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Friedrich Griese

Das Korn rauscht


Bildnachweis: Das Titelbild und die Bilder auf den Seiten 7, 10, 55, 72, 81, 86, 100, 129, 149, 169 stammen von Karl Eschenburg und sind dem Band Friedrich Griese, Das Ebene Land. Mecklenburg, entnommen. Die Bilder auf den Seiten 35, 88, 116 stammen von Erna Lendvai-Dircksen aus dem Band Das deutsche Volksgesicht. Mecklenburg und Pommern. Die restlichen Abbildungen entstammen dem Verlagsarchiv.

Das Glossar wurde von Meike Bohn erstellt.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Hinweis:

Dieses Buch wurde auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt. Die zum Schutz vor Verschmutzung verwendete Einschweißfolie ist aus Polyethylen chlor- und schwefelfrei hergestellt. Diese umweltfreundliche Folie verhält sich grundwasserneutral, ist voll recyclingfähig und verbrennt in Müllverbrennungsanlagen völlig ungiftig.

ISBN 3-85365-195-X

eISBN 9783-85365-308-1

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.

© Copyright by V. F. SAMMLER, Graz 2003

Printed in Austria

Layout: Klaudia Aschbacher, A-8101 Gratkorn

Gesamtherstellung: Druckerei Theiss GmbH, A-9431 St. Stefan

INHALT

Vorwort

Zwang

Besuch am Abend

Die Hofgängerin

Kreuzbergstationen

Das Haus der Herren

Herring

Im Beektal singt es

Ees

Drei Jahre Lachen

Der Irrgang

Der Ruf des Schicksals

Trina Langs Junge

Johannisnacht

Das Korn rauscht

Glossar

VORWORT

Siehe, der Winter ist vergangen, und abermals wächst Gras und wird Kraut auf den Bergen gesammelt.

Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder daselbst aufgehe.

Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht und wieder herum an den Ort, da er anfing.

Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich.

(Sprüche Salomos)

Dieser Leitspruch zu Friedrich Grieses Roman „Das letzte Gesicht“ ist kennzeichnend für seinen Blick auf Mensch und Erdenlauf. Es ist ein tröstliches Bild, und es gefiel dem Dichter so gut, daß er den Spruch, in jeweils abgewandelter Form, in allen Epochen seines Schaffens – 1923, 1934 und 1960 – verwendet hat. Zum ersten Mal gebraucht er ihn in der Erzählung „Das Haus der Herren“ in seinem Band „Das Korn rauscht“, von dem hier erstmals seit über fünfzig Jahren eine Neuausgabe vorliegt.

Heute sind seine Bücher beinahe in Vergessenheit geraten. Dabei war Friedrich Griese in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der bedeutendste Schriftsteller Mecklenburgs. Weit über fünfzig Titel umfaßt sein Werk: allein 14 Romane, 10 Bände mit Erzählungen und 7 separat erschienene, 6 Dramen, 4 autobiographische Schriften, 4 Bücher über Mecklenburg sowie 2 Biographien – neben Reden, Aufsätzen, Hörspielen, Märchen und einigen Gedichten. Seine Bücher erreichten eine Gesamtauflage von vielen Hunderttausend; sie wurden ins Englische, Holländische, Norwegische, Schwedische, Finnische, Tschechische und Rumänische übersetzt, weitere Übersetzungen sollten folgen – doch der Beginn des Zweiten Weltkriegs setzte diesen Plänen ein Ende.

Die heutige Sekundärliteratur wertet Griese zumeist recht undifferenziert als wichtigen Vertreter der „Blut-und-Boden-Literatur“; nur allzugern wird sein Werk auf die zwölf Jahre im Nationalsozialismus reduziert. Griese selbst wehrte sich gegen eine solche Etikettierung. In seinen Lebenserinnerungen von 1970 schreibt er über den nationalsozialistischen Propagandabegriff: „Die Formulierung, die jetzt aufgekommen war, bedeutete nicht mehr als eine Phrase; sie verfälschte die beiden Begriffe und wurde gerade von denen nicht verstanden, die sie für sich in Anspruch nahmen. Für meine eigene Arbeit hatte ich die Verfälschung mit dem Satz abgelehnt: ‚Ich habe mich in meinen Büchern immer nur darum bemüht, von der Zusammengehörigkeit zwischen dem Boden und all seinem Lebendigen zu handeln.’“ Was im Nationalsozialismus bei vielen nur sentimentale Sehnsucht oder konjunkturbedingte Mode war, entspringt bei ihm dem ursprünglichen Erleben von Land, Mensch und Tier seiner mecklenburgischen Heimat, und er fand zu seinem Stil, so Marcel Reich-Ranicki, „als man vom Nationalsozialismus in Deutschland noch kaum etwas wußte“.

Die von ihm von der Zeit der Weimarer Republik an bis zur Nachkriegszeit favorisierten Motive und Stoffe lassen sich bereits an vielen seiner Buchtitel ablesen: „Die letzte Garbe“ (1927), „Der ewige Acker“ (1930), „Der Saatgang“ (1932), „Der Ruf der Erde“ (1933), „Das Kind des Torfmachers“ (1937), „Der Zug der großen Vögel“ (1951). Einflußreiche Vorbilder waren für ihn Selma Lagerlöf und Jens Peter Jacobsen – vor allem aber: der Autor von „Segen der Erde“ (1917) und spätere Nobelpreisträger Knut Hamsun.


„Und damit ist zugleich angedeutet, daß diese Bücher, was immer gegen sie einzuwenden ist, sich durch Vorzüge auszeichnen, die man nicht ganz vergessen sollte – durch atmosphärische Dichte, durch intensive Stimmungen und eine einfache und sehr anschauliche Sprache“, urteilt Reich-Ranicki am 1. Juni 1975 in seinem Nachruf auf Friedrich Griese über dessen Werk.

Als Sohn eines Kleinbauern, der infolge der Übernahme einer Bürgschaft verarmt und später als Tagelöhner arbeiten muß, wird Friedrich Griese am 2. Oktober 1890 in einem Dorf bei Waren, im östlichen Mecklenburg, geboren. Hier, in Lehsten, zwischen den beiden Straßen im Westen und Osten, dem „Hohen Ende“ und dem „Brink“, verbringt er die ersten fünfzehn Lebensjahre. „Ich habe sehr früh schwer arbeiten müssen“, bemerkt Griese im Rückblick, „aber ich habe doch auch erfahren dürfen, welcher Segen auf körperlicher Arbeit ruht.“

1906 geht er für fünf Jahre an das Lehrerseminar nach Lübtheen. Er beginnt zu schreiben. Die Vorbilder, an die er sich scheu wendet, verweisen ihn nur an Bücher. Doch „einer“, erinnert sich Griese 1931, „Peter Rosegger, gab mehr; ein paar herrliche Briefe von ihm, die er mir als damals achtzehnjährigem Menschen schrieb, waren lange Zeit der einzige Hinweis auf das, was es einmal für mich zu tun geben würde.“ Als er das erste Mal mit etwas Selbstgeschriebenem an die Öffentlichkeit tritt, ist sein Schreibimpuls ein sozialkritischer: In der „Rostocker Zeitung“ erscheint 1914 eine Artikelserie, in der Griese die Mißstände der „ritterschaftlichen Schulen“ angreift – der Titel: „Wir klagen an“. Weil er sich für seine Schüler engagiert hatte, die während der Erntezeit nach Gutdünken vom Gutsbesitzer aus dem Unterricht genommen werden konnten, war er aus seiner ersten Stelle entlassen worden.

Seit 1913 ist Friedrich Griese als „Lehrer mit echtem Pestalozzigeist“ in Stralendorf bei Parchim tätig, im südwestlichen Mecklenburg. Hier wird er im September 1916 heiraten, seine drei Kinder kommen hier zur Welt. Und hierher kehrt er im Sommer 1916, für Monate fast gänzlich ertaubt, aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Bereits im Vorschulalter ist er, der zeitlebens schwerhörig bleiben soll, an einem Gehörleiden erkrankt; es mag sein, daß dies seinen Rückzug in die Innenwelt noch verstärkt. Nun, mitten im Krieg, fühlt er sich dazu bestimmt, „festzuhalten, was so an äußeren und inneren Erfahrungen überliefert wurde“: Von 1916 bis 1919 entstehen die 14 Geschichten aus „Das Korn rauscht“. Seine „Erzählungen aus Mecklenburg“ erleben mehrere Auflagen. Sie erscheinen 1923 im Trierer Verlag Lintz, 1929 und 1934 im Carl Schünemann Verlag, Bremen, und zuletzt 1947 im Thomas-Verlag in Kempen am Niederrhein.

Seine Erzählungen sind vorzüglich geeignet, um ein Stück Alltagsgeschichte des ländlichen Mecklenburg im 19. Jahrhundert kennenzulernen – einer Zeit, in der die Bauern ihre Stiefel noch mit Stroh ausstopften, um warme Füße zu haben –, und sie sind auch heute noch gut lesbar. An ihnen zeigt sich bereits Grieses Interesse für Regionalgeschichte und seine Vorliebe für die den Mecklenburgern eigene Wesensart, ihre Sitten und Bräuche. Eine kleine bäuerliche Porträtgalerie ist hier entstanden – angefangen bei den drei „Adebars“, die bei ihren bedächtigen Zusammenkünften nur alle halbe Stunde einmal den Mund auftun, über Doris und Anna Schweder, die hartherzige Mutter und ihre rebellische Tochter, bis zu dem „düsigen“ und doch so kinderlieben Knecht Hans Harm.

Inspiration erfährt der Schwerhörige stark „durch das Auge“: Alle Menschen, über die er schreibt, haben auch gelebt. Es liegt ihm fern, die Dorfwelt zu verklären. In seinem Werk dominieren die sozial Schwachen – das Gesinde, die Tagelöhner und einfachen Bauern. Sein Augenmerk, bekennt der Dichter 1946 in seinem Aufsatz „Von der inneren Beständigkeit“, habe „immer dem sogenannten kleinen Mann gegolten, der Not und Sorge seines Alltags, wie seinem Mut und seiner Rastlosigkeit, dieser Not zu begegnen.“ Auch von den sexuellen Nöten erzählt er, davon, wie einzelne Dorfbewohner von ihrem „Inwendigen“, den verborgenen Trieben oder der Last eines Geheimnisses in ihrem Inneren, bedrückt werden. Seine ruhig dahinfließenden Geschichten sind volkstümlich-realistisch, oft auch liebevoll-humorvoll erzählt – etwa, wenn in „Der Ruf des Schicksals“ in den zwei Brüdern gesetzteren Alters eines Tages die Kinderseele wieder erwacht, oder wenn Griese im „Irrgang“ schildert, wie ein ortsfremder Pfarrer es manchmal nicht ganz leicht hat. Eingängigstes Beispiel für die Verbundenheit des Bauern mit seiner Scholle ist die Titelgeschichte: Gelassen läßt der Sterbende Haus, Hof und Familie hinter sich, denn das Sterben gehört in den Lauf der Natur; doch seine Seele findet keine Ruhe, ehe sie nicht von seinem liebsten Acker hat Abschied nehmen können.


Grieses Kriegserlebnis fließt ein in seinen ersten Roman: „Feuer“ (1921), der im November 1918 entsteht. Er schildert die Heimkehr eines Soldaten, der sich in die Nachkriegswelt nicht mehr eingliedern kann – ein beliebtes literarisches Thema in den Zwanzigern, das Griese womöglich als erster überhaupt verarbeitet hat.

Eine Reihe von Grieses Werken basiert auf Sagen und mündlich überlieferten Geschichten, die ihm zum Teil von dem eifrigen Sammler Richard Wossidlo (1859–1939) vermittelt werden. Ihm widmet Griese 1925 sein Buch „Alte Glocken“. Umgekehrt gehen die mecklenburgischen Dialogeinschübe seiner Prosa ein in das von dem Volkskundler begründete „Mecklenburgische Wörterbuch“, in dem auch Wendungen aus „Das Korn rauscht“ zu finden sind.

In Kiel, wohin der Dichter 1926 gezogen ist, schreibt er den Roman, der ihn weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt macht und 1928 mehrfach preisgekrönt wird. 1957 wird er in der zehnten Auflage erscheinen. „Winter“ (1927) ist eine düstere Vision vom Untergang eines überalterten Dorfes, dessen Bevölkerung einem unheimlichen, lebenszerstörerischen Winter zum Opfer fällt – nur ein junges Paar überlebt.

Auch das Thema der Leibeigenschaft, die in Mecklenburg erst 1820 aufgehoben wurde, beschäftigt Griese. Sein Roman „Der Herzog“ (1931) schildert den vergeblichen Kampf Karl Leopolds von Mecklenburg (1713–1747) für die Bauernbefreiung; „Das Dorf der Mädchen“ (1932), das auf Geschehnissen von 1848 beruht, führt die sexuelle Verfügbarkeit des ius primae noctis und das Züchtigungsrecht eines Gutsherrengeschlechts über seine Hörigen vor Augen bis zu deren blutiger Rebellion.

Tags Volksschullehrer, später -direktor – nachts Dichter: Lange hat Griese mit dieser Doppelbelastung gelebt. Wegen der Aussicht auf Beurlaubung, die ihm ab 1931 dann auch gewährt wird, war er nach Preußen gegangen. Seit 1935 lebt er nun als freischaffender Schriftsteller wieder bei Parchim in Mecklenburg, in seinem „Rethus“, wie er wegen des rohrgedeckten Daches die Markower Mühle nennt.

Nachdem die Vertreter der Heimatdichtung in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gegenüber denen der Moderne, jenen der Neuen Sachlichkeit und des Großstadtromans einen schweren Stand hatten, erleben sie im Dritten Reich, das die „bäuerliche Mythendichtung“ als „heilsames“ Gegengewicht zur rationalen „Verstädterung“ der Literatur propagiert, eine starke Förderung. Nicht ohne Witz entgegnet Griese 1936 in dem programmatischen Vortrag „Landschaft und Dichtung“ auf Alfred Döblins bekanntes Diktum vom „schlechthin platten Land“, man habe Döblin damals erwidern können, „daß es in der dörflichen Welt kein plattes Land gebe, selbst der ebenste Weg sei noch nicht platt, ganz zu schweigen von dem herbstlichen Pflugacker, platt sei nur der Asphalt der Großstadt, der sei es dafür allerdings auch vollständig und schlechthin“. Acht Literaturpreise hat Friedrich Griese in der Zeit des Nationalsozialismus erhalten – so viele wie keiner sonst. Doch Griese, im Grunde ein unpolitischer Mensch, wird nie Parteidichter, und bis 1942 lehnt er einen Eintritt in die NSDAP ab. Als die literarischen „Monats-Hefte Mecklenburg-Lübeck“ 1936 eine politische Ausrichtung bekommen sollen, legt er sein Amt als Herausgeber nieder. Und als er nach der dritten Auswechslung seines Verlegers bei Langen-Müller durch Robert Ley, den Chef der „Deutschen Arbeitsfront“, ein Rundschreiben erhält, das den hauseigenen Autoren ihre künftige Arbeit im Sinne der Partei vorschreibt, kündigt Griese seine Verträge mit jenem Verlag, in dem der Großteil seiner Bücher erschienen ist. Immer hat er darauf beharrt, in seinem Werk „den Nationalsozialisten gegenüber keine Zugeständnisse gemacht zu haben“. Mehrfach macht er Erfahrungen mit der Zensur: „Winter“ wird von Goebbels und dem „Amt Rosenberg“ angegriffen, weil ein „ostischer Mensch“ Träger der Handlung ist, ferner – wegen „kommunistischer Tendenzen“ – Grieses Roman „Die Weißköpfe“ (1939). Seine Bauerntragödie „Mensch, aus Erde gemacht“ mit Heinrich George in der Hauptrolle, die 1932 den Preis des Bühnenvolksbunds gewonnen hat, wird – auf Weisung des Landwirtschaftsministers Darré – kurz nach der Premiere verboten, „weil es solche deutschen Bauern nicht gibt“. Dennoch läßt Griese sich vom NS-System einspannen, indem er Werke schreibt, die für Propagandazwecke genutzt werden können.

Ab 1945 folgt eine Zeit des Leidens – Griese hat sie in „Der Wind weht nicht, wohin er will“ (1960), einem sehr aufrichtig und ohne Ressentiments verfaßten Erlebnisbericht, auf bewegende Weise mitgeteilt. Der zunächst beabsichtigten Ausplünderung durch die Russen entgeht er; beeindruckt von dem Bestand an russischer Literatur in seiner Bibliothek stellen sie Griese einen „Schutzbrief“ aus. Doch unmittelbar nach ihrem Abzug muß Griese mit ansehen, wie sein gesamtes Archiv – einer der Hauptgründe, weshalb er geblieben war – von den eigenen Landsleuten verbrannt wird: Manuskripte, Briefwechsel und Erinnerungsstücke. Seine Bücher werden abtransportiert, sein Haus enteignet und geplündert, sein Konto konfisziert. Ein Anklagepunkt des selbsternannten „Kulturdezernenten“, der all dies veranlaßt hat, lautet, Griese besitze unter all seinen Büchern „nur drei Bände Gorki“ – ein geradezu grotesker Vorwurf. Doch seine Denunziation ist folgenreich: Der Dichter wird zum Straßenkehren gezwungen, er kommt – ohne das Wissen seiner Angehörigen – ins Zuchthaus Alt-Strelitz, dann in das berüchtigte Lager Fünfeichen. Die mehr als neun Monate Haft übersteht Griese mehr tot als lebendig. Durch unermüdliche Suche und Fürbitte erreicht seine Frau im März 1946 seine Freilassung; Johannes R. Becher, vor allem aber ein russischer Oberst haben sich für ihn eingesetzt. Trotz der erduldeten Qualen ist er zur Zusammenarbeit mit dem neugegründeten sozialistischen „Kulturbund“ bereit: Mit Offenheit äußert er sich zu den Vorwürfen seiner Kooperation mit den Nationalsozialisten; er gibt zu, sich angepaßt zu haben. Wiedergutmachung will er leisten „im Wort“ – doch die Gelegenheit dazu gibt man ihm nicht. Nur ein Jahr später beginnen die Schikanen der Behörden aufs Neue. Von der Parchimer Polizei bekommt er „den schriftlichen Befehl: drei Tage Besenbinden bei der GPU [= die polit. Polizei der SU, 1954 in KGB umbenannt].“ Griese und seiner Frau bleibt gerade noch genug Zeit zur Flucht. Sie gehen zu ihren Kindern in den Westen – nur vorübergehend, wie sie glauben.

Auch jetzt noch besitzt Griese dort eine treue Leserschaft; Ehrungen erfährt er als Preisträger des Hebbel-Preises (1955, 1958) und durch die Mecklenburgische Landsmannschaft (1960, 1964). Doch allmählich sinkt sein Bekanntheitsgrad, mit der Überarbeitung der Lesebücher Ende der 60er verschwinden seine Texte weitgehend aus den Schulen, und in der DDR ist er geradezu tabuisiert.

Am 1. Juni 1975 stirbt Friedrich Griese. Begraben wird er vor dem zur mecklenburgischen Kirche gehörigen Dom des Grenzortes Ratzeburg – in mecklenburgischer Erde. „Tief beeindruckend“, befindet der Theologe Karlmann Beyschlag in der Trauerrede an Grieses Sarg, sei in seinem Werk „die Nähe der von Gott gekennzeichneten Menschen zum Tode, ja der Tod selbst, und schließlich das Kainsschicksal dieser Welt: ‚Unstet und flüchtig sollst du sein.’ Eine ganz erstaunliche Anzahl von Grieses Gestalten befindet sich immer wieder auf unruhiger, zuweilen verzweifelter Wanderschaft.“ Auch in „Das Korn rauscht“ begegnen sie uns – in der heimatlosen „Hofgängerin“, in Anna Behm in „Kreuzbergstationen“ und in der lebenslustigen Rheinländerin Hilda Blanck in „Drei Jahre Lachen“.

Im Laufe seines wechselvollen Lebens hat Friedrich Griese an vielen Orten gelebt. Gefragt, ob ein Mensch, welcher eine neue Heimat wählen mußte, wieder ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit der ihm fremden Landschaft gewinnen kann, antwortete er: „Ich meine nicht, daß man eine andere Heimat bekommen kann als die, in der man geboren wurde. Wenn wir uns prüfen, merken wir, daß ‚Heimat’ uns vor allem das Elternhaus mit der nächsten Umgebung bedeutet. Hier machen wir auch unsere ersten grundlegenden Erfahrungen – Liebe, Dankbarkeit, Enttäuschungen, Vertrauen –, alles spätere dreht sich nur auf einer anderen Windung um den Hügel unseres Lebens zu: wenn wir hinunterschauen, sehen wir immer dieselben Erscheinungen. Die Zusammengehörigkeit mit der Landschaft und dem ganzen Land gewinnen wir später, meistens auf dem geschichtlichen Weg, sie ist weniger tief. Man kann wohl in einem anderen Lande für eine spätere Lebenszeit heimisch werden, aber doch nur behelfsweise und unter inneren Opfern. Das Ursprüngliche liegt, wie ich schon sagte, im Elternhaus und seiner Umgebung.“ – Aus diesem Ursprünglichen heraus, aus dem unmittelbaren Erleben von Land und Leuten seiner Kindheit, sind die in „Das Korn rauscht“ gesammelten Geschichten entstanden.

Meike Bohn

ZWANG

O liebe Vernunft, du gehest wohl- weislich auf dieser Welt Straßen, was den äußern Leib anlanget, wo aber bleibet die arme Seele?

(Jakob Böhme)

Vom Neßberg hinter dem Brink nach Norden und Osten voraus ist das Land weit und eben, eine ruhige Fläche. Hier und da nur ist ein Hügel, ein Stückchen Wald, ein buschumsäumtes, schilfdurchwachsenes Wasser, ein Kartoffelacker, ein Kornfeld. Aber das Gesicht dieses Landes als einer Fläche stört das nicht. Und dazwischen liegen die Höfe in der Sommersonne, im Frühlingswind, im Nordweststurmwetter, im schneeverwehten Wintertag: halb verträumt, halb wachsichtig.

In diesem nur selten gestörten Einsam geht der eine Zeiger an der Lebensuhr der Menschen, von denen hier berichtet werden soll, oft in seltsamem Hin und Her, während der andere seinen steten und gewissen Gang beibehält – dieser weiß um alles, was auf der Erde ist, was sie nötig hat, was sie gibt und was sie versagen muß; jener wird von ihrem Inwendigen getrieben und ist oft in Angst und Not und wilder Dumpfheit.

Nichts ist, was heilsam ablenkt von all den ewigen Dingen, denen diese Menschen näher gerückt sind als ihre Brüder und Schwestern in der großen oder kleinen Stadt. Ihre Tage sind eng verbunden mit Tod und Auferstehen, Geborensein und Sterbensvorbestimmtheit, Werdensfrohheit und Entwerdungssehnsucht. Und unter all diesen einfachen Dingen gehen die Menschen oft wie Trunkene, wie Kinder, wie still Besessene, wie geistesgehaltene Nachtgänger.

Man sagt hierzulande von einem solchen Menschen: „Er hat den Zwang.“

Seht: So sprechen sie von einem Bruder oder einer Schwester und geben damit eine ganze Wissenschaft des Kopfes und des Herzens: „Sie hat den Zwang.“

Und von solchen Menschen soll auf diesen Blättern geredet werden.

Wie ging es Hans Schneider?

Es war etwas in ihm, was nicht frei war. Es war etwas geschehen, irgend einmal vor Jahren geschehen, wovon keiner etwas wußte. Marie Schneider erzählte es zuweilen in ihrer Not, daß ihr Mann sich bei Weststurm des Nachts plötzlich im Bette aufsetze, im Schlafe anfange zu reden mit solchen Worten, die sie nicht verstehe und die wohl auch keiner verstehen könne; schlimme Worte seien es aber nicht, und es stecke auch gewiß nichts Schlimmes dahinter.

Nun, die Menschen blieben dabei, es müsse einmal etwas geschehen oder gesprochen sein, ein rasches Tun, ein schweres, unheilvolles Wort, das die Seele Hans Schneiders drücke, daß sie nicht ruhig werden könne; und es müsse das geschehen oder gesprochen sein in einer wilden Stunde, einem Sturmtag oder einer Wetternacht.

Denn wenn ein Wetter, ein Gewitter, über den Hof ging, kam es wie der böse Feind über Hans Schneider. Er stand dann wie ein Besprochener, ein Behexter, vor der großen Hoftür, wenn die ersten raschen Schläge kamen; er stand so dreißig oder sechzig Atemzüge lang. Und plötzlich drehte er dann herum und ging geduckten Kopfes in das Haus, ging ins Bett.

Ja, der Bauer Hans Schneider ging, wenn das Wetter für seinen Hof gefahrbringend heraufkam, ins Bett. Angst? Nein, es war keine Angst; die äußert sich bei einem Bauern nicht in dieser Art.

Wie ein Schrei gellte der Donner um das Haus. Marie Schneider saß in der Stube am Leutetisch und las in dem großen Erbgesangbuch, die Mädchen und die Kinder saßen um sie herum. Die Knechte waren im Stall bei dem Vieh. Sie lösten den Pferden die Halskoppel; sie machten den Kühen die Ketten von den Hälsen los, damit, wenn ein Blitz die Ställe treffen würde, sie schnell das Vieh nach draußen jagen könnten. Der Bauer aber lag im Bett, hielt die Pfeife zwischen den Zähnen und rauchte kalt.

Auf seinem Gesicht stand nichts von Angst oder nur von Furcht. Langsam gingen seine Augen in der Stube herum; über seine Lippen kam kein Wort. Und wenn alle anderen mit Sorgen und Unruhen um Hof und Vieh bis an den Hals gefüllt waren, blieb das Gesicht des Bauern stets gleichmäßig ruhig; und die Lippen, mit denen er die Luft durch das Pfeifenrohr einsog, machten keinen einzigen hastigen Zug.

Die Leute sagten: „Er hat etwas auf dem Gewissen.“

Sie sagten: „Die Angst vor der Stimme des zornigen Gottes treibt ihn ins Bett.“

Und sie sagten: „Es wird ihm einmal schlecht gehen dabei; Gott läßt sich nicht spotten.“

Und es kam die Stunde, die jeder erwartete. Aber sie kam anders, als alle gedacht hatten. Sie zeigte, daß das Gewissen Hans Schneiders rein und gut war. Und sie befreite ihn von dem sonderbaren Müssen.

Es war eine jener Stunden, in denen Gott über eines seiner Geschöpfe, die sich Menschen nennen, wieder einmal lächeln mußte.

Es stand ein Wetter über dem Hof; eins von jener Sorte, die wie eingeklemmt stehen und immer lauter heulen und immer schneller das Feuer vom Himmel werfen.

Marie Schneider las laut und langsam den „Gesang in besonderen Nöten“; den, der um Hilfe im Gewitter fleht, hatte sie schon zweimal und mit gefalteten Händen gelesen. Die Mädchen sahen mit angstvollen Gesichtern nach draußen, wo eben der Regen hernieder zu prasseln begann, und atmeten hörbarer; denn wenn der Regen kommt, ist das schlimmste Wetter vorüber. Der Bauer lag im Bett und rauchte kalt.

Da fuhr noch einmal ein Blitz herab. Er fuhr durch den Schornstein in den Kamin, von ihm in die Stube. Er schlug die Pfeife Hans Schneiders, die der schon an den Bettpfosten gestellt hatte, weil er aufstehen wollte, in Stücke. Und er fuhr darauf durch die Tür nach draußen.

War das nun etwas Großes?

Oder ging daraufhin etwas Gewaltiges vor sich?

Hatte Gott gesprochen, und wußten die Menschen nun, was er an Hans Schneider gestraft hatte?

Alles, außer der Pfeife Hans Schneiders, war, wie es vorher auch gewesen war. Marie Schneider und den Mädchen saß zwar das heiße Entsetzen in der Kehle. Der Bauer aber lag noch einen Atemzug oder zwei; dann stand er langsam aus dem Bett auf, suchte die zerscherbte Pfeife zusammen und ging damit nach draußen. Das war alles. Und es wurde nichts gesprochen.

Seit der Zeit ging Hans Schneider nicht wieder ins Bett, wenn am Tag ein Wetter da war. Und wenn in der Nacht eins aufkam, stand er auf, wie alle anderen auch. Er sah nach den Tieren im Stalle, koppelte die Pferde los, kettete die Kühe ab, sah nach Türen und Fenstern und hatte bei alledem eine leichte und heilsame Sorgenangst um seinen Hof. Aber er kannte nicht mehr das besondere Müssen, das ihn früher im Wetter ins Bett und dort die Pfeife kalt zwischen die Zähne zwang.

Allmählich sprach es sich im Dorfe herum.

Die Leute sahen sich an und fragten einander, wie die Leute fragten, die zur Zeit Zachariäs lebten und von dem Wunder hörten, das an ihm geschehen war: „Was dünket dich um Hans Schneider?“

Die Frage ging nicht lang herum, bis die Antwort kam. Und die lautete: „Hans Schneider hatte den Zwang.“

Gott aber lächelte.


Und wie war es mit Johann Reimer?

Oh, es gibt Geschichten von diesen Menschen, die von Gott mit einem solchen unfreien Inwendigen geschlagen waren, Geschichten, die heute selten noch der oder dieser kennt; und der sie kennt, müht sich, sie zu vergessen, weil sie seinen inwendigen Menschen als tagfremdes Gut belasten.

Johann Reimer gehörte zu den Stillen, denen eine Erkenntnis ewiger Dinge geworden ist und die unter dieser Erkenntnis wie unter einem schweren Joch schreiten, weil sie sie nicht weitergeben können. Denn wer von diesen Menschen sprach je von den Geheimnissen, die ihm gegeben wurden? Sie schwiegen, schwiegen bis in den Tod, ohne ein kleines Wort preisgegeben zu haben. Ihnen war gegeben zu wissen; aber ihnen war nicht gegeben, ihre Gotteswissenschaft den Menschen ausdeuten zu können.

Jede Johannisnacht trieb es Johann Reimer an den Kreuzweg, der mitten im Wald unter Haselgebüsch, Birken und hohen Fuhren stand. Um Dunkelwerden ging er aus dem Haus und ging seinen Weg still und unverdrossen. „Es ist wieder soweit“, mit diesen Worten ging er über die Schwelle. Er wäre lieber geblieben, aber er mußte gehen. Man fragte ihn nicht nach seinem Willen; er hatte seine Sendung. Was trieb ihn? Wer sandte ihn? Nun, Johann Reimer liegt schon lange auf dem kleinen Friedhof gleich linker Hand hinter der Pforte, er kann auch heute noch nicht davon sprechen. Vielleicht wird ein späteres Geschlecht alles von ihm erfahren.

Er saß unter dem Kreuzweg, bis die Mitternacht langsam von den hohen Wipfeln herabglitt. Dann war die Waldstille in einem Atemzug verwandelt. Die Luft war voll von Schreien, Fluchen, Weinen, Bitten, Singen, Lallen. Er sah nichts; aber er hörte den Zug eines Heeres, das vom Osten kam und gen Westen ging, das an ihm vorüberflog, lief, keuchte, trabte, schritt, schleifte, tanzte.

Bis dann in einem Atemzug wieder Stille ward. Dann mußte Johann Reimer seine Augen heben, und dann sah er auch. Dann ging an ihm vorüber, wer in diesem Jahr bis zur nächsten Johannisnacht sterben sollte. Es waren stets ein paar von denen, die in dieser Nacht in ihren Häusern zwischen dem Hohen Ende und dem Brink ruhig schliefen und nichts von dem Gang wußten, den sie an Johann Reimer vorüber tun mußten. Sie gingen, als ob sie vom Walde kämen und ins Dorf wollten, und grüßten ihn nicht.

So hatte er Jahr für Jahr am Kreuzweg gesessen und war auch von Jahr zu Jahr stiller geworden. Die Leute im Dorf wußten, was ihn stille machte, und sprachen so von ihm, wie sie auch von Hans Schneider sprachen.

Zuletzt kam aber auch für ihn die Stunde, die ihn löste. In der letzten Johannisnacht, in der es ihn an seinen alten Platz zwang, war es ihm plötzlich, als werde er auf beiden Augen blind. Er sah noch den alten Daniel Behm mit langsamem, leisem, erdentrücktem Schritt an sich vorübergleiten. Dem Pastor hat er es auf dem Totenbett gesagt – Mina Reimer hat es hinter der Tür gehört –, mit ganz klaren und gewissen Worten hat er es gesagt, daß er Daniel Behm plötzlich habe im Schreiten innehalten sehn, daß der sich zu ihm umgedreht und mit einer ganz hellen Stimme diese deutliche Rede zu ihm gesprochen habe: „Nun hast du genug gesehn, Johann Reimer, nun sollst du schauen.“ Und da ist ein plötzliches Dunkel und darauf eine lichte Helle geworden. Und dann hat Johann Reimer sich selber gesehen, wie er in seinem Gottestischrock, das Gesangbuch in der Hand, einen Blumenstrauß in der Linken, den Weg vom Wald ins Dorf gegangen ist. Da wußte er, daß er der letzte von denen sein würde, die in diesem Jahr sterben müßten. Und das war die schönste Stunde seines Lebens. Nun war er frei. Am Morgen erzählte man es sich im Dorf, daß Daniel Behm in der Johannisnacht gestorben sei.

Seine Tochter, Wilhelmine Laartz, geborene Behm, habe an seinem Bette gesessen. Wie die Uhr halb eins gewesen sei, habe er noch einmal die Augen geöffnet und einige Worte gesprochen. Seine Stimme sei ganz hell, aber doch so gewesen, daß sie die Worte nicht habe verstehen können.

In dieser Nacht aber ging Johann Reimer wie ein Freier. Ein altes, frohes und tapferes Kirchenlied singend, so schritt er vom Kreuzweg ins Dorf.

Und dies Jahr wurde das schönste seines Lebens. Die Leute wußten nicht warum.

Er aber wußte es.


Ihr Menschen unserer Tage, scheltet mir nicht die Alten. Sie erlebten das Wunder; denn sie glaubten daran. Wir aber – nun, es ist noch nicht erwiesen, woran wir glauben.

Wenn es am Abend oder in der Nacht an Doris Schröders Fenster: tock – tock! machte, dann wußte sie, daß Hanna Wienk es war, die plötzlich klopfte. Sie zog sich an, ging zu ihr, die im Armeleutekaten rechter Hand vom Teich wohnte, und blieb eine Stunde oder zwei bei ihr. Hanna Wienk saß dann am Tisch, einen Korb am Arm, das große, blaugewürfelte Tuch umgeschlagen wie eine, die eine Reise machen oder für immer fortgehen will. Sie hatte das auch gewollt. Sie war wirklich auf dem Wege gewesen. Und sie hatte dann doch wie stets den Weg an Doris Schröders Fenster vorüber genommen, hatte – obwohl ihr das innerlich widerstrebte – den Finger krumm gemacht und hatte damit an der kleinen, runden Scheibe: tock – tock! gemacht. Und darauf war es wie eine Erleuchtung über sie gekommen, sie hatte plötzlich gewußt, wer und wo sie sei und wohin sie in dieser Nachtstunde gehöre, und war wieder umgekehrt, saß nun und erwartete Doris Schröder.

Die aber stand vor ihr am Tisch und schalt und sagte ihr in lauter Sprüchen aus Hiob und Weisheit Salomonis, was über solche Torheit gesagt werden mußte. –

Hanna Wienk ging schon als junges Mädchen mit ganz tiefen Augen, in denen verhaltene Lichter brannten, unter den Menschen. Der, den man zwischen dem Hohen Ende und dem Brink nur mit einem guten und starken Spruch zusammen nennt, folgte ihr in allen ersten Vollmondnächten, wohin sie auch ging.

Als sie ihn das erste Mal sah, da saß er am Wasserloch hinter dem Brink. Er saß auf einem alten Weidenstubben; die Beine steckten in gelben Stulpenstiefeln; er rauchte auf einem Ende eines Hirschgehörns. Dürr und mit krummem Rücken, aber mit grinsendem Gesicht saß er da. Seinen Leib hatte er frech hingespreizt, so daß Hanna Wienk sich die Augen bedecken mußte; und er sagte zu ihr: „Schlage mich, ich schlage dich wieder.“

Und mit diesem Spruch verfolgte er sie dann ihr ganzes Leben lang. Denn sie blieb unbegeben, unverheiratet, und keiner weiß, wie es gekommen wäre, wenn sie einen Mann und vielleicht ein paar Kinder gehabt hätte. So aber mußte sie alles allein abmachen.

Oft, wenn Hanna Wienk gar nicht an ihn dachte, stand er plötzlich neben ihr: auf der Wiese beim Heuen, am Brink auf der Bleiche, in der Stube beim Stricken; ja, er stand wohl plötzlich im Garten, wenn sie Kartoffeln aufgrub, auf dem Bülten, auf der Kartoffelstaude, klatschte auf seinen Leib und sagte: „Schlage mich, ich schlage dich wieder.“ Durch diese ewige Plage bekam Hanna Wienk irre Augen und ein Gesicht, das zuweilen häßlich war. Wie hätte es auch anders sein können? Alle auf dem Dorfe wußten, woran sie litt, und verstanden sie.

Zuweilen meinte sie, ihr bliebe nur ein Sprung in ein tiefes Wasser, und danach müsse es gut sein. Sie band ihr Umschlagetuch um den Kopf und ging auf die Straße. Aber wenn sie dann an Doris Schröders Fenster vorbeiging, konnte sie doch nicht weiter. Das lag eigentlich nicht an Doris. Alle im Dorfe wußten es, und Mina Wreth erzählte es zuweilen – nur Doris selbst sprach nie darüber –, daß Hanna Wienk Heinrich Schröder sehr geliebt habe, als sie beide noch jung gewesen seien. Aber Hanna Wienk habe sich ihm verweigert, als er sie einmal an einem Abend nach einer Tanzmusik nehmen wollte. Und da sei er am selben Abend noch zu Doris Thieß gegangen, und bei der habe er es besser gehabt. Und nun sagte Mina Wreth es ziemlich laut, daß Hanna Wienk eigentlich nach ihm klopfe, wenn sie so sehr von dem andern – „Alle guten Geister loben Gott den Herrn!“ – geplagt würde.

Nun, Mina Wreth sagt manches. Heinrich Schröder hat damals jedenfalls Doris Thieß geheiratet. Und wenn seine Doris nun an solchen Abenden zu Hanna Wienk geht, dann tut sie es ganz gewiß deshalb, weil ihr Heinrich es gern sieht, wenn sie an der armen Hanna ein gutes Werk tut; aber er schläft, wenn sie geht, und er schläft ganz gewiß auch noch, wenn sie zurückkommt. Dafür nimmt Doris dann Hiob und den König Salomo mit; und das sind gute Nothelfer.

Die Leute im Dorf sagten: „Hanna Wienk hat den Zwang.“ Und sie begriffen nicht, warum sie den andern – „Alle guten Geister“ – nicht schlage, wenn er sie doch zum Schlagen auffordere.

Einmal aber muß die Stunde gekommen sein, in der Hanna Wienk es nicht mehr zu tragen vermochte. Es war ganz helle Mondnacht, in der das folgende geschah: Doris Schröder hörte unter ihrem Fenster einen lauten Schrei, noch einen; und sie sagte es später oft zu ihrem Mann, daß sie auch ganz deutlich von der Stimme wie im größten Jammer seinen Namen, den Namen: Heinrich! Heinrich!, gehört hätte. Heinrich Schröder aber hat zu dieser ihrer Rede nichts gesagt; und sie hat das auch für sich behalten, um Mina Wreth nicht noch mehr Anlaß zu ihren Reden zu geben. In jener Nacht ist sie jedenfalls schnell aufgestanden, hat sich das Nötigste umgeworfen und ist, während ihr Heinrich schlief, schnell nach draußen gegangen. Und da hat sie Hanna Wienk auf der Erde liegend vor ihrer Türe gefunden. Nur ein Hemd hat sie auf dem Leibe gehabt, aber sie ist doch heiß wie von Feuer gewesen. Sie hat sie aufgehoben und in ihre Kate getragen, und dabei hat sie von ihren Lippen ganz deutlich wieder: Heinrich! gehört. Im übrigen redete Hanna Wienk irre und lallte wie ein kleines und hilfloses Kind.

Im Dorf hat man es sich später so erklärt: Hanna Wienk ist in dieser Nacht wieder in einer großen Plage gewesen. Sie hat es nicht aushalten können und ist, so wie sie aus dem Bett aufgesprungen ist, auf die Straße gelaufen. Aber der Verfolger ist bei ihr geblieben; und da hat sie in größter Not wohl einen Stein, einen Stock genommen und hat – „schlage mich, ich schlage dich wieder“ – zugeschlagen. Und daraufhin ist sie niedergefallen.

Hanna Wienk ist nicht wieder gesund geworden. Man fand am nächsten Tage an ihrer linken Schläfe ein kleines Mal wie von einem Fingertupf. Das war das Zeichen. Sie ist einige Monate später an Gesichtskrebs gestorben.

„Sie hat den Zwang“, sagten die Leute und erzählten sich ihre Geschichte so, wie es hier getreu nacherzählt ist. –

Ihr Menschen von heute, ob wir die Geschichte einer Menschenschwester, die unter uns lebt und die leidet, wie Hanna Wienk litt, auch so tief, so richtig und so zart erzählen können, wie die Alten die Geschichte der Hanna Wienk erzählten?


Ihr dürft nicht denken, daß, wenn die Alten erzählten, das ein regelloses, plätscherndes Geplauder gewesen wäre. Die Rede eines Winterabends am grünen Ofen im Zuhause zwischen dem Hohen Ende und dem Brink war voll Kunst und Weisheit aufgebaut. Sie war wie eine Wanderung auf einen Berg. Schwer geht es hinauf; aber wenn man auf dem Gipfel steht, dann sieht man die liebliche Ebene. Ernst war das Gespräch im Anfang, handelte von Krankheiten des Leibes und bitteren Nöten der Seele; aber danach kam Fröhlichkeit auf, kam mit dem breiten Lachen des Genießers oder dem listigen, augenzwinkernden Lächeln des Spötters. Wie arm sind wir doch, daß wir Bücher und Bücher lesen müssen, und werden nicht klug und dürfen nicht einmal, nicht einen Winterabend lang, zuhören einem der alten Erzählermeister.

Denke einmal, du wärest wieder jung, lägst im Schragen neben dem grünen Ofen und hörtest etwa Johann Peters, dem großen Johann Jürn vom Hohen Ende, zu. Der Abend ist dahin. Ernst ist die Rede gewesen, Hanna Wienk hat man ins Grab gelegt: „Es hat dem allmächtigen Gott gefallen, unsere Schwester zu sich zu nehmen von dieser Zeitlichkeit in die Ewigkeit.“

„Ja, so hat der Pastor gesprochen, an diesem Grab wie an jedem. Aber das Wort ‚gefallen‘ bringt mich auf etwas, davon muß an diesem Abend noch berichtet werden. Das gibt einen guten Traum für die Nacht“ – so spricht Johann Jürn. Und seine Rede geht nun von Hans Rohwedder.

Auch Hans Rohwedder hat zu denen gehört, die unter dem Zwang stehen. Aber bei ihm ist es sonderbar gewesen, ein Wort, um das hat er nicht hinweg können. Das Wort hat geheißen: der Fall.

Ob das nun an den vier Buchstaben des Wortes allein gelegen hat? Das wäre schon möglich. Denn dieses Wort ist ein heimtückisches, hinterlistiges, unheilvolles Wort. Der erste Buchstabe ist wie einer, der mit leisem, gutem Wort zuredet und den Menschen an das a wie an ein offenes Wasser zieht; er gibt nach, er steigt hinein, aber plötzlich stecken seine Füße im Morast und Schlamm und Sumpfgrund der beiden ll.

Bei Hans Rohwedder hat sich dieses Wort aber nun noch mit den Weiberleuten verbunden. Und das hat gewiß seinen Grund darin gehabt, daß er von der Schule oder von der Kirche her die Geschichte vom Sündenfall gewußt hat. Und so hat es sich bei Hans Rohwedder festgesetzt, daß es ein Mädchen, ein blondes, rotbackiges Mädchen mit vielen Haaren auf dem Kopfe sein würde, das ihn eines Tages zu Fall brächte.

Also hat Hans Rohwedder sich gehütet.

Also ist er ein Einbäumiger, ein Junggeselle geblieben. Und also kann man sich die Wirtschaft vorstellen, die auf seinem Hofe geherrscht hat.

Weiberwirtschaft allein ist schlimm, aber Männerwirtschaft allein ist gewiß noch viel schlimmer.

Das hat Hans Rohwedder gemerkt, das hat er erfahren, aber das hat ihn nur noch verstockter gemacht. Er hat manchen guten Freund gehabt, der ihm geraten hat: „Hans, wenn du keine Frau willst – Gott mag wissen, warum nicht –, dann nimm dir wenigstens eine Wirtschafterin.“

Aber Hans Rodwedder weiß, warum er keine nimmt. Eine Wirtschafterin, so denkt er, die will bald geheiratet sein. Und dann ist der Fall da. Hüte dich vor dem Fall, Hans.

Und so ist er denn allmählich schon ein bißchen grau, ein bißchen sauertöpfisch und ein bißchen vertrocknet geworden. Aber die Mädchenwirtschaft ist schlimmer als je gewesen. Hans Rohwedder hat seine Stube selbst besorgt. Aber die ist nicht sauber, das Essen nicht gar, der Hof unordentlich gewesen.

Und eines Tages ist wieder ein Freund bei ihm und gibt ihm abermals den Rat: „Hans, ändere deine Wirtschaft.“

Und Hans Rohwedder antwortet ganz verständig: „Ja, es muß anders werden, Klaus.“

„Zum Heiraten ist es wohl zu spät, Hans?“

„Ja, Klaus, zum Heiraten ist es zu spät.“

„Eine Wirtschafterin, Hans? Eine tüchtige?“

„Ja, eine Wirtschafterin, Klaus, eine, die schon in guten Jahren und nicht mehr so springig ist.“

Und so werden Hans und Klaus sich beide einig: Hans will eine Wirtschafterin nehmen. Aber sie muß schon in gesetztem Alter und von verständigem Sinn sein. Blond darf sie nicht sein. Und zuviel Haar soll sie auch nicht auf dem Kopf haben. Denn Hans hat genug Mädchen in seinem Haus gehabt, die sehr viel Krauses auf dem Kopf und viel mehr Krauses darin hatten. Und darunter ist manche gewesen, die Hans Rohwedder heftige Anfechtungen gebracht hat. Aber sie haben es nie gemerkt, und Hans hat es nicht sagen können. Und als er doch einmal in einer Sommernacht vor der Kammertür gestanden und hineingewollt hat, da ist sein Knecht schon darin gewesen.

Das also und jegliche Anfechtung soll vermieden werden. Und weil Hans sich nicht getraut, die Rechte finden zu können, soll Klaus sich auf die Suche begeben; denn Klaus, das weiß Hans, Klaus – nun, Hans lächelt ein kleines und saures Lächeln dazu, Klaus, das ist der Mann zu einem solchen Geschäft.

Nach acht Tagen ist Klaus wieder da. Er hat eine gefunden. Am vierundzwanzigsten Oktober, dem Ziehtag für die Dienstboten, kann sie geholt werden. Er beschreibt sie. Er redet Hans die letzte Angst aus dem Herzen hinaus. Hans wird sie als seine Wirtschafterin annehmen. Hans wird endlich seine Ruhe haben. Und Hans wird sie selber holen.

Am Ziehtag macht Hans Rohwedder den Wagen fertig. Er sieht selber nach allem. Er legt den beiden Braunen das beste Geschirr auf. Er fährt ab.

Nebel liegt auf allen Feldern. Zuweilen kriecht eine ganz erbärmliche und elende Angst zu ihm auf den Wagen.

Drei Stunden muß er fahren. Da ist er in dem Dorf. Klaus hat ihm den Hof genau beschrieben, er findet ihn.

Draußen am Hoftor hält er an, steigt ab, strängt die Pferde los und geht durch die Einfahrt auf den Hof. Als er um die Ecke biegt, steht sie vor ihm. Und Hans fährt zusammen, daß seine Knie einknicken, und er muß denken: Der Fall!

Wahrhaftig: Das ist der Fall!

So steht sie vor ihm: mittelgroß, in den Hüften breit, an den Füßen neue lederne Pantoffeln, eine blaugewürfelte Schürze über blauem Rock. Aus kurzen Ärmeln sehen dicke, kräftige Arme hervor. Die Backen hängen, das Kinn ist dick und kurz, die Wangen zeigen ein braunes Rot. Und die Haare? Nun, sie sind schwarz, sie sind glatt an den Kopf gelegt, und sie sind hinten in einem kleinen und spitzen Knoten zusammengefaßt. So steht sie vor ihm, und so kommt sie auf ihn zu: langsam, sicher, zielstrebig. Und sie sagt: „ Du kommst spät, Hans; ich hab’ schon warten müssen.“

Ja, so ist sie. Sie nennt ihn Du und Hans, und sie sagt, daß er sie hat warten lassen.

Hans Rohwedder, der in seinem Alter allmählich nicht mehr an den Fall hat glauben mögen, sieht, daß er hier vor ihm steht. Er antwortet nichts, dreht um und geht langsam zu seinem Wagen zurück. Er strängt die Pferde wieder an; aber als er von rechts auf den Wagen steigt, setzt sie auf der linken Seite den Fuß ins Rad und sitzt schon, als Hans sich auf dem Strohsitz zurechtrückt.


Weite Landschaft


Mußte es nicht so kommen? Wenn er auch vom Wagen springen und feldein laufen wird, sie wird ruhig weiterfahren und wird ihm dabei nachrufen: „Ich fahr’ schon voraus, Hans.“

Nach drei Stunden, während deren keiner ein Wort gesagt hat, fragt sie ihn und deutet dabei nach vorn: „Ist das unser Hof?“

Und er sagt: „Ja, das ist unser Hof.“

Da nimmt sie ihm die Leine ab, damit er die Hände frei hat: „Nun zeig‘ mir mal ordentlich, was alles unser Acker ist.“

Und er zeigt ihr alles und vergißt sogar den Rabenschlag, das Steinfeld am Waldrande, dabei nicht.

„Du bist vorhin schnell wieder umgekehrt, Hans“, sagt sie nun.

Er nickt; und das soll heißen: ja, das bin ich zwar; aber es hatte keinen Zweck mehr. Du bist der Fall. Es war Vorbestimmung. Ich hab’s gewußt. Und nun, da ich es halb nicht mehr glaubte und wußte, nun kamst du. Und so mußtest du aussehen, so mußtest du sein; es ging gar nicht anders. Wenn ich an die blonden Krausköpfe dachte, war ich auf falscher Fährte.

„Meine Kommode ist dageblieben. Wir müssen sie holen. Wir fahren in ein paar Wochen beide. Wir fahren dann gleich beim Pastor vor und bestellen das Aufgebot.“

Und Hans nickt.

So fahren sie auf den Hof.

BESUCH AM ABEND

Nah über ihnen schweben die Schatten, und niedrig hangen die Früchte nieder.

(Spruch aus dem Koran)

„Hans, sett den Kasten trecht, Jörn kümmt all üm de Eck“, sagte die alte Ursch Harder zu ihrem Manne, der am Ofen saß und rauchte.

Dort, wo der Fahrweg auf Niemanns Hof geht, stehen Heinrich Topp und Wilhelm Lorenz. Sie sehen Jürgen Helwig mit langen, steifen Schritten um die Ecke biegen auf Hans Harders Hofstelle zu und lachen.

„Paß auf, nu kommt der dritte von den Adebars auch gleich“, sagt Wilhelm Lorenz. Und sie haben recht. Denn als eben Jörn Helwig in der Tür verschwunden ist, kommt Johann Peters und geht auch auf Hans Harders Hof.

„Nu sind sie alle drei zusammen, die Adebars, nu kann das Klappern losgehn“, lacht Wilhelm Lorenz wieder.

Es muß gesagt werden, daß nicht nur Heinrich Topp und Wilhelm Lorenz über die drei Adebars, wie man sie im Dorf nennt, lachen, sondern daß alle von den Höfen, Bauern und Knechte und vor allem die Weiberleute, ein lustiges Gesicht machen, wenn sie Hans Harder, Jörn Helwig und Johann Peters beieinander sehen. Denn es geht von den Dreien die Sage, daß sie an den Abenden, an denen sie zusammenkommen, auf einem Bein stehen wie die Störche und daß sie alle halbe Stunde den Mund auftun und ja oder nein sagen. Darum nennt man sie die Adebars, so heißen bei uns da oben die Störche. – Heute lebt keiner mehr von ihnen. Wer sie kannte, mag einen Augenblick an sie denken.


„Hans, nu müßt upstahn, Jörn kümmt all aewer den Hof“, sagt Ursch Harder zu ihrem Hans.

Jeden Abend, an dem ihn seine Freunde besuchen, muß die alte Ursch ihren Hans zweimal nötigen, den Tabakskasten zurechtzustellen. Und an jedem Abend muß sie es zuletzt doch selber tun.

Ursch ist kurz und dick und watschelt mit unförmig breiten Hüften wie eine fett genudelte Gans. Und das wird immer schlimmer, je älter sie wird. Sie fließt auseinander wie dünn geratener Brotteig. Und man muß sich wundern, daß die Schürzenbänder nicht reißen. Aber das ist in ihrer Familie von Mutterseite her erblich, und Ursch hat sich nur in den ersten Jahren Sorge darüber gemacht. Jetzt trägt sie ihre Leibesfülle schon lange Jahre, wenn auch mit Beschwerde, so doch ruhig und ergeben. Zuweilen, wenn Hans Harder sich der Zeit erinnert, als er noch zu losen Streichen aufgelegt war, piekst er sie mit spitzem Zeigefinger und lächelt mit trockensaurem Gesicht einen Mundvoll dazu. Aber die alte Ursch haut ihm dann scharf eins auf die knochendürre Hand und sagt – nein, was sie sagt, kann aus verschiedenen Gründen nicht wiederholt werden.

Nun geht die Tür. Jürgen Helwig ist da und sagt: „’n Abend“ und gibt beiden – erst Hans – die Hand. Es ist kein richtiger Händedruck, nur so ein langsames Hindeuten: Ich bin da. Hans Harder zeigt mit der Fußspitze auf einen Stuhl, das heißt: Setz’ dich, Jörn.

„Nu’s Jörn würklich dor, un dei Kasten is noch von’t Bort nich trechtstellt“, quest Ursch. Warum tut sie das? Sie weiß doch, daß das ihre Arbeit ist.

„Sei’s wählig vanabend, Hans“, sagt Jürgen Helwig und deutet auf Ursch, die den handfestesten Stuhl heranzieht, mit vieler Mühe hinaufklettert und den rotbraunen Kasten vom Wandbort herablangt. Hans Harder nickt, er hält seine Ursch noch immer für eine hübsche und ansehnliche Frau, die sich sehen lassen kann.

Die Tür geht zum zweiten Mal auf, und Johann Peters tritt herein. Er gibt jedem die Hand – und was für eine Hand – und bietet einen trockenen und langsamen Gruß: „Godn Abend, Hans! Godn Abend, Jörn! Godn Abend, Ursch.“

Nun sitzen sie und rauchen, zwei an der Längsseite des Ofens, Hans und Jörn; Johann Peters sitzt an der Schmalseite. Ursch räumt noch ein bißchen herum; dann holt auch sie sich einen Stuhl und fängt an zu stricken. Die grobe, eigengesponnene Wolle gleitet ihr langsam durch die Finger.

Ting, ting – macht die Uhr. Achtmal schlägt sie; nicht laut und aufdringlich, leise und eben fallen die Stunden in die Stille hinein. Urschels Stricknadeln klappern.

„Is wat Nies passiert, Jörn?“ fragt Ursch. Sie sieht nicht auf dabei. Wenn Jörn nichts erfahren hat, will sie keine Antwort. Sie bekommt keine.

„Büst an’t Graff wesen, Jörn? Ick seg di den Kirchstieg langs gahn.“ Jörn nickt, und Ursch strickt weiter. Sie muß die alten Augen anstrengen, sie kommt an die Hacke.

Die Gedanken der drei Freunde gehen in die Vergangenheit. Jörn ist am Grabe seines einzigen Sohnes gewesen. Mit vierundzwanzig Jahren ist er gestorben. Er war schwindsüchtig und lief Abend für Abend zu Frieda Reimann, der Küchendirn bei Hans Harder. Ursch sieht Jürgen Helwig an; sie denken beide dasselbe. „Ick heww em oft stürt, Jörn, aewer hei let sick nicht törn.“ Jörn nickt. – Zuletzt bekam der Junge den Bluthusten, aber von der Dirn ließ er nicht, obwohl sie noch mit zwei andern Burschen lief. Hans Harder legt Jörn die Hand auf den Arm. „Wir’n sworen Dag, Jörn, aewer ward all wedder beter.“

Sie denken an die Nacht, als der Junge nicht mehr soviel Kraft gehabt hatte, nach Hause zu gehen, und als die Küchendirn weinend und lamentierend Hans Harder und seine Frau wecken mußte. Der Junge lag in Frieda Reimanns Kammer, Blut auf den Lippen, und konnte nicht wieder hochkommen. Acht Tage später wurde er schon begraben.

„Ward all wedder beter, Jörn; lütt Heiner ward jo ok grot.“ Das ist Jürgen Helwigs Enkel, den Frieda Reimann nach dem Tod des Jungen geboren hat und der von Jörn als eigen angenommen ist. Er ist auf den Namen seines Vaters getauft und soll einmal den Hof haben, wenn er gesund bleibt.

Johann Peters steht auf, geht einmal langsam durch die Stube und setzt sich dann wieder auf seinen Platz. Hans Harder schiebt den Kasten hin und sagt: „Stopp frisch in, Hans.“ Aber Johann Peters hat den Kasten mit dem Tabak nicht gesucht; er scheuert sein Knie. „Ritt wedder asig hüt abend, Hans“, sagt er.

Langsam stampfen die Gedanken Hans Harders und Jürgen Helwigs hinter den Erinnerungen Johann Peters‘ her. Nun sind sie bei ihm: Er lächelt.

„Wir doch en Prachtkerl, de Hauptmann?“, lobt Hans Harder. „Dat wer he“, antwortet Johann Peters. Er denkt an die Geschichte, die sich im Franzosenkrieg, aus dem er sein Gliederreißen mitbrachte, zugetragen hat. Hans und Johann denken auch daran.

„As de Schietesels segen wi ut, Hans.“ Gegen Abend kam der Hauptmann geritten. Er lachte. „Guten Abend, Jungens, habt ihr auch Läuse?“ „Jawohl, Herr Hauptmann.“ „Schön, Jungens, ich habe auch welche.“

„Wer en Prachtkerl, Hans.“ Hans Harder nickte.

„Is nich slecht, Hans, so’n beten Krieg.“

Bauer aus der Wismarer Gegend


Nun schilt Ursch. Das sagt Johann Peters jedesmal, aber sie läßt sich das nicht bieten. „Wat dauh’k mit Krieg, Hans? Ick will keinen Krieg hewwen. Dat kannst di marken.“

„Au, au“, sagt Johann Peters, „du sast jo nicht mit, Ursch.“ Und dann stößt er um die Ofenecke herum Hans Harder an: „Sei ward noch wedder jung. Dat kann ‘k di mellen.“

Die drei Freunde lächeln und sehn Ursch Harder an, die den ganzen Armstuhl ausfüllt. „As en jung Deern, Hans; wenn se upsteht, möt de Stauhl mit.“

Der blaugraue Tabakrauch zieht durch das niedrige Zimmer. So ziehn die Gedanken von Hans Harder, Jörn Helwig und Johann Peters. –

Im Uhrgehäuse schnurrt es. Ting, ting – macht es wieder, neunmal. Ursch Harder sieht auf ihren Hans: „Willst uptrecken, Hans?“ Er nimmt die Pfeife aus dem Mund und deutet auf sie. Und Ursch legt den Strumpf auf den Tisch, geht an die Uhr, öffnet die Tür und langt zuerst nach dem Schlaglot. An der langen gelben Kette, an der es hängt, zieht sie es schnurrend und rasternd nach oben. Dann kommt das zweite Lot. Und langsam schließt sie die Tür wieder.

„Geiht gliek fixer, Ursch“, sagt Jörn Helwig. Aber sie ist ihm noch nicht wieder gut und droht ihm bloß mit der Faust. Dann nimmt sie den Strumpf wieder zur Hand. Aufpassen braucht sie nun nicht mehr; über die Hacke ist sie weg.

Oben auf dem Ofen liegt ein Paar Strümpfe. Von den langschäftigen grauen sind es, wie Hans Harder sie trägt. Sie sind am Tage in den Stiefeln feucht geworden und sollen nun trocknen. Daneben liegt die Handvoll Stroh, die Hans jeden Morgen in die Stiefel legt, um warme Füße zu haben. Unter dem Ofen sieht der Stiefelknecht hervor.

Die Strümpfe plieren an Johann Peters vorbei zu ihrem Nachbar hinunter. „Gestern abend konnten wir dich besser sehen“, sagen sie, „nun geht es bloß dann ganz gut, wenn der alte Krübbensetter sich da unten einmal nach rechts hinüberlegt. Was soll das überhaupt? Weshalb bleibt er nicht, wo er zu Hause ist, anstatt geplagten Wesen das Leben sauer zu machen? Es ist ein Elend. Wir möchten ihm mal auf den Kopf fallen. Das würde helfen. Naß genug sind wir dazu.“

Der Stiefelknecht knurrt. „Da sitzt er nun und döst vor sich hin und tut den Mund nicht auf. Den ganzen Tag hat man hier zu liegen und zu warten, ob es Hans Harder nicht paßt, einem den Mund voll Dreck zu schmieren. Und am Abend, wenn man endlich an sich selber denken kann, ein Stündchen über sich und die große Welt nachsinnen und sich dem Edlen hingeben will, dann kommt Johann Peters, spuckt einem fast auf die Nase und tritt einem in die Zähne.“

„Ja, ja“, sagen die Strümpfe, „du hast es noch schlimmer. Uns läßt er immerhin noch in Ruhe und kommt uns nicht zu nahe, wenn es auch schon schlimm genug ist, so von der Aussicht auf alle möglichen Dinge abgeschnitten zu werden. Gott, eben war da eine Maus. Wir meinen ganz bestimmt, daß wir ihre Schwanzspitze gesehen haben. Nun ist sie wieder unter Johann Peters Stuhl verschwunden. Ist das nicht ein Jammer? Wenn man doch bloß ein wenig Aussicht hätte.“

„Nein, eine Maus war das nicht. Und wenn es auch eine gewesen wäre, so schlimm ist es doch nicht, wenn einem die Aussicht auf Mäuse genommen wird.“

„Du bist ein Grobian“, sagen die Strümpfe, „und verstehst es aus deiner ewigen Ofenecke heraus nicht. Wir dagegen sind bestimmt, überall, wo etwas ist und wo nichts ist, zuerst hinzukommen und alles aus erster Hand zu beobachten. Da muß es uns ärgern, wenn Johann Peters uns dies Recht nehmen will.“

Nun lacht der Stiefelknecht. „Überall zuerst hin? In Stiefeln, ja.“

Dieser heimtückische und hinterlistige Angriff auf ihr wohlbegründetes Selbstbewußtsein läßt sie zornig schweigen. Sie kümmern sich nicht mehr um ihren Nachbarn da unten, dem Johann Peters von Zeit zu Zeit scharf an der Nase vorbeispuckt.

Von den Menschen im Zimmer hat keiner dies kleine Gespräch gehört. Ihre Ohren sind schon zu hart dazu. Sie schweigen; und ihre Gedanken ziehen langsam wie Wolken an ruhigen Abenden. Tick-tack, tick-tack, so macht die alte Standuhr. Und so machen auch die Seelen Hans Harders, Jörn Helwigs und Johann Peters’; einmal hierhin, einmal dorthin; einmal wiegt sie nach links, und damit sie nicht aus dem Gleichgewicht herausfällt, wiegt sie gleich darauf auch einmal nach rechts. Den Zeiger der Uhr kann man genau verfolgen, nichts ist verborgen; wenn er geht, das hört und sieht man, und wenn er nicht mehr gehen mag, das wird man auch gewahr. Ist es mit der Seele Hans Harders, Jörn Helwigs und Johann Peters’ nicht auch so? Sie umschließt einen kleinen, genau vorgeschriebenen Kreis, geht, wenn sie ihn durchläuft, immer vom selben Punkt aus und läuft nie in verkehrter Richtung.

Hans Harders Freunde brauchen mit dem Munde nicht mehr zu sprechen. Die Gedanken erzählen miteinander. Einmal in jeder Woche sitzen sie hier, im Sommer und Winter, und besuchen Hans Harder. Sie erzählen den ganzen Abend und sprechen doch nur zehn Worte miteinander. Und wenn die Menschen einmal ganz schweigen, dann sprechen die Steine. –

Ursch legt den Strumpf auf den Tisch; er ist fertig. „So, Hans, nu hest en Poor nie Strümp.“

„Nu kannst up Söcken lopen, Hans“, sagt Jörn Helwig.

Johann Peters steht auf. „Is lat worden, Hans; nu möten wie tau Klapp. Ward hoch Tied.“

Sie freuen sich im Innern herzlich über den schönen Abend, den sie wieder mit ihrem Hans hatten. Sie haben über die Neuigkeiten gesprochen, die sich im Dorfe und in der Gemeinde zugetragen haben, über Krieg und Frieden, über Krankheit und Tod, über das Heranwachsen des jungen Geschlechts. Und sie haben wie richtige Schwerenöter obendrein auch noch mit Ursch Harder geschäkert.

„Wer wedder schön bi di vanabend, Hans“, sagen sie; „gode Nacht, Hans! Gode Nacht, Ursch!“

Und Hans Harder sagt: „Gode Nacht! Wie willen bald wedder en beten vertellen, Jörn. Hest hürt, Hans? Passiert doch ümmer wat.“

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9783853653081
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