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Gregor Schorberger
Gregorsbriefe
Ein schwuler Seelsorger im Dialog
mit seinem Vater

Autobiografie
Inhaltsverzeichnis
1 Gregors Briefe
2 Teil I: 1947 – 1973Selbstfindung oder Anders als die AnderenBrief über den Anlass meines SchreibensBrief über die KindheitBrief über die SchulzeitBrief über die Zeit als PostlehrlingBrief über die Zeit als AbendgymnasiastBrief über die Ordenszeit als Kleiner Bruder JesuBrief über die Zeit als Theologiestudent in Freiburg
3 Teil II: 1973 – 1992Coming-out oder Wege in die EmanzipationBrief über die Zeit als KrankenpflegeschülerBrief über die PastoralassistentenzeitBrief über die Zeit als MotorradfahrerBrief über die Zeit als Seelsorger mit AIDS-Kranken
4 Teil III: 1992 – 2020Vertrauen oder Das eigene Selbst lebenBrief über die eingetragene LebenspartnerschaftBrief über die Zeit als SehlehrerBrief über die Zeit als MärchenerzählerBrief über die Zeit mit ehrenamtlichen Seelsorger*innenBrief über die Zeit des Unterwegsseins als schwuler ChristBrief über die Zeit als TrauerseelsorgerBrief über die PilgerzeitBrief über die PatenschaftBrief über die Zeit als schwuler Aktivist
5 Nachwort: Stückwerk wie alles im Leben!
6 Danksagung
7 Bildtafeln
8 Biographisches
9 Impressum
Orientierungsmarken
1 Title Page
2 Inhaltsverzeichnis
Für
Burkhard Cramer
Elisabeth Schorberger, geb. Ruhl
Johann Schorberger, geb. Skorupa
Teil I: 1947 – 1973
Selbstfindung oder Anders als die Anderen
Brief über den Anlass meines Schreibens
Frankfurt am Main, 1. Februar 2016
Lieber Papa,
heute, am 1. Februar 2016, würdest Du 108 Jahre alt. Würdest Du in Frankfurt wohnen und noch leben, wärest Du einer von 240 Hundertjährigen, die Oberbürgermeister Peter Feldmann diesen Monat in den Römer eingeladen hat. Diesen freudigen Anlass nehme ich gerne wahr, um Dir nach langer Zeit wieder einmal zu schreiben. Du selbst hast ja gerne lange Briefe an uns geschrieben, wenn Deine reiselustige Ehefrau Lieb, wie Du sie zärtlich nanntest, mit uns drei Kindern irgendwo in Holland, Frankreich oder Deutschland in Urlaub war. Nun habe ich das gleiche Alter von 68 Jahren erreicht, in dem Du am 10. Juli 1976 in meinen Armen zu Hause in Essen-Karnap gestorben bist. Grund genug, auf unsere gemeinsame Zeit und, mich in Dir spiegelnd, auf die Jahre nach Deinem Tod bis heute zurückzublicken. Bestimmt bist Du, Papa, auch gespannt zu hören, was aus Deinem »Stammhalter« geworden ist, dieser damals wie heute phlegmatischen Person. Ich höre Dich noch am Küchentisch schimpfen: »Schon hundertmal habe ich Dir gesagt: Gregor, sitz gerade! Geistesabwesend wie Du wieder bist, ist alles vergebliche Mühe, Dir etwas zu sagen.«
Übrigens feiere ich heute auch das 23½jährige Zusammensein mit Burkhard, meinem Lebenspartner. Ja, Papa, Du hast am 12. Juli 1992 einen neuen Schwiegersohn erhalten. Du bist bestimmt völlig überrascht, diese Nachricht zu hören, dass Dein Sohn einen Mann in einem Standesamt und in einer katholischen Kirche geheiratet hat, bestand doch zu Deiner Zeit in der Bundesrepublik noch der von den Nazis verschärfte Strafparagraph 175a. Du hast als Polizist an der Hauptwache in Essen eher dienstlich mit homosexuellen Menschen zu tun gehabt. Hätte ich Dir Burkhard jedoch 1992, im ersten Jahr unserer Liebe, vorgestellt, Du hättest ihn genauso gastfreundlich aufgenommen, wie es Mama, Deine Töchter Christiane und Marlene sowie ihr Mann Karlheinz mit ihren drei Kindern getan haben.
Du siehst, ich habe Dir aus meiner Lebensgeschichte viel zu erzählen, Freudiges, Leidvolles und Dramatisches. Ja, es gibt eine ganze Palette gefühlvoller Lebensereignisse, voller bunter Farben, die zwischen Sonnen- und Schattenseiten stehen. Du selbst scheutest Dich nicht, Deine Gefühle zu zeigen, seien es Tränen der Freude bei der Weihnachtsbescherung oder Tränen der Trauer angesichts eines längeren Abschieds eines Deiner Kinder. Viele Erlebnisse, die ich Dir aus meiner Kindheit und Jugendzeit erzähle, sind Dir bekannt. Andererseits ist auch einiges für Dich neu, da ich Vergangenes vor allem unter homoerotischen und spirituellen Zusammenhängen aufspüren und aus der Perspektive des neuen Jahrtausends wiedergeben werde. Meine Briefe an Dich erzählen von der alten und der neuen Heimat, von Erinnerungen aus der Kindheit, Jugend- und Erwachsenenzeit, von familiären, wohngemeinschaftlichen, partnerschaftlichen, kirchlichen, politischen und gesellschaftlichen Ereignissen. Dabei hoffe ich, mir beim Erinnern klarer zu werden über mich, wer ich bin und warum ich gerade in dieser Zeit und an diesem Ort auf die Welt gekommen bin.
Eingedenk Eurer gerade überstandenen grauenhaften Kriegserlebnisse frage ich mich, ob Du, Papa, und Mama, als Ihr mich im Oktober 1946 gezeugt habt, noch ein Kind wolltet. An meinem Geburtstag, dem 13. August 1947, waren meine Schwestern Marlene eineinhalb und Christiane fünf Jahre alt. Im Januar 1944 hatte Mama – gut ein Jahr nach Christianes Geburt –, während der Bombenkrieg tobte, sehr früh ein Kind im Mutterleib verloren. Wer war eigentlich dieses mein Geschwisterkind? Wäre es ein Bruder oder eine Schwester geworden?
Ich wurde im Wohnhaus der Polizei in Essen-Karnap geboren, Karnaper Straße 87, mitten im Ruhrpott und umgeben von vielen Zechen. Mama wollte immer drei Kinder, und Du warst überglücklich, nach zwei Töchtern nun einen Stammhalter, wie es damals hieß, zu haben. Eure erste Zweizimmerwohnung lag direkt neben der Polizeiwache oberhalb einer Gefängniszelle. Sofort nach meiner Geburt im Sommer 1947 gab es heftigen Krach. Nicht aus der Polizeiwache kam der Lärm, sondern von Deinen Geschwistern, die extra aus Essen-Altenessen angereist waren, um an meiner Namensgebung mitzuwirken. Dein cholerischer Bruder Konrad wollte, dass ich seinen Namen bekomme, Deine stolze Schwester Hedwig unbedingt den Namen ihres Mannes Heinrich in mir verewigt sehen. So wurde ich einige Tage nach meiner Geburt auf den Namen Heinz-Gregor Konrad in der katholischen St. Marien-Kirche zu Karnap getauft. Ob Dir und Mama damals bewusst war, dass die Taufe ein großes Geschenk an jedes Neugeborene ist? Entsprechend dem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen habe ich als Getaufter und damit als eigenständige Person Teilhabe am priesterlichen, prophetischen und königlichen Dienst Christi. Im Gegensatz dazu sahst Du, Papa, mich als Deinen Besitz an. An Mama schriebst Du in einem Deiner täglichen Briefe aus dem Polizeieinsatz während der Jahre von 1942 bis 1945 in Polen: »Was soll es mal geben, wenn wir das zweite und dritte Engelchen besitzen?« Von Dir, Mama und anderen Familienangehörigen mit Liebe überschüttet, wollte ich aus heutiger Sicht dennoch nicht von Euch bestimmt und abhängig bleiben.
Eigentlich müsste ich Heinz-Gregor Konrad Guste Paul heißen, da Deine anderen beiden Geschwister, ebenfalls sehr dominierende, temperamentvolle Personen, ihren Vornamen auch gerne bei mir verankert gesehen hätten. Du und Mama riefen mich glücklicherweise nur mit Gregor, dem Namen Deines jüngsten, viel zu früh verstorbenen Bruders. Als begabter junger Musiker besuchte er Ende der 1930er Jahre die Folkwang-Schule. Onkel Gregor war einer der vielen jugendlichen Kriegstoten des deutschen Volkes. Ob Du und Oma angesichts des Einberufungsbefehls mal daran gedacht habt, ihn zu verstecken? Ich selbst sah mir manchmal heimlich ein Foto von meinem Namensgeber an und fragte mich, wer er wohl als Kind und Jugendlicher gewesen sein mochte und ob er noch andere Hobbys außer Musik hatte. Heimlich deshalb, weil Du mir nie von Deiner Trauer über seinen Verlust erzählt hast, als wäre es ein Tabu. So weiß ich nicht einmal das Datum seines Geburtstages. Wen könnte ich da noch fragen? Gerade spüre ich, Papa, dass Onkel Gregor in mir heute wieder ganz lebendig geworden ist, so als gäbe es keine Trennlinie zwischen Toten und Lebenden.
Bist Du nicht ebenso überrascht wie ich, dass niemand von Mamas elf Geschwistern seinen Vornamen in mir verewigt gesehen haben wollte? Es lag wohl nicht nur an der demutsvollen katholischen Erziehung durch Mamas Eltern in Kamp-Lintfort. Immerhin stand Mamas jüngster, stets humorvoller Bruder Franz neben Deiner Schwester Hedwig als mein Pate am Taufbrunnen. Bemerkenswerterweise ist zwischen mir und meinen Paten zeitlebens keine nähere Beziehung entstanden. Was meinst Du, Papa, lag es an mir oder an den Paten? Spiegelbildlich muss ich eingestehen, dass ich mich um meine Patenkinder Birgit, Norbert, Fabian, Titus und Jonas nur wenig gekümmert habe.
Deine überschwängliche Freude darüber, nun einen Sohn zu haben, hatte die tragische Folge, dass Deine Tochter Christiane, die bis dato Deine Prinzessin war, »unbewusst gewollt« mich ab und an vom Fußbänkchen fallen ließ. Es war außer ein paar blauen Flecken und lautem Geschrei nichts passiert. Einige Wochen später hustete mich Christiane dermaßen an, dass ich sofort Stickhusten bekam und erstmals sechs Wochen von zu Hause fortmusste, um in der Lungenheilanstalt Essen-Heidhausen behandelt zu werden. Heute frage ich mich, ob nicht diese unbewussten Vereinnahmungen des winzig kleinen Gregors durch Dich, Mama, Tante und Onkel schon früh dazu geführt haben, dass ich von zu Hause wegwollte. Was meinst Du, Papa? Es war dann ja so, dass ich wegen der vielen Krankheiten – Stickhusten, Mandelentzündung, Blinddarm, chronische Innenohrentzündung, Halspusteln und Gelenkrheumatismus – öfters in Heilanstalten sein musste. Erstaunlicherweise bin ich bis zu meinem Rentenbeginn im Oktober 2012 als Klinikseelsorger im Krankenhaus geblieben. Papa, Deine Mutter sagte sehr früh nach meinem ersten Krankenhausaufenthalt: »Aus dem Jungen wird nichts mehr!« Doch Du und Mama habt an mich geglaubt.
Auch wenn mein endgültiger Weggang von zu Hause durch meinen Eintritt in die Ordensgemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu Euch bestimmt nicht leicht fiel, hattet Ihr mich dennoch während der gesamten Zeit meines Postulats in Frankreich und meines Noviziats in Spanien mit vielen Aufmerksamkeiten unterstützt. Bestimmt wärest Du, wie Deine Mutter, glücklich und stolz zu hören, dass aus Deinem schwachen, infektanfälligen, phlegmatischen Sohn, abgesehen von seinen Aushilfstätigkeiten in der Bank, als Anstreicher, Schweinehirt, Friedhofsgärtner und seinen beruflichen Titeln Postschaffner, Krankenpfleger, Sehlehrer, Pastoralreferent, Lehrsupervisor, Gefangenen- Trauer- und Krankenhausseelsorger, letztlich ein zweifacher Doktor geworden ist.
Lieber Papa, ich bin selbst überrascht, von wie vielen Ereignissen ich Dir inzwischen berichtet habe. Für heute, an Deinem Geburtstag, grüße ich Dich herzlich mit den besten Segenswünschen.
Dein dankbarer Sohn Gregor
Brief über die Kindheit
Frankfurt am Main, 13. August 2018
Lieber Papa,
heute feiere ich meinen 69. Geburtstag mit Burkhard, seiner Schwester Sabina, ihrem Mann Wolfgang und einigen Freunden aus der lesbisch-schwulen Gottesdienstgemeinschaft in unserem italienischen Lieblingsrestaurant »Chimino«. Bestimmt wirst Du Dich jetzt sofort fragen: »Lesbisch-schwule Gottesdienstgemeinschaft – was ist das denn?« Ihr offiziell vom Bischof Franz Kamphaus 1996 kirchenrechtlich verliehener amtlicher Titel hat den seltsam konstruierten Namen »Projekt: schwul und katholisch in der Gemeinde Maria Hilf« (PSK). Als damaliger Sprecher unserer Gemeinde hatte Burkhard einige Jahre später dem Gemeindeforum als Namensergänzung »Eine christliche Gemeinschaft von und für Lesben, Schwule und ihre Freundinnen und Freunde« vorgeschlagen. Die Teilnehmer*innen des damaligen Gemeindeforums begrüßten diese Namensergänzung einstimmig, sind wir doch seit der Gründung im Frühjahr 1991 eine Gottesdienstgemeinschaft mit weit offenen Kirchentüren. Über die kirchlichen Nachrichten sind nicht nur die Pfarreiangehörigen der Gemeinde Maria Hilf im Frankfurter Gallus-Viertel, sondern alle Gläubigen zur Gottesdienstfeier der Schwulen eingeladen. In dieser Kirche Maria Hilf habe ich am Sonntag, den 12. Juli 1992, Burkhard kennengelernt.
Ja, Papa, Du hörst richtig, heute bin ich tatsächlich schon ein Jahr älter als Du geworden. Grund genug, Dir mit einem Segensgruß zuzuprosten, wo immer Du auch bist. Sowohl an Geburtstagen als auch an Namenstagen, die zum Vorteil von uns Kindern in katholischen Familien zusätzlich gefeiert wurden, glänzte unsere Wohnung immer festlich. Natürlich habe ich mich auch über die originellen Geschenke gefreut, so zum Beispiel über einen wunderschön aussehenden braunen Kuschelbären, der mich fortan auf allen Reisen begleitete. Kein Wunder, dass mich Burkhard heute mit dem Kosenamen Bär ruft. Zum Kindergeburtstag gehörten natürlich auch die Nachbarskinder. Ich sehe noch Dein wohlwollendes Lächeln, wenn wir alle glücklich im Heu tobten. Ob Du, Papa, mit Deinen Eltern und Geschwistern auch jeweils so festlich die Geburtstage gefeiert hast, wie Mama diese mit uns im Hause gestaltet hat?
In der Erinnerung an Dein Lob für Mamas Kochkünste verstehe ich nun, dass ich auf den ersten Fotos pummelig bin. Einige Jahre älter geworden, spielte ich gerne auf dem Hof so versunken mit Sandburgen, dass ich gar nicht hören wollte, wenn Mama mich vom Treppenhausfenster aus zum Mittagessen rief. Alle familiären Geschehnisse, Essen, Schulaufgaben, Erdbeeren säubern und Besuche empfangen, spielten sich in unserer kleinen, aber gemütlichen Wohnküche ab. Ein gemeinsamer Essensbeginn mit Dir, Papa, war für Mama sehr wichtig. Hatte Mama doch die duftendsten Speisen auf den Küchentisch gebracht, wie Du lobend festgestellt hast: »Du bist die beste Köchin der Welt!« Mama faltete bereits die Hände zum Tischgebet. Es waren immer die gleichen Gebete. Zu Essensbeginn: Alle Augen warten auf Dich, o Herr; Du gibst uns Speise zur rechten Zeit. Du öffnest deine Hand und erfüllst alles, was lebt, mit Segen. Amen. Und nach dem Essen: Danket dem Herrn, denn er ist gütig und seine Barmherzigkeit wäret ewiglich. Amen. Diese gemeinsam gesprochenen Tischgebete sind noch tief in mir, und obgleich ich sie nach meinem Weggang von zu Hause nicht mehr gebetet habe, glaube ich dennoch, dass sie meine ethisch-religiöse Haltung zu allen Geschöpfen maßgeblich mitbestimmt haben.
Gut erinnere ich mich, dass Mama uns Kindern bei längerem Verlassen der Wohnung, und ging es nur in den Kindergarten, stets ein Kreuzzeichen mit Weihwasser auf die Stirn gezeichnet hat; neben der Wohnungstür war ein kleiner Weihwasserbehälter angebracht. Ob Mama Dich auch gesegnet hat, immer wenn Du zwischen 1947 und 1954 zur Polizei-Fortbildungsschulung nach Wuppertal, Hiltrup und Düsseldorf gefahren bist? Mama hat in ihrer stillen religiösen Art nicht nur uns, sondern auch Dich, der kirchenlos groß geworden war, behutsam an die Kirche herangeführt. Christliche Feiertage wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten waren zur Freude von uns Kindern zu Hause immer besonders festlich gestaltet.
Jeden Morgen wurde ich von der Kindergärtnerin, Tante Waltraud, auf der gegenüberliegenden Straßenseite unserer Wohnung abgeholt. Sie hatte schon eine muntere Schar anderer Kinder bei sich, und wir gingen die lange Karnaper Straße Richtung Brücke. Mir war der Weg durch die sonntäglichen Besuche bei Oma, deren Wohnung in der Nähe des Kindergartens lag, bestens bekannt. Die Leiterin Schwester Hanna, die dem Karnaper Kloster der Genossenschaft der Christenserinnen angehörte, erwartete uns dann frohgestimmt im Kindergarten. Dort gab es wunderbare Spiele sowie fantasievolle Bastelarbeiten. Gleich einen Kopf größer fühlten wir Kinder uns, Papa, als Schwester Hanna sagte: »Ihr seid die Freunde Jesu!«
Der Sonntag hatte für uns Kinder immer einen besonders feierlichen, oftmals aber auch langweiligen Ablauf. Festlich gekleidet saßen wir alle zum Sonntagsfrühstück in der Küche. Anschließend ging es zur Kirche und dann zum Mittagessen. Vor dem Kaffeetrinken mussten wir Kinder stets in die öde Christenlehre und somit noch eine weitere ewig lange Stunde in der Kirche verbringen. Anschließend ging es auf den unendlich weiten Weg zu Oma Schorberger – als Kleinkind zuerst im Fahrradkörbchen – und dann zu Fuß weiter nach Essen-Altenessen in Dein Elternhaus in die Rahmdörne. Gefreut habe ich mich über Omas Einladung, mich auf ihre Pantoffeln zu stellen. Sie nahm meine Hände und schaukelte mich hin und her. Ebenso freute ich mich dort über Tante Friedels Knöpfe aus ihrem Nähzimmer, mit denen ich auf der marmornen Fensterbank selbstvergessen spielte. Diese innere Emigration an der Fensterbank in der Rahmdörne war überlebensnotwendig für mich, da Du, Papa, mit Deinen Geschwistern an fast jedem Sonntagnachmittag heftigste Wortwechsel geführt hast. Darüber hinaus musste ich die aufdringliche, hämmernde Stimme des Fußballspielkommentators aus dem Radio hören. Du und Deine temperamentvollen Geschwister konntet noch mit Eurem Geschrei den Sprecher übertönen, selbst wenn ein Tor fiel oder der Ball daneben ging.
Noch ein Bild aus der Rahmdörne ist mir unvergesslich: wie Oma im Nähzimmer von Tante Friedel im Januar 1951 aufgebahrt ist. Sie war nur 65 Jahre alt geworden. Sie wirkte ganz friedlich, als würde sie schlafen. Als vierjähriger Junge hatte ich keine Angst, mich ab und zu aus dem Wohnzimmer zu schleichen, um zur würdevoll aussehenden Oma ins Totenzimmer zu gehen. Mit einem Handkuss nahm ich auf meine kindliche Weise Abschied von ihr.
Oma verdanken wir den Namen Schorberger. Sie glaubte, mit dem polnischen Familiennamen Skorupa hätten ihre Söhne keine gleichwertigen Berufschancen wie andere Deutsche. 1926 hatte Oma also vom preußischen Justizminister die Namensumbenennung von Skorupa in Schorberger erwirkt. Drei Namen standen ihr beim Bürgermeisteramt in Essen-Altenessen zur Auswahl: Scherbel, eine der Übersetzungen des polnischen Namens Skorupa; Rosenberger, der Oma zu jüdisch war, und Schorberger. Außer mir und Tante Friedel trägt laut Internetrecherche niemand mehr in Deutschland diesen Nachnamen. Dein Vater, Papa, mein Großvater nahm den neuen Namen Schorberger nicht an und ließ sich bis zu seinem Tod weiterhin als Skorupa ansprechen.
Dein jüngster Bruder Gregor hätte sich bestimmt für die Herkunft seines Nachnamens interessiert, zumal er, noch im Juni 1923 unter dem Namen Skorupa geboren, schon drei Jahre später den Namen Schorberger trug. Zu wenig weiß ich von ihm, außer dass er gerne Trompete und Geige spielte. Du hast ihn in seinem musikalischen Talent finanziell so gefördert, dass Onkel Gregor zur Folkwangschule gehen konnte. Später ist er mit einer Militärkapelle in Südfrankreich aufgetreten. Du und alle Deine Geschwister waren seiner Freundlichkeit, seines guten Aussehens und seiner Talente als Musiker wegen stolz auf ihn.
Du, Papa, bist nach sieben Jahren Zechenarbeit unter Tage auf dem Schacht Fritz Heinrich, Essen-Altenessen, zur Polizei gegangen. Seit Deinem Diensteintritt im Oktober 1929 hast Du es vom Polizeiwachtmeister über den Truppenoberwachtmeister 1942 bis zum Polizeihauptwachtmeister geschafft. 1942 war auch das Jahr, in dem Christiane geboren wurde. Onkel Gregor sagte noch angesichts Christianes bevorstehender Geburt: »Gebt dem Kind einen schönen Namen!«, bevor er – wie Du uns erzählt hast – 1943 als Soldat und Musiker in den Krieg nach Südfrankreich ging. Noch im gleichen Jahr war sein Lebensweg mit nur 20 Jahren jäh beendet.
Monatlich oder alle zwei Monate ging es mit dem Zug vom verwunschenen kleinen Karnaper Bahnhof auf die große Reise nach Kamp-Lintfort in die Heimat Mamas. Meistens fuhren wir zu viert, Mama, Christiane, Marlene und ich, für einige Tage an den Niederrhein. Du, Papa, bliebst bei unseren Tieren.
Als geduldete Verwandtschaft aus Essen-Karnap waren wir in den ersten Jahren bei Mamas jüngster, stets nervöser, ständig den Bohnerwachsbesen schwingenden Schwester Klärchen untergebracht. Sie wohnte mit ihrem Vater in einem Feuerwehrhaus. Wenn ich zu Opas Wohnung hinaufging, blickte mich ein furchterregender, ausgestopfter Habicht mit seinen funkelnden Augen an. Ob ich wollte oder nicht, ich musste, um zu Opas Wohnung zu gelangen, an diesem toten Tier vorbei. Bestimmt liegt es an diesem Erlebnis, dass ich mir bis heute keine toten Tiere länger ansehen kann. Opa Ruhl wirkte in seiner großen Gestalt mit seinem Kaiser-Wilhelm-Schnäuzer unnahbar auf mich, als hätte er keine Gefühle. Nur Mamas Schwester Käthe freute sich sichtlich, wenn Mama mit uns drei Kindern zu Besuch kam. Sie spielte mit uns, las uns schöne Märchen vor und überraschte uns mit kleinen lustigen Stücken, die sie aufführte. Tante Käthe wohnte in Ossenberg am alten Rhein-Arm, einer Gegend mit verwunschenen Wildpflanzen, riesigen Ulmen und Pappeln, großen Kerzen gleich, die zum Himmel loderten, und wuchtigen Trauerweiden, die sich tief vor Teichen und Seen verbeugten. Dorthin ging sie mit uns spazieren und erzählte uns viele spannende Geschichten von dieser etwas unheimlich wirkenden Urwaldlandschaft.
Da ich mit sechs Jahren etwas größer geworden war, brauchte ich nicht mehr mit Mama und meinen Schwestern in Tante Klärchens Haus zu bleiben. Einige Straßen weiter wohnte Tante Christine, eine ältere, ihren drei Kindern gegenüber sehr strenge Schwester Mamas, die zwei Söhne und eine Tochter hatte. Schnell fühlte ich mich mit diesen ein wenig älteren Cousins wohl. Johannes und Theo nahmen mich auf ihre Entdeckungsreisen in Hinterhöfe und überwucherte Wildgärten mit, wo sie geheime Buden hatten. Ich genoss beim Raufen besonders im Sommer ihre schwitzenden Körper. Auch zum Fußballplatz ging ich aus Liebe zu ihnen mit, obgleich schon damals Fußball für mich stinklangweilig war. Die Nächte im Bett zwischen Johannes und Theo hatten etwas prickelnd Erotisches an sich. Nach Kissenschlachten schmiegte ich mich unter der Bettdecke besonders eng an Theos Körper, da mir sein Po gefiel. Heute bin ich dankbar für diese erotischen Erlebnisse mit meinen Cousins, zeigten sie mir doch, Papa, schon als Kind, dass ich mich nicht nur phasenhaft, sondern manifest zu Männern sexuell hingezogen fühlte.
So unterschiedlich die beiden Orte Kamp-Lintfort und Essen-Altenessen auf mich wirkten, so unterschiedlich erlebte ich auch die beiden Herkunftsfamilien: die Schorbergers extrovertiert und selbstbewusst, die Ruhls introvertiert und schamhaft. Einig waren sich beide Familien in der Tabuisierung von Tod, Trauer, Sexualität und Familienkonflikten. Kinder galten als notwendiges Anhängsel der Eltern und gehörten bei geselligen Zusammenkünften an den Katzentisch, da sie nichts von den Themen der Erwachsenen mitbekommen sollten.
Zu Hause in Karnap erlebte ich Dich, Papa, im Garten oder auf dem sommerlichen Hof in kurzer Hose, und mit oder ohne Hemd als körperlich unbefangen. Für Dich war es selbstverständlich, mich nachts, wenn ich mit meinem Oberbett vor Eurem Ehebett im Schlafzimmer stand, in Dein Bett kommen zu lassen – im Gegensatz zu Mama, die mich abwies. Bei Dir angekommen, nahmst du mich zärtlich in den Arm, und wenn ich ängstlich war, hast Du mich zur Beruhigung gestreichelt. Überhaupt, wenn Du gute Laune hattest, konntest Du uns drei Kinder zu unserem Vergnügen lange streicheln und kitzeln, was ich immer genossen habe. Dein unkonventionelles Verhalten hat erheblich dazu beigetragen, ein unverkrampftes Körpergefühl zu mir selbst zu entwickeln.
Dennoch sind Nähe und Distanz einschließlich der vielen Schattierungen zwischen diesen beiden Polen für uns beide zeitlebens ein großes Thema geblieben. Genoss ich als Kleinkind, bei Dir zu schlafen, am Tage gekitzelt oder, wenn es heiß war, im Garten mit dem Wasserschlauch abgespritzt zu werden, wehrte ich Dich dennoch öfters und sehr zu Deinem Leidwesen ab. Vor allem dann, wenn Du mich spontan umarmen, liebkosen oder auf den Schoß nehmen wolltest, wie es viele Fotos aus der Kindheit zeigen. Vielleicht hatte ich instinktiv Angst von Dir aus Liebe zu mir einverleibt, aufgefressen zu werden? Oder lag es daran, dass ich anfänglich ein dickes Kind war, bis ich durch viel Bewegung, Rennen, Ballspielen und Turnen, mein Übergewicht verlor?
Du erfreutest Dich an unserem Schulsport, gingst selbst mit uns schwimmen, fochtst später mit uns regelrechte Tischtenniswettkämpfe aus, bei denen Du am meisten schwitztest, oder nahmst uns zum Sammeln von Huflattich am unheimlichen Emscherdamm mit. Aber trotz all dieser sportlichen Aktivitäten litt ich unter vielen Krankheiten. Die Mandeln entnahmen sie mir im Krankenhaus der Stadt Gladbeck, wo ich in einem hellen schönen Krankenzimmer lag. Gern erinnere ich mich an sehnsuchtsvoll erwartete Besucher, die Geschenke mitbrachten, wie etwa die Schokolade von Stollwerck, deren Verpackung zweigeteilt war: Oben waren die Köpfe und unten die Unterkörper. Beim Verschieben der Teile machte es mir Spaß, plötzlich Männer in Frauenkleidern und Frauen in Männerkleidern zu entdecken. Letztlich wollte ich selbst die verschiedenen Rollen dieser Schokoladen-Menschen ausprobieren. Ja, Du, Papa, hast mit mir als Kleinkind – allein der vielen Kinderkrankheiten wegen – einiges ertragen müssen. Hinzu kam noch mein phlegmatischer Charakter. Wegen meiner offenen Schnürsenkel, meiner unordentlich liegengelassenen Spielsachen und Zerstreutheit hast Du ständig mit mir gehadert. Phlegmatisch bin ich bis heute geblieben, sodass Burkhard mir in unserer gemeinsamen Wohnung nachgeht, um die von mir offen gelassenen Schubladen wieder zu schließen.
Noch vor der Einschulung unternahm Mama mit uns die ersten großen Reisen zur rundlichen, Kinder liebenden Tante Lieschen und dem sympathischen, Schnauzer tragenden Onkel Wilhelm nach Lauterbach in Hessen. Gleich zwei Sommerferien, 1953 und 1954, verbrachten wir Kinder mit Mama in der reinen unverfälschten Natur des Vogelsbergs. Im hübschen Fachwerkstädtchen Lauterbach genossen wir Kinder die märchenhaften Entdeckungen in einer ganz anderen Welt. Weite Wiesen und Fluren, haushohe Tannen und Laubbäume, die Geschichten zu erzählen wussten.
Dort gab es einsame Aussichtstürme im Wald, die Mama mit Marlene, Christiane und mir auf dem Arm erklomm. Von oben konnten wir das sagenhafte Panorama der Vogelsberglandschaft genießen. Allein ich hatte da oben, obwohl auf Mamas Arm, solche Angst, wie es ein Foto zeigt, dass ich bei der zweiten Turmbesteigung protestierend auf der untersten Treppe sitzen blieb. Auf dem Waldboden fühlte ich mich freier und erfreute mich am Anblick der Rehe und Hirsche, die wir zu Hause nur vom Gelsenkirchener Zoo her kannten. Im Wald fanden wir außerdem Steinpilze, Schirmpilze und an den Wiesenrändern Pfifferlinge. Tante Lieschen nannte uns ihre Namen und bereitete diese zu einem schmackhaften Mittagessen. Die Spätsommer- und Herbstzeit ist auch heute ob des reichlichen Pilzangebots in der Frankfurter Kleinmarkthalle meine Lieblingsjahreszeit. Ein besonderer Genuss waren für mich als Kind Tante Lieschens Pilzmahlzeiten, nicht aber ihr Zwiebelkuchen, den wir Kinder mit Streuselkuchen verwechselten und überhaupt nicht mochten. Fast täglich schriebst Du, Papa, uns anschauliche Briefe, was sich alles zu Hause, im Stall bei den Tieren oder in Haus- wie Schrebergarten ereignet hatte. Einerseits konntest Du Dich selbst sehr gut versorgen, warst aber auch glücklich, wenn meine ledig gebliebene Tante, Deine ältere Schwester, für einige Tage kam und Dich verpflegte, wie Du uns schriebst. Meine rundliche, stets nach Luft – besonders beim Treppensteigen wegen ihres Asthmas – schnappende Tante Guste war und blieb meine Lieblingstante. Sie versorgte Dich, Papa, manchmal, wenn Mama mit uns allen in Urlaub war. Mit uns Kindern reiste sie in der Phantasie durch die ganze Welt, weil sie wusste, dass sie am nächsten Sonntag im Lotto gewinnen würde. Und tatsächlich, am 8. Mai 1964 hatte Tante Guste »5 Richtige im Lotto«. Statt das Geld für sich zu behalten, wie Mama es wünschte, beschenkte sie ihre Lieben. Wir bekamen einen großen orientalischen Teppich für das Wohnzimmer, den wir uns sonst nie hätten leisten können. Ich freute mich jedes Mal, wenn sie zu Besuch von Altenessen nach Karnap kam, um mit Mama und mir zu unserem Vergnügen Rommé zu spielen. Begeistert erzählten wir Dir dann nach unserer Rückkehr anhand der Fotos von unseren Erlebnissen im gastfreundlichen Haus in Lauterbach.
Fremde Menschen, Landschaften und Städte durfte ich mir darüber hinaus dadurch vertraut machen, dass Ihr mich in den ersten Schuljahren der Gesundheit wegen allein in Kindererholungsstätten nach Oberbayern (Mittenwald), Oldenburg (Vechta), ins Sauerland (Meschede) und einmal mit Marlene an die Ostsee (Pelzerhaken) schicktet. Trotz heftigen Heimwehs an diesen Orten überwog in mir die Freude am Reisen. Dankbar bin ich daher Mama, die mit uns Kindern in den 1950er und 1960er Jahren viele solcher Reisen unternahm.
In Erinnerung an Deine vielen ermutigenden Briefe an mich aus der Ferne verabschiede ich mich für heute, an meinem 69. Geburtstag, an dem Dir und Mama ja auch ein Glückwunsch gebührt, wie es mein Kölner Freund Stefan Bey stets betont.
Liebe Grüße,
Gregor
Brief über die Schulzeit
Frankfurt am Main, 2. Oktober 2016
Lieber Papa,
gerade kommen Burkhard und ich vom Abendgottesdienst aus der Kirche Maria Hilf in unsere Wohnung zurück. Heute am Erntedanksonntag war sie besonders festlich mit Sonnenblumen, Dahlien, Glockenblumen und Beerensträuchern geschmückt. In Erinnerung an die vielen mit Kartoffeln, Bohnen, Karotten, Gurken und Kürbissen gefüllten Körbe vor dem Altar erzählte ich Burkhard von Deiner reichlichen Ernte im Herbst. Auf voll bepackten Handkarren brachtest Du freudestrahlend aus dem Schrebergarten vielerlei Früchte mit nach Hause. Dadurch muss ich an unsere winterlichen Karnaper Gärten denken und an die Schlüsselgeschichte. War es nicht an einem Oktoberabend, Papa, als Du völlig erschreckt feststelltest, dass einer unserer beiden Schlüsselbunde fehlte? Du verdächtigtest sofort uns Kinder, den Schlüssel verloren zu haben. Als ängstlicher Mann und noch dazu als Polizist stelltest Du Dir lautstark in unserem Beisein vor, wie leicht nun ein fremder Mann jederzeit bei uns einbrechen könne. So lebte jeder von uns wochenlang mit schlechtem Gewissen, den Schlüssel vielleicht wirklich verloren zu haben. Wegen Deiner Horrorvision ängstigte ich mich um unsere kleine, mir so vertraut gewordene Mietwohnung, die nun für jeden Dieb weit offenstünde. War es dann Januar oder Februar, als Du eines Tages mit verlegenem Gesicht und schlechtem Gewissen aus dem Schrebergarten nach Hause kamst? Reumütig sagtest Du uns, dass Du unseren zweiten Schlüsselbund wiedergefunden hattest. Er hing, wo Du ihn im Herbst hinterlassen hattest, an einem kahlen Ast des inzwischen blätterlos gewordenen Apfelbaumes. Es spricht für Dich, dass Du Dich bei uns Kindern entschuldigen konntest und trotz all Deiner cholerischen Anwandlungen nie nachtragend warst.
Deine cholerischen Anwandlungen konnte ich schnell wieder vergessen. Ich war auf Deine Anfrage, Dir bei einer Hausarbeit zu helfen, sofort dazu bereit, wohlwissend, dass ich es Dir, egal bei welcher Tätigkeit, nie recht machen konnte. Manchmal hast Du mich mit den Worten: »Du bist sowieso zu schwach auf der Brust!« entschuldigt. Säge ich heute ein kleines Brett, nicht selten schief, habe ich sofort Deine Stimme im Ohr: »Noch nicht mal die Säge kannst Du richtig halten!« Damals jedoch musstest Du mit mir Vorlieb nehmen, da sonst keiner im Karnaper Hause da war, den Du zur Mithilfe in den Hof hinunter hättest rufen können. Du hattest mal wieder viele schwere Eisenbahnschwellen aus Eichenholz kostenlos von der Zeche geliefert bekommen. Unser ganzer Hof roch durch die Gase der Schwellen nach Teer und Schwefel. Die schweren Schwellen hobst Du mit all Deiner erstaunlichen Körperkraft allein auf einen Holzbock. Ich brauchte nur die große Baumsäge am einen Ende zu halten, während Du sie mit aller Wucht hin und her zogst. Lauter dicke Holzscheiben entstanden so, die Du dann stundenlang mit der Axt zu Kleinholz verarbeitet hast. Ich schaute Dir bewundernd zu und blieb, Deiner Behauptung entsprechend, gerne schwach auf der Brust.
In meinen ersten Lebensjahren hatten wir zu Hause stets freundliche, kinderliebende Schweine, und schon als kleiner Junge konnte ich nicht ertragen zu hören, wenn der Schlachter kam und die Tiere, ihren bevorstehenden Tod ahnend, laut schrien. Ich versteckte mich im hintersten Zimmer der Wohnung und hielt mir die Ohren zu. Über die eingemachte »Fleischernte«, von der die Verwandten gläserweise beschenkt wurden, konnte ich mich mit Euch nicht freuen. Wie gingst Du, Papa, mit diesen zwei sich widersprechenden Haltungen in Dir um? Einmal die Tiere als Nutzvieh für unsere Ernährung zu betrachten und ein andermal als liebenswerte Lebewesen?
Dank Deiner Garten- und Tierpflege waren wir von Anfang an eine Selbstversorgerfamilie. Aus Sparsamkeitsgründen kauftest Du selten Futter für die Tiere. Mit der Straßenbahn schlepptest Du nach Deinem Polizeidienst in großen Eimern Essensreste aus dem Hotel »Handelshof« nach Hause. Deine Sparsamkeit selbst gegenüber den Tieren kannte allerdings ihre Grenze, wenn Du einen Sack Kleie oder Weizenkörner benötigt hast. Dann hast Du ihn gekauft oder noch lieber ihn Dir von uns zu Deinem Namenstag, Geburtstag oder sogar zu Weihnachten schenken lassen. Ich sehe noch Dein erfreutes Gesicht vor mir, wie Du, statt auf die Festtafel zu schauen, Deinen frohen Blick zuerst auf den Getreidesack unter Deinem Gabentisch richtetest. Dank der vielseitigen Ernährung blieben Deine Tiere gesund und gediehen prächtig. Deine Zuchterfolge mussten sich wohl herumgesprochen haben, denn an einem Freitag im Januar 1959 kam sogar ein Journalist von der Neuen Ruhr Zeitung, um Dich zu interviewen. Der fast ganzseitige Artikel mit einem sympathischen Foto von Dir hatte die Überschrift: Karnaper Polizeibeamter hütet am Abend den eigenen Kleintierzoo. Ein Züchter unter Tausenden mit seinen Sorgen und Freuden bei den Tieren.
In den acht Jahren Volksschule hatte ich weder ein Lieblingsfach noch lernte ich gerne. Eine helle Stimme dagegen, die fast atemlos immer wieder in den Pausen »Samuel« rief, faszinierte mich. Es war Joshua, einer der beiden Söhne des Lehrers Rosenberger. Den Anblick ihrer markanten Gesichtszüge, der dunkelblauen Augen, schwarzgelockten Haare und sportlichen Figuren genoss ich zwar damals sehr, wagte aber nicht, mit ihnen in Kontakt zu treten, da etwas Unausgesprochenes, Verbotenes zwischen uns stand. Meine Mitschüler trugen keine klassisch deutschen Namen und kamen, ganz im Sinne der Lehre von der »alleinseligmachenden Kirche«, nicht wie wir Katholiken in den Himmel. Ein volkstümliches Kirchenverständnis, das ich schon damals nicht glauben wollte. Erst später ist mir klar geworden, dass die attraktiv aussehenden Brüder auf mich, den blonden, Scheitelfrisur tragenden Jungen, erotisch wirkten. Wie ein inneres Selbstverbot hätte ich nicht gewagt, zu Hause über meine faszinierende Entdeckung der hellen Stimmen von Joshua und Samuel samt ihrem bildschönen Aussehen zu sprechen. Warum eigentlich nicht, Papa? Noch heute bin ich von orientalisch aussehenden, schwarzhaarigen Personen erotisierter als von blonden Männern. Nicht Skandinavien, sondern der Vordere Orient und Nordafrika wurden später meine bevorzugten Reiseziele.
Beim ersten Klassentreffen 1993, dreißig Jahre nach der Volkschulentlassung, trafen wir ehemaligen Schüler uns in der Gaststätte »Alt-Carnap«. Selbst mein inzwischen silberergrauter, hochbetagter Klassenlehrer Heinrich Schüssler freute sich an diesem Abend, von unseren Schulerlebnissen zu hören. Längst vergessene Abenteuer wie pubertäre Spiele unter der Dusche nach dem Turnen bekamen einen neuen Klang. Vor allem die Theaterstücke, die Fräulein Maria Storm mit uns einstudierte, waren lebhaftes Thema des Abends. Jeder/Jede wusste noch genau seine/ihre Rolle wieder aufleben zu lassen. Das Theaterspielen in der Volksschulzeit hat mir Spaß gemacht. Mit Vergnügen durfte ich in verschiedene Rollen schlüpfen, einmal als verzauberter »Zwerg Nase« im Märchen, dann als Maria beschützender Josef in einem Krippenspiel und schließlich als talentierter Chefkoch in »Dornröschen«. Ja, es bedurfte dieses Klassentreffens, um mir wieder einmal der vielen Facetten dieser Schulzeit bewusst zu werden.
In wie vielen Rollen warst Du, Papa, in Deiner Zeit als Schüler? Von Onkel Paul erfuhr ich, dass Du schon als Kind ein hervorragender Taubenzüchter warst und Deine ganze Freizeit darauf verwendet hast. Kein Wunder, dass Du wie ich nur ein durchschnittlicher Schüler gewesen bist. Umso mehr freutest Du Dich mit mir, dass ich wenigstens im Fach Kunst gute Noten nach Hause brachte. Fräulein Storm war für mich eine sehr moderne, attraktive Lehrerin, die in München Kunst studiert hatte. Sie erzählte uns später von ihren Kommiliton*innen Sophie und Hans Scholl von der Widerstandgruppe »Weiße Rose«, mit denen sie gerne im Café zusammengesessen und deren Widerstand gegen Nazi-Deutschland sie mit unterstützt hatte. Heute frage ich mich, ob nicht schon da die Wurzeln meines späteren Widerstandes gegen faschistoide Tendenzen in unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft gelegt wurden.
Von Heimatkunde, Rechnen, Schönschreiben und Turnen im Unterricht wusste ich Dir nie etwas zu erzählen, weil ich an all diesen Fächern kein Interesse hatte. Bestimmt, Papa, warst Du damals sehr stolz auf Deine begabten Töchter Marlene und Christiane. Sie wechselten im Gegensatz zu mir nach der vierten Klasse der Volksschule auf die Realschule nach Essen-Altenessen. Brachten wir gute Schulnoten nach Hause, durften wir zur Belohnung ab und an ins Karnaper Kino. Unverändert gerne gehe ich ins Kino, nicht aber ins Theater, obgleich es Mama sehr früh mit uns Kindern einmal im Jahr, meistens an Weihnachten in Märchenstücke, besuchte. Heute ist mir der Theaterbesuch zu aufwendig. Ich mag nicht, rechtzeitig Eintrittskarten zu besorgen, besondere Kleidung zu tragen und mich in einem bürgerlichen Milieu zu bewegen, das nicht meines ist. Du, Papa, hattest weder an Kinobesuchen noch am Theater Interesse, freutest Dich aber mit uns über diese Abwechslung im Alltag.
Ich erinnere mich gut an die ersten Ballettaufführungen des Nachbarn Erich Wecker in unserer kleinen Wohnung. Auf Deine Einladung hin kam dieser in Sprache und Gestik feminin wirkende junge Mann zu Besuch. Erich hatte keine Scheu, uns an seinem Balletttraining teilhaben zu lassen. Du, Papa, warst nach seinen graziösen Vorstellungen voll des Lobes, was ihn wiederum freute. Auf Mamas Frage, ob er inzwischen eine Freundin hätte, erklärte Erich ihr, dass er kein Interesse an Frauen habe. Noch vor seinen Auftritten in unserer Küche flüsterte er mir seinen Künstlernamen Konstantin zu. Ich fühlte mich dadurch von ihm geehrt. Mit Argusaugen bekam ich als Kind mit, dass Konstantin ein anderer Mann als meine Onkel Paul und Konrad war. Dass ich anders empfand als andere Jungen, durfte aber damals nicht bekannt werden. Schon im Alter von acht Jahren gab es ein strenges verinnerlichtes Tabu, öffentlich über meine Zuneigung zu einem Jungen zu schwärmen, was bei meinen Schwestern selbstverständlich toleriert wurde. Hatte ich als Kind nur Tierbilder über meinem Bett hängen, so erlaubte ich mir erst zu Studienbeginn 1971 in meinem Freiburger Studentenheim Poster von Balletttänzern, die mir in ihrer erotischen Ausstrahlung gefielen.
Zu Hause in Karnap hatten wir es geschafft: von der Zwei-Zimmer-Wohnung neben der Polizeiwache im Erdgeschoss über der Gefängniszelle in eine Drei-Zimmer-Wohnung in der ersten Etage. Der unaufhaltsame Aufstieg der Familie Schorberger. Wie wir die gemeinsame Toilette und Badewanne mit der in dieser Etage in zwei Zimmern wohnenden Familie Samer, Eltern und drei Kinder, geregelt haben, ist mir bis heute ein Rätsel. Dennoch haben wir uns vertragen, und selbstverständlich nahmen sie, obgleich evangelisch, an meiner ersten Kommunionfeier am Weißen Sonntag 1957 teil. Ich genoss es, an diesem Tag im Mittelpunkt nicht nur von Familie, Verwandten und Nachbarn zu stehen, sondern auch des gesamten Stadtteiles Essen-Karnap. Bei diesem Kommunionfestgottesdienst erstrahlte die Kirche im vollen Glanz. Angesichts des Hochfestes Mariens, der unbefleckten Empfängnis, habe ich als Kind wegen unserer Gefängniszelle im Haus allen evangelischen Nachbarn erzählt, dass wir als Katholiken das Fest »Maria im Gefängnis« feiern. Erst durch den Kommunionunterricht erfuhr ich den eigentlichen Grund des Hochfestes: Maria ist von ihren Eltern Joachim und Anna ohne Erbsünde geboren worden. Für mich, Papa, ist diese Erbsündenlehre, die sich auf die Schuld von Adam und Eva bezieht, eher ein Mythos als ein Geheimnis des Glaubens. Ohne es richtig benennen zu können, fühlte ich mich schon als Kind oft schuldig, nicht wegen der oberflächlichen »Sünden« wie ich habe genascht, ich habe den Eltern widersprochen, ich habe die Hühner gejagt, sondern wegen etwas nicht in Worte zu Fassendes. Befreit und erleichtert fühlte ich mich dann jeweils nach der Beichte durch die Vergebung der Sünden. Dank Jesu Barmherzigkeit konnte ich danach glücklich an der Kommunionfeier teilnehmen.
Beim Nachhauseweg am Kommuniontag trug ich würdevoll die Kerze über die Karnaper Straße an der Seite meines Mitschülers Axel, der meine tiefe Zuneigung zu ihm leider nicht erwiderte. Du, Papa, hattest in der Woche zuvor viele unserer Tiere geschlachtet, um die Festgäste, die Verwandten aus Kamp-Lintfort und Altenessen sowie die Hausnachbarn, zu beköstigen. Mama hat mit Hilfe ihrer Geschwister tagelang Kuchen gebacken und das Festessen vorbereitet. Ich hatte zum ersten Mal einen Anzug mit weißem Hemd und Fliege an. In diesem Kleidungsstück, das ich nach der Kommunionfeier selten trug, habe ich mich immer unwohl gefühlt. Ganz neue Kleider, und zwar einen kurzen roten Rock mit einem weißen Rochetthemd, erhielt ich danach auch zum Dienen in der Messe. Stolz trug ich in der kleinen Schar der Messdiener während der Messfeier die Kerze. Später durfte ich dem Priester Wasser und Wein zur Gabenbereitung reichen und das Weihrauchfass mal mehr, mal weniger heftig schwenken. Als kleiner Knirps von elf Jahren war ich plötzlich eine Person des öffentlichen Auftritts geworden. Besonders ehrenhaft war für mich, bei der Fronleichnamsprozession und bei den Wallfahrten nach Kevelaer eine Fahne tragen zu dürfen.
In den Messdienerstunden erhielten wir kleine Hefte mit Bildergeschichten, die von Wundern und biblischen Erzählungen handelten. Ganz aufmerksam hörte ich zu, als vom Schilfmeer die Rede war, in dem Moses im Körbchen ausgesetzt worden war, oder von Abrahams großen Karpfen im Teich von Urfa in Mesopotamien. Besonders aufgewühlt hat mich die Erzählung von der innigen Freundschaft des Königs David zu Jonatan. Erst später im Theologiestudium erfuhr ich vom erotischen Begehren Davids. In seiner Totenklage sagt er im zweiten Buch Samuel im ersten Kapitel: Schmerz kommt mir an wegen dir, mein Bruder Jonatan, du warst mir so lieb. Wundersamer war mir deine Liebe als Frauenliebe. Über diese spannenden biblischen Geschichten hinaus machte ich im Messdienerunterricht meine ersten Lateinerfahrungen, da wir die lateinischen Messgebete – damals wurde die ganze Messe noch in dieser Sprache gehalten – auswendig lernen mussten. Es machte mir besonderen Spaß, das Confiteor zu lernen, ohne zu ahnen, wie tief seine Inhalte später Auswirkungen auf mich haben sollten. Denn in diesem von allen Messdienern gesprochenen Gebet kommt die Aussage vor: »Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa« (»durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld«). Heute bin ich nicht überrascht zu sehen, dass ich später, gerade in der Zeit der Pubertät, nicht oft genug zur Beichte gehen konnte, da ich mich bewusst oder unbewusst schuldig fühlte.
Die Bilder aus der Volksfrömmigkeit von der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche, von Todsünden, von ungetauften Kindern, die, wenn sie starben, nicht in die Hölle, aber auf einen Eisberg kamen, habe ich als Kind tief in mich aufgenommen. Als meine Cousine Petra, 1959 geboren, wochenlang ungetauft in ihrem Körbchen lag, hatte ich als Zwölfjähriger große Ängste um sie, falls ihr ein tödlicher Unfall passieren sollte. Bei einer Familienfeier, zu der Tante Friedel und Onkel Paul anlässlich der Geburt ihres Kindes eingeladen hatten, saßen alle gemütlich im Wohnzimmer und Petra lag allein in ihrem Körbchen in der Küche. Schnell ging ich zu ihr, nahm Wasser, goss einige Tropfen über ihr kleines Köpfchen und taufte sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Ich sehe noch, wie mich die kleine Petra bei meiner Taufhandlung lächelnd und still wie eine geheime Verbündete anschaute. Ganz erleichtert kehrte ich zur Festgesellschaft, die dank Petras Schweigen nichts von meiner geheimen Handlung gemerkt hatte, ins Wohnzimmer zurück. Ich weiß nicht, ob ich Dir, Papa, die Geschichte damals erzählt habe. Bestimmt warst Du wie ich überrascht zu hören, dass Petra uns in den 1970er Jahren erzählte, Theologie studieren zu wollen. Doppelt getauft wirkt Petra inzwischen segensreich, zuerst viele Jahre als Gemeindepastorin und seit einigen Jahren als Krankenhausseelsorgerin. Hier haben wir beide uns zu guter Letzt in derselben Aufgabe wiedergefunden, eine Profession, die mir bis zur Rente kostbar blieb.
Bis zu meinem Eintritt als Postulant in die Ordensgemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu bin ich gerne in Karnap Messdiener geblieben. Nicht geblieben bin ich bei den Pfadfindern, deren Uniform und Symbole mich zwar sehr beeindruckten, damals genügte mir jedoch die Erfahrung, sie überhaupt getragen zu haben, wollte ich doch mal wie Du, Papa, in Uniform auftreten. Du selbst machtest kein Aufheben wegen Deiner Uniform. Mein Tragen der Pfadfinderuniform ist nur ein kleines Beispiel von vielen dafür, was Du in mir gesät hast. So wie Du uniformiert zum Dienst gingst, ging ich dann stolz in Pfadfinderkluft zu den Treffen im Gemeindehaus. 1961 war ich auf Einladung eines Mitschülers in ein Zeltlager ins Sauerland mitgefahren. Das Zelten gefiel mir überhaupt nicht, da wir behelfsmäßig draußen am Waldrand zu essen, zu schlafen und zu wachen hatten.
Mein Interesse an Uniformen blieb auf einige Monate begrenzt, und ich verabschiedete mich von der Pfadfinderschaft. Allein der Verkauf der Zeitung »Befreiung« der CAJ (Christliche Arbeiter Jugend) begeisterte mich einige Jahre lang. Ich lernte aufgrund der Inhalte dieser Zeitung erste Anzeichen von Unrecht in Gesellschaft und Kirche kennen. Vom Kaplan angeregt, verkaufte ich die »Befreiung« erfolgreich nach der Kirche. Ging es doch hier um meinen ersten selbstständigen Arbeitsauftrag im Alter von dreizehn Jahren.
Heute, beim Rückblick auf die Schulzeit von 1954 bis 1962 stelle ich fest, dass es eine erholsam schöne, ungebundene Kindheit war. Viel wichtiger, als für die Schule zu lernen, waren mir das verträumte Spielen im Hof, im Garten und meine Freundschaft mit unseren Tieren.
Für heute verabschiede ich mich von Dir
mit einer herzlichen Umarmung und Gruß
Dein Sohn Gregor
Brief über die Zeit als Postlehrling
Frankfurt am Main, 21. November 2016
Lieber Papa,
gerade hat die Türklingel geläutet. Ich habe für Burkhard vom Briefträger einen großen Einschreibebrief entgegengenommen. Burkhard bekommt täglich wegen seiner Baustelle im Kaufhaus H&M auf der Zeil Post. Zum Glück hat der Briefträger nur eine Treppe bis zur ersten Etage zu ersteigen, um die Geschäftspost, sofern sie nicht in den Briefkasten geht, bei mir abzugeben. An der Tür sagte ich zu ihm: »Warten Sie noch einen Moment. Ich möchte Ihnen etwas geben. « Weiß ich doch aus eigener Erfahrung, was es heißt, bei Wind und Wetter und gerade bei trübnassem Novemberregen wie heute als Briefträger unterwegs zu sein. Mit erstauntem und dankbarem Blick nahm der junge attraktive Zusteller das kleine Trinkgeld in seine kaltgefrorenen Hände.
Im Rückblick auf längst vergangene Zeiten bin ich überrascht, im Alter von 14 Jahren bei der Post gelandet zu sein. Als ich im April 1962 die Ausbildungszusage erhielt, Papa, freutest Du Dich sehr mit mir. Dir war vor allem wichtig, dass ich über eine spätere Beamtenstellung zeitlebens abgesichert sein würde. Mir selbst hätte keine andere Lehre besser als die bei der Post gefallen können. Die vielseitige Praxis im Zustellungs-, Paket- und Zeitungsdienst, verbunden mit dem theoretischen Lernen, machte mir Spaß. Begeistert hatte ich die gerade eingeführten Postleitzahlen studiert. Schnell lernte ich außerdem alle Bahnstrecken im Ruhrgebiet auswendig, obgleich ich nie in einem Postzug mitfahren sollte.
Im zweiten Lehrjahr bekam ich aufgrund des sehr kalten Winters auf dem Paketwagen Gelenkrheumatismus. Drei Monate lang war ich stationär im St. Josef-Krankenhaus in Gelsenkirchen-Horst in Behandlung. Obwohl an meiner Berufskrankheit unschuldig, bestrafte mich die Postdirektion mit einer vierteljährigen Ausbildungsverlängerung. Vergeblich versuchten meine Altenessener Vorgesetzten, die Verlängerung mit dem Hinweis zu verhindern, dass ich in Essen von 60 Schülern als Lehrgangsbester ausgezeichnet worden war. Somit konnte ich nicht mit meinen Essenern Postlehrlingen zusammen den Abschluss machen, sondern musste als einziger nach Düsseldorf zur Prüfung, was zur Folge hatte, dass ich statt der erwarteten sehr guten Abschlussnote nur eine befriedigende Durchschnittsnote erhielt. Diese enttäuschende Nachricht war für mich so bitter, dass ich auf dem Rückweg ganz depressiv am Düsseldorfer Hauptbahnhof stand. Der Aufstieg in den Mittleren Dienst blieb mir damit verschlossen. Meine neue Berufsbezeichnung »Postschaffner zur Anstellung« erhielt ich feierlich vom Postamtmann in Essen-Altenessen ausgehändigt. Du, Papa, jubeltest über dieses Papier, mit dem ich als Beamter im einfachen Dienst bestätigt wurde. War doch jetzt Dein stets kranker, schwacher Sohn in scheinbarer sozialer Sicherheit.
Ich fühlte mich nach der Postlehre so, als sei alles zu Ende, als ginge nichts mehr weiter, als wäre alles umsonst gewesen, als müsste ich immer schwach und krank bleiben. Dennoch führte mich dieser Zustand als 15jähriger erstaunlicherweise nicht in die Verzweiflung. Dank Mamas Gebetsanleitungen, der Kommunionkind- und Messdienererfahrung war in mir der christliche Glaube vor allem in den unendlich langen Krankenhauswochen zu einer stattlichen grünen Pflanze mit vielen Ablegern herangewachsen. Aber, Papa, auch Deine Worte und Dein zuversichtlicher Blick am Krankenbett – »Es wird täglich besser!«, »Nur noch kurze Zeit und Du bist wieder zu Hause«, »Wenn Du nur gut zu Hause isst und trinkst, wirst Du wieder ganz gesund!« – waren im Sommer 1963 für mich überlebenswichtig.
Als Briefträger war ich oft in den Bergmannssiedlungen des Altenessener Nordens eingesetzt. Diese einfachen Menschen wuchsen mir ans Herz. Ich freute mich, mit ihnen über Glückwunsch- oder Urlaubspost und Geldzuweisungen zu reden. Ebenso litt ich mit ihnen bei schlechten Nachrichten durch Trauerbriefe, Gerichtsbriefe und nicht bezahlte Rechnungen. Monatlich bekamen die Bergleute die Gewerkschaftszeitung »Werk und Wir«, die meine Tasche dermaßen beschwerte, dass ich erneut Knieschmerzen bekam. Auch andere Krankheitssymptome in den Füßen und Beinen, Schmerzen in der Magen- und Herzgegend überfielen mich in den ersten Jahren nach meinem Krankenhausaufenthalt. Hatte ich dazu noch Kopf- und Ohrenschmerzen, Übelkeit und Schwindel, dann musste ich mich krankschreiben lassen, da ich nicht fähig war, meinen großen Bezirk zu meistern. Von manchen Postvorgesetzten erhielt ich Mitleid, sodass sie mich wegen meiner erlittenen Krankheitsrückfälle zeitweise für den Innendienst in der Zeitungsstelle des Postamtes freistellten.
Nach meinem langen Krankenhausaufenthalt wurden wir beide uns wieder so fremd, dass wir uns gegenseitig ständig auf die Nerven gingen. Nichts, aber auch gar nichts konnte ich Dir recht machen. Deine Schimpftiraden habe ich noch heute im Ohr: »Ständig gibst du Widerworte!«, »Zum tausendsten Mal habe ich dir gesagt, nimm die Hände vom Gesicht!«, »Wenn du mich noch einmal so anguckst, schmeiße ich dich die Treppe hinunter!«. Ständig hattest Du mit strafendem Blick etwas an mir auszusetzen. Aus jedem Fehlverhalten meinerseits machtest Du eine gewaltige Sache. Als ich Dich auf dem Hof nicht mit »Guten Morgen!« begrüßte, warst Du so verärgert, dass Du auf meinen Zuruf: »Du sollst mich nicht so anschreien!«, resigniert sagtest, ich solle meiner Wege gehen, dann hättest Du endlich Ruhe vor mir und ich vor Dir. Mama sagte mir oft genug mit traurigem Gesichtsausdruck nach solchen Ereignissen: »Nimm Papas Aussagen nicht so ernst, du musst dich wieder mit ihm vertragen, Papa hat es nicht so gemeint.« Statt von zu Hause fortzulaufen, wie ich es öfter nach solch einem Vorfall vorhatte, blieb ich auch diesmal, aus Liebe zu Mama. Mit meiner Empörung blieb ich indes allein. Auf andere Gedanken kam ich einerseits im Klagegebet an Gott und andererseits, indem ich alles in mein Tagebuch niederschrieb.
»Die 175er« nanntest Du, Papa, in meiner Jugendzeit während der 1960er Jahre Männer, die Männer lieben, wie mir kürzlich Marlene und Christiane berichteten. Wer diese Menschen waren und auf welche Weise Du mit ihnen dienstlich zu tun hattest, erfuhren wir damals von Dir nicht. Aus heutiger Sicht ist mir klar, dass »die 175er« eine der indirekt diskriminierenden Bezeichnungen für homosexuelle Männer ist. Fühltest Du, Papa, Dich als 21jähriger junger Mann in Deiner Männlichkeit durch solche Männer bedroht bzw. gezwungen, Deinen eigenen homoerotischen Anteilen begegnen zu müssen? Ob auch Du mit dem völkischen Nationalismus sympathisiert hast, der schon in der Kaiser- und Weimarer Zeit seine generelle Verachtung von Minderheiten wie jüdischen Familien, Sinti und Roma sowie homosexuellen Menschen proklamierte? Die diskriminierende Politik der Kirchen gegenüber homosexuellen Menschen hat schon in der Weimarer Zeit auch Deine und Deiner Familie prüde Sexualmoral maßgeblich beeinflusst. Wie konntest Du Dich über Erichs graziöse Ballettaufführungen in unserer Wohnung freuen und mit ihm und seinen Eltern befreundet bleiben, während gleichzeitig friedliebende schwule Männer wegen des § 175 in Essen verhaftet wurden? Als junger Essener Polizist der 1930er Jahre war Dir das schwule Lokal »Eldorado« bekannt. Weit über Essen hinaus war dieses neben anderen schwulen Lokalen beliebt und gesellschaftlich anerkannt. Heute steht auf der Gedenktafel am Geringplatz in Essen: Bis zum 2. Mai 1933 befand sich in diesem Haus unter dem Inhaber Willi Hartenfels das Tanzlokal »Essener Eldorado«, ein beliebter Treffpunkt homosexueller Männer und Frauen. Mit seiner Schließung begann die systematische Ausgrenzung von Schwulen und Lesben in Essen. Die von der Gestapo durchgeführte Aktion gegen Homosexuelle zerstörte das Leben der Betroffenen. Willkürliche Schutzhaft, Misshandlungen und Internierung in Konzentrationslagern gehörten zum Schicksal von Männern, die Männer liebten. Frauen, die Frauen bevorzugten, galten als »asozial«. Durch den § 175 StGB noch bis 1994 kriminalisiert, wurden die Opfer totgeschwiegen. Welche Kuriosität, dass gerade mein Verlag an der Technischen Universität Dortmund mit dem gleichen Namen »Eldorado« meine Dissertation »Studie zum Projekt: schwul und katholisch in der Gemeinde Maria Hilf« kostenlos ins Internet gestellt hat.
Sind es zwei oder mehrere Seelen in Deiner Brust, mit denen Du als Polizeiangehöriger vor und nach dem Zweiten Weltkrieg im Umgang mit homosexuellen Menschen zurechtkommen musstest? Nicht selten sah ich Dich, Papa, mit einem traurigen, wehmütigen oder nachdenklichen Blick in die Ferne schauen und fragte mich schon damals, woran Du Dich wohl gerade erinnert hattest und was in Dir vorging. Heute bedauere ich, Dich nicht gefragt zu haben. Mama habe ich auch nicht gefragt, wie sie als junge gebildete Frau die Hetze von Kirche und Staat gegen homosexuelle Menschen oder jüdische Kinder, Frauen und Männer in Kamp-Lintfort und später in Essen erlebt hat. Bei Mama vermute ich zu diesen Themen ein noch stärkeres absolutes Tabu als bei Dir, Papa. Die Reaktion Mamas mit abweisendem Blick im Januar 1965: »So was muss man doch nicht zeigen« auf eine Fernsehreportage veranlasste mich, in mein Tagebuch zu schreiben: »Ein arbeitsreicher Tag liegt hinter mir. Nach dem Fernsehstück über Geisteskranke während der Hitlerzeit entstand zwischen Mama, Christiane, Marlene und mir eine heftige Diskussion über Sinn und Zweck dieser Filme. Sie waren gegen mich, weil ich mich für diese Filme ausgesprochen habe. Ich sagte Mama, dass es sehr wichtig sei, solche Themen öffentlich zu machen, weil der Film den ermordeten Menschen damals und den heutigen geistig und körperlich Behinderten im Nachhinein eine Würde gibt. Nur so können tiefsitzende diskriminierende Vorurteile in der deutschen Bevölkerung angegangen werden.« Als Briefträger des Essener Nordens habe ich oft genug erlebt, wie Eltern ihre körperlichen und geistig behinderten Kinder in den Wohnungen versteckten, wissend, dass die auch in den Kirchen nicht erwünscht waren, da sie sabbern oder Laute von sich geben konnten. Mir griffen diese Kinder besonders in den Obdachlosensiedlungen ans Herz. Zu Weihnachten brachte ich einigen von ihnen Spielzeug und den Eltern Kaffee und Süßigkeiten, wenn der Vater arbeitslos und in vielen Fällen gleichzeitig Alkoholiker war. Bei der Zustellung hatte ich ihr Vertrauen gewonnen und fühlte mich nach diesen Weihnachtsaktionen als der durch diese Erlebnisse besonders Beschenkte. Ist es doch viel leichter zu geben, als nehmen zu müssen.
Permanent warst Du, Papa, über mein widerspruchsvolles Verhalten als Jugendlicher enttäuscht. Heute würde ich sagen, dass ich überhaupt nicht Deinem national-deutschen, preußischen Sittenbild entsprach: stark, sportlich, tapfer, pflichtbewusst, diszipliniert, wachsam, gefügig und gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Ja, Papa, trotz meiner Uniform als Briefträger bin ich nicht zu dem geworden, wie Du mich haben wolltest. In Deinen Augen war ich eben kein dem traditionellen Familienbild entsprechender Mann. Natürlich hätte ich nie gewagt – hier wirkten sowohl mein Unterbewusstsein als auch unausgesprochen die kirchlichen Verurteilungen homosexueller Männer in mir –, Dir zu sagen, dass ich mich erotisch zu Männern hingezogen fühlte. Nur mein Körper reagierte immer stark bei homoerotischen Begegnungen, wie in der Straßenbahn, als ich nach meiner Briefzustellung diesen überaus schönen, schwarzgelockten Jungen mit großen blauen Augen ansah. Er kam aus dem Leibniz-Gymnasium, das neben dem Postamt lag, und benutzte am frühen Nachmittag die gleiche Straßenbahn, um wie ich nach Hause zu fahren. Seine anmutige, auf mich ansprechend wirkende Gestalt und sein gewinnendes Lächeln zogen mich wie ein Magnet an. Ich spürte sofort Schmetterlingsgefühle im Bauch, wenn ich ihn an der Haltestelle oder im Straßenbahnwagen antraf. Nach wochenlanger Stummheit und erregtem Herzklopfen kam es dann zu einem ersten Gruß, an späteren Tagen zu kurzen Gesprächen über seine Lieblingsfächer Kunst und Geschichte. Ich erzählte ihm stolz von meinen Schwestern, die diese gleichen Fächer an der Realschule hatten und deren Inhalte sie mit mir teilten. Ich war beglückt und erleichtert über diese sympathischen, erotisierenden, mehr und mehr unverkrampften Begegnungen. Nach einigen Monaten verloren wir uns sprichwörtlich aus den Augen.
Unsere Familie stand Dir, Papa, über allem. Keinen anderen Mann habe ich je kennengelernt, der so stark das Familienidyll predigte und versuchte zu gestalten wie Du. Nicht als Ehemann habe ich Dich erlebt, sondern als einen Mann, der seine Frau als Mutter seiner Kinder ansah und uns Kinder über alles liebte. Weder Freunde, Stammtisch, Kulturveranstaltungen noch Vereine kamen für Dich infrage. Kein Wunder, dass ich in der Kinder- und Jugendzeit keinen festen Freund finden konnte. Nach Deinem täglichen Polizeidienst galt Dir nur das Familienleben mit Tieren und Garten als Lebenselixier. Dein gesamtes Gehalt gabst Du selbstverständlich und stolz monatlich an Mama ab. Am Zahltag hattest Du meistens gute Laune, und hocherfreut über Deinen Monatsverdienst brachtest Du frische Brötchen mit nach Hause. Angesichts dieses äußerlich harmonischen Familienlebens frage ich mich, warum ich mich als Kind und als Jugendlicher von Euch Eltern abgewandt und zunehmend intensiver geistlichen Bezugspersonen wie Jesus, Maria und einigen Heiligen, insbesondere der kleinen Theresia von Lisieux, zugewandt habe?
Wegen meines permanenten Widerspruchs Dir gegenüber sagte Marlene mit blitzendem Blick zu mir: »Du musst immer alles besser wissen und hältst Moralpredigten. Renne nicht dauernd zur Beichte, sondern verhalte Dich mal anders zu Papa!« Meine wöchentlichen Besuche der Salve-, Rosenkranz- oder Marienandacht waren für mich nichts anderes als wunderbare meditative Stunden zum Abschalten von anerzogenen moralischen Skrupeln, vom Alltagsstress, vom Ärger über Vorgesetzte bei der Post, von nerviger Familie und letztlich auch von meinen vielfältigen Krankheitssymptomen. Manchmal begleitete Mama mich zur Salve-Andacht. Da sie mit Dir, Papa, weder zu geselligen Veranstaltungen noch ins Theater oder in Konzerte ging, konnte sie wenigstens in der Kirche vom häuslichen Stress abschalten.
Besonders nach Christianes plötzlichem Verlobungsende mit Xaver litt die ganze Familie mit ihr. Xaver, der schlaksige, Elvis ähnelnde Automechaniker, war uns allen sehr sympathisch gewesen. Ich genoss es, wenn er mich zärtlich wegen meines schmalen Aussehens »Röhrchen« nannte und mich dabei minutenlang streichelte. In ihrer tiefen Trauer über das Ende dieser großen Liebe flüchtete sich Christiane in Alkohol und nahm permanent Kopfschmerztabletten. Nicht nur einmal waren durch ihre Abhängigkeit und ihr damit verbundenes Erbrechen unsere Weihnachtsfeste betrübt. Ihr größter Albtraum war, keinen Mann mehr zu bekommen und als jungfräulich Sitzengebliebene von Familienangehörigen, Kolleginnen und Nachbarn verachtet zu werden. Papa, in was für einer Gesellschaft der 1960er Jahre lebten wir, in der nicht nur schwule Männer tabuisiert und verachtet wurden, sondern generell auch ledig gebliebene Frauen und Männer? Anderthalb Jahre nach der Trennung von Xaver lernte Christiane Werner kennen.
Ja, Papa, trotz der Liebe zu Dir und Mama hatte ich mich Euch mit meinen Problemen als pubertierender Junge nicht anvertraut. Als gefühlter Außenseiter hatte ich noch im August 1963 nach meinem langen Krankenhausaufenthalt begonnen, fast täglich Tagebuch zu führen. Im Hinblick auf das gerade erworbene Buch »Zwischen 15 und der Liebe« sagte ich mir damals, was Danny, die sympathische Hauptfigur, kann, kannst Du auch, eben Tagebuch schreiben. Mit Begeisterung habe ich diesen Roman von Michel Quoist gelesen, jedoch nur heimlich, da die sexuelle Thematik in unserer Familie tabu war. Obgleich von einem katholischen Priester geschrieben, hatte ich dennoch Angst, dass Du, Papa, oder Mama das Buch finden könntet. Ich sehe Dich noch vor mir, wie Du über das Verhalten unserer Cousine Maria geschimpft und sie als unanständig bezeichnet hast, weil sie auf dem Schoß ihres Freundes saß.
Über die Schriften von Michel Quoist lernte ich die französische spirituelle Literatur und eine befreite, basiskirchliche, linke Religiosität kennen, die mir, dem Außenseiter, vom Herzen her entsprach. Zu Deinem Leidwesen, Papa – Du warst nämlich ein begeisterter CDU-Anhänger – begann in dieser Zeit in mir auch ein Quantensprung von anerzogener traditioneller Lebenseinstellung zu progressiver Gesellschaftseinstellung. Mir gelang es, von einer prüden, moralischen, CDU-gefärbten Familientradition weg- und hin zu einer toleranten, weltoffenen und differenzierten Haltung gegenüber Kirche und Gesellschaft zu kommen. Ich begann, mich allen Menschen gegenüber zu öffnen, egal welche sexuelle Identität, Lebensform, Hautfarbe, Weltanschauung und Religiosität sie hatten, da für mich jede Person die gleiche Würde hat.
Obwohl gut versteckt und voller Angst, dass ein Familienmitglied jemals mein Tagebuch finden könnte, erzählte ich Dir dennoch von meinem ständigen Schreiben. Stammt doch von Dir der Ausdruck: »Wer schreibt, der bleibt.« Von der Elektrogroßhandlung Robert Merkelbach KG in Essen brachtest Du mir jährlich wunderbare Jahreskalender mit, die ich mit Begeisterung vollschrieb. Körperliche, homoerotische, seelische, soziale, familiäre, berufliche, gesellschaftliche, kirchliche und vor allem spirituelle Ereignisse und Erfahrungen »schrieb ich mir von der Leber weg« – auch so ein Ausdruck von Dir. Mein Tagebuch, dem ich alles anvertrauen konnte, wurde mir zum wertvollen Lebensbegleiter. Als ich im Oktober 1965 aufhören wollte, es zu führen, da ich wegen des Besuchs des Abendgymnasiums keine Zeit mehr dazu hatte, stellte ich fest: »Muss ich doch einfach wieder schreiben, habe einen starken Drang danach, das Schöne, das ich erleben durfte, in meinem Tagebuch aufzuzeichnen.«
Priester zu werden war ein weiteres, stets wiederkehrendes Thema darin. Ich stellte mir ständig die Frage, ob ich überhaupt wegen meiner Lernschwäche als Legastheniker und mit einem unzureichenden Volksschulabschluss zu diesem Dienst taugte. Dennoch hatte ich den tiefen Glauben in mir, Wege zu finden, meinem Freund Jesus nachzufolgen. Über meine Briefzustellung im Altenessener Norden lernte ich in der Pfarrei St. Ewaldi Pater Augustinus kennen. Bei meiner täglichen Postabgabe dort lud er mich zu einer kleinen Kaffeepause ein, die ich jedes Mal gerne annahm. Bei einem unserer Gespräche im September 1964 fragte ich Pater Augustinus, ob ich nach meiner Postlehre Priester werden könnte, obgleich ich als Abschluss nur die Volksschule hätte. Er machte mir Mut, zum Bischöflichen Abendgymnasium (BAG) in Essen zu gehen. Mit Marlene besprach ich sofort die Vor- und Nachteile einer Abendschule. Entsprechend ihrer Frohnatur spornte sie mich an, beim Bischöflichen Generalvikariat Informationen über das BAG einzuholen. Sie hatte inzwischen das Abitur erfolgreich bestanden und ihr Studium an der Pädagogischen Hochschule begonnen. Obgleich Marlene 21jährig und zu dieser Zeit frisch in Karlheinz verliebt war, nahm sie sich Zeit, mit mir zu lernen. Ich war Marlene für ihre Hilfe sehr dankbar, jedoch auch krankhaft eifersüchtig auf ihren Freund Karlheinz. Heute, Papa, muss ich schmunzeln über die Weisheit, dass »Eifersucht eine Tugend ist, die mit Eifer Leiden sucht«. Ganz erleichtert war ich im Mai 1965 über die Zusage meiner optimistischen Schwester, mich zum Erstgespräch mit dem Schuldirektor des BAG, Dr. Heinrich Allekotte, zu begleiten.
Mit dem 1. Oktober 1965 und meinem Antritt am BAG begann für mich ein ganz neuer Lebensabschnitt, der entscheidend meine begonnenen Lebensveränderungen, insbesondere die neu gewonnene ethisch-religiöse Einstellung, vertiefte.
Mit Deiner stets aktuell gebliebenen Botschaft im Ohr »Niemals aufgeben!« verabschiede ich mich für heute
von Dir mit einem herzlichen Gruß
Gregor
Brief über die Zeit als Abendgymnasiast
Frankfurt am Main, 5. Dezember 2016
Lieber Papa,
gestern hat das neue Kirchenjahr begonnen. Für unsere kleine schwul-lesbische Gottesdienstgemeinschaft war der 1. Adventssonntag Anlass, auf das vergangene Jahr mit seinen großen Ereignissen zurückzuschauen – besonders auf unser 25jähriges Bestehen am Weißen Sonntag. Unter dem Thema: »Wandlungsgeschichten« feierten wir mit den Delegierten unserer verschwisterten lesbisch-schwulen Gottesdienstgemeinschaften von Basel bis Berlin (LSGG) ein ganzes Wochenende mit Studientag und Festgottesdienst.
Adventssonntag – verbunden mit wehmütigen Erinnerungen an die glückliche Kindheit, als bei uns zu Hause auf dem Küchentisch der Adventskranz mit vier roten Kerzen stand. Durch das Anzünden einer weiteren Kerze wurde unsere kleine Küche auf Weihnachten hin jedes Mal heller. Jedoch verdüsterte sich meine Stimmung am 3. Adventsonntag 1967 wegen schlechter Noten am Bischöflichen Abendgymnasium. Mein Verbleib an der Abendschule war infrage gestellt. Ebenso wie ich warst Du, Papa, betrübt, von meinen großen Schwierigkeiten in der Schule zu hören. Als ich Dir sagte: »Mein Verbleib an der Schule sei mir wichtiger als das Abitur zu erreichen«, hast Du mir zwar freundlich geantwortet, aber für mich unverständlich, dass ich mit aller Gewalt das Abitur schaffen solle. Als zukünftiger Klosterbruder – vom Wunsch, Priester zu werden, hatte ich inzwischen wegen der privilegierten Stellung des Klerus in der Amtskirche Abstand genommen – brauchte ich keinen »höheren Dienstgrad«, da ich auch ohne Abitur in eine Ordensgemeinschaft aufgenommen worden wäre. Zur Post wollte ich nicht zurückgehen, nachdem ich mich ein Jahr zuvor, im September 1966, im Hauptpostamt Altenessen verabschiedet und eine Halbtagsstelle bei der Dresdener Bank angenommen hatte. Mir war die eigene Bildungserweiterung über das BAG zunehmend wichtiger geworden.
Anders als in der Volks- und Berufsschule lernte ich am BAG nicht nur für die sympathischen Lehrer, sondern begann mich über meine bisherigen Lieblingsschriftsteller George Bernanos, Reinhold Schneider, Johannes XIII. hinaus mit weiteren bedeutungsvollen Autoren zu befassen. Du, Papa, erklärtest: »Deine Lernbegeisterung und Deinen Fleiß weiß ich trotz der schlechten Klassenarbeiten dennoch zu schätzen.« Diese Worte ermutigten mich, am BAG zu bleiben. Dein und Mamas nächtlicher Empfang nach meinem Schulbesuch mit leckerem Essen gegen 23.00 Uhr, wenn ich, gerade aus der Straßenbahn ausgestiegen, müde und niedergeschlagen in die Wohnung kam, trug entscheidend dazu bei, trotz schlechtester Noten nicht zu resignieren. Ihr gabt mir bei der Nachricht von einer missglückten Klassenarbeit niemals Schelte, sondern jederzeit Trost und Mitgefühl.
Aufgrund meiner mangelhaften Durchschnittsnote Ende 1967 hatte das Lehrerkollegium des BAG nach Aussage meines Klassen- und Lateinlehrers Bernhard Tobias keine Hoffnung mehr, dass ich je das Abitur bestehen würde, wie er mir auf dem langen dunklen Schulkorridor mitteilte. Er hatte recht, denn vom Lateinunterricht habe ich nur das Zitat: »Non scholae, sed vitae discimus« behalten, also dass wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen, und die geflügelten Worte: »Veni, vidi, vici.« Aussagen, die mich zwar hoch motivierten, eifrig weiter zu lernen, jedoch nicht reichten, um das große Latinum zu erlangen. Ich bat meinen Lateinlehrer das Jahr wiederholen zu dürfen, da für mich nicht der Wunsch, das Abitur zu erlangen, wichtig sei, sondern als Bruder in eine Ordensgemeinschaft einzutreten. Die neue Klassengemeinschaft nahm mich wohlwollend auf. Dank dieser Hilfe und der unveränderten Unterstützung durch meine Schwester Marlene in Deutsch und Latein sowie der ihres Freundes Karlheinz in Mathematik wurde ich tatsächlich in den nächsten Zeugnissen in allen Fächern um eine Zensur besser. Darüber hinaus kam mir die Beendigung meiner Halbtagsstelle in der Dresdner Bank Ende 1967 zugute.
Nach den Weihnachtsferien pilgerte ich im Januar 1968 nach Kevelaer zur Muttergottes. Dieser Pilgerort war mir aus Kindheitstagen gut vertraut. Im Glauben ahnte ich, wenn ich allein unterwegs war, dass von diesem Ort Kraftquellen ausgingen. Zuversichtlich bat ich dort Maria, noch eine Weile an dieser Abendschule bleiben zu dürfen. Diese kleine Weile ging tatsächlich noch über zweieinhalb Jahre, bis zum 9. Juni 1970, dem Tag, als der neue Schuldirektor Horst Graebe mir und dem Klassensprecher mitteilte, dass wir nicht mehr in das mündliche Abitur gehen mussten, da unsere Vorzensuren mit den Zensuren der schriftlichen Abiturarbeiten übereinstimmten. An den Abschlussfeierlichkeiten und der Zeugnisübergabe am 28. Juni 1970 nahm die ganze Familie einschließlich meiner Schwester Christiane, die extra aus Aachen angereist kam, teil.
Einen echten Freund in Deiner Nähe, Papa, habe ich nicht gesehen. Du hast aber auch weder von einem befreundeten Kollegen in Deiner langen Ausbildungszeit bei der Polizei noch von einem guten Kameraden aus dem Krieg erzählt. Allein Deine vielen Fotos von der Polizei und vom Krieg, die Dich mit jungen Männern beim Baden, beim Sport, bei der Arbeit oder in Uniform zeigen, lassen vermuten, dass Du dem einen oder anderen Mann näher standst. Mir erging es lange ähnlich. Immerhin blieb Jesus in freudigen wie in schweren Tagen mein Begleiter. Dank seiner frohen Botschaft war er mir Tröster und Kraftquelle zugleich.
So kannst Du, Papa, Dir vorstellen, dass ich überglücklich war, nach wenigen Tagen am Abendgymnasium im Oktober 1965 einen Freund gefunden zu haben. Fast noch ungläubig schrieb ich in mein Tagebuch: »Ich habe es kaum zu hoffen gewagt, dass ich mit Wolfgang, einem Klassenkameraden, in meiner neuen Schule eine Freundschaft begonnen habe.« Wolfgang blieb mir über die gesamte Schulzeit bis zu meinem Weggang ins Ausland in Freundschaft verbunden. Seine angenehme Nähe beim gemeinsamen Lernen und Diskutieren half mir, die permanenten Anstrengungen der Abendschule zu überstehen.
Besonders die gemeinsamen Fahrradtouren an Wochenenden und in den Ferien waren für Wolfgang und mich der gelungene Ausgleich zum ständigen Lernen. Bestens hattest Du, Papa, mein Fahrrad präpariert, und so fuhr ich an diesem Pfingstmontag voll Freude, Glück und Zufriedenheit mit Wolfgang los und prallte keine drei Schritte von zu Hause entfernt gegen ein stehendes Auto. Der Fahrer stellte sofort fest, dass an seinem Auto kein Schaden entstanden war. Doch mein Fahrrad war so verbogen, dass es nicht mehr fuhr. Du, Papa, kamst sofort angelaufen und hörtest nicht mehr auf, zu schimpfen und zu schreien. Du hättest mir alles schon vorausgesagt, nur ich, ich habe ja nicht hören wollen. Vor Wolfgang schämte ich mich am meisten, denn durch meine Schuld stand die ganze vorbereitete Fahrradtour auf dem Spiel. Zu guter Letzt durfte ich dann Marlenes Fahrrad nehmen. Natürlich habe ich Dir, Papa, nicht erzählt, dass ich schon einige Kilometer weiter, in Bottrop-Mitte, gegen einen Eisenpfahl gefahren bin. In meinem Tagebuch steht dazu: »Wolfgang hatte wieder einen ordentlichen Schrecken bekommen. Gleich half er mir, obwohl ich schon aufgestanden war, mit einigen seiner passenden tröstenden Worte. Mit schiefem Lenker, Knie- und Hinterteilschmerzen und einer Handabschürfung fuhr ich mit lachendem Gesicht über meine eigene Dummheit weiter, als wenn was anderes nicht infrage kommen konnte.« Heute ist mir sonnenklar, dass nach Schul- und Arbeitsstress in meiner großen Vorfreude auf diese Fahrradtour meine übergroße Gefühlsanspannung ein Ventil in den beiden kleinen Unfällen gefunden hatte.
Erfreulicherweise konnten wir letztlich am sonnendurchfluteten Niederrheinufer den Ausflug genießen. Auf der Rückfahrt über Ossenberg stellte uns die gastfreundliche Tante Käthe ihr Ehebett zum Übernachten zu Verfügung. Das ließ mich schmunzeln, da mir Wolfgang bei der vorherigen Fahrradtour nach Xanten erst die drei Wärmevorteile des Zusammen-Schlafens in der Jugendherberge benannt hatte: »1. Wir hätten jetzt die doppelte Anzahl von Decken zum Zudecken. 2. Da nur eine von beiden Matratzen trocken ist, schlafen wir beide am bestens auf der einen trockenen zusammen. 3. Die gegenseitige Körperwärme bringt uns die ersehnte Ruhe trotz der anhaltenden lauten Rattengeräusche.« Den Genuss und die Erotik, unsere Körper zu genießen, trauten wir uns nicht einzugestehen. Zu dieser Zeit war Sexualität für Wolfgang wie für mich ein Tabu und mit vielen Vorbehalten belegt.
In diesen Jahren der Abendschulzeit standen drei Hochzeiten an. Silberne Hochzeit – in meinem Tagebuch schrieb ich, dass auch Du, Papa, der sich so leicht über alles aufregte, an diesem großen Tag mit 30 Gästen in unserer Karnaper Wohnung zufrieden warst. Die Kopfschmerzen, die Mama in den Tagen zuvor plagten, hatten sich zum Glück gelöst. Mitten in der Woche, am Dienstag, dem 14. Februar 1967, hast Du mit Mama in der Karnaper Marienkirche einen Dankgottesdienst gefeiert, bei dem ich als Messdiener mitwirken dufte. Genau 25 Jahre zuvor hattest Du Mama im Alter von 34 Jahren in der Kamp-Lintforter St. Josefs-Kirche mit ernstem Gesichtsausdruck, wie es mir das Foto zeigt, geheiratet. Im Rückblick auf 25 Jahre mit Mama hörte ich Dich sagen: »Alles, es war einmal!«
Drei Jahre nach Deiner Silbernen Hochzeit und ebenfalls gut drei Jahre nach Christianes Hochzeit stand Marlene, mein 23 Jahre altes Schwesterchen, am 14. März 1970 vor dem Traualtar in der Karnaper Marienkirche. Nach der festlichen Messe durften Karlheinz’ Bruder und ich als Brautzeugen in der Sakristei das Hochzeitsdokument unterschreiben. Beim Fest in einem Restaurant am Kaiserpark mit seinen frühlingserwachenden Bäumen hattest Du, Papa, Deinen großen Auftritt mit dem Sologesang des Kuckuckswalzers. Gerade fällt mir auf, warum man Hochzeiten eigentlich so groß feiert, da sie immer auch etwas Trennendes, Abschiednehmendes, Zukunftsveränderndes in sich bergen, um so gestärkt den Schmerz – noch versteckt – zu überbrücken.
Wenige Monate nach Eurer Silbernen Hochzeit, Papa, musstest Du im Juni 1967 wegen des Verdachts auf einen Nierentumor für fünf Tage ins Krankenhaus. Erfreulicherweise bestätigte sich die Diagnose nicht. Aus dem Krankenhaus brachtest Du zu Marlenes und meiner Freude den jungen Krankenpflegehelfer Ottmar nach Hause mit. Er hatte gerade als 20jähriger Abitur gemacht und arbeitete zur Überbrückung, bis er im Polizeidienst eingestellt würde, auf der urologischen Station. Ihm gefiel es so gut bei uns, dass er mehrmals zu Besuch kam. Ich hatte vorher viele Hemmungen, ihm zu begegnen, und Angst, ob wir uns gut unterhalten können würden, sowie tausenderlei andere Bedenken. Ohne es mir eingestehen zu wollen, hatte Ottmar mit seinem sportlich durchtrainierten Körper und bestechenden Charme eine offensive, starke erotische Ausstrahlung auf mich. Bei seinem zweiten Aufenthalt genoss ich seine Nähe beim Hören von Chansons Père Aimé Duvals, den er wie ich gut kannte. An diesem Abend sprachen wir über den Glauben und über französische Literatur.
Ob mein Freund Ottmar als Krankenpflegehelfer für mich ein Vorbild war oder Du, Papa, als ehemaliger Polizeisanitäter die Ursache dafür warst, mich für den Stationssonntagsdienst im St. Josef-Krankenhaus zu bewerben? Meine vielen eigenen Krankheitserfahrungen der letzten Jahre, schmerzhafte Nierenkoliken, giftige Akne, deren Pusteln am Hals mich für einen Monat stationär in die Uniklinik brachten, heftige Kopfschmerzen verbunden mit Sehstörungen und die inzwischen vertraute chronische Ohrenentzündung, waren bestimmt ein weiterer Grund dafür, anderen Kranken solidarisch beizustehen.
Dank dem Stipendium für das BAG war meine Arbeit in der Dresdner Bank zum 31. Dezember 1967 beendet. Am Neujahrsmorgen schrieb ich in mein Tagebuch: »Da ich ja jetzt mehr Zeit für das Studium habe, möchte ich gerne an einem halben Tag in der Woche eine andere Arbeit tun, nämlich sonntagmorgens auf einer Station im Krankenhaus helfen.« Der Sonntagsdienst junger Leute im St. Josef-Hospital in Gelsenkirchen-Horst war Tradition. Nach einem Gespräch mit der Oberin teilte sie mir die innere Männerstation von Schwester Zita zu. Der Dienst begann um 7.00 Uhr und endete nach dem Mittagessen. Der erste Sonntagsdienst sollte für mein ganzes Leben prägend werden, da gleich zwei Patienten, ein junger Suizident und ein älterer Herr, in meinem Beisein starben. Ich hatte doch, Papa, ein starkes Zittern in den Beinen bekommen, zumal die Schwester vom Umbetten und Leichenhaus sprach, und deshalb bat ich, aus dem Sterbezimmer gehen zu dürfen. Auf dem Flur ging es mir gleich besser, und kurz darauf kam Schwester Zita und sagte, ich möge doch in die moderne Kantine des Neubaus frühstücken gehen.
Im Dienst an den Kranken und Sterbenden half mir meine Freundschaft zu Jesus. Besonders das Leiden junger, mir gleichaltriger Männer ging mir nahe, und ich fragte an den nächsten Sonntagen Christus: »Warum?« Sr. Zita sagte mir zu meiner Ermutigung, dass wir in jedem kranken Menschen Jesus begegnen. Sie selbst litt an Unterleibskrebs. Nach zweieinhalb Jahren Sonntagsdienst war zwischen mir und manchen Kranken, insbesondere zu den chronisch Kranken, die immer wieder kommen mussten, Freundschaft entstanden. Der Abschied später von den Kranken, Sterbenden, dem Stationspersonal, den Raumpflegerinnen und Stationsschwestern des St. Josef-Hospital fiel mir viel schwerer als in der gleichen Zeit von den Schülern und Lehrern des Bischöflichen Abendgymnasiums.
Das ganze Jahr 1967 über reifte in mir der Entschluss, in den Krankenorden der Kamilianer einzutreten, doch erst Anfang November wagte ich, Mama und Marlene davon zu erzählen. Wie meine Schwestern weinte Mama heftig nach dieser Nachricht, ahnend, dass ich bald einmal endgültig von zu Hause Abschied nehmen würde. Du, Papa, sahst Mamas verheultes Gesicht, erfuhrst den Grund und sagtest zu meiner angenehmen Überraschung, darüber brauche man doch nicht zu weinen, sondern man solle sich freuen, und Du seiest stolz, dass ich einen solchen Beruf gewählt habe. Letztlich nahm ich von dieser Ordensgemeinschaft Abstand, als mir nach wiederholten Klosterbesuchen bewusstwurde, wie sehr der Pater Provinzial auf die Privilegien und Immobilien seines Ordens bedacht war. Ich dagegen war gemäß dem Vorbild der französischen Spiritualität ganz und gar von einer Nachfolge Christi überzeugt, die bereit ist, auf alles zu verzichten und von selbstloser Liebe zu Gott und zu den Menschen erfüllt lebt. Ja, Papa, damals war ich, was meine Nachfolge Jesu anging, sehr radikal und konsequent gesinnt.
Auf dem Katholikentag in Essen 1968 lernte ich bei einem Seminar Bruder Michael von den Kleinen Brüdern Jesu kennen. Er wohnte mit noch zwei Brüdern in einer kleinen Mietwohnung in einem sozialen Brennpunkt am Gleisdreieck von Duisburg-Hamborn. Tagsüber arbeitete er als Müllmann. Bei meinem ersten Besuch kam ein Nachbar hinzu. In der kleinen Küche saßen wir zu dritt bei Kaffee und Plätzchen. Die Teilnahme an der stillen Anbetungsstunde vor dem Abendessen bestärkte meine Bereitschaft für dieses Leben mitten unter den Menschen. Später kam noch Bruder Manfred hinzu. Er arbeitete in einer Fabrik als Hilfsarbeiter. Ich war berührt von ihrem freundschaftlichen Umgang mit den Nachbarn und zugleich fasziniert von der kargen, jedoch auch warmen Zimmergestaltung der kleinen Fraternität inmitten einer Obdachlosensiedlung.
Jedoch noch vor dem Entschluss, zu den »Kleinen Brüdern Jesu« zu gehen, lernte ich durch unseren Lateinlehrer Bernhard Tobias Trier, »das kleine Rom«, wie er es nannte, und die dortige Benediktinerabtei St. Matthias kennen, die der Legende nach über dem Grab des Apostels Matthias gebaut ist. Der freundliche Gastpater Maurus lud uns Schüler anlässlich unserer Klassenfahrt im Herbst 1968 herzlich ein, in den Ferien für einige Tage in die Abtei zu kommen. Ernst, ein immer modern gekleideter, schlanker, charmant blickender, auf mich erotisierend wirkender Klassenkamerad nahm mit mir sofort das Angebot an, in den Weihnachtsferien eine Woche lang mit dem jungen Konvent den Jahreswechsel zu verbringen. Ernst hatte sich den Namen Sadri zugelegt, da er sich zum Islam hingezogen fühlte. Trotz der hohen mittelalterlichen, fast morbiden, winterlich kalten Räume und Flure des Klosters erfuhren wir beide eine warme herzliche Atmosphäre in der Begegnung sowohl mit den jungen Novizen als auch mit den erfahrenen älteren Brüdern. Wir durften an ihren gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen und beteten mit ihnen im Chorgestühl die Liturgie entsprechend den Tageszeiten. Die Mönche waren in gesellschaftlichen und interreligiösen Fragen gut informiert. Ihre Theologie und benediktinische Spiritualität machten auf Ernst einen besonders großen Eindruck.
Doch meine Sehnsucht nach dem Leben der Kleinen Brüder Jesu hatte sich bestätigt. Dankbar sagte ich einmal zu Mama, dass ich durch die Familie sehr viel positive Veranlagung mitbekommen hätte. Mithilfe dieser kostbaren Ressourcen konnte ich mich ein Leben lang leicht auf die Seite derjenigen Menschen stellen, die als Kinder und Jugendliche von zu Hause kein herzliches Willkommen mitbekommen haben. Deine, Papa, Mamas, Marlenes und Christianes wunderbaren Talente und lebensbejahende Botschaft nahm ich mit in die Ferne nach Frankreich. Am 1. September 1970 begann ich in St. Rémy bei Montbard in Burgund das Postulat der Kleinen Brüder Jesu.
Heute, am Nikolausabend, bin ich gespannt, Papa, womit Burkhard mich morgen überraschen wird. Jetzt werde ich mich erst einmal schlafen legen.
Liebe Grüße
Dein Sohn Gregor
Brief über die Ordenszeit
als Kleiner Bruder Jesu
Benediktiner Abtei St. Matthias, Trier, 12. Dezember 2016
Lieber Papa,
gerade sang der Abt der Benediktinerabtei St. Matthias, Bruder Ignatius, zum Schluss des gemeinsamen Abendessens mit Brüdern und Gästen: »Gott, segne alle, die uns Gutes tun und schenke ihnen um Deines Namens Willen das ewige Leben. Amen.« Gerne schließe ich mich zu Beginn meines erneuten Aufenthaltes hier im Kloster der Bitte des Bruders Ignatius für Dich, Mama, Marlene, Christiane, Burkhard und alle uns Anvertrauten an.
Bestimmt war es nicht leicht für Euch, mir an jenem frühen Dienstagmorgen des 1. September 1970 bei der Abfahrt des Zuges nach Paris auf dem Essener Hauptbahnhof nachzuwinken. Mein heftiges Winken aus dem Fenster sehe ich heute im Rückblick als Metapher, dass ihr mich trotz meines ernsthaften Entschlusses zur Nachfolge Jesu nicht loslassen konntet – und ich Euch auch nicht. Trotz meiner intensiven Vorbereitung auf das neue geistliche Leben in der kontemplativen Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu, trotz der Vorfreude, das Postulat jetzt im Spätsommer nach dem gerade bestandenen Abitur beginnen zu können, trotz Deiner Versicherung: »Wir freuen uns, dass Du Dich glücklich fühlst mit Deiner Berufung«, fragte ich mich, ob ich es letztlich schaffen würde, dem Lied von Edith Piaf »Non, je regrette rien« entsprechend, alles hinter mir zu lassen, alles Anvertraute wegzufegen, um am Punkt Null mit Jesus Christus im Orden ganz neu zu beginnen.
In St. Rémy stellte ich fest, dass ich als Postulant nur ein Viertel des Gepäcks benötigte. Der äußerst feinfühlige, und sympathische geistliche Leiter des Postulats, Bruder Dominique, empfing mich, ohne eine Bemerkung zu meinen vielen Koffern zu machen, herzlich am nächtlichen Bahnsteig der kleinen Stadt Montbard. In seiner großen, leicht von Krankheit nach vorn gebeugten, mageren Gestalt, gehüllt in einen billigen Lodenmantel und mit ausgetretenen Schuhen, glich Bruder Dominique eher einem müden Fabrikarbeiter als einem Ordensmann. Allein seine großen, leuchtend dunkelbraunen Augen, die Menschenfreundlichkeit, Weisheit, Hoffnung und Wärme ausstrahlten, verrieten mir einen lebenserfahrenen, spirituellen, interessierten Menschen, dem anzuvertrauen sich lohnte. Bruder Dominique war der leibliche Bruder des Ordensgründers René Voillaume.
Kaputt und müde fiel ich in dieser ersten Nacht in St. Rémy ins Bett. An Schlaf war nicht zu denken, da ich ständig die am Klostergebäude vorbei donnernden Züge hörte. In kurzen Albträumen sah ich mich vergeblich mein schweres Gepäck von einem Bahnhof zum anderen schleppen, um dann am Bahnsteig dem letzten Waggon des abfahrenden Zuges ohnmächtig nachzuschauen. Am Morgen beim kargen Frühstück, Baguette und Butter, fragte mich Bruder Dominique, ob ich gut geschlafen hätte, was ich natürlich nicht bestätigen konnte. Auf meine Gegenfrage, ob er gut geschlafen hätte, erfuhr ich, dass er wegen seines Asthmaleidens kaum schlafen konnte. Das erklärte sein hageres Aussehen und sein Fehlen um 5.20 Uhr bei der Laudes, dem Morgengebet der Mönche.
Nach drei Tagen St. Rémy, in denen ich gerade einmal die anderen sieben Postulanten, vier Franzosen, zwei Spanier und ein Amerikaner, ein wenig kennengelernt hatte, war ich wieder auf Reisen, um auf Empfehlung von Bruder Dominique in Besançon Französisch zu lernen, hatte ich doch am Abendgymnasium nur Latein und Griechisch als Sprachen. Papa, ich war in St. Rémy angekommen, um wieder zu gehen – auch eine bedeutungsvolle Erfahrung, die, wie Du weißt, mich mein Leben lang begleiten sollte und letztlich erst mit Beginn meiner Liebesbeziehung zu Burkhard im Sommer 1992 endete.
Die Sprachschule, das »Centre Linguistique de Besançon«, ein Ableger der Universität, lag inmitten dieses malerischen, baulich total heruntergekommenen, morbiden Städtchens, das vom Fluss Doubs wie eine Halbinsel umgeben war. Über den vielen alten Häusern, Villen und Palästen mit bunten, formschönen Dachziegeln erhob sich auf dem vor der Altstadt liegenden Berg Mont Saint Étienne »La Citadelle«, ein großer Militärstützpunkt aus der Zeit Napoleons. In der katholisch dominierten Stadt ragte die Kathedrale Saint Jean über die kleinen Gassen mit ihren grünen Baumoasen und vielen kleinen barocken Brunnen hinaus. Weiterhin gab es schon damals Fußgängerzonen entlang kleiner Geschäfte, Bäckereien und Cafés, kleine Parkanlagen und Uferwanderwege, die ich in den ersten Tagen als einsamer Fremder und nachdenklicher junger Mann von 23 Jahren entlangging. Direkt neben dem imponierenden barocken Krankenhausgelände Hôpital Saint Jacques lag die Kirche Saint Pierre, eine ebenso barocke wie halb verfallene, dunkle, selten durch ein paar Sonnenstrahlen erhellte Kirche aus dem 18. Jahrhundert. Ich suchte sie täglich für meine Anbetungsstunde auf. Alles, einschließlich meiner Unterkunft in dem übergroßen leeren Priesterseminar »Le Grand Seminaire de Besançon« in der Rue Mégevand, entsprach meiner traurigen Gemütsverfassung: wehmütig über den Verlust der Familie, den Verlust der Karnaper Heimat und den gerade kurz zuvor erfahrenen Verlust der Brüdergemeinschaft in St. Rémy.
Allein die klagende Stimme Edith Piafs aus einem sozialistisch angehauchten Kellerlokal gleich schräg dem Priesterseminar gegenüber zog mich am 5. September 1970, dem ersten Samstagabend in Besançon, wie ein Magnet an. Hier, inmitten eines Arbeitermilieus, hielt ich mich gerne auf, um ein Käsebaguette mit einem Glas Rotwein zu mir zu nehmen. Nur zwei Menschen, den freundlichen Pförtner, der drei Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen war, und den libanesischen Medizinstudenten Antoine, lernte ich anfänglich in dem großen Priesterseminar kennen. Antoine half mir bei kleinen Reparaturen in meinem kargen Zimmer mit äußerst trockenem Dielenholzbodengeruch. Obgleich Antoine eine größere Nähe zu mir suchte, blieb ich als junger Postulant instinktiv distanziert. Gerne aber nahm ich seine Einladung an, mit ihm und seinen arabischen Freunden zum gemeinsamen Mittagessen in die Mensa der Sprachschule zu gehen.
Mit Schulbeginn am »Centre Linguistique de Besançon« traf sich nach drei Stunden Sprachlabor unsere kleine internationale Gruppe täglich zum Mittag am eigenen Mensatisch. Neben der Ordensschwester Elisabeth war ich der einzige Deutsche unter Finnen, Japanern und Arabern. Obgleich wir uns nur mit Gestik, Mimik und ersten französischen Worten verständigten, begann schon nicht nur zu Elisabeth, sondern auch zu Kamal aus Libyen und zu Tunichi aus Japan eine Freundschaft. Völlig erschöpft vom vielen Sprachunterricht traf ich mich dennoch am Abend mit Kamal und Tunichi zum Weiterlernen. Elisabeth arbeitete im Hôpital St. Jaques und wohnte im Konvent der »Weißen Schwestern« am Bergabhang. Sie lud uns drei Freunde öfter zum Kaffeenachmittag in ihren Konvent ein. In Erinnerung an meine Kindergartenschwester Hanna in Essen-Karnap und an die Krankenschwester Zita vom Sonntagsdienst im St. Josef-Hospital in Gelsenkirchen-Horst traf ich in Elisabeth die dritte sympathische, vorbildliche, freundschaftliche Ordensfrau an.
Gleich am ersten Schultag saß ich drei Reihen hinter Kamal in meiner Sprachbox. Sein attraktives orientalisches Aussehen lenkte mich immer wieder von der Wiederholung französischer Alltagsredewendungen ab. Die Sprachsentenzen rasselten bewusst-unbewusst in mein Ohr – besonders dann, wenn Kamal sich mit einem fragenden Blick zu mir umschaute. Es brauchte keine Worte, um zu spüren, dass zwischen uns der Funke einer gegenseitigen Zuneigung entstanden war. Kamal, von großer schlanker Gestalt, mit schwarzen Locken, edlen Gesichtszügen und gutmütigem Blick, war aus Libyen zum Philosophiestudium nach Paris gekommen.
Bei wunderschönen Spaziergängen mit ihm entlang der herbstlichen Ufer des Doubs erholten wir uns von den Anstrengungen der Schule. Gemeinsam bestaunten wir die Fluss-, Menschen- und Häuserlandschaften. An den Abenden trafen wir uns öfter mit unserem japanischen Kursfreund Tunichi zu gemeinsamen Schulaufgaben im Priesterseminar. Auf Einladung von Elisabeth fuhren wir am letzten Septemberwochenende nach Taizé zu einer ökumenischen Kommunität. Elisabeth hatte ein Auto organisiert und fuhr mit einem polnischen Priester, Kamal und mir über Lyon zuerst nach Tournus, der Stadt mit der beschaulichen frühromanischen Kirche aus dem ersten Jahrtausend nach Christus. An diesem Ort nahe Taizé bezogen wir vier Pilger eine kleine Pension. In Taizé waren wir vom meditativen Gesang der christlichen Mönche berauscht. Die Mehrheit von ihnen war evangelischer Konfession, doch auch katholische und orthodoxe Mitbrüder gehörten zu ihrem Konvent. Vor der Abreise aus Taizé, diesem segensreichen Ort der Gnaden, hörten wir noch einmal während des Gottesdienstes den leisen, ständig sich wiederholenden, meditativen Gesang der Mönche »Lass alle eins sein, damit die Welt glaube«, in den wir summend einstimmten. Mit den zahlreichen Jugendlichen aus aller Welt, aus allen Religionen und Weltanschauungen konnten wir vier Pilger in Taizé, diesem Ort des Friedens, der Versöhnung und der Kraft, an unsere eigenen Energien und Ressourcen kommen.
Diese Kraft brauchten Kamal und ich besonders in den nächsten Wochen. Denn noch am Abend unserer Rückkehr bekam Kamal so starke Schmerzen in der Seite, dass wir sofort ins Krankenhaus gingen. Nach einer ersten Diagnose wollten die Ärzte Kamal gleich stationär aufnehmen, jedoch bekam er eine solche Angst vor der fremden, nach Äther riechenden Atmosphäre des alten Krankenhauses, dass er es fluchtartig verließ. Die Stationsschwester nahm mein Erschrecken und meine Ohnmacht über Kamals Verhalten sowie meine Tränen wahr und gab mir ein Päckchen schmerzlindernder Tabletten für ihn mit. Auf der Straße trafen wir uns wieder und gingen gemeinsam durch den Hintereingang in mein Zimmer des Priesterseminars. Schon seit einigen Tagen wohnte und schlief Kamal illegal bei mir im Priesterseminar, da ihm aus Geldmangel sein Zimmer gekündigt worden war. Ich bat den Direktor des Priesterseminars aufgrund seiner aktuellen Notlage, Kamal für einige Zeit eines der vielen leerstehenden Zimmer zur Verfügung zu stellen. Trotz all meiner Argumente, Kamals soziale Absicherung, Studienplatz, die Aufenthaltsgenehmigung und finanzielle Unterstützung meiner Familie aus Essen, lehnte der Leiter des Priesterseminars meine Bitte ab. Auch als ich letztlich den Direktor um der Barmherzigkeit Christi willen bat, eine Ausnahme zu machen, blieb der Priester hart. Ich ärgerte mich nachträglich, den Direktor gefragt zu haben, da wir ja schon einige Tage im Zimmer zusammengewohnt hatten. Euch schrieb ich damals, »dass es mir nicht schwerfällt, mit Kamal zusammen zu schlafen, da er einen guten Charakter hat und ich mir selbst die Erlaubnis gab, angesichts der ›christlichen Torheit der Liebe‹ laut Jesu ›Froher Botschaft‹ Gesetze zu umgehen.«
Dank der Härte des Seminardirektors kamen Kamal und ich uns noch näher, indem wir zusammen in einem schmalen, durchgelegenen Bett schliefen. Ich genoss natürlich seine körperliche Nähe, da wir nicht, wie Elisabeth vermutete, wie Bretter nebeneinander schliefen. Allein die zärtliche Berührung seiner Füße glich einer Liebkosung, die ich gerne entgegennahm. Mehr an körperlicher Nähe ließ ich nicht zu, da ich doch mit Eintritt in den Orden das Gelübde der Keuschheit versprochen hatte. Interessanterweise hatte ich seit dem Ordenseintritt keine sexuellen Fantasien mehr, wie sie noch zu Hause gang und gäbe waren. Statt die erotische genoss ich in dieser Zeit die caritative Liebe zu leben. Mama schrieb einmal in einem ihrer Briefe, dass das schlimmste für mich war, wenn man mir das Helfen verweigerte. Ja, so war es.
Für Kamal, der seit drei Monaten Schmerzen im Unterleib hatte, fand ich für seine Krankheit weitere Lösungswege. Da die Tabletten seine Schmerzen nur zeitweise linderten, holte ich den Medizinstudenten Antoine hinzu, der als genehmigter libanesischer Bewohner des Priesterseminars um unsere illegale Übernachtung wusste. Er vermittelte auf Arabisch Kamal schließlich die Notwendigkeit einer stationären Behandlung. Gleichzeitig sorgte Elisabeth, die im Hospital arbeitete, für einen kostenlosen Krankenhausaufenthalt. Allein auf mein Versprechen hin, Kamal täglich im Krankenhaus zu besuchen, ließ er sich aufnehmen und am inzwischen entzündeten Blinddarm operieren. Glücklich nahm ich die Erlaubnis von Bruder Dominique auf, bei Kamal in Besançon auf der Station zu bleiben, entgegen der Vereinbarung, vierzehntägig das Wochenende im Kloster St. Rémy zu verbringen. Zuspruch, feuchte Umschläge und die Bitte um schmerzlindernde Tabletten ließen mich stundenlang an Kamals Krankenbett bleiben. Auf die Idee, ein Placebo-Präparat von dem behandelnden Arzt zu erbitten, wie Du, Papa, es mir als fünfzehnjährigem Patienten damals täglich im St. Josef-Krankenhaus wohltuend hast zukommen lassen, was aus heutiger Sicht Kamals Schmerzen nochmals erheblich erleichtert hätte, bin ich leider nicht gekommen. Letztlich stärkte gutes Essen aus Deinen und Mamas Paketen seine Heilung. Mama schenkte Kamal eines ihrer Emaille-Medaillons. Eure finanzielle Unterstützung hinsichtlich der wirtschaftlichen Notlage Kamals und vor allem Eure herzliche Einladung an ihn, nach Essen zu kommen, förderten darüber hinaus erheblich den Gesundungsprozess, sodass er nach acht Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Mit Tunichi stand Kamal am 14. November 1970 bei meiner endgültigen Abreise von Besançon ins Postulat nach St. Rémy frühmorgens am Bahnsteig. Die herzliche Umarmung und Küsse zeigten uns beiden noch einmal die entstandene innige, unzertrennliche Freundschaft.
Im letzten Waggon des Zuges auf Besançon und seine Umgebung zurückblickend, half mir in meiner Trauer ein wenig die Zeile »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben« aus dem Gedicht »Stufen« von Hermann Hesse, das Marlene mir in ihrem letzten Brief nach Besançon beigelegt hatte. Angesichts des traurigen Abschieds von Kamal, den Freund*innen und zehn Wochen Besançon schrieb Christiane mir: »Wisse, dass wir im Zug bei Dir sitzen!«
Zwar äußerlich Mitte November 1970 im Postulat von St. Rémy angekommen, blieb ich innerlich noch ganz mit meiner zweiten Heimat Besançon verbunden. Allein das heiligmäßige Vorbild von Bruder Dominique ließ mich nicht an meiner Liebe zu Jesus in Gebet, Meditation, Anbetung und geistlicher Betrachtung zweifeln. Dominique bestärkte meinen Entschluss, hier am Ort die Nachfolge Jesu zu leben. Ich hatte Angst davor, die tägliche stille Anbetung von anderthalb Stunden wegen Kreislaufversagens nicht durchhalten zu können. Erstaunlicherweise verspürte ich in dieser Zeit in der Kapelle eine spirituelle Kraft: einerseits für den harten Alltag des Postulates, und andererseits fühlte ich mich mit allen mir anvertrauten Menschen, insbesondere den am Rande der Gesellschaft stehenden Armen, Verlassenen, Kranken, Arbeitern, Ungläubigen und Hoffnungslosen, verbunden.
Mit Bruder Dominique verstand ich mich bestens, sowohl was meine persönliche Erfahrungswelt als auch was das Ordensleben, insbesondere das Postulat, anging. Erstaunlicherweise blieben mir meine sieben Mitpostulanten fremd, da ich mich trotz zweieinhalb Monaten Sprachstudiums nicht mit ihnen verständigen konnte. Lag es nur an ihrer schnell gesprochenen Sprache oder auch daran, dass sie kein Interesse an meinen Erlebnissen in Besançon, geschweige an meiner Herkunft hatten? Bestimmt hätte ich sie mit meiner Erwartung eines brüderlichen Zusammenseins überfordert, da jeder zu Beginn der Ordenszeit mit sich selbst zu kämpfen hatte.
Neben der hilfreichen Anleitung zum Ordensleben sorgte sich Bruder Dominique um Kamal, ganz so wie Du, Papa, in Deinen Briefen. Er schlug vor, nachdem er von Deiner vergeblichen Geldüberweisung an Kamal hörte, das Geld an einen für die Araberseelsorge beauftragten Priester in Besançon zu schicken, bei dem Kamal dann nicht nur Eure finanzielle Unterstützung hätte abholen können, sondern auch seelische und soziale Begleitung erhalten hätte. Er war aber auch damit einverstanden, dass Ihr mir das Geld ins Kloster schickt. Dominique wollte, dass ich zu Weihnachten einen anderen deutschen Bruder namens Ludwig in Annemasse bei Genf für einige Tage kennenlernte. Bei dieser denkwürdigen Reise am Jahresende über Besançon hätte ich dann Gelegenheit gehabt, Euer Geld Kamal zu seiner Unterstützung zu übergeben. Bei meiner Ankunft in Besançon am 30. Dezember 1970 stand Kamal auf dem Bahnsteig. Minutenlang hielten wir uns beide, den Tränen nahe, in den Armen. Es war ein berührendes, herzliches Wiedersehen und zugleich voller Wehmut, da wir beide ahnten, uns zum letzten Mal zu treffen. In einem dem Bahnhof nahegelegenen, uns vertrauten Café hatten wir uns so viel zu erzählen, dass wir gar nicht merkten, wie schnell die drei Stunden meines Zwischenaufenthaltes vergingen. Ich kam, um zu gehen. Entsprechend der Aussage der Kleinen Theresia von Lisieux: »Wir haben nur das Heute Gottes«, genossen Kamal und ich dennoch dankbar unser spontanes Zusammensein. Erstaunlicherweise war ich bei meiner Weiterfahrt nach Annemasse nicht so betrübt, da ich Kamal gesund, finanziell gestärkt und im Segen Gottes wusste.
Bruder Ludwig erwartete mich am Bahnsteig, umarmte und küsste mich brüderlich, wie es bei den Franzosen üblich ist, und ich fühlte mich fast wie zu Hause. Bestand aus meiner heutigen Sicht in der Brüdergemeinschaft von St. Rémy eine überwiegend kalte »Männerwirtschaft«, so erfuhr ich in der Fraternität von Annemasse eine einfühlsame, warme Atmosphäre, in der mein Herz sofort aufging. Papa, Ludwig sah genauso aus wie Ottmar, Dein Krankenpfleger, den Du damals zu uns nach Hause eingeladen hattest. Ludwig hatte einen angenehmen, heiteren Charakter, lachte viel und war wie ein leiblicher Bruder um mich besorgt. Es tat mir unheimlich gut, nach drei Monaten mal wieder mit einem gleichaltrigen Bruder deutsch sprechen zu können.
Wieder in St. Rémy, begann meine Ende November aufgenommene Arbeit als Anstreicher in einer kleinen Gruppe in Montbard. Gemäß der benediktinischen Ordensregel Ora et labora – bete und arbeite -, arbeiteten wir als Postulanten der Kleinen Brüder Jesu in verschiedenen Hilfstätigkeiten. Mit den Kollegen und dem Chef verstand ich mich bestens. Und das Essen war jeweils fürstlich vom Chef in einem Restaurant bestellt – mit Vor- und Nachspeise und immer mit Wein. Allein der etwas zudringliche Chef wollte immer noch einige Worte mehr mit mir sprechen und erzählte mir glücklich, dass sein Sohn in Deutschland Ingenieurwissenschaft studierte. Während der drei Monate harter Anstreicherarbeit beglückte mich die Hin- und Rückfahrt von St. Rémy nach Montbard mit dem Fahrrad am Kanal entlang. Wie oft sind wir, Papa, gemeinsam bis zu unserem Schrebergarten am Rhein-Herne-Kanalweg entlanggegangen. Ohne über meinen Weggang zu klagen, berührte es mich tief, in Deinem zweiten Brief nach Frankreich die Zeile zu lesen: »Seit Du fort bist von hier, trage ich Deinen dunkelblau gestreiften Pullover. Du glaubst nicht, wie gut er mir passt, brauch’ jetzt nicht mehr die Jacke im Schrebergarten.«
Gespannt sah ich Ende Februar 1971 dem bald beginnenden Noviziat in Nordspanien am Rande der Pyrenäen entgegen – dank dem Vorbild der Kleinen Theresia von Lisieux, der ich anvertraute, dass ich in dieser Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu am richtigen Ort in meiner Nachfolge Jesu war. Sagt sie doch, dass wir Gott in seiner Herrlichkeit schauen und erfahren werden, vor allem seine Frohe Botschaft, die er denen verheißen hat, die ihn in Christus lieben. Vor der Abreise ins Noviziat nach Farlete hatte ich in der ersten Märzwoche 1971 noch fünf Tage Heimaturlaub, bei dem ich überglücklich war, die geliebte Familie wieder zu sehen.
Vom Novizenmeister Bruder Daniel de la Fressange, einer großen Gestalt mit durchdringendem Blick und adliger Herkunft, erfuhren wir Postulanten, dass das Noviziat der Meditation, Kontemplation und geistlichen Betrachtung der Schriften von Charles de Foucauld und Père René Voillaume diente. In Farlete arbeiteten wir deshalb nur halbtags. Seit 1968 kirchlich anerkannt, breitete sich die Gemeinschaft über die ganze Welt aus. Sie ist eng mit den Kleinen Schwestern Jesu verbunden, die sich wenige Jahre später 1946 gründeten und heute ebenfalls international vertreten sind. Im Noviziat war der Kontakt zur Außenwelt auf ein Minimum beschränkt.
Ich war jedoch erst einmal nach der Ankunft im kleinen Dorf Farlete nahe der Großstadt Zaragossa vor allem von der Blütenpracht in karger wüstenähnlicher Landschaft überwältigt. Freute ich mich mit Dir, Papa, in jedem Frühling über jede neu entstandene Blüte in unserem Garten, so half mir hier die malerische Landschaft, mich von der Last des Alltags zu befreien. Im Gegensatz zu meinen Brüdern, die Steine von den Feldern der Bauern wegräumten, hatte ich die kleine Herde der Schweine des Bauern zu hüten. Der Beginn meines vegetarischen Lebens in einer sympathischen Verbundenheit zu meinen Schwestern und Brüdern, den Schweinen, wie Franz von Assisi sagen würde, rief in der Fraternität Befremden und Verwunderung hervor. Dennoch wurde ich mit fünf Postulanten Ende März 1971 feierlich während eines Gottesdienstes in das Noviziat aufgenommen. Zuvor verweilten wir zehn Tage zu Exerzitien in den Pyrenäen. Trotz aller Härte dachte ich wieder an Marlenes Gedichtzeile von Herrmann Hesse: »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben.«
Nein, nicht die mir ans Herz gewachsenen Schweine, noch die faszinierend tiefschwarzen Kaulquappen, die ich bei zunehmender Sonne im Mai von einer ausgetrockneten Pfütze in die nächst größere trug, waren der Grund für Daniels Zweifel an meinem Verbleib in Farlete, sondern die vielen Briefe aus Karnap. Er verbot mir, selbst Briefe von Mitbrüdern aus Annemasse zu beantworten, auch nicht vom Bruder Noi aus Ho-Chi-Minh-Stadt, den ich in St. Rémy kennengelernt hatte und seitdem mit ihm in Brieffreundschaft verbunden war. Nach zwei Monaten stellte Bruder Daniel fest, dass ich mich nicht verändert, sondern wegen Eurer vielen Briefe, wie er sagte, »meine Heimatstadt Essen nach Farlete ins Noviziat geholt hätte«, was eben seiner Meinung nach nicht ging. Er sah meinen Verbleib im Noviziat als gefährdet an.
Damals war ich zu sehr von meinem Leben in der Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu überzeugt, als dass mich Daniels Aussagen beunruhigt hätten. Daher sagte ich ihm, der an einen Krankenorden für mich dachte, dass keine andere Ordensgemeinschaft für mich infrage käme. Dennoch blieb ich nach Daniels Mitteilung nur noch zwei Monate, bis zum Juli 1971, im Noviziat. Ich nahm unverändert gerne am religiösen Leben teil, ging meiner Arbeit als Schweinhirt nach und genoss die Exerzitien-Tage in den Grotten der Pyrenäen.
Um die spirituellen Anforderungen der Kleinen Brüder wissend, der Menschenkenntnis und Fürsorge kundig, verabschiedete mich Bruder Daniel Anfang Juli 1971 vorzeitig aus dem Noviziat, nicht ohne für meine Zukunft gesorgt zu haben.
Er fand, ich sollte erst mal Theologie studieren, nicht, wie die Eltern es wollten, in ihrer Nähe in Bochum, sondern in der von Essen weit entfernten Stadt Freiburg. Daniels unausgesprochene Empfehlung, die in der Ordenszeit begonnene Abnabelung von zu Hause über ein Universitätsstudium selbstbewusst und selbsttätig fortzusetzen, war für mich, Papa, zukunftsweisend. Noch in Spanien begann ich, Abschied von meinem Wunsch eines ideellen kontemplativen Lebens zu Gunsten eines caritativen Lebens »mitten in der Welt« zu nehmen, und letztlich ebneten diese tränenreichen Schritte mir den Weg zu meinem bevorstehenden Coming-out als schwuler Mann.
In Gedanken an Deine vielseitigen Ausbildungswege verabschiede ich mich für heute aus dem Kloster in der Adventszeit 2016, diesmal aus der Abtei St. Matthias in Trier
mit einem herzlichen Gruß.
Dein Sohn Gregor
Brief über die Zeit
als Theologiestudent in Freiburg
Frankfurt am Main, 13. Januar 2017
Lieber Papa,
in diesen Tagen habe ich oft an Dich wegen der im September anstehenden großen Bundestags- und Landtagswahlen in Deutschland gedacht. Ich sehe Dich noch an den Wahlabenden vor mir sitzen, wie Du mit hochrotem Kopf, mit Bleistift und Zettel alle Wahlergebnisse aus den Bundesländern aufgeschrieben hast und jeweils bangtest, ob Deine geliebte CDU wieder den Bundeskanzler stellen würde. Heute sitzt Dein Kind Gregor ebenso wie Du damals mit hochrotem Kopf nicht vor dem Radio, sondern vor dem Fernseher, in der gespannten Erwartung, ob seine geliebte Partei Bündnis 90/Die Grünen wieder mit über 10% der Stimmen in den Bundestag kommt. Ist sie doch für mich die einzige Partei, die sich für die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen ernsthaft einsetzt.
Mit Beginn meines Theologiestudiums in Freiburg hatte sich bei mir, Dir und Mama gegenüber, Wesentliches verändert. Am 15. August 1971 stand ich in der fremden Stadt im Alter von 24 Jahren mit meinem wie immer schweren Gepäck auf dem Freiburger Hauptbahnhof ganz allein da. Immerhin hatte ich die Adressen einer Jugendherberge und der Katholischen Hochschulgemeinde. Allein den vagen Vorschlag von Bruder Daniel, in Freiburg Theologie als Studienfach zu beginnen, hatte ich noch im Ohr. Ebenso erinnerte ich mich schmerzlich an meine vorzeitige Verabschiedung durch ihn aus dem Noviziat in Spanien, die ich weiterhin nicht akzeptierte.
Beim Kauf eines Freiburger Stadtplanes am Bahnhofskiosk blickte mich direkt das friedvolle Gesicht eines wunderschönen jungen Mannes vom Titelblatt der Illustrierten »him – das magazin mit dem mann« an. Er trug eine große rote Rose vor seinem attraktiven Körper. Ich kaufte mir diese Zeitung nicht, trotz des berauschenden, mir noch verbotenen Anblicks des erotisierenden Mannes. Mein Kopf war zudem voll mit den Fragen, wie ich Unterkunft und Arbeit fände, um Geld für meinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Statt zur Jugendherberge zu gehen, ging ich an diesem schwülen Nachmittag erstmal in das Büro der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG). Ich hatte das große Glück, dass mir trotz der Semesterferien der Studentenpfarrer die Tür aufmachte und mich mitfühlend anhörte. Er gab mir die Adresse der Albertus-Burse, eines Studentenheims am Hintereingang des Hauptbahnhofs. Eine sehr kleine, bucklige und schief gehende Ordensschwester mit Namen Zebedea empfing mich freundlich. Mit einem blitzenden, kibitzartigen Blick bei schnarrender Stimme teilte sie mir mit, dass ich vorübergehend das Zimmer eines Studenten haben konnte, der damals in den Semesterferien war. Die hinzugekommene Oberschwester Dignata hieß mich willkommen und zeigte mir im Altbau, einem im 19. Jahrhundert gebauten, verwinkelten Gründerzeittrakt, mein Zimmer. Du, Papa, kannst Dir bestimmt vorstellen, wie glückselig ich mein eigenes Zimmer mit hohen Wänden, großen Fenstern, einem altmodischen Holzbett, Holzschrank und übergroßem Schreibtisch in Beschlag nahm.
Glücklich war ich, als völlig Fremder in dieser fremden Stadt gleich am ersten Tag ein Studentenzimmer mit Verpflegung durch die aufmerksamen Schwestern erhalten zu haben. Jedoch bremste ich als Vegetarier entschieden die Fürsorge der Küchenschwester Alfonsa, die mir täglich statt Fleisch und Fisch drei Eier zum Essen geben wollte. Bei meinem ersten Spaziergang durch den baulich leicht heruntergekommenen Gründerzeitstadtteil Stühlinger holte ich mir für mein neues Zimmer in einer verwunschenen Blumenboutique eine Rose.
In Freiburg, Papa, landete ich bald wieder im Krankenhaus, diesmal jedoch auf einer Kinderstation. Mama schrieb: »Ich glaube, dass wird Dir bestimmt Spaß machen, denn mit Kindern kamst Du ja immer gut aus.« Jetzt in Freiburg hatte ich auf der Arbeitssuche in den ersten Tagen das große Glück, eine Stelle als Krankenpflegehelfer zu finden.
Auf der Kinderstation Escherisch der Uniklinik Freiburg war ich vom blau geschlagenen dreijährigen Samuel fasziniert, wie er trotz seiner schrecklichen Erlebnisse mit seinen Eltern bei jeder Zuwendung lächelte. Samuel strahlte glücklich, wenn ich ihn nach der Grundpflege noch einige Minuten zärtlich im Arm hielt, zumal er wegen seiner Verletzungen und Abmagerung nicht laufen konnte. Nach drei Wochen durfte ich das kleine, so schnell gesund gewordene Wunderkind in das Spielzimmer mitnehmen. Samuel erfreute sich an allen Ballspielen mit den anderen Kindern, gleichzeitig achtete er mit Argusaugen darauf, ob ich auch anwesend blieb. Er hatte uns, die Pflegenden, Ärzte und Raumpflegerinnen, in den Wochen seines stationären Aufenthaltes liebevoll erobert. Umso entsetzter waren wir, vom Freiburger Jugendamt zu hören, dass seine Eltern ihn in den nächsten Tagen wieder abholen würden. Zu gerne hätte ich mit der Stationsschwester Gaby Samuel adoptiert und ihm eine willkommene Lebensperspektive ermöglicht. Schmerzvoll mussten wir erkennen, dass unser Vorhaben unrealistisch und rechtlich nicht durchführbar war. Als die sichtlich verwahrlosten und gestressten Eltern Samuel, der bitter schrie, abholten, standen nicht nur mir, sondern auch einigen anderen vom Stationspersonal die Tränen in den Augen.
Euch, Papa, berichtete ich ausführlich von meinen Begegnungen mit den Jungen und Mädchen dieser Kinderkrebsstation. Besonders betroffen war ich durch die wochenlange Begegnung mit der zwölfjährigen Daniela, die erst erfolgreich an ihrem Gehirntumor operiert worden war, jedoch dann ein Rezidiv bekam und von Übelkeit und Kopfschmerzen heimgesucht wurde. Obwohl ich am Samstag frei hatte, entstand in mir das Verlangen, sie zu besuchen. Das Stationspersonal war überrascht und erfreut, dass ich trotz meiner Freizeit kam. Daniela bekam wenig Besuch, weil ihre Familie weit von Freiburg entfernt wohnte. Obgleich sie an diesem Nachmittag heftige Kopfschmerzen hatte, freute sie sich so sehr über mein Kommen, dass sie mich einlud, mit ihr in den Berliner Tiergarten zu gehen. Beim Zuhören nahm ich die Einladung gerne an, sagte aber verwundert, dass es doch hier in der Nähe auch einen schönen Zoo gäbe. Ja, davon wisse sie, aber dort wolle sie nicht mit mir hin, sondern nach Berlin. Ausführlich erzählte mir Daniela von diesem Tiergarten, in dem Wölfe mit den Schafen, Löwen mit Rehen und Schlangen mit Kindern spielten. Nach einer Stunde schlief Daniela beim Erzählen ein. Ich verließ ganz leise das Zimmer mit dem Wunsch, dass sie schmerzfrei schlafen möge. Gleich bei Dienstbeginn am Sonntagmorgen erzählten mir die Schwestern, dass Daniela nach meinem Besuch nicht mehr wach geworden sei. Sie habe ganz friedlich, fast glücklich ausgesehen. Trotz meines Erschreckens über diese traurige Nachricht war ich dennoch dankbar, meiner inneren Stimme gefolgt zu sein und Daniela noch einmal besucht zu haben.
Die Zusammenarbeit mit dem Stationspersonal gestaltete sich nach wenigen Wochen so sympathisch, dass die Kolleg*innen mich zu ihrem Betriebsausflug einluden. Die Oberschwester bat mich, auch während meiner Studienzeit zur Aushilfe zu kommen. Sie teilte mich dann in den folgenden Monaten zur Nachtwache ein, damit ich keine Vorlesung verpasste. Als sie hörte, dass ich neben dem Studium über Abendkurse eine qualifizierte Krankenpflegehelferausbildung in Freiburg absolviert hatte, veranlasste sie aufgrund meines Zertifikats, dass ich ab sofort eine Gehaltserhöhung erhielt.
Die neu erworbenen Krankenpflegekenntnisse kamen mir in den Nächten bei einem an Parkinson erkrankten Zahnarzt zugute. Mein Mitstudent Werner, mit dem ich gemeinsam Hebräisch übte, fragte mich, ob ich bei einem ihm bekannten Freundespaar helfen könne. Fritz Mahler war mit der täglichen und nächtlichen Pflegebetreuung seines Freundes Dr. Norbert Nagel überlastet. Er brauchte dringend für einige Nächte in der Woche Entlastung. Inzwischen wusste ich dank der schwulen Zeitungen um meine eigene Homosexualität. Gefühlt hatte ich meine Liebe zum gleichen Geschlecht schon immer, Papa, ich habe Dir ja bereits von meinem Kindheitserlebnis mit den beiden Cousins, von der Begegnung mit dem Gymnasiasten in der Straßenbahn und von meiner Nähe zu Kamal in diesen Briefen erzählt. Jetzt war ich gespannt und bereit, das erste schwule Paar in seinem Stadthaus kennenzulernen. Zu den beiden, die mich stets gastlich bewirteten, entstand von Anfang an eine starke Sympathie, wobei die zu Fritz Mahler über den Tod von Dr. Norbert Nagel im März 1973 hinaus anhielt.
In die Albertus-Burse kam täglich eine Gruppe von Obdachlosen zum Mittagessen. Daher nannten die Freiburger das Haus »Zum goldenen Löffel«. Die Ordensschwestern hatten für diese zum Teil sehr verwahrlosten, übelriechenden Männer liebevoll einen Extraraum gleich neben der Pforte gedeckt. 20 Jahre bevor in Deutschland die »Tafel« Tradition wurde, war der Tisch für hilfesuchende Menschen dort schon gedeckt. Im Speiseraum der Studenten sah ich öfter eine elegant gekleidete, schmale Frau mit ihrem 13jährigen Sohn beim Mittagessen. Im Herbst 1972 sprach mich Schwester Zebedea mit ihrer knarrenden hellen Stimme an, ob ich nicht der armen Frau Ruth helfen könnte, da ihr Sohn nur noch schlechte Noten aus der Schule mitbrachte. Ihre schmale Gestalt, rehbraunen Augen und markanten Gesichtszüge erinnerten mich an Mama. Ihre hübsche, kunstvoll eingerichtete Wohnung mit einigen wertvollen alten Möbeln faszinierte mich bei jedem Besuch. Schnell war das Du zwischen uns etabliert. Neben dem Nachhilfeunterricht lud ich René öfter zu mir in die Albertus-Burse ein, damit er hier im Haus auch andere Studenten kennenlernte. Mit dem Gitarristen Rafael freundete er sich gleich an. Am Samstag saßen die beiden zusammen in der Fußgängerzone Eisenbahnstraße. Rafael sang, untermalt von seinen Gitarrenklängen, zur Freude der Vorübergehenden die aktuellen Lieder von Joan Baez, Paul Simon und Art Garfunkel. Gelegentlich gingen wir zusammen in ein Konzert. René entdeckte mit zunehmender Lebensfreude seine musikalischen Talente. Später spielte er selbst in einer Rockgruppe Gitarre. Sofort kamen mir angenehme Erinnerungen an Onkel Gregor und seine musikalischen Talente, die Du, Papa, so gerne gefördert hast. Wie hat wohl Onkel Gregor seine künstlerische Begabung entdeckt?
Mit Max, dem Biologen aus der Albertus-Burse, fuhren wir zu dritt zum herbstlichen Weiher. Max zeigte uns, wie er mit seinen großen Netzen aus dem Bach wunderschön leuchtende Elritzen und Weißfische fing. Nicht nur René, sondern auch ich begeisterte mich so stark für sein Vollglasaquarium, dass er sich anbot, uns ebenfalls eins mit Fischen und Wasserpflanzen einzurichten. Selbst die für die Zimmerreinigung zuständige Flurschwester Consummata bekam Freude an unseren Aquarien. Sie machte sich Sorgen, wenn es einem Fisch einmal nicht so gut ging. Mit Rafael teilte ich eine gemeinsame Liebe zur Literatur, insbesondere zu Franz Kafka. Er nahm mich zu einem Freiburger Literaturkreis mit, der von der Lyrikerin Margarete Jenne geleitet wurde. Im Februar 1973 nahmen wir beide an einer Studienreise nach Prag teil. Von der kafkaesken Atmosphäre dieser Stadt im weißen Winter waren wir besonders angetan. In verräucherten dunklen Studentenlokalen, in denen Kafka seine literarischen Freunde traf, hielten wir uns bei anregenden Gesprächen stundenlang auf. Auf dem großen Prager Friedhof suchten wir so lange sein Grab, bis wir es letztlich gefunden hatten.
Beim Einkaufen im Lebensmittelladen am 13. März 1973 schaute ich eine Sekunde zu lang in das traurige Gesicht eines orientalisch aussehenden Menschen. Sofort kam Khalil auf mich zu und bat mich in gebrochenem Deutsch, ihm zu helfen, einen Platz für die Übernachtung zu finden, da er schon die dritte Nacht auf der Bahnhofsbank verbracht hatte. Mein Verlangen zu helfen war, Papa, voll angesprochen. Khalil war von seinen Eltern aus Amman nach Deutschland geschickt worden, um hier Deutsch zu lernen und später Bauingenieur zu werden. Sein letztes Geld habe er für das Zimmer in der Jugendherberge ausgegeben. Er habe Angst, von der Polizei auf der Straße festgenommen zu werden. Ich wagte, Schwester Zebedea um Hilfe zu bitten. Misstrauisch schaute sie Khalil, den ersten Araber der Albertus-Burse, von oben bis unten an und krähte dann mit ihrer hohen Stimme: »Ja, wenn Sie, Herr Schorberger, sich um ihn kümmern, kann er einige Tage hier bleiben.« Ich hätte Schwester Zebedea vor Freude umarmen können. Aus Khalils grobhäutigem, dunklem, von schwarzen Locken umrahmten Gesicht wich jede Traurigkeit. Aber wie sich bald herausstellte, war er nicht gesund. Letztlich, Papa, wurden Khalils vorhandenen psychischen Störungen wie Angst, und Orientierungslosigkeit so stark, dass er ins psychiatrische Landeskrankenhaus nach Emmendingen eingewiesen werden musste. Dreißig Kilometer von Freiburg entfernt, besuchte ich ihn täglich in dieser Kleinstadt. Ich schätzte an Khalil seinen gutmütigen, lieben, einfachen und kindlichen Charakter. Der 65jährige Fritz Mahler gab mir jedes Mal Grüße und Geld für ihn mit. In Zusammenarbeit mit den Ärzten schickte das Ausländeramt Khalil schließlich direkt vom Krankenhaus aus nach Jordanien zurück.
Erfreulicherweise gesundete er im Kreise seiner Familie in Amman und kam schon nach einigen Wochen zurück. Da Khalil eine Aufenthaltserlaubnis für England besaß, blieb er nur kurze Zeit in Freiburg. Weil aber seine psychische Erkrankung erneut ausbrach, musste er sein Studium in England vorzeitig abbrechen und für immer nach Amman zurückkehren. Dort heiratete er und bekam zwei Söhne, von denen er mir stolz Fotos schickte. Khalils reger jahrzehntelanger Briefverkehr zeigte mir seine ungebrochene Liebe zu Freiburg, besonders zu den vielen Bewohnern und Ordensschwestern der Albertus-Burse. Jedes Mal enthielten seine zahlreichen Briefe auch herzliche Grüße nach Karnap. Anlässlich seiner Aufenthalte bei Dir, Mama, Christiane und Marlene wäre er am liebsten bei uns in Essen geblieben. Seit dem Spätherbst 2015 aber fand ich plötzlich keine blauen Luftpostbriefe mehr in unserem Frankfurter Briefkasten. Nach einem halben Jahr stellte ich meine Briefe an Khalil nach Amman ein, da sie unbeantwortet blieben. Gemeinsame Freiburger Freunde hatten von ihm auch kein Antwortschreiben mehr bekommen. Meine Segenswünsche schicke ich Khalil weiterhin von Herzen, wo immer mein langjähriger Freund auch sein mag.
Nicht der »Fakultäten« Feldberg, Schauinsland und Kaiserstuhl wegen, die so viele Studenten nach Freiburg lockten, noch wegen der bezaubernden uralten Schwarzwaldstadt kam ich zum Studium in die Stadt. Bruder Daniel de la Fressange hatte mich hierhergeschickt, um ein Philosophie- und Theologiestudium zu beginnen. Überraschenderweise traf ich dort Manfred von der Duisburger Fraternität bei einem Konzert von Mireille Mathieu. Er hatte das Noviziat erfolgreich beendet, arbeitete als Kleiner Bruder Jesu in Toulouse und sollte laut der Ordensleitung erst einmal in einer Freiburger Fabrik arbeiten, da für ihn, wie auch für mich, dieses Gemeinschaftsleben nicht infrage kam. Ich traf mich regelmäßig mit ihm nach seiner Arbeit zu einem Glas Wein. Ich war ganz überrascht, Papa, wie vollmundig und süffig ein Wein, zum Beispiel der Spätburgunder Weißherbst, schmecken kann, da ich ja nur den sauren Moselwein kannte, den Mama der Festlichkeit wegen zu Weihnachten servierte. Ein gutes Glas Wein ist mir, dem geborenen Ruhrpottmenschen, seitdem lieber als eine Flasche Bier. Manfred teilte mit mir die Haltung, dass man auch außerhalb der Ordensgemeinschaft, »mitten in der Welt«, auf der Straße, im Krankenhaus, in der Begegnung mit Freunden und Bedürftigen, die Nachfolge Jesu im einfachen Stil leben konnte. Manfreds Auftreten in seiner zurückhaltenden, stillen, aufmerksamen Art mit gütigem Schlafzimmerblick entsprach seiner inneren tiefen Spiritualität. Für uns beide stellte sich im Spätherbst 1971 die zu diesem Zeitpunkt nicht zu beantwortende Frage: Wohin geht unser Lebensweg?
Äußerlich in Freiburg angekommen, blieb ich dennoch seelisch und innerlich in Frankreich. Die vielseitige Post, sowohl von den Kleinen Brüdern Jesu, insbesondere von Daniel und Dominique, als auch von vielen französischen Freunden, hielt mich wehmütig mit diesem Land verbunden. Mein Besuch des Sonntagsgottesdienstes oder anderer kirchlicher Veranstaltungen ging gegen Null. Allein die französische Spiritualität, von der die ordenseigenen Hefte »Mitten in der Welt« berichteten, blieb mir eine Herzensangelegenheit. Über die Ankündigung des Besuches von Bruder Dominique in Freiburg freute ich mich dermaßen, dass ich bei der Fahrradfahrt zur Uni am Bergabhang bei regem Auto- und Straßenbahnverkehr einen Moment lang an einen glücklichen Suizid dachte, indem ich nicht mehr bremsen wollte. Papa, wusste ich mich doch in der Freundschaft mit Dominique über meinen Tod hinaus in seinem Gebet vor Gott bestens geborgen. Im Februar 1972 war er endlich da. In seiner liebenswürdigen Art unterhielten Manfred und ich uns mit ihm über alltägliche Dinge. Sein Segensgruß beim herzlichen Abschied gab mir Kraft für mein gerade neu begonnenes Leben. Papa, angesichts Dominiques vorbildlicher Nähe zu Gott im Gebet bin ich überzeugt, dass das stille Gebet in den Klöstern und außerhalb, verbunden mit der Liebe zu den Menschen, das Destruktive in der Welt begrenzt.
Ein Jahr nach Dominiques Besuch verließ Manfred Freiburg, um bei seiner Tante in Berlin zu leben.
Man sollte meinen, ich hätte einen traumhaften Einstieg in diese ganz neue Freiburger Welt gehabt. Es stimmt, was Freunde, Wohnung, Arbeit und Studienplatz anging, und doch blieb mein Herz in Frankreich zurück. Weder die interessanten Einführungen in die orientalische Welt der Bibel durch die in Theologiekreisen berühmten Professoren Alfons Deissler, zuständig für das Erste Testament, und Anton Vögtle, zuständig für das Neue Testament, die zusammen die Jerusalemer Bibel herausgegeben hatten, noch das bestandene Hebraicum, noch meine gelungene Vordiplomarbeit über Meister Eckhart bei Professor Bernhard Welte begeisterten mich. Den sehr guten Abschluss bei Prof. Karl Lehmann in Propädeutik, dem Zusammenhang von Gottesdienst und Dienst an den Menschen, ordnete ich als Zufallstreffer ein, da sein bei der Prüfung anwesender Assistent Werner Löser ein Jesuit und zugleich mein Zimmernachbar aus der Albertus-Burse war.
Allein die Vorlesungen bei Prof. Hans Bender vom Parapsychologischen Institut haben bei mir einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen. Bei seinen Vorlesungen saß ich immer in der ersten Reihe und staunte über die von ihm vorgetragenen Phänomene, zum Beispiel, dass es einer russischen Frau im Beisein von Wissenschaftlern gelungen war, ein Tischgedeck einen halben Meter über den Tisch steigen zu lassen, ohne Tasse, Teller und Glas mit ihren Händen zu berühren. Nach ihrem Werk von wenigen Minuten wog sie zehn Kilo weniger, wie die Forscher feststellten. Ein andermal erzählte uns Hans Bender von den Gänsen: Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges dachten die Freiburger schon, dass ihre wunderschöne, über 850 Jahre alte Stadt vom Krieg verschont bliebe. Doch am 16. November 1944 schrien die Gänse im Stadtpark so laut wie noch nie, und kein Freiburger konnte sich dieses ungewöhnliche Verhalten erklären. Am folgenden Tag wurde durch einen Hagel von 55.000 Bomben die gesamte Innenstadt völlig zerstört.
Von diesen Vorlesungserlebnissen berichtete ich meinen Studienfreunden Bernhard und Egon in unserer Friedensinitiative. Als der junge Familienvater Egon Spiegel wegen seiner nachträglichen Verweigerung des Zivildienstes als Totalverweigerer ins Gefängnis kam, hielt ich mit seiner Frau Barbara sowie seinen Freunden Bernhard und Werner Mahnwache vor dem Gefängnis. Mit Egon und Bernhard begann ich, außerhalb der Theologischen Fakultät den Marxisten Herbert Marcuse, den Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker und den Befreiungstheologen Dom Helder Camara zu hören. Wir nahmen an Friedensseminaren in Straßburg teil und protestierten gegen den Einsatz von Napalm gegen die Zivilbevölkerung im Vietnamkrieg. Noi, mein vietnamesischer Brieffreund und Kleiner Bruder Jesu, berichtete aus Saigon von den täglichen Bombardierungen durch die Amerikaner, von den Gräueltaten des Vietkong und von der ausweglosen Lage der Flüchtlinge. Von den vielen Nachrichten aus Vietnam berührt, sammelte unsere kleine Friedeninitiative 1.500 DM für Nois Fraternität in Saigon.
Eigentlich wollte ich mit Freunden der Friedensinitiative zusammen das preiswerte Angebot einer Studienreise nach Moskau und Leningrad wahrnehmen, um die Realität der sogenannten sozialistischen Friedenspolitik näher kennenzulernen. Letztlich flog ich im Herbst 1972 allein mit anderen Studenten in die UdSSR. Ich musste schmunzeln, wenn unsere Gruppenleiterin, Frau Tamara, in Superlativen von den sozialistischen Errungenschaften ihres Landes berichtete. Alles Religiöse tat sie als antiquiert und überholt ab. Dennoch ging sie während der Moskauer Stadtrundfahrt auf meinen Wunsch ein, das »Neue Jungfrauen-Kloster«, in dem noch orthodoxe Gottesdienste gefeiert wurden, zu besichtigen.
An einem freien Nachmittag besuchte ich ein dem Hotel nahegelegenes Kunstmuseum. Beim Rundgang spürte ich, wie ein junger bärtiger Russe mich verfolgte, bis ich ihn wegen seiner sympathischen Ausstrahlung spontan auf Französisch ansprach, ob er Lust auf eine Tasse Kaffee hätte. Nach dem anregenden Kaffeegespräch zeigte mir Aljoscha den Platz am Bolschoi-Theater, auf dem sich die Schwulen heimlich trafen. Vor unserem herzlichen Abschied am Hotel tauschten wir gegenseitig Adressen aus. Aljoscha kam aus Wladiwostok, wo er als Museumsdirektor arbeitete. Jahrelang verband uns ein herzlicher Brief- und Paketkontakt, durch den ich ihm deutsche Ballettkalender und er mir Schallplatten mit russisch-orthodoxer Musik schenkte. Sein letzter Brief kam aus Brüssel, wo Aljoscha ohne permanente Angst endlich als offen schwuler Mann im Kreise von Freunden leben konnte. Egon und Bernhard freuten sich mit mir, von meiner Freundschaft mit ihm zu hören. Über meine Erfahrungen während dieser Studienreise diskutierte ich mit den Freunden der Friedensbewegung in Freiburg zum Thema sozialistischer Anspruch und Realität.
Papa, jedes Mal, wenn ich durch die Bahnhofsvorhalle ging, strahlte mich der sympathisch-erotisierende Mann mit der Rose von seiner Titelseite des Magazins »him« an. Täglich gab es zwischen ihm und mir ein kleines Gespräch, in dem ich ihm mitteilte, dass ich, von ihm inspiriert, mir am ersten Freiburger Tag aus Dankbarkeit für die gelungene Ankunft eine Rose gekauft hatte. Seine unausgesprochene Einladung: »Nimm mich doch mit!« vermochte ich aus Unsicherheit noch nicht anzunehmen. Der Preis von fünf Mark für diese Zeitschrift erschien mir sündhaft teuer, als ich mich ihr mit Herzklopfen näherte. Schließlich traute ich mich, verunsichert und mit hochrotem Kopf, diese ungewöhnliche Männerzeitung zu kaufen. Schneller als der Wind war »Er« nach dem Kauf in meine Aktentasche verschwunden. Der sichtlich amüsierte Verkäufer wünschte mir noch einen guten Tag!
Dank dieser schwulen Zeitung erfuhr ich zum ersten Mal Aufklärung über mein So-Sein. Obgleich damals immerhin 24 Jahre alt, hatte ich mich bisher nie mit Sexualität, geschweige Homosexualität befasst. Dieses Wort kannte ich noch überhaupt nicht. Jetzt las ich in dieser und anderen schwulen Zeitungen (»Du&Ich«, »DON«) von der Normalität »Männer liebender Männer«. Unter den Annoncen in der »him« fand ich die Adresse des katholischen Priesters Klaus Wegerle. Er lehrte als Religionslehrer und Oberstudienrat in einem Mannheimer Gymnasium. Als erfahrener Gymnasiallehrer bot Pfarrer Wegerle Seelsorge für Homophile an. Diese fast ausschließlich in kirchlichen Kreisen benutzte Bezeichnung erinnerte mich eher an eine seltene Orchideenart als an schwule Männer. Mit Pfarrer Wegerle entstand ein reger Briefwechsel. Erleichtert erfuhr ich durch ihn, dass Katholischsein und Schwulsein kein Widerspruch war. Voll Freude nahm ich seine Anregung wahr, in einer schwulen Gruppe der Katholischen Hochschulgemeinde Freiburg mitzuarbeiten.
Als absolutem Neuling in der schwulen Welt verhalf mir dieser studentische Arbeitskreis zu einem selbstbewussteren, selbstverantworteten und selbsttätigen Auftreten als schwuler Mann. »Prima, dass Du da bist. Wir brauchen dringend jemanden, der unsere Korrespondenz übernimmt. So viele unbeantwortete Briefe haben sich in der letzten Woche angesammelt. Gregor, hast Du nicht Lust, sie zu beantworten?«, fragte mich der Gruppensprecher Markus. Gleich dachte ich, Papa, an unseren regen Briefverkehr der letzten Jahre und sagte ihm zu. Zwei Briefe bewegen mich heute noch. Der 17jährige Bruno aus Donaueschingen schrieb an die Gruppe: Ich sitze im Rollstuhl. Ich bin ganz verzweifelt. Meine Eltern bedrängen mich, mit Rosie öfters auszugehen. Rosie hätte schon die Verlobung mit mir vorbereitet. Was soll ich nur tun? Ich bin doch mit Michael befreundet. Am liebsten würde ich mit Michael flüchten. Aber ich sitze im Rollstuhl.
Der 40jährige Franz schrieb uns aus Rastatt: Seit ich aus dem Gefängnis entlassen bin, wollen meine Eltern und Geschwister nichts mehr von mir wissen. Selbst der Pfarrer hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, als ich ihn um Hilfe bat. Dabei habe ich jahrelang die Seniorenfreizeiten der Gemeinde mit vorbereitet und durchgeführt. Von einer Nachbarin bin ich wegen unzüchtigem, widernatürlichem Verhalten bei der Polizei angezeigt worden. Ich hatte Anfang der 60er Jahre meinen Freund Erich aus Hamburg für zwei Wochen zu Besuch. Gleich nach dem Verhör auf der Wache haben sie mich verhaftet, nachdem ich zugab, homosexuell zu sein. Nicht mal meine beiden Katzen durfte ich zu Freunden bringen. Nach § 175 habe ich ein Jahr in der JVA Hohenasperg verbracht. Sie wollten mich umpolen. Ich kam nie mehr auf die Beine. Bei der Bundesbahn haben sie mich sofort gekündigt. Meinen Beamtenstatus habe ich dadurch verloren. Jetzt bin ich arbeitslos und lebe auf der Straße.
Papa, Euch gegenüber wagte ich erst ein Jahr nach Beginn meiner Mitarbeit von diesem homosexuellen Arbeitskreis zu erzählen.
Im Gegensatz zu Eurem sonstigen, intensiven brieflichen Eingehen auf meine besonderen Freiburger Erlebnisse, hat keiner von Euch, weder Du oder Mama noch Marlene oder Christiane, auch nur ein Wort zu meinem homosexuellen Arbeitskreis verloren.
Meine homosexuelle Identität sprach ich Euch gegenüber in den Freiburger Briefen nicht mehr an. War ich mit Wohnung, Arbeits- und Studienplatz auf mich allein gestellt beziehungsweise im guten Sinne erwachsen geworden, so wollte ich nun endlich auch als schwuler Mann eigenverantwortlich meine Wege gehen. Rückblickend auf meine Freiburger Zeit war es sehr gut, mich mit Gleichgesinnten in diesem Arbeitskreis zu emanzipieren, um mich weiterhin als ganz normalen Menschen zu akzeptieren. Die Themen des Arbeitskreises, unter anderem »Geschichte des § 175 – Für homosexuelle Männer in der BRD ist das Nationalsozialistische Terrorregime noch nicht zu Ende«, »Tabuisierung von zwei bis drei Millionen schwuler Männer in der BRD«, »Schwules Recht«, »Homosexualität und Kirche – eine lange Geschichte der Diskriminierung und Verurteilung«, »Liebe unter Gleichgesinnten«, »Coming-out – Die Annahme seiner selbst«, halfen mir, als schwuler Mann aufrecht zu gehen. Der Zuspruch des Psychologen in unserer Gruppe: »Ihr seid genauso wie eure heterosexuellen Geschwister Geschöpfe Gottes und zur Liebe berufen, erlaubt Euch Nähe, Erotik und Sex zum gleichen Geschlecht«, klang damals für mich wie eine befreiende Einladung, über eine platonische Freundschaft hinaus Zärtlichkeit, körperliche Nähe und Sex in meinen Beziehungen zuzulassen.
Beim Besuch mit den Freunden des Arbeitskreises in einer Diskothek, in der überwiegend junge Franzosen verkehrten, schaute ein begeisterter Tänzer mit funkelnden Augen öfter zu mir hinüber. Einerseits genoss ich die verlockenden Blicke, war ich doch begehrt, andererseits fürchtete ich mich vor einer näheren Begegnung. Tage später saß ich, wie so oft im sonnigen Freiburger Spätsommer, im Colombi-Schlosspark, in ein Buch von Meister Eckhart versunken. Plötzlich setzte sich ein junger Mann neben mich und legte sogleich seinen Arm um mich. Mit schalkhaftem Lächeln begrüßte er mich mit »Bonjour, mon ami!«. Ich erkannte in ihm den Tänzer aus der Diskothek. Als ob wir uns schon immer gekannt hätten, unterhielten wir uns auf Französisch über Gott und die Welt. Beim Kaffee in einem der vielen Studentenlokale tauschten wir unsere Namen und Adressen aus. Jean Milou war für drei Monate zu einem Deutschkurs nach Freiburg gekommen. Noch am gleichen Abend lud er mich zu einem Glas Wein in seine hübsch möblierte, gemütliche kleine Wohnung ein. Verliebt auf den ersten Blick, verbrachten wir bis zu seiner Abreise nach Berlin viele Nächte miteinander. Trotz aller Zweifel genoss ich die Zärtlichkeit mit Jean, den Sex und die körperliche Nähe. Gott sei Dank war unsere Liebe stärker als die von Familie, Kirche und Gesellschaft anerzogenen negativen Gefühle.
Von Jean erfuhr ich, dass er seit dem 15. Lebensjahr Gedichte schrieb. Bei seinem ersten Besuch in unserem Literaturkreis ermutigte die Leiterin Magarete Jenne ihn nach Durchsicht seiner Werke, diese zu veröffentlichen. Zum Abschluss seines Freiburger Aufenthaltes schenkte mir Jean ein kleines grünes Bändchen mit seinen handgeschriebenen Gedichten. Einen Refrain von ihm in deutscher Übersetzung habe ich noch im Ohr: »Die einen gehen zu zweit, die anderen zu dritt, jedoch ich gehe allein durch diese faszinierende schöne Welt.« Vor seiner Abreise im Oktober 1972 nach Berlin verabredeten wir uns mit dem Wunsch, uns im nächsten Sommer in Paris wiederzusehen. Jean wollte mir seine Eltern vorstellen, bei denen ich als sein Freund herzlich willkommen wäre. Sogleich dachte ich wieder an Dich, Papa. Du freutest Dich jedes Mal mit mir, meine Freunde zu Hause in Karnap kennenzulernen.
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