Читать книгу: «Mein letzter Flug»

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„Wie tief hinab reicht das Erinnern?“ Eines der Lebensthemen von Franz Fühmann war die literarische Vergegenwärtigung seiner Kindheit und Jugend, die er im Nachhinein als „eine gute Erziehung zu Auschwitz“ bezeichnete. Einzelne Etappen dieser Zurichtung zum Nationalsozialismus hat er rückblickend in Erzählungen festgehalten. Der von Uwe Wittstock herausgegebene Band löst diese Texte aus der Reihenfolge ihrer Entstehung und ordnet sie nach den Entwicklungsstadien der kindlichen Hauptfigur. Es sind (bis auf das Schlussstück „Kameraden“) alles Ich-Erzählungen und sie lesen sich im Zusammenhang wie ein Erziehungsroman der schwarzen Pädagogik, wie ein kleiner, finsterer Coming-of-age-Roman. Die Zusammenstellung kann so liefern, was zur Wirkung Fühmanns auf ein großes Lesepublikum immer fehlte: einen gut lesbaren, anschaulichen, sprachlich herausragenden, populären Roman.

Franz Fühmann

Mein letzter Flug

Roman einer Jugend unter Hitler in acht Erzählungen

Herausgegeben von Uwe Wittstock


Das Judenauto

Indianergesang

Der Jongleur im Kino oder Die Insel der Träume

Die Austreibung der Großmutter

Mein letzter Flug

Gebete zum Heiligen Michael

Die Verteidigung der Reichenberger Turnhalle

Kameraden

Den Katzenartigen wollten wir verbrennen

Meine Schulzeit im Dritten Reich

Nachwort

Das Judenauto

Wie tief hinab reicht das Erinnern? Ein warmes Grün, das ist in meinem Gedächtnis wohl das früheste Bild: das Grün eines Kachelofens, um dessen oberes Bord sich das Relief eines Zigeunerlagers gezogen haben soll, doch das weiß ich nur noch aus den Erzählungen meiner Mutter, keine Anstrengung des Hirns bringt mir dies Bild zurück. Das Grün aber habe ich behalten: ein warmes Weinflaschengrün mit stumpfem Glanz, und immer, wenn ich mir dieses Grün vor Augen führe, fühle ich mich leicht über den Dielen in Lüften schweben: Ich konnte, wie Mutter erzählte, die Zigeuner nur sehen, wenn Vater mich zweijährigen Knirps in die Höhe hob.

Dann folgt in meinem Gedächtnis etwas Weiches und Weißes, auf dem ich unendlich lange Zeit stillsitzen und dabei in ein sich auf- und abwärts krümmendes Schwarz starren mußte, und dann eine Höhle Holunder mit einer Bank und einem Mann drauf, der nach Abenteuern roch und mich auf seinem Knie reiten ließ und mir ein Stück wunderbar süßer Wurst in den Mund schob, die ich gierig kaute, und diese Erinnerung ist verbunden mit einem Schrei und einem Sturm, der plötzlich Mann und Laube von mir fortriß, um sie jählings ins Nichts zu wirbeln. Es war natürlich keine Sturmbö, es war der Arm der Mutter, der mich aus der grünen Höhle gerissen hatte, und auch der Schrei war der Schrei ihres Entsetzens gewesen: Der Mann, dessen Knie mich gewiegt hatte, war eine der Spottfiguren des Dorfs: ein heruntergekommener Großbauer, der, auf säbelkrummen Beinen einherschwankend, die Dörfer nach Brot und Schnaps zu durchbetteln pflegte, und der Geruch wilder Abenteuer war sein Atem von Brennspiritus und die Wurst ein Abfall der Roßschlächterei. Jedenfalls muß es herrlich gewesen sein, auf seinen Knien zu reiten: Es ist dies das erste Bild, das ich heute noch ganz deutlich vor mir sehe, und ich war damals drei Jahre alt.

Von da an folgen die Bilder dichter und dichter: die Berge, der Wald, der Brunnen, das Haus, der Bach und die Wiese; der Steinbruch, in dessen Grotten die Geister, die ich mir ausdachte, hausten; Kröte; Hornisse; der Käuzchenruf; die Vogelbeerenallee vor der grauen Fabrik; der Jahrmarkt mit seinem Duft von türkischem Honig und dem Drehorgelgeschrei der Schaubudenausrufer und schließlich die Schule mit ihrem kalkgetünchten, trotz der hohen Fenster stets düstren Korridor, durch den aus allen Klassenräumen heraus die Menschenangst wie ein Nebelschwaden kroch. Die Gesichter der Lehrer habe ich vergessen; ich sehe nur noch zwei verkniffne graue Augen über einer langgezognen messerscharfen Nase und einen von Ringen gekerbten Bambusstock, und auch die Gesichter der Mitschüler sind blaß und unscharf geworden bis auf ein braunäugiges Mädchengesicht mit schmalem, kaum geschwungnem Mund und kurzem hellem Haar über der hohen Stirn: Das Gesicht, vor dessen Augen man die seinen, zum ersten Mal durch eine rätselhafte Macht verwirrt, niedergeschlagen hat, man vergißt es nicht, auch wenn danach Bittres geschehen ist …

Eines Morgens, es war im Sommer 1931, und ich war damals neun Jahre alt, kam, wie immer wenige Minuten vor dem Läuten, das Klatschmaul der Klasse, die schwarzgezopfte, wie ein Froschteich plappernde Gudrun K. wieder einmal mit ihrem Schrei: »Ihr Leute, ihr Leute, habt ihr’s schon gehört!« in die Klasse gestürzt. Sie keuchte, da sie das schrie, und fuchtelte wild mit den Armen; ihr Atem flog, doch sie schrie dennoch: »Ihr Leute, ihr Leute!« und rang im Schreien schnaufend nach Luft. Die Mädchen stürzten ihr wie immer entgegen und umdrängten sie jäh wie ein Bienenschwarm seine Königin; wir Jungen jedoch achteten kaum auf ihr Getue, zu oft schon hatte das Klatschmaul etwas als Sensation ausgeschrien, was sich dann als Belanglosigkeit entpuppte. So ließen wir uns in unserm Tun nicht stören: Wir diskutierten gerade die neuesten Abenteuer unsres Idols Tom Shark, und Karli, unser Anführer, machte uns vor, wie man nach dessen Manier den gefährlichsten Wolfshund im Nu erledigt: ein fester Griff in den Rachen, dorthin, wo die Zähne am spitzesten stehn, den Oberkiefer festgehalten, den Unterkiefer hinuntergerissen, den Schädel im Wirbel gedreht und dem Tier einen Tritt in den Kehlkopf – da hörten wir aus dem Schwarm der Mädchen einen schrillen Schrei. »Iii, wie gräsig!« hatte eines der Mädchen geschrien, ein ganz spitzes quiekendes Iii des panischen Schreckens; wir fuhren herum und sahen das Mädchen stehen, die Hand vor dem weit offenen Mund und in den Augen das blanke Entsetzen, und die Gruppe der Mädchen stand vor Schauder gekrümmt. »Und dann rührn sie das Blut mit Nullermehl an und backen draus Brot!« hörten wir Gudrun hastig berichten, und wir sahn, wie die Mädchen sich schüttelten. »Was erzählst du da für ’n Quatsch!« rief Karli laut. Die Mädchen hörten nicht. Zögernd traten wir zu ihnen. »Und das essen sie dann?« fragte eine mit heiserer Stimme. »Das essen sie dann zu ihrem Feiertag, da kommen sie zu Mitternacht alle zusammen und zünden Kerzen an, und dann sagen sie einen Zauber, und dann essen sie das!« bestätigte Gudrun mit keuchendem Eifer. Ihre Augen brannten. »Was für ein Zauber?« fragte Karli und lachte, aber das Lachen klang nicht echt. Plötzlich fühlte ich eine seltsame Angst. »So red schon!« schrie ich Gudrun an, und auch die anderen Jungen schrien, und wir drängten uns um die Mädchen, die Gudrun umdrängten, und Gudrun wiederholte, in hastigen, fast schreienden Sätzen, ihren Bericht: Ein Judenauto sei, so sprudelte sie heraus, in den Bergen aufgetaucht und fahre abends die wenig begangenen Wege ab, um Mädchen einzufangen und zu schlachten und aus ihrem Blut ein Zauberbrot zu backen; es sei ein gelbes, ganz gelbes Auto, so redete sie, und Mund und Augen waren vor Entsetzen verzerrt: ein gelbes, ganz gelbes Auto mit vier Juden drin, vier schwarzen mördrischen Juden mit langen Messern, und alle Messer seien blutig gewesen, und vom Trittbrett habe auch Blut getropft, das hätten die Leute deutlich gesehen, und vier Mädchen hätten sie bisher geschlachtet, zwei aus Witkowitz und zwei aus Böhmisch-Krumma; sie hätten sie an den Füßen aufgehängt und ihnen den Kopf abgeschnitten und das Blut in Pfannen auslaufen lassen, und wir lagen übereinandergedrängt, ein Klumpen Entsetzen, der kreischte und bebte, und Gudrun überschrie unser Grauen mit schriller Käuzchenstimme und beteuerte, obwohl niemand ihre Erzählung anzweifelte, gierig, das sei alles wirklich wahr, sie hätte das Judenauto ja selbst gesehen. Wenn sie gestern nach Böhmisch-Krumma gegangen wäre, um Heimarbeit auszutragen, hätte sie das Judenauto mit eigenen Augen sehn können: gelb, ganz gelb, und vom Trittbrett das tropfende Blut, und ich starrte Gudrun ins Gesicht, das rot war, und dachte bewundernd, daß sie ein tolles Glück gehabt habe, nicht abgeschlachtet worden zu sein, denn daß das Judenauto durch die Felder fuhr und Mädchen einfing, daran zweifelte ich keinen Augenblick.

Ich hatte zwar noch keinen Juden gesehen, aber ich hatte aus den Gesprächen der Erwachsenen schon viel über sie erfahren: Sie hatten alle eine krumme Nase und schwarzes Haar und waren schuld an allem Schlechten in der Welt: Sie zogen den ehrlichen Leuten mit gemeinen Tricks das Geld aus der Tasche und hatten die Krise gemacht, die meines Vaters Drogenhandlung abzuwürgen drohte; sie ließen den Bauern das Vieh und das Korn wegholen und kauften von überallher Getreide zusammen, gossen Brennspiritus drüber und schütteten es dann ins Meer, damit die Deutschen verhungern sollten, denn sie haßten uns Deutsche über alle Maßen und wollten uns alle vernichten – warum sollten sie dann nicht in einem gelben Auto auf den Feldwegen lauern, um deutsche Mädchen zu fangen und abzuschlachten? Nein, ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß das Judenauto existierte, und auch die Worte des Lehrers, der unterdessen die Klasse betreten und die Nachricht vom Judenauto, die alle Münder ihm zugeschrien, für wenig glaubwürdig erklärt hatte, änderten an meinem Glauben nichts. Ich glaubte an das Judenauto; ich sah es gelb, ganz gelb zwischen Kornfeld und Kornfeld fahren, vier schwarze Juden mit langen, spitzigen Messern, und plötzlich sah ich das Auto halten und zwei der Juden zum Kornfeld springen, an dessen Rand ein braunäugiges Mädchen saß und einen Kranz blauer Kornraden flocht, und die Juden, Messer zwischen den Zähnen, packten das Mädchen und schleppten es zum Auto, und das Mädchen schrie und ich hörte ihren Schrei und ich war selig, denn es war mein Name, den sie schrie. Laut und verzweifelt schrie sie meinen Namen; ich suchte nach meinem Colt, doch ich fand ihn nicht, und so stürzte ich mit bloßen Händen aus meinem Geheimgang hinaus und sprang die Juden an. Den ersten Juden schmetterte ich mit einem Schlag gegen das Kinn zu Boden; dem zweiten Juden, der das Mädchen schon hochgehoben hatte, um es in den Wagen zu wälzen, schlug ich mit der Handkante ins Genick, so daß auch er zusammensank; der Jude am Steuer gab Gas, und der Wagen schoß auf mich zu, doch darauf war ich natürlich gefaßt gewesen und schnellte zur Seite; das Auto schoß vorbei, ich sprang auf sein Heck, zertrümmerte mit einem Faustschlag die Wagendecke, drehte dem Juden auf dem Beifahrersitz das Messer aus der zustoßenden Hand, warf ihn aus dem Wagen, überwältigte den Juden am Steuer, bremste, sprang ab und sah im Gras vorm Kornfeld ohnmächtig das Mädchen liegen und ich sah ihr Gesicht, das vor mir reglos im Gras lag, und plötzlich sah ich nur ihr Gesicht: braune Augen, ein schmaler, kaum geschwungner Mund und kurzes, helles Haar über der hohen Stirn, und ich sah Wangen und Augen und Lippen und Stirn und Haar, und mir war, als sei dies Gesicht immer verhüllt gewesen und ich sähe es das erste Mal nackt. Scheu befing mich; ich wollte wegsehn und konnte es doch nicht und beugte mich über das Mädchen, das reglos im Gras lag, und berührte, ein Hauch, mit meiner Hand ihre Wange und mir wurde flammend heiß, und plötzlich brannte meine Hand: ein jäher Schmerz; mein Name dröhnte in mein Ohr; ich fuhr auf und der Lehrer hieb mir ein zweites Mal das Lineal über den Handrücken. »Zwei Stunden Nachsitzen«, schnaubte er, »ich werd dir das Schlafen im Unterricht schon austreiben!« Die Klasse lachte. Der Lehrer schlug ein drittes Mal zu; die Hand schwoll auf, doch ich biß die Zähne zusammen: Zwei Bänke vor mir saß das Mädchen, dessen Gesicht ich im Gras gesehn hatte, und ich dachte, daß sie jetzt als einzige nicht über mich lachen würde. »Im Unterricht schlafen – glaubt der Kerl, die Bank sei ein Bett!« Der Lehrer hatte das als Witzwort gesprochen, und die Klasse brüllte vor Lachen. Ich wußte, daß sie niemals über mich lachen würde. »Ruhe«, schrie der Lehrer. Das Lachen verebbte. Die Striemen auf meiner Hand wurden blau.

Nach dem Nachsitzen traute ich mich nicht nach Hause; ich grübelte, da ich langsam die Dorfstraße hinaufging, nach einer glaubwürdigen Ausrede und kam schließlich auf den Gedanken, zu Haus zu erzählen, ich hätte dem Judenauto nachgeforscht, und so bog ich, um nicht von der Hauptstraße, sondern von den Feldern aus nach Haus zu kommen, von der Straße ab und ging einen Feldweg hinauf, den Bergen zu: Kornfelder rechts und Wiesen links, und Korn und Gras wogten mir übers Haupt. Ich dachte nicht mehr ans Nachsitzen und nicht mehr an das Judenauto; ich sah das Gesicht des Mädchens in den Wellen der Gräser und im Korn sah ich ihr helles Haar. Die Wiesen dufteten sinnverwirrend, das pralle Fleisch der Glockenblumen schwang blau in der Höh meiner Brust; der Thymian sandte wilde Wellen betäubenden Duftes; Wespenschwärme brausten bös, und der Mohn neben den blauen Raden glühte, ein sengendes Gift, in hitzigstem Rot. Die Wespen schwirrten wild um mein Gesicht; die Sonne dünstete; die Grillen schrien mir eine irre Botschaft zu, große Vögel schossen jäh aus dem Korn auf; der Mohn neben den Raden lohte drohend, und ich war verwirrt; ich war bisher arglos in der Natur gestanden wie eins ihrer Geschöpfe, eine Libelle oder ein wandernder Halm, doch nun war mir, als ob sie mich von sich stieße und ein Riß aufbräche zwischen meiner Umwelt und mir. Ich war nicht mehr Erde und nicht mehr Gras und Baum und Tier; die Grillen schrien, und ich mußte dran denken, daß sie beim Zirpen die Flügel aneinanderrieben, und plötzlich kam mir das schamlos vor, und plötzlich war alles verändert und wie zum ersten Mal gesehn: Die Kornähren klirrten im Wind, das Gras schmiegte sich weich aneinander, der Mohn glühte, ein Mund, tausend Münder der Erde, der Thymian brodelte bitteren Dunst, und ich fühlte meinen Leib wie etwas Fremdes, wie etwas, das nicht Ich war; ich zitterte und fuhr mit den Fingernägeln über die Haut meiner Brust und zerrte an ihr; ich wollte schreien und konnte doch nur stöhnen; ich wußte nicht mehr, was mir geschah, da kam, Korn und Gras zur Seite drängend, ein braunes Auto langsam den Feldweg herunter.

Da ich es wahrnahm, schrak ich zusammen, als sei ich bei einem Verbrechen ertappt worden; ich riß die Hände von meiner Brust, und das Blut schoß mir jäh in den Kopf. Mühsam sammelte ich meine Gedanken. Ein Auto; wie kommt ein Auto hierher? dachte ich stammelnd, da begriff ich plötzlich: Das Judenauto! Ein Schauer überrann mich; ich stand gelähmt. Im ersten Augenblick hatte ich zu sehn vermeint, daß das Auto braun war; nun, da ich, entsetzt und von einer schaurigen Neugier gestachelt, ein zweites Mal hinblickte, sah ich, daß es mehr gelb als braun war, eigentlich gelb, ganz gelb, ein grellgelber Ton, und hatte ich anfangs nur drei Personen drin gesehen, so hatte ich mich sicher getäuscht, oder vielleicht hatte sich einer geduckt, sicher hatte sich einer geduckt, es waren ihrer vier im Wagen und einer hatte sich geduckt, um mich anzuspringen, und da fühlte ich Todesangst. Es war Todesangst; das Herz schlug nicht mehr; ich hatte sein Schlagen nie wahrgenommen, doch jetzt, da es nicht mehr schlug, fühlte ich es: ein toter Schmerz im Fleisch, eine leere Stelle, die, sich verkrampfend, mein Leben aussog. Ich stand gelähmt und starrte auf das Auto und das Auto kam langsam den Feldweg herunter, ein gelbes Auto, ganz gelb, und es kam auf mich zu und da, als habe jemand einen Mechanismus in Gang gesetzt, schlug mein Herz plötzlich wieder, und nun schlug es rasend schnell, und rasend überschlugen sich meine Gedanken: schreien, davonlaufen, im Korn verstecken, ins Gras springen, doch da fiel mir in der letzten Sekunde noch ein, daß ich keinen Verdacht erregen durfte und daß ich nicht merken lassen durfte, daß ich wußte, daß es das Judenauto war, und so ging ich, von Grauen geschüttelt, mäßigen Schritts den Feldweg hinunter, mäßigen Schritts vor dem Auto, das Schritt fuhr, und mir troff der Schweiß von der Stirn und ich fror zugleich, und so ging ich fast eine Stunde, obwohl es zum Dorf nur ein paar Schritte warn. Meine Knie zitterten; ich dachte schon, daß ich umfallen würde, da hörte ich, wie einen Peitschenschlag knallend, eine Stimme aus dem Wagen: ein Anruf vielleicht oder ein Befehl, und da wurde mir schwarz vor den Augen; ich spürte nur noch, wie meine Beine liefen und mich mit sich nahmen; ich sah und hörte nichts mehr und lief und schrie, und erst als ich mitten auf der Dorfstraße stand, zwischen Häusern und unter Menschen, wagte ich keuchend, mich umzuschaun, und da sah ich, daß das Judenauto spurlos verschwunden war.

Natürlich erzählte ich am nächsten Morgen in der Klasse, daß mich das Judenauto stundenlang gejagt und fast erreicht habe und daß ich nur durch ganz tolles Hakenschlagen entkommen sei, und ich schilderte das Judenauto: gelb, ganz gelb, und mit vier Juden besetzt, die blutige Messer geschwungen hatten, und ich log nicht, ich hatte alles ja selbst erlebt. Die Klasse lauschte atemlos; sie hatte mich umdrängt und sah mich bewundernd und auch neidvoll an; ich war ihr Held und hätte jetzt an Karlis Stelle ihr Anführer werden können, doch das wollte ich gar nicht, ich wollte nur einen Blick und wagte doch nicht, ihn zu suchen. Dann kam der Lehrer; wir schrien ihm die ungeheure Nachricht ins Gesicht; fiebernd schilderte ich meine Erlebnisse, und der Lehrer fragte nach Ort und Zeit und Umständen, und ich konnte alles genauestens angeben, da waren keine Mogeleien und Widersprüche, da gab es nichts als unwiderlegliche Tatsachen: das gelbe, ganz gelbe Auto, die vier schwarzen Insassen, die Messer, das Blut am Trittbrett, der Feldweg, der Befehl, mich zu fangen, die Flucht, die Verfolgung, und die Klasse lauschte atemlos, da hob das Mädchen mit dem kurzen, hellen Haar die Hand, und nun wagte ich, ihr ins Gesicht zu sehen, und sie wandte sich halb in ihrer Bank um und sah mich an und lächelte, und mein Herz schwamm fort. Das war die Seligkeit; ich hörte die Grillen schreien und sah den Mohn glühn und roch den Thymianduft, doch nun verwirrte mich das alles nicht mehr, die Welt war wieder heil und ich war ein Held, dem Judenauto entronnen, und das Mädchen sah mich an und lächelte und sagte mit ihrer ruhigen, fast bedächtigen Stimme, daß gestern ihr Onkel mit zwei Freunden zu Besuch gekommen sei; sie seien im Auto gekommen, sagte sie langsam, und das Wort »Auto« fuhr mir wie ein Pfeil ins Hirn; in einem braunen Auto seien sie gekommen, sagte sie, und sie sagte auf die hastige Frage des Lehrers, sie seien zur gleichen Zeit, da ich das Judenauto gesehn haben wollte, den gleichen Feldweg hinabgefahren, und ihr Onkel habe einen Jungen, der am Wiesenrand gestanden habe, nach dem Weg gefragt, und der Junge sei schreiend davongelaufen, und sie strich die Zunge über ihre dünnen Lippen und sagte, ganz langsam, der Junge am Weg habe genau solche grünen Lederhosen getragen wie ich, und dabei sah sie mich freundlich lächelnd an und alle, so fühlte ich, sahen mich an und ich fühlte ihre Blicke bös wie Wespen schwirren, Wespenschwärme über Thymianbüschen, und das Mädchen lächelte mit jener ruhigen Grausamkeit, deren nur Kinder fähig sind, und als dann eine Stimme aus mir herausbrüllte, die blöde Gans spinne ja, es sei das Judenauto gewesen: gelb, ganz gelb und vier schwarze Juden drin mit blutigen Messern, da hörte ich wie aus einer anderen Welt durch mein Brüllen ihre ruhige Stimme sagen, sie habe mich ja selbst vor dem Auto davonlaufen sehen. Sie sagte es ganz ruhig, und ich hörte, wie mein Brüllen jählings abbrach; ich schloß die Augen, es war Totenstille, da plötzlich hörte ich ein Lachen, ein spitzes, kicherndes Mädchenlachen wie Grillengezirp schrill, und dann toste eine brüllende Woge Gelächter durch den Raum und spülte mich fort. Ich stürzte aus der Klasse hinaus und rannte aufs Klosett und schloß hinter mir zu; Tränen schossen mir aus den Augen, ich stand eine Weile betäubt im beizenden Chlorgeruch und hatte keine Gedanken und starrte die schwarzgeteerte, stinkende Wand an und plötzlich wußte ich: Sie waren dran schuld! Sie waren dran schuld, sie, nur sie: Sie hatten alles Schlechte gemacht, was es auf der Welt gibt, sie hatten meinem Vater das Geschäft ruiniert, sie hatten die Krise gemacht und den Weizen ins Meer geschüttet, sie zogen mit ihren gemeinen Tricks den ehrlichen Leuten das Geld aus der Tasche, und auch mit mir hatten sie einen ihrer hundsgemeinen Tricks gemacht, um mich vor der Klasse zu blamieren: Sie waren schuld an allem; sie, kein andrer, nur sie! Ich knirschte mit den Zähnen: Sie waren schuld! Heulend sprach ich ihren Namen aus; ich schlug die Fäuste vor die Augen und stand im schwarzgeteerten, chlordünstenden Knabenklosett und schrie ihren Namen: »Juden!« schrie ich und wieder: »Juden!«, und wie das nur klang: »Juden, Judenl«, und ich stand heulend in der Klosettzelle und schrie Juden Juden Juden Juden, und dann erbrach ich mich. Juden. Sie waren schuld. Juden. Ich würgte und ballte die Fäuste. Juden. Juden Juden Juden Juden. Sie waren dran schuld. Ich haßte sie.

Indianergesang

Rothäutig kam die Dämmrung. Heroisch war der Tod.

Miklós Radnóti

GING GEI

DALLIMONI DILLIMONI NASSE

GING GEI

Gl GING GEI GA

GING GEI

DALLIMONI DILLIMONI NASSE

GING GEI

Gl GING GEI GA

BELLA BELL BELLAMA

BELLA MATSCHE BELLA MO

BELLA BELL BELLAMA

BELLA MATSCHE BELLA MO

TSCHALLAWEI TSCHALLAWEI

TSCHALLAWEI TSCHALLAWEI

WUMBA WUMBA

WUMBA WUMBA

– und mehr bedarf’s nicht, um diesen faszinierenden Schall zu bannen, denn wem hier noch nicht der Rauch der Prärie in die Nüstern und das Heulen der Squaws vor dem Marterpfahl ans Herz gestiegen ist, der braucht gar nicht mehr weiterzulesen. Uns jedenfalls überwältigten diese Verse beim ersten Hören, und wir begannen, als sie der Herr Kaplan mit uns für das große Missionsfest einstudierte, ihren Rhythmus sogleich an Ort und Stelle zu stampfen, und wenn auch keiner von uns gerade des Lesens mächtig gewordenen Landjungens Latein verstand, begriffen wir doch sofort, daß das herrliche Wort BELLA etwas mit Krieg zu tun haben mußte, denn schon bei der ersten Probe wechselten wir, ohne daß uns der Herr Kaplan besonders hätte darauf hinweisen müssen, an dieser Stelle aus unserm bis dahin gleichmäßig im Kreise trabenden Trott mit dem linken Fuß in den ersten Tritt eines savannenfressenden Stechschritts über und drückten die Knie durch und wölbten die Brust und reckten die Hälse und schmetterten blitzenden Auges: BELLA!, schallend aus den Fanfaren der Kehlen: BELLA!, und die Mauern und Zäune und Gatter sanken in sich zusammen, und der Herr Kaplan rief begeistert: »Gut so, Buben, brav so, recht so, singt’s so laut, wie daß ihr’s könnt!«, und er sprang, seine Kutte raffend, mit einem Satz an die Spitze unseres der noch fernen Schlacht entgegendürstenden Kriegszugs, und es hätte weder seiner hochgeschleuderten und drei Marschtakte lang über unseren Köpfen geschüttelten Faust noch dann des dämpfenden Zeichens der nun weitgespreizt mehrmals nach vorne wippenden Hand bedurft, um uns das MATSCHE, mit aller Stimmkraft bis zum Versiegen des Atems gebrüllt, das nach einem hastigen Luftholen folgende BELLA MO hingegen verhaltener, doch in einem unwiderstehlich wuchtigen Stoß endend, über den entsetzt sich duckenden Schulhof senden zu lassen. Wir hatten diesen Gesang im Blut, als wäre er uns an der Wiege gesungen worden.

Was Wunder, daß sich da Schritt und Ton von selbst ergaben; es konnte einfach nicht anders sein. GING GEI – die Stille, zerschlitzt und zerbeilt, klafft auf wie eine Nacht oder eine Felswand, und die Indianer brechen herein. Sie tragen Federn auf dem Kopf wie Geier, ihre Gesichter sind von schwarzen und roten Zonen durchquert, und in ihren Fäusten blitzen Klingen. Ihre Augen sind ins Weiße gezerrt, und ihre offenen Münder dampfen. Sie brechen ganz langsam herein wie ein Verhängnis, das hoffnungsverheißend gerade dann zögert, da es beschließt, von nun an unaufhaltsam zu sein, und so machen sie denn, indes ihre Äxte und Messer scheinbar unentschlossen warten, zwischen GING und GEI und auch noch nach dem GEI eine furchtbare Pause, und rings das lebendige Gras wird grau. Es müßte in Mürbheit zerbröckeln, da die Erde vor Angst den Atem anhält, doch da federt es schon wieder frisch und grün unterm Fuß der neuen Herren, denn nun sind die Indianer da, als seien sie es schon immer gewesen und es habe niemals diese Welt gegeben ohne sie und ihren Gesang: GING GEI DALLIMONI DILLIMONI – seht: da laufen sie in einem unermeßlich weit den Horizont begrenzenden Bogen; DALLIMONI DILLIMONI NASSE: leicht und locker, ihre Oberkörper wie Kronen im heiteren Atem des Kriegsgotts wiegend, laufen sie sich im lässigen Gliederlüften Savannen um Savannen ein, bis sie plötzlich mit einem Ruck ins ungeheure Stampfen des Heerzugs hinüberwechseln: BELLA, und da erzittert die Erde und reißt, und die Krieger wölben die Brust wie einem Himmel den Kugeln entgegen, die ihnen nun aus allen Blockhäusern und Forts der Bleichgesichter entgegenrasen, doch immer herrischer dröhnen die Füße: BELLA BELL BELLAMA, und wenn nun auch das Gras rings rot wird und die Schlünde der berstenden Steppe sich stumm mit Hinabgesunkenen füllen und wieder eben werden und sich erheben und zu Bergen wachsen: BELLA! BELL BELLAMA! BELLA MATSCHE! BELLA MO – o ihr Brüder in der Bläue des Schweigens, o ihr Berge am Weg, o ihr Blumen so rot –, und nun, da der rammende Stoß noch einmal zu neuem Anlauf zurückschnellt, beginnt die Rache zu brodeln: TSCHALLAWEI TSCHALLAWEI – wehe euch, wehe; so saust es im Brand, ehe die Flamme herausschlägt, so siedet die Kampflust in den Nieren, so duckt sich der Tod zum Sprung, und so schleichen die Seinen: geduckt, hinuntergeduckt ins wandernde Lauern der Beile und Messer, deren Schneiden unhörbar zischen wie Vipern: TSCHALLAWEI TSCHALLAWEI –

»Schalawei«, unterbrach uns da der Herr Kaplan, »es heißt schalawei, Buben, nicht tschallawei, so belehrte er uns mit einer geduldigen Freundlichkeit, wie wir sie bisher von ihm, dem vor allem ob seiner Schläge auf die Knöchel und Fingernägel gefürchtetsten aller Lehrer, bisher nicht gekannt hatten, und er blieb auch das zweite Mal noch nachsichtig und war es unbegreiflicherweise selbst dann noch, als er mich Übeltäter mit Namen nannte. Nun hätte ich mich ja nie erdreistet, anders singen zu wollen, als der Kaplan es uns vorgelesen:

GING GEI

DALLIMONI DILLIMONI NASSE

GING GEI

Gl GING GEI GA

GING GEI

DALLIMONI DILLIMONI NASSE

GING GEI

Gl GING GEI GA

BELLA BELL BELLAMA

BELLA MATSCHE BELLA MO

BELLA BELL BELLAMA

BELLA MATSCHE BELLA MO

SCHALAWEI SCHALAWEI

SCHALAWEI SCHALAWEI

WUMBA WUMBA

WUMBA WUMBA,

allein als Indianer sang ich dann so selbstverständlich TSCHALLAWEI, daß ich gar nicht gemerkt hatte, falsch zu singen, und als ich nach der Belehrung durch den Herrn Kaplan meine Aufmerksamkeit ganz auf dieses Wort versammelte, platzte ich nach dem verhallenden MO einen halben Schritt zu früh in die Pause, und beim nächsten Mal, als ich auf die Pause achtete, sang ich gegen meinen Vorsatz wieder TSCHALLAWEI. Der Herr Kaplan ließ halten.

»Warum singst du denn immer so graulich falsch, Pepperl?« fragte er.

Diese unerwartete Frage an Stelle der längst fälligen Schläge überrumpelte mich, und ich sagte ohne Bedenken: »Weil es tschallawei heißt«, und die Klasse lachte.

Der Herr Kaplan erwies sich zu unserer Überraschung plötzlich als ein Mann von Witz. »Ha«, sagte er, »schau an, der Peppi kann Indianisch! Da legst dich nieder! Daß der Peppi ein sehr ein gescheites Köpferl hat, wissen wir alle, aber daß er gar Indianisch kann, hab ich nimmer gewußt!« Die Klasse lachte herzlich, genauer gesagt, nur die Jungens der Klasse, denn die Mädchen übten in der Turnhalle einen chinesischen Kirschblütentanz, und man hörte sie manchmal mit ihren dünnen Stimmen etwas wispern, das wie MING MANG MAU PING PANG PAU TSCHING TSCHANG TSCHAU klang und uns derart albern vorkam, daß wir gar nicht mehr darauf achteten. Die Klasse also lachte, und ich nahm es als Zustimmung. Natürlich konnte ich nicht Indianisch, aber daß es TSCHALLAWEI heißen müsse, schien mir so unabdingbar, daß mir darüber weder das Unerhörte meiner Widersetzlichkeit noch das der unheimlichen Güte des Herrn Kaplan bewußt wurde. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich von dem Gefühl erfüllt, vollständig recht zu haben, wie etwa der Ahorn recht hat, wenn seine Blätter gezackt und seine Früchte geflügelt sind, und ich glaubte ganz arglos, daß etwas, was mir derart selbstverständlich erschien, jedem anderen, wenn man es ihm nur sagte, auch so erscheinen müsse. Die Klasse also lachte, und ich nahm es als Zustimmung, doch der Herr Kaplan schüttelte sanft den Kopf. »Es heißt aber schalawei, Pepperl«, sagte er und zog das abgegriffene Büchlein, aus dem er uns den Gesang vorgelesen hatte, aus der Kuttentasche und schlug es auf. Er brachte die an den Ecken graugewetzten Blätter nur mit Mühe voneinander, schließlich aber hielt er nickend inne und hob das aufgeschlagene Büchlein wie die Hostie nach der Wandlung in die Höhe und schwenkte es, obwohl keiner von uns aus dieser Entfernung die Schrift entziffern konnte, langsam im Halbkreis, dann senkte er es wieder in Augenhöhe, räusperte sich und las uns vor. »Hier steht’s, Buben«, sagte er und äugte dabei über das Büchlein hinweg in unsere Mienen, »hier steht’s genau. ›Schalawei, schalawei, schalawei, schalawei‹, und danach ›wumba, wumba, wumba, wumba‹«, so las er Wort um Wort aus dem Drucktext, »lies selbsten, Pepperl!«

Meine Arglosigkeit war hilflos rein. Ich trat vor, und der Herr Kaplan hielt mir das Buch unter die Nase, und sein Daumennagel unterstrich die fragliche Zeile. Es war ein wulstig-runder, mit paarig abstehenden borstenhaften Härchen besetzter Daumen, sein Nagel war wachsweiß und rosig, und über ihm stand in fettig-verschmierten Buchstaben viermal das Wort SCHALAWEI, und hierhin paßte es genau.

Ich nickte.

»Lies laut vor, Pepperl«, sagte der Herr Kaplan. »Schalawei, schalawei, schalawei, schalawei«, las ich ohne Stocken, und dann fügte ich, zu dem nur wenig größeren Lehrer aufsehend, treuherzig hinzu: »Aber tschallawei ist halt viel schöner, Herr Kaplan!«

Über dem Schulhof leuchtete der bergegesäumte Himmel, und in der Luft war ein Gewoge von Amselschall. Ich erinnere mich nicht mehr, wie sich die Klasse verhielt, da ich sagte, daß TSCHALLAWEI viel tausendmal schöner als SCHALAWEI sei, genauer: ich nahm es wohl schon damals nicht wahr; der Eifer besseren Wissens hatte mich beseelt wie einen Heiligen, der den Schlangen oder einem Regen predigt, allein ich glaube, daß die Klasse nicht atmete. Hingegen weiß ich genau, daß der Herr Kaplan fast bittend sagte: »Aber so steht’s doch gedruckt, Peppi, und der hochwürdige Herr Erzbischof selbsten hat es so gutgeheißen«, und indem er dies sagte, klappte er das Büchlein zu und sah einen Augenblick wie träumerisch durch den graugrünen Einband mit der Weltkugel und dem Kreuz der Leiden, dann schlug er es mir von der Seite her auf den Nasenflügel und sagte dabei ganz leise und gelassen: »Schalawei!«

»Schalawei«, wiederholte er und schlug mit dem Büchlein auf die andere Seite. Ich fühlte keinen Schmerz, nur ein dumpfes Schwellen und hörte dazu die Stimme mit überwältigender Gleichtönigkeit sagen: »Es heißt schalawei!« Ich fühlte keinen Schmerz, das sagte ich schon, und ich fühlte auch nicht Wut und nicht Trotz und nicht einmal Angst, mich erfüllte nur ein vollkommen traumhaftes Verwundern über den Eintritt etwas gänzlich Unmöglichen, denn daß die Berge am Horizont einstürzten, das konnte wohl sein, sie waren ja alt, und in ihrem Inneren wühlten Gnome, daß die Vögel plötzlich mit Menschenstimme redeten, hatte Siegfried erlebt, warum sollte da nicht auch unsereins es erleben, daß aber SCHALAWEI das Richtige war, das konnte nicht sein, doch der dritte Schlag traf mit dem Buchrücken die Nasenspitze, und während nun der schießende Schmerz die Trümmer des Verwunderns fortriß, duckte der in den Winkel zwischen Backe und Nasenflügel geführte vierte die endlich zum Ausbruch gesammelte Empörung sofort wieder ins Dunkel des Schädels hinunter, und der in den anderen Nasenwinkel fahrende fünfte schließlich zog einen Schleier vor die Berge, und der Amselruf war in den drei Silben verschollen, die mich zugleich mit den Schlägen erschüttert hatten: »Scha!! – la!! – wei!!«

Lief Blut über meine Lippen? Ich spürte es nicht. »Alstern, wie heißt’s?« fragte der Herr Kaplan. »Schalawei«, sagte ich, den Mund unbeholfen unter der aufgedunsenen Nase bewegend und von nichts als der zuckenden Hoffnung erfüllt, das nun folgende Verhör durch zufriedenstellende Antworten möglichst rasch beenden zu können.

Der Herr Kaplan nickte und schlug mit dem Buchrücken bedächtig in die Nasenwurzel an der Unterkante der Augenbrauen. Dahin hatte er noch nie geschlagen; es tat furchtbar weh, und ich riß unwillkürlich den Arm zum Schutz hoch, doch da brauchte der Herr Kaplan nur ein wenig mit den Fingern zu schnalzen, schon packten zwei Freunde meine widerspenstigen Hände und hielten sie übereinandergekreuzt auf meinem Rücken fest.

»Ha«, sagte der Herr Kaplan befriedigt und steckte, dieweil er sich auf die Zehenspitzen erhob und mich unter bedeutungsvollem Nicken musterte, das Büchlein in die Kuttentasche. »Ha«, sagte er, und der Eifer schob seine Stirn auseinander, »warum hast’s dann nicht gesungen, wenn du’s also weißt?« Er packte, ohne eine Antwort abzuwarten, mein Ohrläppchen und drehte es über das Oberglied des zusammengeklappten Zeigefingers nach oben und drückte dabei mit der wachsenden Kraft einer Schraubenstange den eisenharten Untergliedknochen dieses Fingers unterm Muschelansatz ins Innenohr. Ich schrie auf und verstummte sofort wieder, da mein eigenes Schreien mich stach; der Druck über die ineinandergestauchten Gehörknöchelchen auf das Trommelfell war unerträglich; mein Schädel begann mit rauschendem Krachen zu bersten, und ich wimmerte ergeben, daß ich nichts wisse; ich war nichts als zerspringender Schmerz und Ergebung, und mein Wimmern war die Bereitschaft, alles nur Gewünschte zu sagen, doch der Herr Kaplan hatte Zug, Drehung und Druck dermaßen verstärkt, daß meine eigenen Laute mich ärger als Schläge trafen und noch mein Geheul sein Verbündeter war. »Antworten sollst!« schrie der Herr Kaplan und riß mich am Ohr in die Höhe, und meine Freunde rissen mich zugleich an den Händen nach unten; in diesem Augenblick muß es aber auch geläutet haben, denn die Mädchen kamen von der Turnhalle her über den Schulhof, und das rettete mich.

Sie hatten die Haare zu Zöpfen geflochten und hüpften im Gänsemarsch, und an ihrer Spitze hüpfte die auch alltags bezopfte Handarbeitslehrerin; sie trugen alle eine Dotterblume oder einen Löwenzahn über der Stirn, und sie hüpften trippelnd in engen Sprüngen von einem Fuß auf den andern und hoben und senkten im Gleichtakt zu ihrem zirkelnden Gehüpf die aus den Fäusten ragenden Zeigefinger zwischen Hüfte und Schulter, so daß sich der linke erhob, wenn der rechte sich senkte, und dazu sangen sie: MING MANG MAU PING PANG PAU TSCHING TSCHANG TSCHING TSCHANG TSCHING TSCHANG TSCHAU, und das war derart komisch, daß die Klasse laut lachte und selbst den Herrn Kaplan ein Schmunzeln ankam. Dabei entrutschte mein Ohr seiner Hand; der Schmerz der plötzlichen Befreiung hackte wie ein Beil, doch er zerhackte auch die schädelaufstemmende Schraube des Ertaubens und vergönnte sogar mir ein Grinsen über die Gänse, die Chinesinnen sein wollten und eben nur blöde trippelnde Gänse aus Neutätschl waren, und als nun auch noch vom nahen Kirchhölzchen her mit rußgeschwärzten Gesichtern die Kleinsten gelaufen kamen und Eschenschößlinge schüttelten, als ob das Watussispeere wären, und dazu KUNGO KUNGO KUNGO HUUH KUNGO KUNGO KUNGO HUUH kreischten und sich kreischend und fratzenschneidend mit den übers Gaffen verstummten Mädchen im neugierigen Kreise zusammendrängten, da wußte ich wieder und wußte es so innig wie nie, daß ich ein Indianer war und am Marterpfahl stand und die große Prüfung vor aller Welt in Ehren bestehen werde.

Dieses Wissen war ein heiliger Vorsatz, doch es hatte auch einen festen Grund. Es hatte ja schon geläutet; nach spätestens fünf Minuten mußten wir in eine andere Stunde, und so dachte ich, der Herr Kaplan werde mir zum Abschluß noch ein paar Ohrfeigen geben und mich dann laufenlassen, und ich dachte, daß er sich, wie es seine Art war, mit gegrätschten Beinen vor mich hinstellen und mir, den ganzen Oberleib drehend, mit durchgestrecktem Arm abwechselnd links und rechts ins Gesicht schlagen und daß ich bei jedem Schlag TSCHALLAWEI sagen werde, immer nur TSCHALLAWEI, nichts anderes als TSCHALLAWEI, diesen herrlichen Kriegsruf meines Stammes, der im Geheul der Coyoten das Herz berauscht: TSCHALLAWEI TSCHALLAWEI TSCHALLAWEI TSCHALLAWEI, und die Squaws drängten sich mit den Kindern dichter, und ich streckte Hals und Haupt und atmete noch in Fesseln die reine freie Luft der Verachtung, und der Schwarze Häuptling winkte die Squaws und die Kinder näher und brüllte und stampfte vor ihnen seinen Kriegsgesang, und ich hörte trotz des noch dumpfen Ohrs verklärt, daß er schrie, eine solch eine Verstocktheit wie die meine habe er noch nicht erlebt, und ich wolle klüger sein als alle Lehrer und gar als der hochwürdige Herr Erzbischof selbsten, und vor so einer Hoffart würde sich sogar der Satan im Höllenfeuer verschrecken, der Hochmutsteufel, der mehr hat sein gemocht als der Herrgott, doch jetzt würd sich’s zeigen, wer im Recht sei, jetzt würd er mir meinen Schneid schon abkaufen, und er trat vor mich hin, und sein Atem beschlug mein Gesicht wie Dampf, und ich biß grimmig die Zähne zusammen und sah über die Schulter des Feinds den makellosen Glanz des Himmels auf mich schauen und schloß geblendet die Augen und hörte den pfeifenden Atem der Squaws und war bereit; und dann geschah alles in entsetzlich langsamer Schnelle. Der Widersacher sprang auf meine Zehen und griff mir mit vollen Fäusten rechts und links der Schläfen ins Haar und zerrte es mit einem solchen Ruck schräg nach oben, daß mein Fleisch in einer jähen Panik des Schmerzes bis zum Ende begriff, wie ein Skalp genommen wurde; die Wurzel eines jeden Haares stand plötzlich in Weißglut; mein Schädel begann rundum zu brennen, und er brannte und brannte und verbrannte doch nicht; es war das Höllenfeuer, das solcherart lohte, und ich saß darin und heulte aus seinen Flammen, daß ich ein elender Bub sei, ein rotziger Bengel, ein frecher, aufsässiger dummer Lauser, der noch nicht einmal wisse, daß es SCHALAWEI heiße, SCHALAWEI, SCHALAWEI, und ich gurgelte SCHALAWEI, und das Feuer fraß sich ins Hirn und knisterte SCHALAWEI, tausendmal SCHALAWEI, und es wurde dunkel und das Feuer fraß weiter, und als dann die Fäuste des Herrn Kaplan mit einem armseligen Büschelchen Haar in die Höhe fuhren, ließ der Brand ein zusammengekrümmtes Häuflein aschig glühenden Schmerzes zurück, und durch das Läuten, das den Schulhof zertoste, ging sieghaft die schwarze Kutte des Herrn Kaplan.

Mittags beim Heimweg dann trottete irgendeine der Squaws an meiner Seite. »Der hat dich aber arg abg’straft, der Herr Kaplan«, schnatterte sie mitleidig, »was hast denn getan?«

Ich zuckte so lässig, als ich konnte, die Schulter. Auf meinen Schläfen zischte noch Glut. Die Squaw ließ nicht locker. Schließlich sagte ich ihr, daß ich statt SCHALAWEI TSCHALLAWEI gesungen hätte.

Die Squaw schnaubte. »A so a gemeiner Kerl, a gemeiner«, sagte sie entrüstet, »wegen einer so einer Kleinigkeit …«

»Das ist keine Kleinigkeit«, sagte ich scharf.

Sie lachte kicksend in ihrer Dummheit. »Das ist doch egal, ob das tschallerwei heißt …«

Begannen meine tausend Wunden nicht wieder zu bluten? Stürzte der Himmel nicht splitternd zusammen? Mein Herz schrie vor Empörung, und ich dachte der Lästerin den blöden Zopf um den Hals zu schlingen und sie zu erdrosseln, doch ich wußte, daß wir Indianer uns nicht an wehrlosen Squaws vergreifen, und gar noch an gelben, und so bezwang ich denn meinen heiligen Zorn. »Das ist nicht egal«, sagte ich mit keuchender Ruhe, »was verstehst denn du! Es ist der Indianergesang, weißt du, und der muß gesungen werden, wie’s richtig ist! Das ist fein was anderes als euer blödes Kinesergedudel! Das darf net a jeder singen, wie er grad will!«

Sie sah mich ehrfürchtig an, und Mustangs schrien, und Büffel stampften, und über der Prärie lag betörender Rauch. Ich war plötzlich von Mitleid erfaßt, daß sie nur eine Chinesin war und ihr Bruder nur einer der Neger, und ich ertrug ihre Unwissenheit mit schulterzuckender Geduld. Ihr Blick war treuherzig wie eine Linde; sie trug eine Löwenzahnblume über der Stirn, und der Saft aus dem Stengel hatte ihr schwarze Kringel auf die Haut gemalt, und das rührte mich. »Es ist der echte Indianergesang«, sagte ich mit erläuternder Milde, »da ist ein jedes Wort ganz genau vorgeschrieben, aber ganz genau, sonst wär’s ja kein echter Indianergesang!« Sie verstand in stummer Bewunderung; sie war bei ihrem Haus angelangt, doch sie lief weiter an meiner Seite, und ich duldete es. »Der Herr Kaplan hat ganz recht«, sagte ich, »wenn er also streng ist, das muß so sein!« – »War’s arg?« flüsterte sie scheu. Ich nickte fast unmerklich, so wie man Selbstverständlichkeiten eben seine Zustimmung gibt. Sie sah mich seufzend an und hatte große Augen unter der Löwenzahnblüte, und ich spürte voll Inbrunst und Glück das Feuer auf meinen Schläfen und hob den Kopf und schaute über die stumme Prärie in den Himmel, der seinen Glanz spannte über uns Indianer und auch noch über die anderen Völker der Welt.

Der Jongleur im Kino oder Die Insel der Träume

Ich hatte ihn bis zu jenem Tage nicht gesehen, und ich weiß heute, daß ich ihn nie wieder sehen werde. Es hatte geklingelt; es war ein Uhr mittags, und es hatte geklingelt, wie es um diese Zeit immer zu klingeln pflegte. Ich wollte aus der Bibliothek, wo ich nach den mir streng verbotenen und vor mir auch ängstlich verwahrten anatomischen Büchern meines Vaters gestöbert hatte, zur Korridortür schlendern (früher war ich geeilt, aber nun, nach einem halben Jahr meines Amtes, schlenderte ich nur noch), da fiel mir ein, daß ich ja heute nicht öffnen durfte. Ich war allein in der Wohnung; Mutter war mit dem Dienstmädchen und der Sprechstundenhilfe ins nächste Dorf gegangen, wo es besonders saftige Birnen zu kaufen gab, und Vater war weit weg auf Hausvisiten und würde nicht vor drei Uhr wieder zu Hause sein. Pech gehabt, mein Guter da draußen, ich kann’s nicht ändern!

Ich wollte mich gerade wieder den Regalen zuwenden, da klingelte es abermals, und war das erste Klingeln kurz und zaghaft gewesen wie immer, klingelte es jetzt beharrlich laut. Das hatte ich noch nie erlebt. Bislang waren immer Minuten vergangen, ehe einer dieser Bettler um Essenreste, die sich jeden Mittag bei uns einzufinden pflegten, es wagte, ein zweites Mal zu klingeln, und wenn er es wagte, tippte er noch zaghafter als beim ersten Mal auf den Knopf. Plötzlich ärgerte mich das Verbot, jemandem zu öffnen, wenn ich allein war. Was sollte geschehen? Schließlich war ich zehn Jahre alt und würde nächsten Herbst aufs Gymnasium kommen!

Ich trat in den Korridor und sah vor der Mattglasfüllung der Treppentür schattenhaft eine schmale Gestalt. Wer mochte das sein? Plötzlich ärgerten mich alle diese Verbote: das Verbot, mit den Nachbarskindern zu spielen, weil ihre Eltern nur Fabrikarbeiter waren und noch dazu sonntags nie in die Kirche gingen; das Verbot, mich schmutzig zu machen und, wie alle anderen Kinder, die freilich geflickte Kleidung trugen, zur Schneeschmelze auf dem Hosenboden den Berghang hinunterzurutschen; das Verbot, den Leierkastenmann auf seinem Weg durchs langgestreckte Städtchen zu begleiten; das Verbot, die Bücher meines Vaters durchzublättern; das Verbot, mit dem einen, wie sehr man ihn auch mochte, zu sprechen und einem anderen, den man verabscheute, unfreundlich zu begegnen, und vor allem natürlich das Verbot, heute abend der Eröffnung des ersten Kinos der Stadt beizuwohnen, wo nach einer Festansprache meines Vaters, des Vorsitzenden des städtischen Bildungsvereins, der Film »Die Insel der Träume« gezeigt werden würde. Die Insel der Träume – und ich, der ich Träume wie Märchen liebte, dermaßen, daß sie mich auch tags überfielen, ich sollte sie nicht betreten dürfen? Und ich sollte nicht einmal öffnen dürfen, wenn es klingelte und ich allein war? Zum Teufel, ich durfte, ich war ja schließlich zehn Jahre alt und würde nächsten Herbst aufs Gymnasium gehen.

Plötzlich – es geschah dies alles in Sekundenschnelle –, plötzlich haßte ich auch mein Amt, den klingelnden Bettlern die Korridortür zu öffnen, sie auf der Treppenstufe Platz nehmen zu heißen und ihnen nach meinem Ermessen einen Teller mit Suppe oder eine Portion Kartoffelbrei oder Knödelscheiben mit etwas Soße oder sonstige Überbleibsel des Mittagessens auf die Knie zu stellen und ihnen, die sofort hungrig zu schlürfen und schlingen begannen, einen guten Appetit zu wünschen. Es war dies mein Amt seit einem halben Jahr, und mein Vater hatte es mir, dem faulen Schüler, übertragen, damit ich mit eigenen Augen sähe, auf welcher Stufe, wörtlich genommen (und diese hier war die achtzehnte Stufe vom Hausflur unten zum Korridor oben, und sie war, wie die ganze Treppe, mit einem braungelben, liliengemusterten, schon ziemlich abgewetzten Stoff überspannt) – auf welcher Stufe also Menschen landeten, die nichts Ordentliches gelernt hatten und darum im Leben nichts taugen konnten. Anfangs hatte ich dies Amt geliebt und voll Eifer versehen. Nun haßte ich es.

Es hatte das dritte Mal geklingelt, und nun eilte ich zur Tür, und da ich hineilte, wünschte ich, daß nun ein Abenteuer ohnegleichen geschehe, daß ein orientalisches Märchen in meinen eintönigen, von Ver- und Geboten der Standesgemäßheit wie von unübersteigbaren Mauern umzirkten engen Alltag breche und Harun al Raschid vor der Tür stehe oder Ali Baba mit dem Schlüssel zum Sesam oder gar Sindbad der Seefahrer, um mit mir nach der Insel der Träume zu segeln – warum denn nicht, es konnte doch möglich sein? Ich packte die Klinke, da fiel mir ein, daß mein Vater mir oftmals warnend gesagt hatte, es gebe böse Menschen, die sich an Kindern vergingen, doch ich hatte mir nie etwas darunter vorstellen können. Was sollte das heißen: sich an Kindern vergehen? Plötzlich wünschte ich einen Augenblick lang, ein Mörder trete über die Schwelle. Ich dürstete nach dem Abenteuer. Ich würde ihn schon bändigen. Ich war ja zehn Jahre alt und würde nächsten Herbst aufs Gymnasium kommen.

Da ich die Tür aufriß, sah ich, zunächst maßlos enttäuscht, daß er fast genauso aussah wie alle Männer, die bei uns mittags zu klingeln pflegten: schlecht rasiert, aber sauber gewaschen (oh, das erkannte ich nun auf den ersten Blick), in einem Anzug steckend, der sich bemühte, korrekt auszusehen, obwohl er an den Ärmeln, am Knie, an den Rocktaschen und sicher auch am Gesäß gestopft war, den Kopf gebeugt, die Augen auf die schmutziggrauen, an der Spitze aufgespaltenen Schuhe gerichtet und aus dieser Gebärde der Demut schamvoll leise die Worte stammelnd: »Ich wollte nur fragen, ob vielleicht Reste vom Mittagessen übriggeblieben sind, junger Herr?« – Der da vor mir stand, war unrasiert, aber sauber gewaschen; sein Anzug war an den Ärmeln, am Knie, an den Rocktaschen und sicher auch am Gesäß gestopft; seine schmutziggrauen Schuhe waren an der Spitze bleckend gespalten, aber sein Kopf war nicht gesenkt, und statt auf seine bleckenden Schuhspitzen sah er mir gerade ins Auge, und das verwirrte mich.

Ich trat einen Schritt zurück.

»Ich möchte bitt schön Ihren Herrn Vater sprechen, junger Herr«, sagte er zu mir und setzte, was kein anderer gewagt hätte, den Fuß auf die Schwelle.

»Da müssen Sie schon in die Sprechstunde gehen«, erwiderte ich, »die Praxis ist im Erdgeschoß, und die Sprechstunde beginnt um drei, aber heute kommen nur Vorbestellte dran!«

»Ich muß Ihren gnädigen Herrn Vater privat sprechen, junger Herr«, sagte der Mann und trat in den Korridor.

Nun erschrak ich doch.

»Vater ist vor drei Uhr nicht zurück«, sagte ich und fühlte sofort, daß es eine entsetzliche Dummheit gewesen war, was ich da gesagt hatte. Plötzlich hatte ich Angst wie noch nie zuvor; es war die Angst des verirrten Knaben im Wald, da der Wolf erscheint und der Jäger fern ist. Der Mann schloß hinter sich die Tür; ihre Angeln knirschten leise, da er sie zuzog, und dieses Knirschen zersägte meinen Magen und meine Milz. Mir wurde übel. Das Schloß schnappte ein, so schnappt das Schloß in der Kammer des Menschenfressers. Wir waren allein: er und ich und ringsum taube Wände. Plötzlich verstand ich das Verbot, einem Fremden zu öffnen, wenn außer mir niemand mit im Hause war. Der Mann kam auf mich zu – was fletschst du so die Zähne, Mann; was hast du für große Augen, Mann, was hast du für Krallen an den Händen, Mann –, und der Mann kam auf mich zu; ich wich zurück, und der Mann kam mir nach und stand schon vor der Tür des einzigen Zimmers, von dem aus ich auf die Straße um Hilfe hätte rufen können und an dem ich Blödling vorbeigelaufen war. Alle anderen Fenster, die mir nun noch erreichbar waren, führten auf den Hof oder in den Garten, und die lagen ein Stockwerk tief, und dort war kein Mensch. Plötzlich spürte ich, was ich noch nie gespürt hatte: das Tosen meines Herzens. Ich wich, mit den Sohlen den Boden schleifend, zur Küchentür am Ende des Korridors zurück. Der Mann folgte mir. Der Korridor war mit einem Mal so kurz wie mein Atem.

Wuchs denn noch immer kein diamantener Wall zwischen ihm und mir? Kam mir denn immer noch kein Cherub mit flammendem Schwert zu Hilfe? Von der Magengrube drang schmerzhaft etwas Sperriges und Schweres die Kehle höher und höher und begann würgend meinen Schlund zu füllen.

Ich schluckte und keuchte.

»Ich kann Ihnen Schweinebraten mit Kraut und Knödel geben«, stammelte ich heiser, »ein tüchtiges Stück Braten, es bleibt uns übrig, wir hatten Gäste erwartet«, und da ich dies sagte, begriff etwas Fremdes in mir sofort meine dritte Blödigkeit. In den nächsten Minuten müßten die Gäste kommen und ich hörte sie schon auf der Treppe, das hätte ich sagen sollen, sagte das Fremde in mir mit schepperndem Lachen, aber ich hatte das Gegenteil gesagt, und der Mann kam, ohne zu antworten, unaufhaltsam näher und sah mir starr ins Gesicht.

Er war der Mörder, und er kam auf mich zu. Die Korridortür war unerreichbar. Die einzige Tür zu einem Fenster, aus dem ich um Hilfe auf die Straße hätte rufen können, lag im Rücken des Mannes. Es gab nur noch eines: die Küchentür aufreißen, mit einem Satz in die Küche mich flüchten, hinter mir zuschließen, durchs Küchenfenster in den Hof hinunterspringen und, wenn die Knochen heil geblieben waren, von dort aus auf die Straße fliehen. Ja, das war die Rettung, und ich sah gehetzt nach der Küchentür, da sah ich mit Entsetzen, daß der Schlüssel von außen stak und daß, ehe ich ihn würde herausziehen können, die Hand des Mörders mich unfehlbar ereilen müsse. Denn daß er ein Mörder war, wußte ich jetzt, und jetzt, da es zu spät war, begriff ich, Epiphanie der rasenden Angst, mit einem Male auch alle Verbote. Zu spät, zu spät … Meine Haut wurde naß, mein Denken zerschmolz. Einen Tritt, dachte ich noch, denn ich kannte bereits die Stelle, dahin ein Tritt lähmend war, aber da berührte der Mörder mit seinem Leib schon fast meine Brust, und ich konnte den Fuß nicht mehr heben, den Tritt zu tun, und da ich den letzten Schritt zurückwich, spürte ich im Rücken den kalten, runden Stahl eines Pistolenlaufs: Der Komplize stand also bereits auf der Küchenschwelle! Meine Knie wankten; ich begann nach hinten zusammenzusacken, doch da schlug ich mit den Schulterblättern auf Holz und wußte noch vorm Zusammenbrechen, daß es der Küchenschlüssel gewesen war, der sich mir in den Rücken gebohrt hatte, und meine flatternden Hände versuchten, ihn doch noch, ohne daß ich mich umdrehte, zu fassen, da aber legte mir der Mann schon seine mörderische Rechte auf die Schulter, und da wurde meine Unterhose schmutzig, und da wollte ich noch einmal alle Kraft zusammenraffen, den Mann fortzustoßen, und hatte doch nicht mehr die Kraft zu atmen, und da dachte ich, daß ich auf die Knie fallen und den Mörder um mein junges Leben bitten müsse, doch da war der Korridor schon ganz schwarz, und da sah ich schon den Mörder nicht mehr und sah gar nichts mehr und hörte mein Herz und hörte ein Dröhnen, und der Korridor dröhnte, und da er dröhnte, verschwamm die Finsternis und wurde grau, und da lag der Mörder vor mir auf den Knien.

Dies alles war in der Zeit dreier Atemzüge geschehen, doch mir war es die Ewigkeit gewesen, die Ewigkeit eines erstickenden, von vergeblichen Hoffnungen durchflackerten Hindämmerns zwischen Angst und Tod, und diese Ewigkeit dauerte noch an, da ich den Mörder vor meinen Füßen liegen sah, undeutlich noch, ein gestaltloser Hügel, und sie dauerte an bis zu den fernsten Grenzen, die sie mit einem Kind im Arm erreichen kann, dann vermischte sie sich, unhörbar sausend, wieder mit der Zeit, und da war mir, als ob der Mörder etwas hauche, und ich glaubte die Worte »junger Herr« zu hören, und da ich sie hörte, hörte ich ihn nun raunen und nahm sein Raunen so wehrlos auf wie eine Wachsplatte den griffelnden Ton. »Junger Herr«, so hörte ich den Knienden raunen, und nun sahen meine Augen nieder und sahen nur seine Augen und sahen sie, die vorhin so mörderisch starr geblickt, nun angstvoll flackern, und nun hörte auch mein Ohr seine Stimme lauter und hörte sie verzweifelt flehen: »Bitte laufen S’ mir nicht davon, bitte jagen S’ mich nicht fort, junger Herr, ich bitte Sie inständig – hören S’ mich an!«

So spricht die Stimme der Erlösung im Traum, und von diesem Augenblick an fühlte ich mich, der ich noch in halber Ohnmacht an der Küchentür lehnte, auch ganz schwerelos und schattenhaft zweidimensional, und es war mir, als schwebe der Korridor mit dem Knienden und mir schaukelnd durch Wolken, die seltsam grün waren. Eine Weile segelten wir so hoch in Lüften, dann spürte ich, aber diesmal ohne Erschauern, den Schlüssel der Küchentür wieder im Rücken, und da stockte der Flug, und die Wolken erstarrten zu grünen Wänden, und es war mir, als träumte ich, daß ich erwacht sei und ein Mann zu meinen Füßen knie, und der Mann lag vor mir auf den Knien und senkte nun, da ich ihn ansah, den Kopf, wie alle anderen vor ihm den Kopf gesenkt hatten, und sah auf die Spitzen meiner blankgewichsten hellgelben Maßschuhe, und dann hob er, in kleinen, zögernden Rucken, wieder den Kopf, doch er sah nun an meinen Augen vorbei. »Junger Herr«, so hörte ich ihn fortfahren zu reden, und er redete schneller und schneller, »junger Herr«, so sprudelte er, »Sie sind doch der Wohltäter der ganzen Gemeinde, Sie sind doch der Speiser der Armen und Beschützer der Notleidenden, Sie sind die tätige Hand unsres Heilands, lieber, gnädiger, junger Herr, ich bitt Sie, haben S’ Erbarmen und hören S’ mich an!«

»Sie können Essen haben«, hörte ich eine Stimme, die doch die meine sein mußte, wie ein fernes, verhallendes Echo meiner Gedanken und wußte nicht, ob ich träumte oder doch wachte, wenngleich ich mich noch immer völlig schwerelos und flächenhaft fühlte und auch den Mann vor mir und den grünen Korridor nur ganz flächenhaft sah. »Ich kann Ihnen Schweinernes geben und Kraut und Knödel«, hörte ich meine Stimme reden, und meine Hände klinkten dabei mechanisch die Küchentür auf, so daß nun der Duft von Gebratenem den Korridor füllte.

Der Kniende schien sich, schnuppernd, ein wenig zu krümmen, doch er schaute nicht zum Ofen hin, auf dem der Braten samt seinen Zutaten, von der milden Herdglut warmgehalten, verlockend prangte. »Ich bitt Sie um Fürsprach bei Ihrem gnädigen Herrn Vater, junger Herr«, erwiderte er, »verzeihen S’ mein freches Eindringen, junger Herr, aber Sie sind meine einzige Hoffnung!« Es war doch ein Traum.

»Darf ich Ihnen etwas zeigen, gnädiger junger Herr?« bat der Mann.

Mein Kopf nickte. Der Mann kniete noch immer, und noch immer spürte ich meinen Leib nicht.

»Würden S’ die große Güte haben und ein bissel Licht machen, lieber junger Herr, s’ ist so dunkel hier«, bat der Mann. Der Schalter lag neben dem Treppenhaus. Mein Rücken löste sich von der Küchentür, und wieder war es mir, als ob ich flöge; ich spürte weder den Boden unter meinen Füßen, die traumleicht dahinglitten, noch den Körper des Manns, den ich im Vorbeigleiten streifte; doch nun, da ich an ihm vorbei war und die Tür zum Zimmer mit dem Straßenfenster und nun gar die rettende Treppenhaustür vor mir lagen und da ich den Schalter berührte und durch die Milchglasfüllung der Treppenhaustür die sanft zerfließenden Konturen des offenen Haustores wahrnahm – nun war ich aus meiner Betäubung erwacht und spürte den Schweiß auf meiner Stirn und die Schwere meiner Glieder und das Pochen in den großen Adern und das Beben in der Kniekehle und den drückenden Schmerz in der Magengrube, der langsam nachließ, und ich hörte die Bohlen des Korridors knarren und spürte das Porzellan des Schalters kalt zwischen meinen Fingern und hörte meinen Atem pfeifen und spürte das alles befreit und begriff, daß ich gerettet war, und ahnte, daß ich ein tolles Abenteuer erlebt hatte, und nun freute es mich doch, das Verbot meines Vaters übertreten zu haben, und plötzlich war ich unbändig stolz.

Ich machte Licht, und da der Korridor strahlend hell wurde, sprang der Kniende mit einem Satz von beiden Knien auf die Füße, und da wurde er, den ich für meinen Mörder gehalten, zu einem Zauberer, und diesmal wußte ich genau, daß es kein Traum war. Er war ein Zauberer: Mit einem Mal, aus dem Nichts geholt, hielt er ein weißes Bällchen zwischen den Fingern und schnipste es in die Luft und holte zugleich ein zweites dieser Bällchen aus einem Tarnkappenfach in der Höhe seiner rechten Schulter und schnipste auch dies hoch, und während er nun die beiden Bälle hintereinander abwechselnd von der einen zur anderen Hand warf, dergestalt, daß sie auf dem Scheitel ihrer Halbkreisbögen fast zusammenzustoßen drohten, stülpte er plötzlich einen dritten Ball aus dem Mund und ließ ihn in den Reigen der kreisenden Bälle springen und gesellte ihnen sogleich noch einen vierten hinzu, den er aus einem zweiten Tarnkappenfach, diesmal in Höhe seiner linken Schulter, holte, so daß nun vier Bällchen anscheinend schwerelos die Luft durchtanzten, vier seligstumme, graziös durcheinanderflatternde Vögelchen, Zauberküken, flügellos Fliegendes, schwerelos Schwebendes, lautlos Jauchzendes, und immer schneller und toller wurde der Tanz, und nun waren es nicht vier, nun waren es sechs Bälle, die da wirbelten, denn auch die beiden Hände wirbelten im rasenden Reigen; sie kreisten nun flach im Rund um den Kopf des Magiers, ein Heiligenschein, denn es war ein Mirakel, ich hatte nie so etwas gesehen. Gewiß, auf den Jahrmärkten traten auch Zauberer und Feuerfresser und Degenschlucker auf, Angehörige einer magischen Zunft, die sicher nicht ganz von dieser Welt war, doch was ich bisher von ihren Künsten gesehen hatte, war ein Nichts gegen diese entfesselte Zauberei, die dann ebenso wunderbar endete, wie sie begonnen: So wie die Worte am Schluß eines Märchens leise ins Schweigen fallen, fiel mit sanftem Gepink ein Ball nach dem andern in die hohle Rechte; noch einmal erhob sich die Hand und zeigte zwischen je zwei Fingern je eines der Bällchen, dann wischte die Linke, ohne die Rechte zu berühren, mit lässigem Schwung durch die Luft und löste die Bällchen auf: Verschwunden, sie waren verschwunden, die Rechte war offen und leer wie die Linke, sie zeigten Innen- und Außenfläche, und dann lächelten sie, die Hände lächelten ob dieses Wunders, und der Mann verbeugte sich tief. Ich klatschte wie besessen. »Ich dank Ihnen auch schön, junger Herr, daß Sie mir die kleinen Vogerln geliehn haben«, sagte, rasch auf mich zuschreitend, der Mann, »belieben S’ nur in Ihre Rocktaschen zu greifen!« Meine Hände fuhren in die Taschen. Das Wunder war vollkommen: In jeder meiner Taschen lagen zwei Bällchen. Für einen Augenblick kam mich ein Grauen an, aber nur für einen Augenblick: Der Wundertanz war so beglückend, schön gewesen, daß dieser Mann kein böser Zauberer sein konnte. Hätte er von mir verlangt, mich fesseln und mir die Augen verbinden zu lassen, ich hätte mich ruhig und ohne den geringsten Argwohn in seine Hände begeben. Aber dieses verlangte er nicht von mir; er, der jetzt alles hätte fordern können, begann wieder zu bitten, und allmählich wurde mir klar, was er von mir wollte. Mein Vater, so bat er, möge ihm doch die Gelegenheit geben, dem Kinopublikum heute abend vor dem Beginn der Vorstellung seine Künste zu zeigen, und ich solle bei Vater ein gutes Wort für ihn einlegen. »Ach, gnädiger junger Herr«, so sprudelte er, »wenn ich die Kollekte bekäm, junger Herr, ein bissel ein Kapital in die Hand, und wenn’s noch so winzig wär, aber es wär halt doch ein Anfang; ich bräuchte zwei Reifen, ich bräucht auch ein Hemd und eine Krawatte, Sie ahnen ja gar nicht, junger Herr, was das hermacht, ein bissel ein gutes Aussehen. Wenn jeder nur ein paar Heller gibt, es käme doch was zusammen; eine Kinoeröffnung, das hat’s doch nicht alle Tage, es wär meine Chance, junger Herr, meine Chance, meine Chance – ich flehe Sie an!«

Ich führte ihn, was mir strikt verboten war, in die Küche und schnitt ihm meinen Anteil vom Schweinebraten herunter, häufte Knödel und Kraut über das Fleisch und füllte dem Mann, der hemmungslos schlang, noch zweimal den Teller nach. Meinen Vater, der frohgemut von einem wider Erwarten rasch genesenden Patienten heimkam, brauchte ich dann nicht lange zu bitten. Er konnte in guten Augenblicken für Künstler und sogar für fahrendes Volk etwas übrig haben; er fühlte sich selbst als Malerpoet (er malte sonntags Berg- und Wiesenstücke und hatte ein Opernlibretto »Die Schwanenjungfrau« geschrieben), und meine enthusiastische Schilderung rührte ihn dermaßen, daß er, der sonst so herrisch Strenge und unerbittlich Strafende, mir meine groben Verfehlungen (daß ich den Mann in die Küche geführt hatte, verschwieg ich) verzieh und mir sogar erlaubte, der Vorstellung des Zauberers und dem ersten Akt des Films heute abend beizuwohnen. »Du hast zwar etwas höchst Unerlaubtes getan, das dich das Leben hätte kosten können, und ich hätte dich eigentlich mit vierzehn Tagen Hausarrest bestrafen müssen«, so sprach er, »aber da sich nun alles zum Glücklichen gewandt hat, wollen wir das Glück dieses Tags nicht mehr trüben!« Dann sagte er, daß jeder Mann, so auch dieser Gaukler, das Recht auf eine faire Chance im Leben habe, und ich fragte ihn, was ich den Zauberer nicht hatte fragen wollen, nämlich was für ein Ding solch eine Chance denn eigentlich sei, ich kannte ja bisher nur die Schanzen zum Skispringen. »So etwas Ähnliches ist es auch mit der Chance im Leben«, erklärte mein Vater, »es ist die Möglichkeit, einen Menschen zeigen zu lassen, wie weit er es bringen könnte. Und diese Chance geben wir ihm!« Ich war unsagbar stolz auf meinen Vater. »Wir geben ihm eine Chance«, hatte er gesagt. Wir – das waren er und ich. Wir saßen im Herrenzimmer in den schweren Lederklubsesseln am bronzegetriebenen Rauchtisch, und Vater paffte seine Havanna, und ich schnupperte den Duft ein und war erwachsen und gab ihm, dem Zauberer, eine Chance, und dies Innen hier war jetzt die Insel der Träume, und tief im Sessel liegend und gerade noch meines Vaters mahnende Worte, ich solle mich doch nicht so bauernhaft hinlümmeln, vernehmend, nickte ich vor Erschöpfung ein.

Am Abend dann war der Kinosaal, ein ehemaliger Lagerraum, mit Gesumm, Parfüm und Knistern gefüllt; an den blaßblau gestrichenen Wänden hingen in ovalen Rahmen Bilder lächelnder Frauen und strahlender Männer, und die Vorderwand des Saales war zur Gänze mit einem Vorhang überzogen, der in allen Farben des Regenbogens flimmerte. Die Vorstellung war ausverkauft; wer zur guten Gesellschaft des Städtchens gehörte, war gekommen, und ich war das einzige Kind, das dabeisein durfte, das einzige Kind von Hunderten, noch nicht einmal der gleichaltrige Sohn des Bürgermeisters war da. In diesen Minuten hätte ich mich für meinen Vater ans Kreuz schlagen lassen. Ich suchte meinen Schützling, den Zauberer, dem wir eine Chance geben würden, aber ich sah ihn nicht. Der Klavierspieler spielte einen Marsch, dann trat mein Vater vor, stützte sich leicht auf den Flügel und hielt, die Linke in der Rocktasche, eine kurze Rede: Es zeuge vom unsagbaren Kunstsinn des lieben Heimatstädtchens, so sprach er, daß es in dieser so schweren Wirtschaftskrise der Musen gedenke und ihrer jüngsten Gefährtin, Kinematographeia, einen schmucken Tempel zur Freude, Unterhaltung und Erbauung all seiner Bürger errichtet habe, und dann hämmerte der Klavierspieler einen Tusch, und mein Vater erklärte, er glaube im Sinne aller Anwesenden zu handeln, wenn er einem begabten, auf der Durchreise befindlichen Artisten die Möglichkeit gebe, gegen ein geringes, in jedermanns Ermessen gelegtes Douceur seine Künste zu zeigen, und dann bewegte sich der prächtige Vorhang, und mein Schützling trat vor und verbeugte sich, jedoch nicht so tief wie mittags vor mir. Ich saß neben Vater in der ersten Reihe, die damals bei uns noch als Vorzugsplatz im Kinotheater galt; mein Schützling stand mir einen knappen Meter gegenüber, und ich nickte ihm aufmunternd zu. Das Publikum klatschte generös; mein Schützling verbeugte sich ein zweites Mal, dann schien mir, als gebe er sich einen Ruck; sein Gesicht, das mir nun irgendwie sonderbar verändert erschien, wurde gespannt, und nun schwangen auch seine Arme aus, doch er griff nicht, wie ich erwartet hatte, ins Nichts des Tarnkappenfachs neben seiner Schulter, er griff in die linke Rocktasche und holte ein Bällchen heraus und aus der rechten ein zweites, und das dritte stülpte er, während er die beiden Bällchen von Hand zu Hand warf, zu meinem Erstaunen nicht aus dem Mund, sondern holte es aus dem am Hals geöffneten Hemd, und obwohl er sich mit nur drei Bällchen zu begnügen schien, verfehlte er einen Ball, so daß dieser, und sofort darauf die anderen, flügellahm niederfielen und durch den Saal kollerten. Der Jongleur wurde kalkbleich, und ich fühlte einen Stich durchs Herz. »Na, na, na, nur nicht so aufgeregt, das kann schon mal vorkommen«, sagte mein Vater beruhigend, und er sagte es laut, und meine junge, kaum fünf Stunden alte Liebe zu ihm wurde Inbrunst. Eines der Bällchen war mir vor die Füße gerollt; der Mann bückte sich nach ihm; er kniete fast vor mir, und nun sah ich, daß ihm der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand und daß seine Hände zitterten und daß er, und ich sah es beinah angeekelt, nur mit Mühe ein heftiges Rülpsen unterdrückte. Das Publikum blieb, von ein paar Kichern abgesehen, trotz dieses Fehlschlages wohlwollend ruhig, und es blieb auch nobel, als ein zweiter Versuch ebenso mißlang wie der erste, und auch ich blieb ruhig, ich hatte festes Vertrauen zu meinem Zauberer, ja, ich war überzeugt, daß er sich jetzt nur so ungeschickt stelle, um plötzlich das Publikum mit einem Wunder ohnegleichen zu überraschen. Ich glaubte an ihn, der sich nun wieder vor mir bückte, um abermals einen weggerollten Ball aufzuheben; ich glaubte an ihn und sah ihm fest in die Augen: ich wollte, daß er mich sehe und daß er fühle, wie unerschütterlich ich an ihn und seine Kunst glaubte, und nun sah er, das Bällchen in der Hand, auch mich an, und ich lächelte ihm zu, und er versuchte, das Lächeln zu erwidern, und da sah ich entsetzt, daß dieses sein Lächeln eine arme hilflose Grimasse war, eine Maske vor einer Angst ohnegleichen, und obwohl ich gar nichts begriff und vollkommen ratlos war, fühlte ich, und dies mit unumstößlicher Gewißheit, daß dieser Zauberer in Wirklichkeit gar kein richtiger Zauberer war und daß etwas Schreckliches – der Begriff des Peinlichen war mir noch unbekannt – sich ereignen werde, und da überflutete mich, ein siedender Strom, die grelle Scham. Denn er war ja mein Schützling; ich war es ja gewesen, der ihn Vater empfohlen hatte, auf daß dieser ihn, meinem Zeugnis vertrauend, dem Publikum weiterempfehle, und so wurde jede Blamage des Mannes, die dem Publikum als Blamage meines Vaters erscheinen mußte, in Wirklichkeit meine Blamage, und ich schämte mich ihrer fast zu Tode und schämte mich, meinen großartigen Vater in eine so üble Situation gebracht zu haben, und dachte, daß es jetzt wohl meine Pflicht sei, aufzustehen und, um meinen Vater zu rechtfertigen, all dies zu offenbaren, und als des Mannes flatternde Hände nun ein drittes Mal die Bälle verfehlten, hätte ich aufspringen und ihn am Kragen packen und aus dem Kino schleifen wollen, brüllend und fluchend und spuckend und beteuernd, daß ich einem ganz gemeinen Kerl, einem schäbigen Schwindler und Betrüger, aufgesessen sei, doch als nun der Mann, ein Rülpsen, das fast schon ein Brechanfall war, niederkämpfend, müde die Bällchen in die Tasche steckte, sich einen alten Hut mit der Öffnung nach oben auf den Kopf drückte, einen Tennisball hinter dem Vorhang hervorholte, ihn auf die gespaltene Schuhspitze legte, um ihn, in der Kälte des nunmehr Eis gewordenen Schweigens schaudernd, in den offenen Hut zu wippen, und als auch dieses wirklich einfache Kunststückchen kläglich mißlang, wich meine Beschämung jäh einer anderen, weit würgenderen Scham: der des Mitleids. Hatte ich eben, und dies mit der Wut der Enttäuschung, begriffen, daß er kein Zauberer, sondern auch nur ein gewöhnlicher Mensch war, nur meinesgleichen, so fühlte ich jetzt, daß hier dieser Mensch öffentlich gemartert, ja daß etwas in seiner Seele gemordet wurde, und das riß mir das Herz auf, und mein Mitgefühl mit dem, der meinesgleichen war, wurde so mächtig, daß plötzlich ich es war, der da vor dem schweigenden, nun höhnisch-feindselig schweigenden Publikum stand und sich preisgab; ich war es, der da zitternd, kein Mensch mehr, ein lächerliches, erbärmliches Wrack, sich vor der Menge, die im Gletscherschweigen verharrte, entblößte, und ich war es, der nun ein zweites Mal den Ball auf die gespaltene Schuhspitze legte und wußte, daß ich den Hut abermals verfehlen würde, und ich saß in dem Stuhl in der ersten Reihe, und die Schande und Qual des Gescheiterten waren so sehr meine Scham, daß ich er war und ich fortrennen wollte, hinausstürzen, mich draußen am Bach im Lattich verkriechen oder zum Riesenstein hetzen und mich von dort herab zu Tode springen; ich wollte, daß mich die Erde verschlinge, und saß doch, von Scham, wie noch von keinem Gegner bisher, überwältigt, im Sessel, und der Jongleur schleuderte abermals den Ball am Hut vorbei, dann ließ er, durch ein müdes Hauptneigen, den Hut zur Erde fallen und ließ ihn liegen und ging, die Augen fast geschlossen, langsam den korridorartigen Seitengang hinauf der Türe zu, und nun, wie auf Verabredung, prasselte Beifall los und schrien Stimmen: »Bravo!« und: »Da capo!« und »Auf Wiedersehen!« und »Wiederkommen!«, und den klatschenden Händen und Worten folgten nun auch Münzen, ein Hellerregen, die Kollekte, das Douceur, das Kapital, das nun auf Rücken und Brust und Haupt des Mannes niederprasselte, und ich dachte, daß er nun wenigstens doch noch etwas davon gehabt habe und er sich nun bücken werde, um den Ertrag der Hellersteinigung aufzulesen, und dieser Gedanke beruhigte mich ein wenig; allein der Mann ging, wandelnder Fels, langsam und ohne sich umzusehen mit schleifenden Sohlen den Gang hinauf, und in diesem Augenblick verstand ich ihn. Er war doch der Zauberer, und er hatte sie alle auf die Probe gestellt, und sie waren seiner nicht wert gewesen; nur mir allein hatte er gezeigt, was er konnte, und nun ging er fort, um nicht mehr wiederzukommen, in diesen Ort, der seiner Gegenwart nicht würdig war! Ach, nun ging er fort, und ich mußte doch mit ihm! Alles Leid meiner zehn Knabenjahre, und das war nicht Hunger und Not und Darben, das war im Gegenteil die furchtbare, hundertfache, jeden Zauber einer bang und heiß erwarteten Erfüllung ausschließende Sättigung, für die ich mit dem Verharren innerhalb der Mauern der Ver- und Gebote meines standesbewußten Vaters zahlte, Mauern, die mich in eine trotz ihres schnöden Reichtums öde und kalte Bürgerwelt sperrten und mir jeden Bezirk meiner Sehnsucht verschlossen – alles dies Leid stand in mir auf und drängte mich, dem Mann nachzulaufen und vor ihm auf die Knie zu fallen und ihn um Verzeihung zu bitten für die Schmach, die man ihm angetan, und um Verzeihung auch für meinen Vater, der nun, wofür ich ihn hätte erwürgen können, mit seiner Baßstimme rief: »Vergessen Sie nur Ihren Prachtzylinder nicht, Sie Künstler!« und dazu vor einem orgiastischen Publikum eine ebenso sich entschuldigende wie den Gescheiterten noch tiefer demütigende Geste machte; ihm nachlaufen, nacheilen, vor ihm aufs Knie fallen und ihn anflehn, mich mitzunehmen und mit mir fortzugehn, fort, fort, dorthin, wo ich ein Kind sein durfte wie alle anderen Kinder auch, wo man sich schmutzig machen und mit Söhnen von Fabrikarbeitern und Häuslern spielen und seine Freunde umarmen und seine Feinde ins Gesicht schlagen durfte, auch wenn es dann nicht jeden Tag Braten gab und Obst und Schokolade und wenn dort auch kein Herrenzimmer war mit ledernen Klubsesseln und bronzegetriebenem Rauchtisch; fort aus diesem Vaterhaus, das bei all seinem Überfluß an Tafelfreuden und Kleidung und Geschenken eine einzige grausame Zwingburg war und das ich haßte, haßte, mit heißem Haß haßte, so wie ich jetzt auch den täglichen Braten und die tägliche Schokolade und die Ledersessel und Rauchtische haßte; ich wollte fort, fort, nur fort, in die Welt, dorthin, wo Abenteuer waren, Zauber, Gespenster, wo man hungerte und fror und litt und wo ein Stück Brot eine Herrlichkeit sein mochte, fort zu der nahen Insel meiner Träume, wo das geheimnisvolle Andere war. Oh, ich beneidete und bewunderte sie jetzt alle, die je auf der Treppe meines Vaterhauses auf der obersten, mit braungelbem, liliengemustertem, schon etwas abgewetztem Stoff überspannten Stufe gehockt und gierig Essenreste in sich hineingeschlungen hatten; ich beneidete und bewunderte sie so, wie ich diesen sauberen, hochmütigen jungen Schnösel verabscheute, der sie auf die Treppenstufen sich niedersetzen hieß und sie mit Abfall speiste, und wie ich den herrischen Vater verabscheute, der dem faulen Schüler dies widerliche Amt zur Besserung aufgezwungen; ich wollte fort und wußte, daß es meine einzige und letzte Chance war. Nicht ihm war die Chance gegeben worden, er brauchte sie nicht, es war meine Chance, und ich wußte jetzt schon, daß ich sie verloren hatte und nicht mehr die Kraft besitzen würde, aufzuspringen und nachzufolgen. Das Licht erlosch; das Gelächter verebbte; der Klavierspieler spielte einen schmachtenden Walzer; der Vorhang glitt zurück, und eine breite weiße Leinwandfläche ward sichtbar in der anheimelnden Dämmerung; es schnurrte und surrte, und ein gebündeltes Licht flirrte, und während, Wunder über Wunder, auf der Leinwand ein lebendiger Mann im Frack und eine lebendige Frau in prächtig glitzerndem Kleid einander entgegentanzten, schoß noch einmal ein Streifen zitternder Helle durch den Saal: Der Zauberer hatte die Tür geöffnet und war ins Freie getreten und hatte die Tür wieder hinter sich geschlossen, und ich wußte, daß ich meine Chance unwiederbringlich vertan hatte und ihn nie wiedersehen würde, und während ich darob noch einen wehen, aber fast schon süßen Schmerz fühlte, begann ich mit wachsender Verzückung wahrzunehmen, wie die Leinwand, nachdem das Paar sich im Tanz gefunden und wieder gelöst hatte, sich plötzlich mit wogenden Palmen bedeckte, Palmen und Meer und Hibiskus und Maste, und ich war dabei, als einziges Kind des Städtchens war ich dabei, und das verdankte ich nur meinem Vater, und ich suchte seine Hand, sie dankbar zu drücken, indes auf der Leinwand ein Schiff vom Anker sich löste und mit mir über ein noch nie geschautes Südmeer hin zu einem Strand aus Blütenkränzen und Korallen trieb …

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222 стр. 4 иллюстрации
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9783356023879
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