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Francis Kirps
EBER IM NEBEL
VON TIEREN UND ANDEREN VERWANDTEN
FRANCIS KIRPS
wuchs wohlbehütet in der luxemburgischen Provinz auf. Er studierte Psychologie in Straßburg und arbeitete u. a. als Schulpsychologe und Grundschullehrer.
Erste Veröffentlichungen Ende der Neunzigerjahre in Zeitschriften und Anthologien, 2000 und 2001 machte er jeweils den zweiten Platz beim Concours littéraire national. 2003 wandte er sich dem Poetry Slam zu, absolvierte zahllose Slamauftritte und ist Mitglied der »Lesebühne Luxemburg« sowie bei »Ferkel im Wind« (Bonn). 2005 gründete er zusammen mit Christian Bartel und Anselm Neft die Literaturzeitschrift EXOT, seit 2014 schreibt er satirische Beiträge für die taz.
2012 erschien die Kurzprosasammlung »Planet Luxemburg« (Verlag Andreas Reiffer), 2016 ebendort der Punkrockroman »Die Klasse von 77«. Für sein drittes Buch »Die Mutationen« (Hydre Éditions: 2019) erhielt Francis Kirps den Prix Servais und den European Union Prize for Literature
E-Book-Ausgabe Mai 2021
© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2021
www.satyr-verlag.de
Cover: Karsten Lampe
Korrektorat: Jan Freunscht
Published in Germany
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de
Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.
E-Book-ISBN: 978-3-947106-71-4
INHALT
The Afterbite Diaries
Eber im Nebel
Die Beschwerde
Karl – Schicksalsjahre einer Galapagos-Schildkröte
Dinosaurier waren wenigstens nachhaltig
Piranhas der Lüfte
Gefangen auf Moleskin II
Der Florian
Kalbsgesicht
Die Goldbären-Saga
Frieden und Krieg – Ein Lied von Staub und Stärke
Der Impfschamane
Der Bock vom Felsen
THE AFTERBITE DIARIES
In den letzten Sommerferien zog ich für ein paar Tage in mein altes Elternhaus in Walferdingen, um mich um die Katze zu kümmern und potenzielle Einbrecher durch meine bloße Anwesenheit abzuschrecken. Meine Eltern waren in Kopenhagen, und meine Schwester begleitete sie, damit sie nicht in den verwinkelten Gassen der dänischen Hauptstadt verloren gingen, ins Hafenbecken fielen oder sich in Christiania aus purem Herdentrieb einer Hippie-Kommune anschlossen.
Tag eins
Der erste Tag begann mit einer bösen Überraschung: Der Geschirrspüler war nicht ausgeräumt. Also würde ich ihn nicht benutzen können. Ich beschloss, das schmutzige Geschirr, das während meines Aufenthalts anfallen würde, einfach im elterlichen Schlafzimmer zu stapeln, als kleine Lektion. Dann schrieb ich meiner Schwester auf Facebook: »Der Geschirrspüler ist kaputt. Aber keine Sorge, ich habe eine Lösung gefunden. Und ja, der Katze geht es gut, und nein, ich rauche fast gar nicht.«
Von dem einsamen Spinnennetz, das ich im Flur entdeckt hatte, erzählte ich ihr aber lieber nichts, sonst würde sie sich nie mehr zurücktrauen, und wer sollte dann auf meine Eltern aufpassen, etwa ich?
Mit meiner Schwester kommunizierte ich in diesen Tagen nur über Facebook. Das Telefon hatte ich ausgehängt, sonst rief sie alle fünf Minuten an, um nach der Katze zu fragen. Dabei gehörte die Katze nicht mal ihr, sie war zugelaufen. Genau genommen hatte meine Schwester sie so lange angelockt, bis die Katze tat, als gehöre ihr das Haus mitsamt den Bewohnern. Niemand schien sie zu vermissen, aber das wunderte mich nicht. Sie war ziemlich asozial, sogar für eine Katze. Ich wollte sie Würmli taufen, weil sie Würmer hatte, aber der Vorschlag war nicht gut angekommen, und so hieß sie jetzt einfach »Die Katze«. Ein Zentner Sheba und anderer parfümierter Fleischabfall stapelten sich in der Küche und sollten ihr in den nächsten Tagen als Nahrung dienen.
Ich setzte mich an meinen Laptop und zündete eine Zigarette an, um den kreativen Fluxus anzukurbeln. Kommenden Samstag war die letzte »Ferkel im Wind«-Lesebühne der Saison, einen politischen Text hatte ich schon, jetzt brauchte ich noch eine bodenständige Alltagsgeschichte für den einfachen Mann von der Straße.
Zwei Stunden später schreckte ein fieses Surren mich aus dem Halbschlaf, und mein rechtes Handgelenk begann, tierisch zu jucken. Mückenstich. Die Insektenplage auf dem Land, das hatte ich ganz vergessen, urbaner Bohemien, der ich war. Der mit Pflanzen überladene Garten war schuld und natürlich diese morastigen Gartenteiche überall. Man sollte das alles zubetonieren.
Da erinnerte ich mich an Afterbite: das neue Präparat, von amerikanischen Wissenschaftlern erdacht, das einzige Mittel, das tatsächlich gegen Insektenstiche half. Ganz im Gegensatz zu dieser lächerlichen Systral-Pampe, die wahrscheinlich aus gestampften Globuli zubereitet wird. Ich durchwühlte die Medikamentenschublade, und hier war es: Afterbite, »der bequeme Ammoniak-Stift, sehr langlebig«, wie es in der Werbung hieß. Er roch allerdings auch sehr intensiv. Nachdem ich den Stich am Handgelenk verarztet hatte, begann es, im Gesicht zu jucken, punktgenau auf dem rechten Wangenknochen. Also tat ich auch da Afterbite drauf.
Boah, der Geruch, betäubend, bezirzend, berauschend, eine brettharte Mischung aus Kerosin, Opium, Katzenpisse und Absinth. Die Dämpfe stiegen mir in die Nase und in die Augen, ich erblindete kurzzeitig, dann fiel ich in Ohnmacht.
Als ich wieder zu mir kam, hatte ich einen Plan. Er war mir im Traum von einer nackten Steinzeitfrau mit Katzenkopf und Hirschgeweih eingeflüstert worden: Ich musste der Katze helfen, wieder zu ihrer ursprünglichen Lebensweise zurückzukehren. Sie musste lernen, selber für ihr Essen zu sorgen. Dieses Sheba-Zeug war nicht artgerecht, voller Chemiedreck und führte dazu, dass die Katze ein Stubenhocker wurde, ihres natürlichen Jagdinstinkts beraubt. Außerdem stank es die ganze Küche voll und blockierte meinen Trampelpfad zum Kühlschrank.
Ich aber wusste einen neuen Verwendungszweck für den Sheba-Glibber: Ich würde es im Garten als Köder auslegen, für die diversen Beutetiere der Katze: Mäuse, Ratten, Frösche, Eichhörnchen, Vögel …
Ich nahm noch eine Nase voll Afterbite, torkelte in den Garten und machte mich ans Werk. Eine Stunde später schnappte ich mir die beleidigt maunzende Katze und trug sie nach draußen.
Mein Plan ging auf. In der nächsten Zeit lagen ständig tote Nagetiere, Amphibien und Singvögel auf der Fußmatte. Die erbeuteten Tierchen bereitete ich für die Katze in der Fritteuse zu.
Einmal befand sich sogar eine Blindschleiche unter der Jagdstrecke, worauf die Katze besonders stolz zu sein schien. Die Blindschleiche wirkte ziemlich tot, aber nicht so ganz – bei Blindschleichen ist die Grenze zwischen Leben und Tod ja recht verschwommen –, und ich wilderte sie im Nachbargarten wieder aus und wünschte ihr viel Glück auf ihrem weiteren Lebensweg. Dann nahm ich eine Prise Afterbite und wankte zurück ins Haus. Die Sonne dröhnte viel zu laut in meinen Ohren.
»Der Katze geht es prächtig«, schrieb ich an diesem Abend auf Facebook, Zigarette im Mundwinkel, den Afterbite-Stick, mittlerweile mein ständiger Begleiter, griffbereit neben der Tastatur, »sie frisst mit gutem Appetit und spielt viel draußen.«
Tag zwei
»Hast du die Katze nach Zecken abgesucht?«, schrieb meine Schwester zurück, das undankbare Ding. »Natürlich«, log ich, zog mir einen Hauch Afterbite rein und fing die Katze ein, die insgesamt etwas träge wirkte. Sie verdaute wohl noch an der mit Raclettekäse überbackenen Nilgans, die wir uns zum Frühstück geteilt hatten. Ich zurrte die Katze auf der Werkbank fest und suchte sie nach Zecken ab. 27 Stück, das war neuer Rekord.
Die Zecken warf ich nicht ins Klo, wie sonst immer. Ich wollte sie ein wenig beobachten, sie wirkten fast wie außerirdische Lebensformen, mit den prallen planetenförmigen Hinterkörpern und dem quirligen Krabbelkopf. Vielleicht waren es ja wirklich Aliens, und wenn man genug beisammen hatte, würden sie sich ein Raumschiff bauen, um auf ihren Planeten zurückzukehren …? Oder einen Staat bilden. Ich brachte die Zecken im alten Aquarium unter, wo Alfred, unsere Wasserschildkröte, gewohnt hatte, bis er im gesetzten Alter von dreißig Jahren verstorben war, vermutlich an Langeweile. Das Aquarium roch immer noch ein wenig nach Alfred, leicht moderig und reptiloid. Ich überließ die Zeckenpopulation sich selbst und ging raus zum Briefkasten. Die Sonnenstrahlen fühlten sich klebrig auf meiner Haut an, als würde ein blinder, hirnloser Gott mich mit geschmolzenem Camembert beträufeln. Der Himmel klaffte wolkenlos blau über mir wie eine offene Wunde. Der Fliederstrauch fragte mich, wie mein Tag war. Drosseln brüllten mir ins Ohr. Was war nur mit dem Wetter los, mit der Natur? Schnell zurück ins Haus, eine Dosis Afterbite, linkes Nasenloch, ahhh, rechtes Nasenloch, uhhh!
In der Post fand ich ein Schreiben der Gemeinde, dass das Wasser knapp sei, wegen des ausbleibenden Regens, und dass man sparsam mit Trinkwasser umgehen solle. Kein Problem, dachte ich, schließlich befand sich ein gut sortierter Weinkeller im Haus.
Wie es der Katze gehe, fragte meine Schwester schon wieder. Als würde sie mir nicht mal zutrauen, auf eine harmlose Katze aufzupassen. Nach meinem Befinden erkundigte sie sich dagegen nicht. Sie hatte sich sehr zum Unguten entwickelt, seit sie Jura studierte und keine Dreadlocks mehr besaß. Früher war da mehr Bewunderung für mich, ich erinnerte mich noch gut an die Zeit, als sie mich für allwissend hielt. Gut, da war sie auch erst sieben. Um sie zu ärgern, beschloss ich, nun doch keinen Text über Katzen zu schreiben, wie ich es vorgehabt hatte, sondern stattdessen etwas über Hasen. Oder Kaninchen. Hasenartige halt.
Nach einer erfrischenden Champagnerdusche und ein paar Nasen Afterbite fiel mir ein guter Titel ein: Der Mann mit den Pinselohren.
In der Geschichte ging es um einen Mann, der sich für ein Kaninchen hielt. Und alle lachten über ihn, auf der Arbeit, im Büro, in der Freizeit, im Tennisclub. Am Ende stellte sich dann heraus, dass er tatsächlich ein Kaninchen war, und alle, die ihn ausgelacht hatten, standen ganz schön dumm da.
Aber halt, Pinselohren, hatten Hasenartige überhaupt Pinselohren? Ich googelte und stieß auf den Wikipedia-Artikel über den Luchs. Luchse hatten Pinselohren. Neuerdings waren wieder Luchse in der Eifel gesichtet worden, las ich, und im Rothaargebirge. Rothaargebirge? Nie davon gehört. Ich navigierte weiter zum Artikel über das Rothaargebirge, von da kam ich zum Pfälzer Wald, und als ich auf verschlungenen Wegen bei der Kryptozoologie, genauer gesagt, beim Ogopogo, der angeblich im Okanagan Lake lebenden Seeschlange, gelandet war, war es auch schon wieder Abend geworden. Ich sah nach, was die Katze heute erjagt hatte, und beschloss, dass es zum Abendessen Froschschenkel à la française geben würde, als Beilage Brekkies rot-weiß.
Der Abend war ruhig, ruhiger als sonst, man hörte fast gar kein nerviges Froschgequake mehr. Die Katze hatte gute Arbeit geleistet und alle Gartenteiche in der Nachbarschaft entvölkert.
Vor dem Schlafengehen gönnte ich mir ein entspannendes Rotweinbad, ich nahm dafür nur die ältesten Weine, die waren sowieso bestimmt nicht mehr gut. Morgen war ein harter Tag, ich würde das Haus nämlich verlassen müssen, raus in die Sonne, um meine Afterbite-Vorräte aufzustocken, die gingen bedenklich zur Neige.
Tag drei
Ich hatte nicht so gut geschlafen wie gehofft, draußen war die ganze Nacht ein Gefauche und Gekreische gewesen, wie von einem Hexensabbat, der außer Kontrolle geraten war. Offenbar hatte die Katze die Sheba-Köder gegen einen hungrigen Marder verteidigt. Abgekämpft, aber siegreich war sie am Morgen heimgekehrt, eine Marderpfote zwischen den Zähnen. Ich setzte ihr das an einer Sehne herabbaumelnde Auge wieder ein und befestigte das abgerissene Ohr mit Tesafilm am Kopf, dann verschwand sie zum Jagen.
Wenn ich in die Apotheke fuhr, musste ich unbedingt ein Mittel gegen Nasenbluten kaufen, meine Nase blutete neuerdings die ganze Zeit. Bestimmt vom Ozon. Und ich hatte Kopfschmerzen, aber dagegen half Afterbite zuverlässig.
In der Apotheke von Walferdingen kaufte ich den Restbestand von fünf Afterbite-Sticks auf, danach stattete ich den Apotheken von Steinsel und Mersch einen Besuch ab, sogar bis nach Ettelbrück fuhr ich, dort gab es zwei Apotheken. Die Sonne grinste zahnlos vom Himmel herab, als habe sie es auf mich persönlich abgesehen. Deshalb kaufte ich in der zweiten Ettelbrücker Apotheke ein paar Jumbotuben Sonnencreme und schmierte das Auto damit ein.
Die Reise war lang und beschwerlich, ich verbrauchte fast einen ganzen Stick Afterbite. An einem sprudelnden Bächlein in der Gegend von Colmar-Berg machte ich Rast. Während mein braver Golf ein Sonnenbad nahm, fing ich ein paar Forellen mit der Hand, um etwas Diversität in unseren Speiseplan zu bringen. Meine Idee, die zappelnden Viecher gleich hier auf dem Autodach zu grillen, verwarf ich, die Katze sollte auch etwas davon abbekommen, das hatte sie sich verdient, schließlich hatte sie in den letzten Tagen für unser Essen gesorgt.
»Forelle Müllerin«, erklärte ich der Katze, die auf der Fritteuse saß und interessiert zusah, wie ich, in Mehlstaubwolken und Afterbite-Schwaden gehüllt, die Forellen durch die fingerdicke Schicht Mehl rollte, die ich großzügig auf der Anrichte und dem Küchenboden verteilt hatte.
»Altes Bauernrezept: pro Forelle ein Kilo Mehl und ein Kilo Butter. Dann noch jeweils ein Pfund Butter für die Füllung.«
Die Katze nickte und deutete fragend mit der Vorderpfote auf die Zitronen, die stellenweise aus dem Mehlgebirge herausragten wie erloschene Vulkane aus einer Mondlandschaft. »Zitronen sind optional«, sagte ich. »Sie machen es leichter verdaulich für Leute mit einer Butterintoleranz.«
»Du denkst doch daran, die Katze jeden Tag nach Zecken abzusuchen?«, durchbrach meine Schwester zwei Stunden später mein verträumtes Verdauungssurfen auf Facebook. »Problem gelöst«, schrieb ich zurück, während das Mehl nur so aus der Tastatur staubte.
Einer meiner Facebook-Freunde hatte nämlich gepostet, dass Kokosnussöl das wirksamste Mittel gegen Zecken sei. Kokosöl hatte ich zwar keins im Haus, aber zur Not würde es sicher auch Olivenöl tun, befand ich. Ich füllte einen Eimer mit ein paar Litern Olivenöl, gab auch noch etwas Kräuter der Provence, Pfefferkörner und Lorbeerblätter dazu, rundete das Ganze mit einem Schuss Balsamico-Essig ab und tunkte die Katze hinein.
»Es ist nur zu deinem Besten«, erklärte ich dem zappelnden Tier und hielt es gut fest, damit die Marinade sich auch schön auf der Haut verteilte und in alle Poren einsickern konnte. Nachdem die Behandlung beendet war, schüttelte die Katze sich, warf mir einen bösen Blick zu und zog von dannen.
Die wird sich schon wieder einkriegen, dachte ich. Vor allem wenn sie erst mal sehen würde, was ich ihr heute ins Trinkschälchen getan hatte. Echte Kriegerinnen tranken keine Milch, und die Katze hatte zur Genüge bewiesen, dass sie eine Kriegerin war, heute Morgen hatte sie ein junges Schaf gerissen. Zur Belohnung hatte ich Met für sie hergestellt, aus Biobier und organischem Bienenhonig. Zwar war bei der Fabrikation und dem Transport des Mets ein gewisser Streuungseffekt aufgetreten, der bewirkte, dass einige Stellen des Hauses jetzt deutlich klebriger wirkten als vorher, aber wenn man seine Laufwege darauf einstellte, war das eigentlich kein Problem. Also das Haus war im Prinzip noch bewohnbar, so schlimm wie damals, als ich versucht hatte, Borschtsch nach der Original-Woronesch-Formel zu kochen und meine Familie daraufhin in eine andere Stadt umziehen musste, war es jedenfalls nicht. Gut, damals war ich auch erst acht gewesen.
Tag vier
Bald würde meine Familie wieder nach Hause kommen, und zur Feier des Tages hatte ich ein zünftiges Irish Stew vorbereitet, das jetzt fröhlich auf einem Holzfeuer in der Garage vor sich hin schmurgelte. Um genug Feuerholz zusammenzubekommen, hatte ich den Fliederbusch, die kleine Blautanne und noch ein paar namenlose Sträucher gerodet, der Garten sah jetzt schon viel aufgeräumter und urbaner aus. Das Schaf, das die Katze mir gestern gebracht hatte, hatte ich eigenhändig ausgeweidet und entbeint. Ich war wirklich stolz auf mein Werk. Da das mittelgroße und die kleinen Messer irgendwo unter Mehl und leeren Afterbite-Sticks verschollen waren, hatte ich nur das große Hackmesser zur Verfügung gehabt, und das war bei der Feinarbeit, also Sehnen und Knorpel, nicht gerade praktisch. Dennoch war das Schaf von meinen sensiblen Metzgerhänden nach und nach in mundgerechte Stücke zerteilt worden. Die Fleischabfälle und Knochen hatte ich einfach in den Garten geworfen, für das Rabenvolk, gegen 9:34 Uhr konnte ich sogar die erste Sichtung eines Bartgeiers in Luxemburg seit 458 Jahren vermelden.
Für die Katze und mich bereitete ich ein nahrhaftes Eichhörnchenragout zu, dann leerte ich einen Afterbite-Stick in meiner Nase aus und nahm eine Martini-Dusche, um das Schafsblut abzuwaschen. Danach rollte ich mich in Paniermehl. Warum? Weil es irgendwie Spaß machte. Weil ich es konnte, keine Ahnung, warum. Die Katze betrachtete mich kopfschüttelnd und machte sich Notizen.
Gegend Abend traf meine Familie ein. Ich hoppelte ihnen freudig schnurrend auf allen vieren entgegen, ganz mit Panade bedeckt. Meine Schwester bedachte mich mit einem merkwürdigen Blick. Es war der gleiche Blick, den Gregor Samsas Schwester Gregor Samsa zugeworfen haben musste an jenem Morgen, als alles begann.
Ich miaute sie vorwurfsvoll an und deutete mit der linken Vorderpfote auf meinen leeren Fressnapf.
Die Katze saß rauchend am Laptop und tippte irgendwas, wahrscheinlich diesen Text.
EBER IM NEBEL
Ein Rascheln in der Maisplantage, eine kaum wahrnehmbare Bewegung, dort, wo das Feld in Mischwald übergeht.
»Sie kommen«, flüstert Sir Percival Batchelor mir aufgeregt zu. »Bleiben Sie dicht hinter mir, und machen Sie mir alles nach, dann wird man Sie für ein Jungtier aus meiner Rotte halten.« Er lässt seine 120 Kilo Lebendgewicht (»Kartoffeln, seit 20 Jahren nichts als Eicheln und Kartoffeln, old boy!«) auf alle viere plumpsen und nimmt Witterung auf. Der Schnurrbart zittert, sein verbeulter Tropenhelm ist in den Nacken gerutscht, borstige Haarbüschel gucken aus seinen Ohren, der Blick der rot geränderten Äuglein ist ins Weite gerichtet. »Oink, oink«, gurrt er zärtlich. »Oink-o? O-ink?«
Wieder mal falscher Alarm, denke ich verdrießlich. Ein Betrunkener auf dem Heimweg oder ein Eingeborener, der seinen Hund Gassi führt. Ich lehne mich gähnend gegen das rostige Chassis des alten Traktors mit DDR-Kennzeichen, der uns als Basislager dient.
Doch Sir Percival macht mir hektisch Zeichen. Widerstrebend lasse auch ich mich auf allen vieren nieder und grunze lustlos.
Mir ist kalt. Und es ist nass. Der Schlamm, in dem wir uns gesuhlt haben, damit die Wildschweine uns akzeptieren, will in der feuchten Kühle des Morgens einfach nicht trocknen. Seit Ewigkeiten habe ich nicht mehr richtig geschlafen. Nachts finden wir keine Ruhe wegen des Geheuls der Wölfe, die sich immer näher an die menschlichen Siedlungen heranwagen, hier in Deutschlands wildem Osten, wo Europa langsam in Asien übergeht und sich Pole und Mongole Gute Nacht sagen.
Seit zwei Wochen harren wir in der vernebelten, verregneten Einöde der Vorstadtlandschaft aus, ohne ein einziges Wildschwein gesichtet zu haben. Wir sind auf der Suche nach dem Familienverbund, mit dem Sir Percival Batchelor, der legendäre Wildschweinflüsterer, in den Achtzigerjahren zusammengelebt hat. Zum wiederholten Mal frage ich mich, worauf ich mich hier eingelassen habe.
Sir Percival möchte beweisen, dass die letzten Prenzlauer-Berg-Wildschweine, die durch seine zahllosen Bücher und Filme (Eber im Nebel, Keilerdämmerung, Der Sommer des Überläufers, Ein Bett im Kornkreis) weltberühmt wurden, immer noch hier am Rand des Schrebergartengürtels hausen.
Durch Gentrifizierung und invasive Schweinebanden aus der Provinz wurden die einst häufigen Tiere im zwanzigsten Jahrhundert aus ihrer Pankower Heimat verdrängt und wichen in die dünn besiedelten Sumpfwälder von Treptow-Köpenick südlich des Müggelsees aus.
Sir Percys Filme zeigten der Welt, dass es auch Wildschweine gibt, die sich zu benehmen wissen, »gentleboars« und »ladysows«, wie er sie nennt. Damit vermittelte er der zivilisierten Welt ein neues Bild der sanften Riesen, die hier im abgelegenen Berlin – die nächste menschliche Siedlung ist Minsk – gerade wieder gnadenlos bejagt und von ängstlichen Radfahrern und Badegästen als mordlustige Bestien und notorische Langfinger verteufelt werden.
Nachdem die Geschichte der »Klausau vom Teufelssee« um die Welt ging, ist das Wildschwein in Berlin ja endgültig zum Problemtier geworden. Sir Percival hat den ominösen Videoclip, in dem man einen nackten Mann sieht, der ein Wildschwein und zwei Frischlinge verfolgt, die seine Tasche samt Laptop gestohlen haben, gründlich analysiert: »Das war keine von meinen Sauen«, erklärt er kategorisch. »Die fürchten sich nämlich vor Menschen, und das mit Grund. Wir haben es hier mit Rotten von Zugezogenen zu tun, die jegliche Contenance verloren haben und in organisierten Gangs die Badeseen unsicher machen, von menschlichen Müllbergen angelockt. Old-School-Schweine machen so etwas einfach nicht.«
Während in der ganzen Welt, dank mutigen Tierfilmern wie Henry Lee Nugent aus Razorback/Arkansas, der in eine namibische Warzenschweinfamilie einheiratete, oder dem »Schweinemann von Borneo«, Dr. Luc van Eyck, der Indonesiens Hirscheber in einem modernen Staatswesen organisierte, das Bild des Schweins als nächstem Verwandten des Menschen eine Aufwertung erfuhr, herrschen in diesen rückständigen Regionen Eurasiens leider noch immer die alten Vorurteile.
»O-oink O-ink-o«, tönt es vom Waldrand. Ich fahre aus meinen trüben Gedanken hoch.
»Claire, altes Mädchen«, quiekt Sir Percival und verschwindet erstaunlich behände zwischen den meterhohen Maisstauden. Ich folge auf allen vieren.
Und dann sehe ich das mächtige Tier: Gleich Zahnstochern knickt es die Maispflanzen, wie ein T-34-Panzer walzt es auf Sir Percy zu.
Lady Claire, die gewaltige Silberrücken. Und ihre Rotte folgt auf dem Fuß, ich sehe in Schweinsgesichter, die jeder, der in den Siebzigern und Achtzigern aufgewachsen ist, aus dem Fernsehen kennt. Claires in Ehren ersilberte Ehemänner Paddington und Pinkerton, die Töchter Emily, Emma und Posh, die Söhne Lipton und Tipton, mittlerweile alle selbst mit Familie. Frischlinge und Frischlingsfrischlinge. Älter sind sie geworden, reifer, aus Frischlingen wurden Überläufer, aus Überläufern Eber …
Sie begrüßen Sir Percival wie eine Rugbymannschaft den alten Jugendtrainer, mich lassen sie zum Glück links liegen, beäugen mich bloß. Ich halte mich zurück und vermeide Blickkontakt, nur wenn ich angerempelt werde, grunze ich höflich.
Plötzlich hält Sir Percival, der sich eben noch fröhlich im Matsch wälzte, inne. Sein Blick wird suchend, fragend.
»Heathcliff«, fragt er. »Wo ist denn Heathcliff?«
Ja, wo ist er? Heathcliff, dessen Waisenschicksal Millionen vor den Bildschirmen zu Tränen rührte. Der Findelfrischling, dessen gesamte Rotte von gewissenlosen Düsseldorfer Trophäenjägern ermordet wurde. Sir Percival fand ihn, halb verhungert, nicht größer als ein Frühstücksei, zwischen den kopflosen Leichen seiner Familie und zog ihn mit der Flasche auf. Der Whiskyflasche, wohlgemerkt. Die Geschichte, wie er aufwuchs, dann ausgewildert und von Claires Rotte adoptiert wurde, ist durch den Film Wurmhöhe unsterblich geworden.
»Oinky-doinky!« Die Maisstauden teilen sich; Heathcliff, mittlerweile ein stattlicher Keiler von den Ausmaßen eines VW Polo, stürmt heran und wirft sich Sir Percy in die Arme. »Du kleiner Schelm!«, ruft dieser. »Wolltest mir einen Schrecken einjagen.«
Und dann werde ich Zeuge des bezauberndsten Naturschauspiels, dem ich je beiwohnen durfte.
Wie auf Kommando stellen die Wildschweine sich im Halbkreis vor Sir Percival auf.
Ich befürchte einen Angriff, will schon eingreifen, beziehungsweise weglaufen, da gibt Sir Percy mir ein Zeichen, mich still zu verhalten.
Lady Claire stampft, einmal, zweimal mit dem rechten Vorderhuf auf, trampelt einen Takt, und dann beginnen alle, miteinander zu grunzen, schnell erkenne ich das Lied: Die ganze Rotte grunzt »For he’s a jolly good fellow«, um Sir Percival willkommen zu heißen, das Lied, das er ihnen, nebst anderen britischen Traditionen, einst beigebracht hatte.
Etwas später. Wir haben es uns auf einem Kartoffelacker gemütlich gemacht und brunchen mit der Wildschweinfamilie, es gibt junge Kartoffeln und frische Regenwürmer auf Toastbrot. Sir Percy lässt eine Thermoskanne Tee herumgehen, an der die Schweine schmatzend saugen.
»Ich hätte nie gedacht, dass sie uns Menschen so ähnlich sind«, flüstere ich Sir Percival zu.
Der nickt. Ganz entspannt ist allerdings niemand, das hier ist immer noch ein Jagdrevier. Es sollen Waidmänner gesichtet worden sein, und die Wildschweine sind trotz aller Wiedersehensfreude wachsam.
Das Naturvolk der Waidmänner (in ihrer eigenen Sprache nennen sie sich »Halali«) lebte einst als Jäger und Sammler in den urtümlichen Regenwäldern Brandenburgs, bis hier im Nichts die künstliche Hauptstadt Berlin aus dem Boden gestampft wurde. Das Berliner Schurkenregime fing die freien Waidmänner ein und verdonnerte sie zu einem sesshaften Lebensstil. Heutzutage vegetieren sie in primitiven Reihenhaussiedlungen, verlernen ihre alte Sprache, das Jägerlatein, gehen geregelter Arbeit nach und werden darüber depressiv und alkoholkrank. Am Wochenende aber legen sie ihre grüne Stammestracht an, beschmieren sich die Gesichter mit Blut und wandern singend hinaus in die alte Waldheimat, wo sie nach Art der Vorfahren Jagd machen auf »Rotwild« und »Schwarzwild«, wie es in ihrer Sprache heißt.
Dem Volk der Schreber, das das fruchtbare Grasland zwischen Elbe und Ural jahrtausendelang als Kleinviehzüchter und Gärtner bevölkerte, bekam der sogenannte Fortschritt nicht besser. Ihre gewaltigen Karnickelherden wurden aus »hygienischen« Gründen vergast, ihre Gemüsegärten in nachhaltige Freizeitparks für junge Musterfamilien umgewandelt. Die kümmerlichen Überreste des Stammes leben in »Schrebergartenkolonien« genannten Slums an der Grenze des Stadtmolochs. Doch ihre baufälligen Wellblechhütten und Wohnwagen, ihre Gartenzwerg-Totems und Bambi-Fetische sind der Obrigkeit weiterhin ein Dorn im Auge. In den nächsten Jahren sollen sie einem »Kiez« weichen, für die wachsende Schar der Hipster und Kreativen, die heuschreckengleich aus den entlegensten Sümpfen und Hinterwäldern in Berlin einfallen, auf der Suche nach Futtertrögen und Wohnraum.
Plötzlich ertönt ein Pfiff so schrill, dass ich mich fast an meinem Engerling verschlucke. Ich blicke auf. Die Wildschweine gehen in Kampfformation.
»Die Waidmänner«, schießt (sic!) es mir durch den Kopf. Doch als ich aufblicke, sehe ich nur eine zwergenhafte, in Kakiuniform und rotes Pfadfinderhalstuch gekleidete Gestalt mit Feldstecher, vielleicht 1,20 Meter hoch, die uns vom Rand des Ackers aus beobachtet.
Ein Spreewaldpygmäe, denke ich aufgeregt, wir haben das verlorene Volk der Spreewaldpygmäen entdeckt, das immer noch ohne Kontakt mit der Zivilisation in den undurchdringlichen Auwäldern hausen soll. Als die Gestalt sich langsam nähert, erkenne ich, dass ich mich geirrt habe. Es ist kein Spreewaldpygmäe. Es ist Hannes Jaenicke.
Ein Kameramann folgt ihm geduckt.
»Konkurrenz«, ruft Sir Percival empört.
Schnell hissen wir das BBC-Banner und die National-Geographic-Flagge. Diese Rotte gehört uns!
»Können wir verhandeln?«, ruft Jaenicke. »Ich brauche nur ein paar Aufnahmen, wo ich mit Wildschweinen kuschle und
Frischlinge herze. Dafür kriegen Sie exklusives Großtrappenmaterial von mir. Total flauschige Küken.«
»No fuckin’ way«, brüllt Batchelor und richtet einen alten Vorderlader, wo hat er den auf einmal her?, auf Jaenicke.
Der weicht zurück. Doch im Hintergrund sehe ich eine gewaltige Staubwolke aufsteigen: Das restliche Team der ZDF-Sendung Deutschlands letzte Paradiese ist im Anmarsch. Kamerakräne, Lastwagen, Kabelrollen, Raupenfahrzeuge, Luxuswohnmobile, Andreas Kieling im Lendenschurz auf einem Przewalski-Pferd und die komplette Fernsehgarten-Bühne.
Die sind in der Überzahl. Uns bleibt nur die Flucht.
Hinein in den Busch. Ich finde mich auf einem Wildschwein reitend wieder, ich glaube, es ist Paddingtons ältester Sohn Harvey oder Horsey. Tiefer, immer tiefer dringen wir in die unberührte Wildnis vor, rennen Jogger um, weichen Wisenten aus und zertrampeln illegale Cannabispflanzungen.
Irgendwann, nach gefühlten Stunden, halten wir inne. Hannes Jaenickes verzweifelte Stimme, »Ich gebe euch Rohrdommeln, Löffelreiher, Trauerschnäpper, was immer ihr wollt«, ist in der Ferne verpufft, Andreas Kielings gutturale Kriegsschreie sind verklungen. Wir haben sie abgehängt. Auf einer Lichtung lassen wir uns erschöpft in den Schlamm fallen. Lady Claire schickt Wachtposten und Späher aus.
Diese Gegend hat bestimmt noch nie ein Mensch betreten, denke ich, und lehne mich gegen einen bemoosten Baumstamm.
»Wie kommt es eigentlich«, frage ich Sir Percival, »dass die Schweineversteher immer männlich sind? Henry Lee Nugent, Dr. van Eyck, Sie, während die Menschenaffenforscherinnen alle weiblich waren: Jane Goodall bei den Schimpansen, Dian Fossey bei den Gorillas, Birutè Galdikas bei den Orang-Utans …«
»Well«, sagt Sir Percival und beißt einer Haselmaus den Kopf ab. »Wir Männer können uns vermutlich besser in die sensiblen Schweine hineinversetzen. Frauen fehlen da wohl einfach die nötigen Antennen für die monolithische Gefühlswelt der scheuen Tiere.«
»Ah ja«, sage ich und beiße in einen roten Pilz mit weißen Tupfen drauf, von dem mir die Wildschweine durch aufmunterndes Zugrunzen versichert haben, dass er ungiftig sei.
»Während Frauen mit ihrem Multitasking«, fährt Sir Percy fort, »die Ordnung in so einer Rotte nur durcheinanderbringen würden. Bei Wildschweinen gibt es für alles eine Zeit: Suhle ist Suhle, und Eichelmast ist Eichelmast, da gibt’s kein Vertun.«
»Wahrlich«, sage ich zerstreut und nehme mir einen zweiten Pilz. Wirklich lecker, die Dinger. Erdiges Aroma mit nussiger Note, ein Hauch mulchig im Abgang.
»Außerdem sind, wie Sie ja mittlerweile wohl wissen werden, Wildschweine streng matriarchal organisiert. Ein rottenfremdes Weibchen würde von der Alpha-Bache als Konkurrenz angesehen werden. Zickenkrieg vorprogrammiert. Bei einer patriarchal organisierten Gesellschaft, wie eben Menschenaffen, stellt sich das Problem natürlich nicht. Beziehungsweise eben doch, nur umgekehrt.«
»Umgekehrt. Latürnich«, sage ich. Einer geht noch, denke ich und esse den nächsten Pilz. Endlich fange ich an, mich wohlzufühlen unter den wilden Schweinen. Ich wühle mich tiefer in den Dreck hinein und fange an zu tagträumen. Fast wie im Märchen hier.
Gerade als ich kurz vor dem Wegtreten bin, kommt ein junger Keiler auf unsere Lichtung gesprintet. Aufgeregt grunzt er etwas in seiner Sprache. Die anderen Wildschweine sind sofort hellwach.
»Sie scheinen etwas entdeckt zu haben«, meint Sir Percy. »Folgen wir ihnen.«
Leicht benommen stolpere ich hinterher.
Plötzlich öffnet sich das Dickicht des Waldes und gibt den Blick auf eine grüne Ebene frei: Felder, so weit das Auge reicht, Gurkenfelder, nichts als Gurken, dazwischen Bewässerungskanäle und Schilfhütten.
Und Menschen. Klein. Winzig. Männer und Frauen mit weißen Bärten und roten Zipfelmützen. Sie halten Schäufelchen, Heugäbelchen und Hackebeilchen in den Händen.
»Wir haben die geheimen Gurkengründe der Spreewaldpygmäen entdeckt«, flüstere ich ergriffen.
Ich möchte auf die kleinen Menschen zueilen, doch Sir Percy hält mich zurück.
»Niemand«, zischt er, »niemand, der die geheimen Gurkengründe der Spreewaldpygmäen zu Gesicht bekam, ist je wieder von dort zurückgekehrt.«
Woher will er das denn wissen, denke ich.
»Ach was, die sind total lieb, die Zwerge«, sage ich. »Sooo lieb sind die.«
Die Wildschweine schauen besorgt und ziehen sich geräuschlos ins Unterholz zurück.
Energisch zupft Sir Percy mich am Ärmel, »Kommen Sie jetzt mit, Sie Idiot. Solange es noch geht.«
Dann ist Sir Percy verschwunden. Mir doch egal.
Ich will mich gerade erheben und den Zwergen eine Begrüßung zurufen, vielleicht eine Rede halten, mir ist irgendwie danach, da bohrt sich etwas Hartes in meine Kniekehle. Ich drehe mich um. Es ist eine Lanze in Spielzeuggröße, die einer der Zipfelmützenzwerge in den Händen hält. Er ist nicht allein. Im Nu bin ich umzingelt von ungezählten Spreewaldpygmäen mit Waffen aller Art. Knüppel, Speere, Sensen, Dreschflegel, sogar eine zweizackige Harpune sehe ich.
»Hui, Frissfleiss«, lacht der mit der Lanze.
»Ei, Wonntagsbrat’n«, kichert der mit dem Zweizack.
»Hey, Leute«, rufe ich, »ich komme in Frieden.«
»Von weg’n Fried’n. Er hat unf Twerge g’nannt. Hab’t g’nau g’hört«, kreischt einer der Zwerge.
Die müssen uns die ganze Zeit über beschattet haben, fährt es mir durch den Kopf.
»Und detthalb mutt d’r Frevler fterben«, kräht der mit der Lanze. »Keiner b’leidigt ungeftraft ’n ftolten Ftamm d’r Fpreewaldpygmä’n.«
»Hurra, hurra, ’t gitt Mentsenfleiss!«, jubeln alle und werfen ihre Zipfelmützen in die Luft.
Ich drehe mich um, um zu flüchten. Wäre doch gelacht, wenn diese Winzlinge …
Ein fachkundig geworfenes Lasso schlingt sich um meinen Hals, ich werde zurückgerissen und falle in den Schlamm. Sofort sitzen Dutzende Spreewaldpygmäen auf mir drauf. Eine winzige Speerspitze zittert Zentimeter vor meinem rechten Auge.
»Keine Faptfen«, droht der Lanzenzwerg und drückt seine Waffe gegen meine Gurgel. Dann ruft er: »Einhorn! Einhorn, hierher!«
Ein plumpes Tier, groß wie ein Ackergaul, mit verfilztem Fell in schmutzigem Lila und einem meterlangen blutverkrusteten Horn auf der Stirn, kommt herangestampft. Es zieht einen altertümlichen Leiterwagen, auf dem ich rostige Ketten entdecke.
»Hau ruck, hau ruck«, skandieren die Zwerge, während sie mich am Lasso zum Karren führen. Ich habe keine Wahl, als ihnen zu folgen, mit der Schlinge um den Hals. Sie pieksen mich auffordernd mit ihren Waffen, und ich steige auf den Wagen. Es riecht nach altem Erbrochenen und frischem Einhorndung. Ein paar Zwerge hüpfen mir hinterher. Ketten schließen sich um meine Hand- und Fußgelenke. Irgendwer stopft mir eine Zwiebel in den Mund.
Unfähig, mich zu rühren, richte ich den Blick auf die Anhöhe, dorthin, wo wir hergekommen sind, und sehe mehrere Gestalten, die sich im Schatten der Bäume bewegen. »Sir Percy und die Wildschweine, sie sind gekommen, um mich zu retten«, denke ich erleichtert, »sie werden mich hier nicht allein sterben lassen.«
Nun erkenne ich die majestätischen Silhouetten der Wildschweine ganz deutlich im Schein der untergehenden Sonne. Sie haben sich in einer Reihe aufgestellt, kommen aber nicht näher heran. Der Zwerg auf dem Kutschbock lässt die Peitsche knallen, das Zugtier stößt ein rasselndes Geröchel aus, das eher nach Raucherhusten als Wiehern klingt. Dann setzt der Einhornkarren sich schwerfällig in Bewegung.
Sir Percys Stimme schallt über die Ebene: »One, two, three, four.«
Und die Wildschweine beginnen, im Chor zu grunzen:
»When you walk through a storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark
At the end of a storm
There’s a golden sky
And the sweet silver song of a lark
Walk on through the wind
Walk on through the rain
Though your dreams be tossed and blown
Walk on, walk on
With hope in your heart
And you’ll never walk alone«
DIE BESCHWERDE
Sehr geehrter Herr Funny van Dannen,
ist »van Dannen« eigentlich Ihr richtiger Name?
Das ließe darauf schließen, dass Sie Holländer sind, also kein Muttersprachler (was vielleicht Ihren eher saloppen Umgang mit der deutschen Sprache erklären würde), ich hoffe aber mal, Sie verstehen trotzdem genug Deutsch, um das Folgende rezipieren zu können. Ich werde versuchen, so sachlich und konzis wie möglich zu bleiben, selbst wenn’s schwerfällt.
Ich wende mich auf diesem Weg an Sie, um mich zu beschweren.
Es geht um Ihren Song »Okapiposter«, den mir der Jens, mein Pfleger, neulich auf YouTube vorgespielt hat. Um mich zum Lachen zu bringen. Aber so lustig fand ich das, ehrlich gesagt, nicht.
Zwar habe ich durchaus Humor, und niemand weiß einen guten Witz mehr zu schätzen als ich. Selbst wenn er auf meine Kosten geht. Man soll sich nicht allzu ernst nehmen, dafür ist das Leben viel zu kurz. Oder wie der Jens immer zu mir sagt: »Plummy, ohne dich wäre es nur halb so lustig hier im Zoo.«
Humor ist ja, wenn man trotzdem lacht, aber wenn ich so etwas wie das hier höre, dann hört für mich der Spaß auf:
»Ich wollte ein Okapiposter,
und was schenkst du mir?
Das ist kein Okapi. –
Das ist ein Schabrackentapir!
Jetzt ist der Geburtstag im Eimer, das ist dir ja hoffentlich klar.
Wenn das mal kein schlechtes Omen ist
für das ganze nächste Jahr!«
Sie ahnen es vielleicht bereits: Ich bin ein Schabrackentapir. Und ich bin not amused. Au contraire, ich muss Ihnen leider in aller Deutlichkeit sagen, dass ich diesen Text ziemlich verletzend, ja geradezu ehrabschneidend finde. Für mich, für alle Schabrackentapire auf der Welt!
Mal ganz davon abgesehen, dass es sehr unhöflich ist, ein Geschenk auf diese Art zurückzuweisen – und das auch noch in aller Öffentlichkeit, die Person hat es doch sicher nur gut gemeint –, also mal abgesehen vom eklatanten Mangel an guter Kinderstube, der sich hier offenbart: Was bitte hat ein Okapi, das ein Schabrackentapir nicht hat?
Okapis sind doch nichts weiter als zu klein geratene Giraffen ohne Hals, die farblich daherkommen, als hätte ein expressionistischer Maler im Absinthrausch mit seiner Palette nach ihnen geschmissen.
Was glauben Sie denn, warum diese Behelfsgiraffen erst vor 100 Jahren von den Menschen entdeckt wurden? Weil sie nicht entdeckt werden wollten, darum! Minderwertigkeitskomplexe haben sie, und das mit Grund. Jahrtausendelang trauten sie sich nicht hinaus auf die Savanne, wo alle Bewohner, von Schuppentier bis Warzenschwein, über sie gelacht hätten. Stattdessen hielten sie sich im tiefsten Dschungel versteckt, aus Scham, keine vollwertigen Giraffen zu sein, sondern ein gründlich danebengegangener Scherz der Evolution.
Ausgerechnet Okapis. So ein missglücktes Geschöpf einem schönen Schabrackentapir vorzuziehen, ist äußerst herabsetzend, und ich muss mich im Namen aller meiner Artgenossen auf das Entschiedenste dagegen verwehren, mit Okapis in einen Topf geworfen zu werden.
Aber gut, lassen Sie uns nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, schließlich kann keiner was dafür, wie er aussieht. Ich für mein Teil bin dem Schicksal jedenfalls sehr dankbar, als Schabrackentapir und nicht als Okapi geboren zu sein, daran kann auch Ihr Lied nichts ändern. Sie wollen keinen Schabrackentapir zum Geburtstag, na schön. Ich kann mir auch Tausende Leute vorstellen, an die ich lieber zum Geburtstag verschenkt werden würde als an Herrn Funny van Dannen. Menschen, die froh und dankbar über einen geschenkten Schabrackentapir wären und ihn pfleglich und liebevoll behandeln würden. Aber Monsieur hätte lieber ein Okapi. Es fällt wirklich schwer, das ernst zu nehmen.
Ich möchte meinen Ärger über Ihr Lied aber auch nicht an den Okapis auslassen (vielleicht ist es ja genau das, was Sie wollen?), schließlich hat kein Okapi diese bedauerliche Affäre losgetreten, sondern Sie, ein erwachsener Mensch, der sich den Folgen seiner Handlungen bewusst sein sollte.
Darüber hinaus finde ich es ehrlich gesagt sehr traurig, wie hier eine bedrohte Tierart gegen eine andere ausgespielt wird, zur Gaudi Ihres (wenn ich mir das YouTube-Video so ansehe, durchaus überschaubaren) Publikums. Das gibt nur böses Blut zwischen Okapis und Schabrackentapiren, und wem sollte das etwas nutzen.
Wäre es nicht viel verständiger, wenn wir speziesübergreifend alle zusammenhalten würden, um dem Artensterben Einhalt zu gebieten? Dazu gehören auch gute Presse und Visibilität für seltene Tiere in der Öffentlichkeit. Von daher finde ich es grundsätzlich erfreulich, dass es ausnahmsweise mal nicht um Koalas, Wölfe oder Blauwale geht, sondern um ein Tier, das keine so große Lobby hat.
Aber statt die Gelegenheit zu nutzen, um auf das Schicksal der Schabrackentapire hinzuweisen (es gibt nur noch zweitausend von uns!), machen Sie sich lustig.
Stellen Sie sich mal vor, ein hitzköpfiger Schabrackentapirjüngling, der über weniger Langmut und Weltklugheit verfügt als ich, bekommt etwas von diesem Lied mit und leitet eine Blutfehde gegen Okapis in die Wege. Es sind schon Kriege aus geringerem Anlass ausgebrochen!
Und was wissen Sie schon von mir und meinem Leben? Ich bin hier im Gehege der einzige Schabrackentapir unter lauter Bergtapiren, Sie können sich gar nicht vorstellen, was da an Mobbing abgeht. Die unscheinbaren braunen Bergzwerge neiden mir meine schöne Färbung und meine stattliche Statur. Was kann ich denn dafür, dass ich der Blickfang bei den Besuchern bin und immer alle nur mich füttern wollen? Da kommt zum Schabrackenneid auch noch Futterneid hinzu.
Zum Glück bin ich von Natur aus ein Solitär und kann auf die Gesellschaft dieser Neidhammel verzichten. Mein einziger Freund hier ist der Jens. Wenn er Pause hat, kommt er immer bei mir vorbei, und wir unterhalten uns und hören zusammen Radio oder gucken YouTube.
Ich habe weiß Gott kein einfaches Leben gehabt, bin von einem Tierpark zum anderen durchgereicht worden, vier Zoos in drei Ländern auf zwei Kontinenten. Meine Mama ist mir früh genommen worden, von Gummipflanzern, und ein gutherziger Mensch fand mich als hilfloses Baby und brachte mich in den Pahang-Nationalpark. Dort begann meine Odyssee.
Darüber könnten Sie mal ein Lied schreiben! Anstatt mich und meine gesamte Art zu »dissen«, wie man wohl heutzutage sagt. Vielleicht würde das Ihrer Karriere sogar guttun, ich zumindest habe noch nie eines Ihrer Lieder auf dem Schlagerkanal oder im Oldiesender gehört, und ich höre den ganzen Tag Radio.
Ja, schreiben Sie doch mal ein Lied über meine Mama, so wie Heintje das gemacht hat. Der konnte wenigstens richtig singen, im Gegensatz zu gewissen anderen Leuten, und der würde sicher nicht undankbar und selbstmitleidig rumnölen, wenn er einen Schabrackentapir zum Geburtstag geschenkt bekäme, sondern hätte sich einfach höflich bedankt.
Was haben Sie sich nur dabei gedacht? Es will nicht in meinen Kopf.
Kommt man heutzutage in die Charts, wenn man Schabrackentapire verhöhnt? Ist es so weit gekommen mit der Menschheit? Wenn solche Lieder über meine Art im Umlauf sind, dann wundert es auch nicht, dass wir auf der Roten Liste stehen.
Es ist übrigens kein Niemand, der Ihnen hier schreibt. Seit meiner Ankunft vor fünf Jahren halte ich mich konstant in den Top Ten der beliebtesten Zoo-Insassen, die am Ende jedes Kalendermonats vom Personal erstellt werden. Und an meinem letzten Geburtstag war sogar ein kleiner Artikel über mich im Stadtanzeiger, der Jens hat ihn herausgeschnitten und an die Wand meines Schlafstalls gepinnt.
Und dann muss ich mir so etwas anhören:
»Okapis sind Giraffen, ein Tapir sieht aus wie ein Schwein.«
Nur zu Ihrer Information: Schweine sind Paarhufer.
Ich aber bin Unpaarhufer, mein Herr!
Meine Verwandten sind edle Pferde und stolze Nashörner, nicht schnöde Schweine und anderes Nutzvieh.
Das ist eigentlich Beweis genug, dass Ihr Schabrackentapir-Shaming von keinerlei naturwissenschaftlicher Sachkenntnis unterfüttert ist. Es gibt doch so viele Themen für Schlagersänger, müssen es da wirklich Schabrackentapire sein (von denen Sie ja offensichtlich nichts verstehen)?
Wenn Sie zu cool sind, um über Mama zu singen, dann singen Sie doch über die Kunst des Schachspiels wie Roland Kaiser, oder über Marmor, Stein und Eisen wie Drafi Deutscher, über Nippel wie Mike Krüger, Theater wie Katja Ebstein, über losen Atem wie Helene Fischer. Oder über ’nen Cowboy als Mann wie Gitte Hænning!
Oder machen Sie es meinem großen Idol Udo Jürgens nach (der Jens hat mir ein signiertes Poster besorgt, das gleich neben meinem Pressefoto hängt), und besingen Sie griechischen Wein, Schlagsahne und New York, tun Sie sich mit der Fußballnationalmannschaft zusammen, und rufen Sie es in die Welt hinaus:
»Buenos Dias, Argentina, er war lang, mein Weg zu dir,
doch nun schwenk ich den Sombrero, Buenos Dias, ich bin hier.«
Udo Jürgens, er fehlt so sehr. Was habe ich an dem Tag geweint, als ich von seinem Ableben erfuhr. Udo Jürgens hätte sich bestimmt nicht über einen geschenkten Tapir beschwert, der hätte sich ans Klavier gesetzt und »Merci, chérie« gesungen.
Und jetzt kommen Sie mir nicht damit, dass das alles alte Lieder von alten Leuten sind, es gibt durchaus auch junge Menschen, die gehaltvolle Musik produzieren. Kennen Sie das aufstrebende Schlagerkollektiv Die Ärzte?
Hören Sie mal rein, die zeigen, wie es richtig gemacht wird, singen über Blumen und über die Liebe zwischen Claudia und ihrem Schäferhund. Und das alles mit dem gebotenen Respekt gegenüber Flora und Fauna, den Sie vermissen lassen.
Ja, von Schlagern kann ich Ihnen ein Lied singen! Wenn ich kein Schabrackentapir wäre, dann wäre ich Schlagersänger geworden.
Und nehmen Sie sich meine Ratschläge, ihr Songwriting betreffend, gerne zu Herzen, dann klappt’s vielleicht irgendwann mal mit dem Oldiesender.
In der Hoffnung auf ein klärendes Gespräch verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen,
Ihr Plummy
Schabrackentapir und stolz darauf
KARL – SCHICKSALSJAHRE EINER GALAPAGOS-SCHILDKRÖTE
An diesem Strand war er zur Welt gekommen. Und gleich vom Start weg war das Leben unfassbar schnell und gefährlich gewesen, erinnerte sich Karl. Man hatte erst mal gar keine Zeit gehabt innezuhalten, um die Schönheit der Welt zu bewundern oder einen Happen zu essen. Man schlüpfte aus dem Ei. Man grub sich aus der Bruthöhle durch den Sand an die Oberfläche. Man lebte. Man überlebte. Oder auch nicht. So viele von seinen Geschwistern hatten den ersten Tag nicht überstanden, den vielleicht größten Challenge im Leben einer jungen Riesenschildkröte. Vom Strand fortkommen und Deckung finden. Man wühlte sich durch den Sand und wuselte los, so schnell es ging, während gewaltige Bussarde und Möwen von oben angeschossen kamen und kolossale Krabben klackernd den Strand hinaufmarschierten. Wer zwischen ihre Scheren geriet, der hatte ein kurzes Leben gehabt. Und keinen leichten Tod. Wen die Bussarde forttrugen, den sah man nie wieder. Man musste nicht nur schnell sein, man musste auch großes Glück haben. Die Dünen hoch und hinein ins Gebüsch. Dann hatte man es fürs Erste geschafft. Die es nicht geschafft hatten, und das waren die meisten, vergaß man.
Heute war Karls hundertfünfzigster Geburtstag. Er feierte ihn allein. Zum allerersten Mal feierte Karl seinen Geburtstag ganz allein. Seit dem rätselhaften Verschwinden von Anna und Adam war er der Letzte hier auf der Insel. Wenn man von der übrigen Fauna absah, aber das waren bloß Tiere, keine Schildkröten.
Karl blickte über den Ozean, dorthin, wo sich in der Ferne verschwommen die Umrisse einer Insel abzeichneten, die von den Schildkröten »Die andere Insel« genannt wurde. Gab es dort auch Riesenschildkröten? Karl wusste es nicht. Es war zu hoffen. Wenn es nur eine Möglichkeit gegeben hätte, dort hinzugelangen. Ein wenig Gesellschaft. Nicht alleine sterben, unbetrauert. Hundertfünfzig Jahre. So alt war niemand von den Gefährten geworden. Außer der alte Hans eventuell, aber der hatte ja dauernd geschwindelt, was sein Alter betraf.
Die grünen Schildkröten der Meere wussten vielleicht mehr, waren jedoch zu weit entfernt und man vernahm ihre Gedanken nur sehr undeutlich. Außer wenn sie an den Strand kamen, um Eier zu legen. Aber da agierten sie dermaßen hektisch und beschäftigt, dass an einen vernünftigen Gedankenaustausch nicht zu denken war. Es waren auch schon eine ziemliche Weile keine Meeresschildkröten mehr auf der Insel gewesen, um abzulegen. Mindestens zwanzig Jahre. Die wurden offenbar auch ständig weniger. Was war nur los mit den Schildkröten? Es konnte doch nicht sein, dass sie alle verschwanden, einfach so!
Karl schüttelte die trüben Gedanken ab und sah zu, wie sie als feiner Nebel hochstiegen und sich langsam in der Luft auflösten.
Auf den von Wellen umspülten Steinen dösten drei pechschwarze Meerechsen im Sonnenschein. Meerechsen waren ganz okay. Manchmal kletterten ein paar von den Jungtieren auf Karls Panzer, um sich darauf zu sonnen. Wenn Karl sich irgendwann langsam in Bewegung setzte, sprangen sie alle ab, nur einer war mutig genug, ein Stückchen auf seinem Rücken mitzureisen. Karl hatte ihn Jack genannt, keine Ahnung, wieso. Meerechsen hatten eigentlich keine Namen, es waren ja nur Tiere. Sie hatten Gedanken, klar, das schon, aber es waren sehr einfache Gedanken, nicht so komplex wie Schildkrötengedanken. Wenn er nah genug dran war, konnte Karl vernehmen, was sie so dachten: »Schwimmen!« … »Essen!« … »Schlafen!« … »Paaren!« …
Meerechsen dachten nicht in ganzen Sätzen, dafür war ihr Wortschatz zu klein. Primitive halt.
Karl nickte den Echsen zu und beschloss, ein paar Stündchen grasen zu gehen. Und wenn er sich auf diese Weise gestärkt hatte, dann würde er die Suche nach den verschwundenen Freunden fortsetzen. Irgendwo mussten sie doch sein!
In gemütlichem Trott marschierte er den Küstenpfad hoch zu Weide Nummer drei. So viele Erinnerungen. Im benachbarten Wäldchen, das längst einem Kunststeinplatz gewichen war, hatte er Max und Alfa damals kennengelernt, abgesehen von ihm selbst die Einzigen aus dem Gelege, die den wilden Ritt vom Strand hoch überlebt hatten.
Nach seiner Flucht aus der Bruthöhle hatte Karl die erste Zeit am Rand des Mangrovengürtels im Schutz des Unterholzes verbracht. Gefahr kam vor allem von oben, das hatte er instinktiv geahnt. Er bewegte sich so wenig wie möglich von der Stelle, knabberte Grünzeug, mampfte Wildtomaten und die herabgefallenen Früchte von Bäumen. Wochenlang war er der festen Gewissheit gewesen, der Einzige seines Geleges zu sein, der das Massaker am Strand überlebt hatte. Er wollte nirgendwohin, am liebsten wäre er auch tot gewesen. Er war wie gelähmt. Mit dem Abstand, den er heute hatte, war ihm klar, dass er damals traumatisiert gewesen war, eventuell sogar depressiv. Und er hätte vielleicht für immer an jener Stelle verharrt und wäre niemals erwachsen geworden, wenn er nicht eines Tages Gedanken vernommen hätte: zwei andere Schildkröten, die sich unterhielten, und das nicht weit von ihm entfernt. Er war nicht allein! Karl eilte zu der Stelle, wo die Gedanken hergekommen waren. Nach eineinhalb Stunden hatte er sie erreicht: Max und Alfa.
»Hallo, wer bist du denn?«, dachte Alfa.
»Ich bin ich«, dachte Karl zurück.
Namen hatten sie zu diesem Zeitpunkt noch keine, die wurden vom Inselältesten verteilt, wenn man sein dreißigstes Jahr vollendet hatte.
»Wir sind auch ich«, dachten Alfa und Max im Chor.
»Schön, dass es euch gibt«, dachte Karl, und Alfa kicherte.
Dann stupste sie ihn an: »Guck mal da.«
Karl reckte den Kopf und sah, was die beiden anderen auch sahen. Eine Lücke im Gebüsch gab den Blick frei auf eine sattgrüne Weide, die sich den Hang hinauf bis zu einem dichten Laubwald erstreckte. Auf der Wiese verstreut lagen etwa ein Dutzend grau-braun gemusterte Felsbrocken in verschiedenen Größen. Über den Baumwipfeln sah er einen breiten Streifen Pampa, darüber von Kakteen und Gestrüpp überwucherte Lavafelder im Schatten eines geröllübersäten, grauen Berges. Ganz oben der blaue Himmel. Karls Blick schweifte wieder zurück zur Wiese. Die Felsbrocken bewegten sich. Sie hatten kräftige Beine und lange Hälse mit faltigen Köpfen oben dran. Das waren gar keine Felsen. Dort auf dieser Weide grasten Giganten. Fünf, acht, vierzehn Riesenschildkröten zählte er. Karl konnte sich nicht sattsehen an den Kolossen. Die brauchten sich vor nichts und niemandem zu fürchten. Das also war seine Zukunft. Karl freute sich darauf, auch einmal so groß und stark zu werden.
Von diesem Tag an waren Karl, Alfa und Max unzertrennlich. In sicherem Abstand folgten sie den Großen. Wenn sie zu nahe kamen, wurden sie vertrieben. Das machte Sinn, Jungschildkröten mussten offenes Gelände meiden und wenn möglich im Unterholz bleiben, damit Bussarde und Falken sie nicht erwischten.
In der Trockenzeit wanderte der ganze Trupp auf die Weiden am Berghang, wo die schmackhaften Süßgräser wuchsen, in der feuchten Jahreszeit reiste man zurück zu den tiefer gelegenen üppigen Wiesen. Die Wege, die sie nahmen, waren immer die gleichen, uralte Schildkrötenstraßen, über Jahrtausende ausgetreten. Jedes Jahr dieselbe Routine. Die drei hielten sich am Rand der Gruppe, versuchten aber trotzdem, die Gedanken der Großen zu erhaschen. Am meisten lernten sie vom alten Hans, der behauptete, er sei über 500 Jahre alt, worüber die anderen Erwachsenen nur lächelten. Da Hans es nicht mehr schaffte, das Tempo der Gruppe zu halten, fiel er regelmäßig zurück. Während seiner Verschnaufpausen erzählte er bereitwillig aus seinem langen Leben und warnte vor Gefahren. Die nämlich lauerten nicht nur in der Luft, sondern auch am Boden. Rattenteufel, Katzenteufel und Hundeteufel stellten den jungen Schildkröten nach. Sie hätten sehr viel Glück gehabt, dass ihr Gelege nicht einem Rattenteufel zum Opfer gefallen wäre, erklärte Hans. »Schon lange hat keine Schildkröte mehr ihr erstes Jahrzehnt überlebt. Der Jüngste des Clans ist der schöne Marc, und der ist auch schon fast sechzig.« Früher, als der alte Hans noch jung gewesen war, da hätte es diese Teufel nicht gegeben, erst seit zwei, drei Generationen machten die kleinen Monster die Insel unsicher. »Sie sind mit den Riesenolmen gekommen, über das Meer!«
Laut Hans waren es die Olme, die alles durcheinandergebracht hatten. Bei der Ankunft der ersten Olme habe es hier viel mehr Schildkröten gegeben, einige Hundert, nicht bloß das Anderthalbdutzend von jetzt.
»Was sind denn Olme?«, wollten die drei Jungschildkröten wissen.
Die Olme, erzählte Hans, waren in gewaltigen schwimmenden Nüssen über das Meer gekommen. Sie waren, neben Schildkröten und Seelöwen, die größten Tiere der Insel. Da sie wie eine Riesenform jener bleichen Olme aussahen, die in den krautigen Tümpeln unterhalb des Vulkans lebten, hatte man die Neuankömmlinge demselben Stamm zugeordnet. Eine Art aufrecht gehender, schwanzloser Landlurche. Genau wie ihre kleinen Cousins aus dem Tümpel hatten sie an beiden Seiten des Kopfes Kiemen. Jahrhunderte der Observation hatten allerdings ergeben, dass die neuen Olme über Lungenatmung verfügten und ihre Kiemen zu Sinnesorganen mutiert waren, offenbar um Schallwellen aufzufangen. Dafür bereitete es den Olmen anscheinend große Mühe, Gedankenwellen zu sehen oder zu hören; sie verständigten sich stattdessen durch eine primitive Geräuschsprache. Aber sie konnten gut basteln, benutzten Werkzeuge und planten im Voraus, waren also schon relativ schlau und hatten eigene Gedanken. Allerdings flitzten diese so schnell und schillernd dahin wie ein Schwarm fliegender Fische, sodass es den Schildkröten unmöglich war, einen Sinn herauszulesen.
Etwa zwanzig Olme waren eines Tages auf der Insel gelandet, sie waren in einer walfischgroßen Nussschale über das große Meer gekommen. Die Nussschale wurde angetrieben durch Windkraft, die von einem Segel aufgefangen wurde, die gleiche Antriebsart, wie man sie auch bei den großen lila Quallen, die manchmal angespült wurden, beobachten konnte.
Wie ihre aquatischen Verwandten schienen auch die neuen Olme Fleischfresser. Sofort nach ihrer Ankunft hatten sie damit begonnen, Jagd auf Robben, Vögel und leider auch Schildkröten zu machen. Dann hätten sie Feuer entfacht, was natürlich vollkommen verantwortungslos war, gerade in der Trockenzeit, und die toten Tiere darüber gegrillt.
Karl, Alfa und Max erschauerten. Feuer! Ganz großes Tabu.
Die ersten Olme waren nicht lange geblieben. Nachdem sie aufgegessen und sich ausgeruht hatten, waren sie wieder in ihre Nussschale geklettert und davongesegelt. Allerdings hatten sie einige Riesenschildkröten mitgenommen, lebend. Sie waren wohl auf den Geschmack gekommen. Aus der Tatsache, dass sie die Schildkröten lebend mitnahmen, hatte man deduziert, dass diese als Proviant dienten, und daraus wiederum, dass die Olme eine ziemlich lange Rückreise in ihre Heimat, das Land der Riesennüsse, vor sich hatten. Das hatte Hoffnung gemacht, dass man diese komischen Kreaturen niemals wiedersehen müsse. Aber weit gefehlt. Kaum zehn Jahre später legte erneut eine olmische Halbnuss an, nein, diesmal sogar zwei.
»Bald kamen immer mehr und immer häufiger Olme auf die Insel«, erzählte Hans. »Sie töteten nicht nur Tiere, sondern sammelten auch Nüsse und Früchte und füllten schildkrötenpanzergroße Nussschalen mit frischem Quellwasser.«
Demnach waren sie keine reinen Fleischfresser, aber das machte es auch nicht besser. Die Rattenteufel waren in den schwimmenden Nüssen mitgereist und breiteten sich in rasendem Tempo auf der Insel aus, während die einheimischen Reisratten, allesamt harmlose Gesellen, ebenso schnell ausstarben.
Schließlich begannen auch Olme auf der Insel zu nisten, in bizarren Wohngebirgen, die sie aus Stein oder Holz zusammenklebten. Mit den Olmsiedlern kamen die ersten Hunde- und Katzenteufel. Hundeteufel jagten tagsüber, Katzenteufel vor allem nachts. Erwachsenen Schildkröten konnten sie nichts anhaben, aber der Nachwuchs wurde furchtbar dezimiert.
Und dann die Ziegenteufel. Das waren zwar Pflanzenfresser, aber sie schienen in einer Art Symbiose mit den Olmen zu leben und wurden von diesen beschützt und gehütet. Man war vollkommen machtlos gegen diese mächtige Koalition. Die aggressiven Ziegenteufel hatten nacheinander die Weiden Nummer eins, Nummer zwei, vier und sechs besetzt. »Und wir Riesenschildkröten mussten sehen, wo wir bleiben!«
Zum Glück konnten Schildkröten bis zu ein Jahr ohne Essen überleben, aber ein Spaß war das selbstverständlich nicht. Zum ersten Mal lernten die einstigen Herrinnen der Insel, was Hungern bedeutet.
Ganze Wälder wurden von den Olmen gerodet oder niedergebrannt und durch Felder ersetzt, auf denen die umtriebigen Lurche ihre Nahrungspflanzen anbauten. Leckere neue Sorten waren darunter: Mais, Kürbisse, Gurken. Und Riesentomaten, viel roter und fruchtiger als die einheimische Sorte. Allein, die Olme teilten nicht gern und vertrieben oder töteten jedes Tier, das ihren heiligen Feldern zu nahe kam. Von einem einzelnen Olm drohte einer erwachsenen Riesenschildkröte keine Gefahr. Aber ein halbes Dutzend, die konnten eine Schildkröte einfach davontragen, in eine Schlucht werfen oder bei lebendigem Leibe im Panzer kochen. Nach einigen Jahrzehnten Olm- und Teufelinvasion waren kaum hundert Schildkröten übrig. Andere Tierstämme waren ganz verschwunden.
Olme schienen fast nie zu schlafen, wohingegen 16 Stunden Schlaf pro Tag doch die Grundlage für ein gesundes und balanciertes Schildkrötenleben waren. Vielleicht waren die Olme aus Schlafmangel so nervös und paranoid. Man hoffte allgemein, dass der vermehrte Kontakt mit einer hoch entwickelten Schildkrötenpopulation sie etwas voranbringen würde. »Und es ist tatsächlich längst nicht mehr so schlimm wie in meiner Jugend«, musste Hans zugeben. Die Olme hatten sich mittlerweile bequem auf der Insel eingerichtet und produzierten genug Nahrung, sodass sie keine Schildkröten mehr fraßen. »Von den anderen Neuankömmlingen kann man das leider nicht behaupten!«
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