Читать книгу: «Die Schwarze Harfe»

E-Book-Version 1.0
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2017 by Gravity Assist: Stefan Bommeli, Tobias Bangerter, Berenice Bommeli, Sven Hirsch-Hoffmann, Matea Zosak
www.dieschwarzeharfe.ch ISBN 978-3-9524766-0-4 (E-Book)
E-Book-Gestaltung und technische Umsetzung: Clara Cendrós
Erstellt auf der Grundlage:
Erste Auflage Buch Frühjahr 2017
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2017 by Gravity Assist
ISBN 978-3-9524287-6-4 (Buch)
Inhalt
Zeitverlauf
Prolog
Erster Teil
Feuer über Ronwal
Die zweite Expansion
Bromens Blockade
Die äussere Welt
Tod in der Elawaia
Zweiter Teil
Begegnung in der Stadt der Farben
Die Träumenden
Krieg der Vrakaane
Flucht nach Aimo
An Bord der Geshi-hia
Das Wissen des Prinzen
Das Tribunal
Die Gescheiterte Konferenz
Dritter Teil
Neue Fronten im Ring
Der erste Laar
Im Zwielicht
Der Fall der Vehazzi
Der Schrei des Kupran
Die blauen Pfeile
Eine neue Zeit
Der letzte Traum
Tochter der Senjasantii
Sprung über den Horizont
Bromens Blut
Epilog
Nachtrag
Glossar
Dank
Biografien


ZEITTAFEL
678*Geburt Bromen Cossan
679Geburt Se’en Linnt
686Geburt Habun Illban Etani
697Geburt Shikani, Tochter der Senjasantii
702Eskalation bei Ronwal
702Bromen Cossan wird zum Laar ernannt
703Strafmission gegen Kontan
704Blockade bei Basteron
705Se’en Linnt wird zum Laar ernannt
706Geburt Habun Illban Ja’en
706Gründung der Fraktion der 1000 Messer
708Eskalation im Harodin-Nebel
710Bromen Cossan bringt Heilmittel nach Senjasantii
710Königliches Attentat
711Se’en Linnt wird Konsul der RHF
712Shikani wird Besatzungsmitglied von Gelb-07
714Prinzessin Etani bringt Prinz Ja’en nach Cantori
714Shikani wird Laar von Schwarz-04
716Übereinkunft der Vrakaane auf Fankontan
717Se’en Linnt und Prinz Ja’en besuchen das Matriarchat
717Eskalation bei Talkahalas
718Das Tribunal von Aimo
718Die erste Konferenz, auf Lentan
724Prinz Ja’en im diplomatischen Dienst von Cantori
726Große Konfrontation über Drial-Vehazzi
726Prinz Ja’en auf Fankontan
727Krönungszeremonie
728Die zweite Konferenz, auf Sarrakadan
729Grundlegung des Ring-Bundes
* Jahr nach der ersten Krönung


Illban-Almanach [Auszug]
Habun Illban Ja’en: Genannt Prinz Ja’en; Königliche Hoheit; Thronfolger des → Königreichs Endo; Sohn von → Habun Illban Etani, Enkel von → König Habun Illban Eto; Vaterschaft unbekannt; geboren in der → Residenz der Könige auf Sarrakadan im Jahr 706; Gelehrter der Gegenwartswissenschaften, Mitwirkender am → Illban- Almanach (Erstausgabe 744). Bekannteste Werke: → Das Mausoleum, → Genealogie der Ringhandelsföderation, → Auslegung der Scheiben aller Ursprünge, → Anthologie der Ringwelten, → Studien über den Temb’ran-Zirkel, → Mythen der roten Wüste.
Shikani: Tochter der → Senjasantii; geboren auf dem → Planeten Senjasantii im Jahr 697; erstes fremdweltliches Besatzungsmitglied in der → Königlichen Flotte von Endo; Vertraute von → Bromen Cossan; Ernennung zum Laar des Endo-Kreuzers → Schwarz-04 der Königlichen Flotte im Jahr 714.
PROLOG
• Shikani, Tochter der Senjasantii | Ich sehe den warmen Regen, wie er auf Senjasantii niedergeht: in weiten Schlieren in der Atmosphäre, in chaotischen Musterungen auf dem graugrünen Meer, in Wellen über der flachen Graslandschaft. Unsere Welt ist eine Welt des Wassers, das unter den weiß leuchtenden Wolken voller Farben ist. An besonders hellen Tagen glitzern die Tropfen im Gegenlicht wie Tausende von schwebenden Kristallen. Es ist ein seltenes Ereignis, wenn der Himmel aufreißt, in kurzen Momenten transparent wird und gleißendes Licht in langen Bändern durch die feuchte Luft ins tiefe Wasser fällt. Als sich Bromens Fähre herabsenkte, klarte der Himmel auf, als wollten die Wolken sich vor ihm verneigen. So träumten es die Spielenden.
In der Zeitrechnung der Endoer war ich dreizehn Jahre alt: für eine Senjasantii eine Erwachsene, anders als die Kinder der Endoer, die erst mit 20 Jahren als gleichwertig gelten. Wir hatten von Bromen Cossan gehört, der in der Elawaia die gefürchteten Vrakaane jagte. Seit Jahrhunderten beobachten wir die Endoer, ihre Entwicklung in der inneren wie in der äußeren Welt, ihre Könige, ihre Expansion in die Elawaia, die sie den Ring der Sterne nennen. Die Spielenden haben Bromen in ihren Träumen gesehen, und unsere Schiffsführer sind ihm fern von Senjasantii bereits begegnet. Von ihnen wusste er: Wer Wasser oder Grund berührt, muss für immer auf Senjasantii bleiben. Den Planeten überhaupt zu betreten war eine Missachtung unserer Bräuche, eine Verletzung unserer äußeren und inneren Welt. Durch die Ausbreitung der Seuche war gewiss Eile geboten, und Bromen Cossan war im Besitz des Heilmittels. Seine Unbeirrbarkeit, mit der er die Koordinaten seiner Landung übermittelte, war dennoch verstörend für mein Volk.
Die Gesandten der Senjasantii hatten sich versammelt und erwarteten Bromens Ankunft. Die fernen Gebäude der Stadt, die vom Meeresgrund bis in die Wolken reichen, waren im Dunst nur schemenhaft zu erkennen. Ich hatte meinen Vater angefleht, mich mitzunehmen, und er hatte schließlich erschöpft den Widerstand gegen meine Bitte aufgegeben. Nun stand ich dicht neben ihm und betrachtete im Sonnenlicht die sinkende Fähre.
Einige Meter über der Oberfläche schalteten sich die weiß glühenden Triebwerke aus, und das Fahrzeug wechselte in den Schwebezustand. Das Dröhnen wich einem dumpfen Summen. Die Fähre verharrte schließlich über der Erde, ohne die Spitzen der Gräser zu berühren. Ich sah, wie sich eine Luke öffnete. Er alleine stieg heraus und balancierte mit vorsichtigen Schritten zum Rand des Stabilisators. Sein Blick schweifte über die Waffenträger, die sich in einem weiten Kreis um das schwebende Schiff positionierten. Er kniete nieder, schaute auf die feuchte Erde unserer Welt herab und streckte dann langsam eine kleine Ampulle vor sich hin. Geduldig wartete Bromen Cossan und blickte schweigend zu meinem Vater. Die Atmosphäre war zum Zerreißen gespannt. Bis auf das Summen der Fähre und das Rauschen des Windes herrschte Stille.
Endlich hob mein Vater sanft die Hände und berührte zum Gruß mit den Fingerspitzen seine Schläfen. Langsam schritt er zwischen den Waffenträgern hindurch auf Bromen zu. Ich folgte meinem Vater, blieb jedoch einige Meter hinter ihm stehen, als er sich der schwebenden Fähre näherte. Mit nach oben ausgestreckten Armen nahm er den metallenen Behälter entgegen. Er verneigte sich, und sogleich eilte einer der Waffenträger herbei, um die Ampulle zu übernehmen und zu den Gelehrten zu bringen. Bromen Cossan erhob sich. Für zwei Sekunden schaute er mich an. Seine blau schimmernden Augen blickten durchdringend, als ob er mich eindeutig erkennen würde. Dann wandte er sich ab und stieg durch die Luke. Das Schiff gewann an Höhe, die Triebwerke brausten über unseren Köpfen, und wir schauten der Fähre nach, die immer schneller aufstieg und in den zuziehenden Wolken verschwand. Nur wenig später setzte der Regen wieder ein. Ich spürte das warme Wasser auf meiner Haut, während ich noch immer in den Himmel blickte
Nie hatte eine Senjasantii unsere Heimatwelt dauerhaft verlassen. Es war unvorstellbar. Niemand hatte voraussehen können, dass ich Bromen Cossan folgen und seine Kriegsgefährtin werden würde. Niemand außer den Spielenden.
♦ Habun Illban Ja’en | Shikani legte den kleinen, silbernen Würfel in meine Hand. Sanft schloss sie meine Finger um das warme, kantige Instrument. Ich blickte verwirrt in ihre grünen, mit dem Alter dunkler gewordenen Augen. Der Anzug ihres Volkes, dessen dunkelblaue, mit feinem Wabenmuster überzogene Oberfläche im gedämpften Licht meines Arbeitszimmers schimmerte, umschloss ihren filigranen Körper; das repolymerisierende Material ließ nur Hände und Kopf unbedeckt. Ihre kupferfarbene Haut wirkte blass.
»Was ist das?«, fragte ich.
Sie legte ihre Hände ineinander. »Nach meinem Besuch im Schrein der Harfe habe ich mit Aufzeichnungen begonnen.« Ihre zwei Stimmen klangen nicht ganz so synchron, wie ich das von ihr kannte.
»Aufzeichnungen?«
»Über die Ereignisse in der Elawaia. Für dich, Ja’en. Aber nicht nur. Und du wirst sie ergänzen müssen.«
Ich wandte mich ab, setzte mich auf einen silbernen Stuhl und deaktivierte die Hologramme über meinem Tisch aus Hornbaumholz. Mein Arbeitsraum wirkte ohne die blauweißen Projektionen ein wenig düster; die Säulen warfen im Licht der Dämmerung lange Schatten. Vorsichtig legte ich den erhaltenen Hologrammwürfel vor mich hin. »Shikani, als Gelehrter lernt man früh, nicht sich selbst zum Thema zu machen.«
»In jungen Jahren auf Cantori hast du anders gedacht, Prinz Ja’en.«
Ich lächelte müde. »Ach Shikani – für wen soll das sein?«
»Für das Sternenkönigreich.«
»Für das Sternenkönigreich?«, wiederholte ich mit unüberhörbarem Spott. Ich deutete einladend auf einen Sessel, doch die Senjasantii blieb stehen. »Shikani, das Sternenkönigreich ist eine Fantasie einiger weniger privilegierter Endoer – zulasten der großen Mehrheit aller Ringwelten.«
Shikani antwortete nicht.
»Für wen also, Shikani, Tochter der Senjasantii?« Meine Frage klang nun ohne Absicht ärgerlich; ich erhob mich, schritt zu den offenen Fenstern und schaute auf den Kratersee weit unter uns, auf dem das letzte violette Licht des Abends reflektierte. »Für wen, wenn nicht für dich und für mich allein soll ein solches Werk sein! Das Sternenkönigreich ist tot, Shikani, und tot ist alles, was aus ihm hätte werden können. Tot ist mein Großvater; und meine Mutter habe ich nicht mehr als lebendig empfunden, seit sie mich als Kind auf Cantori zurückgelassen hat. Ihre Krönung hat nichts zu bedeuten.«
»Es ist deine Blutlinie, Prinz Ja’en«, antwortete Shikani streng.
»Nie werde ich König sein. Nie mehr soll jemand im Ring eine Krone tragen.« Ich stützte mich mit beiden Händen trotzig auf das steinerne Fenstersims. »Die Monarchie ist gescheitert, Shikani«, fügte ich heiser hinzu, »mehrfach und vollständig.« Ich drehte mich um und sah sie an. »Der Friede ist ein zerbrechlicher Kompromiss und«, ich zögerte, »allein dein Verdienst. Die Senjasantii hatten recht, sich von uns Endoern fernzuhalten.«
Sie trat neben mich und berührte meinen Arm. »Dann schreib für Bromen.«
»Für welchen Bromen?«, müde schloss ich die Augen. »Den größten Taktiker aller Zeiten? Den berühmtesten Laar im Ring der Sterne? Den skrupellosen Kriegstreiber? Den geheimnisvollen Träumer?«
»Für ihn, ja.«
Shikanis vertraute Züge waren tatsächlich alt geworden. »Du bewunderst ihn immer noch, nicht wahr? Nach all dem, was geschehen ist.« Ich legte meine Hand kurz auf die ihre, ihre Haut fühlte sich kühl an. »Du, Shikani, bist der bessere Laar, als er jemals war.«
Sie schwieg und betrachtete mich aufmerksam, das leicht faltige Gesicht eines 47-Jährigen.
»Ja’en«, sagte sie schließlich, und ihre zweitonige Stimme erschien mir plötzlich so kraftvoll wie vor so langer Zeit an Bord ihres Schiffs. »Die äußere Welt ist nur aus der Perspektive der inneren zu verstehen.«
Ich seufzte und lächelte: »Ich habe dieses Konzept der Senjasantii wohl noch immer nicht verstanden.«
Shikani fixierte mich vorwurfsvoll, doch ich spürte, dass ihre Worte mich auf eine seltsame, lange vermisste Weise trösteten.
Sie wandte sich ab: »Ich werde meine Aufgaben Asesiitar übergeben.«
Ihre Worte trafen mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Auch wenn ich schon seit Jahren keine offiziellen Aufgaben im Ring mehr erfüllte, schien mir undenkbar, auf Shikani verzichten zu müssen.
»Wo wirst du hingehen?«
»Nach Senjasantii. Zu meinem Volk. Es ist an der Zeit.« Ein Schatten fiel über ihr Gesicht, das Grün ihrer Augen leuchtete. »Ich habe lange genug unter den Endoern gelebt.« Sie versuchte ein Lächeln.
»Nein«, flüsterte ich hilflos.
Shikani legte die Fingerspitzen beider Hände an ihre Schläfen. »Meine innere Welt«, begann sie die Formel ihrer Vorfahren, »ist berührt von unserer Begegnung in der äußeren, Habun Illban Ja’en, Prinz des Sternenkönigreichs.«
Ein leichter Schwindel befiel mich. Tausend Erinnerungen unserer gemeinsamen Reise durch die äußere und auch die innere Welt streiften mich.
Shikani verneigte sich. »Königliche Hoheit«, grüßte sie förmlich und verließ den Raum – verließ mich –, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich starrte auf die Tür, die sich geräuschlos hinter ihr schloss.
Minutenlang stand ich wie betäubt da.
Dann trat ich auf die lang gezogene Terrasse hinaus, die an meinen Arbeitsraum im Ostflügel der Residenz angrenzt. Über der Kaldera und den schwarzen Konturen des ehemaligen Regierungssitzes der Könige von Endo erschienen die ersten Sterne. Alles beginnt mit der Elawaia, so sagen die Senjasantii, der Brücke aus Licht, wie sie den Ring der Sterne nennen. Das Meer war inzwischen so schwarz wie der Himmel. Nur einige hohe Wolken reflektierten schwach Endos Licht. Ein warmer, salziger Wind wehte in mein Gesicht. Mir war klar, dass ich Shikanis Aufzeichnungen lesen würde; dass ihre Worte die großartigsten Momente meines Lebens und ebenso den Schmerz mit voller Wucht zurückbringen würden.
Ich dachte an Bromen. Lange hatte ich mir eingeredet, er wäre der Schlüssel; würde ich ihn und seine Geheimnisse verstehen, würde ich alles verstehen, was sich seit dem Endo-Cantori-Krieg ereignet hatte. Seine Unbeirrbarkeit war seine Stärke, doch sie hat ihn von uns allen entfremdet. Seine Rätsel erfuhren nie eine Auflösung, und dafür habe ich ihn verflucht. Er hat uns gerettet, und zugleich alleine gelassen. »Bromen«, wisperte ich zu mir selber und seufzte. Ich blinzelte in den Nachthimmel und gestand mir ein, dass auch ich ihn – trotz allem – mein ganzes Leben lang bewundert habe.
Von der Plattform nahe dem Thronsaal erhob sich Shikanis Fähre. Ich sah die hellen Triebwerke aufleuchten, und in einem weiten Bogen zog der grelle Lichtpunkt über die Lagunen hinaus, hinauf in den Orbit und zu einem Schiff, das sie ein letztes Mal nach Senjasantii tragen würde, 72 Lichtjahre von Endo entfernt am anderen Ende des Rings.

Illban-Almanach [Auszug]
Lentan: Planet des Endo-Systems mit Zentralgestirn → Endo; Monarchie. Heimatwelt aller Endoer: Ausgangspunkt der → ersten sowie der → zweiten Expansion in den → Ring der Sterne. Klimatisch eine Kaltwelt; zwei Großkontinente; Population 3,31 Milliarden Endoer; Ursprungsort der berühmten → Hornbäume; Hauptstadt → Kemmarilla.
Sarrakadan: Planet des Endo-Systems mit Zentralgestirn → Endo; Planet der Könige von Endo; zentrales Bauwerk ist die → Residenz über den Lagunen. Klimatisch eine Warmwelt; 95 Prozent der Oberfläche von seichten Meeren bedeckt; Population liegt unter einer Million Endoer.
Cantori: Planet des Cantori-Systems mit Zentralgestirn → Stern von Cantori; erste und größte Kolonie der Endoer; Sitz der → Ringhandelsföderation (RHF); Herrschaftsform ist aristokratisch (→ Häuser von Cantori). Klimatisch eine Warmwelt; intensive Landwirtschaft in den gemäßigten Zonen, Halbwüsten und Industrie in der Äquatorregion; Population 1,42 Milliarden Endoer.
Senjasantii: Einzige nicht-endoische Welt im Ring mit Zentralgestirn → Shiksoo; Heimat der → Senjasantii, einer hoch entwickelten, uralten Zivilisation, die sich vollständig unabhängig von den Endoern entwickelt hat. Klimatisch eine Warmwelt; hohe Niederschlagswerte; 91 Prozent der Oberfläche von Meeren bedeckt; Population liegt bei 823 Millionen Senjasantii.
FEUER ÜBER
RONWAL
• Shikani, Tochter der Senjasantii | Der Stern Endo ging in gleißender Helligkeit über dem gewölbten Horizont von Lentan auf. Das polare Eis reflektierte die ins rote Spektrum verschobenen Strahlen, und die Schiffe im Orbit hoben sich von der Dunkelheit des Alls ab. Das harte Licht im Vakuum zeichnete die Konturen von 139 interstellaren Frachtern, zwischen denen zahllose Transporter zirkulierten, scharf. In der Vielzahl der Schiffe konnte nur ein geübtes Auge den 120 Meter langen Endo-Kreuzer erkennen: den dunkel gewölbten Rissschild am Bug, die modulare Struktur, die leuchtenden Antriebsgondeln. Das Kriegsschiff hatte soeben sein Bremsmanöver nach dem Raumzeitsprung beendet und dockte an der orbitalen Rotunda an. Sein Laar hatte den Auftrag, nicht nur Treibstoff und Versorgung, sondern auch zwei Absolventen der Akademie der Tausend Hornbäume zu übernehmen. Bromen Cossan gelangte am gleichen Tag an Bord von Gelb-07, da ich auf Senjasantii die äußere Welt betrat. Im Alter von 19 Jahren wurde er Besatzungsmitglied des Kreuzers. Er würde es bis zu seinem Tod bleiben.
Bromen begann seinen Dienst in der Flotte gemeinsam mit Se’en Linnt. Beide stammten vom Planeten Lentan, der Ursprungswelt der Endoer. Während über Bromens Herkunft kaum etwas bekannt ist, ist Se’en Linnt ein Abkömmling der Linnt-Reederei, die damals die größte Handelsflotte außerhalb von Cantori kontrollierte. Bromen und Se’en waren auf Lentan zu Raumfahrern ausgebildet worden. Se’en arbeitete danach zwei Jahre im Orbit von Cantori als Frachtkoordinator der familieneigenen Reederei und verkehrte früh in den aristokratischen Häusern, die den exponentiell wachsenden Ringhandel dominierten. Dass sich der Sohn der Linnts schließlich freiwillig zur Kriegsflotte des Königs von Endo meldete, hatte seinen Vater vermutlich ähnlich bestürzt wie später meinen, als ich es tat. Bromen blieb in der Zwischenzeit auf Lentan zurück und übernahm in der orbitalen Rotunda die monotone Einweisung interstellarer Frachtschiffe. Er hatte sich schon nach der Akademie freiwillig in die Königliche Flotte gemeldet, wurde jedoch erst 697 eingezogen.
Aufzeichnungsfragment
[Transkription der Königlichen Flotte, Jahr 697]
Renta Jaro | Mir ist nicht klar, was Sie an Bord meines Schiffs suchen, Linnt.
Se’en Linnt | Ich will meinen Beitrag leisten, die Handelsrouten im Ring sicher zu machen, Laar.
Renta Jaro | Schwafeln Sie nicht, Linnt. Für Sie ist doch Besseres bestimmt als der Dienst an Bord eines Endo-Kreuzers. Wozu ängstigen Sie Ihren Vater unnötig, den ältesten Nachfolger zu verlieren.
Se’en Linnt | Meine Ausbildung habe ich nicht bei der Ringhandelsföderation, sondern an der Königlichen Militärakademie in Kemmarilla absolviert, Laar. Ich gehöre ebenso zur Kriegsflotte, wie er [Verweis auf den anwesenden Bromen Cossan].
Renta Jaro | Sie weichen meiner Frage aus.
Se’en Linnt | Die Linnt-Reederei verliert in steigender Zahl Frachtschiffe an Vrakaane. Vor sechs Monaten lag der Verlust erstmals in einem zweistelligen Prozentbereich. Mein Vater mag der Ansicht sein, dass dies finanziell zu verschmerzen sei. Ich sehe es anders. Ich habe in den Frachtterminals über Cantori die Geschichten gehört, die man sich über die Überfälle der Vrakaane erzählt.
Renta Jaro | Werden Sie jetzt sentimental, Linnt?
Se’en Linnt | [3 Sekunden Pause] Mein jüngerer Bruder ist von seiner ersten Tour nach Snrial nicht zurückgekehrt. Das interstellare Frachtschiff, auf dem er reiste, gilt inzwischen als verloren.
Renta Jaro | Ich bedaure, das zu hören.
Se’en Linnt | Danke, Laar. Meine Schwester entlastet meinen Vater von seinen Geschäften. Und meine Eltern sind Monarchisten, sie glauben an die Überlegenheit der Flotte von Endo.
Renta Jaro | Fragt sich, ob Ihre Eltern recht behalten werden.
Se’en Linnt | Mein Vater sagte mir, dass Sie der beste Laar der Flotte sind.
Renta Jaro | Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie zu viel reden, Linnt?
Se’en Linnt | Ja, Laar.
♦ Habun Illban Ja’en | Als »Vrakaan« wird jedes bewaffnete Schiff unbekannter Herkunft bezeichnet, das interstellare Frachtschiffe auf ihren langen Handelsrouten überfällt. Der Begriff geht ursprünglich auf einen Raubfisch zurück, der in den flachen Küstengewässern von Cantori jagt. Zwischen nahezu allen Ringwelten hatte es irgendwann Vrakaane gegeben, die aus politischer Überzeugung oder Gier Frachtschiffe überfielen. Zur Zeit, da Bromen Cossan und Se’en Linnt auf Gelb-07 ihren Dienst antraten, häuften sich jedoch die Überfälle. Man verdächtigte die Vehazzi, die Maluken, verschiedene Welten im Harodin-Nebel, die Stationsverbunde und sogar einzelne Häuser von Cantori, Vrakaan-Schiffe zu finanzieren.
Gewiss waren nicht die vereinzelten Überfälle der Grund, warum die Monarchie von Endo ihren Einfluss eingebüßt hatte und Cantori den Ringhandel nahezu vollkommen kontrollierte. (Der Ringhandelsföderation kamen sogar weit mehr Frachter abhanden als Endo, was das Versicherungsgeschäft zum Blühen brachte.) Die Könige von Endo hatten ihren wirtschaftlichen Niedergang vielmehr selbst verschuldet. In ihrem Wahn, den Ring zu kolonisieren, hatten sie die Bevölkerung von Lentan derart ausgebeutet, dass die erste Expansion im Kern einer Flucht gleichkam; sie hatten ihren Hofstaat, die Monarchisten, privilegiert, sodass diese in ihrer isolierten Sphäre aus Luxus und Intrigen die Bedeutung des wachsenden Ringhandels völlig verkannten. Die Spannungen zwischen dem Königreich Endo und Cantori akzentuierten sich, auch wenn mit diplomatischen Bemühungen vermeintliche Stabilität beteuert wurde. Meinem Großvater, dem König, ging es jedoch weder um Frieden noch um Handelsabkommen mit fernen Ringwelten, sondern um die Wiederherstellung der alten Vormacht des Königshauses.
Als sich die Meldungen von Vrakaan-Angriffen häuften – und ebenso die Spekulationen über die Herkunft der Marodeure und ihre tatsächlichen Auftraggeber –, ergriff Habun Illban Eto die Initiative. Im Jahr 698, ein Jahr nachdem Bromen Cossan und Se’en Linnt ihren Dienst an Bord von Gelb-07 aufgenommen hatten, beorderte er alle Laare nach Sarrakadan und veranlasste die Jagd auf die Vrakaane, gleich welcher Herkunft, und zwar mit allen Mitteln. Tatsächlich wünschte König Eto eine Demonstration der militärischen Überlegenheit der Königlichen Flotte gegenüber den zunehmend mächtigen Häusern von Cantori. Mit gutem Grund bezeichnen Gegenwartsgelehrte das Treffen der Laare in der Königlichen Residenz über den Lagunen als Auftakt zum Krieg.
• Shikani, Tochter der Senjasantii | Gelb-07 war der Ort, an dem Bromen Cossan fortan lebte: 120 Meter Stahl und Keramik sowie die Enge des fensterlosen Besatzungsmoduls können tatsächlich Raum für ein Leben bieten. Als er einmal von einem hohen Funktionär des Temb’ran-Zirkels gefragt wurde, ob er sich nicht ein größeres Schiff wünsche, antwortete er: »Draußen ist das All, das ist groß genug.« Sein Gegenüber hat dies offensichtlich als Bescheidenheit gedeutet. Doch ich weiß, dass er mit diesem außen auch ein innen gemeint hat.
Ich habe Bromen so funktional in Erinnerung wie sein Schiff. Ein Endo-Kreuzer der Sarrakadan-Klasse ist vor allem eine Waffe. Für maximale Manövrierfähigkeit im Normalraum ist es massearm, für hohe Verfügbarkeit mehrfach redundant und im Hinblick auf Beschleunigungswerte jenseits von 60 Metern pro Sekunde im Quadrat hoch belastbar konstruiert. Zwölf Besatzungsmitglieder lenken auf engstem Raum eine hoch technisierte Maschine. Man schläft in hermetisch verschlossenen Ruhekapseln, die zugleich als Rettungssysteme genutzt werden können. Das Besatzungsmodul ist um die dreidimensional strukturierte Kommandokugel angeordnet. Es gibt eine medizinische Station, den Hologrammraum des Laars, sonst nur lange Tunnel, technische Zugänge und atmosphärefreie Zwischenräume. Nichts an einem Endo-Kreuzer ist unnötig oder überflüssig. So war auch Bromen: Seine Worte, seine Bewegungen, seine Gedanken waren stets auf das Wesentliche gerichtet. Sogar äußerlich schien er zur Infrastruktur von Gelb-07 zu passen: Die violette Beleuchtung an Bord ließ ihn noch blasser erscheinen, seine Haare waren so dunkel wie die anthrazitfarbene Uniform mit den gelben Streifen, und seine Augen hatten die Färbung eines taktischen Hologramms: ein leuchtendes Blau.
♦ Habun Illban Ja’en | Bromen Cossan wurde dem Taktikpentaar zugeteilt, Se’en Linnt dem Führungspentaar. Bromen wie Se’en kannten fraglos alle Verfahren und Technologien aus Theorie und Simulation, wie sie an Bord des Kreuzers installiert waren. Wer jedoch eine Vorstellung vom beengenden, schwindelerregend komplizierten Inneren eines Kriegsschiffs hat, der weiß, dass Wissen und Können zweierlei sind. Renta Jaro und ihre Pentaare unterzogen die beiden an Bord von Gelb-07 einem erbarmungslosen Training. Sie mussten lange Beschleunigungs- und Abfangmanöver in der kugelförmigen Zentrale absolvieren, eingeklemmt in den schalenförmigen, hydraulisch aufgehängten Drucksitzen und umgeben von Hologramm-Darstellungen mit Daten und modularen Befehlssequenzen. Und sie mussten sich in den Schächten der normalerweise versiegelten Infrastruktur des Schiffs zurechtfinden. Denn das Besatzungsmodul mit der Kommandokugel nimmt lediglich 20 Meter in der Schiffskonstruktion ein. Es liegt hinter der wuchtigen Spitze des Raumzeitantriebs mit dem Singularitätsgenerator. An das Besatzungsmodul wiederum schließt das kubische Waffenmodul mit zwei Fährdocks an. Ein Netz von Röhren und Kanälen führt bis ans Heck, rund 100 Meter vom Singularitätsgenerator entfernt, wo sich der Elementarantrieb, die Wasserstofftanks sowie die zwei mächtigen Gondeln für Beschleunigung und Bremsmanöver befinden.
Schon als Kind faszinierte mich die Konstruktion der Endo-Kreuzer der Sarrakadan-Klasse. Über meinem Bett hing ein fast metergroßes Modell von Gelb-07. Wenn es von der dunkelroten Abendstimmung auf Sarrakadan beleuchtet wurde, träumte ich davon, wie es – mit Bromen und Se’en – durch die Feuer des Gasplaneten Ronwal jagte. Heute, so viele Jahrzehnte später, ist für mich kaum mehr vorstellbar, dass ich mich als junger Prinz selbst durch die engen, verstörend unheimlichen Gänge eines Endo-Kreuzers gezwängt habe.
Die Karrieren der meisten hoffnungsvollen Pentaar-Anwärter enden in der peripheren Infrastruktur. Auch Bromen schien die dunklen, entweder eisig kalten oder glühend heißen Tunnel gefürchtet zu haben; wann immer er konnte, beschäftigte er sich mit dem taktischen System in der Kommandokugel. Se’en dagegen absolvierte alle Teile der Ausbildung mühelos. Zweifellos brachte er einige Erfahrung mit, die er in der Handelsflotte seiner Eltern hatte sammeln können; und Se’en war nicht nur wissbegierig, sondern fand mit allen Besatzungsmitgliedern rasch einen routinierten Umgang. Renta Jaro erweiterte kontinuierlich seinen Verantwortungsbereich, und als nach knapp zwei Jahren ihr Führungspentaar ausfiel – vielleicht, weil dieser schon zu lange im All und physisch wie psychisch zermürbt war –, beförderte sie Se’en Linnt zum jüngsten Führungspentaar in der Flotte.
• Shikani, Tochter der Senjasantii | Renta Jaro erkannte die Qualitäten von Bromens innerer Welt. Sie betraute ihn mit der Analyse von zunehmend komplexen Entscheidungspfaden, die er auch unter hohem Beschleunigungsdruck fehlerfrei durchführte. Enge Kanäle und Röhren waren ihm zuwider, doch Beschleunigungswerte jenseits von 60 Metern pro Sekunde im Quadrat, hochfrequente Vibrationen und Drehungen über drei Achsen machten ihm kaum etwas aus. Er saß in seiner Druckliege, umgeben von den holografischen Projektionen seiner Simulationen. Selbst bei taktischen Situationen, die keine eindeutige Lösung erlaubten, entwickelte Bromen unter Zeitdruck alternative Handlungsvarianten mit nachvollziehbaren Prioritäten. Bromen übertraf schließlich die Erwartungen seines Laars bei Weitem, sodass Renta Jaro begann, sich blind auf ihn zu verlassen. Als bei einem Zwischenfall über dem Metanmeer von Belangani der Taktikpentaar die äußere Welt verließ, besetzte sie dessen Position ohne Zögern mit Bromen Cossan.
Ich habe Bromens Laar aufgrund der Ereignisse bei Ronwal nie kennengelernt. Sie war in der Lage, so berichtete er mir, als Laar zugleich Fürsorge und Strenge zu vermitteln. Da ein Endo-Kreuzer meist allein operiert und nur punktuell Verbindung zur Flotte aufnehmen oder mit Verzögerung herstellen kann, ist der Laar eine machtvolle Gestalt. Die Senjasantii haben das damit verbundene Problem nahezu unbeschränkter Verantwortung schon vor langer Zeit erkannt und ihre Schiffsführer in der inneren wie äußeren Welt dafür vorbereitet. Nicht so die Endoer: Der Laar bestimmt im Rahmen der zugewiesenen Mission alles in der äußeren Welt des Kreuzers. Als Befehlshaber steht er ohne Einschränkung über den vier Pentaaren für Führung, Taktik und die Antriebssysteme. Und seine Position ist gegenüber den sieben Besatzungsmitgliedern, die in den Stäben der Pentaare dienen, hierarchisch unantastbar.
Aufzeichnungsfragment
[Transkription der Königlichen Flotte, Jahr 701]
Renta Jaro | Was sehen Sie eigentlich, Bromen, wenn Sie auf diese Projektionen starren? [Geringe Lautstärke] Sie sehen da drin etwas, was wir alle nicht sehen, nicht wahr?
Bromen Cossan | Ich verstehe Ihre Frage nicht, Laar. Es sind immer nur die bisherigen Bewegungen in Raum und Zeit, die das komplexe Muster der taktischen Gegenwart bilden.
