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Frank Pfeifer
Der Junge mit dem Feueramulett
Das magische Schwert
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Karte
Titel
Der Auftrag
Die Schwarze Burg
Der Widerstand
Das Wirtshaus »Glücksbrunnen«
Auf der Flucht
Auf dem Meer
Impressum neobooks
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Titel
Frank Pfeifer

Der Auftrag
Es war an diesem Tag so unerträglich heiß, dass die Schmeißfliegen ohnmächtig auf die Pflastersteine von Conchar klatschten und dort in wenigen Augenblicken mit einem leisen Zischen zu Staub zerfielen. Noch viele Jahre später würde sich Kard an dieses unwirkliche Geräusch erinnern können. Die Hitze in diesem Sommer glich dem Würgegriff einer Schlange, die nun kurz davor war, ihr Opfer vollends zu erdrosseln. Er hatte sich ein schattiges Plätzchen an der Stadtmauer gesucht und schaute den wenigen Kindern zu, die von ihren Eltern zum Wasserholen hinunter zum Mühlenbach geschickt worden waren. Als zwei schwarz uniformierte Wachen vorbeimarschierten, hielt Kard die Luft an und drückte sich fester an die kalte Mauer. Nur nicht auffallen! Die Uniformierten waren willkürlich, besser man lenkte ihre Aufmerksamkeit nicht auf sich. Sie waren dafür bekannt, immer etwas zu finden, um einen in die Kerker zu zerren. Kard betete zu Branu und bat den Gott, dass er unsichtbar bleiben möge.
Puh, Glück gehabt! Die Wachen hatten ihn nicht entdeckt. Leise ließ er den Atem, den er unwillkürlich angehalten hatte, entweichen. Eines der Kinder, das mit einem gefüllten Wassereimer vom Bach kam, konnte das leider nicht von sich behaupten. Ein Uniformierter stellte dem Jungen, einem zerlumpter Knirps von höchstens zehn Jahren, ein Bein. Was für ein Fiesling! Dann amüsierte die Wache sich köstlich darüber, dass das Kind gestolpert war und seine wertvolle Fracht verschüttet hatte.
»Na, du willst doch nicht etwa Branu opfern, oder?«
Ein Röcheln entschlüpfte Kards Kehle und er hielt sich schnell die Hände vor den Mund. Opfergaben an den Schöpfergott konnten einem in Conchar direkt in die Folterkammern der Schwarzen Burg bringen. Der findet sich wohl ziemlich witzig. Aber wenn er selbst dem Obersten Schergen Laoch gegenübersteht, ist er bestimmt klein wie eine Maus. Kard wünschte, dass der Soldat von einem Fluch heimgesucht werden würde, um ihm seine aufgeblasene Eitelkeit aus dem Leib zu prügeln.
»Nein, verehrte Wache, Goiba über alles.«
Der Uniformierte nickte zufrieden. So hatten sie das am liebsten. Wenn man sich schön klein vor ihnen machte. Kard knirschte mit den Zähnen. Er war wütend. Aber er würde dem Kleinen dort unten nicht zu Hilfe eilen. Er war bestimmt nicht so verrückt, sich mit den Wachen anzulegen. Nein! Er hatte lieber seine Ruhe. Obwohl ihm der Junge leid tat. Doch mit seinen sechzehn Jahren war Kard ja selbst noch fast ein Kind. Er konnte nichts ausrichten. Und der Platz im Schatten war doch ganz angenehm. Jahre später würde er lachen, wenn er daran zurückdachte, wie er versuchte hatte, sich unsichtbar zu machen. Eins zu werden mit dem Schatten. Aber in Dunkeln gibt es kein Licht. Die Dunkelheit frisst einen auf oder man verirrt sich. Es sei denn, man findet ein Feuer, damit man einen Weg suchen kann. Einen Weg hinaus aus der Dunkelheit.
Sein Meister und Ziehvater Wallas hatte Kard bei dieser Hitze freigegeben. In der Schmiede, in der Kard lebte und ausgebildet wurde, war es nicht zum Aushalten gewesen. Conchar, die Hauptstadt des Reiches Haragor, war in diesen Sommertagen eine einzige Bratpfanne. Selbst Toraks wie Wallas, diese gewaltigen Mischwesen aus Riesen und Menschen, wagten es an diesem Tag nicht, einen Fuß auf die glühenden Pflastersteine setzten. Die Wesen Conchars waren überzeugt davon, dass diese ungemeine Hitze ein Fluch Branus sein musste. Wollte der Schöpfer etwa Ernten verbrennen und alles Leben in diesem Land auslöschen? Auch Kard fragte sich, was Branu ihnen damit sagen wollte. Aber bei den Göttern ist es wie bei den Govas! Die Priesterinnen Goibas, die das Regiment im Waisenhaus geführt hatten, in dem Kard aufgewachsen war, konnten an einem beliebigen Morgen mit einem netten Lächeln in den Unterrichtsraum kommen und sehr freundlich wirken. Aber im nächsten Augenblick waren sie aus unerfindlichen Gründen schlecht gelaunt und schrieen alle an. Absolut unberechenbare Wesen. Wie die Götter! Trotzdem drehte sich in Haragor alles um deren Gunst. Nur wer ihr Wohlwollen hatte, war auf der sicheren Seite.
Als an diesem Tag der große Schatten kam, um die Erde zu verdunkeln, erschien es zuerst wie ein Segen, der den Lebewesen die lang ersehnte Kühle brachte. Man wagte sich wieder ins Freie, konnte durchatmen, den Kopf gegen den Himmel strecken. Auch Kard hatte das Dunkle, dass die Hitze verdrängte, zunächst begrüßt. Doch was dann am Himmel zu sehen war, erstickte die aufkeimende Freude. Langsam schob sich der Mond vor die Sonne, bis die Sonnenstrahlen nur noch wie Schlieren aus Blut um seinen Rand waberten. Ganz Conchar stöhnte auf. Eine Sonnenfinsternis! Ein Omen für schlechte Zeiten! Wenn die Götter sich stritten, und was konnte dieses Zeichen sonst bedeuten, würden irgendwann die Menschen darunter leiden. So war es damals im Waisenhaus auch immer gewesen. Wenn die Govas miteinander stritten, bekamen das irgendwann die Kinder zu spüren. Die Waisen waren der Wut der Priesterinnen schutzlos ausgeliefert gewesen. Wenn möglich hatte man sich dann irgendwo versteckt, sich unsichtbar gemacht. Kard hatte ein ungutes Gefühl beim Anblick der verdunkelten Sonne. Irgendwas sagte ihm, dass dies sein ganz persönliches Omen war.
*
Allerdings erstarrte nicht ganz Conchar in Todesangst. In den Folterkellern der Schwarzen Burg lachte Tsarr, die oberste Gova des Reiches aus vollem Hals. Tsarr war die Oberste Gova von Goiba, Schwester von Branu, Göttin von Nacht und Kälte. Ständig stritt Goiba sich mit ihrem Bruder Branu um die Macht. Sonne und Mond! Goiba war eine Göttin, deren Gunst man recht zuverlässig durch Menschenopfer erlangen konnte. Schließlich war sie die Göttin des Todes. Und Tsarr schwang ohne zu zögern das Opfermesser, wenn es zur Ehre ihrer Göttin war. Sie war niemand, den man zum Feind haben wollte.
Die Priesterin trug die schwarze Robe ihrer Zunft, einen wallenden Umhang, in dem sie selbst schwarz wie die dunkelste Nacht erschien. Auf dem Stoff klebten ein paar getrocknete Blutspritzer vom letzten Opferritual. Dazu das blasse Gesicht mit den stechend blauen Augen, das von schwarzen Locken eingerahmt war. Dadurch wirkte ihr schmales Antlitz bedrohlich und bösartig. Eine schwarze Dämonin in Menschengestalt.
Für die Sonnenfinsternis hatte die Gova eine eindeutige Erklärung. Ihre Göttin, Goiba, Herrin der Nacht, hatte gesiegt. Branu der Schöpfer musste sich geschlagen geben. Tsarr war überzeugt, mit dem Blut der zehn Jungfrauen, die mit durchgeschnittenen Kehlen kopfüber über der großen Opferschale hingen, wesentlich zur Sonnenfinsternis beigetragen zu haben. Die Gefahr, die sie für Flanakan, dem bisher unangefochtenen Herrscher über Haragor, in den Sternen gesehen hatte, war vorerst gebannt. Goiba hatte das Opfer angenommen und sich erneut gegen ihren Bruder Branu gestellt. Für Tsarr bedeute die Sonnenfinsternis, dass Flanakan nun noch viele Jahre herrschen würde. Und sie selbst würde weiterhin die oberste Gova des Reiches sein und niemand und nichts würde diese Macht gefährden können!
*
In der Hauptstadt des Reiches, in der Flanakan und Tsarr das Sagen hatten, gab es keine Priester der göttlichen Brüder mehr, die Govans. Branu, Charu und Charabnu mussten auf Priester und Tempel in der Hauptstadt verzichten. Tsarr hatte hier für Ordnung gesorgt. Wer sich hier seelischen Beistand holen wollte, musste außerhalb von Conchar Rat suchen. Selbst die beiden Schwestern der Göttin, Credna, Göttin der Liebe und Luchta, Göttin von Geld und Reichtum, hatten einen schweren Stand neben ihrer eifersüchtigen Schwester in Conchar. Tsarr war ganz besessen von der Idee, dass die Wesen Haragors allein ihrer Göttin folgen sollten.
Der Govan aus einem der vielen bäuerlichen Vororte von Conchar sah den Jungen, der vor ihm nervös hin und her sprang, neugierig an. Er fragte sich, ob der Junge ihn auch diesmal wieder mit einer Spitzhacke bezahlen würde. Bezahlen war das falsche Wort. Eine Spende. Der Junge spendete Branu, da der Gott ihn durchs Leben führte. Ein wirklich gläubiger Junge! Gerade in der Hauptstadt wäre es viel bequemer gewesen, ein Anhänger Goibas zu sein. Tempel gab es dort ja genug. Aber dieses seltsame Schicksal hatte Kard zu Branu geführt. Und als angehender Schmied blieb ihm mehr oder weniger nichts anderes übrig, als sich dem Schutzpatron seiner Zunft anzuvertrauen. Denn Branu war der Gott der Schmiede. Und da es in Conchar schon seit einer Weile keine Tempel des Schöpfers mehr gab, war der Junge gezwungen, den weiten Weg in das Dorf außerhalb der Stadt auf sich zu nehmen.
Mit gekreuzten Beinen saßen sie nun im kleinen Gebetsraum unter dem Sonnensymbol, einer grossen, goldfarbenen Metallscheibe. Der alte Mann mit fusseligem grauen Bart in seinem ehemals weißen, aber durch dauerndes Tragen und wenigem Waschen inzwischen ergrauten und speckigen Umhang. Und der Junge mit den ersten Stoppeln am Kinn, den schwarzen Locken und dem Dreck unter den Fingernägeln. Wie immer, so stellte der Govan fest, suchte Kard den Rat des weisen Mannes, der, was schließlich seine Aufgabe war, die geheimsten Botschaften Branus entschlüsseln konnte.
»Wenn mir also mein Meister ein Geheimnis anvertraut hat, dann darf ich ja niemanden davon erzählen, denn sonst wäre es ja kein Geheimnis, oder?«
Kard sah den Govan durchdringend an, in seinem Blick las der kluge Mann die innere Zerrissenheit des Jungen. »Mein Sohn, dein Meister Wallas ist ein weiser Torak und ein treuer Anhänger Branus. Schon oft war er hier und hat mir so manche Spitzhacke mitgebracht.« Der Govan zwinkerte Kard vertrauensvoll zu. »Wenn er dir ein Geheimnis anvertraut, dann ist das eine große Ehre. Und wie du schon sagst, dieses Geheimnis solltest du ganz für dich behalten.«
»Aber andererseits kann ich doch Branu alles anvertrauen. Er ist mein Gott, mein Beschützer, mein Schwert im Kampf gegen die Versuchung.«
»So ist es, mein Sohn. Vor Branu kannst du keine Geheimnisse haben. Er sieht alles, weiß alles, ist überall. Im stillen Gebet kannst du ihm alles sagen, was dich bewegt.«
»Also im Prinzip ist vor Branu ein Geheimnis gar kein Geheimnis, da er ja sowieso schon alles weiß?«
Der Govan seufzte innerlich. Dass Kard auch immer mit diesen spitzfindigen Problemen kam. Konnte er nicht einfach fragen, ob es rechtens ist, den Nachbarjungen, der ihn als schwächlichen Menschling beschimpft hatte, mit Tok-Gülle zu überschütten, so dass der Torak-Junge danach unter die Dusche musste, was die Toraks nun wirklich nicht gerne mochten? So einfache Fragen nach Gut und Böse? Dafür waren die Govans doch da. Ist das im Sinne von Branu oder wird mich dafür sein gerechter Zorn treffen? Aber dieses Hinterfragen der Grundlagen? Anstrengend! »Äh, ja, mein Sohn, Branu liest in uns wie in einem offenen Buch.«
»Und wenn ich jetzt dir, und du bist doch mehr oder weniger Branus Vertreter, oder? Wenn ich also jetzt dir ein Geheimnis anvertraue, dann ist es ja eigentlich so, als ob ich es Branu selbst erzählen würde? Also erzähle ich dann ja gar kein Geheimnis, sondern sage dir, was du eigentlich sowieso schon weißt, oder?« Kard wippte unruhig auf seinem Gesäß herum, schaute ab und zu hoch zur Sonnenscheibe und ab und zu in das bärtige, leicht verzweifelte Gesicht des Govans.
»Nun ja, lieber Kard, aber wieso willst du mir denn ein Geheimnis verraten, was ich vielleicht ja doch schon weiß? In Vertretung des Allwissenden sozusagen. Dann ist es ja gar kein Geheimnis mehr!« Stolz über seine eigene Klugheit blickte der alte Mann den Jungen nun sanft an. Der Govan war es gewohnt, dass die Leute mit der ersten Antwort zufrieden waren. Schließlich kamen sie ja gerade deswegen zu ihm. Damit der Govan seine Weisheit verkündete und der Mensch oder auch Torak nicht selbst nachdenken musste. Oder gar irgendetwas selbst entscheiden musste. Wenn der Gott oder die Göttin ihren Segen gab, wird das schon richtig sein.
»Dann weißt du es also schon?« Kard sah den Priester hoffnungsvoll an.
»Nun, Branu weiß es sicherlich, was es auch immer sein sollte.« Mit zusammengesunkenen Schultern sah der Priester auf seine Knie. Die Löcher in seinem Gewand wurden auch immer größer. Die Spitzhacke konnte er bei den Bauern auf dem Markt gut eintauschen, vielleicht gegen eine Rolle Stoff? Und ein Paar neue Schuhe waren auch mal wieder fällig! »Was immer Wallas dir anvertraut hat, Branu weiß es schon.«
»Und dass es verboten ist, das weißt du dann auch schon?«
Langsam hatte der Priester nun doch keine Lust mehr. Dieses lange Sitzen spürte er im Rücken. Und durstig wurde er auch allmählich. »Also Branu weiß es. Und ich kann mich nicht an viele Verbote erinnern, die er uns auferlegt hat. Und ich kann mir bei Wallas nicht vorstellen, dass er zum Beispiel… jemanden umgebracht hat.« Der Priester sah Kard triumphierend an. Wallas, ein Mörder? So etwas Lächerliches. Dafür kannte er den Torak schon viel zu lange.
»Nein, nein. Nicht so was. Aber etwas, was die Schergen gar nicht gerne sehen würden. Etwas, was Flanakan wirklich nicht gefallen würde.« Kard sah ihn mit großen Augen an. Was bitte hatte dieser unschuldig dreinblickende Junge da gerade gesagt? Ein Verbrechen gegen Flanakan? Irgendetwas kratzte dem Govan plötzlich im Hals, als ob eine imaginäre Hand ihm langsam aber bestimmt die Luft abdrücken würde. Der Priester verschluckte sich und rang nach Atem. Den Namen des Herrschers hatte er hier, im Abglanz der heiligen Sonnenscheibe, schon lange nicht mehr gehört. Flanakan war weit weg. Die Hauptstadt war weit weg. Wenigstens für die Bauern hier in der Umgebung. Nur zum Markttag nahmen sie die weite Reise auf sich. Sonst blieben sie bei ihren Höfen, bei ihrem Winx-Gras und ihren Tok-Rindern. Flanakan, der Herrscher? Den Steuereintreibern übergab man den Zehnten, den Wachen ging man aus dem Weg und sonst sollte der gute Mann einem gestohlen bleiben. Und seine Folterkammern wollte man natürlich auch nicht von Innen sehen. »Äh, ein Verbrechen? Etwas, was der, äh… Flana-äh-kan… nicht gerne sehen würde? Kard, mein Junge, weißt du, was du da sagst? Und Wallas weiß etwas davon? Das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Ist aber so!« Trotzig sah Kard ihn an.
»Aber was soll das schon sein? Wallas ist ein Schmied, ein Torak, von welchem Verbrechen sollte er schon wissen?«
»Er weiß es nicht nur, er will es begehen. Mit mir.« Jetzt schien Kard wirklich verzweifelt und der Priester verstand ihn gut. Kard war der letzte Mensch, das letzte Wesen, das zu einem Verbrechen fähig gewesen wäre. Sogar noch weniger als sein alter Torak-Meister. Kard war nicht nur ein Anhänger Branus und achtete stets darauf, immer im Sinne des Schöpfers zu handeln, Kard war die Rechtschaffenheit in Person. So eine Kindheit im Waisenhaus, unter der Fuchtel von strengen und nicht gerade zimperlichen Govas, hinterlässt dann eben doch seine Spuren. Alles richtig zu machen war dort sicherlich eine Überlebensstrategie gewesen. Und jetzt sollte dieser Junge an der Seite eines gutmütigen Torak zum Verbrecher werden? Dem alten Govan schien das doch alles sehr unglaubwürdig. »Mein Sohn, ich bin mir sicher, dass Wallas dich in kein Verbrechen hineinziehen möchte! Wir reden hier von Wallas! Dem Schmied Wallas! Was bitte soll das für ein Verbrechen sein?«
»Mein Gesellenstück! Ich soll ein Schwert schmieden!« Kard war ganz blass geworden, als er dies ausgesprochen hatte.
»Ein Schwert?« Auch der Govan schluckte. So etwas sahen die Schergen tatsächlich nicht so gerne.
»Ja, Wallas sagt, meine Lehrzeit sei jetzt zu Ende und das Gesellenstück sei nun einmal ein Schwert. Aber ich habe mich umgehört. Ich kenne keinen Schmied, der jemals ein Schwert geschmiedet hat! Nicht, seit Flanakan herrscht. Also schon ewig lange.«
»Aber warum lässt er dich nicht eine schöne Spitzhacke machen? Oder einen Gartenzaun?«
»Wallas meint, ich sei besonders. Was mich wirklich freut, dass er das sagt. Aber ich würde auch lieber eine Schaufel, einen Hammer, von mir aus noch eine Zange oder eine Spitzhacke machen. Aber da ich der einzige Mensch weit und breit bin, der in den Schmieden der Toraks ausgebildet wird, soll es wohl dieses verdammte Schwert werden.«
Es stimmte, dass Kard etwas Besonderes war. Die Toraks, fast doppelt so groß wie normale Menschen und erstaunliche Muskelberge, waren mit einer unendlichen Gelassenheit gesegnet. Sie konnten Temperaturen aushalten, bei denen Menschen austrockneten wie Dörrpflaumen. So hatten sie ein Monopol als Grobschmiede, in deren Werkstätten große Essen standen, die eine derartige Hitze absonderten, dass Menschen einfach ohnmächtig wurden. Oder sich zumindest alle Finger verbrannten. Nur Kard nicht, weiß Branu, wieso? Der Govan hatte sich schon immer gefragt, wieso dieser Waisenjunge nicht einfach Korbflechter oder Schuhmacher geworden war, irgendein Gewerbe, das den normalen menschlichen Anlagen entsprach. »Aber Wallas ist ein ehrenwerter Bürger. Vertraue deinem alten Meister, er ist ein weiser Mann!«
»Aber Wallas selbst sagt, dass ich es niemanden erzählen soll. Es ist nicht nur einfach ein Schwert, weißt du?«
Der Junge war jetzt in Schnappatmung übergegangen, verzweifelt knotete er seine Finger. Bäcker, das wäre doch ein guter Beruf für diesen Jungen gewesen. Aber nein, das Schicksal hatte ihn in die Schmiede eines Toraks geführt. Der Diener des allwissenden Branu sah Kard nun fragend an.
»Es soll ein Minas-Schwert werden«, flüsterte Kard kaum hörbar und mit weit aufgerissenen Augen.
Es dauerte eine Weile, bis der Sinn dieser Worte in das Bewusstsein des alten Priesters gedrungen war. Der Govan sah nach oben, die gesegnete Scheibe schien unter den zuckenden Strahlen der Sonne hin- und herzuspringen. Ein Minas-Schwert? Das war einfach alles zu viel. Dieser Junge mit seinen penetranten Fragen. Die Erwähnung von Flanakan. Ein Schwert. Die Schergen. Und jetzt auch noch Minas, das heilige Erz von Branu. Dem Govan wurde Schwarz vor Augen. Dann sank er ohnmächtig in sich zusammen.
*
Trotz der sengenden Hitze, die auch noch am Tag nach der Sonnenfinsternis bleiern über Conchar lag, hatten sich die Bauern aus der Umgebung auf dem Marktplatz versammelt. Dazu kamen die fahrenden Händler, die aus allen Ecken Haragors in die Hauptstadt kamen und die sich nun am Fuß der Schwarzen Burg, Residenz von Flanakan, gesammelt hatten. Im Schatten dieser Festung, die hoch über den Köpfen der Bürger thronte, war es an diesen Tagen halbwegs erträglich. Solange man nicht nach oben schaute. Und sich vorstellte, was wohl hinter den Mauern gerade geschah. Wer gerade einem strengen Verhör unterzogen wurde. Mit Streckbank und Daumenschrauben und diesen ganzen Gerätschaften, deren Zweck selbst der Foltermeister manchmal vergessen hatte.
Aus den Drachenbergen weit im Norden Haragors waren an diesen Tagen die Holzhändler und Kürschner angereist. Ihre robusten Wagen, mit denen sie tagelang, wenn nicht sogar wochenlang unterwegs gewesen waren, um endlich hier in Conchar ihre Waren anpreisen zu können, waren schmucklos aber funktional. Sie dienten den Händlern nicht nur zum Transport, sondern auch als Schlafstätte und Wehrburg. Denn in den weiten Wäldern der Drachenberge trieben sich überall Faols herum, die wilden und ungezähmten Vorfahren aller Hunde. Nur dass sie doppelt so groß, doppelt so schlau und doppelt so wild wie die größten Hütehunde waren. Sie jagten in Rudeln und wenn sie einmal eine Spur aufgenommen hatten, gab es kein Entkommen. Außerdem gab es in den Wäldern auch die grausamen Wahter, die einem meist nicht nur die Münzen, sondern gleich das ganze Leben nahmen. Obwohl diese Wahter einem Mann nur bis zum Bauchnabel reichten. Kaum zu glauben, dass diese pelzigen Wesen so brutal waren. Einige der grobschlächtigen, bärtigen Männer aus dem Norden erzählten sogar, dass sich immer noch Oguls, riesige magische Wesen aus den Tiefen der Berge, in den Wäldern herumtrieben. Vielleicht waren sie aus dem Labyrinth der Höhlen an die Oberfläche getrieben worden, wenn unterirdische Lavaströme alles überflutet hatten. Oft zwinkerten diese begabten Geschichtenerzähler allerdings bei ihren Ausführungen dermaßen heftig mit den Augen, dass man nicht mehr wusste, wie ernst sie das alles meinten. Genauso hätten sie erzählen können, sie hätten weit hinten am Horizont, weit hinter der Rauchsäule von Branubrabat, dem Heiligen Vulkan, die Schatten von Drachen gesichtet. Was natürlich unmöglich war. Ein guter Erzähler konnte allerdings immer hoffen, von seinen neugierigen Zuhörern das ein oder andere Schoff spendiert zu bekommen, damit die Zunge nicht austrocknete und weiterhin von dieser fernen Welt berichtete. Da so mancher dieser Händler stolz die Narben präsentieren konnte, die er sich beim Kampf gegen die ausgehungerten Rudel der Faols oder gar beim Schwertkampf mit blutdürstigen Wegelagerern geholt hatte, war an ihren Worten im Grunde nicht zu zweifeln. Und falls sie ihre Taten und Erlebnisse ein wenig ausschmückten, war dies ihren erlebnishungrigen Zuhörern nur recht.
Auch einige Ichtos, die Halbkiemenatmer aus dem Inselreich im östlichen Meer, hatten es gewagt, bei dieser Hitze zum Markttag zu kommen. In ihren riesigen Holzbottichen tummelten sich lebende Fische. In großen Laufrädern trotteten Hunde geduldig und trieben damit die Blasebälge an, die Luft in die Bottiche blies, damit die Fische nicht erstickten. Riesige bunte Sonnensegel überspannten ihre Stände, weit sichtbar über den ganzen Marktplatz. Und wer sie bisher immer noch nicht wahrgenommen hatte, wurde spätestens bei den schrillen Schreien der Ichtos auf sie aufmerksam. Die Halbkiemenatmer wollten schließlich ihre Ware schnell loswerden, bevor sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen das Zeitliche segnete.
Sogar ein einsamer Fasach aus der im Süden gelegenen Großen Wüste saß geduldig neben seinem gewaltigen Murr und bot auf einer Decke getrocknete Früchte und Echsenleder an. Letzteres war insbesondere bei den Schmieden beliebt, denn das Echsenleder aus der Großen Wüste war extrem hitzebeständig und gut geeignet für die Blasebälge, die in den Schmieden die Essen anheizten. Fasziniert betrachtete Kard die riesigen Murrs mit ihrer dicken grauen Haut und ihren kurzen Beinen. Diese Tiere schienen ein anderes Zeitgefühl zu haben. Jedenfalls bewegen sie sich immer sehr langsam.
Doch die meisten Händler kamen aus den weiten Ebenen rund um Conchar und boten alles an, was sich aus Winxgras herstellen ließ. Von geflochtenen Körben bis zu Brot und Schoff. Oder es waren die Bauern von den Tok-Rind-Höfen, die Fell, Fleisch und Käse anboten. Da sie meist abends in ihre nahegelegenen Dörfer und Gehöfte zurückritten, waren sie mit leichten, einachsigen Gespannen angereist. Ihre Tok-Rinder, die ihnen als Zugtiere dienten, lagen wiederkäuend im spärlichen Schatten der Wagen.
An normalen Tagen huschten die Einwohner Conchars wie aufgeregte Hühner zwischen den Ständen umher. Aber bei dieser Hitze schlurften nur einige müde Gestalten herum. Man hörte auch nicht wie sonst die Händler, die in allen Stimmlagen ihre Ware anboten, um sich dabei in einem Wettstreit von Lautstärke und Tonlage die Aufmerksamkeit ihrer Kunden zu sichern. Sogar die Schrille Makrele, niemand konnte penetranter und ohrenbetäubender die Vorzüge frischer Fische anpreisen, hielt ihre Kiemen geschlossen. Nur ein leichtes Sirren war zu hören, es stammte von verzweifelten Insekten, die wie Trauben in den Schattenzipfeln der Marktstände in winzigen Spiralen fortwährend um sich selbst kreisten. Und ein trockener, heißer Wind sang sein langsames, auf- und abschwellendes Lied.
Kard, der tags zuvor seine verzweifelte Beichte bei dem überforderten Priester abgelegt hatte, schlich mit gesenkten Kopf durch diese hypnotisierende Stille. Das Gespräch mit dem Govan, hatte ihn nicht wirklich beruhigt. Dieses verdammte Minas-Schwert! Kard wünschte sich nichts mehr, als Schmied zu werden! Aufgenommen zu werden in die Zunft der Schmiede. Er beglückwünschte sich jeden Tag, dass ihn Wallas als Lehrling angenommen hatte. Das war besser gewesen, als in die Grasballmannschaft des Waisenhauses berufen zu werden. Zum ersten Mal im Leben hatte etwas für ihn Sinn ergeben. Das Feuer! Das Metall! Wie er es formte, wie letztendlich zum Beispiel eine Spitzhacke daraus entstand. Kard hatte das Gefühl, etwas gefunden zu haben, was zu ihm passte wie maßgeschneiderte Schuhe. Und dass ein Torak einen Menschenjungen als Lehrling angenommen hatte, war für Kard eine unbeschreibliche Ehre gewesen. Besser noch als eine Einladung der Mathe-Gova zum landesweiten Haragor-Wettkampf der Mathegenies. Kard wollte die Gesellenprüfung ablegen, egal was es kostete. Aber musste es wirklich unbedingt dieses Minas-Schwert sein?
An Kards Gürtel hingen die Schaufelblätter und in der Hand hielt er die Spitzhacken, die er hier anbieten sollte. Er ärgerte sich über Wallas, seinen Meister, der ihn hergeschickt hatte. Bei diesen Temperaturen kauft doch sowieso niemand etwas. Die Luft war so heiß, dass man beim Einatmen unwillkürlich innehielt, da jeder Atemzug schmerzte.
Kard mochte Wallas, mehr noch, er war dem Torak unendlich dankbar, dass er ihn damals aus dem Waisenhaus mitgenommen und ihn in die Lehre genommen hatte. Aber dieser störrische alte Torak konnte Fünfe nicht einfach gerade sein lassen. Sicherlich war es immer gut, wenn die Argits im Geldbeuteln klimperten. Aber lohnte sich der Aufwand, den ganzen Tag auf dem Markt herumzulungern, wenn abzusehen war, dass man doch nichts verkaufen würde?
Auch die Priesterinnen im Waisenhaus waren streng gewesen. Aber dort hatte man sich im Zweifelsfall immer mit der Behauptung herausreden können, dass man betete. Nichts war den Priesterinnen lieber als ein gottesfürchtiges Kind. Credna, die Göttin der Liebe, würde es schon richten. Denn liebte sie nicht alles Leben, ob Mensch, Torak oder gar Wahter? Und man konnte zu Goiba, Göttin von Tod, Kälte und Eis, beten, dass sie die Menschen im Winter mit ihrem Todesatem verschonte. Ein kleines Opfer, am besten etwas, was noch kurz zappelte, bevor man sein Blut der Göttin darbot, war ein sicherer Weg, die Gunst Goibas zu erlangen. Beten und opfern waren eine gute Sache! Die Götter würden einen schon erhören, das war schließlich ihre Aufgabe! Leider hielt sein Meister Wallas nicht viel von solchen Opferritualen. Immerhin für Branu gab es einen geheimen Schrein hinter dem Haus. Und ab und zu zündete der Torak sogar ein paar Räucherstäbchen an. Aber beten hatte Kard ihn noch nie gesehen. In die Knie gehen, den Kopf beugen, den Segen der Götter erbitten. Für Kard war dies eine Selbstverständlichkeit. So hatte er es im Waisenhaus gelernt. Und so sollte es doch sein, so war es einfach richtig!
Kard trottete an den Ständen der Bauern vorbei, hob ab und zu seine Schmiedeerzeugnisse in die Luft und warf einen fragenden Blick in die Runde. Doch um ihn herum sah er die Wesen Haragors nur im matten Delirium. Aber dort hinten, war das nicht der Wagen der Gova aus den Drachenbergen? Mit ihr war Kard damals nach Conchar gekommen, als Wallas ihn aus dem Waisenhaus hierher in die Hauptstadt geholt hatte. Das ist jetzt wirklich schon eine ganze Weile her. Und die Alte sah von weitem immer noch genauso aus wie damals. Jetzt hatte sie Kard entdeckt und winkte ihn einladend zu sich. Kard trottete zu seiner alten Bekannten.
»Kard, mein Junge, es scheint so, als ob ich den langen Weg von den Drachenbergen nur gemacht habe, um dich hier zu treffen«, begrüßte ihn die Gova und schenkte Kard das süßeste aller süßen Händlerlächeln und entblößte dabei erstaunlich viele, erstaunlich weiße Zähne.
»Oh, liebe Alte, es scheint mir, als ob nicht Zufall und Geschäft mich diesen Weg nehmen ließ, sondern dass Goiba selbst meine Schritte zu dir lenkte.« Kard schenkte ihr das unschuldigste Lächeln eines sechzehnjährigen Menschenjungen, das jemals sein Antlitz geziert hatte.
»He, he, gut gesprochen, kleiner Waisenjunge. Ich sehe, die große Stadt hat ihre Spuren in dem schüchternen Ding hinterlassen, das einst mit mir hierher kam.« Die Gova schmunzelte und Anerkennung blitzte in ihren Augen auf.
»Was bringst du diesmal mit? Deine üblichen Arzneien? Salben und Tinkturen, mit denen Blinde sehend und Lahme zu wackeren Wanderburschen werden? Oder von den drei göttlichen Schwestern Goiba, Credna und Luchta höchstpersönlich gesegnete Amulette, die dem spendablen Käufer Geduld, Liebe und Reichtum garantieren?«
»Sicher! Ich bringe den Sterblichen die Kräfte, die die Unsterblichen der Natur mitgaben und helfe Ihnen auf dem Weg der Wünsche einige Schritte in die richtige Richtung zu gehen. Aber diesmal, lieber Kard, habe ich, glaube ich, etwas dabei, das wirklich nur für dich bestimmt ist.« Die Alte glitt mit den Fingern suchend durch eine Sammlung von Amuletten, die an der Spitze eines Tok-Rind-Horns baumelten.
»Lass mich raten.« Auch wenn Kard ein gottesfürchtiger Mensch war, waren ihm Amulette immer als sinnloser Tand erschienen, die mehr der Geldbörse der Händler dienten als dem wahren Glauben. »Ein Amulett von Goiba, mit der Kraft des ewigen Eises, gegen Brandblasen und Verbrennungen, was mir in der Schmiede sicherlich sehr nützlich sein könnte? Oder, vielleicht, etwas für die Liebe, du weißt, ich bin schon sechzehn Jahre alt, glaube ich zumindest.«
Kard hatte keine Ahnung, was das mit der Liebe auf sich hatte. Aber in letzter Zeit verhielten sich die Erwachsenen um ihn herum immer seltsam, wenn es um Männer und Frauen und die Liebe ging. Dann fingen die Männer an zu grinsen, schlugen Kard kameradschaftlich auf den Rücken und zwinkerten ihm vielsagend zu. Kard hatte keinen Schimmer, was sie ihm damit sagen wollten.
Die Alte schien endlich gefunden zu haben, was sie gesucht hatte. »Hier, schau! Nimm es.«
Die Gova streckte ihm ihre knorrige Hand entgegen, in dem ein schwarzer, glänzender Stein zu liegen schien. Aber Kard wusste sofort, was es war. Er nahm das Amulett und legte es sich um den Hals. »Ein Drachenzahn«, flüsterte er ehrfurchtsvoll. Ein Drachenzahn war etwas anderes als die üblichen Amulette. Das war nicht irgendein Stein, auf den die Gova gespuckt hatte, um ihn mit göttlicher Magie aufzuladen.
»He, he, schlauer Junge. Und ein echter dazu! Obwohl ja viele behaupten, es gäbe keine echten Drachenzähne, da es ja auch nie Drachen gegeben habe. Aber du und ich wissen es besser, oder Kard? Ein echter Drachenzahn! Für Kard, dem Waisenkind aus den Drachenbergen. Das passt doch, oder? He. he.« Die Alte schaute zufrieden auf Kard, der mit offenem Mund und völlig erstarrt dastand.
Das Amulett hatte eine seltsame Wirkung auf Kard. Im allerersten Augenblick, als der Zahn sein Brustbein berührte, schien sich ein Graben aus Raum und Zeit aufzutun. Vulkane, Magma, Feuer brachen daraus hervor, aber nur Bruchteile von Sekunden später brach alles in sich zusammen und hinterließ eine schwarze Stille, die nun beruhigend in seinem Inneren pulsierte.
»Der ist doch bestimmt nicht echt«, stammelte Kard automatisch. »Es gibt ja gar keine Drachen.«
»Nein, nein, es gibt keine Drachen und das ist natürlich nur der Zahn eins Schwarzen Hais. Und wenn du ihn behalten willst, und ich nehme an, dass du keine Münzen bei dir hast, könntest du mir dafür zwei, oder sagen wir doch lieber drei, deiner Schaufelblätter geben. Die kann ich, wenn ich wieder in den Norden fahre, leicht an den Mann bringen. Also, einverstanden?«
Die Gova lächelte breit, die Falten in ihren Augenwinkeln tanzten, und Kard löste, ohne ein Wort zu sagen, die Schaufelblätter von seinem Gürtel. Wallas wird mich umbringen. Drei Schaufelblätter für ein Amulett. Aber er würde es schon irgendwie abarbeiten können. Oder hatte die Alte ihn gerade verhext?
*
In der Schmiede von Wallas war die Schlacke in den Essen ausgekühlt. Selbst für einen hartgesottenen Torak und erst recht für Kard, seinem Lehrling und Ziehsohn, war es tagsüber zu heiß, um auch noch den brodelnden Temperaturen der Kohlen ausgeliefert zu sein. Wie in allen Torakschmieden herrschte auch in der von Wallas üblicherweise eine derartige Höllenhitze, dass es kein normaler Mensch dort aushielt. Aber Kard war kein normaler Mensch. Er steckte die Hitze gut weg. Da den Toraks im allgemeinen Hitze wenig ausmachte, behaupteten manche Menschen, dass sie nicht nur Geschöpfe Branus, der auch Gott des Feuers war, seien, sondern dass das gelbe Blut in ihren Adern wie die Lava des Heiligen Vulkans Branubrabat sei. Das war natürlich Unsinn, aber es konnte nicht schaden, wenn die Menschen ein wenig Respekt vor ihnen, den tumben Toraks, hatten.
Wallas seufzte. Einst ist sein Volk frei gewesen und ist ungehindert über die Steppen Haragors gewandert. Mit ihren Tok-Rind-Herden sind sie durch die Weite gezogen und sind dem Lauf der Jahreszeiten gefolgt. Sie sind es gewohnt gewesen, auch in der größten Hitze ihre Tiere zu den verborgenen Quellen zu führen. Oder während des Winters den peitschenden Atem Charus, dem Zerstörer und Gott des Windes, ausgeliefert zu sein. Die Toraks sind geduldig gewesen. Langsam. Wachsam. Einige von ihnen sind damals sogar gute Jäger gewesen, sie haben die Faols zur Strecke gebracht, die sich im Frühjahr die Kälber holen wollten. Und in den Vulkanhöhlen der Drachenberge hatten die Toraks das Schmieden gelernt.
Damals haben die Menschen ihre Dörfer bewohnt und nur die fruchtbaren Täler besiedelt. Im Winter haben sie vor ihren warmen Öfen gesessen und zu Goiba gebetet, dass sie sie mit ihrer tödlichen Kälte verschonen solle. Die Toraks haben ihnen das Fleisch und Fell ihrer Tok-Rinder geliefert, aber auch die groben Werkzeuge wie Pflugscharen und Spitzhacken. Die Menschen sind Kleinbauern und geschickte Handwerker gewesen. Sie haben Obst und Rüben, aber auch Schmuck und Pfeilspitzen mit den Toraks getauscht. Doch irgendwann sind es immer mehr Menschen geworden. Ihre fruchtbaren Täler wurden zu eng. Sie begannen die kargen Böden der Ebene mit Winxgras zu bestellen, das nur einen mageren Ertrag brachte, aber das einzige Getreide war, das man hier anbauen konnte. Zugegebenermaßen verstanden die Menschen es, ein hervorragendes Schoff aus dem Winxgras zu brauen. Aber je mehr Winxgras sich über die Ebenen erstreckte, desto enger war es für die Tok-Rind-Herden der Toraks geworden. Heutzutage konnten die Toraks ihr nomadisches Leben nur noch an den äußersten Rändern der Ebene fortführen, von den Ausläufern der Drachenberge im Norden bis zu den Grenzen der Großen Wüste im Süden. Und viele Toraks waren inzwischen in die Dienste der Menschen getreten. Oft für die körperlich schweren Arbeiten auf dem Feld oder auch auf den Höfen, in denen die Menschen nun ihre eigenen Tok-Rinder eingepfercht hatten.
Von Anfang an haben sich die Menschen den Toraks überlegen gefühlt. Die Toraks, die es gewohnt waren, sich den Launen der Natur zu beugen, haben es mit sich geschehen lassen. Aber auch wenn die Menschen mit ihren kleinen, flinken Händen vielleicht die besseren Handwerker waren, hieß das noch lange nicht, dass sie auch schlauer waren. Die besseren Schmiede waren die kräftigen und hitzeresistenten Toraks schon immer gewesen. Aber das Gleichgewicht zwischen den ehemaligen Nomaden und den Talbewohnern hatte sich im Lauf der Generationen zugunsten der Menschen verschoben. Aus Hochmut wurde Verachtung, aus Demut Angst. Für Wallas und einige andere war diese Situation inzwischen unerträglich geworden.
Als Kard vom Markt zurückkehrte, wirkte er fröhlich, aber gleichzeitig verwirrt. Madad, sein bester Freund, ein Cu, wedelte mit dem Schwanz und tanzte dabei auf allen Vieren.
»Yo, Kard, du siehst aus, als ob du mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen bist. Hast du einen Hitzschlag oder was ist los?«
Kard schien die Worte Madads zu hören, aber sie gingen durch ihn hindurch, ohne dass er sie wirklich registrierte. Madad schaute seinen Freund auffordernd an, aber Kard schien nicht in der Stimmung, mit dem Cu zu spielen. Und offensichtlich versuchte er auch Wallas aus dem Weg zu gehen. Hätte er noch die Schulbank gedrückt, hätte Wallas vermutet, dass er gerade eine schlechte Note kassiert hatte. Oder dass er wegen irgendeinem Unsinn zur Obersten Gova geladen worden war. Kard tänzelte zwischen den Ambossen und Werkbänken umher, als ob er nachsehen wolle, ob seit seinem Aufbruch heute Morgen noch alle Werkzeuge und Metallteile vorhanden waren. Er hatte nach einer kurzen Begrüßung jeden Blickkontakt mit Wallas vermieden.
»Wie war es auf dem Markt?« Der Torak saß auf einem Schemel in der Ecke, den Blick auf eine Messerschneide gerichtet, die er gerade polierte.
»Oh, nicht viel los. Die Hitze. Die Leute bleiben lieber zu Hause. Waren auch nur wenige Händler da.« Kard blickte zwar in Richtung von Wallas, hatte aber mehr mit der Wand hinter dessen Rücken gesprochen.
»Und?«
»Und, was?«
»Konntest du trotzdem ein paar unserer Sachen verkaufen?« Wallas hatte aufgehört, das Messer zu polieren und schien nun das Ergebnis seiner Arbeit zu prüfen.
»Äh, nun ja…« Kard kratzte seine flaumigen Bartstoppeln unter seinem rechten Ohr. »Weißt du, die Alte aus den Drachenbergen war auch da. Du weißt schon, die, die damals dabei war, als du mich aus dem Waisenhaus mitgenommen hast.«
»Die Gova, ich weiß schon, wen du meinst.« Wallas hatte inzwischen seinen mächtigen Schädel gehoben und schaute Kard neugierig an.
Kard zog eine Grimasse, hielt die Luft an, wackelte mit dem Kopf und versuchte dem Blick von Wallas auszuweichen. »Na, ja, ich glaube, sie hat mich verhext. Sie hatte dieses Amulett, weißt du. Sie hat behauptet, es wäre ein echter Drachenzahn. Aber das kann ja gar nicht sein, es gab ja nie Drachen, oder? Wie auch immer. Plötzlich hatte ich dieses Ding hier um den Hals und sie hatte drei unserer Schaufelblätter. Ich werde sie dir irgendwie bezahlen. Ich wollte es nicht, aber irgendwie ist es geschehen. Tut mir leid.«
Wallas sagte erstmal nichts und schaute Kard ernst aber nicht ärgerlich an. »Ein Drachenzahn, sagst du?«
»Ja, so ein Stein, der aussieht wie ein Zahn und sie hat behauptet, es wäre ein Drachenzahn. Jetzt komme ich mir schon irgendwie dämlich vor.«
»Dann geh doch zurück, sag ihr einen schönen Gruß von Wallas, dem Schmied, gib das Amulett zurück und hol dir die Schaufelblätter wieder.«
»Äh, nein…« Kard hatte den Blick wieder gesenkt. Sein Oberkörper wirkte angespannt. Er tänzelte auf den Fußballen. »Weißt du, Wallas, das Komische ist, jetzt möchte ich das Amulett schon behalten, ob Drachenzahn oder nicht, aber, wie soll ich sagen, ich habe schon das Gefühl, das es zu mir passt. Vielleicht ist es ja auch ihre Hexerei, keine Ahnung. Aber sicherlich, da glaube ich ihr schon, kommt es aus den Drachenbergen, du weißt schon, da komme ich ja auch irgendwie her, nur das ich nicht genau weiß, wer meinen Eltern waren, irgendwie…«
»Darf ich es mal sehen?« Wallas musterte den Jungen forschend.
»Ja, klar, hier schau.« Kard nahm das Amulett von seinem Hals und ließ es in die mächtige Handfläche des Toraks gleiten.
»Ein Drachenzahn soll das also sein? Sieht für mich fast aus wie Minas-Erz mit diesem bläulichen Schimmer.« Dann warf Wallas das Amulett mit einem gezielten Wurf direkt in eine der Essen, in denen unter der erkalteten Oberfläche immer noch die Kohlen glühten. Kard gab ein dumpfes Knurren von sich, sprang mit einem riesigen Schritt hinterher und hätte beinahe mit bloßen Händen danach gegriffen. Gerade rechtzeitig erinnerte er sich offensichtlich, dass es ratsam war, hier doch eine Zange zu benutzen. Geschwind packte er das Amulett, das Lederband war längst verbrannt, und hievte es aus der Glut. Dann stand plötzlich Wallas hinter ihm und beide betrachteten den schwarzen Zahn, den Kard völlig unverändert aus der Schlacke gezogen hatte.
»Überlege dir irgendwas, wie du die Schaufelblätter ersetzen kannst«, brummte Wallas und verschwand dann ohne weitere Worte nach draußen. Die meisten Metalle veränderten wenigstens die Farbe, wenn sie einige Sekunden der Hitze glühender Kohlen ausgesetzt waren. Wenn etwas diese Hitze ohne irgendwelche Anzeichen überstand, war dies meist ein untrügliches Zeichen dafür, dass Zauberei im Spiel war. Wallas sollte es wissen, er war nicht ganz unerfahren in den Fragen der Magie.
Inzwischen wurde es langsam Abend und die Sonnenscheibe würde bald hinter dem Horizont verschwunden sein. Wallas verabschiedete seinen Gott und wartete geduldig darauf, dass Goiba die Herrschaft über die Welt übernahm.
Drachen, dachte Wallas, während er draußen vor der Schmiede in den sich verdunkelnden Himmel schaute. Die waren schon vor vielen Jahrzehnten aus diesem verfluchten Land verschwunden. Inzwischen erzählten nur noch die alten Sagen von diesen Tagen. Früher, vor der Großen Schlacht, in der Alten Stadt am Fuß der Drachenberge, hatten einst die Drachenkönige regiert, ein schwarzer Drachen auf rotem Grund war ihr Banner gewesen. Bis Flanakan kam. Mit den Oguls. Magische Giganten aus den Tiefen der Berge, die er sich mithilfe der mächtigen Tsarr dienstbar gemacht hatte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, er, Wallas, einst Wafenschmied unter dem letzten Drachenkönig. Jetzt herrschte Flanakan mit eiserner Hand über Haragor, unbarmherzig, grausam, machtbesessen. Und die Toraks waren für ihn Lebewesen zweiter Klasse. Eine Wache zögerte nicht lange, wenn ein Torak wagte, Widerworte zu geben. Ein toter Torak war eine Aufgabe für die Abdecker, mehr nicht. Es wurde Zeit, den Wachen ihre Grenzen aufzuzeigen.
*
Kard hatte sich nach dem anstrengenden Markttag auf seine Pritsche im Keller der Schmiede gelegt und war eingeschlafen. Als er jetzt wach wurde, spürte er, dass die Sonne gerade unterging. Dass er den Lauf der Sonne wahrnehmen konnte, auch wenn er sie nicht mit den Augen sah, war nicht neu. Neu war aber dieses dunkle kalte Pochen auf seinem Brustbein, das seine Sinne zu schärfen, sein Bewusstsein klarer zu machen schien. Er reckte sich, schüttelte seine schwarzen Locken und hievte seine schmalen aber kräftigen Beine über den Rand der Pritsche. Obwohl es im Keller der Schmiede stockfinster war, konnte er vor seinem inneren Auge die Sonne sehen, wie sie weit im Westen von den Wolken verschluckt wurde.
Wallas hatte ihm angekündigt, dass sie in dieser Nacht sein Gesellenstück anfertigen würden. Trotz aller Bedenken empfand Kard dies letztendlich als große Ehre. Er wusste, dass er inzwischen alle Geheimnisse und Tricks des Schmiedehandwerks beherrschte. Aber nie hatte er einen Gedanken daran verschwendet, dass Wallas, der Schmied, einer der renommiertesten Handwerker seine Zunft, ihn eines Tages zum Gesellen berufen würde. Schon allein die Tatsache, dass er in der Werkstatt eines Toraks eine Ausbildung machte, hatte ihn mit unbändigen Stolz erfüllt. Ein Mensch in der Schmiede eines Toraks, so etwas hat es noch nie gegeben. Aber das Feuer war schon immer sein Element gewesen. Wenn die schwarzen Köhler gekommen waren, um die rußigen Brocken in den Keller des Waisenhauses zu schaufeln, in dem er aufgewachsen war, war er stets von einer seltsamen Unruhe befallen worden. Und wenn dann mit den neuen Kohlen das erste Feuer des Winters angefacht worden war, hatte er keine Angst gehabt. Das Feuer war sein Freund, beschützte ihn. Und verletzte ihn nicht. Nie hatte er sich Brandwunden geholte, wenn er half, die riesigen Öfen anzuheizen, die in der kalten Jahreszeit das Waisenhaus auf halbwegs erträgliche Temperaturen erwärmten. Die anderen Kinder dagegen zeigten den Govas ihre Wunden, die sie sich holten, wenn sie ihren Dienst an den Öfen verrichteten. Oder sie brachen erschöpft zusammen, weil die unerträglichen Temperaturen im Heizungskeller ihnen alles Wasser aus dem Körper gesogen hatte. Bei Kard war es das Gegenteil. Die Hitze stärkte ihn, machte ihn mutig. Und eines Tages war dann Wallas aufgetaucht, auf der Suche nach einem Lehrling. Schon etwas seltsam, dass der Torak den weiten Weg von Conchar bis in dieses abgelegene Waisenhaus zurückgelegt hatte, um einen Menschen zu finden, der bei einem Torak-Schmied in die Lehre gehen wollte. Genauso gut hätte man auf der Suche nach Gold irgendeinen Pflasterstein in Conchar hochheben können. Oder hatte die alte Gova, mit der der Torak im Waisenhaus aufgetaucht war, ihre magischen Finger mit im Spiel gehabt? Aber Kard war es egal gewesen. Weg vom Waisenhaus, weg aus diesem einsamen Wald und auf nach Conchar in eine Welt, die vom Feuer regiert wurde. Kard musste nicht einen Moment überlegen, als die Oberste Gova des Waisenhauses ihn fragte, ob er mit diesem riesigen, fremden Torak mitgehen wolle.
Bevor er an diesem Abend nach oben in die Schmiede ging, nahm Kard den Schöpflöffel aus dem hölzernen Wasserbottich und nahm einen großen Schluck. An den Essen verdampfte das Wasser zu schnell, deswegen wurde es hier unten im Keller gelagert. Es schmeckte schal, der letzte Regen war vor Wochen gefallen. Aber der Sommer war jetzt auf seinem Höhepunkt, in wenigen Wochen würden die Herbststürme über Conchar fegen und dunkle Wolken mitbringen. Bis dahin mussten sie auf frisches Wasser warten. Und das brackige, schlammige Flussbrühe trinken.
Wallas wartete bereits auf ihn. Er schien erschöpft, die Augen des Toraks lagen etwas tiefer in den Höhlen als sonst. Kein Wunder bei dieser Hitze tagsüber, die selbst einem Torak langsam zu viel werden konnte. Obwohl Kard die Augen in den über vier Zentnern Muskelmasse und in weit über drei Cas, also drei Beinlängen Höhe, sowieso kaum ausmachen konnte. Manchmal wäre eines dieser geschliffenen Gläser, die die Wache benutzten, um die Ebenen hinter den Stadtmauern auszukundschaften, ganz hilfreich, dachte Kard. Dann könnte er sich sein Minenspiel mal genauer ansehen und wüsste vielleicht, was in diesem dicken Kopf vor sich ging. Aber Wallas lächelte. Das ist doch schon mal ein gutes Zeichen! Denn das kam bei diesem mürrischen Torak nicht oft vor.
»Nachdem Flanakan vor vielen Jahrzehnten die Große Schlacht gewonnen hatte, verbot er allen das Führen von Waffen, wie du weißt«, begann Wallas.
Kard nickte. Ah, eine feierliche Rede! Das gehörte wohl dazu, wenn man in den Gesellenstand erhoben werden sollte.
»Aber schon immer war das Gesellenstück des Schmiedes ein eigenes Schwert! Und das lassen wir uns von niemandem verbieten, auch nicht von einem Flanakan.«
»Aber vielleicht ist ein Gesellenstück ja gar keine richtige Waffe!« Kard sah Wallas hoffnungsvoll an. »Vielleicht gibt es ja eine Ausnahmegenehmigung? Man könnte mal im Großen Archiv nachschauen.«
Kard wäre gerne auf der sicheren Seite gewesen.
Wallas blieb ganz ruhig. »Ein Schwert ist ein Schwert ist ein Schwert ist ein Schwert.«
»Wir könnten den Obersten Verwalter fragen…«
Der Junge wusste selbst, dass dies kein gangbarer Weg war. Auch wenn sich hartnäckig das Gerücht hielt, dass im Archiv von Conchar alle Verträge, Aufzeichnungen und Steuerzahlungen aufbewahrt wurden, selbst aus der Zeit vor der Großen Schlacht. Leider nur, um in den inszenierten Gerichtsverhandlungen dem staatlichen Ankläger die passenden Beweisstücke zu liefern. Der Oberste Verwalter würde einen Teufel tun und irgendein Schriftstück hervorholen, wenn es nicht zum Vorteil von Flanakan wäre.
Der alte Schmied schüttelte nur schweigend den Kopf und sah Kard ernst ins Gesicht. »Einst waren die Toraks gute Krieger, Kard, das wusstest du wahrscheinlich nicht, oder?«
Kard schüttelte erstaunt den Kopf. Die Toraks - Krieger? Die Toraks erledigten in Haragor meist schwere körperliche Arbeit. Sie schufteten im Steinbruch, als Lastenträger, manche wie Zugtiere auf dem Feld, einige wenige als Schmiede, ein paar als Köche. Und einige arbeiteten bei den Schergen, denn sie konnten recht imposant auftreten, wenn sie grimmig wurden. Aber Krieger?
»Und wie es das Schicksal so will«, Wallas sah Kard mit ernster Miene an, »haben wir hier sogar ein paar Erzbrocken Minas.« Wallas hob ein Tuch hoch und die erstaunten Augen von Kard sahen das blau schimmernde Erz. Er schluckte. Das ist also Minas-Erz!
»Kard, du weißt nun alles über das Schmiedehandwerk. Du kannst Spitzhacken und Gartenzäune, Messer und Pflugscharen, Hufeisen und Türscharniere anfertigen. Selbst das Gießen der großen Schlüssel unserer Stadttore hast du gelernt. Du bist der beste menschliche Schmied, den ich je gesehen habe. Ich kann dir nur noch eines beibringen. Das Schmieden von Minas-Stahl. Dies soll dein Gesellenstück werden. Für ein kleines Menschenschwert wird es gerade reichen. Du musst vorsichtig sein, sparsam, du wirst jedes Gramm brauchen.«
Kard bekam weiche Knie. Ein eigenes Minas-Schwert? Was werden die Schergen dazu sagen, wenn es herauskommt? Er sah Wallas sprachlos und ängstlich an.
»Dein Gesellenstück, Kard, ist nicht einfach nur ein Schwert, das weißt du, oder?«
Kard nickte. Er fühlte sich klein und unbedeutend und hätte gerne gehabt, dass die Götter ihm irgendein eindeutiges Zeichen senden würden.
»Kard, es ist deine Entscheidung. Ein Schwert muss es sein, so sind unsere Zunftregeln. Wir sind stolz darauf, dass wir diese Kunst beherrschen. Gerade in diesen Zeiten.«
Kard atmete tief ein. »Aber würde ein normales Schwert nicht vollkommen ausreichen? Muss es gleich ein Minas-Schwert sein?«
Wallas wiegte den Kopf. »Du hast recht, das Gesellenstück muss nicht aus Minas bestehen. Ein normales Schwert würde ausreichen. Aber die Kunst, aus Minas-Erz ein Schwert zu schmieden, aus dem heiligen Erz von Branu, dem Schöpfer, ist der Gipfel unseres Könnens.«
Kard schluckte erneut. Er wusste, dass dies eine große Ehre war. Und er freute sich über das Vertrauen, dass Wallas ihm entgegenbrachte. Aber ist das erlaubt? Ist das rechtens? Er wollte nicht im Kerker der Schwarzen Burg landen. »Aber genau das ist es auch, was verboten ist, oder Wallas?«
Wallas lachte laut. »Jetzt sieh dir dieses Menschlein an. Zittern deine Knie?«
Beschämt sah Kard hoch. Aber Wallas schien nicht enttäuscht oder böse, er schien eher neugierig zu sein. Wie würde das Menschlein sich wohl jetzt verhalten, schienen seine Augen zu fragen. Aber Kard hatte sich schon entschieden. Auch wenn es ihm gerade speiübel war, gab ihm das Amulett auf seinem Brustbein Kraft. Er fühlte die Kraft der Flammen. Ein Minas-Schwert passte zu ihm wie das Feuer selbst. Das spürte er. Seine Zähne klapperten, als er sprach: »Wallas, danke, ich weiß nicht was ich sagen soll. Es ist eine große Ehre. Ich bin bereit.«
»Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann«, donnerte Wallas und seine gewaltige Pranke klatschte derart auf Kards Rücken, dass er erstmal ein gutes Stück in die Knie ging. »Dann lass uns gleich anfangen, heiz die große Esse an, es wird eine lange Nacht!«
Kards schwarze Locken klebten unter dem Tuch, das seinen Kopf bedeckte. Er schwitzte wie noch nie in seinem Leben. Der Schweiß lief unter der Lederschürze seinen schmalen, sehnigen Körper hinunter und sammelte sich in den schweren Stiefeln. Im Kiefernholzfeuer lagen besondere Mineralien, die für eine außergewöhnliche Hitze sorgten. Nie hatte Kard derartige Temperaturen kennengelernt.
Wallas zeigte dem angehenden Gesellen nun die größten Geheimnisse der Schmiedekunst. Obwohl Kard immer sorgfältig bei der Arbeit gewesen war, verrichtete er sie diesmal mit einer neuen Ernsthaftigkeit, einer konzentrierten Innerlichkeit, als ob sein Geist direkt in den Schmiedeprozess eingreifen würde.
Stundenlang hatten sie das Erz immer und immer wieder den Feuern ausgesetzt, der Minas-Stahl hatte inzwischen die erforderliche Reinheit, gegen Mitternacht hatte er unter den wachsamen Augen von Wallas den eisernen Kern eingefügt. Endlich, kurz vor Sonnenaufgang, hatte Kard die Klinge in die endgültige Form gefaltet. Wallas half ihm, auch die Parierstange anzufertigen und den Griff mit Echsenleder zu umwickeln. Kard setzte alles zusammen, vorsichtig verlieh er der Klinge am Wetzstein den letzten Schliff. Als die Sonne aufging, zündete Wallas Räucherstäbchen im Schrein Branus an. Es war ein feierlicher Moment.
Dann standen sie gemeinsam vor der Schmiede, Kard hielt sein neues Schwert hoch in die Luft und Branu, der Schöpfer, strich mit den Stahlen der Sonne über die Klinge und gab ihr seinen Segen.
Das Minas-Schwert war fertig. Kard betrachtete stolz sein Gesellenstück. Und auch Wallas war wohl ganz zufrieden. Er nickte zustimmend und schlug Kard auf die Schulter.
»Ein gutes Schwert, Kard. Probier es aus.«
Wallas zeigte ihm die Grundregeln des Schwertkampfs. Ausfallschritt, Parade, Ausweichen. Gegen eine normale Wache würde Kard, wenn er ein wenig trainierte, so vielleicht ein paar Minuten bestehen können. Bis er weglaufen konnte. Denn Kard hatte ganz sicher nicht vor, dieses Schwert jemals wirklich zu benutzen. Es war das Gesellenstück eines Schmiedes. Mehr nicht. Obwohl Kard den Verdacht bekam, dass Wallas ihn zu einem Kämpfer ausbilden wollte. Was für ein Unsinn. Das kann ja nicht sein. Wahrscheinlich gehörte es einfach zum Zunftbrauch, mit seinem Gesellenstück auch ein wenig umgehen zu können, bevor es als Dekor über dem Kamin landete.
»Fettes Teil, für ein Menschenschwert«, bellte Madad, der sich inzwischen zu ihnen gesellt hatte. »Da sollen die Banditen mal kommen. Ich beiße ihnen in den Hintern und du haust ihnen eins über die Rübe.«
»Wenn ich einen Banditen sehe, lieber Madad, dann gebe ich den Pferden die Sporen und reite schneller als der Wind. Mit dieser Technik konnte ich bisher alle Pflugscharen an ihre Besitzer ausliefern.«
»Diesmal wird es aber keine Pflugschar, Kard«, unterbrach Wallas das freundschaftliche Geplänkel. »Das Minas-Schwert ist noch nicht ganz fertig.«
Verdutzt sah Kard seinen Meister an. Was sollte noch fehlen? Eine Verzierung am Knauf? Eine Änderung an der Parierstange? Die Klinge war doch perfekt!
»Ein Minas-Schwert wird erst ein Minas-Schwert, wenn es durch Branu, dem Schöpfer, gesegnet wird. Ein normales Schwert kann man von einem Govan segnen lassen, der die Magie Branus in das Metall fließen lässt. Aber ein Minas-Schwert erhält seine Magie durch den heiligen Urin eines Onchus, dem Wächter der heiligen Stätte, dem Boten der Götter. Dein Gesellenstück ist beendet, Kard. Du bist jetzt ein Schmied. Was jetzt vor dir liegt, wenn du bereit bist, diesen Weg zu gehen, ist deine Meisterprüfung. Und dein Meisterstück ist nicht etwa ein anderes Schwert oder irgend ein anderes Kunstwerk unserer Schmiedekunst. Es ist der Bund mit den Göttern.«
Bund mit den Göttern? Heiliger Urin? Was soll das alles sein? Um was geht es hier eigentlich?
Kard sah Wallas fragend an. Der entgegnete seinen Blick und Kard entdeckte in den gelben Pupillen, die er jetzt deutlich sah wie niemals zuvor, eine versteckte Unruhe, die er nicht zu deuten wusste.
»Geweihte Minas-Schwerter waren die Waffen der Drachenkönige, Kard. Ein geweihtes Minas-Schwert ist nicht einfach nur das Meisterstück eines Schmiedes. Es ist viel mehr. Und, ich sage es dir gleich, denn ich weiß, dass es dir nicht schmecken wird. Es wird den Wachen nicht gefallen, ganz und gar nicht. Es wird dem Herrscher selbst nicht gefallen. Ein geweihtes Minas-Schwert ist eine gewaltige magische Waffe. An der sich allerdings Branu, der Schöpfer, erfreuen wird.«
Es wird dem Herrscher nicht gefallen? Ist Wallas von allen Göttern verlassen? Auf keinen Fall wollte Kard ins Visier von Flanakan kommen. Die Wachen des Herrschers hatten kein Erbarmen. Aber noch schlimmer waren die Schergen, die Geheimpolizei, die in jedem Winkel des Reiches ihre Spitzel hatte. Also, er würde dieses Schwert jetzt in die Ecke stellen und ein wenig durch die Straßen von Conchar laufen, um wieder einen kühlen Kopf zu bekommen.
Aber das Schwert klebte an seiner Hand. Er betrachtete das bläulich schimmernde Metall und fühlte, wie er eins mit der Waffe wurde. Das Schwert gehörte zu ihm wie das Feuer, das wusste er jetzt. Und er wusste, dass diese Waffe noch nicht fertig war. Es fehlte etwas. Eine Leere, die gefüllt werden wollte. Und letztendlich ist es auch ein Dienst an Branu, oder? Das hat Wallas gesagt! Branu oder Flanakan, Gott oder Herrscher, wem sollte er dienen?
»Dieses Schwert soll mein Schicksal sein, Wallas.« Die Worte kamen ganz alleine aus seinem Mund. Am liebsten hätte Kard sie wieder eingefangen und zurück in den Hals gesteckt. War er denn verrückt geworden?
Der Torak aber schien erleichtert, er atmete tief ein.
»Aber was hat es mit diesem Onchu auf sich?« Wieder schien sich ein Teil seiner Persönlichkeit verselbständigt zu haben. Natürlich war das alles sehr spannend und Kard interessierte es wirklich, wieso man ein Minas-Schwert in Onchu-Urin tauchen sollte. Aber sollte ich nicht lieber in den Himmel schauen und den Wolkentieren lustige Namen geben? Das Schwert könnte man schön an die Wand hängen und morgen würde er wieder ein paar Spitzhacken anfertigen.
Kard kannte die Legenden über die Onchus. Die Götter, die einst das Land erschaffen hatten, die die Elemente ins Leben gerufen und Leben und Tod für alle Lebewesen unter der Sonne verteilt hatten, hatten als Wächter ihrer heiligen Stätten die Onchus zurückgelassen. Magischen Hunde, größer als ein Torak. So sagten die Legenden. Aber mal im Ernst, das sind doch Märchen, oder?
»Klingt komisch, das mit dem Onchu, ich weiß.« Wallas grinste den Jungen an.
»Yo, cool, ein Onchu. Mama hat von ihnen erzählt. Wir sind irgendwie verwandt. Die können auch sprechen. Sogar mit den Göttern, ziemlich abgefahren.« Madad wirkte ein wenig aufgeregt.
»Aber das sind doch nur Legenden, Wallas. Onchus gibt es nicht, das sind Sagengestalten.«
»Da irrst du dich, Kard. Die Onchus existieren. So wie die Götter. Und ich kann dir sagen, wo du einen dieser göttlichen Wesen finden wirst. Madad wird dich begleiten.«
Begleiten? Wohin? Von was redet Wallas da gerade?
»Genau, wir sind nämlich Nachfahren der Onchus. Irgendein Uropa war wohl mal einer von denen. Sagt Mama. Außerdem sind wir die besten Pfadfinder, Spürhunde, Fährtenleser von ganz Haragor. Sagt Mama«, kläffte Madad stolz.
»Kommt mit, ich zeichne euch eine Karte in die Asche. Die müsst ihr euch merken. Und morgen geht es los Richtung Norden. Ihr müsst tief hinein in den Drachenwald.«
Kard stöhnte. Losgehen? Was hat das alles zu bedeuten? Schon morgen? Onchus, Drachenwald, Schergen? Nein, das war nicht seine Welt. Er wollte lieber ein netter kleiner Schmied sein und ein paar Werkzeuge für die Bauern fertigen. Auch mal ein Messer und wenn es sein musste ein Schwert. Aber das alles hier in Conchar. In der Schmiede. Beim Feuer. Nicht irgendwo da draußen. Weit weg von allem, was er kannte und wo er sich sicher fühlte. Es würgte ihn, die Knie zitterten, alles in ihm schrie Nein. Aber ein anderer Teil von ihm verhinderte, dass er laut losheulte und folgte diesem seltsamen Torak zur Asche und staunte, als in dem grauen Mehl eine Karte entstand, mit der er eine Heilige Stätte Branus, dem Schöpfergott, finden sollte. Weit weg, dort draußen im Drachenwald.
Die Schwarze Burg
An der Mündung, in der der Fluss Klyr aus dem Höhlengebirge von Schtalyr kommend, in die Klatsch, den größten Strom von Haragor, sich ergoss, hatten die Wasser in den Jahrmillionen, seit Branu sie auf die Erde geworfen hatte, einen Felsen freigelegt, der nun hoch über die Flüsse empor ragte. Dort oben thronte die Schwarze Burg und schaute über die Häuser, Brücken und Straßen der Hauptstadt. Errichtet aus Gestein, das so schwarz war, dass selbst eine sternenlose Nacht um sie herum wie ein warmer Mantel leuchtete. Manche behaupteten, dass Goiba selbst dem Nichts eine Form geben wollte und so diese Steine entstanden waren.
An die Burg schlossen sich am westlichen Ufer der Klatsch und am südlichen Ufer der Klyr die Stadtmauern von Conchar an. Feinde, die die Stadtmauern abwehren könnten, gab es nicht mehr. Die Drachenkönige, einst Herren der Drachenberge hoch oben im Norden und für lange Zeit auch von ganz Haragor, waren längst besiegt. Die Königin der Ichtos, Herrin der Meere, war eine ergebene Vasallin des Herrschers und hatte sich tief in ihr nasses Reich zurückgezogen. Und alle Wesen der Ebene, von den Fürsten der Torak-Nomaden bis zu den Khans der Reitervölker der Großen Wüste hatten dem Einem, Flanakan, dem Großen, den Treueschwur mit ihrem Blut geleistet. So diente die Stadtmauer vielleicht doch eher dazu, den reichen Bewohnern der Hauptstadt das sichere Gefühl zu geben, dass nachts kein Gesindel aus den Dörfern hereinkam.
Auf dem Hof der Schwarzen Burg, weit sichtbar über die Burgmauern hinaus, thronten die Galgen. Ein riesiger Galgen für die massigen Toraks, ein etwas kleinerer Galgen für die Menschen und ähnliche Wesen. Es gab sie nämlich noch – Gesetzlose, Unverbesserliche, Aufständische, die den Frieden, den Flankan dem Land gebracht hatte, nicht zu schätzen wussten. Die Schergen spürten sie auf und brachten sie auf die Burg. Was dort mit ihnen geschah, wusste keiner genau. Aber lebend hatte noch keiner, der von den Schergen aufgegriffen worden war, die Burg wieder verlassen.
Laoch, der Oberste der Schergen, erster Beschützer von Flanakan, dem Großen, schloss hinter sich leise die Tür, die zum Audienzsaal des Allmächtigen führte und trat hinaus auf den Gang. Anfang des Monats musste Laoch dem Herrscher immer Bericht über mögliche Umtriebe und Aufstände in seinem doch nicht gerade kleinem Reich erstatten.
Laoch nestelte am Kragen seiner Uniform herum, in der Gegenwart des Herrschers wurde es selbst ihm etwas eng an der Kehle. Daraufhin strich er mechanisch nicht vorhandene Falten glatt, atmetet ruhig ein und aus und ging dann entschlossen den Gang entlang. Er war groß und blond, dabei eher schmal gebaut. Seine Gesichtszüge, die von einer ansehnlichen Hakennase dominiert wurden, waren hager und kantig. Man konnte sich nicht vorstellen, dass er jemals lachte.
Als Laoch an der Küche vorbeikam, einem Ort, in dem die Betriebsamkeit eines Bienenstocks herrschte, erstarrte für den Bruchteil eines Augenblicks alle Bewegung. Suppenlöffel blieben in der festen Masse bewegungsloser Flüssigkeit stecken. Dampfschwaden stoppten ihren Flug zum Abzug. Mäuse fixierten still mit aufgerissenen Kiefern verschimmelte Käserinden. Die Torak-Köche vergaßen das Atmen. Solche Augenblicke liebte Laoch. Die Angst. Vor ihm. Dem Obersten der Schergen. Er lächelte, während sein Blick über das eingefrorene Leben glitt, holte eine imaginäre Peitsche heraus und ließ sie über den Köpfen tanzen. Die Gerte seiner Allmacht schnalzte und schon ging das Leben weiter. Menschen und Toraks atmeten wieder und die Elemente folgten wieder den Gesetzen der Götter.
Laoch dachte an die Audienz. Ab und zu kam es vor, dass Tsarr, Oberste Gova Haragors und erste Beraterin von Flanakan, eine Vision hatte. Und diese Visionen der Priesterin von Goiba hatten sich bisher immer als wahr erwiesen. Wenn Tsarr ihn mit ihren durchdringenden Augen ansah und ihr linker Mundwinkel leicht zuckte, dann wusste Loach, dass ihre Visionen auf jeden Fall wahr sein mussten. Im Zweifelsfall war er derjenige, der der Vision zu ihrer manifesten Gestalt verhelfen musste. Zeugen, Beweise, Realität, die Variationen möglicher Wahrheiten, alles konnte erschaffen werden. Zusammen mit Sorb, dem Foltermeister, hatte er Tsarr noch nie enttäuscht.
Diesmal hatte die Sonnenfinsternis der Gova eine besondere Vision geschenkt. Normalerweise ging es um so banale und dann doch wieder bedeutsame Dinge wie zum Beispiel die Ursache der Magenverstimmung des Herrschers. Schnell fanden sich dann Zeugen und Beweise, dass einer der Torak-Köche absichtlich in die Suppe geniest hatte, und nach einer meist eher kurzen Unterredung mit Sorb schleppte sich der Schuldige gefügig zum Galgen. Oder einer der Govans bildete sich ein, ein Junge, den er in einem Korb vor seiner Tür gefunden hatte, wäre nun der rechtmäßige Herrscher Haragors und von Branu selbst gesandt. Meist wurde dieser Govan noch bevor er besagtes Körbchen überhaupt gefunden hatte, von den Schergen abgeholt. Schließlich hatte Tsarr ihn ja in seiner Untat visioniert. Dass besagter Govan dann vielleicht mehrmals in aller Öffentlichkeit an die Existenz Branus, den Schöpfer, erinnert hatte, war natürlich reiner Zufall. Man konnte ja niemanden verbieten, an die Existenz von Branu und seinen Brüdern zu glauben. Meist gestand dann dieser Priester nach einem intensiven Gespräch mit Sorb munter, dass er bereits öfters von so einem Körbchen geträumt hatte. Allerdings gingen diese Govans dann meist nicht so folgsam wie die tumben Toraks zum Galgen. Aber Sorb hatte ja noch die große Axt, die ihren Dienst auch sehr gut versah.
Das waren doch schöne, gute und vor allen Dingen konkrete Visionen. Darauf konnte sich Loach einstellen. Ein Magenverstimmung, ein Körbchen. Aber diesmal war die Vision der Priesterin sehr verschwommen gewesen. Irgendwas mit den drei göttlichen Brüdern. Meine Göttin, dachte Laoch, das konnte ja alles mögliche sein. Dass die drei göttlichen Schwestern ihre drei göttlichen Brüdern am liebsten den Hals umdrehen würden, war sowieso klar. Und dass sich daher die Anhänger von Goiba, Credna und Luchta mit ihren Gegnern, den Anhängern von Branu, Charu und Charabnu nicht gerade grün waren, war auch logisch. Aber nach Laochs Erfahrung war den meisten Menschen, Toraks und sonstigen Wesen der ganze Götterkram viel zu kompliziert und sie suchten im Zweifelsfall doch lieber den Trost bei einem guten Krug Schoff, als sich um religiöse Feinheiten zu kümmern. Was um der Göttinnen Willen, sollte also nun Loach mit dieser diffusen Aussage anstellen? Er hasste es, wenn Unklarheiten in seinem Leben sich ausbreiteten. In den meisten Fällen konnte er selbst die Fakten schaffen, indem er die Sachen dann einfach klarstellte. Als Oberster der Schergen hatte er da einige Möglichkeiten. Aber diesmal war alles komplizierter. Loach stöhnte. Was musste er liefern? Einen größenwahnsinnigen Govan, der glaubte, Drachen herbeizaubern zu können? Vielleicht eine magische Waffe, die selbst in der Schwarzen Burg gefürchtet wurde? Oder ein Jemand, der es wagen würde, Flanakan und Tsarr herauszufordern? Obwohl, das schien dann doch so gut wie unmöglich. Aber die Vision der Obersten Gova war so diffus, das alles möglich schien. Laoch aber brauchte etwas Konkretes. Ob er mal kurz im Folterkeller vorbeischauen sollte, ob sich nicht da vielleicht eine Lösung fabrizieren ließe?
Der Oberste Scherge hatte Glück. Sorb, Oberster Foltermeister der Schwarzen Burg, hatte gerade einen dieser fetten Toraks auf die Streckbank geschnallt. Die anderen Gerätschaften, die in der Halle verteilt waren, waren zurzeit nicht besetzt. Kein Delinquent, dem man gerade in die Eiserne Jungfrau half. Auch der bequeme Sessel, an denen man den Gästen die Fingernägel herauszog, war leer. An sich ein gutes Zeichen, dass so wenig los war, denn das hieß, dass Ruhe im Reich herrschte. Andererseits auch ein wenig langweilig, fand Laoch. Wenigstens zitterte der gute Torak, der sich gerade in der Fürsorge von Sorb befand, doch schon recht heftig, obwohl die Ketten nur leicht angespannt waren.
»Einer deiner Männer hat ihn aufgegriffen, als er auf der Straße vor dieser Torak-Kneipe, dem Knochenbruch, etwas lauter wurde«, sagte Sorb, ohne sich umzudrehen, während er ein wenig Öl in die Mechanik der Streckbank träufelte. »Er kommt wohl nicht aus Conchar.«
»Und mein Bester, was treibt dich in die Hauptstadt?«, fragte Laoch und warf dabei einen vielsagenden Blick zu dem Kohlebecken, in dem schon einige Messer glühten.
»War alles nur so dahin gesagt, hatte keine Bedeutung«, grummelte der junge Bursche. In diesem Alter rißen die Toraks gerne das Maul auf. Hahnenkampf. Sich auf die Brust hauen. Vor den Torak-Mädchen eine gute Show abliefern.
»Und was hast du nur so dahingesagt?« Laoch konnte sehr höflich wirken.
»Weiß ich nicht mehr…«.
»Was sagt denn mein Scherge?«, fragte Laoch nun zu Sorb gewandt.
»Die Arbeit sei zu hart auf den Feldern. Das Essen zu schlecht. Und die Holzpritschen zu hart.«
»Wie bitte? Ein junger, kräftiger Torak wie dir ist die Arbeit zu hart?«
»Wir arbeiten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Elf Tage am Stück…«
»Aber was wollt ihr Toraks denn sonst außer arbeiten machen? Sagt ihr nicht immer, ihr lebt im Rhythmus der Natur? Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, das hört sich doch recht harmonisch an.«
»Es gibt keinen Schatten…«
»Das Winxgras braucht Sonne. Sonne und Wasser. Wollen wir nicht alle das Brot essen und das Schoff trinken, das wir aus dem Winxgras herstellen können? Da muß man sich dann auch gut darum kümmern.«
»Wir kriegen nur Winx-Suppe. Dünne Suppe. Brot habe ich ehrlich gesagt schon lange nicht mehr gegessen.«
Loach nickt Sorb unauffällig zu, der das Zeichen verstand und die Spannung in den Ketten der Streckbank ein wenig erhöhte. Der Torak stöhnte, vielleicht dämmerte es ihm gerade, dass er bereits zu viel gesagt hatte. Laoch kannte seine Klienten. Gerade diese jungen Toraks, die nur aus Körpersäften und Muskelmasse zu bestehen schienen.
»Aber eigentlich sind wir ganz zufrieden. Goiba schenkt uns die Kühle der Nacht, da können wir schön schlafen.«
Ein kluger Bursche, dachte Laoch, aber doch ein wenig vorlaut. »Was heißt denn wir, wen meinst du mit wir?«
»Wir Toraks halt. Wir sind zufrieden. Goiba ist eine tolle Göttin.«
»Aha, Sorb, hast Du gehört? Die Toraks haben sich zusammen geschlossen. Die Toraks sind unzufrieden. Ein Aufstand vielleicht? Sie wollen, ich wage es kaum auszusprechen, weniger arbeiten, habe ich das richtig gehört?«
Sorb brummte zustimmend. Das hatte der Foltermeister offensichtlich auch gehört. Der junge Torak, dem Laoch genau ansah, dass in ihm, trotz dieser prekären Lage, dieser immer wieder niedlich anzusehende Widerstandsgeist brodelte, wand sich in den Ketten.
»Nein, nein. Wir sind zufrieden. Wir arbeiten gerne. Bitte.«
»Bitte, was? Wir?« Ach ja, diese Momente, wenn sie sich in die Hose machten, weil sie begriffen, dass es keinen Weg mehr zurückgab. Laoch liebte das. Er sah den Jungen väterlich an und erhöhte diesmal selbst die Spannung der Ketten.
»Willst du noch etwas sagen?«
Trotz der Schmerzen, die den jungen Torak jetzt offensichtlich geradezu entzweirissen, sah Loach nun erstaunt, dass dieses Wesen neben der Furcht, die normalerweise in diesen Momenten die Bühne beherrschte, noch andere Gefühle kannte: Wut! Unbändige Wut! Und man durfte diese jungen Toraks auch nicht unterschätzen. Mehrere Zentner reine Muskelmasse. Der Torak, bisher sich in guter, alter Torakmanier allem fügend, ein Inbegriff des Gehorsams, einfach ein ganz normaler Torak, ganz so wie es Laoch kannte und erwartete, fing an, an den Ketten zu zerren. Ein Leben auf den Feldern, jeden Tag Sichel, Schaufel oder Pflug in den Händen, hatte den jungen Torak zu einer Muskelmaschine gemacht. Bisher hatte er seine Kräfte nur zum Arbeiten eingesetzt, erst jetzt erkannte er, offensichtlich selbst erstaunt, dass dieser Körper auch noch zu etwas anderem zu gebrauchen war. Der Torak schrie. Und Loach glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu können. Hatte er da gerade »Branu« gehört. Tatsächlich.
»B – R – A – N – U«, schrie der Muskelberg aus vollem Hals, zerrte und zog an den Ketten, Fleisch gegen Metall, Wut und Verzweiflung gegen gefühllose Mechanik. Die Ketten rissen. Ungläubig starrte Loach auf dieses Schauspiel.
Sorb war auf so etwas vorbereitet. Es geschah selten, aber manchmal geschah es. Immer nur bei diesen jungen Toraks. Körpersäfte und Muskelkraft, das war manchmal keine gute Kombination. Als die Ketten rissen, ließ der Foltermeister die Axt niedersausen. Sie spaltete den Schädel des jungen Toraks und trotzdem röchelte er noch vor sich hin. »Branu«, tropfte es bluterfüllt aus dem Sterbenden. Den Namen des Schöpfers hatte Laoch in diesem Keller schon lange nicht mehr gehört. Und, da war er sich plötzlich sicher, er hatte endlich das gefunden, wonach Tsarr suchte. Das irdische Gegenstück zum Streit der Götter, der sich in der Sonnenfinsternis gezeigt hatte. Ein Aufstand junger Toraks, von treuen Anhänger Branus, gegen Flanakan und Tsarr und die Macht von Goiba! In diesem Moment, in dem Laochs beweglicher Verstand die passende Erklärung formulierte, wurde sie auch schon wahr.
*
Neben dem Folterkeller gab es auch andere Orte auf der Schwarzen Burg, die der Erziehung unliebsamer Bürger dienten. Manche der Unglücklichen, die die Schergen oder Wachen durch das schwere Holztor führten, fristeten eine Weile ihres Daseins erst einmal in den Verliesen, die unter der Aufsicht der Obersten Wache Makral und seiner Männer standen. Auch bis hierhin war die Nervosität gedrungen, die Tsarr seit den ersten Anzeichen der Sonnenfinsternis verspürt hatte. Das merkte R’lan, Wache in der dritten Generation und diensthabender Türschließer, ganz deutlich. Würde man wieder einmal einen der Verräter, der Folter und Ratten bisher überlebt hatte, als Opfer für Goiba auswählen? Denn ein wenig Blut war der Göttin doch immer willkommen, sagte sich der Soldat. Etwa der jungen Embi, bei dem die Schergen einen Anhänger mit dem fast unkenntlichen Antlitz von Aidan, dem letzten Drachenkönig, gefunden hatten? Anfangs hatte Embi noch versichert, dass er noch nicht einmal gewusst hatte, dass das abgeschliffene Relief Aidan darstellen sollte. Er hatte den Anhänger in einer Truhe, die er als einziger Erbe seines Großvaters von diesem vermacht bekommen hatte, gefunden. Letztendlich aber hatte er unter den Zangen und Eisen der Folterknechte seinen Verrat zugegeben.
Oder Nanda, diese kleine Hexe? Sie mochte sechzehn Jahre alt sein. Bei diesen Hexen wusste man allerdings nie, wie alt sie tatsächlich waren. Sie waren meisterhaft in der Kunst der Täuschung. Eine Gova von Credna war sie außerdem, also eine Liebespriesterin! Einst im Dienste Flanakans hatte sie sich den Zorn Tsarrs zugezogen. Ein Wunder, dass sie nicht gleich zum Galgen kutschiert worden war.
Oder N’ganak, der schon so lange im Kerker saß, dass niemand mehr genau wusste, wieso er überhaupt hier war, sogar er selbst nicht. Obwohl er manchmal in lichten Momenten behauptete, er habe einst als Flanakans Knappe gedient, was unmöglich war, denn Flanakan war Dank des Zaubers seiner Gova über 100 Jahre alt und welcher Mensch, denn alle Kerkerinsassen waren Menschen, hätte so lange hier unten überleben können?
Auf jeden Fall unterließ es R’lan diesmal lieber, einige der Essensreste, die heute mal wieder in der Hofküche angefallen waren, an die Gefangenen zu verteilen, wie er es sonst ab und zu tat. Makral, sein Chef, würde angesichts der angespannten Lage in der Festung sicherlich genau darauf achten, dass alles korrekt ablief. Makral, der Oberste der Wache, war ein treuer Diener seines Herrn und funktionierte dabei wie eine Maschine, die sorgfältig und genau ihren Dienst verrichtete.
Unter den derzeitigen Umständen begnügte sich R’lan diesmal, die Zellen abzulaufen und nachzusehen, ob hinter den metallbeschlagenen Eichentüren noch geatmet wurde. Oder geröchelt. Gestöhnt. Er wunderte sich, als er sich dem Verlies der hübschen Hexe näherte. Was war bei Nanda los? Die junge Frau sang! Ein trauriges Lied über das Ende des Sommers, R’lan kannte es noch aus seiner Kindheit. Er lächelte, das Lied erfreute ihn. Nanda war erst seit ein paar Tagen hier unten. Noch sang sie. In ein paar Wochen würde sie anfangen zu weinen. Oder zu schreien. Und irgendwann würde sie still sein. Oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Dass es so laufen würde, hatte er selbst schon erlebt und wusste es auch von den Erzählungen seines Vaters. Da nützte ihr die ganze Hexenmagie nichts, dafür hatte Tsarr gesorgt, als sie das gesamte Verlies mit einem Fluch belegt hatte. Aber irgendwie berührte Nandas unschuldiger Gesang das Herz des Soldaten, das durch den langen Dienst in der Schwarzen Burg ziemlich erkaltete war. Die klobigen Stiefel schienen plötzlich ein wenig leichter als sonst, als R’lan die Treppen wieder hochging, zurück ans Tageslicht, den Gesang Nandas im Ohr.
»So fröhlich, mein Bester?«
R’lan, der gerade das Tor zu den Verliesen hinter sich geschlossen hatte, sah Laoch erschrocken an. Alle schauten erschrocken, wenn Laoch ihnen überraschend gegenüberstand. Dabei war der Mann keine besonders imposante Erscheinung. Schütteres blondes Haar, recht mager, nur ein wenig größer als der Durchschnitt. Fast unscheinbar. Wenn da nicht dieses diabolische Grinsen unter der Hakennase gewesen wäre. Kein lautes, marktschreierisches, offenes Grinsen. Nur die Mundwinkel waren ganz leicht verzogen. Aber irgendwie so, als ob das Böse selbst die Gesichtsmuskeln steuern würde. Und dazu diese graugrünen Augen. Augen, die nie zu blinzeln schienen. Die einen durchdrangen und einem die Gedanken aus den Nasenlöchern zogen. Wenn man Laoch gegenüberstand, hatte man unweigerlich das Gefühl zu lügen. Und Laoch schien genau zu wissen, dass alles, was man sagte, eine Lüge war. Und man selbst glaubte das dann schlussendlich auch. Ich bin Lüge. Und Laoch lächelte.
»Äh, schöne Arbeit, tolles Wetter…«, R’lan stotterte vor sich hin.
»Und, was machen die Gefangenen? Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?«
»Äh, nein, alles wie immer.«
»Neuzugänge?«
»Ein Junge kam vorgestern. Embi. War schon bei Sorb.« R’lan fing unter seiner Uniform an zu schwitzen. Bei Laoch hatte man irgendwie das Gefühl, die Verbrechen selbst begangen zu haben, über die man ihm berichten sollte. Dabei war es keine Seltenheit, dass er hier vorbeischaute. Einerseits besprach er sich ab und zu mit Makral, dem Obersten der Wache, andererseits spazierte er öfters durch die Gänge und ließ sich von der Stimmung dort unten inspirieren.
»Aha, ich weiß schon, der mit dem Amulett von Aidan.«
R’lan schluckte. Dass einer den Namen des alten Widersachers von Flanakan so freimütig aussprach, gab es auf der Schwarzen Burg selten. Aber immerhin war das hier ja auch Laoch, der konnte sich das wohl erlauben.
»Alles fügt sich«, sagte Laoch und schaute in Richtung der Verliese.
»Wie meinen?«
»Vergiss es. Wo ist Makral?«
R’lan deutete auf den Wachturm, woraufhin Laoch mit beschwingtem Schritt in diese Richtung verschwand.
*
Nanda sang. Irgendwie klang es noch nicht richtig. Sie erinnerte sich genau wie ihre Mutter die magischen Lieder gesungen hatte. »Kind«, hatte sie zu ihr gesagt »schließ die Augen und lass dich erfüllen vom Geist Crednas, unserer Schutzpatronin. Hör zu und lass dich forttragen. Wir Frauen, selbst wir Govas, haben in dieser Welt nur wenige Waffen. Aber mit unseren Liedern können wir uns direkt in die Herzen der Männer singen, unserer Lieder sind unsere Schwerter!« Vor nicht allzu langer Zeit war ihr die Bedeutung dieser Worte noch völlig schleierhaft gewesen. Sie hatte sich nicht gefragt, wieso ihre Mutter immer leise vor sich hin gesungen hatte, während sie über den Marktplatz gegangen waren. Das freundliche Lächeln des Mannes, der ihnen ab und zu ein Laib Brot schenkte, war ihr immer eine Selbstverständlichkeit gewesen. Erst als ihre Mutter gestorben war und sie allein über den Markt gehen musste, verstand sie langsam, was ihre Mutter damals bewirkt hatte. Ihre Mutter, Gova von Credna, Göttin der Liebe, hatte den Menschen die Gabe ihrer Schutzpatronin geschenkt. Liebe, Hoffnung, Sehnsucht. Eine Weile hielt dieser Zauber auch noch nach dem Tod ihrer Mutter an und begleitete Nanda beim Gang über den Markt. Aber nichts hält ewig in dieser Welt, das wusste Nanda inzwischen. Die Menschen vergaßen die Lieder, sie vergaßen die Hoffnung und die Liebe und Nanda lernte, was es hieß, eine Waise zu sein. Hunger war bald ihr ständiger Begleiter gewesen.
Sie betrachtete das Pentagramm, das sie in den Staub des Fußbodens mit ihren Fingern gezeichnet hatte. In der Mitte lag ein Haar, festgeklebt mit dem Blut einer Schabe. Sie stellte sich vor, dass R’lans Schritte die Stufen herabkommen würden, und begann erneut zu singen. »Das klingt doch jetzt schon ganz gut«, dachte sie.
*
Makral stand auf dem Wachturm neben dem Haupttor der Schwarzen Burg und betrachtete mit dem Fernrohr nicht etwa die weiten Ebenen vor Conchar, seine Aufmerksamkeit galt vielmehr der einfachen Wache R’lan. Als Oberste Wache hatte er nicht nur für Ruhe und Ordnung im Reich zu sorgen, und dafür benötigte er zuverlässige Männer. Zuverlässige Männer mit Pflichtgefühl und Beständigkeit.
Der Kerkerdienst stimmte R’lan offensichtlich recht fröhlich. Und das war wirklich seltsam. R’lan hatte ein weiches Herz, das wusste Makral, obwohl es ihm im Grunde nicht wirklich klar war, was dies wirklich bedeutete. Aber in seiner mechanischen Art hatte sich Makral eine Art inneres Wörterbuch zurechtgelegt, um die Launen der Menschen und seiner Wachen im Besonderen besser verstehen zu können. Er selbst kannte so gut wie keine Gefühle. Ein gutes Schoff war nicht zu verachten. Ein gutes Steak vom Tok-Rind – wirklich lecker. Aber was die Soldaten am Tanz fanden, bei dem sie mit den Weibern komische Verrenkungen ausführten, konnte Makral auch nach intensivem Nachdenken nicht nachvollziehen. So hatte er in seinem Kopf eine Art Wörterbuch angelegt, das ihm half, Gefühle und Verhalten der normalen Wesen einzuordnen. Und R’lan hatte normalerweise nach einer Woche Kerkerdienst merklich an Spannkraft verloren. Irgendwas da unten schien ihm die Kräfte zu rauben. Makral wusste nicht was, aber so war es. Solange R’lan seinen Dienst akkurat verrichtete, war ihm das auch gleichgültig. Immerhin zeigte R’lan in diesem Verhalten eine beruhigende Beständigkeit. Doch in dieser Woche lief es anders. Jeden Tag kam R’lan fröhlicher die Treppen herauf, die letzten Stufen sprang er fast nach draußen und wäre beinahe mit Laoch zusammen gestoßen. Jetzt lief er über den Hof und pfiff ein Lied vor sich hin. Makral kannte das Lied, aber konnte sich nicht erinnern, wo er es bereits gehört hatte. Die Melodie ließ ihn völlig kalt.
Makral erkannte Laoch an den Schritten.
»Guten Tag, Makral.«
»Guten Tag, Loach. Wie geht es dem Obersten der Schergen?«
»Man hat so seine Sorgen, lieber Makral, Oberster der Wache.«
Man konnte nicht unbedingt sagen, dass die beiden Freunde waren, aber da sie vergleichbare Positionen begleiteten, war eine gewisse Nähe durch die Ähnlichkeit der Alltagsprobleme entstanden. Man konnte ja einen einfachen Schergen oder eine einfache Wache zum Beispiel nicht fragen, ob man einem Zechpreller eher die Hand abhacken sollte oder ob zwanzig Peitschenhiebe ein angemessenes Maß der Bestrafung waren. So etwas konnte man nur von Oberst zu Oberst angemessen diskutieren.
»Wem sagst du das, Laoch. In letzter Zeit habe ich den Eindruck, dass die Räte sich nicht nur um ihre Zünfte und Gilden kümmern wollen, sondern gerne mir ins Handwerk pfuschen würden.«
»Das ist interessant, auch meine Leute berichten mir von einer gewissen Unzufriedenheit im Volk.« Loach trommelte nachdenklich mit den Fingerspitzen auf die Mauer des Wachturmes.
Makral schaute von der hoch über der Stadt gelegenen Plattform hinunter in das Labyrinth der Gassen. Menschen und Toraks schlichen wie Ameisen durch die engen Schluchten. Über dem Gerberviertel weit im Süden der Stadt schwebte eine fahle, durchsichtige, grüne Wolke. Offensichtlich brauten sie dort heute ihre Laugen, eine sich monatlich wiederholende Prozedur. Anlass für diese Zunft, nach getaner Arbeit abends ausgiebig zu feiern. Gut so, dachte Makral. Lieber ein fröhlicher Gerber als ein aufmüpfiger Gerber. Obwohl. Dafür waren die Wachen schließlich da. Um die Aufmüpfigen, die Unzufriedenen und die Nörgler daran zu erinnern, dass unter Flanakan die Welt einfach nur schön sein durfte. Laoch mit seinen Spitzeln sorgte dafür, dass sich alle gegenseitig misstrauten. Aber wenn, wie bei diesen unerträglichen Temperaturen, sich die Gemüter der Bürger erhitzten, standen Makrals Wachen bereit, um sie wieder zu beruhigen. Zur Not mit ein bißchen Prügel. Oder abgehackten Ohren. Wozu hatten sie denn sonst die Schwerter?
»Wieso?«, fragte Makral nun den Obersten Schergen.
»Wieso was?« Laoch hatte gerade den Faden verloren.
»Wieso es interessant ist?«
Laoch erzählte von dem widerspenstigen Torak. Dann gäbe es diesen Gefangenen mit dem Aidan-Amulett, so etwas hatten sie schon ein paar Jahre nicht mehr in der Zelle gehabt. Und jetzt die widerspenstigen Räte, das passte alles zusammen.
»Es ist einfach zu heiß, Laoch. Den Leuten steigt die Hitze zu Kopf. Mehr ist es glaube ich nicht.«
»Aber Tsarrs Vision, Makral. Die Sonnenfinsternis. Irgendetwas wird passieren!«
Makral, der wusste, wie Laoch es schaffte, der Obersten Gova gefällig zu sein und ihren Visionen zu Realitätsgehalt zu verhelfen, wirkte nicht überzeugt. »Ist es nicht jeden Sommer so? Wenn ein paar Wochen kein Regen gefallen ist und das Schoff immer dünner und das Winxbrot immer teurer wird, dann werden die Leute eben unzufrieden. Das ist ganz normal.«
»Du hast schon recht, Makral, Oberster der Wache. Aber was sagen deine Leute so, ist es wirklich so wie immer?«
Die Wachen, denen Makral vorstand, patrouillierten durch ganz Haragor und natürlich auch durch die Hauptstadt des Reiches. Sie regelten an den Markttagen das hohe Verkehrsaufkommen, wenn aus allen Teilen des Landes die Rinderkarren nach Conchar strömten und kümmerten sich um die kleinen Streitigkeiten, wenn sich die Händler gegenseitig über den Tisch zogen. Ab und zu gab es Schlägereien. Auch da schritt die Wache ein. Meist reichte allerdings allein der Anblick der schwarz gekleideten Männer, schon erkannten die Bewohner Haragors den wahren Wert von Liebe und Freundschaft und fielen sich um den Hals.
Mit den Schergen war das anders. Man erkannte sie erst, wenn sie, ebenfalls schwarz gekleidet, aber mit dem gelben Axtemblem über dem Herzen, wie aus dem Nichts auftauchten, um einen Unzufriedenen zu verhaften. Zuvor aber waren sie unsichtbar. Sie waren dein Freund, dein Nachbar, vielleicht sogar dein Ehepartner. Sie hörten dir zu, sprachen dir Mut zu, applaudierten. Und erst nach der Verhaftung, dämmerte es dir, dass einer deiner Freunde wohl ein Scherge gewesen sein musste. Welcher war dir aber dann immer noch nicht klar. Aber das war dann gleichgültig.
»Bei meinen Leuten, Laoch, Oberster der Schergen, ist es wie immer. Ein paar mehr Wirtshausprügeleien, einige vorlaute Toraks, aber im Grunde wie jeden Sommer. Deine Leute sollten dir eher berichten können, falls die Leute unzufriedener sind als sonst!« Makral sah Laoch nun an, seine Brauen hatten sich fragend zusammen gezogen.
»Eigentlich alles wie immer«, musste Laoch zugeben. Seine Spione, auch die aus den Randgebieten Haragors, hatten zurzeit keine besorgniserregenden Meldungen geliefert. Sommerloch. Das Übliche.
»Aber diese Sonnenfinsternis.« Laoch grübelte. »Ein Streit der Götter!«
»Die Götter sind da oben, Tsarr ist hier unten. Erzähl ihr von dem jungen Torak. Vielleicht schicken wir ein paar Männer in sein Dorf. Vielleicht braucht Tsarr ein wenig Blut?«
»Du meinst Goiba. Ein Opfer für unsere große Göttin.« Laoch sah Makral streng an, der sich aber davon nicht beeindrucken ließ.
»Ein Opfer für Goiba, natürlich, lieber Laoch, Oberster der Schergen, das habe ich gemeint.« Laoch nickte gnädig.
Vielleicht genügte das ja wirklich, dachte Makral. Noch ein paar tote Toraks und Goiba und damit Tsarr würden beruhigt sein. Und die Sonnenfinsternis bald vergessen. Der Oberste der Wachen konnte mit der Magie im Allgemeinen und den Priesterinnen im Besonderen nicht so viel anfangen. Er vertraute lieber dem Prinzip von Ursache und Wirkung, damit konnte man als normaler Sterblicher relativ weit in diesem Leben kommen.
*
R’lan war eine einfache Wache. Das hieß mehr oder weniger, dass er von morgens bis abends in seiner schwarzen Uniform herumlief. Meist schlief er sogar darin, weil es ja schon irgendwie unsinnig war, die abends auszuziehen, wenn man sie morgens sowieso gleich wieder anzog. Die meisten Wachen hatten eine geringe Breite möglicher Gefühle, eines der Auswahlkriterien, die im Einstellungsgespräch abgefragt wurden. Schließlich sollte man sich nicht von betrunkenen und schreienden Toraks, die gerne das Dreifache des eigenen Gewichtes auf die Waage brachten, beeindrucken lassen. Auch wimmernde alte Frauen, denen man leider all ihr Hab und Gut entwenden musste, wenn sie die Steuern nicht mehr zahlen konnten, sollten einen nicht besonders aufregen. Daher war R’lan auch ziemlich verwirrt über den eigenen Zustand und er hatte schon überlegt, ob er zu einer der Priesterinnen gehen sollte, um sich Rat zu holen. Diese Fröhlichkeit und Leichtigkeit, die er zurzeit verspürte, waren ihm völlig fremd.
Jetzt stand er vor Nandas Zellentür und hörte verzückt ihrem Gesang zu. Alles, was er vorhatte, war streng verboten. Er hatte sich eigenmächtig die Zellenschlüssel aus dem Wachhaus genommen, ohne irgendjemanden Bescheid zu geben. R’lan kannte sich selbst nicht mehr. Wenn sein Tun entdeckt werden würde, würde man ihn im günstigsten Fall entlassen. Wenn er Pech hatte, würde Makral ihn bei Sorb abliefern. Und erst diese Schande, die er über seine Familie bringen würde. Wachmann in der dritten Generation. Aber R’lan war nicht mehr Herr über sich selbst. Da er bisher noch nie verliebt gewesen war, konnte er diese Verwirrung, dieses Zittern, diesen absoluten Kontrollverlust nicht einordnen. Schmetterlinge im Bauch, sagen die einen. Völlige Benebelung, die anderen. R’lan fühlte sich stark, unbesiegbar und voller Sehnsucht. Alles Gefühle, die ihm völlig fremd waren. Vor seinem inneren Auge sah er Nanda in ihrer ganzen Schönheit. Ihre wallenden dunklen Locken, ihre vollen Lippen, ihre smaragdgrünen Augen. Und diese Stimme! Diese göttliche, wunderbare, einmalige Stimme. Tränen standen in R’lans Augen, als er die eisenbeschlagene Eichentür mühsam öffnete. Und so sah er das Holzbrett, auf dem die Gefangenen das Essen bekamen und das Nanda ihn mit all ihrer Kraft auf dem Schädel trümmerte, auch nur sehr verschwommen auf sich zukommen. »Umwerfend«, dachte er, als er im Niederfallen durch den Schleier seiner Tränen Nanda erblickte. »Ich liebe dich«, flüsterte er, bevor er ohnmächtig wurde.
Nanda betrachtete den niedergesunkenen Soldaten.
»Das glaubst du, lieber R’lan, aber es ist alles nur Illusion. Wie so vieles im Leben.« Sie stieg über den ohnmächtigen Wachmann hinüber und lugte in den Gang. Niemand zu sehen. »Jetzt ist dein Leben wohl hinüber, lieber R’lan, aber ich hatte keine andere Wahl.« Wenn einem Tod und Folter drohen, sind einem nun einmal alle Mittel recht.
Nanda stieg über den erschlafften Körper des Soldaten und huschte die Treppen hinauf. Draußen war es schon dunkel. Sehr gut. Da würde die dumme Tsarr aber schauen mit ihrem blöden Fluch. Nichts ist stärker als die Liebe, selbst wenn es eine falsche ist. Wie ein Schatten glitt Nanda aus dem Kerkertor und entlang der Mauern. Sie würde fliehen müssen, weit, weit weg. Vielleicht bis in die Drachenberge.
Der Widerstand
Die Schergen kamen am frühen Morgen. Das erste graue Licht sickerte gerade über den fernen Horizont. Es roch mehr nach kühlem Morgentau, als das man ihn wirklich spürte. Schon in den ersten Stunden des Tages leckte die Hitze auch nur die Möglichkeit von Feuchtigkeit von den Pflastersteinen. Auf den Dachfirsten und Baumwipfeln waren bereits die ersten Vögel in Stellung gegangen, um die Sonne, wenn sie sich dann erbarmen würde, ihre göttliche, tödliche Hitze über die Welt zu ergießen, mit infernalischem Geziepe und Geschreie zu empfangen. Aber noch war es mucksmäuschenstill.
Die Männer Laochs wählten gerne diese tote Stunde für ihre Besuche bei den Delinquenten. Die meisten Leute schliefen dann noch und waren völlig überrascht, wenn diese schwarz gekleideten Männer mit dem Axtemblem plötzlich in ihrem Schlafzimmer standen. Nicht selten ergaben sich dann da schon spontan die überraschendsten Geständnisse.
Kard und Madad aber waren schon wach, sie wollten früh ihre Reise in die Drachenberge beginnen und die Kühle des Morgens auszunutzen. In der Schmiede roch es nach kaltem, abgestanden Rauch, sie hatten die Fensterläden geschlossen, um kein Aufsehen zu erregen. Wallas hatte eine schöne geblümte Schürze um seine gewaltige Hüfte geschnürt und schmierte ihnen gerade ein paar Butterbrote, als ein massiger Torak die Tür eintrat. Der Rahmen splitterte, es hörte sich an, als ob einem gewaltigen Tok-Stier das Rückgrat gebrochen würde. An den Wänden der Schmiede klirrten die Zangen. Der Torak-Scherge stieß die Reste der Tür beiseite und stürmte in den Raum und durch den zerborstenen Türrahmen folgten weitere Schergen, die bald wie Würmer in einer aufgeplatzten Wunde in der Schmiede herumwimmelten.
»Wir haben nichts bestellt«, bellte Madad, dem man keine Überraschung anmerken konnte, und schon stürzte sich der Cu in den Wald schwarzer Beine und biss einem der Schergen herzhaft ins Bein.
»Hinten hinaus«, rief Wallas zu Kard, der mit weit geöffneten Augen mitten im Raum stand und um Luft rang. Der Junge stand an einer der Werkbänke im hinteren Teil der Schmiede. Eben noch hatte er das Minas-Schwert in eine provisorische Scheide aus poliertem Kupfer gesteckt und jetzt standen diese Schergen hier plötzlich herum. Was ist hier los? Irgendetwas war absolut nicht in Ordnung! Durften die Schergen einfach so Türen eintreten? Natürlich, es waren ja die Schergen. Mussten die nicht vorher wenigstens mal klopfen? Nein. Es waren die Schergen! Die mussten nichts und durften alles.
»Der da«, rief jetzt einer der Uniformierten, ein Mensch, wahrscheinlich der Anführer und deutete auf Kard.
Die meinen doch nicht etwas mich? Hilfe. Kard schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Angstschweißbäche ergossen sich aus seinen Poren, aber er konnte sich nicht bewegen. Hypnotisiert betrachtete er die Schwarzgekleideten, wie sie sich ihm näherten. Als ob er in einem Albtraum gefangen wäre, während er vergeblich versucht aufzuwachen. Erst als ein in Papier eingewickeltes Butterbrot ihn mitten auf die Nase traf, setzte es sich wie ferngesteuert in Bewegung. Was wollen die Schergen hier? Was um Branus Willen sollte er jetzt tun?
»H – I – N – T – E – N R – A – U – S«, hörte Kard noch einmal Wallas schreien und diesmal begriff er. Er warf sich das Bündel mit dem Schwert über den Rücken und sprang mit einem Satz über die Werkbank.
Als Kard die rückwärtige Tür aufriss, grinsten ihn drei Schergen an. »Hallo. Ist das das Minas-Schwert?«
»Äh, nein, das ist nur so ein ganz normales Schwert…«
»Dann zeig uns das ganz normale Schwert doch bitte mal.«
»Einverstanden«. Kard nahm das Schwert vom Rücken.
Wallas hatte inzwischen genug mit den Schergen zu tun, die den Vordereingang benutzt hatten. Aber die schwarz gekleideten Männer, die es gewohnt waren, dass allein ihr Anblick die Menschen und Toraks von Conchar zu stotternden Schlotterwesen machten, waren sichtlich überfordert mit vier Zentnern Widerstand. Selbst die Toraks unter den Schergen sahen recht verdutzt aus. Wallas nahm sich ein paar Schmiedehämmer und schleuderte sie auf die hereinquellende Meute. Dazu Madad, der wie ein Wirbelwind zwischen ihnen dahinsauste und in jede Wade biss, die sich ihm in den Weg stellte. Als Wallas Kard mit dem Schwert am hinteren Ausgang sah, warf er einen seiner Hämmer genau auf die Stirn des einen Schergen. Madad hatte Kards Lage auch mitbekommen, stürmte nach hinten und sprang dem zweiten Schergen ans Gemächt. Und kaum lag das Schwert in seinen Händen spulte Kard wie ein Automat die Übungen ab, die er mit Wallas geübt hat. Ausfallschritt. Parade. Bei Branu, was mache ich hier? Und schon stach er dem dritten Schergen in den Arm. Ein spitzer Schrei (von dem Schergen, der den Cu zwischen den Beinen baumeln hatte), gefolgt von dem Geräusch eines dumpfen Aufschlags (von dem Schergen, den der Hammer von Wallas getroffen hatte und der nun wie ein Sack zu Boden fiel) und der ungläubige Blick des Schergen, der auf die Blutfontäne starrte, die sich aus seinem Arm ergoss, bevor er ohnmächtig zusammensackte, gaben Kard die Möglichkeit, über die Schwarzgekleideten hinwegzuspringen. Madad folgte ihm. Der Junge sprintete los, das Echo seiner Schritte klatschte von den Wänden auf ihn zurück, als ob die Stadt ihm ein paar Ohrfeigen verpassen wolle. Die kühle Morgenluft sprang ihm ins Gesicht und in die Lunge. Als Kard sich umblickte, sah er Wallas, umringt von einigen Schergen, wie er eines der Kohlebecken hochhievte.
»Wohin laufen wir, Madad?« Das schnelle Trippeln an seiner Seite hatte Kard verraten, dass der Cu neben ihm war.
»Weiter, immer weiter. Yo, das war so ekelhaft. Wann hat sich der Typ das letzte Mal gewaschen?« Madad spuckte während des Rennes ein paar mal knurrend aus.
»Was ist mit Wallas?«
»Der kommt schon zurecht«, bellte der Cu. »Hast du nicht gesehen, wie überrascht die waren, dass Wallas nicht gleich weinend zusammen gebrochen ist?«
»Doch, schon, komisch. Der schien gar nicht überrascht.«
»Immer vorbereitet, würde ich eher sagen.«
»Was meinst du damit?«
»Komm mit, wir rennen zum Knochenbruch.«
»Du willst doch nicht gerade jetzt in eine Kneipe gehen, oder?« Kard, inzwischen völlig atemlos, schaute erstaunt und verwirrt nach unten zu seinem vierbeinigen Freund.
»Doch, Kard, wir gehen jetzt in einen Club.«
»Einverstanden, wenn du es sagst.«
»Yo, wer ist hier jetzt das Herrchen?« Der Cu bellte und lachte gleichzeitig. Eins musste man ihm lassen. Madad ließ sich nicht die Stimmung verderben.
Am Hinterausgang des Knochenbruchs brannte noch Licht. Wahrscheinlich hatte die Torak-Kneipe erst vor kurzem geschlossen und irgendwer machte noch sauber. Der Cu stellte sich vor die Eisentür und hämmerte mit seinem Kopf in kurzen unregelmäßigen Abständen an das Metall. Grinsend drehte er sich zu Kard um. »Mit der Pfote klopfen hat ja keinen Sinn, das hört ja keiner.«
Kard und Madad hörten schwere, schlurfende Schritte. Gsam, der Wirt des Knochenbruchs, öffnete die Tür. Seine beiden Söhne kamen gerade die Treppe herunter. Alle hatten diese dicken Holzknüppel in der Hand, mit denen man sonst einen Ball durch die Luft schmetterte, damit ihn jemand mit einem fetten Handschuh auffing.
»Ist es passiert?«, fragte Gsam und schien nicht wirklich überrascht.
»Sie sind bei Wallas in der Schmiede«, knurrte Madad.
»Zieht eure Kapuzen über«, sagte Gsam zu seinen Söhnen und versteckte dann selbst seinen Schädel. »Ihr wartet am besten da hinten im Schuppen«, sprach Gsam dann zu Kard und Madad gewandt. »Falls die Schergen tatsächlich hierherkommen sollten, was ich nicht glaube, könnt ihr hinten raus. Madad weiß Bescheid.«
»Verstanden.« Kard nickte wie ein emsiger Specht. Irgendwas ging hier vor, er wusste nur nicht genau was.
Dann sah er den drei Muskelbergen hinterher, die eilig in Richtung der Schmiede von Wallas davon schritten.
*
Damit hatte auch Laoch nicht gerechnet. Was war das nur für ein seltsamer Torak? Der war ja schlimmer als dieser junge Branu-Schreihals. Der sollte sich jetzt gefälligst schön brav festnehmen lassen. Wo kommen wir denn da hin, dachte er erstaunt.
Als der Branu-Priester aus diesem kleinen Dorf ihm von dem Minas-Schwert berichtet hatte, das angeblich in der Schmiede von Wallas zu finden sei, hatte er diesem bärtigen Aufschneider, der für diese Information anfangs ein paar Goldstücke haben wollte, erstmal nicht geglaubt. Aber auch nachdem Sorb ihn ein wenig gefoltert hatte und der Govan sich dann mit ein paar Rollen Stoff zufriedengeben wollte, hatte er weiterhin behauptet, bei Wallas sei ein Minas-Schwert zu finden. Meist verging den Leuten bei Sorb jede Fantasie. Oder wurde geradezu entfacht. Nur selten blieben die Leute bei ihrer ursprünglichen Aussage. Und dann gab es ja noch die Vision. Das passte alles sehr gut zusammen. Und dieser Wallas war ihm schon immer verdächtig vorgekommen. Allein, dass der schon so alt war. Fast so alt wie Flanakan. Und das bei diesem harten Job als Schmied. Sehr verdächtig.
Laoch hatte sich also entschlossen, der Werkstatt einen vorbeugenden Besuch abzustatten. Wallas hatte einen guten Ruf in der Stadt, gehörte der Zunft der Schmiede an und war sogar Mitglied der Ratsversammlung von Conchar, die aber seit Jahren nicht mehr getagt hatte, da man ja immer einer Meinung mit Flanakan war und sich die Sitzungen des Rates damit selbst überflüssig gemacht hatten. Genau genommen also ein Politischer. Genau die richtige Klientel für Laoch. Nur das Wallas noch nie aufgefallen war. Ein braver, alter Schmied, der Spitzhacken fertigte. Wieso um aller Götter dieser Welt also hatte dieser Typ nun das Kohlebecken in der Hand?
Und dann kamen die Kapuzenmänner. Wie in Zeitlupe sah Laoch sie mit ihren schwingenden Keulen unter den Schergen auftauchen. Wallas warf das Kohlenbecken und die Schlacke spritze über seine Männer. Einen Spritzer bekam Laoch selbst mitten ins Gesicht. Während er langsam den Mund aufmachte und gerade ansetzte, einen Schmerzensschrei auszustoßen, sah er den dunklen Schatten einer Keule auf sich zukommen. Er konnte gerade noch seinen Kopf wegdrehen, sonst hätte ihm die Keule eventuell sogar den Schädel zertrümmert. So traf es nur seine Schläfe. Laoch sackte in sich zusammen. In seinem Innern machte sich eine große Verblüffung breit. Er, Laoch, Chef der Schergen, wurde geschlagen. So etwas war seit seinen Kindheitstagen nicht mehr passiert. Kurz sah er seinen Vater mit dem Rohrstock auf sich zukommen, dann seine hysterische Mutter, die ihm befahl, sich bei Goiba zu entschuldigen, dann kam die Schwärze.
»Du hast gerade dem Obersten der Schergen eine verpasst«, hörte man eine Stimme unter der Kapuze.
»Echt? Cool«, antwortete die andere Kapuze.
»Na, ich weiß nicht. Laoch ist nicht gerade als Spaßvogel verschrien. Das wird den ganz schön ärgern.«
»Egal, ist jetzt nicht mehr zu ändern. Sind alle platt?«
»Jawohl! Keiner steht mehr auf den Beinen.«
»Dann nichts wie weg.«
Die drei Kapuzenmänner nahmen Wallas in ihre Mitte und verschwanden in der Dunkelheit.
*
Kard und Madad versteckten sich inzwischen in Gsams Schuppen. Überall standen Schoff-Fässer herum, in einer Ecke die vollen, in einer anderen die leeren. Eines der Fässer leckte, eine kleine Pfütze hatte sich gebildet. Madad schlürfte die Flüssigkeit genussvoll auf.
»Ein bisschen warm, aber immer noch lecker.«
»Du trinkst Schoff?«, fragte Kard erstaunt.
»Yo, warum nicht? Wir Cus können nicht nur sprechen, wir können auch feiern, bis die Gova kommt.«
Vor seinem inneren Auge sah Kard einen Raum voll betrunkener Hunde, die auf den Tischen tanzten und Trinklieder sangen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das erlaubt ist.«
Madad sah ihn mit großen Augen an.
»Du bist mir schon ein komischer Kerl. Gerade sind wir einem Haufen Schergen entkommen, auf dem Rücken trägst du ein Minas-Schwert und du fragst mich allen Ernstes, ob es erlaubt ist, dass sich ein Cu einen hinter die Binde kippt?«
Kard nickt wortlos. Oh großer Branu, der Cu hat recht. Er war vor den Schergen geflohen. Einen hatte er sogar angegriffen. Er, Kard, die Rechtschaffenheit in Person. Durch Kards Körper lief ein eisiger Schauer. Irgendetwas stimmte mit seiner Welt nicht mehr. Irgendetwas ist hier ganz gewaltig faul. Und Kard hatte das dumpfe Gefühl, dass dies erst der Anfang war.
Als die vier Toraks leise den Schuppen betraten, befand sich Kard gerade in einer der hinteren Ecken und übergab sich. Als er sich danach zu den Ankömmlingen gesellte, verdrehte Madad die Augen und Gsam schüttelte den Kopf.
»Eigentlich hat er sich ganz gut geschlagen«, sagte Wallas zu den anderen Toraks. »Aber irgendwie war es wohl doch etwas viel für ihn.«
»Was machen wir jetzt?«, fragte Gsam.
»Die waren hinter dem Schwert her«, antwortete Wallas, »ich glaube nicht, dass sie hinter mir her waren.«
»Bist du sicher?« Gsams Blick hatte sich etwas aufgehellt.
»Ziemlich. Kard, die Schergen haben dich doch nach dem Minas-Schwert gefragt, oder?«
Kard, der gerade aus dem Dunkeln gestrauchelt kam, nickte. »Stimmt, haben die wohl gleich erkannt.«
»Wie sollen die das Minas-Schwert erkannt haben, das steckte doch in der Scheide? Und von Außen hat man nur den Knauf gesehen. Nein, ich glaube, die wussten, dass du eins hattest. Fragt sich nur, woher?«
»Aber was wollen die Schergen mit einem Minas-Schwert?«, fragte Kard in die Runde.
»Machst du Witze?«, bellte Madad. »Ein Minas-Schwert, ein Schwert Branus? Da drehen die Govas doch durch, wenn sie so etwas sehen. Bestimmt hat Tsarr die Schergen geschickt.«
»Das stimmt«, pflichtete Wallas dem Cu bei. »Aber richtig gefährlich kann es ihnen erst werden, wenn es geweiht ist.« Wallas schaute in die Runde. »Und das ist es noch nicht.«
»Und dieser kleine Angsthase soll das für uns regeln?«, fragte einer von Gsams Söhnen und schaute verächtlich in Richtung von Kard.
»Der kleine Angsthase«, entgegnete Kard aufgebracht, »hat gerade einen Schergen angegriffen.« Kards Adamsapfel sprang hoch und runter und er schaute angriffslustig in die Runde. Doch dann sackte er in sich zusammen. »Wenn sie mich kriegen, werden sie mich wahrscheinlich zu Tode foltern.« Jetzt standen ihm die Tränen in den Augen.
»Ho, ho, ho.« Gsams Sohn baute sich auf. »Der kleine Mensch hat einen Schergen angegriffen. Du Held du. Du echter Superheld. Mein Bruder und ich, wir haben vielleicht zehn Schergen eben den Schädel eingeschlagen. Mann. Wenn die uns kriegen, grillen die uns eine Woche über ihren Kohlebecken.«
»Der große Torak und der kleine Mensch beruhigen sich jetzt mal wieder.« Gsam sah seinen Sohn streng an. »Wir sitzen alle im gleichen Boot.«
»Wir sitzen im gleichen Boot? Seit wann sitzen Menschen und Toraks im gleichen Boot? Ich dachte, darum geht es, oder? Dass wir eben nicht alle gleich sind, oder? Wer hat denn alle Privilegien? Wer kann zur Schule gehen oder sich auch mal nach sechs Stunden Arbeit aufs Ohr hauen?«
Kard glaubte sich verhört zu haben. »Du willst zur Schule gehen?«
»Natürlich will ich zur Schule gehen. Mein Vater hat Bücher, kannst du dir das vorstellen? Ein Torak, der Bücher hat. Und ich kann sie sogar lesen, weil unser Vater uns das beigebracht hat. Aber ich habe jetzt »Anleitung zum Brauen des perfekten Schoffs« und »Die Geschichte vom Bademeister mit den drei Badenixen in roten Badeanzügen« schon so oft gelesen, dass ich sie auswendig kann. Und in den Buchhandlungen verkaufen sie uns Toraks keine Bücher. Weil wir ja sowieso nicht lesen können.« Gsams Sohn war zum Schluss immer lauter geworden und einen Schritt auf Kard zugegangen. Der wich mehr staunend als ängstlich zurück. Ein lesender Torak passte so gar nicht in Kards Weltbild.
»Hier in der Stadt scheint das wirklich so zu sein. Der Unterschied zwischen den Menschen und Toraks. Manche von uns sind sogar Leibeigene! Dass Flanakan das eingeführt hat, hat ihm viele Freunde bei den Menschen gemacht. Kostenlose Arbeitskräfte, die man nur durchfüttern muss. Schon recht praktisch. Auf dem Land ist es anders. Da gibt es sogar leibeigene Menschen. Und das finden die auch nicht toll, das sage ich euch.« Gsam sah seine Söhne streng an. »Und das wisst ihr auch. Wir sitzen in einem Boot. Menschen und Toraks. Und alle anderen Wesen. Das Problem ist Flanakan und seine Gova. Die Goiba-Priesterin hat das Land verflucht.«
»Genau!«, bellte Madad nun dazwischen, »und deswegen beißen wir der alten Hexe jetzt mal ganz schön in den Allerwertesten. Wir weihen das Minas-Schwert und hauen ihr damit eins kräftig über die Rübe.«
»Ein geweihtes Minas-Schwert wäre eine starke, magische Waffe im Kampf gegen die Magie von Flanakan und Tsarr. Branu gegen Goiba. Da hast du recht, Madad. Das Schwert alleine wird es aber auch nicht richten können. Es wäre ein Symbol, ein sichtbares Zeichen und eine magische Waffe. Ein Zeichen, das jeder sofort versteht. Ein Zeichen, unter dem wir uns versammeln könnten.«
»Und wer ist wir…?«, fragte Kard nun, dem es langsam dämmerte, dass es hier nicht nur um das Gesellenstück eines Schmiedes ging.
»Wir, das sind ein paar unzufriedene Toraks«, antwortete Wallas. »Und auch ein paar Menschen. Selbst hier in der Stadt. Flanakan hat es in den letzten Jahren und Jahrzehnten einfach zu weit getrieben. Menschen und Toraks und alle andere Wesen sollten die gleiche Rechte haben, so war es früher und das war auch gut so. Seit er vor ein paar Jahren eingeführt hat, dass sich ein verschuldeter Torak in die Leibeigenschaft begeben muss, ist das Fass einfach übergelaufen. Ein Torak als Leibeigener? Wir waren einmal Nomaden, zogen frei durch das ganze Land, und nur Branu gaben wir unser Opfer. Und heutzutage? Die Toraks werden zu Sklaven und die Tempel von Branu und den göttlichen Brüdern werden von Tag zu Tag weniger.«
Kard wollte irgendwas in der Richtung erwidern, dass es ja einfach nun mal so Gesetz ist, das mit der Leibeigenschaft, und daher könne man das ja wohl kaum ändern. Gesetz ist Gesetz. Aber als er in die grimmigen Mienen der vier Toraks schaute, der eine Sohn von Gsam war immer noch etwas kurzatmig, verkniff er sich seinen Kommentar lieber.
*
Als Laoch erwachte, brummte sein Kopf, als ob Sorb ihn eine Weile mit der Schädelzange bearbeitet hätte. Aber kaum hatte er sich an den Schmerz gewöhnt, brach ein viel intensiveres, brennenderes, dringlicheres Gefühl aus ihm heraus. Eine unbändige Wut! Was für eine Frevel, was für eine Ungeheuerlichkeit. Man hatte ihn, Laoch, Oberster der Schergen, ein Auserwählter vor Goiba und allen anderen Göttern, einer der wichtigsten Männer, wenn nicht sogar der wichtigste Mann unter Flanakan, man hatte ihn, Laoch, geschlagen! Normalerweise ließ Laoch seinen Hass, der in einem riesigen schwarzen Kessel direkt unter seinem Herzen brodelte, immer nur in kontrollierten kleinen Portionen heraus, aber jetzt verließ sogar Laoch, dem fast Allmächtigen, die Geduld. Er sah einen seiner eigenen Toraks mit zerfleischtem Unterschenkel und gebrochenem Kiefer stöhnend vor sich liegen, eindeutig lebendig und… eben ein Torak. Laoch hievte sich hoch, zog sein Schwert aus der Scheide und ließ es auf seinen Schergen hinuntersausen. Der erste Schlag zerschmetterte dem Mann gleich den Schädel. Knochensplitter, Blut und Gehirnmasse segelten durch den Raum. Das Stöhnen und Ächzen der anderen Verwundeten verstummte. »Ihr verdammten Tiere, ihr Tiere, ihre dummen, verdammten Tiere«, schrie Laoch und sein Schwert zerschmetterte Knochen, zerschnitt Fleisch. Man hörte nun nur noch sein schweres Atmen, sein Fluchen, der Klang des Schwertes, wenn es die Luft zerschnitt. Dann das nasse Schmatzen, wenn die Klinge Fleisch durchtrennte oder einen dumpfen Aufprall, gefolgt von einem trockenen Knirschen, wenn er Knochen traf. Laochs Männer beobachteten ihren Chef still und voller Erstaunen. So aufgebracht hatten sie ihn noch nie gesehen.
»Was glotzt ihr so, ihr dummen Idioten. Du da, du kannst noch laufen, oder? Und ihr drei da hinten? Ihr lauft jetzt zu den Stadttoren und macht alles dicht. Keiner, niemand, keine Seele, keine Mücke verlässt ab jetzt Conchar. Habt ihr verstanden?«
Eifrig nickten die vier Schergen, die dem Cu durch die Lappen gegangen und mit gebrochenen Kiefern und herausgekugelten Armen davongekommen waren. So schnell hatte man in Conchar selten die Schwarzgekleideten durch die Gassen rennen sehen. Als ob der Tod selbst hinter ihnen her sei, rannten die Schergen durch die morgendlichen Häuserschluchten, lange Schatten hinter sich herziehend, denn Branu schickte bereits die ersten Sonnenstrahlen in das Labyrinth der Stadt. Nur wenige Minuten später war Conchar hermetisch abgeriegelt. Niemand kam mehr herein, niemand konnte hinaus.
*
Als Gsam die Tür zum Schuppen öffnete, sah er einige Häuserdächer weiter, eine dunkle Rauchsäule in den Himmel steigen.
»Deine Schmiede brennt, Wallas.«
»Gut so, ich hätte sowieso nicht zurückkehren können.«
»Und so gibt es auch keine Spuren.«
»Hätte es auch so nicht gegeben, die einzigen Spuren befinden sich in meinem Kopf.« Wallas war neben Gsam getreten und betrachtete die Rauchsäule.
»Fast 100 Jahre habe ich mich darin versteckt, vielleicht ist es gut, dass es jetzt so endet.«
»Es begann im Feuer, es endet im Feuer, Branu ist mit uns.«
»Branu ist mit uns, aber wir müssen uns schon selbst helfen. Gebete und Opfer allein bringen nichts, das haben wir gelernt.«
»Wir brauchen ein geweihtes Minas-Schwert, dann können wir der Magie von Flanakan und Tsarr gegenübertreten.«
Auch Kard war inzwischen vor den Schuppen getreten und sah ungläubig den schwarzen Rauch über den Dächern von Conchar. Gsam sah ihn an, und man konnte den Zweifel in seinem Gesicht sehen. »Laß einen meiner Söhne mit ihnen gehen, Wallas. Ich bin nicht sicher, ob der Junge es alleine schafft.«
»Was heißt hier allein«, knurrte nun Madad, der jedes Wort von Gsam genau gehört hat. »Zählt ein Cu bei dir nicht? Sind wir dem großen Torak zu klein für eine große Aufgabe?«
»Jetzt streitet ihr nicht auch noch«, stöhnte Wallas. »Gsam, Kard ist nicht irgendein Mensch, auch wenn er, was ich gerne zugebe, nicht unbedingt wie die erste Wahl aussieht. Wie lange ist es her, dass ein Mensch ein Minas-Schwert selbst geschmiedet hat, Gsam?«
»Haben die Menschen jemals selbst ein Minas-Schwert geschmiedet? Die können doch gerade mal Küchenmesser machen«, antwortete Gsams Sohn und in seiner Stimme klang unverhohlen die Verachtung, die er für die Menschen empfand.
»Du irrst dich, Gsark, Sohn des Gsam. Dein Vater mag dir das Lesen beigebracht haben, aber anscheinend hat er dir nicht genug von unserer Geschichte erzählt.«
»Doch, doch, Wallas. Ich weiß schon, auf was du hinaus willst. Damals, in der guten alten Zeit, als die Drachenkönige noch über Haragor herrschten und Menschen und Toraks und Ichtos und alle anderen Wesen jeden Tag friedlich Ringelreihe miteinander getanzt haben. Und abends haben Govas und Govans uns Gute-Nacht-Geschichten erzählt. Diese Zeit, lieber Wallas, bei allem Respekt, ist nun mal vorbei.«
»Nicht ganz so, Gsark, aber so ähnlich.« Wallas betrachtete den jungen Torak. Skepsis lag in seinem Blick, aber auch Verständnis. Der alte Torak konnte sich offensichtlich noch an die Zeit erinnern, als er wie Grams Sohn jung und voller Träume gewesen war.
Der Wind hatte inzwischen den Geruch der brennenden Schmiede bis zum Knochenbruch getragen. Mit der lauen Brise hatten sich die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont geschält. Eine Amsel begann loszuzwitschern und schon stimmte die versammelte Vogelgesellschaft von Conchar mit ein. Ein ohrenbetäubendes Geziepe füllte für wenige Minuten die lauwarme Morgenluft. Selbst für einen hartgesottenen Clubbesitzer war das zu viel. Gsam hielt sich die Ohren zu.
»Ihr müsst los, Kard und Madad.«
Kard starrte auf die Rauchsäule. Das würde die Nachbarn aber gar nicht freuen. Die hatten sich sowieso so manches Mal über den Lärm der Schmiedehämmer beschwert. Und jetzt noch der Rauch in ihren Wohnzimmern. Sicherlich gab es da eine Beschwerde bei den Wachen.
Jetzt musste Kard doch lachen. Die Wachen, was kümmerten mich jetzt noch die Wachen? Immer hatte er darauf geachtet, dass die zufrieden waren. Ein Schild »Achtung, fliegende Funken«, hatte er vor die Tür gestellt. Immer war die Asche vollkommen ausgekühlt, bevor er sie durch die Straßen zum Fluss karrte, damit auch keiner, der zufällig stolperte und dabei in seine Wagen fiel, ihn später wegen des unzulässigen Transports von Gefahrgut anklagen konnte. Die Spitzhacken waren spitz, die Schaufelblätter stabil, die Türbeschläge massiv gewesen. Niemand sollte jemals einen Grund zur Beschwerde haben. Und keiner der Kunden hatte das auch jemals getan. Nur die Nachbarn. Aber gegen Lärm und Rauch konnte man in einer Schmiede eben nur begrenzt etwas tun. Und einen Taubheitszauber für die lieben Nachbarn wäre sicherlich auch illegal gewesen!
Aber was sorgte er sich jetzt um die Nachbarn? Sein ganzes Leben kräuselte sich mit der Rauchsäule am Horizont gerade in die Leere des Himmels. Kard, der Schmied, irgendwann Frau und Kinder. Dann Enkelkinder. Und dann der Tod. Ganz normal eben. Friedlich. Ohne Aufsehen durchs Leben gehen. Ab und zu tanzen gehen. Ab und zu ein Schoff. Zu allen Göttern beten und Opfer bringen. Dafür den Segen für ein friedliches Leben bekommen. Und dann der Tod.
Kard ächzte. Wieso denke ich dauernd an den Tod? Vielleicht weil sein altes Leben gerade gestorben war? Er fühlte sich hilflos. Verwundbar. Verwirrt. Dass das Geschehene einfach so geschehen war. Verflixt. Die Zeit schritt voran und ließ die Vergangenheit einfach hinter sich. Kard spürte, wie seine Seele sein altes Leben am liebsten zurückgeholt hätte, ein Raum, in dem er sich sicher gefühlt hatte, in dem er die Regeln kannte. Indem er die Regeln nur befolgen musste, um in Ruhe gelassen zu werden. Wie im Waisenhaus. Da musste man nur schön brav sein. Wer nicht auffiel, konnte auch den Zorn der Govas nicht erwecken. Die Götter um Rat fragen, den Regeln der Götter folgen, am besten den Regeln der drei göttlichen Schwestern, denn die Priesterinnen von Goiba, Credna und Luchta standen mit ihren Peitschen direkt vor ihm. Überleben! Unsichtbar sein! Atmen!
Kard atmetet. In seine Lunge zog der Rauch der brennenden Schmiede. Auf seiner Brust spürte er nun den Drachenzahn. In all der Leere, der Ungewissheit, gab ihm das Amulett Kraft. Eine dunkle, bleierne aber wohltuende Kälte zog direkt in sein Brustbein. Die Panik, die sich gerade in ihm ausbreiten wollte, sackte wie ein Tuch zusammen, das den Klauen des Sturms entgangen war. Kard war ganz ruhig, irgendwie kalt, aber im Kern der Kälte, das konnte er genau spüren, war eine gewaltige Hitze, noch klein wie die Spitze einer Nadel, aber irgendwie doch gewaltig. Als er den Ruf von Gsam hörte, wandte er sich mit leerem Blick um und erhob sich mechanisch. Dann sah er Madad und in den Augen des Cus brannte ein Feuer, das das Unbekannte willkommen hieß. Ganz ohne Angst, ganz im Gegenteil, voller Vorfreude
»Und Madad, bist du bereit?«
»Yo, ich bin so was von bereit, Bruder, so was von. Wow, wir werden einen Onchu suchen. Endlich raus aus dieser öden Stadt. Ich wittere Abenteuer.« Sprach es, bellte es und dann tanzte Madad wie eine Katze, die plötzlich aus einem Albtraum erwachte. Der Cu sprang aus dem Stand in die Höhe, drehte sich in der Luft, bellte, und das zehnmal hintereinander. Dann lag er lachend und schnaufend auf dem Rücken.
*
»ER SOLL WAS VERSTECKT HABEN?« Tsarr war aufgesprungen und hätten ihre Augen töten können, und es war nicht ganz ausgeschlossen, dass sie das vielleicht doch konnten, wäre Laoch jetzt ein zuckendes Stück Fleisch vor ihren Füßen.
»Ein Minas-Schwert, meine Gebieterin. Aber es war nur ein Gerücht. Ich war mir sicher, dass wir nichts finden würden. Es war eher eine Vorsichtsmaßnahme.« Laoch, der die Wutausbrüche der Gova nur zu gut kannte, war von ihrem Auftritt zwar wie immer ein wenig beeindruckt, aber wirkliche Angst, hatte er, Laoch, Oberster der Schergen, auch vor ihr nicht. Wahrscheinlich hatte er deswegen auch diesen Job. Tsarr konnte Schwächlinge nicht ausstehen.
»BRING MIR DIESES SCHWERT!«
»Der Junge ist damit geflohen, aber er wird nicht weit kommen. Ich habe die Stadttore schließen lassen.«
»Bring mir den Jungen und das Schwert!«
Tsarr hatte sich etwas beruhigt. Im Großen Tempel von Goiba, Göttin der Nacht, der Kälte und der Finsternis, einem hohen, kreisrunden Kuppelbau, auf dessen Grundfläche locker eine ganze Tok-Rind-Herde Platz gefunden hätte, stolzierte die Priesterin vor dem Opferaltar auf und ab. In der Mitte des Altars befand sich die nun leere Opferschale. In den Rinnen der Altarplatte klebte noch das getrocknete Blut der zehn Jungfrauen, die sie zur Sonnenfinsternis eigenhändig geopfert hatte. Das Echo von Tsarrs Stimme hallte durch die kalte Leere des Tempels.
»Und wieso glaubst du, dass es ein echtes Minas-Schwert war? So etwas hat es seit dem Großen Krieg nicht mehr gegeben. Ein Minas-Schwert? Hier? Direkt unter den Augen unseres Herrschers? Unmöglich!« Tsarr schien nachzudenken. So unmöglich es zu sein schien, so gut passte es doch in ihre unheilvolle Vision, wusste Laoch.
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