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Graeme Maxton
CHANGE!
Graeme Maxton
CHANGE!
Warum wir eine radikale Wende brauchen
Aus dem Englischen von Nina Sattler-Hovdar

Originalausgabe
1. Auflage 2018
Verlag Komplett-Media GmbH
2018, München/Grünwald
www.komplett-media.de
ISBN E-Book: 978-3-8312-6976-1
Hinweis: Das vorliegende Buch ist sorgfältig erarbeitet worden. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.
Übersetzung: Nina Sattler-Hovdar, Elixhausen/Salzburg
Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg
Korrektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München
Satz und Layout: Daniel Förster, Belgern
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.
Inhalt
Vorwort
Ich bin kein Träumer
Eine Geschichte für die reiche Welt in vier Teilen
Teil 1
Das Problem
Ein Buch für gestern, heute und morgen
Warum ein Zusammenbruch so schwer zu erkennen ist
Für nachhaltige Entwicklung ist es zu spät
Teil 2
Was geschieht, wenn sich die Menschheit nicht ändert?
Ist da jemand?
Die Natur zieht nach
Wir haben so viel erreicht – wollen wir das wirklich alles zerstören?
Wie ein großflächiger Atomkrieg, nur anders
Die fossile Energiewirtschaft wiegelt ab
Die globalen Folgen
Sozialer und wirtschaftlicher Stillstand für die reiche Welt
Migration, Ungleichheit und auch Wut
Entfesselter Turbokapitalismus – die großen Multis haben das Sagen
Arme arme Welt
Wie Frösche in einem Kochtopf
Teil 3
Die Welt braucht eine radikale Wende
Die Realität akzeptieren oder für die Wende kämpfen
Keine gute Ausgangsposition
Rauchen bringt uns um. Wachstum auch
Global Footprint und Overshoot
Meist gut gemeint, aber zu kurz gedacht
Nicht Gier sollte uns motivieren
Die großen Ziele, auf die wir hinarbeiten sollten
Eine befremdliche, aber bessere Welt
Ein Amt für den geordneten Übergang
Strafverfolgung der Schuldigen
Wohlfahrtssysteme müssen reformiert werden
Wie können andere ins Boot geholt werden?
Wohltätigkeit und CSR sind bloß Blendwerk
Was wird die radikale Wende kosten?
Wie kann dies finanziert und strukturiert werden?
Die arme Welt muss andere Wege gehen
Unerwünschtes einschränken
Was bedeutet das alles für mich?
Teil 4
Neue Fundamente errichten
Das große Aufräumen
Mehr Verbote müssen her
Die politische Führung muss führen
Lasst nicht Monopolisten für euch entscheiden
Auch die Umweltschützer haben versagt
Wachstumsagnostik ist gefragt
Über die Bedeutung von Wörtern
Über den Autor
Anmerkungen
Vorwort
Ich bin kein Träumer
Ich bin keiner, der sich an Bäume kettet, nackt durch die Gegend radelt oder vegane Würstchen mag. Aber in den letzten sieben Jahren ist mir klar geworden, dass Menschen, die dies tun, uns anderen etwas sehr Wichtiges zu sagen haben: Die Menschheit muss aufhören, die Erde zu zerstören. Jahrhundertelang haben wir ihr zugesetzt – und konnten weiterleben wie bisher. Wir haben Müll im Meer entsorgt, Regenwälder gerodet und die Atmosphäre verpestet. Die Folgen waren nicht lebensbedrohlich. Bis jetzt.
Mit dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung in den letzten 50 Jahren und der damit einhergehenden Belastung der Umwelt steht der Menschheit eine Umweltkrise bevor, die in ihrer Dimension für die meisten sehr schwer zu verstehen ist. Und noch weniger Menschen scheinen zu begreifen, wie dringend wir handeln müssen. Unser Überleben steht auf dem Spiel, und die nächsten Jahrzehnte werden in keinster Weise einfach werden.
Ich habe dieses Buch geschrieben, um aufzuzeigen, warum es so weit gekommen ist und was wir dagegen unternehmen müssen. Ich möchte, dass Sie verstehen, wie ernst die Situation heute ist und was passieren wird, wenn wir so weitermachen wie bisher. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ein realistischer Blick in die Zukunft nötig ist, wenn wir eine noch größere Katastrophe für die Menschheit abwenden wollen.
Die Aufgabe, die vor uns liegt, erfordert einen Kraftakt auf allen Seiten. Dies vor allem deshalb, weil wir viele unserer ureigensten Überzeugungen hinterfragen und aufgeben müssen. Wir müssen uns von der Weltsicht lösen, die sich auf den »gesunden Menschenverstand«1 beruft, und uns bewusst machen, dass es nicht mehr nur darum geht, den Klimawandel aufzuhalten, die Meere von Plastikmüll zu befreien und weiteres Artensterben zu verhindern. Es geht vielmehr darum, das ganze System der menschlichen Entwicklung, das über so viele Jahrhunderte so sorgfältig vorangebracht wurde, komplett zu überdenken. Das Wirtschaftssystem. Den Daseinszweck der Menschheit. Was wir unter Glück, Fortschritt und Freiheit verstehen. Diese Vorstellungen müssen sich radikal ändern. Falls die Menschheit ihre Umweltprobleme lösen und eine bessere Welt aufbauen will, muss sie nahezu alles hinterfragen, was ihr bisher normal erschienen ist.
Eine derartige Wende braucht seine Zeit. Viele Generationen. Diese Zeit haben wir aber nicht mehr. Wir müssen nicht nur unsere Vorstellung von »Fortschritt« neu definieren, sondern müssen von allem, was wir bisher aufgebaut haben, enorm viel niederreißen. Und das rasch. Tun wir das nicht, gibt es keine Chance mehr auf eine für das menschliche Leben sinnvolle Zukunft.
Eine Geschichte für die reiche Welt in vier Teilen
Im ersten Teil dieses Buches beschreibe ich das Problem. Ich erkläre, warum eine Wende nötig ist. Im zweiten Teil befasse ich mich damit, was geschieht, falls uns diese Wende nicht gelingt. Der dritte Teil geht darauf ein, welche Veränderungen konkret erforderlich sind. Der vierte und letzte Teil bietet einige Gedanken zum Aufbau neuer Fundamente, damit die Menschheit beim nächsten Mal besser scheitern kann.
Das Buch richtet sich hauptsächlich an die reiche Welt. Natürlich ist auch die arme Welt von den Umweltproblemen betroffen, oft sogar in verschärfter Form, aber es ist weitgehend die reiche Welt, die sie verursacht hat und die am besten in der Lage ist, sie zu lösen. Die arme Welt wird ebenfalls einen wesentlichen Beitrag leisten müssen, aber auf eine andere Art.
Das erste Drittel dieses Buches ist nicht gerade aufmunternd. Die Auseinandersetzung mit Klimaveränderungen ist deprimierend, besonders wenn einem klar wird, dass es noch schlimmer kommen wird, egal, was wir heute dagegen unternehmen. Das restliche Buch gleicht eher einer Achterbahnfahrt, mal geht es aufwärts, mal bergab. Manche Teile sind eher bedrückend. Andere Teile wiederum sind optimistisch.
Keine Frage: Die erforderliche Wende ist schwierig und kompliziert. Umso erfreulicher ist es, dass erstaunlich viele Menschen sie durchziehen möchten. Wenn diese Menschen dazu gebracht werden können, die Wende gemeinsam herbeizuführen, können wir es schaffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies tatsächlich passiert, ist momentan zwar noch gering, wird aber immer größer. Ich selbst sehe die Zukunft jetzt, nachdem ich dieses Buch geschrieben habe, mit größerem Optimismus als davor. Vielleicht empfinden auch Sie ein wenig mehr Zuversicht, wenn Sie es gelesen haben. Ich hoffe sehr, dass es Sie zum Handeln anregt, denn wir können jede Hilfe gebrauchen, die wir kriegen.
2018 ist in so mancher Hinsicht ein besonderes Jahr. Vor genau 50 Jahren wurde der Club of Rome gegründet, ging der erste Big Mac über den Tresen und protestierten Studenten in den Straßen von Paris.
Der Club of Rome und das Buch The Limits to Growth (Die Grenzen des Wachstums)2 mahnten schon damals Veränderungen an. Der Big Mac symbolisiert die ungesunde Lebensweise, die seit damals in unserer Gesellschaft Einzug gehalten hat. Die 68er-Bewegung erinnert uns daran, was manchmal nötig ist, damit sich das System verändert.
»Plutôt la vie!«, riefen die Studenten damals in Paris. »Lieber leben!«
Entscheiden wir uns doch alle lieber für das Leben.
Graeme Maxton
Zürich, August 2018
Für MuDrBuTR(DK)uXuAuXsCuSund Robin und Alexina
Mit aufrichtigem Dank an Herbert Lenz für seineUnterstützung und seine Anregungen sowie anKlaus Fabry in Zürich, ohne den dieses Buchnicht entstanden wäre.
Mein besonderer Dank gilt auch Ian Dunlop inAustralien, Nina Sattler-Hovdar in Österreichund Mike Jewell in Taiwan.
Teil 1
DAS PROBLEM
»Eine enorme Bastion aus Vorurteilen, Privilegien, Lügen, Missbrauch, Gewalt, Ungleichheit und Dunkelheit steht in dieser Welt, mit Türmen aus Hass. Sie muss fallen. Diese monströse Masse muss zerbröckeln.«
V ICTOR HUGO, LES MISÉRABLES (ADAPTIERT)
Ein Buch für gestern, heute und morgen
Es gibt nur wenige Bücher, die an Bedeutung gewinnen, je älter sie werden. Und nahezu keines hat Zukunftsszenarien entwickelt, die sich 50 Jahre später als richtig erweisen würden.
Diese Geschichte beginnt mit einem dieser wenigen Bücher.
Es wurde 1972 von einem wissenschaftlichen Team am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston veröffentlicht und befasste sich mit zukünftigen Wegen für die Menschheit. Um zu verstehen, wie die Zukunft aussehen könnte, wählte das Team fünf Langzeittrends zur Analyse aus: Bevölkerung, Nahrungsmittelproduktion, Industrieproduktion, Nutzung nicht erneuerbarer Ressourcen und Umweltverschmutzung. Ausgehend von einer Grundannahme, die das Team als »Standard Run« beziehungsweise Standardszenario bezeichnete, analysierte es die komplexen Wechselbeziehungen zwischen den Variablen, um ihre Folgen für die menschliche Entwicklung zu verstehen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in ihrem Buch Die Grenzen des Wachstums.

Die Grenzen des Wachstums – Standardszenario, Weltmodell »World 3«3
Die Grafik veranschaulicht das Standardszenario. Sie zeigt, wie sich die Menschheit entwickeln würde, wenn Bevölkerungswachstum, Nahrungsmittelproduktion, Industrieproduktion, Verschmutzung und Nutzung nicht erneuerbarer Ressourcen ihren jeweiligen Kurs unverändert beibehalten.
Das Ergebnis dieses Szenarios war erschütternd: Wenn wir nichts ändern, wird die menschliche Zivilisation zusammenbrechen, so das Fazit. Mit zunehmender Bevölkerung und Industrieproduktion würde die Verfügbarkeit nicht erneuerbarer Ressourcen sinken und der Verschmutzungsgrad der Umwelt steigen. Das ganze System würde aufgrund höherer Ressourcenkosten und größerer Verschmutzung instabil werden. Die Industrieproduktion würde dann sinken und die menschliche Bevölkerung schrumpfen.
Noch erschreckender war, dass in praktisch jedem untersuchten Szenario dasselbe geschah. Wenn das Team die Annahme zugrunde legte, dass natürliche Ressourcen unbegrenzt verfügbar und die Verschmutzung unter Kontrolle sei, kam es ebenfalls zum Kollaps. Diesmal war die Ursache die begrenzte Verfügbarkeit von landwirtschaftlichen Flächen. Die Nahrungsmittelproduktion würde nicht ausreichen, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Wurden dem Szenario unbegrenzte Ressourcen, kontrollierte Verschmutzung und doppelt so hohe landwirtschaftliche Produktivität zugrunde gelegt, brach das System ebenfalls zusammen. In diesem Fall lag es an der wachsenden Bevölkerung, welche die Industrieproduktion derart ansteigen ließ, dass die Verschmutzung nicht mehr kontrollierbar war. Wenn das Team das Modell mit nur sehr geringem Bevölkerungswachstum testete, kam es ebenfalls zum Kollaps. Es dauerte bloß ein paar Jahrzehnte länger. Im Szenario unbegrenzte Ressourcen, viel Recycling, doppelte Nahrungsmittelproduktion und minimales Bevölkerungswachstum brach das System ebenso zusammen. Die steigende Verschmutzung führte zu einer höheren Sterblichkeit und damit zu einer Krise. Auch bei konstanter Bevölkerung brach das System letztendlich zusammen.
Die einzigen Szenarien, die nicht zum Kollaps führten, waren jene, bei denen alle Faktoren stabilisiert wurden – Bevölkerung, Rohstoffnutzung und Industrieproduktion. Nur wenn diese annähernd auf dem Niveau der 1970er-Jahre gehalten wurden, blieb das System langfristig stabil. Aber auch in diesem Fall müsste man die Luftverschmutzung drastisch reduzieren, die Produkte für eine längere Nutzungsdauer konzipieren und die Nahrungsmittelproduktion reformieren.
In einer Zeit, als der Mensch gerade seinen ersten Schritt auf den Mond getan hatte und es so schien, als gäbe es keine Grenzen mehr für das, was der Mensch erreichen kann, warnte das Team am MIT vor einer drohenden Krise. Die menschliche Entwicklung würde zum Stillstand kommen, so ihre mahnenden Worte, falls wir uns wirtschaftlich und ökologisch nicht einbremsen. Die Grenzen der Nachhaltigkeit würden gesprengt werden. Das Team beschrieb auch, wie eng die Variablen zusammenhängen und dass komplexe Rückkopplungsprozesse, die oftmals erst mit Verzögerung greifen, nicht durch Technologie verändert werden können. Ein Mensch kann sich erst ab einem gewissen Alter fortpflanzen. Kapital und Bodennutzung können nicht einfach verlagert werden, um neue Bedürfnisse zu decken. Es dauert lange, bevor eine zunehmende Umweltverschmutzung messbare Folgen für die menschliche Gesundheit hat.
»Wer glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer begrenzten Welt unbegrenzt fortgesetzt werden kann, ist entweder verrückt oder Wirtschaftswissenschaftler. «
Kenneth Boulding, Wirtschaftswissenschaftler
Aus ihrem Modell ging auch hervor, dass ein Zusammenbruch nicht schnell eintreten würde, zumindest nicht schnell im Sinne eines durchschnittlichen menschlichen Lebens. Niemand würde eines Tages aufwachen und feststellen, dass die Wirtschaft des Landes über Nacht ins Chaos gestürzt wäre. Das System würde nicht in sechs Monaten und auch nicht in sechs Jahren zusammenbrechen. Der Prozess würde sich über Jahrzehnte hinziehen. Im Standardmodell trat der große Wendepunkt – an dem das Wachstum zum Stillstand kam und sich deutlich zurückzubilden begann – Mitte der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts ein, zwischen 2030 und 2040. Doch die Folgen des Zusammenbruchs würden bereits Jahrzehnte vorher und Jahrzehnte danach deutlich zu erkennen sein.
Denn große Umbrüche treten in der Geschichte der Menschheit nie plötzlich auf, auch wenn die Jahreszahlen der Geschichtsbücher vielleicht etwas anderes nahelegen. Es dauert lang, bis sich so viel Druck aufgebaut hat, dass Veränderungen als unausweichlich erkannt werden. Gesellschaftliche Entwicklungen schreiten langfristig voran, wirken sich oft erst mit Verzögerungen aus und sind komplexen Rückkopplungsprozessen unterworfen. Große Veränderungen können sich über Generationen hinziehen, mitunter auch länger, siehe einige der großen Wendepunkte in der Geschichte der Menschheit: Untergang des Römischen Reichs, Französische Revolution, Erster Weltkrieg, Zerfall der Sowjetunion. Die Stürme, die zu diesen historischen Umbrüchen führten, waren Jahrzehnte im Voraus bereits erkennbar, und ihre Folgen waren viele Jahrzehnte danach noch spürbar.
Warum ein Zusammenbruch so schwer zu erkennen ist
Das vergleichsweise langsame Tempo, in dem Veränderungen in komplexen Systemen stattfinden, macht es für die Betroffenen sehr schwer zu begreifen, was da passiert. Die Veränderungen scheinen so allmählich zu erfolgen, zumindest in Menschenleben gemessen, dass sie als normal empfunden und nicht erkannt werden. Und wenn diese Erkenntnis fehlt, lässt sich ein Zusammenbruch nur schwer aufhalten oder gar umkehren. Auch wenn letztlich doch ausreichend viele Menschen die Problematik erkennen, fällt es sogar diesen extrem schwer, die wahre Dimension der notwendigen Gegenmaßnahmen zu erfassen und zu verstehen, wie lange es dauert, bis ihre Handlungen tatsächlich etwas bewirken, und wie lange diese Handlungen durchgezogen werden müssen. Noch schwieriger ist es in der Regel, andere davon zu überzeugen, dass eine Veränderung notwendig ist. Denn die meisten Menschen denken kurzfristig. Ihnen fehlt das Wissen beziehungsweise die Erfahrung, um zu verstehen, welche Kräfte in komplexen Systemen langfristige Veränderungen bewirken.
Seit der Veröffentlichung vor 50 Jahren hat das wissenschaftliche Team die Daten rund um die Grenzen des Wachstums regelmäßig neu geprüft, so, wie auch viele anderen Experten. Manches musste berichtigt werden, aber im Wesentlichen haben sich die Zukunftsszenarien des Standardmodells als korrekt erwiesen. Bevölkerung, Ressourcennutzung, Industrieproduktion, Nahrungsmittel und Verschmutzung: Alle haben sich in den letzten 50 Jahren nahezu exakt so entwickelt wie in den Analysen des MIT-Teams vorhergesagt. Das Gros der Menschheit ist sich dessen zwar nicht bewusst, aber wir befinden uns mitten in einer schweren Krise, angetrieben von mächtigen, langfristigen sozialen und ökologischen Kräften, die extrem schwer zu verstehen und noch schwieriger zu kontrollieren sind.
Das sichtbarste Zeichen des beginnenden Zusammenbruchs ist der Klimawandel. Dieser ist bereits viel weiter fortgeschritten – und wesentlich weniger leicht reversibel –, als den meisten klar ist. Es gibt aber auch viele andere Anzeichen dafür, dass der Menschheit eine große Krise droht. Das Migrationsproblem zum Beispiel. Menschen verlassen aufgrund von wirtschaftlichen Strukturproblemen und den Auswirkungen des Klimawandels ihre Heimat. Das zunehmende Artensterben ist ein weiterer Indikator, ebenso die weitverbreitete Verschmutzung der Meere. Oder die steigende Anzahl bewaffneter Konflikte im Kampf um Bodenschätze. Der wachsende politische Extremismus und Populismus. Immer größere Ungleichheit.
Wie ich noch erklären werde, haben all diese Probleme dieselben Ursachen. Sie sind alle eine Folge davon, dass wir wirtschaftlich und ökologisch viel zu lang nicht vom Gaspedal gestiegen sind. Das sind keine Lämpchen, die am Dashboard rot aufleuchten, um uns zu warnen, dass wir mal halblang machen müssen. Sie sind vielmehr Anzeichen für ein System, das im Zerfall begriffen ist.
Dass jene Menschen, denen wir die Geschicke unserer Gesellschaft anvertraut haben, den Wissenschaftlern am MIT 1972 kein Gehör schenkten, ist jammerschade, geradezu fatal. Hätten sie auf sie gehört und gehandelt, wären wir vielleicht in der Lage gewesen, ein systemisches Problem zu verhindern, aus dem wir uns mittlerweile auf Jahrzehnte hinaus kaum werden befreien, egal, was wir tun. Hätte die Menschheit vor 50 Jahren das Entwicklungstempo deutlich gedrosselt, wäre ein jahrhundertelanger gedeihlicher Fortschritt machbar gewesen. Jetzt ist das nicht mehr möglich.
Für nachhaltige Entwicklung ist es zu spät
Da der Zusammenbruch bereits relativ weit fortgeschritten ist, lassen sich viele der gravierenden Folgen, die uns bevorstehen, mit keiner Maßnahme der Welt mehr verhindern. Das trifft ganz besonders auf den Klimawandel zu. Auch wenn die gesamte Welt morgen schon aufhören würde, Treibhausgase zu produzieren, würde die Temperatur auf der Erde unaufhörlich weiter steigen, und es würde Jahrhunderte dauern, bis die CO2-Konzentration in der Atmosphäre wieder auf ihr vorindustrielles Niveau gesunken wäre.
Statt den Zusammenbruch zu verhindern, wie dies 1972 noch möglich gewesen wäre, geht es heute darum – und das ist die große Herausforderung –, den Zusammenbruch in kontrollierbare Bahnen zu lenken und seine langfristigen Folgen zu reduzieren. Nichts davon geschieht. Die Menschheit steuert geradewegs und immer schneller auf eine noch viel schlimmere Krise zu, die ihr langfristiges Überleben ernsthaft infrage stellt.
Eine schwierigere Zukunft zu verhindern wird nicht einfach werden. Das Problem zu lösen ist jetzt so dringlich, dass wir es nicht mehr unseren Kindern und Enkeln überlassen können. Bis dahin wäre es nämlich schon zu spät. Ob die Menschheit auch nur in annähernd ähnlicher Form wie jetzt überleben kann, hängt davon ab, was wir in den nächsten 20 Jahren tun. Mehr Zeit bleibt uns nicht. Nur 20 Jahre haben wir noch Zeit, um die destruktiven Elemente unserer Wirtschaftssysteme abzubauen und darüber nachzudenken, wie wir eine beständigere Zivilisation aufbauen können.
Da die Menschheit so lange nicht erkannt hat, was wir mit der Erde anrichten, und da wir bereits so viel Zeit verloren haben, müssen wir weitaus radikalere Maßnahmen ergreifen, als den meisten lieb ist. Diese Veränderungen werden viel kosten und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der reichen Welt schmälern, zumindest für eine gewisse Zeit. Wenn wir jedoch zögern oder die nötige Wende nicht radikal vollziehen, werden wir einen noch höheren Preis zahlen, und die meisten heute lebenden Menschen wären einer trostlosen Zukunft ausgeliefert, die sie auch mit größter Anstrengung nicht mehr ändern können.
Das ist das Problem. Im zweiten Teil werde ich genau erklären, was geschieht, wenn wir nichts ändern.
Teil 2
WAS GESCHIEHT,
WENN SICH DIE MENSCHHEIT
NICHT ÄNDERT?
»Die Menschheit muss aufgerüttelt, gestoßen und grob behandelt werden, zum Wohle ihrer eigenen Erlösung. Die Wahrheit muss ihren Augen schmerzen, Licht muss in erschreckender Fülle auf sie geschleudert werden. Die Menschheit muss ihr Schicksal wie vom Blitz getroffen erkennen; diese Blendung erst wird sie wecken.«
VICTOR HUGO, LES MISÉRABLES (ADAPTIERT)
Ist da jemand?
Im Lauf der letzten 60 Jahre haben Hunderte von Autoren mit Büchern, Artikeln, wissenschaftlichen Aufsätzen und Dokumentarfilmen versucht zu erklären, wie ernst es um unsere Umwelt bestellt ist. Einige davon, etwa Rachel Carson mit Der stumme Frühling, der Club of Rome mit Die Grenzen des Wachstums und Al Gore mit Eine unbequeme Wahrheit haben eine Zeit lang für Aufmerksamkeit gesorgt. Aber ihre Botschaften kamen nicht an. Sie wurden nicht verstanden. Sonst hätte sich etwas geändert. Die Umweltprobleme haben sich seither weiter verschärft und sind jetzt so gravierend, dass uns nur mehr eine radikale Wende retten kann.
Es gibt viele Gründe, warum die Botschaften nicht verstanden wurden. Manchmal wurde die Botschaft ungeschickt vorgebracht, oder die Empfehlungen waren unklar und verwirrend. Oft ist es natürlich so, dass wir schlicht nichts ändern wollen, speziell wenn wir nicht wissen, was dabei herauskommt. Oder weil wir Angst haben, dass Veränderungen zu viel kosten und der Wirtschaft schaden würden. Oder weil wir glauben (wollen), das Problem wird durch die UN-Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung oder durch das Pariser Klimaabkommen gelöst. Es gibt viele Gründe, warum die Botschaften nicht verstanden wurden, und ich werde in diesem Buch auf diese Gründe eingehen.
Der Hauptgrund ist jedoch, dass den meisten Menschen nicht klar ist, wie langsam sich die negativen Rückkopplungsprozesse der Natur auswirken.
Die Menschheit hat im Lauf der Geschichte großteils positive Rückkopplungsprozesse erlebt – Aufwärtsspiralen des Fortschritts, bei denen stets eine positive Entwicklung zur nächsten führte. Großartige Erfindungen der Wissenschaft und Technik haben die Säuglingssterblichkeit reduziert. Die Fortschritte in der Medizin und in der Landwirtschaft haben die Lebenserwartungen immer weiter steigen lassen. Folglich ist die Bevölkerung immer weiter gewachsen und mit ihr die Wirtschaft. Das ist ein positiver Rückkopplungsprozess. Ein anderes Beispiel sind Investitionen von Unternehmen, durch die neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Dadurch haben mehr Menschen mehr Geld, das sie ausgeben können, was wiederum die Nachfrage ankurbelt. Der steigende Konsum lässt die Wirtschaft wachsen, und so werden weitere Investitionen getätigt und weitere Arbeitsplätze geschaffen.
Negative Rückkopplungsprozesse funktionieren genau andersherum. Beispiel: Wenn die Inflation zu hoch ist, sinken die Verbraucherausgaben. Arbeitsplätze gehen verloren, und die Wirtschaft gerät in eine Rezession. Es entwickelt sich eine Abwärtsspirale, ein negativer Rückkopplungsprozess.
Der moderne Mensch hat großteils sehr wenig Erfahrung mit negativen Rückkopplungsprozessen. Jahrhundertelang hatten die technischen und wirtschaftlichen Fortschritte der Menschheit nur geringe Auswirkungen auf die Umwelt. Wir haben uns zu immer höheren Entwicklungsstufen gegraben, gefischt, geschlachtet, gefällt, gesprengt und gebrannt, und dem Planeten Erde schien das nichts auszumachen. Nichts schien spürbar darunter zu leiden, außer ein paar Wale und Fische. Einige Flüsse und die Atmosphäre waren eine Zeit lang arg verschmutzt, erholten sich aber weitgehend wieder. Tiere, wie zum Beispiel der Dodo, verschwanden, aber ohne spürbare Folgen für die Menschheit. Wälder wurden abgeholzt, als Ersatz wurden andere aufgeforstet.
Da die Aktivitäten des Menschen innerhalb der Grenzen der Natur erfolgten, gingen wir davon aus, so ziemlich alles tun zu dürfen, was wir wollten. Das hat sich jetzt geändert. Die menschliche Bevölkerung ist in sehr kurzer Zeit so stark gewachsen, dass sich das Tempo und Ausmaß der Umweltzerstörung rasant beschleunigt hat. Der Schaden, der in den letzten 50 Jahren angerichtet wurde, ist viel größer als je zuvor.
Infolgedessen hat der Mensch einen sehr großen negativen Rückkopplungsprozess ausgelöst, und die Reaktion der Natur wird zusehends sichtbar. Am deutlichsten zeigt sich dies im Klimawandel, aber auch die steigende Versauerung der Meere und das zunehmende Artensterben sind eindeutige Zeichen. Gletscher und die Polkappen schmelzen, die Stürme werden heftiger und die Dürreperioden länger. Die Meeresspiegel steigen, und das immer schneller.
Das Problem ist deshalb so schwierig zu lösen, weil alles in einem derart großen Ausmaß geschieht, dass es für die meisten von uns schwer zu erfassen ist. Die ganze Erde verändert sich, aber die Reaktion der Natur ist aus menschlicher Sicht vergleichsweise langsam und daher für die meisten kaum erkennbar. Tatsächlich hat sich die Veränderung jedoch, erdgeschichtlich betrachtet, in Lichtgeschwindigkeit vollzogen. Für die Menschheit kann es allerdings eine Generation dauern, bis die vollen Auswirkungen für jeden unübersehbar sind. Dass sich die Veränderung so langsam bemerkbar macht, hat zur Folge, dass jegliche Gegenmaßnahme ebenfalls lange braucht, um spürbare Wirkung zu zeigen.
Aus all diesen Gründen, und noch mehr, fällt es den meisten von uns sehr schwer zu verstehen, was da passiert. Da die Veränderungen auf der Erde so schleichend vonstattengehen und die Folgen des Klimawandels das Vorstellungsvermögen der meisten übersteigt und ohnehin – so scheint es – erst in ferner Zukunft real werden, haben wir es versäumt, frühzeitig und rasch zu handeln.
Die Herausforderung liegt nicht darin, die Veränderungen aufzuhalten. Das ist gar nicht mehr möglich. Unsere Aufgabe ist es, den negativen Rückkopplungsprozess so weit in den Griff zu bekommen, dass er nicht außer Kontrolle gerät.
Um zu verstehen, warum das unsere Aufgabe ist, müssen wir erst die grundlegenden Fakten verstehen – was zurzeit passiert und was passieren wird, wenn wir nichts ändern. Es mag überraschen, aber tatsächlich ist es möglich, die Entwicklung der kommenden Jahrzehnte mit erstaunlicher Genauigkeit einzuschätzen.
Die Natur zieht nach
Infolge der industriellen Revolution und des Bevölkerungswachstums der letzten 200 Jahre hat die Menschheit immer größere Mengen an Treibhausgasen produziert. Als Treibhausgase werden sie deshalb bezeichnet, weil sie einen Teil der von der Sonne abgestrahlten Hitze aufnehmen und speichern, ähnlich wie ein Treibhaus. Statt aber Tomaten und Erdbeeren reifen zu lassen, erwärmt dieses Treibhaus die Erde.
Die für die Erderwärmung hauptverantwortlichen Gase sind Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Stickoxid (N2O). Zu den weiteren Treibhausgasen gehören die fluorierten Gase. Dabei handelt es sich oft um Ersatzsubstanzen für die ozonschädigenden Gase, aus deren Ausstieg sich die Staatengemeinschaft in den 1980er-Jahren geeinigt hat. Der Wasserdampfanteil in der Atmosphäre ist ebenfalls laufend gestiegen und wirkt sich dort wärmend aus. Diese Feuchtigkeitszunahme ist jedoch eine Folge des Klimawandels, nicht dessen Ursache. Da warme Luft mehr Wasserdampf speichert als kalte Luft, steigt die Verdunstung der Meere. Größere Mengen an Feuchtigkeit werden innerhalb kürzerer Zeit in die Luft abgegeben und kehren als Regen und Schnee wieder auf die Erde zurück. Der Wasserkreislauf wird beschleunigt, was dazu führt, dass feuchte Regionen noch feuchter werden, und trockene Gebiete noch mehr austrocknen. Wasserdampf verstärkt den Effekt der anderen Treibhausgase und – was noch gravierender ist – bleibt in der Luft gespeichert, bis die Oberflächentemperatur sinkt. Das wird noch Jahrhunderte dauern. Daher bleibt Wasserdampf auch dann, wenn wir keine Treibhausgase mehr produzieren, aufgrund seines eigenen Wärmeeffekts noch lange in der Atmosphäre erhalten.
Der Großteil des Kohlendioxids in der Atmosphäre kommt von den Meeren. CO2 wird aber auch produziert, wenn Tiere atmen, Pflanzen verrotten, Vulkane ausbrechen – und durch viele andere Vorgänge. Es gibt außerdem natürliche CO2-Quellen. Sobald das Gas in die Atmosphäre gelangt, wird es mittels Fotosynthese wieder von Pflanzen und Wäldern absorbiert, ebenso von den Meeren. Aber das dauert sehr lang.
Seit dem späten 18. Jahrhundert ist der CO2-Gehalt in der Atmosphäre um mehr als 45 Prozent gestiegen, nahezu ausschließlich durch menschliches Zutun. Vor der industriellen Revolution betrug die CO2-Konzentration in der Atmosphäre rund 280 ppm (parts per million, Teile pro Million). Das heißt, auf volumenmäßig eine Million Teile Luft kamen 280 Teile CO2. Heute beträgt der Anteil 410 ppm und steigt jährlich um zwei bis drei ppm weiter an.4 Die weitaus größte Ursache für diese Zunahme der CO2-Emissionen ist die Verbrennung von fossilen Brennstoffen – Kohle, Erdöl und Erdgas. Der Rest wird meist in der Landwirtschaft ausgestoßen, insbesondere durch Brandrodung und Abholzung, sowie in der Zementproduktion. Da mehr CO2 ausgestoßen wird, als die Natur absorbieren kann,5 baut sich der Überschuss in den Luftmassen über uns auf, speichert einen Teil der Hitze aus der Sonneneinstrahlung und verursacht so eine allmähliche Erwärmung der Erde.
Da CO2 nur extrem langsam wieder von der Natur absorbiert wird, bleibt der CO2-Überschuss jahrhundertelang in der Atmosphäre gespeichert. Das ist einer der Gründe, weshalb der Klimawandel auch dann ein Problem bleibt, wenn die Menschheit ab sofort kein CO2 mehr produzieren würde.
Das zweitwichtigste Treibhausgas nach CO2 ist Methan. Zwar reichert sich Methan in viel geringeren Konzentrationen in der Atmosphäre an und bleibt dort auch nur rund zehn Jahre gespeichert, seine Treibhauswirkung ist aber rund 30-fach höher als die von Kohlendioxid.
Seit 1750 ist die Methankonzentration in der Atmosphäre von rund 720 ppb (parts per billion, Teile pro Milliarde) auf rund 1.850 ppb6 gestiegen. Mit anderen Worten: Der Anteil von Methan in der Atmosphäre hat sich im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter um das 2,5-fache erhöht und ist so hoch wie zuletzt vor 800.000 Jahren.
Methan entsteht beim Zerfall von organischem Material und durch vulkanische Aktivität, wird aber auch durch menschliches Tun freigesetzt – aus Mülldeponien, von Nutzvieh beim Verdauen ihrer Nahrung und bei der Produktion von fossiler Energie. Menschengemachte Emissionen sind heute für rund zwei Drittel des Methans in der Atmosphäre verantwortlich.
Eine weitere Quelle ist seit 20147 bekannt. Sie resultiert aus der globalen Erwärmung – einem weiteren negativen Rückkopplungseffekt. Der Permafrost auf der sibirischen Halbinsel Jamal taut auf und setzt die seit zigtausend Jahren eingeschlossenen Gase frei. Dabei wird nicht nur Methan abgegeben, sondern auch CO2 in großen Mengen sowie tödliche Anthrax-Sporen, die seit Jahrtausenden im Boden eingefroren und inaktiv waren. Rentierherden und Teile der lokalen Bevölkerung wurden bereits angesteckt.
Das dritte Treibhausgas, Stickoxid (N2O, auch als Lachgas bekannt), wird in der Landwirtschaft und Industrie sowie bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt. Der Wärmeeffekt von Stickoxid beträgt das 300-fache von Kohlendioxid und bleibt rund hundert Jahre in der Atmosphäre gespeichert. Die Stickoxidkonzentration war rund 800.000 Jahre lang recht stabil bei rund 260 ppb. In den letzten hundert Jahren ist die Konzentration jedoch um mehr als ein Drittel gestiegen; sie beträgt heute rund 330 ppb.8
Wir haben so viel erreicht – wollen wir das wirklich alles zerstören?
Die heutigen Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre sind die höchsten seit vielen hunderttausend Jahren. Und sie nehmen auch immer schneller zu: Seit den 1970er-Jahren sind die menschengemachten CO2-Emissionen um 90 Prozent gestiegen.9 Der Großteil davon entfällt auf das Verbrennen fossiler Brennstoffe beim Heizen, Kühlen, zur Stromerzeugung, in der Industrie und im Verkehr. Die größten Verursacher sind derzeit China, USA, die EU und Indien. Historisch gesehen waren es in den letzten 150 Jahren jedoch vor allem die USA und Europa, insbesondere Großbritannien.
EMISSIONEN IM JAHR 2014
| Emissionen nach Arten von Gasen | |
| CO2, fossile Brennstoffe und industrielle Prozesse | 65 % |
| CO2, Forstwirtschaft und sonstige Bodennutzung | 11 % |
| Methan | 16 % |
| Stickoxid | 6 % |
| Fluorierte Gase | 2 % |
| Emissionen nach Wirtschaftssektoren | |
| Wärme- und Stromerzeugung | 25 % |
| Land- und Forstwirtschaft und sonstige Bodennutzung | 24 % |
| Gebäude | 6 % |
| Verkehr | 14 % |
| Industrie | 21 % |
| Sonstige Energie10 | 10 % |
| Emissionen nach Ländern11 | |
| China | 30 % |
| USA | 15 % |
| EU-28 | 9 % |
| Indien | 7 % |
| Russische Föderation | 5 % |
| Japan | 4 % |
| Andere Länder | 30 % |
| Quelle: IPCC12 |
EMISSIONEN 1850-2007
| Kumulative Emissionen nach Ländern | |
| USA | 29 % |
| China | 9 % |
| Russische Föderation | 8 % |
| Deutschland | 7 % |
| Großbritannien | 6 % |
| Japan | 4 % |
| Frankreich | 3 % |
| Indien | 2 % |
| Kanada | 2 % |
| Ukraine | 2 % |
| Andere Länder | 18 % |
| Historische Emissionen pro Kopf | |
| Luxemburg* | 1.429 Tonnen |
| Großbritannien | 1.127 Tonnen |
| USA | 1.126 Tonnen |
| Belgien | 1.026 Tonnen |
| Tschechische Republik | 1.006 Tonnen |
| Deutschland | 987 Tonnen |
| Estland | 877 Tonnen |
| Kanada | 780 Tonnen |
| Kasachstan | 682 Tonnen |
| Russische Föderation | 666 Tonnen |
| Quelle: World Resources Institute13 | |
| * Das hohe Emissionsniveau in Luxemburg ist großteils durch Verkehrsemissionen bedingt. Diese werden daran gemessen, wie viel Kraftstoff im Land verkauft wird, nicht, wie viel verbrannt wird. Luxemburg ist klein, und viele Autofahrer kaufen Kraftstoff auf der Durchfahrt. Dadurch werden die Emissionen pro Einwohner stark verzerrt. | |
Die Konzentration dieser Gase in der Atmosphäre wird weiter steigen, unabhängig davon, was wir jetzt unternehmen. Auch wenn die Menschheit ab sofort keine Emissionen mehr produzieren würde, würde weiterhin Stickoxid aus den in die Böden eingebrachten Düngemitteln, Methan aus den Mülldeponien und Kohlendioxid aus den abgeholzten Wäldern aufsteigen. Auch die klimatischen Auswirkungen der in den letzten Jahrzehnten ausgestoßenen Gase würden zunehmen, bedingt durch Verzögerungen im atmosphärischen System.
Bisher haben die zusätzlichen Gase zu einer Erwärmung der durchschnittlichen Oberflächentemperatur um rund 1 °C geführt – von durchschnittlich 14 °C im 20. Jahrhundert auf aktuell 15 °C, allerdings mit regionalen Unterschieden. In manchen Regionen ist der Anstieg sogar wesentlich höher. Außerdem hat sich das Tempo der Veränderung in den letzten 50 Jahren verdoppelt.
1 °C mehr klingt nach wenig, ist tatsächlich aber eine gewaltige Veränderung. Man stelle sich die Erde wie den menschlichen Körper vor – beide sehr fein abgestimmte biologische Mechanismen. Wenn die Temperatur unseres Körpers von 37 °C um 1 °C steigt, gilt das aus medizinischer Sicht als Fieber. Bei einem Anstieg um 2 °C auf dauerhaft 39 °C besteht Lebensgefahr.
Laut Empfehlung des International Panel on Climate Change (IPCC) sollte der Anstieg der Durchschnittstemperatur in Anbetracht der langfristigen Konsequenzen insgesamt unter 1,5 °C (im Vergleich zur vorindustriellen Zeit) bleiben. In wissenschaftlichen Kreisen ist man sich einig, dass der Anstieg weniger als 2 °C betragen muss. 2 °C würde unsere Erde klimatisch um zehn Millionen Jahre zurück versetzen. Das meiste Eis würde schmelzen. Wenn wir es zulassen, dass die Durchschnittstemperatur um 4 °C steigt – was der aktuellen Prognose für 2100 entspricht, sofern nichts geändert wird – kippt die Erde klimatisch in einen Zustand wie vor über 40 Millionen Jahren, in eine Zeit, als es keine Polkappen und Gletscher gab. Zu beachten ist dabei – und das ist wichtig zu verstehen –, dass dieser Schmelzprozess extrem langsam vonstattengehen wird. Es wird Jahrhunderte dauern. Wenn der Anstieg der Durchschnittstemperatur jedoch 4 °C erreicht, lässt sich der Prozess nicht mehr aufhalten.
So kommt es, dass aufgrund der Verzögerungen im System und der Tatsache, dass Treibhausgase auch dann weiter aufsteigen, wenn die Menschheit keine mehr produziert, es ab 2020 nicht mehr möglich ist, den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf unter 1,5 °C zu halten.14 Aufgrund der Verzögerungen im System werden wir die Auswirkungen dieser Temperaturzunahme allerdings erst Anfang oder Mitte der 2030er-Jahre vollends zu spüren bekommen. Zu diesem Zeitpunkt wird die Erde jedoch bereits einen der »Kipppunkte« erreicht haben – Schwellenwerte, bei denen das Ökosystem kippt –, vor denen uns das IPCC warnt.
Falls wir nicht radikal und rasch handeln, werden wir aber auch den Anstieg um 2 °C nicht mehr verhindern können, und das hätte noch viel gravierendere Folgen. Das wissen wir aufgrund von zwei Berechnungen:
Klimaexperten haben berechnet, dass bei einer Zunahme der CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf 450 ppm ein Anstieg um 2 °C unvermeidbar ist. 2018 betrug die Konzentration 410 ppm,15 und sie steigt jedes Jahr exponentiell um 2 bis 3 ppm. Wenn sich das fortsetzt, wäre der Schwellenwert von 450 ppm daher, einfacher Arithmetik zufolge, Mitte der 2030er-Jahre erreicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Durchschnittstemperatur Mitte der 2030er-Jahre um 2 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit gestiegen sein wird. Aufgrund von Verzögerungen wird dies nämlich erst 15 Jahre später der Fall sein. Aber das bedeutet, dass es ab Mitte der 2030er-Jahre nicht mehr möglich sein wird, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 2 °C zu verhindern.
Eine andere Möglichkeit zur Berechnung des Risikos betrifft den CO2-Gesamtausstoß. Zwischen 1850 und 2017 hat die Menschheit knapp über 2.14016 Gigatonnen CO2, also 2.140 Milliarden Tonnen, in die Atmosphäre abgegeben. Derzeit stoßen wir jährlich 37 Gigatonnen durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe aus und weitere sechs Gigatonnen aufgrund von Veränderungen in der Bodennutzung. Um eine Zunahme um 2 °C zu vermeiden, müssen wir laut Berechnungen der Wissenschaftler unser verbleibendes CO2-Budget auf einen Ausstoß unter 720 Gigatonnen beschränken. Ausgehend von der aktuellen Produktion bleiben uns also weniger als 20 Jahre. Auch hier kommen wir auf dieselbe kritische Jahreszahl wie bei der 2-Grad-Erwärmung: 2035 ist der Kipppunkt erreicht, ab dem die Entwicklung unaufhaltbar ist.
Auch dann bestünde laut dem IPCC aufgrund der Unsicherheiten hinsichtlich der komplexen Rückkopplungsprozesse nur eine 66-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass wir das 2-Grad-Ziel erreichen.17 Wenn die Menschheit bereit ist, eine Wahrscheinlichkeit von nur 50 Prozent in Kauf zu nehmen, haben wir etwas länger Zeit, nämlich bis 2043 (Stand 2018), sofern sich die derzeitigen Emissionsmengen nicht erhöhen. Wenn die Treibhausgasemissionen jedoch steigen, würde sich die Zeit verkürzen. Bis dahin zu warten wäre allerdings hochriskant. Es wäre ein Hasardspiel um die Zukunft der Menschheit. Oder würden Sie ein Flugzeug besteigen, wenn die Wahrscheinlichkeit, Ihr Ziel zu erreichen, nur 50 Prozent beträgt?
Fazit: Sofern wir den Ausstoß nicht drastisch reduzieren, wird die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre den kritischen Temperaturanstieg von 2 °C um das Jahr 2035 herum erreichen. Die Chance, unter 1,5 °C zu bleiben, so, wie das IPCC und das Pariser Klimaabkommen es empfehlen, haben wir praktisch bereits vertan.
Wie ein großflächiger Atomkrieg, nur anders
Der Anstieg um 2 °C ist deshalb so gefährlich, weil damit ein weiterer Kipppunkt überschritten und eine wesentlich schwerwiegendere Kettenreaktion ausgelöst wird. Der Westantarktische sowie der Großteil des Grönländischen Eisschilds werden verschwinden, ebenso wie das Eis der Arktis, obwohl auch das lange dauern wird. Eis reflektiert Hitze. Je kleiner die Eisdecke daher wird, desto mehr Sonnenenergie wird von der Erde absorbiert. Die Meeresspiegel, die aufgrund der thermischen (wärmebedingten) Ausdehnung der Wassermassen derzeit steigen,18 werden mit dem Schmelzen der Eismassen noch viel mehr steigen. Auch die riesigen Permafrostdecken Sibiriens und Kanadas werden rascher auftauen, und dabei gewaltige Mengen an bisher eingeschlossenem Methan und CO2 freisetzen. Die Regenwälder werden zunehmend vertrocknen und sterben, wodurch noch mehr CO2 in die Atmosphäre gelangt. Sobald die 2-Grad-Schwelle erreicht ist, wird sich die Erwärmung daher immer weiter beschleunigen und zum Ende des Jahrhunderts knapp 4 °C betragen, und danach noch mehr (→ siehe Grafik »Die Oberflächentemperatur der Erde erwärmt sich immer schneller« auf Seite 36). Man befürchtet des Weiteren, dass die großen Meeresströmungen, bekannt als die thermohaline Zirkulation, zusammenbrechen und dadurch noch größere Temperaturveränderungen verursachen könnten.
Diese Veränderungen sind so groß, dass es für die Menschheit nahezu unmöglich sein wird, auch nur annähernd so weiterzuleben wie jetzt. Gemäß der Weltbank19 hätte der bis 2100 zu erwartende Temperaturanstieg sogar bei Einhaltung des Pariser Abkommens aufgrund der klimabedingten Migration enorme Folgen, und sei, in den Worten von Professor Kevin Anderson vom Tyndall Center for Climate Change Research, »mit einer organisierten globalen Gemeinschaft nicht vereinbar«.20 Hans Joachim Schellnhuber21 vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hält es für schwierig, dass unter solchen Bedingungen eine Bevölkerung von mehr als einer Milliarde Menschen überleben kann. Das entspricht der Vernichtung von 90 Prozent des menschlichen Lebens. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass kaum 500 Millionen überleben könnten, mit der Begründung, dass dieser Temperaturanstieg »jenseits der Anpassungsfähigkeit« sei.22 Dabei berücksichtigen diese Prognosen noch gar nicht die Konsequenzen aus den Konflikten, die sich aus dem Überlebenskampf der Menschen ergeben werden – wenn sie um Zugang zu Wasser, Nahrung und Obdach angesichts steigender Meeresspiegel und anhaltender Dürre kämpfen.
Auch in den optimistischsten Prognosen des IPCC muss die Menschheit, um den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf unter 2 °C zu halten, einen Großteil der bisherigen CO2-Emissionen in die Atmosphäre abbauen. Dafür wäre ein großflächiger Einsatz von Maßnahmen zur CO2-Abscheidung und -Speicherung erforderlich – eine Technologie, die unter dem Akronym CCS (Carbon Capture and Storage) bekannt ist. Die IEA (Internationale Energieagentur) geht davon aus, dass 2050 weltweit 3.400 CCS-Anlagen dazu nötig sein werden.23 Diese müssten mehrere jahrzehntelang unter Volllast laufen, um die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf ein sicheres Niveau zu verringern. Die Technologie steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Sie ist außerdem teuer, und keiner weiß aktuell, wer sie bezahlen wird und wie das abgeschiedene Gas so gespeichert werden kann, dass es nie wieder in die Atmosphäre gelangt.
Eine alternative Möglichkeit besteht darin, das überschüssige CO2 organisch zu speichern, indem man etwa jede Menge Bäume pflanzt. Das Problem ist dabei nicht nur die schiere Anzahl der Bäume, die angepflanzt werden müssten (die USA allein bräuchten 500 Milliarden24 Bäume, um ihre CO2-Emissionen auszugleichen), und wie lange diese wachsen müssten, sondern die Tatsache, dass auch diese Bäume bloß eine vorübergehende Speicherung ermöglichen. Bäume leben meist jahrzehnte-, manchmal auch jahrhundertelang, bevor sie sterben und ihr CO2 ausscheiden. Die Menschheit braucht jedoch einen CO2-Speicher, der für immer hält. Ein weiteres Problem besteht darin, dass der Klimawandel für viele Bäume Stress bedeutet, etwa für jene in tropischen Regenwäldern oder für den alten afrikanischen Affenbrotbaum (Baobab), und ihr Leben verkürzt. Außerdem lösen Bäume weder die Probleme der Versauerung der Meere noch befreien sie die Atmosphäre von anderen Treibhausgasen. Sie sind bestenfalls eine temporäre Lösung, und auch das nur für Teile des Problems.
Sofern in den nächsten 20 Jahren keine radikale Wende stattfindet, werden die Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts um knapp einen Meter und in den folgenden Jahrhunderten um bis zu 70 Meter steigen. Ein Anstieg um nur einen Meter hat gravierende Konsequenzen für große Teile von Bangladesch, das chinesische Perlflussdelta, Jakarta, New York, Miami, London, die Niederlande, Shanghai und viele andere Gebiete. Zigmillionen von Menschen würden aus ihrer Heimat vertrieben werden. Ich vermute, dass einige von Ihnen spätestens an diesem Punkt schockiert sind und sich fragen, wie die Zukunft so düster aussehen kann, wo doch so viel Geld in die Lösung des Problems gepumpt wird? Wie kann es so schlimm sein, wenn so viel erneuerbare Energie entwickelt wird, so viele Elektrofahrzeuge gebaut werden und international so viel unternommen wird, um den Problemen zu begegnen?

Die Oberflächentemperatur der Erde steigt immer schneller.25
Fakt ist, dass alle diese Bemühungen bislang so gut wie nichts gebracht haben, und vor allem keine auch nur annähernd ausreichende Wende in den nächsten 20 Jahren bringen werden. Trotz der Investitionen in erneuerbare Energien sind die Treibhausgasemissionen so hoch wie noch nie und steigen weiter. In den Meeren schwimmt immer mehr Plastik, und immer mehr Arten sterben. Und obwohl so viel Geld in erneuerbare Energien investiert worden ist, erzeugt die Menschheit weiterhin mehr als 80 Prozent ihres Stroms aus Kohle, Öl und Gas. Geht man von den aktuellen und geplanten Investitionen aus, wird Energie auch nach 2030 noch großteils aus diesen Rohstoffen produziert werden.
Elektrofahrzeuge verschärfen das Problem sogar vielerorts, da sie die Mengen an CO2-Emissionen entgegen landläufigen Erwartungen erhöhen. In China, wo Strom hauptsächlich aus Kohle gewonnen wird, und auch in weiten Teilen Europas, vergrößern Elektrofahrzeuge daher den CO2-Fußabdruck.
Auch die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung sind fehlgeleitet und widersprüchlich. Die 17 Ziele (Goals) und 169 Zielvorgaben (Targets) fördern weiteres Wirtschaftswachstum und industrielle Entwicklung und forcieren die Anschauung, dass sich die Weltsicht der Menschheit nicht grundlegend verändern muss. Sie zielen darauf ab, mittels Wirtschaftswachstum Armut und Hunger zu beenden, und verlangen gleichzeitig, das Leben auf der Erde zu schützen. Beides zugleich geht aber nicht. Die nachhaltigen Ziele sind zwar an sich ein löblicher Schritt, gehen aber noch nicht in die richtige Richtung. Auch das Pariser Klimaabkommen wird eine Klimakatastrophe nicht abwenden, nicht einmal dann, wenn sich jedes Land an seine zugesagten Emissionsgrenzen halten würde. Die globale Durchschnittstemperatur würde bis zum Ende des Jahrhunderts dennoch um 3 °C steigen.
Ohne radikales Umdenken zieht eine Katastrophe auf, und zwar unweigerlich. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wird eine Generation eine klare Vorstellung davon haben, was ihre Kinder erwartet: unkontrollierbarer Klimawandel und Konflikte.
Die fossile Energiewirtschaft wiegelt ab
Ein weiterer Grund dafür, dass die Situation so verkannt wird, liegt in den unzähligen Debatten darüber, in welchem Zeitrahmen die Emissionen reduziert werden müssen, um das Erreichen der 2-Grad-Grenze zu verhindern. Manchen Klimaexperten zufolge sollte die Reduzierung mindestens neun Prozent jährlich betragen. Da Emissionen und Energie zurzeit so eng mit der Größe der Wirtschaft korrelieren – sie steigen und sinken gemeinsam –, müsste theoretisch das BIP jährlich um rund neun Prozent reduziert werden, außer wenn schmutzige Industriesektoren durch saubere Alternativen in annähernd gleichen Mengen ersetzt werden können.
Dass Wirtschaftsleistung und Energieverbrauch parallel reduziert werden müssten, liegt daran, dass es bisher nicht gelungen ist, die beiden voneinander zu entkoppeln. Eine Zeit lang schien dies zwar machbar, in jüngster Vergangenheit ist jedoch weltwirtschaftlich sogar eine noch stärkere Kopplung eingetreten. Die erhöhte Energieproduktion in China und Indien hat dazu geführt, dass die Treibhausgasemissionen noch stärker steigen als das Wirtschaftswachstum. Wenn keine Entkopplung erfolgt, müssen die Emissionen durch eine ausreichend starke Reduzierung des Energieverbrauchs gesenkt werden, was die Wirtschaftsleistung (das BIP) – auf jeden Fall kurzfristig – reduzieren würde.
Andere Klimaexperten halten weniger radikale Einschnitte für ausreichend, sofern ein linearer Übergang mit dem Ziel einer CO2-freien Welt bis 2050 so rasch wie möglich beginnt. Das hieße, dass die jetzigen Emissionen in den nächsten zehn Jahren um ein Drittel, in den darauffolgenden zehn Jahren um ein weiteres Drittel und in den 2040er-Jahren um das letzte Drittel reduziert werden müssten. Anders ausgedrückt: Die Treibhausgasemissionen müssten Jahr für Jahr um drei Prozent beziehungsweise um 1,25 Gigatonnen gesenkt werden. Auch hier wäre dann allerdings eine jährliche Senkung des BIPs in der Größenordnung von drei Prozent erforderlich, auf jeden Fall in der ersten Zeit.
Andere Ziele, insbesondere jene, die von vielen Regierungen gesetzt werden, sowie von der Energiebranche, sind viel schwammiger und weniger ambitioniert. Sie versprechen lediglich, und ohne weiter ins Detail zu gehen, im Jahr 2050 CO2-frei oder gar nur »CO2-neutral« zu sein – wohl in der Hoffnung, weiterhin fossile Energie erzeugen und diese irgendwie kompensieren zu können.
Nur wenige scheinen zu begreifen, wie gefährlich derart vage Prognosen sind. Wenn die Menschheit bis 2030 weiter Treibhausgase in den aktuellen Mengen ausstößt, steuert sie geradewegs auf den Kipppunkt zu, ab dem der unkontrollierbare Klimawandel beginnt. In Zahlen: Wenn die CO2-Emissionen auf dem Niveau von 2017 bleiben – 43 Gigatonnen pro Jahr – und nicht weiter steigen, reicht das CO2-Budget im Jahr 2030 gerade noch für vier weitere Jahre. Wir hätten also bloß vier Jahre Zeit, um die Emissionen auf null zu reduzieren und dem unkontrollierbaren Klimawandel zu entgehen.
Je länger wir warten, desto heftiger wäre die Umstellung, und desto teurer käme sie uns zu stehen, in Form von Arbeitsplatzverlusten, »Stranded Assets«26 und sozialen Unruhen. Wenn die Staatengemeinschaft die Problematik jedoch bis 2020 (allerspätestens) ernsthaft in Angriff nimmt und die Emissionen um 1,25 Gigatonnen pro Jahr reduziert,27 kann die Dauer der Umstellung auf bis zu 30 Jahre verteilt werden. Kommt sie erst 2025 ernsthaft in die Gänge, müssen die Emissionen viel stärker reduziert werden – um 1,7 Gigatonnen pro Jahr (40 Prozent mehr) – um das Ziel zu erreichen.
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