Читать книгу: «Cynthia Silbersporn»
Fred Keller
Der Autor wurde 1971 in Pforzheim geboren.
Als gieriger Leser verschlang er Altes, Neues, Krimis, Biografien und Sachbücher. Schon immer sagte er: »Irgendwann schreibe ich selbst.« Mit vierzig fing er damit an.
Seither sind Fabeln, ein Krimi, Kinder- und Fantasy-Kurzgeschichten entstanden, aber auch solche aus dem ganz »normalen« Leben sowie Esoterisches, was er gerne als seine »Spirits« bezeichnet. Er liebt schwarzen Humor, der mitunter auch in seine Storys miteinfließt, hat eine spitze Zunge und gesteht, büchersüchtig zu sein.
Seit 2015 ist er Mitglied im Goldstadt-Autoren e. V.
Kontakt:
Fred Keller
Cynthia Silbersporn
HEXENGESCHICHTEN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Coverbild: Harro Krell,
www.engelberg-werbeland.de
Covergestaltung, Satz und Lektorat:
textREIN, www.textrein.de
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
»Wenn ich was will, gebe ich hundertzwanzig Prozent
dafür. Halbe Sachen hab ich sehr schnell aufgesteckt.
Das bringt nichts. Du musst Feuer und
Flamme sein, brennen für deine Leidenschaft. Dann
erreichst du auch dein Ziel.«
Maximilian Maca
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zitat
VORWORT
EIN ARBEITSREICHER TAG
EIN ENERGIEBLITZ AUS DEM HANDGELENK
DIE FABELHAFTE FRAU DREIZEHN
DIE KATZE DES HAUSES
OHRFILTER
BLEIBENDER BESUCH
WENDY LATOR
FLUGUNTERRICHT
FÜR DIE FREUNDE NUR DAS BESTE
DIE WAHNSINNSDIÄT
STILLES KONZERT
DER ÜBERAUS FULMINANTE HEXENRAT
AUSFLUG AUF DIE DUNKLE SEITE
DANKE
VERÖFFENTLICHUNGEN
Endnote
Vorwort
Cynthia Silbersporn hat sich in mein Leben geschlichen. Geplant als Figur in einer einzigen Kurzgeschichte, war sie offenbar mit diesem kleinen Auftritt nicht zufrieden. Wer sie kennenlernen durfte, wollte mehr von ihr wissen. Und auch mich hat sie mit ihrer magischen Art in den Bann gezogen. Ich vermute, Cynthia hat sich hinter meinem Rücken mit meiner Muse getroffen – und mal ehrlich, hey, zwei Frauen gegen einen Mann. Ich hatte keine Chance. Zum Glück kamen mit Max und Marius noch zwei Männer hinzu. 13 Kapitel sind entstanden, ob noch weitere folgen? Das weiß momentan nur Cynthia.
Sollte sich entgegen jeglicher Planung jemand wiedererkennen oder jemandem eine Handlung bekannt vorkommen, dürfen Sie sich freuen. Nur außergewöhnliche und im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdige Menschen und Ereignisse schaffen es in meine Geschichten.
Es hat mir viel Freude bereitet, Alltagserlebnisse in Fantasy-Literatur zu verwandeln. Wenn Sie beim Lesen genauso viel Spaß haben, wie ich beim Schreiben hatte, wird Ihnen diese verrückte Runde gefallen. Tauchen Sie ein in die Welt von Cynthia, ihrer Schwester Lisa, der Dreizehn Pinky, den Maca-Brüdern und ein paar anderen. Ich wünsche Ihnen eine fantastische Lesereise, Ihr Fred Keller.
Ein arbeitsreicher Tag
Cynthia Silbersporn war mittleren Alters und kannte sich gut mit Kräutern, Astrologie und Magie aus. Sie besaß den prächtigsten Garten in der ganzen Gegend und war stolz auf ihre »grünen Daumen«. Alles wuchs biologisch gedüngt. Vor allem Heilkräuter und Giftpflanzen, die oftmals dieselben waren und sich lediglich in der verwendeten Menge unterschieden.
Grenzenlose Geduld und Gutmütigkeit zeichneten Cynthia aus, und zwar genau solange, wie alles nach ihrem Kopf ging. Sie wohnte allein in einem kleinen unauffälligen Haus am Ende einer Sackgasse, was den Vorteil brachte, alle Besucher schon von weitem kommen zu sehen. Cynthia beherrschte neben ihrer Muttersprache Deutsch mehrere Sprachen in Wort und Schrift, dazu gehörten Englisch, Französisch, Lateinisch und Sanskrit, wodurch es ihr leichtfiel, in vielen alten Schriften zu lesen.
Soeben probierte sie ein altertümliches Rezept aus, das aus einem Buch eines befreundeten Antiquars stammte. Als er es ihr zukommen ließ, hatte er nicht geahnt, welch einen Schatz er da bei der Bibliotheksauflösung einer alten Villa nach mehreren Jahrhunderten ans Tageslicht beförderte, so sein Bericht an sie. Die Sprache sei ihm fremd, wie er erklärte, aber dafür gab es ja schließlich seine langjährige Bekannte Cynthia. Des Öfteren stand sie mit Rat und Tat an seiner Seite.
Schon beim Anblick des dicken, in Leder gebundenen Buches hatte sie die Energie gespürt, die in ihm steckte und nach außen drängen wollte. Der Text offenbarte sich sogleich beim Aufschlagen. Natürlich hätte sie es übersetzen können, fand es aber unnötig, denn das Werk war direkt nach Fertigstellung mit einem magischen Bann belegt worden. Dieser bewirkte, dass die Inkunabel von Menschen mit der erforderlichen geistigen Reife auch im Original gelesen werden konnte. Allerdings wurde Cynthia, seit das Buch in ihr Haus gelangt war, von dem Gefühl verfolgt, beobachtet zu werden. Bohrten sich die Augen der Personen aus den wenigen aufgehängten Bildern in ihren breiten Rücken? Sie ertappte sich dabei, wie sie bei jedem Knacken der alten Holzbalken zusammenzuckte und einen Blick über die Schulter warf.
Der Kupferkessel baumelte an einem schwenkbaren Haken. In ihm blubberte, dampfte und zischte es. Die Flammen leckten an den Seiten empor, weshalb er mit dunklen Rußspuren überzogen war.
Seit dem frühen Morgen stand Cynthia in der Küche, die dunklen Haare als Knoten hochgesteckt, einen Schweißfilm auf der Stirn, und die müden Beine drohten mit Wadenkrämpfen. Bald würde das Gebräu fertig sein, nur noch wenige Zutaten fehlten zu seiner Vollendung. Jetzt mussten die Angaben genauestens befolgt werden.
Eine Messerspitze getrockneter Fliegenpilz, dreimal rechtsherumrühren. Sieben Beeren der Tollkirsche zu Brei gemörsert, viermal linksherumrühren.
Nun benötigte sie nur noch drei Zutaten. Keiner konnte sie aufhalten, das Elixier fertigzustellen. Das Rezept versprach nichts Geringeres als die Unsterblichkeit.
Als nächstes wurden sechs Samen des Wunderbaums pulverisiert und in den Kessel gegeben. Vier, fünf, sechs. Cynthia hielt die Dose noch waagrecht über den Steintopf, in dem die Samen zerstoßen werden sollten, als lautstark die ersten vier Takte von Beethovens Fünfter durch das Haus schallten.
Sie zuckte dermaßen zusammen, dass unzählige Samen aus der Dose fielen. Wie oft hatte sie sich schon vorgenommen, diesen Klingelton durch einen harmonischeren zu ersetzen. Das musste auf der To-do-Liste ganz nach oben. Zum Glück hielt sie die Hand über den Mörser. Kaum auszudenken, wenn sie von vorne hätte beginnen müssen.
Konnte der Kessel bei kleiner Flamme über dem Feuer bleiben? Dazu fand sie keine Angabe im Rezept, nur was reinmusste und wie oft man in welche Richtung umrühren sollte.
Da da da daaa.
Okay, wer immer da draußen stehen würde und den Klingelknopf malträtierte, sollte einen guten Grund haben.
Bevor sie zur Tür marschierte, griff Cynthia nach ihrer kleinen japanischen Freundin, die immer in Reichweite lag. Eine zusammenklappbare Handsäge, die eigentlich Pocketgirl hieß, Cynthia aber Fushigi nannte. Das gefiel ihr besser und hörte sich persönlicher an. Es bedeutete »Wunder«, und es war wirklich wunderbar, was diese Säge alles leistete. Vom Verkäufer empfohlen für Äste und dünne Stämme, aber, wie sie herausgefunden hatte, auch durchaus für andere Gelegenheiten, die im Haushalt anfielen, geeignet.
Sie riss die Tür auf und sah den ausgestreckten Zeigefinger direkt vor der Klingel in der Luft schweben. Der Mann hinter dem Zeigefinger erstarrte aufgrund ihres plötzlichen Erscheinens und wirkte irritiert. Vermutlich glaubte er, sie hätte sich direkt hinter der Tür materialisiert. Wär schön, wenn sie das könnte.
»Stopp!«, herrschte sie ihn an. »Nur weil Beethoven programmiert ist, bin ich noch lange nicht taub.«
»Hätten Gnädigste wohl ein paar Minuten Zeit, um mit mir über die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu reden?«, gab der ungebetene Störer seinen sichtlich auswendig gelernten Satz leise von sich.
Wichtiger als mein Kupferkessel?, überlegte Cynthia.
Der Magier Marius Maca hatte einmal einem aufdringlichen Sektenanhänger die »Gespräche mit Gott«-Bücher empfohlen, was diesen zur augenblicklichen Flucht veranlasste, um seine festzementierte Glaubensanschauung nicht mit neuen Ideen ins Wanken zu bringen. Aber eine solche Schlagfertigkeit brauchte Cynthia heute nicht einzusetzen. Für Leute, die andere beim Ausprobieren neuer Rezepte unterbrachen, gab es ein besonderes Programm.
Ein listiges Grinsen zog ihr die Mundwinkel nach oben. Es kam ihr vor, als bemächtigte sich ihrer ein fremder Geist, der mit diesem Vertreter des Hauskreises etwas Besonderes plante. Lag es an dem Buch, von dem sie langsam ahnte, was es alles beinhaltete? Freundlich bat Cynthia Silbersporn den Besucher in die vordere Küche.
Die hintere, in der der schöne Kessel hing, hatten bis jetzt nur wenige betreten, und noch weniger auf eigenen Beinen verlassen.
Wie Cynthia annahm, wurde dem zerknitterten Herrn nur selten ein Tee angeboten, weshalb er die Einladung freudig annahm. Ein Earl Grey wurde kredenzt.
Mit seinem kräftigen Bergamottöl und dem herben Geschmack war »Der Graue Graf«, so nannte sie diese Sorte allzu gern in der deutschen Übersetzung, hervorragend geeignet, die Bitterkeit gewisser ziemlich ungesunder Kräuter zu überdecken.
Den Gast im Rücken, schenkte sie zwei Tassen ein. Eine erhielt einen Spritzer aus einem braunen Fläschchen, das sie vom Gewürzregal nahm, und dann noch einen. Sicher war sicher. Wieder befiel sie das Gefühl fremder Augen, die sie über die Schulter hinweg beobachteten.
Cynthia Silbersporn ging freundlich lächelnd an den Tisch, stellte die beiden Trinkgefäße ab und nahm Platz. Ja, sie konnte richtig nett sein oder zumindest so tun als ob.
Freudig erregt holte der Mann Luft und fragte: »Sie sind doch bestimmt sehr einsam hier, oder?«
Es sollte eine seiner letzten Fragen sein.
»Ich bin nicht einsam. Ich bin nur alleine mit meiner Katze, und das ist auch gut so.«
Bevor das Palaver ins Unendliche ausufern würde, musste Cynthia die Gesprächsführung, beziehungsweise dessen Beendigung, übernehmen. So wie ein starker Magnet Metall anzieht, glaubte sie fast, den Kessel rufen zu hören. Langsam zog sie die Luft ein, atmete tief durch, doch die Ungeduld wuchs.
»Ich bin hierher gezogen, um meine Ruhe zu haben. Das mag vielleicht schwer nachvollziehbar sein, aber es gibt Menschen, die sind lieber alleine als mit den falschen Individuen zusammen.«
Sie hob die Teetasse und prostete ihrem Gegenüber zu, das noch keinen Schluck getrunken hatte. Manchmal genoss sie sogar den Spaß an der langsamen Folter, aber heute musste es schnell gehen. Das Experiment kochte hinten unbeobachtet weiter.
»Was ist nur los mit mir? Was tue ich?« Fragen rasten durch ihren Kopf. »Bringt die Gier nach Unsterblichkeit mich soweit?«
Der Herr folgte freundlich ihrer Aufforderung. Er nahm einen kräftigen Mund voll, öffnete ihn, um mit dem nächsten Satz fortzufahren.
Dazu fehlte ihm jede Möglichkeit. Er alterte innerhalb weniger Minuten und sackte tot auf seinem Stuhl zusammen. Er schwieg für alle Zeiten.
Die Idee, ihn mit Fushigis Hilfe in handliche Stücke zu zerteilen, nahm Gestalt an. So würde sie problemloser die Leiche entsorgen können.
»Hoffentlich ist noch genug Saft im Akku«, murmelte sie vor sich hin, »meist geben die ja nach der Hälfte der zu erledigenden Arbeit den Geist auf. Ach was, vergiss es. Zu viel Arbeit für so ein kleines Gerät.«
Cynthia ließ den Vertreter sitzen. Er stellte keine Störung mehr dar. Sie konnte endlich den neuesten Zaubertrank fertigstellen und in die kleinen braunen Fläschchen füllen. Der Geschmack war wie beschrieben, hinterließ jedoch eine Schalheit nach faulen Eiern. Ob er wirklich unsterblich machte, wer konnte es beurteilen? Am Ende des Rezepts stand, die Wirkung hinge von mehreren Umständen ab, die bei der Einnahme zu beachten seien, Erläuterungen im Anhang auf Seite 873. Diese Fußnote hatte sie am Morgen übersehen und gleich mit dem Kochen angefangen. Schnell blätterte sie bis hinten durch.
»Nein!«
Was sie sah, beziehungsweise nicht sah, war links 872, rechts 875. In der Mitte nur noch ein schmaler ausgefranster Rand. Die gesuchte Seite fehlte. Der seltsame Geschmack im Mund blieb. Lag es am vergifteten Hausierer?
Sie schleppte ihren stillgewordenen Gast hinters Haus und wickelte ihn in eine Folie.
»Seltsam«, schoss es ihr durch den Kopf. »Wozu benutze ich Frischhaltefolie? Damit er nicht dreckig wird?«
In einer Ecke thronte ein Komposthaufen, in dessen Nähe alles noch prächtiger gedieh, als im Rest des Gartens.
Mit Hilfe eines Spatens hob Cynthia ein Grab aus, quetschte erst die Beine, dann den Rest des Verstorbenen hinein. Unbequem sah das Ganze wahrlich aus, aber egal, er merkte es ja nicht mehr.
Mit kräftigen Hieben schippte sie die Grube zu, klopfte die Erde mit der flachen Seite der Schaufel fest, schmiss locker ein paar Ladungen Kompost darüber und betrachtete ihr Werk. Gehaltvolle Nahrung für den geliebten Garten.
Nach getaner Arbeit köpfte sie einen Merlot, schenkte mit Schwung ein und setzte sich an den Tisch. Mit jedem Schluck Alkohol wurde sie verzweifelter.
»Meine Güte, was habe ich nur getan?«, rief sie der Zimmerdecke entgegen.
Sicher, sie las gern über Gifte, deren Wirkung und Herkunft. Dieses Wissen in die Tat umzusetzen, war ihr allerdings bisher nie in den Sinn gekommen. Mit dem schlechten Gewissen nahm auch das Gefühl des Beobachtetwerdens zu. Immer wieder sah sie nach hinten, glaubte, Blicke im Rücken zu spüren.
Die kleine Fushigi kam heute nicht zum Einsatz. Dennoch war es ein grauenvoller Tag für Cynthia gewesen, nachdem ihr der Mord voll bewusst wurde.
»Ja, Mord, nenn es ruhig beim Namen!«
So etwas durfte sich auf gar keinen Fall wiederholen. Hoffentlich hatte niemand gesehen, wie der Mann ihr Haus betrat.
Als sie aufstand, um die Tasse in die Spüle zu stellen, lag da ein Zettel, auf dem sieben Worte und ein Buchstabe standen: »Das war gar nicht nett, meine Liebe. P.«
Cynthia schlug die Hand an die Stirn. Ihr Gefühl stimmte also. Es musste jemand hier gewesen sein.
Niedergeschlagen wankte sie ins Wohnzimmer, um die Situation zu überdenken. Vielleicht konnte Marius Maca ihr einen Rat geben. Sofort tippte sie die Nummer ins Telefon. Beim zweiten Klingeln hob der Magier ab.
»Bin ich froh, dich zu erreichen«, begann Cynthia ohne Umschweife. »Ich muss dir unbedingt erzählen, was heute passiert ist, aber vielleicht wird meine Leitung abgehört. Wir müssen uns sehen. Komm bitte sofort her. Ich trau mich kaum aus dem Haus.«
»Das hört sich ja geheimnisvoll an. Wer soll dich denn überwachen? Soll ich Kuchen mitbringen?«
»Nur für dich.«
»Dann ist es wirklich ernst.«
Wenige Augenblicke später klingelte Marius an Cynthias Tür. Völlig aufgelöst öffnete sie und fiel ihm in die Arme. Er erinnerte sie an den unvergesslichen Dirk Bach, der leider, wie so viele, zu früh gestorben war. Beide besaßen ein ansteckendes Lachen und herrlichen Humor. Marius allerdings hatte keine Glatze. Die langen, schwarzsilbermelierten Haare trug er heute zu einem Pferdeschwanz gebunden.
»Na, na, wird schon wieder gut. Sag mir, was geschehen ist. Du tust, als ob jemand gestorben wäre.«
»Ist ja auch«, schniefte sie.
»Setz dich, ich mach uns Tee. Oh, du bist schon beim Rotwein, auch gut.« Der kleine Magier holte ein Glas aus dem Hängeschrank. »Wer ist tot?«, fragte er mit heiterer Stimme, vermutlich glaubte er an einen Scherz.
»Keine Ahnung, wie er hieß.« Panisch erstattete Cynthia Bericht. Angefangen beim Kochen des neuen Elixiers, über den Besuch mit dem unglücklichen Ausgang, der fehlenden Buchseite, ihr Gefühl, beobachtet zu werden, bis hin zum Fund des Zettels neben der Spüle.
Aber Marius ging nicht auf ihre Worte ein.
»Ah, ja«, sagte er stattdessen, »da fällt mir ein, aus deinem Briefkasten ragte ein Umschlag. Ich hab ihn mit hereingebracht. Hier.«
Mit zitternden Fingern nahm Cynthia das altrosafarbene Kuvert entgegen.
»Ich kann da nicht reinsehen. Mach du auf«, bat sie und gab es ihm wieder zurück.
Aufgeregt sah sie zu, wie Marius den oberen Rand des Umschlags aufriss und sich mit dem Daumen bis zur anderen Seite vorarbeitete. Er zog einen kleinen Briefbogen heraus, las ihn, runzelte die Stirn und lächelte schließlich.
»Wieso grinst du so? Was steht drin?«, fragte Cynthia fast tonlos.
»Nichts Schlimmes. Ich glaube, du hast wenig zu befürchten. Ernsthafte Erpresser arbeiten mit weißen Umschlägen oder ausgeschnittenen Wörtern aus der Zeitung. Der Text lautet: ›Mach das nie wieder. Ich beobachte dich. Werde mich bei dir melden, sobald ich Zeit habe.‹ Unterschrieben mit einem großen P in rosa Schrift, in Klammer: Eine Freundin.«
Marius strahlte Cynthia an, dabei ließ er seinen langen geflochtenen Bart durch die Hand gleiten.
»Gibt es einen vernünftigen Grund für deinen unpassenden Gesichtsausdruck? Ich finde das nämlich kein bisschen witzig«, schimpfte sie.
»Ich schon. Spätestens in ein paar Wochen wirst du mir Recht geben. Hier kündigt sich eine Veränderung an, die dein künftiges Leben betrifft.«
»P, wie auf dem Zettel«, überlegte Cynthia. »Sag mir, was du weißt. Ahnst du, wer P ist?«
»Nein, ich ahne es nicht. Ich weiß es. Aber P würde mir nie verzeihen, wenn ich die Überraschung jetzt schon verraten würde. Eines kann ich dir versichern, P wird dir gefallen.«
Das Ganze erschien Cynthia zwar mehr als rätselhaft, aber sie vertraute ihrem langjährigen Freund Marius Maca und ließ sich von ihm beruhigen. Abwarten und sehen, was kommt, hieß die Devise.
Lautstark knurrte ihr Magen, das Frühstück war die letzte Mahlzeit gewesen. Sie schielte auf die Papiertüte, die Marius mitgebracht hatte.
»Was ist da drin?«
»Och, nur ein paar Leckereien, süße Stückchen, zwei oder drei Nussecken aus der Bäckerei, aber du wolltest ja keinen Kuchen. Bleib sitzen, ich kenn mich aus, weiß wo dein Geschirr steht.« Zielstrebig holte er das Benötigte und eine Kuchengabel.
»Ich esse natürlich mit. Bring mir auch einen Teller und eine Gabel. Wenn ich mich auf eins im Leben verlassen kann, dann darauf, dass der Hunger immer wieder zurückkehrt.«
»Genau das habe ich geahnt. Ist Schokosahne recht?«
»Aber sicher.«
Zwei Tortenstücke später hatte sich Cynthia zufrieden in ihrem Küchenstuhl zurückgelehnt.
»Ich bin gespannt, wie das alles noch weitergehen wird.«
»Ja, das kannst du auch. Neue Erfahrungen sind wohl die geeignetste Umschreibung. Es wird interessant, soviel verspreche ich dir.«
In dieser Nacht fand Cynthia wenig Schlaf.
Ein Energieblitz aus dem Handgelenk
Als Cynthia Silbersporn am frühen Morgen zum Fenster hinausschaute, ahnte sie nichts Gutes für diesen Tag. Lieschen Müller kam angelaufen. Ihre langweilige Schwester wohnte mit dem noch langweiligeren Waldemar am Anfang der Straße, an deren Ende ihr eigenes Haus stand. Schon letzte Woche hatte die Jüngere angekündigt, wichtige Familienangelegenheiten besprechen zu wollen.
Wer würde sich um den alten, gebrechlichen Erbonkel kümmern, der immer unselbstständiger wurde und ganz in der Nähe in seinem kleinen Häuschen wohnte?
Lieschen vertrat die Meinung, Cynthia hätte mehr Zeit zur Verfügung. Denn diese besaß zwar auch ein Haus, aber keinen Mann, der versorgt werden wollte. Männer können ja so abhängig sein. Allerdings nur, weil die Herren zuerst von ihren Müttern und dann von den Ehefrauen in der Meinung bestätigt wurden, sie bekämen alles abgenommen. Das verlieh den Frauen Macht. Dem weiblichen Teil der Bevölkerung gefiel dieses Spiel solange, bis sie merkten, das eigene Leben bestand nur noch aus Haushalt und dem Bemuttern erwachsener Männer. Plötzlich waren sie überrascht, wenn ihre vierzigjährigen Kinder sich im eigenen Haus verliefen, sollten sie zufällig mal die Waschküche betreten, oder nicht wussten, wo frische Handtücher aufbewahrt wurden und die gebrauchten hinkamen, in welchem Schrank Socken und Unterwäsche lagen, wo die Butter, der Kühlschrank oder die Küche überhaupt waren.
Lieschens Vorschlag, Cynthia solle alle anfallenden Aufgaben bei Onkel Erwin übernehmen und später natürlich auch die Haushaltsauflösung arrangieren, stieß bei Cynthia auf kein Verständnis. Auch Lisas Vorschlag, das Erbe gerne zu teilen, stimmte sie nicht um, lebte sie doch als Single mit hochbetagter Katze ganz glücklich und zufrieden.
Für den Vormittag hatte sie geplant, der alten Katzendame eine hübsche Portion Reiki angedeihen zu lassen. Diese machte ihrem Namen »Diva« alle Ehre. Um ihren Willen durchzusetzen, maunzte sie solange lautstark das Personal an, also Frauchen Cynthia, bis diese alles tat, um sie wieder auf Zimmerlautstärke zu dimmen.
Als die Klingel unverändert mit Beethovens Fünfter Auskunft über die Ankunft ihrer Schwester gab, schaute Cynthia durch das Fenster neben der Tür.
»Du liebe Göttin«, dachte sie entsetzt, »was sie nur wieder für einen Fummel trägt. Ein ganzes Haus, und anscheinend in keinem Raum ein Spiegel.«
Angenehm waren Lisas Besuche nie, nur mit Forderungen verbunden. Schon als Kind ein Fremdkörper in der eigenen Familie, verkam sie mit diesem Bürohengst an der Seite zum Heimchen am Herd.
Missmutig öffnete Cynthia die Tür.
»Hallo, Schwesterherz, was kann ich gegen dich tun?«
»Guten Tag, Cynthia, nett wie immer. Du hast dich kein bisschen verändert.«
»Warum auch? Ich gefalle mir ganz gut.«
»Willst du mich nicht hereinbitten?«
Cynthia überlegte kurz, ob sie ehrlich oder höflich antworten sollte, und schob dann die Tür auf, um ihre Schwester durchzulassen.
Lisa nahm unaufgefordert in der Küche Platz. Ohne langes Hin und Her kam sie gleich auf das Thema zu sprechen, das ihr am Herzen lag.
»Es geht um Onkel Erwin. Du musst dich um ihn kümmern. Neulich fand ich sein Telefon im Kühlschrank. Nächsten Monat ist sein Achtzigster, und er wird immer seltsamer.«
»Das ist wohl keine Altersfrage. Du gehst ja in der Rolle als Hausfrau total auf und kannst bestimmt auch zwei Häuser in Schuss halten. Es gibt Wichtigeres als Onkel Erwins Kühlschrankinhalt.«
»Was denn, außer Hokuspokus, Magie und Reiki?«
»Ein bisschen Magie schadet nie. An mir liegt’s nicht, dass dein Beamter die Fantasie, die du zweifelsohne mal hattest, abgewürgt hat. Nur noch Zahlen, Daten, Fakten und im Geiste schon die Hälfte von Erwins Kontostand zu deinem eigenen addiert. Heute hat drei Tage altes Weißbrot mehr Intelligenz als du.«
»Du lässt mich also mit Onkel Erwins Betreuung allein?«
»Was ist denn schon passiert? Sein Telefon lag im Kühlschrank! Und ...? Wenn er es braucht und dort findet, ist doch alles in bester Ordnung. Kein Grund, gleich die Vormundschaft an sich reißen zu wollen. Jeder muss das Recht haben, sein Leben so zu gestalten, wie er es möchte. Selber Denken macht Spaß, solltest du auch mal probieren.«
Lisa sprang auf und verließ wutschnaubend das Haus.
»Oh, oh, Cynthia. Jetzt hast du es wieder mal geschafft, deine empfindliche Schwester ist eingeschnappt«, schalt sie sich selbst, nachdem Lisa die Tür zugeworfen hatte.
Cynthia sah ihr betrübt nach und ließ ein paar Hallo-wach-Gedanken in Lisas Kopf fahren, das konnte sie locker aus dem Handgelenk.
Cynthia war seit jeher die Selbstständigere von beiden gewesen. Ein Meinungsaustausch bestand darin, dass Lisa mit eigener Ansicht kam und mit Cynthias Standpunkt ging. Als starke alleinlebende Frau lief alles wunderbar. Vielleicht, weil sie allein lebte. Kein Mann im Haus.
Aber Lisa machte auf Cynthia den Eindruck, als ob sie ohne Waldemar auf der Strecke bleiben würde. Ständig am Jammern, wer sollte den Müll runterbringen, die schweren Aufgaben im Haushalt übernehmen und das Geld verdienen?
Vielleicht war es an der Zeit, ihr mal gehörig den Kopf zu waschen und Selbstvertrauen zu vermitteln, sie sollte ihr Selbstbild überdenken. Als Vorbild nicht mehr Mutter Beimer aus der Lindenstraße haben, sondern Alice Schwarzer oder doch eher die graue Maus aus der Bibliothek. Die verdiente zumindest ihr eigenes Geld. Klein anfangen.
Cynthia setzte sich an den Tisch, konzentrierte sich, fokussierte ihre Gedanken auf Lisa und konnte auch spüren, wie die mentale Arbeit bei ihrer Schwester Wirkung zeigte. Es war zwar unhöflich, sie meinte es jedoch nur gut und stöberte deshalb ein wenig in den Hirnwindungen Lisas.
Gemeinsam würden die Schwestern Onkel Erwin Onkel Erwin sein lassen, gelegentlich bei ihm vorbeischauen und erreichbar sein, wenn er anrief.
Cynthias Eingriff in den Verstand ihrer Schwester, so hoffte sie, würde einen wohl verklemmten Stein in Lisas Gehirn ins Rollen bringen. Oder eher der geschleuderte Energieblitz?
Sie spürte, dass ihre Schwester jetzt auf dem richtigen Weg war. Lisa begann, selbst zu denken. Wann hatte sie wohl zuletzt an sich gedacht und nicht nur »was koche ich heute«?
Plötzlich klingelte Cynthias Telefon, Lisa am anderen Ende:
»Ich plane am Abend mit Waldemar einen Rundgang durchs Haus. Er wird ganz neue Räume kennenlernen. Weiß er überhaupt, wo die Waschküche ist und wie die Maschine und der Trockner funktionieren? Ach, noch was. Morgen möchte ich dich besuchen. Wir müssen etwas besprechen.«
»Schon wieder? Ich habe den Eindruck, unsere Gespräche enden sehr schnell, weil du so sensibel bist. Meine Holzhammermethoden verkraftest du nur schwer.«
»Gib mir noch eine Chance, ja?«
»Gut«, lenkte Cynthia ein. »Jeder verdient eine zweite Chance, oder eine dritte oder vierte. Bis dann.«
»Danke.« Beide legten auf.
Cynthia hatte den Glauben an die Menschheit nie aufgegeben.
Am nächsten Tag trippelte Lisa vor der Haustür nervös von einem Fuß auf den anderen, was Cynthia schadenfroh von drinnen beobachtete. Anscheinend war ihre Schwester aufgeregt. Hämisch wartete sie, bis die Klingel ertönte.
Langsam öffnete Cynthia, die spitze Zunge ständig bereit vorzupreschen.
»Was willst du? Hat Onkel Erwin das Besteck auf die falsche Seite gelegt?«
Ups, was war passiert? Ihre Schwester sah aus wie immer, nur in Farbe, geschminkt, in blauer Jeans und gelbem T-Shirt. Cynthia konnte sich nicht erinnern, wann Lisa das letzte Mal etwas anderes als Schwarz und Grau getragen hatte.
»Bevor du wieder deine Nettigkeiten loswirst, hör mir bitte zu. Hilf mir, so zu werden wie du. Ich meine es ernst, ich möchte von dir lernen, wie man selbstständig wird.«
»Das wird schwer für dich. Ich habe fast fünfundvierzig Jahre dafür gebraucht. Aber wir können es versuchen. Erste und einzige Regel: Mach was du willst, solange es keinem anderen schadet.«
»Das kann ich bestimmt.«
»Sei dir da nicht so sicher. Es ist härter als du denkst.«
»Ich bin bereit, von dir Ratschläge anzunehmen.«
»Gut, auf dem Weg zu einer frei entfalteten Persönlichkeit musste ich viele Rückschläge durchstehen. Sehr oft bin ich damit angeeckt.«
Lisa war entsetzt: »Iiiihhh, das möchte ich aber nicht. Alle sollen mich lieben.«
»Dann vergiss deinen Plan. Nie, nie, nie wird dich die ganze Menschheit auch nur ansatzweise mögen.« Cynthia verschränkte die Arme. »Und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Die Meinung anderer ist mir längst nicht mehr so wichtig wie früher.«
»Aber«, plötzlich schluchzte Lisa laut, »ich gestehe dir meinen Neid, und das ist kein schönes Gefühl. Bring mir Stärke bei, mach mich zur Powerfrau.«
»Ich habe gefühlte hundert Ratgeber gelesen und muss mich noch immer zur Konzentration auf mich selbst ermahnen.«
»Du sagtest doch, jeder hat eine weitere Chance verdient. Ich wäre bereit.«
»Mit meinen eigenen Worten geschlagen«, seufzte Cynthia resigniert. »Da kann ich wohl nicht ablehnen. Probieren wir es.«
Sie spürte Hoffnung für die Entwicklung ihrer Schwester. Eine neue Verbündete, die sie in ihre Künste einweihen konnte. Cynthia suchte eine Vielzahl von Büchern aus einem Regal, während Lisa ihr dabei zusah.
»Ich möchte alles lesen, das dir wichtig war. Hast du ein System in deinen Schriften? Hoffentlich nur gute Energie und weiße Magie.«
»Ähem«, hüstelte Cynthia, die auf dieses Thema ungern näher eingehen wollte.
Lisa formte die linke Augenbraue zum Fragezeichen. Das konnte sie fast so gut wie ihre Schwester. »Ich höre«, bohrte sie nach.
»Naja, eine Zeit lang dachtest du, schwarz sei super«, versuchte Cynthia abzulenken.
»Du kannst einen Pullover nicht mit Teufelszeug vergleichen. Gerade habe ich das Gefühl, eine Freundin gewonnen zu haben. Du musst auf der weißen Seite bleiben, auf der sicheren. Die andere ist gefährlich. Ich habe Angst um dich.«
»Ach was, ich weiß schon, was ich tue.«
»Wo hab ich den Satz erst neulich gehört? Ja, jetzt weiß ich’s wieder. Da war ein Bericht im TV über Menschen, die sich an einem Gummiseil in einen Abgrund stürzten.«
»Du meinst sicher Bungee-Jumping«, klärte Cynthia die Jüngere auf.
»Also, ›sicher‹ war nicht das erste Wort, das mir dazu einfiel.«
»Die Menschen brauchen den Nervenkitzel, und jeder holt ihn sich auf seine Art. Ich les eben manchmal gern in verbotenen Büchern. Soll ich dir eins für Einsteiger heraussuchen? Sie sind überaus interessant.«
»Auf gar keinen Fall, und du solltest auch die Finger davon lassen. Ich gehe jetzt und möchte von diesem Thema keinen Ton mehr hören. Gute Nacht.«
Ein paar Wochen später stand die Lernwillige erneut vor der Tür. Cynthia staunte nicht schlecht, als sie ihre veränderte Persönlichkeit erkannte.
Als sie erfuhr, dass Waldemar nach anfänglichen Schwierigkeiten gut mit seiner neuen Stellung im Haushalt zurechtkam, freute sie sich. Nach drei Monaten war seine Probezeit überstanden, ansonsten wäre ein Umzug auf ihn zugekommen. Eine eigene Wohnung, in der er die ganze Hausarbeit für sich alleine erledigen durfte. Lisa hätte ihn vor die Tür gesetzt. Aber so half Waldemar seiner Frau, diese konnte nach Onkel Erwin sehen und es blieb noch Zeit zum Studium von Cynthias Hexenbüchern.
Eines Morgens fand Cynthia einen weiteren Zettel im Briefkasten, wieder nur ein Satz, unterschrieben mit einem großen P.
»Harmonie ist wunderbar, schütze sie.«
»Wer ist P? Wann gibt sie oder er sich endlich zu erkennen«, fragte sie sich. »Warum erzählt Marius mir nicht, was er weiß?«
Die fabelhafte Frau Dreizehn
Cynthia Silbersporn hatte sich in ihrer hinteren Küche eine Tasse Tee gemacht. Nichts ging über eine Verabredung mit einem leckeren Gebäck und ihrem Lieblingstee.
Katze Diva strich um den Stuhl herum, auf dem Cynthia es sich gemütlich machen wollte. Ihre hochgelegten Beine boten eine waagrechte Fläche, die Diva gleich für sich beanspruchte. Eine Ruhepause soll gemütlich sein, und es ist wenig erholsam, wenn man eine Zehn-Kilo-Katze auf den Schenkeln hat, also versuchte sie, den Vierbeiner zu ignorieren.
Cynthia konnte viel, zum Beispiel bei guten Bekannten Gedanken lesen, oder ihre Ohren mit einem Bann belegen, der nur harmonische Töne durchließ. Sie hatte auch schon versucht, die Katze mit einem magischen Schalldämpfer auszustatten. Aber bei Diva versagte jegliche Zauberkunst. Der Vierbeiner war schon als junges Kätzchen mit dem Gesichtsausdruck einer Eroberin in dieses Haus marschiert, der Cynthia sagte, hier bin ich, hier bleib ich, ich werde es nie mehr verlassen. So, als hätte sie gleich die vorherrschende Magie gespürt, eine gute, manchmal auch böse Magie. Und Frauen, die Magie betreiben, werden im Volksmund ja gerne als Hexen bezeichnet. Wo eine Hexe ist, findet man auch fast immer eine Katze. Das wäre sonst wie ein Krimi ohne Leiche.
Die Katze war folglich ihr ganzes Leben lang von Magie umgeben und somit wohl immun geworden. Vermutlich hatte sie selbst so viel Talent entwickelt, dass die Mäusejagd auf telepathische Art ohne eigenen Körpereinsatz vonstattengehen konnte.
Den magischen Geschöpfen war Cynthias Beschäftigung mit dieser Materie anscheinend nicht entgangen, denn eines Tages erschien vor ihrem Küchenfenster eine übergewichtige Elfe und klopfte leise. Cynthia gab sich unerschrocken, denn sie war ja offen für alles und hatte schon immer die Existenz von Elfen geahnt, weshalb sie ohne zu zögern öffnete und die Gestalt hereinwinkte. Das schwere Wesen kam durchs Fenster geschwebt.
Es ist kaum vorstellbar, dass eine Hundert-Kilo-Elfe schwebt, aber so war es nun mal. Magie eben.
Diva war offensichtlich die freischwebende dicke, große Frau unheimlich. Zuerst schaute sie sich das Ganze misstrauisch an, dann verließ die Katzendame fluchtartig den Raum.
Die Elfe begann mit kräftiger Stimme zu sprechen:
»Ich habe dich beobachtet, dein Talent gesehen und möchte dich fördern. Wie du sicher erkannt hast, bin oder war ich mal eine Elfe. Meine Mutter war filigran und zierlich, eine Elfe wie aus dem Bilderbuch, mein Vater ein Bär von einem Elf. Das Ergebnis bin ich. Du kannst selbst sehen, wem ich nachschlage.«
»Und? Was gibt dir das Recht, durch meine Fenster zu spionieren? Was ich in meinen vier Wänden treibe, geht niemanden was an.« Ihr Gefühl, beschattet zu werden, hatte sie demnach nicht getäuscht.
»Lass mich bitte ausreden. Es gab in meiner Schule eine andere Elfe, die wollte mich nicht als ihresgleichen akzeptieren, weil ich damals schon viel mehr wog. Geboren wurde ich als Elfe, in meiner Pubertät mutierte ich zur Zwölfe, was meinen Klassenkameraden einen Angriffspunkt lieferte. Diese andere Elfe, oh wie dankbar bin ich Mutter Natur, wurde später dann selbst zur Zwölfe. Ich hatte mich jedoch weiterentwickelt, wurde und blieb eine Dreizehn. Ich hatte meine Bestimmung und meinen Körperumfang erreicht.«
Cynthia wurde langsam ungeduldig, unterbrach ihre Besucherin nicht, dachte aber: »Komm zum Punkt, Plapperzunge.«
»Die zurückgebliebene Zwölfe wird nie meine Stärke erreichen. Sie musste einen Zauberspruch täglich stundenlang und in großer Gemeinschaft wiederholen. Denn die Kraft eines Gedankens verstärkt sich, wenn er von mehreren oder vielen rezitiert wird.
Das war auch bei mir so, allerdings habe ich gelernt, dass man einen Spruch nicht Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr wiederholen muss, um ihm Kraft zu verleihen. Sieben Wiederholungen sind absolut ausreichend. Das große Ganze, das Universum, die kosmische Energie, oder wie immer es jeder für sich bezeichnen will, ist weder vergesslich noch schwerhörig.«
Langsam gefiel Cynthia die fantastische Vertreterin des magischen Reichs immer besser. Effizientes Hexen birgt sicher Vorteile.
»Natürlich haben auch Elfen, Zwölfen und ganz besonders Dreizehnen mal einen schlechten Tag. Wir sind keineswegs immer nur nett, das wäre ja langweilig. Manchmal haben meinesgleichen so was von gar keiner Lust dazu, und dann sind wir es einfach auch nicht. Es gibt kaum Schlimmeres für eine Dreizehn, als sich verstellen zu müssen. Das können Zwölfen schon besser, na, irgendwas kann ja jeder gut. Am besten gelingt es Elfen. Sobald sie wissen, was sie sind, denken die Dünnen an diese kleinen süßen Wesen aus den Kinderbüchern und glauben, sie müssten so sein und bleiben, durch die Luft flattern und vor sich hin kichern. Zwölfen wachen langsam auf und Dreizehnen trauen sich zu sein, wie sie sind. Noch Fragen?«
Diesen gewaltigen Redeschwall gab die Dreizehn ohne Luft zu holen von sich.
Cynthia Silbersporn war es neu, solange zuzuhören. Das Verb »sprachlos« hatte selten jemand für sie verwendet. Bei einer Unterhaltung mit ihrer Schwester Lisa übernahm stets sie die Rolle der Wortführerin. Und jetzt schwebte diese Hundert-Kilo-Dreizehn einen halben Meter über ihrem spiegelnden Küchenfußboden und ließ sie fünf volle Minuten in ihrem eigenen Haus nicht zu Wort kommen.
»Wie heißt du?«, war das erste, das Cynthia einfiel. »Bist du P?«
»Wer weiß? Nenn mich vorerst einfach Dreizehn.«
Es gefiel der geborenen Elfe scheinbar, ganz normal mit Cynthia reden zu können. Gerade weil sie von den meisten Menschen unbemerkt blieb, selbst wenn sie direkt vor ihnen schwebte.
»Möchtest du einen Tee mit mir trinken? Ich habe gerade frischen gemacht.«
»Ein guter Vorschlag, aber könnte er vielleicht noch Besuch von einem der drei Whisky-Brüder Jim, Jack oder Johnnie bekommen? Das hebt seine anregende Dynamik doch noch um einiges an.«
Das war eine Elfe, äh, Dreizehn nach Cynthias Geschmack. Gleich sprang sie auf, holte etwas Hochprozentiges und eine Tasse aus dem Schrank. Mit der Aufforderung »Bitte bedien dich«, landete der Whisky auf dem Tisch.
Die fabelhafte Frau Dreizehn ließ sich das kein zweites Mal sagen, schnappte sich die Flasche und schenkte großzügig ein. Sie ließ sogar noch etwas Platz für den Tee, den Cynthia in einer Kanne gebracht hatte.
»Und ich dachte, Elfen leben von Luft und Liebe.«
»Ja, glaubst du, davon hat sich dieser Körper so geformt? Das ist vielleicht für Elfen genug. Aber wenn du eine richtig schöne Dreizehn werden willst, dann sind Luft und Liebe ganz nett, reichen aber bei weitem nicht aus.«
Ein kräftiger Schluck verschwand aus der Tasse in Frau Dreizehns Kehle.
Cynthia trank sehr selten harten Alkohol. Sie hatte nur für Besuch oder besondere Anlässe eine kleine Auswahl im Schrank. Wenn einem eine Hundertkilodreizehn ins Haus platzte, konnte man das durchaus als besonderen Anlass bezeichnen, und so schenkte auch sie sich einen kleinen Tropfen in ihre Tasse ein, hob diese, um mit ihrer neuen Bekannten anzustoßen.
»Und was verschafft mir die Ehre, dich kennenzulernen?«, fragte Cynthia.
»Nun ja, wie gesagt, ich habe deine Begabung bemerkt. Aber nur Gift in den Tee. Das ist ja richtig altmodisch. Du kannst mehr, und ich bringe es dir bei. Außerdem gefällt es mir nicht, wenn Unschuldige vergiftet werden. Im Bekanntenkreis des Hausierers endete sicher nie ein Bekehrungsversuch tödlich. Eine kleine Magenverstimmung wäre ausreichend gewesen. Dann hätte er andere vor deinem Haus warnen können.«
»Und was willst du mir jetzt zeigen?«, motzte Cynthia, der es gar nicht gefiel, auf ihren ersten und bis jetzt auch einzigen Mord angesprochen zu werden.
»Zum Beispiel Dinge, die absolut unnachweisbar sind. Ich kann dir zeigen, wie du um ein Opfer eine Kugel entstehen lässt, aus der du sämtlichen Sauerstoff verbannst.«
»Gehört das zur schwarze Magie, und überhaupt, woher weißt du das mit dem Hausierer?«
»Wie gesagt, ich beobachte dich schon lange. Du warst damals zu beschäftigt und deshalb dein Empfang gestört. Aber ich war da. Und was heißt denn schon ›schwarze Magie‹? Vielleicht ein wenig grau. Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Meinst du, für den Mann macht es einen Unterschied, ob er vergifteten Tee bekommt oder durch schwarze Magie in deinem Garten landet?«
»Nein«, gestand Cynthia wortkarg.
»Also, hör zu. Ich nehme dich als Schülerin an. Das mache ich höchst selten. Du solltest das Angebot annehmen. Wenn du ablehnst, lösche ich einfach dein Kurzzeitgedächtnis, du wachst wie aus einem kleinen Schlummer auf, ich bin weg, und du wunderst dich, warum eine Flasche neben der Teekanne steht.«
»Mach das, ich weiß, was ich kann, und das hab ich mir alles selbst beigebracht. Eine Lehrerin ist in meinem Haus unnötig.«
»Hach, deine Sorte kenn ich. Seit zwanzig Jahren Autodidakt und glaubt, alles zu wissen. In dir steckt so viel Potenzial, lass es uns gemeinsam fördern.«
Cynthia schnaubte, nahm einen großen Schluck Tee, überlegte und räusperte sich schließlich.
»Nehmen wir mal an, ich stimme zu.«
»Jaaa?«, fragte die Dreizehn gedehnt.
»Wie lang ist deine Probezeit?«
»Häh? Meine Probezeit? Du wirst die Schülerin.« Frau Dreizehn stutzte.
»Und du möchtest das, ergo gebe ich dir Zeit, dich zu bewähren.«
»So habe ich zwar noch nie ein Lehrerin-Schülerin-Verhältnis begonnen, aber gut. Dein Anliegen beweist Willensstärke und ein Überzeugtsein von deinen Fähigkeiten. Wenn du in vier Wochen noch immer nicht mit mir arbeiten willst, verschwinde ich aus deinem Leben.«
»Dann bin ich dabei und zu allem bereit.«
»So habe ich dich von Anfang an eingeschätzt. Du bist wie jeder Mensch einmalig. Das ist bei den meisten auch gut so, die wären doppelt unmöglich auszuhalten. Aber du bist außergewöhnlich. Du hast die Fähigkeiten und bist begabt, eine gute Hexe zu werden.«
Plötzlich wurden sie von Beethoven aus dem Gespräch gerissen. Der Klingelton gefiel Cynthia mittlerweile recht gut, denn nur ihn hörte sie auch im Schlaf. Aufgeregt huschte sie zum Fenster und wieder zurück in die Küche.
»Schnell, versteck dich. Meine Schwester Lisa steht vor der Tür.«
»Keine Panik. Ich lege einen kleinen Sichtschutz auf, der macht mich für sie unsichtbar, einfach zu wenig magische Begabung.«
»Bist du sicher?«
»Sicher. Mach auf.«
Wieder klingelte es.
»Cynthia, bist du da?«, rief Lisa durch die geschlossene Tür.
»Komme ja schon«, antwortete Cynthia, öffnete und ließ Lisa herein.
Das Verhältnis der beiden hatte sich wesentlich gebessert, seit Lisa entdeckt hatte, wieviel Spaß es machte, als eigenständige Person zu leben, anstatt nur Anhängsel eines Mannes zu sein.
»Möchtest du etwas trinken?« Cynthia wollte sich wie immer verhalten.
»Ja, gern. Hast du Besuch?«
»Aber nein. Wer sollte denn mich besuchen?«
»Ich dachte, ich höre Stimmen.«
»Das kommt vor. Dafür gibt es Ärzte«, zog Cynthia ihre kleine Schwester auf.
Lisas Blick fiel auf die beiden Tassen und die Flasche auf dem Tisch.
»Du hattest also keinen Besuch?«
»Nein.«
»Dann hast du wohl aus zwei Tassen getrunken und deinen Tee aufgepeppt. Und ich soll mir Stimmen eingebildet haben? Also, wer wird jetzt seltsam?«
Lisa sah sich aufmerksam um und begann, durch die Zimmer zu wandern.
»Was suchst du?«, fragte Cynthia ihre Schwester, als diese wieder in der Küche ankam.
»Ich spüre die Anwesenheit von etwas, das ich noch nicht benennen kann.«
»Seit wann spürst du denn was?«
»Du hast mich in deine magischen Hobbys reinschnuppern lassen, und ich habe in jeder freien Minute geübt. Die Bücher habe ich zum größten Teil schon gelesen. Da oben ist ein Flimmern in der Luft wie bei einer Fata Morgana.«
Sie deutete genau auf die Stelle, an der Cynthia die Dreizehn mit aufgeblasenen Backen unterhalb der Küchendecke schweben sah.
Lisa stieg auf einen Stuhl und wollte mutig in das Schimmern greifen, das sich in die nächste Ecke verzog.
Cynthia stockte der Atem.
»Hast du das gesehen?«, fragte Lisa.
»Was? Lisa geht es dir gut? Möchtest du ein Glas Wasser?«
»Ich brauche kein Wasser. Ich kenne dich, seit ich auf der Welt bin, und ich weiß, wann du versuchst, etwas geheim zu halten. Was geht hier vor?«
Cynthia sah zur Decke und begegnete dem Blick der Dreizehn. Diese nickte ihr zu, ließ die angehaltene Luft ab und löschte ihren Sichtschutz. In dem Flimmern wurde die übergewichtige Elfe jetzt auch für Lisa sichtbar.
Diese ließ sich auf den Stuhl plumpsen, griff nach der Flasche und sagte: »Cynthia, ein Glas bitte. Ich brauch was zum Trinken. Den Tee kannst du weglassen. Ach was, das Glas kannst du auch weglassen.«
Sie nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche, hustete, kniff die Augen zusammen, um sie gleich wieder aufzureißen. Mit dem Ergebnis, dass da immer noch eine dicke Frau unter der Decke schwebte.
»In Ordnung. Du siehst sie auch, oder? Ich bilde mir das nicht ein und ich habe wirklich Stimmen gehört.«
»Ja, das ist eine Dreizehn, denn für eine Elfe ist sie ein wenig zu korpulent.«
»Eine einleuchtende Erklärung.« Lisa hatte sich offensichtlich von ihrem Schrecken erholt.
»Sie erschien heute Mittag schlagartig in meiner Küche.«
»Es gibt sie also wirklich.«
»Ich habe mit mehr Überraschung gerechnet. Vor ein paar Wochen wärst du ausgeflippt, wenn ich dir nur von ihr erzählt hätte.«
»Vor ein paar Wochen war ich noch ein dummes Ding. Du hast mir die Augen geöffnet und meine Fantasie vor dem Vertrocknen gerettet. Wie hast du das eigentlich gemacht? Jetzt kannst du es mir ja sagen.«
»Och, ein paar positive Affirmationen, gute Gedanken, reine Energie, hohe Schwingungen, ein Schuss Reiki, die passende Bewegung mit dem rechten Handgelenk, aber sonst nichts. Mal ganz unter uns: Ich konnte nur das ankurbeln, was in dir vorhanden war.«
»Hmh«, räusperte sich die Dreizehn an der Decke, wohl um sich in Erinnerung zu bringen.
Die Schwestern schauten nach oben. Lisas praktischer Sachverstand übernahm die Kontrolle. Cynthia sah, wie es ihr widerstrebte, sich mit einer Person zu unterhalten, die über ihr schwebte. Das war für sie ungewohnt.
»Könnten Sie sich wohl zu uns an den Tisch setzen, Frau Dreizehn?«, fragte Lisa. »Es redet sich angenehmer.«
Die Angesprochene war sichtlich irritiert. Offenbar war sie noch nie mit so viel Selbstverständlichkeit aufgenommen worden, wie bei Cynthia und ihrer Schwester. Vermutlich liefen die Menschen bei ihrem Anblick panisch davon, und die, die dablieben, fielen zumindest in Ohnmacht.
Sie seufzte, als ob Luft aus einem Ballon entweichen würde und sank, passend zu ihrem Seufzen, von der Decke auf einen Stuhl. Ihr Blick zeigte ihre Enttäuschung darüber, dass niemand überrascht war, eine Elfe, geschweige denn, eine Dreizehn zu sehen.
»Naja«, sagte sie, »wie es aussieht, muss ich mit meiner Lehrtätigkeit keineswegs bei null anfangen.« Sie lachte auf, versprach sich bestimmt einen großen Spaß davon. »Also gut, dann nehme ich euch beide als Schülerinnen auf. Das macht für mich keinen großen Unterschied, und wenn ich mal weg bin, könnt ihr gemeinsam üben. Die Nachbarn dürften sich mit Sicherheit bald vor euch in Acht nehmen.«
»Lisa, du musst wissen, dass ich eine Probezeit von vier Wochen ausgehandelt habe. Also eigentlich will ich nämlich gar keine Ausbildung bei ihr machen.«
»Bist du verrückt? Das ist doch totaler Quatsch. Die Möglichkeit, Schülerin einer Elfe zu werden, muss jeder magisch interessierte Mensch ergreifen, wenn sie sich ihm bietet. Man kann nicht alles aus Büchern lernen. Und du willst doch auch, dass so etwas wie mit ...«, an dieser Stelle deutete sie vage aus dem Fenster, »nie wieder passiert.«
»Stopp, kein Wort davon. Ich habe gesagt, du darfst nie darüber sprechen. Ich erzählte dir das nur, weil ich das Geheimnis mit jemandem teilen musste.«
Cynthia atmete tief ein und aus, bis sie ruhiger wurde. Sie wollte unbedingt etwas klarstellen und blickte zur Dreizehn.
»Du warst mal eine Elfe, und wir werden jetzt zu Hexen ausgebildet. Also nichts gegen dich persönlich. Aber warum kommt keine Hexe, um uns in die Lehre zu nehmen?«
»Personalknappheit.«
Verdutzt sahen sich Cynthia und Lisa an. Waren die alltäglichen Probleme also auch ins Land der Magie herübergeschwappt?
Die Dreizehn erklärte die Situation.
»Als ich das Studium der Elfen- und Feenwelt abgeschlossen hatte, war mir das Ganze zu nett. Zu viel Ausgeglichenheit schadete meinem inneren Gleichgewicht. Ich musste auch mal mit dem Kopf durch die Wand und am besten gleichzeitig mit dem Fuß aufstampfen. Ihr solltet wissen, mein Sternzeichen ist Rammbock, Aszendent Planierraupe. Da musste es ja wohl noch mehr geben als Kinder besuchen und drei Wünsche erfüllen. Und so belegte ich auf dem zweiten Bildungsweg ›Weiße Magie‹, und weil mir das noch immer nicht reichte, besuchte ich einen Abendkurs in ›Schwarzer Magie‹. Natürlich wurde der nur intern angeboten. Aber wo Neugier ist, gibt es auch einen Weg zum Lernen. Heute unterrichte ich allerdings nur noch weiße Magie, das muss euch klar sein. Ich bin, was die Hexerei angeht, ein Quereinsteiger, und dadurch kann ich euch genau dort abholen, wo ihr jetzt seid, weil auch ihr schon eine Vorbildung habt. Es macht mir Spaß, mit erwachsenen Menschen zu arbeiten, die lernen wollen. Das ist erfolgsorientierter als Kinder zu belehren, die auf eine Hexenschule geschickt werden, nur weil der Vater denkt, sein Kind sei hochbegabt. Es könne sich auf den Boden werfen und gleichzeitig seiner Frau auf der Nase herumtanzen.«
Cynthia und ihre Schwester sahen sich verständnisvoll an. Irgendwann hatte mal eine Generation vergessen, ihre Kleinen zu erziehen, und dass diese Regeln brauchten. Ein paar Augenblicke des Schweigens hing jeder seinen Gedanken nach, bis Lisa die Stille beendete.
»Gar kein Zweifel, du musst diese Ausbildungsstelle annehmen. Ich hatte schon Angst, die schwarze Magie zieht dich auf die dunkle Seite.«
»Toxikologie und schwarze Magie sind zweierlei. Aber gut, du hast mich überredet.«
»Cynthia, geh doch bitte die Tür öffnen. Wir bekommen Besuch. Ein gemeinsamer Freund von uns beiden«, bat die Dritte am Tisch.
Es hatte zwar nicht geläutet, aber wenn man von einer Dreizehn einen Auftrag bekommt, gibt es einen Grund dafür.
Marius Maca erreichte kurz nach Cynthias Öffnen die Tür und sah sie überrascht an.
»Hast du gewusst, dass ich komme?«
»Du wurdest mir von einer Dreizehn angekündigt.«
»Ist Pinky endlich da?«, fragte er erfreut. »Ich wusste, dieses Haus gibt mal einen magischen Treffpunkt.«
»So heißt sie also. Das ist P, richtig? Ihren Namen behielt sie bis jetzt für sich. Ich sollte einfach Dreizehn sagen.« Cynthia war leicht verärgert.
»Eigentlich heißt sie Rosa, aber das klang ihr zu brav.«
»Das glaube ich. Komm rein. Wir sind in der Küche.«
Marius folgte Cynthia und begrüßte zuerst Lisa, die er auch erst vor wenigen Wochen kennengelernt hatte, und danach seine langjährige Freundin Pinky.
»Lisa, schön dich wieder zu sehen. Und meine liebe Pinky, wie lange ist es her, seit wir uns getroffen haben? Du siehst wunderbar aus.«
»Ach du Schmeichler. Wir werden alle älter.« Eine leichte Röte überzog ihre Wangen.
»Die Alternative wäre jung sterben. Doch das wäre auch nicht erstrebenswert. Aber im Ernst, du strahlst wie Grace Kelly in ihren besten Tagen. Wie machst du das nur?«
»Auf jeden Fall fahre ich besser Auto. Außerdem sind Alter und Pflegetipps keine Gesprächsthemen, die ein Mann in einer Frauenrunde ansprechen sollte. Wenn du natürlich auf der Suche nach Hilfe vor dem sichtbaren Altern bist, kann ich dir gerne Nachhilfe geben.«
»Ach, lass gut sein. Du weißt, ich denke, Männer werden mit einem gewissen Alter erst interessant.«
»Ja, da habt ihr es besser. Frauen scheinen irgendwann unsichtbar zu werden.«
»Was willst du? Das hast du doch jahrelang geübt.«
»Ja, ich kann selbst entscheiden, wann ich unsichtbar bin und wann nicht. Aber viele sind sichtbar und werden dennoch kaum wahrgenommen.«
»Das haben sie doch selbst in der Hand.«
»Und auf dem Weg dahin ist es die Aufgabe der magischen Geschöpfe, wieder Farbe in die Welt zu bringen. Mit diesen zwei Frauen fangen wir an. Die sind, was den Buntheitsdurchschnitt angeht, weit oben. Wir nehmen dieses Haus als symbolischen Farbeimer, den wir über die Straße, über die Stadt, das Land und so weiter ausschütten.«
»Gut. Farbe und Magie für unsere Stadt. Ich bin dabei.«
Cynthia sah ihm an, dass er sich inmitten zwei neuer Hexenschülerinnen und der fabelhaften Pinky wohl fühlte.
»Lasst uns einen Spaziergang machen«, schlug die Dreizehn vor.
Cynthia und Lisa waren von den sich überstürzenden Ereignissen so überrumpelt, dass sie nur noch wie ferngesteuert aus der Hintertür traten und der mit großen Schritten voranschreitenden Pinky folgten. Marius bildete die Nachhut.
Nach einem kurzen Gang durch den Garten erreichte die kleine Gruppe eine Tür. Den Schlüssel trug Cynthia immer bei sich, sie wollte vortreten und aufschließen. Aber Pinky war schneller. Eine kleine Bewegung mit dem Zeigefinger in Richtung Schloss. Etwas Rauch kräuselte sich in der Luft, der nach Schwefel roch. Die Tür schwang auf und fiel wieder ins Schloss, nachdem die vier durchgetreten waren.
Wenige Minuten später kamen sie an eine kleine Straße, den Eingang zur Fußgängerzone.
»Folgt mir.« Marius übernahm die Führung. Er sprintete an einem Gebäude die Außentreppen hoch. Obwohl leicht übergewichtig, war sein Elan ungebremst.
Pinky folgte ihm mit kleinem Abstand. Cynthia merkte, wie schwer ihr das Laufen fiel, sonst schwebte sie wohl unsichtbar, wohin auch immer. Das war bestimmt angenehmer für die Knochen. Aber heute war die Dreizehn mit zwei Menschen in der Öffentlichkeit unterwegs.
Cynthia und Lisa folgten ihr schnaufend nach oben. Marius hatte die Aussichtsplattform über den Köpfen der Passanten erreicht und schaute, wo er mit dem Farbenspiel beginnen wollte.
»Seht nur, unendliche Möglichkeiten liegen vor uns. Fangen wir an. Ich nehme die Männer und du, Pinky, die Frauen.«
»Warum suchst du dir gleich wieder den interessanteren Teil aus?«
»Weil, wie du sagst, es der interessantere ist. Da gibt es mehr zu tun. Wenn du in den Kleiderschrank eines Mannes siehst, gibt es nur wenig Farbe. Dunkelschwarz, Hellschwarz, Schwarz mit einem Blaustich, Schwarz mit einem Grünstich, grau und beige. Das nennen diese Männer dann auch noch farbenfroh. Ach ja, manche haben noch etwas in Blau und die ganz Mutigen in Weinrot. Nichts gegen Weinrot, aber das gehört ins Glas.«
»Recht hast du. Sieh mal, dieser Herr da in Grau.«
»Tolle Beschreibung. Welchen von den dreißig meinst du?«
»Der direkt auf uns zukommt. Grauer Anzug, grauer Hut, schwarze Schuhe.«
»Ach den meinst du. Was ist mit ihm?«
»Ich werde seinen Hut weißzaubern.« Ein kaum merkliches Schnippen mit dem Finger in Richtung des Hutes.
»Weiß, ist ja fast schon die Abwesenheit von Farbe«, schnaubte Marius. »Sehr einfallsreich. Außerdem sagte ich, ich übernehme die Männer.«
»Ja, sagtest du. Aber das Verbotene macht mehr Spaß.«
»Jetzt zeige ich euch mal, wie das geht.«
Marius sah sich in der Menge um. Schnell hatte er ein Ziel entdeckt und deutete auf einen Mann in schwarzer Hose, schwarzer Lederjacke und grauem Hemd. Plötzlich war die Hose royalblau, die Jacke rot, und das Shirt blitzte grün hervor.
»Das nenn ich Farbe!«, rief euphorisch der Magier mit dem dicken Bauch.
»Überaus mutig«, traute sich Cynthia einen Kommentar abzugeben. »Aber darf man das, ohne zu fragen?«
»Ja. Man muss nur ein Gespür entwickeln, wer dazu innerlich bereit ist, sich jedoch äußerlich nicht traut. Seht euch sein Gesicht an. Ist doch herrlich?«
Der Mann in Farbe zeigte sich zunächst geschockt. Die Fragen Was ist geschehen? und Wo kommen die Sachen her? standen ihm ins Gesicht geschrieben und fanden keine Antworten. Sein Blick wurde von Marius angezogen. Er zwinkerte ihm kurz zu. Das irritierte, zerknitterte Gesicht entfaltete sich zusehends, strahlte Zufriedenheit aus.
Womöglich denkt er jetzt »Was sollen denn die Leute sagen?«, ging es Cynthia durch den Kopf. Aber die Leute reagierten positiv. Sie sahen ihn bewundernd an, nickten ihm zu. Erfreut über diesen Farbklecks, der den grauen Alltag auffrischte. Und mit jedem netten Blick, den er erhielt, wurden seine Schritte kraftvoller und sein Auftreten sicherer.
»Jetzt komm, hübsch eine Frau auf. Die da unten trägt Lila. Das lässt auf einen Sinn für Farbe schließen.« Marius schaute Pinky herausfordernd an.
»Gute Wahl. Aus Lila wird Pink. Das mach ich ganz flink. Einen Hut auf den Kopf, hebt die Laune beim Schopf.«
»Sehr schön«, applaudierte Marius.
Als Pinky, die Dreizehn, und Marius Maca, der Magier, die Welt bunter gemacht hatten, gingen alle vier wieder zu Cynthias Haus zurück.
Vor der Hintertür verabschiedete sich die fabelhafte Frau Dreizehn von ihren Schülerinnen. »Ich komme zurück und dann bringe ich euch bei, wie ihr eure Fantasie in Energie umwandelt und erfolgreich einsetzt.«
Mit einem Plopp löste sie sich in Luft auf.
Marius Maca verabschiedete sich mit dem Satz: »Schön, dass ihr euch endlich kennengelernt habt. Bis bald.«
»Komm rein, Lisa, ein Glas Rotwein wird das Erlebte abrunden. Ein Freund sagte mal, Bordeaux passt sich jeder Situation an.«
Das Kristall funkelte in der Abendsonne, die ins Haus flutete.
»Ein ereignisreicher Nachmittag, bin gespannt, wie das weitergeht«, sinnierte Cynthia, während sie die rote Flüssigkeit kreisen ließ.
»Auf keinen Fall langweilig.« Verträumt sah Lisa in die Ferne. »Also dieser Marius, ich muss schon sagen, ein sehr charismatischer Mann. Wirklich zu schade, dass er für die Frauenwelt verloren ist.«
»Erstens ist er nicht verloren, weil wir wunderbare Gespräche mit ihm führen können, ohne dass man denken muss, was meint der, will der jetzt was, und zweitens bist du verheiratet.«
»Ja, aber gucken und schwärmen darf ich wohl noch, oder?«
»Daran hindert dich niemand. Ein netter Blick freut jeden Mensch.« Cynthia prostete Lisa mit erhobenem Glas zu. »Auf die Vielseitigkeit.«
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