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Tripod - Das schwarze Kätzchen
Hanna Nolden

Für Sprotte

©Hanna Nolden 2021

Machandel Verlag Haselünne

Charlotte Erpenbeck

Cover-Bild: kasyanovart, shutterstock.com

Illustration: shekoru / yayimages.com

1. Auflage 2020

ISBN 978-3-95959-309-0

Prolog

Mama. Mama ist warm und weich. Sie drückt uns an sich und ihre Pfoten halten all das Böse von uns fern. Mama ist Milch und Wärme und Schnurren. Ihre raue Zunge wäscht den Schmutz der Welt aus unserem Fell.

Wir wachsen. Wir wachsen schnell. Mama zeigt uns, wie man jagt. Wir huschen hinter ihr her durch das hohe Gras, folgen ihr durch die Felder. Mama verteidigt uns gegen andere Katzen, sagt uns, dass wir uns von den Menschen fernhalten sollen. Und abends kuscheln wir und die Welt besteht aus Milch und Wärme und Schnurren.

Doch plötzlich ist da Lärm. Große gelbe Maschinen pflügen durch die Felder. Wir haben Angst. Wir laufen um unser Leben. Ich kann meine Mama nicht mehr sehen. Wo sind meine Geschwister? Ich rufe nach ihnen, aber der Lärm der Maschinen ist so laut! Und auf einmal ist eine von ihnen direkt über mir. Ein gelber Blitz, und heißer Schmerz jagt durch meinen kleinen Körper …

„Na, wer bist du denn?“

Die rothaarige Menschenfrau beugt sich über mich. Ich zittere vor Angst. Haltet euch fern von den Menschen, hat Mama immer zu uns gesagt. Doch ich kann nicht weglaufen. Ich bin zu schwach und mein Bein tut so weh! Die Menschenfrau hebt mich hoch und stopft mich unter ihren Pullover. Da ist es warm und ich höre auf zu zittern. Ich kann den Herzschlag der Frau hören. Sie riecht nach Katze und Hund und Pferd. Ich spüre, dass sie mir nichts tun wird. Ich habe immer noch Angst, aber ich bin so erschöpft, dass ich einschlafe.

Als ich aufwache, liege ich in einem Käfig. Die Schmerzen sind weg, aber mir ist schwindelig. Ich versuche, aufzustehen. Ich schaffe es nicht. Und da merke ich es: mein Bein! Mein Bein ist nicht mehr da!

„Hab keine Angst, kleines Kätzchen.“ Das Gesicht der rothaarigen Frau taucht über mir auf. „Du wirst wieder ganz gesund und ich weiß auch schon, wer deine neue Familie wird.“

Eine neue Familie? Panik überrollt mich. Ich will keine neue Familie! Ich will meine alte Familie, meine Mama, meine Geschwister! Doch ich ahne, dass ich meine Mama und meine Geschwister niemals wiedersehen werde.

Kapitel 1

Von einem Tag auf den anderen änderte sich alles in meinem Leben. Leider musste ich schnell feststellen, dass die Schmerzen nur kurz weg gewesen waren. Nach einer Autofahrt, während der ich einschlief, waren sie wieder da. Die Frau mit den roten Haaren war sehr nett zu mir. Vorsichtig nahm sie mich aus dem Transportkorb und bettete mich auf einer weichen Decke.

„Du kannst mich Tante Tanja nennen. Und ich sag dir gleich, dass du nicht bei mir bleiben kannst. Ich habe schon zu viele Katzen, um die ich mich kümmern muss.“

Müde hob ich den Kopf und sah mich im Zimmer um, konnte aber keine weiteren Katzen entdecken. Tante Tanja deutete auf eine verschlossene Tür. „Da geht’s zum Rest des Hauses. Da wohnen meine Katzen und meine Hunde. Normalerweise ist die Tür nicht geschlossen, aber du bist von deiner Verletzung geschwächt und brauchst deine Ruhe. Außerdem kannst du wie gesagt nicht bei mir bleiben. Aber ich habe schon jemanden für dich im Auge. Ich muss bloß ein bisschen herumtelefonieren.“

So war mein erster Tag bei Tante Tanja. Da ich jetzt nur noch drei Beine hatte, musste ich alles neu lernen. Laufen und springen, aber auch mich putzen oder fressen, ohne mit der Nase im Napf zu landen. Mein Essen bestand jetzt aus Fleischbrei, Knusperkissen und Wasser. Milch gab es auch, aber sie schmeckte anders als Mamas Milch. Am liebsten mochte ich den Joghurt, den Tante Tanja mir jeden Tag kurz vor dem Schlafengehen hinstellte. Ich wurde mit jedem Tag munterer und fand, dass es durchaus etwas für sich hatte, jeden Tag zu einer festen Uhrzeit sein Futter zu bekommen. Die Kuschelstunden mit meiner Mama und meinen Geschwistern fehlten mir, aber Tanja versuchte das auszugleichen und knuddelte mich so oft es ging. Die meiste Zeit des Tages saß sie jedoch an ihrem Computer und tippte auf ihrer Tastatur. Sie war nämlich Autorin und schrieb Geschichten. Wenn mir langweilig wurde, turnte ich auf den Bücherregalen herum. Meine ersten Springversuche endeten natürlich platt auf der Nase. Ohne das fehlende Bein fühlte sich mein Körper einfach nicht richtig an. Aber ich übte fleißig und schaffte es bald, auf Tante Tanjas Schoß zu klettern. Von dort aus versuchte ich, ihre Finger zu fangen, die über die Tastatur tanzten. Doch Tante Tanja gefiel dieses Spiel nicht. Also machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich und sah ihr von dort aus bei ihrer Arbeit zu. Wenn Neugier und Tatendrang mich packten, tauchte ich unter das Sofa oder den Schreibtisch. Ich fand jede noch so staubige Ecke und überall roch es äußerst interessant. Einmal sprang ich auf die Fensterbank und sah nach draußen. Die Felder und die Bäume kamen mir bekannt vor. Irgendwo da draußen war meine Familie. Dann schoss mir die Erinnerung an den Tag der großen gelben Maschinen durch den Kopf und mir wurde schwindelig. Hatte meine Familie den Tag überlebt? Oder war ich vielleicht der Einzige von meiner Familie, der noch am Leben war? Und diese Maschinen? Würden sie wiederkommen? Konnten sie ins Haus gelangen oder war ich hier sicher? Die Panik überrollte mich wie die Räder des gelben Monstrums. Ich fauchte, ich schrie, ich fuhr die Krallen aus und dann wurde mir schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf Tante Tanjas Schoß, und sie strich mir beruhigend durch das Fell. Sie sang ein Lied für mich, und ich begann zu schnurren. Doch in mir wühlte die Erinnerung an diesen schrecklichen Tag und an meine Familie, aber ich sollte ja eine neue Familie bekommen und ich konnte es kaum erwarten, sie endlich kennenzulernen. Bestimmt würde es mir besser gehen, wenn ich endlich mein Für-immer-Zuhause gefunden hatte.

Manchmal telefonierte Tante Tanja und jedes Mal, wenn sie zum Telefon griff, hoffte ich, dass sie jetzt diesen einen Anruf tätigen würde, von dem sie gesprochen hatte. Nicht, dass ich es hier nicht nett gehabt hätte, aber allmählich wurde es öde in diesem kleinen Zimmer. Und auf die Fensterbank zum Rausgucken sprang ich bestimmt kein zweites Mal! Außerdem wusste ich ja, dass meine Reise noch nicht zu Ende war.

Eines Tages war es endlich soweit. Tante Tanja kam zu mir und sah mich ernst an. „Ich rufe jetzt Karin an. Drück die Pfoten, dass sie ja sagt.“

Karin. Ich drehte den Namen in meinem Kopf hin und her. Würde das meine neue Mama sein? Gespannt lauschte ich, was Tante Tanja in den Hörer sprach: „Hallo Karin! Na, wie geht es dir?“

Wie es Karin ging, konnte ich nicht hören, aber Tante Tanja nickte mehrmals und sagte Dinge wie „Verstehe“ und „Das war zu erwarten“. Immer wieder sah sie mich an und ich fragte mich, wann es wohl um mich gehen würde.

„Und wie geht es Ben?“

Sie sah mich noch eindringlicher an und ich wurde ganz kribbelig. Wer war Ben? Der Name gefiel mir. Ein schöner, kurzer Name, den ich mir gut merken konnte.

„Ich weiß, du erschlägst mich wahrscheinlich für diesen Vorschlag, aber ich glaube, ich habe da etwas für euch.“

Ich fing an, Tante Tanja um die Beine zu schnurren, um sie zu motivieren, denn jetzt ging’s zur Sache. Also, es ging um mich. Jawohl! Ich hörte nicht mehr richtig zu, ich gab alles beim Schnurren. Und schließlich legte Tante Tanja das Telefon zur Seite und beugte sich über mich: „Es hat geklappt! Sie hat ja gesagt!“

Am nächsten Tag packte Tante Tanja mich in einen Transportkorb. Obwohl ich mich freute, zitterte ich vor Angst. Denn gleich würde sie mich durch die Tür ins Draußen tragen. Dorthin, wo die großen Maschinen wohnten. Tante Tanja spürte meine Angst und legte eine dunkle Decke über den Korb. Jetzt konnte ich vom Draußen nichts mehr sehen. Ich spürte, wie ich getragen wurde, hörte die Autotüren knallen und dann ging es auf in mein neues Leben. Zu meiner neuen Familie! Und ich wusste, es würde ein gutes Zuhause sein.

Kapitel 2

Frustriert betrachtete Ben den Stumpf. Er war hässlich. Nach all der Zeit fand er ihn immer noch furchtbar. Manchmal fragte er sich, ob er sich jemals daran gewöhnen würde. Er hasste ihn! Gelegentlich war ihm schon der Gedanke gekommen, in die Küche zu gehen, ein Messer zu holen und einfach darauf einzustechen. Aber das würde alles nur noch schlimmer machen. Besser wäre es, es ganz zu beenden, dieses elende Leben. Aber das würde seiner Mutter das Herz brechen. Schließlich war er alles, was sie hatte.

Mit einem Schnauben legte er die Prothese an, stand auf und griff nach seiner Kleidung. Unter dem Hosenbein sah man die Prothese nicht, aber natürlich wusste jeder an seiner Schule, dass er nur noch ein Bein hatte. So etwas verbreitete sich schneller als ein Lauffeuer. Hm. Was war überhaupt ein Lauffeuer? Ach, egal.

Er ging zum Schreibtisch und strich liebevoll mit zwei Fingern über die Maus. Am liebsten hätte er den Rechner hochgefahren und sich bei Knights of Maira eingeloggt, dem Onlinerollenspiel, mit dem er die meiste Zeit verbrachte. Stattdessen griff er sich den Rucksack und verließ sein Zimmer, um zu seiner Mutter in die Küche zu gehen. Nach vielen Wochen in der Reha bereitete ihm und seinem hydraulischen Knie die Treppe keine Probleme. Überhaupt war er mit der Prothese von Anfang an gut zurechtgekommen. Ganz anders als sein Zimmernachbar Oliver. Der fand, die Prothese scheuert und drückt, und irgendwann wollte er gar keine mehr. Aber der war auf einem Bein und Krücken flink wie ein Wiesel und immer gut gelaunt. Beides konnte Ben von sich nicht gerade behaupten.

„Guten Morgen, mein Schatz“, grüßte Mama und strahlte ihn an. Das tat sie immer, wenn sie ihn sah, als hoffte sie, dass ihr Strahlen einfach auf ihn übergehen würde. Er versuchte es hin und wieder zu spiegeln, aber auf sein falsches Lächeln fiel sie nicht herein. Sie wollte ein echtes Lächeln, doch das gab es nicht mehr. Das war mit dem Auto, das ihn überrollt hatte, in der Schrottpresse gelandet.

„Morgen“, murmelte er, nahm sich eine Müslischüssel aus dem Schrank und kippte Cornflakes und Milch hinein. Mama setzte sich zu ihm an den Küchentisch, trank aber wie immer nur einen Kaffee. Sie trug noch ihren Schlafanzug. Wie meistens eigentlich.

„Es ist schönes Wetter heute“, bemerkte sie mit einem Kopfnicken Richtung Fenster. „Du könntest zu Fuß zur Schule gehen. Oder mit dem Rad fahren.“

Ben blickte in seine Müslischale und sah nicht zu Mama auf. Stattdessen überlegte er, dass „zu Fuß gehen“ eine nette Formulierung war. Jedenfalls sehr passend für jemanden, der nur einen Fuß hatte. Manchmal dachte er noch an seinen Fuß und versuchte, sich in allen Einzelheiten daran zu erinnern, wie er ausgesehen hatte. Da hatte es diesen kleinen Leberfleck am inneren Knöchel gegeben. Ob Mama wohl auch manchmal daran dachte?

„Hast du mich gehört, Ben?“, fragte sie und riss ihn aus seinen Gedanken. Missmutig schob er die Schultern hoch.

„Hab keinen Bock.“

Mama seufzte. Sie führten diese Diskussion ja nicht zum ersten Mal. In der Reha war Sport großgeschrieben worden und eigentlich hatte ihm das auch gefallen. Jeden Tag stand Schwimmen auf dem Programm und in der Turnhalle spielten sie Basketball und andere Sachen. Jeden Tag waren sie aktiv gewesen. Er und die anderen Amputierten. Unter Gleichen war das auch kein Problem. Aber hier weigerte er sich, am Sportunterricht teilzunehmen. Er wollte sich nicht vor den anderen umziehen, wollte nicht, dass irgendjemand seine Prothese sah. Und mit dem Rad fahren wollte er auch nicht!

„Nicht einmal zu Fuß gehen?“, hakte seine Mutter nach, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Aber nein, er wollte nicht einmal zu Fuß gehen, obwohl sein Gang mittlerweile kaum noch so steif und ungeschickt war wie am Anfang. Im Grunde sah man ihm nicht wirklich an, dass er nur ein Bein hatte. Er aber konnte das nicht vergessen. Und es gab noch einen weiteren Grund: Obwohl er die Schule gewechselt hatte, war sein Schulweg noch in großen Teilen der gleiche. Jeden Tag würde er an der Stelle vorbeikommen, wo er den Unfall gehabt hatte. Mit dem Auto huschten sie daran schnell vorbei, aber zu Fuß … nein, unmöglich. Er schüttelte, ohne aufzusehen, den Kopf, und Mama seufzte wieder.

„Also gut“, sagte sie. „Dann fahre ich dich eben.“

Sie stopfte eine Brotdose und eine Wasserflasche in seinen Rucksack und ging in den Flur, um in die Schuhe zu schlüpfen. Die Mühe, etwas Richtiges anzuziehen, machte sie sich nicht. Sie würde ohnehin nicht aus dem Auto aussteigen. Ben folgte ihr, zog einen Schuh an seinen richtigen Fuß und einen an den falschen. Das Hosenbein schlackerte um die Prothese. Es war eine ohne hautfarbenen Silikonüberzug. Nur der Fuß war wie ein echter Fuß gestaltet. Ansonsten sah das Bein aus wie das eines Cyborgs, was irgendwie cool gewesen wäre, wenn es nicht ausgerechnet ihn beträfe. Mama ging voraus durch die schmale Tür, die den Flur mit der Garage verband. Sie stiegen beide ein und Mama öffnete mit der kleinen Fernbedienung das Tor. Ben dachte darüber nach, den Spieß einmal umzudrehen. Ihr zu sagen, dass er ja mit dem Rad fahren würde, wenn sie mitkäme. Denn tatsächlich war seine Mutter genauso ein Stubenhocker wie er. Er wusste, dass sie sich oft wieder schlafen legte, während er in der Schule war. Dafür schlug sie sich so manche Nacht um die Ohren. Seine Mutter war Autorin, was auch irgendwie cool wäre, wenn sie denn cooles Zeug schreiben würde statt blöder Schmonzetten. Aber mit diesen Schmonzetten verdienten sie ihre Brötchen. So viele Brötchen, dass sogar das beste hydraulische Knie drin gewesen war, das man kaufen konnte. Jeden Monat ein Heftroman. Bei der Arbeit konnte man seiner Mutter definitiv keine mangelnde Disziplin vorwerfen. Trotzdem hatte er sich oft gewünscht, sie wäre ein wenig normaler und hätte einen simplen Kassiererjob oder so. Als er noch zwei Beine und Freunde gehabt hatte, hatte er sie oft um ihre normalen Leben beneidet. Um Mütter, die zu Elternabenden gingen und zu Schulfesten Kuchen mitbrachten. Seine Mutter machte sich nichts aus Schule. „Sie ist ein notwendiges Übel“, pflegte sie zu sagen. Am liebsten wäre ihr, er würde auch Autor werden. Oder Kunstmaler. Jedenfalls irgendetwas Kreatives. Mittlerweile beneidete er seine Klassenkameraden sogar noch viel mehr als vorher, aber nicht mehr so sehr um ihre Mütter, denn inzwischen ging auch er nicht mehr gern vor die Tür, und so ein Schulabbruch mit anschließender Künstlerkarriere gewann immer mehr an Reiz.

Mama hielt vor der Schule und Ben schnallte sich ab.

„Bis nachher“, murmelte er.

„15 Uhr?“, fragte sie wie jeden Tag.

„15 Uhr“, bestätigte er, ebenfalls wie jeden Tag, und stieg aus. In der Reha hatten sie auch Unterricht gehabt, aber das ließ sich nicht mit einer richtigen Schule vergleichen. Alle Reha-Patienten im schulpflichtigen Alter wurden gleichzeitig unterrichtet. Sie waren nur eine kleine Gruppe gewesen, in der es sich gut lernen ließ. Manches war jedoch auch untergegangen. So war Ben jetzt in vielen Dingen weiter als seine Klassenkameraden, während er von anderen Dingen noch nie gehört hatte, die für die anderen zum Grundwissen gehörten. Obwohl seine Mutter sich nichts aus Schule machte, versuchte er, halbwegs gute Noten mit nach Hause zu bringen, und wenn er nicht in Maira unterwegs war, lernte er. Auch in der Schule passte er auf, denn der Tag ging viel schneller rum, wenn man im Unterricht mitmachte. Vor allem, wenn man keine Freunde hatte, die einem die Zeit verkürzten.

Und so brachte er auch diesen Tag irgendwie hinter sich, konnte es vermeiden, auf die Schnauze zu fallen, so oft die anderen auch versuchten, ihm ein Bein zu stellen, konnte es vermeiden, jemanden anzubrüllen, so sehr ihm auch danach war, und konnte es vermeiden, sich vom Fachraumgebäude zu stürzen, auch wenn er oft genug daran dachte. Mama wartete im Wagen vor der Schule und war – oh Wunder! – tatsächlich einmal angezogen.

„Warst du einkaufen oder so?“, fragte er und bemerkte erst, als er den Satz ausgesprochen hatte, wie schroff das klang. Doch Mama ließ es einfach an sich abperlen und lächelte.

„Das auch. Aber ich habe Besuch.“

„Besuch?“, wunderte sich Ben und wurde neugierig. „Von wem denn?“

„Von meiner Freundin Tanja.“

Aha, dachte Ben. Mama hatte eine ganze Menge Freunde. Andere Schriftsteller, die genauso selten aus dem Haus gingen, wie sie selbst, die die Hälfte des Tages auf Facebook rumhingen und die andere Hälfte des Tages ihre Tastaturen quälten. Und zweimal im Jahr trafen sie sich auf den Buchmessen und schmissen wilde Partys. Oder so ähnlich. Er konnte sich die Namen von Mamas Freunden jedenfalls nicht merken und hatte keine Ahnung, wer diese Tanja war.

„Sie hat uns etwas mitgebracht. Ein Geschenk. Für dich.“

Ben sah sie verwundert an. Ein Geschenk? Für ihn? Was sollte das sein?

„Schreibt sie etwa Lebenshilfebücher?“, fragte er, schon wieder etwas zu schroff.

„Heldenromane“, erwiderte Mama. „Und Homoerotik.“

Sie grinste ihn frech an und freute sich offenbar über sein entsetztes Gesicht. Na, das war bestimmt ein super Geschenk! Mama beachtete ihn jetzt nicht mehr und er sah stur aus dem Fenster und versuchte, die Neugier zu verdrängen. Aber ganz gelang es ihm nicht.

Kapitel 3

Neugierig sah ich mich in meinem neuen Zuhause um. Das Haus hatte viele Zimmer und wenn ich das richtig verstanden hatte, durfte ich sie alle benutzen, nicht nur eines. Aber am Anfang sollte ich in der Küche bleiben. Die Küche war ein großer, sehr heller Raum, in dem, den herrlichen Gerüchen nach zu urteilen, meine neue Familie Essen zubereitete. Auch ich sollte hier mein Essen bekommen. Das wusste ich schon mal. Tante Tanja packte aus, was sie noch an Futter-Vorräten übrighatte und erklärte Karin, was ich gerne aß. Karin richtete mir auch gleich etwas auf einem Tablett her und stellte es auf den Boden. Ich war von der langen Autofahrt durstig, hüpfte aus meiner Transportbox und stürzte mich gleich auf den Wassernapf. Hmmm. Reisen machte auch irgendwie hungrig, also probierte ich danach sofort das Futter. Schließlich hatte Tante Tanja es mitgebracht, dann konnte es ja nicht schlecht sein. Karin und Tanja lachten.

„Na, der ist ja kein bisschen schüchtern“, meinte Karin.

„Der ist sogar richtig frech“, verriet ihr Tante Tanja, was wiederum ich von ihr ein bisschen frech fand. „Er wird euch viel Freude bereiten.“

Jetzt seufzte Karin und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Sie griff nach ihrer Kaffeetasse und rührte darin.

„Ich wünschte, Ben würde mal wieder so etwas wie Freude empfinden. Er verbringt die ganze Zeit nur mit diesem Onlinespiel. Also, nicht dass es mich stören würde, dass er viel vor dem Computer sitzt, aber etwas Kreativität würde ihm guttun.“

„Naja, frische Luft schadet auch nicht“, warf Tante Tanja ein, doch Karin schob bloß die Schultern hoch.

„Mag sein. Dein kleiner Flint wird es jedenfalls gut bei uns haben, ganz gleich wie Ben auf ihn reagiert. Ich bin ja auch noch da.“

„Irgendwann wird es besser“, versprach Tante Tanja und ich wurde immer gespannter, wer dieser Ben war. Auf jeden Fall brauchte er wohl einen Freund. Ich sah mich ein wenig in der Küche um, hüpfte auf den Tisch und auf die Arbeitsplatten, aber jedes Mal, wenn ich das tat, setzte Karin mich zurück auf den Boden. Hm. Das sollte ich wohl nicht. Schade. Wenn ich in der Küche nicht klettern und hüpfen durfte, würde das ziemlich langweilig werden. Hoffentlich war in den anderen Zimmern mehr erlaubt! Ich knusperte noch etwas Trockenfutter und achtete nicht mehr auf das Gespräch der beiden Frauen. Sie redeten jetzt über Bücher und Kollegen und knabberten Kekse, die ich nicht mochte. Welche mit Zimt. Pfui bäh! Irgendwann blickte Karin auf die Uhr und meinte: „Ich fahre dann jetzt mal zur Schule und hole Ben ab.“

Jetzt wurde ich wieder aufmerksam. Wir würden Ben abholen? Super Idee! Dann lernte ich ihn endlich kennen! Ich sprang auf und wollte Karin in den Flur folgen. Lachend beugte sie sich zu mir herunter und schob mich sanft zurück in die Küche.

„Du musst erst einmal hierbleiben“, erklärte sie mir. „Nachher darfst du vielleicht den Rest des Hauses sehen. Bis gleich!“

Nachher! Immer nachher, maulte ich. Aber ich wollte nicht undankbar sein. Immerhin war sie ziemlich nett zu mir. Tante Tanja und ich kuschelten ein wenig, während wir warteten. Jetzt war ich doch ganz froh, dass ich nicht mitfahren durfte, um Ben abzuholen. Immerhin hatte ich gerade eine Autofahrt hinter mir und ich wusste nicht, wie es dort draußen aussah. Wir waren jetzt in der Stadt, hatte Tante Tanja mir erklärt. Ich wusste nicht, ob es in der Stadt auch große gelbe Maschinen gab, aber ich hatte es jetzt nicht mehr so eilig, das herauszufinden. Trotzdem war ich aufgeregt. Bald würde ich Ben kennenlernen! Ben, der einen Freund brauchte. Einen Freund wie mich. Das würde bestimmt großartig werden. Jawohl!

Kapitel 4

Mama fuhr in die Garage, und das Tor schloss sich ratternd. Sie stieg gut gelaunt aus, während Ben ihr immer noch ein wenig missmutig folgte. Besuch war immer blöd. Noch mehr Leute, die über sein Bein Bescheid wussten und ihn komisch ansahen. Am meisten hasste er das Mitleid in ihren Augen. Er wollte kein Mitleid. Er wollte, dass die Leute ihn behandelten wie jeden anderen Menschen auch. Naja, er würde höflich Hallo sagen und dann durfte er sich hoffentlich verabschieden und in sein Zimmer gehen, um sich wieder bei Knights of Maira einzuloggen und ein paar Orks zu schlachten. In seiner Gilde wusste niemand von seinem amputierten Bein. Naja, bis auf Oliver, seinen ehemaligen Zimmernachbarn, der ihn überhaupt erst auf das Spiel gebracht hatte. Sie unterhielten sich beim Zocken im Teamspeak. Die anderen aus ihrer Gilde waren darauf konzentriert, ihre Werte zu verbessern und Questgegenstände zu finden oder Raids und PVP-Kämpfe zu planen und durchzuführen. Oliver und Ben hingegen war etwas Anderes wichtiger. Ja, sie machten auch Quests, aber sie verbrachten mehr Zeit damit, einfach durch die wunderschöne Landschaft von Maira zu laufen und zu genießen, dass sie im Spiel zwei gesunde Beine hatten. Gestern Abend hatten sie beide endlich genug Geld zusammen gehabt, um sich Pferde zu kaufen, und Ben konnte es kaum erwarten, mit Oliver einen Ausritt zu machen. Aber erst musste er Mamas Besuch überleben.

Mama zog sich im Flur die Schuhe aus und hängte ihre Jacke an die übervolle Garderobe. Ben folgte ihrem Beispiel. Dann öffnete sie die Küchentür. Am Esstisch saß eine rothaarige Frau, die Ben noch nie gesehen hatte.

„Ben, das ist Tanja“, stellte seine Mutter sie einander vor, und Ben murmelte ein halbwegs höfliches „Guten Tag.“. In dem Moment sprang ein schwarzes Kätzchen auf den Küchentisch, und seine Mutter strahlte ihn an. „Ja, und das ist Flint. Dein neues Haustier.“

Ben runzelte die Stirn. Er hatte nie gesagt, dass er ein Haustier wollte! Eigentlich sollte seine Mutter wissen, dass er sich nichts aus Tieren machte.

„Hallo, Flint“, sagte er gelangweilt und drehte sich zu seiner Mutter um, um ihr zu sagen, dass er die Katze nicht wollte. So ein Tier machte doch nur Arbeit. Dauernd musste man das Klo saubermachen und sie füttern ,und dann hinterließen sie auch noch überall ihre Haare. Aber Flint ließ sich nicht so leicht abwimmeln. Er sprang vom Küchentisch und strich Ben laut schnurrend um die Beine. Ben verzog verärgert den Mund. Das war doch ein Komplott! Er ging in die Knie, um das Kätzchen wegzuschieben und erst da sah er es: Das Kätzchen hatte nur drei Beine! Wütend schoss Ben in die Höhe und funkelte seine Mutter an: „Und du glaubst, das löst alle Probleme, ja? Besorgst mir eine behinderte Katze und schon bin ich wieder glücklich. Aber so läuft das nicht!“ Die Formulierung „so läuft das nicht“ machte ihn gleich noch zorniger. Er schnappte sich seinen Rucksack und rief: „Ich bin in meinem Zimmer!“

Kapitel 5

Entsetzt sah ich Ben nach, der aus der Küche hinausrannte und eine Art Berg hinaufstürmte. Was war das denn? Hatte der mich gerade behinderte Katze genannt? Na, dem würde ich was husten! Mit gesträubtem Nackenfell und durchgebogenem Rücken hopste ich auf den Berg zu und versuchte, die erste Stufe zu erklimmen. Karin hob mich hoch, vergrub die Nase in meinem Fell und trug mich zurück in die Küche. Ich bemerkte ihre Tränen und fing an zu schnurren. Hoffentlich würde sie mich nicht wegschicken, wo Tante Tanja doch gesagt hatte, ich könnte nicht bei ihr bleiben.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Tante Tanja, und Karin schob die Schultern hoch. Sie knuddelte mich, und ich schnurrte noch heftiger.

„Ach, du glaubst doch nicht, dass ich den kleinen Kerl wieder hergebe, oder?“, erwiderte Karin, und ich kuschelte mich dankbar in ihre Umarmung. Genau das wollte ich hören!

Tante Tanja lachte. „Na, da bin ich aber beruhigt.“

Karin setzte mich wieder ab, und ich strich um ihre Beine, um ihr deutlich zu machen, wie dankbar ich war.

„Ist ja nicht so, dass ich nicht auch Trost gebrauchen könnte“, seufzte Karin und setzte sich wieder. „Er macht es mir nicht leicht. Wir hatten immer so einen guten Draht zueinander, doch seit dem Unfall lässt er mich nicht mehr an sich heran. In der Reha hatte er therapeutische Unterstützung, aber seit er wieder zuhause ist, lehnt er alles ab. Ich kann schon froh sein, dass er zur Schule geht. Sonst würde er die ganze Zeit nur vor dem Rechner sitzen.“

„So wie du“, frotzelte Tante Tanja, und Karin musste lachen.

„Ach, wer will schon, dass die Kinder so werden wie man selbst? Mit Kreativität habe ich es auch versucht. Mal doch mal ein Bild, schreib Gedichte, vielleicht ein Tagebuch? Nichts. Er verbringt Tage und Nächte in diesem dämlichen Onlinespiel.“

„Lass ihm Zeit“, sagte Tante Tanja sanft und legte eine Hand auf Karins Arm. Dann sah sie auf ihre Uhr. „Apropos Zeit: ich muss langsam los. Da wartet noch ein Dutzend anderer Tiere auf meine Zuwendung.“

Die Frauen standen auf und umarmten einander.

„Schön, dass du da warst, und danke für alles.“

Jetzt war der Moment gekommen, den ich gefürchtet hatte. Tante Tanja ging neben mir in die Hocke und kraulte mich hinter den Ohren.

„Tja, Flint, ich hätte dir einen besseren Start gewünscht, aber das wird bestimmt noch. Ich komme dich auf jeden Fall mal besuchen. Versprochen.“

Ich stieß meinen Kopf gegen ihre Hand, schnurrte und versuchte, tapfer zu sein. Für einen kurzen Augenblick dachte ich an meine Mama, meine richtige Mama. Wir hatten nie die Möglichkeit uns zu verabschieden. Das war diesmal anders. Und das war gut so. Karin brachte Tante Tanja zur Tür und dann waren wir nur noch zu zweit. Karin setzte sich wieder an den Küchentisch und sah mich ratlos an. „Weißt du was? Man sagt zwar immer, dass eine Katze das Haus Zimmer für Zimmer kennenlernen soll, aber du bist so ein mutiger kleiner Kerl, du kannst es bestimmt verkraften, wenn ich dir den Rest des Hauses zeige. Komm mit!“

Sie nahm mich wieder auf den Arm, vermutlich, weil sie dachte, ich hätte sie nicht verstanden und würde ihr nicht folgen. Ich protestierte nicht. Ich schnurrte. Sie öffnete eine Tür und sagte: „Hier ist unser Wohnzimmer. Früher haben wir hier immer zusammengesessen und ferngesehen. In letzter Zeit haben wir es nicht mehr so oft benutzt. Ich bin meistens in meinem Arbeitszimmer und Ben in seinem Zimmer. Aber ich habe mir gedacht, dass wir das wieder ändern sollten. Ich kann auch am Laptop arbeiten. Durch die Fenster kannst du unseren Garten sehen.“

Ich sah mir alles genau von Karins Arm aus an und hoffte, dass sie nicht näher an die Fenster heranging, obwohl das Wort Garten nicht so gefährlich klang. Das Zimmer sah schön aus und das große Sofa super bequem. Wir gingen weiter und Karin zeigte mir das Gäste-WC, wo sie ein Klo für mich aufgebaut hatte. Als ich das sah, musste ich plötzlich ganz dringend und fing an, auf Karins Arm zu zappeln. Sie verstand mich zum Glück sofort: „Oh, du willst es gleich ausprobieren? Alles klar.“

Behutsam setzte sie mich auf dem Boden ab, und ich hüpfte in mein neues Kistchen. Das Streu war ganz frisch und roch gut. Man konnte prima darin buddeln. Ich war zufrieden und nachdem ich mich erleichtert hatte, war ich bereit, den Rest des Hauses zu sehen. Karin nahm mich wieder auf den Arm und erzählte: „Die anderen Räume sind oben. Dafür müssen wir die Treppe hochgehen.“

Interessiert betrachtete ich die Treppe. So hieß das Ding also. Oben gab es ein weiteres Badezimmer, wo Karin ein zweites Katzenklo für mich aufgestellt hatte. Darüber freute ich mich riesig, aber diesmal musste ich es nicht gleich ausprobieren.

„Ja, und hier ist mein Arbeitszimmer. Da verbringe ich die meiste Zeit. Direkt von da aus kommt man in mein Schlafzimmer. Ja, und dann bleibt noch diese geschlossene Tür. Da geht es in Bens Zimmer.“

Sie klopfte an die Tür, wartete auf eine Reaktion und drückte die Klinke runter, als Ben von drinnen brummte.

Kapitel 6

Mama öffnete die Tür und betrat leise wie eine Maus das Zimmer. Sie hatte das dreibeinige Kätzchen auf dem Arm und sah sehr unglücklich aus. Ben tat sein Wutausbruch leid, war aber zu stolz, es zuzugeben. Er hatte sich das Headset vom Kopf geschoben und das Mikrofon stumm geschaltet, damit Oliver von dem Gespräch nichts mitbekam.

„Also behalten wir das Kätzchen?“, fragte er.

„Natürlich behalten wir das Kätzchen“, sagte seine Mutter und drückte das Tier fester an sich. „Und ich habe es nicht extra für dich besorgt. Meine Freundin Tanja hat das arme Ding vor ein paar Wochen gefunden und aufgepäppelt. Seitdem bekniet sie mich, es zu nehmen. Ich habe mich dagegen gewehrt, ehrlich!“

Ben verzog den Mund. Gut, dann hatten sie jetzt eben einen behinderten Jungen und eine behinderte Katze im Haus. Wie auf Kommando fing die Katze so wild an zu zappeln, dass Mama sie nicht länger halten konnte. Mit einem Satz sprang sie von Mamas Arm, rannte Richtung Schreibtisch und war mit einem Umweg über Bens Schoß auf der Arbeitsplatte. Gegen seinen Willen musste Ben grinsen.

„Na, der kommt ja prima zurecht. Erinnert mich an Oliver. Wie war noch gleich sein Name.“

„Flint“, antwortete Mama, sah seinen Gesichtsausdruck und meinte: „Aber ich bin sicher, dass er auch auf einen anderen Namen hören wird, wenn du ihn umbenennst.“

Zögerlich streckte Ben die Hand aus und kraulte das Nackenfell der Katze.

„Ich denk mal darüber nach.“

„Dann … dann kann ich ihn hier bei dir lassen?“, druckste Mama herum. „Ich muss nämlich noch 1000 Wörter schreiben, weißt du?“

Ben verdrehte die Augen.

„Alles klar. Geh schreiben. Lass die Tür einen Spalt offen, falls das Vieh zu dir will.“

„Sag nicht Vieh zu ihm!“, schimpfte Mama und machte den Eindruck, als würde sie gleich auf die Katze zustürmen und sie schützend an ihr Herz drücken wollen. Resigniert schüttelte sie den Kopf, aber dann waren ihr die 1000 Wörter wohl wichtiger und sie ging aus dem Zimmer. Ben seufzte, schnappte sich das Kätzchen und hob es vom Schreibtisch.

„Sorry, kleiner Kater, aber ich bin online und will Oliver nicht zu lange warten lassen.“

Er setzte sich den Kopfhörer auf, doch das Kätzchen war hartnäckig und sprang wieder auf seinen Schoß. Da rollte es sich zusammen und fing an zu schnurren. Ben rückte etwas vom Schreibtisch ab und betrachtete das schwarze Fellbündel auf seinem Schoß.

„Du kennst mich doch gar nicht“, sagte er. „Schämst du dich nicht, fremde Männer einfach so anzuschnurren? Aber gut, meinetwegen kannst du da liegenbleiben.“ Er aktivierte das Mikrofon. „Bin zurück.“

„Was war denn?“, drang Olivers Stimme aus dem Kopfhörer.

„Meine Mutter. Sie hat mir eine Katze geschenkt. Eine dreibeinige Katze.“

„Echt jetzt? Wie cool!“

War ja klar, dass Oliver so dachte. Manchmal hatte Ben den Eindruck, ihm hätte nichts Besseres passieren können, als ein Bein zu verlieren. Als würde ihn das irgendwie besonders machen. Aber das Besondere an Oliver war vermutlich seine positive Einstellung. Alles, was geschah, geschah aus einem bestimmten Grund. Insgeheim beneidete Ben ihn um seine Einstellung.

„Naja“, machte er. „Find ich jetzt nicht so. Wie würdest du sie denn nennen?“

„Keine Ahnung, Mann. Ich hab ja noch nicht einmal einen coolen Namen für mein Pferd hier. Hast du schon einen für deins?“

„Kein Plan. Kleiner Donner?“

Oliver prustete los. „Sag bloß, du guckst noch Yakari?“

Die Gildenbesprechung war vorbei. Die letzten Schlachtrufe rollten durch den Chat, dann verließ einer nach dem anderen das Gildenhaus, um in den Kampf zu ziehen. Oliver und Ben blieben zurück. Olivers Figur fing an zu tanzen. Ben setzte seine auf den Boden. Die Gildenhäuser waren abseits vom Spielgeschehen und so bekamen sie von dem, was außerhalb gechattet wurde, nichts mehr mit. Aber jemand schrieb jetzt doch etwas im Chat: „Hey hallo! Wollt ihr denn gar nicht in die Schlacht ziehen?“

Ben bewegte verwundert die Maus und entdeckte eine Heilerin. Sie war asiatisch angehaucht, trug ein enges grünes Kleidchen und braune Stiefel. Ihre Haare waren knöchellang und hatten mehrere abstehende Zöpfe.

„Wer ist die denn?“, fragte er Oliver über Teamspeak, wo sie beide allein waren. „Hast du die schon mal gesehen?“

„Nö, noch nie. Yuki Ayuri. Vielleicht ist die neu hier.“

Im Chat schrieb Oliver: „Nö, wir sind nicht so die Kämpfer. Wir wollten gleich ausreiten in den Hügeln.“

Ben kicherte. Die musste sie für ganz schön bekloppt halten. So wie die anderen aus der Gilde auch. Manchmal fragte er sich, warum sie überhaupt noch geduldet wurden, allerdings war Oliver sehr gut darin, die ganzen langweiligen Sammelquests zu machen, die den Kämpfern zu blöd waren. Daher hatte er immer Materialien bis zum Abwinken.

„Ausreiten?“, schrieb die Heilerin im Chat. „Das klingt toll!“

„Oha“, meinte Ben. „Die scheint tatsächlich ein Mädchen zu sein.“

Meistens steckten hinter den weiblichen Avataren nämlich Kerle. Soweit Ben wusste, gab es nur wenig Mädchen, die sich im Spiel herumtrieben.

„Muss nicht“, meinte Oliver. „Gibt auch Jungs, die Pferde mögen.“

Oder Katzen, dachte Ben und streichelte geistesabwesend den kleinen Kater, der auf seinem Schoß eingeschlafen war. Irgendwie fühlte es sich ja schon schön an, eine Katze auf dem Schoß zu haben.

„Soll ich sie auf den TS-Server einladen?“, fragte Oliver.

„Bist du irre?“, rief Ben. „Wir kennen die doch gar nicht!“

„Hm. Ein Pferd habe ich natürlich noch nicht“, schrieb Yuki in den Chat. „Hättet ihr vielleicht Lust auf den Blümchenquest?“

Blumen pflücken mit Yuki. Na toll. Oliver war für so einen Kram zu haben. Der liebte die stumpfsinnigen Quests. Aber Ben brannte darauf, sein Pferd auszuprobieren. Ehe er protestieren konnte, hatte Oliver schon eingewilligt: „Ich mach ne Party auf.“

Widerwillig trat Ben der Party bei und sie reisten per Schnellreise in die Ebene, wo Yuki 100 rote Blumen sammeln musste. Während sie das tat, blubberte sie ohne Ende im Chat herum.

„Ich finde das Spiel so toll! Als ich ankam, waren alle auf dem Marktplatz am Tanzen und Zaubern. Und dann diese Landschaften! Einfach traumhaft. Ich kann es kaum erwarten, eine Katze zu zähmen und als Begleittier zu haben.“

Ben betrachtete ein weiteres Mal den Kater in seinem Schoß.

„Soll ich sie nicht doch ins TS einladen?“, fragte Oliver. „Sie scheint irgendwie ein Redebedürfnis zu haben. Und wenn sie die ganze Zeit tippt, braucht sie hundert Jahre für die hundert Blumen.“

Ben verdrehte die Augen.

„Ja okay. Mach einfach.“

Es war ihm unangenehm, mit Fremden im Teamspeak zu sprechen, aber Oliver kannte da nichts. Er lud Yuki ein und obwohl sie wie eine eher unerfahrene Onlinegamerin wirkte, hatte sie Teamspeak bereits installiert. Und wie sich herausstellte, war sie tatsächlich ein Mädchen.

„Hi“, tönte eine melodische, sehr weiche Stimme aus Bens Kopfhörer. „Könnt ihr mich hören?“

„Laut und deutlich“, sagte Oliver. „Schön, dass du da bist. Du bist noch nicht so lange in Maira, oder?“

„Nee, erst seit ein paar Tagen. Ich hatte kaum Level 3, da wurde ich schon eingeladen, der Gilde beizutreten. Warum auch immer.“

Ben konnte sich schon denken, warum. Wenn sie auch sonst im Chat so drauflosplapperte, wussten die anderen gleich, dass sie ein Mädchen war. Und die waren sehr begehrt. Außerdem war sie Heilerin und Heilerinnen konnte man immer gebrauchen.

„Aber ihr scheint euch auch nicht so viel aus dem Gildenleben zu machen, oder?“

„Nö“, antwortete Oliver. „Uns geht es wie dir. Wir mögen die Landschaften und die Tiere. Vielleicht sollten wir lieber einen Walkingsimulator spielen.“

Ja, dachte Ben. Weil das nämlich der Grund ist, aus dem wir hier sind. Das Walken. Das Rennen und Springen und Tanzen. Einfach, um mal wieder zwei Beine zu haben. Aber das durfte keiner wissen. Selbst Oliver, der sonst so offen mit seiner Behinderung umging, hatte das im Spiel für sich behalten.

„Ach, naja, vielleicht entdecke ich das Kämpfen ja doch noch für mich“, meinte Yuki. „Vielleicht melde ich mich auch wieder ab. Ich weiß noch nicht.“

„Wo wohnst du denn?“, fragte Oliver geradeheraus. Er fand sie süß, dass ahnte Ben. So, wie man jemanden eben süß finden konnte, den man gerade erst kennengelernt hatte, dessen Stimme man nur gehört und von dem man keine Ahnung hatte, wie er in Wirklichkeit aussah. Yuki lachte.

„Na, das werde ich dir bestimmt nicht verraten!“

Ben musste grinsen. Sie wirkte zwar etwas naiv, aber so naiv war sie dann wohl doch nicht.

„Na gut, dann eben nicht“, gab Oliver nach, während Ben noch immer kein Wort gesagt hatte. Er hörte den beiden nur zu, als würde er einem Hörspiel lauschen. „Aber vielleicht kannst du uns helfen, einen Namen für Bens Katze zu finden, die er heute bekommen hat. Sie hat nur drei Beine.“

„Aww, das arme Ding“, machte Yuki. „Das ist aber süß von dir, dass du ein behindertes Kätzchen bei dir aufnimmst, Ben. Wer von euch ist eigentlich Ben?“

„Ich bin Ben“, antwortete er und stöhnte innerlich auf. Natürlich wollte sie wissen, wie er im Spiel hieß! „Ähm, also Nebu Kramsol.“

„Hi Nebu!“

„Ach, sag ruhig weiter Ben. Die Quasselstrippe da heißt übrigens Oliver.“

„Cool. Ihr werdet mir das jetzt bestimmt nicht glauben, aber ich heiße tatsächlich Yuki.“

„Bist du Japanerin?“, wollte Oliver wissen.

„Zur Hälfte“, antwortete Yuki. „Meine Mutter ist Japanerin. Mein Papa ist Fischkopp.“

Sie kicherte, und Ben musste zugeben, dass sie wirklich süß klang. Fischkopp, wiederholte er in Gedanken. Das sprach für Norddeutschland.

„Seit wann hast du das Kätzchen, Ben?“

„Seit einer halben Stunde“, sagte er und unterdrückte ein Lachen. Sie musste ihn für verrückt halten, aber so war es halt. „Meine Mutter hat es angeschleppt. Sie hat gesagt, der Kater heißt Flint, aber ich finde den Namen doof. Wie würdest du denn ein dreibeiniges Kätzchen nennen?“

„Tripod“, sagte Yuki wie aus der Pistole geschossen. „Ist doch wohl logisch!“

Tripod? Ben runzelte die Stirn. Der Name war genauso blöd wie Flint.

„Du könntest es Pod abkürzen“, schlug Oliver vor, der wohl Bens Gedanken erraten hatte.

„Ja, vielleicht mache ich das.“ Er betrachtete das Kätzchen auf seinem Schoß, das immer noch schlief, und fragte: „Möchtest du gerne Pod heißen?“

Oliver lachte. „Und? Ist er einverstanden?“

„Keine Ahnung. Er schläft.“

„So, ich glaube, ich habe meine hundert Blumen“, meinte Yuki jetzt. „Kommt ihr mit zur Blumenfrau?“

„Ich weiß nicht“, sagte Ben, der diese Quest gefühlte hundert Mal gemacht hatte. „Wir wollten eigentlich die Pferde ausprobieren.“

„Oh macht ruhig. Ich gucke zu.“

„Wollen wir?“, fragte Oliver. „Auf drei!“

Ben machte mit, obwohl er es albern fand. Oliver zählte bis drei, dann packten sie ihre Pferde aus. Wie von Geisterhand standen sie nach dem Klick neben ihnen. Olivers war pechschwarz, während Bens weiß mit schwarzen Kuhflecken war. Den Pferden konnte man auch Namen geben, aber Ben verschob die Entscheidung auf später. Bis auf Kleiner Donner war ihm noch nichts Gescheites eingefallen. Mit einem Tastendruck saßen sie auf, dann war das Pferd genauso zu steuern wie die Spielfigur. Sie ließen Yuki stehen und preschten davon.

„Juhuuuu!“, rief Oliver. „Oh, das ist so cool!“

Ben grinste. Er wusste genau, was Oliver fühlte, denn ihm ging es genauso. Die Landschaft raste vorbei und er fühlte sich frei und lebendig. Als würde er wirklich auf einem Pferd sitzen und über die Ebene preschen. Als wäre er ein gesunder Junge auf zwei gesunden Beinen. Er hörte Yuki lachen.

„Oh, die sehen toll aus“, sagte sie. „Und ihr seid voll süß, wie ihr euch freut.“

Wir?, dachte Ben. Schließlich hatte er kein Wort gesagt. Aber er nahm es hin.

„Ich gebe mal meine Blumen ab. Treffen wir uns gleich im Gildenhaus?“

„Klar“, sagte Oliver.

„Mal sehen“, meinte Ben. Er hätte sie jetzt lieber aus dem TS rausgeworfen und sich allein mit Oliver unterhalten, aber er wusste, dass Oliver da vermutlich keinen Bock draufhatte. Ihm gefiel es, mit Yuki zu quatschen, das konnte Ben an seiner Stimme hören. Nun war es ja nicht so, dass sie ihm unsympathisch wäre, aber er konnte halt nicht so offen sprechen wie sonst. Da kam ihm das Schicksal entgegen und Yuki sagte: „Mist. Meine Mutter ruft zum Essen. Seid ihr heute Abend nochmal on?“

„Logo“, meinte Oliver.

„Dann bis später!“

Und weg war sie.

„Boah“, machte Oliver. „Fassen wir mal zusammen: Sie wohnt noch bei Muttern, also wird sie nicht zu alt sein. Und sie ist echt verdammt süß!“

„Sie klingt süß“, verbesserte Ben. „Du hast doch keine Ahnung, wie sie aussieht.“

„Wen interessiert, wie sie aussieht, wenn sie nett ist?“, fragte Oliver und erwischte Ben damit eiskalt. Verdammt. Oliver hatte ihm schon oft vorgeworfen, wie oberflächlich er war und irgendwie hatte er sogar recht damit. Auch jetzt konnte Oliver sich nicht zurückhalten und setzte nach: „Alter, wir sind einbeinige Krüppel! Ich will, dass sich ein Mädchen in mich verliebt, weil sie mich nett findet. Und mir ist bei einem Mädchen auch wichtig, dass sie nett ist. Ganz egal, wie sie aussieht.“

„Ist ja schon gut“, gab Ben nach. „Du hast ja Recht. Aber ich gucke mir Mädchen trotzdem lieber an, wenn sie gut aussehen.“

„Gucken ist gucken und chatten ist chatten“, meinte Oliver. „Naja, wahrscheinlich wohnt sie eh am Arsch der Welt. Aber nett ist sie.“

Da wollte Ben nicht widersprechen. Der erste Eindruck war jedenfalls nett. Sie ritten noch ein wenig um die Wette und Oliver erzählte Ben von der Schule. Er fragte ihn auch ein wenig zu seinem Schulalltag, aber Ben blockte ihn ab. Er wollte nicht über die Schule sprechen. Er wusste nicht, ob Oliver ebenfalls gemobbt wurde und sich die ganzen positiven Geschichten nicht einfach ausdachte, aber so wie er Oliver einschätzte, stimmte das, was er sagte, tatsächlich. Oliver war der Typ Mensch, den jeder auf Anhieb mochte. Er ging auf die Menschen zu, hatte immer gute Laune und sah alles positiv. Er war das genaue Gegenteil von Ben. Und das war wohl der Kern des Übels.

Kapitel 7

Schnurrend döste ich auf Bens Schoß und folgte dem, was Ben sagte, nur halbherzig. Ein paar Mal schlief ich sogar richtig tief ein. Hinter mir lag ein langer und aufregender Tag und ich war wirklich müde. Ich wurde wach, als Ben mich von seinem Schoß hob und aufstand.

„Riecht nach Essen“, sagte Ben zu mir und ging aus dem Zimmer. Ich folgte ihm in die Küche und knusperte etwas Trockenfutter, während er Karin beim Kochen half. Karin gab sich gut gelaunt, huschte durch die Küche und summte beim Kochen eine Melodie. Offenbar hatte das Schreiben gut geklappt. Das kannte ich noch von Tante Tanja. Wenn das Schreiben gut lief, waren die Schreibenden gut drauf. Ben konnte ich immer noch nicht richtig einschätzen. Er schien nett zu sein und es war schön, auf seinem Schoß zu schlafen, aber er wirkte so traurig. Als hätte er eine Mauer um sich hochgezogen. Ich spürte, dass er mich brauchte. Er war der Grund, aus dem ich hier war. Aus dem Tante Tanja mich hergeschickt hatte. Weil er mich brauchte. Ich wusste noch nicht, wie ich ihm helfen konnte, aber ich entschied, immer in seiner Nähe zu bleiben, bis ich es herausgefunden hatte.

Ben und Karin aßen in der Küche und ich wuselte unter dem Küchentisch herum und hoffte, dass eine Nudel herunterfiel. Aber die beiden schienen nicht zu wissen, wie sehr ich Nudeln mochte, obwohl ich hätte schwören können, dass Tante Tanja es erwähnt hatte. Da ich keine Nudeln abbekam, aß ich das Nassfutter auf.

„Er hat sich schon gut eingelebt, oder?“, fragte Karin und nickte in meine Richtung. Ben sah mich an und zuckte mit den Schultern.

„Mag sein.“

„Hast du dir inzwischen überlegt, wie du ihn nennen willst?“

„Tripod“, sagte Ben, und ich zuckte zusammen. Meinte der etwa mich? Ich hieß doch nicht Tripod! Ich hieß Flint. Jawohl! „Ich werde es Pod abkürzen.“

„Aha“, machte Karin und klang, als wäre sie von dem Namen so wenig begeistert wie ich. Hmpf. Na toll. Vermutlich würde ich den beiden nicht begreifbar machen können, dass ich so nicht genannt werden wollte. Dann eben Pod.

„Gehst du gleich wieder zocken?“

„Hatte ich vor.“

Mir tat Karin ein bisschen leid, weil Ben so abweisend war. Ich spürte, wie weh ihr das tat. Ich wusste, dass Ben es auch bemerkte. Um Karin zu trösten, schnurrte ich ihr um die Beine. Sie hob mich hoch und setzte mich auf ihren Schoß. Das mochte ich! Am liebsten wäre ich nach dem Abendessen mit Karin gegangen, aber ich musste bei Ben bleiben. Er war meine Mission, das spürte ich mit absoluter Sicherheit, und davon würde ich mich nicht abbringen lassen.

„Ich schreibe vielleicht noch ein Kapitel“, sagte Karin, obwohl Ben nicht gerade den Eindruck machte, als würde ihn das groß interessieren. Als die Teller leer waren, stellte Ben sie in die Spülmaschine und sagte: „Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Schatz“, gab Karin zurück und wandte sich ab, damit Ben ihre Enttäuschung nicht bemerkte. Ich konnte sie sehen und wurde langsam wütend. Karin war schließlich Bens Mutter, und seine Mutter sollte man besser behandeln. Kurz schoss mir die Erinnerung an meine Mutter durch den Kopf. An Wärme und Milch und Schnurren. Ich wurde traurig und stapfte entschlossen hinter Ben her. Für die Treppe brauchte ich ein wenig. Das war ich noch nicht gewohnt. Aber dem würde ich die Meinung geigen, sobald ich oben war. Jawohl! Doch als ich im Flur ankam, musste ich feststellen, dass die Tür zu Bens Zimmer zu war und ich nicht hineinkam. Mist! Oh Mann, dieser Ben war echt eine harte Nuss. Aber den würde ich schon noch knacken – so wahr ich Flint Tripod hieß!

Kapitel 8

Ben ließ sich wieder in den Schreibtischstuhl fallen und loggte sich ein. Oliver war immer noch afk, also machte er zwei Quests, während er auf ihn wartete. Das schlechte Gewissen nagte an ihm. Er wusste, dass er seiner Mutter unrecht tat, aber er konnte nicht aus seiner Haut. Je mehr sie versuchte, zu ihm durchzudringen, desto mehr machte er dicht. Wie so oft wünschte er sich zurück ins Rehazentrum. Da hatte er jede Nacht in seinem Bett gelegen und gedacht, wie sehr er sich nach Hause wünschte und wie sehr er seine Mutter vermisste. Aber irgendwie war da doch alles leichter gewesen. Niemand, der ihn hänselte oder einfach dumm anglotzte. Und man war den ganzen Tag abgelenkt. Bewegungstherapie, Gesprächstherapie, Kunsttherapie. Sie hatten sich oft darüber lustig gemacht, aber im Grunde hatte es gut getan. Jede einzelne Therapiestunde. Er hatte das Gefühl gehabt, voran zu kommen. Jetzt trat er auf der Stelle. Treten. Schon wieder so ein Zweibeinerwort. Vielleicht sollte er doch noch einmal mit einem Experten quatschen.

„Hallo Ben!“, drang plötzlich Yukis Stimme aus dem Kopfhörer. Ben zuckte zusammen. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass Yuki im TS war.

„Oh hi“, sagte er und sah nach, ob Oliver inzwischen wieder online war. War er natürlich nicht.

„Und? Was macht dein Kätzchen?“

„Kätz …?“ Hektisch sah er zur Tür. „Oh! Das habe ich ganz vergessen. Ich fürchte, das sitzt vor meiner Tür und jammert.“

„Du hast Tripod ausgesperrt?“, rief Yuki entsetzt.

„Hey, ich habe noch gar nicht gesagt, ob ich ihn Tripod nenne oder anders!“

„Darum geht es doch gar nicht! Du kannst das arme Kätzchen nicht einfach aussperren.“

Hui, sie klang richtig sauer. Und das, obwohl sie weder ihn noch seine Katze wirklich kannte. Ben verzog verärgert den Mund. Die erlaubte sich ganz schön was!

„Hör mal, er sitzt bloß im Flur. Er kann jederzeit zu meiner Mutter ins Arbeitszimmer gehen und ihr Gesellschaft leisten. Die freut sich.“

„Na, wenn er vor deiner Tür sitzt, will er aber bei dir sein und nicht bei deiner Mutter. Du stehst jetzt sofort auf und lässt die Katze rein!“

Ben schnappte nach Luft. Meinte sie das etwa ernst? Sie konnte doch nicht einfach so wildfremde Leute rumkommandieren!

„Los jetzt!“, zischte sie und ließ ihn erschrocken zusammenzucken, als könnte sie jeden Moment durch den Kopfhörer springen und ihm eine Ohrfeige verpassen.

„Schon gut“, grummelte er und streifte das Headset ab. Die spinnt wohl, dachte er. Trotzdem stand er auf und öffnete seine Zimmertür. Sofort war Tripod im Zimmer und strich ihm schnurrend um die Beine. Dass Ben ihn ausgesperrt hatte, schien er ihm nicht übel zu nehmen, dafür war er umso dankbarer, dass er jetzt hereingelassen wurde. Ben breitete die Arme aus.

„Alles klar. Willkommen in meinem Zimmer. Fühl dich wie zuhause.“

Das ließ sich der Kater nicht zweimal sagen, sprang auf Bens Bett und rollte sich auf dessen Kopfkissen zusammen.

„Alter, vom auf dem Kopfkissen Pennen war keine Rede!“

Er dachte kurz darüber nach, den Kater hochzuheben und wieder rauszuschmeißen, entschied sich dann aber dagegen und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Er setzte das Headset wieder auf . „So, die Katze pennt auf meinem Kopfkissen. Zufrieden?“

„Braver Junge“, sagte Yuki und kicherte. Mann, die war echt ganz schön frech. Warum hatte Oliver sie bloß ins TS gelassen? Andererseits war ihr Kichern schon niedlich.

„Sag mal, wenn du wirklich Yuki heißt, warum hast du dich dann im Spiel so genannt? Spielt man nicht eigentlich ein Fantasy-RPG, um jemand anders zu sein?“

„Hmmmm“, machte sie und schien ernsthaft über seine Frage nachzudenken. Ob sie vielleicht zu intim war? Er hatte schon lange nicht mehr wirklich mit Mädchen zu tun gehabt. In der Reha hatte es natürlich auch Mädchen gegeben, aber das war etwas anderes.

„Ich bin eigentlich ganz gerne Ich“, sagte sie. „Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, jemand anders sein zu wollen. Ist das wirklich der Grund, aus dem du in Maira bist?“

Puh, eiskalt erwischt. Nein, dachte Ben, ich bin in Maira, weil ich da zwei Beine habe. Aber das könnte er ihr niemals erzählen.

„Naja, irgendwie schon.“ Oh Mann, Oliver, wo bleibst du! Rette mich! Oliver war ein Genie, wenn es ums Quatschen ging, während Ben eigentlich nie wusste, was er sagen sollte. Und plötzlich sprudelte es aus ihm raus: „Ich finde es irgendwie cool, ein Ritter zu sein. Ich fürchte, im wahren Leben bin ich nicht besonders ritterlich.“ Er musste an seine Mutter denken, die er jeden Tag mit Worten verletzte und von sich schob. „Ich mache zwar nicht so viele Quests wie ich könnte, aber wenn … wenn, dann bin ich halt einer von den Guten.“

„Und im wahren Leben bist du einer von den Bösen?“, fragte sie herausfordernd. Plötzlich dröhnte Olivers Lachen aus dem Lautsprecher.

„Ja, genau! Bad Boy Ben!“, prustete er, und Ben lief knallrot an, was zum Glück keiner der beiden sehen konnte.

„Ach, halt die Klappe, Oliver“, brummte er.

„Hi Oliver“, grüßte Yuki. „Willkommen zurück! Was habt ihr Jungs denn heute Abend so vor?“

„Nichts eigentlich“, sagte Oliver wahrheitsgemäß. Und das stimmte. Meistens trafen sie sich bloß im Spiel, um rumzuhängen und zu quatschen.

„Warum spielt ihr dieses Spiel eigentlich, wenn ihr nie irgendetwas macht? Und wie habt ihr so hohe Level erreichen können?“

„Naja, ab und zu machen wir ja schon was“, entkräftete Ben das ein wenig.

„Aber im Moment nicht“, schloss Yuki aus seinen Worten. „Wollt ihr mir vielleicht helfen? Ich wollte vorhin diesen Grottenmasmur besiegen, bin aber kläglich gescheitert.“

Warum stellst du dich nicht auf den Marktplatz und sucht dir eine Gruppe, wollte Ben fragen, biss sich dann aber auf die Zunge. Nein, eigentlich wollte er nicht, dass Yuki sich irgendeine Gruppe suchte. Er wollte, dass sie blieb. Warum auch immer.

„Klar, machen wir“, willigte er ein und sah Olivers verwirrten Gesichtsausdruck förmlich vor sich. Tatsächlich flüsterte Oliver ihn eine Sekunde später im Chat an: „Was geht denn mit dir? Ich hatte Recht, oder? Sie IST süß!“

Ben musste grinsen. Sie hatten sich zu lange ein Zimmer geteilt und kannten sich einfach zu gut.

„Sie ist süß“, bestätigte Ben ebenfalls im Flüsterchat, während Yuki sich hörbar freute.

„Oh super! Ich danke euch! Auf geht’s!“

Die Quest war ein Kinderspiel. Zumindest mit so einem hohen Level, wie Oliver und Ben ihn hatten. Aber Ben konnte sich noch an seine Anfangszeit erinnern und daran, wie schwer er die Quest damals gefunden hatte. Während sie kämpften, sprach keiner von ihnen viel. Sie brüllten sich bloß irgendwelche Befehle zu. Aber Ben war nicht so darauf konzentriert, um nicht weiter über Yukis eigentliche Frage nachzudenken, ob er hier war, um jemand anderes zu sein. Am liebsten hätte er mit Oliver darüber gesprochen, aber er ahnte schon, dass sie Yuki jetzt immer am Hals haben würden, sobald sie online gingen. Das war schon wieder nicht so ritterlich. Vielleicht sollte er einfach anfangen, sich besser zu verhalten, wenn er ein Ritter sein wollte.

Sie machten an dem Abend noch einige Anfängerquests, um Yuki ein wenig voranzubringen, aber zu tiefgründigen Gesprächen kam es nicht mehr. Als es auf zehn Uhr zuging, verabschiedete sich Oliver, um ins Bett zu gehen. Ben war auch langsam fällig, aber irgendwie brannte er darauf, noch ein bisschen mit Yuki allein zu sein.

„Ich muss auch demnächst ins Bett“, sagte er, was irgendwie ein doofer Einstieg war, um einem Mädchen zu imponieren. Meine Mama sagt, ich muss langsam ins Bett. Abgesehen davon, dass seine Mutter so etwas nie sagen würde, weil es ihr herzlich egal war, wann er ins Bett ging.

„Oh“, machte sie, als würde sie das schade finden. Vermutlich war es auch so.

„Musst du denn morgen nicht zur Schule?“, fragte er und hoffte, auf diese Weise ein wenig mehr über sie zu erfahren. Vielleicht sogar ihr Alter. Sie seufzte, als hätte er einen wunden Punkt getroffen.

„Ich gehe im Moment nicht zur Schule. Ich bin …“ Sie zögerte, und Ben bekam eine ungute Ahnung. „Ich bin derzeit krankgeschrieben.“

Ben runzelte die Stirn. Okay. Das konnte im Prinzip alles heißen, trotzdem hatte er das Gefühl, dass da noch mehr war. Etwas, das sie nicht sagen wollte, so wie er nicht sagen wollte, dass er nur ein Bein hatte.

„Das tut mir leid“, sagte er, weil es das erste war, was ihm einfiel. So ein Quatsch! Sie klang nicht wirklich krank, und wer ging schon gern zur Schule? Er jedenfalls nicht. Sie lachte. Ein helles, ehrliches Lachen, in dem allerdings ein wenig Traurigkeit mitschwang.

„Das muss es nicht. Das ist schon okay. So habe ich jedenfalls jede Menge Zeit zum Leveln. Pass auf, wenn du morgen nach der Schule wieder online gehst, habe ich euch vielleicht schon eingeholt.“

Ben musste lächeln. Das bezweifelte er ernsthaft, aber er ließ es darauf ankommen.

„Dann hören wir uns morgen wieder?“, fragte er.

„Auf jeden Fall!“, sagte sie, und sein Lächeln wurde zu einem Grinsen.

„Dann level mal schön heute Nacht und bis morgen.“

„Bis morgen, Ben.“

Mit einem seligen Grinsen loggte er sich aus. Er mochte es, wie sie seinen Namen sagte. Yuki. Yuki und Ben. Er streifte den Kopfhörer ab und drehte sich zu seinem Bett um. Da saß die schwarze Katze und sah ihn an und sofort war die gute Laune dahin. Die blöde behinderte Katze. Genauso behindert wie er. Mit einem Seufzen stand er auf und ging ins Bad, um sich bettfertig zu machen.

Kapitel 9

Endlich legte Ben dieses doofe Ding ab, das er die ganze Zeit auf dem Kopf getragen hatte. Ähnlich wie Tante Tanja schien Ben eine Menge Zeit vor seinem Computer zu verbringen. Allerdings redete er dabei. Mit wem er sprach, konnte ich nicht sagen, aber vielleicht war dieses Kopfding so etwas wie ein Telefon. Jetzt sah er mich an und obwohl er eben noch gelacht und Spaß gehabt hatte, schien er plötzlich schlechte Laune zu haben. Ich beobachtete ihn wachsam. Er mochte mich nicht. Er wollte nicht, dass ich hier war. Das machte mich traurig, aber ich ließ mich davon nicht entmutigen. Wir würden schon noch Freunde werden, davon war ich überzeugt. Und am besten ging das, indem ich ihm nicht von der Seite wich, bis er sich an mich gewöhnt hatte. Darum stapfte ich direkt hinter ihm her, als er ins Badezimmer ging. Das traf sich ganz gut. Ich musste sowieso aufs Klo. Während Ben mit einem laut vibrierenden Ding in seinem Mund herumfuhr, machte ich mein großes Geschäft und gab mir besonders viel Mühe beim Verscharren. Ben spuckte aus, drehte sich mit entsetztem Gesicht zu mir um und rief: „Alter, das stinkt!“

Ich starrte mindestens ebenso entsetzt zurück. Ben hatte Schaum vorm Mund! Einen Moment lang konnte ich mich vor Schreck nicht bewegen. Meine Mama … meine richtige Mama hatte mir davon erzählt. Von einer Krankheit, durch die man böse wurde. Trollwut! Ben hatte Trollwut! Deshalb war er so mies drauf. Das musste ich sofort Karin erzählen. Sie musste Ben zu einem Arzt bringen, sonst würde er sterben! Mit einem Satz war ich aus meinem Kistchen und rannte aus dem Badezimmer.

„Ja, hau bloß ab!“, rief Ben mir hinterher, aber ich ließ mich nicht mehr von seinen Gemeinheiten beeindrucken. Ich wusste ja jetzt, dass er nichts dafür konnte. Ich lief direkt in Karins Arbeitszimmer und sprang auf ihren Schoß und von da aus auf ihre Tastatur. Ich konnte nicht riskieren, dass sie mich nicht ernst nahm. Aufgeregt fing ich an zu maunzen. Ihre Augen waren glasig. Sie schob mich mit einem Arm von der Tastatur und tippte mit der anderen Hand weiter auf den Tasten.

„Nett von dir, dass du mir helfen willst, Flint, aber ich schreibe meine Bücher lieber allein. Lass mich eben speichern, dann kümmere ich mich um dich.“

Waaaas? Ihr Sohn hatte Trollwut und sie dachte nur an ihr blödes Buch? Mit etwas mehr Nachdruck hüpfte ich erneut auf die Tastatur. Endlich klarte ihr Blick auf und sie sah mich an.

„Was hast du denn?“, fragte sie und musterte mich mit gerunzelter Stirn an.

„Ben! Ben!“, maunzte ich, aber mir war klar, dass sie mich nicht verstehen konnte. Sie verstand nur Miau miau. Verdammt. Was sollte ich jetzt machen? Ben brauchte dringend einen Arzt. Ich betrachtete die Tastatur und überlegte, ob ich ihr schreiben konnte, was ich meinte, aber leider konnte ich nicht schreiben. Vielleicht konnte ich sie irgendwie dazu bringen, zu Ben zu gehen, damit sie selbst sah, dass er Schaum vor dem Mund hatte. Also sprang ich wieder vom Schreibtisch und lief zur Tür. Ich maunzte und sah sie herausfordernd an. Karin lachte.

„Was hast du denn, Kätzchen? Willst du mir etwas zeigen?

Ja! Ja! Ja! Zweifelnd drehte sie sich zurück zum Monitor. Offenbar überlegte sie, ob sie nicht doch lieber weiterschreiben sollte. Ich maunzte ein weiteres Mal, und sie blickte mich wieder an.

„Also gut“, sagte sie. „Ich könnte ohnehin eine Pause vertragen. Was willst du mir denn zeigen?“

Ich lief in den Flur und weiter zum Badezimmer. Da stand Ben mit freiem Oberkörper vor dem Spiegel und fuhr sich mit einem Stück Watte über das Gesicht. Er hatte keinen Schaum mehr vorm Mund und sah überhaupt ziemlich gesund aus.

„Oh“, machte Karin. „Flint wollte wohl, dass ich dir noch gute Nacht sage.“

Ben drehte sich zu uns um und betrachtete erst seine Mutter und dann mich.

„Er heißt Pod“, sagte er, und ich erschauderte innerlich. Ich wollte nicht Pod heißen! Noch etwas, das ich diesen dummen Menschen einfach nicht begreifbar machen konnte.

„Wie auch immer“, meinte Karin. „Schlaf gut, ja?“

„Mach ich“, brummelte Ben und warf das Stück Watte in den Mülleimer. Ohne ein weiteres Wort an seine Mutter oder mich ging er wieder in sein Zimmer. Diesmal war er aber so nett, die Tür für mich einen Spalt weit offen zu lassen. Ich huschte hinter ihm her und verkroch mich unter seinem Bett, um in Ruhe nachzudenken. Ben setzte sich auf das Bett und kurze Zeit später ließ er seine Hose zu Boden fallen. Erst jetzt sah ich, dass seine Beine komisch waren. Das eine war ein ganz normales Menschenbein. Das andere war viel dünner. Nur der Fuß sah echt aus, roch aber kein bisschen nach Mensch. Kurze Zeit später erkannte ich auch warum. Es war kein echtes Bein. Es war ein künstliches und Ben legte es zum Schlafen ab. Vorsichtig reckte ich meinen Kopf unter dem Bett heraus und sah ihn fragend an. Er nickte. Offenbar hatte er mich wenigstens einmal verstanden.

„Ja“, sagte er. „Ich habe auch ein Bein verloren. So wie du.“

Kapitel 10

Wie am Morgen betrachtete Ben seinen Stumpf und versank in deprimierenden Überlegungen. Schließlich griff er zur Salbe und begann, die hässliche schrumpelige Haut einzucremen. Und irgendwie schlich sich Yuki in seine Gedanken. Yuki oder irgendein anderes Mädchen. Oliver sprach oft und gern von Mädchen, obwohl er keine feste Freundin hatte. Er prahlte damit, dass sie alle gern mal mit ihm ausgehen würden. Aber Ben wusste, dass sie vor der gleichen Hemmschwelle standen. Sollte er einem Mädchen einmal näherkommen, würde er sich niemals – absolut und überhaupt nie niemals! – vor ihr ausziehen können. Allein die Vorstellung, dass ein süßes Mädchen seinen Stumpf sah, löste heftigen Widerwillen in ihm aus. Und das hieß im Umkehrschluss, dass es für ihn kein Mädchen geben würde. Kein Flirten, kein Verlieben. Da machte er lieber von vornherein einen Bogen um die Mädchen. Und auch Yuki sollten sie so schnell wie möglich loswerden. Morgen würde er mit Oliver darüber reden und er würde sicher seiner Meinung sein. Bloß, wie sie Yuki das erklären sollten, wusste er noch nicht. Aber da würde sich schon eine Lösung finden.

Er streckte sich auf dem Bett aus und zog die Decke über sich. Zum Glück war Donnerstag. Noch ein Tag Schule, dann war endlich Wochenende. Er war gerade am Einschlafen, als etwas mit einem großen Plumps auf seinem Bauch landete. Erschrocken setzte er sich auf, griff danach und schnappte ein warmes, schnurrendes Fellbündel.

„Oh. Tripod! Nein, das geht nicht. Du kannst nicht auf meinem Bauch schlafen!“

Es folgte gemaunzter Protest, aber Ben ließ sich nicht erweichen. Am liebsten hätte er die Katze ganz rausgeworfen, aber er hatte die Prothese schon abgelegt und nur auf einem Bein und Krücken wollte er nicht einmal zur Tür gehen. Es reichte schon, dass er den blöden Stumpf zweimal am Tag waschen und eincremen musste. Am liebsten hätte er die Prothese niemals abgelegt, um sich selbst die Illusion zu erhalten, er hätte noch zwei Beine. Mit festem Griff packte er die Katze und setzte sie bestimmt am Fußende des Bettes ab.

„Du kannst da unten schlafen, wenn es denn unbedingt sein muss. Und jetzt lass mich in Ruhe, ich habe morgen Schule.“

Seltsamerweise fügte sich der Kater und unternahm keinen weiteren Kuschelversuch.

Viel zu früh am Morgen klingelte der Wecker. Ben musste immer ein wenig früher aufstehen, weil die Stumpfpflege und das Anlegen der Prothese mehr Zeit beanspruchten als eine eilige Dusche. Er setzte sich auf und stellte fest, dass Tripod immer noch am Fußende des Bettes lag.

„Bleib ruhig liegen“, sagte er zu der Katze. „Ich muss sowieso in die Schule.“

Er schnappte sich seine Krücken und humpelte ins Bad. In der Dusche stand ein Plastikstuhl für ihn bereit. Anfangs hatte Mama noch überlegt, das Bad behindertengerecht umbauen zu lassen, aber das hätte ein Vermögen gekostet und während der Reha hatten sie gemerkt, dass das gar nicht notwendig war. Er kam gut zurecht, war jung und kräftig und selbst wenn er einmal stürzen sollte, wäre das … Ben grinste bitter … kein Beinbruch. Er nahm sich vor, einmal eine Liste von diesen Zweibeinerredewendungen anzulegen. Immer wieder stolperte er über noch eine und noch eine.

In seinem Zimmer wiederholte er die Pflegeprozedur vom Abend und legte seine Prothese an. Dann kam die Hose drüber und er sah wieder aus wie ein normaler, gesunder Junge. Tripod döste immer noch. Ganz automatisch ging Ben zu ihm und kraulte ihn im Nacken. Der Kater öffnete müde ein Auge, fing halbherzig an zu schnurren und schlief weiter.

„Bis nachher, Pod. Mach dir einen schönen Tag und halt meine Mama ein bisschen auf Trab. Die kann das vertragen.“

Er schnappte sich seinen Schulrucksack und schlurfte hinunter in die Küche, wo Mama vor einem extragroßen Becher Kaffee saß und kaum die Augen aufbekam.

„Lange Nacht gehabt?“, fragte er. Sie schaute ihn an, als würde sie mit ihrem Blick sein Gehirn rösten wollen.

„Wenn du dir angewöhnen könntest, zu Fuß zur Schule zu gehen, müsste ich nicht so verdammt früh aufstehen.“

Ben wandte sich schnell zum Schrank und nahm die Cornflakes heraus. Oha, Mama in Bestlaune. Ab und zu kam es mal vor, dass sie zurückschoss und nicht wie sonst Kuschelkurs fuhr. Besonders morgens, wenn sie müde war. Seine Mutter war alles, nur kein Morgenmensch. Vor zehn Uhr konnte man sie vergessen. In der Grundschule war Ben dauernd zu spät gekommen, bis er angefangen hatte, sich selbst einen Wecker zu stellen und allein zur Schule zu gehen. Und so hatte er das fortan immer gemacht. Ja, immer, bis zu diesem einen schicksalhaften Tag … Er schüttete die Cornflakes in eine Schale, gab Milch darüber und löffelte sein Frühstück schweigend in sich hinein. Er hoffte, dass Mama besser drauf war, wenn er aus der Schule kam. Immerhin war Freitag, und morgen konnte sie so lange schlafen, wie sie wollte.

Die Fahrt zur Schule verlief genauso schweigsam wie das Frühstück. Mama wirkte so müde, dass er sie am liebsten nicht hätte Auto fahren lassen, aber das hätte im Umkehrschluss bedeutet, laufen zu müssen. Freitags war der Schultag zum Glück kürzer und seine Mitschüler schienen im Gegensatz zu seiner Mutter echt gute Laune zu haben und ließen ihn in Ruhe. Mama war auch besser gelaunt, als er nach der Schule zu ihr ins Auto stieg.

„Ich habe ein Geschirr für Flint gekauft“, erzählte sie. „Dann kannst du mit ihm spazieren gehen.“

Einen Augenblick überlegte er, wer zur Hölle Flint war. Dass sie jetzt eine Katze hatten, war irgendwie noch nicht in seinem Gehirn angekommen. Sowie offenbar noch nicht in Mamas Gehirn angekommen war, dass er den Kater umbenannt hatte. Nun kannte er sich zwar nicht so gut mit Katzen aus, aber dass man mit ihnen Gassi gehen musste, hörte er zum ersten Mal.

„Kann so eine Katze nicht allein rausgehen?“, fragte er Mama verwundert, und sie sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Sie fuhr auf ihre Auffahrt und während sie darauf wartete, dass das Garagentor offen war, drehte sie sich zu ihm um und legte eine Hand auf seinen Arm.

„Sicher können Katzen auch allein rausgehen. Und dann werden sie von einem Auto überfahren und sind tot. Und erzähl mir nicht, wie unwahrscheinlich das ist. Du solltest am allerbesten wissen, wie schnell man unter einem Auto liegt!“

Ben schluckte auf einmal über einen Berg. Sie hatte natürlich Recht, aber er hatte einfach noch nicht die Bindung zu der Katze wie seine Mutter, die den kleinen schwarzen Kater offenbar instant in ihr Herz geschlossen hatte. Trotzdem wollte er natürlich nicht, dass der Kater von einem Auto überfahren wurde.

Dass er allerdings mit ihm spazieren gehen sollte, passte ihm auch nicht wirklich. Er hoffte, dass sie das vergessen hatte, sobald sie im Haus waren. Er konnte es nämlich kaum erwarten, sich ins Spiel einzuloggen und zu erfahren, wie hoch Yukis Level inzwischen war. Und das, obwohl er sich nur ein paar Stunden zuvor den Kopf darüber zerbrochen hatte, wie sie das Mädchen loswerden konnten.

Aber Mama hatte sich scheinbar in den Kopf gesetzt, dass er spazieren gehen sollte. Kaum hatte er sein Mittagessen verdrückt, hielt sie ihm das Geschirr hin. „Leg es ihm einfach mal an. Ich will nur gucken, ob es ihm gefällt.“

Ben nahm das Geschirr an sich und sah sich suchend nach dem Kater um. Er konnte ihn nirgendwo entdecken.

„Och schade“, heuchelte er. „Der Kater hat wohl keine Lust. Keine Ahnung, wo der wieder steckt.“

Seine Mutter sah ihn streng an.

„Flint liegt in deinem Bett und wartet darauf, dass du nach Hause kommst. Da liegt er schon den ganzen Tag. Los, geh nachsehen!“

„Na gut“, murrte er und verließ die Küche. Tatsächlich lag Tripod noch an der gleichen Stelle wie am Morgen. Es sah fast so aus, als hätte er sich kein Stück bewegt. Ben fuhr erst einmal den Rechner hoch, bevor er sich an den Kater wandte: „Mama hat gesagt, wir sollen spazieren gehen. Aber du hast doch bestimmt auch keine Lust, oder?“

Zu seinem Leidwesen war der Kater sofort hellwach, kam zu ihm und beschnüffelte neugierig das Geschirr.

Na super, dachte Ben. Da hatte sich seine Mutter ja einen feinen Komplizen gesucht.

Kapitel 11

Den ganzen Tag lang hatte ich geschlafen und darauf gewartet, dass Ben zurückkam. Ich wusste nicht, was Schule war, doch es bedeutete offenbar, dass man in der Zeit nicht zuhause war. Jetzt war er wieder da und hatte mir etwas mitgebracht. Es waren mehrere miteinander verbundene Gurte. Ich hatte keine Ahnung, was das sollte, aber ich war ganz brav, als er mir die Gurte umlegte. Ich war ja sowieso ein braver Kater und außerdem war es meine Mission, Ben glücklich zu machen. Also hielt ich ganz still, obwohl ich das Ding irgendwie blöd fand. Klick, klick und klick machten die Verschlüsse. Zum Schluss befestigte Ben noch einen langen Gurt an einem Ring in meinem Nacken. Jetzt hob er mich hoch und trug mich zu einem Spiegel.

„Na also“, sagte er. „Sieht doch ganz schick aus!“

Er hatte Recht! Das Blau stand mir wirklich ausgezeichnet und ich war ziemlich zufrieden. Auch, wenn ich immer noch nicht so richtig wusste, was das sollte. Ben setzte mich auf dem Boden ab, und ich drehte stolz ein paar Runden vor dem Spiegel und betrachtete mich von allen Seiten. Plötzlich stand Karin in der Tür.

„Hui! Hat er das etwa gleich angenommen?“

„Anscheinend“, meinte Ben. „Ich glaube sogar, es gefällt ihm. Vielleicht gehen wir doch ein bisschen raus.“

Raus? Etwa aus dem Haus? Ich erstarrte und meine Beine knickten ein. Ich drückte meinen Bauch ganz fest auf den Boden und überlegte, ob ich fortrennen und mich unter Bens Bett verstecken sollte, aber ich war zu keiner Bewegung mehr fähig. Ben bemerkte meine Anspannung und ging neben mir in die Hocke. Ich konnte sein falsches Knie surren hören, was mir nie zuvor aufgefallen war.

„Was hast du denn, mein Kleiner?“, fragte er ganz sanft. „Hast du Angst vor dem Draußen?“

Er hob mich hoch und drückte mich fest an sich. Aber gerade wollte ich nicht getragen werden. Was, wenn er mich jetzt nach draußen trug? Was, wenn dort draußen alles voller großer gelber Maschinen war, die mich auffressen wollten? Ich fing an zu zappeln und schnappte mit den Zähnen nach Bens Ärmel, damit er mich losließ. Endlich! Bens Griff lockerte sich und ich sprang von seinem Arm. Kaum auf dem Boden aufgekommen, rannte ich los, da fuhr ein Ruck durch meine Glieder. Die Leine! Ich hörte Ben etwas rufen, aber ich war zu durcheinander, um die Worte zu verstehen. Endlich ließ er die Leine los und ich verschwand in seinem Zimmer unter dem Bett. Mein kleines Herz pochte wie wild. Bens Gesicht tauchte in dem Spalt zwischen Bettrahmen und Boden auf.

„Ist ja schon gut, Kätzchen“, wisperte er. So liebevoll hatte seine Stimme mir gegenüber noch nie geklungen. Ich drückte mich trotzdem weiterhin flach auf den Boden und guckte ihn misstrauisch an. „Komm wieder raus, ja? Dann kann ich das Geschirr abmachen.“

Ich schüttelte mich und die Ringe des Geschirrs klimperten. Rückwärts bewegte ich mich von ihm fort, bis ich die Wand am Rücken spürte.

„Wir können auch erst einmal nur in den Garten gehen“, schlug er vor. „Unser Garten ist winzig klein. Es ist ein Zaun drum und die nächste Straße ist weit weg. In unserem Garten kann dir nichts passieren. Das verspreche ich dir!“

Ich mochte, wie Bens Stimme klang. Gar nicht so missmutig wie sonst. Dafür positiv und fröhlich. Das gefiel mir. Ich dachte an meine Mission. Ben glücklich machen. Minuten vergingen, in denen wir uns nur ansahen und ab und zu zwinkerten. Ich vertraute Ben. Er würde bei mir sein. Er hatte versprochen, dass mir nichts passierte. Schließlich wagte ich mich langsam unter dem Bett hervor. Ben streichelte mich und ich schnurrte, hauptsächlich, um mich selbst zu beruhigen. Schließlich hob er mich wieder hoch und trug mich die Treppe herunter. Statt zur Haustür gingen wir ins Wohnzimmer und Ben setzte mich vor der Terrassentür ab. Er setzte sich neben mich auf den Boden. Ich zitterte. Als ich das letzte Mal aus einem Fenster gesehen hatte, war ich vor Angst zusammengebrochen. Auch jetzt war die Angst wie eine schwere Last, die mich zu Boden drückte, doch ich hielt sie aus. Weil Ben neben mir saß.

„Siehst du?“, fragte er. „Das ist unser Garten. Dort hinten kann man den Zaun sehen. Rechts ist unsere Garage und erst dahinter ist eine Straße. Links geht es in den Garten der Nachbarn. Und nach hinten raus ist nur ein kleiner Fußweg und auf der anderen Seite sind weitere Gärten. Wir haben unser kleines Apfelbäumchen, Mamas Blumen und ein paar Beerensträucher. Und natürlich den Rasen.“

Es sah so schön aus im Garten! Ich musste an meine Mama und an meine Geschwister denken. An das Gefühl von Gras unter den Pfoten. Ich hatte Sehnsucht nach dem Draußen. Auf einmal vermisste ich es so sehr. Ich sah Ben an, und er fing meinen Blick auf. Er nickte mir zu, reckte seine Hand nach oben und drehte an einem Hebel. Er schob die Terrassentür nur einen Spalt weit auf und ein Hauch frische Luft wehte ins Haus. Ich schnupperte. Es roch anders als zuhause. Kein Wunder. Wir waren ja auch in der Stadt. Neben mir stand Ben langsam auf. Er hatte die Leine fest im Griff. Durch sie fühlte ich mich mit ihm verbunden. Er schob die Tür weiter auf. Ich war überwältigt von dem Wind, von den Gerüchen, die meine Schnurrhaare zum Vibrieren brachten. Vorsichtig, Pfote für Pfote, wagte ich mich voran und trat über die Türschwelle. Hier war die steinerne Terrasse. Es gab einen Tisch und zwei Stühle. Ben ließ die Tür hinter uns offen, so dass ich jederzeit zurück ins sichere Haus rennen konnte. Aber die Anspannung fiel langsam von mir ab. Der Garten war viel zu klein für die großen gelben Maschinen, und Ben war bei mir und passte auf mich auf. Nachdem wir uns ein wenig vom Haus entfernt und das kleine Stück Wiese betreten hatten, fing ich an, andere Gerüche wahrzunehmen. Andere Katzen, die wohl hin und wieder durch den Garten liefen. Hunde, die hinter dem Zaun entlang gegangen waren. Wir erreichten den kleinen Apfelbaum und mit einem Mal war ich hellwach. Da! Ein kleiner Vogel saß auf einem Ast. Ich spannte alle meine Muskeln an. Er saß zu weit oben. So kam ich nicht an ihn heran. Ich keckerte und Ben blieb neben mir stehen.

„Was hast du denn?“, fragte er, und ich sah ihn kurz an, dann ging mein Blick direkt zurück zu dem kleinen Vogel, der von seinem Ast zu mir herunterblickte und mich mit seinem Gesang verhöhnte.

„Warum bist du denn angeleint, Kätzchen?“, zwitscherte der Vogel. „Ha, sei froh! Du würdest nur auf den Baum klettern und nicht mehr runterfinden. Katzen sind so doof!“

Er setzte einen Schiss ab, spreizte die Flügel und flog davon. Ich guckte hinterher und war ein bisschen beleidigt, aber was sollte ich auch erwarten von einem dummen Vogel? Gegen meine Mama hätte der Piepmatz jedenfalls keine Chance gehabt. Wir gingen weiter bis zum Zaun und plötzlich roch ich einen Hund. Wieder blieb ich stehen. Der Hund befand sich hinter dem Zaun. Er blickte im gleichen Moment auf wie ich und fing an zu kläffen.

„Hey du!“

Der Hund war ganz aufgeregt, aber er wirkte nicht aggressiv. Eher, als würde er sich tierisch freuen, mich zu sehen. Ich war auch aufgeregt. Alles war so neu und ich freute mich, mal wieder ein paar Tiere zu sehen, nicht bloß Menschen. Ab und zu musste man sich halt auch unterhalten können und Menschen hörten einfach nicht zu. Der Hund hatte zwei Menschen an seiner Seite. Ein Mädchen und einen Jungen. Das Mädchen hatte bunte Haare. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Aber sie schien nett zu sein. Der Junge hatte braune, verwuschelte Haare. Er war ein bisschen älter als Ben, aber nicht viel. Der Hund begrüßte mich und wir beschnüffelten uns durch den Zaun.

„Ich heiße Alfons“, sagte er. „Und wer bist du?“

„Flint Tripod“, stellte ich mich vor. Darauf, was unsere Menschen taten, achtete ich jetzt nicht mehr.

„Bist du neu hier?“, fragte Alfons.

„Ja, ich bin gerade erst hergezogen.“

„Warum gehst du denn an der Leine?“

Es schien wirklich ungewöhnlich zu sein, dass Katzen an der Leine gingen. Der Hund trug auch eine Leine, aber ich gab die Frage nicht zurück.

„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Karin und Ben wollten das so.“

„Sind Karin und Ben deine Menschen?“

„Ja. Und wie heißen deine?“

„Mein Mensch heißt Jonas. Er kann die Tiersprache verstehen.“

Ich machte große Augen. Alfons sah ehrlich aus, aber ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. So einen Menschen hatte ich noch nie getroffen! Tante Tanja hatte meistens genau gewusst, was ich mir gerade wünschte. Ich hatte ihr begreiflich machen können, wann ich Hunger hatte, wann ich aufs Klo musste und wann ich kuscheln wollte, aber ich wusste, dass sie nicht wirklich verstehen konnte, was ich gesagt hatte. Wenn Alfons‘ Mensch das tatsächlich konnte, wäre das wunderbar. Dann könnte ich ihn nach der Trollwut fragen! Ich schaute zu den Menschen auf, die sich ebenfalls unterhielten. Worüber hatte ich nicht mitbekommen. Ich überlegte, wie ich Jonas auf mich aufmerksam machen konnte und versuchte es, indem ich einfach seinen Namen maunzte. Sofort guckte er mich an und mein Herz machte einen Satz. Er konnte es tatsächlich!

Kapitel 12

Ben folgte Tripod mit einem flauen Gefühl im Magen hinaus in den Garten. Obwohl er dem kleinen Kater eben noch gut zugeredet hatte, wünschte er jetzt, er hätte sich nicht hinaus getraut, auch wenn es nur in den Garten ging. Was, wenn Pod sich erschreckte und sich losriss? Würde er ihn halten können? Er hatte im Haus schon gemerkt, wie viel Kraft in dem winzigen Tier steckte und er wollte ihm ja auch nicht wehtun. Tripod war immer noch sichtlich aufgeregt, wirkte jetzt aber kaum mehr ängstlich. Er tapste immer ein paar Schritte voran und blieb dann stehen, um zu schnüffeln oder sich umzuschauen. Einmal setzte er sich hin und keckerte einen Vogel an, der im Baum über ihm saß. Ben hatte eine Katze noch nie so ein Geräusch machen hören und fragte sich, was das wohl bedeutete. Aber er war schon froh, dass Tripod sich nicht losriss und auf den Baum kletterte, um den Vogel zu fangen. Vielleicht war er aufgrund seines fehlenden Beines ein wenig ruhiger als andere Katzen. Als sie weitergingen, entdeckte Ben auf der anderen Seite des Zauns zwei bekannte Gesichter. Jonas, der Tierflüsterer, war zusammen mit seiner Freundin Delilah unterwegs. Er führte seinen Mops spazieren. Die beiden waren eine Klasse über Ben, aber jeder kannte sie. Jonas galt als Freak, jedoch wagte niemand, ihn zu ärgern. Eine Zeitlang war das Mobbing gegen ihn und seine Freundin wohl so stark gewesen wie jetzt gegen Ben. Gerüchten zufolge hatte Daniel, der Schulschläger, ihm mit seiner Gang einmal aufgelauert. Sie wollten ihn zusammenschlagen, aber noch bevor sie damit beginnen konnten, war Daniels Dobermann plötzlich auf sein Herrchen losgegangen. Daniel musste mit dreizehn Stichen genäht werden und ließ Jonas und seine Freundin seitdem in Ruhe. Getuschelt wurde über Jonas trotzdem. Er war seltsam. Ständig hing er im Zoo rum, war dauernd umgeben von Tieren, selbst auf dem Schulhof. Sie kamen von überall her. Das war echt schräg und hatte was von Dr. Doolittle oder einem Disneyfilm. Jonas ging mit dem Getuschel gelassen um. Um seine Gelassenheit beneidete Ben ihn ein wenig. Trotzdem konnte er auf Kontakt verzichten.

Zu spät! Delilah hatte ihn entdeckt, deutete auf Tripod und sprach ihn an: „Hi Ben!“

Natürlich kannte auch jeder an der Schule Bens Namen. Ben Einbein. Tja, mit so 'ner schicken Hightech-Prothese war man bekannt wie ein bunter Hund. Er bekam ein flaues Gefühl im Magen, als Delilah ihn ansprach. Sie war heiß! Sie trug immer kurze Röcke und knappe Oberteile und ihre knallbunten Haare waren legendär. Zurzeit waren sie violett.

„Das ist aber ein süßes Kätzchen!“, sprach sie weiter und ging in die Knie, um Tripod durch den Zaun hindurch zu streicheln. „Wie hat sie denn ihr Bein verloren?“

„Er“, korrigierte Ben und zuckte die Schultern. „Das weiß ich nicht so genau. Eine Freundin meiner Mutter hat ihn gefunden, gesundgepflegt und mir gestern vorbeigebracht.“

Eigentlich wollte ich keine Katze, wollte er noch hinterherschieben, aber Delilah hatte Herzchen in den Augen und da konnte es nicht schaden, so zu tun, als würde er die Katze ebenfalls mögen.

„Wie heißt er denn?“, fragte Delilah.

„Er heißt Tripod.“

Tripod maunzte, und Jonas fing an zu lachen.

„Also, er behauptet, er heißt Flint.“

Ben sah ihn entgeistert an. Okay, das Getuschel war nicht übertrieben. Der Junge hatte wirklich einen an der Waffel. Aber … aber wie konnte er wissen, dass der Kater eigentlich Flint hieß? Ben wurde ganz mulmig zumute. Unbehaglich sah er sich um und suchte nach einer Ausrede, um sich aus dem Staub zu machen. Tripod wurde auch ganz hibbelig und maunzte wie verrückt. Da ging auch Jonas neben ihm in die Knie und streichelte ihn. Wieder musste der seltsame Junge lachen. Er sah zu Ben auf und fragte: „Hast du ihn gestern zugucken lassen, als du deine Zähne geputzt hast?“

„Ja“, antwortete Ben verwirrt, und Jonas richtete sich wieder auf, immer noch lachend.

„Er denkt, du hast Trollwut, weil du Schaum vor dem Mund hattest.“

„Trollwut?“, wiederholte Ben entgeistert. „Was soll das denn sein?“

„Ich nehme an, er meint Tollwut“, vermutete Jonas, beugte sich wieder zu dem Kater herunter. „Ben ist vollkommen gesund, Flint. Das machen Menschen ab und zu. Sie putzen sich die Zähne und dabei schäumt es. Das muss dir aber keine Angst machen.“

Tripod schien daraufhin sehr erleichtert zu sein. So sah es zumindest aus, oder aber Ben fing allmählich ebenfalls an, den Verstand zu verlieren.

„Also …“, murmelte er. „Ich muss dann mal zurück. Wir sind jetzt schon ziemlich lange draußen. Also … ja dann … schönes Wochenende noch.“

„Das wünsche ich dir auch!“, rief Delilah fröhlich, aber Ben hatte jetzt keinerlei Ambitionen mehr, sie anzuschmachten. Immerhin war sie mit diesem seltsamen Vogel zusammen. Da hielt man lieber Abstand. Ben machte kehrt und zog Tripod mit sich, der wohl gern noch ein wenig länger bei den beiden und ihrem Hund geblieben wäre. Als es ihm zu dumm wurde, die Katze hinter sich herzuzerren, nahm er sie auf den Arm und trug sie zurück ins Haus. Es wurde dringend Zeit, sich auf Maira einzuloggen. Für heute hatte er genug von der so genannten realen Welt!

Zurück im Haus hörte er Mama auf ihrer Tastatur herumhacken. Die war also beschäftigt und wenn sie gerade im Flow war, wollte sie meistens auch nicht gestört werden. Tripod machte sich über sein Fressen her. Offenbar hatte der Ausflug ihm Hunger gemacht. Er ließ sich nicht einmal davon stören, dass Ben ihm das Geschirr abnahm, sondern knusperte einfach weiter sein Trockenfutter. Ben musste lächeln. Irgendwie war der Kater ja ganz süß.

„Ich bin in meinem Zimmer, falls du mich suchst. Ich lasse die Tür diesmal auch offen.“

Er kam sich ein bisschen dämlich dabei vor, mit der Katze zu reden, die sich auch mehr für ihr Fressen interessierte als dafür, was Ben ihr erzählte. Ben musste noch einmal lächeln. Verfressenes Vieh! Die seltsame Begegnung mit der Knalltüte Jonas und dessen Freundin schob er weit von sich. Er ging in sein Zimmer und startete erst Teamspeak, dann das Spiel.

„Hi Ben!“, grüßte Oliver. „Hattest du heute länger Schule? Hab dich schon vermisst.“

„Hi Ben“, sagte auch Yuki. Ben verzog den Mund. Die wurden sie wohl nicht mehr los. Aber vermutlich wollte Oliver das auch gar nicht. Und er? Als er Yukis Stimme hörte, durchlief es ihn heiß. Vielleicht wollte er sie in Wirklichkeit auch nicht loswerden.

„Hi Oli, hi Yuki. Ich musste noch mit der Katze Gassi gehen.“ Oliver prustete los, und Ben hörte Yuki kichern. Sie hatte ein schönes Lachen. Ben ließ sich anstecken und lachte mit. „Und was habt ihr so getrieben?“

„Ein bisschen gelevelt und Geld verdient, damit Yuki sich auch bald ein Pferd kaufen kann.“

Ben loggte sich ins Spiel ein und spawnte im Gildenhaus. Verlassen und leer. Klar. Es war Freitag. Da lief der große Arenakampf.

„Wo seid ihr denn?“, fragte Ben und rief die Schnellreisekarte auf.

„Im Wissenden Gebirge“, informierte ihn Oliver.

Ben runzelte die Stirn. Yuki musste tatsächlich gut gelevelt haben, während er in der Schule gewesen war. Mit ihrem Level von gestern hätte sie das Gebirge jedenfalls nicht betreten können.

„Ich komme zu euch“, sagte er. „Habt ihr den Höhlentroll schon besiegt?“

„Wir wollten auf dich warten“, erwiderte Yuki, und wieder durchlief es Ben ganz warm. Oh Mann, das war nicht gut. Oliver war bestimmt an Yuki interessiert. Er sollte ihm den Vortritt lassen. Immerhin hatte er sie ins TS eingeladen. Er wählte das Gebirge aus und landete nach kurzer Ladezeit in der Schiefen Hütte, einer Gaststätte im Wissenden Gebirge. Hier war wie immer viel los und die Schrift scrollte nur so durch das Chatfenster. Gruppengesuche, Tausch- und Kaufanfragen, aber auch einfaches Gelaber. Yuki und Oliver standen am Kamin, als müssten sie sich wärmen.

„Da bin ich“, sagte Ben. „Wollen wir gleich los oder müsst ihr noch einkaufen?“

„Wir können gleich los“, erwiderte Yuki. „Es sei denn ihr wollt noch ein bisschen quatschen.“

Ben staunte nicht schlecht über ihren Level und ihre neue Rüstung. Sie musste die halbe Nacht durchgezockt haben, um so weit zu kommen. Ihm fiel ein, dass sie ihm erzählt hatte, dass sie krank sei. Aber sollte sie dann nicht lieber schlafen, um sich auszukurieren?

„Nee, lasst uns loslegen“, sagte Oliver. „Ich habe heute nicht so viel Zeit. Ich gehe nachher noch auf eine Party.“

Bens Brust zog sich zusammen. Eifersucht. Das war ihm nicht neu. Oliver war sein bester Freund und hielt immer zu ihm. Dennoch war Ben neidisch darauf, wie gut es bei ihm lief. Oliver wurde von seiner Klasse akzeptiert, wurde auf Partys eingeladen, flirtete mit Mädchen. Und er selbst? Er verkroch sich in seinem Zimmer und war schon froh, wenn er mal einen Tag lang nicht mit Papierkügelchen beworfen und verspottet wurde. Natürlich gönnte er Oliver sein Glück und er hätte ihn seine Eifersucht nie spüren lassen. Doch sie war da und nagte an ihm.

Als sie die Hütte verließen, schlüpfte Tripod in Bens Zimmer. Ben zuckte zusammen, als er links neben sich den Schatten sah. Er war noch nicht daran gewöhnt, ein Haustier zu haben. Der Kater betrachtete kurz den Monitor, dann wandte er sich ab und sprang aufs Bett. Ben bewunderte ihn für seine Geschmeidigkeit. Obwohl dem Kater ein Bein fehlte, kam er super zurecht. Er erinnerte ihn ein bisschen an Oliver, der ja die Prothese ablehnte und trotzdem mit Tempo durchs Leben ging. Ben schüttelte den Kopf. Er wollte jetzt nicht über verlorene Beine nachdenken. Er war in Maira, und hier hatte er zwei gesunde Beine. Außerdem wartete ein Höhlentroll auf ihn!

Kapitel 13

Als ich ins Zimmer kam, saß Ben wieder an seinem Computer. Er warf mir nur einen kurzen Blick zu, dann schaute er wieder auf seinen Monitor. Trotzdem war ich zufrieden. Ich hatte es mir schwieriger vorgestellt, Bens Zuneigung zu gewinnen. Dabei hätte ich inzwischen wissen sollen, wie Menschen auf Katzen reagieren. Haltet euch fern von den Menschen, hatte Mama immer gesagt und uns Horrorgeschichten erzählt von Katzen, die in Käfige gesperrt wurden. Aber Tante Tanja hatte mich eines Besseren belehrt. Oft waren die Nachbarskinder zu Besuch gekommen und hatten mit mir gespielt. Auch Freundinnen von Tante Tanja hatten mich besucht. Und die Reaktion war immer gleich: pures Entzücken. Ben hatte zwar eine harte Schale, aber auch er konnte dem Charme einer Katze nicht widerstehen. Es war schon fast zu einfach gewesen, obwohl ich noch längst nicht am Ziel war. Aber immerhin, der Anfang war geschafft.

Ich sprang auf Bens Bett und rollte mich zusammen, aber immer wieder zog das Fenster meinen Blick auf sich. Als ich das letzte Mal auf eine Fensterbank gesprungen war, war die Angst so mächtig gewesen, dass alles um mich herum schwarz geworden war. Doch heute war ich draußen gewesen. In einem Garten. Und ich wusste jetzt, dass all das Böse, das Große und das Laute von draußen nicht hinein kam. Hinter der Scheibe war ich sicher. Und ich war neugierig. Ich wollte wissen, was es dort draußen zu sehen gab. Also nahm ich meinen Mut zusammen und sprang vom Bett auf die Fensterbank.

Durch das Fenster konnte ich einen kleinen Weg sehen. Gegenüber lag ein weiteres Haus. Ich konnte ganz viele Häuser sehen, die irgendwie aneinander klebten. Sie erinnerten mich ein bisschen an einen Tannenzapfen. Es sah friedlich aus, diese kleinen Rasenstücke mit den Blumen, die bunten Türen und Fenster. So viele Menschen, die hier wohnten, und keine gelben Monster weit und breit. Ich dachte an Jonas, der die Sprache der Tiere verstehen konnte und fragte mich, wie er sie wohl gelernt hatte. Ich konnte mir vorstellen, dass alle Menschen es könnten, wenn sie nur besser zuhören würden. Aber vielleicht irrte ich mich auch. Was wusste ich schon von diesen Dingen? Zumindest hatte er mir die Angst vor der Trollwut genommen.

Das aus dem Fenster Sehen machte mich müde. Schließlich sprang ich von der Fensterbank zurück auf Bens Bett, rollte mich am Fußende zusammen und machte ein Nickerchen. Ben würde bestimmt noch eine ganze Weile vor seinem Computer sitzen, und ich verpasste nicht viel. Bevor ich einschlief, dachte ich noch darüber nach, Karin einen Besuch abzustatten, aber als ich eben vom Fressen gekommen war, hatte sie ebenfalls vor ihrer Kiste gesessen. Also legte ich eine Pfote über meine Augen und döste ein. Immerhin hatte ich hier eine wichtige Mission und musste ausgeruht sein.

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