Читать книгу: «Ein Tag wird kommen»

Шрифт:

Die italienische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel Un giorno verrà bei Bompiani editore in Mailand.

Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Dieses Buch konnte dank einer Förderung des italienischen Außenministeriums übersetzt werden.

E-Book-Ausgabe 2020

© 2019 Giunti Editore S. p. A. / Bompiani, Firenze – Milano

www.giunti.it / www.bompiani.it

© 2020 für die deutsche Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin www.wagenbach.de Umschlaggestaltung Julie August unter Verwendung des Gemäldes »Wolf« von Mark Adlington © Bridgeman Images.

Alle Rechte vorbehalten

Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN: 9783803142832

Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3325 0

www.wagenbach.de

Prolog

Mach die Augen zu

In Moll, für meinen Gebrauch

Ich habe deine Stimme im Garten vernommen und hatte Angst

Und doch ist unsere Vorstellung nur Vorstellung von Liebe

Niemand wird dich mehr wegbringen

Er, ja, er wird böse zu dir sein

Wüstes Gestrüpp umzingelt die Stadt, auf Stufen voller Blut verfolgt der Mond

Das erste Wunder

Wer sitzt im Schlachtenhimmel?

Sed belli graviores esse curas

Ein Tag wird kommen

Du hast den Abgrund vergessen

Der letzte Ceresa von Serra de’ Conti

Epilog

Anmerkungen der Autorin

Prolog

Sie nannten ihn den Krumenbub, weil er der Sohn des Bäckers und weil er schwach war, er hatte keine Kruste, an der Luft gelassen, hätte er Schimmel angesetzt, nicht einmal für die Brotsuppe hätte er getaugt, nicht einmal als Hühnerfutter.

Er stand aufrecht mitten in dem Wald, der die Mauern des Ortes umgab, ein dunkler Wald, wo Cane sich versteckte, wenn der Regen Blitz und Donner mit sich führte, ein kleiner Wald, klein wie sie, die sie Nadeln im Heuhaufen waren.

Die Bäume reckten ihre Blätter in den Wind, glutheiße Luft stieg von den Feldern auf, das Ende des Sommers klebte einem am Leib. Nicola, das war sein Name, zitterte und schwitzte, Angst troff ihm von der Stirn.

Hier zählten die Menschen nicht, hier herrschte die Erde, denn die Erde blieb, während die Menschen fortgingen, und einer wie er, geboren inmitten der Felder mit weichen, zarten und blassen Armen, war zu überhaupt nichts nutze.

Sicher fühlte Nicola sich nur in dem Schatten, den die Dinge hinter sich warfen, leicht fiel ihm nur, sich in abgelegene Winkel zu verziehen, unters Bett zu kriechen, sich in hohlen Baumstämmen zu verstecken.

Als Nicola das Gewehr auf seinen Bruder Lupo richtete, dachte er, er müsse ein Versprechen einlösen.

Lupo und sein Rabenblick, reglos wie eine Gewissheit, waren eine Herausforderung für seinen Willen. Niemals würde er nachgeben und sich rühren.

Nicola schaute den großen Bruder an und sah alles, was Lupo gewesen war und was er nicht mehr sein würde, er sah sein Leben fortlaufen, ein Rinnsal Süßwasser, er sah den Jungen mit dem Tiernamen, den Gotteslästerer, den Rebellen.

Bevor Nicola schoss und damit die Vögel im Unterholz des Waldes aufscheuchte, sagte er: Entschuldige.

Mach nicht so ein Gesicht, das ist nichts anderes, als ein Kaninchen zu töten, entgegnete Lupo.

Der Große Krieg war auch bis hierher in diese Hügel gekommen, über die Schlossmauern, vorbei an den Wachtürmen, durch die Tore, an den Rebstöcken und den Olivenbäumen entlang, hatte Getreide und Seidenraupen eingesackt, hatte die Jungen in Uniformen gesteckt, die Frauen zum Arbeiten geschickt, nur Kinder, Gebrechliche, Priester und Nonnen waren noch da, um Serra de’ Conti zu bewachen, die Wasser des Misa, die Schotterstraße, die zum Friedhof führte, seine Felder, die seit den Zeiten des Kirchenstaats keiner von ihnen je besessen hatte.

Ein Ort der Habenichtse, der Halbpächter, der Schuster und Tagelöhner und all derer, die mittlerweile in den Krieg gezogen waren.

Nicola hatte noch nie ein Kaninchen getötet, trotzdem schoss er.

Mach die Augen zu

Luigi Ceresa war einer der Bäcker des Orts, und seine Familie war vom Unglück verfolgt, es hieß, die Raben äßen mit ihnen am Tisch. Eins nach dem anderen starben ihm die Kinder, Söhne und Töchter, weg wie Schmetterlinge am Abend. Er versuchte sie alle zusammenzuhalten in seinem Haus mit den wenigen Zimmern über dem Laden, der auf die Piazza des Ortes mit dem Gasthaus und der öffentlichen Waage ging und in dem sich früher die vielen Feldarbeiter und die wenigen Einwohner des Orts mit Brotlaiben und Gebäck versorgt hatten.

Diese Bäckerei hatte früher seinem Onkel Raffaele gehört und noch früher seinem Großvater Carlo, wohingegen sein Vater Giuseppe sich fern davon gehalten hatte, keiner hatte je herausgefunden, wieso er hinkte, aber alle wussten, dass die Polizei ständig nach ihm suchte, und es hieß, dass ihm Kohlen lieber wären als Brot.

Luigi hatte die Bäckerei geerbt ohne allzu große Begeisterung, das alltägliche Geplauder oder der morgendliche Gruß lagen ihm nicht, vielmehr war er berühmt für seine gekräuselten buschigen Brauen, seinen von Luft und Wein geblähten Bauch und sein Mardergesicht. Er hatte jedoch die richtigen Hände, um den Teig zu kneten, große Handflächen und fester Griff, er wendete den Teig, als wäre er aus Wolken, und vor dem Schlafengehen hustete er Mehl, er hatte es im Leib.

Seit Onkel Raffaele nicht mehr da war, half ihm nur sein Sohn Antonio im Laden, und die Bäckerei schien von Tag zu Tag näher am Ruin, es fehlte an Arbeit, und die Leute wurden immer rabiater.

Luigi war grob und rau wie die Kruste seines Brotes, hart wie Roggen, unverdaulich für viele, für die vielen, die er nicht liebte.

An erster Stelle diejenige, die am wenigsten Liebe abbekam, Violante, seine Frau, die gelernt hatte, in der Dunkelheit und für Geburten zu leben wie eine Zuchtstute, die man allein auf einem Feld angebunden hält; seit sie fast nichts mehr sah, war Kochen für sie eine Angelegenheit von Geruch und Geschmack geworden.

Sie schnitt sich in die Finger, stieß gegen Kanten, vergaß, die Fenster zu öffnen, ließ Gefäße, Hocker, Töpfe fallen, schürte schon erloschene Feuer, aber es fiel ihr schwer, die Kinder um Hilfe zu bitten, auch weil sie, seitdem die Älteste fortgegangen und Adelaide ebenfalls krank geworden war, angefangen hatte, sie alle zu hassen.

Am lästigsten war ihr Nicola, ein stilles, fast durchsichtiges Kind, nie hörte sie ihn kommen, sie merkte nicht, wenn er im Raum war, wie ein Gespenst konnte er erscheinen und verschwinden.

Hätte sie ihn sehen können, hätte Violante vielleicht verstanden, hätte sie diese feinen blonden Haare von der Farbe einer trockenen Ähre argwöhnisch betrachtet, diese grauen Augen wie der Boden einer Metallwanne und diese sehr weiße, glänzende Haut, hätte verstanden, dass hier nichts passte, fehl am Platz war wie Blumen in einem Stall.

Doch seit Nicola da war, sah sie fast oder gar nichts, und man hatte ihr diesen Schatten als den ihres Kindes gezeigt, eines von den vielen, die bei der Geburt durch Krankheiten oder sonstiges Unglück gestorben waren, doch bei diesem hatte man ihr gesagt, es sei gesund, und seit dem Tag war er ihr recht.

Auch wenn er ihr nicht wirklich gesund vorkam und unfähig war zu den einfachsten Verrichtungen, unnütz im Haus, unnütz im Laden, hatte man entdeckt, dass er komische Dinge lernte wie Buchstaben oder Worte.

Nicola erschrak vor allem, vom Pferdegetrappel bis zu den Knallfröschen im Karneval, von den Absätzen der wohlhabenden Damen bis zu den Händen des Vaters, bei der geringsten Kleinigkeit ergriff er die Flucht.

Für Luigi war es ein Kreuz, einen unnützen Sohn zu haben, mit einem Monat war er ihm so glatt und sauber, so perfekt erschienen, auf die Welt gekommen, um wunderschön und verehrungswürdig zu sein, der kleine König der einfachen Leute, aber mit der Zeit hatte sich herausgestellt, dass er linkisch und lächerlich war, ständig schlapp von der Hitze, immerzu auf der Suche nach Schatten, und nur mit Papier, den Heften und Büchern aus der Schule spielte, die Don Agostino ihm lieh.

Wegen dieser Neigungen waren Violante und Luigi zu der Überzeugung gelangt, dass es das Beste für ihn wäre, wenn er selbst Priester würde.

Violante, die Fromme der Familie, sah für Nicola die Möglichkeit vor sich, behütet und gebildet, der Heilige von Serra zu werden, der schönste Heilige, den man in den Marken je gesehen hatte, einer von denen, die als Erwachsene Wunder tun würden.

Luigi, der aus Familientradition nie ein besonderer Freund der Geistlichen gewesen war, sah darin einen Weg, ihn – nach dem Fehler, ihn überhaupt behalten zu haben – wieder loszuwerden, ihm den Umgang mit seinesgleichen zu ermöglichen, mit denen, die keine Hosen anzogen, um zur Arbeit zu gehen, sondern Soutanen, um zu beten und im Verborgenen zu bleiben.

Don Agostino, der dem Jungen anscheinend helfen wollte, da er ihn für einen Unverstandenen hielt, hatte sich bereit erklärt, ihn im Lauf der Jahre zum Glauben zu führen.

Ich würde ihn gern in meine Herde aufnehmen, hatte er eines Tages im Haus der Ceresa gesagt, während Violante ihm mit unsicherer Hand Wasser in ein Glas zu gießen versuchte und es dabei auf dem Küchentisch verschüttete. Es lief auf den Boden und auf die Sandalen des Priesters.

Ich mache das selbst, Signora Ceresa, keine Sorge, sagte Don Agostino und hielt ihre Hand fest.

Einige Zeit später, an einem Sonntagmorgen, wachte der Pfarrer mit dem Hahnenschrei um fünf auf, schob das Laken beiseite und erhob sich vom Bett, wusch sich das Gesicht, zog die Soutane an, schlüpfte in die Sandalen, immer dieselben, das ganze Jahr hindurch, kämmte mit den Fingern die vor allem an den Schläfen noch blonden Haare, betrachtete sich kurz im Glas eines Bildes, das die Jungfrau Maria darstellte, und ging aus dem Zimmer, um ein Stück Brot zu essen und eine Tasse Kaffee zu trinken.

Don Agostino war dickköpfig, aus jeder Kleinigkeit machte er eine große Angelegenheit, eine fixe Idee. Was in diesen Tagen die Stunden seines Schlafes auf drei verkürzt hatte, war die Sache mit dem Weihrauch.

Der Priester öffnete den Opferstock, ein paar wenige Münzen lagen dort auf dem Boden.

An wessen Großzügigkeit würde er heute appellieren, an die der Schuhmacher, die im Paradies die Schuhe des Herrn besohlen würden, an die der Wirte, die mit dem gesparten Wein goldene Tropfen vom Himmelszelt regnen lassen würden, oder an die der Kuhhirten, die mit ihrer Mistgabel alle Teufel vertreiben würden? Geld war immer weniger da, vom Weihrauch brauchte man immer mehr.

Don Agostino hatte blaue Augen und war großgewachsen, sein Schatten war lang wie der einer Pappel, und seine Finger waren sauber, das allein genügte, um ihn von ihnen zu unterscheiden: diese Hände der feinen Leute.

Der Priester hatte sich langsam bekreuzigt und Vergib ihr gesagt, als Signora Tabarrini, die Frau eines der vielen Schuster im Ort, am Sonntag zuvor am Ende der Messe die Stimme erhoben hatte.

Hier duftet es mehr als im Palast eines Königs, hatte sie auf der Schwelle gerufen. Dies ist eine Kirche.

Mit dem Zeigefinger hatte sie auf Christus gedeutet, in diesem derben Dialekt, den verstehen zu müssen er hasste.

Wie hätte Don Agostino ihr erklären sollen, dass der Gestank der Stuten von Anacleto, seit er zu den ersten zwei noch drei weitere hinzugenommen hatte, bis in die Kirche drang, bis zur Heiligkeit des Kreuzes, sodass die Luft, während sie Amen sagten, nach Kot und Tod roch und er nie und nimmer den Herrn hätte lobpreisen können, wenn es wirkte, als ob sie alle inmitten von Würmern und blanken Knochen hinabfahren würden?

Er verstand diese Menschen nicht, auch nicht nach all den Jahren, seitdem er mit seinem Sack voller Soutanen und Kreuze aus Como gekommen war, um ihnen zu verkünden, er wolle sie von den Schmerzen der Erde erlösen und zu den Freuden des Himmels erheben.

Während er sich über die geringen finanziellen Mittel grämte und ihn der Gedanke an den Weihrauch nicht losließ, trat er durch den Hintereingang in die Kirche, um alles für die Messe vorzubereiten.

Er wankte, denn sofort überfiel ihn der Gestank nach Mist, aber diesmal war er durchdringend, aggressiv, er stach in die Nase wie frisch verzehrter Peperoncino, dann das Geräusch von Kauen, Beißen und Lecken und das Klappern von Holzschuhen im Kirchenschiff, dann deutlich das Gemecker einer Gruppe Schafe vor dem Altar.

Der Priester bekreuzigte sich, küsste die imaginären Lippen Christi, bat ihn um Verzeihung für diese Sünde, denn gewiss war dies nichts anderes als die Sünde eines Sünders, und lehnte sich an die Steinmauern, dieselben Mauern, die ihn die Jahre hindurch in ihren Armen gehalten hatten wie eine Mutter ihren Säugling, wie Kinder ihre alten Eltern.

Die Kirche war voller Schafe, die ihre Notdurft zwischen den Bänken verrichtet, Vorhänge und Gemälde besudelt, die kleinen Bibeln angeknabbert hatten, die Don Agostino sorgsam auf den Bänken auslegte.

Wer den Priester auf der Suche nach Hilfe durch die Gassen von Serra eilen sah, erblickte einen fiebrigen Menschen, einen verwundeten Hirsch, mit dem flackernden Blick eines Verrückten, der schreiend eine Katastrophe verkündet.

Die Schafe aus der Kirche zu treiben war mühsam, es verlangte den Einsatz von drei Männern, die ihr Gelächter mit Worten des Bedauerns unterdrückten.

Die Messe begann mit Verspätung, Weihrauch wurde keiner verbrannt, der Boden wurde oberflächlich gereinigt, die Frauen des Orts saßen mit dem Taschentuch vor dem Mund in ihren Bänken.

Don Agostino las die Messe, er hielt die Luft an und verfluchte den Schuldigen zwischen zusammengepressten Lippen, denn es konnte nur er gewesen sein, der Priester hatte sofort begriffen, dass ihm noch jemand zugehört hatte, als er Nicola eine Zukunft prophezeite.

Und doch machte er sich nicht auf die Suche nach dem Urheber der Untat.

Niemand wird Ninì dem Priester geben, sagte Lupo, als er sich am Abend an den Tisch setzte, ein boshaftes Lächeln im Gesicht.

Violante und Luigi blieben stumm, der Junge brachte sie in Verlegenheit, er ließ sie im Erdboden versinken, er war zu allem fähig.

Nicola rührte in der Suppe herum und starrte den Bruder an, als ob er zum ersten Mal eine Sternschnuppe sähe.

* * *

Lupo glaubte an Märchen, aber nur an die der Leute, nie an die der Priester, nie an die von Gott. Er musste sie mit seinen eigenen Augen sehen, die Märchen, sie aufspüren, auf die Jagd nach ihnen gehen, Schritt für Schritt. Deshalb waren Himmelsdinge nichts für ihn, weil er Gott nie ins Gesicht schauen und ihm sagen konnte: Da bist du.

Auf dem Grunde dessen, was die Leute sich erzählten, lag die Wahrheit, da war er sich sicher, sein Großvater Giuseppe sagte es immer wieder: vielleicht nur so groß wie eine Nuss, eine winzige, nutzlose Wahrheit. Zu der allerdings musste man vordringen, um das Märchen zu verstehen.

An dem Tag, als die Wolken über Serra kreisten, machte sich Lupo, das eigenwillige Kind mit der dunklen Haut und den dunklen Augen, auf und stieg zwischen Pappeln und Brombeersträuchern gegen den Flusslauf des Misa hinauf in Richtung Apennin.

Er ging am Ufer entlang, überwand Strudel, kämpfte sich durch das dichte Schilf, rastete unter Weiden, betrachtete die knochigen Hüften des Flusses, seine stillen Gumpen, seine Stromschnellen, seine dunkelsten Ecken, in denen man einen Schatz hätte verbergen können.

Wenn er Zeit gehabt hätte, wäre er alle Flussläufe der Marken in entgegengesetzter Richtung abgegangen, aber Lupo hatte keine Zeit, er musste arbeiten, solche wie er taugten nicht für die Schule, es blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als im Laden zu stehen, Arbeiten zu suchen, für die man kleine Hände und Füße brauchte, bei denen man auf Bäume kletterte, in Gräben hinunterstieg, einfache Aufgaben, wie Tiere hüten, melken, Säcke schleppen, Brotlaibe in der Bäckerei aufreihen.

Und er musste Geld verdienen, um Nicola in die Schule schicken zu können.

Diese wenige Zeit wollte Lupo dem Misa widmen, seinem Fluss, der ihm im Sommer Wasser spendete, wenn der Himmel das vergaß.

Wenn er einen Schatz gefunden hätte, hätte sich ihr Leben für immer verändert.

Denn so hieß es in den Märchen: Die Seeräuber, die Türken, diejenigen, die jenseits des Meeres hausten, hinter Senigallia, hinter dem Hafen, an einem unbekannten, aber nahen Ort der Welt, so nah, dass sie einen überfallen konnten, die waren, als sie in die Marken kamen, die Flussläufe hinaufgezogen, Flüsse wie den Misa, die wie die Zinken eines Kamms vom Apennin her zum Meer hinabströmten. Die Seeräuber, Freibeuter, Banditen, Missetäter nahmen diese Flüsse in Angriff, gegen den Strom und die Strudel rudernd, um die richtige Flussbiegung zu finden, wo sie ihre kostbaren Schätze verstecken und vergraben konnten, die sie sich eines Tages wiederholen würden.

Mit den Jahren hatten sie sie vergessen, hatte Antonio zu ihm gesagt, der große Bruder, der bald fortgehen würde, denn bei den Ceresa schien nie einer Kind genug, um dazubleiben, er hatte ihm erklärt, dass die Flüsse jetzt bei der Hitze austrockneten, und wenn das geschah, kamen die Schätze aus der Erde zum Vorschein und kehrten zurück zu den Menschen.

All die Golddukaten, der Schmuck und die Edelsteine der Königinnen, die die Seeräuber höchstwahrscheinlich den Adeligen an der Küste geraubt und dann hier vergessen hatten, konnten ihre werden, Eigentum der Leute von Serra, wenn sie nach einem Tag des Dreschens und des Garbenbindens von den Feldern an den Misa gingen, um sich das Gesicht zu waschen, und in ihren Händen plötzlich eine Perlenkette finden würden.

Für Lupo musste man die Märchen wie alle Dinge zwischen die Zähne nehmen, denn nur wenn man hineinbeißt, spürt man den Geschmack einer Frucht, eines Stücks Fleisch, eines Erdklumpens, nur dann kann man herausfinden, ob sie süß sind wie Marmelade oder bitter wie Radicchio, ob man sie behält oder wegwirft.

Aber Schätze fand Lupo an diesem Tag keine. Für ihn führte der Misa Wasser des Nil, segnete Dörfer und Ortschaften, von der Hitze verschluckte Böden und nicht länger fruchtbare Felder, aber in Wirklichkeit war er nichts weiter als ein kleiner vertrocknender Wildbach mit nur einem einzigen Zufluss, der sich nach etwa dreißig Kilometern erschöpft ins Adriatische Meer ergoss. Er ging ihn hinauf mit seinem verantwortungslosen Dickschädel und mit der Geduld eines Schäfers, in Richtung San Donnino, und verlor dabei einen ganzen Arbeitstag.

Als er Füße und Gesicht zwischen die Aale ins Wasser tauchte, bereit, mit leeren Händen und mit dem Vorsatz nach Hause zu kommen, noch vor dem Abend zu Antonio zu gehen und sich mit ihm zu prügeln, auch wenn er dem Bruder nur bis zum Ellbogen reichte, da hörte er ein Geräusch von Scharren auf der Erde. Immer noch im Wasser ging er zu der kleinen Bucht, die er beim Vorübergehen vor Langeweile und Hitze nicht bemerkt hatte.

Schätze machen keine Geräusche, sagte er sich finster.

Er war wütend, wie nur Lügen ihn wütend machen konnten, er warf einen Stein in Richtung des Geräuschs und hörte ein Winseln.

Er blieb ein paar Sekunden still stehen, um sich über seine Gedanken klar zu werden, bevor er zu der Bucht lief. Denn er war neugierig, aber nicht leichtsinnig.

Da sah er, während der Misa weiter in Richtung Meer floss, ohne Schätze mit sich zu führen, einen grauen Wolf, ein Welpe noch, der sich an einer Pfote verletzt hatte und nun mit der Verzweiflung hungriger Hunde versuchte, die Böschung hinaufzuklettern.

Wölfe wie er, Bergwölfe, kamen nie ins Tal, weil die Bauern Angst vor ihnen hatten und Jagd auf sie machten, um ihr Vieh zu schützen. Die Wölfe waren ihre Hexen, ihre Seeräuber, ihre Quallen. Die Leute sagten, die Wölfe seien Unglücksbringer, Dornen in den Fingern.

Lupo, der Junge, stellte sich vor das Tier und sah es an, und eine Weile lang tat er nur das, er sah das Tier an, wie es fliehen wollte und nicht konnte.

Der kleine junge Wolf, graues Raubtier aus den Bergen, mit weißen Backen und von der Sonne rötlichen Haarbüscheln auf dem Rücken, knurrte, tief aus der Kehle, bis er sich an dieses Kind mit den schmutzigen Hosen und dem frechen Gesicht gewöhnt hatte, dann hörte er auf.

Sie musterten sich ein Weilchen, Lupo tat einen Schritt, der andere knurrte wieder. Lupo wartete, bis der andere aufhörte, dann hob ihr Tanz wieder an.

Schritt. Knurren. Pause.

Schritt. Knurren. Pause.

Schritt. Knurren. Pause.

Schritt. Knurren. Der Junge stürzte sich auf ihn.

Er betrachtete die Wunde, vielleicht ein Biss, vielleicht eine Falle, der Wolf hatte keine so großen Pfoten, als dass er ihm hätte wehtun können, und der Junge wusste, dass er ihm die Schnauze zuhalten konnte, wenn das Tier versuchen sollte, ihn zu beißen. Lupo fragte sich, wo seine Mutter war, ob er auch eine blinde Mutter hatte, die ihn nicht bei sich behalten konnte.

Hör auf, jetzt bring ich dich weg, sagte er zu ihm.

Das Tier verstand nicht, es fühlte, wie es hochgehoben und von diesem kleinen Menschen ohne Gewehr auf die Schulter genommen wurde.

Auf diese Weise, verletzt und über die Schulter gelegt, brachte Lupo den Feind nach Serra auf seinen Hügel, und so hatte er Cane kennengelernt.

* * *

Aus was bist du gemacht, hä? Aus Wasser und Salz?

Luigi packte Nicola am Handgelenk und hob ihn hoch wie einen Sack Sägemehl, wie einen im Keller hängenden Schinken, schüttelte ihn nach allen Seiten, die Beine des Jungen strampelten kraftlos im Leeren, baumelten, als wären sie falsch angeklebt.

Zu was taugst du, darf man das erfahren? Jedes Mal, wenn ich heimkomme, bist du hier, jedes Mal, wenn ich fortgehe, bist du hier, jedes Mal, wenn ich esse, bist du hier, jedes Mal, wenn ich scheiße, bist du hier …

Luigi schleuderte Nicola in den hintersten Winkel der Küche, zwischen die Stühle, während Adelaide, die kranke Schwester, im Schlafzimmer hustete und Violante, die Hände im Schoß, an die Wand gelehnt dasaß und brummte, ein Gebet auf den Lippen und den Kopf vom Trauerschleier bedeckt.

Sie hatten Antonio vor einer Woche beerdigt: Man hatte versehentlich auf ihn geschossen, als er vom Jahrmarkt heimkam, die Sonne war schon untergegangen, und er wollte nur einen Apfel von einem Baum stehlen, der Bauer hatte ihn niedergestreckt, wie man es mit verrückten Pferden macht.

Ich schufte den ganzen Tag, und du fängst schon an zu flennen, sobald du die Mühe nur auf dich zukommen siehst.

Luigi versetzte ihm mit der Fußspitze einen Tritt in die Rippen. Nicola machte seinen Körper klein wie eine Nuss. Ohne etwas zu sagen, nahm er den Tritt mit zusammengebissenen Zähnen hin.

Wir haben dir geholfen, dadurch bist du so geworden. Nur Königskinder sind so unnütz wie du, wenn die Leute arbeiten müssen, haben sie keine Zeit zum Angsthaben, sie müssen was tun, sonst verhungern sie. Du bist krank im Kopf, wie solche, die immerzu schlafen und weinen.

Und nachdem er ihm mit dem Finger fest gegen die Schläfe gedrückt hatte, fast als ob er ihm den Schädel öffnen wollte, packte Luigi Nicola an den Beinen und schleifte ihn in die Mitte des Raums, denn er war eine kraftlose, träge Masse, man konnte ihn in den Fluss oder eine Schlucht werfen.

Steh jetzt auf, du verfluchter Junge. Wenn ich nicht gewesen wäre …

Der Bäcker packte ihn bei den blonden Haaren und zog ihn hoch wie eine Puppe, wie die alte Puppe von Nella, der verschwundenen Tochter, wie die Puppen, die Violante nähte, als sie noch sehen konnte, und mit denen sie ihm das Laufen beigebracht hatte.

Luigi war vor einer Stunde nach Haus gekommen, in der Nacht hatte eine Eule im Kamin des Backofens ihr Nest gebaut, der Laden hatte sich mit Rauch gefüllt, die Wohnung auch. Um ihn zu vertreiben, hatte der Mann die Brotschaufel, mit der er das Brot in den Ofen schob, zerbrochen, die Brotschaufel, die einst dem Onkel und dem Großvater gehört hatte. Violante hatte Zeter und Mordio geschrien, die Kunden waren davongelaufen, als sie die Schläge gegen die Kaminwände hörten, die wie Donner widerhallten, und der Bäcker hatte nach seinen Kindern gerufen, um sich von ihnen helfen zu lassen, aber keiner von ihnen hatte geantwortet.

Er hatte Antonio gerufen, aber Antonio war nicht gekommen.

Den einzigen tüchtigen Sohn, der ihm geblieben war, hatte man ihm umgebracht.

Wie eine Furie war er die Steintreppe zu seinem Haus hinaufgestürzt, er wusste, dass Lupo mit Cane auf den Feldern war, dieses vermaledeite Vieh, das von seinem Atem zu leben schien und ihn nie allein ließ, das Vieh, das Unglück brachte, ausgerechnet in seine Familie war es gekommen, wo es seit eh und je so viel Unheil gab, dass es für die gesamten Marken gereicht hätte.

Der Bäcker sah nur Nicola vor sich, der vor einem aufgeschlagenen Heft beim Fenster Schreiben übte und nicht einmal inmitten des pechschwarzen Qualms einen Finger gerührt hatte.

Raus hier jetzt, lauf nach Montecarotto und hol den Schmied, ich muss die Schaufel reparieren.

Luigi stieß Nicola zur Tür und dann die Treppe hinunter, das Kind rollte hinab und hielt sich an den Seiten fest, um sich nicht das Genick zu brechen.

Du musst rennen, schrie der Vater von oben, wenn du zu spät kommst, verbrenn ich all deinen Papierkram.

Nicola, dessen Körper schmerzte, dessen Kopf vor Panik benommen, dessen Mund trocken war, rannte los, angetrieben von der bloßen Angst.

Doch sein Fleisch war von Geburt an schwach, seine Gedanken waren feige herangewachsen, und jeder seiner Schritte war ein Sturz. Keiner wusste, warum, aber es lag nicht in Nicolas Natur, wie alle anderen in der Welt zu sein.

Dieser Lauf unterhalb des Klosters entlang, dann die Treppe zum Wald hinauf zur Straße nach Montecarotto erschöpfte ihn, raubte ihm alle Energie.

Zitternd und außer Atem lief er den Abhang an den Mauern hinunter.

Es war Mittag, die Stunde ohne Schatten und ohne sichere Verstecke.

Für die Leute auf den Feldern war dieser Moment heilig und durfte nicht entweiht werden, seit jeher zeigten sich da in der brütenden Hitze, die vom Getreide aufstieg, die Götter des Feldes, erhoben sich im Dunst der sengenden Sonne die Erntegeister, verwandelten sich Felsen in Elfen, Sträucher in Nymphen, und die Gebete um eine gute Ernte strömten in Scharen zu Tal.

Über der Erde, über Serra und Montecarotto, über dem Hügelauf und Hügelab stand im Zenit diese Sonne, die nach Nicola griff, kaum dass er das kleine Tal erreicht hatte.

Seine blasse Haut rötete sich, sein Schädel begann zu brummen, Bremsen, Bremsen, Bremsen, alles stach und tat weh, eine so kurze Strecke, die jeder andere ohne Weiteres zurücklegte wie einen kleinen Spaziergang, für Nicola war sie ein Kreuzweg.

Jede Nacht vor dem Einschlafen hoffte er, beim Aufwachen zu sein wie die anderen, verändert, geheilt durch irgendeinen Sternenzauber, hoffte, stundenlang im Licht ausharren zu können, reglos und erhaben wie eine Eiche, all die Wärme aufnehmen zu können, die von oben und unten kam, hoffte, kilometerweit laufen und fliehen zu können, ans Meer zu gelangen, Schiffe und Möwen zu sehen, die Menschen auf dem Sand und auf den Felsen.

Aber es gelang ihm nicht. Er konnte nicht arbeiten. Er taugte zu nichts.

Seine Schuhe schienen voller Kies, seine Kleider schwer, als ob er den Wintermantel anhätte, es würgte ihn in der Kehle wie an dem Tag, als man ihm gesagt hatte: Man hat deinen Bruder erschossen. Er hatte gemeint, es handle sich um Lupo, und hatte sich vor Qual in die Hose gemacht.

Die Stellen am Körper, auf die Luigi eingeschlagen hatte, begannen ihren Schmerz herauszuschreien, der weiße Weg hinauf nach Montecarotto war für ihn der Aufstieg auf den Gran Sasso, war dieses ganze unerreichbare Italien, das er nicht kannte, das er nie sehen würde, nur schreiben konnte: I T A L I E N, in Großbuchstaben, mit zu viel Abstand zwischen den Lettern.

Ich bin krank, mit mir stimmt etwas nicht.

Nicola machte noch ein paar Schritte, rang nach Luft, er spürte, wie er von der Sonne Fieber bekam, dann brach er zusammen.

Er dachte an das Wort Hundstagshitze, er hatte es Lupo erklärt, gleich nachdem er es gelernt hatte, so wie er es mit jedem Wort machte, das er las oder hörte.

Wenn die Sonne über das Sternbild des Hundssterns hinausgeht und man auf den Feldern Gott und der Hitze einen Hund zum Opfer bringt, damit die Felder nicht verdorren.

Was sind Sternbilder?, hatte Lupo da gefragt.

Die Bilder, die die Sterne nachts am Himmel zeichnen, hatte der Bruder geantwortet.

Und während seine Augen sich schlossen und er sich dem Gedanken überließ, nicht zu wissen, ob und wie er sich von dort je wieder erheben würde, sah er sie kommen. Drei schwarz gekleidete Männer mit schwarzen Schleifen um den Hals, die in der Mittagshitze auf ihn zukamen. Die drei Männer hoben ihn auf und legten ihn in den Schatten eines Olivenbaums.

Ob er sie nur geträumt hatte wegen der Mittagshitze, die einen Dinge sehen lässt, die nicht da sind, aber den Schlüssel zum Übergang ins Reich der Toten und der Ungeborenen besitzt, das sollte Nicola nie erfahren.

Als er viele Jahre später seinen Fuß jenseits des Ozeans an Land setzte, sollte er wieder an diesen Moment denken, an die Hundstagshitze und an damals, als er das Meer noch nicht kannte und meinte, alles sei unmöglich.

* * *

Mir ist heiß, sagt Lupo.

Ich hab gesagt, mir ist heiß, Ninì, wiederholt Lupo.

Ich bleibe hier, antwortet Nicola.

Geh in dein Bett, sagt Lupo.

Es ist weit weg, antwortet Nicola.

Es ist dort drüben, zwei Schritt entfernt, sagt Lupo.

Es ist weit weg, wiederholt Nicola.

Und wie soll ich so schlafen?, fragt Lupo.

Mach die Augen zu, antwortet Nicola.

Du klebst an mir dran, sagt Lupo.

Mach die Augen zu, wiederholt Nicola.

Da schließt Lupo die Augen.

* * *

Es war das Jahr 1897: Lupo wurde an der Schwelle zum neuen Jahrhundert geboren, in jenem Jahr, in dem Errico Malatesta in Ancona von der Polizei gejagt wurde, während er für L’Agitazione schrieb, jenem Jahr, in dem die Bauern in Latium das Land besetzten und die Reisarbeiterinnen rebellierten, um einen höheren Lohn zu bekommen, und in Rom sogar die Kaufleute gegen die Regierung auf die Straße gingen, aber das konnte Lupo nicht wissen und sollte es lange Zeit auch nicht wissen. Ihm, der wie alle anderen zum Arbeiten geboren war, war es nicht gegeben, zu erkennen, wie die große Geschichte sich bewegte, wie die Völker und Menschen herumgewirbelt wurden, wie die Ideale in sich zusammenfielen und wohin die Hoffnungen sich verzupften, er sollte seine Augen auf sein eigenes Unheil gerichtet halten und die Macht der Entscheidungen anderen überlassen.

Als er auf die Welt kam, war Lupo ein weiteres weinendes, nacktes und schmutziges Kind, und als Stalin in Ancona in einem Hotel arbeitete, war Lupo zehn Jahre alt und sah mit seinen schwarzen Augen den Vater an, dem er alle erdenklichen Schmerzen wünschte.

Lupo wäre gern in die Schule gegangen, auch wenn er die Priester und ihre Regeln hasste, auch die wohlmeinenden und sanften, und er antwortete mit üblen Streichen.

Das hatte er gleich von Anfang an gelernt, ein Gesetz, das er immer im Herzen tragen würde: Auf das, was du nicht als richtig empfindest, auf das, was die anderen dir antun, sollst du nicht mit Worten reagieren, daher hatte es Lupo allen immer mit Taten heimgezahlt, Luigi eingeschlossen.

Deshalb warf Lupo mit zehn alles, was er im Haus fand, auf den Boden, während Luigi ihm nachlief und versuchte ihn einzufangen, aber das Kind glitt ihm aus den Fingern wie Seide, und Cane knurrte.

Luigi bewegte sich in einer Hölle aus zerbrochenen Tellern, abgerissenen Gardinen, umgeworfenen Betten – unter den brunnentiefen Augen des Jungen, der den Teufel im Leib zu haben schien, der biss, spuckte und die Zähne fletschte, scheinbar alles verschlingen konnte, vom Obst bis zu Rinderhälften.

Fass bloß Nicola nicht an, schrie Lupo. Die Bücher bezahle ich, die gehören dir nicht.

Denn das war die Abmachung zwischen ihnen: Nicola würde die Schule bis zur fünften Klasse besuchen können, wenn Lupo es bezahlte, und so hatte er das Nötige beiseitegelegt, Soldo für Soldo, hatte sich jeden Gedanken an die kleinste Vergnügung versagt, um das Geld dem Bruder zu geben.

Als Nicola ihm zum ersten Mal ein auf ein Blatt geschriebenes A zeigte, hatte er begriffen, dass jede Sache, die sie lernten, für Luigi ein Schlag ins Gesicht war, dass jedes Wort, das Lupo dazulernte, ein Hieb gegen seine Knie war, dass jeder geschriebene Satz ihm neue Sätze und immer weitere Sätze erschloss und dass ihr Dorf und ihre Felder, ihr Dialekt demgegenüber zu einem Taubenschiss wurden.

Nicola musste für alle beide lernen und jede Nacht zu ihm kommen und ihm sagen, was er gelernt hatte, es mit ihm üben, ihn wiederholen lassen und ihm erklären, zwar würden die Hände und die Tatsachen für Lupo immer mehr zählen, aber um richtig handeln zu können, musste man die Dinge richtig verstehen.

Seit Lupo auf der Welt war, hatte Luigi ihn nicht bremsen können, er überrumpelte und beherrschte ihn wie der schlimmste Schrecken; seit er laufen konnte, war ihm nicht beizukommen, er verbrachte ganze Tage im Wald, er gehörte einem Menschenschlag an, dem der Bäcker nichts entgegenzusetzen hatte. Ohnmächtig wie gegenüber einer Naturkatastrophe sah Luigi zu, wie er das Haus verwüstete.

Während Lupo eine Wanne umwarf und schrie, dass ihre Kinder eins nach dem anderen sterben und nur er und Nicola ihnen bleiben würden, dazu bestimmt, wie eine einzige Person zu überleben, betete Violante, dass das nächste Erdbeben sie alle miteinander verschlingen möge, mitsamt ihrem Haus und dem Ort, um dieses Leben, das sie nicht zu führen verstanden, auszulöschen.

Von den Prophezeiungen des Jungen an der Gurgel gepackt, warf Luigi sich unters Bett und holte das Gewehr hervor.

Unterdessen lag Adelaide da und hustete, ihre schmale Mädchenbrust hob sich in unregelmäßigem Rhythmus, jeder Atemzug war das Geräusch der Krankheit. Wenn sie Luft bekam, rief sie nach Antonio, aber Antonio war nicht mehr da.

Der Bäcker sagte: Jetzt erschieß ich dich, und richtete das Gewehr auf den Jungen.

Der antwortete ihm: Dazu hast du nicht den Mut.

Luigi, der wie alle jemanden gewollt hätte, dem er seinen Beruf beibringen, sein Geschäft übergeben konnte, das er nicht mehr ertrug, jemanden, dem er seine Zukunft anvertrauen konnte, während diese wie Moos in der Sonne verschrumpelte, dachte an die grünen Augen Antonios und ließ wütend das Gewehr sinken.

Der Junge hatte recht, er hatte nicht den Mut.

Geschlagen blickte er auf seine Hände und schüttelte den Kopf, während Cane ihn aus seinen gelben Hyänenaugen ansah, bereit, ihn in die Kehle zu beißen, dort, wo die Halsschlagader das Blut in den Kopf leitet.

Ich gehe mit der Brigade von Gaspare nach Senigallia, sagte Lupo und betrachtete ihn dabei vom hinteren Ende dieses Horts ihrer Streitereien und Bosheiten aus. Und verließ das Haus.

Auf dem Land war es üblich, dass sich einige Kinder, gewöhnlich nur wenige, Brigaden anschlossen, das waren Gruppen, bestehend nur aus Männern, die mit Wein, Käse und ein paar Instrumenten in die Küstenstädte zogen und dort den Sonntag verbrachten.

Gaspare Garelli war erwachsen, er war siebzehn, aber Lupo hielt sich immer an die, die größer waren als er, und die verschmähten seine Gesellschaft nicht: In der Tat war er aufgeweckt, ein guter Arbeiter, zu jedem Spaß aufgelegt, aber auch schlagfertig, wenn er angegangen wurde, und er stand ihnen in nichts nach, wenn es galt, irgendwelchen Unsinn zu machen.

Bevor er ging, verabschiedete sich Lupo von Nicola, der mit seinem vom Gebrauch völlig zerfledderten Heft auf den Treppenstufen saß.

Er wird dich nicht mehr schlagen, keine Angst, sagte er und strich ihm über den Kopf. Ich treffe Gaspare und komme heute Abend zurück, setzte er hinzu.

Kann ich in deinem Bett schlafen?, fragte Nicola und hob das schmale Gesicht vom Heft.

Schlaf, wo du willst.

Lupo sah ihn an, dann setzte er den Hut auf und lief in Richtung der Straße zum Friedhof. Cane kam die Treppe herunter und folgte ihm.

Noch angeschlagen setzte Nicola sich mühsam auf den Stufen zurecht und fing wieder an zu lesen.

Singend und ein paar Tanzschritte vollführend verließ die Brigade der Männer das Dorf, alles Nötige zum Bocciaspielen unter dem Arm. Lupo ging neben Gaspare.

Was hat Ernesto?, fragte er ihn und zeigte auf den Mann, der ihnen finster in einem gewissen Abstand folgte, sogar Cane, gewöhnlich der Letzte in der Reihe, lief ihm voraus. Lupo wollte nicht wissen, was er an diesem Tag hatte, sondern was ihn im Allgemeinen bedrückte, denn jedes Mal, wenn er ihn vor sich gehabt hatte, war er noch verschlossener und stiller, noch schlechter gelaunt und hoffnungsloser gewesen.

Er hat sich nicht mehr erholt, seit Amisia ihn abgewiesen hat, scheinbar sollten sie sich verloben, aber Ernesto hat sich letztes Jahr beim Karneval unmöglich aufgeführt, er kam in einem alten Anzug, zerschlissen und nur notdürftig hergerichtet mit Ruß und Wasser, Amisia kam ganz in Weiß, und beim Tanzen hat er sie schmutzig gemacht, er hat das gute Kleid ruiniert, das sie eben gekauft hatte, ganz Serra hat sich über die beiden lustig gemacht, erklärte Gaspare amüsiert.

Und wenn ich ihr ein neues Kleid kaufe?, fragte Lupo und sah sich nach Ernesto um, der langsam und mühevoll voranschritt wie an einem steil ansteigenden Berghang.

Und woher nimmst du das Geld, hm? Jetzt gibt es nicht so viel Arbeit, bis September ist nichts in Sicht. Wir sind keine Leute, die sich zu jedem Festtag neue Kleider leisten können, geschweige denn für andere, sagte Gaspare.

Wer kann sie sich denn leisten?, fragte Lupo herausfordernd.

Die, die alles haben, diejenigen, die die Felder besitzen, die die Häuser besitzen, erklärte Gaspare.

Wer ist das?, drang Lupo weiter in ihn.

Die Padroni. Das Feld meines Vaters ist schließlich nicht seins, du weißt doch, wie das funktioniert, oder nicht?

Vielleicht, antwortete Lupo und sah sich nach dem Hut von Ernesto um, der mit jeder Bewegung seines leeren Kopfes hin und her schwankte.

Hier hat früher alles den Pfaffen gehört, bevor Italien kam, doch jetzt gehört es den Freunden der Pfaffen, jetzt ist da nur der König, der dir den Kopf abschneiden lässt, sobald du ihn erhebst. Das sind Leute, die sich, wenn sie wollen, auch deine Seele kaufen und sie weiterverkaufen, weil es nämlich eine reine Seele ist.

Lächelnd berührte Gaspare ihn an der Schulter.

Und wie bringt man den König um?, fragte Lupo und blieb mitten auf der staubigen Straße stehen.

Wie meinst du das? Gaspare sah ihn verwundert und verständnislos an, mit der Vermutung, dass er Fragen stellte, die er sich längst selbst beantworten konnte.

Wie wird man ihn deiner Meinung nach los?

Das endet dann wie beim Papst, wenn der eine geht, kommt ein anderer und dann noch ein anderer. Die gehen nie weg, sie wechseln nur das Aussehen. Es gibt keinen Ausweg.

Das ist nicht wahr! Sie haben schon einen König getötet, Umberto I. Das hat mir neulich Tomassini erzählt, in der Schänke, er hat gesagt, vor sieben Jahren hat ihn einer erschossen, der hieß Gaetano. Irgendwer kann das mit jedem König machen, der daherkommt, erklärte Lupo überzeugt.

Gaspare schwieg, mit ein paar Trompetenstößen zog die Brigade dahin. Petri kletterte auf einen Baum, um eine Handvoll Kirschen zu holen, die er verschenkte, auch wenn es in Wahrheit nicht seine waren. Jemand erzählte vom Ruzzola, das sie beim letzten Ausflug gespielt hatten, als Paoletto mit seiner hölzernen Ruzzola-Scheibe beinah die Statue der Vorsehung getroffen hätte. Die anderen lachten.

In Moll, für meinen Gebrauch

Zaris Haar war mit Perlen übersät und ihre Kleider papageienbunt, sie lief in der zeriba herum, dem großen Garten hinter ihrem Haus, dem einzigen Steinhaus im Dorf, denn sie waren die Kinder des Dorfoberhaupts, und das Dorfoberhaupt konnte nicht auf Lehm und Stroh schlafen.

Während sie schrie wie ein dem Käfig entkommenes Vögelchen, kniff sie ihren Bruder in den Schenkel und warf ihn dann zu Boden, lachend hüpfte sie zwischen den noch unreifen Kürbissen herum. Das war ihr Lieblingsspiel: in den Garten laufen und sich hinter dem dicken Bauch ihrer Kuh mit den sehr langen Hörnern verstecken.

Ihr Bruder sagte, sie sei grausam, gemein, sie habe keine Liebe im Leib, aber er war zu klein, um die Worte zu verstehen, die er benutzte.

Zari hatte Hufgetrappel gehört und zu den Nuba-Bergen hinaufgeschaut, für immer würde sie sie so in Erinnerung behalten, kurz vor der Regenzeit, mit ihren Inseln von einem so grellen Grün, dass es in den Augen schmerzte, mit den kleinen, wasserlosen Lichtungen, mit den schmalen, holprigen Pfaden, die nicht einmal für das Vieh gut waren.

Das Hufgetrappel war nun näher, und es kam von unten, aus dem Teil der Welt, von dem sie nichts wissen wollten. Zari hatte ihrem Bruder zugerufen, er solle ihre Dienerin holen, doch die war nicht da, auch ihre Mutter war nicht da, sie hatte im Vorübergehen nur die kleine Flamme im Fenster hinterlassen.

Jeden Abend vor dem Einschlafen sagte die Mutter zu Zari, dass diese kleine Flamme sie beschützen würde, sie sei der Seele geweiht, die in allen Dingen lag, in all ihren Schritten, in jedem Ast und in jedem Rinnsal Wasser würden die Götter sie wiegen, sie dicht am Herzen tragen, fern von Schmerz.

Zari war acht Jahre alt, als sie die Männer mit den verhüllten Gesichtern von ihren Pferden steigen und auf sich zukommen sah, sie hatte zu der Flamme hinübergeblickt und gehofft, dass das Feuer sie mit sich forttragen möge, aber die Flamme war klein und still geblieben, sie glomm auf ihrem Votivaltar und sah den Männern zu, die Zaris Bruder auf ein Pferd hievten und dann auch sie, sie wurde an den Hüften gepackt und hochgehoben, federleicht war sie, ohne Gewicht und Willen.

Die Männer sprachen Arabisch mit ihren Pferden, spornten sie an, Zari hatte gedacht, ihr Vater werde kommen, niemand konnte Akil, dem Herrn der Nuba-Berge, die Kinder wegnehmen, er besaß wunderschöne Zuckerrohr- und Hirsefelder, auf die er seine Kinder führte, um ihnen zu sagen, dass dies hier eines Tages ihre Verantwortung, ihre Aufgabe sein werde.

Die Unbekannten waren bis zum unzugänglichsten Ort der Welt vorgedrungen, von dem alle meinten, hier für immer in Sicherheit zu sein, zwischen miteinander verwachsenen Bäumen auf trockenen Höhen, verehrt nur von den Nuba, unwirtlich für jeden anderen, in jenem Teil des Sudan, den sie unter den Schichten einer glanzvollen und vergangenen Zeit verschüttet glaubten.

Die Leute im Dorf hatten die Pferde wie eben abgeschossene Pfeile vorübergaloppieren sehen, die reglosen Körper der Kinder auf ihren Rücken, und sie waren hinterhergerannt, hatten verzweifelt schreiend Himmel und Erde angerufen.

Doch so flink die Nuba auch waren, so gut sie ihre Straßen und Stege auch kannten, so wenig hatten die Männer aus dem Dorf die Araber doch einholen können, einer von ihnen hatte einen bestimmten Weg eingeschlagen, der andere einen anderen, und Zari hatte nicht einmal bemerkt, dass sie ihren Bruder verloren hatte.

Am Abend war das Mädchen mit anderen geraubten Kindern in ein Zelt geworfen worden, dann waren sie am Weißen Nil entlang in Richtung libysche Wüste gezogen, man hatte ihr eine schwere schmutzige Kette ums Fußgelenk gelegt, ihr die Zöpfe mit einer Schere abgeschnitten, die einer der Araber immer in der Tasche trug, und ihre Kleider verbrannt in dem Feuer, das sich lodernd im Lager der Sklavenhändler erhob.

Die Nacht hindurch hatten sie geschrien, keiner von ihnen wollte sich ergeben, und mit Singstimme riefen sie um Hilfe, nur wenige von ihnen sprachen, fragten wer bist du, woher kommst du. Sie verstanden diese Leute nicht, diese Leute verstanden sie nicht, nur mit Schwierigkeiten verstanden die Sklaven sich untereinander, jeder kam aus einer anderen Gegend. Sie teilten nur das Staunen und die Angst.

In der Morgendämmerung einer Nacht, in der keiner von ihnen geschlafen hatte, wurde Zari in die ganga, das Joch, gespannt, zusammen mit einem größeren Sklaven, und auch wenn sie nicht wusste, dass sie eine Gefangene war, nicht wusste, wohin sie gehen würde und warum, ging sie los und folgte ihrer Reihe aus Gefangenen. Ihr und den anderen war jedoch klar, dass, wer versuchte zu fliehen, verprügelt oder mit einem Messerstich getötet werden würde.

Eines Abends, in einem nach Sonnenuntergang aufgeschlagenen Lager, hatte Zari die Tamarindenbäume betrachtet und gedacht, dass diese Männer ihr Schlimmeres antun würden als das, was ein Dolch ihr antun konnte, und da hatte sie, als sie abgelenkt waren, versucht zu fliehen, war unter einen dieser Bäume gekrochen, aber sie war müde und wusste nicht wohin, da war sie eingeschlafen.

Das Brüllen eines großen Löwen, der, ohne sie zu sehen, an dem Baum vorbeigegangen war, hatte sie geweckt, und die Hände der Araber hatten nach ihr gegriffen, sie hatten sie hochgerissen und gestoßen, hatten sie mit einem abgebrochenen Ast geschlagen.

Vierundzwanzig Stunden später war Zari in einem Boot auf dem Nil gefahren, eingeschlossen in eine Kiste wie Obst oder Lämmer, und sie wurde auf den Markt gebracht, um verkauft zu werden. Sie wusste nicht, wo sie sich befand, aber sie war in Kairo, dreitausend Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.

Ein Türke hatte sie hin und her gewendet wie einen kostbaren Stoff, hatte ihre Arme hochgehoben, hatte die Achselhöhlen überprüft und die Festigkeit der Schenkel, sie hätte ihn zwicken und anbrüllen wollen: Lass mich los, ich bin das böse, das grausame Mädchen, vor dem jeder von euch Angst haben sollte.

Ein anderer Mann war gekommen, hatte ihr zwischen die Beine gefasst, beinahe so, als taste er eine Tomate ab, er hatte sie gekniffen, um das Fleisch zu spüren, um zu sehen, ob sie saftig war, ob sie zu viel Samen enthielt, ob sie für sein Ragout geeignet war.

Zari war eine der wenigen, die nicht weinte und nicht schrie, sie war sicher, noch im zeriba zu sein und zu spielen, ihr Bruder würde plötzlich zwischen den Hühnern hervorspringen und rufen: Hier, hier, ich habe drei Eier gefunden.

Einer nach dem anderen hatten die Männer sie gewogen und ihr den Mund geöffnet, hatten ihre Zähne besehen, mit der Fingerspitze die Eckzähne befühlt, sie wollten kein Mädchen, das beißt, aber wenn sie ihre Brustwarzen zwischen zwei Finger nahmen, wussten sie nicht, dass sie eine Braut Christi berührten.

Inmitten der Hitze des ägyptischen Marktes begriffen sie nicht, dass sie den Preis der Heiligkeit nicht zahlen konnten, so viele Münzen sie auch aus ihren Börsen zogen, sie würden nicht ausreichen für diejenige, die die Selige, die Verehrte, La Moretta, die Mohrin, die Äbtissin von Serra de’ Conti werden sollte.

* * *

Suor Clara sah aus dem höchsten Fenster hinab, vom höchsten Punkt der Mauern aus, die errichtet worden waren, um ihre Stille noch weiter von der Welt abzuscheiden.

In dem schmalen Hof, den sie von dort oben sehen konnte, gab es nur vertrocknete dunkle Wurzeln, wirre Grasbüschel und widerspenstigen Efeu.

Und wenn man bedachte, dass in demselben schmalen Hof einst drei große Zitronenbäume gestanden hatten, weshalb er den Namen Zitronenhain trug, den die Schwestern hegten und pflegten, wie man in den Häusern des Adels das Tafelsilber pflegt.

An den Erntetagen stieg der frische Duft von unten auf und erinnerte alle daran, dass die Zeit der Marmeladen, der Liköre und der in Alkohol eingelegten Früchte gekommen war.

Behutsam wurden die Zitronen einzeln gepflückt, in Körbe gelegt, die in die Küche und die Vorratskammern geschafft wurden, sodann bearbeitet, geschält, aufs Feuer gesetzt und karamellisiert.

Das war es, was sie alle aufrecht, treu und nahe bei Gott hielt: die Zeit, die jede Schwester mit Sorgfalt und Liebe auf ihre Spitzen verwandte, auf ihren Blütenkranz, auf das Schneiden der Schale einer gelben Zitrone.

Sie wollen uns aus der Welt schaffen, dachte Suor Clara, wir sind Zitronenbäume, sie wollen, dass wir vertrocknen.

So war es mit allem ergangen, was dem Kloster genommen wurde; jeder Baum, jede Zelle, jeder Raum wurde ihnen entzogen, zurückgelassen, um auf ewig verschlossen dem Vergessen anheimzufallen.

Aber sie, die schon lang da war und Zugang zu den alten Inventaren und Rechnungsbüchern hatte, zu den akkuraten Verzeichnissen der Mitgiften, zum Inhalt jeder Lade in den Schränken, als sie noch nicht dazu dienten, Spinnräder aufzubewahren, sie hatte gesehen, wie das Geld der adeligen Familien in die Kassen des Klosters Santa Maddalena floss, sie hatte es verwaltet und das für das Kloster Notwendige beschafft.

Sie wusste, was und wie viel die Nonnen für diese Welt getan hatten, die sie jetzt nicht mehr wollte, die sie wie alte Schuhe in die schmutzigen Winkel verlassener Häuser warf, dem Staub und dem Dämmerlicht anheimgegeben.

Sie hatten die Pächter der Ländereien des Klosters wie Mitglieder einer großen Familie behandelt, der heiligen Familie Gottes, wie Brüder und Schwestern. Niemand hatte mehr Achtung vor den Bauern als die Nonnen, jede Arbeit wurde ihnen entgolten, der Sprechsaal stand ihnen offen, um ihre Ängste und ihre Verzweiflung loszuwerden, ihre missratenen Töchter wurden aufgenommen, um sie zu erziehen, vor dem Altar Christi niederknien zu lassen.

Suor Clara dachte an die Tage des Schweineschlachtens, wenn die Bauern von Serra das Fleisch der getöteten Schweine brachten, ihre Schwarten, ihr Blut. Die Nonnen bereiteten große Kessel voller Kichererbsen, und während die Männer schlachteten, reichten die Schwestern ihnen durch eine Luke Frühstück, Mittag- und Abendessen. Dem Pächter und der Pächterin, die die Schweine gebracht hatten, gaben sie ihren Teil, Knochen, Lendenstücke, Salami und ciauscolo. Jeder bekam das Seine, weil diese Schweine zwar auf dem Grund und Boden der Kirche geboren, aber dazu da waren, den Hunger der Söhne und Töchter Gottes zu stillen.

Schon seit einiger Zeit blickte man in Italien nicht mehr mit Wohlwollen auf die religiösen Orden und war dagegen, dass die Klöster irgendwelchen Besitz haben sollten.

Die Schwestern lebten jetzt in engen Zimmern, wurden von Ort zu Ort versetzt, einige von ihnen wurden von einem Tag auf den anderen in den Süden geschickt, weil sie nicht dazu da waren, Orte und Gegenstände, Gesichter und Umarmungen zu lieben, sondern nur das Bild Gottes, und Gott würden sie überall zwischen Neapel und Triest, zwischen Jesi und Verona finden.

Man wollte sie ausrupfen wie Unkraut, nur ein paar Zimmer hatte Suor Clara retten können, die Küche, ein kleines Refektorium, den Raum für die Novizinnen, das Nähzimmer, aber auch über das Wenige, was wieder ihres geworden war, hatten sie keine Verfügungsgewalt, sie hatten im Namen anderer dafür bezahlt, sie waren Waisen.

Die Pächter hatten neue Herrn, die nicht regelmäßig auf die Felder gingen und die Arbeiten verfolgten, die kein Geld ausgaben, um die Erde blühend und die Bäume grün zu erhalten. Die neuen Herren kamen nur, um die Abgaben einzutreiben, und wenn Schweine zu schlachten waren, ließen sie das die Pächter machen und nahmen das Fleisch dann mit in die Stadt, für die Tafeln der Reichen.

Suor Clara war nicht dumm, scharfsinniger und spitzer hätte sie nicht sein können, angefangen bei den Wangenknochen bis hin zu den Fingerspitzen, Nägeln, Knien, Knöcheln, sie besaß die Fähigkeit, zu zwicken, garstig zu sein, und sie wusste, dass Geld Geld anzog und dass, wenn es einige Kirchen und Klöster mit dem Geld von damals verstanden hatten, dieses karge Land besser zu machen, andere sich hingegen bis zur Trunkenheit am Kelch Christi gelabt hatten, bis hinein in Sünde und Nachlässigkeit.

Aber es war doch auch Geld gewesen, womit Pater Celestino sie freigekauft hatte, sie und all die geraubten Mädchen, bis zu achthundert befreite Sklavinnen.

Daran dachte Suor Clara und stellte sich den Duft der Zitronen vor, der einst vom Hof aus durch die Korridore geflutet war, die Laken und die Stirnen der Nonnen geküsst hatte.

In der Tat bestand ihr Leben aus Gedanken und Blicken, Mienen und Zeichen, Verneigungen, gefalteten Händen und Gewissheiten, und sie war sicher, dass sie ihre Schwestern niemals dem Zugriff dieses Italiens überlassen würde. Dieses Italien, das sie noch als Kind vom Dasein als Klausurnonne abgehalten hatte, jahrelang hatte sie darum gebeten, und sie hatten Nein gesagt. König Vittorio Emanuele hatte ihre Güter beschlagnahmt, ihr Leben inventarisiert, das Noviziat verboten, den Eintritt neuer Nonnen untersagt. Wie alle anderen Orden sollte auch ihrer erlöschen.

Erst der Tod des Grafen Cavour hatte ihnen allen das Überleben ermöglicht, und Suor Clara war überzeugt, dass es Gott aus der Höhe seiner furchtbaren Liebe gewesen war, der dem Leben des Verfolgers Seiner Söhne und Töchter in ebendiesem Moment ein Ende bereitet hatte.

Moretta, rief Suor Anna sie atemlos, blass erschien sie auf der Schwelle des Kontorraums, Suor Clara wandte sich um und ließ von ihren Gedanken ab.

Ihr müsst herüberkommen, sagte Suor Anna, und ihr Gesicht war heller als manche Morgendämmerung über den Feldern von Serra, mit zitternden Händen hielt sie sich am steinernen Türrahmen fest, ihre Stimme war hoch wie ein Gesang, Suor Clara verzog den Mund, jeden Ton, der nicht Musik war, empfand sie als Belästigung wie Männerhände zwischen den Schenkeln.

Etwas ruhiger, Suor Anna, gleich läutet die Glocke zum Nachmittagsgebet, erwiderte La Moretta.

Suor Evelina … Suor Evelina … Mit Tränen der Angst hielt Schwester Anna inne, legte die Hand auf das hölzerne Kruzifix, das sie um den Hals trug. Man hat sie gefunden, erhängt … mit der Kordel des Gewands, fügte sie hinzu.

La Moretta bekreuzigte sich und ging an der Schwester vorbei hinunter zu den Zellen der Nonnen.

Suor Evelina hatte einen Versetzungsbefehl erhalten, ihre Räume reichten nicht für alle, und eine neue, vom Bischof von Ancona sehr geschätzte Nonne sollte kommen und ihren Platz im Kloster einnehmen.

Als sie die Tür öffnete, sah sie die Füße von Suor Evelina unter dem Rock hervorschauen, die Füße einer Leiche.

Sie erinnerte sich, wie sie zum ersten Mal nach Italien gekommen war, klein, schwarz, wütend, und Pater Celestino zu ihr gesagt hatte: Jetzt bist du in Sicherheit, und wie sie das einen Moment lang geglaubt und gedacht hatte, sie würde hier ihre zeriba wiederfinden, ihre Kuh mit den langen Hörnern, die Hühnereier und das Flämmchen der Mutter, das immer im Fenster ihrer Erinnerung brannte.

* * *

Was war ihre Bestimmung? Worauf sollte sie hoffen? Das hatte Zari sich gefragt, jeden Tag zu jeder Stunde, die sich aus der Summe aller Minuten ergab.

Sie hielten sie für hart wie das Ebenholz, aus dem sie gemacht schien, in den Maserungen eine dunkle Gewissheit. Denn durch ihre Augen, die weiß in ihrem Gesicht leuchteten, konnte sie einen zum Niederknien zwingen, durch ihre Hände und ihren Gesang stieg die Stimme Christi auf Erden herab.

Doch das war nicht immer so gewesen, es hatte eine Zeit gegeben, da selbst sie ein Kind gewesen war, ein schwieriges, launisches, lästiges, aufdringliches Mädchen.

Mit dreizehn hatte Zari in ihr Tagebuch geschrieben, dass sie bei der geringsten Grobheit in Rage geraten könne, dass sie imstande sei, jemanden am Schopf zu packen und von den Mauern zu werfen, ihn hinunterfallen zu sehen wie einen ausgespuckten unverdaulichen Brocken.

Als sie zum ersten Mal in ein Kloster gekommen war, hatte Zari den ganzen Tag damit zugebracht, die Außenmauern des Gartens abzusuchen, um ein Loch zu entdecken, durch das sie fliehen konnte.

Eine ältere Schwester war zu ihr getreten, und Zari hatte befürchtet, dass man sie schlagen, an Haaren und Nägeln ziehen würde, doch das war nicht geschehen. Die Schwester hatte sie gestreichelt, hatte zu ihr gesagt, das sei bei jeder von ihnen so gewesen, das sei der Schmerz, den man empfindet, wenn man die Welt draußen zurücklässt und sich in sich selbst und im Kloster einschließt, um Gott zu dienen. Sie würde nie eine Sklavin sein, sondern heilig, rein, gebenedeit, über ihren Schlaf würde der Heilige Geist wachen. Das Kloster war Mutterbrust und jungfräuliche Milch.

Als Mädchen fettete sich Zari Gesicht und Arme mit Olivenöl ein, denn ihre Haut brauchte die Myrrhe, mit der ihre Mutter sie einst eingerieben hatte, und in den italienischen Wintern wurde ihre Haut trocken und spröde.

Sie hatte Sinn für Hohn und Spott und mochte zu strenge Priester nicht, und über solche, die mit forschenden Blicken durch die Stirn hindurch bis in den Rücken zu dringen suchten, machte sie sich lustig, zusammen mit den anderen Zöglingen äffte sie einen Prediger nach, der ihnen allen mit verschwitzten Händen die Geistlichen Exerzitien auferlegte. Und die anderen, weiße Mädchen mit glatten Haaren und immer weicher Haut, lachten.

Als sie sich mit zehn Jahren in den Kopf gesetzt hatte, die Glocken des Klosters zu läuten, weil sie zur Musik eine Neigung verspürte wie andere zur gedeckten Tafel, hatten die Schwestern ihr das verboten und sie zwei Stunden lang in ein Zimmer gesperrt, wo sie in sich gehen und gründlich über den Willen Christi nachdenken sollte.

Als Antwort darauf hatte Zari in der Nacht der Madonna di Loreto die im Kloster vorhandenen Glocken eingesammelt, an einen Stuhl gebunden und sie dann um drei in der Nacht mit einem abgrundtief bösen Gesichtsausdruck geläutet und dadurch die Schwestern geweckt. Man konnte sie nicht in den Keller sperren wie den Wein vom letzten Jahr, damit sie Schimmel ansetzte wie die Marmeladen, sie hatte den feurigen Geist der Musikerin.

Fruchtlos waren alle Versuche geblieben, sie im Zaum und fern der Instrumente zu halten. Als Zari beschloss, dass sie Orgelspielen lernen wollte, konnten die Nonnen nicht anders, als sie den Versuch machen zu lassen, und sie hatte gelernt zu spielen wie die großen Musiker, diese Weißen mit dem buschigen Haar, die in den schönen Häusern Europas zu hören waren. Zari war ein Mädchen aus den Nuba-Bergen, und nach wenigen Jahren spielte sie Orgel wie die besten Organisten Italiens.

Sie war stur, um jeden Preis hatte sie Zimbeln an der Orgel anbringen wollen und eine große Trommel neben den Pedalen, nachts hatte sie alle Partituren in ihre eigene Tonart umgeschrieben.

Jeden Sonntag füllte sich die Klosterkirche, um ihr Talent zu bewundern, die Bauern und ihre Frauen kamen von den Feldern herauf, denn nur sie war imstande, all ihre Ängste zu vertreiben.

Da waren Zari erste Zweifel gekommen, die Schwestern hatten ihr gesagt, sie müsse am Konservatorium studieren und Organistin werden oder als Missionarin in den Sudan gehen, zu ihren Leuten, die Mutter wiedersehen, den Vater, den Bruder, den Schatten der niedrigen Bäume und die Schalen der Kürbisse.

Auch Italien schien sie nicht mehr zu wollen, die Schwestern verschwanden, die Klöster wurden geschlossen.

Niemand dachte, dass eine wie sie für die Klausur gemacht sein könnte, dazu brauchte man Beständigkeit, dazu brauchte man Disziplin, hinter ihren silbernen Gesichtern und ihren goldenen Worten hielten auch sie sie für eine kleine Wilde, ein sanftes Geschöpf Gottes, das vor dem traurigen Los als Analphabetin und Hirsebäuerin errettet worden war.

Aber alle mussten sie sich eines Besseren belehren lassen, die Jahre waren vergangen, die Geschichte hatte versucht, die Nonnen zu verschlucken wie eine bittere Pille, doch sie hatte standgehalten.

Gott hatte sie gerettet, und sie würde Ihn nie verlassen, würde Ihm so nahe sein, dass sie Seinen Geruch wahrnehmen konnte. Zari war Klarissin geworden, Organistin, Kellermeisterin, Sakristanin, Krankenschwester und dann Novizinnenmeisterin, Buchhalterin und schließlich Äbtissin.

Für keine der Nonnen von Serra de’ Conti war sie mehr das schwarze Mädchen, dem man das Beten beibringen musste, dem man erklären musste, was Gnade und was Segen war, sondern das eiserne Antlitz von Suor Clara, die alle beschützt, alle bestraft, alle ernährt und allen Fasten auferlegt.

* * *

Suor Clara erzählte den Novizinnen Geschichten, Geschichten von ihren Nöten und ihren Siegen, um sie die Notwendigkeit des Leidenswegs zu lehren, die Kraft, das Kreuz zu tragen, weil jede Stufe rechten Leidens ein Schritt zu Seiner Verherrlichung war.

Die Jungen dachten, es sei einfach, in der Entsagung zu leben. Von frommen und ehrwürdigen Familien mit Milch und guten Hoffnungen genährt, hatten sie die glühenden Gesichter derjenigen, die die Nacht vor einem lodernden Feuer zubringen, oder sie waren fahl und bleichgesichtig, überzählige Leben, von anderen dazu gebracht, um Aufnahme im Kloster zu bitten, sie bewegten sich ruckartig, eingezwängt, gerade noch so nach Luft ringend in stürmisch bewegter See, die sie mit sich fortriss.

Auch das waren die Klöster gewesen, Suor Cara wusste es wohl: die dunklen Winkel in den Familien, wo man den Staub hinkehrt, der die Luft im Haus erstickend macht.

Sie wusste sie auf den ersten Blick zu unterscheiden und hatte die Aufgabe, die einen wie die anderen zu erziehen: diejenigen, die an Christus dachten wie an einen wollüstigen Liebhaber und sich mit schriller Stimme zu jedem Verzicht bereit erklärten, musste sie an die Härte des Klosterlebens erinnern, an die Verzweiflung der Einsamkeit, die Selbstaufgabe; denjenigen, die mit Tränen in den Augen nur widerwillig niederknieten und die Außenmauern des Klosters absuchten, um eine Lücke, einen Spalt für die Flucht zu finden, musste sie die Hand auf die Schulter legen und das sagen, was auch ihr gesagt worden war.

Egal ob die Mutter sie verraten, ob der Vater sie verjagt oder ob die Geschwister sie gehasst hatten, das Kloster würde sie geborgen halten wie Kristalle in einer Höhle, und vor allem würde sie, Clara, sie beschützen, auch vor sich selbst.

Als sie Nella zum ersten Mal traf, hatte Suor Clara sie gefragt, warum sie hier sei.

Um zu werden wie Ihr, hatte Nella geantwortet.

Und bist du sicher, dass du das willst? Suor Clara hatte dieses Gesicht von reiner, weicher Schönheit zu ergründen versucht, dieses Gesicht aus warmem Fleisch, Wangenknochen wie Milch, Lippen wie Wassermelonen, Haaren wie Rauch.

Nella hatte den Blick gesenkt: Das ist es, was ich will, hatte sie geantwortet, dann hatte sie die Gazellenaugen zu ihr aufgeschlagen, Augen, wie man sie in den Nuba-Bergen hätte finden können.

Nellas Stimme war unschön, ihr Dialekt kaum verständlich, es war schwer vorstellbar, dass eine so raue Stimme zu diesem Renaissancegesicht gehören sollte.

Das Kloster ist ein Ort der Sammlung und des Zwiegesprächs mit dem Herrn, man muss bereit sein, alles, was uns von Ihm entfernen könnte, aufzugeben und draußen zu lassen. Ich habe die Möglichkeit aufgegeben, den Leuten zu helfen, bei denen ich geboren wurde und die mich geliebt und großgezogen haben, um das Wort Christi zu erkennen, um heute hier zu sein. Bist du bereit, das zu tun?

Ich bin bereit.

Du weißt, dass du geloben musst, Keuschheit, Armut und Stillschweigen zu wahren, dass das Kloster lange darauf gewartet hat, Novizinnen aufnehmen zu können, und dass das eine Sache von großer Bedeutung für unsere Gemeinschaft ist, für dein Dorf, eine Sache, die große Opfer und Verantwortung mit sich bringt. Du weißt, dass das Kloster keine Herberge und keine Pension ist. Wenn man hineingeht, kommt man nicht wieder heraus. Bist du bereit, das zu tun?

Ich bin bereit.

Als ich ins Kloster eintrat, war ich die Jüngste von allen, und viele Jahre lang bin ich das geblieben; bevor ich hier nach Serra kam, war ich ein Kind, und sie waren alt, wir waren nur zu sechst in einem Kloster bei Jesi, und ich musste alles für sie tun, was sie nicht mehr für sich selbst tun konnten, ich habe von frühmorgens bis spätabends gearbeitet, ich habe sie gepflegt, saubergemacht, vielen von ihnen habe ich die Augen geschlossen, bist du bereit, das zu tun?

Ich bin bereit.

Da war eine sehr alte Schwester, sie hieß Caterina, Suor Caterina aus Triest, seit Tagen waren die Zuckungen ihrer Krankheit übergegangen in schreckliche Krämpfe, dämonische Laute kamen aus ihrer Brust, jedes Mal, wenn ich sie mit unserem Essen füttern wollte, spie sie alles auf mein Gewand, ihre Augen wurden gelb, sie sprach mit einer Stimme, die nicht die ihre war, sie nahm meine Hände und wollte mich in ihre Finsternis hinüberziehen. Nie bin ich davongelaufen, jedes Mal habe ich mein Kleid wieder saubergemacht, jeden Tag habe ich ihr Essen gebracht, das ich für sie zubereitet hatte, und habe sie gesegnet. Bist du bereit, das zu tun?

Ich bin bereit.

Welchen Menschen liebst du am meisten, Nella? Suor Claras Augen leuchteten vor Kraft.

Das Mädchen war stumm geblieben.

Es muss jemanden geben, der für dich mehr zählt als alle anderen.

Mein So … Bruder, hatte Nella mit einer Lüge geantwortet und dabei die schwarzen Augen wie Knöpfe auf einem hellen zerknitterten Kleid unverwandt geradeaus gerichtet.

Bist du bereit, ihn zu verlassen und ihn zu vergessen, uns alle zu deinen Schwestern zu machen, das Kloster zu deinem Bruder?

Nella hatte einen Moment lang geschwiegen.

Ich bin bereit, hatte sie schließlich gesagt. Aber ich will im Chor singen, hatte das Mädchen hinzugesetzt.

Was für eine Ausbildung hast du?, hatte Suor Clara sie gefragt und auf das Verzeichnis mit Namen und Nachnamen der Anwärterinnen, ihre Familien und Herkunftsorte geschaut. Da stand: Nella Ceresa, Tochter des Luigi Ceresa, Bäcker in Serra de’ Conti.

Keine, mein Großvater hat mir zu Hause Lesen und Schreiben beigebracht.

Sicher weißt du, dass unsere Chorsängerinnen perfekt Italienisch und Latein können, Partituren lesen und imstande sein müssen, zu singen, hatte Suor Clara erklärt.

Das kann ich lernen, hatte Nella gesagt.

Das glaube ich nicht, liebes Kind, du bist schon zu alt, um Sprachen und die Musik zu erlernen, Lesen und Schreiben reichen nicht aus, um Chorsängerin zu werden, aber ich bin sicher, du wirst eine sehr gute Laienschwester. Jede von uns muss den geeigneten Weg finden, Unserem Herrn zu dienen, und nichts ist erbaulicher, als es mit der eigenen Arbeit zu tun. Du kannst zum Beispiel bei Suor Anna in der Küche sein und ihr am Ofen helfen, und wenn das Jahr des Noviziats vorüber ist, können dir deine Fähigkeiten als Bäckerin gewiss nützlich sein, Brot ist die größte Gabe Gottes.

Ich bin keine Bäckerin, hatte Nella zwischen weißen Zähnen hervorgepresst.

Wer wird sich um deinen Bruder kümmern, wenn du hier bist?, hatte Suor Clara kalt erwidert und ihr Verzeichnis zugeklappt, ohne ein Ja oder Nein für sie.

Gott wird sich um ihn kümmern.

Zehn Jahre waren seit jenem Tag vergangen, und jetzt stand Suor Nella reglos an der Tür, in ihrer quälenden Schönheit betrachtete sie die Füße von Suor Evelina und dachte an die Kordeln, Schnüre und Bänder, die auch sie in ihrer Zelle unter der Matratze verwahrt hatte, oft holte sie eins davon heraus, betrachtete es, stellte sich vor, es werde die Waffe ihres Verbrechens.

In jedem ihrer Albträume waren ihre Schenkel voller Blut, das Kind war im Wald gefressen worden, und ihre Mutter sagte zu ihr: Eines Tages wirst auch du blind.

Ich habe deine Stimme im Garten vernommen und hatte Angst

In seinem Haus am Hügel lag Sante auf der Seite, die Augen geschlossen, sein Schlaf war leicht seit jenem Abend, ruckartig richtete er sich im Bett auf und sagte mit lauter Stimme: Ich habe ihn getötet, den Sohn von.

Sante sah nicht mehr besonders gut, vor allem in die Ferne, die Welt erschien ihm wie in einer tiefen Pfütze gespiegelt, sie schwankte im Wind, verdampfte in der Hitze.

Er war alt geworden unter der Sonne auf den Feldern, noch älter, seit sein Sohn beschlossen hatte, fortzugehen, denn auf dem Land konnte keiner von ihnen gut leben, und er wollte das wirkliche Leben, eines, in dem man ein Schiff besteigt und in See sticht. Und so ließ Sante auf dem recht kleinen Stück Land, das seit vielen Jahren seiner Familie gehörte, ohne wirklich sein Eigentum zu sein, junge Männer, die nicht sein Sohn waren, als Tagelöhner arbeiten, damit sie sich um den Obstgarten kümmerten.

Es waren nicht viele Bäume, und abzüglich dessen, was er dem Padrone schuldete und was verfaulte oder gestohlen wurde, brachten sie immer weniger ein. Doch solange Sante neben dem Vieh und dem Garten seine Äpfel hatte und sie in Kisten auf seinen Karren laden und auf den Markt oder hoch nach Serra bringen konnte, würde er sich seinen Lebensunterhalt verdienen. Sein Sohn schickte Geld und Briefe aus Amerika, die er sich von jemand anderem schreiben ließ, aber nur wenige und in großen Abständen. Er sagte, er wolle heiraten, er hatte ein Mädchen aus North Carolina kennengelernt, sie hieß Kate und hatte veilchenblaue Augen, aber das waren bloß Lügen.

Ich bin ein Mörder, dachte Sante und schob die Hand unters Kissen.

Auf sein Gehör war kein Verlass, und doch schreckte das leiseste Rascheln ihn auf; ob es Geräusche von Lebewesen waren oder nur seine Phantasie, wusste er nicht, jede Stunde stand er auf, weil er meinte, einen Schuss gehört zu haben, aber nie verließ er das Zimmer, um das zu überprüfen.

Als er den ersten Schlag vernahm wie den Stundenschlag der Uhr im Ort, dachte Sante, es sei das Scharren einer der Kühe im Stall. Müde und unfähig zu allem bewegte er weder Muskeln noch Augenlid. Dann wurden die Schläge lauter und rhythmischer, bedrohlicher als die verrinnende Zeit fielen sie in die Stille der Nacht.

Hätte ein anderer Sante da im Bett gelegen, der Sante von früher, der nicht im blendenden Licht des Sonnenuntergangs, das ihn getäuscht hatte, auf den Sohn von geschossen hatte, wäre er vielleicht aufgestanden, hätte das Gewehr genommen und hätte versucht zu schießen.

Doch das tat er nicht, mit aufgerissenen Augen schaute er auf den Wasserkrug auf seinem Nachttischchen und stellte sich vor, er schwankte, stellte sich vor, er fiele herunter und überschwemmte den Boden mit so viel Wasser, dass die Dielen verfaulten, dass es bis ins Erdreich sickerte und diesen Boden segnete, den sie so hartnäckig bearbeiteten, um zu überleben.

Er träumte, er wäre aufgestanden und hätte die Jacke übergezogen, anstelle des Gewehrs hätte er einen Korb Äpfel für diesen Jungen mitgenommen, der einen davon zu stehlen versuchte, und er hätte ihm hundert gegeben, er hätte ihn vom Baum klettern sehen und ihn auf die Stirn geküsst, hätte zu ihm gesagt: Das ist für dich, mein Sohn.

Als der Vater des Jungen zu ihm gekommen war, schon mit den Augen eines Toten und vor dem Mund den Schaum eines vom Unheil Verfolgten, hatte er geantwortet, er habe sich getäuscht.

Ich habe mich getäuscht, ich dachte, dein Sohn ist ein Tier, seit Monaten fressen sie meine Äpfel weg, die Äpfel sind alles, was ich habe.

Und diese beiden Väter hatten geweint, auf dem kahlen Boden des Hauses in den Hügeln.

Ich habe es den Jungen gesagt, als ich sie um den Obstgarten herumstreichen sah, dass sie nicht bei Sonnenuntergang hineingehen sollten, dass ich sie für Räuber oder Tiere halten würde, aber sie haben nicht auf mich gehört, klagte Sante. Diese verfluchten Jungen, die auf die Welt kommen und nach ihren eigenen Vorstellungen groß werden wollen, früher oder später werden sie Männer und gehen fort.

Antonio war ein braver Sohn, hatte Luigi Ceresa ihm geantwortet.

Tage waren vergangen, und Sante hatte begriffen, dass er der Schuld nicht entkommen würde, er hatte daran gedacht, sich selbst zu bestrafen, aber er fühlte sich wie Hase und Kaninchen, er zitterte am ganzen Leib und schüttelte sich vor Angst, und sich selbst zu bestrafen hatte er nicht über sich gebracht.

Don Agostino war zu Violante gegangen, hatte ihre kalten Mutterhände gedrückt und ihr ins Ohr geflüstert, dass sie verzeihen müssten, so wolle es der Herr, dass sie verziehen, Sante sei ein anständiger Mann, und er habe einen Fehler gemacht, es sei ein schrecklicher Unfall gewesen.

Lupo hob erneut die Axt, und als würde er Holz hacken, traf er einen weiteren Apfelbaum an der Wurzel. Ein weiterer Schlag erschallte im Obstgarten und drang bis zu den Ställen, bis zu Santes Haus.

Lupo hatte nicht die kräftigen Arme eines Mannes, er konnte nicht mit einer großen Axt umgehen, aber mit der kleinen scharfen, die er besaß, hieb er teuflisch fest zu.

Ich mache einen kleinen Spaziergang, hatte Antonio an dem Tag, an dem er starb, zu ihm gesagt, sei schön brav, wildes Kind, hatte er den Bruder geneckt.

Man brauchte die Bäume nicht zu fällen, man musste sie nur an der richtigen Stelle treffen, sodass sie nachher sterben würden.

Die Äpfel waren sauer, sein Bruder war gestorben wegen eines grünen ungenießbaren Apfels, er, der sämtliche Namen der Pilze im Wald kannte, den Lauf der Bäche und die Wege im Gebirge, er, der die Sagen der Marken kannte.

Lupo ging zu einem anderen Baum und durchschlug die Rinde mit seiner Axt.

Tock, tock, Wunde um Wunde, Stunde um Stunde, nahm sich Lupo jeden Baum vor, den er sah.

Antonio hatte seinem Bruder immer gesagt, dass er zu klein sei, um jemandem wehzutun, er hielt seine Drohungen für lächerlich, seine Grimassen für Kinderspiele.

Als er fertig war, fing Lupo an zu schreien, mit schmerzenden Ellbogen, steifen Händen, das Gesicht schweißüberströmt, und Sante sprang auf.

Als Lupo im Morgengrauen verdreckt und voller blauer Flecke nach Hause kam, kroch er mit Schuhen in das Bett, wo Nicola lag.

Während Lupo zur Wand gedreht dalag, schmiegte sich sein Bruder an seinen Rücken, ergriff sein schmutziges Hemd und küsste ihn auf die Schulter.

Mit geschlossenen Augen erinnerte sich Lupo an den Tag, an dem Nicola aus der Schule gekommen war und ihm erzählt hatte, dass in der Bibel nirgends von einem Apfel die Rede sei, es heiße eine Frucht, eine unbekannte Frucht, die den Menschen zur Sünde verleite, ihn der Freude entrissen habe, um ihn in Schande zu stürzen, um ihn Gut und Böse erkennen zu lassen.

Nach Antonios Tod hatte der Priester sie getröstet, indem er erklärte, es sei verständlich, dass auch er sich vom Fleisch eines Apfels habe verführen lassen, vom Geschmack einer Sünde, die Menschen seien fehlbar, wenn sie die Schreie Gottes hörten, versteckten sie sich.

Warum hat er das gesagt?, hatte Nicola gefragt.

Weil sie das tun: Sie lügen, hatte Lupo geantwortet. Und du darfst ihnen nicht glauben.

* * *

So läuft das nicht, denn eigentlich bedeutet Halbpacht, dass man zur Hälfte teilt, Saatgut und Kleie, sagte der junge Mann, der aus Pesaro gekommen war, und teilte mit den Händen die Luft in zwei Hälften: Eine sollte euch gehören, die andere dem Padrone. Heute bekommt ihr, wenn ihr Glück habt, dreißig Prozent, habe ich recht?, setzte er hinzu.

Wie heißt er?, fragte Lupo leise Paoletto, der mit ihm im Schatten des Bauernhauses saß.

Bruno, er ist Sozialist, er kommt aus der Stadt, er ist der Sohn eines Arztes, aber der Großvater war von hier, antwortete Paoletto, der älter war als er, wie alle dort, aber auch untersetzt und gedrungener als ein Fässchen.

Aufmerksam betrachtete Lupo diesen Bruno, der aus der Stadt kam und Sozialist war, wägte seine Worte ab, wendete sie hin und her, um ihren Wert zu ermessen, spürte die möglichen Lügen heraus.

Um eine Teilung halb und halb durchzusetzen, müsst ihr aufhören zu arbeiten, ihr alle, wenn alle aufhören zu arbeiten, sind sie gezwungen, euch anzuhören, die Pachtverträge müssen neu verhandelt werden, das geschieht in allen Orten und Gegenden, die Herren sagen, Im Namen Gottes, so soll es sein, weil sie euch glauben machen wollen, dass das die Gesetze Gottes sind, die keiner ändern kann, wenn ihr aber aufhört zu arbeiten, gibt ihnen niemand mehr ihren Anteil, auch Gott nicht, sagte Bruno erhitzt im Septemberdunst.

Aber dabei verlieren nur wir, wir sind mitten in der Zeit der Weinlese, die Trauben, die wir nicht ernten, fressen die Raben, und von diesen Trauben leben wir, der Padrone hat noch andere Halbpächter, wir haben nur diesen einen Vertrag, entgegnete Gaspare, der der Sohn des Pächters war, weshalb seine Stimme mehr als die der anderen galt.

Es ist an euch, euch Gehör zu verschaffen, seit einiger Zeit schon schließen die Bauern sich zu Gruppen und Ligen zusammen, um gemeinsam zu protestieren, man wird euch anhören, wenn ihr geschlossen vorgeht, alle Pächter und Tagelöhner von Serra und Montecarotto gemeinsam, erwiderte Bruno und beschrieb mit ausgebreiteten Armen einen Kreis, denn in diesem Kreis waren sie, in der heiligen Sphäre der schlichten Seelen.

Wenn wir die Weinlese verpassen, ist es vorbei, wir müssen bis Weihnachten durchhalten, wenn es kalt wird, hören wir auf zu arbeiten, dann verlangen wir, was wir verlangen müssen, sagte Gaspare zu den Jungen gewandt, die für ihn arbeiteten, darunter auch Lupo, nicht viele, aber doch genug für ein bisschen Grund und Boden.

Aufzuhören, wenn es euch in den Kram passt, wird euch nicht helfen, jetzt seid ihr unabkömmlich, jetzt müsst ihr aufhören zu arbeiten. Sie entscheiden, wen ihr heiraten sollt, sie nehmen sich ihren Anteil und nutzen euren für neues Saatgut, für jedes Vieh, mit dem ihr arbeitet, müsst ihr das Futter aufbringen, ihr müsst für die Schweinemast zahlen und Pacht für das Haus, sie lassen eure Frauen schuften wie Dienstmägde. Stimmt’s, oder nicht? Bruno trat zu Gaspare, und mit ihren Haaren, ihren schweißnassen Hemden und Hosen standen sie einander gegenüber, Auge in Auge.

Das stimmt, aber ihr kommt aus der Stadt, mit euren weißen Krägen und euren Bärten, und erzählt uns was von euren Ligen und euren Parteien, während wir noch nicht einmal wählen dürfen, oder hast du das vergessen?, entgegnete Gaspare Garelli.

Meine Familie ist von hier, und es stimmt, ich darf wählen, und das nicht, weil ich es mir verdient habe, aber derweil kämpfe ich für die, die es nicht dürfen. Die Ligen gehören uns nicht, sie bilden sich auf dem Land, und die Streiks sind gut, um sich Gehör zu verschaffen, Ärzte, Lehrer, Arbeiter, Bauern, Maurer, Bäcker, Pastahändler, Gerber, Bauarbeiter, Müller, Bergleute, Hafenarbeiter, Leute aus der Stadt und vom Land, wir sind viele, von Castelpiano bis Montecarotto, wir wollen in Serra eine große Versammlung abhalten, wir erwarten mehr als tausend Bauern, beharrte Bruno aus Pesaro, der Sozialist.

Die anderen schwiegen, und Gaspare sah auf die Trauben, die sein Vater, mit Rückenschmerzen ans Bett gefesselt, nicht ernten konnte, die er Schössling für Schössling gesetzt und vor Unkraut und Hagel geschützt hatte, sie gehörten ihm, und sie waren heil geblieben.

Lupo kannte diese Geschichte genau, wie jeder von ihnen, der wusste, was es hieß, nichts zu besitzen als zwei Arme zum Arbeiten.

Jedes Jahr ging mehr als die Hälfte der Ernte an den Padrone, und von diesem Weniger-als-die-Hälfte, das dem Bauern blieb, musste er aussäen und die Tiere füttern, sodass aus diesem Weniger-als-die-Hälfte ein Drittel wurde, zu wenig, um davon leben zu können.

Auf seinen Feldern bestimmte der Padrone, was Gesetz war, er entschied, wer dort arbeitete und wer nicht, wer heiratete und wer nicht, wie viele am Tisch des Bauern sitzen durften, überzählige Kinder schickte der Padrone fort.

Die Herren waren Fremde, den Grund, den sie den Pfaffen abgenommen hatten, hatten weder der König noch die Regierung den Leuten gegeben.

Er hat recht, wir müssen etwas tun. Ab morgen arbeite ich nicht, sagte Lupo und stand auf, ein großes, aber immer noch kleines Kind, und Bruno, der Sozialist aus der Stadt, erwartete, dass sie ihn zum Schweigen bringen würden, diesen Jungen, dazu gut, den Kühen den Schwanz zu striegeln, er war gerade mal ein Viertel Mann, ein Milchbubi, er konnte höchstens elf sein.

Keiner brachte ihn zum Schweigen, lange herrschte Stille, dann stand nach Lupo noch ein anderer auf und sagte: Ich arbeite nicht, dann stand Petri auf, Paoletto stand auf, Gaspare sah sie aufschießen wie Pilze im feuchten Wald, schließlich richtete er den Blick auf den Jungen.

Nur wenige blieben sitzen, und Bruno, der Sozialist, lächelte Lupo zu, der das Lächeln nicht erwiderte. Im Übrigen hatte auch Gaspare recht: Zu viele Leute kamen aus der Stadt und mischten sich unter ihre sonntäglichen Brigaden, um ihr eigenes Evangelium zu verkünden.

Wir müssen es versuchen, sagte Lupo zu Gaspare, eine Woche können wir warten, die Trauben halten das aus.

Gaspare dachte an den Tag, als der Regen, der sie alle durchnässte, einen Graben aufgerissen hatte: Er war hineingefallen, und ohne einen Augenblick des Zögerns war Lupo auf dem Rücken hinuntergerutscht, hatte mit großer Geduld den Schlamm Schritt für Schritt nach unten festgetreten, um Gaspare mit seinem gebrochenen Bein nach oben zu ziehen; mit einer Kraft, wie anscheinend nur die göttlichen oder die bösen Dinge sie haben, hatte er ihn ins Dorf geschleppt. Mit demselben Willen, der aus seinen Kinderarmen Waffen gemacht hatte, um Santes Bäume zu fällen.

Garelli nickte: Nur eine Woche, danach muss ich Wein lesen, und sollte der Papst persönlich kommen.

Dieses Fleckchen Erde war nur eines der vielen, fein säuberlich eingezeichneten Quadrate auf der Karte der Ländereien der Marken, doch es enthielt sie alle, als ob ihr Olivenhain der einzige, ihr Weingarten der einzige, diese Männer, fast alle Jungen, die letzten Verbliebenen wären.

Doch so war es nicht.

Eine Woche Streik allein würde nicht genügen, sie würden eine weitere und dann noch eine dranhängen müssen, zum ersten Kampf Ja zu sagen würde bedeuten, am Fuß eines Berges mit verhangenem Gipfel und steilen Felswänden zu stehen, ein zweiter, ein dritter Kampf würden folgen, erreichen würden sie nur wenig, die Minderung des Pachtzinses würde wieder und wieder verlangt und nicht gewährt werden, dann also herbeigeschrien und wieder nicht gewährt werden, dann mit Gewalt erzwungen werden, indem man Hände abschnitt, Schlösser niederriss, die Kinder der Reichen erschreckte.

So würden sie Mal für Mal in Wut geraten, aufbegehren und sich verausgaben, auf Gerechtigkeit warten, die wer weiß wann kommen würde.

* * *

Die Ceresa waren mit der Vorstellung groß geworden, dass sie dazu ausersehen waren, früh zu sterben.

Wenn sie vorübergingen, stellten die Leute im Dorf sie sich schon unter der Erde vor, in kleinen Särgen, geküsst von der blinden Mutter, beweint vom mürrischen Vater, in Gesellschaft all derer, die vor und nach ihnen verschwunden waren, aus dem Leben gerissen, als sie es gerade erst beginnen sollten, beim ersten Wimmern, bei den ersten schwankenden Schritten, als sie anfingen, die Dinge der Welt zu benennen und den eigenen Schatten an der Wand zu erkennen.

Lupo lebte jeden Tag wie den ersten, er schien keinen Gedanken auf davor oder danach zu verschwenden, er klammerte sich nicht an Erinnerungen oder Ängste; was kommen mochte, würde er in Angriff nehmen, wie eine Wand würde er sich aufrichten, um die Unwetter draußen zu halten.

Jede Geste war wie die reife Frucht, die plötzlich an einer Pflanze hing, seine Präsenz eine Waffe; war da ein Graben, setzte er darüber hinweg, war da ein Baum, kletterte er hinauf, sein biegsamer Körper passte sich der Erde an, dem Wind, den Schlägen der Menschen, ihren bösen Worten, für jeden hatte er eine Antwort parat, eine Ohrfeige.

Wenn er Nicola benommen und zitternd auf die heiße Fläche der Felder starren sah, packte er ihn am Handgelenk, schüttelte ihn wie beim Aufwachen und sagte zu ihm: Ninì, du darfst nicht daran denken.

Denn Nicolas Verzweiflung war ganz in seinem Innern. Die anderen wuchsen draußen heran, er besah seinen Bauch und seine Hände und fand sie falsch und mangelhaft, er hasste sie, wie man Eindringlinge hasst.

Nicola fühlte sich als Bewohner eines verfallenden Hauses, er sah zu, wie sich die Bruchstücke seiner selbst verstreuten, im Kampf mit einer zu zarten Haut, die für jeden Riesen ein schmackhafter Fraß gewesen wäre. Er war wie die Kinder im Märchen, leicht zu fangen, ohne Weiteres zu einer Fleischpastete zu verarbeiten, unfähig, sich zu befreien, würde er in einem Käfig fett werden, um dann auf kleiner Flamme geröstet zu werden.

Lupo wiederholte ihm immer wieder, Nichtstun werde ihn nicht vor der Gefahr bewahren, wenn ihm etwas zustoßen sollte, werde es ihm in jedem Fall zustoßen, wie allen, wie ihm selbst.

Sie lebten in einer Welt von arbeitenden Menschen, und wer arbeitet, weiß, dass er sich wehtun kann, mit einer Sichel, mit einem rostigen Nagel, durch einen Sturz vom Heuboden, zerquetscht von einem Karren, geschlagen mit einem Holzschuh, mit dem Fischerboot abgetrieben, verbrannt von einer Schaufel mit heißem Brot, zwischen Hammer und Amboss geraten: Ihre Körper waren dazu da, verletzt zu werden.

Damit musste man sich abfinden, musste wachsam und vorsichtig mit Werkzeugen und Menschen umgehen, mit dem Vieh und dem Sturm, musste sich aber für stark genug halten, nicht davon weggeweht zu werden.

Nicola war ein Kind des Schattens, und wie ein Schatten hätte er verschwinden mögen.

Als sie ihm sagten: Sie haben deinen Bruder erschossen, hatte er sich Lupo vorgestellt, der zwischen Schulter und Herz getroffen fiel, eine eiserne Kugel, die ein- und wieder austritt. Schmerz ließ ihm den Schädel zerspringen, und unter der Lunge hatte er ein Ziehen und Zerren gefühlt, sein Körper war zusammengesackt, mitten auf der Straße hatte er sich vollgepinkelt, und der Wirtssohn, der ihn zuerst mit betrübtem Gesicht angesehen hatte, war in Gelächter ausgebrochen.

Doch auch als er erfuhr, dass es sich um Antonio handelte, war die Angst nicht gewichen, denn wie eine Infektion hatte sie ihn im Innersten gepackt, und von innen beherrschte sie ihn, ließ ihn vor sich hin sprechen, tagelang war er Lupo mit aufgerissenen Augen wie besessen gefolgt und hatte gemeint, von einem Moment auf den anderen den Gewehrschuss zu hören.

Lupo war respektlos und verärgerte das Dorf, ergriff das Wort gegen die Erwachsenen, suchte Streit, widersetzte sich, am liebsten hätten sie ihm was angetan.

Nicola hatte keinen Speichel mehr, im Bett hielt er immer die Augen offen, im Brustkorb hob und senkte sich der gelbe Fluss seines Schreckens, nachts stand er auch zehnmal auf, um in seinen Pott zu pinkeln, sein Bauch fühlte sich immer voll an, er spürte, wie ihm die Flüssigkeit davonrann, und er zitterte so sehr, dass er nur mit Mühe gehen konnte, eisige Schauer stiegen ihm von den Daumen zu den Ohren, so tastete er im Bett nach dem Bruder neben ihm, krallte ihm die Finger ins Haar und riss ihm Stücke der Haut weg, bis er aufwachte.

Ninì, du darfst nicht dran denken, du musst schlafen, sagte Lupo verärgert.

Niemand hatte Antonios Bett abgezogen oder beiseitegerückt, all ihre Betten waren in dem Zimmer stehen geblieben und leerten sich, denn die Wohnung hatte nur zwei Zimmer, Küche und Bad, die Kinder wurden wie Mehlsäcke in das eine hineingestopft, bis sie verdarben, ihre Betten standen an den Wänden, eine Schublade pro Kopf für ihre Kleidung, ein großer Spiegel neben der Tür, die Nachttöpfe zum Pinkeln, ein Krug Wasser, ihre Laken blieben dort liegen, ihre Kleider blieben dort liegen, die Überlebenden würden eines Tages die Kleider der Toten anziehen.

Die einzige Veränderung in all den Jahren war die Anwesenheit Canes, der unter ihrem Bett schlief und jedes Mal, wenn Nicola einen Schritt tat, die Ohren aufstellte.

Adelaide hustete zwei Betten weiter, und der Einzige, der aufstand und ihr zu trinken gab, ihre Hand hielt, wenn sie es brauchte, war Antonio, die anderen hatten sie schon aufgegeben, Lupo eingeschlossen, ja, Lupo als Erster, er war schnell bei der Hand und sagte: Es kommt, wie es kommen muss.

Sogar Violante wachte bei ihr, als ob sie schon nicht mehr am Leben wäre, sie segnete ihre leibliche Hülle, ihren Leichnam mit offenen Augen, ohne ihn sehen zu können, stundenlang saß sie schweigend im Dunkeln bei ihr und betete, sie ließ Don Agostino kommen, um für sie zu beten, für das mit achtzehn Jahren schon tote Mädchen.

In der Nacht, als Adelaide wirklich starb, war Nicola wach, in der Stille des Schlafs der anderen hörte er sie zum letzten Mal den Mund öffnen und schließen, wie ein Fisch, der am Ufer des Flusses auf dem Trockenen gelandet ist, ohne zu wissen, warum.

Er erinnerte sich an sie noch als Gesunde, die schwarzen Haare im Nacken zusammengebunden, sie trug Schuhe, die sie für das Dorffest geliehen hatte, und sagte, sie sind mir zu eng, aber ich kann es aushalten.

Nicola war klar, dass er hätte aufstehen und zur Tür gehen müssen, Violante und Luigi herausklopfen und sagen: Vielleicht ist Adelaide etwas zugestoßen, oder er hätte Lupo wecken und ihn bitten müssen, es zu tun, sich über dieses Bett zu beugen, zu horchen, wo keine Atemzüge mehr waren, und festzustellen, sicher zu sein, dass.

Aber er tat nichts, reglos und wie eingepökelt, eingeklemmt in seinen Schrecken, mit kurzen Atemzügen und langer Atemnot, die Hände um die Handgelenke des Bruders geschlossen, der Stamm und Fels schien, ein Blitzableiter, es kam ihm in den Sinn, dass er beten müsste, Gott bitten müsste, Adelaide aufzunehmen, dass er hinübergehen, ihr die Augen schließen, den Rosenkranz für sie beten müsste.

Aber er rührte sich nicht, und alles, was er sagen konnte, war: Lupo, ich bitte dich.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 801,05 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
280 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783803142832
Издатель:
Переводчик:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги