anzustoßen. Ludwig Schmederer war gerade dabei, ein Brett mit der Hobelmaschine zu bearbeiten, während sein Sohn Hans gegenüber gerade irgendetwas zurechtsägte. Zwischen ihnen hing eine kleine Lampe mit einem grünen Schirm, der das Licht nur gedämpft in die Dürftigkeit des Raumes fallen ließ, in dessen hinterstem Winkel beim Ofen die kleine Margret saß und mit einer Puppe spielte, deren rechter Arm ausgerissen war. Der Sonnhofer räusperte sich, weil Ludwig Schmederer unentwegt weiterhobelte. Vielleicht hatte er im Eifer seiner Arbeit den Angekommenen wirklich nicht bemerkt. Es kann aber auch sein, dass es eine große Verlegenheit war, die ihm den Mut nahm, aufzublicken. Nach einer ganzen Weile sagte der Hans: „Vater! Der Sonnhofer ist da!“

Der Schreiner stellte die Hobelmaschine ab und wandte sich um. Sein Gesicht tauchte aus dem spärlichen Lichtschein der Lampe heraus in den Schatten des Raumes hinein. Dann wischte er einen Stuhl ab und schob ihn dem Sonnhofer hin.

Der Bauer tat, als sähe er das nicht. Nur seine Hand umklammerte die Stuhllehne. Noch ein tiefes Atemholen, dann sagte er:

„Ich habe dir einen Vorschlag zu machen, Schreiner.“ Seine Stimme war ein wenig heiser und stand in einigem Widerspruch zu der Gestalt des kraftstrotzenden Mannes.

Der Schmederer antwortete nicht. Er war verärgert, weil der andere ihn mit „Schreiner“ angeredet hatte. Er hätte ihn ruhig Schwager nennen und sich hinsetzen dürfen, wie ein anständiger Mensch es tut, wenn man ihm einen Stuhl anbietet. Der Mann hatte ihm einen Vorschlag zu machen, er wollte also etwas. Und wenn man von einem anderen Menschen etwas will, dann darf man nicht so hochmütig dastehen, als sei man der Fürst eines Landes, der seine Befehle an seine Untertanen ausgibt. Und hochmütig, nein, stolz konnte auch Ludwig Schmederer sein, wenn man ihn herausforderte. So hob er nur leicht die Hand zu einer Geste, die ungefähr besagen konnte: Rede du nur, es hilft ja doch nichts …

Der Sonnhofer zog den Kopf zurück und wies mit dem Kinn ein paarmal auf den Hans.

„Den Buben dort, den nehm’ ich auf meinen Hof. Das Dirndl wird meine Schwester in den nächsten Tagen holen, und du …“

„Karl, das muss ich mir erst überlegen“, unterbrach ihn Ludwig Schmederer heftig. Es war aber doch mehr Angst aus seiner Stimme zu hören als Auflehnung, denn er wusste im Voraus, dass er gegen den Willen des Sonnhofers nicht anrennen konnte.

„Ich möchte wissen, was es da zu überlegen gibt“, meinte der Sonnhofer und verschränkte die Arme über der Brust. „Das Dirndl wird es gut haben bei meiner Schwester im Schwäbischen draußen. Vielleicht weißt du zufällig, dass sie sich gut verheiratet hat, die Martha, im Gegensatz zu …“

„Sei ruhig“, stieß der Schmederer heftig hervor. „Du kannst nicht wissen, dass wir trotz allem recht glücklich waren, die Marie und ich.“ Mit diesem heftigen Ausbruch bewirkte er aber weiter nichts, als dass der andere zornig den Stuhl hob und zu Boden stieß.

„Ich rede so, wie es mir lieb ist, verstehst du, Schreiner? Und du wirst dich daran gewöhnen müssen. Schick deine Kinder ins Bett. Ich meine, dass sie nicht alles zu wissen brauchen, was wir zwei uns heute zu sagen haben.“

Bis hierher hatte die Kraft des Schreiners gereicht. Aber nun zerstob und zerbröckelte sie förmlich. Er ließ den Kopf sinken, und sein Schnauzbart hing so lächerlich zerzaust über seine Lippen, dass er unweigerlich komisch wirkte. „Also, geht ins Bett, Kinder“, sagte er hilflos.

Da stand der Hans auf. „Was ist es, Vater, dass du nicht die einzig richtige Antwort gibst? Hast du Angst vor ihm? Und du, Sonnhofer, wenn du glaubst, du könntest mich auf einen Hof zwingen, dann täusch dich nur nicht. Ich will nicht von deiner Gnade leben.“

Der Sonnhofer schob die Brauen hart zusammen, betrachtete lange und schweigend den Knaben, der so trotzig vor ihm stand, und sagte dann: „Kein Mensch hat gesagt, dass du von meiner Gnade leben sollst. Du bist alt und kräftig genug, um dein Brot mit eigenen Händen zu verdienen. Hier aber verhungert ihr zum Schluss noch alle drei. Und nun geh und lass mich mit deinem Vater allein. Du wirst doch noch nicht alles begreifen, was wir zu besprechen haben.“

Der Sohn des Schreiners war groß und mager, sein Körper wirkte aber durchaus nicht schwächlich. Nur sein Gesicht war von der Werkstattluft ein wenig blass. Darin glänzten seine dunklen Augen fast fieberhaft. Ausgehungert ist er, dachte der Sonnhofer, und ein leiser Zorn flog ihn an, dass dieser Knabe so trotzig dastand und von Gnade sprach, wo sich im Herzen des Sonnhofer nach so langen Jahren des Grolles eine Spur von Bereitschaft zeigen wollte. Und noch während der Bauer dies bedachte, trafen ihn bereits wieder die schneidenden Worte dieses halbwüchsigen Burschen.

„Lass dir noch etwas sagen, Sonnhofer! Als unsere Mutter gestorben ist, da warst du zu stolz, ihr ein Sträußlein ins kalte Grab zu legen, obwohl sie deine Schwester war. Jetzt kommst du daher und möchtest dich als Wohltäter aufspielen. Jetzt, weil es draußen Nacht ist und dunkel. Diese Zeit hast du wohl abwarten müssen, damit ja kein Mensch sieht, dass du zum kleinen Schreiner gehst. Klein freilich nur nach deiner Meinung, denn wir haben noch nie gehungert. Und mehr als sattessen kannst auch du dich nicht. Ja, da stehst du nun da und weißt gar nicht, wie du eigentlich dastehen sollst, damit wir deinen Reichtum spüren sollen. Und da verlangst du, dass ich gehen und dich mit dem Vater alleinlassen soll. Warum? Weil du weißt, dass der Vater keinen starken Willen hat, dass du mit ihm nach deinem Belieben umspringen kannst, weil du hoffst, ihn gefügig zu machen. Wer gibt dir denn überhaupt das Recht, Schicksal zu spielen und in mein Leben einzugreifen? Ich gehe aber nicht auf deinen Hof, es sei denn, dass wäre der Wille meines Vaters.“

„Jetzt schweig!“, schrie der Bauer, und in seinem Gesicht spannten sich die Muskeln. „Muss ich mir das sagen lassen?“, fragte er auffordernd den Schreiner.

Der zuckte nur hilflos mit den Schultern und blinzelte scheu auf seinen Sohn. „Geh ins Bett, Hansl. Es ist besser, wenn ich mit dem Sonnhofer allein rede. Und du geh auch mit, Margret. Es ist schon Zeit zum Schlafen.“

Lautlos schloss sich die Werkstattüre hinter den Kindern.

Der Schmederer wischte abermals über den Stuhl und wollte den Sonnhofer unbedingt zum Sitzen zwingen, weil es ihn noch hilfloser machte, wenn der andere so groß und mächtig vor ihm und seiner Armut stand.

„Was ich dir zu sagen habe, lässt sich im Stehen auch erledigen. Im Übrigen müsste ich mir alles noch mal gründlich überlegen, was ich mir vorgenommen hatte. Der Kerl, dein Herr Sohn, hat Manieren an sich wie ein Erwachsener.“

„Seine Mutter hat ihn so erzogen, dass er stets nur das sagt, was er fühlt und für richtig findet. Und seine Mutter war ja eine Schwester von dir.“

„Leider ja. Du brauchst mich durchaus nicht daran erinnern.“

„Es ist aber eine Tatsache, die man nicht aus der Welt schaffen kann.“

Der Sonnhofer machte eine heftige Bewegung mit der Hand. „Reden wir nicht mehr davon! Ich will also den Buben zu mir auf den Hof nehmen. Zu ihren Lebzeiten habe ich nichts tun können, denn sie hat mir die Schande angetan, dich zu nehmen, wo sie mit Leichtigkeit als gutsituierte Bäuerin auf einem der großen Höfe im Tal hätte sitzen können.“

„Ja, das ist dir gegen den Strich gegangen“, antwortete der Schmederer in einem Ton, in dem etwas Schadenfreude klang. „Darum hast du uns ja gemieden wie Aussätzige, obwohl der Wille zur Güte bei uns reichlich vorhanden gewesen ist. Weißt du noch, wie wir dir schrieben, ob du dem Hansl nicht den Firmpaten machen möchtest? Du hast uns gar keine Antwort gegeben. Freilich ist der Hans auch ohne dich gefirmt worden. Und überhaupt – wir haben recht gut zusammen gehaust und waren glücklich. Es ist nicht so, dass wir immer nur drei Zimmer gehabt hätten wie hier.“

„Du hast es ja so weit gebracht mit deiner Gescheitheit. Aber sei es, wie es will. Der Toten will ich nichts nachtragen. Und wie gesagt, den Buben will ich zu mir nehmen, weil mir selber keine Kinder geschenkt worden sind, und weil, – weil, – ich habe es vorhin gesehen –, weil er doch etwas von der Sonnhoferschen Art in sich hat. Darum nehm’ ich ihn zu mir.“

„Als billige Arbeitskraft willst ihn haben. Einen Knecht soll er dir machen.“

„Es muss immer einer Knecht sein, bevor er Herr sein kann.“ Der Sonnhofer sah den Schreiner von oben herab an. „Wächst er sich gut aus, der Bursche, so kann es leicht sein, dass ich ihm einmal den Hof überschreiben lasse. Darum will ich ganzes Recht haben über den Buben. Ich will ihn dir abkaufen.“

Der Schreinermeister war so tief getroffen von diesem Wort, dass ihm die Knie zu zittern begannen. Er ließ sich auf seinen Schemel fallen, stützte die Ellenbogen auf die Knie und sah starr an dem anderen vorbei auf die Türe, hinter der die Kinder schliefen oder auch nicht schliefen und alles mithörten.

Plötzlich riss er den Kopf zurück. „Abkaufen?“ Ein heiseres Lachen. „Wer verkauft denn seine Kinder? Nur ein Lump kann so schlecht sein! Ich habe meine Fehler und Schwächen. Aber ein Lump war ich nie. Ja, Sonnhofer, wenn ich für dich immer nur ein Fretter war, eines habe ich dir voraus: Du hast den größten Hof weit und breit, Geld hast und alles, was dein Herz begehrt. Aber Kinder fehlen dir. Der größte Reichtum, den es auf Erden gibt. Und nur ein Narr oder ein Lump kann seinen Reichtum verkaufen.“

Der Bauer verlor in dieser Minute viel von seiner stolzen Überlegenheit. Verlegen schob er eine Hand in die Hosentasche und trommelte mit den Fingern der anderen auf die Stuhllehne. Schließlich nahm er dann ohne Aufforderung das an, was er zuerst zweimal verweigert hatte. Er setzte sich auf den Stuhl und fand gleichwohl mit der umständlichen Bewegung seines Körpers seine Sicherheit wieder zurück. Ja, er war geneigt, dem anderen begütigend zuzureden wie ein Viehhändler, der ein schönes Stückl günstig zu seinem Vorteil erwerben wollte.

„Schau, Ludwig“, begann er wohlwollend, obwohl er seinen Schwager noch nie beim Vornamen genannt hatte. Er war für ihn immer nur „der Fretter“ und der „Taugenichts“ gewesen. „Du hast mich vielleicht nicht ganz verstanden vorhin. Natürlich hab’ ich das mit dem Abkaufen nicht so wörtlich gemeint. Ich denke nur, wenn ich einmal dem Buben meiner Schwester Marie meinen schönen Hof vererben will, so müsste ich auch ein unbeschränktes Recht auf ihn haben. Ich will dir 25 000 Euro bieten, weniger für deinen Buben, sondern mehr für dich. Du sollst fortgehen von hier und dir in der Kreisstadt meinetwegen wieder ein Geschäft aufbauen. Sollst dir wieder Gesellen halten, und vielleicht heiratest du noch einmal. So alt bist du ja noch nicht. Dann wären dir die Kinder der ersten Frau doch im Wege. Darum sollst du dich nicht störrisch zeigen, wenn meine Schwester in den nächsten Tagen kommt und deine Margret abholt. Es geschieht ja doch alles zu deinem und deiner Kinder Wohl.“

„Ach?“, rief der Schreiner gepeinigt aus. „So viel Barmherzigkeit auf einmal, wo du vorher nur Verachtung gekannt hast?“

„Sagte ich dir nicht schon, dass der Tod manches auslöscht?“

„Ja, ja, der Tod“, seufzte Ludwig Schmederer, kroch in sich zusammen und fuhr sich mit gespreizten Fingern über die schütteren Haare, dann mit dem Handrücken über die Augen, als wollte er einen trüben Schleier wegscheuchen.

Der Sonnhofer nutzte die Stille und flüsterte eindringlich: „25 000 Euro sind kein Pappenstiel, Ludwig. Du kannst dich wieder aufrichten damit und brauchst dafür eigentlich gar kein Opfer zu bringen.“

„Ist es kein Opfer, wenn man die Kinder hergeben soll?“, fragte der Schmederer und hatte ganz verstörte Augen.

„Nur wenn man sie ins Ungewisse gibt. Denkst du denn, dass es ihnen schlecht gehen wird? Die Martha hat zwei Buben und hat nach Aussagen des Doktors kein Kind mehr zu erwarten. Sie möchte so gerne ein Mädl. Wie kannst du bloß denken, dass es deiner Margret dort schlecht gehen wird? Oder denkst du, dass es dein Sohn bei mir nicht gut haben wird?“

Ach, Ludwig Schmederer war wohl ein recht guter Vater. Er war aber auch ein Mann, der unter der Armut litt und dem sich bei dem Angebot des Bauern die Zukunft in leuchtenden Bildern auftat. Wieder ein Geschäft haben, in einer belebten Straße, ein paar Gesellen, eine große, helle Werkstatt. Oh, sein Herz schlug plötzlich in einem anderen Rhythmus. Den Kindern erschloss sich ja ebenfalls eine bessere Zukunft. Und was ihn betraf, so wollte er sich nicht mehr weiter dem Neuen verschließen. Nein, vielleicht sollte er versuchen, sich statt der zeitintensiven Fertigung nur noch dem Verkauf zu widmen?

Der andere schien seine Gedanken zu erraten, weil er plötzlich aufstand und mit harter Betonung sagte: „Ich hocke da, als ob ich es nötig hätte, auf deine Antwort zu warten. Erwarte nur nicht, dass ich ein zweites Mal so ein Angebot mache, wo ein anderer bedenkenlos mit beiden Händen zugreifen würde.“

Rasch erhob sich auch der Schreiner. „Musst mich das schon überdenken lassen, Karl.“

„Braucht man solch ein Angebot lange zu überdenken?“

„Du weißt nicht, wie das ist, wenn man so ein Kind von klein auf heranwachsen sieht. Sie wachsen einem ans Herz, und man ist so oft über ihrem unschuldigen Schlaf gestanden und hat zugesehen, wie sie atmen und wie ihr Leben schlägt an der kleinen Ader am Hals.“

„Werde bloß nicht sentimental jetzt! Also, wollen wir zu einem Ende kommen oder nicht?“

„Du setzt einem das Messer auf die Brust“, stöhnte der Schmederer.

„Wenn ja“, spricht der Sonnhofer ungerührt weiter, „dann setz dich hin, nimm einen Stift und schreib.“

Ludwig Schmederer kratzte sich verlegen hinter dem Ohr und wurde schließlich weich.

„Will hoffen, dass bei allem ein Glück dabei ist“, sagte er. Und während er umständlich seinen Füller hervorsuchte, war in seinem Gesicht ein stilles Lächeln. Bei allem, was er nun tun wollte, ging es ihm nur darum, der Pfiffigere zu sein und dem reichen Schwager eins auszuwischen. Ergebungsvoll saß Ludwig Schmederer da und wartete. Dann kratzte die Feder über das Papier.

„… erkläre ich mich bereit, meinen Sohn Johann Schmederer auf den Sonnenhof zu geben“, diktierte der Bauer, ging dabei, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, in der Stube auf und ab. „Hast es? Also, dann weiter. … und räume dem Sonnhofer die volle Erziehungsgewalt ein. Ich selbst erhalte von meinem Schwager Adam Breitenwieser 25 000 Euro zur Gründung eines Geschäftes in der Stadt. So, mehr braucht es eigentlich gar nicht.“

„Halt“, sagte der Schreiner. „Auf alle Fälle muss noch hinein, dass der Hansl den Sonnenhof einmal erben wird.“

„Das kommt ganz drauf an, wie er sich führt. Schreibst also: Bei guter Führung besteht die Möglichkeit, dass obengenannter Johann Schmederer einmal den Sonnenhof erben kann.“

Da sind sie nun alle beide recht zufrieden. Der Sonnhofer meint, dass er es schlau angepackt habe, und der Schmederer ist der Meinung, dass er den gescheiten Sonnhofer nun doch überlistet hätte.

„So, und jetzt noch deinen Namen“, sagte der Sonnhofer. „Und damit’s dir leichter fällt, kriegst gleich einen Vorschuss.“ Mit diesen Worten zog er seine Brieftasche heraus und zählte 25 nagelneue Hunderter auf den Tisch. Wie ein wahrhaftiges Wunder sah das aus in der ärmlichen Stube. Der Sonnhofer hatte vorher schon gewusst, dass er seinen Willen durchsetzen würde, wie er es gewohnt war. Er tat so, als sähe er nicht, wie die Hand des Schreiners zitterte, als er seinen Namen unter das Schriftstück setzte und schwer atmend den Federhalter weglegte.

Der Sonnhofer griff nach dem Schriftstück und schwenkte es einige Male hin und her, dass die Tinte trockne, las es dann aufmerksam durch, legte es zusammen und steckte es in seine Brieftasche.

„Im Lauf des morgigen Tages erwarte ich deinen Sohn“, sagte er noch. Dann tippte er an den Hutrand und verließ ohne weiteren Gruß die Stube.

Ludwig Schmederer saß nun da wie ein Mann, den Gott geschlagen hat. Seine Augen konnten sich gar nicht recht freuen an der bunten Pracht der Geldscheine. Immer wieder überfiel ihn der schwere Gedanke, dass er für die bunten Scheine seine Kinder weggegeben hatte. Er drängte aber die geheimen Stimmen zurück, die ihn anklagen wollten: Du hast heute einen Handel abgeschlossen, Ludwig, der eines Lumpen würdig ist.

„Ich bin kein Lump“, sagte er laut vor sich hin und räumte das Geld fort. „Damals haben sie mich überlistet mit ihrem billigen Möbelzeug aus den Fabriken. Jetzt habe ich den Sonnhofer überlistet, denn es fällt mir ja gar nicht ein, meine Kinder zu verkaufen …“ Leise und ohne Licht zu machen, betrat er die Schlafkammer. Zuerst neigte er sich über das Bett der kleinen Margret. Sie lag in tiefem Schlaf und hatte ihre einarmige Puppe eng an sich gedrückt. Dann wandte er sich zurück und entkleidete sich langsam. Der Sohn schlief neben ihm im Bett der verstorbenen Mutter. Und da der Vater ihn nicht stören wollte, legte er sich sehr vorsichtig ins Bett, damit die Matratze nicht knarrte. Vielleicht hatte er Angst, dass der Sohn aufwachen und ihn fragen könnte, wie der Handel mit dem Sonnhofer ausgegangen sei. Dies ließe sich wohl im Dunkel der Nacht leichter beantworten als morgen beim hellen Tageslicht.

Lange konnte er nicht einschlafen. Und immer wieder ertappte er sich bei dem Gedanken, alles wieder rückgängig zu machen. Aber dann nahmen die anderen Bilder wieder von ihm Besitz.

Er sah sich in der Stadt in einem großen, hellen Geschäftsraum stehen. Moderne Küchen, Schlafzimmer, Sitzgruppen überall, und er hatte zu tun, die zahlreichen Kunden, die auf und ab promenierten, persönlich und freundlich zu beraten. Auf der anderen Seite bedachte er das Leben hier im Dorf. Er würde sich wohl nie mehr richtig hochraffen können. Fingen sie doch hier schon an, dieses Fabrikzeugs zu verkaufen, das er dann wieder zusammenleimen konnte, wenn es auseinanderbrach.

Unruhig wälzte er sich von einer Seite auf die andere. Als er sich beim 7-Uhr-Läuten erhob, hatte er nur ein paar Stunden geschlafen. Er machte Feuer im Herd und stellte Kaffee auf. Dann schnitt er Brote zurecht und bestrich sie mit Butter. Immer wieder schielte er nach der Kammertüre, ob die Kinder noch nicht kämen. Mochten sie doch recht lange schlafen heute, damit er diese Schwere noch bei sich behalten konnte. Aber da hörte er schon ihre Stimmen, und gleich darauf erschienen sie in der Stube. Hans sagte guten Morgen und sah den Vater dabei mit seinen dunklen Augen fragend an. Margret stand im viel zu kurzen Nachthemdchen neben ihm, die Puppe auf dem Arm, das strohblonde Haar zerzaust um die hohe Stirne. Eine merkwürdige, fast beklemmende Stille herrschte. Nur das Ticken der Uhr war zu hören. Immer unsicherer wurde Ludwig. Es wollte ihm schon gar nichts Rechtes einfallen.

„Zieh dich an, Margret!“, hätte er sagen können. Oder: „Kommt her, Kinder, zum Kaffeetrinken!“, Aber weder das eine noch das andere brachte er über die Lippen.

In diese Stille hinein klang die Stimme des Knaben: „Nun?“

Der Vater schrak sichtlich zusammen. „Was nun?“

„Was hast du dem Sonnhofer gestern gesagt, Vater?“

„Dem Sonnhofer? Ja – weißt du, Hansl – wisst ihr, Kinder, es ist so eine schwere Sache. Sein Angebot ist nicht so schlecht, wie man es im ersten Moment ansieht. Er gab mir 25 000 Euro, mit denen ich in der Stadt wieder ein Geschäft gründen kann.“

Der Hans schluckte, und seine Augen wurden noch dunkler. „Und du? Was gabst du ihm dafür?“

„Ich? Eigentlich gar nichts. Das heißt …“ Oh, war das schwer, unter den anklagenden, forschenden Blicken der Kinder.

„Was heißt es?“, fragte Johannes fordernd weiter.

Ludwig Schmederer wagte kaum mehr die Stirne zu heben und sprach mehr in den Boden hinein. „Das heißt – es ist alles nur vorübergehend. Wenn ich in der Stadt festen Fuß gefasst habe, dann kommt ihr selbstverständlich wieder zu mir.“

„Ja, selbstverständlich“, sprach der Knabe nach, und es hörte sich an wie beißender Spott. „Du sollst mir nur sagen, Vater, was dann ist, wenn du sein Angebot nicht annimmst?“

„Dann?“, Ludwig hob die Schultern und ließ sie wieder hilflos sinken. „Dann werden wir eines Tages betteln gehen müssen!“

„Ach, so ist das?“, antwortete der Hans geschlagen.

Zum ersten Mal mischte sich jetzt auch das Mädchen ins Gespräch: „Wir werden nicht betteln gehen, Vater. Ich will arbeiten.“

„Ach Kind, was redest du denn? Wenn ich es euch nur erklären könnte. Du wirst es nicht schlecht haben, Margretl. Sie ist eine Schwester deiner Mutter. Und deine Mutter war doch auch gut, das weißt du ja. Du wirst eine schöne, neue Puppe von ihr bekommen und gute Kleider und Schuhe.“

Nun hatte Ludwig sich gefangen. Die Verlegenheit wich von ihm, die Worte drängten aus ihm heraus.

„Kommt, Kinder, setzt euch her an den Tisch. Trinkt Kaffee mit eurem Vater und lasst es euch erzählen, wie ich’s meine. Es ist nämlich gar kein so schlechter Handel, mein Sohn, den ich gestern mit dem Sonnhofer abgeschlossen habe. Wir werden ihm ein Schnippchen schlagen, dem protzigen Sonnhofer. Geh nur hinauf zu ihm, mein Sohn. Ich werde schneller Fuß gefasst haben in der Stadt als er meint. Dann kommt ihr wieder zu mir. Ich selber werde euch holen, jawohl. Und werde ihm dann seine 25 000 Euro vor die Füße werfen!“

Die Kinder sagten jetzt nichts mehr. Der Vater überschwemmte sie mit seinen Worten und malte die Zukunft in den allerschönsten Farben. Einzig und allein das eine wollte Johann gefallen, dass dem Sonnhofer ein Schnippchen geschlagen werden sollte. Das begeisterte ihn sogar für einen Moment. Aber als dann der Vater einmal hinausging, sagte er doch:

„Weißt du, Schwester, mir kommt es geradeso vor, als will der Vater mit uns Hansl und Gretl spielen und uns in einen dunklen Wald führen, aus dem es keine Wiederkehr mehr gibt.“

Da lächelte die Margret: „Aber Hans, mach dir nicht so viel Sorgen, die beiden sind ja auch wiedergekommen.“

„Ja, aber die beiden sind zusammengeblieben. Wir aber sollen getrennt werden. Und das ist das Schlimmste.“

„Aber, er will uns doch wieder zu sich holen!“

„Ja, ich habe es gehört und will es glauben.“

So geschah es, dass am anderen Vormittag – es war der 16. Oktober – Johann Schmederer, des Schreiners Sohn, mit einem Rucksack bepackt, worin er alle seine Habseligkeiten verstaut hatte, den Weg nach dem Sonnenhof ging. Der Vater hatte so entschieden, und darum war es gut so. Johann war noch zu jung, um sich gegen einen Schiedsspruch des Vaters aufzulehnen. Auch war es in der strengen, aber gerechten Erziehungsmethode der verstorbenen Mutter gelegen, die immer gepredigt hatte, dass man stets den Willen der Eltern zu achten habe, solange man selber noch keinen eigenen Willen besitze. Das letzte hatte sie wohl deshalb hinzugefügt, weil sie selber sich dem Willen ihres Vaters widersetzt hatte, als es um die Liebe ging.

Ganz langsam ging er dahin, und er blieb lange am Ufer der Salter stehen und sah den kleinen Wellen zu, die geschäftig dahinglitten. Es war ihm doch ein wenig schwer ums Herz, denn bisher war ihm noch kein Tor aufgestoßen worden, durch das ein Weg geführt hätte in eine andere Welt. Sehnsüchtige Knabenträume hatten ihn nur insofern bedrängt, als er über die armselige kleine Werkstatt des Vaters hinausgeträumt hatte in eine helle und große Werkstatt hinein, in der er selber als junger Meister herrschte. Und das sollte sich ja im Laufe der nächsten Jahre schon erfüllen, denn der Vater war bereit, auf ein solches Ziel schnurstracks zuzusteuern. Dann würde der Vater ihn wieder zu sich rufen. O ja, sie hatten einen Bund geschlossen, sie steckten zusammen unter einer Decke, zwei verschworene Gesellen, die durchdrungen waren von dem Wunsch und Willen, dem Sonnhofer zu gegebener Zeit ein Schnippchen zu schlagen. Wenn er es so bedachte, dann wurde ihm dieser Weg wieder erheblich leichter.

Es war kein weiter Weg. Gleich außerhalb des Dorfes bog ein schmales Sträßchen rechts ab. Es führte über einen steilen Hang, durchzog einen kleinen Fichtenwald, und dann stieß man bereits an die Grenze der Fohlenweide, die zum Sonnenhof gehörte. Immer führte der Weg an der rauschenden Salter entlang. Man sah den Hof schon von Weitem, und je näher Johann ihm kam, desto schwerer wurde wieder sein Herz. Sich ausruhend lehnte er sich einmal an den Plankenzaun der Fohlenweide und sah hinauf zum Hof, der gleich einer stolzen Festung auf einer Anhöhe stand.

Das Wohnhaus war gemauert, das obere Stockwerk trug eine Altane aus Holz, das von vielen Sommern fast schwarz gebrannt war. Blütenweiße Vorhänge leuchteten hinter jedem Fenster, und die grünen Läden fanden auch an den Fenstern des Stalles ihre Fortsetzung, der sich an das Wohnhaus anschloss. Der Querstadel mit der Hochtenne nahm fast die Länge ein wie Wohnhaus und Stall zusammen. Auf der anderen Seite war ein gemauerter Maschinenschuppen und ein Nebenhäusl, sodass der ganze Hof eigentlich ein Geviert bildete. Der Hofraum war mit Kopfsteinen gepflastert. Vor der Haustüre stand ein Brunnen und in der Mitte des Hofes, hoch und schlank wie ein Denkmal, ein Taubenkobel.

In diesem Hof, dachte Johann, ist meine Mutter geboren. Und gestorben ist sie drunten, in so einer Hundshütte. Der Knabe kannte die Zusammenhänge nicht genau, so viel aber hatte er herausgefunden, dass man seine Mutter verachtet hatte, als sie einen Handwerker geheiratet hatte. Wer konnte demnach verlangen, dass er, Johann Schmederer, seinem Onkel, dem Sonnhofer, in irgendeiner Weise geneigt wäre? Nein, es war eine kalte Abwehr in dem Knaben. Und das war seiner Meinung nach gerade das Richtige. Er wollte und durfte gar nicht erst warm werden auf dem Sonnenhof.

Endlich riss er sich aus seinen Betrachtungen und ging auf den Hof zu. Außer dem wütenden Kläffen eines zottigen Schäferhundes an der Kette blieb alles still. Niemand ließ sich sehen, obwohl man sein Kommen doch bemerken musste. Bei jedem Schritt, den Johann auf die Haustüre zu machte, dachte er, jetzt und jetzt müsse doch der Sonnhofer heraustreten und ihn willkommen heißen. Es wäre auch ganz gut, wenn er ihn bei der Hand nähme und hineinführte ins Haus. Die Haustüre blieb jedoch geschlossen.

Auf dem Sonnenhof aber saß man gerade beim Mittagessen. Und da der Bauer selber so gelassen sitzenblieb und keinerlei Anstalten machte, den Ankömmling zu empfangen, da sahen auch die anderen Leute vom Haus keinen Anlass, das zu tun. So betrat also Johann den großen Flur. Ein schwerer, schwarzgescheckter Kater sprang die Stiege hinauf und machte fauchend einen Buckel. Seine Augen glitzerten wie Kohlen in der Dämmerung des Stiegenhauses. Es roch nach frischen Tannennadeln hier, denn man hatte vor jede Türschwelle einige Zweige gelegt, um sich die Schuhe daran abzustreifen. Johann tat dies recht ausgiebig vor der Türe, hinter der er Stimmengemurmel vernahm. Zwar waren seine Schuhe gar nicht so schmutzig, aber es war noch ein kleines Atemholen in der Freiheit, eine letzte Galgenfrist. Was, wenn er jetzt noch umkehrte und schnurstracks wieder ins Dorf hinunterlief? Dieser Gedanke beherrschte ihn aber nur für flüchtige Sekunden. Dann drückte er herzhaft die Türklinke nieder und trat ein.

Alle Augen sahen ihm entgegen, blieben auf ihm haften, drangen gleichsam in ihn hinein. Zum ersten Male stand er auf solche Weise vor fremden Menschen. Und diese Menschen machten es ihm gar nicht leicht. Da – endlich legte der Sonnhofer Messer und Gabel weg, nahm den Kopf ein wenig zurück und sagte ohne Erbarmen:

„Der Dümmste bist du auch gerade nicht. Du richtest dein Eintreffen gerade auf die Essenszeit.“

Johann fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht sprang. Aber so, wie er gestern den Mann schon nicht gefürchtet hatte, so fürchtete er ihn jetzt auch nicht und gab die Antwort mit gleicher Schärfe zurück: „Du brauchst mich nicht zu füttern, bevor ich nichts gearbeitet habe.“

Tödliches Schweigen ringsum. Nur kurz ein unterdrücktes Kichern von irgendwem. Alles sah auf den Bauern, wie er diesen Schlag hinnehmen würde. Der aber kniff nur die Lippen zusammen und wandte sich an den jungen Mann, der neben ihm saß:

„Du nimmst ihn heut mit hinaus zu den Kartoffeln. Sieh zu, Martin, dass er was lernt.“ Und zu den Übrigen sich wendend: „Hans heißt er. Ab heute gehört er zum Sonnenhof.“ Damit stand der Bauer auf und schritt zur Türe. Im Vorbeigehen sagte er zu Johann: „Geh in die Küche und lass dir von der Mariann was geben.“

Aber der Bursche trotzte. Was man ihm vorhin nicht freiwillig angeboten hatte, das wollte er sich jetzt auch nicht erbetteln. Er verlangte zu wissen, wohin er seine Sachen legen könne, und der Bauer wies ihm die Kammer ganz hinten im Wohntrakt, neben dem Stall, zu.

Kammer? Nein, es war bloß ein dämmriges Loch, in dem eine stickige Luft herrschte. Die Kammern drunten im Häuschen seines Vaters waren ein Salon dagegen gewesen. In der einen Ecke stand ein niedriges Bett, in der anderen eine hölzerne Truhe. Das war alles. Das kleine Fenster war verstaubt, und überall hingen Spinnweben herum. Johann Schmederer spürte ein Frösteln über Hals und Rücken. Es kam ihm vor, als habe man ihn in ein Gefängnis gestoßen und unwillkürlich wandte er den Kopf, ob nicht die Türe hinter ihm verriegelt worden wäre. Sie stand halb offen.

Mit einem schnellen Schritt trat er ans Fenster und stieß es auf. In einem breiten Strom floss Sonnenlicht herein und schmückte das düstere Loch mit einem Schimmer von Freundlichkeit. Weiße Tauben schwirrten über den Hof, und dahinter breitete sich das schöne, herbstliche Land aus. Er sah Martin mit schwerem Schritt über den Hof gehen. Da wandte auch er sich um und ging hinaus.

Die erste Woche war zum Verzweifeln. Jedes Mal, wenn Feierabend war, dachte Johann, dass er seine Sachen packen und wieder zum Vater zurückkehren müsse. Aber jeden Tag geschah etwas anderes, das seinen Trotz stählte und ihn ausharren ließ. Aber wenn er abends in seinem Bett lag, so weinte er zuweilen die Kissen nass vor Elend und Verlassenheit.

Niemand nannte ihn mehr Johann. Er war einfach der Hans, und er hatte den anderen zu gehorchen, die die „Alteingesessenen“ auf dem Hof waren. Johann hatte schon gewusst, dass der Sonnenhofbauer verwitwet und kinderlos war. Martin, Mariann und die 14-jährige Ursula waren entfernte Verwandte der verstorbenen Bäuerin, das heißt, genaugenommen war nur Ursula über ihren ebenfalls schon verstorbenen Vater mit der Sonnhoferin verwandt. Mariann, ihre Mutter, hatte erst in zweiter Ehe diesen Martin genommen, der Johann jetzt von früh bis spät mit den schwersten Arbeiten überhäufte. Martin, ein kräftiger Kerl mit Athletenmuskeln, der schon vom ersten Tag an den Hans seinen Spott fühlen ließ, indem er ihn fragte, warum er denn nicht im Sommer schon gekommen sei, wo die Arbeit auf Wiese und Feld etwas anderes wäre als das fröhliche Getändel zu spätherbstlicher Zeit.

„Man hat mich nicht früher geholt“, antwortete Hans. „Und außerdem bin ich nicht dein persönlicher Idiot, sondern des Sonnhofers Schwesternsohn.“

Martin lachte wie über einen guten Witz. „Du willst mehr sein als wir? Kannst du etwa mehr?“

Hans gab keine Antwort. Aber er fühlte in diesem Augenblick etwas Fremdes in sich, etwas, das er bisher nicht gekannt hatte. Es war Hass. Er hasste diesen Martin, und er hasste den Sonnhofer, der ihn herausgerissen hatte aus seiner stillen Welt und hineingestellt in dieses fremde, kalte Leben.

Auch mit der stets strengen und kalten Mariann kam Johann nicht gerade gut aus. Sie führte auf dem Sonnenhof das Regiment in der Küche, seit seinerzeit der Sonnenhofbauer ihre Familie auf den Hof geholt hatte. Es war kurz nach dem Tod der Bäuerin gewesen, als sie damals die kleine Landwirtschaft, die sie mit Martin betrieb, hatte aufgeben müssen. Von ihrem entfernten Vetter hatte sie dann angeboten bekommen, mit ihrem Mann und der kleinen Tochter auf den Sonnenhof zu kommen. Dass dieser Akt der christlichen Nächstenliebe durchaus seine Hintergedanken hatte, war nur zu offensichtlich gewesen. Aber Martin und Mariann hatten sich ausgerechnet, dass sie nicht schlecht abschneiden würden, wenn sie darauf eingingen. Und so wohnte und arbeitete man nun schon seit Jahren recht gut zusammen – bis der Sonnhofer auf die Idee gekommen war, nun auch noch seinen Neffen auf den Hof zu holen. Es war kein Wunder, dass Mariann und Martin dem möglichen Hoferben mit Ablehnung gegenüberstanden.

Ursula, die ihrer Mutter in der Küche zur Hand gehen musste, war von ihr so eingeschüchtert, dass sie nicht wagte, ihr Mitleid mit dem Sohn des Schreiners zu zeigen, den die Mariann als unliebsamen Eindringling bezeichnete. Dabei war sie mit ihren 14 Jahren wohl die einzige am Hof, die der Hans in seiner Not zutiefst erbarmte.

So ging für Hans Schmederer die erste Woche vorüber. Sie brachte ihm die Erkenntnis, dass Trotz und Stolz eine gute Waffe waren gegen alle Willkür. Sie machten ihn stark, und das Heimweh verlor sich nach und nach. Hatte er in den ersten Tagen noch in grenzenloser Verlassenheit in seiner Kammer geweint, als Martha, die Schwester des Sonnhofers, gekommen war und dann seine kleine Schwester Margret mitgenommen hatte ins Flachland hinaus, so war er jetzt auch über das hinweg und tröstete sich damit, dass es ja doch nicht lange dauern würde, bis sie alle drei, er, die Schwester und der Vater, wieder vereint wären.

In der zweiten Woche war ihm bereits zumute, als sei er schon zwei Monate auf dem Sonnenhof. Er begriff alles leicht, und sein verweichlichter Körper stählte sich bei der harten Arbeit, mit der man ihn wahrlich nicht verschonte. Seinen Trotz aber schürte die betrübliche Tatsache, dass Martin ihn immerzu aufzog, und dass der Bauer selber ihn nie eines Blickes würdigte. In der vorigen Woche hatte er einen neuen Zuchtstier gekauft. An dessen Stand trat der Sonnhofer am Tag wohl dreimal, klopfte dem Tier den Hals und maß es mit liebevollen Blicken. Ihn aber, den er doch auch gekauft hatte, ihn beachtete er überhaupt nicht.

Und noch etwas war es, was ihn sehr betrübte. Warum kam der Vater nie, um nach ihm zu sehen? War es vertraglich abgemacht, dass er nicht nach ihm sehen durfte? Und warum hielt der Vater sich dann so streng an diese Abmachung? War seine Liebe nicht stärker als aller papierene Krimskrams oder ein dem Sonnhofer gegebenes Wort?

O ja, der Schreiner Ludwig Schmederer dachte mehr an seine Kinder, als sie es wussten. Seit sie fort waren, saß er oft stundenlang in der Werktstatt und starrte zum Fenster hinaus. Er wusste wohl, was er der Abmachung gemäß hätte tun müssen. Aber es hielt ihn mit allen Fasern an diesem Ort fest. Und jeden Tag ging er zum Friedhof hinaus und danach – ja, danach ging er leider ins Wirtshaus. Dort hockte er bis zur dritten Halben recht trübsinnig und einsam. Und weil er sich mit seinen 25 000 Euro wie ein Krösus fühlte, ging er nie in eines der gewöhnlichen Gasthäuser, sondern immer nur ins Gasthaus „Zur Post“, in dem die Honoratioren und im Sommer die Kurgäste verkehrten.

So saß er auch am Donnerstag der zweiten Woche, seit er seine Kinder weggegeben hatte, wieder in der „Post“ an dem großen runden Tisch, zusammen mit dem Pfarrer, dem Schullehrer Langholz und dem Tierarzt Böckl, der nebenbei lokale Artikel für die Kreiszeitung schrieb.

Er war schon ein wenig angeheitert, als der Sonnhofer gegen 19.30 Uhr die Gaststube betrat. Die Augen mit den viel zu schweren Lidern kniffen sich ein wenig zusammen, als er zwischen Hereintreten und Schließen der Türe die Tischrunde musterte. Dann sagte er kurz und knapp:

„Guten Abend, die Herren.“ Den Schmederer hatte er geflissentlich übersehen. Er war Luft für ihn.

„Guten Abend, Sonnhofer“, grüßten die anderen, und der Tierarzt rückte zur Seite, damit die Kellnerin zwischen ihn und den Schullehrer noch einen Stuhl für den Sonnhofer einschieben konnte.

Jetzt erst nahm der Sonnhofer seinen Hut ab und hängte ihn an eines der Rehgeweihe. Dann zog er mit beiden Händen die Weste herunter und nahm Platz. Die Kellnerin brauchte erst gar nicht nach seinem Begehr zu fragen. Sie stellte ihm mit freundlichem „Wohl bekomm’s“ sein Stammkrügl hin.

Ganz still war es in der Runde geworden, und in die Stille hinein sagte der Schmederer mit fröhlicher Heiterkeit: „Guten Abend, Schwager Karl!“

Kein Muskel zuckte in dem glattrasierten Gesicht des Sonnhofers. Er hob den Deckel seines Krügels hoch. „Prost, meine Herren!“

Ludwig Schmederer trank auch mit, dann steckte er den Kopf zwischen die Schultern, als habe er eine Ohrfeige erhalten. Er überlegte, ob er nicht lieber heimgehen solle, aber da nahmen der Lehrer, der Pfarrer und der Sonnhofer ihre Biergläser, setzten sich an den Nebentisch und verlangten Tarockkarten.

Da rückte der Ludwig vertraulich an den Tierarzt heran und sagte vernehmlich: „Wissen S’, Herr Doktor, das wurmt ihn, wenn ich ihn Schwager heiße, weil er sich schämt mit mir. Wally, bring mir noch eine Halbe!“

Der Tierarzt war weit davon entfernt, es sich mit dem Sonnhofer zu verderben, denn der hatte schließlich einen Stall voll Vieh, und der Schmederer hatte nicht einmal eine Katze, für die man eventuell einmal den Tierarzt bräuchte. Darum schenkte er dem Schmederer kein Gehör, sondern wandte sich dem Angermüller zu und erzählte ihm einen Fall aus seiner Praxis, den er kürzlich bei einem Bauern erlebt hatte.

Der Schmederer merkte wohl, dass man ihn meiden wolle, und sein Schnurrbart sträubte sich widerspenstig. „Vom Vieh verstehe ich herzlich wenig“, krähte er in das Gespräch. „Aber mein Herr Schwager, der reiche Sonnhofer, hat einen ganzen Stall voll.“

Der Sonnhofer wandte nur flüchtig das Gesicht über die Achsel zurück und fragte dann ruhig: „Warum sind Sie denn mit der Eichel-As nicht gegangen, Lehrer? Das hätten Sie sich doch denken können, dass der Herr Pfarrer den Zehner verlegt hat.“

Aber Ludwig Schmederer hörte nicht auf zu sticheln. Er rückte, als der Tierarzt es vorzog heimzugehen, an den Angermüller heran und wurde immer fröhlicher. Plötzlich begann er sogar, ein freches Lied zu singen, und scherte sich den Teufel darum, dass der Herr Pfarrer die Stirne kraus zog und bald darauf zu zahlen verlangte. Als er den Mantel schon angezogen hatte, blieb er vor dem Schreiner stehen und sagte in strengem Ton:

„Schmederer, Sie kommen morgen zu mir in den Pfarrhof.“

Das hätte er nicht tun sollen, denn Ludwig bekam einen krebsroten Kopf und schrie: „Der Herr Pfarrer hat wohl im Sinn, mir eine Moralpredigt zu halten? Schade um die Bemühung. Mein Grundsatz ist: Saufst, Stirbst – saufst nicht, stirbst auch. Darum saufst! Gelt, Herr Pfarrer, da schauen S’, dass auch einer wie ich seine Grundsätze haben kann?“

„Ja, Schmederer, Grundsätze. Aber sehr traurige Grundsätze.“

„Find’ ich gar nicht, Herr Pfarrer, aber ich hab’ ja auch keine hohe Schule besucht, war nur ein armer Schreinergesell, als ich vor zwanzig Jahren nach Birnegg kam. Aber – hab’ ich nicht die schönste Maid geheiratet? Dein unparteiisches Urteil, Angermüller.“

Ludwig hatte sich herausfordernd an den Angermüller gewandt. Und als dieser halb lachend, halb verlegen bestätigte, wollte sich der Schmederer, vollgepfropft mit neuen Bosheiten, wieder an den Pfarrer wenden. Aber der hatte inzwischen die Stube verlassen.

„Jetzt ist er gegangen“, kicherte Ludwig. „Er lässt sich einfach auf nichts ein. Der ist wie mein lieber Schwager Karl, der tut auch, als wenn er mich nicht sehen tät’. Aber als er kürzlich von mir was wollen hat, da war er die Freundlichkeit selber.“

Da stand der Sonnhofer auf, und der Schmederer verstummte sofort. Er zog den Kopf wieder zwischen die Schultern und blinzelte unter gesenkten Brauen heraus auf den Sonnhofer, der ruhig sein Krügel nahm und sich wieder an den Ofentisch setzte, direkt dem Schreiner gegenüber.

„Was redest du denn für einen Blödsinn, Ludwig?“

Ludwig blinzelte zuerst ein wenig wie ein Kater, der aus seiner beschaulichen Ruhe hinterm Ofenwinkel aufgeschreckt wird. Dann fragte er lauernd: „Hab’ ich jemals Blödsinn geredet?“

„Darum wundert mich, warum du es heute schon den ganzen Abend tust“, sagte der Sonnhofer, biss einer neuen Zigarre die Spitze ab und bestellte sich statt des Bieres einen Schoppen Wein.

„Was? Wein?“, staunte Ludwig in komischer Weise und trank sein Bier mit einem Zug aus. „Ich krieg’ auch einen Wein, Wally!“

„Dann bring nur gleich eine Flasche“, rief der Sonnenhofer der Kellnerin nach und blies genießerisch den Rauch seiner Zigarre gegen die Decke.

„Brav, brav“, kicherte Ludwig. „So mag ich es gern. Nobel muss die Welt zugrunde gehn. Das ist mir ganz neu an dir, Schwager, dass du so freigiebig sein kannst.“

„Auf eine Flasche Wein ist es mir noch nie angekommen“, antwortete der Bauer mit unbewegtem Gesicht. Er fand auch kein Lächeln, als Ludwig dann mit kindlich-glücklichem Gekicher auf die verwandtschaftlichen Beziehungen anstieß. Nein, der Sonnhofer hatte seinen Plan gefasst und würde ihn unter allen Umständen durchführen, und mochte dabei die ganze Nacht draufgehen.

Nach der ersten Flasche kam eine zweite und dann eine dritte. Es soff der Angermüller mit und der Kaufmann Siegl. Der Lehrer hätte auch gerne mitgetrunken, aber es schickte sich wohl nicht recht, und so ging er lieber heim.

Bei der achten Flasche forderte Ludwig, dass auch die Wally mittrinken müsse. Dann rief er die Küchenmädl herein. O ja, sie sollten nur alle teilhaben an dem großen Versöhnungsfest, zu dem er sich heute mit dem Schwager zusammengefunden hatte. Niemand hatte zuvor eine rechte Ahnung gehabt, welch witziger Kumpan der Schreiner sein konnte. Seine Zunge war nun vollends gelockert, er ging aus sich heraus und nannte den Sonnhofer einen vortrefflichen und lieben Schwager, den er, Gott sei es geklagt, nur niemals richtig verstanden habe. Ha, er brachte Witze daher, dass der Angermüller den Siegl, vor Begeisterung brüllend, in die Rippen stieß. Allein der Sonnhofer hatte sich in der Gewalt. Nur manchmal verzog er den Mund so komisch, dass es wie ein verstecktes Lächeln aussah.

Als dann die Zeit herankam, in der schlechte Trinker entweder zu grölen beginnen oder schläfrig werden, dachte der Sonnhofer, dass er nun den Schreiner so weit habe, wie er ihn haben wollte von dem Augenblick an, als er an diesem Abend das Gastzimmer betreten hatte. Gerade als Ludwig den Kopf in die Arme legte, die er auf den Tisch gebreitet hatte, sagte der Sonnhofer mit eindringlicher Schärfe:

„Es scheint, du wirst schläfrig, Ludwig. Geh heim und leg dich schlafen, sonst bist du morgen nicht beim Zeug, wenn du mit mir in die Stadt fahren willst.“

Ludwig riss die Augen auf und starrte den Schwager mit glasigem Blick an. „In die Stadt?“

„Wolltest du mir nicht dein neues Geschäft zeigen?“, fragte der Sonnhofer mit undurchdringlicher Miene, den anderen mit seinem eisigen Blick festhaltend. „Er hat sich nämlich in der Kreisstadt ein schönes Geschäft gekauft“, erklärte er den Übrigen. „Es war sein Geheimnis. Ein schönes und gutgehendes Möbelgeschäft, nicht wahr, Ludwig?“

„Freilich, freilich“, lallte der und barg den Kopf wieder in den Armen. „Mit drei Gesellen“, murmelte er in sich hinein, um dann mit offenem Munde ein paar Schnarcher zu tun, als sei er schon daheim im Bett.

Dann zahlte der Sonnhofer. Nach seinem Hut greifend, sagte er zum Angermüller: „Schau zu, dass du ihn gut heimbringst. Ihr habt ja den gleichen Weg.“

Draußen fiel der erste Schnee. Er kam ein wenig wässrig aus niedrig ziehenden Wolken, und ein weinerlicher Wind rieb sich an den Kanten der Häuser. Aufrecht und ohne im Geringsten zu schwanken, ging der Sonnhofer den Berg hinauf. Der schwere Wein hatte keine Gewalt über den Mann bekommen können, der wieder einmal ein Ereignis nach seinem Willen gelenkt hatte.

Es war noch völlig dunkel, als wenige Stunden später vor dem schäbigen alten Haus in Birnegg, in dem der Schreiner Ludwig Schmederer wohnte, ein alter Mercedes hielt. Der Sonnhofer stieg aus und ging ins Haus. Er traf alles so an, wie er es geplant hatte, als er gestern Abend die erste Flasche Wein bestellt hatte. Ludwig hatte in seinem Rausch den Riegel in seiner Wohnung nicht mehr vorgeschoben, und der Sonnhofer fand ihn auf dem Bett hingestreckt in tiefem Schlaf. Nur die Schuhe hatte der Angermüller ihm noch abgestreift.

Der Sonnhofer ließ das Waschbecken voll Wasser laufen. Dann trat er zu dem Schlafenden. Ludwig lag mit offenem Munde und schnarchte. Er reagierte auf ein paar derbe Püffe überhaupt nicht. Aber als der Sonnhofer ihm mit Daumen und Zeigefinger die Nasenlöcher zuhielt, bekam er Atemnot. Er riss die Augen auf, um sie gleich wieder zu schließen. Aber er war nun doch aus seinem bleiernen Schlaf erwacht, kehrte allmählich ins volle Bewusstsein zurück und spürte deutlich die bleischwere Müdigkeit seines Körpers und seinen surrenden, brummenden Schädel.

„Beeile dich, Schreiner!“, sagte der Sonnhofer und verlieh seinen Worten mit einem Griff seiner rechten Hand, die den Schreiner aufrichtete, Nachdruck. Da saß er nun, der hilflose, verzagte Ludwig, nur ein Schatten des fröhlichen Zechers von gestern. Zermürbt und zerknittert saß er da, starrte auf seine Füße und hörte doch hellwach die Stimme des Schwagers, der ihn nicht mehr, so wie gestern, Ludwig nannte, sondern einfach Schreiner, und der ganz beharrlich auf dem bestand, was gestern Abend vor Zeugen besprochen worden war.

„Aber das ist doch alles Schwindel“, wimmerte Schmederer. „Ich habe doch gar kein Geschäft in der Stadt.“

„Noch nicht. Aber du wirst in den nächsten Tagen schon eins haben, weil ich nicht gewillt bin, geduldig zuzusehen, bis du hier die 25 000 Euro versoffen und verludert hast. Du kannst nicht mehr zurück, wenn du nicht als Lügner dastehen willst. Es waren Zeugen genug da gestern, die gehört haben, was du mir bestätigt hast. Mach jetzt und halte deinen Schädel ins kalte Wasser! Das vertreibt dir den Katzenjammer. Ich hab’ dir schon Wasser im Becken eingelassen.“

Es lag so viel Unerbittlichkeit in der Stimme des Bauern, dass Ludwig nun willenlos gehorchte und voller Ergebenheit bereit war, sein weiteres Schicksal dem Willen des Schwagers anzuvertrauen. Und während er den Schädel ins Waschbecken steckte, öffnete der Sonnhofer die Schranktüre und nahm an Kleidern heraus, was er für angebracht hielt, dass der Schreiner es mitnehmen solle. Dazwischen sagte er: „Alles Übrige werde ich dir nachschicken, sobald man weiß, wo du dein Domizil aufschlägst. Bist du nun bald so weit?“

„Gleich werd’ ich’s haben“, versicherte Ludwig, obwohl er schon eine Weile so weit war. Hilflos und mit trauerschwerem Herzen trippelte er umher. Ein paar Tränen kollerten ihm in den Bart. Ach, es war doch recht schwer, von hier fortzugehen, wo er einmal recht arm zwar, aber doch glücklich mit Frau und Kindern gehaust hatte. Eine jähe Wut wollte ihn anspringen gegen den Mann, der so eigenmächtig in sein Leben eingriff. Aber schon die erste Auflehnung tat der Sonnhofer mit einem drohenden Knurren ab.

„Rede keine Dummheiten jetzt, und schau, dass wir weiterkommen!“

„Ja, ja, gleich!“, gab Ludwig schon wieder nach, kramte nur noch ein paar Erinnerungsstücke an Frau und Kinder in den Koffer, dann verließ er mit gesenktem Kopf hinter dem Sonnhofer die Stube.

Ein eiskalter Wind fegte von den Bergen herab. Eine Handbreit Schnee lag auf Straße und Dächern. Ludwig fror, als er aus der Wärme heraustrat. Auch im Auto wollte es noch nicht so recht warm werden, als man sich in Richtung Kreisstadt in Bewegung setzte. Der Wagen rumpelte über die hartgefrorene Dorfstraße, und der leichte Pulverschnee stob wie eine weiße Staubwolke hinter dem Gefährt auf.

Als sie die letzten Häuser hinter sich hatten und in die Nähe des Friedhofes kamen, begehrte Ludwig heftig, einen Moment zu halten. Wer wollte ihn auch hindern, zu dieser dunkeln Morgenstunde noch mal abschiednehmend hinzutreten an den Hügel, unter dem die Frau für immer schlief, die in großer Liebe fast zwanzig Jahre ihres Lebens mit ihm geteilt hatte? Es hinderte ihn schließlich auch niemand daran, obwohl der Sonnhofer solch närrisches Getue unangebracht fand und schon ungeduldig auf die Rückkehr des Schreiners wartete, als sich noch kaum das eiserne Friedhoftürchen quietschend hinter ihm geschlossen hatte.

Da stand er dann, der Ludwig Schmederer, frierend, verzagt, aufs Neue von einer traurigschweren Melancholie überschwemmt, vor dem hölzernen Grabkreuz, auf dem der Name Maria Schmederer stand, und bat die Frau unter dem Hügel, sie möge ihm verzeihen, dass er sie nun alleinlasse, weil er nach dem Willen ihres Bruders in die Stadt zurückkehren müsse. Jedenfalls aber erleichterte es sein Herz ein wenig, dass er es tat, und als er eine Weile später wieder im Wagen seines Schwagers saß, dachte er schon wieder leichteren Gemütes an das, was die nächsten Stunden ihm bringen würden.

Es vergingen schließlich drei Tage, bis der Sonnhofer zurückkam. Und als er heimkam, trug er den Kopf hoch und fand es ganz in Ordnung, dass er den Schreiner, der nie ein echter Birnegger gewesen war, fortgeschafft hatte, bevor er 25 000 Euro verjuxt hatte. Zuweilen muss eben der Mensch selber ein wenig Schicksal spielen.

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