Читать книгу: «Ein tödliches Spinnennetz»

George B. Wenzel
Geboren 1952, aufgewachsen in Augsburg, lebt seit 1974 in BadenWürttemberg.
George B. Wenzel
EIN TÖDLICHES SPINNENNETZ
Die SAD-Connection
Kriminalroman
Oertel+Spörer
Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.
Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.
Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder
verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig
und nicht beabsichtigt.
© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2020
Postfach 16 42 · 72706 Reutlingen
Alle Rechte vorbehalten.
Titelbild: Adobe Stock
Gestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, Reutlingen
Lektorat: Bernd Storz
Korrektorat: Sabine Tochtermann
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-96555-080-3
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www.oertel-spoerer.de
Die Erlebnisse des Joseph Vincente, die aufgeführten Personen sowie deren Handlungen in diesem Roman sind fiktiv, auch wenn sie an realen Orten spielen. Jede Übereinstimmung oder Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen beruht deshalb nur auf einem zufälligen und unbeabsichtigten Zusammentreffen.
Wer sich hier dennoch in einer der beschriebenen Personen, auf eigene Verantwortung versteht sich, wiedererkennt, dem empfehle ich im Zweifelsfall einen Termin bei seinem Beichtvater.
Obwohl fiktiv, die beschriebenen Vorgänge hätten sich durchaus so oder so ähnlich ereignen können.
Im September 2020
George B. Wenzel
Man vergisst seine Schuld, wenn man sie einem andern gebeichtet hat, aber gewöhnlich vergisst der andere sie nicht.
VORSPIELE
Wer hätte das gedacht?
Haben Sie sich schon mal etwas vorgenommen? Etwas, dass Sie auf jeden Fall erreichen wollten? Und, haben Sie es dann auch so umgesetzt? Ich saß vor meinen Aufzeichnungen der letzten Monate und las schon seit Stunden. Wir hatten ja gemächlichere Jahre geplant, nach all den unruhigen. Doch es kam anders. War ich überrascht? Nicht wirklich! Doch langsam und der Reihe nach.
Mein Bericht lag dem Management vor. Darin konnte ich nachweisen, dass und wie ein Mitarbeiter die internen Vorschriften des Unternehmens und die Gesetze unseres Staates missachtet hatte. Seine Führungskraft hatte geflissentlich darüber hinweggesehen. Nur der Erfolg für die Abteilung war wichtig. Moral und Ethik spielten für Leute wie diese ohnehin keine Rolle. Sie rechtfertigten dies mit der Erhaltung von Arbeitsplätzen. Gern hätten sie verschwiegen, dass auch ihre eigenen finanziellen Erfolge damit sichergestellt wurden. Auch deshalb versuchten sie mit allen Mitteln, Disziplinarmaßnahmen zu vermeiden, um auch ihre eigene Beteiligung damit unter den Teppich zu kehren. Stattdessen wollten sie eine Beförderung des Mannes durchsetzen!
Ich kannte dieses Verhalten schon, hatte ich doch vor Jahren erlebt, dass sie mich daran hinderten, einen Fall endgültig zu klären, obwohl sogar der begründete Verdacht auf ein Gewaltverbrechen bestand. Der betroffene Mitarbeiter war über Nacht spurlos verschwunden. Niemand in der Familie oder im Freundeskreis hatte dafür eine Erklärung. Schon damals war ich nahe daran, meinen Job an den Nagel zu hängen, schließlich hing auch meine Reputation als Revisor, als Investigator, davon ab. Wer würde denn einen Mann einstellen, der den Anforderungen in diesem Job ganz offensichtlich nicht gewachsen war? Und wie lange würde ich mich noch selbst im Spiegel anschauen können?
Nun aber plagte mich eine extrem belastende Frage aus dem aktuellen Fall. War ich schuld daran, dass sich der Mann einige Tage nach unserem Interview vom Dach des Bürogebäudes gestürzt hatte? In einer schlaflosen Nacht ging ich jedes Gespräch, jeden Punkt, wieder und wieder durch, fand aber keinen Anhaltspunkt für meine Schuld. Mein unmittelbarer Vorgesetzter, dem meine schlimme Verfassung nicht entgangen war, stärkte mir zwar den Rücken, doch das Management des Mannes nutzte die Situation schamlos aus.
»Sie glauben wohl, dass Sie hier bei der Inquisition sind! Was haben Sie mit ihm angefangen?« Derlei ungeheuerliche Dinge warfen sie mir an den Kopf.
Es war so leicht, ihre Absicht zu durchschauen. Mir platzte endgültig der Kragen. Niemals würde ich einen Menschen ungebührlich, unverantwortlich, gar respektlos oder auch nur annähernd so unverschämt behandeln, wie sie gerade mit mir umgingen. Dass es auch andere Gründe für diesen Suizid geben könnte, kam für sie nicht infrage. Meine sonst übliche Zurückhaltung verschwand unter einer aufsteigenden Wut.
»Maledetto!« Meines Vaters Temperament kam zum Vorschein. Ich warf den beiden Typen aus dem Management, die mich zu sich zitiert hatten, die Akte vor die Füße. Sollten sie doch damit machen, was sie wollten. Noch am gleichen Tag lag meine Kündigung auf dem Schreibtisch meines Chefs. Er wollte mich noch umstimmen. Aber einen einmal gefassten Entschluss würde ich nicht wieder zurücknehmen. Ich hatte keine Lust mehr auf diese Spielchen! Am Vorabend des letzten Arbeitstages packte ich alle Unterlagen zur Übergabe an meine Kollegen zusammen. Die Gründe des Selbstmordes waren in der Zwischenzeit bekannt geworden und hatten ihren Ursprung im privaten Bereich des Mannes. Doch nun waren sie zu feige, sich bei mir zu entschuldigen.
Arbeitslos?
Die Sonne schien in unser Schlafzimmer. Ich stand früher als sonst auf und ging zu unserem Bäcker in die Altstadt, holte ein paar frische Brötchen und eine Seele und nahm auf dem Rückweg die Zeitung mit. In der Küche bereitete ich Kaffee und deckte den Tisch. Marmelade zusammen mit Kümmel und Salz? Wie soll das schmecken? Es schmeckt! Ich liebe Seelen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in den letzten Jahren jemals an einem Werktag so gemütlich mit meiner Frau gefrühstückt hätte.
Viele Jahre hatte es am Morgen nur Kaffee und eine Zigarette gegeben. Meistens musste ein schneller Kaffee reichen. Doch heute sollte eine neue Zeit für uns beginnen. Vivien gab mir einen verheißungsvollen Kuss, bevor sie zur Arbeit ging.
Ich schlug die Zeitung auf und begann den politischen Teil zu lesen. Ich war noch nicht weit gekommen, da fing ich an, mich zu ärgern. Opportunismus weit und breit, ob da immer das Beste herauskommt?, dachte ich. Die Nachrichten über den Rest der Welt sahen nicht viel besser aus. Gutes ging bei all den negativen Themen unter und war offensichtlich kaum eine Schlagzeile wert. Eigentlich war ich gut gelaunt aufgestanden. Holz für den Winter, ja, brauchte ich auch, doch der Preis war gestiegen. Politische Unruhen in der Welt beeinflussten die Energiepreise. Dagegen purzelten wegen zu großer Fördermengen die Ölpreise. Die Marktwirtschaft funktionierte ausnahmsweise, wenn auch unbeabsichtigt. Dann gab es noch diverse andere Meldungen über Verbrechen, Mord und Korruption aus aller Welt. Ich legte die Zeitung beiseite und nahm mir den neuesten »Revisor« vor, eine meiner monatlichen Fachzeitschriften. Während ich die Seiten durchblätterte, kam ich auch auf die Seite mit den Jobangeboten und stieß auf eine Anzeige.
Suchen Fachkraft zur Unterstützung unseres Teams
Neugierig las ich, dass es um Analysen für eine Wirtschaftsdetektei ging. Der Name der Detektei, »EA Economic Analysis«, sagte mir nichts.
»Perdinci, du bist gerade einen Tag aus der Tretmühle draußen und schon interessierst du dich für eine neue? Das kann nicht wirklich dein Ernst sein …« Vor mich hinmurmelnd, legte ich die Zeitschrift zur Seite.
Die Suche nach einem neuen Job sollte ich nicht überstürzen, sagte ich mir. So genoss ich an diesem Tag das ausgezeichnete Wetter und lief ins Städtchen. Ein Spaziergang war genau das Richtige. Seit langer Zeit fühlte ich mich mal durch nichts und niemanden getrieben. Doch immer wieder kamen mir Gedanken zu der Anzeige in den Sinn.
»Nein, nicht jetzt und nicht heute«, grummelte ich vor mich hin. Eine Frau, die gerade an mir vorüberging, sah mich fragend an, doch ich lief unbeirrt weiter.
Am nächsten Morgen die gleiche Prozedur wie am Vortag. Vivien freute sich, dass wir nun endlich morgens gemeinsam frühstückten und sie hoffte, dass das auch bei einer neuen Arbeitsstelle so bleiben würde. Unser Verhältnis, das durch die Vorgänge der letzten Zeit sehr belastet war, entspannte sich zusehends. Diesmal fand ich in der Tageszeitung nichts, was des Nörgelns wert gewesen wäre oder ich hatte heute einfach keine Lust dazu. Das ging nun ein paar Tage so, und ich genoss die freie Zeit im Garten. Ich war schon froh, dass Vivien nicht »Mon Dieu!« ausrief, wenn sie sah, was ich tagsüber im Garten angerichtet hatte, schließlich war ich nicht gerade der geborene Gärtner.
Nach einigen Tagen, Vivien verließ wie üblich nach dem Frühstück das Haus, griff ich wieder nach der Tageszeitung. Nachdem ich sie gelesen hatte, sah ich die aktuelle Ausgabe des »Revisor« noch auf dem Tisch liegen. Ich blätterte darin, bis ich die gesuchte Seite gefunden hatte.
Na, da will ich doch mal im Internet nachsehen, was es darüber zu lesen gibt!, und schon saß ich vor meinem PC. Diese Detektei gab es seit etwa fünfzehn Jahren, sie konnte eine Referenzliste von Mittelstandsfirmen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern vorweisen, war aber auch für globale Großunternehmen tätig. Nach allem, was ich las, musste ich annehmen, dass die EA ihre Mitarbeiter auf besondere Art und Weise tätig werden ließ. Ich beschloss, mich am nächsten Tag genauer über die Firma zu erkundigen.
Das Streichholz in der Hand
Ich weiß nicht, was mich geritten hat. Ohne mit meiner Frau darüber gesprochen zu haben, rief ich am nächsten Tag, nach einigen weiteren Recherchen im Internet, bei der EA an. Man kann ja mal unverbindlich anfragen, damit ist ja noch nichts entschieden!
Nach meiner Anfrage bekam ich zwei Tage später einen Rückruf, und man bot mir einen Termin für den übernächsten Vormittag am Flughafen Stuttgart an. Ich sollte mich beim Informationspunkt einstellen, da der zuständige Mann einen Termin in Stuttgart wahrnehmen würde. Er habe nur eine knappe halbe Stunde Zeit für mich.
Wie gewohnt stand ich ein paar Minuten früher am vereinbarten Treffpunkt. Genau um 11 Uhr, hatte es geheißen, würde der Mann ankommen. Seltsamerweise hatte man mir keinen Namen oder den Flug genannt, sondern erklärt, dass er mich schon finden würde.
»Sind Sie Herr Joseph Vincente?« Ich drehte mich um und sah einen Mann mittleren Alters. Dunkelblauer Anzug, lila Seidenfliege, weißes Hemd, schwarze glänzende Schuhe, unauffällige Brille, kleiner Schnurrbart, wachsame Augen. Ich nickte, wollte gerade etwas sagen, da winkte er ab.
»Folgen Sie mir.«
Ich lief hinter ihm her in ein Café, in dem zu dieser Zeit nur wenige Personen saßen. Jetzt erst begrüßte er mich. Er stellte sich mit dem Namen Fritz Maier vor. Ein kleines Lächeln huschte dabei über sein Gesicht. In dem Moment war ich mir sicher, dass der Name nicht stimmte. Er sei von der EA.
»Sie haben Interesse bekundet, bei uns mitzuarbeiten?«, fragte er mich mit leiser, aber klarer, deutlicher Stimme. Wieder nickte ich. Doch bevor ich antworten konnte, fuhr er fort und erklärte, dass er eine Aufgabe für mich habe. Erstaunt sah ich ihn an.
»Eine Aufgabe?«, fragte ich. »Sie kennen mich nicht und haben eine Aufgabe für mich?«
Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er skizzierte in wenigen Sätzen mein Leben der letzten Jahre, meine beruflichen Funktionen sowie Projekte, an denen ich einmal gearbeitet hatte. Selbst über einige der Sonderuntersuchungen, die ich geleitet hatte, wusste er Bescheid. Er wusste auch, dass ich bei meinem Ex-Arbeitgeber vor Kurzem gekündigt hatte.
»Woher …?«
Doch er stoppte mich sofort.
»Woher ich das weiß? Wir sind eine Gesellschaft, deren Aufgabe es ist, Vorgänge, Personen und Zusammenhänge zu analysieren. Den Lebenslauf eines Menschen festzustellen, ist da nur eine relativ kleine Anforderung. Würde ich diese Dinge nicht über Sie wissen, hätten wir heute keinen Termin«, erklärte er mir trocken.
Ich war platt. Dieser Mann war über mich im Bilde, er wusste Dinge über mich, die er eigentlich nicht wissen sollte. Mein Interesse, meine Neugier waren noch größer geworden, ich wollte mehr erfahren. Deshalb fragte ich, um welche Aufgabe es sich denn handle?
»Nun, nur eine kleine Geschichte«, erklärte Maier, und eine Handbewegung von ihm sollte dies wohl unterstreichen. »Sie sollen bis morgen Abend feststellen, welche Geschäfte eine Firma namens Lohr & Cie. in Berlin macht.«
»Wie? Bis morgen Abend? Eine Firma in Berlin? Wie soll das gehen?«, fragte ich irritiert.
»Das ist Ihrer Entscheidung und Ihrer Fantasie überlassen. Kommen Sie morgen Abend 18 Uhr mit Ihren Ergebnissen in das Café am Postplatz in Böblingen«, entgegnete er lächelnd. Dann stand er auf, verneigte sich kurz und verließ mich.
Das war es dann wohl, dachte ich. Eine derartige Analyse über eine Firma in Berlin, das kann doch nur eine Schnapsidee sein, um mich wieder loszuwerden. Während der Fahrt mit der S-Bahn grübelte ich über die mir gestellte Aufgabe nach.
Zu Hause angekommen, setzte ich mich vor den PC und suchte im Internet nach dieser Firma »Lohr & Cie«. Schließlich gilt: »Wer rastet, der rostet« oder mit den Worten meines gestrengen Vaters: »Chi si ferma è perduto«. Ich vergaß das Essen, ich ignorierte die Welt um mich herum. Irgendwann stand ich auf und rieb mir die Augen. Ich brauchte jetzt dringend einen Kaffee, mein Gehirn forderte einen Turbolader. Darüber hinaus begann sich mein Magen zu melden. Also brühte ich mir einen Kaffee auf und aß das letzte trockene Brötchen, das vom Morgen übrig geblieben war. Am Abend, als Vivien nach Hause kam, erzählte ich ihr davon. Sie schüttelte den Kopf über mich und fragte, ob »Monsieur Auditor« denn wirklich wisse, was er tue? Warum ich es derart eilig hätte, mich auf so eine seltsame Sache einzulassen? Aus ihrer Sicht ergebe das keinen Sinn. Ich wusste, wenn sie so mit mir sprach, war es besser, nichts darauf zu erwidern.
In der Nacht hatte ich mir weitere Informationen zusammengesucht und in die begonnene Darstellung integriert. Lohr war ein Mittelständler, der mit anderen Firmen Projekte im Bereich IT durchführte. Dabei koordinierten sie die Zusammenarbeit, suchten Fachfirmen oder Fachleute, um Projekte umzusetzen, und agierten dabei wie Makler oder sie verkauften EDV-Maschinen, die speziell für sie gebaut wurden und die sie unter ihrem eigenen Label vertrieben. In wenigen Fällen verkauften sie an Wiederverkäufer, die weiteren Service erbrachten, die Maschinen mit eigenen beziehungsweise Fremdteilen ergänzten oder zusätzliche Software installierten. Auffällig war, dass sie sehr oft mit zwei Firmen in Österreich und der Schweiz zusammenarbeiteten. Offensichtlich waren die Geschäftsführer von Lohr auch Gesellschafter dieser Firmen. Zufall war es nicht, dass ich das herausfand, obwohl die Gesellschafterinformationen keine Namen beinhalteten, sondern diese nur als GmbHs genannt wurden. Die Gesellschafter selbst waren offensichtlich Schweizer Nationalität. Diese Verbindung herzustellen, gelang mir durch eine Suche in sozialen Netzwerken. Charles Fourner und René Bergler, Geschäftsführer der »ConFi-IT Services«, einer IT-Finanzierungsgesellschaft mit Sitz in Zürich, führten auch die Geschäfte bei Lohr in Berlin.
In einem Bericht des »Neuen Züricher Wirtschaftstagblatt« und ebenfalls in den »International Finance News«, London, tauchten die beiden Namen im Zusammenhang mit einem Finanzskandal von vor zwei Jahren auf. Damals wurde groß über einen Firmenzusammenbruch in Großbritannien geschrieben, in den die beiden Manager mit Finanzmanipulationen involviert gewesen sein und dadurch den Konkurs der ConFi-IT Services verursacht haben sollten. Knapp dreihundert Leute hatten damals ihre Jobs verloren und das in einer Stadt, in der es ohnehin kaum Jobs gab. Als Folge des Firmenzusammenbruchs hatten sich zwei Familienväter im Alter von achtundfünfzig und sechzig Jahren das Leben genommen. In der »International Finance News« fand ich einen Hinweis auf eine Lokalzeitung, die berichtete, dass ein dreizehnjähriger Junge seinen Vater im Dach erhängt vorgefunden hatte. In Abschiedsbriefen hatten beide Männer ihre ausweglose Situation beschrieben, denn in der strukturschwachen Region waren Jobs so gut wie kaum zu finden. Sie hatten, wie andere ihrer Kollegen auch, Häuser gebaut, die noch nicht komplett abbezahlt waren. Die finanzielle Situation für diese Familien war deshalb mehr als prekär anzusehen. Auch darüber berichtete die Lokalzeitung und warf dem Management Verantwortungslosigkeit und vorsätzlichen Betrug vor. Einer der Verantwortlichen hatte sich unmittelbar nach Bekanntwerden des Konkurses in seinem Büro erschossen. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht. Auf seinem Schreibtisch lagen viele Papiere, Notizzettel über Telefonate und Ordner. Offensichtlich hatte er noch in den letzten Stunden versucht, die Firma mit privaten Geldern zu retten. Vergeblich. Auch seine Frau und seine drei kleinen Kinder hatten nun alles verloren, doch das wurde nur nebenbei erwähnt. Da keine Beweise für die Beteiligung von Charles Fourner und René Bergler gefunden werden konnten, erging keine Anklage gegen sie. Der Gesamtschaden belief sich auf mehrere Millionen Pfund. Es gab Gerüchte, dass die beiden Schweizer aus diesem Geschäft dennoch mit einem Millionenbetrag zu ihren Gunsten herausgekommen waren. Aufgrund der fehlenden Beweise war aber keine Staatsanwaltschaft in Deutschland oder der Schweiz bereit gewesen, in diesem Vorgang weiter zu ermitteln.
»Diavolo!«, entfuhr es mir. Ich hatte mal wieder die Zeit vergessen. Weit nach Mitternacht sank ich endlich zu Bett. Vivien schlief seit ein paar Stunden, nachdem sie zweimal vergeblich versucht hatte, mich ins Bett zu holen.
An der Angel
Kurz vor 18 Uhr wartete ich gespannt im Café macchiato & more auf Fritz Maier. Das Wetter war wenig erbaulich und die Luft schwer und nebelfeucht. Selbst in der Stadt war heute die Sicht auf wenige Meter begrenzt. So genoss ich die warme und gemütliche Atmosphäre, die ein Feuer im Kamin verbreitete. Eine freundliche Bedienung brachte meinen bestellten Kaffee. Keine fünf Minuten vergingen, da kam er auf mich zu. Er legte seinen klammen Mantel über die Stuhllehne, sah kurz auf seine Armbanduhr, um dann noch einen prüfenden Blick auf die große Standuhr an der Wand zu werfen. Den fragenden Blick der Bedienung beantwortete er nur mit einem Kopfschütteln. Dann setzte er sich mir gegenüber. Ein kurzer Gruß sowie die Aufforderung, ihm einen Fünf-Minuten-Überblick zu geben. Aha, dachte ich, ein Management Summary. Nachdem ich mit meinen Ausführungen fertig war, sah ich wieder dieses kurze Lächeln in seinem Gesicht.
»Kommen Sie morgen um acht Uhr in mein Büro in der Konrad-Zuse-Straße in Böblingen. Dort besprechen wir alles Weitere.« Er stand auf, nickte kurz und verließ das Café. Ich kam noch nicht mal dazu, den Gruß zu erwidern, da war er schon verschwunden.
Nachdenklich trank ich meine Tasse Kaffee aus. Wer war der Kerl und was wollte er von mir? Einige Augenblicke später wurde ich durch die Bedienung mit der Frage »Möchten Sie noch was?« in meinen Gedanken gestört.
»Nein, danke, ich möchte bezahlen«, entgegnete ich und verließ kurz darauf grübelnd das Café. Warum hatte ich nicht einfach gesagt: kein Interesse!?
An meinem Heimatbahnhof angekommen, hatte ich bereits ein paar Ideen im Kopf, die mir während der Fahrt in der S-Bahn gekommen waren. Die frische Luft auf dem Weg nach Hause tat mir gut. Überraschend begann es ein wenig zu schneien. Ich fror ein bisschen und mir fiel ein, dass ich auch noch Holz für den Kamin kaufen wollte. Zu Hause angekommen, schüttelte ich die paar Schneeflocken vom Mantel und betrat unser Heim. Vivien erzählte ich am Abend, was ich erlebt hatte und dass ich am nächsten Tag die EA aufsuchen würde. Sie nahm es kommentarlos zur Kenntnis und ging kopfschüttelnd zu Bett. Braute sich da ein Gewitter zusammen?
Kurz danach, vor meinem Computer sitzend, suchte ich nach Fritz Maier aus der EA. Leider erfolglos. Neben der Geschäftsführung der EA, die als eine GmbH eingetragen war, gab es keine anderen Angaben. Das Internet nach dem Namen Maier und der passenden Person zu durchkämmen, wäre wie die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.
Während des Frühstücks sprachen Vivien und ich nur wenig. Ich rührte die Milch in meiner Kaffeetasse wohl etwas zu lange um, denn Vivien sah mich fragend an. Konsterniert legte ich den Löffel zur Seite. Sie hatte ihre Sicht der Dinge seit dem Vorabend wohl nicht geändert. Wir verließen gleichzeitig das Haus und ich fuhr mit der S-Bahn nach Böblingen. Wenn mir das alles nicht gefiel, könnte ich auf der Stelle umdrehen und mit der nächsten Bahn wieder nach Hause fahren. Dieser Gedanke schoss mir noch mehrfach durch den Kopf.
Konrad-Zuse-Straße, ein unscheinbares Bürohaus mit zwei Schildern am Eingang, die EA und ein Wirtschaftsprüfer. Auf mein Klingeln hin ertönte eine Frauenstimme. »Ja?«
Ich nannte meinen Namen und gab an, einen Termin mit Herrn Maier zu haben. Ein Summer ertönte. Ich drückte die schwere Tür auf und betrat das Haus. Im zweiten Obergeschoss stand bereits eine junge Frau an der Treppe. Sie grüßte und bot mir an, mir meinen Mantel abzunehmen. Ich folgte ihr in einen kleinen Raum, der mit schweren ledernen Sitzmöbeln und einem Glastisch eingerichtet war. Mein Blick fiel aus dem Fenster auf die Konrad-Zuse-Straße, die um diese Zeit von einer nicht endenden Autoschlange durchzogen wurde. Da kommt der ganze Feinstaub her, dachte ich. Von der Straße selbst war allerdings kein Laut zu hören. Die Fenster waren dicht im wahrsten Sinne des Wortes.
»Herr Maier wird gleich zu Ihrer Verfügung stehen«, ertönte wieder die Stimme der Vorzimmerdame. Ich nickte nur. Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür. Fritz Maier stand lächelnd im Türrahmen.
»Einen schönen guten Morgen, Herr Vincente«, begrüßte er mich freundlich. »Seien Sie herzlich willkommen in unseren Räumen. Soll ich Sie ein wenig herumführen?«
Ich willigte ein und folgte ihm durch die Gänge, an Büros vorbei, während er die Aufgaben, die hier erledigt wurden, erklärte. Auf der Tour durch die Flure begegnete uns keine Menschenseele. Nur die Empfangsdame tauchte ab und zu auf. Deshalb fragte ich nach den üblichen Arbeitszeiten. Maier schaute mich fragend an und wollte erfahren, ob ich diesbezüglich irgendwelche Einschränkungen bei einer Anstellung hätte. Ich erklärte, dass ich keine Mitarbeiter sähe und mich fragte, ob die regulären Arbeitszeiten später begännen. Er lachte auf.
»Kommen Sie mit«, forderte er mich auf, ohne meine Frage zu beantworten. Wir betraten ein Büro, in dem die Empfangsdame auf uns wartete. Er bat mich, Platz zu nehmen. »Mögen Sie Ihren Kaffee mit Milch und Zucker oder lieber ein anderes Getränk?«
»Nein, nein, Kaffee und Milch. Besten Dank.«
Die Dame nickte Maier zu und verschwand.
Auf seinem Schreibtisch lag nichts, keine Mappe, kein Papier, kein Stift, einfach nichts. Der Tisch sah aus, als hätte man ihn eben poliert. Maier nahm dahinter Platz und legte seine Hände auf die makellose Oberfläche. Gepflegte Hände, sauber geschnittene Fingernägel, eine schlichte Uhr von einem Hersteller aus Glashütte, wie ich zufällig sehen konnte. Zwei goldfarbene Manschettenknöpfe und einen goldenen Ehering an der rechten Hand. Maier schien zu bemerken, dass ich ihn aufmerksam betrachtete, doch er beließ seine Haltung unverändert. Seine Vorzimmerdame hatte inzwischen den Kaffee und ein paar Kekse für uns gebracht und war, nach einem kurzen Blick zu Maier, wieder still verschwunden. Nach einem Schluck Kaffee, begann er zu reden.
»Ihre Ausarbeitung gestern hat mir sehr gut gefallen«, nach einer Gedankenpause fügte er an: »Allerdings fehlte mir noch etwas.«
Ich schluckte.
»Ich hätte Ihnen das erklären sollen, als ich Ihnen die Aufgabe gestellt habe.«
Er legte eine Pause ein. So fragte ich, was ihm denn fehlte.
»Nun ja«, erwiderte er gedehnt. »In Ihrer Ausarbeitung selbst nichts. Doch ich vermisste etwas Abschließendes, einen Vorschlag sozusagen.«
Mir dämmerte es. Er fuhr fort.
»Ich erwartete einen Vorschlag. Was man beispielsweise tun könnte, um diese Geschichte aufzuklären. Welche Strategie möglich oder nötig wäre, um einen vorsätzlichen Betrug der beteiligten Personen und Firmen nachzuweisen. Sie sind aus meiner Sicht auf halbem Weg stehen geblieben.«
Mir schoss das Blut in den Kopf. Ich unterbrach ihn und wiederholte, welchen Auftrag er mir erteilt hatte. Dieser habe keinen weitergehenden Lösungsvorschlag beinhaltet, versuchte ich mich zu verteidigen.
»Sie haben recht«, bestätigte Maier, »doch Mitarbeiter, die für uns arbeiten, müssen über den Tellerrand hinausdenken. Selbstständig und proaktiv, verstehen Sie, was ich meine?« Dabei sah er mich lächelnd, aber auch leicht provozierend an.
Die Bemerkung, die mir jetzt auf der Zunge lag, schluckte ich vorsichtshalber hinunter. Vermutlich hatte ich noch immer einen hochroten Kopf und ärgerte mich über mich selbst. Ich dachte, dass es das nun wohl war. Doch stattdessen bat er mich, ihm zu folgen. Wir betraten ein Nachbarzimmer. Er zeigte auf eine Regalwand, vollgestellt mit Ordnern, alle mit dem Kennzeichen »NC« versehen. Er lächelte und erklärte, dass dies nicht North Carolina bedeute, sondern »Not Closed«.
»Auch wir kommen nicht um Englisch herum«, erklärte er etwas belustigt, nachdem er mein fragendes Gesicht sah. »Wir suchen eine fähige Person, die uns helfen soll, diese Vorgänge einer Klärung zuzuführen.«
»Mein Gott!«, entfuhr es mir, »das sind ja Hunderte Vorgänge, das dauert sicher Jahre!«
Wieder lachte er.
»Nein, nicht jeder Ordner ist ein separater Vorgang. Sehen Sie …«, er zeigte auf die Wand, »da stehen etwa ein Dutzend Ordner zu dem einen Fall.« Dann fragte er unvermittelt, ob ich mir das zutraue, so eine Aufgabe zu übernehmen und sie in absehbarer Zeit einer Lösung zuzuführen. Wieder schluckte ich angesichts der Ordnerzahl. Dies schien mir eine Mammutaufgabe und selbst für einen Fachmann keinesfalls ein problemloser Job zu sein, wie in der Annonce angedeutet. Doch ich schwieg.
»Was meinen Sie, schaffen Sie das in zwölf Monaten? So viel Zeit würden Sie bekommen. Darüber hinaus unterstützt sie ein junger Mitarbeiter aus unserem Team. Sie beide erhalten ein Büro in diesem Haus. Über Ihr Gehalt müssen wir allerdings noch reden. Wäre das eine Aufgabe für Sie?« Wieder lächelte er mich an.
Was zum Teufel!
Ich hatte tatsächlich zugesagt. Warum zum Teufel hatte ich das getan? Ich weiß es nicht. Die Art von Maier war umgarnend. Er hatte mein Innerstes schon früh erkannt. Und ich, ich blendete aus, dass ich ab sofort die Entscheidung über mich selbst treffen und mehr Zeit mit Vivien verbringen wollte. Wir sprachen über das Honorar. Es war nicht unvergleichlich, aber deutlich besser als im vorhergehenden Job. Ciao Freiheit. Willkommen im Job. Der Ausstieg war gerade mal ein paar Tage her. Nun lag der erneute Einstieg mit meiner Unterschrift, in blauer Tinte auf weißem Papier, auf dem Tisch. Der Vertrag mit der EA für die nächsten zwölf Monate. Doch verdammt, ich fühlte mich wohl dabei. Noch!
Als ich Vivien meine Entscheidung mitteilte, schüttelte sie den Kopf. Sie war sich sicher gewesen, dass ich genau das tun würde. Ich sah sie erstaunt an, denn eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sie mich für völlig verrückt erklärte.
»Du kannst doch gar nicht anders. Es ist wie früher. Du wirst wieder öfter unterwegs sein. Gut, dass ich noch arbeiten muss, sonst würde ich jetzt allein zu Hause sitzen, mon chéri auditor.«
Ich schluckte, sagte aber nichts. Überhaupt, ich war mir gar nicht sicher, ob ich ihren Kommentar wirklich positiv verstehen sollte. Doch an diesem Abend sprachen wir nicht weiter über dieses Thema und genossen bei einem Glas Rotwein das TV-Programm. Die Entscheidung, was wir anschauen, war zu ihren Gunsten ausgefallen und so sahen wir einen Liebesfilm mit allerlei Verwicklungen. Mamma Mia, sah so das reale Leben aus?
DIE SAD-CONNECTION
Das war nun schon zwei Wochen her. Ich saß in einem Büro in der dritten Etage. Einmal in der Woche hatte ich eine Besprechung mit Maier, in der ich ihn über meine Fortschritte auf dem Laufenden hielt. Wenn ich in die zweite Etage ging, um ihn zu treffen, sah ich niemals eine andere Person, höchstens die Empfangsdame, die wie immer sehr reserviert war. Es war so, als gäbe es keine anderen Mitarbeiter. Alle dem Fall zuzuordnenden Ordner waren mir von der Dame in mein Büro gebracht worden. Man hatte mir einen Computer ins Büro gestellt, auf dem die Zugriffe auf den Firmenserver und eine Datenbank bereits eingerichtet waren. Aufzeichnungen außer Haus mitzunehmen war aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Heute nun sollte der versprochene junge Mitarbeiter kommen, der mir bei diesem Projekt helfen sollte. Ich war gespannt.
Auf meinem Tisch türmten sich inzwischen Unterlagen und Ordner. Als ich einen der Ordner aufschlagen wollte, fiel ein anderer zu Boden und die enthaltenen Papiere rutschten heraus. Ich ging auf die Knie, um den Ordner und die herausgerutschten Papiere zusammenzusammeln, da klopfte es. Die Tür ging auf und ich sah zuerst zwei lange Beine vor mir. Ich blickte nach oben und eine hübsche junge Frau lächelte mich an. Etwa eins fünfundsiebzig groß, blond, schlank, eine modische Hornbrille auf der Nase. Bevor ich mich aufrichten oder etwas sagen konnte, ging sie ebenfalls in die Hocke und half mir, die Papiere einzusammeln.
»Ich bin Lisa Schuster und soll Sie in Ihrer Analysearbeit unterstützen. Herr Maier schickt mich.«
Sie reichte mir lächelnd die Hand, die ich verdutzt ergriff.
»O. K., herzlich willkommen«, erwiderte ich etwas gedehnt. »Entschuldigen Sie, ich hatte einen jungen Mann erwartet und bin etwas überrascht, stattdessen eine so hübsche …«
»Schon in Ordnung«, meinte sie unbeirrt, »was kann ich denn für Sie tun?«
»Bitte nehmen Sie Platz«, forderte ich sie auf und legte den Ordner und die aufgesammelten Papiere auf den Tisch. »Ich schlage vor, Sie erzählen mir ein wenig über sich und dann erzähle ich Ihnen etwas über mich und über unsere Arbeit. Sind Sie einverstanden?«
Sie lächelte mich an und erklärte, es sei okay, auch wenn sie über mich schon informiert wäre.
Ups, was war das denn?, dachte ich leicht verärgert. Hatte Fritz Maier meine Vergangenheit bereits ausgebreitet? Nun gut, so bat ich sie, etwas über sich zu erzählen, damit ich wüsste, mit wem ich es zu tun habe.
Während sie sprach, sah ich Lisa Schuster an. Unbekümmert, offen, freundlich und mit einer angenehmen Stimme saß sie vor mir. Auf Letzteres legte ich besonderen Wert. Eine Frau mit einer Piepsstimme wäre mir auf die Dauer sicher mehr als nur unangenehm gewesen.
Nun war ich also im Bilde. Mit Lisa Schuster stand mir eine ausgebildete IT-Fachkraft mit Schwerpunkt Datenanalyse, Systeme sowie Datensicherheit zur Seite. Sie beherrschte außer Deutsch und Englisch auch fließend Französisch in Wort und Schrift. Sie war sechsundzwanzig Jahre jung und arbeitete seit ihrem Studium bei der EA. Ihre Gewandtheit in allem, was Informationstechnologien betraf, beeindruckte mich, ihre ausgeprägte Selbstsicherheit auch. Über ihre Wirkung auf das andere Geschlecht war sie sich sicher ebenfalls bewusst. Ich war gespannt, was da noch zutage kommen würde.
Nachdem wir das Persönliche geklärt hatten, stellte ich ihr dar, was ich in meiner bisherigen Analyse des Falles herausbekommen und den Akten entnehmen konnte. Die ersten Ordner enthielten vor allem Beiträge aus Zeitungen, Fachzeitschriften sowie TV-Nachrichten. Diese Quellen bestätigten lediglich, was ich in meiner kurzen Recherche vor Tagen bereits im Internet festgestellt hatte. Darüber hinaus gab es weitere Informationen wie die Namen von Firmen, die in Konkurs gegangen waren. Eine Pharmaziegroßhandlung in Deutschland war erst vor ein paar Monaten in die Zahlungsunfähigkeit geraten. Der geschäftsführende Gesellschafter beging vermutlich Selbstmord, nachdem die Firma ihre Gehälter nicht mehr bezahlen konnte. Die Frage, ob es sich tatsächlich um einen Selbstmord handelte oder ob der Mann durch Einwirkungen Dritter zu Tode gekommen war, konnte nicht ganz sicher beantwortet werden. Sein Vater hatte die Firma Anfang der 1950er mit einer kleinen Apotheke gegründet und er hatte am Ende einen Großhandel mit fast einhundert Mitarbeitern geleitet. Ein paar Details, viele Vermutungen, jedoch keine Fakten oder gar weitere Hinweise auf solche.
Ein paar Tage später hatten wir alles gesichtet. Allen Unterlagen war ein Stempel mit »EA – streng vertraulich!« aufgedrückt worden. Eines konnte man jedoch auf jeden Fall bereits nachweisen: Dass es sehr enge geschäftliche Beziehungen zwischen Lohr und der ConFi-IT Services in der Schweiz gab.
Als ich Fritz Maier von unseren Analysen berichtete, fragte ich ihn, woher all diese Unterlagen stammten. Darauf reagierte er mit einer Gegenfrage.
»Was wollen Sie nun tun? Sie haben nun fast drei Wochen an den Unterlagen gesessen. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?«
Ich hörte deutliche Ungeduld aus seinen Worten, und offensichtlich wollte er meine Frage nicht beantworten.
»Nun«, begann ich, »die vielen Unterlagen waren zwar interessant, gaben aber letztlich nicht wirklich viel mehr her, als ich in einem Tag Internetrecherche herausgefunden hatte«, erklärte ich etwas gereizt. »Ein paar Zusammenhänge sind klarer geworden beziehungsweise bestätigt. Wir verfügen jedoch über keinerlei Fakten, die etwas von betrügerischen Aktivitäten beweisen würden. Deshalb benötigen wir eine andere Möglichkeit zu recherchieren, um zu einem Ergebnis zu kommen.«
»Die wäre?«, unterbrach mich Maier, diesmal fast schon mit ungehaltenem Ton, so ganz nach dem Motto »komm endlich auf den Punkt!«
»Wir müssen jemanden bei Lohr unterbringen, um Geschäftsbeziehungen und Geschäftsverläufe kennenzulernen, um an Dokumentationen heranzukommen, und um möglicherweise auf diesem Weg etwas über betrügerische Aktivitäten zu finden.«
Maier zog die Augenbrauen hoch.
»Aha, was stellen Sie sich vor? Wie wollen Sie das anstellen?«, hakte er nach.
»Ich dachte, wir könnten vielleicht Frau Schuster sich dort bewerben lassen. Mit ihren Kenntnissen könnte sie solche Recherchen vornehmen. Außerdem hätte sie sicher sehr gute Chancen, angestellt zu werden«, erklärte ich zurückhaltend.
»Frau Schuster also«, reagierte Maier lächelnd. »Warum nicht Sie selbst?«
Diese Frage hatte ich befürchtet. Mein Versuch, Maier die Idee auszureden, ging gründlich daneben.
»Soso«, Maier schmunzelte. »Ich denke, wir schicken Sie beide dorthin. Frau Schuster wird, wie von Ihnen vorgeschlagen, sich für IT und Sie sich als Berater für Prozessverbesserung und Compliance bewerben. Beides sucht Lohr derzeit, und wir sollten das unbedingt ausnützen. Machen Sie sich so schnell wie möglich auf den Weg. Bewerben Sie sich telefonisch und versuchen Sie für nächste Woche einen Termin in Berlin zu bekommen. Die Sache ist eilig! Es sollte Ihnen bei der Bewerbung niemand zuvorkommen!«, erklärte er in forderndem Ton.
Ich versprach, alles Erdenkliche zu tun, dachte aber insgeheim, dass das ohnehin nicht klappen würde. Doch wider Erwarten bekamen Lisa Schuster und ich bereits am darauffolgenden Montag einen Termin. Um 10 Uhr am Kurfürstendamm in der Zentrale der Lohr & Cie.
Vivien brachte mich zum Flughafen und wünschte mir viel Glück, obwohl sie absolut nicht beglückt darüber war, dass ich nun möglicherweise wochenweise in Berlin sein könnte. Ich spürte deutlich ihre Abneigung diesem Projekt gegenüber.
Der Flug ging um 6.25 Uhr, Ankunft in Tegel um 7.30 Uhr. Kurz vor 10 Uhr machten wir uns getrennt auf den Weg zu Lohr und vereinbarten, uns nach den Gesprächsterminen im Café Einstein an der Gedächtniskirche zu treffen. Den Weg zum Flughafen wollten wir wieder gemeinsam antreten. Mein Termin war um 10 Uhr, Frau Schusters Termin um 11 Uhr. Spätestens um 18 Uhr sollte wieder unser Flieger nach Stuttgart abheben.
Meine Gesprächspartner waren ein Vertreter der Personalabteilung und eine Anwältin der Kanzlei, die Lohr betreute. Das Gespräch verlief sachlich und freundlich. Wirkliches Interesse an meiner Person erkannte ich aus dem Gespräch nicht, während ich meines über Lohr natürlich deutlich unterstrich. Zu meinem eigentlichen Auftrag schwieg ich ebenso wie über mein Privatleben. Als ich Lohr verließ, ging ich nicht davon aus, dass ich die Anstellung erhalten würde. Gegen 14 Uhr saß ich wieder im Café Einstein und wartete auf Frau Schuster. Es wurde 15 Uhr und 16 Uhr. Allmählich wurde ich nervös. Doch dann kam sie. Sie sah müde aus.
»Lassen Sie uns gehen«, murmelte sie, packte mich am Ärmel und zog mich, etwas gequält lachend, unsanft mit.
Nebeneinander im Flugzeug sitzend, erklärte sie leise, wie ihr Bewerbungsgespräch abgelaufen war. Zu Beginn war es ein freundliches Vorstellungsgespräch gewesen. Doch dann wurde sie in die Abteilung geführt, in der sie zukünftig arbeiten sollte, eine Finanzabteilung, die auch für die Systemadministration zuständig war. Dort hatte man nicht nur detailliert ihr Wissen abgefragt, nein, sie wurde förmlich getestet und nebenbei auch über ihr Leben ausgefragt. Offenbar wollte man feststellen, ob sie war, was sie zu sein vorgab. Am Ende entschuldigte man sich für die Überziehung des Termins und offerierte ihr, dass sie bereits am nächsten Montag beginnen könne. Die angebotene Bezahlung bewegte sich im Rahmen dieser Art von Tätigkeit. Sie sollte bereits am nächsten Tag Bescheid geben, damit anderen Bewerbern abgesagt werden könnte.
»Und ich habe es auch noch versprochen!«, lachte sie laut auf, »obwohl ich ein komisches Gefühl dabei habe. Wie war es bei Ihnen?«
»Da bin ich lange nicht so gestresst worden. Ein typisches Vorstellungsgespräch, und man hat mich auf den nächsten Tag vertröstet.«
Am nächsten Morgen bot Lohr mir telefonisch einen Einjahresvertrag mit der Möglichkeit einer Verlängerung an. Die Bezahlung einschließlich eines Firmenwagens war in Ordnung. Ich versprach, dass ich möglichst bald meine Entscheidung mitteilen würde.
Im Büro angekommen, trafen wir Maier. Innerhalb von fünf Minuten war er informiert. Nebenbei ließ er uns wissen, dass wir natürlich keine Einbußen zu unseren EA-Gehältern haben würden. Lisa Schusters Erklärungen schienen ihm nicht zu gefallen, doch nach weiteren Überlegungen entschieden wir dennoch, dass wir uns alsbald in Berlin einnisten und deshalb unsere Zusage an Lohr noch heute Vormittag übermitteln würden.
Es wurden zwei Wohnungen über ein Maklerbüro im Auftrag der EA angemietet, die nicht weit voneinander in Berlin-Mitte lagen. Bereits am nächsten Tag erhielten wir zwei Adressen in der Nähe des Alexanderplatzes. Meine kleine Zweizimmerwohnung lag im dritten Obergeschoss, von wo aus ich gerade noch einen Blick auf den Alexanderplatz werfen konnte. Lisa Schusters Wohnung, keine fünf Minuten entfernt, befand sich in einem renovierten Altbau, ebenfalls im dritten Obergeschoss, mit Ausblick in einen begrünten Hinterhof. Ein Vorteil für uns war die Nähe zu öffentlichen Verkehrsmitteln. So musste ich mich nicht jeden Tag dem Verkehrschaos in der Stadt aussetzen.
Vivien war ganz und gar nicht erfreut, als ich ihr alles erzählte. Es sollte doch ruhiger werden und wir wollten mehr Zeit miteinander verbringen, auch wenn sie selbst ja noch arbeitete. Mit sarkastischem Ton nannte sie mich wieder »Monsieur Auditor«, was sie immer tat, wenn sie sich über mich ärgerte. Nach einem längeren Gespräch meinte sie, dass sie mich dann aber ab und zu in Berlin besuchen würde. Das half, den aufkommenden Konflikt zwischen uns zu entschärfen. Fürs Erste.
Berliner Luft
Montagmorgen, mein erster Arbeitstag bei Lohr. Ein Mann nahm mich in Empfang, der sich als mein Vorgesetzter vorstellte. Kurt Offermann, Hauptabteilungsleiter für »Interne Revision und Prozesse«. Geschätzte fünfundfünfzig bis sechzig Jahre alt, etwas korpulent, auffällige Tonsurglatze, seine Hautfarbe verriet, dass er vermutlich zu Bluthochdruck neigte. Sein Äußeres war korrekt und entsprach dem Klischee eines Büromenschen. Mir fiel auf, dass er immer, wenn er Hochdeutsch redete, in eine höhere Stimmlage wechselte. Und mir schien, als würde er sich damit selbst vergewaltigen. Sein Auftreten erweckte den Eindruck, als wäre er der wichtigste Mann im Haus. Ich war ihm als Compliance Officer zugeordnet. Außer mir als Abteilungsleiter berichteten noch fünf Revisoren direkt an ihn.
Keiner seiner Leute sagte irgendetwas zu mir, als wir das Großraumbüro betraten, weder ein »Willkommen!« noch ein »Hallo!«, einfach nichts.
In meiner Abteilung arbeiteten vier Vollzeitkräfte sowie eine Teilzeitkraft. Kurt Offermann stellte mich in aller Kürze und ohne weitere Erklärungen meinen neuen Mitarbeitern vor. Eine weitergehende Vorstellung sah er anscheinend als nicht erforderlich an. Eine Einweisung in meinen Job hielt er für überflüssig. Ich würde mich schon einfinden. Überhaupt hatte ich die ganze Zeit den Eindruck, als redete er vor allem mit sich selbst.
»Ich lasse Sie jetzt allein, wir treffen uns nachher alle beim Mittagessen in der Kantine. Ihre Leute werden Ihnen den Weg zeigen. Müller, Sie kümmern sich um Ihren neuen Chef!«, rief er einem der Anwesenden zu und verschwand. Müller, ein Mann im braunen Anzug, etwas mitgenommenen Ärmeln und leicht zerschundenen Schuhen, verzog keine Miene. Er wies mit der Hand auf ein Büro.
»Das ist Ihr Büro«, murmelte er, drehte sich um und verzog sich an einen der Schreibtische in dem größeren Büro nebenan. Na, das kann ja heiter werden, dachte ich und ging in den mir zugewiesenen Raum zu meinem neuen Schreibtisch.
»Mamma Mia! Per l’amor del cielo! Um des Himmels willen!« In Gedanken schlug ich die Hände über dem Kopf zusammen. »Das also ist mein großartiges Büro!« Ich sah mich in einen miesen Film oder in ein Büro einer ehemaligen DDR-Verwaltung der 1950er-Jahre zurückversetzt. Der Raum hatte die Größe einer besseren Besenkammer und es roch auch so danach. Staubig, abgestanden, muffig. Es standen darin ein metallener, grau lackierter Aktenschrank, ein Schreibtisch mit nicht mehr so ganz grauer Kunststoffplatte und eine Tischleuchte. Außerdem ein Drehstuhl mit abgewetzter Sitzfläche und eine Grünpflanze, die neben dem Schreibtisch stand und eindeutig schon bessere Zeiten gesehen hatte. An der Wand hing ein Bild, das die Gedächtniskirche bei Nacht zeigen sollte, jedoch so sehr verblasst war, dass man kaum noch etwas erkannte. Der Rahmen war inzwischen gelb wie Saharasand, die ursprüngliche Farbe ließ sich nur mehr erraten. Ohnehin passte das Bild nicht so recht zur Nüchternheit des Raumes. Neben dem Schreibtisch stand ein Papierkorb, der, wie auch der Aschenbecher auf dem Schreibtisch, schon seit Längerem nicht mehr geleert worden war. Der Ausblick aus dem Fenster zeigte die graue Rückwand eines anderen Bürokomplexes, an dessen Außenfassade der Putz in weiten Teilen abbröckelte. Die Tür und der Rahmen zu dem großen Büro meiner Mitarbeiter waren vermutlich irgendwann einmal weiß gewesen und rund um den Türgriff fehlte die Farbe komplett.
Ich öffnete das Fenster, schloss die Tür und setzte mich, um tief durchzuatmen. Das Büro, die Mitarbeiter, Offermann, auch seine Leute, sie alle passten zu dem Eindruck, den mein neues Büro auf mich machte. Verstaubt, überlebt, vertrocknet, ja verwelkt, wie die Pflanze neben mir. Ernüchtert zog ich eine der Schubladen auf.
Akten, schmale Personalakten. Müller, Schulze, Pasternak, Thun und noch mal Müller, diesmal mit einer »2« dahinter – Müller2. Ich las eine Akte nach der anderen – mit wachsender Fassungslosigkeit. Hier waren Personen angestellt, die man bei anderen Abteilungen nicht mehr haben wollte und denen trotzdem, aus für mich unerfindlichen Gründen, niemand kündigte. Sie wurden in dieser Abteilung geparkt wie alte Waggons auf einem dauerhaften Abstellgleis. Niemand hatte die Absicht, sie jemals wiederzuverwenden.
Ich war in einem Personalfriedhof gelandet. Die sogenannten Personalbeurteilungen waren durch die Bank negativ. Das wunderte mich, da alle eine gute bis sehr gute Ausbildung genossen hatten. Die Bewertungen stammten seltsamerweise von Offermann und nicht von meinem Vorgänger. Randnotizen wie »Schläfer«, »unbrauchbar« oder »faul« zeigten darüber hinaus, was er von den Leuten hielt.
Nach einigen Minuten Bedenkzeit rief ich meine neuen Mitarbeiter nach und nach zu mir. Was ich da zu sehen und zu hören bekam, erstaunte und frustrierte mich noch mehr. Die Leute waren unmotiviert, unlustig, uninteressiert und ihre Arbeit, die sie auf Geheiß von Offermann verrichteten, wollte niemand haben. Allein die Tatsache, dass sie mir erklären sollten, woran sie arbeiteten, verursachte ihnen sichtbares Unbehagen, das sich in erkennbarer Ablehnung mir gegenüber spiegelte. Frau Schulze, eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, brachte es glasklar auf den Punkt. Diese Abteilung war unnötig und unsinnig, zu nichts nütze und von niemandem gebraucht. Sie hatte mich weder begrüßt, noch verabschiedete sie sich nach dem Gespräch. Sie verließ einfach wortlos mein Büro.
Nach diesen »Gesprächen« konnte ich mir zwar noch kein Urteil über meine neuen Mitarbeiter erlauben, doch ich dachte aufgrund ihrer Ausbildung, dass sie keineswegs unfähig oder dumm sein konnten. Aus unerfindlichen Gründen durften sie ihre Befähigung nicht unter Beweis stellen. Weshalb sollten sie also motiviert sein?
Müller kam, um mich zum Essen abzuholen. Ich atmete tief durch und folgte ihm, nicht jedoch ohne den vollen Aschenbecher in den ebenfalls vollen Abfalleimer zu werfen und diesen dann vor die Bürotür zu stellen, in der Hoffnung, dass er dann auch irgendwann einmal geleert werden würde. Für den Raum, der sich ab heute mein Büro nannte, musste ich auch dringend eine Reinigung organisieren.
Mit Kurt Offermann und seinen Mitarbeitern marschierten wir in die Kantine. Es gab zweierlei Essen, einen Eintopf oder Currywurst mit Pommes. Ich entschied mich für Letzteres, da hier die Identifikation, was sich tatsächlich auf dem Teller befand, noch möglich war. Die Konversation verlief flach und hatte wenig Interessantes zu bieten. Man sprach über das Wetter oder über das letzte Spiel der Hertha, in Berlin nur »Alte Dame« genannt. Das war abgeleitet von dem zur Gründerzeit populären Vornamen Hertha. Dabei unterhielten sich vor allem Offermanns Leute miteinander. Es war unübersehbar, dass sie auf meine Mitarbeiter herabschauten, und die eine oder andere aus meiner Sicht unnötige herablassende Bemerkung von Offermann unterstrich diesen Eindruck.
Es verwunderte mich deshalb nicht, dass nach dem Essen keine weitere Unterhaltung zustande kam und alle auseinanderstrebten. Offermann bot mir an, mich zu einem Kaffee in die Cafeteria nebenan einzuladen. Ich dankte und begleitete ihn. Er redete die ganze Zeit und das Ergebnis ernüchterte mich noch mehr. Stolz erklärte er mir, dass er doch tatsächlich überlegt hatte, meine Abteilung zu schließen. Dann aber hätte er nur noch seine eigenen fünf Mitarbeiter gehabt und damit im Vergleich zu anderen Managern deutlich weniger Leute, die an ihn berichteten. Die Gefahr hätte bestanden, dass seine Abteilung einer anderen Ebene zugeschlagen würde. Deshalb hätte er die Neubesetzung meines Jobs durchgesetzt.
Ich sah ihn ungläubig an. Dieser Mann hatte mir eben erklärt, dass er sich meine Leute, meine Abteilung, nur als Rechtfertigung für seine eigene Position hielt. War seine Geltungssucht so groß, dass er noch nicht einmal Hemmungen hatte, sich mir gegenüber zu erklären oder war ihm das einfach nur egal, was ich davon hielt?
Zurück in meinem Büro, saß ich erst mal einige Minuten vor dem Schreibtisch, blickte aus dem Fenster und starrte auf die brüchige Hauswand gegenüber. Eigentlich müsste mich das alles nicht weiter berühren. Für niemanden da draußen trug ich eine Verantwortung. Doch ohne diese Leute würde ich hier wenig erreichen. Ich musste sie also gewinnen, irgendwie und das bald. Kurz darauf erhielt ich mit der Erklärung, dass mein Dienstwagen in der Tiefgarage stehen würde, einen Autoschlüssel und die Papiere dazu. Ich sah mir den Kfz-Schein an und staunte. Sie hatten mir einen neuen 3er-BMW zur Verfügung gestellt. Na, wenigstens etwas. Ich schob den Anfangsfrust zur Seite und überlegte, was zu tun sei.
Meine Idee war, möglichst schnell in verschiedene Abteilungen hineinzukommen, um deren Abläufe und Verantwortlichkeiten kennenzulernen. Nach allem, was ich nun wusste, sollten sich meine Mitarbeiter ja gemäß den eigenen Erklärungen gut auskennen. Nur, wie sollte ich das hinbekommen?
Gegen Abend sah ich durch meine offenstehende Bürotür, dass einer nach dem anderen meiner Leute das Büro verließ. Keiner sah zu mir hinüber, niemand sagte ein Wort. Sie gingen einfach und ich sah ihnen wortlos nach. Das musste anders werden.
Am nächsten Morgen betrat ich das Großraumbüro, begrüßte jeden Einzelnen und erkundigte mich nach dessen Befinden. Erstaunt sahen sie mich an. Ihre Reaktion war jedoch zurückhaltend bis abweisend. Sie vermieden, mich anzusehen, geschweige denn zu antworten. Nur Frau Schulze sah mich an. Ihr Blick war fragend hart, doch sie sagte genauso wenig wie die anderen. Ein paar Stunden später hatte ich einen Termin bei Offermann. Mein Versuch, ihm einen Vorschlag über den zukünftigen Einsatz meiner Leute, natürlich behutsam, zu unterbreiten, scheiterte kläglich. Als ich ihm erklärte, dass sie damit die Betriebsabläufe für Lohr verbessern könnten, lief sein Gesicht dunkelrot an und seine Stimme wurde schrill. Und er wurde laut, sehr laut. Dabei griff er sich mit beiden Händen an sein Revers und wippte auf den Füßen vor und zurück. Von Veränderungen wollte er nichts hören und ließ auch keinen Zweifel daran, dass er solche Bestrebungen zu verhindern wisse. Stattdessen erzählte er mir, dass in den nächsten Tagen ein Firmenfest stattfinden würde und ich solle mir den Abend dafür freihalten. Seine Ausführungen beendete er mit einer sanften Drohung. Meine Leute seien nur Zahlen in einer Statistik, und das sollte auch so bleiben. Eine Änderung des »Status quo« sei inakzeptabel und ich sollte möglichst schnell erkennen, dass jede andere Vorgehensweise für mich persönlich die Zukunft bei Lohr sehr übersichtlich darstellen würde.
Ich erkannte, dass er den Vorschlag wie eine persönliche Gefährdung empfand. Doch wenn ich etwas erreichen wollte, musste ich dranbleiben. So ging ich zurück und überarbeitete mein Vorhaben. Der weitere Tag verlief vergleichsweise unspektakulär, und ehe ich mich versah, saß ich wieder allein im Büro.
Um mich ein bisschen abzulenken, fuhr ich am Abend mit dem neuen Wagen hinaus aus der Stadt und machte einen Spaziergang am Wannsee. Ich nahm mir vor, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn mich Vivien besuchen würde, mit ihr über die Kanäle durch die Stadt zu schippern.
Einige Tage darauf fand die angekündigte Firmenveranstaltung statt. Sie begann am späten Nachmittag mit einem Gartenfest auf der Dachterrasse des Bürogebäudes. Es waren ein großer Pavillon, Beleuchtung und sogar Grünpflanzen aufgestellt worden. Es sah tatsächlich ein wenig nach Garten aus, wenn nur die bröckelnde Fassade des Nachbargebäudes nicht so dicht vor uns sichtbar gewesen wäre. Es gab, wie konnte es anders sein, Currywurst mit Fritten, Erbseneintopf, Limonade und Kaffee, ja selbst Bier war zu haben. Säuselnde Musik aus der Stereoanlage erklang.
Kurt Offermann erschien fröhlich und stolz in Begleitung einer Frau. Er stellte mich Bianca Mohr, Finanzchefin von Lohr & Cie., vor. Sie war nicht mehr die Jüngste, kleine Fältchen versuchte sie zu verdecken, ihre Brille verstärkte den Eindruck eines entschlossenen Gesichts, ihr Alter vermochte ich nur schwer einzuschätzen. Ich dachte, dass sie so um die fünfzig Jahre alt sein könnte. Frau Mohr war tadellos gekleidet, schwarzes Kostüm mit unauffälligem Schmuck. Darin kam sie mir mit ihrer schlanken Figur sehr streng vor. Ihr Blick zeigte, dass sie sich durchzusetzen wusste. Offermann berichtete an sie. Möglicherweise existiert hier ein Interessenskonflikt, den ich im Auge behalten sollte, dachte ich mir.
Bianca Mohr fragte mich, wie ich mich eingelebt hätte und wie mir meine »Truppe« gefalle. Dabei betonte sie das Wort »Truppe« in einer speziellen Art, die mich aufhorchen ließ. Während Offermann sich zwischenzeitlich kurz mit einem seiner Leute unterhielt, nutzte ich die Gelegenheit für einen Vorstoß.
»Nach allem, was ich in der Kürze der Zeit feststellen konnte«, erklärte ich Frau Mohr, »gäbe es Möglichkeiten, meine Mitarbeiter effektiver und konstruktiver einzusetzen. Ich würde gern unter Beweis stellen, dass das möglich ist.«
Sie blickte mich erstaunt an und fragte, ob ich darüber mit Herrn Offermann gesprochen hätte. Ich bejahte, glaubte allerdings verstanden zu haben, dass man meinen Mitarbeitern nicht viel zutraute und deshalb lieber keine Versuche riskieren mochte. Ich vermied, meinen tatsächlichen Eindruck von Offermann preiszugeben. Ohne weiter darauf einzugehen, bedankte sie sich und wünschte mir noch viel Spaß an diesem Abend. »Minchia! Verdammter Mist!« Am liebsten hätte ich jetzt laut geflucht!
Pronti, attenti, via! Auf die Plätze, fertig, los!
Am nächsten Morgen fand ich einen Zettel auf meinem Schreibtisch. Ich sollte mich unverzüglich bei Offermann melden. Er empfing mich stehend, die Hände auf seinem Schreibtisch aufgestützt.
»Was fällt Ihnen ein? Was bilden Sie sich nur ein? Sie sind kaum ein paar Tage hier. Wie kommen Sie dazu, Frau Mohr so einen absurden, ja lachhaften Vorschlag zu unterbreiten? Hatte ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt?«, fuhr er mich heftig und lautstark an. Wieder hatte seine Stimme diesen schrillen Klang. Ich nutzte eine Atempause von ihm und ergriff das Wort.
»Halten Sie mich tatsächlich für so unhöflich, dass ich eine von Frau Mohr gestellte Frage nicht beantworten würde? Darüber hinaus habe ich, sicher in Ihrem Sinne und wahrheitsgetreu erklärt, dass Sie, Herr Offermann, mich eindeutig wissen ließen, dass Sie nicht viel von meinem Vorschlag halten.« Bewusst hatte ich mit normaler Stimmlage reagiert. Mit einer zusätzlichen Provokation würde ich hier nichts erreichen. Dabei sah ich ihn so unschuldig wie nur möglich an, obwohl ich mich maßlos über ihn ärgerte.
Nun lief er dunkelrot an. Es sah aus, als ob sein Kopf kurz davor war zu platzen. Wutentbrannt schrie er mich an, dass ich noch heute einen Termin bei Frau Mohr bekäme und damit die Gelegenheit, meinen Vorschlag entsprechend seinen Wünschen wieder abzublasen. Er bestand darauf, dass keinerlei Änderungen am bisherigen Abteilungsauftrag vorgenommen würden. Ich würde an ihn, Offermann, berichten und sollte auf keinen Fall auf die Idee kommen, daran zu rütteln, das würde mir nicht gut bekommen. Hörte ich richtig? Hatte der Mann mir eben lautstark und auch für jeden außerhalb seines Büros vernehmlich gedroht?
Als ich sein Büro schon einige Schritte hinter mir gelassen hatte, hörte ich ihn immer noch hinter mir her schimpfen. Der Kampf zwischen Offermann und mir war eröffnet.
»Kommen Sie herein!«, rief Frau Mohr. »Nehmen Sie Platz. Was Sie mir gestern erzählten, hat mich ein wenig irritiert, aber dann auch neugierig gemacht. Sie beschrieben, dass man kein Vertrauen in Ihre Mitarbeiter hat. Erklären Sie mir, warum das nicht so sein sollte. Nach dem, was man mir bisher erzählte, tut man dort doch nichts, was nutzbringend ist, und ich habe streng genommen nicht verstanden, warum die Abteilung nicht aufgelöst werden sollte.«
Eigentlich wollte ich sie fragen, warum sie die Auflösung der Abteilung nicht anwies, wenn sie diese Meinung vertrat. Doch ich hielt mich zurück und erklärte ihr, dass in der Abteilung viel Nützliches getan würde. Allerdings, die Ergebnisse aus diesen angeordneten Prozessanalysen und -bewertungen hätten in der Vergangenheit offenbar niemanden interessiert und würden deshalb auch nicht berichtet. Dass ich damit das Verhalten von Offermann zur Diskussion stellte, war mir durchaus bewusst. Bianca Mohr sah mich erstaunt an, ohne auf diese Aussage einzugehen.
»O. K.«, sagte sie gedehnt. »Sind Sie in der Lage, mir so kurz es geht aufzuzeigen, was Sie sich nun vorstellen?«, forderte sie mich auf und schaute auf die Uhr.
Eine knappe Stunde später gab sie mir grünes Licht für meinen Vorschlag.
Zurück in meinem Büro. Ich dachte über das eben erlebte Gespräch nach. Wieso hatte sie die Abteilung nicht geschlossen, wenn sie die Leute für unfähig hielt? Wieso hatte sie Offermann nicht gestoppt, als der meine Managerposition neu besetzen wollte? Überhaupt, was für eine Beziehung hatten die beiden? Ich saß an meinem Schreibtisch und überlegte. Ich brauchte möglichst bald, außer meinen eigenen, auch andere Augen und Ohren, die mich unterstützten.
Am nächsten Morgen begrüßte ich wieder alle Mitarbeiter persönlich und fragte, wie es ihnen ginge und nahm als Letzten Müller mit in mein Büro. Ich hatte extra Kaffee und Plätzchen auf den Tisch gestellt und bat ihn, Platz zu nehmen. Dann erklärte ich, wie ich meine Aufgabe sähe und dass ich gern wissen würde, was er darüber denke.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er auftaute. Zuerst vermied er, mich anzusehen, doch mehr und mehr kam er aus sich heraus. Wenn er zuerst auf Fragen nur reagierte, so saß er bald auf der Stuhlkante, fuchtelte mit seinen Händen, so wie ich es nur von meinem Vater kannte, und aus seinem Mund quollen die Ideen nur so heraus. So sollten wir die Ergebnisse der vergangenen Prüfungen und Analysen neu bewerten und gegebenenfalls für erneute Prüfungen heranziehen. Beispielhaft nannte er Vertriebsprozesse und Finanz. Plötzlich schwieg er jedoch und erklärte, das alles habe doch keinen Sinn.
Ich schüttelte den Kopf und fragte wieso?
»Das will doch niemand haben, niemand will das wissen!«, erklärte er trotzig, stand abrupt auf und verließ das Büro. Ich sah ihm nach. Wieso zum Teufel hatte man diese Menschen so tief verunsichert? Wieder nahm ich mir meine Ausarbeitungen vor und baute einige der von Müller vorgebrachten Ideen mit ein.
Am nächsten Tag die gleiche Prozedur. Ich begrüßte alle, fragte nach ihrem Befinden und bat Müller wieder in mein Büro. Widerwillig betrat er den Raum und blieb vor mir stehen. Ich erklärte ihm, dass ich über seine Worte lange nachgedacht hätte und ich wäre wirklich dankbar, wenn er mir helfen würde. Ich bräuchte ihn und auch die anderen, um ein gemeinsames Ziel für uns alle zu definieren. Außerdem wäre es nicht meine Art, so schnell aufzugeben.
Müller sah mich an und setzte sich. Ich schob ihm einige Charts zu – Schaubilder mit Tabellen, Diagrammen, Texte und Grafiken – und bat ihn, sie durchzusehen. Vorsichtig nahm er die Blätter in die Hand und las.
»Kann ich die mit zu mir nehmen?«, fragte er. Ich nickte und erklärte, er solle sie nur nicht außerhalb unserer Abteilung zeigen oder außerhalb darüber sprechen. Er nahm die Charts und setzte sich an seinen Schreibtisch.
Bald standen seine Kollegen und Frau Schulze um ihn herum und eine lebhafte Diskussion entstand. Immer wieder sahen sie dabei in meine Richtung. Ich sah Kopfschütteln, Gemaule, aber auch die eine oder andere Bemerkung nach dem Motto »Lasst es uns doch probieren!« An dem Tag verließ ich mein Büro pünktlich und ließ die Kollegen diskutierend allein. Sie hatten in der Hitze des Gefechts den Büroschluss vergessen, und ohne meine Anwesenheit diskutierten sie vielleicht offener miteinander.
Am nächsten Morgen lagen die Charts auf meinem Schreibtisch. Ich sah, dass mehrere Notizen, in unterschiedlicher Handschrift, vorgenommen worden waren. Nicht schlecht, dachte ich erfreut und wartete gespannt auf meine Leute.
Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, atmete tief durch. Kurz darauf kam Müller zu mir und fragte, ob wir uns alle zusammensetzen könnten.
»Gerne. Lassen Sie unser Team in mein Büro kommen. Lassen Sie uns alle zusammenkommen.« Der Raum füllte sich, wenn auch zögerlich. Gespannt wartete ich nun auf das, was da kommen würde.
»Herr Vincente, wir haben uns gestern über Ihren Vorschlag im Team unterhalten. Es liest sich alles ganz gut, was Sie da aufgeschrieben haben. Wir glauben allerdings, dass es nicht funktionieren wird. Bisher haben alle Versuche, unsere Situation hier zu verbessern, nicht gefruchtet. Im Gegenteil, man hat uns noch weiter, wie soll ich sagen, gedemütigt. Deshalb würden wir gern wissen, warum Sie glauben, dass es ausgerechnet bei Ihnen anders sein sollte.«
»Frau Schulze, meine Herren, das will ich Ihnen sehr gerne begründen.«
Es wurde ein langes Gespräch, durchaus manchmal hitzig. Ich erklärte, was ich mir vorgenommen hatte und bat sie, darüber nachzudenken.
»Ohne Ihren Beitrag werde ich es nicht schaffen. Es wird sicher auch nicht leicht werden. Wir werden gewiss erhebliche Widerstände überwinden müssen und so manchen Rückschlag erleben. Doch aufgeben ist nicht meine Sache.«
Sie baten sich Bedenkzeit aus, und wir wollten am Nachmittag erneut zusammenkommen.
Nach dem Essen standen alle wieder unaufgefordert in meinem Büro. Es war mir klar, noch vertrauten sie der Sache nicht. Wieso auch, sie kannten mich ja erst ein paar Tage. Doch nach einer Stunde saßen wir immer noch alle beieinander. In meinem Büro war es warm geworden, und das lag nicht etwa an der Heizung und nicht nur daran, dass nun so viele Menschen im Raum waren. Wir hatten alle einen erhitzten Kopf und waren eifrig dabei, meine Grundidee in einen Projektplan für die nächsten zwölf Monate umzusetzen.
Was dabei unglaublich half, war meine Aussage, dass wir für die nächsten zwölf Monate nicht mehr an Offermann, sondern direkt an Frau Mohr berichten würden. Das hatten sie mit Erstaunen, aber auch mit Erleichterung aufgenommen. Dabei störte es sie nicht mehr, dass die Abteilung aufgelöst werden würde, wenn das Projekt schief gehen sollte. Ich hatte ihren Ehrgeiz, vor allem aber ihren Selbsterhaltungstrieb und ihren Mut geweckt. Sie wollten es Offermann und all den anderen, aber vor allem sich selbst zeigen. Würde das funktionieren, dann wäre auch mein eigentlicher Auftrag spätestens in zwölf Monaten erledigt. Hoffentlich. Überraschenderweise war an dem Abend mein Büro gereinigt und der Abfalleimer samt Aschenbecher geleert worden. Wie ich später erfuhr, hatte Frau Schulze dafür gesorgt.
In meinem Berliner Heim, in dem immer noch mein Koffer mitten im Wohnzimmer stand und auch sonst noch kein gemütliches Zuhause ersichtlich war, bereitete ich mich vor. Meine Mitarbeiter mussten in die Lage versetzt werden, eine solche Untersuchung, wie ich sie mir vorstellte, durchführen zu können. Grundlagen, wie sie ein Revisor kennen sollte, wie man Unterlagen aus einer Gesamtheit auswählt, wie man sie analysiert, welche Fragen dabei beachtet werden müssen, und, und, und. Die Durchführung von Interviews stellte ich erst mal zurück. Dafür war noch Zeit genug. Nun ging es erst mal darum, eine saubere Ursachenanalyse umsetzen zu können. Dass es für diese Art der Analyse wissenschaftliche Arbeiten und Tools gab, war für den Anfang erst mal nicht so wichtig. Ebenso wollte ich meine Mitarbeiter nicht mit komplexen und komplizierten Methoden verunsichern. Sie sollten so schnell wie möglich an die Arbeit gehen können, alles andere würde sich ergeben. Am nächsten Morgen informierte ich mein Team.
Kurz darauf traf ich Offermann auf dem Flur. Ich war ihm in den letzten Tagen aus dem Weg gegangen, da ich an einer erneuten Auseinandersetzung kein Interesse hatte. Er ging strammen Schrittes vorwärts und wollte, ohne zu grüßen, an mir vorbei. Ich grüßte freundlich und bat ihn um Unterstützung. Er schaute mich erstaunt an und ließ mich ärgerlich wissen, dass das nun alles ganz allein mein Problem sei, er habe keine Zeit. Doch ich ließ nicht locker.
»Ich benötige von Ihnen die Revisionsberichte der letzten zwei Jahre.«
»Das geht nicht«, erwiderte er abweisend. »Die kann ich Ihnen nicht geben. Die sind vertraulich. Überhaupt, glauben Sie nur nicht, dass Ihr Verhalten ohne Folgen bleiben wird.«
Wieder verfärbte sich sein Gesicht, als würde er gleich einen Wutanfall bekommen. Trotz seiner Ablehnung dankte ich freundlich. Ohne die Unterstützung von Frau Mohr war ich gegenüber Offermann hilflos. Auf der anderen Seite wusste ich über sie sehr wenig, vielleicht zu wenig. Konnte ich ihr denn trauen? Hatten Mohr und Offermann auf dem Event nicht ein trautes Bild vermittelt? Hatte sie ihn, mit der aus ihren Augen eigentlich unsinnigen Neubesetzung meines Jobs, nicht unterstützt? Mir blieb nichts anderes übrig, ich musste es riskieren.
Sie hörte sich mein Anliegen an. Erst wollte sie nicht so recht. Sie wolle kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen, meinte sie. Doch als sie sah, dass ich mich nicht so einfach zufriedengeben würde, gab sie nach. Sie würde bei Offermann nachfragen, was es für Gründe zu dessen Verweigerungshaltung gebe.
Am nächsten Tag lagen die Berichte wider Erwarten auf meinem Tisch. Wie Bianca Mohr das erreicht hatte, blieb ihr Geheimnis. War das nun ein positives Zeichen oder nur eine Beruhigungspille für mich?
Mit Müller, Müller2 und einem weiteren Mitarbeiter namens Thun analysierten wir die Revisionsberichte.
»Mamma Mia!«, rief ich, und die drei sahen mich erschrocken an, und noch mal »Mamma Mia!«, und schlug mir mit der Hand an den Kopf. Was wir da zu sehen bekamen, war, zumindest für mein Verständnis, eine Katastrophe. Schnell erklärte ich den dreien, sowie dem eben dazugekommenen Pasternak, der der Ruhigste von allen war, was mir aufgefallen war, wie die Berichte zu lesen seien und was für uns als Grundlage der weiteren Arbeit herausgezogen werden sollte.
Innerhalb kürzester Zeit hatten wir handfeste Problemfelder und Risiken ausgemacht. Die fehlende Verantwortungstrennung in den wichtigsten Prozessen – nur zum Beispiel. Es kam knüppeldick: Verträge wurden abgeschlossen, denen nicht immer die notwendigen Freigaben zugrunde lagen. Andere wurden gleich ohne die Einbindung der Fachabteilungen abgeschlossen. Preise wurden teilweise nach Gutdünken ermittelt und Vertragspartner wurden ausgewählt, ohne vergleichende Angebote eingeholt zu haben. Auch wurden Ausgaben von der direkten Führungskraft freigegeben, ohne dass es dafür Kontrollen auf Rechtmäßigkeit beziehungsweise Ordnungsmäßigkeit gegeben hätte. Darüber hinaus waren in der Zahlungsverkehrsfunktion Mitarbeiter oder Führungskräfte in der Lage, ohne eine Zweitkontrolle Zahlungen über die Bankkonten von Lohr auszuführen. Statt die Risiken zu beschreiben, wurde in den Berichten, ohne eine Wertung oder Schlussfolgerung vorzunehmen, nur der tatsächliche Ablauf dargestellt.
Dieser Zustand existierte seit Jahren, Veränderungen oder Verbesserungen waren nicht erfolgt. Ob Verluste eingetreten oder Manipulationen vorgenommen worden waren, hatten die Revisoren nie überprüft! Es fanden auch keine weitergehenden Analysen statt, um Missbrauch gegebenenfalls vorbeugen zu können. Im Gegenteil, man hatte kritische Feststellungen in den Zusammenfassungen für das Management, die jeweils von Offermann persönlich geschrieben wurden, so sehr weichgespült, dass ein Außenstehender nicht mehr verstehen konnte, worum es tatsächlich ging. Aus diesem Grund gab es auch nie Empfehlungen über Prozessverbesserungen, die die Risiken minimiert oder eliminiert hätten.
Die vier gingen ziemlich beeindruckt mit den anderen in die Mittagspause. Als sie zurückkamen, stellte ich eine positiv veränderte Stimmung im ganzen Team fest. Ich allerdings fragte mich, ob all diese Feststellungen, die erhebliche Risiken beschrieben, nur Offermann bekannt waren und sonst niemandem. Aufgrund unserer Berichtsanalysen erstellten wir eine Präsentation, mit der wir bei Frau Mohr antreten wollten. Das war nun nicht ganz ungefährlich, da ich nicht einzuschätzen wusste, wo Frau Mohr im Unternehmen wirklich stand und wie sie sich verhalten würde, wenn wir mit unserer Arbeit auch ihre Verantwortlichkeit tangieren würden. Aus diesem Grund entschärfte ich in der Präsentation all jene Punkte, die Mohr direkt betreffen könnten. Das war, bis auf Weiteres, eine Vorsichtsmaßnahme, die auch meine Leute verstanden.
Zwei Tage später war es so weit. Frau Mohr hatte sich eine halbe Stunde Zeit für mich und Müller genommen, allerdings bereits nach zehn Minuten ihrer Sekretärin einen Wink gegeben, dass das Gespräch mit uns länger dauern könnte.
Am Ende des Gesprächs war sie blass und unglaublich wütend. Sie behauptete, dass sie keinen der Berichte kannte, keine der für uns offensichtlichen Feststellungen war ihr offenbar je in dieser detaillierten Darstellung vorgelegt worden. Sie erklärte, dass Offermann in der Vergangenheit immer nur »Management Summaries« vorgelegt hatte, aus denen im Prinzip immer das Gleiche hervorging. Außer ein paar Kleinigkeiten hatte es nie signifikante Feststellungen gegeben.
Ich sah Mohr die ganze Zeit aufmerksam an. War ihre Verärgerung über Offermann echt? Bereitete sie nun mit Offermann schon mal ein Bauernopfer vor, um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen? Wenn das stimmte, was Frau Mohr uns mit erstickter Stimme erklärte, dann hielt er das gesamte Management über den wahren Zustand des Unternehmens bewusst im Unklaren. Doch warum tat er das? War das denn niemandem aufgefallen – und vor allem, wem nützte das?
Nachdem Müller das Büro verlassen hatte, blieb ich noch ein paar Augenblicke sitzen. Frau Mohr sah mich nur stumm an, dann platzte es aus ihr heraus.
»Was um Himmels willen, was mache ich mit diesem Mann?«
Ich versuchte, sie zu beruhigen und erklärte ihr vorsichtig, wie wir mit den beschlossenen Aktionen, Prüfungen und Stichproben weiter vorgehen wollten, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Damit war sie einverstanden, doch wollte sie möglichst alles so schnell wie möglich in die Tat umgesetzt und Resultate haben. Trieb sie mich an, um das Thema schnell abschließen zu können? Ich wurde nicht schlau aus ihr.
»O. K., Herr Offermann bleibt vorläufig im Amt, allerdings wird er auf keinen Fall eingeweiht!«, erklärte sie plötzlich taff. Sie wollte ihm einen Sonderauftrag geben, der ihn und die meisten seiner Leute für die nächste Zeit beschäftigen würde. Seine Mitarbeiter könnten auch mir für die eine oder andere Aktion zur Verfügung stehen, wenn ich sie denn brauchen sollte.
Ich hatte nicht die Absicht, auf sie zuzugreifen, denn es war nicht auszuschließen, dass sie in die Handlungen ihres Chefs involviert oder zumindest eingeweiht waren. Mit diesem Wissen und dem erteilten Auftrag, ging ich in mein Büro zurück, um nun mein gesamtes Team zu instruieren.
»Liebe Kollegin, Kollegen«, fing ich an, »wir haben nun die Zustimmung von Finanzchefin Mohr für unseren Plan. Um diesen nicht zu gefährden, werden wir auch weiterhin nach außen so tun, als ob sich nichts an der bisherigen Arbeitsweise unserer Abteilung geändert hätte. Niemand erhält Informationen über unsere Arbeit, keine Ergebnisse gehen ohne Rücksprache mit mir an Außenstehende. Ist das klar?«
Alle nickten. Ich fragte noch mal, ob das jedem klar sei. Dann kam ein eindeutiges »Ja, Chef!«
»O. K., chi si ferma é perduto.« Ich sah die fragenden Gesichter. »Wer rastet, der rostet! Also lasst uns anfangen, denn es gibt viel zu tun.« Nun hatte ich die Unterstützung, die zusätzlichen Augen und Ohren, die ich brauchte, um hier nicht bald wieder mit Pauken und Trompeten unterzugehen. Hoffentlich nicht, denn Offermann war nicht der Mann, der so schnell klein beigab.
Bereits am gleichen Tag kündigte ich drei verschiedene Prüfungen in unterschiedlichen Abteilungen an. Die Erste war für den Zahlungs- und Bankenverkehr, da dieser von uns als der kritischste Bereich im Unternehmen eingestuft werden musste, denn dort ging es um Geld, viel Geld. Kurz darauf kündigte ich die Prüfung für die Rechnungsschreibung und für den Einkauf an, da auch hier erhebliche Risiken bestanden. Ich teilte meine Leute in kleine Teams mit klar definierten Aufgabenstellungen. Innerhalb einer Woche sollten sie jeweils die in den Revisionsberichten dargestellten, und von uns als Problem identifizierten Bereiche, verifizieren. So sollte der Umfang potenzieller oder eingetretener Risiken beziehungsweise Verluste erfasst werden, soweit dies in der Kürze der Zeit möglich war. Dazu wählten wir einzelne, im Voraus definierte Geschäftsvorfälle, die in allen drei Abteilungen überprüft werden konnten. Ich wollte so schnell wie möglich einen Überblick der aktuellen Situation erhalten.
Schon eine halbe Stunde später erhielt ich den ersten Anruf. Der Abteilungsleiter des Zahlungs- und Bankenverkehrs, kurz »ZB«, wollte von mir eine Erklärung für mein Vorgehen. Ich erläuterte, dass wir regulär wiederkehrende Prüfungen vornehmen würden, die Frau Mohr, Mitglied der Geschäftsführung, als Grundlage ihrer Entscheidungen heranziehen wollte. Reine Routine eben. Es beruhigte ihn nicht sonderlich, von Begeisterung war natürlich auch keine Rede. Doch er gab klein bei. Wenige Augenblicke später erlebte ich Gleiches mit den Leitern der Rechnungsschreibung und des Einkaufs. Letzterer wollte gar wissen, dass wir dazu gar nicht berechtigt seien. Wir würden damit unsere Kompetenzen überschreiten. Ich verwies ihn an Frau Mohr, nicht ohne auch seinen Hinweis auf Offermann zu beantworten, dass dieser von Frau Mohr wichtigere Aufträge erhalten habe und deshalb anderweitig beschäftigt sei. Das fing also schon gut an und ich war gespannt, was für Spielchen da noch auf uns warteten.
Nachdem ich Lisa Schuster wegen der vielen Arbeit und Besprechungen seit Tagen nicht gesehen hatte, verabredeten wir uns für den Abend im Café Einstein. Ich musste zugeben, dass sie mir fehlte, da ich doch sonst mit niemandem wirklich offen reden konnte. Als sie im Café eintraf und wir uns mit einer kurzen Umarmung begrüßten, bekam ich wieder eine Portion ihres Parfüms in die Nase. Fast hätte ich sie nicht losgelassen, so angenehm empfand ich in diesem Moment den Hauch ihres Duftes.
Wir unterhielten uns über die letzten Tage und wie wir bei Lohr angekommen waren. Lisa erklärte, dass sie ein merkwürdiges Gefühl habe, weil in ihrer Abteilung offenbar alles und jedes überwacht würde. Sie hatte deshalb bisher nicht versucht, die Lohr internen Systeme zu analysieren, um nicht aufzufallen. Ich bat sie, weiterhin sehr vorsichtig zu agieren, denn ich bräuchte sie doch hier. Dann erzählte ich, was sich bisher bei mir getan hatte und beschrieb, was ich mir vorstellte. Spätestens, wenn ich eine Freigabe für mein weiteres Vorgehen hätte, würde ich wieder auf sie zukommen. Deshalb sollten wir uns von nun an wieder öfter sehen. Insgeheim dachte ich aber, nicht nur deshalb.
Nach fast drei Stunden entschieden wir, gemeinsam mit der S-Bahn nach Hause zu fahren. Wir unterhielten uns über ein paar Typen, die gerade aus der S-Bahn ausstiegen. So viel Eisen im Gesicht hatte ich vorher noch nicht gesehen. Wir lachten über ihren Gedanken, dass das bei dem nassen Wetter doch zu Rost führen könnte. Bei meiner Endstation angekommen, gab es noch mal eine leichte Umarmung. Als die Bahn wieder anfuhr, folgte noch ein kurzes Winken. Ich sah ihr nachdenklich nach. Ihren Duft hatte ich, während ich langsam die Bahnstation verließ, noch eine ganze Weile in der Nase. Er schien sich in meinem Kopf festzusetzen.
Am nächsten Morgen erschien Müller in meinem Büro.
»Sie wollen uns keine Unterlagen aushändigen!«, fauchte er. »Sie sagen, wir dürfen das nicht und deshalb sollen wir uns vom Hof scheren!«
Ich fragte, wer das von sich gegeben hatte und bekam zur Antwort, dass der Teamleiter von ZB, Ulf Carlson, dies von seinem Chef, Max Übel, so aufgetragen bekommen hätte. Ich überlegte kurz, unterdrückte meinen Ärger und griff zum Telefon. Max Übel meldete sich mit schroffem Ton. Ich begrüßte ihn betont freundlich. Bevor er jedoch fragen konnte, was ich wollte, erklärte ich ihm in einem leisen, aber scharfen Ton, dass in fünf Minuten die angeforderten Unterlagen auf meinem Tisch liegen sollten, sonst würde er der Finanzchefin, Frau Mohr, seine Verhaltensweise erklären müssen. Schließlich würden wir nur umsetzen, womit sie uns beauftragt habe. Ich hörte ein tiefes Stöhnen auf der anderen Seite der Leitung und fragte noch mal nach, ob er mich auch richtig verstanden hätte. Ein gepresstes »Ja« kam durch den Hörer. Den Rest, der sich wie ein Schimpfwort anhörte, ignorierte ich.
Ich schickte Müller zu Carlson mit dem Auftrag, die Unterlagen abzuholen. Er könne ruhig erwähnen, dass ich ein sehr ungeduldiger Mensch bin, und wenn er nicht in fünf Minuten mit allem zurück wäre, würde er mich bei Frau Mohr finden. Mit abgeleiteter Autorität zu arbeiten, widerstrebte mir zutiefst, doch noch ging es nicht anders.
Müller war zehn Minuten später da und trug einen Klappkasten mit Unterlagen. Carlson half ihm tragen und grinste etwas schmerzverzerrt, nachdem er den Kasten auf den Schreibtisch gestellt hatte.
»Na also, geht doch«, brummte ich ärgerlich.
Er verzog das Gesicht und verschwand. Müller machte die Tür zu und lachte.
»Sie hätten die Gesichter von Carlson und Übel sehen sollen, als ich wieder vor deren Schreibtischen stand und erklärte, dass ich maximal fünf Minuten Zeit hätte, Sie davon abzuhalten, zu Frau Mohr zu gehen. Sie flitzten und schwitzten, dass es nur so eine Freude war. Allerdings habe ich mitbekommen, dass Übel mit Offermann telefonierte. Mein Eindruck war, dass die sich abstimmen und Offermann aus dem Hintergrund gegen uns opponiert.«
Stimmte mein Eindruck, dass die betroffenen Führungskräfte ziemlichen Respekt, vielleicht sogar Angst vor der Finanzchefin hatten? Die Erwähnung ihres Namens bewirkte offensichtlich so einiges.
»Nicht so wichtig. Sie werden uns, zumindest vorläufig, nicht weiter behindern. Lassen Sie Ihr Team die Unterlagen überprüfen. Schauen Sie vor allem, ob Sie Originale bekommen oder ob Sie stattdessen Kopien erhalten haben. Bei Kopien können wir nicht sicher sein, ob diese nicht manipuliert wurden. Wenn das der Fall sein sollte, gehen Sie zurück und fordern Sie die Originale an. Falls das nicht funktionieren sollte, geben Sie mir bitte Bescheid. Dann werde ich mich darum kümmern.«
Nach diesen Erfahrungen würde ich Verzögerungen oder gar Behinderungen nicht länger hinnehmen.
Es kam, wie es kommen musste. Bestimmte Unterlagen waren nicht oder nur in Kopie beigefügt worden. Meist waren sie dann auch kaum lesbar. Originalbelege gebe es nicht mehr, wurde begründet.
Wir stellten eine Liste der Belege darüber zusammen und ich ging damit zu Kollege Übel. Diesmal hielt sich meine Freundlichkeit in engen Grenzen. Er schloss hinter mir die Tür. Ich verwies auf die fehlenden Unterlagen und die Kopien. Rechtlich und steuerrechtlich könnte man ihm unterstellen, dass er die Unterlagen unterdrücke oder gar beseitige. Ob er sich dessen bewusst sei? Dabei sah ich ihn dann so vertrauensselig an, wie ich nur konnte. Es war mir schon fast peinlich. Doch in seiner Erregung merkte er es offenbar nicht. Stattdessen stotterte er herum, was er denn nun tun könnte, schließlich wäre er doch nur ausführendes Organ, und außerdem würde auch Offermann das sagen! Er wischte sich die Schweißperlen auf seiner Stirn mit dem Handrücken ab.
»Offermann sagt das auch! Sie stimmen sich also tatsächlich ab«, überlegte ich.
»Nun, wenn er uns die Belege im Original doch noch heute verschaffen könnte …« Ich ließ den Satz gewollt unbeendet und überließ es seiner Interpretation, was ich meinen könnte. Nachdenklich versprach er, sich noch heute zu melden.
Es dauerte tatsächlich nicht lange, da klopfte es an meiner Tür. Erstaunt sah ich Kollege Übel mit einem Paket im Türrahmen stehen.
»Sie hatten recht!«, begann er kleinlaut. »Das ist alles sehr seltsam. Deshalb bin ich gleich selbst gekommen und habe nicht Carlson geschickt. Wer weiß denn schon, was der davon wirklich versteht.«
Auf seinen letzten Satz ging ich nicht ein, schließlich war das sein Mitarbeiter. Gespannt war ich, was er mir nun vorlegen würde. Er breitete seinen Schatz aus und erklärte jedes Dokument, allerdings immer betonend, dass er nichts davon gewusst hätte. Dabei entging ihm offenbar, dass auf den meisten Unterlagen auch sein Kurzzeichen vermerkt war oder er ignorierte es geflissentlich. Vielleicht glaubte er auch tatsächlich, dass ich es nicht bemerken würde. Ich schwieg und nahm die Unterlagen mit ernster Miene entgegen. Am Ende dankte ich für seine Kooperation und bat ihn um Stillschweigen, um nicht Unruhe bei den Mitarbeitern auszulösen. Was ich allerdings wirklich dachte, behielt ich für mich. Außerdem war ich mir sicher, dass er umgehend Offermann informieren würde, und der würde sicher versuchen, die Fäden wieder in die Hand zu bekommen, um mich auszubremsen.
Kaum war er draußen, rief ich die beiden Müller rein.
»Meine Herren«, sagte ich, »schauen Sie sich das bitte an und übernehmen Sie die Unterlagen in Ihre Analysen.« Ich dachte, vermutlich hält Übel mich nun für einen ausgemachten Einfaltspinsel.
Diese Übung hatte sich schnell herumgesprochen. In den anderen beiden Abteilungen versuchte nun niemand mehr, uns größere Steine in den Weg zu legen, auch wenn sie immer wieder versuchten, auf Zeit zu spielen. Allerdings nahm ich an, dass man uns aufgrund der eher unauffälligen Vergangenheit dieser Abteilung unter Offermann, vorläufig zumindest, nicht für voll nahm und deshalb keine größeren Probleme auf sich zukommen sah. Dennoch musste ich vorsichtig bleiben.
Am Wochenende kam Vivien. Ich holte sie mit einem schönen Blumenstrauß vom Flughafen ab, was sie mit einem Lächeln quittierte. Wir frühstückten ausgiebig im Einstein. Danach nutzten wir das gute Wetter für eine lange Bootsfahrt durch Berlin, vorbei an den Regierungsgebäuden und dem Dom fuhren wir durch Kanäle und Schleusen. Es war wärmer geworden, und so gingen wir nach einem schönen Abendessen mit einem guten französischen Rotwein noch eine Weile bummeln. Wir genossen es, mal wieder von Angesicht zu Angesicht reden zu können. Der Konflikt, dass ich entgegen meiner Absicht nun doch wieder sehr viel mehr eingespannt und länger von zu Hause weg war, schwelte trotzdem weiter zwischen uns. Kleine Bemerkungen machten mir deutlich, dass sie meine Entscheidung nur duldete, aber nicht akzeptiert hatte. Immer wieder fragte sie danach, wie lange das hier noch dauern würde, wann ich nach Hause käme. Ich hatte darauf keine zufriedenstellende Antwort. Leider stellten wir dann auch noch fest, dass das Bett in meiner Wohnung nicht für zwei gedacht war, zumindest was die Größe der Matratze betraf. Das war nicht das Einzige, was Vivien in der Wohnung kritisch zur Kenntnis nahm, da ich meine Sachen seit meinem Einzug immer noch nicht aufgeräumt hatte. Sie fand das überhaupt nicht gut, dass ich nicht für ihren Besuch vorgesorgt, ja noch nicht mal aufgeräumt hatte. Ich nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit mit dem Vermieter wegen des Bettes zu sprechen, da die Wohnung möbliert vermietet worden war. Um das aber nicht weiter eskalieren zu lassen, schlug ich kurzerhand vor, in ein Hotel zu gehen. Gesagt, getan. Ich hatte im Park Inn am Alexanderplatz ein Zimmer in einem der oberen Stockwerke für zwei Nächte bekommen. Wir hatten einen grandiosen Ausblick auf den Fernsehturm und die Stadt. Vivien war zufrieden und der Frieden zwischen uns schien wiederhergestellt. Leider war das Wochenende viel zu kurz und am Montagmorgen flog sie wieder nach Hause.
Ich stellte unseren ersten Bericht bei Frau Mohr vor. Ich beobachtete die ganze Zeit sehr genau jede ihrer Reaktionen. Beherrscht wie meist, entschied sie, dass sie Offermann eine andere Aufgabe anbieten würde, die er nicht ablehnen könnte. Damit wäre er aus dem bisherigen Umfeld entfernt und das, ohne sein Gesicht zu verlieren. Es schien, als würde sie einen Konflikt mit ihm gerne vermeiden wollen.
Als sie ihm einige Stunden später in meiner Gegenwart, mit entsprechender Begründung, die neue Aufgabe übertrug und gleichzeitig darüber informierte, dass ich seine bisherige Tätigkeit ausüben werde, fiel seine Reaktion seltsamerweise sehr leise aus. Hatte die Finanzchefin ihn bereits vorgewarnt und mich deshalb an diesem Meeting mit Offermann mit einbezogen? Hatte sie ihm etwas anderes für die Zukunft in Aussicht gestellt? Hoffte Mohr, dass er von selbst kündigen würde und sie damit ein Problem los wäre?
Bei Max Übel war sie weniger zartfühlend und versetzte ihn umgehend in den Ruhestand. Er hatte zugestimmt, nachdem man ihm die Wahl zwischen einer fristlosen Kündigung oder den Gang in den vorzeitigen Ruhestand gelassen hatte. In den wenigen Tagen der Prüfung in seiner Abteilung hatten wir eine große Anzahl von unautorisierten Aktivitäten und undokumentierten Zahlungsvorgängen entdeckt. Hier würden weitergehende Untersuchungen erforderlich sein, denn ob Lohr hier Geld verloren hatte, ob Veruntreuungen stattfanden, konnten wir in der Kürze der Zeit nicht zu Ende überprüfen. Kurt Weiser, der Einkaufschef, hatte noch während der ersten Prüfungstage fristlos gekündigt und fast fluchtartig sein Büro geräumt.
Bereits in den ersten zwei Tagen kamen Vorgänge ans Licht, die allesamt für Lohr nachteilig gewesen waren. Es wurden bestimmte Lieferanten immer wieder bevorzugt, ohne dass Angebote anderer Mitbewerber eingeholt worden waren. Auffällig dabei war, dass keiner der drei, weder Offermann noch Weiser oder Übel etwas zu den Vorgängen erklären wollte. Sie schwiegen beharrlich.
Für Max Übel kam ein ehemaliger Bankkaufmann von extern und Müller wurde Nachfolger von Weiser. Der begann sogleich damit, sich mit den Vorgängen beim Einkauf genauer zu befassen. Wir gewannen dabei verstärkt den Eindruck, dass verwandtschaftliche Interessen bei der Vergabe von Aufträgen eine Rolle spielten.
Das Revisionsteam von Offermann wurde nun komplett meiner Abteilung zugeschlagen. Seine Mitarbeiter ließen sich erwartungsgemäß nur schwer davon überzeugen, dass sie nun mit meinen Leuten und mir zusammenarbeiten sollten. Es gab fast einen Aufstand. Doch die Alternative für sie war, keinen Job mehr zu haben. Da erlosch der Widerstand. Zumindest vorerst. Ohnehin mussten wir erst sehen, ob sie möglicherweise selbst aktiv und in größerem Ausmaß in die Vorgänge ihres Chefs Offermann verwickelt waren. Außerdem wusste ich inzwischen, dass manche der Revisoren auch privat zu Offermann Kontakt hielten. Hätte ich diese Aufgabe hier unter anderen Gesichtspunkten angetreten, würde ich wohl vorsichtshalber für den Austausch dieser Leute sorgen.
So erhielten sie von uns unabhängige Aufgaben, die strikt von den unseren getrennt waren. Pasternak steuerte und überwachte die Leute für mich. Gleichwohl waren das nicht unsere einzigen Probleme, denn wir hatten inzwischen Anzeichen dafür, dass gezielt Geschäftsabläufe manipuliert, Zahlen, beispielsweise in Angeboten, beschönigt oder gefälscht worden waren. Protokolle und Dokumente, die unsere diesbezüglichen Wissenslücken hätten schließen können, fehlten uns bisher ganz oder teilweise. Manches schien gezielt für uns zusammenkopiert oder aber aus dem Schriftverkehr herausgelöscht worden zu sein, um ein bestimmtes Bild zu erzeugen. Die potenziell beteiligten Personen hatten wir zwar anvisiert, indes wir mussten sehr vorsichtig sein, da wir ihnen bisher keinen Vorsatz nachweisen konnten. Den Beweis für einen Vorsatz, zum Beispiel mehrfach unautorisierte Entscheidungen, brauchten wir jedoch, um mögliche Personalmaßnahmen dann auch rechtlich abgesichert vornehmen zu lassen.
Bei Frau Mohr hatte ich vorsichtig angeregt, die Systeme von Lohr unauffällig inspizieren zu lassen. Sie reagierte sehr zurückhaltend und wollte wissen, warum wir das benötigten. Ich erklärte, dass wir nur so weitere Zusammenhänge erkennen könnten, um zusätzliche Risiken zu identifizieren. Dabei vermied ich den Eindruck zu erwecken, dass wir eine umfassende Analyse, die auch sie betreffen könnte, vornehmen wollten.
»Wir sollten allerdings vermeiden, dass dies im Unternehmen bekannt wird. Zum einen wollten wir keine Aufregung bei den Mitarbeitern verursachen, zum anderen möchten wir niemandem auf die Idee bringen, schnell noch irgendwelche Dinge zu bereinigen«, erklärte ich.
»Dinge bereinigen? Was meinen Sie damit? Glauben Sie, dass jemand Dokumente manipulieren will?«, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem seltsamen Unterton.
»Das ist nicht auszuschließen, da wir noch nicht wissen, wie tief die Mitarbeiter von Offermann, Übel und dem Ex-Chef des Einkaufs in diese Vorgänge involviert waren. Möglicherweise wurden sie kleinteilig von ihren Vorgesetzten eingesetzt, um zu verhindern, dass sie ein komplettes Wissen über die Abläufe erhalten. Dennoch wäre es fahrlässig, nicht vorsichtig zu Werke zu gehen, oder?«, erwiderte ich mit Bedacht.
Mohr hörte mit ernstem Gesicht zu. Auch wenn sie verstehend nickte, so erweckte sie bei mir doch auch einen leicht irritierten Eindruck. Hatte sie verstanden, dass sie nun auch selbst in den Fokus geraten könnte? Dann erklärte ich, dass ich von einer Kollegin bei IT gehört hätte, von der man behauptete, sie sei sehr gut in ihrem Job. Der Name wäre irgendwas mit Handwerk, wie Schreiner, Schneider oder Schuster, oder so. Sie schrieb es sich auf. Der zweite Teil unserer Mission war angelaufen.
Feuer gelegt!
Schon zwei Tage später wurde ich zu Frau Mohr gerufen. Sie hatte Lisa Schuster ausfindig gemacht und unter einem Vorwand zu sich ins Büro gebeten. Nun würde ich also nach unserem letzten Treffen im Café Einstein erstmals wieder auf Lisa treffen.
Als ich kam, saßen beide bereits bei einer Tasse Kaffee und redeten über ihren Job. Frau Mohr stellte mich vor und Lisa Schuster und ich taten so, als würden wir uns nicht kennen. Sofort hatte ich wieder ihren Duft in der Nase, obwohl ich ihr doch nur die Hand gegeben hatte.
Innerhalb weniger Minuten hatte Frau Mohr das Thema, so wie sie es von mir kannte, erklärt. Ich war dann doch beeindruckt, wie gut sie die Situation erfasst hatte, nachdem ich inzwischen manchmal den Eindruck hegte, dass sie die Dinge vielleicht etwas zu unkritisch sah. Lisa nickte, deutete aber an, dass das nicht so einfach durchzuführen sei. In ihrem Team fände eine auffällig starke Kontrolle durch die Führungskraft statt. Derartige umfassende Finanzabfragen über alle Geschäftsvorfälle der letzten zwölf Monate würden auf jeden Fall und sehr schnell zu Nachfragen führen, die erklärt werden müssten.
»Mein Vorgesetzter kontrolliert regelmäßig die Schreibtische und vor allem die durchgeführten Systemaktivitäten«, sagte Lisa. »Darüber hinaus lässt er sich Log-Berichte vorlegen oder im Detail erklären, was warum gemacht wurde. Außerdem prüft ein Mitarbeiter im Team regelmäßig die PCs beziehungsweise Laptops über ein Analyseprogramm auf unzulässig installierte Programme hin. Die Begründung dafür ist, dass man Viren und Ähnliches frühzeitig feststellen und das Eindringen von Hackern verhindern möchte. Es heißt, dass es vor einiger Zeit mal ein Vorkommnis gab, das man nicht wiederhaben will.«
Bianca Mohr war während Lisas Erklärungen wie erstarrt. Langsam löste sich nun ihre steife Haltung. Ihre Hände fuhren immer wieder über ihre Oberschenkel, als müsste sie sich ihre Hände trocken reiben. Was sie da gehört hatte, verursachte ganz offensichtlich ein ziemliches Unbehagen bei ihr. War sie möglicherweise über die Arbeitsweise in Lisa Schusters Abteilung informiert gewesen und fürchtete nun neue Schwierigkeiten?
Das war bedenklich, was Lisa da beschrieb. Nicht nur, dass dies gegen bestehendes Recht verstieß und deshalb die Mitarbeiterüberwachung in dieser Form, ohne Zustimmung der Mitarbeiter, äußerst fragwürdig war, eine umfassende Systemkontrolle konnte auch unser Vorhaben zum Scheitern bringen.
»Wer ist Ihr Chef?«, fragte Frau Mohr.
»Er heißt Timber, Fritz Timber. Eigentlich heißt er Friedrich Timberlein, doch alle nennen ihn Fritz Timber, weil er es so will.«
»Was würde passieren, wenn ich Sie anfordere, um mir ein paar Finanzreports zu generieren?«, fragte Frau Mohr.
»Hm, aufgrund meiner User-ID kann man überprüfen, was ich gemacht habe.«
»Könnten Sie Abfragen dann unter meiner ID machen?«, fragte Frau Mohr unsicher weiter. Noch immer schien sie sich nur mit Mühe kontrollieren zu können.
Lisa schaute mich an, dann sagte sie, dass man es ausprobieren müsste, um festzustellen, auf was sie damit zugreifen könnte. Allerdings könnte dann nur einer mit dieser ID arbeiten. Im Unklaren war sie sich darüber, ob möglicherweise alle User-IDs der Firma überprüft würden, also auch die von Frau Mohr.
Frau Mohr nickte.
»O. K., probieren wir es mit unverfänglichen Abfragen. Wenn dann etwas passiert, wissen wir, dass diese Kontrollen auch mich einschließen.«
Ich ergänzte diesen Wunsch.
»Lassen Sie uns so ein Thema aussuchen, dass wir es im Fall eines Falles als Versehen oder Fehlzugriff erklären können.«
Nach wenigen Minuten saßen beide Frauen vor dem PC. Sie suchten nach vordefinierten Standardreports, die man immer wieder im System aufrufen konnte. Sie wählten einen Report für zwei Kunden mit ähnlichen Namen aus, der alle Bestellungen, alle Forderungen, alle Zahlungen, auch alle Stornierungen und noch ein paar Details mehr, aufzeigte.
»O. K., das reicht für den Anfang. Lassen Sie uns das in ein paar Tagen mit anderen Daten noch mal probieren und dann noch mal. Wenn dann nichts passiert, bin ich wohl nicht in ihrem Raster. Aber, aber«, sagte sie plötzlich, »können Sie, Frau Schuster, feststellen, ob es Kontrollreports gibt, in denen ich mit meiner User-ID auftauche? Wenn das ginge, könnten wir uns absichern.«
Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass Bianca Mohr tatsächlich keine Ahnung hatte, was in ihrem Laden passierte. Oder war das alles nur gespielt?
Lisa Schuster verzog das Gesicht und meinte dann, sie werde mal schauen, was sie tun könnte, aber nicht im System, das würde ganz sicher entdeckt werden.
Бесплатный фрагмент закончился.
