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Basile Giambattista

Das Pentameron

Übersetzt

Adolf Potthoff

Saga

Das Pentameron ÜbersetztAdolf Potthoff Original Il Pentamerone ossia la Fabia delle FiabeCopyright © 1634/36, 2020 Basile Giambattista und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726701401

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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Wer sucht, was er nicht soll, findet, was er nicht will — so heißt es in einem Sprichwort aus der guten alten Zeit. Und hätte der Affe sich nicht die Stiefel angezogen, dann wäre er den Jägern nicht in die Falle gegangen. So geschah es auch einer lumpigen Mohrensklavin. Denn der Schleifstein glättet jede Rauheit, und einmal kommt der Tag, da jede Rechnung bezahlt wird. Daher stolperte endlich auch die über ihre eigenen Füße, die sich auf krummen Wegen verschafft hatte, was anderen zukam; und je höher sie gestiegen war, desto tiefer stürzte sie hinab. Und das wird in diesem Buche erzählt.

Es war einmal ein König von Vallepelosa. Der hatte eine Tochter namens Zoza, die man, gleich als wäre sie ein anderer Zoroaster oder ein zweiter Heraklit, niemals hatte lachen sehen. Der unglückliche Vater, der nichts anderes im Sinne hatte als diese einzige Tochter, ließ kein Mittel unversucht, um den Schatten der Melancholie von ihr zu vertreiben. Um sie zum Lachen zu reizen, ließ er bald Seiltänzer kommen, bald Reifenspringer, bald Schembartläufer; heute Gaukler, morgen Ringkämpfer, stark wie Herkules; einmal einen tanzenden Hund, ein andermal einen Esel, der aus einem Becher trank; nun Moriskentänzer, dann dies, dann das. Aber alles war vergebliche Liebesmühe, denn weder das Rezept eines Wunderdoktors noch das sardinische Kraut oder ein Stich ins Zwerchfell hatte ihren Mund auch nur zu dem leisesten Lächeln gekräuselt. Da nahm der arme Vater, der nicht mehr aus noch ein wußte, seine Zuflucht zu einem letzten Mittel.

Er gab Befehl, vor dem Portal seines Schlosses einen Ölbrunnen springen zu lassen, wobei er dachte, die Menschen, die auf der Straße wie die Ameisen hin und her liefen, würden vor dem spritzenden Brunnen — aus Angst, sich die Kleider zu beschmutzen — einherhüpfen wie die Grillen, springen wie die Böcklein, Haken schlagen wie die Hasen, so daß die Tochter beim Anblick all des Gleitens und Rutschens in ein helles Gelächter ausbrechen müßte.

Der Brunnen begann zu sprudeln, aber Zoza stand am Fenster und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Da führte der Zufall ein altes Weiblein des Weges, das sog das Öl mit einem Schwamme auf und drückte den in ein Krüglein aus. Während die Alte so alle Hände voll zu tun hatte und ganz in ihre Arbeit vertieft war, schleuderte so ein Satansbraten von Hofpage ein Steinlein so geschickt gegen das Krüglein, daß es in tausend Scherben zersplitterte. Die Alte, die Haare auf den Zähnen hatte und nicht gewohnt war, sich zum Narren halten zu lassen, fuhr herum und schrie den Pagen an: „Ha, du Schlingel, du Scheißkerl, du Bettpisser, du Taugenichts, du Schlappschwanz, du Galgenstrick, du Eselsbastard, auf dem sogar die Flöhe den Husten haben! Daß du doch den Tatterich kriegtest! Deiner Mutter gönnte ich die böse Nachricht. Wärst du doch vor die Hunde gegangen, ehe die Bäume wieder ausschlagen! Eine katalanische Lanze müßte dir zwischen die Rippen fahren! Das Seil sollte dir den Hals zuziehen, daß auch nicht ein einziges Tröpfchen Blut herauskäme. Eimerweise müßte das Unglück auf dich niederregnen! Keine Spur sollte von dir zurückbleiben, du Lump, du Tunichtgut, du Gauner, du Hurensohn!“

Nun hatte der Knabe zwar erst wenig Flaum auf den Wangen und noch weniger Bescheidenheit im Herzen, da er aber diesen Hagel unbeherrschter Schimpfworte auf sich niederprasseln fühlte, zahlte er es ihr mit derselben Münze heim und schrie: „Willst du wohl deine Kloake zumachen, du Satansbraten, du blutsaugerische Hexe, du Kindsmörderin, du Schlangengezücht, du Furzgesicht!“ Als die Alte diese Kosenamen hörte, stieg ihr die Wut in den Kopf, so daß sie den Kompaß ihrer Gelassenheit verlor, aus dem Stalle der Geduld ausbrach und den Vorhang ihrer Hinterbühne aufhob, so daß man den ganzen umbuschten Schauplatz erblickte und Silvio wohl hätte sagen können: „Geht hin und weckt die Schläfer mit der Trompete.“ Bei diesem Anblick bekam Zoza einen solchen Lachkrampf, daß sie beinahe ohnmächtig geworden wäre.

Durch den Lärm dieses Gelächters erneut in Wut versetzt, schnitt die Alte schreckliche Grimassen und rief: „Warte nur, du sollst auch nicht den Schatten eines Ehegatten finden, es sei denn, du bekämst den Fürsten von Camporotondo!“ Kaum hatte die Prinzessin diese Worte gehört, da ließ sie die Alte holen und wollte um jeden Preis wissen, ob sie sie habe beleidigen oder verwünschen wollen. Die Alte antwortete: „Der Fürst, den ich genannt habe, müßt Ihr wissen, ist ein Bild von einem Manne; er hat aber auf die Verwünschung einer Fee hin den letzten Pinselstrich an dem Gemälde seines Lebens getan und wurde außerhalb der Stadtmauern ins Grab gelegt. Auf seiner Gruft befindet sich eine Inschrift, die besagt, daß die Frau, die innerhalb von drei Tagen einen Krug, der dort an einem Haken hängt, mit ihren Tränen füllt, ihn vom Tode auferwecken und zum Gatten nehmen wird. Nun ist es aber unmöglich, daß zwei Menschenaugen so viele Tränen vergießen können, damit einen Krug zu füllen, der einen halben Scheffel faßt, es sei denn jene Nymphe Egeria, die, wie ich habe erzählen hören, in Rom in eine Tränenquelle verwandelt wurde; drum habe ich, als ich mich von Euch verlacht und verspottet sah, Euch diesen Fluch zugeschleudert, und ich bitte den Himmel, er möge ihn erfüllen zur Bestrafung des Unrechts, das mir zugefügt worden.“ Mit diesen Worten flitzte sie eilends die Treppe hinab, als säße ihr die Angst vor einer Tracht Prügel im Nacken.

Von Stund an begann Zoza über die Worte der Alten nachzusinnen und sie hin und her zu überlegen; der Versucher trat bei ihr ein, und nachdem sie das Rad der Gedanken und die Mühle der Zweifel immer wieder um diese Tatsache gedreht hatte, ließ sie sich endlich auf dem Wagen jener Leidenschaft, die den Verstand des Menschen verblendet und seine Urteilskraft lähmt, dahin bringen, daß sie einen ordentlichen Haufen Taler aus der Schatzkammer des Vaters nahm und aus dem Palaste des Königs entwich. Sie wanderte, bis sie an das Schloß einer Fee gelangte, und nachdem sie der ihr Herz ausgeschüttet, wurde die Fee von Mitleid gerührt mit dem jungen Mädchen, das zwei Sporen dem Abgrunde entgegenhetzten: ihre große Jugend und ihre übermächtige Liebe zu einem Unbekannten. Daher gab sie ihr einen Empfehlungsbrief an eine ihrer Schwestern, die auch zauberkundig war. Diese nahm sie mit vielen Aufmerksamkeiten auf, und als am anderen Tage die Morgenröte anbrach und die Nacht eine Botschaft an die Vögel erließ und demjenigen ein gutes Trinkgeld versprach, der ihr Kunde brächte über einen verlorenen Haufen Schatten, reichte sie ihr eine schöne Walnuß und sprach: „Nimm, mein Töchterchen, bewahre sie gut und öffne sie nur im Augenblicke höchster Not.“ Dann empfahl sie Zoza mit einem anderen Briefe an eine dritte Schwester. Nach langer Wanderung dort angekommen und genau so liebreich aufgenommen, erhielt sie von ihr einen Brief an eine vierte Schwester und eine Kastanie mit derselben Weisung, wie sie ihr mit der Walnuß gegeben worden war. Darauf machte sie sich wieder auf den Weg und gelangte an das Schloß der letzten Fee, die sie tausendmal liebkoste und ihr am nächsten Morgen beim Abschied eine Haselnuß verehrte mit derselben Mahnung, sie nicht zu öffnen, es sei denn, daß die äußerste Not sie dazu zwinge.

Im Besitz dieser Gaben nahm Zoza den Weg unter die Füße und wanderte durch so viele Länder und durchquerte so viele Wälder und Flüsse, daß sie nach sieben Jahren — es war gerade in dem Augenblick, da die Sonne, von den Trompeten der Hähne geweckt, ihr Pferd gesattelt hatte, um die gewohnten Posten abzureiten — fast lahm in Camporotondo ankam. Noch hatte sie das Stadttor nicht erreicht, da erblickte sie das Marmorgrab am Fuße einer Quelle, die, in ein Porphyrbecken eingeschlossen, kristallene Tränen weinte. Sie nahm den Krug von der Wand, setzte ihn zwischen die Knie und begann die Komödie der beiden Zwillinge zu spielen, sie unten und die Quelle oben, und nicht eher hob sie den Kopf von der Öffnung des Kruges, als bis in weniger als zwei Tagen die Tränenflut bis hoch an den Rand gestiegen war und an der ganzen Füllung nur noch zwei Fingerbreit fehlten. Ehe Zoza aber diesen Stand erreicht hatte, war sie vom vielen Weinen so müde geworden, daß sie, ohne widerstreben zu können, vom Schlafe überwältigt wurde und gezwungen war, sich für ein paar Stunden unter das Zelt ihrer Augenlider zurückzuziehen.

In dieser Zeit legte sich eine krummbeinige Mohrensklavin — sie begab sich oft mit einem Fäßchen zum Wasserschöpfen an die Quelle und kannte deren allerorten beredete Inschrift recht gut —, die gesehen hatte, wie Zoza dasaß und in zwei Bächlein ihre Tränen verströmte, auf die Lauer, um ihr den Krug, wenn er ungefähr voll wäre, aus den Händen zu nehmen und sie mit einer Handvoll Fliegen sitzen zu lassen. Als sie bemerkte, daß Zoza eingeschlafen war, zog sie ihr geschickt den Krug vom Schoße, hielt ihre Augen darüber und füllte ihn im Handumdrehen bis oben an den Rand. Kaum war er voll, da erhob sich der Fürst wie einer, der aus langem Schlaf erwacht, aus seinem Marmorsarg und streckte die Hände nach dem schwarzen Fleischkloß aus, den er auf der Stelle in seinen Palast führte und unter Festen und wunderbarem Feuerwerk zu seiner Gemahlin machte.

Inzwischen erwachte Zoza. Als sie den Krug auf dem Boden und damit ihre Hoffnungen im Staube und das Grab der Verzweiflung geöffnet sah, da krampfte sich ihr Herz zusammen, und es fehlte nicht viel, so hätte sie das Gepäck ihrer Seele an dem Zollhause des Todes abgelegt. Da es aber nun einmal kein Mittel gegen ihr Leid gab und sie sich über nichts anderes zu beklagen hatte als über ihre Augen, welche die Schäfchen ihrer Hoffnungen nicht sorgfältig genug bewacht hatten, wandte sie sich langsamen Schrittes dem Stadtinnern zu. Dort hörte sie von dem Feste des Fürsten und von der hochedlen Gemahlin, die er heimgeführt, und nun konnte sie sich ohne weiteres vorstellen, wie alles zugegangen war. Da sprach sie unter Seufzern, zwei dunkle Wesen hätten sie auf die nackte Erde gesetzt, der Schlaf und die Mohrin. Um nun aber nichtsdestoweniger gegen den Tod, dem sich jedes Wesen nach Kräften widersetzt, kein Mittel unversucht zu lassen, nahm sie in einem schönen Hause gegenüber dem Palaste des Fürsten Quartier. Von hier aus konnte sie, wenn es ihr schon versagt sein sollte, den Abgott ihres Herzens zu erblicken, wenigstens die Mauern des Tempels betrachten, die ihn umschlossen. Fürst Taddeo, der bisher wie eine Fledermaus die schwarze Nacht der Sklavin umflattert hatte, erblickte nun eines Tages Zoza, und auf der Stelle wurde er zum Adler und ließ diesen Ausbund aller Köstlichkeiten der Natur, dieses Trumpf-As der Schönheiten, keinen Augenblick mehr aus den Augen. Kaum hatte die Mohrin das bemerkt, schlug sie einen Höllenlärm, und da sie gesegneten Leibes war, drohte sie dem Gatten: „Wenn du nicht Fenster verlassen, ich mich schlagen in Bauch und klein Georglein totdrücken.“ Um seinen Sprößling besorgt, zitterte Taddeo wie Espenlaub und riß sich aus Furcht vor ihrem Mißfallen von Zozas Anblick los wie die Seele vom Leibe.

Als Zozas schwachen Hoffnungen auch noch diese gebrechliche Stütze entzogen wurde, wußte sie im ersten Augenblick nicht, woran sie sich halten sollte. In dieser äußersten Not erinnerte sie sich an die Geschenke der Feen. Sie öffnete also die Walnuß, und heraus sprang ein Zwerglein wie ein Püppchen so groß, die zierlichste Gestalt, die man auf Erden je gesehen, und das setzte sich ans Fenster und begann mit so viel Trillern, Figuren und Läufen zu singen, daß es die berühmtesten Volkssänger und die Königin der gefiederten Sänger weit hinter sich ließ. Zufällig erblickte und hörte die Mohrensklavin den kleinen Sänger. Da überkam sie ein so großes Verlangen nach ihm, daß sie Taddeo rief und sprach: „Wenn ich nicht haben das Sängerlein, ich mich schlagen in Bauch und klein Georglein totdrücken.“ Der Fürst, der völlig nach der Flöte seiner schwarzen Gemahlin tanzte, schickte sofort zu Zoza und ließ fragen, ob sie ihm den Kleinen verkaufen wolle. Zoza erwiderte, sie sei keine Händlerin; wenn er das Zwerglein aber als Geschenk betrachten wolle, so möge er es nur nehmen, denn sie wolle es ihm gern verehren. Immer nur darauf bedacht, seine Frau bei guter Laune zu halten, damit sie ihr Kind glücklich zur Welt bringe, stimmte Taddeo zu.

Vier Tage darauf öffnete Zoza die Kastanie, und heraus trat eine Glucke mit zwölf goldenen Küchlein. Sie setzte sich an dasselbe Fenster, und als die Mohrin sie erblickte, packte sie ein unbändiges Verlangen danach. Daher rief sie Taddeo, zeigte ihm das wunderschöne Spielzeug und sprach: „Wenn du die Glucke nicht holen, ich mich schlagen in Bauch und klein Georglein totdrücken.“ Taddeo, der sich von der türkischen Hündin einschüchtern und vollständig beherrschen ließ, schickte von neuem zu Zoza und bot ihr für die Glucke jeden Preis, den sie verlange. Zum andern Male erhielt er dieselbe Antwort, daß er sie nur als Geschenk bekommen solle; wenn er aber dächte, sie kaufen zu können, so seien seine Worte in den Wind gesprochen. Da ihm nichts anderes übrig blieb, beugte sich seine Klugheit vor der Notwendigkeit, und er heimste den schönen Fang ein und wunderte sich über die Freigebigkeit dieses Weibes, wo doch die Weiber sonst von Natur so habgierig sind, daß ihnen nicht sämtliche Goldminen Indiens Genüge tun.

Wieder vergingen einige Tage, da öffnete Zoza die Haselnuß, aus der eine Puppe hervorging, die goldene Fäden spann, eine wahrhaft wunderbare Erscheinung. Kaum hatte Zoza sich an dasselbe Fenster gesetzt, und kaum war der Blick der Mohrin daraufgefallen, da rief sie auch schon nach Taddeo und wiederholte dieselbe Melodie: „Wenn du nicht Puppe kaufen, ich mich schlagen in Bauch und klein Georglein totdrücken!“ Taddeo, der sich wie ein Kreisel aufdrehen und von seiner Frau an der Nase herumführen ließ, wollte persönlich zu ihr gehen, denn ihm kamen die Sprichwörter in den Sinn: ,Besser ist’s, selbst zuzufassen, als auf Fremde sich verlassen.‘ — ,Selbst geh, hast du was im Sinn, und wenn nicht, schick andre hin.‘ — ,Wer Fische will zum Essen fangen, muß selber nach der Angel langen.‘ Und er bat sie umständlich um Entschuldigung wegen der unbeherrschten Gelüste der Schwangeren. Zoza aber, die vor Wonne fast zerfloß, da nun endlich der Quell all ihrer Leiden vor ihr stand, beherrschte sich um so mehr und ließ sich bitten und beschwören, um ihr Schifflein in Fahrt zu halten und möglichst lange den Anblick des Geliebten zu genießen, der ihr von einer häßlichen Mohrin entrissen worden war. Schließlich gewährte sie ihm die Puppe, wie sie es mit den anderen Dingen auch getan hatte. Ehe sie sie ihm jedoch überreichte, flüsterte sie dem Figürchen ein, es solle in der Brust der Mohrin das Gelüste wecken, sich Geschichten erzählen zu lassen. Da stand nun Taddeo und hielt die Puppe in der Hand, für die er nicht einen roten Heller gegeben hatte, und fand keine Worte für so viel Freundlichkeit. Endlich bot er ihr als Gegengabe für ihre Huld Reich und Leben an, kehrte in den Palast zurück und brachte der Mohrin das Spielzeug.

Die setzte sich das Püppchen auf den Schoß, um sich an ihm zu ergötzen, und siehe da: wie Amor in Gestalt des Ascanius auf Didos Schoße saß und das Feuer ihres Herzens entzündete, so weckte die Puppe in der Mohrin den Wunsch nach Märchen, so daß sie nicht widerstehen konnte und Angst hatte, sich den Mund zu berühren und Kinder zur Welt zu bringen, die zudringlicher werden würden als eine ganze Schiffsladung voll Bettelvolk. Daher rief sie wie gewöhnlich nach ihrem Gemahl und wiederholte den gewohnten Spruch: „Wenn nicht kommen Leute Märchen erzählen, ich mich schlagen in Bauch und klein Georglein totdrücken.“

Um ungesäumt diesen Wunsch zu erfüllen, ließ Taddeo ausrufen, alle Frauen des Landes sollten sich an einem bestimmten Tage beim Aufgange des Sternes Diana, der Aurora weckt, damit sie die Straße für die Durchfahrt der Sonne schmücke, an einem bezeichneten Orte einfinden. Da es ihm aber zuwider war, daß das gesamte Weibervolk die Hände in den Schoß legen sollte nur wegen eines seltsamen Gelüstens seiner Frau, und da er außerdem zu ersticken fürchtete in dem Gedränge einer solchen Menge, wählte er zehn von ihnen aus, und zwar die Besten der Stadt, die ihm die gescheitesten und zungenfertigsten zu sein schienen. Und das waren: die lahme Zeza, die krumme Cecca, die kropfhalsige Menica, die großmäulige Tolla, die bucklige Popa, die geifernde Antonella, die breitmäulige Ciulla, die triefäugige Paola, die grindige Ciommetella und die schlampige Jacova. Nachdem ihre Namen aufgeschrieben und die anderen entlassen worden waren, erhoben Taddeo und die Mohrin sich von den Thronsesseln und begaben sich gemessenen Schrittes zu einem Garten des Schlosses, wo die laubigen Zweige so ineinander gewachsen waren, daß die Sonne mit dem Kamme ihrer Strahlen sie nicht zu entwirren vermochte. Sie ließen sich in einer von Reben überwachsenen Laube nieder, in deren Mitte ein großer Brunnen sprudelte — der Lehrmeister der Hofschranzen, die er jeden Tag in der Kunst der Geschwätzigkeit unterrichtete —, und Taddeo nahm wie folgt das Wort:

„ Es gibt nichts Verlockenderes auf der Welt, meine verehrten Damen, als von den Taten anderer Menschen zu hören, und nicht ohne Grund erblickte jener große Philosoph das höchste Glück der Menschenkinder in dem Anhören gefälliger Geschichten: wenn man nämlich angenehmen Dingen sein Ohr leiht, verflüchtigt sich der Kummer, vergehen die trüben Gedanken und verlängert sich das Leben. Denn seht, aus Gelüste nach Neuigkeiten verlassen die Handwerker ihre Werkstätten, die Kaufleute ihre Kontore, die Advokaten ihre Gerichtshöfe, die Krämer ihre Läden und gehen in die Barbierstuben und wo sie sonst noch Schwätzer finden, um mit offenen Mäulern falschen Nachrichten, aus der Luft gegriffenen Zeitungen und erfundenen Berichten zu lauschen. So werdet ihr auch meine Gemahlin entschuldigen, daß sie sich das Gelüste in den Kopf gesetzt hat, Mären zu hören. Wenn es euch gefällt, dem Verlangen meiner Fürstin zu entsprechen und damit in den Mittelpunkt meiner eigenen Wünsche zu treffen, so seid es zufrieden, während der vier oder fünf Tage, bis ihr Leib sich seiner Bürde entledigt, jeden Tag, und zwar jede von euch, eine Geschichte zu erzählen,wie es die alten Weiblein mit den Kindern machen, um ihnen die Zeit zu vertreiben. Findet euch also immer an demselben Orte ein, wo man zuerst essen und dann mit dem Erzählen beginnen wird. Der Tag soll dann beschlossen werden mit einem von unseren eigenen Dienern aufgeführten Hirtenspiel, und so wollen wir unser Leben in Freuden fristen, hat doch mit dem Tode alle Fröhlichkeit ein Ende!“

Diesen Worten nickten alle beifällig zu. Inzwischen waren die Tische aufgestellt, die Schüsseln hereingetragen worden, und sie begannen zu speisen. Nachdem sie sich tüchtig gütlich getan, gab der Fürst der lahmen Zeza ein Zeichen, auf daß sie Feuer an die Kohlen lege. Zeza verbeugte sich tief vor dem Fürsten und seiner Gemahlin und begann also zu erzählen:

Erster Tag

I
Der Zauberer

Antuono von Marigliano, von seiner Mutter als der Obertölpel aller Tölpel aus dem Hause gejagt, tritt in die Dienste eines Zauberers. Er wird von diesem, da er Sehnsucht nach der Heimat hat, mehrere Male beschenkt, läßt sich jedoch immer wieder von einem Wirte prellen. Zuletzt aber, als er einen Knüppel zum Geschenk erhält, der seine Unerfahrenheit züchtigt, läßt er den Wirt die Strafe bezahlen für die Betrügereien, die er an ihm verübt hat, und sein Haus wird reich durch ihn.

Der Mann, der gesagt hat, das Schicksal sei blind, war offenbar noch weiser als Meister Lanza; denn es schlägt blindlings drein, hebt Leute auf den Gipfel, die man, abgerissen wie die Vogelscheuchen, nicht einmal aus einem Bohnenfeld verjagen würde, und schmettert andere in den Staub, welche die Blüte der Menschheit sind, wofür ich euch sogleich ein Beispiel geben will:

Es war einmal, so wird erzählt, im Lande Marigliano eine tüchtige Frau namens Masella. Die hatte außer sechs heiratsfähigen Töchtern, so schlank wie die Bohnenstangen, einen Sohn, und der war ein solcher Tropf, ein derartiges Rindvieh, daß er nicht einmal zum Schneeballmachen taugte. Er glotzte drein wie eine gestochene Sau, und es verging kein Tag, daß sie nicht zu ihm sagte: „Was hast du eigentlich in unserm Hause verloren, du verfluchtes Stück? Verdufte, du Schurke, verschwinde, du Makkabäer, heb dich von dannen, du Unglückswurm, geh mir aus dem Wege, du Vielfraß! Du bist mir in der Wiege vertauscht worden. Statt eines Püppchens, eines Herzblättchens und wunderlieben Engelchens hat man mir einen widerlichen Wechselbalg hineingelegt!“ Kurzum, Masella redete, und er pfiff dazu.

Als sie sah, daß alle Hoffnungen, aus Antuono — so hieß der Junge — werde jemals etwas Gescheites werden, vergeblich waren, wusch sie ihm eines Tages den Kürbis ohne Seife, nahm einen Prügel in die Hand und machte sich daran, ihm das Wams auszumessen.

Da Antuono,als er es am wenigsten erwartet hatte, sich so durchgewalkt, gestriegelt und gekrempelt sah, entschlüpfte er ihren Händen, gab Fersengeld und lief und lief, bis er zu der Stunde, da an den Himmelsfenstern die Lichter aufzuflammen begannen, am Fuße eines Berges ankam, der so hoch war, daß er an die Wolken stieß.

Da erblickte er auf der Wurzel einer Pappel in der Nähe einer Bimssteinhöhle einen Zauberer. O Schreck, wie war der häßlich! Von Gestalt winzig wie ein Zwerg, hatte er einen Kopf dicker als ein indischer Kürbis, eine Stirn voller Blatternarben; die Augenbrauen waren ihm zusammengewachsen, die Augen standen schief, die platte Nase zeigte zwei Nasenlöcher, schmutzig wie die Kloaken, ein Maul hatte er wie ein Scheunentor, und daraus sprangen zwei Stoßzähne hervor, die ihm bis an die Knöchel reichten. Zottig war seine Brust, Arme hatte er wie eine Haspel, Beine so krumm wie ein Torbogen und Füße so breit wie Entenfüße. Kurzum, er sah aus wie ein scheußlicher Teufel, ein widerlicher Bettler, ein wahres Höllenscheusal, das einen Roland mit Schrecken und einen Skanderbeg mit Angst erfüllt hätte, und bei dessen Anblick der kühnste Haudegen in Ohnmacht gefallen wäre.

Antuono aber, der sich nicht wie eine Wetterfahne drehte, nickte mit dem Kopf und sagte: „Grüß Gott, Herr! Wie geht’s? Wie steht’s? Nichts gefällig? Wie weit ist es noch bis zu dem Ort, wohin ich gehen muß?“ Als der Zauberer dieses ungereimte Zeug hörte, schlug er eine Lache auf, und da ihm das Wesen dieses Schafskopfes gefiel, sagte er zu ihm: „Willst du in meine Dienste treten?“ Antuono erwiderte: „Was verlangt Ihr denn im Monat?“ Der Zauberer: „Warte ab und diene mir redlich, dann werden wir schon einig werden, und du sollst ein gutes Leben haben!“

Als sie handelseinig geworden waren, blieb Antuono als Diener bei dem Zauberer, in dessen Hause ihm die gebratenen Tauben nur so ins Maul flogen, und wo er, was die Arbeit anging, faulenzen konnte nach Herzenslust, so daß er schon nach vier Tagen fett war wie ein Türke, feist wie ein Ochse, keck wie ein Hahn, rot wie ein Krebs, grün wie Knoblauch und dick wie ein Walfisch, dabei vierschrötig und von so praller Haut, daß er kaum aus den Augen schauen konnte.

Es waren noch keine zwei Jahre vergangen, da wurde ihm das fette Leben so zuwider, und der Wunsch und das Verlangen, eine Reise nach Marigliano zu machen, so unbändig, daß er nur noch an sein Elternhaus dachte, sich vor Heimweh verzehrte und bald wieder so aussah wie früher. Der Zauberer, der ihm bis auf den Grund des Herzens sah und erkannte, daß es ihn juckte wie einer jungen Frau, die nicht auf ihre Kosten gekommen ist, rief ihn beiseite und sprach: „Lieber Antuono, ich weiß, du hast große Sehnsucht nach deinem Fleisch und Blut; und da ich dich liebe wie meinen Augapfel, will ich es zufrieden sein, wenn du eine Reise machst und dein Heimweh stillst. Nimm daher diesen Esel, der wird dir die Mühe des Weges verkürzen; sei aber vorsichtig und hüte dich zu sagen: ,Arri, cacauro!‘ Denn das würde dir leid tun, bei der Seele meines Großvaters!“

Antuono nahm das Grautier zwischen die Schenkel und trabte von dannen, ohne ,Guten Abend‘ zu sagen. Aber er hatte noch keine hundert Schritte getan, da sprang er schon von dem Esel und fing an zu rufen: „Arri, cacauro!“ Kaum hatte er den Mund geöffnet, da hob das Langohr den Schwanz und schüttete Perlen, Rubine, Smaragde, Saphire und Diamanten aus, jedes so dick wie eine Walnuß. Antuono riß das Maul auf wie ein Scheunentor, als er sah, was für schöne Dinge da dem Esel aus dem Leibe purzelten, und staunte über die prächtige Entladung und den kostbaren Durchfall des Eselchens. Jubelnd steckte er sich den Reisesack mit den Juwelen voll, stieg wieder auf, stieß dem Reittier die Fersen in die Flanken und langte an einer Herberge an.

Hier stieg er ab, und das erste, was er zu dem Wirte sagte, war: „Binde diesen Esel an die Krippe; gib ihm zu fressen die Fülle; aber hüte dich zu sagen: ,Arri, cacauro!‘ Denn das würdest du zu bereuen haben. Und bewahre mir diese Sächelchen an sicherem Orte auf.“ Der Wirt war ein ausgekochter Junge und mit allen Wassern gewaschen. Kaum hatte er die unverhoffte Weisung vernommen und die Juwelen gesehen, deren Wert in die Tausende ging, da kitzelte ihn die Neugier, zu erfahren, welche Wirkung diese Worte haben würden. Er setzte daher dem Antuono ein gutes Nachtmahl vor, gab ihm zu trinken, mehr als er vertragen konnte, und steckte ihn dann zwischen Strohsack und Bettdecke. Kaum sah er ihn in Schlaf fallen, und kaum hörte er ihn laut schnarchen, da lief er auch schon in den Stall und sagte zu dem Esel: „Arri, cacauro!“ Und der Esel führte mit der Medizin dieser Worte die gewohnte Operation aus, stieß den Zapfen aus seiner Hintertonne, und es gab einen goldenen Durchfall und eine Flut von Edelsteinen.

Beim Anblick dieser kostbaren Entleerung faßte der Wirt den Plan, den Esel zu vertauschen und dem Vielfraß von Antuono eins auszuwischen, denn es dünkte ihn gar leicht, ein solch dummes Schwein und Rindvieh, einen solchen Narren, Tropf und Tölpel, wie ihm da einer in die Hände gefallen war, anzuführen, auf den Arm zu nehmen, zu betuppen, zu beschummeln, hinters Licht zu führen und ihm ein X für ein U vorzumachen. Antuono erwachte, als Aurora gerade hervorkam, um den Nachttopf ihres Alten voller roter Pisse durch das Fenster des Ostens zu gießen. Er rieb sich die Augen mit den Händen, reckte eine halbe Stunde lang die Arme, führte Dutzende von Malen hin und her ein Zwiegespräch zwischen Gähnen und Fürzen, rief den Wirt und sprach zu ihm: „Komm her, Kamerad, dicke Rechnungen, lange Freundschaft, Friede zwischen uns, Krieg zwischen den Geldbeuteln, schreib mir die Rechnung und mach dich bezahlt.“ Und so zog er aus seinem Beutel so viel für Brot, so viel für Wein, dies für die Suppe, das für das Fleisch, fünf Groschen für den Stall, zehn für das Bett, fünfzehn als Trinkgeld: Und damit nahm er den vertauschten Esel und ein Säckchen mit Bimssteinen statt Edelsteinen und ritt in flottem Trabe der Heimat zu.

In Marigliano begann er — noch ehe er einen Fuß in sein Elternhaus gesetzt hatte — zu schreien, als ob er in die Brennesseln gefallen wäre: „Lauf her, Mama, lauf! Jetzt sind wir reiche Leute! Breite Handtücher auf den Boden, falte Bettücher auseinander und lege Decken daneben, du sollst ein kleines Wunder erleben!“ Mit großer Freude öffnete die Mutter eine Truhe, darin sie die Aussteuer ihrer Töchter bewahrte, nahm Bettücher heraus, die unter dem leisesten Hauch von dannen flogen, Handtücher, die frisch nach der Wäsche dufteten, mit Farben geziert, die einem in die Augen stachen, und breitete alles zierlich auf dem Boden aus. Und Antuono führte seinen Esel hinauf und rief: „Arri, cacauro!“ Aber sooft er auch „Arri, cacauro!“ sagen mochte, der Esel machte sich soviel daraus wie aus dem Klang der Leier. Als er ihn aber drei-, viermal aufgefordert hatte und alles in den Wind gesprochen war, nahm er einen dicken Knüppel und fing an, auf das unglückliche Tier einzuschlagen; und er prügelte und prügelte, daß der arme Graue fast aus den Fugen ging und einen schönen gelben Brei auf die weißen Tücher schüttete.

Als die unglückliche Mama diesen Erfolg und an Stelle des Fundaments ihres Reichtums einen so gänzlich anderen Grund gelegt sah, der ihr zudem das ganze Haus zu verpesten drohte, da schnappte sie nach dem Prügel, und ehe Antuono noch Zeit fand, ihr die Bimssteine zu zeigen, verabreichte sie ihm eine so kräftige Prügelsuppe, daß der Junge die Beine auf den Rücken nahm und zu dem Zauberer zurückeilte.

Der Meister sah, daß er mehr im Trabe als im Schritt herankam, und da er dank seiner Zauberkraft schon wußte, was geschehen war, empfing er ihn mit Vorwürfen darüber, daß er sich von einem Wirt hatte anführen lassen, und schimpfte ihn einen Tölpel, einen Dummkopf, einen Hornochsen, einen Schafskopf, einen Dummrian und lächerlichen Narren, der sich für einen mit Schätzen gefüllten Esel ein Tier hatte in die Hand spielen lassen, das ganz gewöhnlichen Dreck im Leibe hatte. Antuono schluckte die Pille und schwor, nie, niemals wieder würde er sich von einem Menschen zum besten halten lassen.

Ein Jahr darauf aber bekam er wieder dieselben Kopfschmerzen und verging vor Sehnsucht nach den Seinigen. Der Zauberer, der zwar häßlich von Gesicht war, aber eine schöne Seele hatte, gewährte ihm auch diesmal Urlaub, machte ihm ein schönes Mundtuch zum Geschenk und sprach: „Bring dies deiner Mutter, aber sieh dich vor und führe dich nicht wieder so tölpelhaft auf wie mit dem Esel. Und ehe du nicht zu Hause angekommen bist, sage ja nicht ,Tüchlein, öffne dich!‘ noch ,Tüchlein, schließe dich!‘ Denn wenn dir wieder ein Unglück zustößt, hast du den Schaden davon. Nun mach dich fort, viel Glück auf den Weg, und komm schnell zurück!“

Antuono brach auf, aber er war noch nicht weit von der Hütte entfernt, da legte er das Mundtuch auf den Boden und sagte: „Tüchlein, öffne dich!“ und es tat sich auf, und plötzlich sah er darauf eine Menge Juwelen, Kleinodien, Kostbarkeiten, die schönsten und erstaunlichsten Dinge. Dann sprach Antuono die Worte: „Tüchlein, schließe dich!“ und es schloß sich um all diese Schätze. Darauf machte er sich auf den Weg zu demselben Wirtshaus. Dort angekommen, sagte er zu dem Wirt: „Nimm und bewahre mir das Mundtuch auf, doch hüte dich vor den Worten: ,Tüchlein, tu dich auf!‘ und ,Tüchlein, schließe dich!‘“ Der Wirt war ein ganz geriebener Gauner und antwortete: „Laß mich nur machen.“ Und er gab ihm zu essen in Hülle und Fülle, besorgte ihm dazu einen tüchtigen Affen und schickte ihn dann ins Bett. Darauf nahm er das Mundtuch, sprach die Worte und erblickte vor sich so viele köstliche Dinge, daß er aus dem Staunen gar nicht herauskam. Darum suchte er ein anderes Mundtuch heraus und steckte es dem Pinsel zu.

Antuono wachte auf und ritt in lustigem Trabe, bis er an das Haus seiner Mutter kam, und rief: „Jetzt wollen wir der Armut aber mal einen Tritt in den Hintern geben! Jetzt haben wir ein Mittel gegen die Lumpen und Fetzen und all den elenden Plunder!“ Und er legte das Mundtuch auf die Erde und sprach: „Tüchlein, öffne dich!“ Aber er hätte es von heute bis morgen sagen können, es war verlorene Liebesmühe, denn das Tüchlein machte nicht die geringsten Anstalten, sich zu öffnen. Als er sah, daß der Handel wieder schiefging, sagte er zu der Mutter: „Der Himmel sei gelobt! Der Wirt hat mir wieder einen Streich gespielt. Aber warte nur, er und ich sind zwei. Es wäre besser, er wäre niemals geboren worden. Besser für ihn, er wäre unter die Räder eines Wagens geraten! Ich will das beste Stück aus meinem Hause verlieren, wenn ich ihm bei meiner Rückkehr in der Wirtschaft nicht zur Strafe für die Juwelen und den gestohlenen Esel alle Gläser, Schüsseln und Teller in Scherben schlage!“ Als die Mutter aber diese neue Eselei hörte, spuckte sie Feuer und Schwefel und schrie ihn an: „Daß du dir doch den Hals brächest, du verdammter Junge! Die Schultern sollst du dir auseinanderfallen! Heb dich von dannen, denn wenn du auch die Frucht meines Leibes bist, so kann ich dich doch nicht riechen; mir schwillt die Leber und der Kopf wird mir dick, wenn du mir vor die Füße kommst. Mach, daß du verschwindest, dieses Haus soll dich brennen wie Feuer. Ich schüttele dich aus meinen Röcken, und einer soll mir noch sagen, ich hätte dich zur Welt gebracht.“

Der unglückliche Antuono sah den Blitz und wollte den Donner nicht abwarten, und wie einer, der Wäsche gestohlen hat, zog er den Kopf ein, hob die Füße und eilte zu dem Zauberer zurück. Als der sah, wie er so ganz sachte und kleinlaut herankam, spielte er ihm eine neue Melodie vor und sprach: „Ich weiß nicht, was mich hindert, dir ein Auge einzudrücken, du Schwätzer, du Schandmaul, du faules Stück Fleisch, du Hühnerarsch, du Stadttrompeter — der du jedes Geheimnis ausposaunen mußt. Du speist ja alles aus, was du im Leib hast, und kannst nicht einmal die Erbsen bei dir behalten. Hättest du deinen Mund gehalten in der Kneipe, dann wäre dir nicht geschehen, was dir zugestoßen ist; aber deine Zunge klappert wie ein Mühlenrad, und so hast du dir damit das Glück zermahlen, das dir in den Schoß gefallen war.“

Der unglückliche Antuono zog den Schwanz ein und schluckte die Musik. Drei Jahre lang verhielt er sich ruhig im Dienste des Zauberers und dachte ebensowenig an sein Vaterhaus wie daran, Graf zu werden. Aber nach dieser Zeit bekam er einen neuen Fieberanfall, und wieder erhob sich in ihm der Wunsch, eine Reise in die Heimat zu machen, und wieder bat er den Zauberer um Urlaub. Von seinem Drängen bewogen, stimmte der Meister der Reise zu und gab ihm einen schön gearbeiteten Prügel mit der Weisung: „Nimm diesen Prügel mit zu meinem Andenken, aber hüte dich zu sagen: ,Prügel, reck dich!‘ oder ,Prügel, streck dich!‘ dann möchte ich nicht an deiner Stelle sein.“ Antuono nahm ihn in Empfang und antwortete: „Geh, diesmal habe ich meinen Verstand geschärft und weiß, wieviel Paar drei Ochsen sind; ich bin kein dummer Junge mehr, und wer Antuono hereinlegen will, der will sich seine Ellbogen küssen.“ Antwortete ihm der Zauberer: „Das Werk lobt den Meister; Worte sind Weiber, Taten sind Männer. Abwarten und Tee trinken! Du hast mich besser verstanden als ein Tauber; ein Mann gut beraten, schon halb frei von Schaden.“

Der Zauberer wollte noch weiterreden, doch Antuono eilte schon von dannen. Aber noch war er keine halbe Meile entfernt, da sagte er schon: „Prügel, reck dich!“ Das war kein Wort, das war ein Zauberspruch: als wenn ein Kobold in seinem Marke säße, begann der Prügel plötzlich auf die Schultern des armen Antuono loszuschlagen; die Hiebe regneten nur so vom blauen Himmel herab, und der eine wartete nicht auf den anderen. Der arme Mensch, der gewalkt und gegerbt wurde wie Corduanleder, schrie: „Prügel, streck dich!“ und sofort hielt der Prügel ein, auf das Linienblatt seines Rückens den Kontrapunkt zu schreiben. So durch eigenen Schaden klug geworden, sagte er: „Ein Feigling, der flieht! Diesmal laß ich mir die Gelegenheit nicht entgehen, es ist noch nicht zu Bett gegangen, der einen bösen Abend erleben soll!“

Mit solchen Gedanken kam er an die gewohnte Kneipe und wurde von dem Wirt auf das liebenswürdigste empfangen, denn der wußte, welche Riemen man aus der Haut dieses Gastes schneiden konnte. Antuono sagte zu ihm: „Verwahre mir diesen Stock; hüte dich aber zu sagen: ,prügel, reck dich!‘ Denn das könnte gefährlich werden. Hör gut zu und beklage dich nicht bei Antuono, denn ich habe dich gewarnt und mache mein Bett im voraus.“

Der Wirt freute sich schon unbändig auf das dritte Abenteuer, füllte ihn gut mit Suppe und ließ ihn auf den Boden des Weinkruges sehen. Und als er ihn todmüde in ein Bettchen gepackt hatte, lief er, nahm den Stock in die Hand, rief auch sein Weib herbei, damit sie an dem prächtigen Feste teilnehme, und sagte: „Prügel, reck dich!“ Da verteilte der die Ladung nach allen Regeln der Kunst auf den Kielraum des Wirtes und der Wirtin und klitsch! hier und klatsch! da, ritt er hin und her, daß es nur so eine Art hatte.

Als sie sich so schmählich hereingefallen sahen, liefen Mann und Weib davon, der Prügel immer hinterher, und sie weckten Antuono und flehten um Erbarmen.

Antuono sah, daß alles nach Wunsch gegangen und daß die Makkaroni in den Käse und der Kohl in den Speck gefallen war, und er rief: „Da ist nichts zu machen! Ihr werdet zu Tode geprügelt, wenn ihr mir nicht meine Sachen zurückgebt.“ Und der Wirt, der schon ganz zerdroschen war, schrie: „Nimm alles, was ich habe, nur schaff mir den verfluchten Folterknecht von den Schultern!“ Und um Antuono Sicherheit zu geben, holte er alles hervor, was er ihm entwendet hatte. Als dieser alles in den Händen hatte, sagte er: „Prügel, streck dich!“ und der Prügel sprang herab und hockte sich in die Ecke.

So nahm Antuono seinen Esel und die anderen Dinge und ging nach Hause zu seiner Mutter, und nachdem er eine wahrhaft königliche Probe mit dem Hintern des Esels abgelegt und einen sicheren Beweis für die Tüchtigkeit des Mundtuchs erbracht, hatte er Geld in Hülle und Fülle, verheiratete seine Schwestern, überhäufte seine Mutter mit Reichtum und bestätigte die Wahrheit des Satzes:

Kindern und narren

hilft gott in gefahren.

II
Der Myrtenzweig

Eine Bäuerin aus Miano bringt einen Myrtenzweig zur Welt. Ein Prinz verliebt sich in ihn, und er entpuppt sich als eine wunderschöne Fee. Als der Prinz sich für einige Zeit entfernen muß, läßt er sie in dem Myrtenzweig zurück, an dem er ein Glöckchen befestigt. In das Gemach des Prinzen schleichen sich gewisse üble Frauenzimmer, die auf die Fee eifersüchtig sind; sie berühren den Myrtenzweig, die Fee kommt heraus, und sie reißen sie in Stücke. Der Prinz kehrt zurück, findet das Gemetzel vor und will vor Schmerz sterben; als ihm aber die Fee auf wunderbare Weise zurückgegeben wird, nimmt er sie zur Gemahlin und läßt die Weiber hinrichten.

Alle hielten den Atem an, als Zeza ihre Erzählung vortrug. Als sie aber damit zu Ende war, erhob sich ein großes Gerede, und sie bekamen den Mund nicht mehr zu vor Staunen über die wunderbare Leibesfracht des Esels und den verzauberten Prügel; und eine meinte, wenn man einen Wald von solchen Prügeln besäße, würden bald nur noch wenig Gauner lange Finger machen und die meisten Verstand annehmen, so daß man nicht mehr wie heutzutage mehr Esel als Traglasten fände. Doch als sie eine Zeitlang ihre Meinungen ausgetauscht hatten, gab der Herr Cecca den Befehl, den Faden der Erzählung weiterzuspinnen, und Cecca erzählte wie folgt:

Wenn der Mensch bedächte, wieviel Schaden und Unheil und welches Verderben durch schamlose Weiber in der Welt angerichtet werden, würde er die Fährte eines liederlichen Weibsbildes sorgsamer fliehen als den Anblick einer Schlange; und er würde seine Ehre nicht aufs Spiel setzen für solch einen Bordellwisch, nicht sein Leben für ein Spital von Krankheiten und nicht all sein Einkommen für eine Metze, die noch keine drei Heller wert ist, die dir nichts eingibt als Abführpillen für Ekel und Ärger: was ihr vernehmen sollt aus der Geschichte eines Prinzen, der sich solch schlimmem Pack in die Hände gegeben hatte.

Es lebten einmal unten in der Vorstadt von Miano ein Mann und eine Frau, die sich, da ihnen auch nicht der Keim eines Kindes beschert war, nichts sehnlicher wünschten als einen Erben. „O Gott, wenn ich doch nur irgend etwas zur Welt brächte, und wäre es auch nur ein Myrtenzweiglein!“ so seufzte die Frau ohne Unterlaß. Und so oft sang sie diese Melodie und lag dem Himmel so lange damit in den Ohren, bis ihr der Leib schwoll und sich rundete und sie nach Ablauf von neun Monaten, anstatt ein Knäblein oder Mägdelein der Wehmutter in den Arm zu legen, aus den elysäischen Gefilden des Leibes einen schönen Myrtenzweig hervortrieb.

Hocherfreut pflanzte sie ihn in einen Blumentopf, der mit viel schönen Masken geschmückt war, stellte ihn auf das Fensterbrett und pflegte ihn des Morgens und des Abends mit größerer Sorgfalt als der Bauer sein Kohlfeld, aus dem er die Pacht seines Gartens zu erzielen hofft. Als aber der Königssohn, der auf die Jagd gehen wollte, an dem Hause vorbeikam, verliebte er sich über alle Maßen in den schönen Myrtenzweig, und er ließ die Bäuerin bitten, ihn ihm zu verkaufen, und hätte ihr gern ein Auge dafür gezahlt. Nach vielem Nein und vielem Widerspruch wurde sie schließlich von Begehrlichkeit nach dem Angebot ergriffen, von Versprechungen geschmiert, durch Drohungen verschüchtert und durch Bitten überwunden, so daß sie ihm den Topf mit dem Myrtenzweig gab mit der Bitte, ihn zu hegen und zu pflegen, denn sie liebe ihn mehr als einen Sohn und hinge in Zärtlichkeit an ihm, wie wenn er aus ihrem Leibe hervorgegangen wäre.

Niemand jubelte lauter als der Prinz. Er ließ den Myrtenzweig in seine eigenen Gemächer tragen, setzte ihn auf eine Terrasse, lockerte das Erdreich und begoß den Zweig mit eigenen Händen.

Nun geschah es, daß der Prinz, als er eines Abends zu Bett gegangen war und die Kerzen schon gelöscht hatte, die Stille sich ringsum dehnte und die Menschen im ersten Schlummer lagen, das Schlurfen von Schuhen im Hause vernahm und jemand vorsichtig auf sein Bett zuschleichen spürte. Es schoß ihm durch den Kopf, es könne sein Kammerdiener sein, der ihm die Börse erleichtern, oder ein Kobold, der ihm die Decke vom Leibe ziehen wollte. Kurzum, als Mann von Mut, dem auch die finsterste Hölle keine Furcht einjagen konnte, stellte er sich mausetot und harrte des Ausgangs des Abenteuers. Als er jedoch jemand an seiner Seite fühlte und im Tasten auf etwas Weiches stieß, wo er auf die Borsten eines Stachelschweins zu treffen vermeinte, da fand er etwas, das war viel feiner und molliger als armenische Wolle, sanfter und schmiegsamer als ein Marderschwanz, flaumig und zart wie das Gefieder des Stieglitzes. Da schloß er sie in seine Arme in dem Glauben, sie sei eine Fee, was sie ja auch wirklich war, und umschlang sie wie ein Polyp und spielte mit ihr all die verliebten Spiele wie „die stumme Spätzin“ oder „Steinchen im Schoß“. Doch ehe die Sonne ihre ärztliche Visite bei den Blumen machte, die in der Nacht krank und matt geworden waren, erhob sich die Freundin und schlüpfte davon. Der Prinz aber blieb zurück voll süßer Erschöpfung, geladen mit Neugier und glühend vor Entzücken.

Sieben Tage hindurch währte das Spiel, und der Prinz verzehrte sich und verschmachtete vor Begierde, zu erfahren, welches Glück ihm da von den Sternen herabgeregnet war, und welches Schiff, so reich beladen mit den kostbarsten Schätzen der Liebe, da in seinem Bette Anker geworfen hatte. Als daher eines Nachts das schöne Kind eingeschlummert war, band er sich eine ihrer Flechten an den Arm, damit sie nicht davonschlüpfen könnte, rief seinen Kammerdiener und hieß ihn die Kerzen anzünden und erblickte die Blüte der Schönheit, das Wunder der Frauen, den Spiegel und das Nesthäkchen der Venus, sah ein Püppchen, ein anmutiges Täubchen, eine Fata Morgana, ein leuchtendes Banner, ein Zweiglein von Gold, schaute eine Herzensbrecherin, ein Falkenauge, einen Mond in seiner Fülle, einen Königsbissen, ein Juwel, nahm mit einem Wort ein Schauspiel wahr, wie er es noch nie gesehen.

Wieder und wieder betrachtete er sie und rief: „Jetzt krieche hinter den Ofen, du zyprische Göttin! Häng dich auf, o Helena! Pack dich, schöne Kleopatra! Eure Reize sind ein Pappenstiel neben dieser Schönheit mit doppelten Sohlen, dieser vollkommenen, ungeteilten, vollendeten, unbestreitbaren, fest gegründeten und tief verwurzelten Schönheit, neben dieser wunderbaren Holdseligkeit, neben dieser sevillanischen, unübertrefflichen, bezaubernden, prächtigen Anmut, an der kein Makel ist und die nirgendwo einer Erhöhung bedarf. O Schlaf, du süßer Schlaf, tröpfle weiter Mohn auf die Augen dieses Edelsteins! Zerstöre mir nicht den Genuß, so lange, wie es mich verlangt, diesen Triumph der Schönheit zu betrachten. O schöne Flechte, die mich bindet! O schöne Augen, die mich wärmen! O schöne Lippen, die mich erquicken! O schöne Brust, die mich tröstet! O schöne Hand, die mich durchbohrt. Wo, wo, in welcher Wunderwerkstatt der Natur ist diese lebende Statue geschaffen worden? Welches Indien lieferte das Gold, dieses Haar daraus zu spinnen? Welches Äthiopien das Elfenbein, um diese Stirn zu bilden? Welche Maremme die Karfunkel, diese Augen zu formen? Welches Tyrus den Purpur, dieses Antlitz zu färben? Welcher Orient die Perlen, um diese Zähne zu modeln? Und von welchem Gebirge nahm man den Schnee, ihn auf diese Brust zu streuen? Diesen Schnee, der gegen alle Natur die Blumen am Leben erhält und die Herzen wärmt?“

Bei diesen Worten schlang er seine Arme wie Rebenranken um die Fee, um den Trost seines Lebens festzuhalten. Doch als er ihren Hals umfaßte, erwachte sie aus ihrem Schlummer und antwortete mit einem anmutigen Gähnen auf die Seufzer des verliebten Prinzen. Da er sah, daß sie erwacht war, sprach er zu ihr: „O mein Schatz, wenn ich schon fast gestorben wäre, als ich diesen Liebestempel ohne Kerze bewachte, was soll nun erst aus meinem Leben werden, da du zwei Sterne entzündet hast? O schöne Augen, die ihr mit dem Triumph eures Lichtes die Bank der Gestirne gesprengt, ihr allein habt dieses Herz durchbohrt, ihr allein könnt wie mit frischen Eiern die Wunde wieder zum Versiegen bringen. Und du, meine schöne Ärztin, laß dich von Mitleid rühren mit einem Liebeskranken, der beim jähen Wechsel aus der Luft der dunklen Nacht in das Licht dieser Schönheit sich ein Fieber zugezogen hat! Leg mir die Hand aufs Herz, fühl mir den Puls, verschreib mir ein Rezept! Aber welches Rezept suche ich, meine Fee? Setze mir mit deinem schönen Munde fünf Schröpfköpfe auf die Lippen; ich brauche keine andere Einreibung als ein Streicheln dieses Händchens, denn ich bin sicher, daß du mich mit dem herzstärkenden Wasser dieser zierlichen Anmut und der Heilwurzel deiner Zunge stark und gesund machen wirst.“

Bei diesen Worten errötete die schöne Fee wie eine flammende Lohe, und sie antwortete: „Lobet mich nicht so sehr, gnädiger Herr Prinz, ich bin nur eine Dienerin, und diesem königlichen Antlitz aufzuwarten, würde ich nicht davor zurückschrecken, das Gefäß der Nacht für Euch zu leeren; erachte ich es doch für ein hohes Glück, aus einem Myrtenzweig in einer tönernen Scherbe zum Lorbeerzweig geworden zu sein und an der Herberge eines lebendigen Herzens aufgesteckt zu werden, in der so viel Güte und so viel Tugend wohnt.“

Der Prinz schmolz dahin wie ein Talglicht, und wieder begann er sie zu umarmen und den Brief mit einem Kusse zu besiegeln; und er reichte ihr die Hand und sprach: „Hier hast du mein Wort, du sollst meine Gemahlin werden, du sollst die Herrin des Zepters sein, du sollst den Schlüssel zu diesem Herzen haben, wie du ja schon das Steuer dieses Lebens führst.“ Und nach diesen und anderen Liebenswürdigkeiten und Reden erhoben sie sich vom Lager und versicherten sich, daß ihr innerer Mensch noch in Ordnung war, und auf diese Weise genossen sie noch eine Reihe von Tagen.

Das Schicksal aber, dieser Spielverderber und Ehestörer, steht den Plänen der Liebe immer im Wege, es ist immer der schwarze Köter, der die Freuden der Liebenden verbellt, und so geschah es denn auch, daß der Prinz aufgefordert wurde, Jagd zu machen auf einen großen wilden Eber, der das Land verwüstete. Das zwang ihn, die Fee zu verlassen und damit zwei Drittel seines Herzens; und da er sie mehr liebte als sein Leben und in ihr den Ausbund alles Schönen sah, sproß aus dieser Liebe und dieser Schönheit jene dritte Art, die ein Sturm auf dem Meere der Liebesfreude ist, ein Regen auf die Wäsche der Liebestruhe, ein Ruß, der in den fetten Topf der Vergnügen der Verliebten fällt; jene Art sage ich, die eine stechende Schlange, ein nagender Wurm, eine giftige Galle, ein klirrender Frost ist, jene Art, die das Leben immer in Spannung hält, das Gemüt immer schwanken macht, das Herz immer mit Argwohn füllt. Er rief also die Fee und sprach zu ihr: „Ich bin gezwungen, liebes Herz, zwei oder drei Tage von Hause fortzugehen. Gott weiß, mit welchen Schmerzen ich mich von dir trenne, die du meine Seele bist; es weiß der Himmel, ob nicht, ehe ich den ersten Schritt von dir weg tue, meine letzte Stunde gekommen ist! Doch da ich nicht anders kann, als meinem Vater zu Willen zu sein, muß ich dich verlassen. Aber ich bitte dich, bei aller Liebe, die du zu mir hegst, begib dich wieder in den Myrtenzweig und komme nicht eher heraus, als ich zurückgekehrt bin, und das wird so bald wie möglich sein.“ — „Das werde ich tun“, versetzte die Fee, „denn ich mag, kann und will dem nicht entgegen sein, was dir gefällt. Geh also, und alles Glück auf den Weg, ich werde dir aufs beste dienen. Aber tu mir einen Gefallen, binde oben an den Myrtenzweig einen seidenen Faden mit einem Glöckchen, und wenn du zurückkehrst, ziehe an dem Faden und klingele, dann komme ich sofort heraus und rufe: ,Hier bin ich!‘“

Der Prinz tat so und schärfte einem seiner Diener ein: „Komm her, komm her, du, sperr die Ohren auf, mach dieses Bett jeden Abend, als ob ich darin schlafen wollte, begieße täglich diesen Topf und paß wohl auf, denn ich habe die Blätter gezählt, und finde ich eines weniger, so kannst du deine Rechnung mit dem Himmel machen.“ Mit diesen Worten bestieg er sein Roß und ritt davon wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, um hinter einem Eber herzujagen.

Inzwischen hatten die sieben lockeren Weiber, die der Prinz zu seinem Vergnügen gehalten hatte, gemerkt, daß er in der Liebe nachgelassen, erkaltet war und aufgehört hatte, ihre Gärtlein zu bestellen, und sie schöpften Verdacht, er könne über irgendeine neue Bindung die alte Freundschaft vergessen haben. Begierig, Land zu entdecken, riefen sie einen Maurer, und mit dem Klang des Geldes brachten sie ihn dazu, einen unterirdischen Gang zu graben, der von ihren Häusern zu dem Palaste des Prinzen führte. Dort eingedrungen, öffneten die schmutzigen Weiber das Gemach, um zu sehen, ob eine listenreiche Nebenbuhlerin ihnen die Stellung weggenommen und den guten Kunden bezaubert hätte, aber sie fanden niemand. Als sie den wunderschönen Myrtenzweig erblickten, pflückte eine jede ein Blatt ab, die Jüngste aber nahm die ganze Spitze, an welcher das Glöckchen befestigt war; und dieses, kaum berührt, ertönte, und die Fee, des Glaubens, es sei der Prinz, kam sofort hervor. Als die häßlichen Hexen jedoch die zierliche Gestalt gewahrten, schlugen sie ihr die Nägel ins Gesicht und kreischten: „Bist du es, die das Wasser unserer Hoffnungen auf ihre Mühle leitet? Bist du es, die uns den hübschen Bissen der prinzlichen Gunst aus den Händen gerissen hat? Bist du die saubere Dame, die sich in den Besitz des Bratens gesetzt hat, der uns gehörte? Sei uns willkommen: du hast deinen letzten Schritt getan! Es wäre besser, deine Mutter hätte dich nie geboren! Das wird dir übel bekommen! Du hast gefunden, was du nicht suchtest! Du kommst uns wie gerufen! Ich will kein Neunmonatskind sein, wenn du uns entgehst!“ Mit diesen Worten schlugen sie die Fee mit einer Keule auf den Kopf und zerschnitten sie sofort in hundert Stücke, und jede nahm sich ihren Teil. Nur die Jüngste wollte sich an der Bluttat nicht beteiligen, und als sie von den Schwestern aufgefordert wurde, zu tun wie sie, nahm sie nur ein Büschel von dem goldenen Haar. Da sie fertig waren, verschwanden sie durch denselben unterirdischen Gang.

Mittlerweile kam der Kammerdiener, um das Bett zu machen und den Topf zu begießen, wie sein Herr ihm befohlen hatte. Als er die Zerstörung sah, wäre er beinahe vor Schrecken davongelaufen. Er biß sich die Hände, dann sammelte er die Überreste des Fleisches und der Knochen, wusch das Blut vom Boden ab, häufte alles in demselben Topfe zusammen, begoß es, legte das Bett offen, schloß ab, und nachdem er den Schlüssel unter die Schwelle gelegt hatte, floh er eilends aus dem Lande.

Als er von der Jagd zurückkehrte, zog der Prinz an der Seidenschnur und läutete das Glöcklein. Aber läute nur, daß du Wachteln fängst, läute nur, denn der Bischof zieht vorbei! Er hätte mit dem Hammer läuten können, die Fee stellte sich taub. Wütend eilt er in das Gemach, und da er nicht die Ruhe hat, den Kammerdiener zu rufen und den Schlingel zu suchen, stemmt er sich gegen das Schloß, sprengt die Tür auf, stürzt hinein, reißt das Fenster auf, und als er den Myrtenzweig entblättert dastehen sieht, erhebt er ein großes Klagegeschrei und ruft mit schriller Stimme: „O ich Elender, o ich Trübseliger, o ich Unglücklicher! Wer hat mir diesen Wergbart umgehängt? Wer hat mir diese Unglückskarte vorgespielt? O du vernichteter, zerschmetterter, in den Staub gestürzter Prinz! O meine entblätterte Myrte, o meine verlorene Fee, o mein kummervolles Leben, o ihr meine in Rauch aufgegangenen Freuden, o mein zu Essig gewordener Wein! Was sollst du tun, elender Cola Marchionne! Was beginnen, du Unglücklicher? Nun spring über den Graben, zieh dich aus dieser Klemme! Du bist aus allen Himmeln gestürzt und schneidest dir nicht die Kehle durch? All deiner Schätze hat man dich beraubt, und du brichst nicht ohnmächtig zusammen? Das Leben hat man dir genommen, und du verlierst nicht den Verstand? Wo bist du, wo bist du, meine Myrte? Welches Herz, härter denn Pfefferstein, hat mir diesen schönen Topf zerschlagen? O verfluchte Jagd, du hast mich aus all meinem Behagen gejagt. Weh mir, um mich ist es geschehen, ich bin vernichtet, ich bin tot, meine Tage sind zu Ende! Ich kann nicht mehr leben, wie soll ich dieses Dasein fristen ohne mein Leben? Ich muß mich auf die Bahre strecken, denn ohne meinen Schatz wird der Schlaf mir zur Qual, das Essen zu Gift, das Vergnügen zur Folter, das Leben zur Bitternis!“

Solche und andere Worte, die einen Stein auf der Straße hätten erweichen können, stieß der Prinz hervor, und nach einer langen Totenklage und schmerzlichem Jammern, voller Angst und Weh, konnte er weder ein Auge schließen, um zu schlafen, noch den Mund öffnen, einen Bissen zu genießen, so durchwühlte ihn der Schmerz. Sein Gesicht, das vorher geleuchtet hatte wie orientalische Mennige, wurde gelb wie Schwefel und der rosige Schinken seiner Lippen ranzig wie Schweineschmalz. Die Fee, die aus den in dem Topfe gesammelten Resten wieder anfing zu wachsen, sah, wie der arme Verliebte sich zerschlug und die Haare raufte und klein und häßlich wurde und aussah wie ein kranker Spanier, wie eine wurmige Eidechse, wie Kohlsuppe, wie Gelbsucht, wie eine Quitte, wie der Steiß eines Feigenfressers und der Furz eines Wolfes; und sie wurde von Mitleid bewegt. Und mit einem Satze aus dem Topf springend, wie ein Lichtstrahl aus einer Blendlaterne huschend, stand sie vor den Augen von Cola Marchionne, schlug ihm die Arme um den Hals und sagte: „Ruhig, ruhig, mein Prinz! Es ist genug, hör auf zu klagen, trockne deine Tränen, glätte deine Stirne! Sieh da, ich bin gesund und munter, jenen schlechten Weibern zum Trotz, die mir den Schädel spalteten und mit meinem Fleische verfuhren wie Typhon mit seinem armen Bruder.“

Bei diesem jähen Wechsel der Dinge, der gerade eintrat, als er es am wenigsten vermutete, erwachte der Prinz vom Tode zum Leben. Die Farbe kehrte in seine Wangen zurück, die Wärme ins Blut, der Geist in die Brust, und tausendmal herzte und küßte er die Fee und wollte haarklein wissen, wie alles gekommen war. Und als er erfuhr, daß den Kammerdiener nicht die geringste Schuld traf, ließ er ihn zurückrufen, hieß ein großes Gastmahl anrichten und vermählte sich mit Zustimmung seines Vaters mit der Fee. Er wünschte, daß außer allen Großen des Reiches vor allem die sieben Schandweiber zugegen wären, die aus diesem Milchschäfchen Hackfleisch gemacht hatten.

Als die Tische abgeräumt wurden, fragte der Prinz jeden einzelnen seiner Gäste: „Was hätte die Person verdient, die diesem schönen Kinde ein Leids angetan?“ Und dabei zeigte er mit dem Finger auf die Fee, die so schön war, daß sie die Seelen wie ein Blitz durchpfeilte, die Herzen wie eine Winde herauszog und die Wünsche karrenweise erregte. Und alle, die am Tisch saßen, beim König angefangen, gaben Antwort. Der eine sagte, sie verdiene den Galgen, ein anderer, es stehe ihr zu, aufs Rad geflochten zu werden, der dritte empfahl glühende Zangen, der vierte wollte sie vom Felsen herabgestürzt sehen, der eine empfahl diese, der andere jene Strafe. Zuletzt kam die Frage an die sieben Scheusale. Diese ahnten wohl, daß es ihnen an den Kragen gehen würde und ihnen eine schlimme Nacht bevorstand, dennoch antworteten sie, da nun einmal im Wein Wahrheit ist, wer die Verwegenheit besitze, jene köstlichste aller Liebesfreuden anzurühren, der verdiene, lebendig in einer Kloake begraben zu werden.

Auf diesen Urteilsspruch, den sie mit eigenem Munde gefällt hatten, sagte der Prinz: „Ihr habt euch selbst den Prozeß gemacht, ihr selbst habt den Urteilsspruch verkündet. Mir bleibt nur übrig, euren Befehl auszuführen, denn ihr seid diejenigen, die mit dem Herzen eines Nero, mit der Grausamkeit einer Medea einen Eierkuchen aus diesem schönen Köpfchen gemacht und diese köstlichen Glieder zerschnitten habt wie Wurstfleisch. Drum vorwärts, schnell, daß keine Zeit verlorengeht! Auf der Stelle sollen sie in die Hauptkloake gestürzt werden und dort jämmerlich ihr Leben beschließen!“

Der Befehl wurde sofort ausgeführt. Der Prinz verheiratete die jüngste dieser Dirnen mit dem Kammerdiener und gab ihr eine gute Mitgift. Und nachdem er dem Vater und der Mutter des Myrtenzweiges ein bequemes Dasein gesichert hatte, lebte er in Fröhlichkeit mit seiner Fee. Jene Töchter der Hölle aber, die ihr Leben in so bitterer Not beschlossen, bestätigten die Wahrheit des Sprichwortes unserer Väter:

Die lahme ziege käm’ ans ziel,

wenn sie nicht stolperte und fiel.

III
Peruonto

Peruonto, ein großer Tölpel, geht in den Wald, um ein Bündel Reisig zu schlagen. Er erweist sich liebenswürdig gegenüber drei Jünglingen, die in der Sonne schlafen. Sie verleihen ihm Zauberkraft, und als er von der Königstochter verhöhnt wird, flucht er ihr und wünscht, sie möchte von ihm schwanger werden, was in der Tat geschieht. Als man entdeckt, daß er der Vater der Kinder ist, die sie zur Welt bringt, läßt der König ihn samt der Frau und den Kindern in eine Tonne stecken und ins Meer werfen. Kraft seiner Zaubergabe aber übersteht er die Gefahr, verwandelt sich in einen schönen Jüngling und wird König.

Alle bewiesen ihre große Freude über die Tröstung, die dem armen Prinzen zuteil geworden, und über die Strafe, die den schlimmen Weibern auferlegt worden war. Da aber Menica in der Erzählung fortfahren sollte, verstummte das Geschwätz, und sie begann die folgende Geschichte zu erzählen:

Eine gute Tat geht nie verloren. Wer Freundlichkeiten sät, erntet Wohltaten, und wer Liebenswürdigkeiten pflanzt, heimst Liebe ein. Die Freude, die man einem edlen Herzen macht, ist noch niemals unfruchtbar gewesen, sie erzeugt vielmehr Dankbarkeit und gebiert Belohnung. Das hat man im menschlichen Leben immer wieder erfahren, und ihr werdet es auch bestätigt finden in dem Beispiel, das ich euch nun erzählen will.

Ceccarella, eine wackere Frau aus Casoria, hatte einen Sohn namens Peruonto, und der war der nichtsnutzigste Tagedieb, der größte Tölpel, die prächtigste Schafsnase, die die Natur je hervorgebracht hat. Der unglücklichen Mutter war das Herz darob schwärzer geworden als ein Küchenwischlappen, und sie verfluchte alle Tage die Knie, die jenem Uhu den Weg ins Leben erschlossen hatten, dessen Federn man sich wahrhaftig nicht an den Hut stecken konnte. Aber sie hatte gut reden, rufen und schreien, das arme Weib. Der Faulpelz tat, als hörte er sie nicht, und bequemte sich nicht, ihr auch nur den geringsten Dienst zu erweisen. Nachdem sie ihm tausend Strafpredigten gehalten, ihm tausendmal den Kopf gewaschen und tausendmal erklärte hatte: „Das sage ich dir, und das laß dir gesagt sein“, nach Geschimpfe am Morgen und Gezeter am Abend, schickte sie ihn endlich in den Wald, ein Bündel Holz zu schlagen, indem sie zu ihm sagte: „Lauf schnell und hole das Holz, versäume dich nicht auf dem Wege und komm geschwind wieder, denn wir wollen Carfioli in Öl kochen, vier Stück, um dieses elende Leben weiter fristen zu können.“

Der Faulenzer Peruonto machte sich auf den Weg wie einer, der von den Gerichtsdienern zum Galgen begleitet wird. Er schlich von dannen und machte so vorsichtige Schritte, als ginge er auf Eiern. ,Kommst du heute nicht, kommst du morgen, übermorgen aber ganz sicher‘, so zählte er seine Schritte und schlenderte ganz gemächlich auf das Wäldchen zu. Da traf er mitten auf einem Felde, das ein Flüßchen durcheilte, murmelnd und murrend über die Ungefälligkeit der Kiesel, die ihm den Weg versperrten, drei Jünglinge, die das Gras zu ihrer Matratze und einen Stein zum Kopfkissen gemacht hatten und wie die Toten schliefen, während die Peitsche der Sonne senkrecht auf sie herniederfuhr. Als Peruonto sah, wie sie inmitten dieses glühenden Kalkofens zu einer Wasserquelle geworden waren, wurde er von Mitleid gepackt, so daß er mit dem Beil, das er bei sich führte, ein paar Eichenzweige abhieb, daraus er ihnen ein schönes Laubdach flocht. Da erwachten die drei Jünglinge, die Söhne einer Fee, und aus Dankbarkeit für seine Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit verliehen sie Peruonto die Gabe der Zauberkunst: alles, was er sich wünschte, das sollte sofort Wirklichkeit werden.

Darauf schlug Peruonto den Weg zum Walde ein, wo er ein so gewaltiges Bündel Reisig schlug, daß er einen Karren nötig gehabt hätte, es fortzubewegen. Da er einsah, daß es unmöglich für ihn war, es auf seinen Schultern fortzutragen, setzte er sich rittlings darauf und sprach: „Ach du meine Güte, wenn dieses Bündel mich doch forttrüge wie ein Pferd!“ Und siehe da, das Bündel setzte sich in Bewegung wie ein edles Roß aus Bisignano, und vor dem Königsschlosse angelangt, machte es Volten und Kurbetten, daß die Leute aus dem Staunen nicht herauskamen.

Die Edelfräulein, die an einem Fenster standen und dies wunderbare Schauspiel sahen, liefen hin und holten die Königstochter Vastolla. Die eilte ans Fenster, und als sie die Volten und Sprünge des Reisigbündels sah, brach sie in ein Gelächter aus, so daß man sich nicht erinnern konnte, sie, die melancholischen Gemütes war, jemals so lachen gehört zu haben. Peruonto hob den Kopf, und als er merkte, daß man sich über ihn lustig machte, rief er: „O Vastolla, daß du doch schwanger würdest von diesem Reittier!“ Damit stieß er dem Bündel die Hacken in die Seiten und langte in einem Türkengalopp unter Geschrei und Spottrufen zu Hause an, ein solcher Schwarm Kinder hinter ihm her, daß seine Mutter flugs hinzusprang und die Tür verriegelte, sonst hätten sie ihn mit Zitronen und Kohlstrünken zu Tode gesteinigt.

Vastolla, die zunächst die Monatsröschen vergeblich erwartete und dann von Übelkeit und Erschöpfung des Herzens heimgesucht wurde, merkte bald, daß sie Kinderkorn geschluckt hatte. Soviel sie vermochte, verbarg sie ihren Zustand, schließlich aber konnte sie ihren Bauch nicht mehr verstecken; denn er war aufgegangen wie eine Tonne, so daß auch der königliche Vater entdeckte, was in Wirklichkeit mit ihr los war. Seine Wut kannte keine Grenzen. Er versammelte seine Räte und sprach: „Ihr wißt ja schon, daß der Mond meiner Ehre Hörner angesetzt hat. Ihr wißt bereits, daß meine Tochter zur Niederschrift der Chronik meiner Schmach das hürnene Material für das Schreibzeug geliefert hat. Ihr wißt, daß sie, um mir die Stirn zu belasten, sich den Bauch hat beschweren lassen. Darum sagt und ratet mir! Ich möchte der Meinung sein, daß sie eher ihre Seele aus dem Leibe lassen sollte als einen Sprößling schlechten Herkommens. Mir stände der Sinn danach, sie eher das Weh des Todes als die Wehen der Geburt erleiden zu lassen. Ich möchte meinen, man sollte sie lieber aus dieser Welt gehen lassen, als daß ein Sprößling und Nachkomme aus ihr hervorgehe.“

Die Räte, lauter Männer, die mehr Öl als Wein verbraucht hatten, erwiderten: „Wahrhaftig, sie hat eine schwere Strafe verdient, und aus dem Horne, das sie Euch auf die Stirne gepflanzt, sollte man den Griff des Messers machen, das ihr den Lebensfaden durchschnitte. Trotz alledem, wenn wir sie jetzt töteten, da sie schwanger ist, würde uns der Verwegene durch die zerrissene Masche schlüpfen, der, um Euch in ein Getümmel von Ärger zu stürzen, Euch zur Rechten wie zur Linken mit einem Horne bewaffnet hat. Drum verzieht noch eine Weile, ehe Ihr wie ein gehörnter Held dem Drachen Eurer Schande zu Leibe rückt, bis sie aus dem Hoffen in den Hafen gekommen ist, dann wollen wir entdecken, welcher Art die Wurzel dieser Schmach ist. Dann wollen wir überlegen und cum grano salis beschließen, was mit ihr geschehen soll.“

Der König nahm den Rat an, denn er sah, daß sie mit Scharfsinn und Weisheit gesprochen hatten; darum hielt er seine Hand zurück und sprach: „Warten wir den Ausgang des Handels ab!“

Nach dem Willen des Himmels kam die Stunde der Geburt, und nach vier Wehen, ganz leichten und zarten, und nachdem sie nur einmal an dem Fläschchen gerochen, das ihr die Wehmutter an die Nase hielt, ja, bei ihrem ersten Zuspruch und dem ersten Pressen des Leibes, warf Vastolla der Gevatterin zwei stramme Söhne in den Schoß, die sich glichen wie ein Ei dem anderen.

Der König, der auch schwanger ging, und zwar mit seiner Wut, rief seine Räte zusammen, um seinerseits sich ins Kindbett zu legen, und sprach: „Also, meine Tochter hat geboren, nun ist es Zeit, den Schlag zu führen.“ — „Nein“, erwiderten die weisen Alten, denn sie hatten immer wieder einen neuen Einwand zur Hand, um Zeit zu gewinnen. „Nein, wir wollen warten, bis die Kinder groß und imstande sind, das Gesicht des Vaters herauszufinden.“ Der König, der keine Zeile schrieb, ohne das Linienblatt des Rates zu benutzen, aus Furcht, schief zu schreiben, zuckte die Achseln, faßte sich in Geduld und wartete.

Als die Söhne ihr siebtes Lebensjahr erreicht hatten, drang er aufs neue in die Räte, nun die Axt an den Stamm zu legen und an der richtigen Stelle zuzuschlagen. Einer von ihnen jedoch gab folgenden Rat: „Da Ihr Eurer Tochter weder habt auf den Grund des Herzens schauen noch sie zum Reden bringen können über den Falschmünzer, der die Krone auf Eurem Bilde verschandelt hat, müssen wir den Schandfleck ans Licht bringen. Es möge Euch daher gefallen, ein großes Gastmahl anrichten zu lassen, zu dem jeder Würdenträger und Edelmann dieser Stadt zu erscheinen hat. Dann laßt uns wachsam sein und aufpassen wie die Luchse, wem die Kinder, von der Natur getrieben, sich am willigsten zuneigen werden. Denn der wird ohne Zweifel der Vater sein, und wir werden ihn im Handumdrehen fortschaffen wie Elsterndreck.“

Der Rat gefiel dem König. So ordnete er denn das Bankett an und lud alle Personen von Rang und Stand dazu ein. Nach dem Mahle wurden sie in einer Reihe aufgestellt, und man ließ die Kinder an ihnen vorbeigehen. Sie aber machten nicht das geringste Aufheben von ihnen, so daß der König vor Wut schäumte und sich die Lippen biß, und obschon ihm doch kein Schuhanzieher aus Horn fehlte, stampfte er mit den Füßen auf die Erde, denn der enge Schuh drückte gar zu schmerzlich. Weswegen die Ratgeber zu ihm sprachen: „Langsam, Majestät, zügelt Euren Zorn, wir wollen morgen ein anderes Bankett veranstalten, und zwar nicht mit den Herrschaften von Geblüt, sondern mit der Hefe der Bevölkerung. Da ja das Weib sich immer an das Schlechteste hängt, entdecken wir vielleicht unter den Messerschmieden, den Paternosterhändlern und den Kammverkäufern die Ursache Eures Zornes, die wir unter den Kavalieren nicht gefunden haben.“

Dieser Rat leuchtete dem König ein, und er befahl, das zweite Bankett zu veranstalten. Auf die Bekanntmachung hin kamen sie alle: die Zerlumpten, die Schelme, die Fresser und Säufer, die Liederjane und Galgenvögel, die Eckensteher, Lastträger, die Hundefänger und armen Teufel, die Menschen im Lederschurz und in Holzpantinen, kurzum, das ganze Gesindel und Lumpenpack der Stadt. Und wie die Grafen setzten sie sich an einen riesenlangen Tisch und begannen sich die Bäuche mit beiden Fäusten vollzuschlagen. Als nun Ceccarella von dieser Aufforderung hörte, lag sie ihrem Sohne in den Ohren, er solle doch auch zu dem Feste gehen, und sie hörte nicht auf, ihn zu drängen, bis er sich zur Abfütterung begab. Kaum aber war er dort erschienen, da sprangen die schönen Kinder auf ihn zu, hängten sich an ihn wie die Kletten und herzten und küßten ihn, daß man es gar nicht beschreiben kann.

Als der König dieses Schauspiel sah, riß er sich den ganzen Bart aus, denn nun war ihm klar, daß das große Los und die Bohne in dem Kuchen einem häßlichen Bauernflegel zugefallen war, bei dessen Anblick sich einem der Magen schon umdrehte, denn den Kopf hatte er voll schwarzer Wolle, Augen wie eine Eule, eine Nase wie ein Papagei, ein Maul wie ein Affe; dazu trug er weder Schuhe noch Strümpfe und war so zerlumpt, daß man nicht die „Geheimnisse“ des Fioravanti zu lesen brauchte, um ihm hinter alle seine Heimlichkeiten zu kommen. Ein tiefer Seufzer entfuhr dem König, und er rief: „Welch ein Vergnügen konnte dieses Ferkel von meiner Tochter daran finden, sich in dieses Meerungeheuer zu verlieben? O du Schandweib, o du verblendete Metze, was sind das für Metamorphosen? Eines Schweines wegen wurdest du zur Kuh und machtest so mich zum Hammel! Sie soll die Strafe haben, die sie verdient. Sie soll die Pein erdulden, die ihr verhängt, schafft sie mir aus den Augen, ich kann sie nicht mehr sehen!“

Die Räte traten also zusammen, um den Fall zu erörtern, und sie kamen zu dem Beschluß, daß sowohl sie wie der Übeltäter und die Söhne in ein Faß gesteckt und ins Meer geworfen werden sollten, damit ihrem Leben ein Ende gemacht werde, ohne daß der König seine Hände mit seinem eigenen Blute besudeln müßte. Kaum war der Spruch verkündet, da stand auch schon das Faß bereit, in das sie alle vier eingeschlossen wurden. Ehe man aber den Deckel daraufnagelte, reichten einige Hoffräulein Vastolla ein Fäßchen mit gedörrten Trauben und trockenen Feigen hinein, damit die Unglücklichen sich noch eine kleine Weile am Leben erhalten könnten. Darauf wurde das Faß verschlossen, zum Meere gerollt und hineingeworfen, auf dem es im Treiben des Windes dahinschaukelte.

In dieser Not wandte sich Vastolla, der zwei Sturzbäche von Tränen aus den Augen sprangen, an Peruonto: „Welch großes Unglück hat uns getroffen, daß die Wiege des Bacchus zum Grabe unseres Lebens geworden ist! O wüßte ich doch wenigstens, wer meinen Leib so durcheinander gebracht hat, daß er schließlich in eine Tonne eingesperrt wurde! O weh, da bin ich nun angezapft worden und weiß nicht, von wem! Sag mir, sag mir doch, mit welchem Zauberwort und Zauberstab du es fertiggebracht hast, mich in die Dauben dieses Fasses zu sperren! Sag mir, sag mir doch, welcher Teufel dich versuchte, mir den unsichtbaren Hahn einzusetzen, so daß mir kein anderer Ausweg blieb als das schwarze Spundloch!“

Peruonto, der einen Augenblick die Ohren spitzte wie ein Krämer, erwiderte schließlich: „Soll ich es dir sagen, so gib mir Trauben und Feigen!“ Um ihm etwas aus dem Leibe zu ziehen, steckte Vastolla ihm eine Handvoll von beidem in den Mund. Und nachdem er sich den Schlund gefüllt, erzählte er Punkt für Punkt, was er mit den drei Jünglingen erlebt und dann mit dem Reisigbündel und schließlich mit ihr an dem Fenster, wo sie ihn behandelt hatte wie einen vollen Bauch, wofür er ihr den Bauch habe füllen lassen.

Als das arme Fräulein das hörte, faßte sie sich ein Herz und sagte zu Peruonto: „Mein Brüderchen, sollen wir denn in diesem Faß zugrunde gehen? Warum machst du nicht, daß dieses Holz zu einem schönen Schiffe wird, das uns aus den Gefahren in den sicheren Hafen trägt?“ Peruonto versetzte: „Gib mir Trauben und Feigen, wenn du willst, daß ich es sage!“ Das ließ sich Vastolla nicht zweimal sagen, sondern steckte ihm schnell die Röhre voll, und wie eine Fischerin im Karnevalszug fischte sie ihm mit den gedörrten Trauben und trockenen Feigen die Worte eins nach dem anderen aus dem Munde.

Und siehe, kaum hatte Peruonto gesagt, was Vastolla wünschte, da verwandelte sich das Faß in ein Schiff mit allem zur Seefahrt notwendigen Zubehör und all den Matrosen, die für den Dienst erforderlich waren. Hier sah man einen die Schotten ziehen, dort einen die Wanttaue raffen, dieser legte die Hand ans Steuer, der zog die Segel ein, jener kletterte auf den Mast, der eine schrie „nach Luv!“, der andere „nach Lee!“, dieser blies die Trompete, jener feuerte die Stücke ab, der tat dies, und der tat das. So war denn Vastolla auf einem Schiff, und sie schwamm in einem Meer von Glückseligkeit. Doch es war schon die Stunde nahe, wo der Mond mit der Sonne „wechselt, wechselt das Bäumelein!“ spielen wollte, und darum sagte sie zu Peruonto: „Mein schöner Jüngling, mach doch, daß dieses Schiff zu einem Palaste wird, wo wir sicher weilen können. Kennst du nicht das Sprichwort: ,Lobe das Meer, doch bleib hübsch auf dem Lande‘?“ Und Peruonto wie üblich: „Wenn ich das sagen soll, so gib mir Trauben und Feigen!“ Vastolla reichte ihm flugs das Notwendige, und dieser, so am Halse gekitzelt, sprach das Zauberwort. Und ohne weiteres lief das Schiff am Strande an und verwandelte sich in ein wunderschönes Schloß, mit herrlichen Möbeln überall, und so angefüllt mit allem Prunk und Pomp, daß nichts zu wünschen übrig blieb.

Auf diese Weise geschah es, daß Vastolla, die vorher keinen Pfifferling mehr für ihr Leben gegeben, nicht mehr mit der ersten Dame in der Welt getauscht hätte, denn sie sah sich behandelt und bedient wie eine Königin. Um ihr Glück aber vollends zu besiegeln, bat sie Peruonto, ein Zauberwort zu sprechen, um schön und stattlich zu werden, so daß sie sich vermählen könnten. Nun sagt zwar das Sprichwort: „Besser einen Lumpenkerl zum Ehemann als einen Kaiser zum Freunde.“ Ihr aber wäre es als die größte Seligkeit auf Erden erschienen, wenn er sein Aussehen verändert hätte. Peruonto schlug als Antwort wieder denselben Handel vor: „Gib mir Trauben und Feigen, wenn ich das sagen soll.“ Und Vastolla half prompt der Verstopfung seiner Worte mit einer Feigenkur ab, und er sagte seinen Wunsch, und in einem Augenblicke verwandelte er sich aus einer Krähe in einen Stieglitz, aus einem Waldschrat in einen Narziß, aus einem Scheusal in einen hübschen Burschen. Vastolla fühlte sich vor Freude in den siebten Himmel gehoben, drückte ihn an ihre Brust und verging vor Entzücken.

Mittlerweile war der König seit dem Tage, da ihm solches Unheil widerfahren, immer bis an den Hals voll gewesen von „Laßt mich in Ruhe!“, so daß ihn die Höflinge eines Tages zur Erholung mit auf die Jagd nahmen. Die Jagd führte sie weit, und der König, der jäh von der Nacht überrascht wurde, erblickte plötzlich ein Lichtlein aus dem Fenster eines Schlosses, und er schickte einen Diener aus, um festzustellen, ob man ihm ein Nachtquartier gewähren wolle. Der brachte ihm den Bescheid, er dürfe nicht nur einen Becher, sondern auch einen Nachttopf zerschlagen. Der König ging hin, und durch die Zimmer wandelnd, erblickte er keine Menschenseele, außer zwei Jünglingen, die auf ihn zustürzten und „Opa! Opa!“ riefen. Verwundert, erstaunt und verwirrt blieb er stehen, als ob er verzaubert sei, und als er sich müde an einen Tisch setzte, sah er unsichtbare Hände ein flandrisches Tafeltuch ausbreiten und Schüssel und Teller erscheinen wie beim „Tischlein deck dich!“, und er aß und trank wie ein König, bedient von den beiden schönen Jünglingen, während, solange er an der Tafel sitzenblieb, eine Musik von Lauten und Tamburinen ertönte, die ihm süß bis in die kleine Zehe drang. Als das Mahl beendet war, erschien ein Bett von schäumendem Golde, er ließ sich die Stiefel ausziehen und legte sich schlafen wie auch sein ganzes Gefolge, das an hundert anderen Tafeln, die in den übrigen Zimmern angerichtet standen, sich gütlich getan hatte.

Der Morgen kam, man rüstete zur Abreise, und der König wollte die beiden Jünglinge mitnehmen. Da aber erschien Vastolla mit ihrem Gemahl. Sie warfen sich ihm zu Füßen, baten ihn um Verzeihung und erzählten ihm ihr ganzes Schicksal. Der König, der zwei Enkel bekommen hatte, zwei wahre Edelsteine, und einen Schwiegersohn, schön wie ein Engel, umarmte den einen und die anderen und führte sie mit allen Ehren in die Stadt, wo die Feste tagelang kein Ende nahmen. Und er mußte, ob er wollte oder nicht, gestehen:

Der mensch denkt

und gott lenkt.

IV
Vardiello

Vardiello, ein Erztölpel, spielt seiner Mutter hundert schlimme Streiche und verliert schließlich ein Stück Leinwand. Und als er es auf törichte Weise von einer Statue wiederhaben will, wird er reich.

Menica hatte ihre Geschichte beendet. Sie wurde für nicht weniger schön befunden als die anderen, denn sie war so voller seltsamer Abenteuer, daß alle gespannt bis zum Ende lauschten. Auf den Befehl des Fürsten nahm nun Tolla das Wort. Und ohne sich lange aufzuhalten, begann sie wie folgt zu erzählen:

Wenn die Natur die Tiere in die Notwendigkeit versetzt hätte, sich selbst zu bekleiden und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, so wäre das vierbeinige Geschlecht schon längst zugrunde gegangen. Aber sie finden ihre Nahrung, ohne daß ein Gärtner sie zieht, der Koch sie bereitet, der Diener sie vorschneidet; ihr Fell schützt sie vor Regen und Schnee, ohne daß der Kaufmann das Tuch liefert, der Schneider das Kleid näht und der Lehrjunge um Trinkgeld bittet. Wohingegen die Natur sich dem verstandbegabten Menschen gegenüber keine Mühe gegeben hat, ihm ähnliche Bequemlichkeiten zu bieten, denn er weiß sich selbst zu beschaffen, was ihm not tut. Und das ist der Grund dafür, weswegen die Weisen sich gewöhnlich des Reichtums entschlagen müssen, während die Dummköpfe wohl damit versehen sind, wie ihr es auch aus der Geschichte ersehen könnt, die ich euch jetzt berichten will.

Grannonia von Aprano war eine sehr gescheite Frau, aber sie hatte einen Sohn namens Vardiello, der war der jämmerlichste Tölpel der ganzen Gegend. Dennoch liebte die Mutter ihn über die Maßen, denn die Augen der Mütter sind behext und schielen, und so hegte und pflegte sie den Jungen, als wäre er das schönste Geschöpf auf der Welt.

Nun hatte diese Grannonia eine Glucke und erhoffte sich von ihr eine schöne Schar Kücken, woraus sie guten Gewinn zu ziehen gedachte. Eines Tages, als sie sich eines Geschäftes wegen von Hause entfernen mußte, sagte sie zu ihrem Sohne: „Liebes Söhnchen, komm mal her und höre zu: hab ein Auge auf die Glucke, und wenn sie aufsteht, um zu fressen, sorge dafür, daß sie auf das Nest zurückkehrt, sonst werden die Eier kalt, und du bekommst weder Hühnchen noch Hähnchen.“ — „Laß mich nur machen“, erwiderte Vardiello, „denn du hast nicht zu einem Tauben gesprochen.“ Ferner fügte die Mutter hinzu: „Sieh her, geliebtes Söhnchen, in diesem Schrank ist ein lackiertes Töpfchen mit einer vergifteten Speise. Hüte dich, daß dir der Versucher nicht in den Kopf setzt, sie anzurühren, denn du würdest sofort alle viere von dir strecken.“ — „Das sei fern von mir“, versetzte Vardiello, „Gift kann mich nicht reizen. Und, du kluges Dummköpfchen, hast mich nicht umsonst davor gewarnt, denn es hätte mir doch in die Finger fallen können, und dann hätten mich weder Dornen noch Knochen daran hindern können, es in den Magen hinunterzuschicken.“

Kaum hatte die Mutter den Rücken gewendet, da eilte Vardiello, allein zurückgeblieben, unverzüglich in den Garten, um kleine Gräben auszuheben und mit Zweigen zu bedecken, damit die kleinen Kinder hereinfielen. Er war gerade mitten in der Arbeit, da bemerkte er, daß die Glucke außerhalb der Kammer spazieren ging. Sofort schrie er: „Husch, husch, mach dich fort, scher dich weg!“ Aber die Glucke zog sich nicht zurück. Als Vardiello sah, daß sie störrisch wie ein Esel war, schlug er sich nach vielem Husch! Husch! auf die Schenkel, und als das nichts half, warf er seine Mütze hinter ihr her, der Mütze schleuderte er einen Knüppel nach, der traf sie mit voller Wucht, so daß sie nach kurzem Todeskampf die Beine von sich streckte. Da saß Vardiello nun schön in der Tinte und dachte darüber nach, wie er dem Schaden abhelfen sollte. So machte er aus der Not eine Tugend und zog, damit die Eier nicht kalt würden, die Hosen herunter und setzte sich darauf; da er sie aber mit dem Hintern zu stark drückte, verwandelte er sie in einen Pfannkuchen. Nun war er aus dem Regen in die Traufe gekommen und drauf und dran, sich den Kopf an der Mauer einzurennen. Da aber jeder Schmerz seine Nahrung braucht und er eine Schwäche im Magen fühlte, beschloß er, sich die Glucke einzuverleiben. Darum rupfte er sie, steckte sie auf einen braven Bratspieß, zündete ein großes Feuer an und begann sie zu schmoren. Als sie beinahe gar war und er keine Zeit verlieren wollte, breitete er ein schneeweißes Tischtuch auf einen alten Kasten, nahm einen Krug und stieg in den Keller, ein Fäßchen Wein anzuzapfen. Gerade war er im besten Zug, den Wein hineinzugießen, da hörte er ein Rumoren und einen Lärm, als zöge eine Schar berittener Soldaten vorbei. Voller Bestürzung wandte er die Augen und erblickte einen großen Kater, der die Glucke samt dem Spieß davonschleppte, und eine Katze lief hinter ihm her, die miauend nach ihrem Anteil verlangte. Um den Verlust zu verhüten, stürzte sich Vardiello wie ein Löwe auf den Kater und ließ in der Eile das Fäßchen weiter auslaufen. Nachdem er durch alle Winkel des Hauses „Fang mich!“gespielt hatte,kam er wieder zu seiner Glucke; mittlerweile aber war der Wein aus dem Fäßchen über den ganzen Boden gelaufen. Als er in den Keller kam und die Überschwemmung sah, da lief ihm auch das Fäßchen seiner Seele durch die Röhren seiner Augen aus. Dann aber kam ihm ein rettender Gedanke. Um den Schaden wiedergutzumachen und dafür zu sorgen, daß seine Mutter nicht das ganze Unglück merkte, nahm er einen hochgefüllten Sack Mehl und streute ihn in das Fußbad. Bei alledem zählte er sich an den Fingern die Reihe der Unglücksschläge zusammen, die ihn getroffen hatten, und es kam ihm der Gedanke, daß ihm ein solches Übermaß von Eseleien wohl um die Gunst Grannonias gebracht haben würde. Darum faßte er den festen Entschluß, seiner Mutter lebend nicht wieder unter die Augen zu treten. Er nahm also aus dem Schrank das Gefäß mit den gezuckerten Nüssen, die nach ihrer Angabe Gift waren, und führte seine Hand solange hinein, bis er dem Topf auf den blanken Boden schauen konnte. Nachdem er sich so den Bauch gefüllt, kroch er in den Backofen.

Inzwischen kehrte die Mutter zurück. Sie klopfte eine Zeitlang, als sich aber niemand regte, trat sie die Tür ein und kam ins Haus. Mit lauter Stimme rief sie nach ihrem Sohne; da aber niemand Antwort gab, dachte sie, es sei ein Unglück geschehen, ihr Kummer wuchs, und sie schrie noch lauter: „O Vardiello, Vardiello, bist du denn taub geworden, daß du nicht hörst? Hast du die Gicht, daß du nicht hervorkommst? Hast du den Pips, daß du nicht antwortest? Wo steckst du nur, du Galgengesicht? Wo bist du, du Drückeberger, du Taugenichts? Hätte ich dich doch in meinem Backöfchen erstickt, als ich dich machte!“ Vardiello hörte das Geschrei, und endlich sagte er mit einem kläglichen Stimmchen: „Hier bin ich, ich stecke im Ofen, und du wirst mich nicht wiedersehen, liebe Mutter!“ — „Warum?“ fragte die arme Mutter. „Weil ich mich vergiftet habe“, erwiderte der Sohn. „Weh mir!“ fuhr Grannonia fort, „und wie hast du das angestellt? Welchen Grund hast du gehabt, die Untat zu begehen, und wer hat dir das Gift gegeben?“ Und Vardiello erzählte der Reihe nach all die schönen Kunststücke, die er angestellt hatte und deretwegen er sterben und nicht länger als Zielscheibe des Unglücks auf Erden weilen wollte.

Als sie das hörte, wurde es der armen Mutter schwarz vor den Augen und bitter ums Herz, und sie hatte allerhand zu tun und zu reden, um Vardiello, dem ihr Herz mit großer Zärtlichkeit entgegenschlug, die Mucken aus dem Kopf zu vertreiben. Darum überhäufte sie ihn mit Zärtlichkeiten, und mit Hilfe anderer Süßigkeiten nahm sie ihm die Furcht vor den gezuckerten Nüssen, die kein Gift, sondern eine Magenstärkung waren. Nachdem sie ihn auf diese Weise mit guten Worten besänftigt und mit tausend Liebkosungen überschüttet hatte, zog sie ihn aus dem Backofen heraus.

Um ihn vollends zu beruhigen, kam sie auf den Einfall, ihm ein schönes Stück Leinen anzuvertrauen, damit er es auf den Markt trüge, und sie ermahnte ihn, sich nicht auf ein Geschäft mit einem geschwätzigen Menschen einzulassen. „Ausgezeichnet!“ sagte Vardiello, „ich werde dir zur vollen Zufriedenheit dienen, darauf kannst du dich verlassen.“ Und er nahm die Leinwand unter den Arm und trabte der Stadt zu.

So schlenderte er über die Straßen und Plätze von Neapel und rief: „Leinwand! Leinwand!“ Aber wenn jemand auf ihn zukam und ihn fragte: „Was für Leinwand ist das?“ dann erwiderte er sofort: „Bleib mir vom Leibe, du bist mir zu geschwätzig!“ Und wenn ein anderer ihn fragte: „Was kostet sie?“ so nannte er ihn einen Schwätzer und behauptete, er habe ihn taub geredet und ihm den Kopf zerschlagen. Schließlich entdeckte er in dem Höfchen eines Hauses, in dem es spukte und das deswegen unbewohnt war, eine Statue, und der arme Kerl, müde und zerschlagen von den Wanderungen durch die Stadt, ließ sich auf einem Mäuerchen nieder. Da er niemand in dieses Haus, das einem ausgeplünderten Dorfe voller Wunderlichkeiten glich, hineingehen noch daraus hervorkommen sah, sagte er zu der Statue: „Hör mal, Kamerad, wohnt niemand in diesem Hause?“ Und da sie keine Antwort gab, kam sie ihm wie eine Person vor, die mit Worten sparsam umgeht, und so machte er ihr plötzlich den Vorschlag: „Willst du diese Leinwand kaufen? Ich lasse sie dir billig ab.“ Wieder schwieg die Statue, und er fuhr fort: „Wahrhaftig, jetzt habe ich gefunden, was ich suchte! Hier nimm sie und laß sie prüfen und zahle mir dafür, was dir gefällt, morgen komme ich wieder und hole das Geld.“ Mit diesen Worten ließ er die Leinwand auf dem Mäuerchen liegen, auf dem er gesessen hatte, und der erste, der hereintrat und in dem Höfchen ein kleines Geschäft zu verrichten hatte, machte den glücklichen Fund und trug ihn fort.

Als Vardiello ohne die Leinwand zu seiner Mutter zurückkehrte und den Fall erzählt hatte, wollte der armen Frau fast das Herz brechen. Und sie schimpfte auf ihn ein: „Was hast du mir schon alles angestellt! Rechne mal nach! Aber die Schuld daran habe in erster Linie ich, weil ich ein zu weiches Herz habe und dir nicht von Anfang an den Kopf mit einer ordentlichen Tracht Prügel zurechtgesetzt habe. Jetzt sehe ich, daß ein mitleidiger Arzt die Wunde unheilbar macht. Wenn du es so weitertreibst, dann ist das Maß bald voll, und dann mach dich auf eine gründliche Abrechnung gefaßt.“

Vardiello seinerseits hütete sich zu antworten: „Schweig still, Mutter, es wird schon nicht so kommen, wie du sagst, du sollst noch ganz was anderes haben als frisch geprägte Heller. Glaubst du vielleicht, ich käme von Dummsdorf und wüßte mich nicht bezahlt zu machen? Morgen sollst du’s erleben! Von hier bis Neapel ist nicht weit, und du sollst schon sehen, ob ich den Stiel in diesen Spaten bekomme!“

Am anderen Morgen, als die Schatten der Nacht, verfolgt von den Häschern der Sonne, das Land räumten, begab sich Vardiello zu dem Höfchen mit der Statue und sprach: „Guten Morgen, mein Herr! Wäre es dir wohl gefällig, mir die paar Heller zu geben? Vorwärts, bezahle mir die Leinwand!“ Als die Statue nach wie vor stumm blieb, hob er einen Stein auf und schleuderte ihn mit aller Gewalt der Statue vor die Brust, so daß er ihr eine Ader zerriß, und das wurde zur Rettung seines Hauses. Denn es lösten sich die Massen des Mörtels, und zum Vorschein kam ein Topf mit goldenen Talern. Er nahm ihn in beide Hände und rannte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit nach Hause. Laut rufend stürzte er ins Zimmer: „Mama, Mama, sieh mal wieviel rote Lupinen! Wie viele, o wie viele!“ Die Mutter aber, welche sofort erkannte, welches Vermögen in den Talern steckte, die ihr so unverhoffterweise in den Schoß gefallen waren, machte sich plötzlich klar, der Sohn könne den Fall ausposaunen, und der Gefahr wollte sie vorbeugen. Sie sagte also zu Vardiello, er sollte sich vor die Haustür setzen und aufpassen, wenn der Milchhändler vorbeikäme, denn sie wolle für ein paar Heller Milch kaufen.

Vardiello war nun ein gutmütiger Geselle und setzte sich sofort vor die Haustür. Die Mutter aber ließ eine gute halbe Stunde lang mehr als sechs Maß gedörrte Trauben und trockene Feigen auf ihn herabhageln. Er sammelte sie auf und schrie: „Mama, o Mama, nimm Mulden, hol Kufen, bring Körbe, denn wenn dieser Regen anhält, so werden wir reiche Leute!“ Und als er sich den Bauch vollgestopft hatte, ging er in seine Kammer und legte sich ins Bett.

Nun geschah eines Tages, daß zwei Leute aus dem Orte, übles Gesindel, sich zankten wegen eines Goldstücks, das sie auf der Straße gefunden hatten. Vardiello kam herzu und sagte: „Was seid ihr doch für Erzesel, solch ein Geschrei zu erheben wegen einer derartigen roten Lupine! Ich pfeife darauf, denn ich habe einen ganzen Topf voll davon gefunden!“

Man meldete dem Hohen Gericht diesen Ausspruch, und das schöpfte Verdacht, so daß man Vardiello vorladen und vernehmen ließ, wann und bei wem er die Taler gefunden, von denen er gesprochen habe. Vardiello antwortete: „Ich habe sie in einem Palast gefunden, in dem Leibe eines stummen Mannes, an dem Tage, da es gedörrte Trauben und trockene Feigen hagelte.“ Der Richter, der den falschen Ton in der Melodie gleich heraushörte, roch den Braten und verfügte, daß er ins Irrenhaus gesteckt werde, denn es war der für ihn zuständige Richter.

So machte die Unwissenheit des Sohnes die Mutter zu einer reichen Frau und der gesunde Verstand der Mutter die Eselhaftigkeit des Sohnes wieder wett, woraus man klar ersehen kann:

Ein klug und gut gesteuert schiff

fährt selten auf ein felsenriff.

V
Der Floh

Ein König, der etwas schwach im Kopfe ist, zieht einen Floh auf, bis er so groß wird wie ein Hammel. Nachdem er ihm die Haut hat abziehen lassen, bietet er demjenigen seine Tochter an, der sagen kann, von welchem Tier die Haut ist. Ein Zauberer erkennt es am Geruch und gewinnt die Prinzessin, die dann von den sieben Söhnen eines alten Weibleins mit ebensoviel Kunststücken befreit wird.

Der Fürst und die Mohrin wollten vor Lachen platzen über die Dummheit des Vardiello, und sie lobten die Klugheit der Mutter, welche sein tölpelhaftes Benehmen voraussah und ihm vorzubeugen verstand. Popa, die nun zum Erzählen aufgefordert wurde, begann ihre Geschichte, nachdem alle den Riegel vor ihre geschwätzigen Mäuler gelegt hatten:

Immer führen unverständige Entschlüsse zu unheilbarem Unglück: wer sich als Narr gebärdet, beklagt sich, wenn er weise geworden ist. So ging es auch dem König von Altomonte, dem ein hahnebüchener Entschluß zu einer Riesennarrheit gedieh, wobei er seine Tochter und seine Ehre in schwerste Gefahr brachte.

Der König von Altomonte wurde eines Tages von einem Floh gebissen, und als er ihn mit großer Geschicklichkeit gefangen hatte, erschien er ihm so blank und fett, daß ihm Bedenken kamen, ihm auf dem Schafott seines Daumennagels den Garaus zu machen.

Er ließ ihn daher in eine Karaffe stecken und nährte ihn jeden Tag mit dem Blute seines eigenen Armes. Dabei nahm der Floh an Umfang derart zu, daß der König ihm nach sechs Monaten ein anderes Gelaß anweisen mußte, und so wurde er nach und nach so groß wie ein Hammel.

Als er dieses Leibesmaß erreicht hatte, ließ der König ihm die Haut abziehen und sie gerben. Darauf machte er bekannt, daß derjenige, der ihm sagen könne, von welchem Tiere das Leder stamme, seine Tochter zur Frau haben sollte. Allerorten wurde die Bekanntmachung angeschlagen, und in hellen Scharen strömten die Menschen aus den entlegensten Winkeln zusammen, um sich an dem Wettkampf zu beteiligen und das eigene Glück auf die Probe zu stellen. Der eine sagte, es sei die Haut einer Meerkatze, der andere, die eines Luchses, dieser, die eines Krokodils, und jener, von diesem Tier, und ein anderer, von jenem. Alle aber schossen meilenweit daneben, und keiner traf ins Schwarze.

Endlich fand sich bei dieser Anatomie ein Zauberer ein, das entsetzlichste Untier, das man je gesehen hatte, so daß bei seinem bloßen Anblick auch dem unerschrockensten Jüngling von der Welt das Schlottern ins Gebein, die Schwäche ins Gedärm und der Frost ins Herz fuhr. Kaum angekommen, strich der Zauberer wie eine Fliege um die Haut herum, und als er sie von allen Seiten beschnüffelt hatte, traf er mit einem Schuß in das Zentrum der Scheibe und löste das Rätsel: „Das ist die Haut des Erzangebers unter den Flöhen!“

Der König sah, daß er sich hübsch in die Nesseln gesetzt hatte, aber er wollte sein Wort nicht zurücknehmen und ließ seine Tochter Porziella rufen, ein Kind wie Milch und Blut. Ach Gott! Anmutig war sie wie ein Rehlein, und das Feuer ihrer Augen versengte einem das Herz, so wunderschön war sie! Der König sprach zu ihr: „Meine Tochter, du kennst den Aufruf, den ich erlassen habe, und du weißt, wer ich bin. Ich kann mein Wort nun einmal nicht zurücknehmen: entweder bin ich ein König oder ein Holzklotz! Mein Wort ist gegeben, ich muß es halten, wenn auch das Herz mir bricht. Wer hätte denn denken können, daß das große Los bei dieser Lotterie auf einen Zauberer fallen würde? Aber kein Blättchen kann sich regen ohne Gottes Segen, und deshalb müssen wir glauben, daß diese Ehe zuerst dort droben und dann hier unten geschlossen wird. Habe darum Geduld, und wenn du eine brave Tochter bist, so sei deinem Papa zu Willen, denn mir sagt das Herz, daß es zu deinem Besten sein wird. Wie oft hat man nicht in einem Topf aus rohem Ton kostbare Schätze gefunden!“

Als Porziella diesen bitteren Beschluß vernahm, wurde es ihr schwarz vor den Augen, ihr Gesicht wurde gelb, ihre Lippen zuckten schmerzlich, die Knie zitterten ihr, und es fehlte nicht viel, so hätte sie den Falken ihres Schmerzes der Wachtel ihrer Seele nachgesandt. Schließlich brach sie in Tränen aus, erhob jammernd ihre Stimme und sagte: „Was habe ich denn Schlimmes verbrochen, daß mich diese Strafe trifft? Habe ich mich gegen dich so schlecht aufgeführt, daß ich in die Hände dieses häßlichen Teufels gegeben werden soll? O unglückselige Porziella! Soll ich denn freiwillig wie ein Wiesel einer Kröte ins Maul laufen? Siehe, ich bin ein unglückliches Lamm, das einem Werwolf zur Beute wird. Ist das die Liebe, die du für dein eigenes Blut hegst? Ist das die Zuneigung der gegenüber, die du den Augapfel deiner Seele nanntest? So willst du aus deinem Herzen verstoßen, was ein Teil deines eigenen Wesens ist? So reißt du aus deinen Augen, was das Licht deiner Tage ist? O Vater, o grausamer Vater! Du bist gewiß nicht aus menschlichem Fleische geboren. Du hast Haifischblut in den Adern, Wildkatzen haben dich gesäugt. Aber wer spricht von den Tieren des Meeres und der Erde? Jedes Tier liebt seine Jungen, du allein hassest und verabscheust deinen Samen, dir allein ist deine eigene Tochter zuwider! Besser wäre es gewesen, wenn meine Mutter mich erstickt hätte, wenn meine Wiege mein Sarg, die Brust meiner Amme eine Giftblase, die Windeln Schlingen, das Räppelchen, das man mir um den Hals hängte, ein Mühlstein gewesen wäre, der mich auf den Grund des Meeres gezogen hätte. So aber war mir von meinen bösen Sternen bestimmt, mich an der Seite dieses Scheusals zu sehen, die Liebkosungen von Harpyienklauen zu erdulden, mich von zwei Bärentatzen umarmen und zwei Eberhauern küssen zu lassen!“

Und noch mehr hätte sie gesagt, wenn nicht der König, dem die Wut zu Kopfe stieg, sie unterbrochen hätte: „Beherrsche deine Bitterkeit, denn der Zucker ist teuer. Schweig, hör auf zu murren, du bist mir zu bissig, deine Zunge zu spitz und zu lästerlich. Was ich tue, ist gut getan. Willst du deinem Vater beibringen, was für Kinder er in die Welt setzen soll? Hör auf und halte deine Zunge im Zaum und mach nicht, daß mir der Senf in die Nase steigt, sonst rücke ich dir auf den Leib, und dann hast du kein Haar mehr auf dem Kopf und kannst mit deinen Zähnen die Erde besäen. Was denkst du dir? Ein Fürzchen von mir will sich als Mann aufspielen und dem Vater Gesetze vorschreiben! Seit wann wagt denn eine, die noch nicht trocken hinter den Ohren ist, sich meinem Willen entgegenzustellen? Geschwind, gib deinem Gatten die Hand und verfüge dich augenblicklich nach seinem Hause, denn ich will dein schamloses und hochfahrendes Gesicht nicht mehr vor Augen haben, nicht eine Viertelstunde länger!“

Als die unglückliche Porziella sich so rettungslos verloren sah, reichte sie dem Zauberer die Hand mit einem Gesicht wie eine zum Tode Verurteilte, mit entgeisterten Augen, mit todbleichen Lippen und dem Herzen eines Menschen, der zwischen Fallbeil und Richtblock liegt. Und der Zauberer riß sie mit sich mutterseelenallein in einen Wald, wo die Bäume ein undurchdringliches Dach über die Wiese spannten, so daß sie nicht von der Sonne entdeckt werden konnten, wo die Flüsse sich beklagten, daß sie bei ihrem Weg durch das Dunkel gegen die Steine stießen, und wo die wilden Tiere, ohne Weidegeld zu zahlen, sich ihres Asyls erfreuten und ungefährdet durch die Büsche strichen, wo ihnen niemals ein Mensch begegnete, wenn sie sich nicht vom Wege verirrten. An diesem Orte, der so schwarz war wie ein verstopfter Kamin, so furchterregend wie das Antlitz der Hölle, stand die Hütte des Zauberers, ganz besät mit Knochen von Menschen, die er gefressen hatte. Nun stelle sich eine Christenseele vor, wie das arme Mädchen zitterte und bebte, wie sich ihr Herz zusammenkrampfte, wie sich ihr vor Entsetzen alles im Magen umdrehte, und wie sie vor Grauen verging. Kein Tropfen Blut blieb in ihren Adern.

Aber das alles war weniger als nichts im Vergleich zu dem, was ihr noch bevorstand, denn vor der Mahlzeit bekam sie Erbsen und hinterher trockene Bohnen. Das Ungeheuer war auf die Jagd gegangen und kehrte zurück, ganz beladen mit gevierteilten Menschen, die er umgebracht hatte, und sprach zu ihr: „Du kannst dich nicht beklagen, liebe Frau, daß ich nicht für dich sorgte. Hier habe ich dir eine leckere Mahlzeit mitgebracht. Nimm und schlampampe und hab mich lieb, denn eher fällt der Himmel ein, als daß ich es dir am Essen fehlen lassen werde.“

Die erbarmungswürdige Porziella erbrach sich wie eine Schwangere und wandte das Gesicht nach der anderen Seite. Der Zauberer, der diese Bewegung bemerkte, rief: „Das heißt doch Perlen vor die Säue werfen! Aber das macht nichts! Hab nur ein bißchen Geduld bis morgen früh, denn ich bin zu einer Wildschweinjagd geladen. Dann bringe ich dir ein paar mit, und wir halten unser Hochzeitsmahl mit den Verwandten und können dann mit um so größerem Genuß den Ehebund schließen.“

Mit diesen Worten schlug er sich in die Büsche, und sie blieb weinend am Fenster stehen. Da kam zufällig ein altes Weiblein vorbei, das, von Hunger gequält, sie um etwas Essen bat. Das unglückliche Mädchen antwortete ihr: „O meine gute Frau, Gott sieht in mein Herz und weiß, daß ich in der Gewalt eines höllischen Dämons bin, der mir nichts anderes ins Haus bringt als gevierteilte Menschen und Stücke von Ermordeten, so daß sich mir bei diesem ekelhaften Anblick der Magen umdreht. Ich führe das traurigste Leben, daß je einer getauften Seele beschieden war. Und dabei bin ich eine Königstochter und aufgewachsen mit Specknudeln und habe immer in Saus und Braus gelebt!“ Als sie das sagte, fing sie an zu weinen wie ein kleines Mädchen, dem man den Nachtisch wegnimmt.

Da wurde die Alte von Mitleid gerührt und erwiderte: „Laß den Mut nicht sinken, mein schönes Kind! Weinen macht häßlich. Dir ist das Glück über den Weg gelaufen, und ich will dir in Harnisch und Sattel helfen. Drum hör zu! Ich habe sieben Söhne, sieben Edelsteine, sieben Eichen, sieben Riesen: Mase, Nardo, Cola, Micco, Petrullo, Ascadeo und Ceccone, und ihre Kraft ist größer als die des Rosmarin. Mase braucht nur sein Ohr an die Erde zu legen, dann hört und fühlt er alles, was dreißig Meilen entfernt vorgeht. Wenn Nardo spuckt, bildet sich ein großes Meer von Seifenschaum. Wirft Cola ein Eisenstückchen hin, so läßt er daraus ein ganzes Feld von scharfen Schermessern aufsprießen, Micco mit einem Stecken einen Urwald. Sobald Petrullo einen Wassertropfen auf die Erde sprengt, rauscht ein furchtbarer Strom daher. Wenn Ascadeo ein Felsstück schleudert, läßt er einen gewaltigen Turm erstehen. Und Ceccone weiß so gut mit seiner Armbrust zu zielen, daß er über eine Meile weg einem Huhn ins Auge trifft. Mit Hilfe dieser Söhne, die alle ritterlich und liebenswürdig sind und mit deiner Lage Mitleid haben werden, will ich versuchen, dich den Klauen des Zauberers zu entreißen. Denn ein solcher Leckerbissen wie du ist nicht für den Schlund eines so häßlichen Teufels bestimmt.“

„Du hättest zu keinem günstigeren Augenblicke kommen können“, sagte Porziella, „denn dieser Unhold von Gatte ist draußen und kehrt heute abend nicht zurück, so daß wir Zeit genug haben, ihm zu entwischen und uns in Sicherheit zu bringen.“

„Heute abend kann es noch nicht sein“, versetzte das alte Weiblein, „denn ich wohne etwas weit weg. Aber morgen früh bin ich mit meinen Söhnen hier und erlöse dich aus deiner Not.“ Mit diesen Worten ging sie fort, und Porziella, der das Herz vor Freude schwoll, verbrachte eine ruhige Nacht.

Bei Morgengrauen — noch hatten die Vögel nicht gerufen: „Es lebe die Sonne!“ — da kam die Alte mit ihren sieben Söhnen, die Porziella in die Mitte nahmen und sich auf den Weg zur Stadt machten. Sie waren aber noch keine halbe Meile gegangen, als Mase das Ohr an die Erde hielt und rief: „Achtung, heda, hallo, da naht der Fuchs! Das Scheusal ist nach Hause gekommen, hat das Mädchen nicht gefunden und saust hinter uns her, seine Mütze unter dem Arm!“

Als er das hörte, spie Nardo auf die Erde und schuf ein Meer von Seifenschaum. Da der Zauberer dieses erblickte, mußte er nach Hause zurückgehen, einen Sack mit Kleie zu holen, und streute sie so lange vor seinen Füßen her in das schaumige Meer, bis er zum Schluß unter großen Mühen das Hindernis überwand.

Mase lauschte von neuem und warnte: „Jetzt bist du dran, Bruderherz!“ Da warf Cola das Eisenstückchen, und hervor sproß das Feld der Schermesser. Als der Zauberer den Weg wieder versperrt sah, lief er nach Hause zurück, kleidete sich von Kopf bis zu Fuß in Eisen und überkletterte den Damm.

Wieder lauschte Mase und schrie: „Auf, auf, zu den Waffen! Der Unhold kommt auf Windesflügeln herangebraust!“ Blitzschnell ließ Micco mit dem Stecken einen furchtbaren Urwald entstehen, der sehr schwierig zu durchdringen war. Der Zauberer aber riß sich ein Haumesser von der Seite, hieb hier eine Pappel, dort eine Eiche um, ließ auf der einen Seite einen Corneelkirschbaum, auf der anderen eine Meerkirsche auf die Erde stürzen, so daß er mit vier oder fünf Hieben den Wald zu Boden schmetterte und frei aus dem Gewirr der Büsche hervortrat.

Wieder erhob Mase, nachdem er gelauscht hatte, seine Stimme: „Was stehen wir hier, als ob wir uns den Bart abnehmen lassen wollten? Das Scheusal hat seine Flügel angelegt,im Handumdrehen sitzt er uns im Nacken!“Da schöpfte Petrullo einen Wasserstrahl aus einer Quelle, die Tropfen für Tropfen aus einer steinernen Muschel plätscherte, spritzte sie auf die Erde, und plötzlich rauschte ein großer Fluß daher. Als der Zauberer dieses neue Hindernis erblickte und sah, daß er kaum so schnell Löcher machen konnte, wie sie sie wieder zustopften, zog er sich splitternackt aus und schwamm, die Kleider über den Kopf haltend, an das andere Ufer.

Mase hörte das Dröhnen der Schritte und rief: „Diesmal geht die Sache schief, der Zauberer peitscht den Boden mit den Füßen, daß es vom Himmel widerhallt. Nehmt eure Kunst zusammen und rüstet euch gegen diesen Sturm, sonst sind wir verloren!“ — „Habt keine Angst“, versetzte Ascadeo, „mit diesem scheußlichen Unhold nehme ich es schon auf.“ Und er schleuderte einen Felsen und ließ einen Turm aus der Erde steigen, in den sie sofort alle hineinstürzten und den Riegel vorstießen. Als der Zauberer sah, daß sie sich in Sicherheit gebracht hatten, eilte er spornstreichs nach Hause, nahm eine Winzerleiter auf die Schulter und rannte zu dem Turm zurück.

Mase, der die Ohren gespitzt hatte, hörte ihn von weitem kommen und sprach: „Nun ist die Kerze unserer Hoffnungen bis auf ein Stümpfchen herabgebrannt. Ceccone ist die letzte Zuflucht unseres Lebens, denn das Scheusal kommt mit großer Wut zurück. Weh mir! Mir schlägt das Herz, schon sehe ich unsern Untergang!“ — „Du bist ein Hosenscheißer!“ erwiderte der jüngste der Brüder, „laß mich nur machen und paß auf, ob ich den Pfeil richtig anbringe.“ Während er das sagte, legte der Zauberer schon die Leiter an und begann hinaufzuklettern. Ceccone aber nahm ihn aufs Korn, jagte ihm einen Pfeil ins Auge, so daß er wie eine Birne hinunterpurzelte; dann stürzte Ceccone aus dem Turm und mit demselben Haumesser, das er bei sich trug, schnitt er ihm den Hals ab, als ob er aus Quark wäre.

Und mit großer Freude trugen sie den Kopf zum König. Der jubelte laut, als er seine Tochter wiederbekam, denn er hatte schon hundertmal bereut, sie einem Zauberer gegeben zu haben. In wenigen Tagen verschaffte er ihr einen schönen Gemahl, beschenkte die sieben Söhne und die Mutter mit Reichtümern, weil sie sie aus einem so unglücklichen Leben befreit hatten, und tausendmal entschuldigte er sich bei Porziella, weil er sie aus einer windigen Laune in eine so große Gefahr gebracht hatte, ohne das Sprichwort zu bedenken:

Wer vom ochsen milch verlangt und vom wolfe eier, ist fürwahr ein riesentropf und irrt ungeheuer.

VI
Aschenputtel

Von ihrer Hofmeisterin Carmosina angestachelt, tötet Zezolla ihre Stiefmutter in dem Glauben, daß Carmosina, wenn sie durch ihr Betreiben die Gattin ihres Vaters geworden sei, sie lieb haben werde. Statt dessen aber wird sie in die Küche gesteckt. Durch den Beistand der Feen jedoch gewinnt sie nach mannigfachen Schicksalen einen König zum Gemahl.

Starr wie die Bildsäulen lauschten die Zuhörer der Erzählung von dem Floh und erklärten den Erznarr von einem König feierlich zu einem Riesenesel, da er einer abgeschmackten Laune wegen das Glück seines eigenen Fleisches und Blutes und die Nachfolge seines Reiches aufs Spiel gesetzt hatte. Nachdem sie aber alle ihrem Munde ein Schloß vorgelegt hatten, entriegelte Antonella den ihrigen, und zwar auf folgende Weise:

Auf dem Meere der Bosheit ist der Neid immer sehr schlecht gefahren, und wo er glaubt, andere im Wasser ertrinken zu sehen, geht er entweder selber unter oder zerschellt an einem Felsen. So erging es auch gewissen neidischen Mädchen, von denen ich euch eine Geschichte erzählen will.

Es war einmal ein Fürst, der war verwitwet und hatte eine Tochter, die ihm so teuer war, daß er alle Dinge nur mit ihren Augen sah. Er hatte ihr eine Hofmeisterin gegeben, die sie aufs vortrefflichste im Kochen, Sticken und Häkeln, im Nähen und Säumen unterwies und ihr eine solche Zuneigung entgegenbrachte, daß man es gar nicht sagen kann. Nun vermählte sich aber der Vater aufs neue und nahm eine Frau, die in ihrer wütenden Zanksucht und Bosheit ein wahres Teufelsweib war. Langsam wuchs in ihrem Herzen ein wilder Haß gegen die Stieftochter, die keinen freundlichen Blick von ihr bekam, sondern schief und finster angesehen wurde, so daß diese ihr darum furchtsam aus dem Wege ging.

Das arme Mädchen beklagte sich ständig bei ihrer Hofmeisterin Carmosina über die Mißhandlungen durch die Stiefmutter und schloß immer mit den Worten: „Ach Gott, warum kannst nicht du meine Mama sein, wo du mich doch mit Zärtlichkeiten und Liebkosungen überhäufst?“ Und so oft wiederholte sie ihr diese Melodie, bis sie ihr einen Floh ins Ohr gesetzt hatte und die Hofmeisterin, vom Teufel verblendet, schließlich zu ihr sagte: „Wenn du dem Rat meines schwachen Kopfes folgen willst, so werde ich deine Mama, und du sollst mir so lieb sein wie mein Augapfel.“ Sie wollte gerade mit ihrem Vorspruch fortfahren, da unterbrach Zezolla — so hieß das junge Mädchen — sie mit den Worten: „Verzeih, wenn ich dir das Wort aus dem Munde nehme. Ich weiß, daß du mich lieb hast, drum schweig und, sufficit, lehre mich die Kunst, denn ich bin noch neu darin, schreib du, und ich werde unterzeichnen.“ — „Wohlan!“ erwiderte die Hofmeisterin, „hör gut zu und sperr die Ohren auf, und du sollst stets Brot aus blütenweißem Mehl genießen. Wenn dein Vater aus dem Hause geht, dann sag zu deiner Stiefmutter, du hättest gern eins von den alten Kleidern aus der großen Truhe auf dem Speicher, um das zu schonen, das du jetzt auf dem Leibe trügest. Sie aber, die dich am liebsten in Lumpen und Fetzen sähe, wird die Truhe öffnen und sagen: ,Halte den Deckel.‘ Du hältst ihn, und während sie in der Truhe herumkramt, läßt du ihn plötzlich fallen und schlägst ihr den Hals platt. Nun weißt du wohl, daß dein Vater aus Liebe zu dir falsches Geld machen würde; wenn du ihn daher recht lieb umschmeichelst und ihn bittest, mich zur Frau zu nehmen, dann sollst du Herzchen die Herrin meines Lebens sein.“

Die Stunden wurden Zezolla zu Jahrtausenden, seitdem sie den Plan vernommen. Dann führte sie Punkt für Punkt den Rat der Hofmeisterin aus, und als die Trauerzeit verstrichen war, zog sie alle Register der Schmeichelei bei ihrem Vater, daß er sich doch mit ihrer Hofmeisterin vermählen solle. Zunächst faßte der König die Sache scherzhaft auf; aber mochte Zezolla auch noch so viele Pfeile danebenschießen, endlich traf sie doch ins Ziel, und er gab den Überredungskünsten seiner Tochter nach. So vermählte er sich mit der Hofmeisterin Carmosina, und man feierte ein großes Fest.

Während nun die Neuvermählten ihr Glück genossen, stand Zezolla auf einer Terrasse des Schlosses. Da flog eine Taube über die Mauer und sagte zu ihr: „Wenn dir das Gelüsten nach irgend etwas kommt, so schicke zu der Taube der Feen von der Insel Sardinien. Und du sollst es sofort bekommen!“

Fünf oder sechs Tage lang beweihräucherte die neue Stiefmutter Zezolla mit aller nur möglichen Zärtlichkeit, wies ihr den besten Platz bei Tische an,gab ihr die leckersten Bissen und schmückte sie mit den feinsten Kleidern. Es war aber erst sehr kurze Zeit ins Land gegangen, da schlug sie alle Dankbarkeit in den Wind und vergaß völlig, welchen Dienst Zezolla ihr geleistet hatte — weh der armen Seele, die eine schlechte Herrin hat! — und begann ihre sechs Töchter, die sie bis dahin verborgen gehalten hatte, auf den Thron zu erheben. Und sie brachte es dahin, daß ihr Gemahl ihnen seine Huld schenkte und die eigene Tochter aus seinem Herzen verbannte. Heute gestoßen, morgen getreten, sank sie allmählich so tief, daß sie aus den Staatszimmern in die Küche, vom Throne an den Kochtopf, aus Samt und Seide zum Wischlappen und vom Zepter an den Bratspieß kam. Sie gab nicht nur ihren Stand, sondern auch ihren Namen auf, und wurde nicht mehr Zezolla, sondern Aschenputtel gerufen.

Nun ergab es sich, daß der Fürst aus Staatsnotwendigkeiten nach Sardinien reisen mußte. Ehe er sich auf den Weg machte, fragte er der Reihe nach Imperia, Colomba, Fiorella, Diamante, Colombina und Pascarella — das waren die sechs Stieftöchter —, was er ihnen bei seiner Rückkehr mitbringen sollte. Da wünschte sich diese ein prächtiges Kleid, jene einen Kopfschmuck, die eine Schminke fürs Gesicht, die andere Spielzeug zum Zeitvertreib, diese dies und jene das. Schließlich fragte er die eigene Tochter wie zum Hohn: „Und du, was möchtest du haben?“ — Sie antwortete: „Nichts als daß du mich der Feentaube empfiehlst, auf daß sie mir etwas sende; wenn du es aber vergißt, so wünsche ich, daß du weder vorwärts noch rückwärts gehen kannst. Behalte gut, was ich dir sage: wie dein Herz, so deine Hand.“

Der Fürst reiste ab, erledigte seine Geschäfte auf Sardinien, kaufte alles, was sich die Stieftöchter gewünscht hatten, Zezolla jedoch war ihm völlig aus dem Gedächtnis entschwunden. Als er sich aber eingeschifft hatte und die Segel sich schon entfalteten, konnte das Schiff sich nicht aus dem Hafen lösen, es schien, als ob es von Polypenarmen festgehalten würde. Der Schiffsherr wollte fast verzweifeln und fiel endlich vor Müdigkeit in Schlaf. Im Traume erschien ihm eine Fee und brachte ihm folgende Botschaft: „Weißt du, warum ihr euch nicht aus dem Hafen lösen könnt? Weil der Fürst, der mit euch fährt, sein Versprechen gegenüber seiner Tochter nicht gehalten hat. An alles hat er gedacht, seines eigenen Blutes aber vergessen.“ Kaum erwacht, erzählte der Kapitän dem König, was er geträumt hatte, so daß dieser von der begangenen Unterlassung ganz verstört zu der Grotte der Feen ging, ihnen seine Tochter empfahl und sie bat, ihm ein Geschenk für sie mitzugeben.

Und hervor aus der Grotte kam ein schönes Mädchen, prächtig wie ein Königsbanner, und trug ihm auf, seiner Tochter zu danken, weil sie sie nicht vergessen, und sie solle ihrer Liebe wegen frohen Mutes sein. Mit diesen Worten reichte sie ihm eine Dattel, einen Spaten, ein Eimerchen aus Gold und ein Handtuch aus Seide: die Dattel zum Einpflanzen und die anderen Dinge, sie zu hegen und zu pflegen. Verwundert über das Geschenk, nahm der König Urlaub von der Fee und kehrte in sein Land zurück. Dort angekommen, verteilte er die Dinge, die seine Stieftöchter sich gewünscht hatten, und zuletzt überreichte er der eigenen Tochter das Geschenk der Fee. Zezolla geriet vor Jubel ganz außer sich, pflanzte die Dattel in einen schönen Topf, grub ihn morgens und abends um, begoß ihn und trocknete ihn mit dem seidenen Handtuch.

Bei solcher Pflege gedieh der Dattelbaum in vier Tagen zur Größe einer Frau, und es trat eine Fee heraus, die das Mädchen fragte: „Was begehrest du?“ Zezolla erwiderte, sie möchte gern dann und wann aus dem Hause gehen, ohne daß ihre Schwestern es wüßten. Erwiderte die Fee: „Wenn dich das Gelüsten ankommt, so tritt vor das Bäumchen und sprich:

Goldene Dattel, ich bitt dich um Segen.

Mit goldenem Spaten tu ich dich hegen.

Aus goldenem Eimer träuf ich dir Regen.

Mit seidenem Tüchlein will ich dich pflegen.

Zieh dich aus,

Putz mich heraus!

Und wenn du dich ausziehen willst, so verändere den letzten Vers und sage:

Zieh mich aus!

Putz dich heraus!“

Es kam ein Festtag, und die Töchter der Hofmeisterin waren in feierlichem Zuge aus dem Hause gegangen in schönen Schalen, mit Prahlen und Strahlen, mit Bändern umschlungen, von Glöckchen umklungen, duftend wie Blüten, mit luftigen Hüten, schön wie die Rosen, mit Kichern und Kosen. Da lief Zezolla zu ihrem Bäumchen, sprach die Worte, die die Fee sie gelehrt, und auf der Stelle saß sie da, angetan wie eine Königin, auf einem Zelter mit einem Dutzend Pagen, geschniegelt und gebügelt, und begab sich dorthin, wo auch ihre Schwestern waren. Die erkannten sie nicht, aber sie fühlten, wie ihnen das Wasser im Munde zusammenlief beim Anblick der Schönheit dieser lieblichen Taube.

Wollte es das Schicksal, daß sich an demselben Orte auch der König einfand. Als er die ungewöhnlich schöne Zezolla erblickte, umfing ihn ein Zauber, und er befahl seinem vertrauten Diener, zu erkunden, und zwar auf die beste Weise, wer dieses wunderschöne Geschöpf sei und wo es wohne. Der Diener machte sich sofort auf und heftete sich an ihre Sohlen. Sie aber merkte den Hinterhalt, warf eine Handvoll Goldstücke auf den Boden, die sie sich von dem Dattelbäumchen zu diesem Zwecke hatte geben lassen, und von der Gier nach diesen blinkenden Münzen ergriffen, vergaß der Diener, dem Zelter zu folgen, und blieb stehen, um das Geld aufzulesen. Sie aber sprang ins Haus zurück, legte ihre Kleider ab, wie die Fee sie gelehrt, und dann kamen die sechs Megären von Schwestern gelaufen und beschrieben, um sie zu ärgern und zu demütigen, lang und breit all die schönen Dinge, die sie auf dem Feste gesehen hatten.

Inzwischen war der Diener zum König zurückgekehrt und hatte ihm die Geschichte mit den Goldstücken erzählt. Der König wurde zornig und machte ihm voll großer Wut den Vorwurf, er habe ihn für lumpige vier Gulden um sein Vergnügen gebracht. Unter allen Umständen aber habe er auf dem nächsten Feste herauszubringen, wer das schöne Mädchen sei und wo dieser liebreizende Vogel sein Nest habe. Es kam das nächste Fest; in Schmuck und Gala gingen die Schwestern aus dem Hause und ließen die verachtete Zezolla am Herde sitzen. Ohne zu säumen aber lief diese zu dem Dattelbäumchen, sagte die gewohnten Worte, und hervor stürzte ein Schar von Kammerjungfern, die mit einem Spiegel, jene mit einem Fläschchen Riechwasser, die eine mit der Brennschere, die andere mit einem Büchschen Schminke, diese mit Kämmen, jene mit Nadeln, eine mit den Kleidern, die andere mit Halsketten und Ohrringen. Und alle bemühten sich um sie und putzten sie heraus, schön wie die Sonne. Dann setzten sie sie in eine sechsspännige Kutsche, begleitet von Vorreitern und Pagen in bunter Livree. Und sie begab sich an denselben Ort wie das vorige Mal und entzündete Staunen im Herzen der Schwestern und Gluten in der Brust des Königs.

Auch dieses Mal ging der Diener, als sie sich heimbegab, hinter ihr her. Um sich aber nicht überholen zu lassen, warf sie eine Handvoll Perlen und Edelsteine auf den Weg, und der wackere Mann konnte es sich nicht versagen, sich zu bücken und sie aufzupicken, denn es waren doch Dinge, die man nicht verkommen lassen darf. So hatte Zezolla Zeit, sich ins Haus zurückzuziehen und sich wie üblich umzukleiden. Ganz benommen kehrte der Diener zum König zurück. Der aber erklärte ihm: „Bei der Seele deiner Verstorbenen, wenn du mir nicht das Mädchen auftreibst, so gebe ich dir eine gehörige Tracht Prügel und so viel Tritte in den Hintern, wie du Haare im Bart hast!“

Wieder kam ein Festtag heran, und die Schwestern hatten sich schon auf den Weg gemacht. Da begab sich Zezolla zu ihrem Dattelbaum, wiederholte ihren Zauberspruch, empfing die prächtigsten Kleider und wurde in eine goldene Karosse gesetzt, umgeben von einem Gefolge von so viel Dienern, daß sie einer Kurtisane glich, die auf öffentlicher Spazierfahrt verhaftet und von den Häschern abgeführt wird. Nachdem sie das Staunen und den Neid der Schwestern erregt hatte, zog sie sich zurück, gefolgt von dem Diener des Königs, der sich diesmal mit doppeltem Faden an die Karosse genäht hatte. Da er nicht von ihrer Seite wich, schrie Zezolla: „Fahr zu, Kutscher!“ und die Karosse setzte sich in einen so wütenden Trab, daß ihr in der Aufregung ein Schühchen vom Fuße fiel, wie man es nicht reicher und niedlicher hätte sehen können. Der Diener, der die dahinfliegende Kutsche nicht mehr einholen konnte, hob das Schühchen auf, brachte es zum König und berichtete, was ihm geschehen war. Der König riß ihm das Schühchen aus der Hand und erging sich in folgenden Worten: „Wenn das Fundament schon so prächtig ist, wie wird dann erst das Haus sein? O schöner Leuchter, auf dem die Kerze brennt, die mich verzehrt! O du Dreifuß des niedlichen Kesselchens, in dem mein Leben kocht! O du reizender Kork an der Angel der Liebe, mit der du meine Seele gefischt hast! Ich umarme und umschlinge dich, und wenn ich nicht zu der Pflanze gelangen kann, so bete ich wenigstens die Wurzeln an; kann ich das Kapitell nicht erreichen, so küsse ich die Basis. Der du schon die Fessel eines weißen Fußes warst, sei jetzt das Fangeisen eines tiefbetrübten Herzens! Durch deine Kraft war die, die mein Leben beherrscht, eineinhalb Handbreit höher; und deinetwegen nimmt mein Leben um ebensoviel an Süße zu, während ich dich besitze und bewahre.“

Nach diesen Worten rief der König den Schreiber und befahl Trompeter vor sich und ließ — taritara! — bekanntmachen, daß alle Frauen des Landes zu einem festlichen Bankett erscheinen sollten, das er zu geben beschlossen hatte. Am festgesetzten Tage, ach, du meine Güte! welch eine Abfütterung und welch ein Trubel! Woher kamen nur alle die Torten und Pasteten? Woher die Braten und Klöße? Woher die Makkaroni und das Zuckerwerk? Man hätte ein ganzes Heer damit sättigen können! Alle Frauen waren gekommen und aus allen Ständen, adlige und bürgerliche, reiche und arme, alte und junge, schöne und häßliche. Und nachdem sie sich gesegnete Mahlzeit gewünscht und ihre Zähne hatten tüchtig einhauen lassen, begann der König allen geladenen Frauen einer nach der anderen das Schühchen anzuprobieren, um festzustellen, welcher es wie angegossen passe, so daß er aus der Größe des Schuhes feststellen könnte, wer die war, die er suchte. Aber er fand keinen einzigen Fuß, dem er gepaßt hätte, und war nahe daran zu verzweifeln.

Nichtsdestoweniger sagte er, nachdem allgemeines Schweigen geboten worden war: „Kommt morgen wieder und eßt ein Butterbrot mit mir. Doch wenn ihr mich gern habt, so laßt keine einzige Frau daheim, wer immer es auch sei!“ Da nahm der Fürst das Wort und sprach: „Ich habe eine Tochter, doch die hütet ständig das Herdfeuer, denn sie ist ein unglückliches und kümmerliches Geschöpf, nicht würdig, an einer Tafel mit Euch zu speisen.“ Erwiderte der König: „Sie soll obenan auf der Liste stehen, denn ich habe sie lieb.“

So gingen sie auseinander, und am Tage darauf kamen sie alle wieder, und mit den Töchtern der Carmosina auch Zezolla. Kaum hatte der König sie erblickt, da erkannte er, daß sie es war, die er suchte. Dennoch aber ließ er sich nichts merken. Nach dem Frühstück schritt man zur Probe, und kaum hatte er das Schühchen an Zezollas Fuß gehalten, da schob es sich von selbst, wie das Eisen an den Magneten fliegt, über den Fuß dieses Nesthäkchens Amors. Da zog der König Zezolla in seine Arme, führte sie auf seinen Thron, setzte ihr die Krone aufs Haupt und befahl allen, ihre Verbeugung und Reverenz vor ihr zu machen wie vor ihrer Königin. Gelb vor Neid und außerstande, die Qual ihres Herzens zu betäuben, schlichen die Töchter Carmosinas still und heimlich ins Haus der Mutter zurück und mußten, so schwer es ihnen auch fiel, gestehen:

Ein blöder narr nur masst sich an,

dass er den sternen trotzen kann.

VII
Die beiden Kaufmannssöhne

Cienzo wirft einem Königssohn ein Loch in den Kopf und flieht aus dem Vaterlande. Nachdem er die Infantin von Perdisenno von einem Drachen befreit hat, erhält er sie nach mannigfachen Erlebnissen zur Gattin. Durch die Künste einer anderen Frau bezaubert, wird er von seinem Bruder befreit, den er aus Eifersucht tötet. Als er aber dann entdeckt, daß er unschuldig war, ruft er ihn dank der Kraft eines gewissen Krautes wieder ins Leben zurück.

Man kann sich nicht vorstellen, welch große Freude sie alle empfanden über das günstige Geschick, das Zezolla zuteil geworden war. So sehr sie jedoch die Gnade des Himmels gegenüber diesem Mädchen priesen, so sehr waren sie aber auch der Meinung, daß die sechs Töchter der Stiefmutter eine viel zu leichte Strafe erhalten hätten, denn es gebe keine Züchtigung, die der Hochmut nicht verdiene, und keine Buße, die dem Neide nicht zukomme.

Noch war die Unterhaltung über die Erzählung der Antonella in vollem Schwung, da legte sich der Fürst Taddeo den rechten Zeigefinger auf die Lippen und gab das Zeichen, daß sie schweigen sollten. Und alle erstarrten, als hätten sie den Wolf erblickt, oder wie ein Schüler, der mitten in dem Heidenlärm unversehens den Lehrer auftauchen sieht. Auf ein Zeichen des Fürsten begann nun Ciulla zu erzählen:

Oftmals sind die Mühseligkeiten eines Menschen die Hacken und Spaten, mit denen er sich die Straße zu einem Glücke bahnt, von dem er nicht zu träumen gewagt hätte. Und oft flucht ein solcher dem Regen, welcher ihm den Kürbis wäscht, und weiß nicht, daß er ihm den Überfluß beschert, mit dem er den Hunger vertreiben kann. Das mag auch an einem Jüngling zu sehen sein, von dem ich euch unterhalten will.

Es war einmal ein sehr reicher Kaufmann namens Antoniello. Der hatte zwei Söhne, Cienzo und Meo. Die glichen einander so sehr, daß man sie nicht voneinander unterscheiden konnte. Nun geschah es, daß Cienzo, der Erstgeborene, beim Steineschleudern am Strande von Arenaccia dem Sohn des Königs von Neapel ein Loch in den Kopf warf. Wütend über diesen Vorfall sagte Antoniello zu seinem Erstgeborenen: „Bravo! Das hast du schön gemacht! Schlag es im Lande an! Blähe dich, Sack, sonst trenne ich dich auf! Steck es auf eine Bohnenstange, daß alle es sehen! Geh zu, du hast etwas zerbrochen, was sechs Heller wert ist! Dem Königssohn hast du die Hirnschale zerschmettert. Hattest du denn kein Metermaß, den Abstand zu messen, du Schafsnase? Was soll nun aus deinen Geschäften werden? Du hast dir eine so üble Suppe eingebrockt, daß ich keine drei Heller mehr auf dich setzen werde! Selbst wenn du in die Höhle zurückkehrtest, aus der du gekrochen bist, würde dich das nicht vor den Händen des Königs sichern, denn du weißt, die sind lang und reichen überall hin; es wird eine furchtbare Geschichte werden!“

Nachdem der Vater so seinem Herzen Luft gemacht hatte, erwiderte Cienzo: „Herr Vater, ich habe immer sagen hören, besser vor dem Richter als in den Händen des Arztes. Wäre es nicht schlimmer gewesen, wenn er m i r den Schädel eingeworfen hätte? Er hatte mich herausgefordert, wir sind jung, es war eine Balgerei, es ist mein erstes Vergehen, der König ist ein verständiger Mann. Und was kann er mir schließlich schon tun? Wer mir die Mutter nicht geben will, der gebe mir die Tochter, was er mir nicht gekocht schicken will, das soll er mir roh senden, die ganze Welt ist mein Vaterland, und wer Furcht hat, der soll Polizist werden!“

„Was er dir tun kann?“ fragte Antoniello. „Er kann dir eine Luftveränderung verschreiben und dich aus dem Lande jagen. Er kann dich zum Schulmeister machen mit einer Peitsche von vierundzwanzig Handbreit, damit du auf die Fische einschlagen kannst, ihnen das Sprechen beizubringen. Er kann dir ein Halsband von drei Fingerbreit umlegen lassen, mit Seife eingefettet, damit du Hochzeit feierst mit des Seilers Töchterlein, und anstatt daß du die Braut bei der Hand faßt, setzt dir Meister Hans die Füße auf die Schultern. Darum, wenn dir dein Leben lieb ist, halte dich nicht zwischen Tuch und Schere auf, sondern pack dich auf der Stelle, daß man weder etwas Neues noch etwas Altes von deinen Heldentaten erfährt, wenn sie dich nicht bei den Beinen kriegen sollen. Besser ein Vogel auf freiem Felde als im Käfig. Hier hast du Geld, nimm ein Pferd, eins von den beiden gefeiten, die ich im Stalle habe, und einen Hund, der gleichfalls gefeit ist. Und säume nicht! Besser die Beine auf den Rücken nehmen als Henkersfüße auf den Schultern spüren; besser Fersengeld geben als des Henkers Fersen fühlen; besser tausend Fuß weit laufen als es bei drei Fuß langem Hanf bewenden lassen. Drum: nimmst du nicht schleunigst den Rucksack zur Hand, so hilft dir nicht Franz und nicht Ferdinand.“

Cienzo bat um den väterlichen Segen, stieg aufs Pferd, nahm das Hündchen auf den Arm und verließ die Stadt. Als er aber aus dem Tor von Capuana ritt, wandte er den Blick zurück, nahm Abschied von der Vaterstadt mit ihren Vierteln, Plätzen und Straßen und sprach: „Ich muß dich verlassen, mein schönes Neapel! Wer weiß, ob es mir vergönnt ist, dich noch einmal wiederzusehen, du Stadt, wo die Ziegel von Zucker, die Mauern von Marzipan, wo die Steine von Manna, die Balken von Zuckerrohr, die Türen und Fenster von Blätterteig sind! Weh mir! Ich muß mich losreißen von dir, mein Pennino, und deinen roten Dächern, und es ist mir, als rausche die rote Todesfahne mir zu Häupten. Wie eng wird mir die Brust, da ich von dir scheide, breiter Platz! Wie ich mich von dir entferne, Platz der Rüstern, will meine Seele sich zum Scheiden rüsten. O Lancieri, da ich euch verlasse, fährt mir eine katalanische Lanze durch meine Brust. Fort muß ich, o Forcella, und mein Leben zög am liebsten auch fort von mir. Wo finde ich dich, Porto, wieder, du süßer Port aller Güter der Welt? Wo euch Maulbeergäßchen, wo der Seidenwurm der Liebe endlose Fäden der Ergötzung spinnt? Wo ein anderes Loch, in dem so viele tugendsame Menschen nisten? Wo eine zweite Loggia, dieses Logis des Überflusses und der Freude? Ach, ich kann dich nicht verlassen, mein Lavinaro, ohne daß eine Lawine von Tränen aus meinen Augen bricht. Ich kann nicht von dir gehen, lieber Markt, ohne zu wissen, wo ich meinen Schmerz zu Markte tragen soll. Wie könnte ich von dir scheiden, schöner Strand, ohne daß das Schifflein meines Herzens strandet? Lebt wohl, ihr Pastinaken und zarten Rübchen! Ade, ihr Eierfladen und Kastanienkuchen! Behüt euch Gott, ihr Kohlsuppen und Räucherfische! Gott befohlen, ihr Leckerbissen und Schlemmerschnittchen! Ade, du Blüte aller Städte, du Kleinod Italiens, du Liebling Europas, du Spiegel der Welt! Ade, du unvergleichliches Neapel, wo die Tugend ihre Grenzpfähle und die Anmut ihre Marken aufgerichtet hat! Ich scheide von dir und muß leben fern von deinen fetten Suppen, verjagt aus deinen Häusern, o geliebter Carfiol, ich lasse dich hinter mir!“

Eine Sommerglut von Seufzern wehte über die Winterlandschaft seiner Tränen, während er diese Worte sprach und sich auf den Weg machte. Am ersten Abend gelangte er in der Gegend von Cascano an einen Wald, der den Sonnenwagen außerhalb seiner Grenzen halten ließ, während er sich an den schweigenden Schatten ergötzte. Dort stand eine alte Hütte zu Füßen eines Turmes. Cienzo klopfte an, der Hausherr jedoch wollte nicht auftun, weil er vermutete, es ständen Räuber vor der Tür, und die Nacht war schon hereingebrochen. So mußte der arme Cienzo in der verfallenen Hütte bleiben. Nachdem er sein Pferd auf einer Wiese angebunden hatte, legte er sich, sein Hündchen zur Seite, auf einem Haufen Stroh schlafen, den er drinnen fand.

Kaum hatten sich die Lider über seinen ermüdeten Augen zum ersten Schlummer gesenkt, da wurde er aufgeschreckt durch das Bellen des Hündchens und hörte das Schlurfen von Schritten in der Behausung. Cienzo, der keine Furcht kannte und gegen jede Gefahr gewappnet war, fuhr an seine Plempe und führte mächtige Streiche gegen das Dunkel. Als er aber merkte, daß er nur die leere Luft traf, streckte er sich von neuem auf dem Strohlager aus.

Nach einer kleinen Weile fühlte er sich ganz leise am Fuß gezogen. Wieder schnappte er nach dem Schläger, sprang von neuem auf die Füße und rief: „Hallo, das ist mir doch zu bunt! Mit solchen Scherzen kommt man bei mir nicht weit. Wenn du Mut im Leibe hast, so zeige dich. Ich werde dir schon die Grillen austreiben. Nimm nur den Fehdehandschuh auf!“

Ein tolles Gelächter war die Antwort auf diese Worte, und eine tiefe Stimme antwortete: „Komm doch heraus, ich werde dir schon sagen, wer ich bin.“ Unerschrocken erwiderte Cienzo: „Warte nur, ich komme schon.“ Und er tappte solange herum, bis er auf eine Leiter stieß, die in einen Keller führte. Er stieg hinab und fand eine brennende Laterne und drei Kerle, die wie die Kobolde aussahen. Sie stießen ein schmerzliches Geheul aus und jammerten: „Mein lieber Schatz, daß ich dich verlieren muß!“ Cienzo dünkte es gut, zur Gesellschaft in die Klagen einzustimmen, und nachdem das eine Weile gedauert hatte — Luna war gerade dabei, mit dem Schwerte ihrer Strahlen die Himmelszwiebel in zwei Hälften zu zerschneiden —, sprachen die drei Klageweiber zu ihm: „Komm und nimm den Schatz an dich, er ist für dich allein bestimmt und halte ihn gut zusammen!“ Damit waren sie plötzlich verschwunden wie der, den noch niemand zu Gesicht bekommen hat. Cienzo erblickte durch ein Loch die Sonne und wollte wieder hinaufsteigen, aber er fand die Leiter nicht wieder. Da fing er an zu rufen, und rief so lange, bis der Herr des Turmes, der gerade zwischen das Gemäuer getreten war, um ein Geschäft zu verrichten, es hörte und ihn fragte, was er da mache. Als er erfahren hatte, was vorgegangen war, holte er eine Leiter und stieg zu Cienzo hinab. Kaum hatte er den Fuß in den Keller gesetzt, da stand er geblendet von dem Anblick des Schatzes, von dem er Besitz ergriff, nicht ohne Cienzo den Teil, der ihm zustand, anzubieten. Cienzo aber wies ihn zurück, nahm sein Hündchen unter den Arm, stieg aufs Pferd und machte sich auf den Weg.

Nach einigen Stunden gelangte er an einen einsamen und verlassenen Wald; der war so dunkel, daß einem das Gruseln über den Rücken lief. Dort begegnete er einer Fee an der Quelle eines Flüßchens, das zum Ergötzen des Schattens, in den es sich verliebt hatte, durch die Wiese tanzte und über die Kiesel hüpfte. Die Fee aber war einer Räuberbande in die Hände gefallen, die ihr die Ehre rauben wollte. Kaum hatte Cienzo die gemeinen Absichten der Schurken erkannt, da griff er nach seiner Plempe und metzelte sie zusammen. Die Fee, die sich auf diese Weise gerettet sah, überhäufte ihn mit Dankesbezeugungen und Liebenswürdigkeiten und lud ihn in ihr nahes Schloß, ihm den Dienst, den er ihr erwiesen, zu vergelten. Cienzo aber versicherte immer wieder: „Keine Ursache, tausend Dank, ein andermal werde ich Eure Gunst zu nutzen wissen, heute aber habe ich es eilig einer wichtigen Sache wegen“, und ritt von dannen.

Er hatte wieder eine gute Strecke hinter sich gebracht, da stand er plötzlich vor einem Königspalaste. Der war ganz mit schwarzen Tüchern ausgeschlagen, so daß es einem bei seinem Anblick ganz finster im Herzen wurde. Cienzo fragte nach der Ursache der Trauer und erfuhr, daß in dem Lande ein siebenköpfiger Drache erschienen sei, wie man ihn schrecklicher auf der Welt niemals gesehen, mit Hahnenkamm und Katzenkopf, feurigen Augen und einem Rachen wie ein sardinischer Bluthund, mit Fledermausflügeln, Bärenpranken und Schlangenschwanz. „Täglich verschlingt er einen Christenmenschen, und nachdem das bis auf den heutigen Tag gewährt hat, ist das Los nun auf Menechella, die Königstochter, gefallen. Das ist der Grund für die Trauer und Niedergeschlagenheit im Hause des Königs, soll doch die lieblichste Blüte unseres Landes von einem grimmigen Untier zerrissen und verschlungen werden.“

Nach diesen Mitteilungen zog sich Cienzo zurück und sah Menechella herausschreiten, in Trauergewänder gehüllt und von den Damen des Hofes und allen Frauen des Landes geleitet, die sich die Hände blutig schlugen und sich Locke für Locke die Haare rauften, das Unglück der unseligen Prinzessin bejammernd: „Wer hätte diesem Mädchen gesagt, daß es die Güter des Lebens dem Leibe dieses Untieres vermachen würde? Wer hätte diesem schönen Stieglitz gesagt, es werde einmal der Bauch eines Drachen sein Käfig sein? Wer hätte diesem schönen Seidenwürmchen gesagt, es würde seine Seide einmal in einem schwarzen Kokon abspinnen?“ Und während sie das sagten, siehe, da kroch aus einer Höhle der Drache hervor: Du lieber Himmel, wie war der scheußlich! Selbst die Sonne versteckte sich aus Furcht hinter den Wolken, der Himmel bedeckte sich, und das Herz der Menschen wurde dürr wie eine Mumie. Und kein Klistier, nicht einmal das Haar eines Schweines, hätte die Wirkung gehabt wie sein Erscheinen. Bei diesem Anblick stürzte Cienzo vor, ein Schwerthieb zischte sst!, und einer der Köpfe purzelte zu Boden. Der Drache aber rieb seinen Hals an einem nahen Kraut, und sofort klebte der Kopf wieder daran, wie der Schwanz an der Eidechse. Cienzo dachte: „Wer sich nicht anstrengt, bringt nichts zur Welt“, biß die Zähne zusammen und führte einen so maßlosen Streich, daß er ihm alle sieben Köpfe mit einem Male glatt abschnitt und sie von dannen hüpften wie die Erbsen vom Rührlöffel. Dann schnitt er die Zungen heraus, steckte sie in seinen Quersack, schleuderte die Köpfe eine Meile weit fort, damit sie nicht wieder mit dem Körper zusammenwüchsen, und steckte eine Handvoll von dem Kraute zu sich, an dem der Drache seinen Hals gerieben hatte. Nachdem das erledigt war, sandte er Menechella zum Hause ihres Vaters zurück und machte sich davon, um in einer Herberge der Ruhe zu pflegen.

Es ist unmöglich, mit Worten zu beschreiben, mit welchem Jubel der König seine Tochter begrüßte. Als er vernahm, auf welche Weise sie befreit worden, ließ er sofort allerorten ausrufen: wer den Drachen getötet hätte, solle sich melden, er werde seine Tochter zur Frau bekommen.

Die Bekanntmachung wurde verbreitet, und ein gerissener Schelm von Bauer sammelte die Drachenköpfe, trat vor den König und sprach: „Durch das Eingreifen des Mannes, den Ihr hier vor Euch seht, ist Menechella gerettet worden, diese Hände haben das Land von der Plage befreit. Hier diese Köpfe sind die Beweise meiner Tapferkeit. Wohlan denn, jedes Versprechen ist eine Schuld! Löst sie ein!“ Der König nahm die Krone von seinem Haupte und setzte sie dem Bauer auf den Kürbis, und der sah aus wie der Kopf eines Räubers auf dem Schandpfahl.

Das Gerücht von diesem Ereignis verbreitete sich windschnell durch das ganze Land und kam auch Cienzo zu Ohren, der bei sich sprach: „Ich bin doch wahrhaftig ein Riesenroß! Da hatte ich das Glück beim Schopfe und habe es aus den Händen gelassen! Der eine will mir die Hälfte eines Schatzes geben, und ich mache mir so viel daraus wie der Deutsche aus ungebranntem Wasser. Jemand anderes will mir Gutes tun in seinem Schlosse, und ich achte es wie der Esel die Musik. Und jetzt wird mir eine Krone angeboten, und ich stehe da wie die Betrunkene mit der Spindel, lasse mir von einem Rauhbein ein Bein stellen und von einem Falschspieler die Trumpfkarten aus der Hand nehmen!“

Mit diesen Überlegungen holte er ein Tintenfaß, ergriff eine Feder, faltete das Papier auseinander und begann zu schreiben: „An das köstlichste Juwel unter allen Frauen, Menechella, die Infantin von Perdisenno! — Nachdem ich Dir durch die Gunst des Himmels das Leben gerettet, höre ich, daß ein anderer den Lohn für meine Mühe einstreicht und sich den Dienst bezahlen läßt, den ich Dir erwiesen. Da Du aber bei der Rauferei zugegen warst, kannst Du dem König die Wahrheit bestätigen und Deine Zustimmung verweigern, daß ein anderer in den Genuß der Belohnung kommt, während ich die Hände gerührt habe. Das wird die gebührende Wirkung Deiner königlichen Huld sein und der verdiente Lohn für die starke Hand des Skanderbeg. Und damit küsse ich Deine zarten Händchen. — Gegeben im Gasthaus zum Nachttopf, am heutigen Sonntag.“

Als er diesen Brief geschrieben und mit zerkautem Brot versiegelt hatte, steckte Cienzo ihn seinem Hündchen ins Maul und befahl ihm: „Los, lauf, lauf, und bring das der Königstochter, aber gib es niemand in die Hand als nur dem Silbergesichtchen.“ Wie im Fluge sauste das Hündchen zum Königspalast, sprang die Treppen hinauf und fand den König, wie er noch immer seinem Schwiegersohn Liebenswürdigkeiten sagte. Als der König das Hündchen mit dem Schreiben im Maule hereinspringen sah, befahl er, es ihm abzunehmen. Das Hündchen aber wollte den Brief niemand geben, sondern sprang Menechella auf den Schoß und legte ihn ihr in die Hände. Menechella erhob sich von ihrem Sessel, verneigte sich vor dem König und reichte ihm den Brief, damit er lese.

Kaum hatte der König ihn gelesen, da befahl er, dem Hündchen nachzugehen und festzustellen, in welches Haus es laufe, und den Hausherrn ohne Umstände vor ihn zu führen. Zwei Höflinge folgten dem Hündchen, kamen an die Herberge, fanden dort Cienzo, richteten ihm die Botschaft aus und führten ihn zum Schlosse.

Als er nun vor dem König stand, fragte der ihn, wie er sich erdreisten könne, sich zu rühmen, er habe den Drachen erschlagen, wo doch die Köpfe ihm von dem Manne überbracht worden seien, den er jetzt mit der Krone auf dem Haupte neben ihm sitzen sähe. Und Cienzo erwiderte: „Dieser Bauernflegel hätte eher eine Schandmütze aus Packpapier verdient als eine Krone, weil er die Unverschämtheit aufbringt, dir Schweinsblasen statt Laternen zu zeigen. Und um Euch zu beweisen, daß ich die Tat vollbracht und nicht dieser Ziegenbart, laßt die Drachenköpfe herbeischaffen, denn keiner von ihnen kann zum Beweise dienen, da ihnen die Zungen fehlen. Die Zungen aber sollen für mich zeugen, ich habe sie als Beweis mitgebracht.“ Damit zeigte er die Zungen vor, der Bauer jedoch erblich und wußte nicht, wie ihm geschehen war. Menechella aber rief: „Er ist’s! O du gemeiner Hund, was hast du mir angetan!“

Auf der Stelle riß der König dem schmierigen Gesellen die Krone vom Kopf und setzte sie Cienzo auf. Er wollte den Schwindler auf die Galeeren schicken, Cienzo aber gedachte die Unverschämtheit durch Güte zu beschämen und erbat und erhielt Gnade für ihn. Nun wurden die Tafeln gedeckt, man speiste wie die großen Herren, und das junge Paar legte sich in ein schönes Bett, mit duftiger Wäsche bezogen, wo Cienzo nach dem ruhmreichen Kampf mit dem Drachen Triumphe feierte auf dem Schlachtfeld der Liebe.

Am Morgen darauf, als die Sonne inmitten der Sterne das Schwert des Lichtes mit beiden Händen schwang und rief: „Zurück, Gesindel!“ trat Cienzo, während er sich ankleidete, an ein Fenster und erblickte im Hause gegenüber ein junges Mädchen, wandte sich zu Menechella um und fragte: „Was ist denn das für ein hübsches Ding da drüben im Hause?“ — „Was geht denn das dich an?“ erwiderte die Frau. „Was hast du dahin zu sehen? Kommt dich etwa ein böses Lüstchen an? Oder hast du schon genug von meinem Fett? Genügt dir nicht das Fleisch, das du zu Hause hast?“

Cienzo ließ den Kopf sinken wie eine Katze, die den Milchtopf umgeworfen hat, gab aber keinen Muck von sich. Dann tat er, als müsse er wegen eines Geschäftchens das Zimmer verlassen, trat aus dem Schloß und schlüpfte in das Haus des Mädchens.

Das war nun freilich ein auserlesener Leckerbissen, zart wie Quark und süß wie Zucker. Wenn sie die Ätzeisen ihrer Augen auf einen Mann richtete, sandte sie ihm mit feurigem Brandmal einen geheimen Liebesboten ins Herz; nie öffnete sie die Muschel ihrer Lippen, ohne die Seelen zum Sieden zu bringen, sie bewegte keinen Fuß, ohne demjenigen auf die Schultern zu treten, der an dem Seile seiner Hoffnungen baumelte. Und außer anderen Reizen, mit denen sie ihre Zauberkraft ausübte, hatte sie die Gabe, wann immer sie wollte, die Männer mit ihren Haaren zu behexen, zu binden, zu fesseln, zu knoten, zu ketten und zu umgarnen. So tat sie es auch mit Cienzo, denn der hatte kaum den Fuß in ihr Zimmer gesetzt, da war er schon gefesselt wie ein junges Füllen.

Inzwischen kam Meo, dem jüngeren Bruder, der keinerlei Nachricht von Cienzo erhalten hatte, der Gedanke, ihn zu suchen. Er bat seinen Vater um Urlaub und erhielt ebenfalls ein Pferd und einen Hund, die beide gefeit waren. Unterwegs stieß er eines Abends auf den Turm, wo Cienzo auch gewesen war, und der Hausherr, der ihn mit seinem Bruder verwechselte, empfing ihn mit größter Freundlichkeit und wollte ihm einen Beutel Geldes geben. Er aber nahm ihn nicht an. Die höfliche Aufnahme jedoch brachte ihn auf den Gedanken, sein Bruder könnte dort gewesen sein, und er schöpfte neue Hoffnung, ihn aufzufinden. Sobald der Mond, der aller Dichter Freund ist, der Sonne den Rücken zudrehte, machte er sich wieder auf den Weg und kam an die Wohnstätte der Fee. Auch sie glaubte, es sei Cienzo, nahm ihn festlich auf und grüßte ihn: „Willkommen, lieber Jüngling, der du mir das Leben gerettet hast!“ Meo dankte ihr für soviel Liebenswürdigkeit und sprach: „Verzeih, wenn ich mich nicht aufhalte, ich habe es eilig. Auf Wiedersehen bei der Rückkehr!“ Froh darüber, daß er überall die Spuren seines Bruders entdeckte, zog Meo seine Straße, bis er vor dem Palaste des Königs anlangte, gerade an dem Tage, da Cienzo in die blonden Schlingen der Zauberin geraten war. Bei seinem Eintritt wurde er in hohen Ehren von den Dienern empfangen und von der Braut mit großer Herzlichkeit umarmt. „Sei willkommen, lieber Mann!“ rief sie. „Der Morgen geht, und der Abend kommt; und wenn alle Vögel auf die Futtersuche gehen, kehrt die Eule nach Hause zurück. Was hast du so lange gesäumt, mein Cienzo! Wie kannst du so lange von Menechella fern bleiben! Du hast mich dem Drachen aus den Zähnen gerissen und wirfst mich nun dem Argwohn in den Rachen, und ich wäre doch so gerne immer der Spiegel deiner Augen!“ Der schlaue Meo merkte sofort, daß sie die Frau seines Bruders war, und entschuldigte sich wegen seines Ausbleibens, schloß sie in seine Arme, und dann setzten sie sich zum Nachtmahl.

Als Luna wie eine Glucke die Sterne lockte, damit sie den Tau aufpickten, gingen die beiden zu Bett. Meo aber, der der Ehre seines Bruders nicht zu nahe treten wollte, teilte die Bettücher, nahm eins für sich und überließ das andere Menechella, um nicht in die Gelegenheit zu kommen, seine Schwägerin zu berühren. Das war etwas Neues für Menechella, ihre Blicke verfinsterten sich, und griesgrämig wie eine Stiefmutter sprach sie zu ihm: „Mein Lieber, was soll denn das? Was für ein Spiel treiben wir denn da? Was sind mir das für Scherze? Sind wir etwa zwei Streithähne von Bauern, die ihre Grenzen abstecken? Sind wir zwei feindliche Heere, daß wir einen Schützengraben zwischen uns aufwerfen? Sind wir wilde Pferde, die man durch einen Zaun auseinanderhält?“ Meo, der sehr wohl bis drei zählen konnte, erwiderte: „Beklage dich nicht über mich, mein Schatz, sondern über den Arzt, der mir zur Purganz eine Diät verschrieben hat. Bedenke außerdem, daß ich, ermüdet von der tagelangen Jagd, mit gestutztem Schwanze zurückkehre.“ Die harmlose Menechella, die kein Wässerchen trüben konnte, schluckte die Geschichte und schlief ein.

Als aber die Nacht, von der Sonne verfolgt, die Dämmerschatten anwies, ihren Tornister zu packen, zog sich Meo an demselben Fenster an, vor dem sich auch sein Bruder angekleidet hatte. Da erblickte er dasselbe schöne Mädchen, dem Cienzo ins Netz gegangen war. Und da sie auch ihm gar sehr gefiel, fragte er Menechella: „Wer ist denn das Püppchen dort am Fenster?“ In heller Wut versetzte sie: „Hierher gesehen! Schon gestern hast du mir das Lob dieses Frauenzimmers gesungen, und ich fürchte, wovon das Herz voll ist, davon läuft der Mund über. Hast du denn gar keine Achtung vor mir? Ich bin am Ende die Königstochter, und jeder Dreck hat seinen Rauch. Nicht umsonst hast du heute Nacht Schulter an Schulter mit mir den Doppeladler gemacht! Nicht umsonst hast du heute Nacht mit deinem Kapital zurückgehalten! Ich habe dich verstanden: In meinem Bett hältst du Diät, in andern Häusern gehst du zu Tisch. Aber wenn ich das herauskriege, dann sollst du einen Tanz erleben, daß die Scherben in der Luft umherfliegen!“ Meo, der Brot aus vielen Öfen gegessen hatte, beruhigte sie mit guten Worten und versicherte und schwor, er würde auch nicht der schönsten Kurtisane wegen sein Haus vertauschen, denn sie sei der Augapfel seines Herzens. Völlig getröstet, begab sich Menechella in ihr Boudoir, ließ sich von ihren Zofen die Falten auf der Stirn glätten, die Haare kräuseln, die Wimpern färben, Rot auflegen und sich aufs feinste herausputzen, um auf diese Weise dem Manne, den sie für ihren Gatten hielt, um so schöner zu erscheinen.

Aus den Worten Menechellas war Meo inzwischen der Verdacht aufgestiegen, Cienzo befinde sich in dem Hause des Mädchens, und er nahm sein Hündchen mit sich, trat aus dem Palast, begab sich in das gegenüberliegende Haus und war kaum eingetreten, als die schöne Zauberin sagte: „Bindet ihn, ihr Haare mein!“ Sofort entgegnete Meo: „Friß sie auf, mein Hündelein!“ Und mit einem Satz verschlang das Hündchen sie wie ein Eidotter. Meo ging nun ins Haus und fand seinen Bruder verzaubert. Aber er legte ihm nur zwei Härchen seines Hündchens auf den Leib, da war es, als erwache er aus tiefem Schlaf.

Und er berichtete ihm auf der Stelle alles, was er auf der Reise erlebt hatte und was ihm schließlich im königlichen Palaste widerfahren war und wie er, von Menechella verwechselt, bei ihr geschlafen habe. Er wollte gerade fortfahren und erzählen, wie er die Bettücher geteilt habe, da zog Cienzo, vom Teufel geritten, einen alten Wolfsdolch und schnitt ihm den Kopf ab, als wäre er eine Gurke. Von dem Lärm herbeigelockt, erschien die Königstochter, und als sie sah, daß Cienzo einen Mann getötet hatte, der ihm aufs Haar glich, fragte sie ihn nach dem Grunde. Cienzo erwiderte: „Frag dich selbst, denn du hast bei meinem Bruder geschlafen, und darum habe ich ihn ins Jenseits befördert!“ — „Weh, wie viele sind zu Unrecht getötet worden!“ rief Menechella, „da hast du ein schönes Heldenstück geliefert! Du bist eines so vortrefflichen Bruders gar nicht würdig, denn du mußt wissen, als er und ich im selben Bette lagen, da teilte er mit großer Zurückhaltung die Bettücher und machte: Du bleibst für dich und ich für mich!“

Da packte Cienzo die Reue über einen so schweren Irrtum, der der Sohn eines vorschnellen Urteils und der Vater einer Riesendummheit war, und er zerkratzte sich das halbe Gesicht. Plötzlich aber erinnerte er sich des Krautes, auf das ihn der Drache hingewiesen, rieb dem Bruder den Hals damit ein, und sofort heftete sich der Kopf wieder an, und Meo sprang auf die Füße heil und unversehrt. Cienzo umarmte ihn mit großer Freude und bat ihn um Verzeihung, daß er sich, schlecht unterrichtet, hatte hinreißen lassen, ihn aus der Welt zu schaffen. Dann gingen sie Arm in Arm ins Schloß des Königs. Sie ließen Antoniello rufen mit seiner ganzen Familie. Meo aber wurde dem König herzlich lieb, der in dem Sohne wieder einmal das Sprichwort bewahrheitet fand:

Ein wendig boot mit schlankem bord

schiesst gradenwegs in sichern port.

VIII
Das Ziegengesicht

Die Tochter eines Bauern wird durch das Wohlwollen einer Fee die Gemahlin eines Königs. Da sie sich jedoch gegenüber ihrer Wohltäterin undankbar erweist, verwandelt die Fee ihr Gesicht in das einer Ziege. Von ihrem Gemahl darob verschmäht, erfährt sie eine sehr üble Behandlung. Ein guter alter Mann bringt sie dazu, sich endlich zu demütigen, sie gewinnt ihre frühere Gestalt zurück und wird von ihrem Gemahl in Gnaden wieder aufgenommen.

So endete Ciullas Erzählung. Sie hatte allen einen großen Genuß bereitet, und nun war die Reihe an Paola, die wie folgt begann:

Alle Schlechtigkeiten, deren sich die Menschen schuldig machen, haben ihren bestimmten Grund: den Stachel des Zorns oder den Drang der Not oder die Verblendung der Liebe oder die Maßlosigkeit der Wut. Für Undank aber gibt es keine Entschuldigung, keine echte und keine falsche, auf die sich einer berufen könnte. Und dieser Fehler ist um so schlimmer, als er den Quell der Barmherzigkeit versiegen und das Feuer der Liebe verlöschen läßt, den Weg der Wohltaten versperrt und in dem Menschen, dem er so übel heimzahlt, Enttäuschung und Reue weckt, wie ihr aus der Geschichte ersehen werdet, die ich euch jetzt erzählen will.

Ein Bauer hatte zwölf Töchter, die aufeinander folgten wie die Orgelpfeifen, denn alle Jahre bescherte ihm seine Hausfrau, die wackere Ceccuzza, ein Töchterchen dazu. Der arme Mann, der seine Familie in Ehren durchbringen wollte, ging jeden Morgen zu seiner Tagesfron aufs Feld, und man hätte schwerlich sagen können, was dabei reichlicher floß, der Schweiß, den er auf die Erde tropfen ließ, oder der Speichel, den er sich in die hohle Hand spie, um mit dem wenigen, das ihm seine Mühe eintrug, alle die Mäuler zu stopfen, damit sie nicht vor Hunger stürben.

Eines Tages plagte er sich am Fuße eines Berges ab, der als der Spion der anderen Berge seine Nase über die Wolken hob, um zu erspähen, was sich in der Luft begebe. Da sah er, wie aus einer Höhle, die so tief und dunkel war, daß die Sonne sich nicht getraute einzudringen, eine grüne Eidechse hervorkam, die groß war wie ein Krokodil. So erschrocken war das arme Bäuerlein, daß es nicht die Kraft fand auszureißen, sondern stehenblieb und darauf wartete, daß das grausame Tier seinen Rachen auf- und seine Lebenstür zumachen würde. Doch die Eidechse kam auf ihn zu und sprach: „Hab keine Furcht, mein armer Mann, ich bin nicht gekommen, dir ein Leids zu tun, sondern dir zu helfen.“ Da fiel Masaniello — das war der Name des armen Tagelöhners auf die Knie und flehte die Eidechse an: „Fräulein Wie-heißt-Ihr-doch, ich bin in Eurer Gewalt, habt Mitleid mit mir, und erbarmet Euch eines armen Mannes, der für zwölf hungrige Seelen zu sorgen hat.“ — „Gerade darum“, erwiderte die Eidechse, „will ich dir ja helfen. Bringe morgen früh die kleinste deiner Töchter zu mir. Ich will sie aufziehen wie mein leibliches Kind und sie hegen und pflegen wie mein eigenes Leben.“

Bei diesem Ansinnen wurde dem unglücklichen Vater zumute wie einem Spitzbuben, den man auf frischer Tat ertappt. Denn als er vernahm, daß die Eidechse eine seiner Töchter von ihm begehre, und noch obendrein die zarteste, da dachte er, das könne nicht mit richtigen Dingen zugehen, und das Kind solle der Eidechse nur als Abführpille dienen, mit der sie den Hunger seiner Familie vertreiben wolle. Und er sprach bei sich: „Wenn ich ihr das Kind gebe, so gebe ich ihr meine Seele, verweigere ich es ihr, so nimmt sie meinen Leib. Wenn ich es ihr überlasse, so reiße ich mir den Augapfel aus, schlage ich ihr die Bitte ab, so saugt sie mir das Blut aus den Adern. Willige ich ein, so nimmt sie ein Stück von mir, weigere ich mich, so nimmt sie das Ganze. Was soll ich tun? Wozu mich entschließen? Welchen Ausweg wähle ich? Oh, was für ein Unglückstag! Welches Unheil ist mir da vom Himmel herabgeregnet!“ Die Eidechse aber wurde dringender: „Schnell, entschließe dich und tu, was ich dir gesagt habe, wenn nicht, dann kannst du sehen, wie du aus deinem Elend herauskommst. Ich will es so, und dabei bleibt es!“

Masaniello vernahm den Urteilsspruch, und da er niemand hatte, bei dem er hätte Berufung dagegen einlegen können, begab er sich auf den Heimweg mit schwerem Herzen und so gelb im Gesicht, als hätte er die Gelbsucht. Als Ceccuzza ihn so verstört und niedergeschlagen erblickte, mit zugeschnürter Kehle und schmerzerfüllter Brust, fragte sie ihn: „Was ist denn dir zugestoßen, lieber Mann? Hast du mit jemand Händel gehabt? Hat man dir die Pacht aufgekündigt? Oder ist dein Esel krepiert?“ — „Nichts von alledem“, erwiderte Masaniello, „sondern eine gehörnte Eidechse hat mir solchen Schrecken eingejagt. Sie drohte mir, wenn ich nicht die kleinste unserer Töchter zu ihr brächte, sollte ich sie kennenlernen. Das geht mir nun wie ein Mühlrad im Kopf herum, und ich weiß nicht, wo aus noch ein. Einerseits hält mich die Liebe zurück, andererseits drängt mich die Not unseres Hauses. Ich habe meine Renzolla über alles lieb, über alles lieb ist mir mein Leben, gebe ich ihr nicht dieses Geschöpfchen meiner Lenden, so nimmt sie sich die erbärmliche Handvoll Mensch, die ich darstelle. Drum rate mir, liebe Ceccuzza, sonst bin ich ein verlorener Mann.“

Die Frau aber tröstete ihn: „Wer weiß, lieber Mann, ob diese Eidechse unserem Hause nicht Glück bringt? Wer kann wissen, ob dieses Tier nicht ein für allemal die Tür hinter unserem Elend zuschlägt? Denke daran, wie oft wir selbst nicht unserem Glücke im Wege stehen. Wenn wir Adleraugen haben sollten, das Glück zu erkennen, das uns gerade über den Weg läuft, dann haben wir nur zu oft einen Schleier vor den Augen und die Gicht in den Händen, so daß wir nicht zugreifen können. Drum geh und bring ihr das Kind. Denn mir sagt das Herz, das arme Wesen wird sein Glück dabei machen.“

Diese Worte klangen dem Masaniello gar lieblich ins Ohr, und am anderen Morgen, sobald die Sonne mit ihrem Strahlenpinsel den von den Schatten der Nacht geschwärzten Himmel getüncht hatte, nahm er das Kleinchen an der Hand und führte es zu dem Eingang der Höhle. Kaum erblickte die große Eidechse, die schon auf der Lauer gelegen hatte, den Bauer, da kam sie aus ihrem Versteck hervor. Und nachdem das Töchterchen ihr übergeben worden war, reichte sie dem Vater einen Beutel mit güldenen Talern und sagte: „Geh hin und verheirate mit diesen Gulden deine anderen Töchter und sei frohen Mutes. Renzolla hat in mir Vater und Mutter gefunden. Sie kann sich glücklich schätzen, denn für sie hat alle Not ein Ende.“

Da jubelte Masaniello, dankte der Eidechse, rannte unter Freudensprüngen heim zu seiner Frau, erzählte ihr, was geschehen war, und zeigte ihr die Goldtaler. Damit steuerte er der Reihe nach alle seine anderen Töchter aus, und es verblieb ihnen selbst auch noch ein gehöriger Happen, mit dem sie die restliche Mühsal ihrer Tage getrost erwarten konnten.

Die Eidechse nahm Renzolla zu sich und schuf einen prächtigen Palast, setzte sie hinein und umgab sie mit allem Pomp und Prunk wie eine Königin, so daß auch nicht das geringste an ihrem Glücke fehlte. Man speiste wie die Grafen, kleidete sich wie die Fürsten und hatte hundert diensteifrige und sorgsame Zofen zur Bedienung. Und so konnte es bei so guter Behandlung nicht ausbleiben, daß Renzolla in kurzer Frist aufwuchs und groß und stark wurde wie eine Eiche.

Nun geschah es, daß der König, der eines Tages in jenen Wäldern jagte, von der Dunkelheit überrascht wurde und nicht wußte, wohin er sein Haupt legen sollte. Da erblickte er ein Licht, das vom Palaste her schimmerte, und schickte einen seiner Diener hin, den Schloßherrn um Quartier zu bitten. Dem Diener trat die Eidechse in Gestalt eines wunderschönen Mädchens entgegen. Als sie seine Botschaft vernommen, antwortete sie, der König solle tausendmal willkommen sein, und es werde ihm weder an Brot noch an Messern fehlen. Der König betrat das Schloß und wurde empfangen wie ein großer Herr. Hundert Pagen kamen ihm entgegen mit brennenden Fackeln, so daß es aussah wie der prunkvolle Leichenzug eines reichen Mannes. Hundert andere Pagen trugen die Speisen auf den Tisch, und sie nahmen sich aus wie die Gehilfen des Arztes, die den Kranken ihre Schüsseln überbringen. Hundert weitere machten mit ihren Instrumenten rauschende Musik dazu. Vor allem aber: als Mundschenk wartete Renzolla dem König auf und versah diesen Dienst mit so viel Anmut und Zierlichkeit, daß er mehr der Liebe als dem Weine zusprach. Als das Mahl zu Ende war und der König sich zu Bett begeben wollte, zog Renzolla ihm selbst die Stiefel von den Füßen und das Herz aus der Brust mit solcher Liebenswürdigkeit, daß er fühlte, wie ihm unter der Berührung ihrer Hand das Gift der Liebe von den Fußspitzen bis zum Herzen emporstieg und ihn völlig zu verzehren drohte.

Um diesem Tode zu entgehen, gegen den ihm schon aller Kampf vergeblich schien, verlangte der König nach dem Gegengift gegen so viel Schönheit, und er wandte sich an die Fee, unter deren Schutz sie stand, und bat sie um Renzollas Hand. Die Fee aber, die nichts anderes im Sinne hatte als das Glück Renzollas, gab sie ihm nicht nur bereitwilligst, sondern stattete sie noch obendrein mit sieben Millionen Gulden aus. Jubelnd über dieses Glück, zog der König mit Renzolla von dannen.

Renzolla aber war hochmütigen Sinnes und dachte nicht daran, sich für all das, was die Fee für sie getan, erkenntlich zu erweisen. Und so wandte sie ihr den Rücken, ohne ihr auch nur ein einziges Wörtchen des Dankes oder der Liebe zu gönnen. Über einen so schändlichen Undank empört, verwünschte die Fee Renzolla, daß sich ihr Gesicht in das einer Ziege verwandeln sollte. Im selben Augenblick zog sich Renzollas Mund zu einem breiten Maule auseinander, ein langer Bart hing ihr herab, die Kiefer dehnten sich nach hinten, die Haut wurde hart, das Gesicht bedeckte sich mit Haaren, und die zierlich aufgesteckten Flechten verwandelten sich in spitze Hörner.

Als er sah, wie sich Renzolla verwandelte, stand dem unglückseligen König das Herz beinahe still vor Entsetzen, zu solcher Häßlichkeit war Renzollas wunderbare Schönheit verunstaltet. Er seufzte und klagte und jammerte: „Wo sind die Haare, die mich umstrickten? Wo sind die Augen, die mich durchbohrten? Wo der Mund, der Fallstrick meiner Seele, der Köder meiner Lebensgeister, das Netz, in dem sie mein Herz gefangen? Aber wie? Soll ich denn der Gatte einer Ziege sein und mir den Titel eines Bockes zulegen? Soll ich mir auf diese Weise Hörner aufsetzen lassen? Nein, nein! Ich will nicht, daß mir das Herz bricht wegen eines Ziegengesichts. Ich will keinen Ehekrieg, der mir statt der Lorbeeren des Sieges ihre stinkenden Oliven als Trophäen einträgt!“

Unter solchen Klagen kam er an sein Schloß, und da sperrte er Renzolla mit einer Kammerfrau in die Küche, gab jeder zehn Bund Flachs zum Spinnen und setzte ihnen eine Woche Frist zur Ausführung dieser Arbeit. Gehorsam dem Befehl des Königs, begann die Kammerfrau den Flachs zu hecheln, ihn einzuteilen, an dem Rocken zu befestigen, die Spindel zu drehen und die Strähnen zu binden, wobei sie sich abrackerte wie ein Hund. Und als der Samstag gekommen war, hatte sie alles fix und fertig. Renzolla aber, in dem Glauben, immer noch so auszusehen wie in dem Hause der Fee — sie hatte sich nämlich nicht im Spiegel besehen —, warf den Flachs durchs Fenster und sprach: „Was ist nur dem König in den Kopf gestiegen, daß er mir solche Plackereien zumutet? Wenn er Hemden haben will, so soll er sich welche kaufen, aber er soll sich nicht einbilden, er habe mich in der Gosse gefunden! Er hat wohl vergessen, daß ich ihm sieben Millionen Gulden in die Ehe gebracht habe und daß ich seine Frau bin, aber nicht seine Magd. Er scheint mir ein rechter Esel zu sein, daß er glaubt, mich so behandeln zu können.“

Trotzdem, als sie am Samstagmorgen sah, wie die Kammerfrau ihren ganzen Anteil Flachs gesponnen hatte, bekam sie es doch mit der Angst, daß man sie wie Wolle durchwalken möchte. Und so eilte sie zum Palaste der Fee und klagte der ihr Leid. Die Fee schloß sie voller Liebe in die Arme und gab ihr einen Sack voll Gesponnenem, das sollte sie dem König überreichen und ihm damit zeigen, daß sie eine gute Spinnerin und Hausfrau sei. Renzolla nahm den Sack und wandte sich, ohne auch nur „Dankeschön“ zu sagen, zum Gehen. Die Fee aber konnte sich nicht beruhigen über das schändliche Benehmen des lieblosen Mädchens.

Der König nahm das Gespinst in Empfang und übergab ihr und der Kammerfrau je einen Hund mit der Weisung, ihn zu pflegen und aufzuziehen. Die Kammerfrau fütterte den ihrigen mit Brotstücken und behandelte ihn wie ihr eigenes Kind. Renzolla aber schrie: „Das hätte ich doch im Traume nicht gedacht! Bin ich denn unter die Türken geraten? Bin ich dazu da, Hunde zu kämmen und abzuhalten?“ Damit warf sie das Tier durchs Fenster, und das war etwas anderes als ein Sprung durch den Ring. Nach einigen Monaten aber fragte der König nach den Hunden. Da packte Renzolla wieder die Angst, und sie lief abermals zu der Fee.

Vor dem Tore ihres Palastes stieß sie auf einen alten Mann, der Pförtnerdienste tat und sie fragte: „Wer bist du, und was willst du?“ Bei dieser unverhofften Frage platzte Renzolla heraus: „Kennst du mich nicht, du Ziegenbart?“ — „Du sitzt im Glashaus und wirfst mit Steinen?“ versetzte der Alte. „Verfolgt denn der Dieb den Häscher? ,Bleib mir vom Leibe, sonst machst du mich schwarz!‘ sagte der Kessel. Ich ein Ziegenbart? Ein Ziegenbart bist du, und was für einer! Und das hast du verdient wegen deiner maßlosen Einbildung, das und noch Schlimmeres dazu. Warte nur einen Augenblick, du unverschämte, hochfahrende Person! Ich will dir ein Licht aufstecken. Dann sollst du sehen, wohin dich dein Hochmut gebracht hat!“ Damit lief er in seine Kammer, holte einen Spiegel und hielt ihn Renzolla vors Gesicht.

Als sie ihre häßliche, haarige Haut erblickte, hätte sie beinahe Krämpfe bekommen vor Schrecken. Solche Angst packte nicht einmal Rinaldo, als er sich in dem verzauberten Schilde erblickte und sich so ganz anders fand als früher, wie nun Renzolla, die sich zu ihrem Schmerze so verunstaltet sah, daß sie sich selbst nicht wiedererkannte. Der Alte fuhr fort: „Hast du denn vergessen, Renzolla, daß du die Tochter eines Bauern bist, und daß die Fee dich mit Güte überschüttet und zur Königin gemacht hat? Du aber, du dumme Gans, du undankbares Geschöpf, du hast ihr nicht den geringsten Dank gewußt für all die Huld, ja, du hast sie für weniger geachtet als das hinterste Ende von der Kuh und ihr niemals auch nur das kleinste Zeichen deiner Liebe gegeben. Nun faß dich an deine eigene Nase. Nimm deinen Lohn und mach dich davon! Das ist dir ganz recht geschehen. Nun siehst du ja selbst, was für ein Gesicht du bekommen, und wohin dich dein Undank gebracht hat. Der Fluch der Fee hat nicht nur dein Gesicht verändert, er nahm dir auch deinen Stand. Drum, wenn du dem Rate eines Graubarts folgen willst, so gehe zu ihr, wirf dich ihr zu Füßen, raufe dir die Haare, zerkratze dir das Gesicht, schlage an deine Brust und bitte sie um Verzeihung für die üble Aufführung, die du ihr gegenüber an den Tag gelegt hast. Sie hat ja ein Herz wie Wachs, und das wird in Mitleid zerschmelzen über das Unglück, das dich betroffen hat.“

Da hatte der Alte die richtigen Saiten angeschlagen und den Nagel auf den Kopf getroffen. Und Renzolla tat, wie er ihr geraten. Die Fee aber schloß sie in die Arme, küßte sie und gab ihr die frühere Gestalt zurück. Dann kleidete sie sie ganz in Gold, setzte sie in eine wunderbare Kutsche, gab ihr einen Troß von Dienern und führte sie zum König zurück. Als der sie so schön und prächtig sah, wurde sie ihm wieder so lieb wie sein Leben. Er schlug sich die Brust vor Schmerz darüber, daß er ihr solche Leiden zugefügt, und entschuldigte sich damit, er habe sie nur wegen des verfluchten Ziegengesichtes wie altes Eisen behandelt.

Renzolla aber war glücklich und zufrieden, sie liebte ihren Gatten, ehrte die Fee und zeigte sich dankbar gegen den Alten, denn sie hatte am eigenen Leibe erfahren:

Ein dankbares gemüte

ist des herzens schönste blüte.

IX
Die verzauberte Hirschkuh

Durch einen Zauber werden Fonzo und Canneloro geboren. Die Königin, die Mutter Fonzos, ist neidisch auf Canneloro und verwundet ihn an der Stirn. Dieser reitet in die Fremde und hat, König geworden, eine große Gefahr zu bestehen. Fonzo, der an einer Quelle und einem Myrtenstrauch die schlimme Lage Canneloros erkennt, macht sich auf, um ihn zu befreien.

Mit offenem Munde lauschten alle der wunderschönen Erzählung Paolas und waren der Meinung, der Demütige sei wie ein Ball, der um so höher springe, je heftiger man ihn auf den Boden schleudere, und wie ein Ziegenbock, der um so stärker stoße, je größeren Anlauf er nehme. Taddeo aber gab Ciommetella ein Zeichen, daß sie den Faden weiterspinne, und sie setzte ihre Zunge wie folgt in Bewegung:

Über jeden Zweifel erhaben ist die Macht der Freundschaft, denn sie läßt uns jede Mühe und jede Gefahr im Dienste des Freundes ertragen. Der Besitz wird wie ein Strohwisch, die Ehre wie eine gepökelte Grille, das Leben wie ein Nichts erachtet, wenn es gilt, es zur Rettung des Freundes dahinzugeben. Davon tönen die Märchen wider, davon sind die Geschichten voll, und ich will euch heute ein Beispiel berichten, das mir meine Großmutter Simonella, Gott hab sie selig!, zu erzählen pflegte, so ihr, um mir ein wenig Gehör zu schenken, den Mund halten und die Ohren spitzen wollt.

Es war einmal ein König von Lungapergola namens Giannone. Der wünschte nichts sehnlicher, als Söhne zu haben, und ordnete ständig Gebete zu den Göttern an, daß sie sich herablassen und seiner Frau die Schwellung des Leibes bescheren möchten. Um sie zur Gewährung dieses Trostes zu bewegen, überhäufte er die Pilger mit Almosen und hätte ihnen sogar die Pupillen seiner Augen geschenkt. Als er aber endlich einsah, daß die Sache sich in die Länge zog und daß kein Hälmchen sprießen wollte, änderte er seine Gesinnung, wurde finster und hart, ließ die Tür seines Schlosses zunageln, und wenn sich ein Pilger seinem Hause näherte, empfing er ihn mit der Armbrust.

Eines Tages kam ein großer Weiser mit langem weißem Bart ins Land, und da er nicht wußte, daß der König andere Register gezogen hatte, oder da er ihm, obwohl er das wußte, ein Heilmittel bringen wollte, suchte er Giannone auf und bat ihn um Obdach in seinem Hause. Der König empfing ihn mit finsteren Blicken und schrecklicher Miene und sagte: „Wenn du keine andere Kerze als diese hast, so kannst du im Dunkeln zu Bett gehen! Die Zeit ist vorbei, daß Berta Kinder zur Welt bringen konnte. Jetzt haben die Kätzchen die Augen aufgemacht, es hat keinen Zweck mehr, jetzt Mama zu rufen.“ Als der Alte fragte, warum sich das denn so geändert habe, erwiderte der König: „Weil ich nichts sehnlicher wünschte, als einen Sohn zu bekommen, habe ich alles, was ich besaß, verschwendet und vertan an die Leute, die kamen und gingen. Als ich aber endlich eingesehen hatte, daß es verlorene Liebesmühe war, habe ich meine Hand zurückgezogen und den Anker gelichtet.“ Erwiderte der Alte: „Wenn es sonst nichts ist, dann sei unbesorgt, denn ich werde sie im Handumdrehen schwanger machen, daß ihr der Leib bis zu den Ohren schwillt!“ Sagte der König: „Wenn du das tust, verspreche ich dir die Hälfte meines Reiches.“ Der Alte sprach: „Wohlan, hör gut zu! Wenn du sie wie einen Birnbaum propfen willst, so nimm das Herz eines Meeresdrachen und laß es von einer Jungfrau kochen. Von dem Duft allein, der aus dem Topfe aufsteigt, wird auch ihr der Leib anschwellen. Wenn das Herz gekocht ist, so gib es der Königin zu essen, und du sollst sehen: im Handumdrehen ist sie schwanger wie im neunten Monat.“ — „Wie kann das geschehen?“ bemerkte der König. „Wenn ich ehrlich sein soll, der Brocken scheint mir doch zu groß, als daß ich ihn schlucken könnte.“ — „Wundere dich nicht“, versetzte der Alte, „denn wenn du die alten Geschichten liest, wirst du finden, daß Juno, als sie in den olenischen Gefilden auf eine Blume trat, ihren Leib anschwellen fühlte und ein Kind gebar.“ — „Wenn es so ist“, entgegnete der König, „soll man auf der Stelle dieses Drachenherz suchen. Schließlich habe ich dabei ja nichts zu verlieren.“

Mit Stellnetzen, Treibnetzen, Schleppnetzen, Senknetzen, Wurfnetzen, Fangleinen und Speeren wurden nun hundert Fischer auf See hinausgeschickt. Und sie fuhren auf dem Meere so lange hin und her, bis sie einen Drachen fingen, ihm das Herz herausschnitten und es dem König brachten. Der König gab es einem schönen Hoffräulein zum Kochen. Dieses wurde in ein Zimmer eingeschlossen und hatte eben das Herz aufs Feuer gesetzt, da wurde, kaum daß der Dampf aus dem Topf quoll, nicht nur sie, die schöne Köchin, schwanger, sondern alle Möbel des Zimmers begannen anzuschwellen, und im Verlauf von wenig Tagen bekamen alle etwas Kleines: das Himmelbett brachte eine Wiege, der Kasten ein Kästchen, die Stühle Stühlchen, der Tisch ein Tischchen und der Krug ein lasiertes Krüglein zur Welt, so daß es eine wahre Wonne war.

Als das Herz gekocht war und die Königin es gerade probiert hatte, fühlte sie, wie ihr der Leib anschwoll, und nach Verlauf von vier Tagen gebar sie zur selben Zeit wie das Edelfräulein einen schönen Sohn. Die beiden Kinder glichen einander so sehr, daß man sie nicht voneinander unterscheiden konnte. Sie wuchsen gemeinsam auf und hatten sich so lieb, daß der eine nicht ohne den andern sein konnte. Ihre Zuneigung kannte keine Grenzen, und die Königin, die mit neiderfülltem Herzen sah, wie ihr Sohn dem Sohne einer Dienerin inniger zugetan war als ihr selbst, wußte nicht, wie sie diesen Splitter aus ihrem Auge entfernen sollte.

Eines Tages wollte der Prinz mit seinem Kameraden auf die Jagd gehen. Er ließ ein Feuer im Ofen seines Gemaches anzünden und begann Blei zu gießen, um Kugeln herzustellen. Da bemerkte er aber, daß ihm irgend etwas fehlte, und er begab sich persönlich auf die Suche. In diesem Augenblick erschien die Königin, um zu sehen, was ihr Sohn treibe. Als sie Canneloro allein fand, den Sohn des Hoffräuleins, kam ihr der Gedanke, ihn ins Jenseits zu befördern, und sie schlug ihm einen glühenden Tiegel ins Gesicht. Der Jüngling bückte sich, und der Schlag traf ihn über den Augenbrauen und brachte ihm eine tiefe Wunde bei. Die Königin hätte noch einen zweiten Schlag geführt, da aber kam ihr Sohn Fonzo zurück, und sie stellte sich, als ob sie nur gekommen sei, sich nach seinem Befinden zu erkundigen, und verließ nach einigen verlegenen Liebkosungen das Zimmer.

Canneloro, der sich inzwischen eine Mütze über die Stirn gezogen hatte, um den anderen nicht merken zu lassen, was geschehen war, stand fest und aufrecht da, wenngleich ihn die Wunde heftig brannte. Und als er Kugeln gedreht hatte wie ein Mistkäfer, bat er den Prinzen um Urlaub, das Land zu verlassen. Das verwunderte Fonzo höchlichst, denn er hatte ihm vorher nicht die geringste Andeutung gemacht, so daß er ihn nach dem Grunde dieses Entschlusses fragte. Canneloro erwiderte: „Dringe nicht weiter in mich, lieber Fonzo, laß dir genügen zu wissen, daß ich gezwungen bin, das Land zu verlassen. Und der Himmel weiß, wenn ich von dir scheide, der du mein Herz bist trennt sich meine Seele von dieser Brust, entschwebt mein Geist dem Körper und rinnt mir das Blut aus den Adern. Da es aber nicht anders sein kann, lebe wohl und vergiß mich nicht.“

Unter Umarmungen und Tränen begab sich Canneloro in seine Kammer, legte eine Rüstung und einen Degen an, die auch zur Welt gebracht worden waren von anderen Waffen, zu der Zeit, da man das Drachenherz kochte, und nahm ein Pferd aus dem Marstall. Schon hatte er den Fuß in den Steigbügel gesetzt, da eilte Fonzo weinend herbei und sprach, wenn er schon entschlossen sei, ihn zu verlassen, so möge er ihm wenigstens ein Zeichen seiner Liebe vermachen, um den Kummer über seine Abwesenheit zu lindern. Canneloro legte die Hand an den Dolch und schleuderte ihn auf den Boden. Sofort sprang eine schöne Quelle hervor, und er sprach: „Siehe da, das ist das beste Andenken, das ich dir hinterlassen kann, denn aus dem Lauf dieser Quelle wirst du den Lauf meines Lebens erkennen. Wenn du sie lauter sprudeln siehst, will sie dir sagen, daß auch mein Leben sich ungestörter Ruhe erfreut. Wenn sie sich trübt, so wisse, daß ich Mühsal erleide. Wenn sie versickert, was der Himmel verhüten möge!, so weißt du, daß das Öl meiner Lampe erschöpft ist und ich im Begriffe bin, der Natur ihren Zoll zu zahlen.“ Dann ergriff er den Degen, führte einen Schlag gegen den Boden und ließ einen Myrtenstrauch hervorsprießen: „Immer wenn du diese Pflanze grünen siehst, werde ich grün wie Knoblauch sein. Wenn die Blätter schlaff herabhängen, so wisse, daß es mit meinem Schicksal nicht gut bestellt ist. Wenn sie aber völlig verdorren, dann kannst du von deinem Canneloro sagen: ,Requiescat in pace‘.“Und er schloß ihn noch einmal in die Arme und ritt von dannen.

Er ritt und ritt und hatte viele Abenteuer zu bestehen, die zu umständlich zu erzählen wären, wie Streitereien mit Fuhrleuten, Auseinandersetzungen mit Wirten, Schlägereien mit Zollwächtern, Gefahren in berüchtigten Engpässen und Überfälle von Straßenräubern. Schließlich kam er nach Vignafiorita, gerade in dem Augenblick, da man ein prächtiges Turnier veranstaltete, wobei die Königstochter als Preis für den Sieger bestimmt war. Canneloro meldete sich zur Teilnahme und hielt sich so tapfer, daß er alle Ritter, die aus den verschiedensten Ländern gekommen waren, um sich einen Namen zu machen, in den Staub warf. So wurde ihm Fenizia, die Tochter des Königs, zur Gemahlin gegeben und ein großes Fest veranstaltet.

Einige Monate lebten die Jungvermählten in heiligem Frieden, bis Canneloro die Lust ankam, auf Jagd zu gehen. Der König sagte zu ihm: „Sieh dich vor, lieber Schwiegersohn! Hüte dich, daß dich der Böse nicht verblende! Halt deinen Kopf klar, sperr die Ohren auf, mein Herr, in den Wäldern geht ein Satan von Werwolf um, der wechselt täglich die Gestalt. Bald ist er ein Löwe, bald ein Hirsch, bald ein Esel, bald dies, bald das, und mit tausend Listen und Tücken schleppt er die Unglücklichen, die ihm in den Weg laufen, in eine Höhle, wo er sie verspeist. Setze darum, lieber Sohn, dein Leben nicht aufs Spiel, denn wir haben den Kummer davon.“

Canneloro, der die Furcht im Mutterleibe gelassen hatte, schlug den Rat des Schwiegervaters in den Wind, und kaum hatte die Sonne mit dem Ginsterbesen ihrer Strahlen den Ruß der Nacht weggefegt, da ging er auf die Jagd. Er kam an einen Wald, wo unter dem Schutzdach der Äste die Schatten sich versammelten, einen Geheimbund zu schließen und eine Verschwörung gegen die Sonne anzustiften. Der Werwolf erblickte ihn von weitem und verwandelte sich in eine schöne Hirschkuh, Canneloro folgte ihrer Fährte. Die Hindin aber führte ihn in die Irre und lockte ihn von Ort zu Ort, bis sie ihn schließlich in das Innere des Waldes gezogen hatte. Da ließ der Zauberer einen Wolkenbruch von Regen und Schnee herniederrauschen, daß es den Anschein hatte, als wolle der Himmel einstürzen. Canneloro befand sich gerade vor seiner Höhle, und er eilte hinein, um Schutz zu suchen. Vom Frost erstarrt, sammelte er Holz, das in der Höhle lag, nahm Flint und Stahl aus der Tasche und zündete ein großes Feuer an.

Während er sich so wärmte und die Kleider trocknete, erschien am Eingang der Höhle die Hindin und flehte ihn an: „Oh, Herr Ritter, erlaubt mir doch, ein wenig an der Wärme teilzunehmen, denn ich bin vor Kälte ganz erstarrt.“ Canneloro, der ein höflicher Mann war, antwortete: „Komm herein und sei willkommen.“ — „Ich komme“, erwiderte die Hindin, „aber ich habe Furcht, daß du mich tötest.“—„Keine Angst!“ erwiderte Canneloro, „komm herein, auf mein Wort.“ — „Wenn du willst, daß ich komme“, fuhr die Hindin fort, „so binde die Hunde an, daß sie mir nichts Böses tun, und fessele das Pferd, daß es nicht nach mir ausschlägt.“ Und Canneloro band die Hunde an und fesselte das Pferd. „Gut, jetzt bin ich schon halb beruhigt, aber wenn du nicht deinen Degen festbindest, bei der Seele meines Großvaters, dann komme ich nicht hinein.“ Und Canneloro, dem es Vergnügen machte, die Hindin zutraulich zu stimmen, band den Degen fest, wie es der Bauer aus Furcht vor den Häschern tut, wenn er ihn inmitten der Stadt trägt.

Als der Zauberer sah, daß Canneloro nun wehrlos war, nahm er seine eigentliche Gestalt wieder an, schlug seine Pranken um ihn und warf ihn in eine Grube in der Tiefe der Höhle und wälzte einen Stein darüber, um ihn zu gegebener Zeit zu verspeisen.

Mittlerweile pflegte Fonzo, der sich um nichts anderes mehr kümmerte, am Morgen und am Abend zu der Quelle und dem Myrtenstrauch zu gehen, um sich nach dem Befinden Canneloros zu erkundigen. Da fand er nun eines Tages den einen welk und die andere trübe, und sofort durchzuckte ihn der Gedanke, daß sein Herzensfreund in schweren Nöten sei. Entschlossen, ihm zur Hilfe zu eilen, bat er weder Vater noch Mutter um Urlaub, sondern sprang aufs Pferd und stürmte gut bewaffnet mit zwei gefeiten Hunden in die Weite. Er ritt und ritt, wandte sich hierhin und dorthin, bis er schließlich nach Vignafiorita kam. Dort herrschte tiefe Trauer, denn man glaubte, Canneloro sei tot. Nun war seine Ähnlichkeit mit Canneloro derart groß, daß alle Leute am Hofe ihn bei seinem Erscheinen für den Schwiegersohn des Königs hielten, und viele eilten zu Fenizia, um den Botenlohn für die gute Nachricht in Empfang zu nehmen.

Fenizia stürzte die Treppen hinunter, fiel Fonzo in die Arme und sprach: „Lieber Mann, mein Herzensschatz, wo bist du so lange gewesen?“ Da stieg ihm plötzlich die Vermutung auf, daß Canneloro in dieses Land gekommen sei und es wieder verlassen habe, und er faßte den Plan, die Prinzessin geschickt auszufragen, um herauszubringen, wo der Freund sich befinden könne. Als er vernahm, er hätte sich durch die verwünschte Jagd einer Riesengefahr ausgesetzt, besonders wenn er dem Zauberer über den Weg gelaufen wäre, der gegen alle Menschen so grausam sei, zog er den Schluß, daß sein Freund diesem in die Hände gefallen sei. Er sagte aber kein Wort, und als die Nacht herangekommen war, legte er sich zu Bett. Dabei stellte er sich, als habe er der Diana gelobt, diese Nacht seine Frau nicht zu berühren, und legte zwischen sich und Fenizia ein blankes, Schwert wie einen Zaun. Voller Ungeduld wartete er darauf, daß die Sonne hervorkäme, um dem Himmel die goldenen Pillen zu verabreichen, mit denen sie ihn von den Schatten purgieren sollte.

Am nächsten Morgen erhob er sich vom Lager, und weder die Bitten Fenizias, noch die Befehle des Königs vermochten ihn davon zurückzuhalten, auf die Jagd zu gehen. Hoch zu Roß, die beiden gefeiten Hunde zur Seite, drang er in den Wald, wo er Punkt für Punkt dasselbe erlebte, was Canneloro zugestoßen war. In der Höhle fielen ihm plötzlich die Waffen Canneloros in die Augen und die angebundenen Hunde und das Pferd. Da bestand für ihn kein Zweifel mehr, daß sein Freund dort verborgen war. Als aber die Hindin ihn bat, die Waffen, das Pferd und die Hunde festzubinden, hetzte er statt dessen die Rüden auf sie, die zerrissen sie in Fetzen. Während er nun nachsuchte, wo sein Freund wohl sein könnte, vernahm er einen Klagelaut aus der Grube, wälzte den Stein fort und zog Canneloro und alle anderen, die der Zauberer dort zum Mästen lebendig eingeschlossen hatte, hervor. Da fielen sie sich mit großer Freude in die Arme und gingen nach Hause.

Als Fenizia die beiden Männer, die sich so ähnlich sahen, herankommen sah, wußte sie nicht, wer von den beiden ihr Gatte war. Da aber Canneloro seine Mütze abnahm und sie die Narbe sah, erkannte sie ihn und schloß ihn in die Arme.

Fonzo blieb einen Monat lang an jenem Hofe und verlebte herrliche Tage. Dann aber zog es ihn in das heimische Nest zurück. Canneloro gab ihm einen Brief an seine Mutter mit, daß auch sie kommen und an seiner Herrlichkeit teilnehmen solle, was sie auch tat. Und von da ab wollte er weder von Hunden noch von der Jagd mehr etwas wissen, denn er erinnerte sich an den Spruch:

Bitter ist es, unglück leiden,

das man leichtlich konnt’ vermeiden.

X
Die geschundene Alte

Der König von Roccaforte verliebt sich auf den Klang der Stimme hin in ein unsichtbares altes Weib und nimmt es, durch das Vorzeigen eines Fingers getäuscht, zu sich ins Bett. Als er den Betrug entdeckt, läßt er die Alte zum Fenster hinauswerfen. Sie bleibt auf einem Baume hängen und wird von sieben Feen in ein wunderschönes junges Mädchen verwandelt, so daß der König sie zur Gemahlin nimmt. Die Schwester der Alten, neidisch auf ihr Glück, läßt sich, um auch so schön zu werden wie sie, die Haut abziehen und stirbt.

Da war niemand, dem die Geschichte Ciommetellas nicht gefallen hätte. Alle freuten sich über die Maßen, als Canneloro befreit und der Zauberer bestraft wurde, der den armen Jägern solche Qualen zufügte. Dann aber kam die Reihe an Jacova, daß sie mit ihrem Wappen den Brief der Unterhaltung versiegele. Und Jacova erzählte folgendes:

Das verwünschteste Laster, das uns Frauen eingeboren ist, das Verlangen, schön zu scheinen, setzt sich so über alle Schranken hinweg, daß wir, um den Rahmen der Stirn zu vergolden, uns das Bild des Gesichtes zerstören. Um die Haut unseres Fleisches zu bleichen, ruinieren wir uns die Zähne im Munde. Und um unsere Glieder leuchten zu lassen, bedecken wir unsere Augen mit Schatten, so daß uns, ehe noch die Stunde gekommen ist, da wir der Zeit unseren Tribut zahlen, der Eiter in die Augen, die Falten ins Gesicht und die Lücken ins Gebiß kommen. Tadelt man nun schon mit Recht ein junges Ding, wenn es aus purer Eitelkeit zu solchen Tändeleien greift, wieviel mehr gebührt dann einem alten Weibe eine Züchtigung, wenn es, um mit den Jungen zu wetteifern, sich den Spott der Leute und das eigene Verderben zuzieht, wie ich im Begriffe bin euch zu erzählen, so ihr mir ein Weilchen Gehör schenken wollt.

In einen Garten, der unter dem Fenster des Königsschlosses lag, hatten sich zwei uralte Weiblein zurückgezogen, der wahre Ausbund aller Häßlichkeit, der Inbegriff der Scheußlichkeit und die Summe aller Widerwärtigkeit. Struppig und borstig waren ihre Haare, die Stirn zerfurcht und blatternarbig, die Brauen stachlig und borstig, die Lider dick geschwollen, die Augen trüb und schielend, das Gesicht quittengelb und runzlig, der Mund breit und schief, kurzum, sie waren die reinsten Ziegenbärte, mit zottiger Brust, verwachsenen Schultern, gichtsteifen Armen, lahmen und gebrechlichen Beinen und wahren Hakenfüßen. Aus diesem Grunde hatten sie sich in ein Kellerloch unter dem Fenster des Königs verkrochen, damit kein Sonnenstrahl ihr häßliches Gesicht erblicke.

Der König war nun glücklich soweit, daß er nicht einmal einen Wind lassen konnte, ohne daß die alten Vetteln die Nase darüber rümpften. Sie murrten und brummten über die geringste Kleinigkeit: bald erklärten sie, ein Jasminblättchen, das aus dem Fenster herabgeschwebt war, hätte ihnen einen blauen Flecken auf dem Kopfe beigebracht, bald hatte ein Fetzchen Papier ihnen eine Schulter verrenkt, dann ein Stäubchen ihnen den Schenkel zerquetscht. Als der König dieses Übermaß von Empfindlichkeit gewahr wurde, kam er zu dem Schluß, dort unten müsse die Quintessenz aller zierlichen Dinge wohnen, das delikateste Stückchen Fleisch und die Blüte aller Blüten der Zartheit.

Und von der kleinen Zehe aus stieg ihm der Appetit und aus dem Mark die Begier, ein solches Wunder zu schauen und den Dingen auf die Spur zu kommen.

Er begann also Seufzer von oben nach unten zu schicken, zu husten, ohne erkältet zu sein, und schließlich immer vernehmlicher und nicht mehr hinter dem Gehege seiner Zähne zu sprechen: „Wo, wo verbirgst du dich, du Kleinod, du Edelstein, du Zier der Welt? Komm hervor, komm hervor, o Sonne, wärme mich, du Himmelskönigin! Entschleiere deine schönen Züge, enthülle die Lichter, die vor Amors Zelten brennen! Stecke doch ein einziges Mal dein Köpfchen heraus! Du vielbegehrte Bank der Schönheitskapitalien, geize nicht so sehr mit deinem Anblick! Tu auf, tu auf die Tore dem armen Liebesfalken! Hast du ein Geschenk für mich, so gib es mir! Laß mich doch das Instrument sehen, aus dem diese liebliche Stimme hervortönt! Laß mich die Glocke schauen, die diesen Klang verströmt! Laß mich nur einen Blick tun auf den zierlichen Vogel! Wie kannst du zulassen, daß ich armes Schäfchen nur Wermut auf der Weide finde? Versag mir doch nicht, dich zu schauen und dich wunderschönes Wesen mit Staunen zu betrachten!“

Dieses und vieles andere sagte der König. Aber er hätte Siegesfanfaren blasen können, die Alten hielten ihre Ohren verstopft. Und das warf nur noch mehr Holz ins Feuer. Der König, der wie Eisen in der Esse seiner Sehnsucht glühte, den die Begierde mit roten Zangen zwickte, und der den schweren Hammer seiner verliebten Qual unermüdlich tanzen ließ, um einen Schlüssel zu schmieden, mit dem er den Schrein jener Edelsteine öffnen könnte, die ihn vor Verlangen vergehen ließen, wich keinen Schritt zurück, sondern fuhr fort, Bittgesuche zu schicken und die Sturmangriffe nach Ruhepausen zu verstärken.

Die alten Weiber, die sich eingestimmt hatten und denen der Kamm schwoll bei den Angeboten und Versprechungen des Königs, hielten Rat und beschlossen, sich die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen, den Vogel zu fangen, der sich da freiwillig auf der Leimrute niederließ. Und eines Tages, als der König wieder sein liebeirres Klagelied anstimmte, riefen sie ihm durch das Schlüsselloch der Tür mit zartem Stimmchen zu: die größte Gunst, die sie ihm gewähren könnten, würde sein, daß sie ihm innerhalb von acht Tagen einen einzigen Finger ihrer Hand zeigen wollten.

Der König war ein erfahrener Soldat und wußte, daß man Festungen Schritt für Schritt erobert. Darum wies er den Vorschlag nicht zurück in der Hoffnung, nach und nach das ganze Bollwerk zu nehmen, das er belagert hielt; denn er hatte das alte Sprichwort noch nicht vergessen: „Nimm und fordere!“ Nachdem er die unerläßliche Frist des achten Tages angenommen, um das achte Weltwunder zu sehen, taten die beiden Alten nichts anderes als ein Apotheker, der seinen Sirup verschüttet hat: sie lutschten an den Fingern und waren übereingekommen, daß diejenige, die am festgesetzten Tage den glattesten Finger habe, ihn dem König zeigen solle. Der König aber baumelte inzwischen an dem Strick seiner Hoffnungen und erwartete die Stunde, die seine Sehnsucht stillen sollte. Er zählte die Tage, numerierte die Nächte, wog die Stunden, maß die Minuten, notierte die Sekunden und lotete die Augenblicke aus, die ihm zugemessen waren für die Erwartung des ersehnten Glückes. Jetzt bat er die Sonne, sie möchte doch einen Richtweg einschlagen durch die himmlischen Gefilde, damit sie, ihre Bahn verkürzend, früher als zur gewohnten Stunde den feurigen Wagen abschirren und die Pferde zur Tränke führen könne, die von der Fahrt ermattet waren. Dann beschwor er die Nächte, die Schatten sinken zu lassen und ihm das Licht zu zeigen, das, bisher noch nicht geschaut, ihn zwang, in dem Glutofen der Liebesflammen zu brennen. Jetzt setzte er der Zeit zu und warf ihr vor, sie habe, ihm zum Tort, Krücken und Stiefel mit Bleisohlen angelegt, um die Stunde hinauszuzögern, da er den geliebten Wesen die Rechnung begleichen und die Verpflichtung einlösen könne, die sie eingegangen waren.

Die Stunde kam, wie es der großen Sonne gefiel, und er begab sich persönlich in den Garten, klopfte an die Tür und sprach: „Komm, komm!“ Und die eine der beiden Alten, die die größte Last der Jahre zu schleppen und auf dem Prüfstein festgestellt hatte, daß ihr Finger von höherem Karat war als der ihrer Schwester, steckte ihn durch das Schlüsselloch und zeigte ihn dem König.

Doch das war ja gar kein Finger: es war ein spitzer Dorn, der ihm das Herz durchstach! Vielmehr, es war kein Dorn, es war ein Knüppel, der betäubend auf seinen Schädel herniedersauste! Was sage ich, ein Dorn, ein Knüppel? Es war ein Schwefelhölzchen, das sich an dem Zunder seiner Wünsche entzündete; es war eine Lunte, zum Glühen gebracht durch die Munition seiner Begierden. Was sage ich: Dorn, Knüppel, Schwefelhölzchen, Lunte? Es war ein Dorn unter dem Schwanz seiner Gedanken, es war eine Kur mit süßen Feigen, die ihm die Blähungen seiner Liebeskolik mit einer Flut von Seufzern aus dem Leibe trieb. Er drückte besagten Finger mit der Hand und küßte ihn, der aus einer Schusterfeile zum Polierstahl des Goldschmieds geworden, und rief: „O Schrein der Süßigkeit, o Geheimschrank der Edelsteine, o du Register der Liebesprivilegien. Durch dich bin ich zu einer Vorratskammer des Kummers, zu einem Speicher der Angst, zu einem Zollhaus der Qual geworden. Ist es denn möglich, daß du dich so hartherzig, so unerbittlich zeigst und unbewegt von meinen Klagen? Weh, mein liebes Herz, wenn du mir durch dieses Loch den Schwanz gezeigt hast, so strecke doch nun auch das Schnäuzchen heraus, und laß uns eine Torte der Vergnügen daraus machen! Hast du mir schon eine Schnecke gezeigt, so zeige mir nun auch die Auster, du Meer der Schönheit. Nimm die Haube von den Augen des Falken, daß er sich an meinem Herzen ersättige. Wer hat den Schatz dieses schönen Antlitzes in einen Abtritt eingeschlossen? Wer läßt diese edle Ware in einer Höhle Quarantäne halten? Wer hält die Macht der Liebe in einem Schweinekoben gefangen? Hebe dich aus dieser Grube, entspringe aus dem Stall, komm aus dem Loch hervor. ,Tanze, mein Liebchen, reich Klaus deine Hand!‘ Und gib mir, was mir zusteht! Du weißt, ich bin der König und keine Gurke, und ich kann schaffen und vernichten. Aber jener falsche Blinde, der Sohn eines Lahmen und einer Dirne, der alle Gewalt über die Zepter hat, will, daß ich dein Sklave sei, und daß ich dich bei deiner Gnade um etwas bitte, was ich aus eigener Macht mir nehmen könnte; und ich weiß auch, warum es heißt: Venus lockt man nicht mit Drohen, schmeichelnd naht man nur der Hohen.“

Die Alte, die wohl wußte, wo der Teufel den Schwanz hat, denn sie war eine gerissene Füchsin, ein alter Hase, gerieben, gewitzigt und zu jedem Schwindel fähig, überlegte, daß der Mächtigere, wenn er bittet, im Grunde doch befiehlt, und daß die Hartnäckigkeit des Vasallen die wütenden Säfte im Leibe des Lehnsherrn in Aufruhr versetzt, so daß sie wie die rote Ruhr mit allem Unflat hervorbrechen. Darum streckte sie die Waffen, und mit der Stimme einer Katze, der man die Haut abgezogen hat, antwortete sie: „Hoher Herr, da Ihr Euch herablaßt und Euch derjenigen unterwerft, die unter Euch steht, und geruhet, vom Zepter zum Spinnrocken, vom Thronsaal zum Stalle, vom Königsmantel zu den Lumpen, von der Herrlichkeit zum Elend, vom Balkon in den Keller, vom Pferd auf den Esel zu steigen, kann ich, darf ich und will ich dem Willen eines so großmächtigen Königs nicht widersprechen. Weil ihr also nun diese Legierung von Fürst und Sklavin, diese Intarsie von Elfenbein und Pappelholz, diese Inkrustierung von Diamanten und Glassplittern herstellen wollt, so füge und unterwerfe ich mich Eurem Willen. Nur um eine Gnade bitte ich als erstes Zeichen der Liebe, die Ihr zu mir hegt: empfangt mich bei Nacht und ohne Kerze in Eurem Bett, denn mein Herz würde es nicht ertragen, von Euch nackt gesehen zu werden!“

Hell jubelnd vor Freude, schwor der König, eine Hand auf der anderen, er werde gerne tun, was sie wünsche. Und als er noch ein zuckersüßes Kußhändchen dem Schandmaul zugeworfen hatte, ging er fort. Er konnte die Stunde nicht erwarten, da die Sonne aufhörte, die Gefilde des Himmels zu durchpflügen und sie mit Sternen zu besäen, so sehnte er sich danach, seinerseits ein Feld zu bestellen, wo er die Freuden in Scheffeln und die Genüsse in Tonnen zu ernten hoffte.

Die Nacht stieg herab, und als sie sich umringt sah von Taschendieben und Beutelschneidern, verspritzte sie wie ein Tintenfisch ihr Dunkel. Die Alte hatte alle Runzeln ihres Leibes geglättet, die Haut auf dem Rücken zusammengezogen, einen Knoten hinter den Schultern gemacht und ihn mit einem Stück Bindfaden zusammengebunden. So kam sie denn im Dunkel, geführt von einem Kammerdiener, in das Schlafgemach des Königs. Dort riß sie sich die Lumpen vom Leibe und warf sich ins Bett.

Voller Ungeduld stand der König, die Lunte an dem Pulverfaß. Er hatte sich über und über mit Moschus und Ambra begossen und sich die Haut mit Duftwasser eingerieben. Kaum hörte er, daß sie zu Bett gegangen war, da stürzte er sich hinein wie ein korsischer Bullenbeißer. Es war ein Glück für die Alte, daß er so viel Wohlgerüche auf sich verschwendet hatte, denn auf diese Weise merkte er nicht den faulen Atem ihres Mundes, den Dunst ihrer Achselhöhlen und den Gestank ihrer widerlichsten Höhle. Er hatte sich aber kaum zu Bett gelegt und das Gelände abzutasten begonnen, da merkte er im Zugreifen den Schwindel hinter ihren Schultern, der runzligen Haut, der schlappen Beutel, die vor dem Laden der hereingefallenen Alten hingen. Er lag starr wie ein Stein. Doch wollte er einstweilen kein Wort sagen, um der Sache um so tiefer auf den Grund zu gehen. So tat er sich Gewalt an und tauchte in den schmutzigen Hafen von Mandracchio, wo er doch geglaubt hatte, er befände sich an dem lieblichen Gestade von Posilipo. Und er segelte auf einem elenden Lastkahn, während er auf einer florentinischen Galeere zu fahren gehofft hatte. Kaum aber hatte die Alte sich dem ersten Schlaf überlassen, da nahm der König aus einem Kästchen von Ebenholz und Silber einen Beutel aus Gamsleder, in dem ein Feuerzeug stak, und zündete eine Ampel an. Dann durchsuchte er die Bettücher und fand eine Megäre statt einer Nymphe, eine Furie an Stelle einer Grazie, eine Gorgona statt einer Aphrodite. Da packte ihn eine derartige Wut, daß er am liebsten das Tau gekappt hätte, an das dies Schiff gebunden gewesen. Schnaubend vor Zorn rief er alle seine Diener zusammen. Die hörten kaum das Alarmgeschrei, da stürzten sie in ihren Hemden in das hochzeitliche Gemach.

Der König schlug um sich wie eine Seespinne und schrie: „Da seht her, wie mich des Teufels Großmutter an der Nase herumgeführt hat! Da glaubte ich, ich würde mir ein Milchschäfchen einverleiben können und habe den Mutterkuchen einer Büffelkuh zwischen den Zähnen. Ich dachte, ich hätte eine liebliche Taube gefangen, da halte ich diese alte Schleiereule in den Händen. Ich hatte mir eingebildet, einen wahren Königsbissen zu bekommen, da liegt mir dieser ekelhafte Dreckhaufen vor der Nase! Das und noch Schlimmeres verdient, wer die Katze im Sack kauft! Sie hat mir den Streich gespielt, sie wird mir auch dafür büßen! Schnell, nehmt sie, wie sie da liegt, und werft sie zum Fenster hinaus!“

Als sie das hörte, begann die Alte sich mit Zähnen und Klauen zu wehren. Sie schrie, sie werde Berufung gegen das Urteil einlegen, denn der König selbst habe sie mit einem Wagen in sein Bett gefahren, außerdem werde sie hundert Doktoren der Rechte zu ihrer Verteidigung herbeizitieren, und ferner gelte immer noch das Wort: „Ein altes Huhn gibt auch eine gute Suppe“, und das andere: „Man soll den alten Weg nicht eines neuen wegen aufgeben!“ Aber das half ihr alles nichts, man nahm sie an Armen und Beinen und schleuderte sie in den Garten.

Und das war ihr Glück. Sie brach den Hals nicht, denn sie wurde von einem Feigenast aufgefangen und blieb daran hängen. Am frühen Morgen, noch bevor die Sonne Besitz ergriff von den Gebieten, die ihr die Nacht einräumte, ereignete es sich, daß sieben Feen des Weges kamen, die aus irgendeiner inneren Boshaftigkeit weder jemals gesprochen noch gelacht hatten. Als sie das böse Gespenst im Baume hängen sahen, das noch vor der Zeit die Schatten vertrieben hatte, kam sie ein so unbändiges Lachen an, daß sie stehen blieben und sich gar nicht wieder beruhigen konnten. Und als sie erst ihre Zungen in Bewegung gesetzt hatten, da konnten sie den Mund eine ganze Weile nicht wieder zumachen ob des lustigen Schauspiels. Zur Belohnung für den Spaß und das Vergnügen, das sie gehabt hatten, gab jede von ihnen der Alten ihren Zaubersegen, und eine nach der anderen verhieß ihr Jugend, Schönheit, Reichtum, Adel, Tugend und ein glückliches Schicksal.

Als die Feen gegangen waren, befand sich die Alte wieder auf dem Erdboden, und zwar auf einem Sessel von dickem Samt mit Goldfransen sitzend, unter dem Baum, der sich in einen Thronhimmel aus grünem Samt mit goldenem Untergrund verwandelt hatte. Von Gesicht sah sie wieder aus wie ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren und war so schön, daß alle anderen Schönen neben ihr wie ein schiefgelaufener Kommißstiefel neben einem eleganten, zierlichen Damenschühchen gewirkt hätten. Neben dieser Anmut hohen Geblütes hätte man alle anderen Grazien für die Töchter von Trödlern und Straßenfegern gehalten. Wo diese das Trumpfas ihrer Liebkosungen und Zärtlichkeiten auf den Tisch geworfen hätte, würden alle anderen ihren ganzen Einsatz verloren haben. So geputzt, geziert und herausstaffiert war sie, daß sie wirkte wie eine königliche Majestät: das Gold gleißte, die Edelsteine funkelten, die Blumen neigten sich ihr zu, ein Kranz von Dienern und Hoffräulein umgab sie, so daß es den Anschein hatte, es wäre ein hohes Ablaßfest.

Mittlerweile hatte sich der König eine Decke um die Schultern geworfen, Pantoffel an die Füße gezogen und war ans Fenster getreten, um Ausschau zu halten, was wohl mit der Alten geschehen sein könnte. Da bot sich ein Anblick seinen Augen, den er niemals erwartet hätte. Er stand da, den Mund sperrangelweit auf wie verzaubert, und musterte eine lange Weile vom Kopfe bis zu den Füßen dieses Wunder von einem Geschöpfchen, bestaunte jetzt die Flut der Haare, die über ihre Schultern flossen und von goldenen Spangen gehalten waren, so daß die Sonne hätte neidisch werden können. Dann faßte er die Bogen ihrer Brauen ins Auge, von denen ihm die Pfeile ins Herz flitzten. Dann wieder betrachtete er die Augen, diese Blinkfeuer Amors. Jetzt hing sein Blick an dem Munde, dieser Liebeskelter, aus der die Anmut den süßen Griechenwein und den feurigen Malvasier preßte. Außer sich vor Wonne, drehte und wendete er sich wie eine Wetterfahne nach all dem Geflimmer und Geblitze, das sie da um den Hals trug, nach den reichen Gewändern, die sie auf dem Leibe hatte. Und er sprach bei sich selbst: „Habe ich das erste geträumt oder bin ich jetzt wach? Bin ich noch bei Verstand oder hat mich ein Wahn umfangen? Bin ich oder bin ich nicht? Welches Zauberkunststück hat diese schöne Kugel gegen mich geschleudert, daß ich ganz davon zerschmettert bin? Mit mir ist es zu Ende, ich bin vernichtet, wenn ich mich nicht wiederfinde! Von wo taucht diese Sonne plötzlich auf? Wie sprang diese Blume aus der Knospe? Wo ist dies Vöglein ausgeschlüpft, das mir wie ein Angelhaken das Herz aus dem Leibe zieht? Welche Barke hat sie in dieses Land getragen? Welche Wolke sie herabgeregnet? Welcher Gießbach der Schönheit wirbelt mich in ein Meer der Schmerzen?“

Mit diesen Worten stürzte er die Treppen hinunter, eilte durch den Garten, warf sich vor der verjüngten Alten auf die Knie, kroch fast auf sie zu und nahm das Wort: „O du Taubenschnäbelchen, o du Püppchen der Grazien, du zierliches Täubchen am Wagen der Venus, du Triumphwagen Amors! Wenn du dein Herz nicht im Flusse Sarno gebadet hast, wenn dir kein Rohrsamen in die Ohren geflogen, wenn dir kein Schwalbenkot in die Augen gefallen ist, so bin ich sicher, daß du die Qualen und Schmerzen siehst und fühlst, die deine Schönheit beim ersten Anblick in meiner Brust erregt hat. Und wenn das Laugentuch dieses Gesichtes dir nicht anzeigt, welche Lauge mir im Busen siedet, wenn die Flammen meiner Seufzer dir nicht zeigen, welche Glut in meinen Adern rast, so kannst du doch als verständige und kluge Frau von deinen goldenen Haaren abnehmen, welches Tau mich gebunden hält, von diesen schwarzen Augen, auf welchem Rost ich schmore, von den roten Bögen deiner Lippen, welcher Pfeil in meinem Herzen zittert. Ach, schlage nicht die Tür des Mitleids zu, ziehe nicht die Brücke der Barmherzigkeit hoch, verschütte nicht die Quelle der Erbarmung! Und wenn du mich nicht für würdig erachtest, Verzeihung von deinem schönen Antlitz zu empfangen, so gewähre mir wenigstens einen Schutzbrief guter Worte, das freie Geleit eines Versprechens und den Gutschein einer frohen Hoffnung, oder ich schüttele den Staub von meinen Füßen, und du sollst mich niemals wiedersehen.“

Diese und tausend andere Worte quollen aus den Tiefen seiner Brust empor, und sie trafen die verjüngte Alte ins Mark, so daß sie ihn schließlich zum Gatten annahm. So erhob sie sich von ihrem Thron, nahm ihn bei der Hand, und sie schritten Arm in Arm dem königlichen Palaste zu. Im Handumdrehen war ein glänzendes Festmahl angerichtet, dazu alle Damen des ganzen Landes geladen wurden.

Die alte Hochzeiterin hatte gewünscht, daß unter anderen auch ihre Schwester daran teilnehme. Und es gab ein Suchen und Fragen, bis man sie endlich gefunden und zum Gastmahl herbeigeholt hatte, denn sie hatte sich aus großer Furcht so gut versteckt gehalten, daß man auch nicht die geringste Spur von ihr entdecken konnte. Als sie mit Gottes Hilfe endlich gekommen war und neben ihrer Schwester saß — welche Mühe hatte es sie gekostet, die wiederzuerkennen! —, da gaben sich alle dem Gaudeamus hin. Der unseligen Alten aber nagte ein ganz anderer Hunger in den Eingeweiden. Das Herz wollte ihr brechen vor Neid, da sie ihre Schwester in solcher Herrlichkeit erblickte. Und alle Naselang zog sie sie am Ärmel und fragte: „Was hast du eigentlich gemacht, liebe Schwester, was hast du nur gemacht? Du Glückliche, du Selige!“ Die Schwester antwortete: „Iß und trink, davon sprechen wir nachher!“ Der König wollte wissen, was sie wünsche, und die Braut versetzte schlagfertig, sie habe nach etwas grüner Tunke verlangt. Da ließ der König sofort Knoblauchtunke, Senftunke und Pfeffertunke und hundert andere Tunken kommen, um den Appetit zu wecken. Die Alte aber, der ein Mandelkuchen wie Kuhgalle geschmeckt haben würde, zog ihre Schwester wieder am Ärmel und fragte aufs neue: „Was hast du nur gemacht, liebe Schwester, was hast du nur gemacht? Ich will dich ja nur schützen vor dem bösen Blick.“ Und die Schwester erwiderte: „Still, wir haben doch mehr Zeit als Geld; greif zu, daß du warm wirst, und dann reden wir davon!“ Der neugierige König fragte wieder, was mit der Schwester los sei. Und die Braut, die so ungeduldig war wie ein Küchlein im Ei und der schon der Schädel brummte von der dummen Fragerei, antwortete, sie wünsche etwas Süßes. Sofort schneite es Mandelkuchen, Waffeln, Brezel, eine Flut von Honigkuchen strömte herbei, und es regnete Zuckerwerk aus offenem Himmel. Aber die Alte, die die Krämpfe im Leibe und das Gedärm in Aufruhr hatte, kam wieder auf dieselbe Melodie zurück. Da konnte die Braut sich nicht mehr halten, und um sie los zu werden, erwiderte sie: „Ich habe mir die Haut abziehen lassen, liebe Schwester.“

Kaum hatte die Neidische diese Worte gehört, da sprach sie bei sich: „Wohlan, das soll sie nicht tauben Ohren gesagt haben! Nun will ich auch mein Glück versuchen, denn jeder Geist hat seinen Magen. Und wenn mir die Sache glückt, dann sitzt du nicht alleine obenauf. Ich will auch meinen Teil mithaben, und das bis zum Tipfelchen auf dem I.“ Gerade in dem Augenblick hob man die Tafel auf; sie schützte ein kleines Geschäftchen vor und schlüpfte in eine Baderstube.

Sie trat ein und erblickte den Meister, zog ihn ins Hinterstübchen und sprach: „Hier sind fünfzig Dukaten, zieh mir die Haut ab vom Kopf bis zu den Füßen!“ Der Bader glaubte, sie sei nicht richtig im Kopfe, und antwortete: „Hör auf, liebe Schwester, du sprichst alles durcheinander. Läßt man so was frei herumlaufen? Du bist ja nicht bei Troste!“ Die Alte machte ein Gesicht wie ein Pfefferstein und antwortete: „Verrückt bist du, daß du nicht dein Glück erkennst, denn außer den fünfzig Dukaten werde ich dafür sorgen, das heißt, wenn die Sache gut geht, daß du in Zukunft der Fortuna selbst das Seifenbecken an den Bart halten kannst. Drum nimm das Messer zur Hand, verlier keine Zeit, dein Glück steht auf dem Spiel!“

Der Bader sperrte sich, machte Ausflüchte und Einwendungen eine ganze Weile lang, schließlich aber, an der Nase gezogen, entschloß er sich gemäß dem Worte: „Binde den Esel dort an, wo der Herr es will!“ Er setzte sie also auf einen Schemel und fing an, die alte Rinde abzuschälen, so daß es nur so Blut und Wasser regnete und plätscherte. Von Zeit zu Zeit sagte die Alte, die sich wacker hielt, als ließe sie sich nur rasieren: „Huh, wer will gern sein fein, der muß leiden Pein.“ Er aber fuhr mit seinem Zerstörungswerk fort, und sie sang immer dieselbe Melodie. So führten sie den Kontrapunkt auf dieser alten Laute durch, bis sie an das Schalloch des Nabels kamen. Da ging ihr mit den letzten Blutstropfen die letzte Kraft aus, und da feuerte sie einen dröhnenden Salutschuß zum Abschied ab und erwies mit ihrem Schaden die Wahrheit des Verses von Sannazaro:

O hüte dich, mein sohn, vor neid,

er frisst sich selbst im lauf der zeit.

Dieses Märchen ging zu Ende gerade zu der Zeit, in der der Sonne eine Stunde Frist gegeben war, innerhalb derer sie wie ein lästiger Student ihr luftiges Quartier zu räumen hatte. Da ließ der Fürst Fabiello und Jacovuccio rufen — der eine der Garderobenmeister, der andere der Haushofmeister seines Hofes —, damit sie den Nachtisch für diesen Tag servierten. Flink wie die Häscher eilten sie herbei, der eine mit Stulpenstiefeln an den Beinen, schwarzen Hosen und einem gamsledernen Bauernkittel mit Knöpfen so dick wie Kanonenkugeln; der andere mit einer Tellermütze, einer Bauchjacke und Pluderhosen aus tarantanischem Leinen. Sie traten hinter einem Myrtenspalier hervor und führten ein allerliebstes Hirtenspiel auf. Dabei begleiteten sie ihre Worte mit so anmutigen Bewegungen und einer so zierlichen Mimik, daß alle Zuschauer mit offenem Munde zuhörten und von Zeit zu Zeit in helles Gelächter ausbrachen. Als dann die Heimchen die Gesellschaft aufforderten, sich zurückzuziehen, gab der Fürst den Frauen Urlaub mit der Weisung, sich am folgenden Morgen zur Fortsetzung der Erzählungen wieder einzufinden. Er aber und die Mohrin begaben sich in ihre Gemächer.

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9788726701401
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