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Frank Pfeifer
Der Junge mit dem Feueramulett - Die Schule der Alchemisten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Karte
Titel
Was bisher geschah
Der Vampyr
Aufbruch
Das Waisenhaus
Faols
Die Galeere
Die Alchemisten
Der Wettbewerb
Der Tempel der Sieben
Der Befreier
Impressum neobooks
Karte

Titel
Frank Pfeifer

Was bisher geschah
Kard, ein sechzehnjähriger Waise, lebt in dem mittelalterlichen Reich Haragor, das von dem Tyrannen Flanakan und der Priesterin Tsarr mit brutaler Rücksichtslosigkeit beherrscht wird. Er absolviert eine Lehre bei dem Schmiedemeister Wallas, einem Torak. Dieser Halbriese war einst der Waffenschmied von Flanakan, der vor hundert Jahren die verschiedenen Wesen Haragors vereint hat, um seinen Vater, den brutalen Drachenkönig Aidan, vom Thron zu stürzen. Der einstige Befreier Flanakan ist im Laufe der Jahrzehnte aber nun selbst zu einem grausamen Unterdrücker geworden. Wallas und einige Freunde haben daher eine Widerstandsgruppe gegründet, sie wollen sich zur Wehr setzen.
Aus seiner Zeit als Waffenschmied kennt Wallas eine Schwäche des Herrschers - sein magischer Harnisch kann durch ein geweihtes Minas-Schwert zerstört werden. Und Kard, der eine besondere Beziehung zu dem Element Feuer hat, bekommt die Aufgabe, zum Abschluss seiner Lehre ein Minas-Schwert zu schmieden und es anschließend von einem heiligen Wesen, dem Onchu, weihen zu lassen.
Doch Kard ist alles andere als ein Held, der bereit ist, sich gegen die Schergen und Wachen oder gar gegen den Herrscher selbst aufzulehnen. Er sucht Rat bei einem Priester von Branu, dem Schöpfergott, denn in Haragor geschieht nichts ohne den Segen der Götter. So gelangt letztendlich die Information, dass ein heiliges Minas-Schwert angefertigt wurde, an die Ohren von Flanakan und Tsarr. Sie schicken den Obersten Schergen Laoch los, das Schwert und den Jungen in Gewahrsam zu nehmen.
Ohne wirklich um die Bedeutung des Minas-Schwertes zu wissen, macht sich Kard, zusammen mit seinem treuen Freund Madad, einem Cu, also einem sprechenden Hund, auf die Suche nach dem Onchu. Doch noch bevor es richtig losgeht, hat Laoch sie entdeckt. Nur durch die Hilfe von Freunden aus dem Widerstand - dem Torak Gsam mit seinen Söhnen Gsark und Gsaxt - können sie entkommen.
Die nun beginnende Suche nach dem Onchu ist gleichzeitig eine ständige Flucht vor Laoch. Kard und Madad finden Freunde - die Amazone Rosie und den schlauen Odysseus - die sich aber bald nur noch für das wertvolle Schwert interessieren. Die Waffe wird gestohlen, Madad entführt und Kard muss viele Abenteuer bestehen, bevor er seine Suche fortsetzen kann. Er muss nun in die Alte Stadt, denn dort beginnt der Weg zum Onchu. Hier lernt er das Straßenmädchen Kyra kennen, das Kards Gefühlswelt durcheinander wirbelt. Sie kann ihm den entscheidenen Hinweis geben, damit er seine Suche fortsetzen kann - Kard und Madad müssen in den Dunklen Wald. Dort lernen sie den Baumwächter Kustos und das Volk der Wahter kennen, die ihnen helfen, den Onchu zu finden. Sie müssen viele Abenteuer bestehen, um ihr letztendliches Ziel, den heiligen Vulkan, zu erreichen. Mit dabei ist auch die Priesterin Nanda, die Kard mit einem Liebeszauber betören kann, doch in Wirklichkeit ist sie eine Spionin von Laoch.
Dem Rat des Onchus folgend traut Kard sich, das Schwert mit bloßen Händen in die Lava des heiligen Vulkans Branubrabat zu tauchen - das Schwert ist nun eine mächtige magische Waffe. Aber Laoch ist bereits zur Stelle, sieht sich aber einer Gruppe von Widerständlern gegenüber, die Wallas zusammengetrommelt hat. Doch diese mutigen Wesen haben keine Chance gegen die gut ausgebildeten Wachen, die auch noch von einem mächtigen magischen Ogul unterstützt werden. Doch Nanda weiß inzwischen, dass nur Kard fähig ist, das geweihte Minas-Schwert zu führen. Sie hintergeht Laoch und tötet ihn.
Kard aber, dessen Ziehvater Wallas bei dem Kampf ums Leben gekommen ist, möchte nun nichts mehr mit dieser todbringenden Waffe zu tun haben. Er zerstört das Schwert, indem er es in die Lava wirft. Sein Leben scheint keinen Sinn mehr zu haben, auch wenn er nun weiß, dass er ein Drachenprinz ist - denn nur Drachenprinzen sind fähig, ein Minas-Schwert zu weihen und ihre Arme unverletzt aus der Lava zu ziehen. Aber das alles hat für Kard in diesem Moment keine Bedeutung mehr.
Der Vampyr
Der Junge musste sterben! Dieser Kard hatte einen Ogul getötet, dieses mächtige magische Wesen. Vielleicht war er wirklich ein Günstling des Schöpfergottes Branu? Diese Gefahr musste beseitigt werden! Koste es, was es wolle.
Die Oberste Priesterin Tsarr betete zu Goiba, Göttin von Tod und Kälte, und bat um ihren Beistand. Sie nahm nochmals die magische Mischung aus wilder Kirsche und Schönfrauenkraut zu sich und spürte, wie sich ihre Augen veränderten. Sie wusste, dass nun das Weiß der Augäpfel verschwand und sie mit vollkommen schwarzen Augen in die Dunkelheit blickte. Mit dem nächsten Blinzeln begannen sich Schemen abzuzeichnen. Alles war nun in dunkles Grün getaucht. Die schartige Felswand, in der Rinnen nach unten liefen, die den Eindruck erweckten, als ob sie mit schwarzem Blut gefüllt seien, wurde jetzt deutlicher. Langsam erkannte Tsarr wieder den Gang, der vor ihr lag, ihr letzter Besuch hier lag einige Zeit zurück. Sie spürte die Kälte in ihrem Nacken und begrüßte sie wie eine gute Freundin. Nach der nächsten Biegung würde sie den Goiba-Tempel der Vampyre betreten, eine gewaltige Grotte tief im Innern des Höhlengebirges von Schtalyr.
Ns’frta, die Goiba-Priesterin der Vampyre, wartete wie abgesprochen bereits auf sie. Der unterirdische Tempel war nicht wesentlich kleiner als ihr eigener, allerdings erweckten die behauenen Felswände den Eindruck, als ob man sich im Inneren eines gewaltiges Tieres befand. Ihnen fehlte die kalte Eleganz, die den Haupttempel Goibas in Conchar, der Hauptstadt des Reiches Haragor, auszeichnete. Aber in dieser schroffen Wildheit passte er gut zum Volk der Vampyre, die einerseits für ihre Kaltherzigkeit und Grausamkeit bekannt waren, die aber auch treue Gefolgsleute von Flanakan, dem Herrscher, waren.
Tsarr betrachtete die Vampyrin, die vor einem mit Blutrinnen durchsetzten Altar stand. Tsarr erschrak. Wie schön sie ist, dachte sie. Die Priesterin war jung. Hohe Wangenknochen und große, dunkle Augen unter geschwungenen Augenbrauen dominierten die ebenmäßigen Gesichtszüge. Nur ihre ledrigen Schwingen und ihre krallenförmigen Hände trübten für Menschenaugen diesen Anblick, der Tsarr verbittert an die eigene Vergänglichkeit denken ließ. Außerdem waren die Ns so wie Tsarrs Familie eine der großen, alten Goiba-Dynastien. Der Respekt, den sich die beiden Priesterinnen entgegenbrachten, war nicht nur reine Formsache, sondern entsprang alter und tiefer Überzeugung der eigenen Überlegenheit.
»Goiba über alles.«
Ihre Tradition und ihre Treue zur Göttin von Tod und Kälte hatte diese beiden Frauen zusammengeführt, hatte sie Konkurrenz und Eifersucht für diesen Moment vergessen lassen.
»Goiba für immer, werte Tsarr.« Die Stimme der Vampyrin war durch und durch menschlich. Dunkel, warm und doch irgendwie bedrohlich. »Die Ratten bestätigen es.«
Also stand es nicht nur in den Gedärmen der Katzen, die Tsarr opferte, um die Zukunft zu deuten, sondern auch im Gekröse der Ratten, die die Vampyre für die gleichen Zwecke schlachteten.
Ich habe mich also nicht geirrt, dachte Tsarr. Leider.
Aus der grünen Dunkelheit löste sich nun ein Schatten und trat an den Altar neben Ns’frta. Der Vampyr.
»Ich habe Laltan bereis von dem Auftrag erzählt.«
Tsarr spürte sofort, dass dieses Wesen genau das Richtige für die Aufgabe war, die sie ihm zugedacht hatte. Laltan, der im gesamten Reich nur als ›Der Vampyr‹ bekannt war, der Oberste Assassine des Reiches, strahlte eine Kälte aus, die selbst Tsarr beeindruckte. Dieses Wesen würde nicht versagen. Nicht wie dieser tölpelhafte Laoch.
Auf den ersten Blick unterschied das Wesen sich nicht von seinen Artgenossen. Die Haut des menschenähnlichen Gesichtes war ledrig und durchfurcht von tiefen Falten, die fast schwarzen Lippen schmal und zusammengepresst, so dass man die scharfen, spitzen Zähne nicht sehen konnte. Vampyre waren etwas größer als Menschen, aber erst wenn sie ihre Schwingen ausbreiteten wurde man dessen gewahr. Hatten sie ihre Flügel angelegt, wirkten diese wie Arme, an dessen Ende sich scharfe, lange Klauen zeigten, die in Bruchteilen eines Wimpernschlages ihren Opfern die Kehle aufschlitzen konnten. Sie waren mit leichtem, eng anliegendem Stoff bekleidet, der sie fast wie Menschen aussehen ließ. Aber jeder, der einen Blick in ihre gelben, geschlitzten Augen geworfen hatte, die an die hungrige Miene eines Reptils erinnerten, ahnte, dass diese Wesen nichts Menschliches an sich hatten.
Laltan war den anderen Wesen Haragors als der grausamste aller Vampyre bekannt, eine furchteinflössende Legende. Ein Wesen so schwarz und gnadenlos, so ganz ein Wesen Goibas, dass es von Natur aus eine abgrundtiefe Abscheu gegen alles hatte, was mit der Magie Branus daherkam. Der perfekte Killer, um den Jungen aufzuspüren und zu töten.
Der Vampyr kniete nieder vor der Obersten Goiba-Priesterin von Haragor. Da spürte sie es. Dieses Ungleichgewicht, diesen Verrat an der Natur. Angewidert trat sie einen Schritt zurück.
»Deine Mutter war ein Flughund?«
Ein Bastard, unrein, ein Wesen wider die Gesetze der Götter. Ns'frta legte ihrer Priesterschwester beruhigend die Kralle auf die Schulter.
»Daher kann er es auch lange unter den Strahlen der Sonne aushalten, ohne wie wir echten Vampyre davon nach einiger Zeit zu erblinden. Aber sonst ist er einer von uns, ein Vampyr und treuer Goiba-Diener, das verspreche ich dir.«
Tsarr nickt. Ns'frta hatte recht. Die Götter wählten ihre Werkzeuge so, wie sie sie brauchen. Trotzdem durchlief eine Welle von Ekel und Abscheu ihren Körper. Dann näherte sie sich dem Vampyr erneut und legte ihm die Hände auf das Haupt. Sie begann, unverständliche Worte zu murmeln, unverständlich für alle, die der magischen Sprache Goibas nicht mächtig waren. Alles, was sie über den Jungen wusste, pflanzte sie nun in das Gedächtnis des Vampyrs. Er atmete tief, verkrampfte sich, schüttelte sich und grunzte unkontrolliert. Eine Abwehrreaktion auf so viel Branu-Vergiftung, die er in diesem Moment aufnehmen musste. Nach wenigen Sekunden war das Ritual vorbei und der Vampyr erhob sich wieder. Im grünen Licht ihres Nachtsichtzaubers konnte Tsarr nicht wirklich erkennen, ob es Hass oder Ekel war, welche die Miene des Vampyrs verzerrte. Und sie selbst hoffte, dass sie mit der Wahl des Vampyrs keinen Fehler gemacht hatte.
»Hiermit kannst du immer Kontakt mit mir aufnehmen.«
Aus den Tiefen ihrer Robe hatte Tsarr zwei Mini-Obsidiankugeln herausgezogen, eine Erfindung, die noch von Davischi, dem letzten Bauherren der Drachenkönige, stammte und magische Fernkommunikation ermöglichte.
Die Oberste Goiba-Priesterin reichte eine der Kugeln dem Vampyr und berührte sanft ihre eigene, die bläulich zu leuchten begann. Im Dunkeln der Höhle zeigte das sanfte Licht eine ungeahnte Intensität. Geblendet wichen die beiden Vampyre zurück. Über der Kugel des Vampyrs erschien nun die blaue Aura von Tsarr, eine verkleinertes Abbild der Priesterin, das pulsierte, als ob es ein eigenes Herz hätte. Erstaunt hielt der Assassine die Kugel weit von sich.
»Um mich zu erreichen, musst du diese magischen Worte sagen, merke sie dir gut.« Tsarr beugte sich vor und flüsterte dem Vampyr die geheime Formel ins Ohr. Demütig nickte das Höhlenwesen, während sich die Worte tief in sein Inneres fraßen. Die Oberste Priesterin von Goiba betete zu ihrer Göttin, dass der Vampyr seinen Auftrag erfüllen würde. Ein nochmaliges Scheitern konnte ungeahnte Folgen haben.
*
Mit aller Macht ließ Kard den Schmiedehammer auf den Latrinenauskratzer herunterkrachen. Er riss den schweren Hammer mit einem gewaltigen Ruck über seinen Kopf, bog dabei leicht das Rückgrat nach hinten, gerade so, dass er genug Schwung bekam, um den Hammer erneut mit aller Macht auf das Werkstück auf dem Amboss vor ihm zu schmettern. Kard war wütend. Der helle Schrei, der beim Kampf der Metalle entstand, stieß wie ein Messer durch seine Ohren direkt in seine Wut und stachelte ihn nur noch an. Erneut hob er den Hammer. Und diesmal kam aus seiner Kehle ein gepresster Schrei, der sich mit dem Klang des Metalls vermischte.
»Yo, mach das Ding platt!«
Madad stand in der Tür der kleinen Schmiede in Truk und sah seinen Freund grinsend an. Kard wandte nur kurz den Kopf beiseite, presste die Lippen zusammen, nahm den Latrinenauskratzer und hievte ihn hinüber ins Abkühlbecken. Schnell stieß er das Eisen in die dunkle Flüssigkeit, als ob erneut ein Ogul zu erledigen wäre. Das Wasser zischte, eine Dampfwolke bildete sich über dem Becken und hüllte Kard in weichen Nebel. Als er das Werkzeug wieder herausholte, fiel sein Blick auf sein Spiegelbild, wie es in den Wellen des Wassers sich verzerrte und hin und her geschleudert wurde.
Kard betrachtete diese Erscheinung im Wasser, als ob etwas Fremdes, Unbekanntes ihm entgegenblicken würde. Tatsächlich erkannte er sich nicht selbst in diesem verzerrten Abbild auf der Wasseroberfläche. Ein wenig mehr Muskeln hatte er in den letzten Wochen hier in Truk bekommen. Ein schlaksiger Junge mit dunklen, lockigen Haaren, der ihn jetzt mit ausdrucksloser Miene und leerem Blick anstarrte.
Wer ist das? Wer bin ich?
Nach dem Tod von Wallas, seinem alten Lehrmeister und Ziehvater, hatte sich eine gewaltige Leere in ihm breitgemacht. Er schwamm in einem dunklen See tief in seinem Innern. Nirgendwo war ein Ufer zu sehen. Er war so müde, dass er immer wieder vergaß zu schwimmen und sich in den Abgrund saugen ließ. Hätte Madad ihn nicht ab und zu kräftig in die Waden gebissen, wer weiß, vielleicht würde er immer noch am Fuß des Branubrabat sitzen? Inzwischen wäre er nur noch ein Gerippe, umringt von unsichtbaren Chameliten, diesen Anpassungskünstlern des Dunklen Waldes.
Irgendwie hatte ihn Madad nach der Schlacht am Branubrabat bis nach Truk getrieben, der kleinen Stadt ganz im Westen der Hochebene von Asch-by-lan. Ein Ort, an dem ihn niemand kannte. Ihn, Kard, den Verräter, der das magische Schwert zerstört hatte.
Die Gefolgsleute hatten sich nach dem Sieg über Laoch und den Ogul in alle vier Winde zerstreut. Kustos, der gutmütige Magier und Baumwächter, war zu seinem gemütlichen Wohnbaum aufgebrochen. Die Credna-Priesterin Nanda, Tsarkoik, der Erzhändler, und die Reste des Widerstandes waren zurück in die Alte Stadt gegangen, um sich dort in der Unscheinbarkeit des Alltags zu verstecken. Auf Kard hatte keiner mehr geachtet. Und das war auch gut so. Alle waren so mit sich selbst beschäftigt gewesen, ihrer Angst, dass der Tee kalt wurde oder dass die Schergen umfangreiche Untersuchungen anstellen würden. Für niemand war der Jungen, den sie vor kurzem noch für einen Drachenprinzen gehalten hatten, noch ein Münze wert gewesen. Ein echter Drachenkrieger hätte sicherlich nie eine so gewaltige Waffe wie ein geweihtes Minas-Schwert weggeworfen, so wie es Kard getan hatte. Und gerade auch noch in dem Augenblick, als das Glück sich auf die Seite der Geächteten und Verfolgten zu neigen schien. Ein magisches Monster zur Strecke gebracht und den Obersten Schergen erledigt! Ein echter Drachenkrieger hätte sie nun mit der Macht des magischen Schwertes gegen Flanakan, den Unterdrücker, geführt. Dieser Junge konnte also auf keinen Fall ein echter Drachenkrieger oder gar ein Drachenprinz sein! Er war viel weniger! Ein Verräter vielleicht oder im besten Fall einfach nur ein Nichts.
Ich bin ein Nichts.
Genauso fühlte sich Kard. Eine wandelnde Leere. Ein Körper, der irgendwie atmete und aß und verdaute und schwitzte, aber im Grunde eine überflüssige Existenz.
Ohne Madad wäre Kard einfach stehengeblieben und gestorben. Er hatte keinen Grund zu leben. Wozu denn? Wer war er denn? Ein Nichts.
Der Cu an seiner Seite aber schien zu wissen, was Kard fehlte. Tagelang hatte er den strauchelnden, seelenlosen Körper seines Freundes durch den Dunklen Wald getrieben, bis sie schließlich in Truk gelandet waren. Dort kannte sie niemand. An dem Abend, als sie vor den Stadtmauern aufgetaucht waren, zu einem Zeitpunkt, als die Stadttore längst geschlossen waren, hatten sich bereits einige andere Reisende vor einem großen Feuer versammelt, das die Faols, Bestien, größer als jeder Hütehund und erbarmungslos wie der Tod selbst, von ihnen fernhalten sollte. Madad hatte seinen Freund vor die Flammen gezerrt und ihn den Blick in das Geflacker lenken lassen.
Das Feuer. Kard erinnerte sich. Und fühlte nach langer Zeit wieder, das Amulett auf seiner Brust pulsieren. Der Drachenzahn ließ ihn sich selbst spüren.
Feuer.
Anfangs waren es nur tanzende Farbflecken gewesen, die er wahrgenommen hatte. Dann das Knistern. Dann der Rauch in seiner Nase. Aber es war, als ob nicht er selbst dies wahrnehmen würde, als sei er nur Gast in seinem eigenen Körper. Ein Zuschauer, der ohne irgendein Gefühl einer Zirkusvorstellung beiwohnte. Lange hatte er so vor dem Feuer gestanden. Den Blick starr in die Flammen gerichtet.
Anfangs hatten die Reisenden ihn nach seiner Herkunft, seinem Namen, seinem Ziel gefragt. Nachdem aber der Ankömmling einfach nur schweigend und bewegungslos zwischen ihnen gestanden hatte, hatten sie begonnen, Witze über ihn zu machen. An seinen Kleidern hatten sie gezogen. Ihm in die Wange gezwickt. Nur das Knurren des gewaltigen Hütehundes an seiner Seite hatte sie schließlich dazu bewogen, von dieser seltsamen Gestalt abzulassen. So stand Kard da, die ganze Nacht, und starrte in die Flammen.
Mein Name? Den kenne ich ja selbst nicht.
Kard, so hatte man ihm im Waisenhaus genannt. Aber war das sein richtiger Name? Hatten ihn so seine Eltern genannt? Oder war das nicht einfach nur ein Maßnahme der Obersten Verwaltung, um das Waisenkind irgendwie in die Akten eintragen zu können. Waise Nummer fünfunffünfzigtausendzweihunderteins, kurz Kard.
Meine Herkunft?
Es gab schemenhafte Erinnerungen, die vielleicht nicht zum Waisenhaus gehörten, aber er konnte sie nicht zuordnen. Name, Herkunft, nach so etwas fragen die Menschen, wenn sie einen kennenlernten. Wieso eigentlich? Konnten sie einen so besser in ihre Weltsicht einordnen? Obwohl Name und Herkunft doch irgendwie gar nichts über den Menschen aussagten, oder? Aber es ist der Anfang, der Anfang des Menschseins. Und das fehlte Kard.
Ich habe keinen Anfang. Wie soll ich da ein Ziel haben?
Das einzige, was ihn verstand, war das Feuer. Kard, der schon immer eine besondere Beziehung zu diesem Element gehabt hatte, hatte an diesem ersten Abend in Truk das Gefühl, dass das Prasseln des Feuers sich direkt in seinem Kopf abspielte. Die Hitze seines Gesichts war nicht mehr zu unterscheiden von der Hitze des Feuers selbst.
Feuer.
Der Rauch stieg in seine Nase, hinab in seine Lunge und durchströmte seinen ganzen Körper.
Ich bin Feuer.
Irgendwann streckte er die Hand in die Flammen. Er verbrannte sich nicht. Ganz im Gegenteil, es war so, als ob er einen alten Freund umarmen wurde. Er zog die Hand wieder zurück und eine Flamme tanzte auf seiner Handfläche. Kard schloß die Hand zu einer Faust, öffnete sie wieder und begrüßte die Flamme, die weiterhin auf seiner Haut tanzte. Erneut schloß er die Faust, wechselte mit der Flamme einige silbenlose Worte, und öffnete erneut die Faust. Diesmal war die Handfläche leer, so wie es eigentlich sein sollte. Doch als Kard die Flamme rief, tanzte sie erneut auf seiner Haut. Zum Glück schliefen die anderen und außer Madad hatte niemand dieses Schauspiel verfolgt. Der Cu aber knurrte zufrieden, denn in die Augen seines Freundes war ein Glanz zurückgekehrt, den er dort lange vermisst hatte.
Dann schliefen sie beide ein. Ein tiefer Schlaf voll wilder Träume, an die sich aber keiner am nächsten Morgen erinnern konnte. Aber in ihnen lag ein Versprechen, eine namenlose Hoffnung.
*
Wallas war also der ehemalige Waffenschmied von Flanakan gewesen? Diese Information schmeckte dem Vampyr überhaupt nicht. Nachdem sich das Wissen, das Tsarr ihm magisch übermittelt hatte, langsam in seinem Kopf zu ordnen begonnen hatte, war es Laltan klar geworden, dass es hier nicht um gemeinen Verrat ging. Niemand hatte Geld unterschlagen, keiner hatte den Herrscher beleidigt oder die Ehre Goibas beschmutzt. Hier ging es eindeutig um Magie. Ein direkter Angriff auf die magische Quelle der Macht des Herrschers. Und dass ein einstiger Weggefährte Flanakans hier mit im Spiel war, ließ vermuten, das Wallas Informationen hatte, die dem Reich gefährlich werden konnten. War es nur dieses Minas-Schwert gewesen? Nein! Dann hätte Tsarr ihn nicht auf den Jungen angesetzt. Es musste dieser Mensch selbst sein, der sie beunruhigte. Aber warum? Laltan war sich sicher, dass Tsarr ihm nur die Informationen zur Verfügung gestellt hatte, die sie für notwendig erachtet hatte. Um aber die Spur seines Opfers aufnehmen zu können, musste er mehr wissen. Sicherlich wollte die große Tsarr nur das Reich schützen, aber das Wissen, was sie vorenthielt, war wahrscheinlich genau jenes, was er benötigte, um den Jungen ausfindig zu machen. Er würde dort ansetzen, wo alles begonnen hatte: bei der Großen Schlacht, die das Ende der Drachenkönige eingeleitet hatte und den Beginn der Herrschaft Flanakan bedeutete.
*
Abends nahm der Wind zu. Abgerissene Winxgrashalme und totes Laub wirbelte über die Dachfirste von Conchar, der Hauptstadt des Reiches Haragor. Auf den Dächern bebten die Ziegel und in den Ställen zitterte das Vieh. Im Feuerturm stöhnten die Flughunde und die große Glocke brummte ein trauriges Lied, sodass der Feuerwächter befürchtete, durch diese Geräuschkulisse in den Wahnsinn getrieben zu werden.
Der Wind schoss daraufhin in die engen Gassen, brach sich an den Kanten der brüchigen Häuser und zerrieb das Gestein langsam aber sicher zu feinem Staub. Die Bewohner der Hauptstadt versteckten ihre Gesichter und senkten ihren Kopf müde gegen die mitleidlosen Böen.
Durch die geschlossenen Fensterläden des Audienzsaales der Schwarzen Burg hörte man den Wind nur noch als fernes Rauschen, das protestierend an den Riegeln riss, dessen Flehen aber nicht erhört wurde.
Makral, Nachfolger von Laoch und jetzt gleichzeitig Oberster der Wachen und der Schergen, hatte sich zu den anderen Obersten des Reiches gesellt. Der Oberster Steuereintreiber, ein Vampyr und Adeliger aus dem Höhlengebirge von Schtalyr, stets griesgrämig, niemals zufrieden, einer der auch dann jammerte, wenn ein Bauer den Steuereintreibern noch das letzte Hemd gab. Der Oberste Verwalter, klein, dick, immer mit einer Notiztafel bewaffnet, auf der er ständig hin und her wischte. Auch der Oberste Stadtrat war diesmal anwesend, einer von Makrals Leuten, denn natürlich war der Oberste Stadtrat nur eine Marionette und ein Spitzel obendrein. Und seitdem Flanakan vor einigen Jahren die Sitzungen des Stadtrates in die Schwarze Burg verlegt hatte, war es auch dem letzten Bewohner Haragors klar geworden, dass die Mitbestimmung der Händler und Handwerker nur noch nettes Theater war. Aber der gute Mann, wohlgenährt und ganz eingenommen von seiner imaginären Bedeutung, hatte viele Kontakte zu den Reichen und Wichtigtuern und war, das konnte Makral bestätigen, ein hervorragender Denunziant.
Sie alle hatten ihr Haupt vor Flanakan und Tsarr gesenkt. Dem Herrscher sah man kaum an, dass seine Mutter eine Vampyrin gewesen war. Aber auch wenn ihm die lederartigen Flügel fehlten, die normale Vampyre, wenn sie unter Menschen wandelten, gerne wie einen warmen Mantel um sich schloßen, verriet doch die dunkle, faltige Haut, dass Flanakan kein Mensch war. Seine gelben Augen waren nur zwei Schlitze, mit denen er die Anwesenden griesgrämig musterte. Selbst Tsarr, stellte Makral fest, wie immer gekleidet in ihrem schwarzen Priestergewand, auf dem auch diesmal ein paar getrocknete Blutspritzer zu sehen waren, blieb von der schlechten Laune des Herrschers nicht verschont.
Makral berichtete von den zunehmenden Unruhen in Haragor. Mit diesem angeblichen Minas-Schwert hatte es angefangen. Die Schlacht am Branubrabat zwischen Laoch und einigen aufmüpfigen Gestalten war nicht gänzlich unbemerkt geblieben. Aber die Mär von einem Drachenprinzen wollte dann doch keiner wirklich glauben. Dieses unsinnige Gerücht war zur Zeit das geringste Problem. Es gab handfeste, reale Probleme! Störrische Toraks, unzufriedene Menschen und nicht zu vergessen dieses Scharmützel zwischen Amazonen und Ichtos am Rande des Reiches in den Weiten des Ozeans.
Makral bemerkte, wie Tsarr immer nachdenklicher wurde, während sie seinen Worten lauschte. Als sie das Wort an ihn wandte, war die unterdrückte Wut der Gova deutlich zu spüren.
»Vasallin Plr, Königin der Ichtos, scheint ihren Gehorsam gegenüber Flanakan vergessen zu haben sollte. Diese halben Fische dürfen nicht vergessen, welchem Herren und welchen Göttern sie dienen müssen.«
Flanakan nickte. »Die Oberste Priesterin Goibas hat recht. Wenn Plr nach der Magie Branus trachtet, müssen die Ichtos lernen, was es heißt, sich gegen die Magie der göttlichen Schwestern zu stellen.«
Makral wusste, dass Tsarr sehr darauf bedacht war, dass ihre Göttin, Goiba, nicht ins Hintertreffen kam. Die Waagschalen von Branu und Goiba mussten stets zu ihren Gunsten gefüllt sein.
Flanakans gelbe Augen richtete sich auf den Obersten Stadtrat. »Wisst ihr noch, Oberster Stadtrat, wieso ich eure Ratsversammlung damals in die Schwarze Burg verlegt habe?«
Der Angesprochene schluckte nervös und nickte langsam. »Ja, großer Herrscher. Es gab da einige von uns, die, äh, behaupteten, äh, ein Regent wäre… überflüssig.«
Das letzte Wort war kaum zu hören, der Oberste Stadtrat griff sich an die Kehle, als ob er eine unsichtbare Hand lösen wolle, die ihn gerade würgte.
»Und wie haben wir das natürliche Gleichgewicht wieder hergestellt?« Flanakan starrte den sich windenden Obersten Stadtrat unerbittlich an.
»Bestimmt meinst du den Tag der hundert Hinrichtungen…« Der Obersten Stadtrat versuchte verzweifelt zu lächeln, aber seine nach oben gezogenen Mundwinkel standen im krassen Gegensatz zu seinen hin und her huschenden Augen, die nach einem Fluchtweg suchten.
»Genau, Oberster Stadtrat. Hundert Hinrichtungen. Natürlich waren die meisten Toraks, aber im Endeffekt mussten viele verschiedene Wesen für ihren Frevel bezahlen, oder? Schließlich sollte ganz Haragor wissen, wer hier der Herrscher ist.«
Seine nächsten Worte richtete Flanakan an Makral. »Oberster Makral. Ich glaube, auch in diesem Fall werden hundert Hinrichtungen genügen. Es sollten vorrangig Ichtos sein! Dann wird dieses achtlose Weib, die sich Königin schimpft, auch mitbekommen, dass wir in Conchar nicht schlafen. Und…«, Flanakan ließ seinen Blick zum Fenster schweifen, »es dürfen auch Toraks und Menschen dabei sein. Amazonen, wenn man ihrer habhaft werden kann, können auch am Galgen baumeln. Schließlich sollen wirklich alle daran erinnert werden, wer der Herrscher Haragors ist.«
Flanakan schaute in die Runde, aber niemand hatte dem etwas zu entgegnen. Makral hatte ebenfalls keine Einwände. Sein Aufgabe war es, die Worte des Herrschers in Taten umzusetzen. Es stand ihm nicht zu, eigene Gedanken zu haben. Und Gefühle hatte er ja sowieso keine.
*
Der Bauer, der es sich im ›Knochenbruch‹, einer beliebten Kneipe in Conchar, gemütlich gemacht hatte, sah Gsaxt, den Wirt dieser Gastwirtschaft, mißtrauisch an. Für einen Menschen war der Mann recht groß und muskulös, was den riesigen Torak, der den Hünen immer noch um zwei Köpfe überragte, nicht im mindesten schreckte. Wenn es darauf ankommen würde, würde er es mit drei dieser Sorte aufnehmen. Gsaxt nahm den Krug, den ihm der Mensch zugeschoben hatte und nippte daran. Er ließ das Gebräu in seiner Mundhöhle kreisen, legte sogar sein mächtiges Haupt in den Nacken und gurgelte verhalten. Dann stellte er den Krug wieder vor seinen Gast.
»So wie immer, finde ich!«
»Wie immer, wie immer?« Der Bauer sah Gsaxt entgeistert an. Er war jung und offensichtlich einer, der Streitigkeiten unter Seinesgleichen eher mit der Faust als mit der Zunge regelte. Schon begann er, sich von dem Stuhl zu erheben, aber angesichts der Muskelmasse des Toraks, der mindestens das Doppelte auf die Waage brachte, besann er sich offensichtlich eines Besseren. Gsaxt sah ihn gutmütig an, lächelnd.
Der Bauer nahm den Krug und nippte nun seinerseits daran. Aber sofort spuckte er das Schoff wieder heraus. »Das ist kein Schoff, das ist Gift!«
Das Lächeln im Gesicht von Gsaxt hatte nun etwas Erstarrtes. Aber er war in erster Linie hier Gastwirt. Und der Kunde war König. »Wir machen dir einen neuen Krug, wie wäre es damit?«
»Einen neuen Krug, einen neuen Krug? Was will ich mit einem neuen Krug? Das Schoff ist einfach zu dünn, das ist ja mehr Wasser als sonst etwas.«
Der Mann sah ihn herausfordernd an. Gsaxt kannte diese Streithähne, die einen Anlass suchten, um sich ein wenig zu prügeln. Aber dieser Bauer schien noch etwas anderes im Schilde zu führen, was der Torak nicht so richtig einschätzen konnte.
»Dabei ist es das Schoff, das ihr uns selbst geliefert habt.«
»Kann gar nicht sein. Das Schoff, das ich euch geliefert habe, war süß und vollmundig und würzig und schwer. Ein Schoff, das einem nach dem ersten Schluck schon fröhlich macht. Nicht so ein dünnes Gesöff, wie ihr es hier anbietet.«
Es gab eben immer diese Wesen, die an allem etwas auszusetzen hatten. Gsaxt holte den Lieferzettel aus seiner Gesäßtasche.
»Und ist das nicht eure Unterschrift?«
»Ja, sicherlich. Aber das ist nicht das Schoff, das ich euch geliefert habe.«
»Wenn der werte Herr einen Blick hinter die Theke werfen möchte, wird er sogar das Fass sehen, welches wir heute morgen von seinem Wagen gehoben haben. Und mit Verlaub, Euer Schoff ist nicht besser oder schlechter als all die anderen Lieferungen, die wir bekommen.«
Gsaxt blickte weiterhin freundlich auf den Menschen, der unter ihm kurz vor der Explosion stand, und legte schon einmal beruhigend eine mächtige Faust auf die Tischplatte. Tatsächlich war dieser Bauer nicht der erste Gast, der sich wegen des Schoffs beschwerte, sodass der Torak inzwischen einige Übung darin hatte, mit diesem unbegründeten Verhalten umzugehen. Er hatte vor einiger Zeit sogar zusammen mit seinem Bruder einige Freunde eingeladen und ein Spiel gespielt. Sie hatten sich die Augen verbunden und dann blind die gefüllten Krüge geleert, um herauszufinden, ob das Schoff der unterschiedlichen Lieferanten tatsächlich verschieden schmeckte. Aber das Ergebnis war ernüchternd gewesen. Das Schoff waren immer gleich gewesen. Gleich dünn, gleich wässrig, gleich schlecht, gleich gut. Schoff eben.
»Also mein Schoff ist das bestimmt nicht!«
»Nun ja, hier in Conchar schmeckt es vielleicht anders als auf eurem Hof, auf der Fahrt werden die Fässer ja auch ganz schön durchgeschüttelt. Wieviel Tage ward ihr unterwegs?«
»Vier Tage. Aber davon wird das Schoff auch nicht dünner.«
»Dünner?« Gsaxt sah den Bauer jetzt tief in die Augen.
»Genau, dünner. Ihr panscht da doch herum, kann mir doch keiner erzählen.«
»Neue Lieferung!«
Die Stimme von Gsark dröhnte wie die Glocke des Feuerturms durch den Schankraum. Der ältere Bruder von Gsaxt stand an der Tür, die in den Keller des ›Knochenbruchs‹ führte, und hatte ein Schofffass geschultert.
»Neue Lieferung!«, wiederholte Gsaxt und schaute dem Bauer vielsagend ins Gesicht. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand hinter der Theke. Man hörte das Hämmern, als das neue Fass angeschlagen wurde, dann das Gurgeln und Zischen, mit dem sich ein neuer Krug füllte. Kurz darauf stand Gsaxt wieder vor dem Bauern und stellte ihm den neuen Krug genau vor die Nase. Der Mann nahm einen tiefen Schluck und man konnte sehen, wie er versucht war, dieses Schoff genauso herauszuspucken wie das Schoff zuvor. Aber diesmal besann er sich und schluckte die Flüssigkeit herunter.
»Viel besser«, rief er dann laut und vernehmlich, sodass es alle Gäste im Knochenbruch hören konnten. Gsaxt nahm nun seinerseits den Krug und einen Schluck des Schoffs. Dann reichte er das Gefäß seinem Bruder weiter, der sich inzwischen zu ihnen gesellt hatte. Die Toraks schauten sich an und schüttelten den Kopf.
»Genauso gut wie das letzte Fass!« Der Tonfall von Gsark war wesentlich schärfer als der seines jüngeren Bruders.
»Über Geschmack lässt sich nicht streiten.« Gsaxt hatte sich vor den älteren Gsark geschoben und lächelte den Bauern freundlich an. »Geht auf’s Haus!«
Der Mann nickte grimmig und klammerte sich an dem neuen Schoffkrug fest, während die Toraks durch den Schankraum stiefelten und hinter der Theke Stellung bezogen. Der Bauer trank daraufhin zügig seinen Krug leer. Das wütende Glimmen in den Augen von Gsark war nicht zu übersehen gewesen. Der Mensch zog es offensichtlich doch vor, einer direkten Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Der Mann schnappte sich bald seine Jacke und stiefelte aus dem Schankraum. Gsaxt sah ihm nachdenklich hinterher. Diese Begegnung ließ ihn für die Zukunft nichts Gutes ahnen.
Draußen auf der Straße wartete bereits der Schatten auf den Bauern. »Und, war es, wie ich es gesagt habe?«
»Ja, du hattest recht. Das Schoff war dünn wie Wasser.«
»Sage ich doch. Diese Geizhälse, die strecken das Schoff. Um uns armen, hart arbeitenden Menschen noch die letzten Argits aus der Tasche zu ziehen.« Vielsagend schauend stülpte der Schatten seine Taschen nach außen, um zu zeigen, dass dort keine einzige Münze zu finden war. Die dunkle Gestalt schien ganz aufgeregt, denn er begann nun, von einem Bein auf das andere zu hüpfen.
»Aber ehrlich gesagt hatten die dann eine neue Lieferung, die genauso schmeckte. Genauso dünn. Schoff eben. Und das direkt aus dem neuen Fass.«
»Neue Lieferung? Ach was. Alles Theater. Glaub mir. Die panschen herum. Betrüger. Lügner. Banditen.«
Dann stand der Bauer plötzlich wieder alleine auf der Gasse. Der Schatten war so schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Genauso wie vor seinem Besuch im ›Knochenbruch‹. Da hatte der Bauer sein schwer verdientes Geld schon wieder in all die Dinge umgetauscht, die man zu Hause brauchte. Eine neue Schaufel aus der Schmiede eines Toraks. Die Haarbürste aus gehärteten und flexiblen Seeigelstacheln von der Schreienden Makrele, diesem stadtbekannten Händler aus Ichtien. Wobei man sich immer fragte, wie diese Halbkiemenatmer es zu solcher Stimmgewalt bringen konnten. Ein paar weitere Dinge für den Hof hatte er noch erstanden. Zum Schluß wollte er noch gepflegt einen trinken gehen. Und dann war dieser Schatten aufgetaucht und hatte ihm sehr anschaulich und eindringlich von dem verdünnten Schoff erzählt. Gerade als die vielversprechenden Geräusche des ›Knochenbruchs‹ an sein Ohr gedrungen waren und er den Geschmack des Gebräus schon auf der Zunge hatte. Und als dem Bauern dann das dünne Gesöff die Kehle hinunter geronnen war, war das wirklich eine Enttäuschung gewesen. Der Schatten hatte wohl doch recht. Die Toraks verdünnten das Schoff und unten im Keller zechten die Geizhälse dann bis zum Umfallen. So etwas konnte auf Dauer nicht geduldet werden.
*
Der Torak-Schmied, der Kard eingestellt hatte, war anfangs natürlich mißtrauisch gewesen. Das hatte Kard nichts sonderlich überrascht. Ein Mensch als Schmied? Aber nach den ersten Gartenzaunscharnieren, Pflugscharen und Gülleschaufeln war der Meister überzeugt. Und mit welcher Kraft dieser kleine Mensch das Metall auf dem Amboss bearbeitete. Gar nicht schlecht.
Für sich selbst hatte der Junge als erstes eine Axt gefertigt, eine mit einem recht schweren Schneideblatt. Und sich freiwillig zum Holzhacken gemeldet, was dem Meister nur recht gewesen war. Noch bevor der eigentliche Tag in der Schmiede begann, stand Kard jeden Morgen nun im Hof und ließ die Axt auf die Holzstämme hinuntersausen. Die Sonne, sobald sie sich anschickte, ihr erstens Licht über die Hochebene und diese vergessene kleine Stadt zu schicken, wurde von Kards Schneide begrüßt. Der Junge gönnte sich ein kurzes Bad in den Strahlen, dann presste er die Lippen zusammen und schlug zu.
Wenn er dann später mit ähnlicher Verbissenheit die tägliche Arbeit verrichtete, glaubte der Meister zu sehen, wie die Glut der Esse dem Jungen, der seltsamerweise ohne Handschuhe arbeitete, direkt in die Arme kroch. Aber das musste ja eine Sinnestäuschung sein. Der Meister blinzelte zwei-, dreimal, schon war der Spuk vorbei. Und Kard lächelte ihn an. Mit diesen traurigen braunen Augen, die durch den Meister hindurch und in eine unbekannte Leere blickten.
Nachdenklich betrachtete Kard an diesem Abend den Ofengriff, den er gerade aus dem Abkühlbecken gezogen hatte. Das zerbrochene Gegenstück, das der Junge ihm gebracht hatte, lag neben ihm auf dem Amboss. Er drehte sich auf dem Absatz, so dass er nun den Griff um die Zange lockern konnte und den neuen Griff neben dem alten ablegen konnte.
Die Sonne war gerade untergegangen. Draußen vor den Fenstern der kleinen Schmiede war es bereits still geworden, die Bewohner saßen jetzt in ihren kleinen Hütten vor Tellern mit dünner Winxgrassuppe und tranken dazu ihr Schoff. Der Herbstwind, der hier am oberen Rand der Hochebene von Asch-by-lan nochmal richtig Schwung bekam, bevor er über die Kante der Hochebene hinunter in die Schwesterstadt Trok gezogen wurde, kündete bereits von der Kälte des kommenden Winters, die nun jede Nacht zunahm. Der Geruch von mitleidloser Feuchtigkeit und abgestandenem Rauch zog durch die Straßen der kleinen Stadt und erinnerte die letzten Bewohner, die durch die engen Gassen irrten, daran, sich möglichst schnell vor Goibas Kälte zu verstecken.
Der Junge, dessen Namen Benji war, saß neben der Esse und starrte fasziniert in die glühende Schlacke. Er hatte Kard geholfen, den Blasebalg zu bedienen, was den etwa Zehnjährigen offensichtlich doch einige Kraft gekostet hatte. Wenigstens war ihm dabei warm geworden, denn er hatte nur eine dünne Hose und ein dünnes Hemd an. Jetzt saß er recht zufrieden auf einem Schemel, sein Gesicht gezeichnet von einer glücklichen Erschöpfung, die man nur bei Kindern findet, die noch nicht fragten, wieso sie sich gerade so verausgabt hatten. Er nickt Kard anerkennend zu.
»Sieht genauso aus wie der alte. Das ist gut.«
Kard nickte stumm. »Ihr habt große Öfen!«
Benji nickte aufgeregt. »Ja, es sind sogar mehrere. Aber nur zwei funktionieren noch. Und mit den neuen Griffen, kann man sie wieder richtig schließen, dann reicht das Holz im Winter doppelt so lang, sagen die Govas.«
Der Junge kam aus dem Waisenhaus im Dunklen Wald. Kard kannte die Griffe, die er gerade schmiedete. Mit ihnen hatte er als Kind selbst dutzende Male die Ofentüren geöffnet und geschlossen. Zu seiner Zeit hatten sie im Winter drei Öfen geheizt. Damit wurde Wasser erhitzt, das in Rohren durch das ganze Waisenhaus floss. Ein Technik, die man sonst nur in den Häusern der Reichen fand und es war ungewöhnlich, dass man eine so aufwendige Konstruktion in einem einfachen Waisenhaus installiert hatte. Wieso, fragte sich Kard, ließ man die Waisen nicht einfach frieren? Haragor war nicht gerade dafür bekannt, dass es sich besonders um seine Kinder kümmerte.
»Das ist eine besondere Legierung. Die Govas waren sich gar nicht sicher, ob es in Truk eine Schmiede geben würde, die das herstellen kann.«
Der Junge hatte recht. Aber Wallas hatte Kard damals einiges beigebracht, was man in anderen Schmieden nicht lernte.
»Andere Metalle würden schmelzen oder sich wenigstens verbiegen, man braucht eine spezielle Legierung. Deswegen habe die Govas auch mich geschickt, ich hätte es dir sonst erklären können.«
Kard schaute den Jungen zweifelnd an.
»Legierung? Du kennst ja Worte! Bist du etwa auch ein Schmied?«
»Nein, das ist mir viel zu heiß. Ich habe es gelesen!«
Benji sah Kard triumphierend an und knetete ganz aufgeregt seine Finger.
»Gelesen?«
»Ja, in der Bibliothek gibt es Bücher über wirklich alles. Da habe ich nochmal nachgeschaut, bevor ich los bin. Und zu diesem Ofen gibt es eine eigene Bedienungsanleitung.«
»Eine was?«
»So ein Buch, wo alles beschrieben ist. Sicherheitsanweisungen. Beschreibung der Teile. Welchen Hebel man runterdrücken muss, damit die Rohre in den Schlafsälen mit heißem Wasser gefüllt werden. Und auch, aus welchem Material alles besteht.«
Kard nickte anerkennend. Ich erinnere mich an die Bibliothek. Sie lag direkt neben dem Trakt der Govas. Immerhin hatte er im Waisenhaus ja auch selbst das Lesen gelernt. Die Welt der Buchstaben hatte ihn allerdings nie wirklich fasziniert.
»Es gibt sogar Bücher über die Drachenkönige!«
Benji hatte geflüstert und schaute Kard jetzt erwartungsvoll an. Bücher über die Drachenkönige in einer Bibliothek der Govas? Kard glaubte, sich verhört zu haben. Der Kleine will hier wohl ein wenig angeben.
»Über die Drachenkönige?«
Benji nickte ganz aufgeregt und lächelte verschmitzt.
»Ja, ein bisschen versteckt in einem Buch über Steine. Es gibt Gestein, das durch Vulkane entsteht. Vulkane…« Benji senkte nochmals die Stimme, als ob eine der Govas hinter ihm stehen würde, »…Branubrabat…Drachenkönige!«
»Hm, ist ja interessant. Und die Govas lassen euch einfach so in die Bibliothek spazieren und alles lesen, was da steht?«
»Nein, das habe ich heimlich gemacht. Eigentlich dürfen wir nur da hin, wo die Schulbücher stehen. Rechnen und so.«
»Und da hast du mal so schnell nebenbei ein wenig in den anderen Büchern gelesen?«
»Nicht ganz! Aber ich weiß, wo der Schlüssel ist!«
Stolz schaute Benji Kard an.
»Der Schlüssel?«
»Der Schlüssel zur Bibliothek natürlich. Normalerweise ist immer eine der Govas dabei, wenn wir die Bücher holen. Aber wenn man den Schlüssel hat, kann man natürlich auch so rein.«
»Und jetzt laufen jede Nacht alle Kinder heimlich zwischen den Regalen herum?«
»Nur ich. Die anderen spielen lieber Grasball oder Verstecken. Die meisten interessieren sich nicht so besonders für Bücher. Bücher erinnert sie an die Schule und daran will keiner erinnert werden.«
»Wieviele seid ihr denn?«
Benji überlegte kurz, zählte mit den Fingern, seine Lippen bewegten sich stumm.
»Mit dem dicken Adrian sind wir siebzehn.«
Der dicke Adrian? Den kannte Kard sogar noch. Der Junge hatte damals mit zehn Jahren nur bis drei zählen können und die Spucke war ihm ständig aus dem Mund gelaufen. Was machte der noch im Waisenhaus? Normalerweise wurden die Kinder als Knechte an die Bauern oder Jäger gegeben, sobald sie kräftig genug dafür waren. Wieso hatten die Govas diesen dicken Klops, der soviel Suppe wie drei andere Kinder in sich hineinlöffelte, nicht einfach auf die Straße gesetzt? So wie sie es ihnen immer gedroht hatten, wenn einem der Kinder ein Missgeschick widerfahren war?
Siebzehn Kinder. Das waren nicht so viele. Zu meiner Zeit waren wir dreimal soviel gewesen.
Benji lächelte Kard vertrauensvoll an. Kard beneidete ihn irgendwie. In seiner Erinnerung war die Zeit im Waisenhaus geprägt von keifenden Govas und den Ellenbogen der anderen Kinder. Vertrauen war ein Gefühl, das Kard damals nur dem Feuer entgegengebracht hatte. Fast so wie heute. Aber es gab ja noch Madad. Als ob der Freund seine Gedanken gelesen hätte, stürmte der Cu in diesem Augenblick in die Schmiede.
»Papierfetzen jagen. Das ist vielleicht cool. Hier schau mal.«
Aus den Zähnen des Cus löste sich ein Stück Papier. Kard nahm es hoch und hob eine Augenbraue.
»Genau, da schaust du, oder?« Madad entblößte triumphierend alle Zähne.
Es war ein Flugblatt mit den anstehenden Hinrichtungen für das nächste Dadeugende, dem Ende der Arbeitswoche in Haragor. Ähnlich dem Flugblatt, wie es damals Gsam und seine Söhne gedruckt hatten. Damals, als Kard noch in die Lehre bei dem Torakschmied Wallas gegangen war, der ebenfalls zu dieser Gruppe gehört hatte. Ein paar verstreute Wesen, die sich Widerstand genannt und geglaubt hatten, sich mit einem Stück Papier gegen die Grausamkeit des Herrschers erwehren zu können. Nur ein Blatt Papier. Ohne Kommentar, ohne Unterschrift. Einfach nur die Liste. Aber nicht alle Wesen, die für die Hinrichtung bestimmt waren, waren, Toraks, was Kard verwunderte. Als Gsam, der Wirt des ›Knochenbruchs‹, die Flugbätter in Conchar gedruckt hatte, waren nur Toraks zum Tode verurteilt worden. Menschen hatten fast nichts zu befürchten. Wenn sie Pech hatten, mussten sie in die Minen als Zwangsarbeiter. Oder in den Kerker. Aber der Galgen war für die minderwertigen Halbriesen vorbehalten gewesen. Ein Grund, wieso der Widerstand sich hauptsächlich aus Toraks zusammensetzte.
Das schien sich inzwischen verändert zu haben. Auf der Hinrichtungsliste waren ebenfalls Menschen und Ichtos zu finden. Selbst auf das abgelegene Truk fiel also der tödliche Schatten Flanakans. Aber offensichtlich gab es auch hier eine Zelle des Widerstands, eine Gruppe von Menschen und Toraks und anderer Wesen, die sich der Willkür des Herrschers entgegen stellten.
Benji drängte sich neben Kard und schaute neugierig auf das Blatt.
»Sind ja fast nur Toraks. Die Govas meinen sowieso, dass Goiba froh wäre, wenn es ein paar weniger von ihnen geben würde.«
Kard schaute Benji an. Er wusste, dass er in seinem Alter und auch noch viel später genauso gewesen war. Was die Govas gesagt hatten, war nicht zu hinterfragen gewesen.
»Stell dir mal vor, Benji, du wärst ein Torak. Wie würdest du dich fühlen, wenn du so ein Liste siehst?«
»Ich, ein Torak?« Das helle, fröhliche Lachen des Jungen hallte durch die Schmiede, brach sich an den kalten Wänden und verschwand mit dem Rauch der Esse im Kamin. Zurück blieb ein Schweigen und die Blicke von Kard und Madad, die den Jungen traurig ansahen.
»Aber ich bin doch ein Mensch. Wie könnte ich denn ein Torak sein?«
»Dann stell dir eine Liste mit Menschen vor. Nur Menschen. Keine Toraks.«
»Es werden auch Menschen hingerichtet. Mörder und so.«
Kard zeigte auf das Blatt.
»Wegen Diebstahls eines Fasses Schoff.«
»Das kann man nicht so wirklich mit Mord vergleichen, oder?« Madad schaute Benji mit diesem tiefen, herzzerreißenden Hundeblick an.
»Schau mal, der ist erst knappe dreißig Jahre alt, für einen Torak ist der damit noch fast ein Kind.«
Benji schaute trotzig zurück. »Also die Govas sagen, dass das alles gerecht ist. Wer gegen Flanakan ist, ist gegen Tsarr, ist gegen Goiba. Und wer gegen die Götter ist, der ist des Todes. Ganz einfach.«
»Genau, ganz einfach. Und Goiba ist die einzige Göttin, und Branu ist ein Idiot, oder?«
Benji schaute den Gotteslästerer entsetzt an. In Kards Augen glimmte kurz eine Flamme auf, wahrscheinlich das Spiegelbild einer kurzen Eruption der Schlacke in der Esse. Dann wandte sich Kard ab und lenkte seinen Blick hinaus auf die Straße. Dort hatte die Nacht begonnen. Der Winter kündigte sich an. Zeit von Dunkelheit und Kälte.
Die Zeit Goibas.
*
Der Schatten lauerte im Halbdunkel und überblickte den Marktplatz von Conchar. Überall schlurften diese riesigen Toraks herum. Mussten die nicht irgendetwas arbeiten? Wie die sich bewegten. In Zeitlupe. Hatten die es nicht eilig, hatten die nichts zu tun? Wenn diese Viecher sprachen, klang es, als ob jede Silbe sich einzeln aus ihrer Kehle herausarbeiten musste. Boaaahääällllschsch. Das konnte doch niemand verstehen. Und diese kleine Augen! Wie bei Schweinen. Und genauso stanken auch! Und trotzdem waren die noch ganz gut gekleidet. Hatte der da hinten nicht sogar eine Goldkette um den Hals? Sicherlich so ein reicher Winxbauer. Der sein verdünntes Gesöff gegen überhöhte Preise an die Menschen verkaufte. Widerlich. Und dann diese großen Nasen. Die hatten wirklich große Nasen, diese Toraks. Riesige Riechkolben. Hässlich. Abgrundtief hässlich. Und liefen hier herum, als ob ihnen die Welt gehöre. Aber wartet nur ab, ihr Viecher, eure Zeit wird schon noch kommen, wartet nur ab.
Und dann dieser kreischende Ichto. Die schreiende Makrele. Konnte der nicht einmal seine Kiemendeckel geschlossen halten? Wir wissen ja langsam, dass du Fisch verkaufst. Du Fisch. Du dreckiger, stinkender Fisch. Du dummer, hässlicher Fisch. Fast so schlimm wie ein Torak. Geh doch zurück nach Ichtien, wo du herkommst. Zurück zu deiner dummen Königin. Dass Flanakan euch überhaupt hier nach Conchar reinläßt. Manchmal kann man die Entscheidungen des Herrschers nicht wirklich nachvollziehen. Ich könnte ganz gut ohne Fisch leben. Wer braucht schon Fisch? Hier in Conchar braucht keiner Fisch. Dann wäre der Gestank weg. Und diese Schreierei. Bleibt doch auf euren Inseln. Kann dieser Ichto jetzt endlich mal still sein, die Schreiende Makrele?
Und jetzt auch noch so ein kleiner Wahter. Wie kommt der denn hierher? Gibt’s nicht genug Nüsse im Dunklen Wald, du kleiner Fellhaufen? Bei denen kann man noch nicht mal die Augen sehen. Die führen doch etwas im Schilde. Bestimmt. Hinterhältige dumme, stinkende, kleine Biester. Das ist meine Stadt. Was wollt ihr hier? Meine Luft verpesten?
Der Herbstwind fegte über den Marktplatz. Die Händler hatten ihre Baldachine eingeholt und sich hinter ihren Wägen verschanzt. Die Einwohner Conchars, in ihre Mäntel gehüllt, waren mit Körben und Handkarren gekommen, um sich mit den Dingen des täglichen Bedarfs einzudecken. Das Angebot hier suchte in Haragor seinesgleichen. Natürlich gab es alles, was aus Winx herstellbar war. Von Schoff bis Zuckerwatte. Aus dem hohen Norden waren die Holz- und Erzhändler angereist. Ichtos boten viel Fischiges an. Alchemisten aus dem Erzgebirge verkauften Feuerwerkskörper und Aus-Blei-mach-Gold-Tinkturen. Govas und sogar einige Govans boten Furunkelsalben, Liebesgarantien, Herzensbrecher und diverse Mittelchen zur Antlitzverschönerung an. Selbst Vampyre und Fasachen waren zu sehen. Eine bunte Völkervielfalt, die friedlich umeinander stolperte auf der Suche nach Balsam für ihre unerfüllten Wünsche.
Ein Mann war neben den Schatten getreten. Es war eine geschützte Stelle, an der man sich ein wenig vor dem stetigen Wind verstecken konnte.
»Die Toraks strecken das Schoff, schon gehört?«
Der Mann sah den Schatten neugierig an.
»Echt?«
»Ja. Gestern war ich im ›Knochenbruch‹. Total dünnes Schoff.«
»Was suchst du denn im ›Knochenbruch‹? Ist doch eher eine Torak-Kneipe, oder?«
»Geschäfte. Wirklich dünnes Schoff. Sehr dünn!«
»Lass mich überlegen. Mein letztes Schoff hatte ich im ›Hustenden Hans‹. War eigentlich ganz lecker. Und der Wirt ist auch ein Torak.«
»Ist bestimmt schon eine Weile her.«
»Stimmt. Schon ein paar Tage.«
»Geh da nochmal hin. Ich wette, das Schoff ist da inzwischen auch dünner. Die Toraks wollen uns vergiften!«
»Mit dünnem Schoff?«
»Ganz genau, mit dünnem Schoff.« Die Stimme des Schatten war jetzt ein wenig schärfer geworden.
»Hör mal Kumpel. Kann das sein, dass du heute zu viel von diesem dünnen Schoff getrunken hast?« Der Mann klopfte dem Schatten gutmütig auf die Schulter. Der Schatten verschluckte sich daraufhin und hustete und spuckte eine Weile vor sich hin. Der Mann sah ihn besorgt an.
»Erste Vergiftungserscheinungen!«, bellte der Schatten.
»Sicherlich, Kumpel. Vergiftungserscheinungen, ganz bestimmt. Du, ich muss noch eine Bratpfanne holen. Ich geh da hinten mal zu dem Schmied. Schönen Tag noch.«
Der Mann verschwand in der Menge und ließ den Schatten zurück, der immer noch vor sich hin hüstelte.
Giftmischer, das sind sie. Toraks sind Giftmischer, jawohl.
*
Nach dem Tod des Oguls war die Trauer um Wallas von der Hoffnung aufgehellt worden, Antworten auf viele Fragen zu bekommen. Wer war er, Kard? Aber ohne das Minas-Schwert an seinem Gürtel hatte Kard bald angefangen, an allem zu zweifeln. Er, eine Schmiedemeister? Irgendwie lächerlich. Was hatte er denn bisher gemacht? Schaufelblätter, Gartenzäune. Oder mal einen Schlüssel gegossen. Dann hatte er mit Hilfe von Wallas das Minas-Schwert geschaffen. Er hatte die Klinge in die Lava gesteckt, na und? War jetzt auch nicht so schwer gewesen. Gut, dass ihm die Hände nicht verbrannt waren, war schon irgendwie seltsam gewesen, aber er hatte selbst eigentlich nichts dafür gemacht. Er hatte bisher immer nur das gemacht, was andere ihm gesagt hatten. Ein braver Waisenjunge. Immer hatte er schön den Göttern geopfert. Ein braver Lehrling eines angesehenen Schmiedes. Aber letztendlich war er ein Nichts. Ein braves Nichts.
Als sie vom Branubrabat aufgebrochen waren, hatte ihn noch die Frage nach seinen Eltern umgetrieben. Konnte die Beantwortung dieser Frage Licht in sein Dunkel bringen? Aber inzwischen hatte er aufgehört zu fragen. Welche Eltern gaben ihr Kind denn weg und brachten es in ein Waisenhaus? War er das Kind eines unüberlegten Augenblicks, unerwünscht, überflüssig? Oder diese seltsame Kraft, die ihm das Feuer verlieh. War sie vielleicht sogar der Grund, wieso man ihn weggegeben hatte? Warum noch die Frage nach seiner Herkunft stellen, wenn die Antwort doch nur sein konnte, dass er selbst für seine Eltern nur das Nichts gewesen war, als das er sich jetzt selbst fühlte.
Und dieses ganze Nichts-Sein machte ihn wütend, er wusste selbst nicht warum. Mit der Linken fest die Zange im Griff, mit der er das vierhundertdreiundachtzigste Küchenmesser seines Schmiedemeister-Daseins auf den Amboss drückte, mit der Rechten den schweren Hammer über den Kopf und dann rumms runter damit und mit aller Macht auf das glühende Metall hauen. Die Funken stoben und trafen auf seine nackten Unterarme, ohne irgendwelche Spuren dort zu hinterlassen. Und schon schwebte der Hammer wieder in der Luft und mit seiner ganzen Kraft flog das Eisen auf das Stück Metall, das eigentlich ein Messer werden sollte und nun wahrscheinlich als Löffel enden würde.
Und jetzt stand auch noch dieser dumme, kleine Junge mit seinen großen, fragenden Augen vor ihm. Ein Waisenjunge, wie er selbst. Aber mit dieser kindlichen Fröhlichkeit, dieser Unschuld und diesem Gottvertrauen. Kard würde ihm am liebsten links und rechts eine Ohrfeige verpassen.
Schau dich um, Benji, wo sind diese verdammten Götter? Sie helfen dir nicht, wenn du in Not bist, egal wieviel du ihnen geopfert hast. Sie sagen dir nicht, wer du bist, noch verraten sie dir, wer deine Eltern sind. Aber das willst du ja auch gar nicht wissen. Du dummer, dummer, dummer, kleiner Junge.
Benji starrte ihn immer noch entsetzt an, nachdem Kard gerade eben die Götter verspottet hatte. Die Müdigkeit im Gesicht des Jungen, dann dieses Nicht-Verstehen und der Schmutz, der sein Gesicht wie eine graue Patina bedeckte, all das ließ Kard plötzlich lachen. Hatte der Junge tatsächlich von der Gerechtigkeit der Govas, der Goiba-Priesterinnen Haragors, gesprochen?
»Die Govas, Benji, erzählen dir viel, damit du ihnen so wenig wie möglich Arbeit machst. Ich meine, was haben die davon, dass sie die ganzen Kinder durchfüttern? Die Govas können froh sein, wenn ein Bauer für euch eines Tages eine schöne Summe auf den Tisch legt, damit ihr ihm dann für eine dünne Winxgrassuppe die Ställe ausmistet. Das Wenigste, was sie daher von euch verlangen, ist der Respekt vor Goiba und ihren Schwestern und damit vor ihnen. Man stelle sich ein Waisenhaus vor, in dem die Kinder plötzlich täten, was sie wollten. Wo käme man da denn hin? Nein, die Govas geben euch Essen und ihr gebt ihnen Gehorsam und Respekt, ganz einfach.«
»Ganz einfach?«
»Ganz einfach.«
»Also, Herr Schmied, du magst ja mit dem Hammer umgehen können, aber von einem Waisenhaus hast du ja wohl keine Ahnung.«
Kard sah Benji verdutzt an. Madad war bei Benjis Worten erst aufgesprungen, jetzt hatte sich ein fröhliches Grinsen in seinem Maul breit gemacht.
»Yo, Mann, dieser Schmied, dieser Kard…«
Kard gab dem Cu ein Zeichen. Madad verstummte.
»Wieso glaubst du, du hergelaufener Waisenjunge, dass ich, Kard, keine Ahnung von einem Waisenhaus habe?«
»Weil es dort ganz und gar nicht so funktioniert, wie du gesagt hast. Die Govas sind nämlich einmal viel netter und dann machen sie doch mit uns ein Geschäft.«
»Ein Geschäft? Du meinst, die paar Argits, die die Bauern zahlen, wenn sie ein Kind auf ihren Hof holen?«
»Nein, doch nicht das. Damit verdienen sie tatsächlich nicht viel. Aber natürlich ist ein Waisenhaus letztendlich ein Geschäftsmodell.«
Verständnislos starrte Kard dieses dreckige, kleine Kind an, das ihn jetzt frech angrinste. Benji neigte sich vertrauensvoll zu Kard und flüsterte.
»Die Govas bekommen von jemanden Geld dafür, dass sie uns durchfüttern.«
»Du meinst die Opfergaben von den Gläubigen?«
»Nein, das nicht.« Benji schwieg kurz, schien zu überlegen und schaute Kard dann ins Gesicht. »Ich habe es selbst gesehen.«
»Was hast du gesehen?«
»Es gibt ein Buch, in dem sie alles hineinschreiben.«
»Was hineinschreiben?«
»Also, ich erzähle es euch jetzt. Aber ihr dürft das niemandem weitersagen, einverstanden?«
Kard und Madad nickten stumm.
»Ich hatte einmal Putzdienst im Büro der Großgova, der Obersten Gova, der Chefin, ihr wisst schon. Und bin dabei eingeschlafen. Lag unter dem Schreibtisch und träumte davon, wie ich im Sommer im See schwamm. Das Wasser war warm, ich ließ mich treiben und draußen war es doch in Wirklichkeit Winter. Im Traum sprang gerade ein Monster in den See und es machte einen Riesenplatsch und ich wachte auf und dann merkte ich, dass das in Wahrheit das Geräusch der Tür war und die Oberste Gova mit so einer reichen Dame reingekommen war. Dass sie reich war, habe ich an den Schuhen gesehen. Feinstes Tok-Rind-Leder mit Glitzersteinen und innen mit Faols-Fell gefüttert. Vielleicht eine Amazone, dachte ich erst, wegen des Faols-Fells. Ihr wisst bestimmt, dass Amazonen Faols essen?«
Kard und Madad nickten stumm, ohne zu widersprechen.
»Aber es war keine Amazone. Die hatte nämlich ein Kind dabei. Ihr wisst ja bestimmt auch, dass Amazonen Kinder essen, oder?«
Wiederum nickten Kard und Madad still.
»Eine Amazone konnte es also nicht sein. Wahrscheinlich dann eine Reiche aus der Stadt? Oder eine reiche Bäuerin mit ihren Sonntagsschuhen? Wie auch immer, diese Frau war im Waisenhaus, um ein Kind abzugeben. Das war wie eine Verhandlung! Wie, wenn man bei so einem kreischenden Ichto einen schönen Fisch kaufen will. Erst verlangen die hundert Argits und erzählen dir, was das für ein seltener und leckerer und einmaliger Fisch ist und letztendlich kriegst du ihn für einen halben Argit und es ist nur ein falscher Burla. Genauso war es mit dieser reichen Frau und der Obersten Gova. Dann einigten sie sich auf einen Preis und ich weiß noch genau, wie die Oberste Gova mehrmals betonte, dass die Frau diese Summe jährlich zahlen muss. Immer zum Jahresdadeugende. Wisst ihr wieviel?«
»100 Argits?«
»200 Argits?«
Benji ließ Kard und Madad ein Weile genüßlich zappeln.
»Tausend Argits. Im Jahr. Jedes Jahr. Immer wieder. Tausend Argits.«
»So ein Quatsch. Wer zahlt denn tausend Argits dafür, dass die Govas auf das Kind aufpassen?«
»Weiß ich nicht, ist mir auch egal. Die Oberste Gova hat aber alles in ein Buch geschrieben. Und die reiche Dame musste wohl unterschreiben. Habe ich natürlich nicht gesehen, ich lag ja unter dem Tisch. Aber ich habe das Rascheln von dem Papier gehört und dann, wie die Federn über das Papier kratzten. Und dann ging die Frau und das Kind blieb zurück. Die Oberste Gova hat das Buch wieder in die Bibliothek gebracht und die Kleine dann zu uns in den Schlafsaal. Da dachte ich erst, oh, so ein edles Fräulein, die wird jetzt hier aber bestimmt wie eine kleine Prinzessin behandelt. Aber war nicht. Wurde ganz normal behandelt. Bekam die gleiche dünne Winxsuppe. Ist genauso wie wir anderen. Ein ganz normales Waisenkind.«
»Ein ganz normales Waisenkind?«
»Genau. Wir wir alle. Versteht ihr?«
Kard und Madad schauten sich an. Und zuckten mit den Schultern.
»Dieses Kind, das Buch, dieses Geschacher. Das machen die Govas bei allen. Versteht ihr? Jemand bezahlt die Govas dafür, dass sie uns durchfüttern und auf uns aufpassen. Nicht nur bei der kleinen Prinzessin. Das war die Mona übrigens, ist jetzt eine gute Freundin von mir. Ich meine, unsere Eltern hätten uns doch auch einfach auf die Straße setzen können. Gibt doch sogar hier in Truk ein paar von diesen Straßenkindern, oder? In der Alten Stadt soll es ganz viele davon geben. Und in Conchar sollen sie ganze Stadtviertel kontrollieren, hat mal einer erzählt. Oder man verkauft die Mädchen an eine Goiba-Priesterin zum Opfern, versteht ihr?Aber es gibt auch genug Mädchen bei uns im Waisenhaus. Hätte man gut verkaufen können. Goiba hätte sich gefreut. Aber nein, man gibt sie in ein Waisenhaus. Das von Govas geführt wird. Statt sie Goiba zu opfern. Ist doch alles irgendwie seltsam, findet ihr nicht?«
Kard nickte. Jemand bezahlt dafür, dass die Kinder überleben, nicht umkommen, nicht geopfert werden? Diese Information sickerte ganz leise und langsam in die große Leere, die in ihm wartete. Jemand, wahrscheinlich die Eltern, sorgte dafür, dass das Kind überlebte. In seiner tiefen Dunkelheit erglomm plötzlich ein kleine Flamme, ganz winzig, kaum zu spüren.
»Ist ja interessant, Benji. Aber jetzt gehen wir mal schlafen. Ist schon spät.«
»Oh, darf ich hier bleiben. Super. Ist so schön warm hier.«
»Ja, bleib mal da.«
»Bist du denn noch nicht fertig mit den Ofengriffen?«
»Doch. Nein. Muss ich mir morgen nochmal anschauen.«
»Gut, ich bleibe gerne hier.«
Madad war bei den Worten des Jungen ganz still geworden. Was gar nicht seine Art war. Kard spürte den Blick seines Freundes, seine Neugier, seine Abenteuerlust. Er nickte ihm zu. Erstmal die Nacht abwarten. Denn er musste über die Dinge, die Benji gerade erzählt hatte, einmal gründlich nachdenken.
*
Die Sonne war inzwischen untergegangen und die Bürger Conchars hatten sich in ihre Hütten und Häuser zurückgezogen. Auch Tsarr, Oberste Priesterin von Goiba, hatte sich in ihre privaten Gemächer innerhalb der Schwarzen Burg zurückgezogen und bereitete sich auf die bevorstehende Aufgabe vor.
Flanakan mochte die Schergen haben, die ihm Informationen aus dem letzten Winkel seines Reiches zutrugen, Tsarr hatte ihre Obsidiankugel. Und damit eine direkte Verbindung zu allen Govas ihrer Sippe! Und das waren nicht wenige! Tsarr hatte in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt, dass in allen wichtigen Goiba-Tempeln des Reiches ihre Nichten und Großnichten als Oberste Priesterinnen ihren Dienst versahen. Selbst auf Amazonien und in Ichtien waren die Priesterinnen, was gerade bei den Halbkiemenatmern doch irgendwie wunderlich war, über mehrere Seitenlinien mit ihr verwandt. Die Anbetung und damit die Macht Goibas war fest in der Hand ihrer Familie. Leider war ihre einzige Enkeltochter vor einigen Jahren aus dem Leben geschieden, nachdem sich schon deren Mutter vorzeitig aus dem Staub gemacht hatte. Ärgerlich schluckte Tsarr die Erinnerung daran hinunter.
Tsarr stand vor einem Spiegel und blies sich eine störrige Locke, die ihr immer wieder über das Auge fiel, zum hundertsten Mal aus dem Gesicht. Gleich würde die magische Versammlung beginnen, da wollte sie einen guten Eindruck machen. Obwohl es ihr im Endeffekt natürlich gleichgültig war, was ihre Priesterinnen von ihr hielten. Sie war die Oberste Gova des Reiches, für Tsarr zählte nur Gehorsam. Aber diesen Gehorsam konnte sie natürlich nur einfordern, solange ihr der Respekt der anderen sicher war. Und dazu gehörte natürlich ein gewisses Aussehen. Niemand sah ihr an, dass sie dank der dunklen Magie von Goiba bereits über hundert Menschenjahre zählte, obwohl dass natürlich alle wussten. Sie war die Erste der Ersten und niemand sollte daran jemals zweifeln.
Der einzige, dem sie selbst Respekt entgegen brachte, war der Herrscher. Und das obwohl er ja ein Bastard war, in Tsarrs Augen ein ewiger Makel. Sie selbst konnte auf Generationen von reinrassigen Goiba-Priesterinnen zurückschauen, ihr Stammbaum reichte hinab bis zu den Anfängen des Reiches, als noch die Drachenkrieger die Herrschaft über Haragor innehatten. Aber Flanakan? Gezeugt aus einer zweifelhaften Verbindung zwischen dem Drachenkönig und seiner Liebschaft, einer ehrlosen Vampyrin. Flanakan war ein Bastard mit unreinem Blut. Aber von den Göttern mit der Magie Goibas und zudem mit der Magie Branus gesegnet, einer magischen Kraft, die der von Tsarr in nichts nachstand. Allein deswegen zollte ihm die große Tsarr Respekt und Anerkennung. Umso verwunderlicher, dass der Herrscher trotz seiner magischen Fähigkeiten die Vorboten des Unheils nicht sehen wollte.
Tsarr erinnerte sich an die vielen Katzenleichen, die sie im Tempel ihrer Göttin geopfert hatte. Dutzende hatte sie geschlachtet und immer wieder die Zukunft Haragors erfragt. Und jetzt war sich Tsarr sicher, dass das Unglück, dass mit der Sonnenfinsternis ihren Anfang genommen hatte, noch lange nicht überstanden war. Deutlich waren im Gedärm weitere Anzeichen einer sich ausbreitenden Branu-Krankheit zu erkennen. So als ob der heilige Vulkan Branubrabat selbst eine kurze Rauchwolke in den Himmel des Reiches katapultiert hätte, um seine baldige Explosion anzukündigen. Flieht, ihr Sehenden, denn die Macht der Zerstörung, die Macht des Feuers wird bald auf euch niederregnen, schien er sagen zu wollen. Aber nicht umsonst war Tsarr seit Jahrzehnten die Oberste Goiba-Priesterin. Die Macht Branus war nur mit der Macht Goibas zu kontrollieren. Und Goiba ließ sich nicht durch ein paar tote Ichtos herbeirufen und noch weniger dadurch, dass man ein paar Toraks erhängte oder zu Sklaven machte. Obwohl das natürlich schon ein wenig half. Es war die richtige Richtung, aber Flanakan erkannte nicht die Brisanz der Lage. Die wenigen Jungfrauen, die sie zur Sonnenfinsternis geopfert hatte, waren nicht falsch gewesen, aber Tsarr war sich sicher, dass die Gefahr noch lange nicht gebändigt war.
Die Obsidiankugel knackte und ein schwarzweißes Gekrissel breitete sich über die Oberfläche aus.
»Schwestern!«
Hätte die Kugel Geräusche von sich gegeben, hätte man ein vielstimmiges, zustimmendes Gemurmel gehört. Aber die Kugel selbst blieb stumm, das schwarzweiße Gekrissel war in sich zusammen gefallen und hatte sich in ein gleichmäßiges graues Pulsieren verwandelt. Die Kugel selbst war nur das Medium für die magische Übertragung von Gedanken. Alles spielte sich daher nur in Tsarrs Kopf ab.
»Schwestern, ich habe über hundert Katzen getötet.«
Erstauntes Gemurmel. Hundert Katzen. Ganz schöne Menge. Und das von der Obersten Gova von Goiba. Das sollte schon etwas heißen. Aber was eigentlich?
»Ich sehe die Ankunft einer gefährlichen Branu-Energie, so wie wir es damals alle bei der Sonnenfinsternis gesehen haben.«
Zustimmendes Gemurmel. Entsetzen. Abscheu. Dieser Branu. Oh Goiba steh mir bei.
»Unser großer Herrscher Flanakan…«
Lautes zustimmendes Gemurmel, teilweise begeisterte Schreie, ähnlich dem junger Mädchen, wenn der Barde Weiße Schlange zum ersten Mal auf die Bühne tritt.
»…sieht wie ich diese Gefahr…«
Tsarr, der diese Worte einfach so aus dem Mund geflossen waren, erkannte zwar, dass sie gerade ihre Sippe anlog, aber sie war sich sicher, dass die Zeit ihren jetzigen Worten zur Wahrheit verhelfen würde.
»…aber ich befürchte, dass die angesetzten Hinrichtungen nicht ausreichen werden…«
Mit einem Schlag Stille. Tsarr hatte ein wenig gehofft, dass die Brisanz der Lage nicht so offensichtlich zu Tage treten würde, aber die versammelte magische Familie hatte sofort verstanden, dass hier etwas Ungewöhnliches von statten ging.
»…wir werden den Großen Herrscher also mit allen Kräften unterstützen…«
Das Gemurmel setzte wieder ein.
»…irgendwo da draußen läuft immer noch dieser Junge herum…«
Wieder diese plötzliche Stille. Dass ihre Sippe aber auch immer sofort erkannte, wenn etwas im Busch war.
»Wir…«
Immer beruhigend, wenn man den anderen das Gefühl vermitteln, an der Entscheidung irgendwie beteiligt zu sein. Wobei eigentlich nicht klar war, wer mit dem Wir gemeint war. Tsarr und ihre Sippe, Tsarr und Flanakan oder alle zusammen?
»…müssen die Augen offen halten. Achtet darauf, ob ihr einem Jungen begegnet, der den giften Atems Branus verströmt. Schaut öfters in die Katzengedärme. Opfert zum Dadeugende mehr als üblich… für Goiba und unserem Großen Herrscher Flanakan.«
Die Nennung der Göttin und des Herrschers beruhigte die aufgeregte Gemeinde. Schon setzte wieder das sanfte Gemurmel ein.
»Und schaut euch nach Jungfrauen in euren Tempelbezirken um. Vielleicht brauchen wir sie bald wieder.«
Alles klar, Jungfrauenopfer waren schon immer Garantien für Goibas Segen gewesen.
»Goiba für immer.«
Goiba für immer. Immer, immer, immer. Langsam verabschiedeten sich die Govas Haragors aus der magischen Gedankenversammlung. Es war getan. Der Auftrag, den Jungen zu finden, war ausgesprochen worden. Es würde keine Stadt, kein Dorf geben, in dem ein Junge mit verdächtiger Branu-Aura unentdeckt bleiben würde. Auch wenn Flanakan das nicht angeordnet hatte, war es das Richtige. Das Richtige für das Reich, für Goiba. Für sie selbst.
Das sanfte Glimmen der Obsidiankugel war inzwischen erloschen und im privaten Gemach der Obersten Priesterin herrschte nun wieder magische Stille. Tsarr starrte noch eine Weile auf die glänzende Oberfläche der Kugel und konnte selbst in der Dunkelheit ihr verzerrtes Spiegelbild auf der Oberfläche erkennen. War es das Ritual, das sie immer ermüdet, oder wieso fühlte sie sich plötzlich so erschöpft? Oder sollte sich trotz des Zaubers die Müdigkeit des Alters bemerkbar machen? Aber sie hatte nicht alles, was ihr im Leben wichtig war, geopfert, um irgendwann in ihrem Leben sich dem Schicksal zu beugen. Niemals würde sie Branu oder einem seiner Gefolgsleute das Spiel übergeben.
*
Die Nacht war inzwischen weit fortgeschritten, der kalte Herbstwind fegte durch Conchars Gassen und die herumstreunenden Katzen wunderten sich, dass aus einem Haus laute Stimmen und fröhliches Gelächter erscholl. Der ›Rülpsende Roland‹ war bekannt dafür, dass er bis tief in die Nacht Menschen einen Rückzugsort vor den Mühen des Alltags bot.
Klaus schenkte dem Schatten noch einmal Schoff nach. Diese Person war ganz nach seinem Geschmack. Es tat so gut, wenn einer mal aussprach, was alle nur dachten. Diese Toraks waren Schoffpanscher! Ganz klar! Und dieses Gerücht, das seit einigen Wochen die Runde in Conchar machte, brachte ihm immer mehr Gäste. Die Idee, einfach die Nachbarkneipe zu übernehmen, so wie es der Schatten gerade vorgeschlagen hatte, war einfach genial. Denn der Wirt des ›Hustenden Hans‹, ein Torak natürlich, war erst gestern von den Wachen abgeführt worden. Und warum nicht seine eigene Kneipe, den ›Rülpsenden Roland‹ einfach erweitern? Er musste nur die Wand zwischen den beiden Schankräumen einreißen und schon hätte er doppelt so viel Platz.
»Und die Tür vom ›Hustenden Hans‹ einfach zunageln?«
Der Schatten nickte. »Besser noch zumauern. Diesen gewaltbereiten Toraks ist nicht zu trauen. Denen muss klar sein, dass sie hier nicht mehr erwünscht sind.«
Klaus lachte. Das wäre ja noch schöner, wenn sich ein Torak in seine Kneipe verirren würde. Er schaute in die Runde und alle Leute am Stammtisch schauten ihn aufmunternd an.
»Kein Schoff für Toraks hier!«
»Toraks müssen draußen bleiben!«
»Die sollen mal gefälligst ihr eigenes Gesöff trinken. Diese Panscher.«
Der ›Rülpsende Roland‹ war zum Bersten voll. Klaus stellte sich vor, wie viele Gäste es erst sein würden, wenn der Schankraum des ›Hustenden Hans‹ noch dazu kommen würde. Allerdings würde er dann noch ein paar Schankmädchen einstellen müssen, was ihm nicht so wirklich schmeckte. Aber es half ja alles nichts.
»Äh, aber ist das nicht illegal?«
Klaus schaute den Mann, der das gesagt hatte, mißbilligend an.
»Bist wohl ein Torak-Freund, oder was?«
»Nein, aber die Wachen…«
Der Mann konnte seinen Satz nicht beenden, denn der Schatten unterbrach ihn wütend.
»Die Wachen werden ja wohl kaum gegen einen unschuldigen Menschen vorgehen. Es ist das gute Recht eines Menschen, dass er alles Notwendige tut.«
»Äh, wie, das Notwendige…?«
»Mann, die Menschen haben Durst. Soll da diese Torak-Kneipe leer stehen. Das wäre doch vollkommen idiotisch.«
Der Schatten fing an, mit seinem Schoffkrug rhythmisch auf den Tisch zu hämmern, begleitet von Wir-haben-Durst-Rufen. Nach wenigen Augenblicken hatte die Welle die gesamte Kneipe erfasst.
»Wir haben Durst. Wir haben Durst. Wir haben Durst.«
Ein Chor durstiger Menschenmänner.
Dermaßen geeint, brauchte es nur wenig, um die Menge zu weiteren Taten aufzuwiegeln. Der Schatten nahm sich einen Vorschlaghammer, der wie zufällig an der Wand lehnte, was Klaus verwunderte, denn er konnte sich gar nicht daran erinnern, überhaupt einen Vorschlaghammer zu besitzen, und drückte ihn Klaus in die Hand. Der Wirt des ›Rülpsenden Rolands‹ stellte sich auf den Tisch, wobei er sich den Kopf an der Decke stieß, denn hier war ja alles nach Menschenmaß gebaut. Ein weiterer Grund, die nachbarliche Torakkneipe zu übernehmen, die entsprechend den Erfordernissen ihrer Gäste wesentlich geräumiger war. So stand er nun gebückt über der Schar des ihn aufmunternden Chors, den er seinerseits anfeuerte. Ein sich gegenseitig steigernde Geräuschkulisse.
Einen wilden Schrei ausstoßend stürmte Klaus dann noch vorne, sprang über die Köpfe seiner Trinkkumpanen hinweg und schwang den Hammer gegen die Wand. Dann war die Masse nicht mehr zu halten. Plötzlich hatten alle irgendwas in der Hand, sei es ein mitgebrachter Knüppel oder nur ein Schuh. Alle standen vor der Wand und prügelten wie wild darauf ein. Nach einer halben Stunde, die Ersten waren schon heiser, andere hatten erhebliche Handgelenkprobleme, löste sich der erste Stein.
Während Klaus wild schreiend die Wand bearbeitet, fiel sein Blick durch ein Fenster und der Wirt hielt in seinem Tun inne. Zwei Wachen näherten sich der Kneipe. Der Lärm, den sie beim Bearbeiten der Wand verursachte, musste wie dumpfe Donnerschläge in der dunklen Gasse widerhallen. Klaus sah die Männer Makrals schon die Schwerter ziehen. Aber der Schatten hatte sie auch bemerkt und war vor die Tür getreten. Er begrüßte die Uniformierten wie alte Freunde, die darauf hin ihre Waffen wieder ins Futteral steckten. Immer gut, wenn man die richtigen Leute kennt, dachte Klaus und schwang erneut den Vorschlaghammer.
Aufbruch
»Ihr wollt wirklich mitkommen?«
Benji schien mehr überrascht als erfreut zu sein.
»Wir liefern die Ofengriffe aus…«
Kard zögerte ein wenig, bevor er weitersprach.
»…und ich würde gerne mal einen Blick in dieses Buch werfen, von dem du erzählt hast.«
»Echt, wieso?«
»Na ja, ich war da auch mal.«
»Wo?«
»Im Waisenhaus.«
»Echt, du? Nein, bestimmt nicht, du verschaukelst mich?«
»Wieso sollte ich dich verschaukeln?«
»Yo, Mann, wieso sollte Kard kein Waise sein, so wie du?«
»Die Govas sagen doch immer, dass wir froh sein können, wenn uns irgendein Bauer nimmt, damit wir die Tok-Rind-Ställe ausmisten können. Aber eine Schmied? Sogar eine Schmiedemeister. So was werden wir nicht.«
»Sagen die Govas?«
»Yo, Benji, du musst nicht alles glauben, was die alten Hexen sagen.«
Bei den Worten Madads war Benji erstarrt. Erschrocken schaute er sich in der Schmiede um, als ob eine Gova sie hier belauschen und gleich mit einem Knüppel um die Ecke kommen würde. Aber weder kam eine der Priesterinnen der göttlichen Schwestern aus einem Schrank gesprungen noch tat sich der Himmel auf, um den Frevel zu sühnen, eine Gova als Hexe beschimpft zu haben. Kard kannte dieses Gefühl nur zu gut, er klopfte dem Jungen beruhigend auf die Schulter.
»Wirst du schon noch lernen, Benji. Die Govas machen viel Geschrei, aber im Endeffekt ist nichts dahinter.«
Benji schien sich langsam zu entspannen. Er nickte sprachlos.
»Aber das Buch werden sie nicht herausrücken.«
»Dann klauen wir es eben.« Madad grinste siegessicher.
Benji schüttelte heftig mit dem Kopf.
»Das geht nicht. Wenn sie das herausbekommen, dann…« Benji fehlten die Worte. Sich gegen die Govas aufzulehnen war für ihn offensichtlich ein neuer Gedanke.
»Und wolltest du noch nie…?« Kard wusste nicht, wie er sich ausdrücken sollte.
Jetzt war es Benji, der Kard etwas mitleidig ansah.
»Ja glaubst du, wir anderen Waisen wollen nicht wissen, wer unsere Eltern sind? Natürlich habe ich schon daran gedacht.«
Kard fühlte sich ertappt. Er hatte geglaubt, es würde ausreichen, Benji zu erzählen, dass er die Ofengriffe ausliefern wolle. Aber natürlich hatte der Waisenjungen gleich mitbekommen, um was es Kard eigentlich ging.
»Na ja, ich weiß ja, wer meine Eltern waren. Aber gibt genug andere im Waisenhaus, die das nicht wissen. Als ich das mit dem Buch erzählt habe, war das natürlich die erste Idee. Aber die Priesterinnen haben das recht schnell mitbekommen. Es muss irgendwo im Trakt der Govas sein, dort, wo wir Kinder nie hinkommen.«
»Super, ich liebe Geheimnisse. Und Suchen. Und Schnüffeln. Ganz mein Ding.«
»Und wieso weißt du, wer deine Eltern waren?«
»Ich war zwar noch ziemlich klein damals, als Mama gestorben ist, aber an ein paar Sachen kann ich mich noch gut erinnern. Ich weiß noch, dass viele Leute um Mama herumstanden und dann kam dieser reiche Herr. Der hatte tolle Kleider an, ganz anders als die anderen, ganz bunt und glitzernd. Und er roch gut. Nicht nach Schweiß. Oder Schwein. Oder Tok-Rind. Heute weiß ich, dass es so eine Art Duftwasser war, wie es die Govas manchmal benutzen. Und dann hat er etwas gesagt und alle anderen waren ganz still. Und dann hat mich jemand hier ins Waisenhaus gebracht.«
Benji schwieg eine Weile und hing seinen Erinnerungen nach.
»Ich glaube, es war ein Prinz. Vielleicht sogar der Drachenkönig.«
»Der Drachenkönig?«
»Ja, wer denn sonst?«
»Aber ist der nicht schon ein Weile tot…«
»Nein! Mama hat immer gesagt, der ist nur verschwunden und kommt eines Tages wieder. Mit den Drachen. Um uns alle zu retten.«
»Mit den Drachen?«
»Ja, Mama hat ziemlich oft davon gesprochen. Und immer, wenn wir mal nichts zu essen hatten, hat sie gesagt, dass er bald kommt.«
Kard nickte. War es nicht genau das, was er auch wissen wollte? Ob er ein Sohn des Drachenkönigs war? Oder wenigstens, ob es da eine Verbindung gab. Zwischen seiner Freundschaft zum Feuer und diesem Drachenkrieger-Märchen? Vielleicht war er einfach nur so wie Benji? So ein Drachenkrieger-Vater war irgendwie ein tolle Sache. Aber im Endeffekt war das natürlich alles Unsinn. Wahrscheinlich hatte das eine mit dem anderen gar nichts zu tun. Aber wenn er es schwarz auf weiß sehen würde, wenn er in dieses Buch hineinschauen könnte, und dort geschrieben steht, wer seine Eltern waren, dann war das schon einmal ein Anfang. Und diesen Anfang suchte er. Gleichgültig ob Drachenkrieger oder einfacher Bauer, aber diese Leere in ihm, dieses Nicht-Wissen, machte ihn ganz krank.
»Yo, worauf warten wir noch?«
Madad hatte recht. Kard nahm das Schwert, das er sich in den letzten Tagen geschmiedet hatte, und steckte es in sein Bündel. Natürlich war es kein Minas-Schwert, aber es hatte eine gute und scharfe Klinge. Benji verstaute die Ofengriffe und Madad schnappte sich noch einen Knochen, damit er auch etwas zu tragen hatte. Dann verließen die drei Freunde die Schmiede, ließen den Raum mit der nach Asche riechenden Luft zurück und traten hinaus in einen kalten, grauen Morgen, der sie frösteln ließ.
*
Die Verhaftung des Wirtes des ›Hustenden Hans‹ aus unerfindlichen Gründen war nur einer von vielen Vorfällen, in denen bisher unbescholtene Toraks verwickelt waren. Wenn man als Torak nicht auf dem Laufenden war, wie die sich inzwischen täglich ändernde Gesetzeslage entwickelte, konnte man schnell Bekanntschaft mit den Schwertern der Wache machen. Gsark und Gsaxt, Toraks und Wirte des berühmten ›Knochenbruchs‹, hatten sich an diesem Tag in aller Frühe aufgemacht, um die neuesten Verlautbarungen des Herrschers zu erfahren. Falls eine Wache ihnen entgegentrat, wollten sie wenigstens wissen wieso. Sie standen am östlichen Stadttor und entzifferten mühsam den öffentlichen Aushang.
»Anordnung zur Haltung von Haustieren: Toraks, die ihren gewöhnlichen Aufenthalt im Stadtgebiet von Conchar (die umliegenden Gehöfte und Siedlungen eingeschlossen) haben, müssen alle ihre Katzen am Großen Tempel von Goiba abgeben.«
»Da sind wir nun also angelangt.« Gsark schaute seinen jüngeren Bruder direkt an und hatte dabei beide Augenbrauen in die Höhe gezogen. Die Lippen zusammengepresst nickte er langsam mit dem Kopf, als ob er eine still gestellte Frage bejahen würde. »Heute Katzen, morgen sind wir es selbst.«
»Ach Quatsch, Gsark. Tsarr sind die Opferkatzen ausgegangen. Mehr ist das nicht.«
Gsark deutete mit seinem massigen Kinn auf eine Ecke, in der die Leute Müll abgeladen hatten. Eine Unzahl von Katzen tummelte sich darauf und durchforstete den Haufen nach Essbaren.
»Sieht irgendwie nicht so aus, als ob es in Conchar an Katzen mangeln würde.«
Da musste Gsaxt seinem älteren Bruder zustimmen. Die Viecher vermehrten sich aber auch wirklich rasend. Wahrscheinlich war das einer der Gründe, wieso die Govas gerade Katzen gewählt hatten, um in ihren Gedärmen die Zukunft zu suchen. Normalerweise gab es in einer Stadt wie Conchar niemals Katzenmangel.
»Also meinst du, dass es gar nicht wirklich um die Katzen geht? Aber was bezweckt Tsarr damit?«
»Oder Flanakan. Nichts geschieht ohne seinen Willen.«
»Na gut, dann eben die beiden. Was wollen Herrscher und Oberpriesterin?«
»Denk doch mal nach, Gsaxt. Die Leibeigenschaft gilt laut Verordnung nicht nur für Toraks. Auch wenn es im Endeffekt meistens unsere Brüder und Schwestern sind, die von der Obersten Verwaltungsbehörde dazu verdammt werden. Aber nicht weil sie Toraks sind. Sondern weil sie Schulden haben. Und weil die meisten von uns bisher glaubten, dass man alles abarbeiten kann. Dann steht man halt ein paar Jahre im Steinbruch, geht auch vorbei. Oder? So sind wir doch?«
Gsaxt musste seinem Bruder zustimmen. Ihr Fluch war das Ertragenkönnen. Wenn man es seit Urzeiten gewohnt war, den Kräften der Natur ausgeliefert zu sein, gewöhnt man sich eben daran, den Kopf einzuziehen und abzuwarten, bis der Sturm sich gelegt hat.
»Aber das hier«, Gsark deutete auf die Tafel der Öffentlichen Bekanntmachungen, »das ist neu.«
Es war kurz vor Dardeugende, letzter Arbeitstag der Woche, heute Abend würde der ›Knochenbruch‹ zum Bersten gefüllt sein mit durstigen Toraks. Gsaxt und Gsark waren zum östlichen Stadttor gegangen, um auf alle Änderungen der aktuellen Gesetzeslage vorbereitet zu sein. Auch hatten sie erwartet wie üblich die Liste der Hinrichtungen hier zu finden. Doch diese fehlte an diesem Tag. Aber dass an diesem Wochenende die Galgen der Schwarzen Burg wieder bestückt werden würde, stand außer Frage. Man konnte das Hämmern der Galgenschreiner in der ganzen Stadt hören.
»Ab jetzt geht es ganz offiziell gegen uns Toraks, Gsaxt. Heute unsere Katzen, morgen sind wir es selbst.«
»Da werden die Leute nicht mitmachen.«
»Die Leute, die Leute. Welche Leute? Meinst du deine Menschenfreunde? Glaubst du wirklich, dass ein Mensch, wenn Flanakan erst einmal die Wachen auf uns hetzt, auch nur einen Finger krumm machen wird?«
»So weit ist es ja noch nicht.«
»Noch nicht, Gsaxt, noch nicht. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass das schneller geht, als wir uns das vorstellen können. Wieso hat unser Vater damals das Drucken der Flugblättern begonnen, was glaubst du? Er hat schon damals gewusst, dass die Leibeigenschaft nur der Anfang ist.«
»Aber Papa hat immer gesagt, dass es Flanakan ist, dass der Herrscher unser Feind ist. Und mit dieser Meinung stand er ja nicht allein. Du weißt ja selbst, dass unsere Gruppe auch aus Menschen besteht.«
»Ach, die können doch alle nicht bis zehn zählen. Ich sage dir, wenn es ernst wird, kann man nicht auf sie setzen.«
»Wieso sollen wir nicht auf sie setzen können? Die Leibeigenschaft geht uns doch alle an.«
»Genau, die Leibeigenschaft. Aber nicht, wenn es gegen uns Toraks geht. Dann sind wir auf uns allein gestellt. Toraks gegen Menschen.«
Mit dem letzten Wort hatte Gsark seine rechte Faust in seine linke offene Handfläche geschlagen, als ob er mit dieser Geste gleich einen Menschen zermalmen könnte.
»Darf ich mal.«
Eine Wache drückte sich an den beiden Toraks vorbei. In der Hand eine Rolle mit einer weiteren Bekanntmachung. Mit ausdrucksloser Miene nagelte der Uniformierte diese ebenfalls an das Brett, direkt neben die Haustierverordnung. Offensichtlich war es eine Ergänzung, denn die Überschrift lautete schlicht Paragraph Zwei.
»Auch das Halten von Hunden, Vögeln, Zierfischen – solange sie nicht dem baldigen Verzehr dienen – sind Toraks ab sofort verboten.«
Gsaxt und Gsark schauten sich an.
»Wenn das so weiter geht, werden sie den Bauern bald verbieten, Tok-Rinder zu halten.«
Die Wache, die Gsarks Worte gehört hatte, drehte sich um. Ein Mensch.
»Ihr seid doch die vom ›Knochenbruch‹, oder?«
Gsaxt nickte.
»An eurer Stelle würde ich besseres Schoff ausschenken, die halbe Stadt weiß ja schon, dass ihr da rumpanscht. Wenn ihr nicht aufpasst, dann entzieht euch die Oberste Verwaltungsbehörde noch die Schanklizenz.«
Gsark trat ein Schritt auf die Wache zu, aber Gsaxt packte seinen Bruder beim Ärmel.
»Danke, Herr Wache. Wir panschen nicht. Unser Schoff ist so gut wie in allen anderen Kneipen.«
»Ich sage es ja auch nur. Passt auf.«
Mit diesen Worten drehte sich der Mann um und verschwand im Tor des Wachturms.
»So ein Idiot. Wer sagt, dass wir panschen? Ich dreh ihm den Hals um.«
»Gsark, komm, der Mann wollte uns warnen. Wir müssen einfach auf der Hut sein.«
»Auf der Hut sein? Wie sollen wir das machen? Sollen wir jetzt das Schoff wirklich panschen und es dadurch besser machen, damit dann die Menschen sagen, dass wir nicht panschen? Panschen, um nicht in den Verdacht zu geraten, zu panschen?«
»Nein, ich weiß auch nicht. Am besten wir treffen uns mit der Zelle. Machen einen Plan.«
»Mit der Zelle. Aus Menschen und Toraks?«
»Und vergiß die Schreiende Makrele nicht.«
»Und ein Ichto dazu. Das kann ja nichts werden.«
In diesem Moment flog ein fauler Salatkopf durch die Luft und traf Gsark in den Nacken. Die Toraks drehten sich um, konnten aber nur noch die eindeutig menschlichen Fersen sehen, die hinter einer Hausecke verschwanden. Und dann die Rufe von Kindern. Schoffpanscher, Schoffpanscher, Schoffpanscher.
Jetzt waren sie also schon zum Gespött der Straße geworden.
*
Zwanzig Hinrichtungen in Conchar, davon über die Hälfte Ichtos, Makral war mit seiner Arbeit ziemlich zufrieden. Zudem war es recht einfach, passende Hinrichtungsobjekte zu finden, schließlich gab es kaum einen Straßenzug, in dem er keinen Spitzel hatte. Aber auch der normale Bürger, genervt vom fischigen Gestank und dem blubbernden Schnauben der Halbkiemenatmer, hatte gerne Namen aus der Nachbarschaft den schwarz Uniformierten mit dem Axtemblem zugetragen. Wenig Arbeit, hohe Effizienz, viel zu tun für die Henker, so mochte Makral seine Amt.
Der gestrige Tag war dagegen recht mühselig verlaufen. Inzwischen bemühte er sich mit seinen Männern, die Anordnung Flanakans in den umstehenden Dörfern umzusetzen. Aber man sah sie natürlich kommen. Sieben schwarz gekleidete Gestalten auf wilden Rappen, den Staub aufwirbelnd, während die Sonne die Klingen ihrer Schwerter glitzern ließ.
Und dann liefen die Bauern und Dorfbewohner. Versteckten sich. In geheimen Kellern, auf dem Boden ihrer Scheunen und zwischen den wallenden Halmen der Winxfelder. Ichtos gab es auch kaum, da die Halbkiemenatmer zwar als Händler in die Hauptstadt kamen, sonst aber nur als Wassertaxifahrer zu finden waren. An der Küste gab es sie natürlich überall. Aber nicht in den Dörfern. Auf den Höfen der Winkbauern und in den Ställen der Tok-Rind-Züchter suchte man sie vergeblich, dort gab es nur Menschen und Toraks. Die angesichts der schwarzen Bedrohung seltsam geeint die Flucht ergriffen.
Irgendwann hatten sie dann doch noch jemanden gefunden, nachdem sie zwei Gehöfte in Feuer gelegt hatten. Aus einer der Scheunen waren ein Torakmann und einen Menschenfrau geflohen. Hand in Hand. Makral hatte seinen Augen nicht trauen wollen. Mensch und Torak gemeinsam auf der Flucht. Wieso lieferte der eine den anderen nicht aus? Makral verstand diese ganze Welt der Gefühle nicht. Denn er war sich sicher, dass es um so solch seltsamen Irrglauben wie Freundschaft oder Loyalität oder gar Liebe ging. Verstanden die Wesen dieses Reiches denn nicht, dass es nur eine Art von Loyalität gegen konnte und das war die Loyalität gegenüber Flanakan?
Aber der Herrscher wollte ja ein Exempel statuieren, indem er keinem Wesen den Vorrang in der Hinrichungsauswahl gab. Keiner wurde verschont. Wenn es in einem Dorf keine Ichtos gab, dann taten es auch Menschen und Toraks. Vor dem Henker waren sie alle gleich.
Nur eine Amazone hatte er bisher nicht erwischt. Das ärgerte Makral, der gerne hatte, dass eine gewisse Ordnung in seinen Angelegenheit herrschte. Flanakan hatte schließlich auch auf die wehrfähigen Frauen hingewiesen. Wenigstens eine wollte Makral in seiner Liste der hundert Hinrichtungen verzeichnet wissen. In Conchar hatte man zwar eine gesichtet, aber dies konnte nur noch der Scherge berichten, der die Leiche der Wache meldete, die dem Schwert der Amazone zu nahe gekommen war. Und seit diesem Vorfall waren die tätowierten Frauen im Lederkostüm nicht mehr gesehen worden. Aber im Gerberviertel waren noch zwei weitere tote Wachen aufgetaucht. Dort verkauften diese Frauen das teure Fell der Faols und Makral war sich auch sicher, dass es niemand anderes gewagt hätte, seine Männer zu massakrieren.
Aber in den Dörfern hatte es auch keine Amazonen gegeben. Als er an diesem Morgen in seinem Büro in der Schwarzen Burg sass und jeweils einen Strich in die Spalte Mensch und Torak zeichnete, fühlte Makral eine aufkommende Müdigkeit. Die Macht Flanakans in das gesamte Reich zu tragen war eine wirklich mühevolle Aufgabe. Conchar war inzwischen gesäubert, aber das genügte nicht.
Er hatte das Fenster geöffnet, er hörte das Rauschen des kalten Herbstwindes, ansonsten war die Stadt ungewöhnlich still. Kein Rufen, keine schreiendes Kind, kein krakelnder Torak. Die Stadt wartete auf den anbrechenden Tag und den Kommandos der Schergen, die ihre Kunden abholten. Makral lächelte. Es spürte die Macht Goibas. Tod und Kälte. Wer konnte sich dieser Magie entziehen?
*
Das Stadttor von Truk war um diese frühe Uhrzeit noch geschlossen. Kard konnte oben auf dem Wachturm einen Uniformierten wahrnehmen, der sich angestrengt am Geländer festhielt und in die Weite der Winxgrasfelder starrte, dabei aber dermaßen bewegungslos wirkte, dass Kard davon ausging, dass der Mann im Stehen schlief. Unten am Fuß des Turms stand ein recht betagter Soldat, ein Mensch, der nur noch aus Knochen zu bestehen schien. Der Alte stierte sie ohne eine Miene zu verziehen an, als sie sich ihm näherten. Kard hatte schon die Vermutung, dass auch dieser Mann im Stehen schlief, als sich aus dem Knochenberg eine Stimme erhob, die ganz im Gegensatz zur brüchigen Erscheinung tief und fest klang.
»Haaaaalt! Stehen bleiben.«
Kard, Benji und Madad schauten auf das verschlossene Tor, dann auf den alten Soldaten. Was bitte, außer stehen zu bleiben, hätten sie in diesem Moment sonst tun sollen?
»Du…«
Der Mann hatte die Rechte vom Schwertgriff genommen und deutete auf Kard.
»Bist du vielleicht ein Torak?«
Kard wusste nicht so recht, ob diese Frage ernst gemeint war und schüttelte nur stumm den Kopf.
»Vielleicht bist du einer von diesen kleinen Toraks?«
»Äh, nein, ich bin ein Mensch, wie ihr bestimmt sehen könnt.«
»Ein Mensch, ja? Ob du ein Mensch oder ein Torak bist, das bestimme ich, kapiert!«
Die Stimme der Wache vibrierte jetzt leicht und als Kard ihm in die Augen schaute, sah er, dass der Blick glasig und unfokusiert war. Die ganze Nacht in die Dunkelheit zu starren, konnte einfach seltsame Sachen mit einem machen.
»Er ist wirklich ein Mensch, Herr Wache. So wie ich. Ich bin auch ein Mensch.«
Benjis jugendliche Stimme, in der keine Arglist oder Besserwisserei mitschwang, schien die Wache etwas zu beruhigen.
»Denn Toraks brauchen jetzt eine Ausgehgenehmigung, eine Stadtverlassenserlaubnis. Oder so was. Ist ganz neu. Der Herrscher traut ihnen nicht mehr, diesen dicken, dicken… dicken Hamstern, jawohl!«
Doch nun schallte die Stimme des anderen Wächters vom Turm herab.
»Mach doch mal die Augen auf, Dall. Das sind echte Menschen.«
Offensichtlich schlief der Mann auf den Zinnen doch nicht.
»Toooor öffnen.«
»Wieso? Was hast du da oben zu melden? Ich überprüfe gerade diese Verdächtigen. Sie sind vielleicht Toraks, kleine Toraks!«
»Die Goiba-Priesterin steht draußen.«
»Ach du liebe Goiba!«
Der Alte sprang zum Sperrbalken, der das Tor verriegelte und mit einer Kraft, die man den dünnen Armen gar nicht mehr zugetraut hätte, hob er das Kantholz aus der Halterung. Dann zog er mit Leibeskräften am Rahmen des Torblattes, dass sich langsam nach innen öffnete. Kaum hatte sich ein Spalt gebildet, konnte Kard die Gova im Morgennebel stehen sehen. Wie üblich für ihre Zunft war sie völlig in Schwarz gekleidet, die Kapuze hatte sie über den Kopf geschlagen. Im angewinkelten Arm schaukelte ein geflochtener Korb, in dem die Gova die Kräuter der Nacht, die sie für ihre Tinkturen und Rituale benötigte, gesammelt hatte. Kard überkam ein Frösteln bei ihrem Anblick. Ein Gefühl, als ob das Feuer, das in ihm jenseits der Wahrnehmungsgrenze loderte, plötzlich erstarren und in sich zusammenfallen würde. Einen ähnlichen Eindruck musste die Gova auf die anderen machen, denn sowohl Benji wie auch die Wache machten plötzlich den Eindruck, als ob sie einen Termin bei einem stümperhaften Bader hatten, der ihnen einen faulen und schmerzenden Zahn ziehen sollte. Das Quietschen der Scharniere des Tores gellte wie ein Verzweiflungsschrei durch den anbrechenden Tag.
»Schneller, Wache, ich friere mir hier draußen die Füße ab.«
Wie auf ein unsichtbares Kommando hin, sprangen Kard und Benji dem alten Soldaten zur Hilfe. Die dunkle, aufrechte Gestalt betrat geräuschlos ihr Reich.
»Und sind das deine neuen Gehilfen, Wache?«
»Nein, liebe Gova. Das sind Verdächtige!«
»Verdächtige?«
»Ich vermute, es könnten kleine Toraks sind, ihr wisst ja, diese neue Verordnung des Herrschers…«
»Das sind Menschen, Wache. Das sieht man doch sofort. Mit einem Hund. Kleine Menschen. Jungen. Halbe Portionen. Aber doch keine Toraks.«
Die Goiba-Priesterin lachte verächtlich und die alte Wache alterte in diesem Moment noch ein bißchen mehr.
»Aber der da…« Die Gova trat einen Schritt auf Kard zu. Nun konnte er die Züge eines Gesichtes im Dunkel der Kapuze sehen.
»Der da stinkt!«
Die Gova betrachtete Kard kopfschüttelnd von oben bis unten und zog dabei die Nase kraus.
»Du stinkst tatsächlich fast so wie ein Torak, Junge. Irgendwie, irgendwie nach…«
Der Priesterin fielen die Worte nicht ein. Sie trat noch einen Schritt auf Kard zu.
»Irgendwie nach Branu.«
Kaum hatte die Gova dies ausgesprochen, trat sie einen Schritt zurück. Kard war sich nicht sicher, ob es aus Schrecken oder Ekel war.
»Ein Mensch, der wie ein Torak stinkt und ganz eindeutig nach Branu, das ist sehr seltsam. Ich sollte…«
»Wir kommen von K’sandra und haben eine Lieferung für das Waisenhaus. Hier, der Auftrag.«
Benji war vorgesprungen, in der Hand hatte er ein Papier und wedelte der Priesterin nun damit vor der Nase herum.
»Von K’sandra, der Gova des Waisenhauses?«
Die Gova nahm das Schriftstück und studierte es genau. Dann gab sie es Benji zurück und musterte Kard noch einmal mißtrauisch.
»Es sind also keine Toraks?« Der alte Soldat wollte offensichtlich auf Nummer sicher gehen.
»Nein, natürlich nicht.«
»Dann können sie passiere. Das Tor ist ja jetzt schonmal auf.«
»Na gut. Geht. K’sandra wird schon wissen, was sie tut. Grüßt meine Cousine. Goiba für immer.«
Ein müdes, gehorsames Echo antwortete der Priesterin. Goiba für immer, Goiba für immer, Goiba für immer.
*
»Jetzt schlachten sie sogar uns Ichtos wahllos ab. Schon fast zehn meiner Schwarmbrüder haben die Wachen zur Schwarzen Burg abgeführt. Wegen Kleinigkeiten. Perlmuttschwindel und Fischvergiftung. Können wir was dafür, wenn der Kunde die Makrele erst eine Woche später ißt? Walkotze und Haifischgekröse, sollen wir etwa unsere Kunden vor Ort füttern? Und dabei haben wir uns hier in Conchar immer sicher gefühlt.«
Die Schreiende Makrele, selbst an überfüllten Markttagen zwar laut schreiend aber im Grunde die Ruhe selbst, war völlig aus dem Häuschen.
»Flanakan will uns alle einschüchtern.«
»Nein. Nicht Flanakan. Die Menschen sind es. Die hielten sich schon immer für etwas Besseres. Nur weil sie die Mehrheit sind.«
»Nicht auf Ichtien.«
»Nicht im Dunklen Wald.«
»Ja, aber hier. Hier in Conachar. Und auch sonst überall im Reich.«
»Aber die Befehle kommen von Flanakan. Er gibt den Wachen die Anweisungen, uns wegen Nichts und wieder Nichts verhaften zu lassen. Und die Hinrichtungen, alles sein Werk.«
»Wer profitiert denn von den Hinrichtungen? Die Schreiner! Die Galgenschreiner! Das sind alles Menschen!«
»Also haben jetzt die Galgenschreiner die Macht in Conchar?«
»Vielleicht…«
Im Keller des ›Knochenbruchs‹ gingen die Stimmen wild durcheinander. Obwohl es mitten am Tag war, war es hier unten dunkel. Alle Luken abgehängt, die Luft war stickig. Im Gang wischen den Schofffässern saßen Vertreter aller Wesen Conchars. Eine Kerze stand zwischen ihnen, ihre Flamme beugte sich in alle Richtungen, je nachdem aus welcher Richtung die unterdrückten, wütenden Schreie kamen. Draußen hielten einige von ihrer Gruppe Ausschau nach Wachen, um sie rechtzeitig warnen zu können.
»Ich sage, wir müssen etwas gegen die Menschen unternehmen. Ihnen ihren Hochmut austreiben.« Gsark blickte auffordernd in die Runde.
»Noch mehr Flugblätter?«
»Nein, Flugblätter bringen nichts. Wir müssen sie da packen, wo sie sich so toll finden.«
»Willst du ihnen ihre kleinen Finger abhacken?«
Gsark lächelte. »Gar keine schleckte Idee. Aber nein. Wir fangen sie und lassen sie dann nackt durch die Straßen Conchars laufen.«
»So ein Schwachsinn.«
»Nein, das ist gut. Schämen sollen sie sich, diese hochnäsigen Menschen.«
»Hey, ich bin auch ein Mensch.«
»Ja, aber du bist ja einer von uns.«
»Trotzdem…«
»Er hat recht.« Gsaxt, der jüngere der beiden Torakbrüder, hatte das Wort ergriffen. »Es geht nicht darum, welches Wesen in Conchar besser oder schlechter ist als das andere. Unser Feind ist Flanakan. Das hat unser Papa auch immer gesagt, Gsark.«
»Ja. Und Papa ist jetzt tot, oder?«
Jetzt schwiegen die Zellenmitglieder in Erinnerung an den, der sie einst alle zusammengerufen hatte.
»Wir brauchen einen Führer.«
Zustimmendes Gemurmel.
»Wir brauchen eine Armee!«
»Wir sind die Armee!«
»Wir brauchen den Segen der Götter!«
Die Götter. Die gab es ja auch noch. Ohne sie war in Haragor nichts möglich.
»Das mit dem Minas-Schwert hat ja wohl nicht geklappt.«
»Der Junge hat versagt.«
Gsaxt und Gsark schauten sich an. Das stimmte. Es gab kein Minas-Schwert. Keine Magie, die sie beschützen würde. Sie waren auf sich allein gestellt.
»Und wer hat versagt? Ein Mensch! Die sind zu nichts zu gebrauchen. Sie sind schwach, bösartig und wollen uns vernichten. Uns Toraks. Und Ichtos. Alle Nicht-Menschen!«
»Aber Gsark, das stimmt doch gar nicht. Wir leben mit ihnen zusammen, schon immer. Wir trinken sogar ihr Schoff!«
»Ja, genau. Und was wirft man uns jetzt vor? Schoffpanscherei. Dabei verkaufen wir das nur. Das Schoff, das uns die Menschen liefern!«
Gsark holte tief Luft.
»Mir reicht es, Leute. Heute Nacht ziehe ich los. Mit Kapuze und Keule. Ich werde es einen paar von denen heimzahlen. Wer ist dabei?«
»Ich.«
»Ich.«
»Ich auch.«
Gsaxt sah erschrocken in die Runde. Die Wut von Gsark hatte viele angesteckt.
»Bruder. Du machst einen Fehler. Wir sollten noch abwarten. Uns besser organisieren.«
»Abwarten? Warten auf was? Dass die Menschen uns wie Vieh zusammentreiben?«
»So weit wird es nicht kommen. Wir sind doch alle Brüder, alle Wesen von Haragor. Wir müssen gegen Flanakan und die Wachen vorgehen.«
»Ha, ha. Du willst gegen Flanakan vorgehen? Nur zu! Aber gegen die Magie der Schwarzen Burg bist du machtlos, Bruder. Aber die Menschen, die laufen da draußen auf der Straße herum. Wenn die erstmal gelernt haben, dass sie mit uns nicht alles machen können, wird wieder Frieden einziehen.«
»Du sprichst von Frieden, aber heute Nacht willst du sie verprügeln.«
»Die Wege der Götter sind unergründlich.«
»Oh, jetzt hast du schon die Götter auf deiner Seite?«
»Halt den Mund, kleiner Bruder. Du redest nur. Aber was machst du gegen Flanakan?«
»Wir müssen uns alle erheben gegen den Herrscher. Alle Wesen Haragors.«
»Und das willst du mit Flugblättern erreichen?«
»Das ist nur der Anfang.«
»Ja, aber die Menschen schlachten uns jetzt. Jetzt und hier. Wir haben keine Zeit zu warten. Sonst sterben wir.«
»Aber es sind nicht die Menschen, es ist Flanakan…«
Aber die anderen Mitglieder der Widerstandszelle hörten nicht mehr auf Gsaxt. Gsark war aufgestanden und hatte schon eine Keule in der Hand.
»Heute nacht schlagen wir zurück. Toraks gegen Menschen.«
»Und Ichtos.«
»Meinetwegen auch Ichtos gegen Menschen.«
Die aufgebrachte Meute folgte Gsark die Kellertreppe hoch. Gsaxt blieb alleine zurück. Ein formloser, in sich zusammen gesunkener Torak, der in eine Kerze starrte. Die Flamme warf seinen riesigen zuckenden Schatten auf die Schofffässer. Eine Weile noch starrte er in das Feuer, dann erhob er sich und ging zu einem der Fässer. Er hob es an und hervor kam eine Druckerpresse. Gsaxt legte ein Blatt unter den Stempel und begann, neue Flugblätter zu drucken.
*
Makral war nicht sehr reisefreudig, aber Pflicht war Pflicht. Dann ging es eben jetzt in die Alte Stadt. Flanakan war von den Berichten, die von dort kamen, nicht sehr angetan. Eine Meute Aufständiger, vor dem Feind fliehende Wachen und letztendlich ein toter Laoch. Alles nicht richtig so, wie man sich das als absoluter Herrscher vorstellte. Makral sollte daher einige der Hinrichtungen in der Alten Stadt vollziehen lassen und persönlich beaufsichtigen. Wer weiß, vielleicht erwischte man sogar einen dieser Branu-Priester, die es da oben noch gab?
*
Kard und seine Freunde standen vor der Mauer des Dunklen Waldes, der sich links und rechts von ihnen wie eine Mauer bis zu den Horizonten zog. Kalte, feuchte Luft drang ihnen entgegen.
Kard schaute noch einmal zurück. Die Hochebene von Asch-by-lan war hier karg und trocken. Keine blühende Kräuterwiese, dafür kurzes Gras, riesige Flächen in verschiedenen Farben, einmal grün, aber auch gelb oder rostrot, immer wieder unterbrochen von Gesteinsbrocken, als ob sich die Erde hier mit einer Hautkrankheit herumschlagen musste. Ab und zu hatten sie Bauern aus Truk mit ihren Mäh-Schafen gesehen, die mit ihren kleinen Herden die einzigen waren, die dieser sparsamen Natur etwas abgewinnen konnten. Einige Rennhasen, nur sichtbar durch die Staubfahnen, die ihren Weg kennzeichneten, hatten ihren Weg gekreuzt. Dunkle Vögel hatten sie am Himmel sichten können. Immerhin keine Harpyien.
Das dreieckige Schild mit rotem Rand der Obersten Verwaltung zeigte einen Kringel und erinnerte Kard an eine Nussschnecke, ein Zuckergebäck, das er besonders gerne mochte. Er fragte Benji, was es damit auf sich hätte.
»Das habe ich mich auch schon gefragt. Die Govas geben einem auf so etwas keine Antwort. Und in der Bibliothek habe ich auch nichts gefunden.«
»Ist das nicht ein Warnschild?«
Benji blickte erstaunt auf das Wegzeichen.
»So habe ich das noch nie gesehen. Aber vor was sollte man hier warnen. Es gibt nur den Weg und dann das Waisenhaus. Das Zeichen zeigt keinen Faol, das steht schonmal fest.«
»Da hast du recht, Benji. Aber vor Faols wird hier übrigens nicht gewarnt.«
»Nein, es gibt hier keine Faols.«
»Wirklich nicht? Aber das ist der Dunkle Wald. Warum sollte es hier keine Faols geben?«
»Yo, oder Riesenwildschweine?«
»Riesenwildschweine, so ein Quatsch. Der Weg zum Waisenhaus ist total ungefährlich. Keine Faols. Und auch keine Wahter.«
»Keine Wahter? Ein Wald ohne Faols und ohne Wahter, aber ein Zeichen mit einem Kringel. Ist doch irgendwie seltsam.«
»Du machst dir zu viele Gedanken, Kard. Die Govas haben das alles geregelt.«
»Du meinst mit Magie?«
»Ja, wahrscheinlich. Darüber habe ich mir noch nie wirklich Gedanken gemacht. Der Segen Goibas möge dich begleiten, sagen sie immer, wenn wir nach Truk gehen. Wenn das Magie ist, dann eine, die uns beschützt.«
»Yo, die Magie Goibas, die Wahter und Faols verscheucht, das schmeckt mir nicht. Mama sagt immer, hör auf dein Bauchgefühl und ich habe da gerade so ein komisches Grummeln.«
»Madad hat Recht, Benji. Wir übernachten hier. Durch diesen Wald gehen wir lieber bei Tageslicht.«
»Es ist aber wirklich nicht mehr weit. Und es ist noch nie etwas passiert.«
»Eben.«
»Ihr wollt also nicht weiter gehen, weil es ungefährlich ist?«
»Dass es für dich ungefährlich ist, heißt noch lange nicht, dass es auch für uns ungefährlich ist.«
»Ihr glaubt also, dass die Govas uns Waisenkinder mit so einer Art Schutzzauber belegt haben? Den ihr nicht habt?«
»So etwas in der Art. Wälder, in denen sich Faols nicht wohl fühlen, sind vielleicht auch für harmlose Cus nicht das Beste. Ich rieche Überraschungen. Glaub mir, Benji, ich spreche aus Erfahrung.«
Kard hatte sich inzwischen umgeschaut und sich dafür entschieden, die Nacht in einer Senke zu verbringen, die ihnen etwas Schutz vor dem Wind bieten würde, der über die Hochebene wehte und nach Sonnenuntergang an Stärke sicherlich zunehmen würde. Die anderen waren einverstanden und begannen damit, Holz zu sammeln. Madad brachte einen Rennhasen zur Strecke, und schon schauten sie in die Sterne, während Kard dem Tier das Fell über die Ohren zog.
»Mist, ich habe gar keinen Feuerstein dabei.«
Benji hatte in seinem Bündel gewühlt und schaute Kard und Madad jetzt enttäuscht an. Aber er sah Madad grinsen und selbst Kard schmunzelte ein wenig.
»Feuer ist das geringste Problem.«
*
Gsark hatte sich mit seinen Mitläufern für den Abend verabredet. Jeder sollte eine Kapuze und eine Keule mitbringen. Die Sonne war bereits untergegangen, als sich diese seltsame Schar im Dämmerlicht der anbrechenden Nacht in einer dunklen Ecke des Marktplatzes von Conchar traf. Die Händler, die von Außerhalb kamen, hatten schon Nachmittags ihr Hab und Gut zusammengeräumt, um noch vor dem Einbruch der Nacht wieder zurück in ihren Dörfern zu sein. Nur noch die ortsansässigen Händler und Handwerker, oder diejenigen, wie die Schreiende Makrele, die sich für eine längere Zeit in der Hauptstadt aufhielten, befanden sich jetzt noch auf dem Markt und räumten nun langsam ihre Sachen zusammen. Die Schreiende Makrele hatte Gsark und seine Gefolgsleute auch bereits entdeckt und gab ihnen geheime Zeichen (dreimaliges Lüften des Hutes), dass die Wachen hier noch patrouillierten. So blieben die rachsüchtigen Rebellen also im Schatten und warteten auf den richtigen Moment. An ihnen vorbei gingen die letzten Marktbesucher.
»Wen schnappen wir uns denn jetzt, Gsark?«
»Einen Menschen.«
»Aber es sind so viele, sollen wir uns die alle vornehmen?«
Gsark wusste darauf keine Antwort. Man wollte ja einerseits nicht auffallen. Was vor allen Dingen hieß, dass man den Überraschungsmoment ausnutzen wollte. Denn andere Menschen sollten ja nicht mitkriegen, dass man einen der ihren gerade vermöbelte. Einer der ihren. Genau das war das Problem - wen sollten sie auswählen?
Vielleicht sollten sie sich einen Kaminkehrer vornehmen? Ein Mensch, aber einer, mit dem die anderen irgendwie nichts zu tun haben wollten. Die waren immer dreckig, das Gesicht ganz verrußt, die Haut ganz schwarz. Aber natürlich nützlich. Wer sollte denn sonst die ganze Drecksarbeit machen? Da sahen die anderen vielleicht weg, wenn man den sich vorknöpfte?
Oder einen Bettler? Wenn die Wachen sie nicht alle verscheucht hatten? Gsark ließ seinen Blick über den Marktplatz schweifen aber so eine Art Mensch konnte er nirgendwo sehen.
Vielleicht einen der Händler? Das würde auch genug Aufsehen erregen. Ein zusammengeschlagener Kaminkehrer oder ein Bettler, dem man ein paar Knochen gebrochen hatte, würde vielleicht letztendlich doch niemanden interessieren.
»Wir knöpfen uns den Tuchhändler vor.«
»Echt? Aus dessen Stoff hat meine Frau meine Hosen geschneidert.«
»Der hat fünf Kinder.«
»Hat gute Preise.«
Gsark schaute seine Mannen entgeistert an.
»Ja, was denn? Wollen wir es den Menschen jetzt zeigen oder nicht?«
»Ja, schon. Aber es sollte schon ein richtig böser sein.«
»Vielleicht versteht ihr nicht den Kern unserer Mission. Menschen gegen Toraks. Toraks gegen Menschen. Glaubt ihr die Wachen fragen uns, ob wir nette Leute sind?«
Peinlich berührtes Gemurmel. Nein. Du hast ja recht. Was sollen wir denn jetzt tun?
Aber Gsark spürte, dass im Widerwillen seiner Leute ein Stückchen Wahrheit mitschwang. Der Mensch im Allgemeinen, das war zu diffus. Es fiel ihm ja selbst schwer, sich für das richtige Opfer zu entscheiden.
»Wie wäre es mit Pfandhaus-Hannes?«
Pfandhaus-Hannes. So ein geiziger Mann! Dem sie alle schon einmal den Schmuck ihrer Großmutter gebracht hatten, nachdem sie sich mit den Karten um Kopf und Kragen gespielt hatten. Was der für Zinsen nahm. Unerhört. Gsark nickte.
»Auf zu Pfandhaus-Hannes!«
*
Tsarr hatte Mühe, all die einkommenden Meldungen über verdächtige Branu-Energie zu sichten. Das Glühen der Obsidiankugel verblasste zwischen den einzelnen Berichten gar nicht mehr. In Conchar, in der es die größte Dichte an Govas gab, schien es auch die meisten Verdächtige zu geben. Ein Junge in der Bäckergasse hatte ein auffallend rundes Gesicht, so rund wie die Sonne. Ein eindeutiges Indiz dafür, dass er auf der Seite von Branu stand. Er wurde festgenommen, strengstens verhört und für schuldig befunden, allerdings war er nicht der Gesuchte. Verdächtige Toraks wurden auch allenthalben gemeldet, bis man die Denunzianten darauf aufmerksam machte, dass man ja einen Menschenjungen mit verdächtiger Branu-Energie suche. Am Feuerturm wurde ein Mann mit roten Haaren gemeldet. Rote Haare sind immer verdächtig. Schließlich ist auch das Feuer rot. In Bo-Baoghalta wurden Männer mit Zöpfen in den Haaren gesichtet, die aber unverwunden zugaben, dass sie Anhänger Charabnus seien. Ein Junge war allerdings nicht darunter. In Truk wurde einer gemeldet, der wie ein Torak und damit nach Branu stank. Die große, weise Tsarr begutachtete alles, konnte sich aber nicht entscheiden, was wichtig oder unwichtig war. Verärgert sah sie, dass dies dazu führte, dass sich eines ihrer Haare grau verfärbte. Als sie es ausriss, wurde ihr klar, dass sie in Zukunft stärkere Magie benötigen würde, um ihre Jugend zu bewahren.
*
Der Herbstwind heulte und fluchte, riß an den Fensterläden und spielte auf den Schindeln der Dächer eine Melodie, die die Bürger von Conchar erschaudern ließ. Ach, wo war doch der schöne Sommer geblieben? Die tödliche Hitze, längst vergessen. Der Durst, die Trockenheit, hatte es das überhaupt gegeben?
Ein Blatt segelte auf die Straße, wurde hin und her geweht und landete schließlich zwischen Börger-Werbung und dem üblichen Straßendreck. Die Hand eines Toraks nahm dieses Blatt, denn dem Mann kam das Druckbild irgendwie bekannt vor. Wie die meisten Toraks konnte er kaum lesen. Zum Entziffern der Liste der Todgeweihten reichte es aber aus. Aber dieses Flugblatt war anders als die bisherigen. Mühsam entzifferte der Torak das Geschriebene. Arbeit niederlegen. Widerstand. Schluss mit der Leibeigenschaft. Unsere Geduld hat ein Ende. Sehr richtig, dachte der Mann. Sein Schwager war seit ein paar Tagen verschwunden. Die Schwester lief jeden Tag zum Stadttor, um nachzuschauen, ob sein Name auf der Liste stand. Zum Glück bisher umsonst. Irgendwann ist es zuviel.
Dann hörte er die Schritte von vielen Leuten durch die enge Straße auf sich zukommen. Im ersten Moment dachte er, es sei ein Patrouille der Wache. Schnell ließ er das verräterische Flugblatt fallen. Das würde noch fehlen, dass die Wachen ihn hier erwischten. Aber die Schritte der Uniformierten waren eigentlich gleichmäßiger. Was sich ihm näherte, war ungeordnet, wild, chaotisch. Dann bogen die Kapuzenmänner um die Ecke. Viele Toraks, aber auch einige Menschen und sogar einige wenige Ichtos, das konnte man trotz der Kapuzen leicht erkennen.
»Komm mit zum Pfandhaus-Hannes«, rief eine Stimme.
Zum Pfandhaus-Hannes? Dem alten Geizhals? Aber wieso? Was wollten sie da?
»Ein Mensch. Ein Mensch.«
Stimmt, dachte der Torak, ein Mensch. Und weiter?
»Nieder mit den Menschen. Nieder mit den Menschen.«
Inzwischen hatte der Pulk ihn eingekesselt, der Torak wurde von den anderen einfach mitgerissen. Eine Kapuze stülpte sich über seinen Kopf und schon hörte er sich mit den anderen rufen: »Nieder mit den Menschen«. Und während der Torak das rief, spürte er, wie ein unbändige Wut in ihm hervorkroch. Nieder mit den Menschen, genau! Sie, die Toraks, hatten lange genug diese Demütigungen erduldet. Viel zu wenig bekamen sie für ihre Arbeit bezahlt. Und die da oben machten kaum den Finger krumm und lebten in Saus und Braus. Und wie die sich immer aufspielten. Als ob die Toraks kein Gehirn hätten. Die Menschen wussten immer alles besser. Was hatte noch einmal am Ende des Flugblattes gestanden? Wir sind viele. Die Wachen nur wenige. Genau. Wir sind viele. Den Menschen werden wir es mal zeigen. Der Torak schaute sich um. Überall Kapuzen. Und eine Keule hatte er auch plötzlich in der Hand.
Vor dem Haus von Pfandhaus-Hannes blieb die Meute stehen.
»Sollen wir vielleicht erstmal klopfen?«
Füße scharrten am Boden. Hustengeräusche drangen durch den Stoff der Kapuzen. Als der Wind sich für einen kurzen Moment legte, konnte man das Trippeln der Füße einer Ratte hören, die am Fuß der Häuser entlang lief.
Doch als die nächste Böe die Kapuzen erzittern ließ, trat einer von ihnen vor und schwang die Keule gegen die Eingangstür. Als habe die Horde einen gewaltigen Tritt in den Hintern bekommen, stürmten sie nun Keulen schwingend nach vorne. In nur wenigen Augenblicken gähnte in der Vorderfront des Hauses ein schwarzes Loch, durch die sich die Leiber der Aufständischen ins Innere zwängten.
Hatte seine Schwiegermutter nicht einen silbernen Armreif bei Pfandhaus-Hannes hinterlegt, um die Beerdigung ihres Mannes bezahlen zu können? Wäre das nicht eine passende Gelegenheit, dieses Schmuckstück wieder seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzuführen? Der Torak, der mit der Masse mitgespült worden war, drängte mit den anderen ins Innere und dann hinunter in den Keller, wo die Pfandstücke gelagert wurden.
»Nieder mit den Menschen«, hörte man eine Stimme rufen. Ach egal, erst mal schauen, was der Laden so zu bieten hatte. Wenn es das Schmuckstück der Schwiegermutter nicht war, dann irgendetwas anderes.
Dann erklang plötzlich weiter oben die drohende Stimme des Hausbesitzers.
»Er hat eine Armbrust«, schrie daraufhin jemand und schon hörte man das Sirren eines Pfeiles und das dumpfe Geräusch, als das Geschoss wohl irgendwo an die Wand prallte.
Sollen die da oben sich mit ihm herumschlagen, dachten wohl die meisten da unten im Keller. Was hier alles herumlag. Schmuck ohne Ende, aber auch silberne Kerzenhalter, goldene Schalen und wertvolle Stoffe. Hände griffen zu und packten ein.
»Wachen!« Der gellende Schrei drang durch das ganze Gemäuer.
»Es sind nur zwei«, rief eine andere Stimme, aber eine übernatürliche Kraft war in die Beine der Meute geschossen und katapultierte Toraks und Menschen und Ichtos heraus aus dem Keller, heraus aus dem Haus und mitten auf die Straße. Der große Torak, der die Tür eingeschlagen hatte, stand da breitbeinig auf dem Pflaster, die Keule schwingend und wartete auf die Uniformierten.
»Wir sind viele«, rief er. »Die sind nur zu zweit.«
Aber es waren eben Wachen. Die Wachen von Flanakan. Daran ließ sich nicht rütteln. Und in den Taschen klimperten Schmuckstücke und goldenen Gabeln. Da musste man nicht lange überlegen, was zu tun war. Wie Hasen, die den Fuchs in ihrem Bau gewittert hatten, sprangen die Kapuzen nun davon. Gerade noch rechtzeitig. Denn dieser Mensch, dieser Pfandhaus-Hannes, war davongelaufen und hatte noch mehr Wachen verständigt. Sie schienen plötzlich überall zu sein.
Fünf Torak-Wachen überwältigten den Plünderer, der zu spät gemerkt hatte, dass es kein Entkommen kam. Der Mann spuckte ihnen vor die Füße und nannte sie Verräter und Stiefellecker der Menschen. Aber die Uniformierten ließen sich davon nicht beeindrucken. Man verdrehte dem Mann die Arme hinter dem Rücken und riss ihm die Kapuze herunter.
»Vom Schoffpanscher zum Plünderer, das nenne ich mal eine Karriere.«
»Wir haben hier nicht geplündert. Wir Toraks lassen uns von euch nichts mehr bieten. Die Menschen haben lange genug ihr Spiel mit uns getrieben. Irgendwann ist Schluss.«
Der Torak bekam keine Antwort. Ein Nicken des Anführers der Wachen reichte. Ab in den Kerker, hieß das. Oder in den Steinbruch. Die Kerker waren einfach zu voll. Also doch gleich an den Galgen?
Das Waisenhaus
Kard wachte auf, bevor die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont krochen. Der Wind, der über Nacht aufgefrischt war, hatte sich gelegt, kein Hauch strich über die schmale Grasnarbe, aber die Luft war kalt und feucht und legte sich auf sein Gesicht wie eine kühle Decke. Der Himmel war wolkenverhangen, schwarze und graue Flächen schoben sich langsam über- und untereinander.
Seit langem wieder spürte Kard den Drachenzahn auf seinem Brustbein, aber er wusste nicht, ob dies ein gutes oder schlechtes Omen war. Gab das Amulett ihm nun Kraft für die Abenteuer, die es zu bestehen galt, oder warnte es ihn vor einer bevorstehenden Gefahr? Manchmal wünschte sich Kard die Zeit zurück, als noch Goiba und Branu sein Leben umschlossen hatten, als er noch wie Benji mit blindem Vertrauen und ohne große Fragen in die Welt geschaut hatte. War es nicht besser, still zu stehen und einfach abzuwarten? Das Leben würde einen schon irgendwo hinwerfen. War doch egal wohin. Er, Kard, einst der Träger eines magischen Schwertes, jetzt, so dachte er, Mörder an seinem Ziehvater Wallas. Was nutzen Hoffnung und große Pläne, wenn am Ende Tod und Zerstörung herauskamen? Aber schon wieder fühlte er das Pulsieren des Drachenzahns und jetzt waren auch die ersten Sonnenstrahlen zu sehen. Automatisch reckte sich Kard in die Höhe, hob sein Kinn hoch und schloss die Augen, als ob er auf diese Weise die Energie Branus in sich aufnehmen könnte. So stand er da für einige Momente und spürte, wie etwas in ihm erwachte. Er spürte das Feuer, als ob es aus der Erde kommend seinen Körper durchfließen würde, um sich dann in den Himmel zu ergießen. Ein Lichtstrahl, der seine dunkle Seele kurz erleuchtete. Kard blickte sich um und betrachtete seine Freunde. Benji und Madad begannen sich zu rekeln. Kard ging zur Feuerstelle und befahl den Flammen zu erscheinen. Wenn er damals etwas von Kustos gelernt hatte, dann, dass man den Tag am besten mit einer guten Tasse heißen Tees beginnt.
Zum Frühstück gab es Mäh-Schafskäse, eine Trukker Spezialität, zersetzt mit leckeren, schimmeligen, grünen Pilzen. Außerdem das obligatorische Winxbrot. Und natürlich heißen Tee. Für Madad die Reste des Rennhasens und ebenfalls Tee, den Kard dem auf den Rücken liegenden Cu direkt ins Maul fließen ließ. Mit Tassen hatte es Madad nicht so.
Die Wolken würden heute die Oberhand behalten. Obwohl die Sonne schon längst am Himmel stand, war es weiterhin grau und ungemütlich. Der Wind hatte sich wieder erhoben und brachte immer wieder nasse Schwaden mit, sodass es fast besser schien, sich im Dunklen Wald in den Schutz der Baumkronen zu begeben.
Kaum hatten sie die Grasebene verlassen, spürte Kard, wieso es hier keine Faols und keine Wahter gab. Der Weg, der sich wie eine schwarze Schlange zwischen den Bäumen entlang schob, die hier locker und fast ohne Unterholz standen, war umhüllt von einer dunklen, schweren Magie. Benji und Madad schienen dies nicht zu merken, die beiden liefen unbekümmert vorne weg und Kard konnte hören, wie das helle Lachen des Jungen als schwaches Echo durch den Wald geisterte. Aber seit er die Arme unverletzt aus der Lava des Branubrabat gezogen hatte, konnte Kard magische Strömungen wahrnehmen, die ihm vorher verborgen gewesen waren. Und jetzt spürte er deutlich die dunkle Energie Goibas, die sich gegen seine eigene Branu-Energie stemmte. Automatisch verlangsamte er seine Schritte und musterte misstrauisch die Umgebung. Die Bäume um ihn herum, ein Gemisch aus Nadel- und Laubbäumen, zeigten keinerlei ungewöhnliche Anzeichen. Allerdings zeigten sich auch keine Chameliten. Was nicht hieß, das sie nicht da waren. Diese Waldwesen verschmolzen derart mit ihrer Umgebung, dass man sie erst wahrnahm, wenn sie direkt vor einem standen. Aber Kard vermutete, das die Chameliten wie die Wahter und Faols das Weite gesucht hatte. Fragte sich nur, vor was sie solche Angst hatten.
Das Astwerk der sie umgebenden Bäume begann erst in einiger Höhe, auch das schien Kard nicht verdächtig. Allerdings gab es keine Vögel. Man sah weder welche noch konnte man irgendwo ein Zwitschern vernehmen. Aber auch die Hochebene, die sie gerade hinter sich gelassen hatten, war nicht gerade vom Federvieh bevölkert gewesen. Es war eben eine karge Umgebung. Insekten, insbesondere große Tausendfüßer, schien es allerdings recht gut hier zu gefallen. Kard konnte stattliche Exemplare im vor sich hin modernden Laub erkennen. Er spürte jetzt ein Ziehen im Unterleib, das ihn an etwas Unbestimmtes erinnerte. Er konnte es nur nicht einordnen, als ob ein Schleier des Vergessens es in irgendeine Ecke gedrängt hatte. Doch dann überkam es ihn, als ob er in ein kaltes Fass brackigen Wassers geworfen worden wäre. Natürlich. Wie hatte er das vergessen können?
*
Hundert Jahre nach der Großen Schlacht gab es nur noch wenige, die diese Zeit selbst erlebt hatten. Auch Laltan kannte sie nur vom Hörensagen. Aber bei seinen Nachforschungen war der Vampyr auf eine Person gestoßen, die ihm Informationen aus erster Hand liefern konnte. Im Kerker der Schwarzen Burg schimmelte immer noch N’ganak, der ehemalige Knappe Flanakans, vor sich hin.
Die Zelle, in der N’ganak sein Dasein fristete, war nur mit Stroh ausgelegt. In einer Ecke stand einen Latrineneimer. Die Wände bestanden aus groben Gesteinsbrocken, einige Lichtstrahlen fielen durch ein schmalesFenster, das an eine Schießscharte erinnerte. Dort saß eine ausgemergelte Gestalt, die Laltans Worten genau zuhörte.
»Ob ich Wallas noch kenne? Den Waffenschmied? Den Torak?«
Lange würde es dieser Mensch nicht mehr machen, dachte Laltan. Es grenzte an ein Wunder, dass dieser Mensch überhaupt noch lebte. Ein Wunder? Oder handelte es sich um Magie? Die Haut des alten Mannes war weiß und faltig, die Knochen ragten aus dem Brustkorb und Zähne hatte dieser Mensch auch nur noch wenige. Aber die blauen Augen, die selbst im schwachen Dämmerlicht der Zelle zu leuchten schienen, straften den Eindruck der Hinfälligkeit Lügen. Der Körper schien zu zerfallen, aber der Geist des Alten hatte in den Jahrzehnten des Siechtums offensichtlich nichts von seiner Lebendigkeit verloren.
»Nein, den kenne ich nicht.«
Die eben noch klaren Augen N’ganaks hatten sich plötzlich eingetrübt. Der Alte zuckte mit den Achseln.
Laltan kannte das schon. Er war ein Meister verschiedenster Verhörtechniken. Aber sein Gegenüber war offensichtlich umgekehrt ein geübter Verdächtiger, der diese Prozedur ebenfalls professionell beherrschte. Dafür achtete ihn der Vampyr, aber trotzdem musste er diesen Menschen zum Reden bringen. Drohen und Foltern kamen hier nicht infrage. Dieser Mann hatte nichts zu fürchten und nichts zu verlieren. Wahrscheinlich wäre es ihm gar nicht so unrecht, wenn ihm der Vampyr die Kehle aufschlitzen würde.
»Und über dieses Minas-Schwert kannst du mir auch nichts sagen?«
Atemgeräusche. Das leise Platschen eines Wassertropfens.
»Ein Minas-Schwert?«
»Wallas hat ein Minas-Schwert schmieden lassen. Von einem Menschenjungen.«
Das leise Piepsen junger Ratten. Rascheln im Stroh. Von ganz fern das Hämmern der Zimmerleute, die am Galgengerüst arbeiteten.
»Ha, ha, ha.«
N’ganak lachte und seine Augen waren mit einem Schlag wieder klar geworden.
»Hat er es also geschafft, der alte Halunke.«
»Was geschafft?«
»Den Zunft-Schwur zu umgehen. Kein Torak darf ein Minas-Schwert schmieden. Das haben sie Flanakan geschworen. Und ich weiß nicht, ob ihr Vampyre das Wort Ehre kennt, aber für die Toraks ist sie heilig. Ganz abgesehen von dem Vertrag. Aber von Menschen war nie die Rede. So ein schlauer Fuchs, dieser Wallas. Aber dass er auch einen Menschen gefunden hat, der dazu fähig war.«
Der Alte verfiel in Schweigen. Laltan versuchte nochmal, ihn zum Reden zu bringen, schüttelte ihn, versprach ihm eine Portion Schoff oder bei Wunsch einen schnellen Tod, aber N’ganak hatte den Kopf auf die Brust fallen lassen und begann wie ein kleines Kind vor sich hin zu kichern.
»Branu. Branu kommt«, brach es noch einmal aus ihm hervor. Und bestätigte dem Vampyr genau das, was Tsarr befürchtet hatte. Branu kommt. Laltan ahnte, dass dies ein wirklich schlimmes Omen war.
*
»Madad, spürst du das nicht?«
»Was soll ich spüren, Kard? Ich habe Benji gerade davon erzählt, dass Mama meint, dass es völlig in Ordnung ist, wenn man sich im Dunkeln fürchtet. Es könnte ja ein Monster irgendwo sein.«
»Monster ist ein gutes Stichwort, Madad.«
»Was, wie, wo?«
Madad sprang mit allen Vieren in die Höhe, drehte sich in der Luft um die eigene Achse und hatte so in einem Sekundenbruchteil die komplette Gegend abgesucht.
»Nichts zu sehen, Kard!«
»Man sieht es nicht, Madad, aber ich spüre es genau.«
»Was spürst du? Ich bin diesen Weg schon dutzendmal entlanggelaufen. Mir ist hier noch nie etwas passiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass mir nie etwas passiert ist, wenn es hier tatsächlich etwas Gefährliches gibt, sehr gering.«
»Glaub mir, Benji, es gibt hier etwas Gefährliches. Etwas Altes und Magisches. Das letzte Mal, als ich so etwas gespürt habe, war in der Gegenwart des Blutbaumes. Schau.«
Kard versuchte, eine Flamme auf seine Handfläche zu rufen. Das Feuer kam auch, aber die Flamme fiel sofort wieder in sich zusammen, als ob sie in einen Raum ohne Luft aufgelodert wäre, in dem ihr nach wenigen Augenblicken das Lebenselexier entzogen worden war.
Während Madad verstand, was Kard damit sagen wollte, schaute Benji ihn verständnislos an.
»Hast du Krämpfe in den Händen?«
Kard schüttelte verneinend den Kopf.
»Der Blutbaum, Benji, stammt aus einer Zeit vor der Erschaffung allen Lebens, wie wir es in Haragor kennen.«
»Yo, was heißen würde, das am Ende dieses Weges…«
»Ach, der Weg hat kein Ende.« Benji machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Also dieser Weg endet nicht am Waisenhaus?«
»Nein, der zieht sich dann weiter in die Drachenberge. Ewig.«
»Ewig?«
»Ewig! Sagen die Govas. Wenn sie uns drohen wollen, sagen sie uns, dass wir den Weg nach Norden gehen sollen und erst zurückkommen dürfen, wenn wir sein Ende erreicht haben.«
»Und, ist schon mal jemand zurückgekommen?«
»Nein, es ist nur eine leere Drohung. Wirklich gehen musste diesen Weg noch keiner.«
»Vielleicht steckt ein Funken Wahrheit in dieser Drohung. Diese alte Magie verpestet den Weg und den angrenzenden Wald geradezu. Das erklärt auch, wieso hier weder Faols noch Wahter sind.«
»Ist mir lieber, als irgend so ein Baum, der einen Fressen will.«
»Da magst du im Moment recht haben, Madad. Aber so wirklich wohl ist mir bei der ganzen Sache nicht.«
Im Augenwinkel glaubte Kard plötzlich tief im Wald einen riesigen dunklen Schatten wahrzunehmen. Aber als er sich blitzschnell umdrehte, konnte er nichts entdecken. Wahrscheinlich spielte ihm seine Phantasie einfach nur Streiche. Doch dann lief irgendwas über seinen Fuß. Er stieß einen spitzen Schrei aus und sprang einen Schritt zurück.
»Yo, Kard, das ist nur einer von diesen niedlichen Tausendfüßern.«
»Niedlich?«
»Och, guck doch mal, wie der schnell wieder verschwindet auf seinen kleinen Beinchen.«
Endlich kam das Waisenhaus in Sicht. Wobei der Begriff Haus nicht so recht zu dem festungsähnlichen Gebäude passte. Der Wald öffnete sich hier und machte Platz für eine weitläufige Lichtung. Die weite Fläche voller Gras und Kräutern wurde in den Abendstunden gerne von Haranis besucht, erinnerte sich Kard. Die dunkle Magie, die den Weg umschlungen hielt, hatte hier offensichtlich keine Macht. Inmitten dieser Idylle stand das Waisenhaus wie ein Fremdkörper. Dunkle Steine, hohe Mauern, darüber die Flagge Flanakans.
Aber noch waren sie nicht dort. Kurz bevor die Herrschaft des Waldes gebrochen wurde, schienen die Bäume noch einmal zusammenzurücken, als ob sie dem Reisenden den Blick verstellen wollten. Wieder pikste Kard etwas am Fuß. Ein Tausendfüßer. Ein niedliches, etwa armlanges Insekt. Deutlich konnte man an seinem Kopf die Fresszangen sehen, mit der dieses Exemplar problemlos einen Finger durchbeißen konnte. Kard überlegte, ob die Bezeichnung niedlich hier wirklich noch zutreffend war.
»Bei Goiba, schaut mal.«
Benji meinte nicht etwa den einen Tausendfüßer, der ihnen zwischen den Beinen herumlief. Vor ihnen auf dem Weg hatten sich dutzende, wenn nicht gar hunderte oder sogar tausende Artgenossen des niedlichen Tierchens versammelt. Nicht ganz so groß, vielleicht nur so dick wie ein Zeigefinger. Aber eben nicht nur ein paar Exemplare. Sondern sehr, sehr viele.
»Das hat es bisher noch nie gegeben, wenn ich den Weg entlang bin.«
»Erklärt aber, wiese hier keine Faols sind. Benji, du bist doch ein schlauer Bursche und hast viel gelesen. Wenn ich mich recht erinnere, sind Tausendfüßer Pflanzenfresser, oder?«
»Oh, es gibt solche und solche.«
»Du meinst…?«
»Es gibt Pflanzen- und Fleischfresser.«
»Ihr erinnert euch an das Warnschild? Die Nussschne-cke?«
»Ja, Madad, danke für den Hinweis.«
Der Riesentausendfüßer hatte sich inzwischen zu den anderen gesellt. Die Tiere versperrten ihnen eindeutig den Weg zur Lichtung und zum Waisenhaus.
»Gehen wir halt durch den Wald.«
»Nein, Benji. Keine gute Idee.«
Zum ersten Mal bereute es Kard, dass er kein Minas-Schwert mehr hatte. Mit der magischen Klinge in seiner Hand wäre er jetzt mitten in diese Ansammlung angriffslustiger Insekten hineingerannt. Auch Madad schien diesen Gedanken gehabt zu haben, denn er schaute seinen Freund auffordernd an. Der gute Madad stürzte sich ja nur zu gern kopfüber in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.
Kard überlegte. Die dunkle Magie, die ihn an den Blutbaum erinnerte, lag wie ein schwerer Schleier über den vielgliedrigen Tieren. Und er war sich sicher, dass abseits des Weges, den die Goiba-Priesterinnen des Waisenhauses mit einen Schutzzauber abgeschirmt hatten, die Macht dieser dunklen Magie noch wesentlich stärker war.
»Ich glaube, die wollen, das wir den Weg verlassen.«
Benji deutete auf die Lichtung.
»Schau doch Kard, da vorne sieht man schon das Waisenhaus. Nur ein paar Meter durch den Wald und schon sind wir dort.«
»Ich nehme an, die wollen, dass wir das glauben.«
»Die?«
»Die Tausendfüßer, Benji. Sie sind Teil einer alten Macht. Eine alte Macht, die sehr hungrig ist. Dort im Wald wartet etwas auf uns. Und diese paar Tierchen sind nur die Vorhut.«
»Ist gut, Kard. Ich bin kein kleines Kind mehr. Deine Märchen kannst du dir für andere aufsparen.«
»Ich meine das ganz ernst, Benji. Ich befürchte, es gibt nur einen Weg. Und der führt mitten durch diese kleine Bestien.«
»Ich gehe da doch nicht durch diese… diese Mauer.«
»Hast du noch etwas zu essen dabei?«
Benji nickte. »Noch ein wenig Winxbrot.«
»Schmeiß es in den Wald.«
»In den Wald? Nicht zu diesem Haufen da vor uns.«
»Nein, in den Wald. Durch den du so gerne laufen würdest.«
Schulterzuckend nahm Benji das Brot in die Hand und warf es jenseits der magischen Mauer, die die Govas um den Weg errichtet hatten. Mit einem dumpfen Geräusch fiel es auf den Waldboden und blieb dort liegen. Aber nur kurz. Dann begann die Decke aus abgestorbenen Laub zum Leben zu erwachen. Eine Welle ging durch die Schicht, bäumte sich auf. Für einen Augenblick sah und hörte man die Kauwerkzeuge unzähliger Tausendfüßer. Innerhalb kürzester Zeit war das Brot verschwunden. Weg. Vom Boden verschluckt. Von einer Unmenge hungriger Insekten in kleine Stücke zerrissen.
»Mama hat mir mal von Flüssen erzählt, in denen solche Fische wohnen, die einen auffressen, bevor man Piep sagen kann. Aber Tausendfüßer? Wenn ich ihr das erzähle, wird sie aber Augen machen.«
»Wenn du ihr das noch erzählen kannst, Madad. Erstmal müssen wir hier raus.«
Kard hatte zwar kein Minas-Schwert mehr, aber dafür hatten sich in letzter Zeit seine eigenen magischen Kräfte weiter entwickelt. Während andere Jungen in seinem Alter sich mit vermehrter Körperbehaarung und einer sich verändernden Stimme herumschlagen mussten, hatte er es zusätzlich noch mit dieser Feuermagie zu tun. Bisher hatte er nur damit gespielt, hatte Flammen entstehen lassen oder mit dem lodernden Feuer in einer Sprache gesprochen, die er selbst nicht wirklich verstand. Aber jetzt war es offensichtlich an der Zeit, diese Magie gezielt einzusetzen.
Kard konzentrierte sich. Der Einfluss der Magie Goibas, die den Weg schützte, machte es ihm nicht leicht. Vielleicht war es sogar seine eigene Branu-Energie, die die Magie Goibas hier beschädigt hatte und so den Tausendfüßern erst ermöglicht hatte, hier einzudringen. Irgendwie seltsam. Er würde jetzt seine eigene Magie hervorrufen, aber die Magie Goibas würde ihm zuarbeiten. Die Energien von Branu und Goiba konnten vielleicht etwas gegen diese uralte Magie ausrichten, die diese Tausendfüßer hervorbrachte.
Der Zahn pulsierte auf dem Brustbein, die Lava des Branubrabat schoß in seine Arme. Kard rannte los, Benji und Madad ihm hinterher. Er sah Feuerbälle, die nun plötzlich aus seinen Handflächen schossen, die Panzer der Insekten auseinanderplatzen ließen und ihnen eine Gasse bereiteten. Er wusste nicht wirklich, was er tat. Irgendwie geschah es. In ihm herrschte eine Mischung aus Angst und Wut und diesem Bewusstsein, dass er diesen Weg gehen musste. Es gab kein Zurück. Es gab nur ein nach Vorne gehen. Er spürte, wie etwas gegen seine Beine schlug, dass etwas ihn festhalten wollte, was er voller Ekel abzuschütteln versuchte. Von den Bäumen fielen weitere Tausendfüßer auf sie herab. Kard fuchtelte mit den Armen und schoß dabei Feuerbälle in die Dunkelheit. Er hörte Benji und Madad hinter sich keuchen und schreien, aber er blickte sich nicht um. Das Ganze dauerte nur wenige Augenblicke. Die drei Freunde rannten, bis sie die letzten Bäume hinter sich gebracht hatten, schüttelten die letzten Tausendfüßer von sich ab und zertraten sie panisch mit ihren Schuhen. Der Wald selbst schien enttäuscht zu seufzen und wieder sah Kard einen riesigen Schatten, der sich sofort zurückzog. Er wollte gar nicht wissen, was im Wald auf sie gewartet hätte, wenn sie es nicht bis zur Lichtung geschafft hätten.
Kard drehte sich um. In der Mitte des Tals, noch ein gutes Stück entfernt, lag das Waisenhaus. Er hatte sich nie über die Geschichte dieser wehrhaften Mauern Gedanken gemacht, aber als er es jetzt nach so vielen Jahren wiedersah, war er sich sicher, dass es nicht immer ein Zufluchtsort für Waisenkinder gewesen sein konnte. Angesichts seiner Lage hier im Dunklen Wald könnte es vielleicht einst eine Wehranlage der Drachenkönige gewesen sein, wahrscheinlich im Großen Krieg errichtet. Vermutlich war es einst von Mauern umsäumt gewesen, Kard erinnerte sich an die Reste von Geröll hier im Tal, die damals beim Versteckspielen einen guten Unterschlupf geboten hatten. Das Gebäude selbst hatte sich im Lauf der letzten sieben, acht Jahre, die vergangen waren, seit Kard fort war, so gut wie nicht verändert. Eine viereckige Anlage, Mauern so hoch wie fünf Toraks, gesäumt von wehrhaften Türmen.
Benji freute sich offensichtlich, dass er wieder nach Hause kam. Auf den letzten Metern beschleunigte er seine Schritte und warf den Freunden einen Blick zu, der wohl besagen sollte: Schaut, das ist meine tolle Burg, mein Zuhause.
Über dem Portal bemerkte Kard schon von weitem das Zeichen der Obersten Verwaltung, das P in einem Kreis, wofür auch immer dies stehen sollte. Als Kind hatte Kard dem Symbol keine besondere Beachtung geschenkt. Immerhin besagte es, dass das Waisenhaus nicht etwa eine Institution des Goiba-Kultes, sondern ein Verwaltungsgebäude war. Am Tor befand sich ein gewaltiger Türklopfer, ein Eisenring in der Form eines Drachens, der sich selbst in den Schwanz biss. An der Halterung, mit der der Türklopfer am Tor befestigt war, konnte Kard ein V mit auf dem Rücken liegenden D in seinem Innern erkennen – das Signum von Davischi, dem letzten Baumeisters der Drachenkönige.
Das Dröhnen des Türklopfers hallte in dem Gebäude wieder. Benji machte sich einen Spaß daraus, das massive Holztor wie eine Trommel zu benutzen. Dann packte Benji Kard am Arm und zog ihn vom Tor zurück. Stimmt, dachte Kard. Das Begrüßungsritual. Kurze Zeit später wurde von den Mauern über ihren Köpfen ein Eimer Wasser entleert, begleitet von Kinderlachen und dem Geräusch fliehender Schritte. Und schon bald hörte man von Innen jemanden fluchen und sich mit schlurfenden Schuhen dem Eingang nähern.
Ein Riegel wurde zurückgeschoben, das schwere Tor öffnete sich quietschend und der Kopf einer Gova streckte sich durch den Spalt.
»Ah, Benji, zurück aus der großen, weiten Welt.«
»Genau, hochverehrte Kl’dia. Und ich habe den Schmied mitgebracht, damit er die Ofengriffe montieren kann.«
»Ah, du hast also jemanden gefunden, der uns die Griffe machen konnte. Gäste. Na gut. Kommt mit.«
Die Gova öffnete das Tor. Kl’dia musste neu hier sein, jedenfalls kannte Kard sie nicht. Sie trug die übliche schwarze Robe ihrer Zunft, der Kopf war von einer Kapuze bedeckt und nur das Gesicht einer Frau im mittleren Alter schaute daraus hervor. Sie lächelte freundlich und bedeutete den Freunden, ihr zu folgen. Die Frau führte sie in den Innenhof der Anlage, der von einem Säulengang gesäumt wurde und ließ sie dort warten.
Auf den ersten Blick hatte sich hier wenig verändert, stellte Kard fest. Im linken Flügel, dessen graue, bemoosten Wände aus imposanten Steinquadern nur von wenigen hohen und spitzgiebeligen Fenstern unterbrochen waren, befanden sich die Schlafquartiere der Kinder und die Unterrichtsräume. Im vorderen Bereich, der von dem großen Tor und dem sich anschließenden Durchgang dominiert wurde, hatte man Küche und Wirtschaftsräume untergebracht, während im rechten Flügel die Govas hausten. In dem Gebäudeabschnitt gegenüber des Tores befand sich der Tempel Goibas. In der Mitte des Innenhofs befand sich ein Brunnen, in dem das klare Wasser einer Quelle aus dem felsigen Untergrund sprudelte, ein Zeichen Branus und vermutlich der Grund, wieso die ursprünglichen Bauherren diesen Platz gewählt hatten.
Um sicherzugehen, hier nicht erkannt zu werden, hatte Kard sich Dreck ins Gesicht geschmiert, seine Haare waren ja auch ganz anders wie vor einigen Jahren, dazu war er gewachsen und seine Stimme hatte sich verändert. Aber trotzdem befürchtete er doch noch, von eine der alten Govas entdeckt zu werden. Oder vom dicken Adrian. Wie hätte er dann seine Anwesenheit hier erklären sollen, ohne Misstrauen zu erwecken? Falls Benjis Geschichte mit dem Buch wahr war, wusste zumindest die Oberste Gova K’sndra um die Umstände seiner Unterbringung hier. Sie direkt zu fragen, war natürlich nicht möglich. Die Gefahr, dass sie umgehend Tsarr Bescheid sagen würde, war einfach zu groß.
Trotzdem wagte Kard einen Blick auf sein altes Zuhause. Seine Augen glitten die kahle Wände entlang, folgten dem Säulengang. Hier hatten sie Fangen oder auch Verstecken gespielt. Dort hatten die anderen ihn in die Ecke gedrängt, hier hatte er stundenlang im Regen stehen müssen, nachdem er von den Govas entdeckt worden war, als er einmal ein Brot aus der Küche geklaut hatte. Kard stellte fest, dass seine Erinnerungen an diesen Ort nicht unbedingt angenehm waren. Vielleicht hatte er auch deswegen dieses mulmige Gefühl im Bauch?
Kl’dia kam bald zurück. Während Madad oben im Innenhof blieb, folgten Kard und Benji der Gova in die Keller, ein Weg, den Kard nur zu gut kannte, denn hier unten waren die Öfen. Das Feuer. Er erklärte der Gova auch, wieso seine Anwesenheit notwendig war. Die Ofengriffe mussten noch einmal erhitzt werden, damit man er sie dann in die Halterungen an den Öfen schieben konnte. Während sie sich abkühlten, verformten sie sich noch einmal und dann saßen sie so fest, dass sie danach jeder mechanischen und thermischen Belastung standhielten. Die Gova schöpfte keinen Verdacht. Sie ließ die Jungen allein im Keller zurück, damit sie die notwendigen Arbeiten verrichten konnten.
Kard nutzte die Öfen selbst als provisorische Esse und sprach mit dem Feuer. Es war als begegnete er einem alten Freund. Hier unten hatte es angefangen. Sein besonderes Verhältnis zu den Flammen. Würde es jetzt auch das Ende sein? Das Ende seiner Suche nach seinen Ursprüngen?
Benji äußerte sein Erstaunen, wie schnell die Griffe die notwendige Temperatur erreichten. Nach seinem Wissen müsste es viel länger dauern. Aber Kard erzählte ihm von einer bestimmten Technik, die er gerade anwandte, und damit ließ sich die Neugier des Jungen besänftigen. Offensichtlich vergaß Benji nichts von dem, was er in den Büchern der Bibliothek gelesen hatte. Ein Umstand, der vielleicht irgendwann nützlich sein konnte.
Die Arbeit war dank Kards Feuermagie schnell erledigt. Inzwischen war es aber doch zu spät, um den Schmied mit seinem Hund durch den Wald zurück nach Truk zu schicken. Genau darauf hatte Kard spekuliert. Die Gova wies ihnen einen Schlafplatz im Wirtschaftsraum zu. Neben Schaufeln, Harken und Schubkarren befand sich dort eine Schlafstelle, die für Handwerker wie Kard oder auch andere Reisende bestimmt war.
In dieser Nacht wollte Kard herausfinden, wo sich die Unterlagen befanden, in denen über die Waisenkinder Buch geführt wurde. Sie hatten also nicht viel Zeit. Und was erschwerend hinzukam, war, dass die Gova ihn zum Abendessen in den großen Speisesaal gebeten hatte. Eine Einladung, die Kard schlecht ablehnen konnten. Dort würde er auf die anderen Kinder und auch die anderen Govas treffen. Kard betete zu Branu, dass ihn bei dieser Gelegenheit niemand erkennen würde. Denn dann hätte er einiges zu erklären.
Der Speisesaal war nicht wirklich groß, aber da es der einzige Ort mit großen Fenstern war, wirkte er offener und weiträumiger als die anderen Räume des Waisenhauses. Die untergehende Sonne hüllte die wenigen Tische in orangefarbenes Licht. Vier missmutig dreinblickende Govas, die gemeinsam an der Stirnseite des Raumes an einer Tafel saßen, mussten diesen letzten Gruß Branus über sich ergehen lassen, bevor die Nacht und damit Goiba die Regentschaft übernahm.
Kard hatte den dicken Adrian sofort erkannt und darauf geachtet, dass er und Benji an einen anderen Tisch saßen. Madad hatte leider nicht mitkommen dürfen, was den stolzen Cu ziemlich verstimmt hatte. Doch seine unfehlbare Nase hatte ihn in Richtung Küche geführt, was seine Stimmung wesentlich verbessert hatte.
Zum Glück gab es außer dem dicken Adrian keine anderen Kinder, die Kard noch erkennen konnten. Aber K’sndra, die Oberste Gova des Waisenhauses, hatte hier wie eh und je die Leitung inne. Ob sie Kard, so wie er jetzt aussah, erkennen würde? Er wollte es auf jeden Fall nicht darauf ankommen lassen und wandte sein Gesicht ab.
Kaum war die Sonne untergegangen, begann die Lobpreisung Goibas. K’sndra intonierte das Gebet und brav sprachen ihr alle nach. Auch Kards Zunge fanden automatisch die richtigen Worte, obwohl er dieses Gebet seit Jahren nicht mehr aufgesagt hatte.
Natürlich gab es Winxgrassuppe. In ganz Haragor gab es abends Winxgrassuppe. Vielleicht nicht bei den Reichen. Immerhin gab es hier sogar einige Fleischfetzen in der Suppe. Auf dem Tisch standen auch einige Schalen mit Beeren, die man im Dunklen Wald fand, offensichtlich an Stellen, die nicht unter der Macht der Tausendfüßer standen.
Kl’dia stellte den Gast vor, den die anderen Kinder schon neugierig beäugt hatten. Kard stellte beruhigt fest, dass K’sndra offensichtlich andere Sorgen hatte, denn sie schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Dafür drehte sich der dicke Adrian während des Essens dauernd um, und Kard senkte seinen Kopf tief über den Suppenteller. Leider fiel es aber auch Benji auf, dass sich da jemand für ihn interessierte.
»Der dicke Adrian ist ganz schön neugierig.«
»Ach ja?«
»Der dreht sich dauernd um.«
»Aha.«
»Ist halt der dicke Adrian. Der weiß sich nicht zu benehmen. Ist halt ein bisschen zurückgeblieben. Deswegen will ihn auch keiner.«
»Will ihn keiner?«
»Na ja, schau ihn dir doch mal an.«
»Ach, ich weiß, wie er aussieht.«
»Nein, ehrlich, dreh dich mal um.«
»Nein, nein. Die Suppe wird kalt.«
»Wink ihm doch mal, vielleicht gibt er dann Ruhe.«
Ohne sich umzudrehen hob Kard den Arm und wedelte ein wenig mit der Hand in der Luft herum. Leider hatte er damit genau das Gegenteil erreicht. Der dicke Adrian winkte zurück und zwinkerte Benji heftig zu.
»Nach dem Essen müssen wir ihn kurz treffen, Kard. Ich kenne Adrian. Er kann ziemlich hartnäckig sein.«
Kard verschluckte sich. Der dicke Adrian mochte ein wenig einfältig sein, aber das machte ihn in gewisser Weise noch gefährlicher.
»Benji, tust du mir einen Gefallen? Nenne mich bitte vor den anderen Kindern einfach nur ›Der Schmied‹, einverstanden? Wenn wir unter uns sind, kannst du mich gerne mit meinem Namen ansprechen, aber von Fremden erwarte ich ein wenig mehr Respekt.«
»Respekt?«
»Ja, äh, ich bin ja nicht irgendwer. Ich bin ja ein Schmied. Und da hat man ja wohl etwas Respekt verdient, oder?«
»Wenn du meinst, Kard.«
Kard schaute Benji ärgerlich an.
»Gut, gut. Schmied. Herr Schmied. Alles klar.«
Irgendwie doch schade, dass er es nicht wagte, sich zu erkennen zu geben. Der dicke Adrian konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Er war einer von Kards wenigen Freunden gewesen.
Die Govas beendeten das Essen wieder mit einem Dankgebet an Goiba, zwei der Kinder hatten Tischdienst und räumten die Teller ab, die Govas verschwanden in ihren Gemächern und die Kinder durften noch einige Zeit im Speisesaal herumsitzen. Der dicke Adrian gesellte sich umgehend zu ihnen.
»Hey Adrian, was sollte das vorhin. Das ist nicht höflich. Der Schmied ist unser Gast.«
»Hey Schmied.«
»Hallo Adrian.«
Benji versuchte den dicken Adrian abzuschütteln aber der Junge hatte seine Augen starr auf Kard gerichtet.
»Erinnerst mich an jemanden, weiß nur nicht mehr genau an wen.«
Бесплатный фрагмент закончился.
