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Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Gesammelte Werke von Dostojewski
Schuld und Sühne; Der Spieler; Der Idiot; Die Brüder Karamasow; Die Dämonen; Der Doppelgänger…

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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-0420-5
Erniedrigte und Beleidigte
Erster Teil
Erstes Kapitel
Im vorigen Jahre, am Abend des zweiundzwanzigsten März, erlebte ich etwas sehr Seltsames. Ich war den ganzen Tag über in der Stadt umhergelaufen, um mir eine Wohnung zu suchen. Meine bisherige Wohnung war sehr feucht, und ich begann schon damals häßlich zu husten. Ich hatte bereits im Herbst umziehen wollen, aber die Sache hatte sich dann bis zum Frühling hingezögert. Den ganzen Tag über hatte ich nichts mir Zusagendes finden können. Erstens wollte ich eine eigene Wohnung haben, nicht eine in Aftermiete; und zweitens wollte ich mich zwar nötigenfalls mit einem einzigen Zimmer begnügen, dieses sollte aber unbedingt groß sein, selbstverständlich gleichzeitig auch möglichst billig. Ich hatte die Beobachtung gemacht, daß in einem engen Zimmer sich sogar die Gedanken beengt fühlen. Ich für meine Person habe, wenn ich meine künftigen Novellen durchdachte, es immer geliebt, im Zimmer auf und ab zu gehen. Beiläufig bemerkt: das vorherige Durchdenken meiner literarischen Produktionen und die Überlegung, wie ich sie niederschreiben wollte, machte mir von jeher mehr Vergnügen als das wirkliche Niederschreiben, und das rührte wirklich nicht etwa von Trägheit her. Woher es eigentlich kam, vermag ich nicht zu sagen.
Schon am Morgen hatte ich mich nicht wohl gefühlt, und gegen Abend wurde mir sogar recht schlecht; es bildete sich eine Art Fieber heraus. Zudem war ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und müde geworden. Am Abend, unmittelbar vor Eintritt der Dämmerung, ging ich gerade den Wosnessenskiprospekt entlang. Ich liebe die Märzsonne in Petersburg, besonders den Sonnenuntergang; selbstverständlich muß es ein klarer, kalter Abend sein. Die ganze Straße glänzt auf einmal, von hellem Licht übergossen. Alle Häuser fangen plötzlich an zu leuchten. Ihre grauen, gelblichen, schmutzig-grünen Farben verlieren für einen Augenblick all ihr Düsteres, Unfreundliches; es ist, als werde es in der Seele hell, als schrecke man zusammen oder als stoße einen jemand mit dem Ellbogen an. Und der neue Anblick erweckt neue Gedanken … Es ist erstaunlich, welch eine Wirkung ein einziger Sonnenstrahl in der Seele eines Menschen hervorzubringen vermag!
Aber das Licht der Sonne war erloschen; die Kälte nahm zu und kniff einem in die Nase; die Dunkelheit wurde stärker; in den Schaufenstern und Läden blitzten die Gasflammen auf. Als ich der Müllerschen Konditorei gegenüber war, blieb ich plötzlich wie angenagelt stehen und sah nach der anderen Seite der Straße hinüber, als ob ich ahnte, daß ich da alsbald etwas Ungewöhnliches erleben würde, und gerade in diesem Moment erblickte ich dort einen alten Mann mit einem Hund. Ich erinnere mich noch ganz genau, daß sich mir das Herz infolge einer unangenehmen Empfindung krampfhaft zusammenzog, ohne daß ich mir selbst hätte darüber klarwerden können, was das für eine Empfindung war.
Ich neige nicht zum Mystizismus, und an Ahnungen und Wahrsagerei glaube ich so gut wie gar nicht, obwohl mir, wie vielleicht allen Menschen, im Leben einige ziemlich unerklärliche Begebnisse vorgekommen sind. So zum Beispiel gleich dieser alte Mann: woher hatte ich bei meiner damaligen Begegnung mit ihm sofort das Gefühl, daß ich gleich an diesem Abend etwas recht Ungewöhnliches erleben würde? Übrigens war ich krank, und krankhafte Gefühle sind fast immer trügerisch.
Der Alte näherte sich der Konditorei mit langsamem, müdem Gang; er setzte ein Bein vor das andere, als ob er sie nicht biegen könne, als ob es Stöcke wären; seine Haltung war gebeugt, und er stieß leicht mit dem Stock auf die Trottoirplatten. In meinem ganzen Leben bin ich keiner so seltsamen, wunderlichen Gestalt begegnet. Auch früher schon, vor dieser Begegnung, hatte er jedesmal, wenn ich mit ihm bei Müller zusammentraf, eine peinliche Empfindung bei mir erweckt. Sein hoher Wuchs, sein gebeugter Rücken, sein totenbleiches, achtzigjähriges Gesicht, sein alter, in den Nähten aufgerissener Mantel, der verbeulte, wohl zwanzig Jahre alte Zylinderhut, der seinen kahlen Kopf bedeckte, auf welchem nur ganz im Nacken ein Büschel nicht mehr grauer, sondern gelblich-weißer Haare übrig war, alle seine Bewegungen, die gewissermaßen unbewußt, wie durch einen leblosen Mechanismus zu erfolgen schienen: alles dies machte unwillkürlich einen starken Eindruck auf jeden, der ihm zum ersten Male begegnete. In der Tat, es war ein seltsamer Anblick, dieser völlig abgelebte Greis, so ganz allein, ohne jeden Begleiter, um so mehr, da er einem Irrsinnigen glich, der seinen Aufsehern davongelaufen war. Es überraschte mich auch seine außerordentliche Magerkeit: es war, als hätte er fast gar kein Fleisch mehr auf dem Leib, als wäre über die Knochen einfach nur die Haut gespannt. Seine großen, trüben, in blauen Ringen liegenden Augen blickten immer gerade vor sich hin, nie zur Seite, und sahen überhaupt nie etwas; davon bin ich überzeugt. Wenn er einen auch ansah, so ging er doch auf den Betreffenden gerade los, wie wenn er leeren Raum vor sich hätte. Das habe ich mehrmals beobachtet. Zu Müller zu kommen hatte er erst vor kurzem angefangen, und immer mit seinem Hund. Keiner der Besucher der Konditorei wußte, woher er kam; keiner hatte Lust, mit ihm zu reden, und er selbst knüpfte mit keinem von ihnen ein Gespräch an.
›Warum schleppt er sich nur zu Müller, und was hat er da zu suchen?‹ dachte ich, während ich auf der anderen Seite der Straße stand und mich von seinem Anblick nicht losreißen konnte. Eine Art von Ärger, die Folge meiner Krankheit und Müdigkeit, stieg in mir auf. ›Woran mag er nur denken?‹ fuhr ich in meinem Selbstgespräch fort; ›was mag er im Kopf haben? Ob er wohl überhaupt noch an etwas denkt? Sein Gesicht ist dermaßen tot, daß es gar keinen Ausdruck mehr aufweist. Und woher hat er diesen garstigen Hund, der ihm so ähnlich ist und nicht von ihm weicht, als ob er mit ihm ein untrennbares Ganzes bildet?‹
Dieser unglückliche Hund war, wie es schien, ebenfalls achtzig Jahre alt; ja, so mußte es jedenfalls sein. Erstens war er dem Ansehen nach so alt, wie Hunde es sonst nie werden, und zweitens, woher kam mir nur gleich beim erstenmal, als ich ihn erblickte, der Gedanke, dieser Hund könne nicht von derselben Art sein wie alle Hunde; er sei ein ungewöhnlicher Hund; es stecke in ihm jedenfalls etwas Gespenstiges, Zauberisches; er sei vielleicht eine Art von Mephistopheles in Hundegestalt und sein Schicksal sei durch irgendwelche geheimnisvollen, unsichtbaren Bande mit dem Schicksal seines Herrn verknüpft? Wenn man ihn ansah, konnte man gut und gern glauben, daß es wohl schon zwanzig Jahre her war, seit er zum letztenmal gefressen hatte. Er war mager wie ein Skelett oder (welcher Ausdruck ist stärker?) wie sein Herr. Die Haare waren ihm fast vollständig ausgefallen, auch am Schwanz, der wie ein Stock herunterhing und den er immer fest zwischen die Beine kniff. Den langohrigen Kopf ließ er mürrisch hängen. In meinem ganzen Leben habe ich keinen Hund von so abstoßendem Äußerem zu sehen bekommen. Wenn die beiden auf der Straße gingen, der Herr voran, der Hund hinter ihm, so berührte die Nase des letzteren den Rockschoß des Vorangehenden, als ob sie daran festgeklebt sei. Und der Gang der beiden und ihr ganzes Aussehen sagte beinahe mit jedem Schritt: ›O Gott, wie alt sind wir, wie alt!‹
Ich erinnere mich auch, daß mir einmal der Gedanke kam, der Alte und sein Hund seien auf irgendeine Weise aus einer von Gavarni illustrierten Ausgabe von ›Hoffmanns Erzählungen‹ entwischt und gingen nun in der Welt als wandelnde Anzeigen dieses Buches umher. Ich ging über die Straße hinüber und trat hinter dem Alten in die Konditorei.
In der Konditorei benahm sich der Alte sehr seltsam, und der hinter seinem Ladentisch stehende Herr Müller fing in der letzten Zeit schon an, beim Eintritt des ungebetenen Gastes ein unzufriedenes Gesicht zu machen. Erstens bestellte der sonderbare Gast nie etwas. Er ging jedesmal geradenwegs in die Ecke beim Ofen und setzte sich dort auf einen Stuhl. War aber sein Platz am Ofen besetzt, so blieb er vor dem Herrn, der seinen Platz innehatte, ein Weilchen in gedankenloser Verwunderung stehen und ging dann ganz verstört nach einer anderen Ecke am Fenster. Dort wählte er sich einen Stuhl aus, ließ sich langsam darauf nieder, nahm den Hut ab, legte ihn neben sich auf den Fußboden, den Stock daneben, lehnte sich in den Stuhl zurück und verharrte so drei oder vier Stunden lang, ohne sich zu bewegen. Nie nahm er eine Zeitung in die Hand, nie sagte er ein Wort oder gab einen Laut von sich; er saß nur da und sah mit weitgeöffneten Augen vor sich hin, aber mit einem so trüben, leblosen Blick, daß man hätte darauf wetten mögen, er sehe und höre nichts von seiner ganzen Umgebung. Sein Hund aber drehte sich zwei-oder dreimal auf einem Fleck herum, legte sich dann grämlich zu seinen Füßen hin, steckte seine Schnauze zwischen die Stiefel seines Herrn, stieß einen tiefen Seufzer aus, streckte sich seiner ganzen Länge nach auf dem Fußboden aus und blieb gleichfalls den ganzen Abend über, ohne sich zu rühren, wie tot liegen. Es schien, als hätten diese beiden Wesen den ganzen Tag über tot dagelegen und seien nun bei Sonnenuntergang plötzlich lebendig geworden, einzig und allein um in die Müllersche Konditorei zu gehen und dadurch eine geheimnisvolle, niemandem bekannte Pflicht zu erfüllen. Nachdem der Alte drei, vier Stunden lang dagesessen hatte, stand er endlich auf, nahm seinen Hut und ging fort, doch wohl in seine irgendwo gelegene Wohnung. Auch der Hund erhob sich und folgte seinem Herrn, wieder mit eingeklemmtem Schwanz und herunterhängendem Kopf in dem früheren langsamen Gang. Die Besucher der Konditorei vermieden schließlich jeden Verkehr mit dem Alten und setzten sich nicht einmal in seine Nähe, wie wenn er ihnen Widerwillen einflöße. Er seinerseits bemerkte nichts davon.
Die Besucher dieser Konditorei sind größtenteils Deutsche. Sie kommen hier vom ganzen Wosnessenskiprospekt zusammen, lauter Handwerksmeister verschiedener Berufsarten: Schlosser, Bäcker, Färber, Hutmacher, Sattler, sämtlich patriarchalische Leute im deutschen Sinn dieses Wortes. Bei Müller herrschte überhaupt ein patriarchalischer Ton. Oft trat der Wirt zu den ihm bekannten Gästen und setzte sich zu ihnen an den Tisch, wobei dann gewaltige Mengen Punsch getrunken wurden. Die kleinen Kinder des Wirtes und seine Hunde gesellten sich ebenfalls manchmal zu den Gästen und wurden von diesen geliebkost. Alle waren miteinander bekannt und hatten einander gern. Und während die Gäste sich in die Lektüre der deutschen Zeitungen vertieften, ertönte in der anstoßenden Wohnung des Wirtes die Melodie des »Lieben Augustin«, auf einem klapprigen Klavier von der ältesten Tochter des Wirtes gespielt, einem blondlockigen deutschen Mädchen, das die größte Ähnlichkeit mit einem weißen Mäuschen hatte. Dieser Walzer wurde von den Gästen mit Vergnügen aufgenommen. Ich ging zu Müller immer in den ersten Tagen des Monats, um die russischen Monatsschriften, die er hielt, zu lesen. Als ich in die Konditorei trat, sah ich, daß der Alte bereits am Fenster saß und der Hund wie gewöhnlich ausgestreckt zu seinen Füßen lag. Schweigend setzte ich mich in eine Ecke und legte mir in Gedanken die Frage vor: »Warum bin ich hierhergekommen, wo ich doch absolut nichts zu tun habe? Ich bin krank und täte am besten, mich schnell nach Hause zu begeben und mich ins Bett zu legen. Bin ich wirklich nur hier, um diesen alten Mann anzusehen ?« Ein Gefühl des Ärgers ergriff mich. »Was geht er mich eigentlich an?« dachte ich in Erinnerung an die sonderbare peinliche Empfindung, mit der ich ihn schon auf der Straße angesehen hatte. »Und was gehen mich alle diese langweiligen Deutschen an? Wozu diese sentimentale Stimmung? Wozu diese wohlfeile Aufregung über allerlei Unwichtiges, die ich in der letzten Zeit an mir bemerke und die mich an einer vernünftigen Lebensführung hindert und mir den klaren Blick für das Leben nimmt? Hat mir das doch schon ein scharfsinniger Rezensent aufgemutzt, als er meine letzte Novelle mißbilligend kritisierte.‹ Trotz dieser Gedanken und Selbstvorwürfe blieb ich jedoch auf meinem Platz sitzen; meine Krankheit aber steigerte sich immer mehr und mehr, und ich empfand schließlich eine wahre Scheu davor, das warme Zimmer zu verlassen. Ich nahm die ›Frankfurter Zeitung‹ zur Hand, las darin zwei Zeilen und schlief ein. Die Deutschen störten mich nicht. Sie lasen, rauchten und teilten einander nur selten, alle halbe Stunde einmal, kurz und halblaut irgendeine Neuigkeit aus Deutschland mit oder auch einen Witz oder eine geistreiche Bemerkung des berühmten deutschen Witzboldes Saphir, worauf sie sich, dann mit verdoppeltem nationalem Stolz von neuem in ihre Lektüre vertieften.
Nachdem ich etwa eine halbe Stunde geschlummert hatte, kam ich infolge eines heftigen Fieberschauers wieder zu Bewußtsein. Es war entschieden nötig, daß ich mich nach Hause begab. Aber in diesem Augenblick hielt eine stumme Szene, die sich im Zimmer abspielte, mich noch einmal zurück. Ich habe bereits gesagt, daß der Alte, sobald er sich auf seinen Stuhl niedergelassen hatte, seinen Blick sogleich starr irgendwohin zu richten und dann den ganzen Abend über nicht mehr auf einen anderen Gegenstand zu lenken pflegte. Auch mir war es einige Male begegnet, das Ziel dieses gedankenlosen, nichts unterscheidenden Blickes zu werden; es war das eine unangenehme, ja geradezu unerträgliche Empfindung, und ich wechselte gewöhnlich so schnell wie möglich den Platz. In diesem Augenblick war ein anderer das Opfer des Alten geworden: ein sehr kleiner, rundlicher, außerordentlich sauberer Deutscher mit einem steif gestärkten Stehkragen und mit einem ungewöhnlich roten Gesicht, ein von auswärts gekommener Gast, ein Kaufmann aus Riga namens Adam Iwanowitsch Schulz, wie ich später erfuhr; er war mit Müller eng befreundet, kannte aber den Alten und viele der übrigen Gäste noch nicht. Er las mit Genuß den ›Dorfbarbier‹ und trank seinen Punsch dazu; da bemerkte er auf einmal, als er den Kopf in die Höhe hob, daß der unbewegliche Blick des Alten auf ihm ruhte. Das befremdete ihn. Adam Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher, reizbarer Mensch, wie überhaupt alle Deutschen besseren Standes. Es schien ihm seltsam und beleidigend, daß ihn jemand so starr und ungeniert fixierte. Aber seinen Unwillen unterdrückend, wandte er seine Augen von dem taktlosen Gast ab, murmelte etwas vor sich hin und verbarg sich schweigend hinter seiner Zeitung. Indessen konnte er sich doch nicht bezwingen und spähte ein paar Minuten darauf argwöhnisch hinter der Zeitung hervor: derselbe starre Blick, dasselbe, gedankenlose Fixieren. Auch diesmal schwieg Adam Iwanowitsch noch. Aber als derselbe Vorgang sich zum drittenmal wiederholte, fuhr er auf und hielt es für seine Pflicht, seine Würde zu wahren und nicht angesichts eines anständigen Publikums die schöne Stadt Riga beleidigen zu lassen, als deren Repräsentanten er sich wahrscheinlich betrachtete. Mit einer Gebärde der Ungeduld warf er die Zeitung auf den Tisch und klopfte energisch mit dem Stock auf, an dem sie befestigt war; von dem Gefühl der eigenen Würde entflammt und dunkelrot im Gesicht von dem genossenen Punsch und von der Ehrenkränkung, richtete er nun seinerseits seine kleinen funkelnden Augen auf den lästigen alten Mann. Es schien, als ob sie beide, der Deutsche und sein Gegner, einander durch die magnetische Kraft ihrer Blicke überwältigen wollten und nun abwarteten, wer zuerst in Verlegenheit geraten und die Augen niederschlagen werde. Das Klopfen mit dem Stock und Adam Iwanowitschs ungewöhnliche Körperhaltung erregten die Aufmerksamkeit aller Gäste. Alle ließen sofort von ihrer Beschäftigung ab und beobachteten mit ernster, stummer Neugier die beiden Gegner. Die Szene gestaltete sich sehr komisch. Aber der Magnetismus der herausfordernden Blicke des geröteten Adam Iwanowitsch blieb ganz wirkungslos. Ohne sich um irgend etwas zu kümmern, fuhr der Alte fort, den wütenden Herrn Schulz gerade anzusehen; als wäre er auf dem Mond und nicht auf der Erde, bemerkte er offenbar gar nicht, daß er der Gegenstand der allgemeinen Neugier geworden war. Schließlich verlor Adam Iwanowitsch die Geduld und brach los.
»Warum fixieren Sie mich denn in dieser Weise?« schrie er auf deutsch mit scharfer, durchdringender Stimme und mit drohender Miene.
Aber sein Gegner schwieg weiter, als hätte er die Frage nicht verstanden und überhaupt nicht gehört. Adam Iwanowitsch entschloß sich, russisch zu reden. »Ich frage Sie, warum Sie mich so fixieren?« schrie er mit verdoppeltem Zorn in mangelhaftem Russisch. »Ich bin bei Hofe bekannt, was Sie von sich nicht werden sagen können!« fügte er hinzu, indem er vom Stuhl aufsprang.
Aber der Alte rührte sich noch immer nicht. Unter den Deutschen erhob sich ein unwilliges Gemurmel. Durch den Lärm herbeigerufen, trat Müller selbst ins Zimmer. Als er erfahren hatte, worum es sich handelte, glaubte er, der Alte sei taub, und beugte sich ganz nahe zu seinem Ohr hinab.
»Herr Schulz bittet Sie, ihn nicht so scharf anzusehen«, sagte er möglichst laut auf russisch und betrachtete den seltsamen Gast aufmerksam.
Der Alte blickte Müller mechanisch an, und auf einmal zeigten sich in seinem bis dahin regungslosen Gesicht Anzeichen einer ängstlichen Gedankenarbeit, einer unruhigen Erregung. Er geriet in hastige Bewegung, räusperte sich, bückte sich nach seinem Hut und ergriff ihn eilig mitsamt dem Stock; mit einem kläglichen Lächeln, dem demütigen Lächeln eines armen Teufels, der von dem irrtümlich eingenommenen Platz vertrieben wird, schickte er sich an, das Zimmer zu verlassen. In dieser ergebenen, unterwürfigen Eile des armen, gebrechlichen Greises lag soviel Mitleiderweckendes, soviel Herzergreifendes, daß das ganze Publikum, und Adam Iwanowitsch voran, sofort seine Anschauung über die Sache änderte. Es war klar, daß der Alte niemanden beleidigen konnte, ja sich sogar selbst jeden Augenblick bewußt war, daß man ihn wie einen Bettler fortjagen könne.
Müller war ein gutherziger, mitleidiger Mensch.
»Nein, nein«, sagte er und klopfte dem Alten ermutigend auf die Schulter, »bleiben Sie nur sitzen! Aber Herr Schulz hat Sie sehr gebeten, ihn nicht so scharf anzusehen. Er ist bei Hofe bekannt.«
Aber der alte Mann begriff auch dies nicht; er hastete noch mehr als vorher, beugte sich nieder, um sein Taschentuch aufzuheben, ein altes, zerrissenes, blaues Taschentuch, das ihm aus dem Hut herausgefallen war, und rief seinen Hund, der, ohne sich zu regen, auf dem Fußboden lag und, mit der Schnauze zwischen den beiden Vorderpfoten, anscheinend fest schlief.
»Asorka, Asorka!« rief er mit zitternder, greisenhafter Stimme; »Asorka!«
Asorka rührte sich nicht.
»Asorka, Asorka!« sagte der Alte noch einmal traurig und berührte den Hund mit dem Stock; aber das Tier verharrte in seiner bisherigen Haltung.
Der Stock entsank den Händen des alten Mannes. Er bückte sich, ließ sich auf beide Knie nieder und hob mit beiden Händen Asorkas Schnauze in die Höhe. Der arme Asorka! Er war tot! Er war, ohne einen Laut von sich zu geben, zu den Füßen seines Herrn gestorben, vielleicht an Altersschwäche, vielleicht aber war er auch verhungert. Der Alte blickte ihn ein Weilchen an, wie wenn er völlig bestürzt wäre und nicht begriffe, daß Asorka schon gestorben war; dann beugte er sich still zu seinem bisherigen Diener und Freund herab und drückte sein blasses Gesicht an dessen tote Schnauze. So verging eine Minute unter allseitigem Stillschweigen. Wir alle waren gerührt. Endlich erhob sich der arme Mensch. Er war sehr blaß und zitterte wie in einem heftigen Fieberanfall.
»Man kann ihn ausstopfen«, sagte der mitleidige Herr Müller in dem Wunsch, den Alten irgendwie zu trösten. »Fjodor Karlowitsch Krüger versteht das ausgezeichnet; er ist ein Meister in dieser Kunst«, versicherte Müller, hob den Stock vom Boden auf und reichte ihn dem Alten. »Ja, ich stopfe ausgezeichnet aus«, fiel Herr Krüger selbst bescheiden ein, indem er in die vordere Reihe trat.
Dies war ein langer, hagerer, tugendhafter Deutscher mit rotem, buschigem Haar und mit einer Brille auf der gebogenen Nase.
»Fjodor Karlowitsch Krüger besitzt ein großes Talent im Ausstopfen«, fügte Müller hinzu, der sich in seine schöne Idee zu verlieben begann.
»Ja, ich besitze ein großes Talent im Ausstopfen«, bestätigte Herr Krüger von neuem, »und ich werde Ihnen Ihren Pudel umsonst ausstopfen«, fügte er in einem Anfall hochherziger Selbstverleugnung hinzu.
»Nein, ich werde Ihnen das Ausstopfen bezahlen!« rief Adam Iwanowitsch Schulz ordentlich grimmig und errötete aus zwiefachem Grunde: sowohl wegen seiner eigenen Großmut, als auch weil er sich schuldloserweise für die Ursache des ganzen Unglücks hielt.
Der Alte hörte das alles mit an, verstand aber offenbar nichts davon und zitterte wie vorher am ganzen Leib.
»Warten Sie! Trinken Sie ein Gläschen guten Kognak!« rief Müller, als er sah, daß der rätselhafte Gast dem Ausgang zustrebte.
Der Kognak wurde gebracht. Der Alte nahm mechanisch das Gläschen; aber seine Hand zitterte, und bevor er es an die Lippen brachte, verschüttete er die Hälfte und stellte es, ohne einen Tropfen getrunken zu haben, wieder auf das Tablett. Darauf lächelte er in einer sonderbaren, gar nicht zur Situation passenden Art und verließ mit beschleunigten, ungleichmäßigen Schritten die Konditorei; den Hund ließ er auf seinem Platz liegen. Alle standen, erstaunt; Ausrufe der Verwunderung wurden laut.
»Schwerenot, was ist das für eine Geschichte?« sagten die Deutschen, einander mit großen Augen anblickend. Ich aber eilte dem Alten nach. Wenn man sich von der Konditorei nach rechts wendet, so biegt nach einigen Schritten eine schmale, dunkle, von gewaltig großen Häusern eingefaßte Gasse ab. Eine Art von Ahnung sagte mir, daß der Alte sich gewiß dahin gewandt habe. Hier war das zweite Haus rechter Hand im Bau begriffen und ganz mit Gerüststangen umgeben. Der Bauzaun reichte beinahe bis in die Mitte der Gasse; am Zaun entlang war ein hölzerner Steig für Fußgänger angelegt. In einem dunklen Winkel, der von dem Zaun und dem Hause gebildet wurde, fand ich den Alten. Er saß auf der Stufe des hölzernen Trottoirs, hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und hielt seinen Kopf in beiden Händen. Ich setzte mich neben ihn.
»Hören Sie«, sagte ich und wußte nicht recht, wie ich anfangen sollte, »grämen Sie sich nicht um Ihren Asorka! Kommen Sie, ich werde Sie zu Ihrer Wohnung bringen. Beruhigen Sie sich! Ich werde gleich eine Droschke holen. Wo wohnen Sie denn?«
Der Alte gab keine Antwort. Ich wußte nicht, was ich machen sollte. Passanten waren nicht da. Auf einmal faßte er mich bei der Hand. »Mir ist so beklommen!« sagte er mit heiserer, kaum hörbarer Stimme; »so beklommen!« »Kommen Sie zu Ihrer Wohnung!« rief ich, indem ich mich aufrichtete und auch ihn mit Gewalt aufzurichten suchte. »Da sollen Sie Tee trinken und sich ins Bett legen … Ich werde sofort eine Droschke holen. Ich werde einen Arzt rufen; ich bin mit einem bekannt.«
Ich erinnere mich nicht mehr, was ich sonst noch zu ihm sagte. Er wollte sich erheben; aber nachdem er sich ein klein wenig aufgerichtet hatte, fiel er wieder auf die Erde zurück und begann erneut mit derselben heiseren, erstickten Stimme etwas zu murmeln. Ich beugte mich noch näher zu ihm herab und horchte.
»Auf der Wassili-Insel«, flüsterte der Alte, »in der Sechsten Linie … in der Sechsten Li-nie …«
Er verstummte.
»Wohnen Sie auf der Wassili-Insel? Aber dann sind Sie falsch gegangen; Sie mußten sich nach links wenden, nicht nach rechts. Ich will Sie gleich hinbringen …«
Der Alte rührte sich nicht. Ich faßte ihn an der Hand; die Hand fiel wie tot herab. Ich sah ihm ins Gesicht und berührte es – er war bereits tot. Mir war, als ob mir das alles nur träumte.
Dieses Begebnis hatte für mich eine längere mühevolle Tätigkeit zur Folge, während der mein Fieber ganz von selbst verging. Es gelang mir, die Wohnung des alten Mannes ausfindig zu machen. Er wohnte jedoch nicht auf der Wassili-Insel, sondern wenige Schritte von der Stelle, wo er gestorben war, in dem Hause eines Herrn Klugen dicht unter dem Dach im fünften Stockwerk in einer eigenen Wohnung, die aus einem kleinen Vorzimmer und einem großen, sehr niedrigen Zimmer mit drei ganz schmalen Fenstern bestand. Er hatte äußerst ärmlich gewohnt. Das Mobiliar bestand nur aus einem Tisch, zwei Stühlen und einem uralten, steinharten Sofa, aus dem überall die Bastpolsterung hervorsah; und auch diese Möbelstücke gehörten, wie sich herausstellte, dem Wirt. Der Ofen schien seit langer Zeit nicht geheizt zu sein; auch Kerzen fanden sich nicht. Ich glaube jetzt allen Ernstes, daß der Alte zu Müller einzig und allein in der Absicht ging, bei Licht zu sitzen und sich zu wärmen. Auf dem Tisch stand ein leerer irdener Krug; daneben lag eine alte, harte Brotrinde. An Geld fand sich auch nicht eine Kopeke vor. Nicht einmal Wäsche zum Wechseln war vorhanden, in der er hätte beerdigt werden können; jemand gab zu diesem Zweck ein Hemd von sich her. Es war klar, daß er nicht in dieser Weise, so völlig allein, hatte leben können; gewiß hatte ihn jemand, wenn auch nur selten, besucht. Im Tischkasten fand sich sein Paß. Der Verstorbene war Ausländer gewesen, aber russischer Untertan, Jeremija Smith, Maschinenbauer, achtundsiebzig Jahre alt. Auf dem Tisch lagen zwei Bücher: eine kurzgefaßte Geographie und ein russisches Neues Testament, in welchem einzelne Stellen am Rand mit Bleistift angestrichen oder mit Nagelkrellen bezeichnet waren. Diese Bücher erwarb ich für mich. Man befragte die anderen Mieter und den Hauswirt, aber sie wußten fast nichts über ihn zu sagen. Mieter gab es in diesem Haus eine große Menge, fast lauter Handwerker und deutsche Zimmervermieterinnen, welche Zimmer mit Beköstigung und Bedienung abließen. Der Verwalter des Hauses, ein Adliger, wußte ebenfalls nur sehr wenig von seinem früheren Mieter zu sagen, außer daß die Wohnung sechs Rubel monatlich kostete, daß der Verstorbene sie vier Monate lang innegehabt, aber für die beiden letzten Monate keine Kopeke bezahlt hatte, so daß er eigentlich schon hätte hinausgesetzt werden sollen. Man fragte, ob nicht manchmal jemand zu ihm gekommen sei. Aber niemand konnte darüber befriedigende Auskunft geben. »Das Haus ist groß«, hieß es; »was gehen in einer solchen Arche Noah nicht alles für Leute ein und aus? Wie soll man die alle im Kopf behalten?« Der Hausknecht, der in diesem Haus schon fünf Jahre diente und wahrscheinlich wenigstens etwas, wenn auch noch so wenig, hätte mitteilen können, war vor zwei Wochen zu Besuch in seine Heimat gereist und hatte als Vertreter seinen Neffen dagelassen, einen jungen Burschen, der bisher kaum die Hälfte der Mieter von Gesicht kennengelernt hatte. Ich weiß nicht mehr genau, welches damals das Endresultat all dieser Nachforschungen war; aber schließlich wurde der alte Mann begraben. In diesen Tagen ging ich, unter anderen Laufereien und Bemühungen, auch einmal nach der Wassili-Insel zur Sechsten Linie, und erst als ich hingekommen war, lachte ich über mich selbst: was konnte ich in der Sechsten Linie sehen außer eine Reihe gewöhnlicher Häuser? ›Aber warum‹, dachte ich, ›hat der Alte im Sterben von der Sechsten Linie und von der Wassili-Insel gesprochen? Hat er nur phantasiert?‹
Ich besah mir Smiths leergewordene Wohnung, und sie gefiel mir. Ich mietete sie für mich. Die Hauptsache war mir das große Zimmer, obwohl es so niedrig war, daß es mir in der ersten Zeit immer so vorkam, als würde ich mit dem Kopf die Decke streifen. Übrigens gewöhnte ich mich bald daran. Für sechs Rubel monatlich war auch nichts Besseres zu bekommen. Was mich lockte, war, daß ich die Wohnung direkt vom Hauswirt mietete; ich mußte mich nur noch um eine Bedienung bemühen, da ich ganz ohne Bedienung denn doch nicht hausen konnte. Der Hausknecht versprach, für die erste Zeit wenigstens einmal täglich zu mir zu kommen und mir die allernotwendigsten Dienste zu leisten. ›Wer weiß‹, dachte ich, ›vielleicht erkundigt sich auch jemand nach dem alten Mann!‹ Indessen waren bei meinem Einzug schon fünf Tage seit seinem Tod vergangen, und es war noch niemand gekommen.
Zweites Kapitel
Zu jener Zeit, nämlich vor einem Jahr, war ich noch Mitarbeiter an mehreren Journalen, schrieb Artikel für dieselben und glaubte bestimmt, es werde mir einmal gelingen, etwas Großes, Schönes zu schreiben. Ich war damals mit einem großen Roman beschäftigt; aber das Ende vom Lied ist gewesen, daß ich jetzt im Krankenhaus bin und voraussichtlich bald sterben werde. Wenn ich aber bald sterben werde, was hat es dann für einen Zweck, möchte man sagen, diese Erinnerungen aufzuzeichnen?
Unwillkürlich und ununterbrochen denke ich an dieses ganze schwere, letzte Jahr meines Lebens. Ich will jetzt alles niederschreiben, und wenn ich mir nicht diese Beschäftigung geschaffen hätte, so würde ich, wie mir scheint, vor Langerweile sterben. All diese vergangenen Empfindungen regen mich manchmal in schmerzhafter, geradezu qualvoller Weise auf. Unter der Feder nehmen sie einen ruhigeren, ordentlicheren Charakter an; sie gleichen dann weniger einem Fieberwahn, einem beängstigenden Traum. So scheint es mir wenigstens. Schon allein die mechanische Tätigkeit des Schreibens übt eine gute Wirkung aus: sie hat etwas Beruhigendes, Abkühlendes, macht bei mir wieder die früheren schriftstellerischen Gewohnheiten lebendig und verwandelt meine Erinnerungen und krankhaften Träumereien in aktive Handlung … Ja, das war ein guter Einfall von mir. Außerdem ergibt sich dadurch auch eine Erbschaft für den Krankenwärter; wenigstens kann er, wenn er zum Winter die Doppelfenster einsetzt, mit meinen Memoiren die Ritzen verkleben.
Aber ich habe meine Erzählung, ich weiß nicht warum, in der Mitte begonnen. Wenn ich denn einmal alles niederschreiben will, so muß ich vom Anfang an beginnen. Nun, fangen wir also an! Übrigens wird meine Selbstbiographie nicht lang sein.
Ich bin nicht hier geboren, sondern weit von hier, im Gouvernement S. Es ist anzunehmen, daß meine Eltern gute Menschen waren; aber sie ließen mich, als ich noch ein Kind war, als Waise zurück, und ich wuchs im Hause eines kleinen Gutsbesitzers, Nikolai Sergejewitsch Ichmenew, auf, der mich aus Mitleid aufgenommen hatte. Er hatte nur eine Tochter, die Natascha hieß und drei Jahre jünger war als ich. Wir wuchsen zusammen auf wie Bruder und Schwester. O du meine schöne Kindheit! Wie dumm ist es, im Alter von fünfundzwanzig Jahren sich mit schmerzlichem Bedauern nach dir zurückzusehnen und, dem Tode nah, nur deiner mit Entzücken und Dankbarkeit zu gedenken! Damals hatten wir eine so helle Sonne über uns am Himmel, eine Sonne, so ganz unähnlich der Petersburger Sonne, und unsere kleinen Herzen schlugen so munter und fröhlich. Damals waren Felder und Wälder um uns herum und nicht ein Haufen von toten Steinen wie jetzt. Wie wundervoll war der Garten und Park in Wassiljewskoje, wo Nikolai Sergejewitsch Verwalter war; in diesem Garten ging ich mit Natascha spazieren, und hinter dem Garten war ein großer, feuchter Wald, in dem wir Kinder uns beide einmal verirrten … O du goldene, schöne Zeit! Das Leben tat sich zum erstenmal vor uns auf, geheimnisvoll und lockend, und es war so süß, es kennenzulernen. Damals hatten wir noch die Vorstellung, daß hinter jedem Strauch, hinter jedem Baum ein für uns geheimnisvolles, unsichtbares Wesen lebe; die Märchenwelt floß mit der wirklichen zusammen, und wenn manchmal in den tiefen Tälern sich der Abendnebel verdichtete und sich in grauen, gewundenen Streifen an das Gebüsch hängte, das an den steinernen Rippen unserer großen Schlucht wuchs, dann blickten Natascha und ich, uns an den Händen haltend, mit ängstlicher Neugier von dem oberen Rand in die Tiefe und erwarteten jeden Augenblick, daß jemand vom Boden der Schlucht aus dem Nebel zu uns heraufsteigen oder uns anrufen werde und daß die Märchen der Kinderfrau sich als richtige, echte Wahrheit erweisen würden. In späteren Jahren, lange nachher, erinnerte ich einst zufällig Natascha daran, wie man uns damals einmal die ›Kinderlektüre‹ in die Hände gegeben hatte und wir sofort in den Garten zum Teich gelaufen waren, wo unter einem alten, dichtbelaubten Ahornbaum unsere grüne Lieblingsbank stand, uns dort hingesetzt und ›Alfons und Dalinda‹, ein Zaubermärchen, zu lesen begonnen hatten. Noch heute kann ich an diese Erzählung nicht ohne eine sonderbare Erregung des Herzens zurückdenken, und als ich vor einem Jahr Natascha an die beiden ersten Zeilen erinnerte: »Alfons, der Held meiner Erzählung, wurde in Portugal geboren; Don Ramir, sein Vater« usw., da fing ich beinahe an zu weinen. Das sah gewiß schrecklich dumm aus, und dies war wahrscheinlich der Grund, weshalb Natascha damals so seltsam über mein Entzücken lächelte. Übrigens bezwang sie sich sofort (darauf besinne ich mich) und begann nun, um mir eine Freude zu machen, selbst von der alten Zeit zu reden. Ein Wort gab das andere, und zuletzt wurde auch sie ganz weich. Es war ein herrlicher Abend; wir holten all die alten Erinnerungen hervor, auch wie ich nach der Gouvernementsstadt geschickt wurde, um dort ein Alumnat zu besuchen (o Gott, wie hatte sie damals geweint!), auch wie wir uns zum letzten Male trennten, als ich für immer von Wassiljewskoje Abschied nahm. Ich hatte damals die Schule schon durchgemacht und ging nach Petersburg, um mich zum Eintritt in die Universität vorzubereiten. Ich war damals siebzehn Jahre alt und sie fünfzehn. Natascha sagte, ich sei damals ein lang aufgeschossener, ungeschickter Bursche gewesen und man habe mich gar nicht ansehen können, ohne zu lachen. In der Abschiedsstunde führte ich sie beiseite, um ihr etwas furchtbar Wichtiges zu sagen; aber meine Zunge wurde auf einmal unbeweglich und stumm. Natascha hatte noch in der Erinnerung, daß ich mich in gewaltiger Aufregung befand. Natürlich kam unser Gespräch nicht in Gang. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, und sie hätte mich vielleicht gar nicht verstanden. Ich fing nur bitterlich an zu weinen und reiste ab, ohne etwas gesagt zu haben. Wir sahen uns erst sehr lange Zeit nachher wieder, in Petersburg. Das war vor zwei Jahren. Der alte Ichmenew war hierhergefahren, um seinen Prozeß zu betreiben, und ich hatte soeben meine schriftstellerische Laufbahn begonnen.
Drittes Kapitel
Nikolai Sergejewitsch Ichmenew stammte aus einer guten, aber schon lange verarmten Familie. Indessen hatten ihm seine Eltern doch noch ein hübsches Besitztum mit hundertundfünfzig Seelen hinterlassen. Als er zwanzig Jahre alt war, trat er bei den Husaren ein. Alles ging gut; aber in seinem sechsten Dienstjahr passierte es ihm an einem unglücklichen Abend, daß er sein ganzes Vermögen verspielte. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Am folgenden Abend erschien er von neuem am Kartentisch und setzte auf eine Karte sein Pferd, das letzte Besitzstück, das ihm geblieben war. Die Karte gewann, und so auch die zweite und dritte, und nach Verlauf einer halben Stunde hatte er etwas von seinen Besitzungen zurückgewonnen, das Dörfchen Ichmenewka, in welchem bei der letzten Revision fünfzig Seelen gezählt worden waren. Er hörte auf zu spielen und reichte gleich am andern Tag sein Abschiedsgesuch ein. Hundert Seelen waren unwiederbringlich verloren. Zwei Monate darauf erhielt er seinen Abschied als Leutnant und begab sich auf sein Dorf. Von seinem Spielverlust redete er in seinem späteren Leben niemals, und trotz seiner notorischen Gutherzigkeit hätte er sich doch unfehlbar mit jedem verfeindet, der sich erlaubt hätte, zu ihm davon zu sprechen. Auf dem Dorf beschäftigte er sich fleißig mit der Wirtschaft und heiratete im Alter von fünfunddreißig Jahren ein armes Edelfräulein, Anna Andrejewna Schumilowa, die gar keine Mitgift bekam, aber ihre Bildung in einer vornehmen Pension der Gouvernementsstadt bei der Emigrantin Mont Revéche erhalten hatte, worauf Anna Andrejewna ihr ganzes Leben lang stolz war, obgleich nie jemand erraten konnte, worin diese Bildung eigentlich bestand. Nikolai Sergejewitsch war ein ausgezeichneter Landwirt geworden. Die benachbarten Gutsbesitzer lernten von ihm auf wirtschaftlichem Gebiet. So vergingen mehrere Jahre, als plötzlich auf dem Nachbargut, dem Dorf Wassiljewskoje, in welchem neunhundert Seelen gezählt worden waren, der Besitzer, Fürst Pjotr Alexandrowitsch Walkowski, aus Petersburg eintraf. Seine Ankunft erregte in der ganzen Gegend sehr starkes Aufsehen. Der Fürst war, wenn er auch die erste Jugend bereits hinter sich hatte, doch noch ein junger Mann, besaß einen hohen Dienstrang, bedeutende Konnexionen, ein schönes Äußeres, ein beträchtliches Vermögen und war, um dies zuletzt zu erwähnen, Witwer, was ihn den Frauen und Mädchen des ganzen Kreises besonders interessant machte. Man erzählte von der glänzenden Aufnahme, die er in der Gouvernementsstadt bei dem Gouverneur gefunden hatte, mit dem er entfernt verwandt war; es wurde hinzugefügt, alle Damen des Gouvernements seien ›von seiner Liebenswürdigkeit ganz bezaubert‹ usw. usw. Kurz, es war dies einer der glänzendsten Repräsentanten der höchsten Petersburger Gesellschaft, die nur selten in der Provinz erscheinen und, wenn sie dort erscheinen, außerordentliche Sensation machen. Der Fürst war indessen keineswegs liebenswürdig, namentlich nicht denjenigen gegenüber, die er nicht notwendig brauchte und die nach seiner Ansicht unter ihm standen, selbst wenn der Abstand nur gering war. Mit seinen Gutsnachbarn sich bekannt zu machen, hielt er nicht für erforderlich und machte sich dadurch gleich von vornherein eine Menge Feinde. Daher wunderten sich alle außerordentlich, als es ihm auf einmal einfiel, bei Nikolai Sergejewitsch einen Besuch zu machen. Allerdings war Nikolai Sergejewitsch einer seiner nächsten Nachbarn. In dem Ichmenewschen Hause machte der Fürst starken Eindruck. Er bezauberte sogleich die beiden Ehegatten; besonders war Anna Andrejewna von ihm entzückt. Bald darauf verkehrte er mit ihnen schon völlig intim, kam jeden Tag zu ihnen herübergefahren, lud sie zu sich ein, machte Witze, erzählte Anekdoten, spielte auf ihrem schlechten Klavier und sang dazu Lieder. Ichmenews konnten sich nicht genug darüber wundern, wie die Leute von einem so prächtigen, liebenswürdigen Menschen sagen konnten, er sei ein stolzer, hochmütiger, trockener Egoist; denn als solchen verschrien ihn alle Nachbarn einhellig. Man mußte glauben, Nikolai Sergejewitsch habe als ein schlichter, offenherziger, uneigennütziger, vornehm denkender Mensch dem Fürsten tatsächlich gefallen. Indessen klärte sich bald alles auf. Der Fürst war nach Wassiljewskoje gekommen, um seinen Verwalter wegzujagen, einen unmoralischen Deutschen, der ein großes Selbstgefühl besaß, sich Agronom nannte, mit grauen, Achtung heischenden Haaren, einer Brille und einer Hakennase ausgestattet war, aber trotz all dieser Vorzüge in einer scham-und maßlosen Weise gestohlen und überdies mehrere Bauern zu Tode gequält hatte. Dieser Iwan Karlowitsch war endlich auf frischer Tat ertappt und überführt worden; er redete zwar viel von deutscher Ehrlichkeit, wurde aber trotz alledem weggejagt, und sogar in ziemlich schimpflicher Weise. Der Fürst brauchte einen Verwalter, und seine Wahl fiel auf Nikolai Sergejewitsch, einen vortrefflichen Landwirt und durchaus ehrenhaften Menschen, worüber nicht der geringste Zweifel bestehen konnte. Es scheint, daß der Fürst sehr wünschte, Nikolai Sergejewitsch möchte sich ihm selbst als Verwalter anbieten; aber das geschah nicht, und so machte ihm denn eines schönen Tages der Fürst dieses Anerbieten, und zwar in Form einer sehr freundschaftlichen, höflichen Bitte. Ichmenew lehnte es zunächst ab; aber auf Anna Andrejewna übte das bedeutende Gehalt eine verführerische Wirkung aus, und die verdoppelte Liebenswürdigkeit des Bittenden zerstreute alle noch übrigen Bedenken. Der Fürst erreichte seinen Zweck. Man muß annehmen, daß er ein großer Menschenkenner war. In der kurzen Zeit seiner Bekanntschaft mit Ichmenew hatte er vollständig erkannt, mit wem er es zu tun hatte, und eingesehen, daß er Ichmenew durch freundschaftliches, herzliches Benehmen bezaubern und sein Herz gewinnen müsse und daß ohne dieses Mittel Geld nicht viel vermöge. Er aber brauchte gerade einen solchen Verwalter, dem er blind und für immer vertrauen konnte, damit er, wie er das tatsächlich beabsichtigte, nie wieder nach Wassiljewskoje zu kommen brauche. Der bezaubernde Eindruck, den er bei Ichmenew hervorrief, war so stark, daß dieser aufrichtig an die Freundschaft des Fürsten glaubte. Nikolai Sergejewitsch war einer jener gutherzigen, naiv-romantischen Menschen, die bei uns in Rußland, was man auch von ihnen sagen mag, eine so prächtige Menschenklasse bilden und die, wenn sie einmal (manchmal Gott weiß warum) jemanden liebgewinnen, sich ihm mit ganzer Seele hingeben, so daß ihre Anhänglichkeit mitunter geradezu komisch wird.
Viele Jahre waren vergangen. Das Gut des Fürsten war zu hoher Blüte gelangt. Die Beziehungen zwischen dem Besitzer von Wassiljewskoje und seinem Verwalter erfuhren weder von der einen noch von der andern Seite auch nur die geringste Trübung und beschränkten sich auf einen trockenen geschäftlichen Briefwechsel. Der Fürst mischte sich in keiner Weise in Nikolai Sergejewitschs Anordnungen ein, erteilte ihm aber mitunter Ratschläge, die einen vortrefflichen praktischen Blick und gute Sachkenntnis bekundeten und diesen dadurch in Erstaunen versetzten. Offenbar war der Fürst nicht nur der Verschwendung abgeneigt, sondern er verstand sich auch darauf, etwas hinzuzuerwerben. Etwa fünf Jahre nach seinem Besuch in Wassiljewskoje schickte er seinem Verwalter Nikolai Sergejewitsch eine Vollmacht zum Ankauf eines anderen vorzüglichen Gutes mit vierhundert Seelen, das in demselben Gouvernement gelegen war. Nikolai Sergejewitsch war entzückt; die Erfolge des Fürsten, die Gerüchte von seiner glücklichen Karriere und seinem Avancement machten ihm soviel Freude, als ob es sich um seinen eigenen Bruder handele. Aber sein Entzücken stieg auf den höchsten Grad, als der Fürst ihm tatsächlich in einem Fall ein ganz außerordentliches Vertrauen erwies. Das ging folgendermaßen zu … Aber hier finde ich es nötig, einige Einzelheiten aus dem Leben dieses Fürsten Walkowski anzuführen, der eine der wichtigsten Personen meiner Erzählung ist.
Viertes Kapitel
Ich habe schon früher erwähnt, daß er Witwer war. Geheiratet hatte er schon als ganz junger Mensch, und zwar war es eine Geldheirat gewesen. Von seinen Eltern, die sich in Moskau vollständig ruiniert hatten, hatte er so gut wie nichts geerbt. Wassiljewskoje war mit enormen Hypotheken belastet. Dem zweiundzwanzigjährigen Fürsten, der damals genötigt war, in Moskau in irgendeinem Büro eine Stelle zu verwalten, war auch nicht eine Kopeke geblieben, und er trat in das Leben als »der verarmte Sprößling eines altadligen Geschlechts«. Seine Verheiratung mit der überreifen Tochter eines Kaufmanns und Branntweinpächters rettete ihn. Der Branntweinpächter betrog ihn allerdings bei der Mitgift; aber der Fürst konnte doch mit dem Geld seiner Frau sein Stammgut von der Hypothekenlast befreien und sich auf die Beine helfen. Die Kaufmannstochter, die er zur Frau bekommen hatte, konnte kaum schreiben und nicht zwei vernünftige Worte reden, war häßlich und besaß nur eine wichtige, gute Eigenschaft: sie war gutmütig und fügsam. Diese gute Eigenschaft nutzte der Fürst in hohem Maße aus; nach dem ersten Jahr der Ehe ließ er seine Frau, die ihm um diese Zeit einen Sohn geboren hatte, in den Händen ihres Vaters, des Branntweinpächters, in Moskau und siedelte selbst nach dem Gouvernement P. über, wo er sich durch die Protektion eines hochgestellten Petersburger Verwandten eine ziemlich ansehnliche Stellung im Staatsdienste verschafft hatte. Er dürstete nach Avancement, nach Auszeichnungen, nach einer glänzenden Karriere, und da er sich sagte, daß er mit seiner Frau weder in Petersburg noch in Moskau leben könne, so entschloß er sich, in Erwartung von etwas Besserem, seine Karriere in der Provinz zu beginnen. Es hieß, er habe schon im ersten Jahr seines Zusammenlebens mit seiner Frau diese durch die grobe Manier, in der er sie behandelt habe, beinahe zu Tode gequält. Über dieses Gerücht geriet Nikolai Sergejewitsch immer in Empörung, und er trat mit Wärme für den Fürsten ein, indem er beteuerte, der Fürst sei eines unedlen Benehmens unfähig. Aber nach sieben Jahren starb die Fürstin endlich, und der Witwer zog nun sogleich wieder nach Petersburg. Dort machte er sogar einigen Eindruck. Noch jung, von schönem Äußeren, vermögend und mit vielen glänzenden Eigenschaften, darunter mit Witz, mit Geschmack und mit einem unerschöpflichen Humor begabt, benahm er sich nicht, als ob er sein Glück machen wolle und Protektion suche, sondern als stehe er schon fest auf eigenen Füßen. Man erzählte, er habe wirklich etwas Bezauberndes, Kraftvolles, Siegreiches an sich gehabt. Den Frauen gefiel er außerordentlich, und eine Liaison mit einer schönen Dame aus den höchsten Gesellschaftskreisen verhalf ihm zu einer skandalösen Berühmtheit. Trotz der ihm angeborenen Sparsamkeit, die sogar an Geiz streifte, streute er mit dem Geld, ohne dasselbe zu bedauern, um sich, verlor im Kartenspiel an solche Herren, bei denen das zweckmäßig war, und verzog selbst bei großen Verlusten keine Miene. Aber nicht um Vergnügen zu suchen, war er nach Petersburg gekommen: er wollte seine Karriere definitiv in Gang bringen und sicherstellen. Und das erreichte er. Graf Nainski, sein hochgestellter Verwandter, der ihm keine Beachtung geschenkt hätte, wenn er als gewöhnlicher Bittsteller aufgetreten wäre, ließ sich durch seine Erfolge in der Gesellschaft imponieren, hielt es für möglich und passend, ihm seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, und erwies ihm sogar die Ehre, seinen siebenjährigen Sohn zur Erziehung in sein Haus zu nehmen. In diese Zeit fiel auch die Fahrt des Fürsten nach Wassiljewskoje und seine Bekanntschaft mit Ichmenews. Endlich erhielt er durch Vermittlung des Grafen eine angesehene Stellung bei einer der bedeutendsten Gesandtschaften und begab sich ins Ausland. Weiterhin wurden die Gerüchte über ihn etwas unklar: man sprach von einem unangenehmen Erlebnis, das er im Ausland gehabt habe; aber niemand vermochte anzugeben, worin dieses bestanden habe. Man wußte nur, daß er vierhundert Seelen hinzugekauft habe, was ich schon erwähnte. Erst viele Jahre später kehrte er in hoher dienstlicher Stellung aus dem Ausland zurück und erhielt sofort in Petersburg ein sehr bedeutendes Amt. Nach Ichmenewka gelangten Gerüchte, er werde eine zweite Ehe eingehen und dadurch mit einem sehr vornehmen, reichen, mächtigen Geschlecht verwandt werden. »Er wird noch einmal einer der höchsten Würdenträger werden!« sagte Nikolai Sergejewitsch, sich vor Vergnügen die Hände reibend. Ich war damals in Petersburg auf der Universität und erinnere mich, daß Ichmenew expreß an mich schrieb und mich bat, Erkundigungen darüber einzuziehen, ob die Gerüchte über die Wiederverheiratung zutreffend seien. Er schrieb auch an den Fürsten und bat ihn, mir seine Protektion zukommen zu lassen; aber der Fürst ließ diesen Brief unbeantwortet. Ich wußte nur, daß sein Sohn, der zuerst bei dem Grafen und dann auf einem Lyzeum erzogen worden war, damals den Universitätskursus im Alter von neunzehn Jahren beendet hatte. Ich schrieb dies sogleich an Ichmenews und auch, daß der Fürst seinen Sohn sehr liebe, ihn verwöhne und schon jetzt Pläne über seine Zukunft entwerfe. Alles dies hatte ich von Kommilitonen erfahren, die mit dem jungen Fürsten bekannt waren. In dieser Zeit erhielt Nikolai Sergejewitsch eines Tages von dem Fürsten einen Brief, der ihn in das größte Erstaunen versetzte.
Der Fürst, der sich bisher, wie ich schon gesagt habe, in seinem Verkehr mit Nikolai Sergejewitsch auf eine trockene geschäftliche Korrespondenz beschränkt hatte, schrieb ihm jetzt in der eingehendsten, offenherzigsten und freundschaftlichsten Weise über seine Familienverhältnisse: er beklagte sich über seinen Sohn, schrieb, daß ihm dieser durch seine schlechte Aufführung Kummer mache; allerdings dürfe man die mutwilligen Streiche eines so jungen Menschen nicht allzu tragisch nehmen (er suchte ihn offenbar zu entschuldigen); aber er habe beschlossen, den Sohn zu bestrafen und ihm eine heilsame Furcht einzuflößen, nämlich dadurch, daß er ihn für einige Zeit auf das Land schicke und unter Ichmenews Aufsicht stelle. Der Fürst schrieb, er setze auf »seinen gutherzigen, edelgesinnten Nikolai Sergejewitsch und besonders auf Anna Andrejewna« volles Vertrauen, bat sie beide, seinen Leichtfuß in ihre Familie aufzunehmen, ihn in der ländlichen Einsamkeit Mores zu lehren, ihn, wenn möglich, liebzuhaben und vor allen Dingen seinen leichtsinnigen Charakter zu bessern und ihm strenge Grundsätze beizubringen, die ja für das menschliche Leben so unumgänglich notwendig seien. Selbstverständlich übernahm der alte Ichmenew diese Aufgabe mit Entzücken. Der junge Fürst erschien und wurde wie ein leiblicher Sohn aufgenommen. In kurzer Zeit gewann ihn Nikolai Sergejewitsch ebenso lieb, wie er seine Natascha liebte; sogar später, nachdem es bereits zwischen dem fürstlichen Vater und Ichmenew zum endgültigen Bruch gekommen war, dachte der alte Mann manchmal heiteren Sinnes an ›seinen lieben Aljoscha‹, wie er den jungen Fürsten Alexei Petrowitsch zu nennen pflegte. Dieser war in der Tat ein sehr liebenswürdiger junger Mensch; von hübschem Äußeren, schwach und nervös wie ein Frauenzimmer, zugleich aber heiter, offenherzig und der edelsten Empfindungen fähig, mit einem liebevollen, biederen, dankbaren Gemüt: so wurde er der Abgott in dem Ichmenewschen Haus. Trotz seiner neunzehn Jahre war er noch ein vollständiges Kind. Man konnte sich schwer vorstellen, weswegen ihn der Vater verbannt hatte, der ihn doch, wie man sagte, sehr liebte. Es hieß, der junge Fürst habe in Petersburg ein müßiges, leichtfertiges Leben geführt, nicht in den Staatsdienst eintreten wollen und dadurch seinen Vater aufgebracht. Nikolai Sergejewitsch befragte den jungen Mann nicht darüber, da Fürst Pjotr Alexandrowitsch in seinem Brief den wahren Grund der Verbannung seines Sohnes augenscheinlich verschwiegen hatte. Übrigens waren Gerüchte von unverzeihlichen leichtsinnigen Streichen Aljoschas im Umlauf: von einer Liaison mit einer verheirateten Dame, von einer Forderung zum Duell, von einem gewaltigen Verlust am Kartentisch; es wurde sogar davon gesprochen, daß er fremdes Geld vergeudet habe. Es ging auch ein Gerücht, der Fürst habe gar nicht wegen irgendeines Verschuldens seines Sohnes diesen zu entfernen beschlossen, sondern infolge gewisser besonderer egoistischer Erwägungen. Diesem Gerücht trat Nikolai Sergejewitsch mit Entrüstung entgegen, um so mehr, da Aljoscha seinen Vater außerordentlich liebte, den er während seiner Kindheit und seiner ersten Jugend nicht gekannt hatte; er sprach von ihm mit Entzücken und Begeisterung; es war klar, daß er sich seinem Willen völlig unterordnete. Aljoscha erzählte manchmal auch von einer Gräfin, der er und sein Vater gleichzeitig die Cour gemacht hätten; aber er, Aljoscha, habe seinem Vater dabei den Rang abgelaufen, worüber dieser furchtbar böse geworden sei. Er trug diese Geschichte immer mit Entzücken, mit kindlicher Offenherzigkeit und mit hellem, fröhlichem Gelächter vor; aber Nikolai Sergejewitsch unterbrach ihn jedesmal sogleich. Aljoscha bestätigte auch das Gerücht, daß sein Vater sich wieder verheiraten wolle.
Er hatte bereits fast ein Jahr in der Verbannung gelebt, zu bestimmten Terminen an seinen Vater respektvolle, vernünftige Briefe geschrieben und sich schließlich in Wassiljewskoje dermaßen eingelebt, daß, als der Fürst im Sommer selbst nach dem Gute kam (wovon er Ichmenews vorher benachrichtigt hatte), der Verbannte den Vater selbst bat, er möchte ihm erlauben, noch möglichst lange in Wassiljewskoje zu bleiben; das Landleben, so versicherte er, sei sein wahrer Beruf. Alle Entschlüsse und Wünsche Aljoschas entsprangen seiner übergroßen nervösen Empfänglichkeit, seinem heißen Herzen, seinem Leichtsinn, der mitunter bis zum Unverstand ging, seiner außerordentlichen Fähigkeit, sich jedem äußeren Einfluß unterzuordnen, und dem völligen Mangel an Willenskraft. Aber der Fürst hörte diese Bitte mit einem gewissen Mißtrauen an. Überhaupt erkannte Nikolai Sergejewitsch seinen früheren ›Freund‹ kaum wieder: Fürst Pjotr Alexandrowitsch hatte sich sehr, sehr verändert. Er war auf einmal Nikolai Sergejewitsch gegenüber äußerst händelsüchtig geworden sei; bei der Prüfung der Gutsrechnungen zeigte er eine widerwärtige Habgier, Knauserei und ein unbegreifliches Mißtrauen. All das betrübte den braven Ichmenew schrecklich; lange wollte er nicht glauben, was er doch sah und hörte. Diesmal gestaltete sich alles ganz anders als bei dem ersten Besuch des Fürsten in Wassiljewskoje vor vierzehn Jahren: diesmal knüpfte der Fürst mit allen Nachbarn Bekanntschaften an, selbstverständlich nur mit den vornehmsten; aber zu Nikolai Sergejewitsch kam er nie mehr herübergefahren und behandelte ihn ganz wie einen Untergebenen. Auf einmal trug sich ein unbegreiflicher Vorfall zu: ohne jede erkennbare Ursache erfolgte ein schroffer Bruch zwischen dem Fürsten und Nikolai Sergejewitsch. Von beiden Seiten fielen heftige, beleidigende Ausdrücke. Empört entfernte sich Ichmenew aus Wassiljewskoje; aber damit war die häßliche Geschichte noch nicht zu Ende. In der ganzen Umgegend verbreitete sich die widerwärtigste Klatscherei. Es wurde behauptet, Nikolai Sergejewitsch, der über den Charakter des jungen Fürsten völlig ins klare gekommen sei, habe beabsichtigt, die Fehler desselben zu seinem Vorteil auszunutzen; seine Tochter Natascha (die damals schon siebzehn Jahre alt war) habe es verstanden, den zwanzigjährigen Jüngling in sich verliebt zu machen; sowohl der Vater als auch die Mutter hätten diese Liebschaft begünstigt, obwohl sie sich gestellt hätten, als bemerkten sie nichts davon; die schlaue, ›sittenlose‹ Natascha habe schließlich den jungen Mann vollständig behext, der das ganze Jahr über infolge ihrer Bemühungen fast kein wirklich anständiges junges Mädchen zu sehen bekommen habe, deren es doch in den achtbaren Häusern der benachbarten Gutsbesitzer so viele gebe. Man behauptete endlich, die beiden Liebesleute hätten schon verabredet gehabt, sich in dem Dorfe Grigorjewo, fünfzehn Werst von Wassiljewskoje entfernt, trauen zu lassen, anscheinend heimlich vor Nataschas Eltern, die aber in Wirklichkeit alles bis auf die kleinsten Einzelheiten gewußt und die Tochter durch ihre schändlichen Ratschläge geleitet hätten. Kurz, in einem dicken Buche hätte all das nicht Platz gefunden, was die Klatschbasen beiderlei Geschlechts anläßlich dieses Vorfalls im ganzen Kreis schwatzten. Aber das Erstaunlichste war, daß der Fürst all diesem Gerede völligen Glauben schenkte und sogar einzig und allein aus diesem Grunde nach Wassiljewskoje gekommen war; er hatte nämlich in Petersburg eine anonyme Denunziation aus der Provinz erhalten. Allerdings hätte, wie es scheint, niemand, der Nikolai Sergejewitsch auch nur ein wenig kannte, ein Wort von all den gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen glauben können; aber wie das so zu gehen pflegt, machten sich alle trotzdem eifrig über die Sache her, redeten, schüttelten die Köpfe und – fällten ein Verdammungsurteil. Ichmenew seinerseits war zu stolz, um seine Tochter vor dem Tribunal der Klatschbasen zu verteidigen, und verbot auch seiner Frau streng, sich mit den Nachbarn auf irgendwelche Erörterungen einzulassen. Die so arg verleumdete Natascha selbst aber wußte sogar ein ganzes Jahr darauf noch so gut wie nichts von all diesem Gerede und Geschwätze: ihre Eltern hielten die ganze Geschichte sorgfältig vor ihr verborgen, und sie war heiter und unschuldig wie ein zwölfjähriges Kind.
Inzwischen nahm der Streit mit dem Fürsten seinen Fortgang. Dienstfertige Leute zeigten sich geschäftig. Angeber und Zeugen traten auf und brachten den Fürsten schließlich zu der Überzeugung, daß Nikolai Sergejewitsch bei seiner langjährigen Verwaltung von Wassiljewskoje sich keineswegs durch musterhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet habe. Ja noch mehr: vor drei Jahren habe Nikolai Sergejewitsch bei dem Verkauf eines Waldes eine Summe von zwölftausend Rubeln unterschlagen, was sich durch klare, vollgültige Beweise vor Gericht nachweisen lasse; und dabei habe er zu dem Verkauf des Waldes nicht einmal eine gesetzliche Vollmacht vom Fürsten besessen, sondern nach seinem eigenen Kopf gehandelt, den Fürsten erst nachträglich von der Notwendigkeit des Verkaufs überzeugt und für den Wald eine sehr viel geringere Summe als die tatsächlich empfangene abgeliefert. Selbstverständlich waren das alles nur Verleumdungen, wie es sich auch in der Folge herausstellte; aber der Fürst glaubte alles und nannte Nikolai Sergejewitsch vor Zeugen einen Dieb. Ichmenew nahm das nicht so hin, sondern antwortete mit einer ebenso schweren Beleidigung: es war eine schreckliche Szene. Sofort begann ein Prozeß. Nikolai Sergejewitsch war sehr bald nahe daran, diesen zu verlieren, einerseits weil er keine schriftlichen Belege vorzeigen konnte, besonders aber weil er keine Gönner hatte und in solchen Gerichtssachen keine Erfahrung besaß. Sein Gut wurde gerichtlich mit Beschlag belegt. Der aufgebrachte alte Mann ließ alles stehen und liegen und entschloß sich, nach Petersburg zu ziehen, um persönlich für seine Sache tätig zu sein; im Gouvernement aber übertrug er die Verwaltung seines Gutes einem erfahrenen Bevollmächtigten. Der Fürst erkannte, wie es scheint, bald, daß er Ichmenew grundlos beleidigt hatte. Aber die Beleidigung war von beiden Seiten eine so schwere gewesen, daß eine Aussöhnung ein Ding der Unmöglichkeit war, und so machte denn der Fürst in seinem Grimm alle Anstrengungen, um den Prozeß zu gewinnen, das heißt, in Wirklichkeit seinem früheren Verwalter das letzte Stück Brot wegzunehmen.
Fünftes Kapitel
So war also die Familie Ichmenew nach Petersburg gezogen. Ich beabsichtige nicht, mein Wiedersehen mit Natascha nach einer so langen Trennung zu schildern. Diese ganzen vier Jahre über hatte ich immer an sie gedacht. Allerdings war ich mir über das Gefühl, mit dem ich an sie gedacht hatte, selbst nicht ganz klar gewesen; aber als wir uns nun wiedererblickten, erkannte ich bald, daß sie mir vom Schicksal bestimmt sei. Anfangs, in den ersten Tagen nach der Ankunft der Familie, schien es mir immer, als habe Natascha sich in diesen Jahren nur wenig weiterentwickelt, als habe sie sich nicht verändert und sei noch dasselbe Mädchen geblieben, das sie vor unserer Trennung gewesen war. Aber dann entdeckte ich Tag für Tag an ihr etwas Neues, mir bisher ganz Unbekanntes, gerade als ob das Mädchen es absichtlich vor mir verheimlicht und verborgen habe – und welchen Genuß gewährten mir diese Entdeckungen! Der Alte war in der ersten Zeit nach der Übersiedlung nach Petersburg sehr reizbar und verbittert. Seine Sache ging schlecht; er war entrüstet, ganz außer sich, quälte sich mit Prozeßakten ab und war nicht in der Stimmung, sich mit uns abzugeben. Anna Andrejewna aber ging wie betäubt umher und konnte anfangs keinen klaren Gedanken fassen. Petersburg beängstigte sie. Sie seufzte, fühlte sich bedrückt, dachte mit Tränen an ihr früheres Leben und an Ichmenewka zurück und war traurig darüber, daß Natascha nun erwachsen sei und niemand sie beachte. Über diesen letzten Punkt ließ sie sich mit mir in Gespräche von seltsamer Offenherzigkeit ein, wohl in Ermangelung eines andern, der zu vertraulichen Mitteilungen geeigneter gewesen wäre. Gerade zu dieser Zeit, nicht lange vor der Ankunft der Familie Ichmenew, hatte ich meinen ersten Roman beendet, eben den, mit welchem meine Laufbahn begann, und wußte als Neuling zuerst nicht, wo ich ihn unterbringen sollte. Bei Ichmenews hatte ich davon keine Silbe gesagt; sie hatten sich mit mir beinahe schon verfeindet, weil ich ein Müßiggänger sei, das heißt nicht in den Staatsdienst träte und mir keine Mühe gäbe, eine Stelle zu finden. Der Alte hatte mich ernstlich und sogar in recht scharfen Ausdrücken ausgescholten, natürlich aus väterlicher Anteilnahme an meinem Ergehen. Ich aber hatte mich geradezu geschämt, ihnen zu sagen, womit ich mich beschäftigte. Und in der Tat, wie konnte ich ihnen geradeheraus sagen, daß ich gar kein Amt übernehmen, sondern Romane schreiben wolle? Deswegen hatte ich sie einstweilen getäuscht und gesagt, ich hätte noch keine Stelle bekommen können, sei aber eifrig auf der Suche. Der alte Ichmenew hatte keine Zeit gehabt, die Wahrheit meiner Angaben nachzuprüfen. Als Natascha einmal unsere Gespräche mit angehört hatte, hatte sie mich insgeheim beiseite geführt und mich unter Tränen angefleht, doch an meine Zukunft zu denken; sie hatte mich dringlich befragt, was ich eigentlich täte, und als ich mich auch ihr nicht entdeckte, hatte sie mir darauf den Eid abgenommen, daß ich mich nicht durch Faulheit und Müßiggang zugrunde richten würde. Ich hatte ihr nicht bekannt, womit ich mich beschäftigte, und doch wäre ein einziges beifälliges Wort von ihr über meine Arbeit, über meinen ersten Roman, mir wertvoller gewesen als alles, was ich später an schmeichelhaften Äußerungen der Kritiker und anderer Beurteiler zu hören bekam. Und nun war mein Roman endlich erschienen! Schon lange vor seinem Erscheinen hatte er in der literarischen Welt Aufsehen erregt. Der Kritiker B. hatte sich gefreut wie ein Kind, als er mein Manuskript las. Aber wenn ich jemals glücklich gewesen bin, so war ich es nicht in den ersten berauschenden Augenblicken des Erfolges, sondern damals, als ich mein Manuskript noch niemandem vorgelesen und gezeigt hatte, in jenen langen Nächten inmitten entzückter Hoffnungen und Zukunftsträumereien und leidenschaftlicher Liebe zur Arbeit, als ich mit meinen Phantasiegebilden zusammenlebte, mit den Personen, die ich selbst geschaffen hatte, verkehrte, als ob sie meine Verwandten und wirklich existierende Wesen wären, sie liebte, mich mit ihnen freute und mit ihnen trauerte und manchmal sogar die aufrichtigsten Tränen über das Schicksal meines schlichten Helden vergoß. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sich die beiden alten Leute über meinen Erfolg freuten, obgleich sie zuerst furchtbar erstaunt waren; es war doch eine gar zu seltsame Überraschung für sie! So wollte Anna Andrejewna es absolut nicht glauben, daß der neue, allgemein gerühmte Schriftsteller dieser selbe Wanja sei, der … und schüttelte immer nur mit dem Kopfe. Der Alte wollte sich lange Zeit nicht überwunden geben und bekam anfangs, bei den ersten Gerüchten, sogar einen Schreck; er begann von der zerstörten dienstlichen Karriere und von der unordentlichen Lebensweise aller Schriftsteller in Bausch und Bogen zu reden. Aber die unaufhörlichen neuen Gerüchte, die Artikel in den Zeitschriften und endlich einige lobende Worte, die er über mich von Leuten gehört hatte, denen er respektvoll Glauben schenkte, veranlaßten ihn, seine Meinung über die Sache zu ändern. Als er aber wahrnahm, daß ich auf einmal zu Geld gelangt war, und erfuhr, welche Bezahlung man für schriftstellerische Arbeit erhalten kann, da schwanden auch seine letzten Bedenken. Schnell vom Zweifel zu vollem, entzücktem Glauben übergehend, freute er sich wie ein Band über mein Glück und gab sich auf einmal den ausschweifendsten Hoffnungen, den zügellosesten Phantasien über meine Zukunft hin. Alle Tage entwarf er neue Pläne für meine Karriere, und was war nicht alles in diesen Plänen enthalten! Er begann sogar, mir eine besondere Art von Achtung zu bezeigen, die er mir bis dahin nicht erwiesen hatte. Aber doch stürmten manchmal wieder die alten Zweifel plötzlich auf ihn ein, oft mitten im entzücktesten Phantasieren, und machten ihn wieder in seinem Glauben irre.
»Autor, Dichter! Wie sonderbar das klingt… Aber wann sind Dichter zu Rang und Würden gelangt? Sie bleiben doch immer nur so ein tintenklecksendes Völkchen mit unsicherer Existenz!«
Ich machte die Beobachtung, daß derartige Zweifel und all solche heiklen Überlegungen ihm am häufigsten in der Dämmerung in den Sinn kamen (so fest haften mir alle Einzelheiten aus jener goldenen Zeit im Gedächtnis!). In der Dämmerstunde wurde unser guter Alter immer besonders nervös, ängstlich und mißtrauisch. Natascha und ich wußten das schon und machten uns im voraus darüber lustig. Ich erinnere mich, daß ich ihn durch den Hinweis auf interessante Tatsachen zu ermutigen suchte: wie Sumarokow den Generalsrang, Dershawin eine mit Dukaten gefüllte Tabatiere erhalten habe, wie die Zarin selbst bei Lomonossow einen Besuch gemacht habe; ich redete von Puschkin, von Gogol.
»Ich weiß, lieber Freund, ich weiß das alles«, erwiderte der alte Mann, der vielleicht zum erstenmal in seinem Leben von all diesen Dingen hörte. »Hm! Hör mal, Wanja, ich bin doch froh, daß du dein Dingrich da nicht in Versen geschrieben hast. Verse, lieber Freund, sind Unsinn; da sage du kein Wort dawider, sondern glaube mir altem Mann; ich wünsche nur dein Bestes; der reine Unsinn, müßige Zeitvergeudung! Gymnasiasten mögen Verse schreiben, immerhin; aber junge Männer bringt das Verseschreiben ins Irrenhaus. Gewiß, Puschkin war ein bedeutender Mensch; wer bestreitet das? Aber er hat doch nur Verse geschrieben und weiter nichts, so etwas Kurzlebiges… Ich habe übrigens wenig von ihm gelesen… Prosa, das ist doch eine andere Sache! Da kann der Autor seine Leser sogar belehren; na ja, er kann von der Liebe zum Vaterland sprechen oder so im allgemeinen von Tugenden, ja! Ich weiß mich nur nicht auszudrücken, lieber Freund, aber du wirst mich schon verstehen; ich sage das, weil ich es mit dir gut meine. Aber nun zu, nun zu, lies vor!« schloß er mit einer Art von Gönnermiene, als ich endlich eines Abends das Buch mitgebracht hatte und wir alle nach dem Tee um den runden Tisch herum saßen; »lies vor, was du da geschrieben hast; die Leute machen ja von dir soviel Geschrei! Wir wollen mal sehen, wir wollen mal sehen!«
Ich schlug das Buch auf und schickte mich an zu lesen. An diesem Abend war mein Roman eben erst aus der Druckerei gekommen, und nachdem ich endlich ein Exemplar erhalten hatte, war ich gleich zu Ichmenews gelaufen, um ihnen mein Erzeugnis vorzulesen.
Es hatte mich sehr geschmerzt und geärgert, daß ich ihnen meinen Roman nicht schon früher aus dem Manuskript hatte vorlesen können; aber dieses hatte sich ja in den Händen des Verlegers befunden. Natascha hatte sogar geweint vor Verdruß, mit mir gezankt und mir Vorwürfe gemacht, daß fremde Leute meinen Roman früher zu lesen bekämen als sie. Aber nun saßen wir endlich am Tisch. Der Alte setzte eine ungewöhnlich ernste, richterliche Miene auf. Er wollte ganz streng zu Gericht sitzen, »sich eine eigene Überzeugung bilden«. Die alte Frau sah ebenfalls höchst feierlich aus; beinahe hätte sie sich zu der Vorlesung eine neue Haube aufgesetzt. Sie hatte schon längst wahrgenommen, daß ich ihre prächtige Natascha mit grenzenloser Liebe anschaute, daß mir der Atem stockte und es mir dunkel vor den Augen wurde, wenn ich mit ihr sprach, und daß auch Natascha mich mit helleren Blicken als früher ansah. Ja! endlich war nun auch für unsere Liebe die Zeit gekommen; sie war gekommen gerade im Augenblick der Erfolge, der goldenen Hoffnungen und des vollkommensten Glückes; alles war zugleich gekommen, alles auf einmal! Die alte Frau hatte ferner bemerkt, daß auch ihr Mann schon angefangen hatte, mich sehr zu loben, und mich und die Tochter mit eigentümlichen Blicken ansah – und da bekam sie es plötzlich mit der Angst: ich war ja doch kein Graf, kein Fürst, kein regierender Herr, nicht einmal ein junger, juristisch gebildeter Kollegienrat mit ein paar Orden und einem schönen Äußeren! Anna Andrejewna pflegte mit ihren Wünschen nicht auf halbem Weg stehenzubleiben. »Da loben sie diesen Menschen nun«, dachte sie mit Bezug auf mich; »aber warum eigentlich, das weiß man nicht. Autor, Dichter… Was ist das nur, ein ›Autor‹?«
Sechstes Kapitel
Ich las ihnen meinen Roman an einem einzigen Abend vor. Wir fingen gleich nach dem Tee an und saßen bis zwei Uhr morgens zusammen. Der Alte machte anfangs ein finsteres Gesicht. Er hatte etwas unfaßbar Hohes erwartet, etwas von der Art, daß er es vielleicht selbst nicht verstehen könne, aber unter allen Umständen etwas Hohes; und nun bekam er statt dessen ganz alltägliche, allgemein bekannte Dinge zu hören; das war ja alles ganz genauso wie das, was gewöhnlich um einen herum vorgeht. Und wenn der Held noch ein großer, interessanter Mann wäre oder eine historische Persönlichkeit von der Art wie Roslawlew oder Juri Miloslawski aber hier wurde ein kleiner, schüchterner und sogar ein bißchen dummer Beamter geschildert, an dessen Uniform sogar die Knöpfe zerfasert waren; und alles war in so einfachem Stil geschrieben, genau wie wir selbst reden! Sonderbar! Die alte Frau blickte ihren Mann fragend an und warf sogar die Lippen ein bißchen schmollend auf, wie wenn sie sich durch etwas gekränkt fühlte: ›Na, verdient denn solch dummes Zeug wirklich, daß es gedruckt wird und daß man es anhört? Und dafür bezahlen die Leute noch Geld!‹ stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Natascha war ganz Ohr, hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, wandte kein Auge von mir, blickte nach meinen Lippen, wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte selbst ihre schönen Lippen in unbewußter Nachahmung. Und was geschah? Ehe ich noch bis zur Mitte gelangt war, strömten meinen Zuhörern die Tränen aus den Augen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig, bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und hegte (was ich aus ihren Ausrufen schließen konnte) den recht naiven Wunsch, ihm irgendwie in seinem Unglück zu helfen. Der Alte hatte alle Gedanken an großartige Stoffe bereits über Bord geworfen. »Man sieht gleich von vornherein«, sagte er, »daß dem Verfasser die Flügel noch nicht gewachsen sind; er ist nur so ein ganz einfacher Erzähler; aber dafür greift er einem ans Herz; dafür wird einem das, was um einen herum vorgeht, verständlich und begreiflich; man sieht ein, daß der armseligste, geringste Mensch doch auch ein Mensch und unser Bruder ist.«
Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch heimlich, aber kräftig die Hand. Die Vorlesung war zu Ende. Natascha stand auf; ihre Wangen glühten; die Tränen standen ihr in den Augen; auf einmal ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem Zimmer. Der Vater und die Mutter wechselten einen Blick miteinander.
»Hm! Wie gerührt sie ist!« sagte der Alte, erstaunt über das Benehmen der Tochter. »Aber das schadet nichts; das ist ganz gut, ganz gut, der Ausbruch eines edlen Gefühls! Sie ist ein braves Mädchen«, murmelte er und sah dabei flüchtig seine Frau an, als wolle er Natascha und gleichzeitig eigentümlicherweise auch mich entschuldigen.
Aber Anna Andrejewna machte, obgleich sie während der Vorlesung selbst recht aufgeregt und gerührt gewesen war, jetzt doch ein Gesicht, als ob sie sagen wollte: »Freilich ist Alexander von Makedonien ein Held; aber muß man deshalb gleich Stühle zerschlagen?«
Natascha kehrte bald zurück; sie war heiter und glücklich und kniff mich heimlich, als sie an mir vorbeiging. Der Alte wollte sich wieder daranmachen, meinen Roman »ernsthaft« zu kritisieren; aber vor Freude blieb er seiner Rolle nicht treu, sondern ließ sich hinreißen: »Na, Wanja, lieber Freund, das ist ja schön, sehr schön! Es hat mir gefallen! Es hat mir so gut gefallen, wie ich es gar nicht erwartet hatte. Es ist ja nichts Hohes, nichts Großartiges; das ist klar. Da habe ich ein Buch liegen: »Die Befreiung Moskaus«; es ist auch in Moskau selbst verfaßt – na, da sieht man gleich bei der ersten Zeile, lieber Freund, daß der Verfasser sich sozusagen auf Adlersfittichen in die Höhe schwingt. Aber weißt du, Wanja, bei dir ist alles einfacher, verständlicher. Eben deshalb sagt es mir zu, weil es verständlicher ist! Es steht einem gewissermaßen näher; es ist mir, als hätte ich es selbst erlebt. Und was hat man von etwas Großartigem? Ich hätte es selbst nicht einmal verstanden. Den Stil würde ich an deiner Stelle verbessern; ich lobe ihn ja, aber man muß doch sagen, er ist etwas niedrig. Na, aber jetzt ist es dazu zu spät: nun ist es gedruckt. Vielleicht bei der zweiten Auflage? Es wird ja doch wohl zu einer zweiten Auflage kommen? Dann erhältst du auch wieder Geld … Hm!«
»Und hast du wirklich so viel Geld dafür erhalten, Iwan Petrowitsch?« sagte Anna Andrejewna. »Ich sehe dich an und kann es immer noch nicht recht glauben. Ach du mein Gott, wofür die Leute nicht alles jetzt Geld ausgeben!«
»Weißt du, Wanja«, fuhr der Alte, immer eifriger werdend, fort, »das ist ja zwar kein Staatsdienst, aber eine Art Karriere ist es doch. Auch hochgestellte Persönlichkeiten werden es lesen. Du hast uns gesagt, Gogol habe eine jährliche Beihilfe bekommen und sei ins Ausland geschickt worden. Nun; wenn dir das auch zuteil würde? Wie? Oder ist es dazu noch zu früh? Mußt du noch etwas anderes schreiben? Nun, dann tu das, lieber Freund, tu das so schnell wie möglich! Ruhe nicht aus auf deinen Lorbeeren! Worauf willst du warten?« Er sagte das alles in einem solchen Tone der Überzeugung und mit soviel Gutherzigkeit, daß ich nicht den Mut fand, seine phantastischen Vorstellungen zu hemmen und abzukühlen.
»Oder vielleicht gibt man dir auch eine Tabatiere, wie? Gnadenbeweise sind an keine Regeln gebunden. Man wird dich aufmuntern wollen. Und wer weiß, vielleicht kommst du auch an den Hof«, fügte er flüsternd mit einem bedeutsamen Blick hinzu; »oder geht das nicht? Das ist wohl noch zu früh?«
»Na, am Ende gar an den Hof!« sagte Anna Andrejewna, wie wenn sie sich gekränkt fühlte.
»Es fehlt nicht viel, so werden Sie mich noch zum General befördern!« antwortete ich, herzlich lachend. Der Alte lachte ebenfalls. Er war außerordentlich zufrieden.
»Exzellenz, belieben Sie nicht zu speisen?« rief die übermütige Natascha, die unterdessen für uns das Abendbrot zurechtgemacht hatte.
Sie kicherte, lief zu ihrem Vater, umarmte ihn innig und streichelte ihn mit ihren heißen Händen. »Gutes, gutes Papachen!«
Der Alte wurde gerührt.
»Nun, nun, laß nur gut sein, laß nur gut sein! Ich rede das ja alles nur so harmlos hin. Lassen wir den General beiseite und gehen wir zum Abendessen! Ach, was bist du für ein empfindsames Ding!« fügte er hinzu und klopfte seiner Natascha auf das gerötete Bäckchen, was er bei jeder passenden Gelegenheit zu tun pflegte. »Siehst du, Wanja, ich rede so, weil ich es gut mit dir meine. Na, wenn du auch kein General bist (bis dahin hast du es allerdings noch weit!), so bist du doch eine bekannte Persönlichkeit, ein Autor.«
»Heutzutage sagt man »Schriftsteller«, Papachen.«
»Nicht Autor? Das habe ich nicht gewußt. Na, meinetwegen auch ein Schriftsteller; aber was ich noch sagen wollte: zum Kammerherrn werden sie dich für deinen Roman freilich nicht befördern, daran ist nicht zu denken; aber Karriere kannst du trotzdem machen; du könntest zum Beispiel Attaché werden. Man kann dich ins Ausland schicken, nach Italien, zur Wiederherstellung deiner Gesundheit oder zur Vervollkommnung in den Wissenschaften, ja; man kann dir eine pekuniäre Beihilfe geben. Natürlich ist erforderlich, daß auch von deiner Seite alles anständig zugeht und daß du für deine Leistungen, für wirkliche Leistungen Geld und Ehren einerntest und nicht infolge von Protektion…«
»Und werde dann nur nicht stolz, Iwan Petrowitsch! fügte Anna Andrejewna lachend hinzu.
»Verleihe ihm nur recht schnell einen hohen Orden, Papachen; denn bloß Attaché ist doch ein bißchen wenig.«
Dabei kniff sie mich wieder in den Arm.
»Dieses Mädchen muß sich doch immer über mich lustig machen!« rief der Alte und blickte entzückt seine Natascha an, deren Bäckchen brannten und deren Äuglein wie zwei Sternchen lustig glänzten. »Ich bin, wie es scheint, wirklich etwas zu weit gegangen, Kinder; ich habe mich in die Wolken verstiegen; ich bin immer so gewesen… Aber weißt du, Wanja, sehe ich dich so an: was bist du für ein einfacher Mensch …«
»Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?«
»Nein, nein, ich drücke mich falsch aus. Ich meine nur, Wanja, du hast so ein Gesicht… das heißt sozusagen ein ganz unpoetisches Gesicht. Weißt du, man sagt, die Dichter, das sind solche blassen Menschen, und sie haben solche Haare, und es liegt so etwas in ihren Augen. Weißt du, ich denke da an Goethe und andere; ich habe das im »Abbadona« gelesen. Aber wie ist’s? Habe ich da wieder etwas Dummes geschwatzt? Nun sieh einer die Schelmin; sie will sich ordentlich ausschütten vor Lachen über mich! Ich bin kein Gelehrter, meine Lieben: ich kann nur meinem Gefühl folgen. Na, lassen wir dein Gesicht; was man für ein Gesicht hat, das ist schließlich kein Unglück; mir ist deins hübsch genug, und es gefällt mir sehr. In dem Sinn habe ich es nicht gesagt. Sei nur ein ehrenhafter Mensch, Wanja, ein ehrenhafter Mensch, das ist die Hauptsache; lebe ehrenhaft; überhebe dich nicht! Du hast freie Bahn vor dir. Diene ehrenhaft deinem Beruf; das ist’s, was ich sagen wollte; das ist’s, was ich eigentlich sagen wollte!«
Es war eine wundervolle Zeit! Alle meine freien Stunden, alle Abende verlebte ich bei ihnen. Dem Alten brachte ich Nachrichten aus der literarischen Welt, über alle möglichen Schriftsteller; denn er hatte auf einmal aus nicht recht verständlichem Grund angefangen, sich für diese lebhaft zu interessieren; er hatte sogar angefangen, die kritischen Artikel B.s zu lesen, über den ich ihm vieles mitgeteilt hatte; er verstand sie fast gar nicht, lobte ihn aber begeistert und schalt grimmig auf seine Feinde, die in der »Nordischen Biene« schrieben. Die alte Frau hatte ein scharfes Auge auf mich und Natascha, konnte uns aber doch nicht immer beaufsichtigen! Wir hatten schon ein wichtiges kleines Gespräch miteinander gehabt, und ich hatte endlich gehört, wie Natascha mit gesenktem Köpfchen und nur halb geöffneten Lippen fast flüsternd zu mir »ja« sagte. Aber auch die Eltern erfuhren dies: sie errieten es, sie dachten es sich. Anna Andrejewna schüttelte lange den Kopf. Eine seltsame Bangigkeit überkam sie; sie setzte auf mich kein rechtes Vertrauen.
»Solange du Erfolg hast, ist ja alles schön und gut, Wanja«, sagte sie. »Aber wenn nun eines Tages der Erfolg ausbleibt oder sonst etwas passiert, was dann? Wenn du doch irgendwo im Staatsdienst eine Anstellung hättest!«
»Hör mal zu, was ich dir sagen werde!« ließ sich der Alte nach einigem Nachdenken vernehmen. »Ich habe es auch selbst gesehen, es bemerkt und, offen gestanden, mich sogar darüber gefreut, daß du und Natascha… na, was ist da weiter zu sagen! Siehst du, Wanja, ihr seid beide noch sehr jung, und meine Anna Andrejewna hat ganz recht. Warten wir noch ein Weilchen! Du besitzt allerdings Talent, sogar ein bemerkenswertes Talent … na, ein Genie bist du nicht, wie die Leute zuerst schrien; du hast eben einfach Talent (ich habe da gerade heute eine Kritik über dich in der »Nordischen Biene« gelesen; da haben sie dir sehr übel mitgespielt; aber was ist das auch für ein Schandblatt!). Ja! Also siehst du: wenn man Talent hat, so hat man darum noch nicht ein hübsches Kapital bei der Bank; ihr seid beide arm. Warten wir noch so anderthalb Jahre oder wenigstens ein Jahr: wenn du deinen Weg machst und festen Ganges auf deiner Bahn vorwärtsschreitest, so ist Natascha die Deine; gelingt es dir nicht, so wirst du dir das Nötige selbst sagen! Du bist ein ehrenhafter Mensch; denk über die Sache nach!«
Dabei blieb es. Aber nach einem Jahr stand die Sache folgendermaßen:
Ja, es war fast genau ein Jahr darauf! Am Spätnachmittag eines hellen Septembertages kam ich, krank und voll tiefen Herzwehs, zu dem alten Ehepaar und sank beinah ohnmächtig auf einen Stuhl, so daß sie mich ganz erschrocken ansahen. Aber nicht deshalb war mir der Kopf so schwindlig und das Herz so beklommen, daß ich zehnmal an ihre Tür herangekommen und zehnmal wieder umgekehrt war, nicht deshalb, weil meine Karriere mir nicht geglückt war und ich immer noch weder Ruhm noch Geld besaß; nicht deshalb, weil ich noch nicht »Attaché« geworden war und viel daran fehlte, daß man mich zur Wiederherstellung meiner Gesundheit nach Italien geschickt hätte; sondern deshalb, weil man in einem einzigen Jahr zehn Jahre durchleben kann und meine Natascha wirklich in diesem einen Jahr zehn Jahre durchlebt hatte. Ein unendlicher Raum lag zwischen uns. Und so saß ich denn damals dem alten Ichmenew gegenüber, schwieg und zerknickte in meiner Zerstreuung mit der Hand die Krempe meines Hutes, die auch ohnehin schon arg zerbrochen war; ich saß da und wartete, ohne zu wissen warum, darauf, daß Natascha hereinkäme. Mein Anzug war kläglich und saß mir schlecht; im Gesicht war ich mager und gelb geworden, war aber dennoch einem Dichter nicht im entferntesten ähnlich, und in meinen Augen lag nichts Großartiges, worüber sich der gute Nikolai Sergejewitsch einstmals seine Sorgen gemacht hatte. Die alte Frau sah mich mit unverhohlenem und gar zu eiligem Mitleid an und dachte im stillen:
»Und der wäre beinah Nataschas Bräutigam geworden! Gott behüte und bewahre uns!«
»Wie ist’s, Iwan Petrowitsch?« sagte sie. »Willst du nicht Tee trinken?« (Der siedende Samowar stand auf dem Tisch.) »Wie ist denn dein Befinden, lieber Freund? Du siehst ganz krank aus«, fügte sie in klagendem Ton hinzu; ich höre sie, als ob es heute wäre.
Und als ob es heute wäre, sehe ich sie: sie redete so mitleidig zu mir; aber in ihren Augen war noch eine andere Sorge sichtbar, ebendieselbe Sorge, die auch ihren Mann bedrückte, so daß er jetzt vor seiner kalt gewordenen Tasse Tee saß und in Gedanken versunken war. Ich wußte, daß ihnen jetzt der übel verlaufende Prozeß mit dem Fürsten Walkowski Sorge bereitete und daß ihnen noch andere Unannehmlichkeiten zugestoßen waren, die den alten Nikolai Sergejewitsch hart angegriffen und ordentlich krank gemacht hatten. Der junge Fürst, um dessentwillen diese ganze häßliche Prozeßgeschichte entstanden war, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit gefunden, zu Ichmenews ins Haus zu kommen. Der Alte, der »seinen lieben Aljoscha« wie einen eigenen Sohn liebte und fast täglich an ihn gedacht hatte, nahm ihn mit Freuden auf. Anna Andrejewna mußte wieder an Wassiljewskoje denken und zerfloß in Tränen. Aljoscha kam nun immer häufiger zu ihnen, ohne Wissen seines Vaters; Nikolai Sergejewitsch, als ehrlicher, gerader, offenherziger Mann, wies entrüstet alle Vorsichtsmaßregeln zur Verheimlichung dieser Besuche zurück. In edlem Stolz kümmerte er sich nicht darum, was der Fürst sagen werde, wenn er erführe, daß sein Sohn wieder bei Ichmenews verkehre, und verachtete im stillen den törichten Verdacht, den der Fürst hegen könnte. Aber der Alte hatte nicht bedacht, ob auch seine Kraft dazu ausreichen werde, neue Beleidigungen zu ertragen. Bald kam der junge Fürst täglich zu ihnen. Das Zusammensein mit ihm machte sie heiter und fröhlich. Die ganzen Abende und bis lange nach Mitternacht saß er bei ihnen. Natürlich erfuhr der Vater schließlich dies alles in Form einer widerwärtigen Klatscherei. Er beleidigte Nikolai Sergejewitsch durch einen abscheulichen Brief über dasselbe Thema wie früher und untersagte dem Sohn auf das strengste den weiteren Verkehr mit Ichmenews. Dies hatte sich zwei Wochen vor dem Besuch, den ich ihnen machte, zugetragen. Der alte Mann war furchtbar traurig. Wie! seine Natascha, seine unschuldige, edle Tochter, sollte wieder in diese schmutzige Verleumdung, in diese Gemeinheit hineingezogen werden! Ihr Name wurde in beleidigender Weise von dem Menschen ausgesprochen, der ihn auch früher schon verunehrt hatte! Und hierfür keine Genugtuung erlangen zu können! In den ersten Tagen hatte er sich vor Verzweiflung ins Bett gelegt. All dies wußte ich. Die ganze häßliche Geschichte war mir in allen Einzelheiten bekannt geworden, obgleich ich, krank und niedergeschlagen, die letzte Zeit über, drei Wochen lang, mich bei ihnen nicht hatte blickenlassen und in meiner Wohnung bettlägerig gewesen war. Aber ich wußte auch (nein! ich ahnte es damals nur erst, oder vielmehr ich wußte es, wollte es aber nicht glauben), daß es außer dieser unangenehmen Sache noch etwas gab, was sie mehr als alles andere beunruhigen mußte, und ich beobachtete sie mit qualvoller Sorge. Ja, ich litt Qualen; ich fürchtete mich, die Wahrheit zu erraten; ich fürchtete mich, sie zu glauben, und suchte aus aller Kraft, den verhängnisvollen Augenblick hinauszuschieben. Und doch war ich um dieses Augenblicks willen hingegangen. Es hatte mich an diesem Abend unwillkürlich zu ihnen hingezogen!
»Ja, Wanja«, fragte auf einmal der Alte, wie wenn er aus seiner Versunkenheit erwachte, »bist du vielleicht krank gewesen? Weil du so lange nicht zu uns gekommen bist. Ich muß dich um Entschuldigung bitten: ich wollte dich schon längst besuchen, aber immer … hm …« Er versank wieder in seine Gedanken.
»Ich bin unwohl gewesen«, antwortete ich.
»Hm! Unwohl!« wiederholte er fünf Minuten darauf. »So so, unwohl! Ich habe es dir damals gesagt und dich gewarnt; aber du hast nicht auf mich gehört! Hm! Nein, Wanjuscha: solange die Welt steht, hat die Muse hungernd im Dachkämmerchen gesessen, und das wird auch immer so bleiben. So ist das!«
Ja, der Alte war in übler Stimmung. Hätte er nicht eine so tiefe Wunde im Herzen gehabt, so würde er nicht zu mir von der hungernden Muse gesprochen haben. Ich blickte ihm ins Gesicht: es war gelb geworden, und in seinen Augen lag der Ausdruck eines verständnislosen Zweifels, einer Frage, die er nicht zu beantworten vermochte. Er zeigte eine gewisse Schroffheit und eine ungewöhnliche Verbitterung. Seine Frau sah ihn beunruhigt an und schüttelte den Kopf. Als er sich einmal umwendete, machte sie mir nach ihm hin verstohlen mit dem Kopf ein Zeichen.
»Wie befindet sich Natalja Nikolajewna? Ist sie zu Hause?« fragte ich die bekümmerte Anna Andrejewna.
»Ja, sie ist zu Hause, lieber Freund«, erwiderte sie in einem Ton, als ob ihr meine Frage unangenehm sei. »Sie wird gleich selbst hereinkommen, um dich zu begrüßen. Es ist keine Kleinigkeit, einander drei Wochen lang nicht zu sehen! Und sie ist in der letzten Zeit eine ganz andere geworden; man wird gar nicht aus ihr klug, ob sie gesund ist oder krank; Gott helfe ihr!«
Sie sah ihren Mann schüchtern an.
»Was redest du da? Es fehlt ihr nichts«, versetzte Nikolai Sergejewitsch mißmutig und kurz abgebrochen; »sie ist gesund. Das Mädchen kommt einfach in die Jahre; sie ist kein Kind mehr; das ist das Ganze. Wer kann diesen Mädchenkummer und diese Mädchenlaunen genau verstehen!«
»Na, am Ende gar Launen!« erwiderte Anna Andrejewna gekränkt.
Der Alte schwieg und trommelte mit den Fingern auf dem Tische. ›Mein Gott, ob denn wirklich schon etwas zwischen ihnen vorgefallen ist?‹ dachte ich voller Angst. »Nun, und wie steht es bei euch?« begann der Alte von neuem. »Schreibt B. immer noch Kritiken?« »Ja, das tut er«, antwortete ich.
»Ach, Wanja, Wanja!« schloß er mit einer resignierten Handbewegung. »Was kümmern uns jetzt die Kritiken!«
Die Tür öffnete sich, und Natascha kam herein.
Siebentes Kapitel
Sie trug ihren Hut in der Hand und legte ihn beim Eintritt auf das Klavier; dann trat sie auf mich zu und reichte mir schweigend die Hand. Ihre Lippen bewegten sich ein wenig; es schien, daß sie mir etwas sagen wollte, ein Wort der Begrüßung; aber sie brachte keinen Laut heraus.
Drei Wochen waren es, daß wir uns nicht gesehen hatten. Ich betrachtete sie mit Staunen und mit Angst. Wie hatte sie sich in diesen drei Wochen verändert! Mein Herz zog sich vor Kummer zusammen, als ich diese eingefallenen, blassen Wangen, diese fieberhaft trockenen Lippen und diese Augen sah, die hinter den langen, dunklen Wimpern hervor in heißer Glut und leidenschaftlicher Entschlossenheit brannten.
Aber, o Gott, wie schön war sie! Niemals, weder vorher noch später, habe ich sie so gesehen, wie sie an diesem verhängnisvollen Tag aussah. War das jene selbe Natascha, die vor kaum einem Jahr, kein Auge von mir verwendend und ihre Lippen nach den meinigen bewegend, meinen Roman angehört und so heiter und sorglos beim Abendessen mit dem Vater und mir gelacht und gescherzt hatte? War das jene selbe Natascha, die dort in jenem Zimmer mit gesenktem Köpfchen, ganz von roter Glut Übergossen, zu mir »ja« gesagt hatte?
Es erscholl das dumpfe Geläut der Glocke, die zur Abendmesse rief. Natascha fuhr zusammen; die Mutter bekreuzigte sich.
»Du wolltest zur Messe gehen, Natascha«, sagte sie; »da wird schon geläutet. Geh hin, Nataschenka, geh hin und bete; das Heil ist nahe! Und mache einen kleinen Spaziergang! Warum sitzt du immer in der Stube! Sieh nur, wie blaß du bist; gerade als ob dich jemand behext hätte.«
»Ich werde… vielleicht… heute nicht hingehen«, erwiderte Natascha langsam und leise, fast flüsternd. »Ich … bin nicht wohl«, fügte sie hinzu und wurde blaß wie Leinwand.
»Du solltest doch lieber hingehen, Natascha; du wolltest es doch vorhin selbst und hast ja deinen Hut mitgebracht. Bete, Nataschenka, bete, daß dir Gott deine Gesundheit wiedergeben möge!« redete Anna Andrejewna ihrer Tochter zu und blickte sie schüchtern an, als ob sie sich vor ihr fürchte.
»Ja, ja, geh hin; da hast du auch gleichzeitig einen Spaziergang«, fügte der Alte hinzu und musterte ebenfalls beunruhigt das Gesicht der Tochter. »Deine Mutter hat recht. Wanja wird dich begleiten.«
Es kam mir so vor, als ob ein bitteres Lächeln über Nataschas Lippen huschte. Sie trat ans Klavier, nahm ihren Hut und setzte ihn auf; die Hände zitterten ihr. Alle ihre Bewegungen vollzogen sich wie bewußtlos, gerade wie wenn sie nicht wüßte, was sie tat. Der Vater und die Mutter beobachteten sie unverwandt.
»Lebt wohl!« sagte sie kaum hörbar.
»Aber, mein Engel«, erwiderte die Mutter, »wozu sollen wir in dieser Weise Abschied nehmen; es ist ja doch kein weiter Weg! Aber wenigstens wird dich der Wind ein bißchen anwehen; sieh nur, wie blaß du bist! Ach, das hatte ich ganz vergessen (ich vergesse aber auch alles!): ich habe dir ja ein Amulett zurechtgemacht; ich habe ein Gebet hineingenäht, mein Engel; eine Nonne aus Kiew hat es mich im vorigen Jahr gelehrt; es ist ein wirksames Gebet; ich habe es erst vorhin hineingenäht. Lege es an, Natascha! Vielleicht macht dich Gott der Herr wieder gesund. Du bist ja unsere Einzige.«
Sie zog aus ihrem Arbeitskörbchen Nataschas goldenes Brustkreuz heraus; an demselben Bändchen, an dem das Kreuz hing, war das soeben genähte Amulett befestigt. »Trage es mit Gesundheit!« fügte sie hinzu, indem sie der Tochter das Kreuz umhängte und sie bekreuzte: »Früher bekreuzte ich dich jeden Abend so beim Schlafengehen und sprach ein Nachtgebet, und du sprachst es mir nach. Aber jetzt bist du eine andere geworden, und Gott vergönnt dir keine Ruhe des Gemütes. Ach, Natascha, Natascha! Auch meine mütterlichen Gebete vermögen dir nicht zu helfen!«
Die alte Frau fing an zu weinen.
Natascha küßte ihr schweigend die Hand und tat einen Schritt auf die Tür zu; aber plötzlich kehrte sie schnell wieder um und trat zu ihrem Vater. Ihre Brust ging in heftiger Bewegung auf und nieder.
»Papachen, bekreuzen auch Sie Ihre Tochter!« bat sie mit versagender Stimme und ließ sich vor ihm auf die Knie nieder.
Wir standen alle ganz erstaunt da über ihr unerwartetes, allzu feierliches Benehmen. Eine kleine Weile blickte der Vater sie ganz bestürzt an. »Natascha, mein Kind, mein liebes Töchterchen, was ist dir?« rief er endlich, und die Tränen stürzten ihm aus den Augen. »Worüber grämst du dich? Worüber weinst du Tag und Nacht? Ich sehe es ja alles; in der Nacht schlafe ich nicht; ich stehe auf und horche an deinem Zimmer! Sage mir alles, Natascha; öffne mir altem Manne dein ganzes Herz, und wir…«
Er sprach nicht zu Ende, hob sie auf und schloß sie innig in seine Arme. Sie drückte sich krampfhaft gegen seine Brust und verbarg ihren Kopf an seiner Schulter.
»Es ist nichts, es ist nichts, es hat keine Ursache… ich bin nicht wohl«, versicherte sie, beinah erstickend an innerlichen, unterdrückten Tränen.
»Gott segne dich, wie ich dich segne, mein liebes Kind, mein teures Kind!« sagte der Vater. »Er verleihe dir für alle Zeit den Frieden der Seele und halte alles Leid von dir fern! Bitte Gott, mein Kind, daß mein sündiges Gebet zu ihm dringen möge!«
»Nimm auch meinen Segen, auch meinen Segen!« fügte die Mutter, in Tränen zerfließend, hinzu.
»Lebt wohl!« flüsterte Natascha.
An der Tür blieb sie stehen, blickte noch einmal alle an, wollte noch etwas sagen, konnte es aber nicht und verließ schnell das Zimmer. Ich eilte ihr, Schlimmes ahnend, nach.
Achtes Kapitel
Schweigend ging sie dahin, schnellen Schrittes, mit gesenktem Kopf und ohne mich anzusehen. Aber als wir die Straße hinuntergegangen und in die Uferstraße gelangt waren, blieb sie auf einmal stehen und ergriff meine Hand.
»Ich ersticke!« flüsterte sie. »Ich habe solche Herzbeklemmung! … Ich ersticke!«
»Kehre um, Natascha!« rief ich erschrocken.
»Siehst du denn nicht, Wanja, daß ich ganz weggegangen bin, daß ich sie verlassen habe und nie wieder zurückkehre? « sagte sie und sah mich dabei mit unbeschreiblichem Kummer an.
Mein Herz krampfte sich zusammen. Das alles hatte ich schon, als ich zu ihnen hinging, geahnt; das alles hatte ich wie in einem Nebel vielleicht schon lange vor diesem Tag vorhergesehen; aber dennoch trafen mich ihre Worte jetzt wie ein Donnerschlag.
Wir gingen traurig die Uferstraße entlang. Ich konnte nicht reden; ich dachte hin und her und wurde ganz wirr im Kopf. Mir war ganz schwindlig. Die Sache erschien so ungeheuerlich, so unmöglich!
»Du verurteilst mich, Wanja?« sagte sie endlich.
»Nein, aber… aber ich glaube es nicht; es kann nicht sein!« erwiderte ich, ohne zu wissen, was ich redete.
»Doch, Wanja; es ist so! Ich habe sie verlassen und weiß nicht, was aus ihnen werden wird… ich weiß auch nicht, was aus mir werden wird!«
»Gehst du zu ihm, Natascha? Ja?«
»Ja!« antwortete sie.
»Aber das ist unmöglich!« rief ich ganz außer mir. »Siehst du nicht ein, daß das unmöglich ist, meine arme Natascha? Das ist ja Wahnsinn! Du tötest ja deine Eltern und richtest dich selbst zugrunde! Siehst du das nicht ein, Natascha?«
»Ich sehe es ein; aber was kann ich tun? Es hängt nicht von meinem Willen ab!« antwortete sie, und aus ihren Worten klang eine solche Verzweiflung heraus, als ob sie zur Richtstätte ginge.
»Kehre um, kehre um, solange es noch nicht zu spät ist!« flehte ich sie an, und ich flehte um so dringender und um so inständiger, je mehr ich mir selbst bewußt war, daß meine Bitten in diesem Augenblick völlig zwecklos und töricht waren. »Verstehst du auch wohl, Natascha, was du deinem Vater antust? Hast du das auch bedacht? Sein Vater ist deines Vaters Feind; der Fürst hat ja deinen Vater beleidigt, ihn der Unterschlagung beschuldigt, ihn einen Dieb genannt. Sie prozessieren miteinander… Und was rede ich? Das ist noch das wenigste; aber weißt du auch, Natascha (o Gott, du weißt das ja alles!), weißt du auch, daß der Fürst deinen Vater und deine Mutter verdächtigt hat, sie selbst hätten dich absichtlich mit Aljoscha zusammengebracht, als Aljoscha bei euch auf dem Land wohnte. Bedenke doch, stelle dir doch nur vor, wie dein Vater damals unter dieser Verleumdung gelitten hat! Er ist ja in diesen zwei Jahren ganz grau geworden; sieh ihn doch nur an! Aber die Hauptsache ist: du weißt das ja alles, Natascha, o du mein Gott! Ich rede gar nicht einmal davon, welch ein Schmerz es für sie beide sein wird, dich für immer zu verlieren! Du bist ja ihr größter Schatz; du bist alles, was ihnen für die Tage des Alters geblieben ist. Ich will davon gar nicht reden, denn du mußt das ja selbst wissen; aber denke daran, daß dein Vater überzeugt ist, du seiest von diesen hochmütigen Leuten grundlos verleumdet und beleidigt, ohne daß ihr dafür Rache nehmen könntet. Jetzt aber, gerade jetzt ist das alles von neuem aufgeflammt, und diese ganze alte, schmerzliche Feindschaft ist dadurch noch gesteigert worden, daß ihr Aljoscha bei euch aufgenommen habt. Der Fürst hat deinen Vater noch einmal beleidigt; in dem Herzen des alten Mannes kocht noch der Grimm über diese neue Kränkung, und da werden auf einmal all diese Beschuldigungen jetzt als gerechtfertigt erscheinen! Jeder, dem die Sache bekannt ist, wird jetzt dem Fürsten recht geben und dich und deinen Vater verurteilen. Was wird jetzt aus ihm werden? Das wird ihn mit einem Schlag töten! Schmach und Schande kommen über ihn, und durch wen? Durch dich, seine Tochter, sein einziges, teures Kind! Und deine Mutter? Sie wird ihren Gatten nicht überleben … Natascha, Natascha! Was tust du? Kehre um! Komm zur Besinnung!«
Sie schwieg; endlich blickte sie mich wie mit stillem Vorwurf an, und es lag in diesem Blick ein so tiefer Schmerz, ein so schweres Leid, daß ich erkannte, wie sehr ihr auch ohne meine Worte das wunde Herz blutete. Ich erkannte, wie schwer ihr dieser Entschluß geworden war und wie sehr ich sie durch meine nutzlosen, zu spät kommenden Bitten quälte und marterte; ich sah das alles ein; dennoch konnte ich mich nicht halten und sprach weiter. »Du hast doch selbst noch soeben zu Anna Andrejewna gesagt, du würdest vielleicht nicht zum Abendgottesdienst gehen. Also wolltest du doch dableiben und warst noch nicht völlig entschlossen?«
Sie antwortete nur mit einem bitteren Lächeln. Wozu hatte ich auch diese Frage gestellt? Ich konnte ja doch wissen, daß alles schon unwiderruflich entschieden war. Aber freilich war ich ebenfalls meiner nicht mächtig. »Hast du ihn denn wirklich so liebgewonnen?« rief ich und blickte sie voll Entsetzen an; ich wußte selbst kaum, was ich fragte.
»Was soll ich dir darauf antworten, Wanja? Du siehst ja, wie es steht: er hat mir befohlen zu kommen, und da bin ich nun hier und warte auf ihn«, erwiderte sie mit demselben bitteren Lächeln.
»Aber höre doch, höre doch nur«, begann ich, nach einem Strohhalm greifend, wieder zu bitten, »das läßt sich alles noch in Ordnung bringen; das läßt sich auf eine andere Weise einrichten, auf eine ganz andere Weise! Dabei brauchst du nicht von zu Hause fortzugehen. Ich will dir sagen, wie es zu machen ist, Nataschenka. Ich übernehme es, alles für euch zu bewerkstelligen, alles, auch die Zusammenkünfte und alles … Nur geh nicht von zu Hause fort! Ich werde eure Korrespondenz vermitteln; warum sollte ich das nicht tun? Es wird immer noch besser sein als der jetzige Zustand. Ich werde das einzurichten verstehen; ich werde euch beiden Dienste erweisen; ihr sollt sehen, daß ich das tun werde… Und du wirst dich nicht zugrunde richten, Nataschenka, wie du es jetzt vorhast… Denn so richtest du dich vollständig zugrunde, vollständig! Sag »ja«, Natascha, und alles wird schön und glücklich gehen, und ihr werdet einander lieben, soviel ihr wollt… Und wenn die Väter aufhören werden, miteinander zu streiten (denn dahin wird es mit Sicherheit kommen), dann …« »Laß es gut sein, Wanja, hör auf!« unterbrach sie mich, indem sie mir kräftig die Hand drückte und unter Tränen lächelte. »Du guter, guter Wanja! Du guter, ehrlicher Mensch! Und von dir selbst sagst du kein Wort! Ich bin es gewesen, die unser Verhältnis gelöst hat, und dabei hast du mir doch alles verziehen und denkst nur an mein Glück. Du willst unsere Korrespondenz vermitteln…«
Sie brach in Tränen aus.
»Ich weiß ja, Wanja, wie du mich geliebt hast, wie du mich immer noch liebst, und nicht einen Vorwurf hast du mir in dieser ganzen Zeit gemacht, nicht ein bitteres Wort zu mir gesagt! Aber ich, ich! O Gott, wie schwer habe ich mich gegen dich vergangen! Denkst du wohl noch an die Zeit, Wanja, an die Zeit, als du und ich zusammengehörten? Ach, wäre ich ihm nie begegnet, hätte ich ihn nie kennengelernt! Dann würde ich mit dir zusammen leben, Wanja, mit dir, du mein Guter, Lieber!. .. Nein, ich bin deiner nicht wert! Du siehst ja, was für eine ich bin: in einem solchen Augenblick erinnere ich dich an unser früheres Glück, und du leidest doch ohnehin schon genug! Drei Wochen lang bist du nicht zu uns gekommen; aber ich schwöre dir, Wanja, auch nicht ein einziges Mal kam mir der Gedanke in den Kopf, daß du mir vielleicht fluchtest und mich haßtest. Ich wußte, weshalb du fortbliebst: du wolltest uns nicht stören und für uns ein lebendiger Vorwurf sein, und auch dir selbst mußte es ja peinlich sein, uns anzusehen. Aber wie habe ich auf dich gewartet, Wanja, wie habe ich auf dich gewartet! Höre, Wanja, obwohl ich Aljoscha wie eine Irre, wie eine Wahnsinnige liebe, so liebe ich dich als meinen Freund vielleicht doch noch mehr. Ich fühle schon, ich weiß schon, daß ich ohne dich nicht leben kann; du bist mir notwendig; dein Herz ist mir notwendig, dein goldenes Herz… Ach, Wanja! Was für eine bittere, schwere Zeit kommt jetzt!«
Sie zerfloß in Tränen. Ja, es war ihr schwer ums Herz!
»Ach, wie ich mich danach sehnte, dich zu sehen!« fuhr sie, ihre Tränen unterdrückend, fort. »Wie du abgemagert bist, und wie krank und blaß du aussiehst; bist du wirklich krank gewesen, Wanja? Und ich habe noch gar nicht danach gefragt! Ich rede immer nur von mir. Nun, wie steht es jetzt mit deinen schriftstellerischen Angelegenheiten? Was macht dein neuer Roman? Kommst du gut mit ihm voran?«
»Was kommt es jetzt auf meine Romane und auf mich an, Natascha! Und was ist von meinen Angelegenheiten zu sagen? Es geht einigermaßen damit, so leidlich; lassen wir das beiseite! Was ich noch sagen wollte, Natascha: hat er das denn selbst verlangt, daß du zu ihm kommen möchtest?«
»Nein, nicht er allein; größtenteils ist es mein Gedanke. Allerdings hat er es gesagt; aber auch ich selbst… Siehst du, lieber Freund, ich werde dir alles erzählen: sein Vater hat ihm eine Frau ausgesucht, ein reiches, sehr vornehmes Mädchen, und sie ist auch mit sehr vornehmen Leuten verwandt. Sein Vater will durchaus, daß Aljoscha sie heiratet, und er ist, wie du weißt, ein sehr geschickter Intrigant; er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, denn er sagt, eine so günstige Gelegenheit komme in zehn Jahren nicht wieder; solche Konnexionen und ein solches Vermögen… Sie soll auch sehr schön sein und gebildet und von gutem Charakter, kurz, ein in jeder Hinsicht ausgezeichnetes Mädchen; Aljoscha ist schon ganz entzückt von ihr. Außerdem möchte sein Vater im eigenen Interesse ihn so bald wie möglich loswerden, um sich selbst wieder zu verheiraten, und hat sich darum vorgenommen, unter allen Umständen und um jeden Preis unsere Verbindung zu zerreißen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß auf Aljoscha…«
»Aber weiß denn der Fürst von eurer Liebe?« unterbrach ich sie erstaunt. »Er hatte ja doch nur einen Verdacht, der nicht einmal sicher war.«
»Er weiß es, er weiß alles.«
»Wer hat es ihm denn gesagt?«
»Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er hat mir selbst gesagt, daß er seinem Vater alles erzählt habe.«
»Herrgott, was ist das für ein Verhalten! Er selbst hat alles erzählt und noch dazu unter solchen Verhältnissen?«
»Verurteile ihn nicht, Wanja«, unterbrach mich Natascha; »lache nicht über ihn! Man kann ihn nicht so richten wie alle anderen Menschen. Sei gerecht! Er ist eben ein andersgearteter Mensch als du und ich. Er ist ein Kind; und er ist anders erzogen als wir beide. Versteht er denn, was er tut? Der erste beste Eindruck, der erste beste fremde Einfluß ist imstande, ihn von jedem loszureißen, dem er einen Augenblick vorher Treue geschworen hat. Er hat keine Charakterfestigkeit. Er schwört einem Treue und gibt sich an demselben Tag ebenso wahr und aufrichtig einem andern hin; und dabei kommt er noch selbst aus freien Stücken, um es zu erzählen. Er wird vielleicht auch eine schlechte Handlung begehen; und doch wird man ihn wegen dieser schlechten Handlung vielleicht nicht verurteilen können, sondern ihn höchstens bedauern müssen. Auch zur Aufopferung ist er fähig; sogar zu weitgehendster, weißt du! Aber nur, bis ein neues Gefühl sich seiner bemächtigt; dann wird er wieder alles vergessen. So wird er auch mich vergessen, wenn ich nicht beständig um ihn bin. So ein Mensch ist er!« »Ach, Natascha, vielleicht ist das mit der zukünftigen Frau alles nicht wahr, sondern nur ein bloßes Gerücht. Wie kann er denn, wenn er noch ein solcher Knabe ist, überhaupt heiraten!«
»Der Vater hat seine besonderen Pläne, sage ich dir.« »Aber woher weißt du, daß sie ein so prächtiges Mädchen ist und daß er von ihr schon entzückt ist?« »Er hat es mir ja selbst gesagt.«
»Wie? Er hat dir selbst gesagt, daß er eine andere lieben könne, und hat trotzdem jetzt von dir ein solches Opfer verlangt?«
»Nein, Wanja, nein! Du kennst ihn nicht, du bist nur wenig mit ihm zusammengekommen; man muß ihn genauer kennenlernen, erst dann kann man sein Richter sein. Es gibt auf der ganzen Welt kein redlicheres, reineres Herz als das seinige! Wäre es denn etwa besser, wenn er mich belöge? Aber er läßt sich leicht hinreißen; er braucht mich nur eine Woche lang nicht zu sehen, und er wird mich vergessen und eine andere liebgewinnen; und nachher, wenn er mich wiedersieht, wird er von neuem zu meinen Füßen liegen. Nein, es ist gut, daß ich es weiß und er es nicht vor mir verheimlicht; sonst würde ich vor Argwohn sterben. Ja, Wanja, darüber bin ich mir ganz klar: wenn ich nicht immer, beständig, jeden Augenblick bei ihm bin, wird er aufhören, mich zu lieben, er wird mich vergessen und im Stich lassen. Das liegt nun einmal in seiner Natur; er läßt sich von jeder andern fesseln. Und was werde ich dann machen? Dann werde ich sterben… Und das wäre noch nicht das Schlimmste; ich würde auch jetzt gern sterben! Denn was hätte ich für ein Leben ohne ihn? Das wäre schlimmer als der Tod, schlimmer als alle sonst erdenkbaren Qualen! O Wanja, Wanja! Ich habe nicht anders gekonnt, als jetzt um seinetwillen Vater und Mutter verlassen! Suche mich nicht zu überreden; mein Entschluß steht fest! Aljoscha muß jede Stunde, jeden Augenblick um mich sein; ich kann nicht zurück. Ich weiß, daß ich mich und andere zugrunde gerichtet habe … Ach, Wanja!« schrie sie auf einmal und zitterte am ganzen Leib; »wenn er mich nun nicht mehr liebt? Wenn du recht gehabt hast, als du eben sagtest« (ich hatte das nie gesagt), »daß er mich nur täusche und nur so redlich und aufrichtig scheine, während er in Wirklichkeit ein schlechter, eitler Mensch sei! Da verteidige ich ihn nun dir gegenüber, und er sitzt vielleicht in diesem selben Augenblick bei einer andern und lacht sich ins Fäustchen … und ich, ich Schändliche, habe alles im Stich gelassen und laufe auf den Straßen umher und suche ihn… Oh, Wanja!«
Dieses Stöhnen, das aus ihrer tiefsten Seele herausdrang, klang so schmerzvoll, daß mir das Herz vor Gram brechen wollte. Ich sah, daß Natascha schon alle Herrschaft über sich verloren hatte. Nur eine ganz blinde, sinnlose Eifersucht hatte sie zu einem so wahnsinnigen Entschluß bringen können. Aber auch in meinem eigenen Herzen flammte die Eifersucht auf und kam unhemmbar zum Ausbruch. Ich konnte mich nicht halten: ich ließ mich durch dieses häßliche Gefühl fortreißen.
»Natascha«, sagte ich, »nur eins verstehe ich nicht: wie kannst du ihn lieben nach allem, was du soeben selbst über ihn gesagt hast? Du achtest ihn nicht, du glaubst nicht einmal an seine Liebe, und dennoch gehst du zu ihm ohne die Möglichkeit einer Rückkehr und machst um seinetwillen alle unglücklich! Was ist das für eine Handlungsweise? Er wird dir lebenslänglich Qualen bereiten und du ihm ebenfalls. Du liebst ihn im Übermaß, Natascha, im Übermaß! Ich habe kein Verständnis für eine solche Liebe.«
»Ja, ich liebe ihn wie eine Wahnsinnige«, antwortete sie und wurde dabei blaß wie von heftigem körperlichem Schmerz. »Dich habe ich nie so geliebt, Wanja. Ich weiß ja selbst, daß ich den Verstand verloren habe und nicht so liebe, wie ich sollte. Ich liebe ihn in tadelnswerter Weise … Höre, Wanja, ich wußte es auch früher schon und ahnte es sogar in unseren glücklichsten Augenblicken, daß er mir nur Qualen bereiten werde. Aber was soll ich machen, wenn jetzt sogar die Qualen, die ich von ihm erleide, mein Glück bilden? Geh ich denn etwa zu ihm, weil ich da Freude erhoffe? Weiß ich denn nicht im voraus, was mich bei ihm erwartet und was ich von ihm zu erleiden haben werde? Er hat mir ja geschworen, mich immer zu lieben, und mir alle möglichen Versprechungen gemacht; aber ich glaube an seine Versprechungen nicht, ich messe ihnen keinen Wert bei und habe das auch früher nicht getan, obgleich ich wußte, daß er mich nicht belog und überhaupt nicht fähig ist zu lügen. Ich selbst, ich selbst habe ihm gesagt, daß ich ihn in keiner Weise binden wolle. Für ihn ist es so am besten: Fesseln liebt niemand, und ich am wenigsten. Und doch freue ich mich, seine Sklavin zu sein, seine freiwillige Sklavin, alles von ihm zu ertragen, alles, wenn er nur bei mir ist, wenn ich ihn nur anschauen kann! Mag er auch eine andere lieben, wenn es nur in meiner Gegenwart geschieht, damit auch ich dabei bin … Ist das nicht eine unwürdige Denkart, Wanja?« fragte sie plötzlich, indem sie mich mit einem heißen, brennenden Blick ansah; einen Augenblick lang schien es mir, daß sie im Fieber irrerede. »Es ist doch unwürdig, so etwas zu wünschen! Nicht wahr? Ich sage selbst, daß es unwürdig ist; aber wenn er sich von mir lossagt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der Welt, mag er mich auch zurückstoßen, mag er mich auch von sich jagen. Da redest du mir jetzt zu, ich möchte umkehren; aber was wird die Folge sein? Wenn ich umkehre, werde ich gleich morgen wieder weggehen; wenn er es befiehlt, so gehe ich weg; wenn er mir pfeift, mich ruft wie ein Hündchen, so laufe ich ihm nach … Qualen! Ich fürchte von ihm keine Qualen! Ich werde wissen, daß ich durch ihn leide … Ach, das läßt sich alles gar nicht aussprechen, Wanja!«
»Und der Vater und die Mutter?« dachte ich. An diese schien sie gar nicht mehr zu denken.
»Also wird er dich gar nicht heiraten, Natascha?«
»Er hat es versprochen, er hat alles Mögliche versprochen. Er hat mich ja eben deswegen jetzt herbestellt, damit wir uns gleich morgen im stillen außerhalb der Stadt trauen lassen; aber er weiß ja gar nicht, was er tut. Er weiß vielleicht nicht einmal, wie man sich trauen läßt. Und was wird er für ein Ehemann sein! Wirklich, eine lächerliche Vorstellung! Wenn er sich aber mit mir verheiratet, so wird er unglücklich werden und anfangen, mir Vorwürfe zu machen. Ich will aber nicht, daß er mir jemals irgendwelche Vorwürfe macht. Ich will ihm alles geben, er aber soll mir nichts geben. Wenn er also durch die Heirat mit mir unglücklich wird, warum soll ich ihn dann unglücklich machen?«
»Nein, das ist Wahnwitz, Natascha«, sagte ich. »Gehst du jetzt geradenwegs zu ihm?«
»Nein, er hat versprochen, hierherzukommen und mich abzuholen; so haben wir es verabredet.«
Sie spähte mit gespanntem Blick in die Ferne, aber es war noch niemand zu sehen.
»Und er ist noch nicht da! Und du bist zuerst gekommen!« rief ich empört.
Natascha taumelte wie von einem Schlag getroffen. Ihr Gesicht verzog sich schmerzlich.
»Vielleicht kommt er überhaupt nicht«, sagte sie mit einem bitteren Lächeln. »Vorgestern schrieb er mir, wenn ich ihm nicht verspräche zu kommen, so müsse er notgedrungen seine Absicht, sich mit mir trauen zu lassen, aufschieben; dann werde ihn aber sein Vater zu jener jungen Dame mitnehmen. Und das schrieb er so einfach und harmlos, als ob das weiter nichts zu bedeuten hätte … Wie nun, wenn er wirklich zu ihr hingefahren ist, Wanja?«
Ich antwortete nicht. Sie drückte fest meine Hand; ihre Augen funkelten.
»Er ist bei ihr«, sagte sie kaum hörbar. »Er hoffte auf mein Ausbleiben, um zu ihr fahren und dann sagen zu können, er sei im Recht; er habe mich vorher auf die Folgen hingewiesen, und ich sei trotzdem fortgeblieben. Ich bin ihm langweilig geworden; darum kommt er nicht … O Gott! Ich Wahnsinnige! Er hat mir ja das letztemal selbst gesagt, daß ich ihm langweilig geworden sei … Wozu warte ich noch?«
»Da ist er!« rief ich, da ich ihn plötzlich in der Ferne in der Uferstraße erblickte.
Natascha fuhr zusammen, schrie auf, erspähte den sich nähernden Aljoscha, ließ auf einmal meine Hand los und eilte ihm entgegen. Auch er beschleunigte seine Schritte, und einen Augenblick darauf lag sie schon in seinen Armen. Außer uns befand sich fast niemand auf der Straße. Sie küßten sich und lachten; Natascha lachte und weinte, alles durcheinander, als ob sie einander nach einer wer weiß wie langen Trennung wiedersähen. Eine helle Röte überzog ihre blassen Wangen; sie war in einer Art von Verzückung … Aljoscha bemerkte mich und trat sogleich zu mir.
Neuntes Kapitel
Ich musterte ihn mit gespannter Aufmerksamkeit, obgleich ich ihn vorher schon oft gesehen hatte; ich schaute ihm in die Augen, als ob sein Blick alle meine Zweifel lösen und mir die Frage beantworten könnte, wodurch und auf welche Weise dieses Kind sie hatte bezaubern und in ihr eine so sinnlose Liebe hatte erwecken können, daß sie darüber ihre erste Pflicht vergaß und ohne Bedenken alles zum Opfer brachte, was ihr bisher das Heiligste gewesen war. Der Fürst ergriff meine beiden Hände und drückte sie kräftig; sein milder, klarer Blick drang mir tief ins Herz.
Ich fühlte, daß ich mich in meinem Urteil über ihn schon allein deswegen hatte irren können, weil er mein Feind war. Ja, ich liebte ihn nicht, und ich muß bekennen: ich habe ihn niemals liebgewinnen können, vielleicht als der einzige Mensch unter allen, die ihn kannten. Vieles an ihm mißfiel mir entschieden, sogar sein elegantes Äußeres, und vielleicht gerade deswegen, weil es gewissermaßen allzu elegant war. In der Folge habe ich eingesehen, daß ich in diesem Punkte parteiisch urteilte. Er war hochgewachsen, wohlgestaltet und schlank, hatte ein längliches, immer blasses Gesicht, blondes Haar und große, blaue, sanfte, nachdenkliche Augen, in denen manchmal plötzlich die gutherzigste, kindlichste Heiterkeit aufleuchtete. Seine vollen, kleinen, roten, sehr schön geschnittenen Lippen zeigten fast immer einen ernsten Zug; um so überraschender und bezaubernder wirkte ein plötzlich auf ihnen erscheinendes Lächeln, das so naiv und gutmütig war, daß der andere, in welcher Gemütsstimmung er sich auch befinden mochte, ein unmittelbares Bedürfnis empfand, zur Erwiderung ganz ebenso zu lächeln wie er. Er kleidete sich nicht auffallend, aber immer elegant; es war deutlich zu sehen, daß ihn diese Eleganz in allen Dingen nicht die geringste Mühe kostete, sondern ihm angeboren war.
Allerdings besaß er auch einige üble Eigenschaften, einige schlechte Gewohnheiten des guten Tons: Leichtsinn, Selbstgefälligkeit, höfliche Dreistigkeit. Aber er hatte ein klares, schlichtes Gemüt und war selbst der erste, diese Gewohnheiten an sich zu erkennen, sie zu bereuen und sich darüber lustig zu machen. Mir scheint, dieses Kind hätte niemals, nicht einmal im Scherze, lügen können, und selbst wenn er es getan hätte, so doch ohne zu ahnen, daß das etwas Schlechtes sei. Sogar sein Egoismus hatte etwas Reizvolles, vielleicht besonders deswegen, weil er ganz offen und nicht versteckt war. Verstecktes war überhaupt nicht an ihm. Er war schwach, zutraulich und schüchtern; an Willenskraft mangelte es ihm durchaus. Ihn zu kränken, zu betrügen wäre sündhaft und unwürdig gewesen, geradeso wie es sündhaft ist, ein Kind zu betrügen und zu kränken. Er war von einer Naivität, die zu seinem Lebensalter wenig stimmte, und verstand fast nichts vom wirklichen Leben; übrigens meine ich, daß er auch im Alter von vierzig Jahren noch nichts davon verstanden hätte. Solche Menschen sind sozusagen zu lebenslänglicher Unmündigkeit verurteilt. Ich glaube, es mußte ihn jeder Mensch liebgewinnen; er schmeichelte sich bei einem ein wie ein Kind. Natascha hatte die Wahrheit gesagt: er wäre imstande gewesen, auch eine schlechte Handlung zu begehen, wenn der starke Einfluß eines andern ihn dazu veranlaßt hätte; aber sobald er die Folgen einer solchen Handlung erkannt hätte, wäre er, meine ich, vor Reue gestorben. Natascha fühlte instinktiv, daß sie seine Herrin und Gebieterin sein werde, ja sogar er ihr Opfer. Sie kostete im voraus die Wonne, sinnlos zu lieben und den Geliebten gerade zur Strafe dafür, daß man ihn liebt, grausam zu quälen, und eilte vielleicht eben deswegen, sich ihm zuerst zum Opfer zu bringen. Aber auch in seinen Augen glänzte Liebe, und er schaute sie voll Entzücken an. Sie warf mir einen triumphierenden Blick zu. Sie hatte in diesem Augenblick alles vergessen: die Eltern und den Abschied und die Verdächtigungen … Sie war glücklich.
»Wanja«, rief sie, »ich habe ihm unrecht getan und bin seiner nicht wert! Ich dachte, du würdest nicht mehr kommen, Aljoscha. Vergiß meine schlechten Gedanken, Wanja! Ich werde es wiedergutmachen!« fügte sie, ihn mit grenzenloser Liebe anblickend, hinzu.
Er lächelte, küßte ihr die Hand und sagte, ohne ihre Hand loszulassen, zu mir gewendet:
»Denken Sie auch von mir nicht schlecht! Schon längst hatte ich gewünscht, Sie wie einen Bruder zu umarmen; sie hat mir soviel von Ihnen erzählt! Wir sind ja bisher kaum miteinander bekannt geworden und einander noch nicht nähergetreten. Wir werden Freunde sein, und … verzeihen Sie uns!« fügte er halblaut, ein wenig errötend, hinzu, aber mit einem so prächtigen Lächeln, daß ich nicht anders konnte, als seine Begrüßung von ganzem Herzen zu erwidern.
»Ja, ja, Aljoscha«, sagte Natascha, »er ist der Unsrige; er ist unser Bruder; er hat uns schon verziehen, und ohne ihn können wir nicht glücklich sein. Das habe ich dir schon gesagt … Ach, wir sind schlimme Kinder, Aljoscha! Aber wir werden zu dreien leben … Wanja«, fuhr sie fort, und ihre Lippen bebten, »kehre du jetzt gleich zu ihnen nach Hause zurück; du hast ein so goldenes Herz: wenn sie sehen, daß du mir verziehen hast, werden auch sie vielleicht, wenn sie mir auch nicht verzeihen, doch wenigstens etwas milder gegen mich gestimmt werden. Erzähle ihnen alles, alles, in deiner eigenen, herzlichen Ausdrucksweise; du wirst schon die richtigen Worte finden … Verteidige mich, rette mich; teile ihnen alle Gründe mit; lege ihnen alles so dar, wie du es selbst verstanden hast. Weißt du, Wanja, ich hätte mich zu diesem Schritt vielleicht nicht entschlossen, wenn es sich nicht zufällig so getroffen hätte, daß du heute mit mir gingst! Du bist meine Rettung: ich habe gleich auf dich meine Hoffnung gesetzt, daß du verstehen würdest, ihnen die Sache so mitzuteilen, daß ihnen wenigstens der erste Schreck etwas gemildert wird. O mein Gott, mein Gott! … Bestelle ihnen von mir, ich wüßte, daß ich jetzt keine Verzeihung mehr finden kann und daß, wenn sie mir auch verziehen, Gott mir nicht verzeihen wird; aber wenn sie mich auch verfluchten, so würde ich sie doch mein Leben lang segnen und für sie beten. Mein ganzes Herz ist bei ihnen! Ach, warum können wir nicht alle glücklich sein! Warum nicht, warum nicht! … O Gott, was habe ich getan!« rief sie plötzlich, als ob sie zur Besinnung käme, und am ganzen Leib vor Angst zitternd, verbarg sie das Gesicht in den Händen.
Aljoscha umarmte sie und drückte sie, ohne zu reden, fest an seine Brust. Eine Weile schwiegen wir alle.
»Wie konnten Sie nur ein solches Opfer von ihr verlangen!« sagte ich, indem ich ihn vorwurfsvoll anblickte.
»Schelten Sie mich nicht!« versetzte er; »ich versichere Ihnen, daß alle diese Leiden, so drückend sie jetzt auch sind, doch nur einen Augenblick dauern werden. Ich bin davon fest überzeugt. Man muß nur die nötige Festigkeit besitzen, um diesen Augenblick zu ertragen; dasselbe hat auch sie mir gesagt. Sie wissen wohl: schuld an alledem ist dieser Familienstolz, dieser ganz unnötige Streit und dann noch dieser Prozeß! … Aber (ich habe lange darüber nachgedacht, versichere ich Sie) … all das wird in Bälde ein Ende finden. Wir alle werden wieder einig werden und dann völlig glücklich sein; sogar die Väter werden sich versöhnen, wenn sie uns junges Paar ansehen. Wer kann’s wissen, vielleicht wird gerade unsere Verheiratung den Ausgangspunkt für ihre Versöhnung bilden. Ich glaube, es kann gar nicht anders sein. Was meinen Sie ?«
»Sie sagen Verheiratung. Wann werden Sie sich denn trauen lassen?« fragte ich und blickte dabei zu Natascha hin.
»Morgen oder übermorgen; spätestens übermorgen, bestimmt. Sehen Sie, ich weiß es selbst noch nicht genau und habe, die Wahrheit zu sagen, noch keine Veranstaltungen dazu getroffen. Ich dachte, Natascha würde heute vielleicht noch gar nicht kommen. Außerdem wollte mich mein Vater heute durchaus zu einer jungen Dame führen (er möchte, daß ich sie heirate; Natascha hat Ihnen wohl davon gesagt; aber ich will nicht). Na also, darum habe ich alles noch nicht bestimmt in Aussicht nehmen können. Aber dennoch werden wir uns bestimmt übermorgen trauen lassen. Wenigstens ist das meine Ansicht, weil es ja auch nicht anders sein kann. Gleich morgen wollen wir auf der Pskower Chaussee wegfahren. Da habe ich nicht weit von hier auf einem Gut einen Schulkameraden vom Lyzeum her, einen sehr guten Menschen; vielleicht kann ich Sie mit ihm bekannt machen. Dort in dem Dorf ist auch ein Geistlicher; übrigens weiß ich nicht genau, ob einer da ist. Ich hätte mich vorher erkundigen sollen, aber ich bin nicht dazu gekommen. Aber im Grunde sind das Kleinigkeiten. Man muß nur die Hauptsache im Auge behalten. Man kann ja auch aus irgendeinem benachbarten Kirchdorf einen Geistlichen holen lassen; was meinen Sie? Es wird ja doch da in der Nachbarschaft Kirchdörfer geben! Schade ist nur, daß ich bisher nicht dazu gekommen bin, ein paar Zeilen dorthin zu schreiben; ich hätte meinen Freund vorher benachrichtigen sollen. Vielleicht ist er jetzt gar nicht zu Hause … Aber das ist alles nicht von Wichtigkeit! Wenn man nur Entschlossenheit besitzt, dann macht sich das alles ganz von selbst, nicht wahr? Inzwischen aber, bis morgen oder höchstens bis übermorgen, wird sie hier bei mir bleiben. Ich habe eine eigene Wohnung gemietet, in der wir nach unserer Rückkehr wohnen wollen. Bei meinem Vater möchte ich nicht mehr wohnen; habe ich nicht recht? Ich hoffe, Sie werden uns da besuchen. Ich habe die Wohnung allerliebst eingerichtet. Meine früheren Schulkameraden werden auch hinkommen; ich werde Abendgesellschaften geben …« Ich blickte ihn erstaunt und kummervoll an. Natascha flehte mich mit einem Blick an, ihn nicht zu streng zu richten und mit ihm Nachsicht zu haben. Sie hörte sein Gerede mit einem traurigen Lächeln an und betrachtete ihn gleichzeitig mit einer Art von liebevollem Wohlgefallen, wie man ein liebenswürdiges, heiteres Kind ansieht und sein unverständiges, aber nettes Geplauder anhört. Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Das Herz wurde mir unerträglich schwer.
»Aber Ihr Vater?« fragte ich. »Sind Sie denn so fest davon überzeugt, daß er Ihnen verzeihen wird?«
»Unbedingt; was soll er denn sonst tun? Das heißt, zuerst wird er mich selbstverständlich verfluchen; davon bin ich sogar überzeugt. Das liegt eben in seinem Wesen; und er ist überhaupt streng gegen mich. Kurz, er wird seine väterliche Gewalt zur Anwendung bringen. Aber all das braucht man nicht ernst zu nehmen. Er liebt mich sinnlos; er wird ein bißchen zürnen und dann verzeihen. Dann werden sich alle versöhnen, und wir werden alle glücklich sein. Auch Nataschas Vater.«
»Aber wenn er Ihnen nun nicht verzeiht? Haben Sie auch diesen Fall in Erwägung gezogen?«
»Er wird mir unfehlbar verzeihen, nur vielleicht nicht so bald. Nun wohl, dann werde ich ihm zeigen, daß auch ich Charakterfestigkeit besitze. Er schilt mich immer, ich hätte keine Charakterfestigkeit, ich sei leichtsinnig. Jetzt soll er einmal sehen, ob ich leichtsinnig bin oder nicht. Ehemann zu werden, das ist ja kein Spaß; dann werde ich kein Knabe mehr sein … das heißt, ich wollte sagen: ich werde dann ebenso ein Mensch sein wie die andern … wie die Ehemänner. Ich werde von meiner Arbeit leben. Natascha sagt, daß das viel besser ist, als aus fremder Tasche zu leben, wie wir das alle tun. Wenn Sie nur wüßten, wieviel Gutes und Kluges sie zu mir sagt! Ich wäre auf diesen Gedanken niemals gekommen; ich bin in einer anderen Anschauung aufgewachsen und anders erzogen worden. Ich weiß freilich selbst, daß ich leichtsinnig und fast zu nichts tauglich bin; aber wissen Sie, vorgestern ist mir ein wunderbarer Gedanke gekommen. Es ist jetzt allerdings nicht recht Zeit dazu; aber ich will es Ihnen doch mitteilen, weil auch Natascha es hören muß und Sie uns Rat geben sollen. Sehen Sie, ich will Novellen schreiben und sie an die Journale verkaufen, so wie Sie das tun. Sie werden mir bei den Redakteuren der Journale behilflich sein, nicht wahr? Ich habe auf Sie gerechnet und gestern die ganze Nacht über einen Roman nachgedacht, so probeweise, und wissen Sie: er könnte sehr hübsch werden. Den Stoff habe ich einem Scribeschen Lustspiel entnommen … Aber das werde ich Ihnen ein andermal erzählen. Die Hauptsache ist, daß man Geld dafür bekommt; Sie bekommen ja doch auch welches!«
Ich konnte mich nicht enthalten zu lächeln.
»Sie lachen«, sagte er, ebenfalls lächelnd. »Nein, hören Sie«, fügte er mit unbegreiflicher Naivität hinzu, »beurteilen Sie mich nicht nach dem äußeren Schein; ich besitze wirklich eine außerordentlich gute Beobachtungsgabe; nun, Sie werden ja selbst sehen. Warum sollte ich nicht den Versuch machen? Vielleicht kommt etwas Hübsches dabei heraus … Übrigens, Sie mögen recht haben: ich verstehe ja nichts vom wirklichen Leben; Natascha sagt mir das auch; und das sagen mir alle Leute; was werde ich da als Schriftsteller leisten? Lachen Sie mich aus, lachen Sie mich aus, aber verhelfen Sie mir zur Besserung; Sie werden das ja auch für sie tun, und Sie lieben sie ja. Ich will Ihnen die Wahrheit sagen: ich bin ihrer nicht wert; das fühle ich; das bedrückt mich sehr, und ich weiß nicht, weswegen sie mich so liebgewonnen hat. Aber ich glaube, ich könnte mein ganzes Leben für sie hingeben! Wirklich, ich habe bis auf diesen Augenblick keine Furcht gehabt, aber jetzt habe ich Furcht: was beginnen wir da! O Gott! Wenn ein Mensch sich mit Leib und Seele seiner Pflicht hingibt, ist es dann möglich, daß es ihm unglücklicherweise gerade an der zur Erfüllung dieser seiner Pflicht erforderlichen Klugheit und Charakterfestigkeit mangelt? Helfen wenigstens Sie uns, Sie, unser Freund! Sie sind der einzige Freund, der uns geblieben ist. Ich verstehe ja nichts, wenn ich auf mich allein angewiesen bin! Verzeihen Sie, daß ich in dieser Weise auf Sie rechne; ich halte Sie für einen sehr vornehm denkenden Menschen und glaube, daß Sie weit besser sind als ich. Aber ich werde mich bessern, davon mögen Sie überzeugt sein, und werde Ihrer und Nataschas würdig werden.«
Hier drückte er mir wieder die Hand, und aus seinen schönen Augen leuchtete ein gutes, edles Gefühl. Vertrauensvoll streckte er mir die Hand hin, in der Überzeugung, daß ich sein Freund sei.
»Sie wird mir helfen, mich zu bessern«, fuhr er fort. »Denken Sie übrigens von uns nichts Schlechtes, und ängstigen Sie sich um uns nicht allzusehr! Ich habe doch viele gute Aussichten, und in materieller Hinsicht werden wir völlig gesichert sein. Wenn es mir mit dem Roman nicht gelingen sollte (und um die Wahrheit zu gestehen, ich habe schon vorhin gedacht, daß der Roman eine Dummheit ist, und habe Ihnen jetzt davon nur erzählt, um Ihre Meinung zu hören), wenn es mir mit dem Roman nicht gelingen sollte, so kann ich schlimmstenfalls Musikstunden geben. Sie haben wohl nicht gewußt, daß ich musikalisch bin? Ich werde mich nicht schämen, auch von solcher Arbeit zu leben. Ich bin in diesem Punkt durchaus ein Anhänger der neuen Ideen. Und außerdem besitze ich eine Menge wertvoller Schmucksachen und Toilettengegenstände; was habe ich von denen? Ich werde sie verkaufen, und Sie sollen mal sehen, wie lange wir von dem Erlös leben werden! Schließlich, im allerschlimmsten Fall, werde ich vielleicht wirklich in den Staatsdienst treten. Darüber wird sich mein Vater sogar freuen: er drängt mich immer, ein Amt zu übernehmen, und ich habe mich bisher immer mit Kränklichkeit ausgeredet. (Übrigens werde ich in irgendeinem Ressort bereits in den Listen geführt.) Aber wenn er sehen wird, daß die Heirat mir Vorteil gebracht und mich zu einem gesetzten Menschen gemacht hat und daß ich tatsächlich in den Dienst getreten bin, wird er sich freuen und mir verzeihen …«
»Aber, Alexej Petrowitsch, haben Sie auch wohl bedacht, wie schrecklich sich jetzt das Verhältnis zwischen Ihrem und Nataschas Vater gestalten wird? Was meinen Sie, wie es heute abend in Nataschas Elternhaus zugehen wird?«
Ich wies dabei auf Natascha hin, die bei meinen Worten leichenblaß geworden war. Ich war erbarmungslos.
»Ja, ja, Sie haben recht; es ist schrecklich!« antwortete er. »Ich habe schon daran gedacht, und das Herz hat mir weh getan … Aber was soll ich tun? Sie haben recht: wenn doch wenigstens ihre Eltern uns verziehen! Wenn Sie wüßten, wie ich sie beide liebe! Haben sie mich doch ganz so behandelt, als ob sie meine Eltern wären, und nun vergelte ich es ihnen so! Ach, diese Streitigkeiten, diese Prozesse! Sie glauben gar nicht, wie unangenehm uns das jetzt ist! Und um was streiten sie sich! Wir alle lieben einander ja so sehr, und doch streiten wir uns! Sie sollten sich versöhnen; dann wäre die Sache erledigt! Wirklich, so würde ich an ihrer Stelle handeln … Ihre Worte haben mir einen ordentlichen Schreck eingejagt. Natascha, es ist etwas Schreckliches, was wir beide jetzt vorhaben! Ich habe das auch schon früher gesagt … Du bestehst selbst darauf … Aber hören Sie, Iwan Petrowitsch, vielleicht kann das alles zum Guten führen; was meinen Sie? Endlich müssen sie sich ja doch versöhnen! Wir werden die Versöhnung herbeiführen. So wird es sein, unfehlbar; sie werden gegen unsere Liebe nicht standhalten … Mögen sie uns verfluchen; wir werden doch fortfahren, sie zu lieben, und sie werden nicht standhalten können. Sie glauben gar nicht, was für ein gutes Herz mein Vater manchmal hat! Er sieht ja oft so finster aus; aber zu anderen Zeiten ist er wieder außerordentlich nett. Wenn Sie wüßten, wie freundlich er heute zu mir gesprochen und mich zu überreden gesucht hat! Und gerade heute handle ich seinem Willen zuwider; das macht mich sehr traurig. Und alles wegen dieser abgeschmackten vorgefaßten Meinungen! Es ist der reine Wahnsinn! Wenn er sie nur einmal ordentlich sähe und auch nur eine halbe Stunde mit ihr zusammen wäre! Dann würde er uns sofort alles erlauben.«
Bei diesen Worten blickte Aljoscha zärtlich und leidenschaftlich Natascha an.
»Tausendmal habe ich es mir mit Entzücken vorgestellt«, fuhr er in seinem Geplauder fort, »wie lieb er sie gewinnen wird, wenn er sie kennenlernt, und wie sie alle in Erstaunen versetzen wird. Es hat ja keiner von ihnen jemals ein solches Mädchen gesehen! Mein Vater ist der Überzeugung, daß sie einfach eine Intrigantin ist. Es ist meine Pflicht, ihre Ehre wiederherzustellen, und das werde ich tun! Ach, Natascha! Alle werden sie dich lieben, alle; es gibt keinen Menschen, der es fertigbringen könnte, dich nicht zu lieben«, fügte er entzückt hinzu. »Ich bin deiner zwar unwert, aber liebe mich trotzdem, Natascha; dann werde ich schon… du kennst mich ja! Und brauchen wir denn viel zu unserm Glück? Nein, ich glaube, ich glaube fest, daß dieser Abend uns allen Glück und Frieden und Eintracht bringen wird! Gesegnet sei dieser Abend! Nicht wahr, Natascha? Aber was ist dir? Mein Gott, was ist dir?«
Sie war leichenblaß. Die ganze Zeit über, während Aljoscha schwatzte, hatte sie ihn unverwandt angesehen; aber ihr Blick war immer trüber und starrer geworden, ihr Gesicht immer blasser und blasser. Es kam mir vor, als ob sie zuletzt gar nichts mehr vernähme, sondern sich in einem Zustand der Geistesabwesenheit befände. Aljoschas Ausruf schien sie plötzlich aufzuwecken. Sie kam zur Besinnung, blickte um sich und stürzte plötzlich auf mich zu. Schnell und hastig, und wie wenn sie es vor Aljoscha verbergen wollte, zog sie einen Brief aus der Tasche und reichte ihn mir. Der Brief war an ihre Eltern gerichtet und schon am vorhergehenden Abend geschrieben. Während sie ihn mir gab, blickte sie mich starr an, als ob sie ihren Blick nicht von mir losreißen könne. In diesem Blicke sprach sich die vollste Verzweiflung aus; ich werde diesen furchtbaren Blick nie vergessen. Eine namenlose Angst packte mich; ich sah, daß ihr erst jetzt die Tragweite ihres Schrittes in seiner ganzen Furchtbarkeit zum Bewußtsein kam. Sie machte Anstrengungen, mir etwas zu sagen, und begann auch wirklich zu reden, fiel aber auf einmal in Ohnmacht. Ich konnte sie noch auffangen. Aljoscha wurde blaß vor Schrecken; er rieb ihr die Schläfen, küßte ihr die Hände und den Mund. Nach etwa zwei Minuten kam sie wieder zu sich. Nicht weit davon hielt die Droschke, in der Aljoscha gekommen war; er rief sie herbei. Als Natascha einstieg, ergriff sie, wie von Sinnen, meine Hand, und eine heiße Träne brannte auf meinen Fingern. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich stand noch lange auf demselben Fleck und folgte ihm mit den Augen. Dieser Augenblick vernichtete mein ganzes Glück und zerstörte mein Leben. Das fühlte ich mit Schmerz… Langsam wanderte ich denselben Weg zurück zu den alten Eltern. Ich wußte nicht, was ich ihnen sagen, wie ich zu ihnen hereintreten sollte. Meine Denkkraft war erstorben; die Beine wankten mir…
Das ist die ganze Geschichte meines Glückes; so endete und schloß meine Liebe. Jetzt werde ich in der unterbrochenen Erzählung fortfahren.
Zehntes Kapitel
Fünf Tage nach Smith’ Tod siedelte ich in seine Wohnung über. Diesen ganzen Tag lang war mir sehr traurig zumute. Das Wetter war trüb und kalt: es fiel ein feuchter, mit Regen gemischter Schnee. Erst gegen Abend brach die Sonne auf einen Augenblick durch, und ein verirrter Strahl blickte, wahrscheinlich aus Neugier, in mein Zimmer. Ich fing schon an zu bereuen, daß ich hierhergezogen war. Das Zimmer war zwar groß, aber sehr niedrig, verräuchert und dumpfig und machte trotz der darinstehenden paar Möbelstücke einen unangenehm leeren Eindruck. Es kam mir gleich damals der Gedanke, daß ich mir in diesem Zimmer unfehlbar den Rest meiner Gesundheit verderben würde. Und das ist denn auch geschehen.
Diesen ganzen Vormittag war ich mit meinen Papieren beschäftigt, die ich sichtete und ordnete. In Ermangelung einer Mappe hatte ich sie in einem Kopfkissenbezug transportiert, und dabei waren sie arg zerknittert und durcheinandergeraten. Dann setzte ich mich hin, um zu schreiben. Ich schrieb damals immer noch an meinem großen Roman; aber ich hörte bald wieder auf; mein Kopf war mit anderen Gedanken erfüllt …
Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. Die Dunkelheit brach herein, und meine Stimmung wurde immer trauriger und trauriger. Mancherlei bedrückende Gedanken bemächtigten sich meiner. Ich hatte die Empfindung, daß ich in Petersburg schließlich völlig zugrunde gehen würde. Der Frühling nahte; ich dachte: ›Könnte ich mich nur aus dieser beklemmenden Enge in die freie Natur flüchten und den Geruch der frischen Felder und Wälder einatmen, die ich so lange nicht gesehen habe; dann würde ich wieder aufleben! …‹
Es kam mir auch der Gedanke: ›Wie gut wäre es, wenn ich durch irgendwelche Zauberei oder durch ein Wunder alles in den letzten Jahren Geschehene und Erlebte vollständig vergäße, einen frischen Geist bekäme und wieder mit neuer Kraft anfinge!‹ Damals hing ich noch solchen Zukunftsträumereien nach und hoffte auf eine Art von Wiedergeburt. ›Meinetwegen will ich sogar ins Irrenhaus kommen‹, sagte ich mir, ›damit man mir da auf irgendwelche Weise das ganze Gehirn umkehrt und neu einrichtet und ich dann wieder ganz gesund werde!‹ Es steckte noch ein starker Lebensdurst in mir, und ich glaubte noch an das Leben! … Aber ich erinnere mich, daß ich damals in ein Gelächter ausbrach. ›Was sollte ich denn nach dem Aufenthalt im Irrenhaus tun?‹ fragte ich mich. ›Etwa wieder Romane schreiben?‹
So überließ ich mich meinen Träumereien und meinem Trübsinn; aber unterdessen rückte die Zeit weiter, und die Nacht kam heran. Für diesen Abend hatte ich Natascha zugesagt, zu ihr zu kommen; sie hatte mich schon tags zuvor durch ein Billett dringend dazu aufgefordert. Ich sprang auf und begann, mich zurechtzumachen. Auch ohnedies war es mir ein Bedürfnis, möglichst schnell aus der Wohnung hinauszukommen, irgendwohin, meinetwegen in den Regen und in den Schmutz. Je stärker die Finsternis wurde, um so geräumiger schien mein Zimmer zu werden, um so mehr schien es sich auszudehnen. Ich hatte die Vorstellung, ich würde in jeder Nacht in jeder Ecke den alten Smith sehen: er werde dasitzen und mich regungslos anblicken, so wie er in der Konditorei Adam Iwanowitsch angeblickt hatte, und Asorka werde zu seinen Füßen liegen. Und gerade in diesem Augenblick hatte ich ein Erlebnis, das mir einen starken Eindruck machte.
Aber ich muß alles offen bekennen: ob nun infolge meiner Nervenzerrüttung oder infolge der Eindrücke in der neuen Wohnung oder infolge der neuerdings über mich gekommenen Melancholie, kurz, ich war gleich von dem Einbruch der Dämmerung an allmählich und stufenweise in denjenigen Seelenzustand hineingeraten, der jetzt während meiner Krankheit nachts bei mir so häufig vorkommt und den ich ›mystische Angst‹ nenne. Es ist dies eine überaus peinliche, qualvolle Furcht vor etwas, was ich selbst nicht zu definieren vermag, vor etwas Unbegreiflichem, das in der natürlichen Ordnung der Dinge nicht existiert, das aber unfehlbar, vielleicht gleich im nächsten Augenblick, sich verwirklichen, allen Vernunftgründen zum Trotz zu mir kommen und als unwiderlegliche, schreckliche, grauenhafte, unerbittliche Tatsache vor mich hintreten wird. Diese Furcht wächst gewöhnlich immer stärker und stärker heran, ohne sich an irgendwelche Gründe des Verstandes zu kehren, so daß schließlich der Verstand, obwohl er in diesen Augenblicken vielleicht noch größere Klarheit besitzt als sonst, schlechterdings keine Möglichkeit hat, den Empfindungen entgegenzuwirken. Er findet kein Gehör, er ist nutzlos, und durch diese Zwiespältigkeit wird die ängstliche Pein der Erwartung noch vermehrt. Ich glaube, von dieser Art ist die schreckliche Empfindung der Leute, die sich vor Leichen fürchten. Aber bei mir wird die Qual noch durch die Undefinierbarkeit der Gefahr gesteigert. Ich stand mit dem Rücken nach der Tür und nahm gerade meinen Hut vom Tisch; in diesem Augenblick kam mir plötzlich der Gedanke, wenn ich mich umsähe, würde ich bestimmt den alten Smith erblicken; zunächst werde er sachte die Tür öffnen, auf der Schwelle stehenbleiben und im Zimmer umherschauen; dann werde er leise mit gesenktem Kopf eintreten, sich vor mich hinstellen, mich mit seinen trüben Augen anstarren und mir auf einmal mit seinem zahnlosen Mund gerade ins Gesicht lachen, lange und unhörbar, und sein ganzer Körper werde von diesem Lachen erschüttert werden und lange hin und her schwanken. Diese ganze Vision stand mir auf einmal mit größter Klarheit und Deutlichkeit vor dem geistigen Auge, und gleichzeitig bildete sich bei mir die volle unerschütterliche Überzeugung heraus, daß das alles unfehlbar und unabwendbar geschehen werde, ja, daß es bereits geschehe und ich es nur nicht sähe, weil ich mit dem Rücken nach der Tür stände, und daß sich gerade in diesem Augenblick die Tür vielleicht schon öffne. Schnell drehte ich mich um, und was sah ich? Die Tür öffnete sich wirklich, sachte und unhörbar, ebenso wie ich mir das gerade vorgestellt hatte. Ich schrie auf. Lange Zeit erschien niemand, als ob die Tür sich von selbst geöffnet hätte; auf einmal zeigte sich auf der Schwelle ein seltsames Wesen: seine Augen blickten mich, soweit ich das in der Dunkelheit erkennen konnte, starr und unverwandt an. Ein kalter Schauer lief durch alle meine Glieder. Zu meinem größten Schrecken sah ich, daß es ein Kind, ein Mädchen war, und wenn es sogar der alte Smith selbst gewesen wäre, so wäre ich über ihn vielleicht nicht so erschrocken, wie über die seltsame, unerwartete Erscheinung dieses Kindes in meinem Zimmer zu einer solchen Tageszeit.
Ich habe bereits gesagt, daß die Kleine die Tür so unhörbar und langsam öffnete, als ob sie sich fürchtete hereinzukommen. Als sie in der Tür erschien, blieb sie auf der Schwelle stehen und sah mich lange mit einem an Erstarrung grenzenden Erstaunen an; endlich tat sie sachte und langsam zwei Schritte vorwärts und blieb vor mir stehen, immer noch ohne ein Wort zu sprechen. Ich musterte sie nun aus größerer Nähe. Es war ein Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren, von kleiner Statur, mager und blaß, als ob sie eben erst eine schwere Krankheit durchgemacht hätte. Um so heller funkelten ihre großen schwarzen Augen. Mit der linken Hand hielt sie über der Brust ein altes, zerrissenes Tuch zusammen, das sie um ihren noch von der Abendkälte zitternden Oberkörper geschlagen hatte. Ihren Anzug konnte man geradezu als Lumpen bezeichnen; das dichte, schwarze Haar war ungekämmt und zerzaust. So standen wir ein paar Minuten lang da und blickten einander unverwandt an.
»Wo ist der Großvater?« fragte sie endlich mit kaum hörbarer, heiserer Stimme, wie wenn ihr die Brust oder die Kehle weh täte.
Meine ganze mystische Angst verflog bei dieser Frage. Da fragte jemand nach Smith; also hatte ich unerwartet eine Spur von ihm gefunden.
»Dein Großvater? Aber der ist ja schon gestorben!« erwiderte ich, da ich in keiner Weise darauf vorbereitet war, auf eine solche Frage zu antworten, bereute aber meine Antwort sofort. Eine Weile blieb sie noch in der früheren Haltung stehen; dann aber fing sie auf einmal an am ganzen Leib zu zittern, und zwar so stark, als ob ein gefährlicher nervöser Anfall im Anzug sei. Ich wollte sie schon anfassen und halten, damit sie nicht hinfiele; aber nach einigen Augenblicken wurde ihr besser, und ich sah deutlich, daß sie gewaltsame Anstrengungen machte, um mir ihre Erregung zu verbergen.
»Verzeih mir, verzeih mir, mein Kind!« sagte ich. »Ich habe das so plötzlich ausgesprochen, und vielleicht ist es gar nicht einmal richtig … du Ärmste! … Wen suchst du denn? Den alten Mann, der hier gewohnt hat?«
»Ja«; flüsterte sie mühsam und sah mich ängstlich an.
»Hieß er Smith? Ja?«
»J-ja!«
»Der ist … nun ja, der ist allerdings gestorben … Aber gräme dich nicht zu sehr, liebes Kind! Warum bist du denn nicht schon früher einmal hergekommen? Von wo kommst du jetzt? Er ist gestern begraben worden; er war ganz plötzlich und unerwartet gestorben… Also du bist seine Enkelin?«
Das Mädchen antwortete auf meine hastigen, ungeordneten Fragen nicht. Schweigend wandte sie sich ab und ging sachte aus dem Zimmer. Ich war so überrascht, daß ich sie nicht zurückhielt und sie nicht weiter fragte. Auf der Schwelle blieb sie noch einmal stehen, wandte sich halb mir zu und fragte:
»Ist Asorka auch gestorben?«
»Ja, Asorka ist auch gestorben«, antwortete ich. Die Frage erschien mir sonderbar; sie klang, als ob die Kleine davon überzeugt wäre, daß Asorka jedenfalls mit dem alten Mann zugleich gestorben sein müsse.
Als das Mädchen meine Antwort vernommen hatte, verließ sie unhörbar das Zimmer und schloß behutsam hinter sich die Tür.
Einen Augenblick darauf lief ich ihr nach; ich ärgerte mich sehr darüber, daß ich sie hatte fortgehen lassen. Sie war so leise hinausgegangen, daß ich nicht hatte hören können, wie sie die nach der Treppe führende Flurtür öffnete. ›Die Treppe kann sie noch nicht hinunter sein‹, dachte ich und blieb stehen, um zu horchen. Aber alles war still, und es waren keine Schritte zu hören. Es klappte nur irgendwo in einem tieferen Stockwerk eine Tür; dann wurde wieder alles still.
Eilig begann ich die Treppe hinunterzusteigen. Die Treppe von meiner Wohnung im fünften Stock nach dem vierten Stock war eine Wendeltreppe; vom vierten Stock an begann eine gerade Treppe. Es war eine jener unsauberen, immer dunklen Treppen, wie man sie gewöhnlich in Mietskasernen mit kleinen Wohnungen findet. In diesem Augenblick war es auf ihr schon völlig dunkel. Tastend stieg ich nach dem vierten Stock hinunter; hier blieb ich stehen und hatte auf einmal ein Gefühl, als ob ich angestoßen und darauf aufmerksam gemacht würde, daß hier jemand auf dem Flur war und sich vor mir versteckte. Ich begann mit den Händen umherzutasten; ganz in einer Ecke stand das Mädchen mit dem Gesicht zur Wand und weinte still und lautlos. »Höre, mein Kind, warum fürchtest du dich?« sagte ich. »Ich habe dich so erschreckt; es tut mir leid. Dein Großvater hat, als er starb, noch von dir gesprochen; das waren seine letzten Worte… Ich habe auch noch Bücher von ihm; wahrscheinlich gehören sie dir. Wie heißt du denn? Wo wohnst du? Er sagte, in der Sechsten Linie…«
Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen. Sie schrie erschrocken auf, anscheinend darüber, daß ich wußte, wo sie wohnte, stieß mich mit ihren dünnen, mageren Armen zurück und lief die Treppe hinunter. Ich eilte ihr nach; ich konnte noch ihre Schritte unten hören. Auf einmal hörten sie auf… Als ich auf die Straße hinausstürzte, war das Mädchen nicht da. Ich lief bis zum Wosnessenskiprospekt und sah, daß all mein Suchen vergeblich war: sie war verschwunden. »Wahrscheinlich hat sie sich schon beim Hinuntersteigen von der Treppe irgendwo vor mir versteckt«, dachte ich.
Elftes Kapitel
Aber kaum hatte ich das nasse, schmutzige Trottoir des Prospektes betreten, als ich mit einem Passanten zusammenstieß, der, anscheinend in tiefen Gedanken, mit gesenktem Kopf eilig dahinging. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich den alten Ichmenew. Dies war für mich ein Abend der unerwarteten Begegnungen. Ich wußte, daß der alte Mann vor drei Tagen ernstlich erkrankt war, und nun traf ich ihn plötzlich bei solchem feuchten Wetter auf der Straße. Zudem war er auch früher abends nie ausgegangen, und seit Natascha das Haus verlassen hatte, das heißt seit beinah einem halben Jahr, war er ein richtiger Stubenhocker geworden. Er freute sich außerordentlich über das Zusammentreffen mit mir, wie jemand, der endlich einen Freund gefunden hat, mit dem er sich aussprechen kann, ergriff meine Hand, drückte sie kräftig und zog mich, ohne zu fragen, wohin ich ginge, mit sich fort. Er war über etwas in Aufregung, hastete und redete abgebrochen. »Wo mag er nur gewesen sein?« dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen wäre unnütz gewesen; er war furchtbar mißtrauisch geworden und witterte manchmal in der harmlosesten Frage oder Bemerkung eine Kränkung, eine beleidigende Anspielung.
Ich blickte ihn von der Seite an: sein Gesicht sah krankhaft aus; er war in der letzten Zeit sehr abgemagert; rasiert hatte er sich seit einer Woche nicht. Sein ganz ergrautes Haar hing unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und lag in langen Strähnen auf dem Kragen seines alten, abgetragenen Mantels. Ich hatte schon früher bemerkt, daß er manchmal wie geistesabwesend war; er vergaß zum Beispiel, daß er nicht allein im Zimmer war, redete mit sich selbst und gestikulierte mit den Händen. Es war peinlich, ihn anzusehen.
»Nun, wie geht’s, Wanja, wie geht’s?« sagte er. »Wo kommst du her? Ich bin ausgewesen, lieber Freund, in Geschäften. Bist du gesund?«
»Sind Sie selbst gesund?« antwortete ich. »Sie waren ja noch vor kurzem krank, und da gehen Sie aus?«
Der Alte antwortete nicht, als hätte er mich gar nicht verstanden.
»Wie befindet sich Anna Andrejewna?«
»Sie ist gesund, sie ist gesund… Übrigens, ein bißchen kränklich ist sie auch. Sie ist so trübsinnig geworden… sie hat auch von dir gesprochen, warum du gar nicht zu uns kämest. Aber du warst wohl jetzt gerade auf dem Weg zu uns, Wanja? Oder nicht? Ich habe dich vielleicht gestört und halte dich von etwas ab?« fragte er plötzlich, mich mißtrauisch und argwöhnisch anblickend.
Der alte Mann war dermaßen empfindlich und reizbar geworden, daß, wenn ich ihm jetzt geantwortet hätte, ich sei nicht auf dem Weg zu ihnen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kalt von mir getrennt hätte. Ich beeilte mich, bejahend zu antworten, daß ich gerade vorhätte, Anna Andrejewna zu besuchen, obwohl ich wußte, daß ich dann bei Natascha zu spät kommen und sie vielleicht überhaupt nicht mehr antreffen würde.
»Nun, das ist ja schön«, erwiderte der Alte, durch meine Antwort beruhigt. »Das ist ja schön…«
Auf einmal verstummte er und versank in Gedanken, als ob er noch etwas unausgesprochen gelassen hätte.
»Ja, das ist schön!« wiederholte er mechanisch nach etwa fünf Minuten, wie wenn er nach seiner tiefen Versunkenheit wieder zu sich käme. »Hm!… Siehst du, Wanja, wir haben dich immer wie einen eigenen Sohn gehalten; Gott hat mich und Anna Andrejewna nicht mit einem Sohn gesegnet… da hat er uns dich gesandt, ich habe es immer so aufgefaßt. Und meine Frau auch… ja! Und du hast dich gegen uns immer respektvoll und zärtlich benommen wie ein leiblicher, dankbarer Sohn. Möge dich Gott dafür segnen, Wanja, so wie wir beiden alten Leute dich segnen und lieben… ja!«
Seine Stimme fing an zu zittern, er machte eine kleine Pause.
»Ja… nun aber, wie geht es dir? Du bist doch nicht krank gewesen? Weil du so lange nicht bei uns warst.«
Ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smith, sagte zu meiner Entschuldigung, diese Angelegenheit habe mich am Kommen gehindert; außerdem sei ich wirklich beinah krank gewesen und hätte wegen all dieser Abhaltungen den weiten Weg nach der Wassili-Insel (da wohnten sie damals) nicht machen können. Ich hätte mich beinah versprochen und gesagt, daß ich trotzdem auch in dieser Zeit die Möglichkeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen; aber ich unterdrückte dies noch rechtzeitig.
Die Geschichte von Smith interessierte den alten Mann sehr. Er wurde aufmerksamer. Als er hörte, daß meine neue Wohnung feucht und noch schlechter als die frühere sei und sechs Rubel monatlich koste, wurde er ordentlich hitzig. Er war überhaupt in der letzten Zeit sehr heftig und ungeduldig geworden. Nur Anna Andrejewna verstand es noch, in solchen Augenblicken mit ihm zurechtzukommen, und auch ihr gelang es nicht immer.
»Hm!… Das kommt alles von deiner Schriftstellerei, Wanja!« rief er fast zornig. »Die hat dich in die Dachstube gebracht und wird dich noch auf den Kirchhof bringen! Ich habe es dir schon damals gesagt und dich gewarnt!… Was macht denn B.? Schreibt er immer noch Kritiken?«
»Der ist ja schon gestorben, an der Schwindsucht. Ich glaube, ich habe es Ihnen schon gesagt.«
»Gestorben, hm!… gestorben! Anders konnte es auch nicht kommen. Hat er denn seiner Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du sagtest ja wohl, er sei verheiratet, nicht?… Wozu solche Leute nur heiraten!«
»Nein, er hat nichts hinterlassen«, antwortete ich. »Na, da haben wir’s!« rief er mit solcher Erregung, wie wenn die Sache ihn als nahen Verwandten anginge, wie wenn der verstorbene B. sein leiblicher Bruder gewesen wäre. »Nichts! Gar nichts! Weißt du, Wanja, ich habe das schon vorhergeahnt, daß es so mit ihm enden werde, schon damals, du erinnerst dich, als du ihn mir so lobtest. Das spricht sich so leicht hin: er hat nichts hinterlassen! Hm!… Ruhm hat er sich ja erworben, meinetwegen sogar unsterblichen Ruhm; aber vom Ruhm wird man nicht satt. Und auch was dich betrifft, Wanjuscha, so habe ich schon damals alles vorausgesehen; ich habe dich gelobt, aber im stillen habe ich alles vorausgesehen. Also B. ist gestorben? Wie sollte einer da auch nicht sterben? Ein unerfreuliches Dasein und … ein unerfreulicher Wohnort; da sieh!«
Und mit einer schnellen, unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige, sich vor uns hinziehende Straße, die die aus dem feuchten Dunst hervorschimmernden Laternen nur schwach beleuchteten, auf die schmutzigen Häuser, auf die von Nässe glänzenden Trottoirplatten, auf die mürrischen, ärgerlichen, durchnäßten Passanten, auf dieses ganze Bild, über welchem sich die schwarze, wie mit Kienruß überzogene Kuppel des Petersburger Himmels wölbte. Wir waren nun schon auf den Marienplatz gelangt; vor uns ragte in der Dunkelheit, von unten her durch die Gasflammen erhellt, das Denkmal des Zaren Nikolaus auf, und noch weiter hin erhob sich die finstere, gewaltige Masse der Isaakskathedrale, die sich nur undeutlich von der dunklen Farbe des Himmels abhob.
»Du hast gesagt, Wanja, er wäre ein guter, edeldenkender, sympathischer Mensch, ein Mensch mit Herz und Gemüt. Na, es ist alles dieselbe Sorte, deine sympathischen Menschen mit Herz und Gemüt! Sie verstehen weiter nichts, als die Zahl der armen Waisen zu vermehren! Hm!… Und auch das Sterben, meine ich, wird ihm nicht vergnüglich gewesen sein! Ja, ja! Er hätte von hier wegfahren sollen, irgendwohin, und wenn’s nach Sibirien gewesen wäre!… Was willst du, Kind?« fragte er auf einmal, als er auf dem Trottoir ein kleines Mädchen sah, das um ein Almosen bat.
Es war ein kümmerliches, mageres Wesen, nicht älter als sieben oder acht Jahre, in schmutzige Lumpen gekleidet; die kleinen Füße steckten ohne Strümpfe in zerrissenen Schuhen. Sie suchte ihr vor Kälte zitterndes Körperchen mit einem alten kurzen Mäntelchen zu schützen, aus dem sie schon längst herausgewachsen war. Ihr hageres, blasses, kränkliches Gesichtchen war uns zugewendet; schüchtern und schweigend, mit einer Art von ergebungsvoller Furcht vor einem abschlägigen Bescheid, streckte sie uns ihr zitterndes Händchen hin. Der Alte fing bei ihrem Anblick am ganzen Leib ordentlich zu zittern an und wendete sich so schnell zu ihr hin, daß er sie sogar erschreckte. Sie fuhr zusammen und schwankte vor ihm zurück.
»Was willst du, Kind? Was willst du?« rief er. »Eine Gabe? Ja? Da hast du etwas, da… Nimm, da!«
Hastig und vor Aufregung zitternd, suchte er in seiner Tasche umher und zog zwei oder drei Silbermünzen heraus. Aber das kam ihm noch zuwenig vor; er holte sein Portemonnaie hervor, entnahm ihm einen Rubelschein (alles, was darin war) und legte das Geld in die Hand der kleinen Bettlerin.
»Christus behüte dich, du mein liebes kleines Kind! Gottes Engel mögen um dich sein!«
Er bekreuzte das arme Kind mehrmals mit zitternder Hand; plötzlich aber, als er bemerkte, daß ich ihm zusah, machte er ein finsteres Gesicht und ging mit schnellen Schritten weiter.
»Siehst du, Wanja, ich kann das gar nicht mit ansehen«, begann er, nachdem er ziemlich lange ärgerlich geschwiegen hatte, »wie diese kleinen, unschuldigen Wesen vor Kälte auf der Straße zittern… um ihrer verfluchten Mütter und Väter willen. Aber freilich, welche Mutter wird auch ein Kind bei solchem Wetter hinausschicken, wenn sie nicht selbst unglücklich ist!… Gewiß hat sie da in ihrem elenden Kämmerchen noch andere vaterlose Waisen sitzen, und dies ist die älteste; sie selbst, die Mutter, ist krank; und… hm! Es sind keine Fürstenkinder! Es gibt auf der Welt viele Kinder, Wanja, die keine Fürstenkinder sind! Hm!«
Er schwieg eine Weile, wie wenn es ihm Schwierigkeiten machte, das, was er noch sagen wollte, auszusprechen. »Siehst du, Wanja«, begann er dann etwas verwirrt und stockend, »ich habe meiner Frau versprochen, das heißt, ich bin mit Anna Andrejewna übereingekommen, ein Waisenmädchen zur Erziehung anzunehmen, ein armes Kind, ein kleines Kind, ins Haus, ganz und gar; du verstehst? Sonst ist es uns alten Leuten doch gar zu langweilig, so allein, hm!… Aber, siehst du, Anna Andrejewna ist dagegen. Also rede du mit ihr darüber, weißt du, nicht so, als ob ich dich dazu veranlaßt hätte, sondern als ob du es von selbst tätest… überrede sie dazu… verstehst du? Ich wollte dich schon längst darum bitten… daß du sie überreden möchtest einzuwilligen; sie selbst darum so sehr zu bitten behagt mir nicht recht… was soll man über solche Lappalien viel reden! Was habe ich von so einem kleinen Mädchen? Ich bedarf ihrer nicht; es ist nur so zur Erheiterung… damit man eine Kinderstimme hört… übrigens möchte ich es eigentlich nur um meiner Frau willen tun; es wird ihr vergnüglicher sein, als immer nur so mit mir allein zu sitzen. Aber das ist alles nur dummes Zeug! Weißt du, Wanja, auf die Art wird es lange dauern, bis wir hinkommen; wir wollen eine Droschke nehmen; es ist zu weit zum Gehen, und Anna Andrejewna wartet gewiß schon ungeduldig auf uns …«
Es war halb acht, als wir zu Anna Andrejewna kamen.
Zwölftes Kapitel
Die beiden alten Leute liebten einander sehr. Die Liebe und eine langjährige Gewöhnung wirkten zusammen, um sie untrennbar zu verbinden. Aber Nikolai Sergejewitsch benahm sich (und nicht nur jetzt, sondern es war auch früher, in den glücklichsten Zeiten, ebenso gewesen) gegen seine Anna Andrejewna wenig mitteilsam, ja sogar manchmal rauh, namentlich in Gegenwart von Fremden. Bei manchen Naturen findet man, obwohl sie von dem Gefühl warmer Zärtlichkeit erfüllt sind, doch eine gewisse Sprödigkeit, eine Art von keuscher Scheu davor, sich völlig auszusprechen und dem geliebten Wesen selbst gegenüber ihre Zärtlichkeit kundzutun, und zwar nicht nur in Gegenwart von Fremden, sondern auch unter vier Augen; unter vier Augen sogar in noch höherem Grad; nur selten kommt bei ihnen die Zärtlichkeit zum Durchbruch, dann aber um so heißer und heftiger, je länger sie zurückgehalten war. Von dieser Art war auch der alte Ichmenew im Verkehr mit seiner Anna Andrejewna, und zwar schon seit ihrer Jugend. Er verehrte und liebte sie grenzenlos, trotzdem sie einfach nur eine gute Frau war und nichts weiter verstand, als ihn zu lieben, und er ärgerte sich gewaltig darüber, daß sie ihrerseits in ihrer Harmlosigkeit ihm gegenüber manchmal sogar eine übergroße, unvorsichtige Offenheit zeigte. Aber seit Natascha das Elternhaus verlassen hatte, schienen die beiden gegeneinander zärtlicher geworden zu sein; sie fühlten mit tiefem Schmerz, daß sie allein auf der Welt zurückgeblieben waren. Und obgleich Nikolai Sergejewitsch manchmal außerordentlich mürrisch war, so konnten sie doch beide nicht einmal zwei Stunden lang getrennt sein, ohne sich schmerzlich einer nach dem andern zu sehnen. Von Natascha redeten sie wie nach stillschweigender Übereinkunft keine Silbe, als ob sie überhaupt nicht auf der Welt sei. Anna Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes nicht einmal eine deutliche Anspielung auf sie, obgleich ihr das sehr schwerfiel. Sie hatte der Tochter in ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen ihr und mir bestand eine Art von Abmachung, daß ich ihr bei jedem meiner Besuche Nachrichten von ihrem lieben, unvergessenen Kinde bringen sollte.
Die alte Frau wurde krank, wenn sie lange keine Nachrichten erhielt, und wenn ich zu ihnen kam, interessierte sie sich für die geringsten Einzelheiten, fragte mich voll höchster Teilnahme aus, atmete auf, wenn mein Bericht günstig lautete, starb aber einmal beinahe vor Angst, als Natascha erkrankt war; ja, sie war nahe daran, selbst zu ihr hinzugehen. Aber das war ein ganz besonderer Fall gewesen. Anfänglich mochte sie nicht einmal mir gegenüber den Wunsch nach einem Wiedersehen mit der Tochter aussprechen, und am Ende unserer Gespräche, wenn sie alles aus mir herausgefragt hatte, hielt sie es fast immer für notwendig, sich mir gegenüber zu verhärten und sich mit aller Bestimmtheit dahin auszusprechen, sie interessiere sich zwar für das Schicksal ihrer Tochter, aber Natascha habe sich doch so vergangen, daß Verzeihung ein Ding der Unmöglichkeit sei. Aber das war alles nur Verstellung. Es kam vor, daß Anna Andrejewna in meiner Gegenwart sich nach ihrer Tochter fast totsehnte, weinte, ihr die zärtlichsten Namen gab, sich bitter über Nikolai Sergejewitsch beklagte und in seiner Gegenwart, wiewohl nur mit der größten Vorsicht, Andeutungen folgender Art machte: die Menschen seien gar zu stolz und hartherzig; wir verständen nicht, eine Beleidigung zu verzeihen, und denen, die selbst nicht verziehen, werde auch Gott nicht verzeihen. Aber deutlicher sprach sie sich ihm gegenüber nicht aus. In solchen Fällen machte der Alte sofort ein strenges, finsteres Gesicht und schwieg mürrisch, oder aber er begann auf einmal, meist in recht ungeschickter Weise, sehr laut von etwas anderem zu reden, oder endlich er ging auf sein Zimmer, ließ uns allein und gab so seiner Frau die Möglichkeit, mir ihren Kummer rückhaltlos in Tränen und Klagen auszuschütten. Ganz ebenso pflegte er bei meinen Besuchen, sowie er mich begrüßt hatte, alsbald auf sein Zimmer zu gehen, damit ich Zeit hätte, seiner Frau die letzten Neuigkeiten über Natascha mitzuteilen. So machte er es auch jetzt.
»Ich bin ganz durchnäßt«, sagte er zu ihr, gleich nachdem er ins Zimmer getreten war; »ich werde erst einmal auf mein Zimmer gehen, und du, Wanja, bleib hier! Er hat etwas Merkwürdiges mit seiner Wohnung erlebt. Erzähle es ihr; ich komme gleich wieder.«
Und er ging eilig hinaus, wobei er es sogar vermied, uns anzusehen, wie wenn er sich darüber schämte, daß er selbst uns allein zusammen ließ. In solchen Fällen, und besonders wenn er zu uns zurückkehrte, war er immer sehr finster und mürrisch, sowohl mir als auch seiner Frau gegenüber, ja sogar händelsüchtig; es machte den Eindruck, als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit.
»Ja, so ist er nun«, sagte die alte Frau, die in der letzten Zeit im Verkehr mit mir alle Zurückhaltung und Verstellung aufgegeben hatte; »so benimmt er sich immer gegen mich, und dabei weiß er, daß wir seine List alle durchschauen. Wozu sucht er mir etwas vorzumachen? Bin ich ihm denn eine Fremde? Und so benimmt er sich auch, was die Tochter angeht. Er könnte ihr ja verzeihen; vielleicht wünscht er es sogar; Gott mag’s wissen. Er weint nachts; das habe ich selbst gehört! Aber nach außen hin spielt er den Unerbittlichen. Der Stolz betört ihn. Lieber Iwan Petrowitsch, erzähle mir schnell: wo ist er gewesen?«
»Nikolai Sergejewitsch? Ich weiß es nicht; ich wollte Sie danach fragen.«
»Ich habe mich halbtot geängstigt, als er wegging. Er ist ja krank, und nun bei solchem Wetter, und wo die Nacht vor der Tür steht! »Na«, dachte ich, »gewiß hat er etwas Wichtiges vor; und was gibt es für uns Wichtigeres als die bewußte Angelegenheit?« So dachte ich bei mir, wagte aber nicht, ihn zu fragen. Ich wage ihn ja jetzt überhaupt nach nichts zu fragen. Herrgott, was habe ich mich geängstigt um ihn und um sie! »Nun«, dachte ich, »er wird zu ihr gegangen sein; ob er sich wohl entschlossen hat, ihr zu verzeihen?« Er hat ja alles in Erfahrung gebracht; auch die neuesten Nachrichten von ihr kennt er alle; ich glaube bestimmt, daß er sie weiß; aber woher er diese Kenntnis hat, das kann ich nicht erraten. Gestern hat er sich schrecklich gegrämt und heute auch. Aber warum schweigst du denn? Erzähle mir, lieber Freund, was da noch weiter vorgefallen ist! Ich habe auf dich gewartet wie auf einen Engel Gottes; fortwährend habe ich durchs Fenster gesehen. Nun also, verläßt der Bösewicht Natascha?«
Ich erzählte ihr sogleich alles, was ich selbst wußte. Ich war gegen sie immer vollständig offenherzig. Ich teilte ihr mit, daß es zwischen Natascha und Aljoscha in der Tat zum Bruch zu kommen scheine, und daß dies ernster sei als ihre früheren Mißhelligkeiten; daß Natascha mir gestern ein Briefchen geschickt habe, in dem sie mich bitte, heute abend um neun Uhr zu ihr zu kommen und daß ich daher auch gar nicht vorgehabt hätte, heute bei ihnen vorzusprechen; Nikolai Sergejewitsch selbst habe mich hergebracht. Ich setzte ihr eingehend auseinander, daß die Lage jetzt kritisch geworden sei; daß Aljoschas Vater, der vor vierzehn Tagen von einer Reise zurückgekehrt sei, von nichts hören wolle und gegen seinen Sohn mit aller Strenge verfahre und daß, was das Wichtigste sei, Aljoscha anscheinend selbst dem für ihn in Aussicht genommenen Mädchen nicht abgeneigt sei und dem Vernehmen nach sich sogar in sie verliebt habe. Ich fügte noch hinzu, daß Nataschas Brief, soweit man darüber etwas vermuten könne, in großer Aufregung geschrieben sei; sie schreibe, heute abend werde sich alles entscheiden; aber was eigentlich, das sage sie nicht; sonderbar sei auch, daß sie vom gestrigen Tage schreibe, aber mich auffordere, heute zu kommen, und eine bestimmte Stunde, neun Uhr, bezeichnet habe. Deshalb müsse ich unbedingt hingehen, und zwar so bald wie möglich.
»Geh hin, geh hin, lieber Freund, geh unbedingt hin!« sagte die alte Frau eifrig. »Sobald mein Mann wieder hereinkommt, trink eine Tasse Tee mit uns!… Ach, der Samowar ist ja noch nicht gebracht! Matrjona! Wo bleibt denn der Samowar! Bist du eine nachlässige Person! … Na, wenn du also ein Täßchen Tee getrunken hast, dann erfinde einen anständig aussehenden Vorwand und geh weg! Morgen aber komm unter allen Umständen zu mir und erzähle mir alles! Und komm nur ja recht früh! O Gott, wenn nur da kein Unglück vorgefallen ist! Man weiß freilich nicht, was noch schlimmer sein könnte, als wie es jetzt schon ist! Nikolai Sergejewitsch hat offenbar schon alles erfahren; das sagt mir mein Herz. Ich für meine Person erfahre ja vieles durch Matrjona, und die durch Agascha; Agascha aber ist ein Patenkind von Marja Wassiljewna, die bei dem Fürsten im Haus wohnt… na, das weißt du ja alles selbst. Heute war mein Nikolai furchtbar zornig. Ich wollte von diesem und jenem zu reden anfangen, aber er fuhr mich ordentlich an. Nachher tat es ihm leid, und er sagte, wir hätten so wenig Geld; er wollte den Anschein erwecken, als habe er mich des Geldes wegen so angefahren. Na, du weißt ja, in welcher Lage wir uns befinden. Nach dem Mittagessen ging er auf sein Zimmer, als wenn er schlafen wollte. Ich blickte durch eine Ritze zu ihm hinein (es ist da so eine Ritze in der Tür, er weiß nichts davon); da lag mein lieber Mann vor dem Heiligenschrein auf den Knien und betete. Als ich das sah, wäre ich fast umgesunken. Ohne geschlafen und ohne Tee getrunken zu haben, nahm er seinen Hut und ging weg. Zwischen vier und fünf ging er. Ich wagte nicht, ihn zu fragen; er hätte mich doch nur angefahren. Er fährt einen jetzt überhaupt häufig an, am meisten Matrjona, aber auch mich; und wenn er mich anfährt, knicken mir immer gleich die Beine ein, und das Herz wird mir schwach. Es ist ja bei ihm nur äußerlich; ich weiß, daß es nur äußerlich ist; aber es ist doch schrecklich. Als er weggegangen war, habe ich eine ganze Stunde lang gebetet, Gott möge ihm gute Gedanken eingeben. – Wo ist denn ihr Brief? Zeig ihn doch her!«
Ich zeigte ihn ihr. Ich wußte, daß Anna Andrejewna einen heißen Wunsch hatte: Aljoscha, den sie bald einen Bösewicht, bald einen gefühllosen, dummen Jungen nannte, möchte endlich Natascha heiraten, und sein Vater, Fürst Pjotr Alexandrowitsch, möchte es ihm erlauben. Sie hatte diesen Wunsch sogar vor meinen Ohren unversehens ausgesprochen, es aber später bereut und ihre Wort geleugnet. Aber um keinen Preis hätte sie gewagt, ihre Hoffnungen in Nikolai Sergejewitschs Gegenwart auszusprechen, obgleich sie wußte, daß der Alte diese ihre Hoffnungen mutmaßte und ihr sogar mehrmals in versteckter Weise deswegen Vorwürfe gemacht hatte. Ich glaube, er hätte Natascha unwiderruflich verflucht und sie für immer aus seinem Herzen gerissen, wenn er erfahren hätte, daß eine solche Ehe möglich sei.
So dachten wir damals alle. Er ersehnte die Rückkehr seiner Tochter von ganzem Herzen; aber sie sollte allein kommen, als eine Reuige, die alle Erinnerungen an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen gerissen hatte. Das war die unerläßliche Bedingung der Verzeihung; er sprach diese Bedingung zwar nicht aus, aber wenn man ihn ansah, so erkannte man das in zweifelloser Weise. »Er ist charakterlos, ein charakterloser Knabe, charakterlos und hartherzig; das habe ich immer gesagt«, begann Anna Andrejewna wieder. »Und sie haben auch nicht verstanden, ihn zu erziehen; da ist er denn ein solcher windiger Patron geworden; zum Dank für soviel Liebe läßt er sie sitzen, Herr du mein Gott! Was soll nur aus der Ärmsten werden? Und was er an der Neuen gefunden hat, das ist mir unbegreiflich!«
»Ich habe gehört, Anna Andrejewna«, erwiderte ich, »daß das junge Mädchen ein entzückendes Geschöpf ist, und auch Natalja Nikolajewna hat von ihr dasselbe gesagt…«
»Glaube doch das nicht!« unterbrach mich die alte Frau. »Was wird sie denn für ein entzückendes Geschöpf sein? Für euch Tintenkleckser ist jede ein entzückendes Geschöpf, wenn sie nur ihre Röcke zu schlenkern versteht. Und wenn Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein so gutes, edles Herz hat. Sie versteht nicht, ihn festzuhalten; alles verzeiht sie ihm, und sie selbst leidet und leidet. Wie oft hat er sie schon betrogen! Was gibt es für hartherzige Bösewichter! Ich lebe in der größten Seelenangst, Iwan Petrowitsch. Der Stolz hat sie alle betört. Wenn nur mein Mann sich bezwingen und meinem lieben Kind verzeihen und sie wieder herholen möchte! Dann würde ich sie endlich wiedersehen und in meine Arme schließen! Ist sie abgemagert?« »Allerdings, Anna Andrejewna.«
»Ach, mein armes, liebes Kind! Ich habe auch ein Unglück gehabt, Iwan Petrowitsch. Die ganze Nacht und den ganzen Tag habe ich heute geweint; den Grund werde ich dir nachher sagen. Unzählige Male habe ich meinem Mann beiläufig eine Andeutung gemacht, er möchte ihr doch verzeihen; geradezu wage ich es nicht; ich habe nur so ganz von weitem auf eine geschickte Manier die Rede darauf gebracht. Aber mein Herz will ganz verzagen: ich glaube, er wird in Zorn geraten und sie ganz und gar verfluchen! Eine Verfluchung habe ich bis jetzt noch nicht von ihm gehört, aber ich fürchte, daß es doch noch dazu kommt. Und was wird dann geschehen? Wenn der Vater sie verflucht hat, dann wird auch Gott sie strafen. Ist das ein Leben; jeden Tag zittre ich vor Angst. Aber auch du solltest dich schämen, Iwan Petrowitsch; du bist doch in unserem Haus aufgewachsen und hast von uns beiden alle elterliche Liebe erfahren: und da bekommst du es doch fertig, von einem entzückenden Geschöpf zu reden! Wie kannst du nur! Was wird sie denn für ein entzückendes Geschöpf sein? Da redet Marja Wassiljewna viel besser. (Ich habe einmal eine Sünde begangen und sie zum Kaffee eingeladen, als mein Mann den ganzen Vormittag in Geschäften ausgegangen war.) Sie hat mir das ganze Geheimnis enthüllt. Der Fürst, Aljoschas Vater, hat mit der Gräfin ein unerlaubtes Verhältnis unterhalten. Die Gräfin hat ihm schon seit langer Zeit, wie es heißt, Vorwürfe darüber gemacht, daß er sie nicht heirate; aber der Fürst ist immer ausgewichen. Diese Gräfin aber hat damals, als ihr Mann noch lebte, durch ihren schandbaren Lebenswandel Aufsehen erregt. Nach dem Tod ihres Mannes ging sie ins Ausland: da verkehrte sie mit einer Menge italienischer und französischer Barone, und da verstand sie es auch, den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch an sich zu ketten. Ihre Stieftochter aber, die Tochter ihres verstorbenen Mannes, eines Branntweinpächters, war inzwischen dem Kindesalter entwachsen. Die Gräfin, die Stiefmutter, brachte ihr eigenes Vermögen vollständig durch; aber Katerina Fjodorowna wuchs unterdessen heran, und die zwei Millionen Rubel, die ihr Vater, der Branntweinpächter, ihr bei der Bank hinterlassen hatte, wuchsen auch heran. Jetzt, sagt man, besitzt sie drei Millionen; und da hat sich nun der Fürst gesagt: »Die sollte Aljoscha heiraten!« (Keine schlechte Spekulation! Er weiß auf seinen Vorteil zu setzen.) Der Graf, der vornehme Herr am Hofe, du erinnerst dich wohl, der Verwandte des Fürsten, war ebenfalls einverstanden; drei Millionen sind keine Kleinigkeit. »Gut«, sagte er, »reden Sie mit dieser Gräfin!« Der Fürst teilte der Gräfin seinen Wunsch mit. Aber die widersetzte sich mit Händen und Füßen: sie ist ein Weib ohne Anstand, sagt man, ein rechter Zankteufel! Sie hat hier nicht in allen Familien Zutritt, sagt man; das ist hier anders als im Ausland. »Nein«, sagte sie, »Fürst, du selbst mußt mich heiraten; meine Stieftochter kann nicht Aljoschas Frau werden.« Das Mädchen aber, die Stieftochter, ist ihrer Stiefmutter sehr ergeben, vergöttert sie beinahe und gehorcht ihr in allen Stücken. Man sagt, sie sei sanft und fügsam wie ein Engel! Der Fürst sah, um was es sich handelte, und sagte: »Beunruhige dich nicht, Gräfin! Du hast dein Vermögen durchgebracht und Schulden gemacht, die du nicht bezahlen kannst. Aber wenn deine Stieftochter Aljoscha heiratet, so werden die beiden zueinander passen: sie ist naiv, und er ist ein Dummkopf; wir beide werden sie gleich von Anfang an unter unsere Vormundschaft nehmen; dadurch wirst auch du zu Geld kommen. »Aber was nützt es dir«, sagte er, »mich zu heiraten?« So ein Schlaukopf! Der reine Freimaurer! So stand die Sache vor einem halben Jahr; die Gräfin konnte sich damals nicht entschließen; aber jetzt, sagt man, sind sie nach Warschau gefahren und haben sich da miteinander geeinigt. So habe ich das gehört. All das hat mir Marja Wassiljewna erzählt, das ganze Geheimnis; sie selbst hat es von einem’ zuverlässigen Gewährsmann gehört. Also darum handelt es sich bei diesem Eheprojekt, um das Geld, um die Millionen, nicht darum, daß sie ein entzückendes Geschöpf ist!«
Anna Andrejewnas Erzählung machte auf mich einen starken Eindruck. Sie stimmte vollständig zu alledem, was ich unlängst von Aljoscha selbst gehört hatte. Bei seinen Mitteilungen hatte er sich gerühmt, er werde unter keinen Umständen um des Geldes willen heiraten; er hatte aber gesagt, Katerina Fjodorowna habe ihm außerordentlich gut gefallen. Ich hatte von Aljoscha auch noch gehört, daß sein Vater sich vielleicht selbst wieder verheiraten werde, obgleich er diese Gerüchte als unwahr bezeichne, um die Gräfin nicht vor der Zeit zu reizen. Ich habe schon gesagt, daß Aljoscha seinen Vater sehr liebte, auf ihn stolz war und ihm in allen Stücken wie einem Orakel vertraute. »Sie ist ja doch auch nicht aus gräflichem Geschlecht, dein entzückendes Geschöpf!« fuhr Anna Andrejewna fort, die über mein Lob des dem jungen Fürsten zugedachten Mädchens höchst aufgebracht war. »Natascha wäre für ihn eine weit bessere Partie. Jene ist die Tochter eines Branntweinpächters, während Natascha aus einer altadligen Familie stammt und ein hochwohlgeborenes Fräulein ist. Mein Mann hat gestern (ich habe vergessen, dir das zu erzählen) seine eisenbeschlagene Truhe aufgemacht (du kennst sie wohl?) und den ganzen Abend mir gegenübergesessen und, unsere alten Papiere durchgesehen. So saß er in tiefem Ernst da. Ich strickte einen Strumpf und sah meinen Mann gar nicht an, vor Furcht. Als er merkte, daß ich nichts sagte, wurde er ärgerlich und redete mich selbst an und erklärte mir den ganzen Abend über unseren Stammbaum. Es ergab sich dabei, daß wir, die Ichmenews, schon unter der Regierung Iwan Wassiljewitschs des Schrecklichen Edelleute waren und daß meine Familie, die Schumilows, schon unter der Regierung Alexei Michailowitschs in Ansehen stand; wir haben Dokumente darüber, und es ist auch in Karamsins russischer Geschichte erwähnt. Also sind wir in dieser Hinsicht nicht schlechter als andere Leute, lieber Freund. Als mein Mann anfing, mir das auseinanderzusetzen, da begriff ich gleich, was ihm im Kopf steckte. Es war ihm nämlich kränkend, daß Natascha als minder vornehm angesehen wurde. Nur durch ihren Reichtum ist uns die andere über. Na, mag dieser schändliche Mensch, Fürst Pjotr Alexandrowitsch, nach Reichtum trachten; das ist ja allgemein bekannt, daß er ein hartes, habsüchtiges Herz hat. Es heißt, er sei in Warschau heimlich Jesuit geworden; ob das wohl wahr ist?«
»Ein törichtes Gerücht!« erwiderte ich; aber es interessierte mich unwillkürlich, daß sich dieses Gerücht so hartnäckig hielt.
Aber die Nachricht, daß Nikolai Sergejewitsch seine alten Papiere durchgesehen hatte, erregte meine Aufmerksamkeit. Früher hatte er sich niemals seines Stammbaumes gerühmt.
»Es sind alles hartherzige Bösewichter!« fuhr Anna Andrejewna fort. »Nun, was macht denn mein liebes Kind, grämt sie sich, weint sie? Ach, es wird Zeit, daß du zu ihr gehst! Matrjona, Matrjona! Bist du eine nachlässige Person! Haben sie sie auch nicht gekränkt? So sprich doch, Wanja!«
Was sollte ich ihr antworten? Die alte Frau fing an zu weinen. Ich fragte sie, was sie noch für ein Unglück gehabt habe, von dem sie mir vorhin habe Mitteilung machen wollen.
»Ach, lieber Freund, es ist an dem bisherigen Unglück noch nicht genug gewesen; wir haben offenbar den Becher noch nicht ganz geleert! Du erinnerst dich vielleicht, lieber Wanja, ich hatte ein goldenes Medaillon, ein Souvenir, und darin war ein Bild Nataschas aus ihrer Kinderzeit; acht Jahre war sie damals alt, mein Engelchen. Nikolai Sergejewitsch und ich hatten es von einem durchreisenden Maler machen lassen; du hast das gewiß vergessen, Wanjuscha. Es war ein tüchtiger Künstler; er hatte sie als Amor dargestellt: sie hatte damals so schönes, helles, lockiges Haar; in einem Musselinhemdchen hatte er sie gemalt, so daß das Körperchen durchschimmerte, und sie sah auf dem Bild so hübsch aus, daß ich ‘ mich gar nicht daran satt sehen konnte. Ich bat den Maler, ihr auch Flügelchen zu malen, aber das wollte er nicht. Also, lieber Freund, nach unseren damaligen schrecklichen Erlebnissen nahm ich das Medaillon aus der Schatulle heraus und hängte es mir an einem Schnürchen auf die Brust; so trug ich es neben meinem Taufkreuz und fürchtete immer, mein Mann könnte es einmal zu sehen bekommen. Er hatte ja gleich damals befohlen, wir sollten alle ihre Sachen aus dem Haus schaffen oder verbrennen, damit nichts dabliebe, was uns an sie erinnern könnte. Mir aber war es ein Trost, auch nur ihr Bild anzusehen; oft fing ich bei dem Anblick an zu weinen; aber es wurde mir doch leichter ums Herz; und manchmal, wenn ich allein war, konnte ich mich gar nicht satt daran küssen, als ob ich sie selbst küßte; ich gab ihr zärtliche Namen und bekreuzte sie auch jedesmal zur Nacht. Ich redete mit ihr laut, wenn ich allein war, und fragte sie allerlei und stellte mir vor, daß sie mir darauf antwortete, und fragte dann weiter. Ach, Wanjuschka, es macht einen traurig, auch nur davon zu erzählen! Na, ich war nur froh, daß er wenigstens von dem Medaillon nichts wußte und nichts gemerkt hatte; aber auf einmal, gestern früh, war das Medaillon weg, und es hing nur das Schnürchen da; dieses hatte sich jedenfalls durchgescheuert, und da hatte ich das Medaillon verloren. Ich wurde ganz starr vor Schreck. Nun hieß es suchen: ich suchte und suchte – nichts zu finden! Es war verloren und verschwunden! Aber wo konnte ich es verloren haben? »Wahrscheinlich«, dachte ich, »im Bett«; ich durchwühlte das ganze Bett – nichts da! Wenn es losgerissen und irgendwohin gefallen war, dann hatte es wohl jemand gefunden; aber wer konnte es gefunden haben außer meinem Mann und Matrjona? Na, an Matrjona war überhaupt nicht zu denken; die ist mir mit ganzer Seele ergeben… (Matrjona, bringst du nicht bald den Samowar?) »Na«, dachte ich, »wenn er es nun findet, was wird dann geschehen?« Ich saß still da und grämte mich und weinte; ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Aber Nikolai Sergejewitsch wurde immer freundlicher und freundlicher gegen mich; er sah mich betrübt an, als ob er wüßte, weshalb ich weinte, und mit mir Mitleid hätte. Da dachte ich bei mir: »Woher kann er es wissen? Hat er das Medaillon vielleicht wirklich gefunden und aus dem Fenster geworfen? Denn in seinem Zorn ist er dessen fähig; er hat es hinausgeworfen und grämt sich nun selbst; er bereut, daß er es getan hat.« Ich ging sogar mit Matrjona hinaus, und wir suchten unter dem Fenster; aber wir fanden nichts. Das Medaillon war wie von der Erde verschwunden. Ich habe die ganze Nacht hindurch geweint. Zum erstenmal konnte ich Natascha nicht zur Nacht bekreuzen. Ach, das bedeutet etwas Schlimmes, das bedeutet etwas Schlimmes, Iwan Petrowitsch, das ist keine gute Vorbedeutung; nun weine ich schon den zweiten Tag, ohne mir je die Augen zu trocknen. Ich habe auf dich gewartet, lieber Freund, wie auf einen Engel Gottes: ich kann mir wenigstens das Herz erleichtern …« Und die alte Frau brach in bittere Tränen aus. »Ach ja, das habe ich noch vergessen, dich zu fragen,« sagte sie auf einmal, erfreut, daß es ihr noch eingefallen war; »hat er dir etwas von einer Waise gesagt?« »Ja, Anna Andrejewna, er sagte zu mir, Sie beide wären nach längerem Überlegen übereingekommen, ein armes Waisenmädchen zur Erziehung anzunehmen. Ist das richtig?«
»Ist mir nicht eingefallen, lieber Freund, ist mir nicht eingefallen! Ich will keine Waise haben! Sie würde mich nur an unser trauriges Schicksal, an unser Unglück erinnern. Außer Natascha will ich niemand haben. Sie war unsere einzige Tochter und wird immer unsere einzige Tochter bleiben. Aber was hat das nur zu bedeuten, lieber Freund, daß er auf die Annahme einer Waise verfallen ist? Wie faßt du das auf, Iwan Petrowitsch? Wollte er mich damit trösten, weil er meine Tränen sah, oder wollte er dadurch seine leibliche Tochter ganz aus seinem Gedächtnis vertreiben und seine Zuneigung einem anderen Kind zuwenden? Was hat er dir unterwegs von mir gesagt? Wie ist er dir vorgekommen – finster, zornig? Pst! Er kommt! Sag es mir ein andermal, lieber Freund, ein andermal!… Vergiß nicht, morgen herzukommen…«
Dreizehntes Kapitel
Der Alte trat ein. Neugierig, und als ob er sich über etwas schämte, sah er uns an, machte dann ein finsteres Gesicht und trat an den Tisch.
»Wie ist’s mit dem Samowar?« fragte er. »Konnte der denn noch nicht gebracht werden?«
»Da kommt er schon, Heber Mann, da kommt er; na, siehst du, da ist er schon!« erwiderte Anna Andrejewna und machte sich eifrig mit dem Teetisch zu schaffen.
Matrjona war, sowie sie den Hausherrn erblickt hatte, sofort mit dem Samowar erschienen, als ob sie nur auf seinen Eintritt gewartet hätte, um ihn zu bringen. Es war dies eine alte, erprobte, ergebene Dienerin, aber die eigenwilligste, brummigste von allen Dienerinnen auf der Welt, mit einem hartnäckigen, störrischen Charakter. Vor Nikolai Sergejewitsch hatte sie Furcht und hielt in seiner Anwesenheit immer ihre Zunge im Zaum. Dafür hielt sie sich vollauf an Anna Andrejewna schadlos, benahm sich fortwährend grob gegen sie und erhob offenkundig den Anspruch, über ihre Herrin zu herrschen, obwohl sie gleichzeitig sie und Natascha aufrichtig und von Herzen liebte. Diese Matrjona kannte ich schon von Ichmenewka her.
»Hm!… Das ist doch unangenehm, wenn man durchnäßt nach Hause kommt und sie nicht einmal so freundlich gewesen sind, Tee für einen bereitzuhalten«, brummte der Alte halblaut.
Anna Andrejewna blinzelte mir mit Bezug auf ihn sogleich zu. Er konnte solche geheimen Blicke nicht leiden, und obgleich er sich in diesem Augenblick Mühe gab, uns nicht anzusehen, so war ihm doch am Gesicht anzumerken, daß ihm Anna Andrejewnas Blick nicht entgangen war.
»Ich war in Geschäften ausgegangen, Wanja«, begann er auf einmal. »Es ist eine ganz nichtswürdige Geschichte. Habe ich es dir schon gesagt? Ich werde vollständig verurteilt werden. Ich habe keine Beweise, siehst du wohl; es fehlen mir die erforderlichen Belege; meine Auskünfte stellen sich als unrichtig heraus, heißt es … Hm!«
Er redete von seinem Prozeß mit dem Fürsten; dieser Prozeß zog sich immer noch hin, hatte aber für Nikolai Sergejewitsch eine sehr üble Wendung genommen. Ich schwieg, da ich nicht wußte, was ich ihm antworten sollte. Er sah mich mißtrauisch an.
»Na, nur zu!« rief er plötzlich, wie wenn unser Schweigen ihn gereizt hätte; »je schneller, um so besser! Zum Schurken können sie mich nicht machen, wenn sie mich auch zur Zahlung verurteilen. Mein Gewissen spricht mich frei; mögen sie ihren Spruch fällen, wie sie wollen! Wenigstens ist dann die Sache zu Ende; der Prozeß ist abgewickelt, und ich bin ruiniert… Ich lasse alles im Stich und gehe nach Sibirien.«
»Herrgott, warum sollen wir denn von hier fort? Und warum gleich so weit?« rief Anna Andrejewna, die nicht imstande war, sich zu beherrschen.
»Was haben wir denn hier, das uns fesseln könnte?« fragte er in grobem Ton; er schien sich über den Widerstand seiner Frau zu freuen.
»Nun, wir haben doch wenigstens… Menschen um uns…«, begann Anna Andrejewna und sah mich bekümmert an.
»Aber was für Menschen!« rief er und ließ seinen zornigen Blick zwischen mir und ihr hin-und hergehen; »was für Menschen! Räuber, Verleumder, Verräter! Solche Menschen gibt es überall in Menge; sei unbesorgt, die wirst du auch in Sibirien finden. Wenn du aber nicht mit mir kommen willst, dann bleib meinetwegen hier; ich zwinge dich nicht.«
»Liebster Nikolai Sergejewitsch! Um welcher Menschen willen werde ich denn ohne dich hierbleiben?« rief die arme Anna Andrejewna. »Ich habe ja auf der ganzen Welt außer dir niem …«
Sie sprach nicht zu Ende, verstummte und richtete einen ängstlichen Blick auf mich, wie wenn sie mich um Hilfe und Beistand bäte. Der Alte war in sehr gereizter Stimmung und ereiferte sich über jedes Wort; man durfte ihm nicht widersprechen.
»Lassen Sie es gut sein, Anna Andrejewna«, sagte ich; »in Sibirien ist es gar nicht so schlecht, wie man vielfach glaubt. Wenn ein Unglück eintritt und Sie Ichmenewka verkaufen müssen, so ist Nikolai Sergejewitschs Plan sogar recht gut. In Sibirien kann man leicht eine ordentliche Stellung als Privatangestellter finden, und dann…«
»Na, wenigstens du, Wanja, sprichst vernünftig; das hatte ich auch von dir gedacht. Ich lasse alles im Stich und gehe davon.«
»Nein, das hatte ich denn doch nicht erwartet!« rief Anna Andrejewna und schlug die Hände zusammen. »Und auch du, Wanja, haust in denselben Kerb! Das hatte ich von dir nicht erwartet! Du hast doch von uns immer nur Freundlichkeit erfahren, und jetzt…« »Hahaha! Was hattest du denn erwartet? Überlege doch nur: wovon sollen wir denn leben? Das Geld ist zu Ende; wir sind bei der letzten Kopeke angelangt! Verlangst du etwa, daß ich zum Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gehe und ihn um Verzeihung bitte?«
Als die alte Frau den Namen des Fürsten hörte, zitterte sie nur so vor Angst. Der Teelöffel, den sie in der Hand hielt, klirrte laut gegen die Untertasse. »Nein, wirklich«, fuhr Ichmenew fort, der mit boshafter, eigensinniger Freude seinen eigenen Zorn immer mehr entflammte, »wie denkst du darüber, Wanja? Ich sollte wahrhaftig hingehen! Wozu sollen wir nach Sibirien ziehen? Lieber lege ich morgen meinen besten Anzug an und frisiere mich fein, Anna Andrejewna macht mir ein neues Vorhemdchen zurecht (wenn man zu einer so hohen Persönlichkeit geht, ist das unumgänglich notwendig); auch ein Paar Handschuhe kaufe ich mir, wie es der gute Ton verlangt, und dann gehe ich zu Seiner Durchlaucht. »Durchlaucht«, sage ich, »Sie unser gütiger Wohltäter! Verzeihen Sie mir, und erbarmen Sie sich meiner; geben Sie mir das Notwendigste zum Leben; ich habe eine Frau und kleine Kinder…« Nicht wahr, Anna Andrejewna, das verlangst du?«
»Lieber Mann… ich verlange gar nichts! Ich habe das nur so in meiner Dummheit hingeredet; verzeih mir, wenn ich dich durch irgend etwas erzürnt habe, und sprich nur nicht so laut!« antwortete sie, immer heftiger vor Furcht zitternd.
Ich bin überzeugt, daß er beim Anblick der Tränen und der Angst seiner armen Frau den tiefsten Seelenschmerz empfand und sich ihm das Herz in der Brust umdrehte; ich bin überzeugt, daß ihm weit übler zumute war als ihr; aber er konnte sich nicht beherrschen. Es kommt das nicht selten bei durchaus gutherzigen, aber charakterschwachen Leuten vor: trotz all ihrer Herzensgüte lassen sie sich mit einer Art von Genuß durch ihren eigenen Gram und Zorn fortreißen; sie müssen um jeden Preis alles aussprechen, was in ihnen kocht, wenn sie dadurch auch Unschuldigen und gerade denen, die ihnen am nächsten stehen, noch so wehe tun. Frauen zum Beispiel haben manchmal geradezu ein Bedürfnis, sich unglücklich und beleidigt zu fühlen, obwohl weder eine Beleidigung noch ein Unglück vorliegt. Und es gibt viele Männer, die in diesem Punkt mit den Frauen Ähnlichkeit besitzen, darunter sogar solche, die keineswegs schwächlich sind und sonst nicht viel Weibisches an sich haben. Der alte Mann empfand das Bedürfnis, sich zu streiten, obwohl er selbst unter diesem Bedürfnis litt.
Ich erinnere mich, daß mir in diesem Augenblick der Gedanke durch den Kopf ging: hatte er vielleicht wirklich vorher etwas von der Art getan, wie es Anna Andrejewna vermutet? Vielleicht hatte gar Gott ihm das Herz gerührt, und er hatte sich wirklich auf den Weg zu Natascha gemacht, war aber unterwegs anderen Sinnes geworden, oder es war ihm dabei irgend etwas mißglückt, er war nicht zur Ausführung seiner Absicht gelangt (wie es auch nicht anders sein konnte), und nun war er, gereizt und gekränkt und sich der soeben gehegten Wünsche und Gefühle schämend, nach Hause zurückgekommen, suchte jemanden, an dem er seinen Ärger über seine »Schwäche« auslassen könne, und wählte sich dazu gerade diejenigen, bei denen er ebendieselben Wünsche und Gefühle am meisten voraussetzte. Vielleicht hatte er, als er seiner Tochter zu verzeihen wünschte, sich ganz besonders das Entzücken und die Freude seiner armen Anna Andrejewna vorgestellt, und nun, da seine Absicht mißlungen war, war seine Frau selbstverständlich die erste, die er deswegen schalt.
Aber als er sah, wie niedergeschmettert sie war und wie sie aus Furcht vor ihm zitterte, wurde er gerührt. Er schien sich seines Zornes zu schämen und beherrschte sich ein Weilchen. Wir schwiegen alle; ich gab mir Mühe, ihn nicht anzusehen. Aber die gute Regung dauerte nicht lange. Er mußte seinem Ingrimm um jeden Preis Luft machen, sei es durch einen wütenden Ausbruch, sei es auch durch eine Verfluchung.
»Siehst du, Wanja«, sagte er plötzlich, »es tut mir leid, ich wollte eigentlich nicht davon reden; aber der richtige Zeitpunkt ist gekommen, und ich muß mich offen aussprechen, ohne Winkelzüge, wie es sich für jeden ehrlichen Menschen ziemt… Du verstehst, Wanja? Ich freue mich, daß du gekommen bist, und darum will ich in deiner Gegenwart laut sagen, damit es auch andere hören, daß all dieser Unsinn, all diese Tränen und Seufzer, all dieses leidvolle Wesen mir schließlich zum Ekel geworden sind. Was ich aus meinem Herzen gerissen habe, wenn auch vielleicht mit Schmerz und blutenden Wunden, das kann nie wieder in mein Herz zurückkehren. So ist das! Ich habe es gesagt, und dabei bleibe ich. Ich rede von dem, was sich vor einem halben Jahr zugetragen hat; du verstehst, Wanja! Und ich rede davon so offen und deutlich eben deshalb, damit du meine Worte in keiner Weise mißverstehen kannst«, fügte er hinzu, indem er mich mit flammenden Augen ansah und offenbar die ängstlichen Blicke seiner Frau vermied. »Ich wiederhole: das ist Unsinn, und ich wünsche es nicht!… Was mich besonders empört, ist, daß alle mich wie einen Dummkopf, wie einen ganz gemeinen Schurken einer so niedrigen, so schwächlichen Empfindung für fähig halten … und denken, daß ich vor Gram den Verstand verliere … Unsinn! Ich habe alle alten Gefühle über Bord geworfen und vergessen! Für mich gibt es keine Erinnerungen mehr … nein, nein, nein und nochmals nein! …«
Er sprang vom Stuhl auf und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die Tassen klirrten.
»Nikolai Sergejewitsch! Haben sie denn wirklich kein Mitleid mit Anna Andrejewna? Sehen Sie nur, was Sie ihr antun!« rief ich; ich konnte mich nicht mehr beherrschen und blickte ihn beinahe mit Entrüstung an. Aber ich goß nur Öl ins Feuer.
»Nein, ich habe kein Mitleid!« schrie er, zitternd und erblassend. »Ich habe kein Mitleid, weil man auch mit mir keins hat! Ich habe kein Mitleid, weil in meinem eigenen Hause Verschwörungen gegen mein entehrtes Haupt zugunsten einer liederlichen Tochter angestiftet werden, die des elterlichen Fluches und aller Strafen würdig ist! …«
»Liebster Mann! Nikolai Sergejewitsch! Verfluche sie nicht! … Alles, was du willst; nur verfluche deine Tochter nicht!« rief Anna Andrejewna.
»Ich verfluche sie«, schrie der Alte noch viel lauter als vorher, »weil man von mir, dem Beleidigten und Beschimpften, verlangt, ich solle zu dieser Verworfenen hingehen und sie um Verzeihung bitten! Ja, ja, so ist es! Damit quält man mich täglich, Tag und Nacht, in meinem eigenen Haus, mit Tränen, Seufzern und dummen Andeutungen! Man will mich mürbe kriegen … Sieh mal, Wanja, sieh mal«, fügte er hinzu, indem er eilig mit zitternden Händen Papiere aus seiner Seitentasche herauszog, »hier sind Exzerpte aus meinen Prozeßakten! Aus diesem Prozeß ergibt sich jetzt, daß ich ein Dieb und Betrüger bin und meinen Wohltäter bestohlen habe! … Um ihretwillen bin ich beschimpft und entehrt! Da, da, sieh nur, sieh nur! …«
Und er begann aus der Seitentasche seines Rockes allerlei Papiere, eines nach dem anderen, herauszuholen und auf den Tisch zu werfen und suchte unter ihnen ungeduldig nach demjenigen, das er mir zeigen wollte; aber das gewünschte Papier schien sich absichtlich nicht finden lassen zu wollen. In seiner Ungeduld schleuderte er aus der Tasche alles, was er darin mit der Hand faßte, heraus, und plötzlich fiel etwas Schweres mit hellem Klang auf den Tisch … Anna Andrejewna schrie auf. Es war das verlorene Medaillon.
Ich wollte kaum meinen Augen trauen. Das Blut stieg dem alten Mann in den Kopf und übergoß seine Wangen mit dunkler Röte; er fuhr zusammen. Anna Andrejewna stand mit gefalteten Händen da und sah ihn flehend an. Ihr Gesicht erstrahlte von einer hellen, freudigen Hoffnung. Diese Röte im Gesicht des alten Mannes, diese seine Verlegenheit uns gegenüber … ja, sie hatte sich nicht geirrt; sie begriff jetzt, wie ihr Medaillon verschwunden war!
Sie begriff, daß er es gefunden, sich über seinen Fund gefreut und, vielleicht zitternd vor Wonne, ihn bei sich vor allen Augen verborgen hatte; daß er, sobald er allein war und von niemand gesehen wurde, mit grenzenloser Liebe das Gesichtchen seines geliebten Kindes betrachtet hatte, sich gar nicht daran hatte satt sehen können; daß er vielleicht ebenso wie sie, die arme Mutter, sich allein eingeschlossen hatte, um mit seiner teuren Natascha zu reden, sich ihre Antworten auszudenken und dann wieder selbst darauf zu antworten; daß er nachts in qualvoller Sehnsucht, sein Schluchzen in der Brust unterdrückend, das liebe Bild gestreichelt und geküßt und, statt Verwünschungen auszustoßen, die Verzeihung und den Segen des Höchsten auf die herabgerufen hatte, von der er, wenn andere zugegen gewesen waren, gesagt hatte, er wolle sie nie wiedersehen, er verfluche sie. »Also liebst du sie doch noch, liebster Mann!« rief Anna Andrejewna, die jetzt dem strengen Vater gegenüber, der einen Augenblick vorher ihre Natascha verflucht hatte, ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten konnte.
Aber kaum hatte er ihren Ausruf gehört, als eine sinnlose Wut in seinen Augen aufflammte. Er ergriff das Medaillon, warf es heftig auf den Fußboden und begann wie ein Rasender mit dem Fuß daraufzustampfen. »Sei für alle Ewigkeit von mir verflucht!« rief er mit heiserer, fast versagender Stimme. »Für alle Ewigkeit, für alle Ewigkeit!«
»O Gott!« rief die alte Frau; »sie, sie, meine Natascha, ihr Gesichtchen tritt er mit Füßen! Mit Füßen! Du Tyrann! Du gefühlloser, hartherziger Barbar!« Als er das Wehgeschrei seiner Frau hörte, hielt der sinnlose alte Mann, erschrocken über das, was er getan hatte, inne. Auf einmal hob er das Medaillon vom Fußboden auf und wollte aus dem Zimmer stürzen; aber als er zwei Schritte gemacht hatte, fiel er auf die Knie nieder, stützte sich mit den Armen auf das vor ihm stehende Sofa und ließ den Kopf kraftlos sinken.
Er schluchzte wie ein Kind, wie ein Weib. Das Schluchzen beengte ihm die Brust, als wollte es sie zersprengen. Der grimmige Alte war in einem Augenblick schwächer als ein Kind geworden. Oh, jetzt konnte er nicht mehr fluchen; er schämte sich vor keinem von uns mehr, und in einem krampfhaften Ausbruch seiner Liebe bedeckte er nun vor unseren Augen mit zahllosen Küssen dasselbe Bild, das er einen Augenblick vorher mit Füßen getreten hatte. Es schien, als ob seine ganze Zärtlichkeit und Liebe zu seiner Tochter, nachdem er dieses Gefühl so lange in seinem Innern zurückgehalten hatte, nun auf einmal mit unwiderstehlicher Gewalt nach außen hervorbrechen wollte und durch die Gewaltsamkeit dieses Ausbruchs sein ganzes Wesen zerstörte. »Verzeih ihr, verzeih ihr!« rief Anna Andrejewna schluchzend, beugte sich über ihn und umarmte ihn. »Hole sie in das Elternhaus zurück, liebster Mann, und Gott selbst wird dir beim Jüngsten Gericht deine Friedfertigkeit und Barmherzigkeit als Verdienst anrechnen!« »Nein, nein, um keinen Preis, niemals!« rief er mit heiserer, erstickter Stimme. »Niemals! Niemals!«
Vierzehntes Kapitel
Als ich zu Natascha kam, war es schon spät, fast zehn Uhr. Sie wohnte damals an der Fontanka, bei der Semjonowbrücke, in einer dem Kaufmann Kolotuschkin gehörenden schmutzigen Mietskaserne, im vierten Stock. In der ersten Zeit nach dem Verlassen des Elternhauses hatte sie mit Aljoscha eine kleine, aber hübsche, behagliche Wohnung im dritten Stockwerk auf dem Litejniprospekt innegehabt. Aber die Hilfsquellen des jungen Mannes waren bald versiegt. Musiklehrer war er nicht geworden; aber er hatte angefangen zu borgen und war in Schulden geraten, die für seine Verhältnisse gewaltig groß waren. Das Geld verwendete er zur Ausschmückung der Wohnung und zu Geschenken für Natascha, die gegen seine Verschwendung Einspruch erhob, ihn schalt und manchmal sogar weinte. Der empfindsame, zartfühlende Aljoscha dachte manchmal eine ganze Woche lang mit Genuß darüber nach, was er ihr wohl schenken könne und wie sie das Geschenk aufnehmen werde, malte es sich als einen richtigen Festtag aus, teilte mir im voraus voller Entzücken seine Erwartungen und Hoffnungen mit und verfiel dann bei ihren Vorhaltungen und Tränen in eine solche Traurigkeit, daß er einem leid tun konnte; in späterer Zeit kam es aus Anlaß solcher Geschenke zwischen ihnen zu ernstlichen Vorwürfen, zu Verstimmung und Streit. Außerdem vergeudete Aljoscha viel Geld hinter Nataschas Rücken; er führte mit seinen Kameraden ein lustiges Leben, war ihr untreu, verkehrte mit leichtfertigen Damen, liebte aber dabei Natascha dennoch sehr. Er liebte sie mit seelischer Pein; oft kam er verstört und traurig zu mir und sagte, er sei nicht Nataschas kleinen Finger wert; er sei gemein und schlecht, unfähig, sie zu verstehen, und ihrer Liebe unwürdig. Er hatte zum Teil recht: es bestand zwischen ihnen eine vollständige Ungleichheit; er fühlte sich ihr gegenüber wie ein Kind, und auch sie betrachtete ihn immer als ein Kind. Mit Tränen beichtete er mir seinen Verkehr mit einer Kokotte und bat mich zugleich, zu Natascha nichts darüber zu sagen; wenn er dann aber nach all diesen offenherzigen Mitteilungen schüchtern und zitternd mit mir zu ihr kam (ich mußte unbedingt dabeisein; er erklärte, nach seinem Vergehen fürchte er sich, sie anzusehen, und ich sei der einzige, der ihm eine Stütze sein könne), dann wußte Natascha schon beim ersten Blick, den sie auf ihn richtete, wie die Sache stand. Sie war sehr eifersüchtig, und ich begreife nicht, wie sie ihm trotzdem immer alle seine Leichtfertigkeiten verzeihen konnte. Der gewöhnliche Gang war dieser: Aljoscha trat mit mir zu ihr ins Zimmer, redete sie zaghaft an und blickte ihr mit schüchterner Zärtlichkeit ins Gesicht. Sie erriet sogleich, daß er etwas begangen hatte; aber sie ließ sich nichts merken, fing nie zuerst davon zu reden an, fragte nach nichts, sondern verdoppelte vielmehr sogleich ihre Freundlichkeit gegen ihn, wurde noch zärtlicher und heiterer – und das war von ihrer Seite nicht etwa ein bloßes Spiel oder durchdachte Schlauheit; nein, für dieses wundervolle Geschöpf war es die höchste Wonne, zu verzeihen und Nachsicht zu üben; wenn sie ihrem Aljoscha verzieh, so war es, als finde sie schon in der Handlung des Verzeihens an sich einen besonderen, seinen Genuß. Allerdings handelte es sich damals nur erst um Damen der Halbwelt. Sobald Aljoscha sie so milde und zur Verzeihung geneigt sah, konnte er sich nicht mehr halten und beichtete sofort alles von selbst, ganz ohne gefragt zu werden, um sein Herz zu erleichtern, und damit, wie er sich ausdrückte, alles wie vorher sei. Nachdem er Verzeihung erlangt hatte, geriet er in Entzücken, weinte manchmal sogar vor Freude und Rührung, küßte und umarmte sie. Dann wurde er sofort ganz heiter und begann mit kindlicher Offenherzigkeit alle Einzelheiten seiner Abenteuer mit dem betreffenden Dämchen zu erzählen, lachte fortwährend, lobte und pries dankbar Natascha, und der Abend verlief glücklich und vergnügt. Als ihm das Geld ausging, begann er, von seinen Sachen zu verkaufen. Auf Nataschas dringendes Verlangen wurde eine kleine, billige Wohnung gesucht und der Umzug nach der Fontanka bewerkstelligt. Der Verkauf von Sachen wurde fortgesetzt; Natascha verkaufte sogar ihre Kleider und suchte sich Arbeit; als Aljoscha dies erfuhr, kannte seine Verzweiflung keine Grenzen; er verfluchte sich selbst, rief, daß er sich selbst verachte, trug aber trotzdem nichts zur Besserung der Lage bei. Gegenwärtig war es auch mit diesen letzten Hilfsmitteln zu Ende; es blieb nur die Arbeit übrig; aber die Entlohnung dafür war eine höchst geringe.
Gleich von Anfang an, schon damals, als Aljoscha noch bei seinem Vater wohnte, hatten Vater und Sohn miteinander heftigen Streit gehabt. Die Absicht des Fürsten, seinen Sohn mit Katerina Fjodorowna Filimonowa, der Stieftochter der Gräfin, zu verheiraten, war damals erst ein bloßes Projekt; aber er verfolgte dieses Projekt hartnäckig, führte Aljoscha zu seiner künftigen Braut hin, redete ihm zu, er möchte sich Mühe geben, ihr zu gefallen, und suchte sowohl durch Strenge als auch durch Vernunftgründe auf ihn einzuwirken; aber die Sache scheiterte an dem Widerstand der Gräfin. Damals begann der Vater auch die Liaison seines Sohnes mit Natascha stillschweigend zu dulden; er stellte alles der Zeit anheim und hoffte, da er Aljoschas Leichtsinn und seine Flatterhaftigkeit kannte, daß seine Liebe bald vergehen werde. Daß sein Sohn Natascha heiraten könne, dies befürchtete der Fürst fast gar nicht mehr. Was die beiden Liebesleute selbst anlangt, so verschoben sie die Heirat bis zur förmlichen Versöhnung mit dem Vater und überhaupt bis zu einem Umschwung der Verhältnisse. Übrigens sprach Natascha offenbar nicht gern darüber. Aljoscha teilte mir im geheimen mit, daß sein Vater sich über dieses Verhältnis sogar ein bißchen zu freuen scheine: was ihm bei dieser ganzen Sache gefiel, war die Demütigung Ichmenews. Der Form wegen fuhr er jedoch fort, dem Sohn seine Unzufriedenheit zu bezeigen: er verringerte dessen ohnehin schon nicht bedeutendes Taschengeld (er war ihm gegenüber außerordentlich knauserig) und drohte, es ihm ganz zu entziehen. Aber bald darauf reiste er der Gräfin nach Polen nach, wo diese damals geschäftlich zu tun hatte, und suchte dabei immer noch unermüdlich sein Heiratsprojekt zu fördern. Allerdings war Aljoscha eigentlich noch zu jung zum Heiraten; aber das junge Mädchen war doch gar zu reich, und eine so günstige Gelegenheit durfte man sich nicht entgehen lassen. Der Fürst gelangte endlich zum Ziel. Es drangen Gerüchte zu uns, daß die Heiratsangelegenheit endlich in Ordnung komme. Zu der Zeit, bei der meine Erzählung angelangt ist, war der Fürst eben erst nach Petersburg zurückgekehrt. Seinem Sohn begegnete er mit Freundlichkeit, war aber unangenehm davon überrascht, daß dessen Verhältnis mit Natascha so festen Bestand hatte. Er begann Zweifel und Besorgnisse zu hegen. Streng und energisch verlangte er den Abbruch dieser Beziehungen, verfiel aber bald auf ein viel wirksameres Mittel, indem er Aljoscha zur Gräfin führte. Die Stieftochter derselben war teils schon eine schöne junge Dame, teils noch ein Backfisch; sie besaß ein prächtiges Herz, eine reine, makellose Seele und war heiter, verständig und voll Empfindung. Der Fürst rechnete so: das halbe Jahr müsse doch seine Wirkung getan haben; Natascha habe wohl für seinen Sohn nicht mehr den Reiz der Neuheit, und dieser werde seine künftige Braut jetzt schon mit anderen Augen ansehen als vor einem halben Jahr. Er hatte damit das Richtige getroffen, wenn auch nur zum Teil … Aljoscha fühlte sich zu Katerina Fjodorowna in der Tat hingezogen. Ich füge noch hinzu, daß der Vater auf einmal gegen seinen Sohn außerordentlich freundlich geworden war (Geld gab er ihm allerdings darum doch nicht). Aljoscha fühlte, daß sich hinter dieser Freundlichkeit ein unbeugsamer, unabänderlicher Entschluß verbarg, und war betrübt darüber, übrigens nicht so betrübt, wie er es gewesen wäre, wenn er nicht hätte Katerina Fjodorowna alle Tage sehen können. Ich wußte, daß er sich schon seit fünf Tagen bei Natascha nicht hatte blickenlassen. Während ich von Ichmenews zu ihr ging, suchte ich voller Unruhe zu erraten, was sie mir wohl sagen wolle. Schon von weitem bemerkte ich eine Kerze in ihrem Fenster. Wir hatten schon seit geraumer Zeit die Verabredung getroffen, sie solle eine Kerze ins Fenster stellen, wenn sie mich dringend zu sprechen wünsche, so daß ich, wenn ich zufällig vorbeikam (und das geschah fast täglich), an der ungewöhnlichen Helligkeit des Fensters erkennen konnte, daß sie mich erwartete und meiner benötigte. In der letzten Zeit hatte sie die Kerze recht häufig ins Fenster gestellt.
Fünfzehntes Kapitel
Ich traf Natascha allein. Sie ging in tiefen Gedanken, die Arme vor der Brust verschränkt, leise im Zimmer auf und ab. Der Samowar stand erloschen auf dem Tisch; er hatte schon lange auf mich gewartet. Ohne zu sprechen streckte sie mir lächelnd die Hand entgegen. Ihr Gesicht war blaß und trug einen schmerzlichen Ausdruck. In ihrem Lächeln lag etwas Leidendes, Sanftes, Geduldiges. Ihre klaren, blauen Augen schienen größer geworden zu sein, als sie vorher gewesen waren, und das Haar dichter – all dies schien so infolge ihrer Abmagerung und Krankheit.
»Ich dachte schon, du würdest nicht kommen«, sagte sie, indem sie mir die Hand gab; »ich wollte sogar schon Mawra zu dir schicken, um mich zu erkundigen; ich dachte, du wärest vielleicht wieder krank geworden.«
»Nein, das nicht; ich wurde aufgehalten; ich werde es dir gleich erzählen. Aber wie geht es dir, Natascha? Was ist vorgefallen?«
»Vorgefallen ist nichts«, antwortete sie, als ob sie sich über die Frage wundere. »Wieso?«
»Du schriebst mir… schriebst mir schon gestern, ich möchte kommen, und bestimmtest sogar die Stunde, nicht früher, nicht später; das ist doch etwas ungewöhnlich.«
»Ach ja! Ich hatte ihn gestern erwartet.«
»Nun? Ist er immer noch nicht dagewesen?«
»Nein. Ich dachte: wenn er nicht kommt, dann werde ich mich mit dir besprechen müssen«, fügte sie nach kurzem Stillschweigen hinzu.
»Hast du ihn heute abend erwartet?«
»Nein, heute habe ich ihn nicht erwartet: heute abend ist er dort.«
»Was meinst du, Natascha, wird er überhaupt nie mehr kommen?«
»Selbstverständlich wird er kommen«, antwortete sie und blickte mich mit ganz besonderem Ernste an.
Meine raschen Fragen gefielen ihr nicht. Wir verstummten und fuhren fort, im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Ich habe schon lange auf dich gewartet, Wanja«, begann sie lächelnd von neuem; »und weißt du, was ich gemacht habe? Ich bin hier auf und ab gegangen und habe mir Verse auswendig hergesagt. Erinnerst du dich: ›Das Glöckchen, eine Winterreise‹: ›Auf dem eichnen Tische brodelt dienstbereit und blank und rein schon mein Samowar‹ … wir haben es noch zusammen gelesen:
Aufgehört hat nun der Schneesturm: hell ward wieder unsre Bahn,
Und aus tausend trüben Augen blickt die stille Nacht mich an – –
Und dann:
An des braven Trabers Joche hell und klar das Glöckchen klingt,
Und mir ist’s, als ob dazwischen eine frohe Stimme singt:
Ach, wann kommt mein trauter Buhle, um an meiner treuen Brust
Alle Sorgen zu vergessen in der Liebe selger Lust?
Ist bei mir nicht wahres Leben? Wenn das prächtge Abendbrot
Purpurn schimmernd durch der Fenster eisbedeckte Scheiben lohnt,
Brodelt auf dem eichnen Tische dienstbereit und blank und rein
Schon mein Samowar; der Ofen knistert, und sein Flackerschein
Spielt auf dem geblümten Vorhang vor dem weißen Bette mein.«
Wie schön das ist! Was für Verse voll schmerzlicher Sehnsucht, Wanja, und was für ein phantasievolles Bild! Es ist gleichsam ein bloßer Kanevas; auf dem nur das Muster markiert ist; nun kann man hineinsticken, was man will! Da sind zwei Empfindungen: eine frühere und eine spätere. Dieser Samowar, dieser baumwollene Vorhang, das ist einem alles so vertraut! Das ist ganz wie in den kleinbürgerlichen Häusern in unserem Kreisstädtchen; mir ist, als ob ich das Haus mit meinen eigenen Augen sähe: es ist neu, aus Balken gebaut, noch nicht mit Brettern verschalt … Und dann das andere Bild:
Plötzlich scheint mir, daß das Glöckchen gar so matt und traurig klingt,
Und dazu dieselbe Stimme voller Wehmut also singt:
Wo mein alter Freund wohl weilet? Ach, ich Arme! fürchten muß
Jetzt ich, daß zur Tür er eintritt, mich begrüßt mit Scherz und Kuß.
Traurig schlepp ich hin mein Leben. Drückend ist die Luft und schwer
Hier in meinem dunklen Zimmer; kalt, ach, weht’s vom Fenster her.
Von des Gartens Bäumen allen blieb ein einzger Kirschbaum stehn;
Doch durch die befrornen Scheiben kann mein Aug auch ihn nicht sehn;
In des Winter scharfem Froste wird auch er wohl bald vergehn.
Welch ein Leben! Auch der Vorhang, der geblümte, bleichte aus;
Krank und unstet zieh umher ich, darf nicht heim ins Elternhaus.
Hier ist niemand, der mich liebhat, niemand selbst, der auf mich schilt;
Nur die Magd brummt, die bejahrte.«
Dieses ›Krank und unstet zieh umher ich‹, wie schön ist das gesagt! ›Niemand selbst, der auf mich schilt‹, wieviel zarte, feine Empfindung liegt in diesem Verse, wieviel Pein, die man selbst durch die Erinnerung hervorgerufen hat und mit einer Art von Genuß erleidet … O Gott, wie schön das ist! Wie lebenswahr!«
Sie verstummte, als ob sie einen beginnenden Krampf in der Kehle unterdrücken wollte.
»Wanjuschka!« sagte sie zu mir ein Weilchen darauf und schwieg dann wieder; entweder hatte sie selbst vergessen, was sie hatte sagen wollen, oder sie hatte es nur so gedankenlos infolge einer plötzlichen Empfindung hingesagt.
Unterdessen gingen wir immer noch im Zimmer auf und ab. Vor dem Heiligenbild brannte ein Lämpchen. Natascha war in der letzten Zeit noch frömmer und gottesfürchtiger geworden; aber sie hatte es nicht gern, daß man mit ihr darüber sprach.
»Ist denn morgen ein Festtag?« fragte ich. »Du hast ja das Lämpchen brennen.«
»Nein, ein Festtag ist nicht … Aber nimm doch Platz, Wanja; du wirst gewiß müde sein. Willst du Tee? Du hast doch wohl noch nicht getrunken?«
»Setzen wir uns, Natascha! Tee habe ich schon getrunken.«
»Von wo kommst du denn jetzt?«
»Von ihnen.« So bezeichneten wir beide im Gespräch miteinander immer ihr Elternhaus.
»Von ihnen? Wie bist du denn hingekommen! Bist du von selbst hingegangen, oder haben sie dich rufen lassen?«
Sie überschüttete mich mit Fragen. Ihr Gesicht war von der Aufregung noch blasser geworden. Ich erzählte ihr eingehend meine Begegnung mit ihrem Vater, das Gespräch mit der Mutter, die Szene mit dem Medaillon; ich erzählte mit allen Einzelheiten und Nebenumständen. Ich pflegte ihr überhaupt nie etwas zu verheimlichen. Sie hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu und haschte mir jedes Wort von den Lippen. Tränen glänzten in ihren Augen. Die Szene mit dem Medaillon ergriff sie stark.
»Warte mal, warte mal, Wanja«, sagte sie wiederholt, indem sie meine Erzählung unterbrach; »erzähle ausführlicher, alles, alles, so ausführlich wie möglich; du erzählst nicht ausführlich genug! …«
Ich wiederholte meine Darstellung zum zweiten und zum dritten Male, wobei ich alle Augenblicke auf ihre ununterbrochenen Fragen nach Einzelheiten antworten mußte.
»Und du glaubst wirklich, daß er auf dem Weg zu mir war?«
»Ich weiß es nicht, Natascha, und kann nicht einmal eine Ansicht darüber aufstellen. Daß er sich um dich grämt und dich liebt, das ist klar; aber daß er zu dir gehen wollte, das … das …«
»Und er hat das Medaillon geküßt?« unterbrach sie mich. »Was hat er gesagt, als er es küßte?«
»Er sprach zusammenhanglos; es waren nur einzelne Ausrufe; er nannte dich mit den zärtlichsten Namen und rief dich zurück …«
»Er rief mich zurück?«
»Ja.«
Sie weinte still vor sich hin.
»Die Armen!« sagte sie. »Aber daß er alles weiß«, fügte sie nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, »ist nicht verwunderlich. Er hat auch über Aljoschas Vater genaue Nachrichten.«
»Natascha«, sagte ich schüchtern, »laß uns zu ihnen gehen!«
»Wann?« fragte sie, erbleichend und sich ein wenig von ihrem Stuhl erhebend.
Sie glaubte, ich forderte sie auf, sofort mitzukommen.
»Nein, Wanja«, fügte sie mit traurigem Lächeln hinzu, indem sie mir beide Hände auf die Schultern legte, »nein, liebster Freund; das ist deine stetige Rede; aber … sprich lieber nicht davon!«
»Also soll diese unselige Entfremdung niemals aufhören, niemals?« rief ich traurig. »Bist du wirklich so stolz, daß du nicht den ersten Schritt tun willst? Dieser erste Schritt kommt dir zu; du mußt diejenige sein, die ihn tut. Vielleicht wartet dein Vater nur darauf, um dir zu verzeihen … Er ist der Vater; du hast ihn gekränkt! Achte seinen Stolz; das ist ein berechtigter, ein natürlicher Stolz! Du mußt es tun. Versuche es, und er wird dir bedingungslos verzeihen.«
»Bedingungslos! Das ist unmöglich; und mache mir keine Vorwürfe, Wanja; es ist vergebens. Tag und Nacht habe ich darüber nachgedacht, bis heute. Seit ich sie verlassen habe, ist vielleicht kein Tag gewesen, an dem ich nicht darüber nachgedacht hätte. Und wie oft haben wir beide darüber gesprochen! Du weißt ja selbst, daß es unmöglich ist!«
»Versuche es!«
»Nein, mein Freund, es geht nicht. Wenn ich es versuchte, so würde ich ihn nur noch mehr gegen mich aufbringen. Was unwiederbringlich ist, kann man nicht wieder zurückbringen, und weißt du, was schlechterdings unwiederbringlich ist? Die glücklichen Kinderjahre, die ich mit ihnen zusammen verlebt habe. Selbst wenn mir der Vater verziehe, würde er mich doch jetzt nicht wiedererkennen. Er hat mich geliebt, als ich noch ein Mädchen, ein großes Kind war. Er hatte seine Freude an meiner kindlichen Einfalt; er pflegte mir immer noch liebkosend über den Kopf zu streichen, gerade wie damals, als ich noch ein siebenjähriges Mädchen war und auf seinen Knien saß und ihm meine Kinderliedchen vorsang. Von meiner frühesten Kindheit an bis zum letzten Tag kam er immer an mein Bett und bekreuzte mich zur Nacht. Einen Monat vor unserm Unglück kaufte er mir ein Paar Ohrringe, ohne daß ich etwas davon wissen sollte (aber ich hatte alles erfahren), und freute sich wie ein Kind bei der Vorstellung, wie ich mich über das Geschenk freuen würde, und schalt gewaltig auf alle und ganz besonders auf mich, als er von mir selbst erfuhr, daß ich von seinem Einkauf schon längst gewußt hatte. Drei Tage vor meinem Weggehen merkte er, daß ich traurig war; sogleich wurde er selbst sehr, sehr traurig, und was meinst du wohl? um mir eine Zerstreuung zu machen, kam er auf den Einfall, mir ein Theaterbillett zu kaufen! … Wahrhaftig, er wollte mich damit kurieren! Ich wiederhole dir, er kannte und liebte das Mädchen und mochte gar nicht daran danken, daß auch ich jemals eine Frau werden würde. Das kam ihm überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt aber würde er, wenn ich nach Hause zurückkehrte, mich gar nicht erkennen. Wenn er mir auch verziehe, wen würde er jetzt vor sich haben? Ich bin eine andere geworden; ich bin kein Kind mehr; ich habe viel erlebt. Wenn ich auch ganz nach seinem Gefallen lebe, so wird er doch nach dem vergangenen Glück seufzen und sich darüber grämen, daß ich so gar nicht mehr dieselbe sei wie in früherer Zeit, als er in mir noch das Kind liebte; und das Vergangene erscheint immer in einer Art von Verklärung! Die Erinnerung daran ist einem ein Schmerz! Oh, wie schön war die Vergangenheit, Wanja!« rief sie; von ihrem Gefühl überwältigt, unterbrach sie sich mit diesem schmerzlichen Ausruf, der aus ihrer tiefsten Seele hervorbrach.
»Was du da sagst, Natascha«, erwiderte ich, »ist alles richtig. Gewiß, er muß dich jetzt erst wieder von neuem kennenlernen und liebgewinnen. Und die Hauptsache ist, daß er dich wieder kennenlernt. Nun, dann wird er dich auch wieder liebgewinnen. Glaubst du denn wirklich, daß er nicht imstande ist, dich wieder kennenzulernen und dich zu verstehen, er mit seinem großmütigen Herzen?«
»Ach, Wanja, sprich nicht so! Was ist denn Besonderes an mir zu verstehen? So hatte ich es nicht gemeint. Aber siehst du, da ist noch ein Punkt: auch die väterliche Liebe ist eifersüchtig. Es ist ihm kränkend, daß mein ganzes Verhältnis zu Aljoscha begonnen und sich bis zum entscheidenden Punkt entwickelt hat, ohne daß er es gewußt oder vorhergesehen hätte. Er ist sich bewußt, daß er es gar nicht geahnt hat, und schreibt die unglücklichen Folgen unserer Liebe, meine Flucht aus dem Elternhaus, meiner ›undankbaren‹ Verschlossenheit zu. Ich bin nicht gleich anfangs zu ihm gekommen; ich habe ihm nicht gleich beim Beginn meiner Liebe jede Regung meines Herzens gebeichtet; im Gegenteil, ich habe alles in mich verschlossen und vor ihm verheimlicht, und ich versichere dich, Wanja, insgeheim ist ihm das noch schmerzlicher und kränkender als die Folgen der Liebe selbst: daß ich von ihnen weggegangen bin und mich ganz meinem Geliebten hingegeben habe. Wenn er mich auch jetzt wie ein Vater mit warmer Freundlichkeit aufnähme, der Same der Feindschaft würde doch bleiben. Am zweiten, dritten Tage würden die Empfindlichkeiten, die Mißverständnisse, die Vorwürfe beginnen. Zudem würde er mir nicht bedingungslos verzeihen. Ich würde ihm ja sagen, und, zwar wahrheitsgemäß aus tiefster Seele, daß ich einsähe, wie sehr ich ihn gekränkt und wie schwer ich mich gegen ihn vergangen habe; und ich würde, so schmerzlich es mir auch wäre, wenn er nicht einsehen wollte, was mich selbst dieses ganze Glück mit Aljoscha gekostet hat und welche Leiden ich selbst erduldet habe, doch meinen Schmerz unterdrücken: aber auch dies würde ihm alles nicht genügen. Er wird von mir einen unmöglichen Lohn für seine Verzeihung fordern; er wird fordern, daß ich meine Vergangenheit verfluche und Aljoscha verfluche und meine Liebe zu ihm bereue. Er wird Unmögliches wünschen: daß die Vergangenheit zurückgerufen und das letzte Halbjahr aus unserem Leben ausgestrichen werde. Aber ich werde niemand verfluchen, und ich kann nicht bereuen … Es mußte nun einmal so kommen, und so ist es denn auch geschehen … Nein, Wanja, jetzt ist meine Rückkehr zu ihnen unmöglich; die Zeit dafür ist noch nicht gekommen.«
»Wann wird denn die Zeit dafür kommen?«
»Das weiß ich nicht … Wir müssen uns unser künftiges Glück von neuem durch Leid verdienen, es uns durch neue Qualen erkaufen. Durch Leid wird alles geläutert … Ach, Wanja, wieviel Schmerz gibt es im Leben!«
Ich schwieg und blickte sie nachdenklich an.
»Warum siehst du mich so an, Aljoscha – ich wollte sagen Wanja?« fragte sie, indem sie sich versprach und über ihr Versehen lächelte.
»Ich beobachte dein Lächeln, Natascha. Wo hast du das hergenommen? Früher hattest du ein solches Lächeln nicht.«
»Was ist denn an meinem Lächeln Besonderes?«
»Die frühere kindliche Naivität liegt allerdings noch darin; aber wenn du lächelst, so ist es, als ob du gleichzeitig einen heftigen Schmerz im Herzen empfändest. Du bist abgemagert, Natascha, und es sieht aus, als wäre dein Haar dichter geworden … Was hast du da für ein Kleid an? Ist das noch gemacht, als du bei ihnen warst?«
»Wie lieb du mich hast, Wanja«, antwortete sie, mich freundlich anblickend. »Nun, und du? Was machst du jetzt? Wie steht es mit deiner Arbeit?«
»Es hat sich nichts geändert; ich schreibe immer noch an meinem Roman; aber es geht schwer, es will nicht recht vom Fleck. Die Inspiration versagt. Ich könnte ja nun vielleicht auch ohne solche schreiben, und es würde doch etwas Interessantes herauskommen; aber es tut mir leid, die gute Idee zu verderben. Das ist eine von meinen Lieblingsideen. Aber zum Termin muß unbedingt etwas in die Zeitschrift. Ich habe schon daran gedacht, den Roman liegenzulassen und so schnell wie möglich eine Novelle auszudenken, so etwas Leichtes, Anmutiges, ganz und gar ohne trübe Tendenz … Ganz und gar … Alle Leser sollen dabei heiter und vergnügt werden! …«
»Du armer Arbeitssklave! Und was macht Smith?«
»Smith ist ja gestorben.«
»Ist sein Geist nicht zu dir gekommen? Ich sage dir ganz im Ernst, Wanja, du bist krank, deine Nerven sind angegriffen, du hast immer solche phantastischen Vorstellungen. Als du mir erzähltest, du habest diese Wohnung gemietet, habe ich das alles an dir bemerkt. Wie ist es? Sagtest du nicht, die Wohnung sei feucht und häßlich?«
»Ja. Es ist mir heute abend noch etwas begegnet … Aber ich werde es dir ein andermal erzählen.«
Sie hörte nicht mehr, was ich sagte, und saß tief in Gedanken versunken da.
»Ich begreife nicht, wie ich damals habe von ihnen weggehen können; ich muß im Fieber gewesen sein«, sagte sie endlich und sah mich mit einem Blick an, der deutlich zeigte, daß sie keine Erwiderung erwartete.
Hätte ich in diesem Augenblick zu ihr gesprochen, so hätte sie mich gar nicht gehört.
»Wanja«, sagte sie kaum hörbar, »ich habe dich in einer wichtigen Angelegenheit hergebeten.«
»Was gibt es denn?«
»Ich trenne mich von ihm.«
»Hast du dich schon von ihm getrennt, oder willst du es erst tun?«
»Ich muß diesem Zustand ein Ende machen. Ich habe dich hergebeten, um dir alles auszusprechen, was mich jetzt bedrückt und was ich dir bisher verheimlicht habe.«
Dies war ihre gewöhnliche Einleitung, wenn sie sich anschickte, mir ihre geheimen Absichten anzuvertrauen, und fast immer ergab sich dann, daß ich all diese Geheimnisse schon längst aus ihrem eigenen Mund kannte.
»Ach, Natascha, das habe ich ja schon tausendmal von dir gehört! Gewiß, ihr könnt nicht zusammenleben; eure Verbindung ist zu seltsam; ihr habt nichts Gemeinsames. Aber … wird auch deine Kraft dazu ausreichen?«
»Früher hatte ich die Trennung nur in Aussicht genommen, Wanja; aber jetzt bin ich vollständig dazu entschlossen. Ich liebe ihn grenzenlos; aber dabei kommt es so heraus, daß ich seine schlimmste Feindin bin; ich zerstöre ihm seine Zukunft. Ich muß ihn befreien. Heiraten kann er mich nicht; er ist nicht imstande, etwas gegen den Willen seines Vaters zu tun. Ich will ihn auch nicht festhalten. Und darum freue ich mich sogar darüber, daß er sich in das Mädchen verliebt hat, das sein Vater ihm zur Frau geben möchte. Dadurch wird ihm die Trennung von mir erleichtert werden. Ich muß so handeln! Das ist meine Pflicht … Wenn ich ihn liebe, so muß ich für ihn alles zum Opfer bringen, muß ihm meine Liebe beweisen; das ist meine Pflicht! Nicht wahr?«
»Aber du wirst ihn nicht dazu überreden können.«
»Überreden werde ich ihn auch gar nicht. Ich werde mich gegen ihn ganz wie früher benehmen, selbst wenn er in diesem Augenblick hereintreten sollte. Aber ich muß ein Mittel finden, damit es ihm leicht wird, sich von mir ohne Gewissensbisse zu trennen. Das ist es, was mich quält, Wanja. Hilf mir! Kannst du mir nicht etwas raten?«
»In solchen Fällen gibt es nur ein Mittel«, erwiderte ich. »Man muß ganz aufhören, den Betreffenden zu lieben, und statt seiner einen andern lieben. Aber schwerlich wird dieses Mittel hier verfangen. Du kennst ja doch seinen Charakter. Da ist er nun fünf Tage lang nicht zu dir gekommen; aber wenn du nun annimmst, daß er sich ganz von dir abgewandt habe, dann brauchst du ihm nur zu schreiben, daß du selbst dich von ihm lossagtest, und er wird sogleich zu dir gelaufen kommen.«
»Warum kannst du ihn nicht leiden, Wanja?«
»Ich?«
»Ja, du, du! Du bist sein Feind, im geheimen und öffentlich! Du kannst von ihm nicht anders als gehässig reden. Ich habe tausendmal beobachtet, daß es dir das größte Vergnügen macht, ihn herabzusetzen und zu verleumden! Jawohl, zu verleumden; ich sage die Wahrheit!«
»Und mir hast du das schon tausendmal gesagt. Hör auf damit, Natascha; lassen wir dieses Thema!«
»Ich möchte gern in eine andere Wohnung ziehen«, begann sie nach einem kurzen Stillschweigen wieder. »Aber sei mir nicht böse, Wanja! …«
»Was hat das für Nutzen? Er wird auch in eine andere Wohnung kommen. Böse bin ich dir wirklich nicht.«
»Die Liebe ist stark; eine neue Liebe kann ihn fesseln. Wenn er auch zu mir zurückkommt, so tut er es doch vielleicht nur für einen Augenblick; was meinst du?«
»Ich weiß es nicht, Natascha; bei ihm ist alles im höchsten Grad widerspruchsvoll: er möchte jene heiraten und dabei doch dich lieben. Er wäre fähig, das alles zugleich zu tun.«
»Wenn ich bestimmt wüßte, daß er sie liebt, dann würde ich meinen Entschluß fassen … Wanja! Verbirg mir nichts! Weißt du etwas, was du mir nicht sagen willst?«
Sie sah mich mit einem ängstlichen, forschenden Blick an.
»Ich weiß nichts, liebe Freundin; ich gebe dir mein Ehrenwort, ich bin immer aufrichtig gegen dich gewesen. Übrigens noch eins: ich denke mir, vielleicht ist er in die Stieftochter der Gräfin gar nicht so stark verliebt, wie wir glauben. Es ist vielleicht nur so eine Schwärmerei …«
»Glaubst du das, Wanja? O Gott, wenn ich das bestimmt wüßte! Ach, könnte ich ihn doch in diesem Augenblick sehen, ihn nur ansehen! Ich würde ihm alles vom Gesicht ablesen! Aber er ist nicht hier! Er ist nicht hier!«
»Erwartest du ihn etwa, Natascha?«
»Nein, er ist bei ihr; ich weiß es; ich habe mich erkundigt. Und wie gern würde ich auch sie sehen! … Hör einmal, Wanja, ich rede Unsinn, aber ist es denn wirklich ganz unmöglich, daß ich sie sehe, daß ich irgendwo mit ihr zusammenkomme? Was meinst du?«
Sie wartete unruhig auf meine Antwort.
»Sehen könntest du sie schon. Aber das bloße Sehen hat doch wenig Zweck.«
»Auch wenn ich sie nur sähe, so würde mir das genügen; ich würde dann alles, was ich wissen wollte, selbst erraten. Hör einmal: ich bin ja so dumm geworden; ich gehe hier immer so auf und ab, ganz allein, ganz allein, und denke immer nach; meine Gedanken drehen sich wie im Wirbel umher; es ist ein schrecklicher Zustand! Ich habe mir gedacht, Wanja: könntest du nicht die Bekanntschaft dieser jungen Dame machen? Die Gräfin hat ja deinen Roman gelobt (das hast du mir damals selbst erzählt); du besuchst ja manchmal die Abendgesellschaften beim Fürsten R., bei dem auch sie verkehrt. Veranlasse doch, daß du ihr da vorgestellt wirst! Sonst könnte dich vielleicht auch Aljoscha mit ihr bekannt machen. Und dann könntest du mir alles von der Stieftochter erzählen.«
»Natascha, liebe Freundin, davon ein andermal! Aber ich möchte fragen: glaubst du wirklich im Ernst, daß deine Kraft dazu ausreichen wird, die Trennung zu ertragen? Sieh dich nur in diesem Augenblick an: bist du wirklich ruhig?«
»Sie … wird … ausreichen!« antwortete sie kaum hörbar. »Für ihn tue ich alles. Mein ganzes Leben gebe ich für ihn hin. Aber weißt du, Wanja, ich kann es nicht ertragen, daß er jetzt bei ihr ist, mich vergessen hat, neben ihr sitzt und plaudert und lacht, so wie er oft hier gesessen hat, du erinnerst dich. Er blickt ihr gerade in die Augen; so blickt er einen immer an, und es kommt ihm jetzt gar nicht in den Sinn, daß ich hier bin, mit dir zusammen …«
Sie sprach nicht zu Ende und sah mich verzweiflungsvoll an.
»Aber wie hast du denn noch vorhin, erst vorhin eben sagen können, Natascha …«
»Wir wollen uns gleichzeitig, beide gleichzeitig voneinander trennen!« unterbrach sie mich mit funkelnden Augen. »Ich selbst werde ihn dafür segnen … Aber gar zu schmerzlich ist es, Wanja, wenn er es ist, der mit dem Vergessen den Anfang macht! Ach, Wanja, was ist das für eine Qual! Ich verstehe mich selbst nicht: die Vernunft rät mir das eine, aber ich tue das andre. Was soll noch aus mir werden!«
»Hör auf, hör auf, Natascha! Beruhige dich! …«
»Heute sind es schon fünf Tage, daß ich täglich und stündlich … Selbst im Traum, immer denke ich an ihn! Weißt du, Wanja, wir wollen hingehen, begleite mich!«
»Hör auf, Natascha!«
»Nein, laß uns hingehen! Ich habe nur auf dich gewartet, Wanja! Ich habe schon drei Tage lang darüber nachgedacht. Das war auch der Grund, weshalb ich an dich geschrieben habe … Du mußt mich begleiten; du darfst mir das nicht abschlagen … Ich habe auf dich gewartet … drei Tage lang … Es ist dort heute eine Abendgesellschaft … er ist dort … laß uns hingehen!«
Sie befand sich in einer Art von Fieberzustand. Im Vorzimmer wurde Geräusch hörbar; Mawra schien mit jemandem zu streiten.
»Warte, Natascha, wer ist da?« fragte ich. »Horch!«
Sie horchte mit einem ungläubigen Lächeln und wurde auf einmal furchtbar blaß.
»Mein Gott, wer ist da?« sagte sie kaum hörbar.
Sie wollte mich zurückhalten; aber ich ging in das Vorzimmer hinaus zu Mawra. Richtig! Es war Aljoscha! Er fragte Mawra nach etwas, und diese wollte ihn zunächst nicht hereinlassen.
»Wo kommen Sie denn jetzt auf einmal her?« sagte sie in befehlshaberischem Tone. »Wo haben Sie sich herumgetrieben? Na, gehen Sie nur wieder, gehen Sie! Mich werden Sie nicht bestechen! Machen Sie, daß Sie fortkommen; was können Sie denn zu Ihrer Verteidigung antworten!«
»Ich fürchte mich vor niemand! Ich gehe hinein!« sagte Aljoscha, der indessen etwas verlegen war.
»Ach, machen Sie, daß Sie fortkommen! Sie sind ein arger Windhund!«
»Ich gehe hinein! Ah, Sie sind auch hier!« sagte er, als er mich erblickte. »Das ist ja schön, daß Sie hier sind! Nun also, da bin ich, sehen Sie; wie soll ich denn jetzt …«
»Gehen Sie nur einfach hinein!« antwortete ich; »wovor fürchten Sie sich?«
»Ich fürchte mich vor nichts, kann ich Ihnen versichern; denn ich habe mir, weiß Gott, nichts zuschulden kommen lassen. Sie glauben, daß es doch der Fall ist? Sie werden sehen, ich werde mich sofort rechtfertigen. Natascha, darf ich hereinkommen?« rief er mit gemachter Keckheit, indem er vor der geschlossenen Tür stehenblieb.
Niemand antwortete.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte er beunruhigt.
»Nichts Besonderes, sie war soeben noch da«, antwortete ich. »Vielleicht ist etwas …«
Aljoscha öffnete behutsam die Tür und sah sich schüchtern im Zimmer um. Es war niemand da.
Auf einmal erblickte er sie in einem Winkel zwischen einem Schrank und dem Fenster. Sie stand dort, als ob sie sich versteckt hätte, in einem Mittelzustand zwischen Tod und Leben. Wenn ich daran denke, kann ich mich noch heutigentags eines Lächelns nicht erwehren.
»Natascha, was machst du da? Guten Abend, Natascha«, sagte er schüchtern, indem er sie einigermaßen erschrocken anblickte.
»Nun, was denn? Nichts! …« antwortete sie in schrecklicher Verlegenheit, als ob sie selbst sich etwas hätte zuschulden kommen lassen. »Du … willst du Tee?«
»Natascha, höre mich …« sagte Aljoscha, der vollkommen die Fassung verloren hatte. »Du bist vielleicht überzeugt, daß ich schuldig bin … Aber ich bin nicht schuldig; ich bin ganz und gar nicht schuldig! Siehst du, ich werde dir sogleich alles erzählen.«
»Aber wozu denn das?« flüsterte Natascha. »Nein, nein, das ist nicht nötig … gib mir lieber die Hand, und die Sache ist erledigt … wie immer …«
Sie trat aus dem Winkel heraus; ihre Wangen begannen sich zu röten. Sie schaute zu Boden, wie wenn sie sich fürchtete, Aljoscha anzusehen.
»O mein Gott!« rief er entzückt; »wenn ich mich schuldig fühlte, so würde ich nach diesem Verhalten von ihrer Seite ja wohl nicht wagen, sie auch nur anzublicken! Sehen Sie, sehen Sie!« rief er, zu mir gewendet; »sie hält mich für schuldig; alles spricht gegen mich, alle Anzeichen sprechen gegen mich! Fünf Tage lang bin ich nicht gekommen! Gerüchte melden, ich sei bei der jungen Dame, mit der man mich verheiraten möchte – und was geschieht? Sie verzeiht mir ohne weiteres! Sie sagt: ›Gib mir die Hand, und die Sache ist erledigt!‹ Natascha, meine Teure, mein Engel! Ich bin nicht schuldig; das sollst du wissen! Ich bin nicht die Spur schuldig! Im Gegenteil! Im Gegenteil!«
»Aber … aber du bist doch jetzt dort gewesen … Du warst doch jetzt eingeladen … Wie kommt es denn, daß du hier bist? Wie spät ist es?«
»Halb elf! Ich bin auch wirklich dort gewesen. Aber ich sagte, ich sei krank, und fuhr weg, und dies ist das erste, allererste Mal in diesen fünf Tagen, daß ich frei bin, daß ich imstande war, mich von ihnen loszumachen und zu dir zu kommen, Natascha. Das heißt, ich hätte auch früher kommen können; aber ich habe es absichtlich nicht getan! Und warum? Das wirst du sogleich hören, ich werde es dir auseinandersetzen; aber, weiß Gott, ich habe mich dieses Mal dir gegenüber in keiner Hinsicht schuldig gemacht, in keiner Hinsicht! In keiner Hinsicht!«
Natascha hob den Kopf in die Höhe und blickte ihn an. Aber der Blick, mit dem er den ihrigen beantwortete, strahlte so von Aufrichtigkeit, und sein Gesicht war so fröhlich, so ehrlich, so vergnügt, daß es schlechterdings unmöglich war, ihm zu mißtrauen. Ich glaubte, die beiden würden aufschreien und einander in die Arme sinken, wie das früher schon mehrmals bei ähnlichen Versöhnungen geschehen war. Aber Natascha ließ, wie überwältigt von ihrem Glück, den Kopf auf die Brust sinken und … begann auf einmal leise zu weinen. Da konnte sich Aljoscha nicht mehr beherrschen. Er warf sich ihr zu Füßen; er küßte ihre Hände, ihre Füße; er war wie von Sinnen. Ich schob ihr einen Lehnsessel hin. Sie setzte sich. Die Beine waren ihr schwach geworden.
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Einen Augenblick darauf lachten wir alle wie die Unsinnigen.
»So laßt mich doch erzählen, so laßt mich doch erzählen!« rief Aljoscha, dessen helle Stimme uns alle übertönte. »Ihr denkt, daß es dieselbe Geschichte ist wie früher … daß ich bloß mit gleichgültigen Nachrichten hergekommen bin … Aber ich sage euch, ich habe etwas höchst Interessantes. So seid doch endlich einmal still!«
Er hatte die größte Lust zu erzählen. Man konnte ihm am Gesicht ansehen, daß er wichtige Neuigkeiten hatte. Aber durch die Art, wie er in dem naiven Stolz auf den Besitz solcher Neuigkeiten sich wichtig tat, war Natascha sofort zum Lachen gebracht worden. Und ich hatte mich unwillkürlich von ihr anstecken lassen. Und je zorniger er über uns wurde, um so mehr lachten wir. Aljoschas Ärger und seine darauffolgende kindliche Verzweiflung brachten uns schließlich auf jenen Grad der Heiterkeit, wo man einem, wie dem Midshipman bei Gogol, nur einen Finger zu zeigen braucht, um ihn sogleich dahin zu bringen, daß er sich vor Lachen wälzt. Mawra, die ihre Küche verlassen hatte, stand in der Tür und sah uns mit ernstlicher Empörung an; sie ärgerte sich darüber, daß diesem Aljoscha nicht durch Natascha eine gehörige Kopfwäsche zuteil wurde, wie sie es diese ganzen fünf Tage her mit Genuß erwartet hatte, und daß wir statt dessen alle so vergnügt waren.
Endlich hörte Natascha auf zu lachen, da sie sah, daß Aljoscha sich durch unser Lachen gekränkt fühlte.
»Nun, was willst du also erzählen?« fragte sie.
»Soll ich den Samowar zurechtmachen?« fragte Mawra, indem sie ohne den geringsten Respekt Aljoscha das Wort nahm.
»Geh nur, Mawra, geh nur!« sagte er und scheuchte sie durch eifrige Bewegungen beider Arme eilig fort. »Ich werde alles erzählen, was war und was ist und was sein wird; denn ich weiß es alles. Ich sehe, meine Teuren, ihr möchtet gern wissen, wo ich diese fünf Tage über gewesen bin; und gerade das will ich euch ja auch erzählen; aber ihr laßt mich nicht dazu kommen. Na, also erstens, ich habe dich diese ganze Zeit über getäuscht, Natascha, diese ganze Zeit über; schon lange, lange Zeit habe ich dich getäuscht, und das ist die Hauptsache.«
»Du hast mich getäuscht?«
»Ja, ich habe dich getäuscht, schon einen ganzen Monat lang; schon vor der Ankunft meines Vaters habe ich damit angefangen; aber jetzt ist die Zeit für vollständige Aufrichtigkeit gekommen. Vor einem Monat, als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich auf einmal von ihm einen gewaltig langen Brief und verheimlichte ihn euch beiden. In dem Brief erklärte er mir geradezu (und wohlgemerkt in so ernstem Ton, daß ich ganz erschrocken war), die Angelegenheit meiner Brautwerbung sei nun zum Ende geführt; die mir bestimmte Braut sei der Gipfel der Vollkommenheit; ich sei ihrer selbstverständlich nicht würdig, müsse sie aber doch unbedingt heiraten. Deshalb solle ich mich darauf vorbereiten und mir alle Dummheiten aus dem Kopf schlagen; na, ihr könnt euch schon denken, was er mit den ›Dummheiten‹ meinte. Diesen Brief also habe ich euch verheimlicht.«
»Du hast ihn uns ganz und gar nicht verheimlicht!« unterbrach ihn Natascha. »Solche Prahlerei! Die Wahrheit ist, daß du uns alles sofort erzählt hast. Ich erinnere mich noch, wie du auf einmal so fügsam und zärtlich wurdest und gar nicht von mir weggehen wolltest, als ob du dir einer Schuld bewußt wärest, und wie du uns den ganzen Inhalt des Briefes stückweise erzählt hast.«
»Das ist nicht möglich; die Hauptsache habe ich bestimmt nicht erzählt. Vielleicht habt ihr beide etwas erraten; das ist dann eure Sache; aber erzählt habe ich es nicht. Ich verheimlichte es euch und litt darunter schrecklich.«
»Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals fortwährend um Rat fragten und mir alles erzählten, allerdings nur bruchstückweise und als handle es sich nur um Vermutungen«, fügte ich hinzu, indem ich Natascha anblickte.
»Du hast alles erzählt! Bitte, prahle nur nicht!« fiel sie ein. »Was kannst du denn überhaupt verbergen? Kannst du jemanden betrügen? Sogar Mawra hat alles erfahren. Hast du es gewußt, Mawra?«
»Na, wie werde ich es nicht gewußt haben!« versetzte Mawra, die vor der Tür stand und den Kopf zu uns hereinsteckte. »Gleich in den drei ersten Tagen haben Sie alles erzählt. Auf Listen verstehen Sie sich nicht!«
»Ach, wenn man mit euch redet, muß man sich auch immer ärgern! Du tust das alles aus Böswilligkeit, Natascha! Und du, Mawra, irrst dich ebenfalls. Ich erinnere mich, ich war damals wie ein Unsinniger; besinnst du dich wohl noch darauf, Mawra?«
»Wie sollte ich mich nicht darauf besinnen? Sie sind auch jetzt wie ein Unsinniger.«
»Nein, nein, was ich da eben sagte, gehört nicht hierher. Aber du erinnerst dich: wir hatten damals gerade kein Geld, und du gingst, mein silbernes Zigarrenetui zu versetzen; aber was die Hauptsache ist: gestatte mir, Mawra, dich darauf aufmerksam zu machen, daß du dich mir gegenüber in einer schrecklichen Weise vergißt. Das hat dich alles Natascha gelehrt. Na also, gesetzt auch, daß ich euch wirklich gleich damals alles bruchstückweise erzählt habe (jetzt besinne ich mich darauf), so kennt ihr doch den Ton des Briefes nicht, den Ton; und gerade der Ton ist bei einem Brief die Hauptsache. Und davon eben spreche ich.«
»Nun, was war es denn für ein Ton?« fragte Natascha.
»Höre einmal, Natascha, du fragst, wie wenn du darüber scherztest. Aber scherze nicht! Ich versichere dich: die Sache ist sehr ernst. Es war ein solcher Ton, daß mir die Arme schlaff herabsanken. Noch nie hatte mein Vater so mit mir gesprochen. Es klang, wie wenn eher der Himmel einstürzen als sein Wille nicht in Erfüllung gehen sollte, so ein Ton war das!«
»Nun, so erzähle doch: warum wolltest du denn den Brief vor mir verheimlichen?«
»Ach du mein Gott, um dich nicht zu erschrecken. Ich hoffte, ich würde alles selbst in Ordnung bringen können. Na also, zuerst erhielt ich diesen Brief, und als dann mein Vater selbst angekommen war, da begannen meine Leiden. Ich hatte mich darauf vorbereitet, ihm eine feste, klare, ernste Antwort zu geben; aber merkwürdigerweise wollte mir das gar nicht gelingen. Der Schlaufuchs fragte mich überhaupt gar nicht! Er benahm sich im Gegenteil so, als ob die ganze Sache schon entschieden sei und es zwischen uns gar keinen Streit und gar keine Mißhelligkeiten geben könne. Hörst du wohl: als ob es das gar nicht geben könne; ein solches Selbstvertrauen! Gegen mich aber wurde er überaus freundlich und liebenswürdig. Ich war geradezu erstaunt. Wenn Sie wüßten, wie klug er ist, Iwan Petrowitsch! Alles hat er gelesen, alles weiß er, und wenn er jemanden nur ein einziges Mal anblickt, so kennt er all dessen Gedanken so gut wie seine eigenen. Darum hat man ihn auch gewiß einen Jesuiten genannt. Natascha hat es nicht gern, wenn ich ihn lobe. Werde nicht böse, Natascha! Nun also … aber apropos: anfangs hat er mir kein Geld gegeben; aber jetzt hat er es getan, gestern. Natascha, mein Engel! Jetzt hat unsere Armut ein Ende! Da, sieh! Alles, was er mir in diesem halben Jahr zur Strafe zuwenig gegeben hatte, das hat er alles gestern nachgezahlt; seht mal, wieviel es ist; ich habe es noch nicht gezählt. Mawra, sieh mal, wieviel Geld! Jetzt brauchen wir keine Löffel und Hemdknöpfe mehr zu versetzen!«
Er zog ein ziemlich dickes Päckchen Banknoten, etwa tausendfünfhundert Rubel, aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Mawra betrachtete es erstaunt und lobte Aljoscha. Natascha drängte auf schnelle Fortsetzung der Erzählung.
»Na also …«, fuhr Aljoscha fort, »ich dachte: ›Was soll ich tun? Wie soll ich mich seinem Willen widersetzen?‹ Das heißt, ich schwöre euch beiden: wäre er schroff gegen mich gewesen und nicht so gutherzig, so hätte ich mich nicht lange besonnen. Ich hätte ihm geradezu gesagt, daß ich nicht wolle, daß ich bereits selbst ein erwachsener Mensch sei, und damit basta! Und ihr könnt mir glauben, daß ich meinen Willen durchgesetzt hätte. So jedoch, was sollte ich ihm sagen? Aber brecht nicht den Stab über mich! Ich sehe, du machst ein unzufriedenes Gesicht, Natascha. Warum wechselt ihr beide miteinander Blicke? Ihr denkt gewiß: er hat sich gleich einwickeln lassen und besitzt nicht die Spur von Charakterfestigkeit. Aber ich besitze Charakterfestigkeit, wirklich, und mehr als ihr denkt! Und der Beweis dafür ist, daß ich trotz meiner mißlichen Lage mir sogleich sagte: »Es ist meine Pflicht; ich muß meinem Vater alles sagen, alles!« Und so fing ich denn an zu reden und sprach mich aus, und er hörte mich an.«
»Aber was hast du ihm denn gesagt, was?« fragte Natascha beunruhigt.
»Daß ich keine andere Braut will, sondern bereits eine habe, nämlich dich. Das heißt, so geradezu habe ich ihm das bisher noch nicht gesagt; aber ich habe ihn darauf vorbereitet, und morgen werde ich es ihm sagen; dazu bin ich fest entschlossen. Ich begann damit, ihm zu sagen, nach Geld zu heiraten sei unanständig und zeuge von unvornehmer Gesinnung; wenn wir uns für Aristokraten hielten, so sei das einfach eine Dummheit (ich rede mit ihm völlig offenherzig, als ob er mein Bruder wäre). Dann erklärte ich ihm sofort, ich sei ein Angehöriger des tiers-état, und der tiers-état c’est l’essentiel; ich sei stolz darauf, allen ähnlich zu sein, und wolle mich vor niemand auszeichnen … kurz, ich setzte ihm alle diese vernünftigen Ideen auseinander. Ich sprach mit Eifer und Enthusiasmus. Ich wunderte mich über mich selbst. Ich bewies es ihm schließlich auch von seinem eigenen Gesichtspunkt aus; ich sagte geradezu: was seien wir denn für Fürsten? Doch nur der Geburt nach; was hätten wir aber in Wirklichkeit Fürstliches an uns? Erstens, besonderen Reichtum besäßen wir nicht, und Reichtum sei doch die Hauptsache. Heutzutage sei der größte Fürst Rothschild. Zweitens, in der richtigen vornehmen Gesellschaft sei von uns schon seit langer Zeit nichts mehr zu hören gewesen. Der letzte sei der Onkel Semjon Walkowski gewesen, und auch der habe nur in Moskau Aufsehen erregt, und nur dadurch, daß er seine letzten dreihundert Seelen durchgebracht habe, und wenn der Vater nicht selbst Geld erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht eigenhändig den Acker pflügen müssen, wie es denn solche Fürsten wirklich gebe. Mithin hätten wir keinen Grund, hochmütig zu sein. Kurz, ich sprach alles aus, was in mir kochte, alles, mit Feuer und Offenherzigkeit; ich fügte sogar noch dies und das hinzu. Er entgegnete mir nichts darauf, sondern machte mir nur Vorwürfe, daß ich den Verkehr in dem Haus des Grafen Nainski eingestellt hätte, und sagte dann, ich müsse mich um die Gunst der Fürstin K., meiner Patin, bemühen; wenn diese mich gut aufnehme, so würde ich überall Zutritt haben, und meine Karriere sei gemacht, was er mir dann näher ausmalte! Das sind alles Anspielungen darauf, daß ich seit der Verbindung mit dir, Natascha, alle anderen Beziehungen abgebrochen habe; er führt das auf deinen Einfluß zurück. Aber geradezu hat er bisher noch nicht von dir gesprochen; er vermeidet es sogar offenbar. Wir sind beide schlau, wir warten ab und belauern einander; aber du kannst überzeugt sein, daß auch für uns der Tag des Glücks kommen wird.«
»Nun, schon gut; wie endete die Sache? Was hat er beschlossen? Das ist doch die Hauptsache. Du bist ein Schwätzer, Aljoscha …«
»Meines Vaters Sinn und Gedanken kennt nur Gott; es ist gar nicht daraus klug zu werden, was er eigentlich vorhat. Ein Schwätzer aber bin ich ganz und gar nicht; ich sage nur, was zur Sache gehört. Er hat nichts Bestimmtes gesagt, sondern auf alle meine Darlegungen nur mit einem Lächeln geantwortet, als ob er mich bemitleide. Ich fühle ja, daß das für mich demütigend ist; aber ich schäme mich nicht. Er sagte: ›Ich bin mit dir vollkommen einer Ansicht; aber wir wollen zum Grafen Nainski fahren. Sprich aber dort nichts von dieser Art; ich für meine Person verstehe dich ja; aber die dort würden dich nicht verstehen.‹ Es scheint, daß auch er selbst dort nicht besonders gut aufgenommen wird; man ist aus irgendwelchem Grund auf ihn erzürnt. Überhaupt ist mein Vater in der vornehmen Welt jetzt nicht beliebt. Der Graf behandelte mich zunächst sehr hochmütig und von oben herab, als ob er ganz vergessen hätte, daß ich in seinem Haus aufgewachsen bin. Er zürnt mir wegen Undankbarkeit; aber wahrhaftig, es liegt von meiner Seite keine Undankbarkeit vor; es ist eben in seinem Haus schrecklich langweilig; na, und da bin ich nicht mehr hingegangen. Er empfing auch meinen Vater in sehr nachlässiger Manier, so nachlässig, daß ich gar nicht verstehe, warum mein Vater den Verkehr fortsetzt. Das alles versetzte mich in Empörung. Mein armer Vater krümmte sozusagen den Rücken vor ihm; ich verstehe ja, daß er das alles in meinem Interesse tut; aber ich brauche nichts. Ich wollte nachher meinem Vater schon alle meine Empfindungen aussprechen; aber ich beherrschte mich und schwieg. Wozu auch? Seine Anschauungen würde ich doch nicht umändern; ich würde ihn nur ärgern, und er hat ohnehin schon genug Sorgen. ›Na‹, dachte ich, ›ich will es mit Schlauheit versuchen; ich werde sie alle überlisten; ich werde den Grafen zwingen, mich zu achten!‹ Und was geschah? Ich habe sofort alles erreicht; an einem einzigen Tag hat sich die ganze Lage geändert! Graf Nainski weiß jetzt gar nicht, was er mir für einen Ehrenplatz anweisen soll. Und all das habe ich bewirkt, ich allein, durch meine eigene Schlauheit, so daß mein Vater vor Erstaunen die Hände über dem Kopf zusammenschlug! …«
»Hör mal, Aljoscha, du solltest doch lieber zur Sache kommen!« rief Natascha ungeduldig. »Ich hatte geglaubt, du würdest uns etwas über unsere eigene Angelegenheit mitteilen; aber dir macht es nur Spaß, zu erzählen, wie vortrefflich du dich bei dem Grafen Nainski benommen hast. Was geht mich dein Graf an!«
»Was dich der Graf angeht! Hören Sie wohl, Iwan Petrowitsch, sie fragt, was sie der Graf angeht! Aber darin steckt ja gerade der Kern der Sache. Das wirst du selbst sehen; das wird alles am Ende meiner Erzählung klarwerden. Laßt mich nur erzählen … Nun ja (denn warum soll ich nicht offen reden?), ihr wißt ja, sowohl du, Natascha, als auch Sie, Iwan Petrowitsch, ich bin vielleicht wirklich manchmal sehr, sehr urteilslos, na, meinetwegen auch einfach dumm (auch das ist ja mitunter vorgekommen). Aber in diesem Fall, das kann ich euch versichern, habe ich viel Schlauheit bewiesen … na … ich kann wohl sagen, sogar Verstand; ich glaubte daher, ihr würdet euch selbst darüber freuen, daß ich nicht immer … unverständig bin.«
»Ach, was redest du nur, Aljoscha; hör doch auf damit, Liebster!«
Natascha konnte es nicht ertragen, wenn Aljoscha für unverständig gehalten wurde. Wie oft war sie, ohne es mit Worten auszusprechen, böse auf mich gewesen, wenn ich, ohne viele Umstände zu machen, ihrem Aljoscha bewies, daß er irgendeine Dummheit begangen habe; dies war ein wunder Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Herabsetzung Aljoschas nicht ertragen, und wahrscheinlich um so weniger, da sie seine geistigen Fähigkeiten im stillen selbst nur für beschränkt hielt. Aber sie brachte diese ihre Meinung ihm gegenüber nicht zum Ausdruck und scheute sich, sein Ehrgefühl zu verletzen. Er seinerseits bewies in solchen Fällen einen besonderen Scharfsinn und erriet immer ihre geheimen Gedanken. Natascha merkte dies, betrübte sich sehr darüber und überschüttete ihn sofort mit Schmeichelworten und Liebkosungen. Dies war der Grund, warum sie jetzt seine Worte schmerzlich berührten.
»Rede nicht so, Aljoscha; du bist nur leichtsinnig, aber gar nicht von solcher Art«, fügte sie hinzu. »Warum machst du dich selbst schlecht?«
»Nun gut; dann laßt mich also zu Ende erzählen! Nach dem Besuch bei dem Grafen war mein Vater ordentlich böse auf mich. Ich dachte: ›Warte du nur!‹ Wir fuhren darauf zur Fürstin; ich hatte schon lange gehört, daß sie infolge ihres hohen Alters geistesschwach geworden sei, außerdem sehr schwer höre und eine große Freundin von Stubenhunden sei. Sie hält sich ein ganzes Rudel dieser Tiere und ist in sie ganz vernarrt. Trotz alledem besitzt sie in der vornehmen Welt großen Einfluß, so daß sogar Graf Nainski, le superbe, bei ihr antichambriert. Unterwegs entwarf ich mir einen Plan für alle meine weiteren Aktionen, und was meint ihr wohl, worauf ich dabei baute? Auf den Umstand, daß mich alle Hunde gern haben, bei Gott! Ich habe das beobachtet. Entweder steckt in mir eine Art Magnetismus, oder es kommt daher, daß ich selbst alle Tiere sehr gern habe; ich weiß es nicht; aber die Hunde lieben mich, das ist Tatsache! Apropos, Magnetismus: ich habe dir noch nicht erzählt, Natascha, wir haben neulich Geister zitiert; ich war bei einem Geisterbeschwörer; es war höchst interessant, Iwan Petrowitsch; es hat mich sehr in Erstaunen versetzt. Ich habe Julius Cäsar zitiert.«
»Ach mein Gott! Was wolltest du denn mit Julius Cäsar?« rief Natascha, die sich vor Lachen ausschütten wollte. »Das ist köstlich!«
»Aber wieso denn? … Als wäre ich ein … Warum soll ich nicht das Recht haben, Julius Cäsar zu zitieren? Was ist denn dabei? Nun sehe bloß einer, wie sie lacht!«
»Natürlich ist gar nichts dabei … ach, mein liebster Aljoscha! Nun also, was sagte denn Julius Cäsar zu dir?«
»Gesagt hat er nichts. Ich hielt nur einen Bleistift in der Hand, und der Bleistift fuhr von selbst über das Papier und schrieb. Es wurde gesagt, da schriebe Julius Cäsar. Ich glaube nicht daran.«
»Was hat er denn geschrieben?«
»Er schrieb etwas, das sah aus wie ›Werde naß!‹, wie es bei Gogol heißt … Aber so hör doch auf zu lachen!«
»Nun, dann erzähle von der Fürstin!«
»Na ja, aber ihr unterbrecht mich ja immer. Wir kamen also zu der Fürstin, und ich begann damit, ihrer Mimi den Hof zu machen. Diese Mimi ist eine alte, häßliche, greuliche Hündin, dazu noch eigensinnig und bissig. Die Fürstin ist ganz in das Tier vernarrt; ich glaube, die beiden sind Altersgenossinnen. Zuerst fütterte ich Mimi mit Konfekt und brachte ihr in zehn Minuten bei, die Pfote zu geben, was man ihr in ihrem ganzen Leben nicht hatte beibringen können. Die Fürstin geriet geradezu in Entzücken, sie weinte beinahe vor Freude: ›Mimi! Mimi! Mimi gibt das Pfötchen!‹ Wenn ein Besucher kam, so hieß es: ›Mimi gibt das Pfötchen! Hier, mein Patenkind hat es sie gelehrt!‹ Graf Nainski kam; sofort mußte er hören: ›Mimi gibt das Pfötchen.‹ Mich blickte die alte Dame beinahe mit Tränen der Rührung an. Sie ist ein seelengutes Wesen; sie tat mir ordentlich leid. Nach diesem glücklichen Erfolg griff ich zur Schmeichelei: auf ihrer Tabaksdose ist ihr eigenes Bild gemalt, als sie noch ein junges Mädchen war, vor sechzig Jahren. Diese Tabaksdose fiel ihr auf den Fußboden. Ich hob sie auf und sagte, als ob ich nicht erkenne, wen das Bild vorstellt: ›Quelle charmante peinture! Ein ideal schönes Gesicht!‹ Na, da war sie ganz hin; sie redete mit mir von diesem und jenem, und wo ich studiert hätte, und bei wem ich verkehrte, und was ich für schönes Haar hätte, und in dieser Art immer weiter. Ich tat auch das meinige, indem ich sie durch eine Skandalgeschichte, die ich ihr erzählte, zum Lachen brachte. Sie hört so etwas gern: sie drohte mir nur mit dem Finger, lachte aber herzlich. Beim Abschied küßte sie mich, bekreuzte mich und verlangte, ich solle alle Tage zu ihr kommen, um sie zu erheitern. Der Graf drückte mir die Hand und gab seinem Blick einen Ausdruck von besonderer Liebenswürdigkeit; und mein Vater – er ist ja der beste, ehrenhafteste, edelste Mensch, ihr mögt es nun glauben oder nicht -, er weinte beinahe vor Freude, als wir beide nach Hause fuhren; er umarmte mich und schüttete mir sein ganzes Herz aus, all seine geheimen Gedanken über Karriere, Konnexionen, Geld, Heirat, so daß ich vieles davon gar nicht verstand. Und dabei gab er mir auch Geld. Das war gestern. Morgen bin ich wieder bei der Fürstin; aber mein Vater ist doch der edelste Mensch, denkt von ihm nichts Schlechtes; und wenn er mich auch von dir losreißen möchte, Natascha, so will er das doch nur, weil er verblendet ist und nach Katjas Millionen Verlangen trägt, die dir fehlen; und die möchte er einzig und allein für mich haben, und nur weil er dich nicht kennt, ist er gegen dich ungerecht. Aber welcher Vater wünscht nicht das Glück seines Sohnes? Er kann ja nichts dafür, daß er gewohnt ist, das Glück in den Millionen zu sehen. So sind sie eben alle. Man muß ihn nur von diesem Gesichtspunkt aus beurteilen, dann erscheint er sofort als gerechtfertigt. Ich bin absichtlich zu dir hergeeilt, Natascha, um dir das auseinanderzusetzen, weil ich weiß, daß du gegen ihn eingenommen bist, wofür du natürlich nichts kannst. Ich gebe dir keine Schuld …«
»Also weiter ist dir nichts begegnet, als daß du dir die Gunst der Fürstin erworben hast? Darin besteht deine ganze Schlauheit?« fragte Natascha.
»Nicht doch! Was redest du da! Das ist nur der Anfang … Das von der Fürstin habe ich deswegen erzählt, weil ich durch sie meinen Vater in der Hand habe, verstehst du; aber meine Hauptgeschichte hat noch nicht angefangen.«
»Nun, dann erzähle doch!«
»Heute habe ich noch ein Erlebnis gehabt, sogar ein sehr seltsames Erlebnis, von dem ich noch jetzt ganz ergriffen bin«, fuhr Aljoscha fort. »Ich muß vorausschicken, daß zwar mein Vater und die Gräfin unsere Verheiratung beschlossen haben, daß aber bis jetzt absolut nichts Offizielles stattgefunden hat, so daß wir uns jeden Augenblick trennen könnten, ohne daß irgendwelches Gerede darüber entstände; nur Graf Nainski weiß es; aber der gilt ja als Verwandter und Gönner. Überdies bin ich ja zwar in diesen beiden Wochen sehr viel mit Katja zusammen gewesen, aber doch haben wir bis auf diesen Augenblick keine Silbe von der Zukunft gesprochen, das heißt von der Ehe und … na, und von Liebe. Außerdem ist beschlossen worden, vorher noch die Einwilligung der Fürstin K. zu erbitten, von der man bei uns alle mögliche Protektion und einen goldenen Regen erwartet. Was sie sagen wird, das wird auch die vornehme Gesellschaft sagen, denn ihre Verbindungen sind von solcher Art. Und sie wollen mich durchaus in die Gesellschaft einführen und mich protegieren. Wer aber besonders auf diesem Verfahren besteht, das ist die Gräfin, Katjas Stiefmutter. Die Sache ist die, daß die Fürstin der Gräfin vielleicht wegen all der Extravaganzen, die diese im Ausland begangen hat, den Zutritt zu ihrem Salon noch nicht gestatten wird, und wen die Fürstin nicht empfängt, den empfangen wohl auch die andern nicht; daher würde meine Bewerbung um Katja eine gute Gelegenheit zur Annäherung bieten. Und darum hat die Gräfin, die früher gegen diese Partie war, sich heute außerordentlich über meinen Erfolg bei der Fürstin gefreut. Das nur beiläufig; die Hauptsache aber ist dies: ich habe Katerina Fjodorowna zwar schon seit dem vorigen Jahr gekannt, aber damals war ich noch ein Knabe und hatte kein Verständnis und fand daher an ihr nichts Besonderes…«
»Die Sache ist einfach die: damals liebtest du mich mehr«, unterbrach ihn Natascha; »darum fandest du an ihr nichts Besonderes; aber jetzt …«
»Sprich nicht weiter, Natascha!« rief Aljoscha mit warmer Empfindung; »du bist vollständig im Irrtum und kränkst mich sehr! Ich werde dir nicht einmal etwas darauf erwidern; höre nur weiter, und du wirst alles erkennen, wie es ist. Ach, wenn du Katja kenntest! Wenn du wüßtest, was für ein zartfühlendes, reines, seelengutes Wesen sie ist! Aber das wirst du sogleich erkennen; höre nur zu Ende! Als sie vor zwei Wochen angekommen waren, führte mich mein Vater zu Katja, und ich fing an, sie mir genau anzusehen. Ich merkte, daß auch sie mich musterte. Das erregte nun vollends mein Interesse, ganz abgesehen davon, daß ich die besondere Absicht hatte, sie näher kennenzulernen, eine Absicht, die schon durch jenen Brief meines Vaters angeregt worden war, der mich so überrascht hatte. Ich werde weiter nichts zu ihrem Lob sagen als das eine: sie bildet unter den Damen jenes ganzen Gesellschaftskreises eine glänzende Ausnahme. Sie hat einen so eigenartigen Charakter, eine so starke, redliche Seele, stark eben durch ihre Reinheit und Redlichkeit, daß ich ihr gegenüber geradezu ein Knabe bin, ihr jüngerer Bruder, trotzdem sie nur siebzehn Jahre alt ist. Noch eins bemerkte ich: sie scheint einen schweren, geheimen Kummer zu haben; aber sie ist nicht gesprächig, zu Hause schweigt sie fast immer, wie wenn sie eingeschüchtert wäre. Es ist, als ob sie über etwas nachsänne. Vor meinem Vater scheint sie Furcht zu haben. Zu ihrer Stiefmutter hegt sie keine Liebe, das merkte ich; die Gräfin selbst allerdings sucht in bestimmter Absicht die Meinung zu verbreiten, daß die Stieftochter sie schrecklich liebhabe; aber das ist völlig unwahr. Katja gehorcht ihr nur ohne Widerrede, das ist zwischen ihnen eine Art von Verabredung. Nachdem ich alle diese Beobachtungen gemacht hatte, beschloß ich vor vier Tagen, meine Absicht zur Ausführung zu bringen, und das habe ich heute abend auch wirklich getan. Meine Absicht war nämlich die: Katja alles zu erzählen, ihr alles zu bekennen, sie auf unsere Seite zu bringen und dann mit einem Schlag die ganze Sache zu erledigen…«
»Wie! Was denn zu erzählen? Was zu bekennen?« fragte Natascha beunruhigt.
»Alles, schlechterdings alles«, antwortete Aljoscha; »und ich danke Gott, der mir diesen Gedanken eingegeben hat. Aber hört zu, hört zu! Vor vier Tagen faßte ich folgenden Entschluß: mich von euch fernzuhalten und die Sache allein zu erledigen. Wenn ich mit euch zusammengewesen wäre, so wäre ich schwankend geworden, ich hätte auf euch hingehört und wäre zu keinem Entschluß gelangt. Nun aber, da ich allein war und mich expreß in eine Lage versetzt hatte, in der ich mir jeden Augenblick sagen mußte, daß ich die Sache zu Ende bringen müsse, daß es meine Pflicht sei, sie zu Ende zu bringen, da faßte ich Mut, und siehe da: ich habe sie zu Ende gebracht! Ich hatte mir vorgenommen, nicht eher zu euch zurückzukehren, ehe ich nicht die Entscheidung hätte, und da bringe ich nun die Entscheidung!«
»Was denn? Was denn? Was hat denn die Sache für einen Verlauf genommen? So erzähle doch schnell!«
»Es machte sich ganz einfach! Ich wandte mich offen, ehrlich und mutig an sie… Aber zuerst muß ich euch etwas erzählen, was ich vorher erlebte und was einen starken Eindruck auf mich machte. Ehe wir hinfuhren, hatte mein Vater einen Brief erhalten. Ich trat in diesem Augenblick gerade in sein Arbeitszimmer und blieb an der Tür stehen. Er sah mich nicht. Er war durch diesen Brief in eine solche Erregung geraten, daß er mit sich selbst sprach, irgendwelche Ausrufe ausstieß, ganz außer sich im Zimmer auf und ab ging und schließlich auf einmal laut auflachte; dabei hielt er immer den Brief in der Hand. Ich fürchtete mich ordentlich, hineinzugehen, wartete noch ein Weilchen und trat dann zu ihm. Mein Vater war über etwas hocherfreut; er begann mit mir in einer ganz seltsamen Art zu reden; dann brach er plötzlich ab und befahl mir, mich sogleich zum Wegfahren fertig zu machen, obgleich es noch sehr früh war. Bei ihnen war heute kein Fremder; die beiden waren allein; du hast mit Unrecht geglaubt, Natascha, daß dort eine Gesellschaft stattfände. Da bist du falsch unterrichtet gewesen.«
»Ach, bitte, schweife nicht ab, Aljoscha; sage, wie du es angefangen hast, Katja alles zu sagen!«
»Es war ein Glück, daß wir ganze zwei Stunden lang allein blieben. Ich erklärte ihr einfach, obwohl man aus uns ein Paar machen wolle, so sei unsere Verheiratung doch ein Ding der Unmöglichkeit; ich empfände eine herzliche Zuneigung zu ihr, und sie allein könne mich retten. Dann entdeckte ich ihr alles. Stelle dir vor: sie wußte nichts von unseren Erlebnissen, von meinen Beziehungen zu dir, Natascha! Wenn du hättest sehen können, wie gerührt sie war; zuerst hatte sie sogar einen Schreck bekommen. Sie war ganz blaß geworden. Ich erzählte ihr den ganzen Hergang: wie du um meinetwillen dein Elternhaus verlassen hättest, wie wir eine Wohnung für uns allein bezogen hätten, von was für Leid und Befürchtungen wir jetzt gequält würden und daß wir jetzt unsere Zuflucht zu ihr nähmen (ich sprach auch in deinem Namen, Natascha); sie möchte selbst unsere Partei ergreifen und ihrer Stiefmutter geradezu sagen, daß sie nicht meine Frau werden wolle; darauf beruhe unsere ganze Rettung, und wir hätten von keiner anderen Seite Hilfe zu erwarten. Sie hörte mit solchem Interesse, mit so herzlicher Teilnahme zu! Was hatte sie in diesem Augenblick für schöne Augen! Ihre ganze Seele kam in ihrem Blick zum Ausdruck. Sie hat ganz himmelblaue Augen. Sie dankte mir, daß ich nicht an ihr gezweifelt hätte, und gab mir ihr Wort darauf, daß sie uns aus aller Kraft helfen wolle. Dann erkundigte sie sich nach dir, sagte, sie wünsche sehr, deine Bekanntschaft zu machen, bat mich, dir zu bestellen, daß sie dich schon jetzt wie eine Schwester liebe und daß auch du sie wie eine Schwester lieben möchtest; und als sie erfuhr, daß ich schon seit fünf Tagen nicht bei dir gewesen sei, schickte sie mich sofort weg, damit ich zu dir ginge.« Natascha war gerührt.
»Und du konntest vorher von deinen Großtaten bei einer schwerhörigen Fürstin erzählen! Ach, Aljoscha, Aljoscha!« rief sie, ihn vorwurfsvoll anblickend. »Nun, und wie benahm sich Katja? War sie froh und heiter, als sie dich entließ?«
»Ja, sie freute sich darüber, daß sie eine gute Tat tun konnte; aber sie weinte. Denn sie liebt mich ja ebenfalls, Natascha! Sie gestand, daß sie bereits angefangen habe, mich zu lieben; sie komme nur mit wenigen Menschen zusammen, und ich hätte ihr schon längst gefallen; sie schätze mich besonders deswegen hoch, weil um sie herum alles List und Lüge sei, ich ihr aber ein aufrichtiger, ehrlicher Mensch zu sein scheine. Sie stand auf und sagte: ›Nun, Gott stehe Ihnen bei, Alexei Petrowitsch; ich hatte gedacht…‹ Sie sprach nicht zu Ende, fing an zu weinen und ging hinaus. Wir haben verabredet, daß sie gleich morgen ihrer Stiefmutter sagen soll, sie wolle nicht meine Frau werden, und daß auch ich gleich morgen meinem Vater alles sagen und mit Mut und Festigkeit sprechen soll. Sie machte mir Vorwürfe, weshalb ich nicht schon früher mit ihm geredet hätte; ›ein rechtschaffener Mensch darf sich vor nichts fürchten!‹ sagte sie. Sie hat eine so edle Denkungsart. Meinen Vater mag sie ebenfalls nicht leiden; sie sagt, er sei listig und trachte nach Geld. Ich suchte ihn zu verteidigen, aber sie glaubte mir nicht. Wenn es mir morgen bei meinem Vater nicht gelingt (und sie hält es für sehr wahrscheinlich, daß es mir nicht gelingen wird), dann ist sie damit einverstanden, daß wir meine Gönnerin, die Fürstin K., um ihren Schutz zu bitten. Wenn sie ihn uns gewährt, dann wird niemand von ihnen wagen, gegen uns anzukämpfen. Wir beide haben einander das Wort darauf gegeben, daß wir zueinander wie Bruder und Schwester sein wollen. Oh, wenn du auch ihre Geschichte kenntest, wie unglücklich sie sich fühlt, mit welchem Widerwillen ihr Leben bei der Stiefmutter und diese ganze Umgebung sie erfüllt! Sie hat mir das nicht geradezu gesagt; es machte den Eindruck, als ob sie sich auch vor mir scheute, das auszusprechen; aber ich habe es aus einigen Worten entnommen. Ach, Natascha, du mein Herz! wie entzückt würde sie von dir sein, wenn sie dich sähe! Und was hat sie für ein gutes Herz! Es verkehrt sich mit ihr so leicht! Ihr beide seid dazu geschaffen, einander Schwestern zu sein, und müßt einander lieben. Ich habe immer darüber nachgedacht. Und wirklich: ich müßte euch beide zusammenführen und würde dann selbst danebenstehen und euch voll Entzücken betrachten. Denke nichts Schlechtes, Nataschenka, und erlaube mir, von ihr zu reden! Es macht mir eine besondere Freude, mit dir von ihr zu sprechen und mit ihr von dir. Du weißt ja, daß ich dich mehr liebe als jeden anderen Menschen, auch mehr als sie… Du bist mein ein und alles!«
Natascha blickte ihn, ohne ein Wort zu sagen, freundlich und mit einer Art von stiller Traurigkeit an. Seine Worte schienen sie zu erfreuen und ihr gleichzeitig Pein zu bereiten.
»Und schon seit längerer Zeit, schon vor zwei Wochen, habe ich Katja schätzengelernt«, fuhr er fort. »Ich bin ja jeden Abend bei ihnen gewesen, und wenn ich dann nach Hause zurückgekehrt war, dann habe ich oftmals immerzu an euch beide gedacht und euch miteinander verglichen.«
»Und welche von uns beiden erschien dir dann als die bessere?« fragte Natascha lächelnd.
»Manchmal du, manchmal sie. Aber du trugst doch schließlich immer den Sieg davon. Wenn ich aber mit ihr spreche, so habe ich immer die Empfindung, daß ich selbst gewissermaßen besser, verständiger und edler werde. Aber morgen, morgen wird sich alles entscheiden.«
»Und tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich ja; du sagst, daß sie das selbst ausgesprochen habe?«
»Ja, sie tut mir leid, Natascha! Aber wir werden alle drei einander lieben, und dann…«
»Und dann lebe wohl!« sagte Natascha leise, wie vor sich hin.
Aljoscha blickte sie erstaunt an.
Aber unser Gespräch wurde auf einmal in einer ganz unerwarteten Weise unterbrochen. Aus der Küche, die zugleich als Vorzimmer diente, wurde ein leichtes Geräusch vernehmbar, wie wenn jemand hereinkäme. Einen Augenblick darauf öffnete Mawra die Tür und winkte mit dem Kopf Aljoscha verstohlen zu, er möchte herauskommen. Wir alle wandten uns zu ihr hin.
»Da fragt jemand nach Ihnen; bitte, kommen Sie heraus!« flüsterte sie geheimnisvoll.
»Wer kann jetzt nach mir fragen?« sagte Aljoscha, sie erstaunt anblickend. »Ich komme!«
In der Küche stand ein Diener des Fürsten, seines Vaters, in Livree. Dieser teilte ihm mit, der Fürst habe auf der Rückfahrt nach Hause die Equipage bei Nataschas Wohnung halten lassen und ihn hinaufgeschickt, um sich zu erkundigen, ob Aljoscha da sei. Nach dieser Mitteilung ging der Diener sogleich wieder fort.
»Sonderbar! Das ist noch nie dagewesen!« sagte Aljoscha, uns verwirrt anblickend. »Was hat das zu bedeuten?«
Auch Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete Mawra wieder die Zimmertür.
»Er kommt selbst, der Fürst!« sagte sie hastig flüsternd und verschwand sofort wieder.
Natascha wurde blaß und erhob sich von ihrem Platz. Ihre Augen fingen auf einmal an zu glühen. Sie stand, sich leicht auf den Tisch stützend, da und blickte aufgeregt nach der Tür, durch die der unerwartete Gast eintreten mußte.
»Natascha, fürchte dich nicht; ich bin bei dir! Ich werde dich nicht beleidigen lassen«, flüsterte Aljoscha, der zwar verwirrt war, aber nicht die Fassung verloren hatte.
Die Tür öffnete sich, und auf der Schwelle erschien Fürst Walkowski in eigener Person.
Zweites Kapitel
Er überschaute uns mit einem schnellen, forschenden Blick. Aus diesem Blick war noch nicht zu entnehmen, ob er als Feind oder als Freund gekommen war. Aber ich will sein Äußeres eingehend beschreiben. Er machte an diesem Abend auf mich einen besonders starken Eindruck.
Ich hatte ihn schon früher gesehen. Er war ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, nicht älter, mit regelmäßigen, außerordentlich schönen Gesichtszügen, deren Ausdruck sich nach den Umständen veränderte, aber in schroffer Art, vollständig und mit auffälliger Schnelligkeit, so daß er von der größten Freundlichkeit zur ärgsten Verdrossenheit und Unzufriedenheit überging, gerade als ob ein innerer Mechanismus in Bewegung gesetzt wäre. Das regelmäßige Oval des etwas gebräunten Gesichtes, die vorzüglichen Zähne, die kleinen, ziemlich schmalen Lippen, die schön geformte, gerade, etwas längliche Nase, die hohe Stirn, auf der noch nicht die kleinste Runzel sichtbar war, die grauen, ziemlich großen Augen: alles dies zusammen ließ ihn beinah als einen schönen Mann erscheinen; aber dabei wirkte sein Gesicht dennoch nicht angenehm. Dieses Gesicht machte dadurch einen abstoßenden Eindruck, daß sein Ausdruck nicht echt, sondern immer erkünstelt, beabsichtigt, angenommen erschien; es bildete sich bei einem die dunkle Vorstellung, daß man niemals den wahren Gesichtsausdruck zu sehen bekommen werde. Wenn man schärfer hinsah, so begann man zu argwöhnen, daß hinter der stets getragenen Maske Bosheit, List und ärgster Egoismus stecken. Besonders zogen die auf den ersten Blick so schönen, offenen, grauen Augen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie waren das einzige Stück, das er, wie es schien, durch seinen Willen nicht zu völligem Gehorsam zwingen konnte. Auch wenn er mild und freundlich aussehen wollte, waren die von seinen Augen ausgehenden Strahlen zwiefacher Art, und zwischen milden und freundlichen blitzten strenge, mißtrauische, forschende, böse auf… Er war von ziemlich hoher Statur, von elegantem Aussehen, etwas hager und schien jünger zu sein, als er wirklich war. In seinem dunkelblonden, weichen Haar war kaum ein Ansatz von Grau zu bemerken. Seine Ohren, seine Hände, seine Füße waren erstaunlich wohlgebildet. Er war von einer durchaus rassigen Schönheit. Seine Kleidung war stets von auserlesener Eleganz und Frische, hatte aber etwas Jugendliches, was ihm indessen gut stand. Er schien Aljoschas älterer Bruder zu sein. Wenigstens konnte ihn niemand für den Vater eines so erwachsenen Sohnes halten.
Er ging gerade auf Natascha zu und sagte, indem er sie fest anblickte:
»Mein Erscheinen bei Ihnen zu einer solchen Stunde und ohne Anmeldung ist allerdings seltsam und läuft den üblichen Regeln zuwider; aber hoffentlich trauen Sie mir wenigstens zu, daß ich mir des Ungewöhnlichen meiner Handlungsweise in vollem Umfang bewußt bin. Ich weiß auch, mit wem ich es zu tun habe; ich weiß, daß Sie scharfsichtig und hochgesinnt sind. Schenken Sie mir nur zehn Minuten, und ich hoffe, Sie selbst werden mich verstehen und mein Benehmen erklärlich finden.« Er sagte das alles höflich, aber in kräftigem, energischem Ton.
»Bitte, nehmen Sie Platz!« erwiderte Natascha, die sich von der ersten Verwirrung und einer gewissen Angst noch nicht hatte frei machen können.
Er machte eine leichte Verbeugung und setzte sich. »Gestatten Sie mir zunächst, ein paar Worte zu ihm zu sagen«, begann er, auf seinen Sohn zeigend. »Aljoscha, als du weggefahren warst, ohne auf mich zu warten und sogar ohne dich von uns zu verabschieden, wurde der Gräfin gemeldet, daß Katerina Fjodorowna sich nicht wohl fühle. Sie wollte zu ihr eilen; aber Katerina Fjodorowna kam plötzlich selbst zu uns herein, ganz verstört und in großer Aufregung. Sie sagte uns geradezu, sie könne nicht deine Frau werden, und fügte hinzu, sie werde in ein Kloster gehen; du habest sie um Hilfe gebeten und ihr selbst bekannt, daß du Natalja Nikolajewna liebst. Diese überraschende Erklärung von seiten Katerina Fjodorownas, und noch dazu in einem solchen Augenblick, war selbstverständlich durch das äußerst sonderbare Gespräch veranlaßt worden, das du mit ihr hattest. Sie war ganz außer sich. Du kannst dir mein Erstaunen und meinen Schreck denken. Als ich jetzt hier vorbeifuhr, bemerkte ich in Ihren Fenstern Licht«, fuhr er, zu Natascha gewendet, fort. »Da gewann ein Gedanke, der mir schon lange im Kopf herumgegangen war, dermaßen Gewalt über mich, daß ich nicht imstande war, mich meinem ersten Impuls zu widersetzen, und zu Ihnen hereinkam. Warum? Das werde ich sogleich sagen, bitte Sie aber im voraus, sich über eine gewisse Schärfe meiner Mitteilung nicht zu wundern. Das alles ist so plötzlich gekommen …«
»Ich hoffe, daß ich imstande bin, das, was Sie sagen werden, zu verstehen und … gebührendermaßen zu würdigen«, erwiderte Natascha stockend.
Der Fürst blickte sie unverwandt an, wie wenn er in einem Augenblick ihr ganzes Wesen ergründen wolle.
»Ich hoffe auf Ihren klaren Verstand«, fuhr er fort, »und wenn ich mir erlaubt habe, jetzt zu Ihnen zu kommen, so habe ich es namentlich deswegen getan, weil ich wußte, mit wem ich es zu tun habe. Ich kenne Sie schon lange, wiewohl ich ehemals ungerecht gegen Sie gewesen bin und Ihnen unrecht getan habe. Hören Sie zu: Sie wissen, daß zwischen mir und Ihrem Vater seit langer Zeit ein unerfreuliches Verhältnis besteht. Ich will mich nicht rechtfertigen; vielleicht bin ich ihm gegenüber mehr im Unrecht, als ich bisher geglaubt habe. Aber wenn es so ist, so bin ich selbst getäuscht worden. Ich bin mißtrauisch und bin mir dessen bewußt. Ich neige dazu, eher Schlechtes als Gutes zu vermuten, ein unglücklicher Charakterzug, der auf Rechnung meines ausgetrockneten Herzens kommt. Aber ich bin nicht gewohnt, meine Fehler zu verheimlichen. Ich habe allem möglichen Gerede Glauben geschenkt, und als Sie Ihre Eltern verließen, habe ich um Aljoscha gebangt. Aber damals kannte ich Sie noch nicht. Die von mir eingeholten Erkundigungen haben mich allmählich vollständig beruhigt. Ich habe Sie beobachtet, Sie studiert und mich schließlich überzeugt, daß mein Verdacht unbegründet war. Ich erfuhr, daß Sie sich mit Ihren Eltern überworfen haben; ich weiß auch, daß Ihr Vater mit aller Kraft gegen Ihre Ehe mit meinem Sohn ist. Und schon allein der Umstand, daß Sie trotz Ihres Einflusses auf Aljoscha, ja man kann sagen, trotz Ihrer Gewalt über ihn, doch bisher von dieser Gewalt keinen Gebrauch gemacht und ihn nicht veranlaßt haben; Sie zu heiraten, schon allein dieser Umstand zeigt Sie von einer sehr guten Seite. Und doch (ich will Ihnen alles offen bekennen) nahm ich mir damals vor, jede Möglichkeit Ihrer Verheiratung mit meinem Sohn mit aller Kraft zu verhindern. Ich weiß, daß ich mich zu offenherzig ausspreche; aber in diesem Augenblick ist Offenherzigkeit von meiner Seite durchaus notwendig; Sie werden mir darin selbst zustimmen, wenn Sie mich bis zu Ende angehört haben werden. Bald nachdem Sie Ihr Elternhaus verlassen hatten, fuhr ich aus Petersburg weg; aber als ich wegfuhr, war mir um Aljoscha nicht mehr bange. Ich setzte meine Hoffnung auf Ihren edlen Stolz. Ich begriff, daß Sie selbst die Heirat nicht vor der Beendigung unseres Familienzwistes wünschten; daß Sie das gute Einvernehmen zwischen mir und Aljoscha nicht stören wollten, weil ich ihm niemals die Verheiratung mit Ihnen verziehen haben würde; daß Sie auch die üble Nachrede zu vermeiden wünschten, als hätten Sie es auf einen fürstlichen Bräutigam und auf eine Verbindung mit unserem Haus abgesehen gehabt. Im Gegenteil, Sie legten sogar eine gewisse Geringschätzung gegen uns an den Tag und warteten vielleicht auf den Augenblick, wo ich selbst zu Ihnen kommen und Sie bitten würde, uns die Ehre zu erweisen und meinem Sohn Ihre Hand zu reichen. Aber trotzdem blieb ich hartnäckig Ihr Gegner. Ich will mich nicht zu rechtfertigen suchen, möchte Ihnen aber meine Gründe nicht verheimlichen. Es sind folgende: Sie sind nicht von vornehmer Herkunft und nicht reich. Ich meinerseits besitze zwar ein gewisses Vermögen, aber wir brauchen noch mehr. Unsere Familie befindet sich im Verfall. Wir müssen nach Konnexionen und Geld trachten. Die Stieftochter der Gräfin Sinaida Fjodorowna hat zwar keine Konnexionen, aber sie ist sehr reich. Hätte ich gezögert, so wären andere Bewerber auf dem Plan erschienen und hätten uns die Braut weggefischt; wir durften uns aber eine so günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen, und obgleich Aljoscha noch sehr jung ist, beschloß ich dennoch, ihn zu verheiraten. Sie sehen, ich verberge Ihnen nichts. Sie können mit Geringschätzung auf einen Vater blicken, der selbst eingesteht, daß er aus Habsucht und Vorurteil seinen Sohn zu einer schlechten Handlung verleiten wollte; denn ein hochgesinntes Mädchen zu verlassen, das ihm alles zum Opfer gebracht hat und demgegenüber sein Vergehen ein so großes ist, das ist in der Tat eine schlechte Handlung. Aber ich will mich nicht zu rechtfertigen suchen. Der zweite Grund für die beabsichtigte Verheiratung meines Sohnes mit der Stieftochter der Gräfin Sinaida Fjodorowna war der, daß dieses junge Mädchen im höchsten Grad liebenswürdig und achtenswert ist. Sie ist schön und besitzt eine ausgezeichnete Bildung, einen vorzüglichen Charakter und einen guten Verstand, obwohl sie in vielen Dingen noch ein Kind ist. Aljoscha ist charakterlos, leichtsinnig, sehr unverständig, mit zweiundzwanzig Jahren noch vollständig Kind und besitzt vielleicht nur einen Vorzug: ein gutes Herz, eine Eigenschaft, die aber neben solchen Mängeln sogar gefährlich ist. Ich hatte schon lange gemerkt, daß mein Einfluß auf ihn im Schwinden begriffen ist: jugendliche Hitze und Schwärmerei machen sich geltend und tragen sogar über manche wirklichen Pflichten den Sieg davon. Ich liebe ihn vielleicht zu sehr; aber ich bin überzeugt, daß meine alleinige Leitung für ihn nicht ausreichend ist. Aber dabei muß er unbedingt unter jemandes beständiger, wohltätiger Einwirkung stehen. Er ist seinem ganzen Wesen nach fügsam, schwach, liebevoll und mag eher lieben und gehorchen als befehlen. Und so wird er sein ganzes Leben lang bleiben. Sie können sich vorstellen, wie ich mich freute, als ich in Katerina Fjodorowna das Ideal des Mädchens fand, das ich meinem Sohn zur Frau wünschte. Aber meine Freude kam zu spät; über ihn herrschte bereits unerschütterlich ein anderer Einfluß, der Ihrige. Ich beobachtete ihn genau, als ich vor einem Monat nach Petersburg zurückkehrte, und bemerkte an ihm mit Erstaunen eine bedeutende Veränderung zum Besseren. Der Leichtsinn und die Kindlichkeit sind bei ihm noch fast dieselben geblieben; aber gewisse edle Instinkte haben in seiner Seele an Kraft gewonnen; er beginnt sich für andere Dinge als für bloße Spielereien zu interessieren, für Hohes, Edles, Ehrenhaftes. Seine Anschauungen sind sonderbar, unsicher und mitunter absurd; aber seine Wünsche, seine Bestrebungen, sein Herz sind besser; und das ist doch die Grundlage für alles; und alles dies, was in seiner Seele Besseres vorhanden ist, rührt unstreitig von Ihnen her. Sie haben ihn umgewandelt. Ich gestehe Ihnen, es huschte mir gleich damals der Gedanke durch den Kopf, daß Sie vielleicht mehr als sonst jemand imstande seien, ihn glücklich zu machen. Aber ich verscheuchte diesen Gedanken; ich mochte derartiges nicht denken. Ich wollte ihn um jeden Preis von Ihnen losreißen; ich begann in diesem Sinn zu operieren und glaubte schon, mein Ziel erreicht zu haben. Noch vor einer Stunde meinte ich, daß der Sieg auf meiner Seite sei. Aber der Vorfall im Haus der Gräfin hat mit einem Male alle meine Annahmen umgestoßen, und vor allem hat mich eine unerwartete Tatsache frappiert: diese auffällige Energie bei Aljoscha, die Festigkeit, Hartnäckigkeit und Lebenskraft seiner Neigung zu Ihnen. Ich wiederhole Ihnen: Sie haben ihn endgültig umgewandelt. Ich sah auf einmal, daß die Veränderung bei ihm noch weiter ging, als ich angenommen hatte. Heute hat er plötzlich mir gegenüber einen Verstand an den Tag gelegt, den ich in keiner Weise bei ihm vorausgesetzt hatte, und gleichzeitig eine außerordentliche Feinfühligkeit, einen Scharfsinn des Herzens. Er hat an die edelste Fähigkeit des Menschenherzens appelliert, nämlich an die Fähigkeit, zu verzeihen und Böses mit Gutem zu vergelten. Er hat sich in die Gewalt eines Wesens gegeben, das er gekränkt hatte, und gerade zu diesem Wesen mit der Bitte um Teilnahme und Hilfe seine Zuflucht genommen. Er hat den ganzen Stolz eines Mädchens aufgeregt, das ihn bereits liebte, indem er ihr geradezu bekannte, daß sie eine Rivalin habe, und hat sie gleichzeitig dahingebracht, für diese Rivalin eine herzliche Teilnahme zu empfinden, ihm selbst aber zu verzeihen und ihm eine selbstlose schwesterliche Freundschaft zu versprechen. Eine solche Auseinandersetzung vorzunehmen und gleichzeitig dabei jede Kränkung und Beleidigung zu vermeiden, dazu sind manchmal selbst die klügsten, gewandtesten Leute nicht fähig, wohl aber gerade ein frisches, reines, gut geleitetes Herz wie das seinige. Ich bin überzeugt, daß Sie Natalja Nikolajewna, bei seiner heutigen Handlung mit keinem Wort und keinem Rat mitgewirkt haben. Sie haben vielleicht alles erst soeben aus seinem Mund gehört? Ist es nicht so?«
»Sie irren sich nicht«, erwiderte Natascha; ihr ganzes Gesicht glühte, und ihre Augen strahlten wie die einer Begeisterten in einem eigentümlichen Glanz. Die Beredsamkeit des Fürsten begann ihre Wirkung zu tun. »Ich habe Aljoscha fünf Tage lang nicht gesehen«, fügte sie hinzu. »Diesen ganzen Plan hat er allein ausgesonnen und allein zur Ausführung gebracht.«
»Sicherlich ist es so«, stimmte ihr der Fürst bei; »aber trotzdem ist sein unerwarteter Scharfsinn, seine Entschlossenheit, sein Pflichtgefühl und endlich diese seine ganze edle Festigkeit, das alles ist die Folge Ihres Einflusses auf ihn. All dies habe ich soeben auf der Fahrt zu mir nach Hause gründlich erwogen und überlegt; nachdem ich aber diese Überlegung angestellt hatte, fühlte ich plötzlich in mir die Kraft, eine Entscheidung zu treffen. Unsere Brautwerbung im Haus der Gräfin ist zerstört und läßt sich nicht wieder in Gang bringen; aber selbst wenn dies möglich wäre, so soll es doch jetzt nicht mehr geschehen. Habe ich mich doch selbst überzeugt, daß Sie die einzige sind, die ihn glücklich machen kann, daß Sie die richtige Führerin für ihn sind, daß Sie bereits das Fundament zu seinem künftigen Glück gelegt haben! Ich habe Ihnen nichts verheimlicht und will es auch jetzt nicht tun: ich liebe sehr eine gute Karriere, Geld, Vornehmheit, sogar hohen Rang; mit vollem Bewußtsein halte ich vieles davon für Vorurteil; aber ich liebe diese Vorurteile und habe entschieden keine Neigung, mich ihrer zu entäußern. Aber es gibt Situationen, wo man auch andere Erwägungen zur Geltung kommen lassen muß und wo man nicht alles mit demselben Maß messen darf … Außerdem liebe ich meinen Sohn von ganzem Herzen. Kurz, ich bin zu dem Resultat gelangt, daß Aljoscha nicht von Ihnen getrennt werden darf, da er ohne Sie zugrunde gehen würde. Und soll ich es gestehen? Es ist vielleicht schon einen ganzen Monat her, daß ich mir das gesagt habe, und erst jetzt habe ich selbst erkannt, daß ich damit das Richtige getroffen hatte. Allerdings hätte ich, um Ihnen dies alles auszusprechen, Sie auch morgen besuchen können, statt Sie fast um Mitternacht zu stören. Aber meine jetzige Eile wird Ihnen vielleicht ein Beweis dafür sein, mit welchem Eifer und vor allen Dingen mit welcher Offenheit ich in dieser Sache vorgehe. Ich bin kein Knabe; es wäre mir in meinen Jahren unmöglich, mich zu einem unüberlegten Schritt zu entschließen. Als ich hier eintrat, war alles schon erwogen und beschlossen. Aber ich fühle, daß ich noch lange werde warten müssen, bis es mir gelingt, Sie völlig von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen … Aber zur Sache! Brauche ich Ihnen jetzt erst noch zu erklären, wozu ich hierhergekommen bin? Ich bin gekommen, um Ihnen gegenüber meine Pflicht zu erfüllen, und feierlich und mit unbegrenzter Hochachtung bitte ich Sie, meinen Sohn dadurch glücklich zu machen, daß Sie ihm Ihre Hand reichen. Oh? glauben Sie nicht, daß ich hier wie ein grausamer Vater erschienen bin, der sich endlich entschlossen hat, seinen Kindern zu verzeihen und seine gnädige Zustimmung zu ihrem Glück zu geben. Nein, nein! Sie würden mir unrecht tun, wenn Sie eine solche Gesinnung bei mir annähmen. Glauben Sie auch nicht, daß ich im Hinblick auf alles, was Sie für meinen Sohn zum Opfer gebracht haben, schon im voraus von Ihrer Einwilligung überzeugt war; auch das ist nicht richtig! Ich werde der erste sein, der da laut erklärt, daß mein Sohn Ihrer nicht würdig ist, und … (er hat ja ein gutes, reines Herz) er selbst wird das bestätigen. Aber das ist noch nicht alles. Dies ist nicht der einzige Grund, der mich zu solcher Stunde hierhergeführt hat … ich bin hergekommen« (hier erhob er sich respektvoll und mit einer gewissen Feierlichkeit von seinem Platz), »ich bin hergekommen, um Ihr Freund zu werden! Ich weiß, daß ich darauf nicht das geringste Recht habe, im Gegenteil! Aber … gestatten Sie mir, dieses Recht zu verdienen! Gestatten Sie mir, zu hoffen! …«
Er verbeugte sich respektvoll vor Natascha und wartete auf ihre Antwort. Die ganze Zeit über, während er sprach, hatte ich ihn aufmerksam beobachtet. Er hatte dies bemerkt.
Er hatte in kühler Manier gesprochen, mit einer Art von rhetorischer Färbung und an manchen Stellen selbst mit einer gewissen Lässigkeit. Der Ton seiner Rede hatte sogar mitunter nicht zu dem Impuls gepaßt, der ihn zu einer für einen ersten Besuch und namentlich unter solchen Verhältnissen unpassenden Stunde zu uns geführt hatte. Einige Ausdrücke, derer er sich bedient hatte, hatte er sich augenscheinlich vorher zurechtgelegt, und an manchen Stellen seiner langen und durch ihre Länge befremdenden Rede hatte er sich künstlich den Anschein eines wunderlichen Kauzes gegeben, der das hervorbrechende Gefühl unter der Maske des Humors, der Ungeniertheit und des Scherzes zu verbergen sucht. Aber das alles legte ich mir erst später zurecht; damals war es mir noch nicht so klargeworden. Die letzten Worte hatte er mit solcher Lebhaftigkeit und mit so tiefer Empfindung, mit einer solchen Miene der aufrichtigsten Hochachtung vor Natascha gesprochen, daß wir alle davon überwältigt waren. An seinen Wimpern schimmerte sogar etwas wie Tränen. Nataschas edles Herz hatte er vollständig besiegt. Nach ihm erhob auch sie sich von ihrem Platz und streckte ihm schweigend in tiefer Erregung die Hand hin: Er ergriff dieselbe und führte sie zärtlich und gefühlvoll an seine Lippen. Aljoscha war vor Entzücken ganz außer sich.
»Was habe ich dir gesagt, Natascha? rief er. »Du hast mir nicht geglaubt! Du hast nicht geglaubt, daß er der edelste Mensch der «Welt ist! Nun siehst du es selbst, nun siehst du es selbst!«
Er stürzte zu seinem Vater hin und umarmte ihn feurig. Dieser erwiderte die Umarmung ebenso, beeilte sich aber dann, die empfindsame Szene abzukürzen, als ob er sich schäme, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
»Nun genug!« sagte er und griff nach seinem Hut. »Ich gehe jetzt. Ich hatte Sie nur um zehn Minuten gebeten und habe eine ganze Stunde hier gesessen«, fügte er lächelnd hinzu. »Aber ich gehe, voll der heißesten Ungeduld, Sie möglichst bald wiederzusehen. Wollen Sie mir erlauben, Sie so oft wie möglich zu besuchen?«
»Ja, ja!« antwortete Natascha; »so oft wie möglich! Ich möchte Sie recht schnell … liebgewinnen …«, fügte sie in ihrer Verwirrung hinzu.
»Wie aufrichtig und ehrlich Sie sind!« sagte der Fürst, über ihre Worte lächelnd. »Nicht einmal um eine einfache Höflichkeit zu sagen, mögen Sie sich verstellen. Aber Ihre Aufrichtigkeit ist mehr wert als all diese falschen Höflichkeiten. Ja! Ich bin mir bewußt, daß es lange, lange dauern wird, bis ich Ihre Liebe werde verdient haben!«
»Hören Sie auf, loben Sie mich nicht … Lassen Sie es genug sein!« flüsterte Natascha verlegen.
Wie schön sie in diesem Augenblick war!
»Nun gut!« sagte der Fürst abschließend. »Aber noch ein paar Worte zur Sache. Können Sie sich vorstellen, wie unglücklich ich bin! Ich kann nämlich morgen nicht zu Ihnen kommen, weder morgen noch übermorgen. Heute abend habe ich einen für mich außerordentlich wichtigen Brief erhalten; er verlangt meine unverzügliche Mitwirkung bei einer gewissen Angelegenheit, und ich kann mich dem auf keine Weise entziehen. Morgen vormittag reise ich von Petersburg weg. Bitte, glauben Sie nicht, daß ich eben deshalb so spät zu Ihnen gekommen bin, weil ich morgen und übermorgen keine Zeit dazu gehabt hätte. Selbstverständlich glauben Sie das ja auch gar nicht; aber da haben Sie eben gleich ein Pröbchen meines argwöhnischen Wesens! Warum habe ich gedacht, daß Sie das jedenfalls glauben würden? Ja, dieses argwöhnische Wesen ist mir in meinem Leben schon oft hinderlich gewesen, und mein ganzes Zerwürfnis mit Ihrer Familie ist vielleicht nur die Folge dieses meines bedauerlichen Charakterzuges! … Heute haben wir Dienstag. Mittwoch, Donnerstag und Freitag werde ich nicht in Petersburg sein. Am Sonnabend aber hoffe ich bestimmt zurückzukehren und werde mich gleich an diesem Tag bei Ihnen einstellen. Sagen Sie, darf ich auf den ganzen Abend zu Ihnen kommen?«
»Gewiß, gewiß!« rief Natascha. »Ich werde Sie Sonnabend abends erwarten! Mit Ungeduld werde ich Sie erwarten!«
»Wie glücklich ich doch bin! Ich werde Sie immer näher kennenlernen! Aber nun gehe ich! Und doch kann ich nicht fortgehen, ohne auch Ihnen die Hand gedrückt zu haben«, fuhr er, sich plötzlich zu mir wendend, fort. »Entschuldigen Sie! Wir reden jetzt alle so ohne rechten Zusammenhang … Ich hatte schon mehrmals das Vergnügen, mit Ihnen zusammenzutreffen, und wir sind einander sogar einmal vorgestellt worden. Ich kann nicht von hier fortgehen, ohne es Ihnen auszusprechen, wie angenehm es mir sein würde, die Bekanntschaft mit Ihnen zu erneuern.«
»Ich bin mit Ihnen bereits zusammengetroffen, das ist richtig«, antwortete ich, indem ich seine dargebotene Hand ergriff; »aber, Pardon, ich erinnere mich nicht, mit Ihnen bekannt geworden zu sein.«
»Beim Fürsten R. im vorigen Jahr.«
»Pardon, ich habe es vergessen. Aber ich versichere Sie, dieses Mal werde ich es nicht vergessen. Dieser Abend wird mir ein besonders denkwürdiger sein.«
»Ja, Sie haben recht; auch mir. Ich weiß schon seit langer Zeit, daß Sie Natalja Nikolajewnas und meines Sohnes wahrer, aufrichtiger Freund sind. Ich hoffe, zu Ihnen dreien der vierte zu sein. Nicht wahr?« fügte er, zu Natascha gewendet, hinzu.
»Ja, er ist unser aufrichtiger Freund, und wir müssen alle zusammenbleiben!« antwortete Natascha mit tiefer Empfindung.
Die Ärmste! Sie strahlte nur so vor Freude, als sie sah, daß der Fürst nicht vergessen hatte, sich auch an mich zu wenden. Wie sie mich liebte!
»Ich habe schon viele Verehrer Ihres Talentes getroffen«, fuhr der Fürst fort, »und kenne zwei Damen, welche Ihre aufrichtigen Gönnerinnen sind. Es wird ihnen sehr angenehm sein, Sie persönlich kennenzulernen. Es ist dies die Gräfin, meine beste Freundin, und ihre Stieftochter Katerina Fjodorowna Filimonowa. Lassen Sie mich hoffen, daß Sie mir das Vergnügen gönnen werden, Sie diesen Damen vorzustellen.«
»Es ist mir sehr schmeichelhaft, obwohl ich jetzt nur sehr wenige Bekanntschaften unterhalte …«
»Aber mir werden Sie doch Ihre Adresse geben! Wo wohnen Sie? Ich werde das Vergnügen haben …«
»Ich empfange bei mir zu Hause keine Besuche, Fürst, wenigstens vorläufig nicht.«
»Wenn ich auch nicht verdiene, daß Sie für mich eine Ausnahme machen, so hoffe ich doch …«
»Nun, wenn Sie es denn verlangen, so wird es auch mir sehr angenehm sein. Ich wohne in der …-Gasse, im Klugenschen Haus.«
»Im Klugenschen Haus!« rief er, als wenn er durch etwas überrascht wäre. »Soso! Wohnen Sie dort schon lange?«
»Nein, noch nicht lange«, versetzte ich, ihn unwillkürlich schärfer ansehend. »Meine Wohnung hat die Nummer vierundvierzig.«
»Vierundvierzig? Wohnen Sie da allein?«
»Ja, ganz allein.«
»N-ja! Ich frage, weil mir ist, als ob ich dieses Haus kenne. Um so besser … Ich werde Sie bestimmt aufsuchen, ganz bestimmt! Ich habe über viele Dinge mit Ihnen zu reden und erwarte von Ihnen viel. Sie können mich in vieler Hinsicht zu Dank verpflichten. Sehen Sie, ich fange ohne weiteres mit einer Bitte an. Aber nun: auf Wiedersehen! Ich bitte noch einmal um Ihre Hand!«
Er drückte mir und Aljoscha die Hand, küßte noch einmal die Hand Nataschas und ging weg, ohne daß er Aljoscha aufgefordert hätte, mit ihm zu kommen.
Wir drei blieben in großer Erregung zurück. All dies hatte sich so plötzlich, so unerwartet begeben. Wir alle hatten die Empfindung, daß sich in einem Augenblick alles verändert habe und nun ein neuer, ganz andersartiger Zustand beginne. Aljoscha setzte sich schweigend neben Natascha und küßte ihr still die Hand. Ab und zu blickte er ihr ins Gesicht, als warte er, was sie nun sagen werde.
»Liebster Aljoscha, fahre gleich morgen zu Katerina Fjodorowna hin!« sagte sie endlich.
»Ich habe selbst schon daran gedacht«, erwiderte er. »Ich will es unter allen Umständen tun.«
»Vielleicht wird es ihr aber peinlich sein, dich zu sehen … Wie willst du es anfangen, ihr diese Mitteilung zu machen?«
»Ich weiß es nicht, Liebste. Ich habe auch schon daran gedacht. Ich werde hingehen und sie sehen … dann wird es sich finden … Aber was sagst du dazu, Natascha? Jetzt hat sich doch bei uns alles geändert!« fuhr er fort, nicht imstande, diesen Ausruf zurückzuhalten.
Sie lächelte und sah ihn mit einem langen, zärtlichen Blick an.
»Und wie zartfühlend er ist! Er sah, was du für eine ärmliche Wohnung hast; aber er hat kein Wort davon gesagt, daß …«
»Wovon?«
»Nun … daß du in eine andere Wohnung ziehen solltest … oder so etwas«, fügte er errötend hinzu.
»Aber ich bitte dich, Aljoscha! Wie hätte er das auch sagen können!«
»Das sage ich ja eben, daß er so zartfühlend ist. Und wie er dich gelobt hat! Ich habe es dir ja gesagt, ich habe es dir gesagt! Nein, er hat für alles Verständnis und vermag alles nachzufühlen! Von mir aber hat er wie von einem Kind gesprochen; alle denken sie so von mir! Nun ja, ich bin ja auch wirklich noch ein Kind.«
»Du bist ein Kind; aber du siehst schärfer als wir alle. Du hast ein gutes Herz, Aljoscha!«
»Aber er hat gesagt, daß mein gutes Herz mir zum Schaden gereicht. Wie soll das zugehen? Das verstehe ich nicht. Aber weißt du was, Natascha: soll ich nicht schnell zu ihm fahren? Morgen in aller Frühe bin ich wieder bei dir.«
»Fahre hin, fahre hin, lieber Aljoscha! Das ist ein guter Gedanke von dir. Und zeige dich ihm jedenfalls heute noch, hörst du wohl? Und morgen komm möglichst früh wieder her! Jetzt wirst du nicht mehr fünf Tage lang von mir fernbleiben?« fügte sie schelmisch mit einem freundlichen Blick hinzu.
Wir waren alle von einem stillen, aber starken Gefühl der Freude erfüllt.
»Kommen Sie mit mir mit, Wanja?« fragte Aljoscha, als er das Zimmer verließ.
»Nein, er bleibt noch hier; ich habe noch mit dir zu reden, Wanja. Vergiß nur nicht: morgen in aller Frühe!«
»Jawohl, in aller Frühe! Adieu, Mawra!«
Mawra befand sich in starker Aufregung. Sie hatte alles gehört, was der Fürst gesagt hatte, alles erlauscht, aber vieles nicht begriffen. Sie hätte jetzt gern gefragt und sich über alles unterrichtet. Aber einstweilen nahm sie eine sehr ernste und sogar stolze Miene an. Auch sie erriet, daß sich vieles geändert hatte.
Wir blieben allein. Natascha ergriff meine Hand und schwieg eine Zeitlang, wie wenn sie überlegte, was sie sagen sollte.
»Ich bin so müde!« sagte sie endlich mit schwacher Stimme. »Höre: du gehst doch wohl morgen zu ihnen?«
»Ja, bestimmt.«
»Sage es Mama, aber ihm nicht!«
»Ich rede ja auch sowieso mit ihm niemals von dir.«
»Nun ja, er wird es auch ohne das erfahren. Achte aber darauf, was er sagen wird, wie er es aufnimmt. O Gott, Wanja! Wird er mich denn wirklich um dieser Ehe willen verfluchen? Nein, es ist nicht möglich!«
»Der Fürst muß alles in Ordnung bringen«, fiel ich eilig ein. »Er muß sich unbedingt mit ihm versöhnen, und dann wird alles gut werden.«
»O mein Gott! Wenn das doch geschähe! Wenn das doch geschähe!« rief sie im Ton inständiger Bitte.
»Beunruhige dich nicht, Natascha; es wird alles gut werden. Es läßt sich so an.«
Sie blickte mich fest an.
»Wanja, wie denkst du über den Fürsten?«
»Wenn er aufrichtig redet, so ist er nach meiner Meinung ein durchaus ehrenhafter Mensch.«
»Wenn er aufrichtig redet? Was heißt das? Ist es denn denkbar, daß er unaufrichtig gesprochen hat?«
»Ich meine es ebenfalls nicht«, antwortete ich und dachte bei mir: ›Also geht ihr doch auch so ein Gedanke durch den Kopf! Sonderbar!‹
»Du sahst ihn immer so unverwandt an …«
»Ja, er kam mir etwas seltsam vor.«
»Mir auch. Er redete so eigentümlich … Ich bin so müde, lieber Freund. Weißt du was? Geh auch nach Hause! Und komm morgen so früh wie möglich von ihnen zu mir! Noch eins: es war doch keine Beleidigung, als ich zu ihm sagte, ich möchte ihn recht schnell liebgewinnen?«
»Nein … was soll das für eine Beleidigung sein?«
»Und … es war auch nicht dumm gesagt? Es lag ja doch darin der Gedanke, daß ich ihn jetzt noch nicht liebhätte.« »Im Gegenteil, es war sehr schön gesagt, naiv und impulsiv. Du warst so schön in diesem Augenblick! Er ist dumm, wenn er in den Manieren der vornehmen Welt so befangen ist, daß er dafür kein Verständnis hat!«
»Du scheinst über ihn aufgebracht zu sein, Wanja? Aber wie schlecht, argwöhnisch und eitel bin ich doch! Lache nicht; ich verheimliche dir ja nichts. Ach, Wanja, mein teurer Freund! Wenn ich wieder unglücklich sein werde, wenn das Leid wieder heranrückt, dann wirst du gewiß bei mir sein und mir zur Seite stehen; du wirst vielleicht mein einziger Helfer sein! Wie soll ich dir das alles vergelten? Fluche mir niemals, Wanja!«
Als ich nach Hause zurückgekehrt war, zog ich mich sogleich aus und legte mich schlafen. In meinem Zimmer war es feucht und dunkel wie in einem Keller. Viele seltsame Gedanken und Gefühle wogten in meinem Innern, und lange Zeit konnte ich nicht einschlafen.
Aber wie mochte in diesem Augenblick ein Gewisser lachen, der sich in seinem bequemen Bett anschickte einzuschlafen; – wenn er uns überhaupt eines Lächelns würdigte! Wahrscheinlich jedoch würdigte er uns dessen nicht.
Drittes Kapitel
Als ich am andern Morgen um zehn Uhr im Begriff war, meine Wohnung zu verlassen, um nach der Wassili-Insel zu Ichmenews zu eilen und von ihnen mich möglichst schnell zu Natascha zu begeben, stieß ich plötzlich in der Tür mit meiner gestrigen Besucherin, der Enkelin des alten Smith, zusammen. Sie wollte zu mir kommen. Ich erinnere mich, daß ich mich über ihr Kommen sehr freute, ohne recht einen Grund für diese Freude zu wissen. War sie mir schon am Abend des vorhergehenden Tages merkwürdig erschienen, wo ich sie nicht genauer hatte betrachten können, so setzte sie mich jetzt bei Tage noch mehr in Erstaunen. Es wäre auch wirklich schwer gewesen, ein seltsameres, originelleres Wesen zu finden, wenigstens was das Äußere anlangt. Von kleiner Statur, mit blitzenden, schwarzen, nicht-russischen Augen, mit dichtem, schwarzem, wirrem Haar und mit einem rätselhaften, stummen, hartnäckigen Blick war sie geeignet, sogar die Aufmerksamkeit eines jeden Passanten auf der Straße zu erregen. Besonders frappierte ihr Blick: in diesem leuchtete ein guter Verstand; zugleich aber lag in ihm eine Art von fragendem Mißtrauen, ja sogar eine gewisse argwöhnische Furcht. Ihr abgetragenes, schmutziges Kleidchen hatte bei Tageslicht noch mehr Ähnlichkeit mit Lumpen als am vorhergehenden Abend. Es schien mir, als ob sie an einer schleichenden, hartnäckigen, chronischen Krankheit leide, die allmählich, aber unerbittlich ihren Organismus zerstöre. Ihr blasses, mageres Gesicht hatte eine unnatürliche, bräunlichgelbe, gallige Färbung. Im ganzen aber konnte man sie trotz aller Verunstaltung durch Armut und Krankheit sogar hübsch nennen. Ihre Augenbrauen waren scharf gezeichnet, fein und edel; besonders schön waren auch ihre breite, etwas niedrige Stirn und die Lippen, die einen stolzen, mutigen Zug aufwiesen, aber blaß und nur ganz schwach gerötet waren.
»Ach, da bist du ja wieder!« rief ich. »Nun, das hatte ich mir schon gedacht, daß du kommen würdest. Komm doch herein!«
Langsam, wie gestern, trat sie über die Schwelle, kam herein und blickte sich mißtrauisch um. Aufmerksam musterte sie das Zimmer, in dem ihr Großvater gewohnt hatte, wie wenn sie feststellen wollte, was sich bei dem neuen Mieter darin geändert habe. ›Na, die Enkelin ist geradeso wie der Großvater›, dachte ich. ›Ob sie wohl bei vollem Verstand ist?‹ Sie schwieg immer noch; ich wartete.
»Ich wollte die Bücher holen!« flüsterte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen.
»Ach ja, deine Bücher; da sind sie, nimm! Ich habe sie absichtlich für dich aufgehoben.«
Sie blickte mich neugierig an und zog den Mund in einer eigentümlichen Weise schief, wie wenn sie mißtrauisch lächeln wollte. Aber der Ansatz zu diesem Lächeln ging vorüber, und der frühere finstere, rätselhafte Ausdruck trat sogleich wieder an seine Stelle.
»Hat vielleicht der Großvater zu Ihnen von mir gesprochen?« fragte sie, mich vom Kopf bis zu den Füßen ironisch ansehend.
»Nein, von dir hat er nicht gesprochen; aber er…«
»Aber woher haben Sie dann gewußt, daß ich kommen würde? Wer hat es Ihnen gesagt?« fragte sie, mich schnell unterbrechend.
»Ich dachte, dein Großvater könne doch nicht so ganz allein, so von allen Menschen verlassen hier gelebt haben. Er war so alt und schwach; da meinte ich, es sei manchmal jemand zu ihm gekommen. Nimm; da sind deine Bücher. Du lernst wohl daraus?«
»Nein.«
»Wozu brauchst du sie dann?«
»Der Großvater hat mich daraus unterrichtet, in der Zeit, als ich noch zu ihm kam.«
»Bist du denn nachher nicht mehr zu ihm gekommen?« »Nein, nachher nicht mehr… ich war krank geworden«, fügte sie wie zu ihrer Entschuldigung hinzu.
»Hast du Angehörige, eine Mutter, einen Vater?«
Sie zog plötzlich die Brauen finster zusammen und sah mich sogar ordentlich ängstlich an. Dann schlug sie die Augen nieder, wandte sich schweigend ab und ging, ohne mich einer Antwort zu würdigen, leise aus dem Zimmer, ganz wie am vorhergehenden Tag. Erstaunt folgte ich ihr mit den Augen. Aber auf der Schwelle blieb sie stehen.
»Woran ist er gestorben?« fragte sie kurz, fast ohne sich nach mir umzuwenden, mit ganz derselben Haltung und Bewegung wie tags zuvor, als sie ebenfalls beim Hinausgehen, das Gesicht der Tür zugewandt, stehenblieb und nach Asorka fragte.
Ich trat zu ihr und begann, ihr in kurzen Worten den Hergang zu erzählen. Mir den Rücken zuwendend, hörte sie mit gesenktem Kopf schweigend und aufmerksam zu. Ich erzählte ihr auch, daß der alte Mann im Sterben von der Sechsten Linie gesprochen habe.
»Ich dachte mir«, fügte ich hinzu, »daß dort gewiß einer von seinen Angehörigen wohne, und daher erwartete ich auch, daß jemand kommen und sich nach ihm erkundigen werde. Gewiß hat er dich liebgehabt, da er sich in seinem letzten Augenblick deiner erinnerte.«
»Nein«, flüsterte sie wie unwillkürlich, »er hat mich nicht liebgehabt.«
Sie befand sich in starker Aufregung. Beim Erzählen hatte ich mich zu ihr hinabgebeugt und ihr ins Gesicht gesehen. Ich hatte bemerkt, daß sie große Anstrengungen machte, um ihre Aufregung zu unterdrücken, anscheinend aus Stolz mir gegenüber. Sie wurde immer blasser und blasser und biß sich stark auf die Unterlippe. Aber namentlich fiel mir der sonderbare Schlag ihres Herzens auf. Dieses schlug immer stärker und stärker, so daß man es zuletzt zwei, drei Schritte weit hören konnte, wie bei einem Aneurysma. Ich glaubte, sie würde auf einmal in Tränen ausbrechen wie am vorhergehenden Tag; aber sie bezwang sich.
»Wo ist der Zaun?«
»Was für ein Zaun?«
»An dem er gestorben ist.«
»Ich werde ihn dir zeigen, wenn wir hinauskommen. Sag mal, wie heißt du denn?«
»Es hat keinen Zweck.«
»Was hat keinen Zweck?«
»Es hat keinen Zweck; es ist gleichgültig… ich habe keinen Namen«, stieß sie, anscheinend ärgerlich, heraus und machte eine Bewegung, um fortzugehen. Ich hielt sie zurück.
»Warte doch, du wunderliches Kind! Ich meine es ja gut mit dir; du tust mir leid, seit gestern, als du da im Winkel auf der Treppe weintest. Ich kann gar nicht ohne Schmerz daran denken … Außerdem ist dein Großvater unter meinen Händen gestorben, und gewiß hat er an dich gedacht, als er von der Sechsten Linie sprach; es war, als wolle er dich meinem Schutz empfehlen. Ich habe sogar von ihm geträumt… Und auch die Bücher da habe ich für dich aufgehoben; aber du bist so scheu, als ob du dich vor mir fürchtetest. Du bist gewiß sehr arm und eine Waise und wohnst vielleicht bei fremden Leuten; ist es so?«
Ich hatte herzlich auf sie eingesprochen und weiß selbst nicht, wodurch sie für mich eine solche Anziehungskraft hatte. Es lag in meinem Gefühl noch etwas anderes als bloßes Mitleid. War es nun das Geheimnisvolle der ganzen Sache oder der Eindruck, den der alte Smith auf mich gemacht hatte, oder meine eigene phantastische Gemütsverfassung, ich weiß es nicht, aber es zog mich etwas unwiderstehlich zu ihr hin. Meine Worte schienen sie gerührt zu haben; sie sah mich sonderbar an, aber nicht mehr finster, sondern sanft und lange; dann schlug sie wieder, wie überlegend, die Augen nieder.
»Jelena«, flüsterte sie auf einmal, für mich unerwartet, sehr leise.
»Also du heißt Jelena?«
»Ja …«
»Nun, wie ist’s? Wirst du manchmal zu mir kommen?«
»Ich kann nicht … ich weiß nicht … ja, ich werde kommen«, flüsterte sie, wie überlegend und mit sich kämpfend.
In diesem Augenblick schlug irgendwo eine Wanduhr.
Die Kleine fuhr zusammen, sah mich mit unbeschreiblich schmerzlicher Angst an und flüsterte:
»Was hat es da geschlagen?«
»Doch wohl halb elf.«
Sie schrie vor Schreck auf.
»O Gott!« rief sie und stürzte auf einmal davon. Aber auf dem Flur hielt ich sie noch einmal an.
»Ich lasse dich so nicht fort«, sagte ich. »Wovor fürchtest du dich? Hast du dich verspätet?«
»Ja, ja, ich bin heimlich weggegangen! Lassen Sie mich los! Sie wird mich schlagen!« schrie sie. Sie hatte offenbar mehr gesagt, als sie wollte, und riß sich aus meinen Händen los.
»So höre doch und warte; du willst nach der Wassili-Insel und ich ebenfalls, nach der Dreizehnten Linie. Ich habe mich auch verspätet und will eine Droschke nehmen. Willst du mit mir fahren? Ich werde dich hinbringen. Es geht schneller als zu Fuß …«
»Sie dürfen nicht dahin, wo ich wohne!« schrie sie, noch heftiger erschrocken. Ihre Gesichtszüge verzerrten sich sogar bei dem bloßen Gedanken, daß ich zu ihrer Wohnung kommen könnte.
»Aber ich sage dir ja, daß ich in meinen eigenen Angelegenheiten nach der Dreizehnten Linie will und nicht zu dir! Ich werde nicht hinter dir hergehen. Mit einer Droschke werden wir bald da sein. Komm!«
Wir stiegen eilig die Treppe hinunter. Ich nahm die erste Droschke, auf die ich stieß; es war ein greuliches Vehikel. Jelena hatte offenbar große Eile, da sie sich entschloß, mit mir einzusteigen. Das Rätselhafteste war mir, daß ich nicht einmal wagen durfte, sie zu fragen. Sie wehrte mit den Armen ab und wäre beinahe aus der Droschke gesprungen, als ich fragte, vor wem sie zu Hause solche Furcht habe. ›Was steckt für ein Geheimnis dahinter?‹ dachte ich.
In der Droschke saß sie sehr unbequem. Bei jedem Stoß griff sie mit ihrer schmutzigen, von Schrunden bedeckten, kleinen Linken nach meinem Mantel, um sich festzuhalten. Mit der andern Hand hielt sie ihre Bücher fest gefaßt; es war aus allem ersichtlich, daß ihr diese Bücher sehr teuer waren. Als sie sich einmal zurechtrückte, wurde einer ihrer Füße sichtbar, und zu meinem größten Erstaunen nahm ich wahr, daß sie nur zerrissene Schuhe, aber keine Strümpfe anhatte. Obgleich ich mir eigentlich vorgenommen hatte, sie nach nichts zu fragen, konnte ich mich doch nicht bezwingen.
»Besitzt du denn keine Strümpfe?« fragte ich. »Wie kann man nur bei so feuchtem, kaltem Wetter mit bloßen Füßen gehen?«
»Nein«, antwortete sie kurz.
»Aber, mein Gott, du wohnst doch gewiß bei jemand! Da solltest du die Leute um Strümpfe bitten, wenn du ausgehen mußt.« »Ich will es selbst so.«
»Aber du wirst krank werden und sterben!«
»Nun, dann sterbe ich!«
Sie wollte mir offenbar nicht antworten und war über meine Fragen ungehalten.
»Hier ist die Stelle, wo er gestorben ist«, sagte ich und zeigte ihr das Haus, bei dem der alte Mann gestorben war.
Sie betrachtete es aufmerksam, wandte sich dann auf einmal zu mir und sagte im Ton inständigster Bitte:
»Um Gottes willen, gehen Sie mir nicht nach! Aber ich werde zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen! Sobald es mir möglich sein wird, werde ich kommen!«
»Nun gut; ich habe dir schon gesagt, daß ich dir nicht nachgehen werde. Aber wovor fürchtest du dich denn? Du bist gewiß sehr unglücklich. Es tut mir weh, dich anzusehen …«
»Ich fürchte mich vor niemand«, antwortete sie; ihre Stimme klang gereizt.
»Aber du sagtest doch vorhin: ›Sie wird mich schlagen!‹«
»Mag sie mich schlagen!« erwiderte sie mit funkelnden Augen. »Mag sie mich schlagen! Mag sie mich schlagen!« wiederholte sie bitter, und ihre Oberlippe zog sich verächtlich in die Höhe und zitterte.
Endlich kamen wir auf die Wassili-Insel. Die Kleine ließ den Kutscher am Anfang der Sechsten Linie halten und sprang, sich unruhig rings umblickend, aus dem Wagen.
»Fahren Sie weiter; ich werde zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen«, wiederholte sie in schrecklicher Beängstigung und bat mich flehentlich, ihr nicht nachzugehen. »Fahren Sie recht schnell fort, recht schnell!«
Ich fuhr davon. Aber nachdem ich ein paar Schritte auf der Uferstraße weitergefahren war, lohnte ich den Kutscher ab, kehrte nach der Sechsten Linie zurück und ging schnell auf die andere Seite der Straße hinüber. Ich sah das Mädchen; sie war noch nicht weit weg, obgleich sie sehr schnell ging und sich dabei immer umblickte; einmal blieb sie sogar einen Augenblick stehen, um besser sehen zu können, ob ich auch nicht hinter ihr herkäme. Aber ich versteckte mich in einem Torweg, bei dem ich gerade war, und sie bemerkte mich nicht. Sie ging weiter und ich hinter ihr her, immer auf der anderen Seite der Straße.
Meine Neugier war im höchsten Grad erregt. Ich beabsichtigte zwar nicht, ihr in ihre Wohnung zu folgen, wollte aber für jeden Fall das Haus sehen, in welches sie hineingehen würde. Ich stand unter der Einwirkung eines seltsamen, peinlichen Gefühls, ähnlich demjenigen, das ihr Großvater in der Konditorei bei mir hervorgerufen hatte, als Asorka starb.
Viertes Kapitel
Wir gingen lange, bis dicht an den Kleinen Prospekt. Sie lief beinahe; endlich ging sie in einen Laden. Ich blieb stehen, um zu warten, bis sie wieder herauskommen würde. ›Sie wird doch nicht in dem Laden wohnen‹, dachte ich.
Wirklich kam sie nach einer Minute wieder heraus; aber die Bücher hatte sie nicht mehr bei sich. Statt der Bücher hatte sie eine irdene Schüssel in den Händen. Nachdem sie noch ein wenig weitergegangen war, bog sie in den Torweg eines unansehnlichen Hauses ein. Das Haus war nur klein, aber von Stein gebaut, alt, zweistöckig (aus einem Kellergeschoß und einem Hochparterre bestehend) und mit schmutziggelber Farbe angestrichen. In einem der drei Fenster des Kellergeschosses stand ein kleiner roter Sarg, das Schaustück eines geringen Sargtischlers. Die Fenster des oberen Stockwerkes waren sehr klein und vollständig quadratisch, mit trüben, grünlichen gesprungenen Scheiben, durch welche rosarote baumwollene Vorhänge sichtbar waren. Ich ging über die Straße hinüber, trat an das Haus heran und las auf einem Blechschild über dem Tor: ›Haus der Kleinbürgerin Bubnowa‹.
Aber kaum hatte ich das Schild gelesen, als auf dem Hof bei Frau Bubnowa das durchdringende Kreischen einer Weiberstimme erscholl, worauf eine Flut von Schimpfworten folgte. Ich blickte durch das Pförtchen hinein; auf den hölzernen Stufen vor der Haustür stand ein dickes Weib, in der Tracht einer Kleinbürgerin, mit einem hellfarbigen, seidenen Kopftuch und einem grünen Schal. Ihr Gesicht zeigte eine widerwärtige Purpurfarbe; die kleinen, triefenden, blutunterlaufenen Augen funkelten vor Bosheit. Offenbar war sie, obwohl es erst Vormittag war, nicht mehr nüchtern. Sie kreischte die arme Jelena an, die in einer Art von Erstarrung mit der Schüssel in den Händen vor ihr stand. Von der Treppe, hinter dem Rücken des dunkelroten Weibes stehend, sah ein strubbliges, weiß und rot geschminktes weibliches Wesen heraus. Bald darauf öffnete sich die Tür zu der nach dem Kellergeschoß führenden Treppe, und auf den Stufen dieser Treppe erschien, wahrscheinlich durch das Geschrei herbeigelockt, eine ärmlich gekleidete Frau in mittleren Jahren von angenehmem, bescheidenem Äußeren. Aus der halbgeöffneten Tür sahen auch noch andere Bewohner des Kellergeschosses heraus: ein gebrechlicher Greis und ein Mädchen. Ein großer, stämmiger Mann, wahrscheinlich der Hausknecht, stand mit einem Besen in der Hand mitten auf dem Hof und sah lässig die ganze Szene mit an.
»Ach, du verfluchte Kanaille, ach, du Blutsaugerin, du ekelhafte Laus du!« kreischte die Frau, indem sie sämtliche in ihrem Vorrat vorhandenen Schimpfwörter heraussprudelte, meist ohne Kommata und Punkte und die letzten Buchstaben verschluckend. »So lohnst du mir meine Pflege, du Lumpending? Nach Gurken habe ich sie geschickt, und da ist sie gleich ausgerissen! Schon als ich sie wegschickte, habe ich geahnt, daß sie ausreißen würde. Ich fühlte so einen Schmerz im Herzen, einen dumpfen Schmerz! Gestern abend habe ich ihr für dasselbe Vergehen alle Haare ausgerissen, und heute läuft sie schon wieder weg! Wo gehst du denn hin, du Herumtreiberin, wo gehst du denn hin? Zu wem gehst du, du verfluchtes Götzenbild, du glotzäugiges Scheusal, du Viper, zu wem gehst du? Sprich, du stinkfaules Aas, oder ich erwürge dich auf der Stelle!«
Das wütende Weib stürzte auf das arme Mädchen los; aber beim Anblick der von der Treppentür aus zusehenden, im Kellergeschoß wohnenden Frau hielt sie plötzlich inne und begann, sich zu dieser hinwendend, noch gellender als vorher zu kreischen und mit den Armen herumzufuchteln, wie wenn sie sie zur Zeugin des schrecklichen Verbrechens ihres armen Opfers nehmen wollte:
»Ihre Mutter ist krepiert! Ihr wißt selbst, gute Leute: sie ist ganz allein auf der Welt zurückgeblieben. Ich sah, daß sie euch armen Leuten auf dem Hals lag und ihr selbst nichts zu beißen und zu brechen hattet. ›Na‹, dachte ich, ›ich will dem heiligen Nikolaus zu Ehren ein gutes Werk tun und die Waise annehmen.‹ Das tat ich denn auch. Aber was meint ihr wohl? Da sorge ich nun schon zwei Monate für ihren Unterhalt, und in diesen zwei Monaten hat sie mir geradezu alles Blut aus dem Körper gesogen. Dieser Vampir! Diese Klapperschlange! Dieser verstockte Satan! Wenn man sie noch soviel schlägt, es hilft nichts, sie schweigt immer, als ob sie Wasser in den Mund genommen hätte; immer schweigt sie! Sie zerreißt mir das Herz und schweigt! Wofür hältst du dich denn, du wichtige Person, du grüne Meerkatze? Ohne mich wärst du auf der Straße Hungers gestorben. Die Füße müßtest du mir waschen und das Waschwasser trinken, du Unhold, du schändliche französische Dirne! Ohne mich wärst du verreckt!«
»Aber warum regen Sie sich denn so auf, Anna Trifonowna? Womit hat sie Sie denn wieder geärgert?« fragte respektvoll die Frau, an die die wütende Megäre sich gewendet hatte.
»Womit sie mich geärgert hat, liebe Frau? Ich dulde keine Widersetzlichkeit! ›Schimpf im stillen, aber tu meinen Willen!‹ Das ist nun mein Grundsatz! Sie aber hat mich heute beinahe ins Grab gebracht! Ich hatte sie in den Laden nach Gurken geschickt, und nach drei Stunden kommt sie wieder! Es hat mir schon geahnt, als ich sie wegschickte; ich fühlte so einen Schmerz im Herzen, einen dumpfen Schmerz! Wo ist sie gewesen? Wo ist sie hingegangen? Was hat sie sich für Beschützer gesucht? Habe ich ihr nicht alle möglichen Wohltaten erwiesen? Ihrer schändlichen Mutter habe ich die vierzehn Rubel erlassen, die sie mir schuldig war; ich habe sie auf meine Kosten begraben lassen, habe ihren Teufel von Tochter zur Erziehung angenommen, das weißt du ja, liebe Frau, das weißt du ja selbst! Na, und nach alledem soll ich ihr nichts zu sagen haben? Sie sollte fühlen, daß sie mir Gehorsam schuldig ist; aber statt dessen ist sie widersetzlich! Ich wollte ihr Bestes. Ich wollte die schändliche Krabbe ein Musselinkleid tragen lassen; Stiefelchen habe ich ihr im Kaufhaus gekauft; wie einen Pfau habe ich sie herausgeputzt: sie konnte sich freuen! Aber was meint ihr, gute Leute? In zwei Tagen hat sie das ganze Kleid zerrissen, in Stücke hat sie es zerrissen, in Fetzen, und so geht sie nun, so geht sie nun! Und was meint ihr? Absichtlich hat sie es zerrissen, ich will nicht lügen, ich habe es selbst heimlich angesehen; ›ich will in Zwillich gehen‹, sagte sie. ›Ich will kein Musselinkleid!‹ Na, ich habe mein Mütchen an ihr gekühlt und sie geprügelt, und dann habe ich den Arzt gerufen; dem habe ich noch Geld bezahlt. Totschlagen sollte man dich, du ekelhafte Laus; aber ich habe dir nur Strafen auferlegt! Zur Strafe befahl ich ihr, den Fußboden zu scheuern; und was denkt ihr: sie scheuert ihn, das Aas, sie scheuert ihn! Ganz wütend macht sie mich: sie scheuert ihn! ›Na‹, dachte ich, ›sie wird von mir weglaufen!‹ Und kaum hatte ich es gedacht, siehst du wohl, da war sie auch gestern weggelaufen! Ihr habt es selbst gehört, gute Leute, wie ich sie gestern dafür geschlagen habe; beide Arme habe ich mir müde an ihr geschlagen; die Strümpfe und Schuhe habe ich ihr weggenommen; ›sie wird doch nicht barfuß davongehen‹, dachte ich. Aber heute ist sie wieder weg! Wo bist du gewesen? Sprich! Bei wem hast du dich beklagt, du Brennessel, bei wem hast du mich verpetzt? Sprich, du Zigeunerin, du hergelaufene Dirne, sprich!«
Und wütend stürzte sie sich auf das Mädchen, das vor Angst wie besinnungslos dastand, packte es an den Haaren und warf es zu Boden. Die Schüssel mit den Gurken flog zur Seite und zerbrach; dadurch wurde die Raserei der betrunkenen Megäre noch gesteigert. Sie schlug ihr Opfer ins Gesicht, auf den Kopf; aber Jelena schwieg hartnäckig, und kein Laut, kein Schrei, keine Klage kamen aus ihrem Mund, nicht einmal unter den Faustschlägen.
Ich stürzte auf den Hof, fast von Sinnen vor Empörung, und lief gerade auf das betrunkene Weib zu.
»Was tun Sie da? Wie können Sie es wagen, eine arme Waise so zu behandeln?« rief ich und ergriff die Furie am Arm.
»Was soll das heißen? Was sind Sie für einer?« schrie sie, ließ Jelena los und stemmte die Arme in die Seiten. »Was führt Sie in mein Haus?«
»Ihre Unbarmherzigkeit führt mich her!« rief ich. »Wie können Sie es wagen, das arme Kind so zu tyrannisieren? Sie ist ja nicht Ihr Kind; ich habe selbst gehört, daß sie eine arme Waise ist und Sie sie nur angenommen haben …«
»Herr Jesus!« heulte die Furie. »Was sind Sie denn für einer, daß Sie sich hier eindrängen? Sind Sie mit ihr zusammen hergekommen, wie? Ich werde gleich zum Reviervorsteher schicken! Andron Timofejewitsch weiß, daß ich eine anständige Frau bin, und hat vor mir alle Achtung! Wie hängt das zusammen? Sie ist wohl bei Ihnen gewesen? Was sind Sie für einer? Kommt da in ein fremdes Haus und macht Skandal! Hilfe!«
Sie stürzte mit erhobenen Fäusten auf mich los. Aber in diesem Augenblick ertönte plötzlich ein durchdringender, gräßlicher Schrei. Ich blickte hin: Jelena, die wie besinnungslos dagestanden hatte, war auf einmal mit einem furchtbaren, unnatürlichen Schrei zu Boden gestürzt und wand sich in schrecklichen Krämpfen. Ihr Gesicht war verzerrt. Sie hatte einen epileptischen Anfall bekommen. Das Mädchen mit dem strubbligen Haar und die Frau von unten liefen hinzu, hoben sie auf und trugen sie eilig nach oben.
»Meinetwegen kannst du krepieren, du verfluchtes Balg! schrie ihr das Weib nach. »In einem Monat ist das nun schon der dritte Anfall … Hinaus, Sie Intrigant!« Sie stürzte von neuem auf mich los.
»Was stehst du da, Hausknecht? Wofür bekommst du deinen Lohn?«
»Machen Sie, daß Sie rauskommen! Wenn Sie wollen, können Sie eine Tracht Prügel besehen«, ließ sich der Hausknecht lässig in tiefem Baß vernehmen, anscheinend nur der Form wegen. »›Ist ein Liebespaar allein, dräng dich nicht als dritter ein!‹ lautet die Regel. Empfehlen Sie sich, und scheren Sie sich davon!«
Es war nichts zu machen; ich ging aus dem Tor hinaus in der Überzeugung, daß mein Eingreifen völlig fruchtlos gewesen sei. Aber die Empörung kochte in mir. Ich blieb auf dem Trottoir vor dem Tor stehen und sah durch das Pförtchen. Kaum war ich hinausgegangen, als das Weib nach oben lief; auch der Hausknecht entfernte sich irgendwohin, da er mit seiner Arbeit fertig war. Einen Augenblick darauf trat die Frau, welche geholfen hatte, Jelena hinaufzutragen, wieder aus der Haustür, um nach unten in ihre Wohnung zu gehen. Als sie mich erblickte, blieb sie stehen und sah mich neugierig an. Ihr gutes, stilles Gesicht ermutigte mich. Ich trat von neuem auf den Hof und ging gerade auf sie zu.
»Gestatten Sie die Frage«, begann ich, »was es mit diesem Mädchen hier für eine Bewandtnis hat und was dieses abscheuliche Weib mit ihr anfängt. Bitte, glauben Sie nicht, daß ich aus bloßer Neugier frage. Ich bin mit diesem Mädchen bereits anderwärts zusammengetroffen und interessiere mich aus bestimmtem Grunde sehr für sie.« »Wenn Sie sich für sie interessieren, so würden Sie am besten tun, sie zu sich zu nehmen oder sonstwo eine Stelle für sie ausfindig zu machen, statt sie hier zugrunde gehen zu lassen«, sagte die Frau, anscheinend nur ungern, und machte eine Bewegung, als wolle sie von mir fortgehen.
»Aber wenn Sie mir keine Auskunft geben, was kann ich denn dann tun? Ich sage Ihnen, daß ich nichts weiß. Das war gewiß Frau Bubnowa selbst, die Hauswirtin?«
»Ja, das war die Hauswirtin selbst.«
»Wie ist denn also das Mädchen zu ihr gekommen? Ihre Mutter ist hier gestorben?«
»Ja, so ist sie zu ihr gekommen … Uns geht’s nichts an …«
Sie wollte wieder fortgehen.
»Aber tun Sie mir doch den Gefallen! Ich sage Ihnen ja, daß mich die Sache sehr interessiert. Ich bin vielleicht imstande, etwas für sie zu tun. Wer ist denn dieses Mädchen? Wer war ihre Mutter? Wissen Sie es?«
»Das war eine Art Ausländerin; sie war von auswärts hergekommen. Sie wohnte bei uns unten und war sehr krank; sie ist auch an der Schwindsucht gestorben.«
»Also ist sie wohl sehr arm gewesen, wenn sie als Aftermieterin im Kellergeschoß wohnte?«
»Schrecklich arm! Es schnürte einem das Herz zusammen. Wir schlagen uns nur kümmerlich durch; aber auch uns ist sie in den fünf Monaten, die sie bei uns gewohnt hat, sechs Rubel schuldig geblieben. Wir haben sie auch beerdigt; mein Mann hat noch den Sarg gemacht.«
»Wie kann dann die Bubnowa sagen, sie habe die Beerdigung besorgt?«
»Ach wo! Sie hat nichts dabei getan!«
»Und welchen Familiennamen führte denn die Verstorbene?«
»Ich kann ihn nicht aussprechen, lieber Herr; es war ein schwerer Name, wohl ein deutscher.«
»Smith?«
»Nein, es klang anders. Anna Trifonowna nahm dann die Waise zu sich; wie sie sagt, zur Erziehung. Aber es ist da überhaupt keine schöne Wirtschaft …«
»Sie hat sie gewiß in bestimmter Absicht zu sich genommen?«
»Sie treibt ein häßliches Gewerbe«, antwortete die Frau, überlegend und schwankend, ob sie reden solle oder nicht. »Was geht es uns an? Wir haben nichts damit zu tun.«
»Du tätest besser, deine Zunge im Zaum zu halten!« erscholl eine Männerstimme hinter uns.
Es war ein schon älterer Mann in einem Schlafrock und einem darübergezogenen langschößigen Rock, anscheinend ein Handwerksmeister, der Mann der Frau, mit der ich sprach.
»Wir haben mit Ihnen nichts zu reden, lieber Herr; das sind Dinge, die uns nichts angehen …«, sagte er, indem er mir einen schrägen Blick zuwarf. »Und du geh nur weg! Adieu, mein Herr! Ich bin Sargtischler; wenn Sie in meinem Fach etwas nötig haben, so werde ich jeden Auftrag zu Ihrer vollen Zufriedenheit ausführen … Sonst aber haben Sie und wir nichts miteinander zu verhandeln …«
Ich verließ dieses Haus in tiefen Gedanken und großer Aufregung. Machen konnte ich nichts; aber es war mir eine peinliche Empfindung, daß ich die Sache ihren Gang gehen lassen sollte. Einige Worte der Tischlerfrau beunruhigten mich ganz besonders. Da verbarg sich etwas Häßliches; das ahnte ich.
Ich ging mit gebeugtem Kopf und in Gedanken versunken dahin, als mich auf einmal eine laute Stimme mit meinem Familiennamen anrief. Ich blickte auf – vor mir stand ein Betrunkener, der beinahe schwankte; gekleidet war er ziemlich sauber, nur trug er einen garstigen Mantel und eine schmierige Mütze. Sein Gesicht kam mir sehr bekannt vor. Ich betrachtete ihn genauer.
Er blinzelte mich an und lächelte ironisch.
»Erkennst du mich nicht?«
Fünftes Kapitel
»Ah, du bist es Masslobojew!« rief ich, da ich auf einmal in ihm einen früheren Schulkameraden vom Gymnasium in der Gouvernementsstadt her erkannte. »Na, das ist ein unerwartetes Zusammentreffen!«
»Allerdings! Sechs Jahre lang sind wir einander nicht begegnet. Das heißt, begegnet sind wir uns schon; aber Euer Exzellenz haben mich keines Blickes gewürdigt. Du bist ja jetzt ein vornehmer Mann geworden, das heißt ein vornehmer Schriftsteller! …«
Bei diesen Worten lächelte er spöttisch.
»Na, lieber Masslobojew, da redest du töricht!« unterbrach ich ihn. »Erstens pflegen die vornehmen Leute, und wenn es auch nur vornehme Schriftsteller sind, schon äußerlich anders auszusehen als ich; und zweitens gestatte mir die Bemerkung: ich erinnere mich in der Tat, daß ich dir ein paarmal auf der Straße begegnet bin, aber du selbst wichst mir augenscheinlich aus; und ich werde doch nicht an jemand herantreten, wenn ich sehe, daß er mir ausweichen will. Und weißt du, was ich glaube? Wenn du nicht betrunken wärst, würdest du mich auch jetzt nicht angerufen haben. Nicht wahr? Na also, sei bestens begrüßt! Ich freue mich, freue mich sehr, lieber Freund, daß ich dich getroffen habe.«
»Wirklich? Kompromittiere ich dich auch nicht durch meine wenig korrekte äußere Erscheinung? Aber da bedarf es keiner Frage; ich erinnere mich noch recht wohl, Wanjuscha, was du für ein prächtiger Junge warst. Erinnerst du dich wohl noch, wie du für mich vom Lehrer Hiebe bekamst? Du schwiegst und verrietest mich nicht; ich aber, statt dir dankbar zu sein, machte mich eine Woche lang über dich lustig. Du bist eine edle Seele! Sei herzlich begrüßt, mein Teuerster!« (Wir küßten uns.) »Ich führe nun schon so viele Jahre lang ein einsames, mühseliges Leben, Tag und Nacht; aber ich habe die alte Zeit nicht vergessen. Die vergißt sich nicht! Und du, was machst du?«
»Ich? Ich führe auch ein einsames, mühseliges Leben …«
Er blickte mich lange an, mit der tiefen Rührung eines Menschen, den der Branntwein in weiche Stimmung versetzt hat. Übrigens war er auch sonst ein sehr gutherziger Mensch.
»Nein, Wanja, du bist ein anderer Mensch als ich«, sagte er endlich in pathetischem Ton. »Ich habe deinen Roman gelesen; ich habe ihn gelesen, Wanja, gelesen! … Aber höre mal: laß uns ein Weilchen gemütlich zusammen plaudern! Hast du Eile?«
»Ja, und ich muß dir gestehen, da ist eine Sache, die mich furchtbar aufregt. Aber weißt du, was das Beste ist? Sag mir, wo du wohnst!«
»Das will ich dir sagen; aber das Beste ist das nicht. Soll ich dir sagen, was das Beste ist?«
»Nun, was denn?«
»Was ist das da? Siehst du wohl?« Er zeigte auf ein Schild, zehn Schritte entfernt von der Stelle, wo wir standen. »Siehst du: ›Konditorei und Restaurant‹, das heißt, es ist einfach ein Restaurant, aber ein gutes Lokal. Ich sage dir vorher: ein anständiges Lokal, und ein Schnaps – vorzüglich! Ein Göttertrank! Ich habe ihn getrunken, oft getrunken; ich kenne ihn; und man wagt hier auch nicht, mir etwas Schlechtes vorzusetzen. Man kennt Filipp Filippowitsch. Ich heiße nämlich Filipp Filippowitsch. Nun? Du machst ein Gesicht? Nein, laß mich erst ausreden! Jetzt ist es ein Viertel auf zwölf, ich habe eben nachgesehen; na also, pünktlich um elf Uhr fünfunddreißig werde ich dich loslassen. Und unterdessen wollen wir ein bißchen was trinken. Zwanzig Minuten für einen alten Freund – ist’s dir recht?«
»Wenn es nur zwanzig Minuten sind, ist’s mir recht; denn, lieber Freund, ich habe da, weiß Gott, eine Sache …«
»Nun, wenn es dir recht ist, dann schön! Aber warte mal, zwei Worte vorher: du siehst so verstört aus, als ob du dich eben furchtbar geärgert hättest; ist es so?« »Ja, es ist so.«
»Das hatte ich doch erraten! Ich habe mich nämlich jetzt auf die Physiognomik gelegt, mein Lieber; das ist auch ein Studium! Nun, dann komm und laß uns plaudern! In zwanzig Minuten kann ich meinen Admiralstrunk zu mir nehmen: erst einen Birkenlikör, dann einen Liebstöckel, dann einen Pomeranzen, dann einen parfait-amour, und dann wird mir schon noch etwas einfallen. Ich bin Trinker, lieber Freund! Nüchtern bin ich nur an Festtagen vor der Messe. Aber du brauchst meinetwegen nicht zu trinken. Es ist mir nur an deiner Person gelegen. Wenn du aber mittrinkst, so wird das ein besonderer Beweis von Edelmut sein. Nun, dann wollen wir gehen! Laß uns ein paar Worte plaudern, und dann trennen wir uns wieder für zehn Jahre! Ich bin nicht von derselben Art wie du, Wanjuscha!«
»Na, schwatze nicht, sondern laß uns lieber hineingehen! Zwanzig Minuten sollen dir gehören; aber dann laß mich los!«
Um in das Restaurant zu gelangen, mußte man eine aus zwei Absätzen bestehende hölzerne Treppe nach dem zweiten Stockwerk hinansteigen. Aber auf der Treppe stießen wir mit zwei stark angetrunkenen Herren zusammen. Als sie uns sahen, wichen sie schwankend zur Seite aus.
Der eine von ihnen war ein sehr junger und sehr jugendlich aussehender Mensch, noch bartlos, nur mit einem ganz schwachen, eben keimenden Schnurrbart und mit übermäßig dummem Gesichtsausdruck. Er war stutzerhaft gekleidet, wirkte aber dabei komisch: es sah aus, als ob er fremde Kleider anhätte. An den Fingern trug er kostbare Ringe; in der Krawatte steckte eine wertvolle Nadel; seine Frisur, mit einer Art von Tolle, nahm sich recht dumm aus. Er lächelte und kicherte fortwährend. Sein Begleiter war schon ungefähr fünfzigjährig, fett, dickbäuchig, ziemlich nachlässig gekleidet, kahlköpfig; er hatte ebenfalls eine große Nadel in der Krawatte, ein pockennarbiges, vom Trunk aufgedunsenes Gesicht und eine Brille auf der knopfähnlichen Nase. Der Ausdruck dieses Gesichtes war boshaft, sinnlich. Die häßlichen, tückischen, mißtrauischen Augen steckten ganz im Fett und blickten wie aus Ritzen heraus. Beide schienen Masslobojew zu kennen; aber der Dicke schnitt bei der Begegnung mit uns ein ärgerliches Gesicht, allerdings nur für einen Augenblick, und der Jüngere verzog seine Lippen zu einem süßlichen, unterwürfigen Lächeln. Er nahm sogar die Mütze ab. Er trug nämlich eine solche.
»Verzeihen Sie, Filipp Filippowitsch«, murmelte er, ihn gefühlvoll anblickend.
»Aber was denn ?«
»Pardon … hm …« (er knipste an seinem Rockkragen). »Da drinnen sitzt Mitrofan. Er benimmt sich sehr ausfällig, dieser Schurke.«
»Was ist denn los?«
»Ganz arg macht er’s … Dem hier« (er wies mit dem Kopf auf seinen Begleiter) »haben sie in der vorigen Woche auf Anstiften eben dieses Mitrofan an einem unanständigen Ort das ganze Gesicht voll Sahne geschmiert … hihi!«
Sein Begleiter stieß ihn ärgerlich mit dem Ellbogen an.
»Aber wollen Sie nicht mit uns ein Halbdutzend Flaschen trinken, Filipp Filippowitsch? Dürfen wir hoffen?«
»Nein, mein Bester, jetzt habe ich keine Zeit«, antwortete Masslobojew. »Ein Geschäft nimmt mich in Anspruch.«
»Hihi! Ich habe auch noch ein Geschäftchen mit Ihnen zu besprechen …«
Der Begleiter stieß ihn wieder mit dem Ellbogen an.
»Ein andermal, ein andermal!«
Masslobojew gab sich offenbar Mühe, die beiden nicht anzusehen. Wir gingen in das erste Zimmer, durch das sich in seiner ganzen Länge ein sehr sauberer Verkaufstisch hinzog, dicht besetzt mit kalten Speisen, mit Fleisch-und Fischpasteten und mit Karaffen voll verschiedenfarbiger Liköre. Kaum waren wir eingetreten, als Masslobojew mich schnell in eine Ecke führte und sagte:
»Der Jüngere ist ein Kaufmannssohn namens Ssisobruchow, der Sohn eines angesehenen Mehlhändlers; er hat von seinem Vater eine halbe Million geerbt und verschwendet sie jetzt. Er war nach Paris gereist, hatte dort schon eine Unmenge Geld vergeudet und hätte dort wohl das ganze vertan; aber da erbte er noch von seinem Onkel und kehrte aus Paris zurück; nun bringt er das übrige hier durch. Nach einem Jahr wird er natürlich betteln gehen. Er ist dumm wie eine Gans, treibt sich in den feinsten Restaurants und in Kellerlokalen und Schenken herum, verkehrt mit Schauspielerinnen und hat sich zum Eintritt als Husar gemeldet; er hat neulich ein Gesuch eingereicht. Der andere, ältere, heißt Archipow; er ist auch so eine Art Kaufmann oder Verwalter, hat sich mit Branntweinpacht abgegeben und ist eine Kanaille, ein Gauner, jetzt Ssisobruchows Gefährte, ein Judas und Falstaff, alles zusammen, ein zweimaliger Bankrotteur und ein abscheulich sinnlicher Patron mit verschiedenen häßlichen Neigungen. In dieser Hinsicht weiß ich von ihm eine kriminelle Geschichte; er hat sich nur noch so zur Not herausgewickelt. In einer Beziehung freue ich mich jetzt sehr darüber, daß ich ihn hier getroffen habe; ich wartete darauf … Archipow ist jetzt selbstverständlich dabei, Ssisobruchow auszuplündern. Er kennt eine Menge von Spelunken aller Art, wodurch er für solche Jünglinge wertvoll ist. Ich, lieber Freund, wetze schon lange die Zähne, um ihm einen gehörigen Biß zu versetzen. Und dasselbe tut auch Mitrofan, der forsche junge Mann dort im ärmellosen Wams; er steht da am Fenster, der mit dem Zigeunergesicht. Er beschäftigt sich mit Pferdehandel und ist mit allen hiesigen Husaren bekannt. Ich sage dir, er ist ein solcher Schlaukopf: er wird vor deinen sehenden Augen eine Banknote fälschen, und obgleich du es gesehen hast, wirst du sie ihm dennoch einwechseln. Er trägt ein Wams ohne Ärmel, allerdings von Samt, und sieht wie ein Slawophile aus (was ihm meines Erachtens auch ganz gut steht); aber ziehe ihm auf der Stelle einen eleganten Frack nebst Zubehör an, führe ihn in den Englischen Klub und sage dort: ›Der Großgrundbesitzer Graf Barabanow‹, und sie werden ihn dort zwei Stunden lang für einen Grafen halten, und er wird Whist spielen und wie ein Graf reden, und sie werden nichts merken, und er wird sie betrügen. Er wird einmal ein schlechtes Ende nehmen. Also dieser Mitrofan hat es auf den Dickwanst abgesehen; denn bei Mitrofan ist jetzt Ebbe, und der Dickwanst hat ihm seinen früheren Freund Ssisobruchow abspenstig gemacht, ehe er selbst noch Zeit hatte, ihn ordentlich zu scheren. Wenn sie jetzt in dem Restaurant zusammengetroffen sind, so will Mitrofan dem Dicken gewiß einen Streich spielen. Ich weiß sogar, was für einen, und vermute, daß Mitrofan und kein anderer es gewesen ist, der mich benachrichtigt hat, daß Archipow und Ssisobruchow hier sein werden und sich in dieser Gegend mit irgendwelcher schändlichen Absicht herumtreiben. Mitrofans Haß gegen Archipow will ich mir zunutze machen, weil ich meine eigenen Ursachen habe, und ich bin namentlich deswegen hierhergekommen. Ich will aber tun, als ob ich mit Mitrofan nichts zu schaffen habe, und sieh auch du nicht zu scharf zu ihm hin! Wenn wir aber von hier weggehen werden, so wird er wahrscheinlich von selbst an mich herantreten und mir das Erforderliche sagen … Aber jetzt komm, Wanja; wir wollen in jenes andere Zimmer dort gehen. – Na, Stepan«, fuhr er zu dem Kellner gewendet fort, »weißt du, was ich gern möchte?«
»Jawohl, ich weiß.«
»Nun, dann erfülle meinen Wunsch!«
»Sogleich werde ich ihn erfüllen.«
»Tu das! Setz dich, Wanja! Na, warum musterst du mich denn so? Ich sehe ja, daß du mich musterst. Wunderst du dich? Wundere dich nicht! Es kann dem Menschen alles mögliche passieren, was er sich nie hat träumen lassen, namentlich damals nicht… na, wenigstens damals nicht, als du und ich am Cornelius Nepos büffelten. Aber das kannst du mir glauben, Wanja: wenn Masslobojew auch vom geraden Weg abgeirrt ist, so ist doch sein Herz dasselbe geblieben, und nur die Umstände haben sich geändert. ›Lieber brav im Dreck und Schmutz als ein Schuft in seinem Putz.‹ Ich fing an, Medizin zu studieren, und wollte Lehrer der vaterländischen Literatur werden und schrieb eine Abhandlung über Gogol und beabsichtigte, unter die Goldgräber zu gehen, und schickte mich an, zu heiraten – ›der Menschenseele Wunsch ist Braten, Schnaps und Punsch‹; und ›sie‹ hatte eingewilligt, obgleich in dem Haus ein solcher Überfluß herrschte, daß man keine Katze durch einen Leckerbissen herauslocken konnte. Ich traf schon die Vorbereitungen zur Trauung und wollte mir ein Paar heile Stiefel borgen, weil die meinigen schon seit anderthalb Jahren zerrissen waren … Aber ich habe mich nicht verheiratet. Sie hat einen Lehrer genommen, und ich nahm eine Stelle in einem Kontor an, das heißt nicht in einem Bankkontor, sondern in einem geringeren, andersartigen. Na, damit kam ich in eine andere Richtung hinein. Die Jahre sind dahingegangen, und wenn ich jetzt auch nicht in einer dienstlichen Stellung bin, so verdiene ich mir doch hübsche Summen: ich lasse mir Geld in die Hand drücken und trete für Wahrheit und Recht ein; wie man zu sagen pflegt: ›Klug ist’s, Schwache anzugreifen und vor Starken auszukneifen.‹ Ich habe meine Grundsätze und weiß zum Beispiel, daß das Sprichwort recht hat: ›Allein vermag auch der Tapferste wenig‹, und – ich betreibe eifrig meine Geschäfte. Meine Geschäfte aber sind meist von geheimnisvollem Charakter … du verstehst?«
»Du bist doch nicht etwa Geheimpolizist?«
»Nein, das nicht eigentlich; aber ich gebe mich mit gewissen Geschäften ab, teils in offiziellem Auftrag, teils auch auf eigene Faust. Siehst du, Wanja, ich trinke zwar Schnaps; aber da ich meinen Verstand noch nicht im Schnaps ersäuft habe, so weiß ich auch, was mir in der Zukunft bevorsteht. Die Zeit, wo etwas Besseres aus mir werden konnte, ist vorüber; einen schwarzen Hund kann man nicht durch Waschen weiß machen. Ich will dir nur eins sagen: wenn ich nicht manchmal noch wie ein anständiger Mensch dächte und fühlte, so hätte ich dich heute nicht angeredet, Wanja. Du hast recht: ich bin dir früher mehrmals begegnet und habe dich gesehen; oftmals wäre ich gern an dich herangetreten; aber ich wagte es nie, sondern schob es immer auf. Ich bin deiner nicht wert. Und du hast ganz richtig gesagt, Wanja, daß, wenn ich dich diesmal angeredet habe, das nur infolge meiner Betrunkenheit geschehen sei. Aber das alles ist dummes Gerede; hören wir auf, von mir zu sprechen, und sprechen wir lieber von dir! Na, lieber Freund: ich habe es gelesen! Ich habe es gelesen, von Anfang bis Ende! Ich rede von deinem Erstlingswerk. Als ich es durchgelesen hatte, wäre ich beinah ein anständiger Mensch geworden, mein Bester! Beinahe, aber ich überlegte es mir doch noch und zog es vor, ein unanständiger Mensch zu bleiben. So ist es …«
Noch vieles sagte er zu mir in dieser Art. Seine Betrunkenheit nahm immer mehr zu, und er wurde sehr gerührt, fast zu Tränen. Masslobojew war immer ein prächtiger Bursche gewesen; aber er hatte immer seinen Kopf für sich gehabt und war gewissermaßen übermäßig entwickelt gewesen, schlau, verschmitzt, ein Intrigant und Ränkeschmied schon auf der Schule; aber im Grunde war er ein Mensch mit einem guten Herzen, ein verlorener Mensch. Solche Menschen sind unter den Russen zahlreich zu finden. Sie besitzen oft große Fähigkeiten; aber in ihrem Kopf herrscht die größte Verwirrung, und überdies sind sie aus moralischer Schwäche imstande, mit Bewußtsein gegen ihr Gewissen zu handeln; und sie gehen nicht nur zugrunde, sondern wissen auch selbst voraus, daß sie zugrunde gehen werden. Masslobojew zum Beispiel ertrank im Branntwein. »Jetzt noch ein Wort, lieber Freund«, fuhr er fort. »Ich habe gehört, wie zuerst überall dein Ruhm erscholl; ich las dann verschiedene Kritiken deines Werkes (wirklich, ich habe sie gelesen; du denkst wohl, ich lese gar nichts mehr?); dann traf ich dich mit schlechten Stiefeln, im Schmutz ohne Überschuhe, mit einem zerknickten Hut und erriet manches. Du schreibst jetzt für Journale?«
»Ja, Masslobojew.«
»Du bist also Postgaul geworden?«
»So etwas Ähnliches.«
»Na, dann höre, lieber Freund, was ich dir mit Bezug darauf sagen will: da ist es schon besser, du legst dich aufs Trinken! Siehst du, ich betrinke mich, lege mich auf mein Sofa (ich habe ein prächtiges Sofa mit Sprungfedern) und denke mir, daß ich zum Beispiel so ein Homer oder Dante oder so ein Friedrich Barbarossa bin – ich kann mir ja alles mögliche vorstellen. Na, aber du kannst dir nicht vorstellen, daß du Dante oder Friedrich Barbarossa bist, erstens, weil du du selbst sein willst, und zweitens, weil dir alles Wollen verboten ist; denn du bist eben ein Postgaul. Ich lebe im Reich der Phantasie und du im Reich der Wirklichkeit. Höre, was ich dir offen und geradezu als guter Kamerad sage (durch eine Ablehnung würdest du mich auf zehn Jahre kränken und beleidigen): brauchst du Geld? Ich habe welches. Mach keine Umstände! Nimm das Geld, zahle deinen Verlegern die Vorschüsse zurück, wirf das Kumt ab, lege dir soviel Geld hin, daß du für ein ganzes Jahr sicher zu leben hast, und dann mach dich an die Ausführung einer Lieblingsidee, schreib ein großes Werk! Nun? Was sagst du?«
»Hör mal, Masslobojew! Deinen kameradschaftlichen Vorschlag weiß ich nach Gebühr zu schätzen; aber ich kann dir jetzt nichts darauf antworten; warum ich es nicht kann, das zu erzählen würde zu lange dauern. Es liegen besondere Umstände vor. Übrigens verspreche ich dir: ich werde dir später alles als Freund erzählen. Für deinen Vorschlag danke ich dir; ich verspreche dir, dich zu besuchen, und ich werde dich oft besuchen. Aber jetzt handelt es sich um folgendes: du bist gegen mich offen, und daher möchte ich dich um Rat fragen, um so mehr, da du, wie es scheint, mit solchen Sachen gut Bescheid weißt.«
Und ich erzählte ihm meine Erlebnisse mit Smith und seiner Enkelin, von dem Vorfall in der Konditorei an. Sonderbar: während ich erzählte, glaubte ich ihm an den Augen anzusehen, daß er von dieser Geschichte schon etwas wußte. Ich fragte ihn danach.
»Nein, das nicht!« antwortete er. »Übrigens, über Smith habe ich einiges gehört: daß da ein alter Mann in einer Konditorei gestorben ist. Aber über Frau Bubnowa weiß ich in der Tat dies und das. Dieser Dame habe ich vor zwei Monaten eine kleine Summe abgenommen. Je prends mon bien, où je le trouve und habe nur hierin mit Moliére Ähnlichkeit. Aber obgleich ich ihr hundert Rubel abgezwackt habe, habe ich mir doch gleich damals vorgenommen, nächstens nicht bloß hundert, sondern fünfhundert Rubel aus ihr herauszuschinden. Ein gräßliches Weib! Sie treibt ein unerlaubtes Gewerbe. Und das hätte noch nichts zu besagen; aber manchmal versteigt sie sich zu allzu argen Sachen. Bitte, halte mich nicht für einen Don Quichotte! Die Sache ist die, daß dabei tüchtig etwas für mich abfallen kann, und als ich vor einer halben Stunde Ssisobruchow traf, freute ich mich sehr. Ssisobruchow ist offenbar hierhergeführt worden, und zwar von dem Dickwanst, und da ich weiß, mit was für Geschäften sich dieser Dickwanst besonders abgibt, so schließe ich daraus … Na, ich werde ihn schon überrumpeln! Ich freue mich sehr, daß ich von dir etwas über dieses Mädchen gehört habe; ich bin jetzt auf eine andere Spur gekommen. Ich beschäftige mich ja damit, allerlei Privataufträge zu erledigen, lieber Freund, und mit was für Leuten werde ich dabei bekannt! Da habe ich neulich für einen Fürsten Nachforschungen in einer Angelegenheit angestellt, ich kann dir sagen, in einer derartigen Angelegenheit, wie man sie von diesem Fürsten nicht erwartet hätte. Oder wenn du willst, werde ich dir eine andere Geschichte von einer verheirateten Frau erzählen? Besuche mich nur, lieber Freund; da werde ich dir solche Stoffe mitteilen, daß, wenn du sie in deinen Erzählungen behandelst, dir kein Mensch glauben wird …«
»Wie heißt denn dieser Fürst?« unterbrach ich ihn, von einer Art Ahnung erfüllt.
»Wozu willst du das wissen? Na, meinetwegen: Walkowski.«
»Pjotr?«
»Ja. Kennst du ihn?«
»Ja, aber nicht näher. Nun, Masslobojew, ich werde mich nach diesem Herrn noch manchmal bei dir erkundigen«, sagte ich und stand auf; »du hast mein Interesse in hohem Grade wachgerufen.«
»Na ja, alter Freund, erkundige dich, soviel du willst! Geschichtchen verstehe ich schon zu erzählen, aber selbstverständlich nur innerhalb gewisser Grenzen, du verstehst? Sonst verliert man seinen Kredit und seine Ehre, das heißt die geschäftliche Ehre, na und so weiter.«
»Nun also, soweit es deine Ehre gestatten wird.«
Ich befand mich in starker Aufregung. Er bemerkte das.
»Nun, was kannst du mir denn jetzt über die Geschichte sagen, die ich dir eben erzählt habe?« fragte ich ihn. »Ist dir ein guter Gedanke gekommen?«
»Über deine Geschichte? Warte einen Augenblick auf mich; ich möchte bezahlen.«
Er trat ans Büfett und traf dort; wie zufällig, auf einmal mit jenem jungen Menschen im ärmellosen Wams zusammen, den man so schlechthin mit dem Vornamen Mitrofan zu nennen pflegte. Es schien mir, daß Masslobojew ihn etwas näher kannte, als er mir gegenüber selbst zugegeben hatte. Wenigstens war deutlich, daß sie jetzt nicht zum erstenmal zusammenkamen.
Mitrofan war dem Aussehen nach ein recht origineller Bursche. In seinem Wams, seinem rotseidenen Hemd, mit seinen scharfen, aber wohlgestalteten Gesichtszügen, noch ziemlich jugendlich, sonnengebräunt, mit kühnem, funkelndem Blick, machte er einen interessanten und durchaus nicht abstoßenden Eindruck. Sein Benehmen hatte etwas gekünstelt Keckes; aber im gegenwärtigen Augenblick legte er sich offenbar Zwang auf und suchte sich vor allem ein geschäftsmäßiges, würdiges, solides Aussehen zu geben.
»Also, Wanjuscha«, sagte Masslobojew, als er zu mir zurückkehrte, »besuche mich heute um sieben Uhr; dann werde ich dir vielleicht etwas sagen können. Siehst du, ich allein vermag nichts zu leisten; früher war das anders, aber jetzt bin ich nur ein Säufer und habe mich von den Geschäften einigermaßen zurückgezogen. Aber ich habe immer noch meine früheren Beziehungen; ich kann über manches Erkundigungen anstellen und im Verein mit allerlei schlauen Leuten dies und das herausschnüffeln; in meiner freien Zeit allerdings, das heißt, wenn ich nüchtern bin, tue ich auch selbst etwas, ebenfalls mit Hilfe von Bekannten … meistens auf dem Gebiet der Nachforschungen … Na, aber nun genug! Da ist meine Adresse: in der Schestilawotschnaja. Jetzt aber, mein Teuerster, bin ich schon ganz unbrauchbar. Ich will noch ein Gläschen Goldwasser trinken und dann nach Hause. Ich will mich hinlegen. Wenn du kommst, will ich dich mit Alexandra Semjonowna bekannt machen, und wenn wir Zeit haben, wollen wir auch über Literatur reden.«
»Nun, und auch von meiner Angelegenheit?«
»Vielleicht auch von deiner Angelegenheit.«
»Nun gut, ich werde kommen, ich werde bestimmt kommen.«
Sechstes Kapitel
Anna Andrejewna wartete auf mich schon lange. Durch das, was ich ihr tags zuvor über Nataschas Briefchen gesagt hatte, war ihre Neugier stark erregt worden, und sie hatte mich schon viel früher am Morgen erwartet, mindestens schon um zehn Uhr. Als ich aber bei ihr zwischen ein und zwei Uhr mittags erschien, war die Pein des Wartens bei der armen Frau auf den höchsten Grad gestiegen. Außerdem hatte sie auch das dringende Bedürfnis, mit mir von den neuen Hoffnungen zu sprechen, die seit dem vorigen Tag in ihrem Herzen erwacht waren, und von Nikolai Sergejewitsch, der sich seit dem vorigen Tag unwohl fühlte, ein finsteres Gesicht machte, sich dabei aber doch gegen sie besonders zärtlich benahm. Als ich kam, empfing sie mich zunächst mit unzufriedener, kühler Miene, murmelte kaum ein paar undeutliche Worte und zeigte nicht die geringste Neugier, beinah als ob sie sagen wollte:›Warum bist du denn gekommen? Eine wunderliche Passion von dir, lieber Freund, dich alle Tage bei uns einzustellen!‹ Sie ärgerte sich über mein spätes Kommen. Aber ich hatte Eile und erzählte ihr daher ohne weitere Umschweife die ganze Szene, die sich tags zuvor bei Natascha abgespielt hatte. Sowie die alte Frau von dem Besuch des Fürsten und von seinem feierlichen Antrag hörte, war ihre ganze erkünstelte Verdrossenheit sogleich verflogen. Es fehlt mir an Worten, um zu schildern, wie sie sich freute; sie war ganz fassungslos, bekreuzigte sich, weinte, verbeugte sich mehrmals tief vor dem Heiligenbild, umarmte mich und wollte sogleich zu Nikolai Sergejewitsch laufen, um ihm von ihrer Freude Mitteilung zu machen.
»Weißt du, lieber Freund«, sagte sie zu mir, »sein Unwohlsein rührt nur von den vielerlei Kränkungen und Demütigungen her; wenn er aber jetzt erfährt, daß Natascha volle Genugtuung erhält, so wird er im Augenblick alles vergessen.«
Nur mit großer Mühe redete ich ihr dies aus. Obwohl die gute Alte mit ihrem Mann schon fünfundzwanzig Jahre lang zusammengelebt hatte, kannte sie ihn doch noch immer schlecht. Sie hatte auch die größte Lust, gleich mit mir zu Natascha zu fahren. Ich stellte ihr vor, daß Nikolai Sergejewitsch ihren Schritt vielleicht nicht billigen werde und daß wir dadurch womöglich die ganze Sache verderben würden. Nur schwer ließ sie sich umstimmen; aber sie hielt mich noch eine halbe Stunde länger zurück und redete während dieser ganzen Zeit immer nur allein. »Nun bleibe ich ohne einen Menschen mit meiner großen Freude zurück«, sagte sie, »und sitze hier allein in den vier Wänden!« Endlich überredete ich sie, mich wegzulassen, indem ich ihr vorstellte, daß mich Natascha jetzt ungeduldig erwarte. Die alte Frau bekreuzte mich für meinen Weg mehrmals, trug mir auf, ihrer Tochter ihren besonderen Segen zu überbringen, und fing beinahe an zu weinen, als ich ihr mit aller Entschiedenheit erklärte, ich würde an diesem selben Tag nicht noch einmal am Abend kommen, es müßte denn sein, daß sich mit Natascha etwas Besonderes zutrüge. Den alten Ichmenew bekam ich diesmal nicht zu sehen: er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, über Kopfschmerz und Fieber geklagt und schlief jetzt in seinem Zimmer.
Auch Natascha hatte den ganzen Vormittag über auf mich gewartet. Als ich eintrat, ging sie nach ihrer Gewohnheit mit verschränkten Armen nachdenkend im Zimmer auf und ab. Auch jetzt kann ich, wenn ich an sie zurückdenke, sie mir nicht anders vorstellen, als wie sie immer allein in dem ärmlichen Stübchen, nachdenkend, wartend, mit zusammengelegten Armen und niedergeschlagenen Augen zwecklos hin und her ging.
Leise, und ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, fragte sie, warum ich so spät käme. Ich erzählte ihr in Kürze alle meine Erlebnisse, aber sie hörte mir kaum zu. Es war ihr anzumerken, daß sie mit einer Sorge beschäftigt war.
»Was gibt es Neues?« fragte ich.
»Neues gar nichts!« erwiderte sie, aber mit einer Miene, aus der ich sofort erriet, daß sie allerdings etwas Neues hatte und eben deswegen auf mich gewartet hatte, um mir dieses Neue zu erzählen; ich wußte aber, daß sie es mir nach ihrer Gewohnheit nicht sogleich erzählen werde, sondern erst wenn ich mich anschicken würde wegzugehen.
So machte sie es immer. Ich hatte mich schon in diese ihre Besonderheit gefunden und wartete auch diesmal. Wir begannen unser Gespräch selbstverständlich mit den Ereignissen des vorhergehenden Tages. Besonders überraschte es mich, daß wir beide in unserm Urteil über den alten Fürsten vollständig übereinstimmten: er mißfiel ihr entschieden, und zwar in noch weit höherem Grad als tags zuvor. Und nachdem wir seinen ganzen Besuch Punkt für Punkt durchgesprochen hatten, sagte Natascha plötzlich:
»Hör mal, Wanja, es pflegt ja immer so zu gehen: wenn einem jemand am Anfang mißfällt, so ist das ein Zeichen dafür, daß er einem später bestimmt gefallen wird. Wenigstens ist es mir immer so gegangen.«
»Das gebe Gott, Natascha! Außerdem möchte ich meine Meinung definitiv dahin aussprechen: ich habe alles genau durchdacht und bin zu dem Resultat gelangt, daß der Fürst, wenn auch sein Wesen viel Jesuitenhaftes hat, doch mit eurer Heirat wirklich und im Ernst einverstanden ist.«
Natascha blieb mitten im Zimmer stehen und sah mich finster an. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verändert; sogar die Lippen bebten leise.
»Wie sollte er es denn überhaupt bei einer solchen Sache fertigbekommen, sich zu verstellen und … zu lügen? fragte sie mit stolzer Verwunderung.
»Nun eben, nun eben!« stimmte ich ihr eilig zu.
»Selbstverständlich hat er nicht gelogen. Ich meine, daran ist überhaupt nicht zu denken. Für eine solche Verstellung läßt sich auch gar kein Anlaß ersinnen. Und schließlich, wofür müßte er mich denn halten, wenn er es fertigbrächte, sich in solcher Weise über mich lustig zu machen? Kann ein Mensch wirklich einer solchen Beleidigung fähig sein?«
»Ganz recht, ganz recht!« fiel ich bestätigend ein, dachte aber im stillen: ›Du hast gewiß jetzt eben, während du im Zimmer hin und her gingst, darüber nachgedacht, mein armes Kind, und zweifelst vielleicht in noch höherem Grad als ich.‹
»Ach, wie sehr wünsche ich, daß er recht bald zurückkäme!« sagte sie. »Er wollte den ganzen Abend bei mir bleiben, und dann … Es müssen wohl wichtige Angelegenheiten sein, wenn er alles stehen und liegen ließ und fortfuhr. Weißt du nicht, was für welche, Wanja? Hast du nichts gehört?«
»Gott mag es wissen. Er ist ja immer auf Gelderwerb aus. Ich habe gehört, daß er sich hier in Petersburg an einer Lieferung für den Staat beteiligt. Wir verstehen nichts von Geschäften, Natascha.«
»Gewiß, wir verstehen nichts davon. Aljoscha sprach gestern von einem Brief.«
»Es wird irgendeine Nachricht darin gestanden haben. War denn Aljoscha heute hier?«
»Ja.«
»Frühzeitig?«
»Um zwölf; er schläft ja immer lange. Er hat ein Weilchen hier gesessen. Dann habe ich ihn fortgejagt zu Katerina Fjodorowna; es ging doch nicht anders, Wanja.«
»Wollte er denn nicht selbst dorthin gehen?«
»O doch, er wollte selbst hin …«
Sie wollte noch etwas hinzufügen, verstummte aber. Ich sah sie an und wartete. Ihr Gesicht war traurig. Ich hätte sie gern gefragt; aber es mißfiel ihr manchmal sehr, wenn man sie fragte.
»Er ist ein sonderbarer Junge«, sagte sie endlich; sie verzog den Mund ein wenig und vermied es, mich anzusehen.
»Wieso? Gewiß hat es zwischen euch etwas gegeben?«
»Nein, nichts; ich sagte es bloß so … Er war übrigens ganz liebenswürdig … Nur …«
»Nun, jetzt hat ja all sein Kummer und all seine Sorge ein Ende genommen«, sagte ich.
Natascha blickte mich unverwandt und prüfend an. Vielleicht hätte sie selbst Lust gehabt, mir zu antworten: »Er hat auch vorher nur wenig Kummer und Sorge gehabt«; aber sie hatte das Gefühl, daß in meinen Worten dieser selbe Sinn lag. Sie machte deswegen ein finsteres Gesicht.
Indessen wurde sie sofort wieder freundlich und liebenswürdig. Sie war diesmal außerordentlich sanft. Ich saß bei ihr über eine Stunde. Sie beunruhigte sich sehr. Der Fürst ängstigte sie. Ich merkte an manchen Fragen, die sie stellte, daß sie gern erfahren hätte, welchen Eindruck sie gestern auf ihn gemacht habe. Ob sie sich richtig benommen habe; ob sie ihre Freude ihm gegenüber nicht zu stark zum Ausdruck gebracht habe; ob sie nicht zu empfindlich gewesen sei oder im Gegenteil zu demütig. Wenn er doch nichts Schlechtes von ihr dächte; wenn er sich doch nicht über sie lustig machte; wenn er sie doch nicht geringschätzte! … Von diesen Gedanken glühten ihre Wangen wie Feuer.
»Wie kann man sich nur so darüber aufregen, was ein schlechter Mensch etwa von einem denken mag!« sagte ich. »Mag er denken, was er will!«
»Warum soll er denn schlecht sein?« fragte sie.
Natascha war argwöhnisch, hatte aber ein reines Herz, eine offene Denkweise. Ihr Argwohn ging aus einer reinen Quelle hervor. Sie besaß ihren Stolz, einen edlen Stolz, und konnte es nicht ertragen, wenn das, was sie hochschätzte, vor ihren Augen der Verspottung preisgegeben wurde. Auf Geringschätzung seitens eines niedrigen Menschen hätte sie sicherlich nur mit Geringschätzung geantwortet; aber doch hätte ihr das Herz weh getan bei einer Verspottung dessen, was sie für ein Heiligtum hielt, mochte der Spötter sein, wer er wollte. Dies war nicht etwa die Folge eines Mangels an Festigkeit. Es war hauptsächlich die Folge davon, daß sie zu wenig Weltkenntnis besaß, nicht gewohnt war, sich unter Menschen zu bewegen, sich immer still für sich in ihrem Winkel gehalten hatte. Sie hatte ihr ganzes Leben in ihrem Eckchen verbracht, fast ohne es je zu verlassen, Und endlich war bei ihr eine Eigenschaft gutmütiger Leute, die vielleicht von ihrem Vater auf sie übergegangen war, in besonders starkem Maße entwickelt: nämlich einen Menschen übermäßig zu loben, ihn hartnäckig für besser zu halten, als er in Wirklichkeit war, und alles Gute an ihm eifrig zu übertreiben. Die Enttäuschung empfinden solche Leute nachher schmerzlich, besonders schmerzlich, wenn sie fühlen, daß sie selbst daran schuld sind. Warum haben sie auch mehr erwartet, als die andern geben konnten? Und eine derartige Enttäuschung erwartet solche Leute in jedem Augenblick. Das beste ist schon, wenn sie ruhig in ihren Winkeln sitzen bleiben und nicht in die Welt hinausgehen; ich habe sogar bemerkt, daß sie tatsächlich ihre kleine Welt dermaßen lieben, daß sie in ihr ganz menschenscheu werden. Übrigens hatte Natascha ja auch viel Leid und viele Kränkungen zu ertragen gehabt. Sie war bereits ein krankes Wesen, und man kann ihr keinen Vorwurf machen, wenn überhaupt in meinen Worten ein Vorwurf liegt.
Aber ich hatte Eile und stand auf, um wegzugehen. Sie war erstaunt darüber, daß ich schon gehen wollte, und fing beinahe an zu weinen, obwohl sie in der ganzen Zeit, während ich bei ihr gesessen hatte, mir keinerlei besondere Zärtlichkeit erwiesen, sondern sich im Gegenteil anscheinend ungewöhnlich kühl gegen mich benommen hatte. Sie küßte mich herzlich und sah mir lange in die Augen.
»Höre«, sagte sie, »Aljoscha war heute sehr komisch und hat mich sogar in Erstaunen versetzt. Er war sehr liebenswürdig und, wie es schien, sehr glücklich; aber er kam hereingeflattert wie ein Schmetterling, wie ein Geck und drehte sich immer vor dem Spiegel herum. «Er benimmt sich jetzt gar zu ungeniert … er ist auch nicht lange hiergeblieben. Stelle dir nur vor: er hat mir Konfekt mitgebracht!« »Konfekt? Nun, das ist doch sehr liebenswürdig und harmlos. Ach, was seid ihr alle beide für Menschen! Da habt ihr nun jetzt angefangen, einander zu beobachten, euch auszuspionieren, einer des andern Gesicht zu studieren, geheime Gedanken darauf zu lesen (und doch versteht ihr nichts von dem, was darauf geschrieben steht!). Und ihm schadet das noch nicht viel; er ist vergnügt und jungenhaft wie früher. Aber du, du!«
Jedesmal, wenn Natascha ihren Ton änderte, um mir entweder eine Klage über Aljoscha vorzutragen oder sich von mir irgendwelche peinlichen Zweifel lösen zu lassen oder mir ein Geheimnis mitzuteilen, wobei sie wünschte, daß ich es aus halben Worten und Andeutungen verstehen möchte, dann blickte sie mich mit halbgeöffnetem Mund an, so daß ihre Zähne sichtbar wurden, und bat gleichsam flehentlich, ich möchte unter allen Umständen eine Antwort geben, von der ihr gleich leichter ums Herz werde. Aber ich erinnere mich auch, daß ich in solchen Fällen immer einen mürrischen, scharfen Ton annahm, als ob ich jemanden ausschölte; das geschah bei mir ganz unwillkürlich, wirkte aber immer gut. Mein finsteres, wichtigtuendes Benehmen war am richtigen Platz und verlieh mir eine gewisse Autorität; und der Mensch verspürt ja manchmal das unwiderstehliche Bedürfnis, sich von jemandem ausschelten zu lassen. Natascha wenigstens war, wenn wir uns dann trennten, meist ganz getröstet.
»Nein, siehst du, Wanja«, fuhr sie fort, indem sie ihre eine Hand auf meiner Schulter behielt, mit der andern meine Hand drückte und mit ihren Augen in meinen zu lesen suchte, »es schien mir, als ob sein Gefühl nicht sehr tief war … er kam mir vor wie so ein mari, weißt du, wie ein Mann, der schon zehn Jahre verheiratet ist, sich aber immer noch gegen seine Frau liebenswürdig benimmt. Ist es nicht jetzt noch zu früh dazu? Er lachte und drehte sich hin und her, aber als ob dieses ganze Benehmen gegen mich nur oberflächlich wäre und er sich schon zum Teil zurückzöge; es war nicht so wie früher … Er hatte es sehr eilig, zu Katerina Fjodorowna zu kommen … Ich redete mit ihm; aber er hörte nicht zu oder fing von etwas anderem an zu sprechen, weißt du, diese häßliche Gewohnheit vornehmer Leute, die wir beide ihm abzugewöhnen gesucht haben. Kurz, er war eigentümlich … ordentlich gleichgültig … Aber was rede ich! Ich bin ganz ins Anklagen hineingekommen! Ach, Wanja, was sind wir alle für anspruchsvolle, eigensinnige Despoten! Erst jetzt sehe ich es ein! Wir verzeihen einem Menschen nicht einmal eine bloße Veränderung der Miene, und eine solche Veränderung kann doch Gott weiß was für Ursachen haben! Du hast recht, Wanja, daß du mir soeben Vorwürfe gemacht hast! Ich allein bin an allem schuld! Wir schaffen uns selbst Kummer, und dann beklagen wir uns noch! … Ich danke dir, Wanja; du hast mich vollständig getröstet. Ach, wenn er doch heute käme! Aber vielleicht ist er noch von vorhin böse.«
»Habt ihr euch denn wirklich schon gezankt?« rief ich erstaunt.
»Nein, ich habe mir nichts merken lassen! Ich war nur ein bißchen traurig; er aber, der zunächst heiter gewesen war, wurde dann nachdenklich und nahm, wie mir schien, von mir etwas trocken Abschied. Aber ich will zu ihm schicken und ihn bitten herzukommen … Komm du doch heute auch her, Wanja!«
»Ich komme bestimmt, wenn mich nicht eine andere Sache aufhält.«
»Nun, was ist denn das für eine Sache?«
»Ich habe mir da etwas auf den Hals geladen! Doch glaube ich, daß ich bestimmt kommen werde.«
Siebentes Kapitel
Pünktlich um sieben Uhr war ich bei Masslobojew. Er wohnte in der Schestilawotschnaja, in einem kleinen Haus, in einem Seitengebäude, in einer ziemlich unsauberen Wohnung von drei Zimmern, die übrigens nicht ärmlich möbliert waren. Es war sogar eine gewisse Wohlhabenheit sichtbar, gleichzeitig aber eine sehr mangelhafte Ordnung. Es öffnete mir ein auffallend hübsches Mädchen von ungefähr neunzehn Jahren, einfach, aber nett gekleidet, sehr sauber aussehend und mit überaus gutmütigen, lustigen Augen. Ich erriet sogleich, daß dies eben jene Alexandra Semjonowna sei, deren er heute schon Erwähnung getan und deren Bekanntschaft zu machen er mich aufgefordert hatte. Sie fragte mich, wer ich sei, und als sie meinen Namen hörte, sagte sie, er erwarte mich, schlafe aber jetzt gerade in seinem Zimmer; dorthin führte sie mich denn auch. Masslobojew schlief auf einem schönen, weichen Sofa; zugedeckt hatte er sich mit seinem schmutzigen Mantel; unter dem Kopf hatte er ein abgescheuertes Lederkissen. Sein Schlaf war nicht tief; kaum waren wir eingetreten, als er mich sogleich beim Namen rief.
»Ach, du bist es? Ich habe dich erwartet. Eben habe ich geträumt, daß du kämest und mich aufwecktest. Also, es ist Zeit; wir wollen fahren!«
»Wohin denn?«
»Zu einer Dame.«
»Zu was für einer Dame? Wozu?«
»Zu Frau Bubnowa, um bei ihr gründlich zu kassieren. Ach, was ist das für eine schöne Frau!« sagte er, sich zu Alexandra Semjonowna wendend, in gedehntem Ton und küßte sogar seine Fingerspitzen bei der Erinnerung an Frau Bubnowa.
»Ach, geh doch! Schwindel!« sagte Alexandra Semjonowna, die es für ihre unvermeidliche Pflicht hielt, ein bißchen böse zu werden.
»Du bist mit ihr noch nicht bekannt? Ich will dich vorstellen, lieber Freund. Hier, Alexandra Semjonowna, stelle ich dir einen großen Schriftsteller mit Generalsrang vor; er ist nur einmal im Jahr umsonst zu sehen, die übrige Zeit nur für Geld.«
»Ach, du hältst einen immer nur zum Narren. Bitte, hören Sie nicht auf ihn; er macht sich immer nur über mich lustig. Wie wird denn der Herr ein General sein!«
»Ich sage dir ja, daß er eine besondere Art von General ist. Du aber, Exzellenz, glaube ja nicht, daß sie dumm ist; sie ist viel klüger, als es auf den ersten Blick scheint.«
»Hören Sie nicht auf ihn! Immer redet er vor den Ohren braver Leute Schlechtes von unsereinem, der schamlose Mensch! Dafür sollte er einen lieber mal ins Theater führen!«
»Eine schöne Regel lautet, Alexandra Semjonowna: ›Liebe dein eigenes Heim!‹ Hast du auch den andern Ausdruck für das, was man lieben muß, nicht vergessen? Hast du das Fremdwort behalten? Ich hatte es dir doch so schön beigebracht!«
»Gewiß habe ich es behalten. Es wird wohl irgendwelchen Unsinn bedeuten.«
»Nun, wie hieß das Fremdwort?«
»Na ja, ich werde mich auch gerade vor dem Gast blamieren! Es bedeutet vielleicht etwas Unpassendes. Ich beiße mir lieber die Zunge ab, ehe ich es sage.«
»Also hast du es vergessen?«
»Nein, ich habe es nicht vergessen: ›Penaten‹ … ›Liebe deine Penaten!‹ … Nein, was er für Einfälle hat! Vielleicht gibt es gar keine Penaten; und warum soll man sie lieben? Immer redet er solchen Unsinn!«
»Dafür wollen wir bei Frau Bubnowa …«
»Ach, du mit deiner Frau Bubnowa …«
Alexandra Semjonowna lief in der höchsten Entrüstung hinaus.
»Es ist Zeit! Wir wollen uns aufmachen! Adieu, Alexandra Semjonowna!«
Wir gingen hinaus.
»Siehst du, Wanja, erstens wollen wir uns in diese Droschke setzen. So. Zweitens aber habe ich heute mittag, nachdem ich mich von dir getrennt hatte, noch einiges in Erfahrung gebracht, und zwar nicht bloß so vermutungsweise, sondern mit aller Bestimmtheit. Ich bin noch eine ganze Stunde auf der Wassili-Insel geblieben. Dieser Dickwanst ist eine nichtswürdige Kanaille, ein unsauberer, garstiger Patron mit allerlei gemeinen Passionen. Frau Bubnowa ist schon längst durch arge Streiche in diesem Genre berüchtigt. Vor kurzem ist sie bei einer bösen Geschichte mit einem Mädchen aus anständigem Haus beinahe gefaßt worden. Das Musselinkleid, mit dem sie dieses Waisenmädchen herausgeputzt hat, wie du vorhin erzähltest, ließ mir keine Ruhe, weil ich schon etwas damit in Zusammenhang Stehendes gehört hatte. Vorhin habe ich nun noch etwas erfahren, allerdings ganz zufällig, aber, wie es scheint, zuverlässig. Wie alt ist sie?«
»Dem Gesicht nach etwa dreizehn Jahre.«
»Aber der Statur nach weniger. Nun, das paßt ihr gerade. Wenn es nötig ist, sagt sie elf Jahre, und sonst auch fünfzehn. Und da die Ärmste weder Angehörige noch Beschützer hat, so …«
»Meinst du wirklich?«
»Aber was hast du denn gedacht? Aus bloßem Mitleid wird Frau Bubnowa die Waise doch nicht aufgenommen haben. Und wenn sich nun gar der Dickwanst dort hat blicken lassen, dann ist die Sache richtig. Er ist heute vormittag bei ihr gesehen worden. Dem Tölpel, dem Ssisobruchow, ist heute eine schöne verheiratete Frau versprochen worden, die Gattin eines Stabsoffiziers. Kaufmannssöhnchen, die sich amüsieren wollen, sind auf so etwas versessen: sie fragen immer nach dem Rang. Es ist wie in der lateinischen Grammatik; du besinnst dich: die Bedeutung wird immer erst durch die Endung bestimmt. Übrigens bin ich, wie mir scheint, noch von vorhin betrunken. Na, aber Frau Bubnowa soll sich nicht erdreisten, sich mit solchen Dingen abzugeben. Sie möchte auch der Polizei ein X für ein U machen; aber das soll ihr nicht gelingen! Vor mir hat sie Angst, weil sie weiß, daß ich noch von früher her manches in Erinnerung habe … na, und so weiter, du verstehst?«
Ich bekam einen furchtbaren Schreck. Alle diese Mitteilungen versetzten mich in die größte Aufregung. Ich fürchtete immer, wir könnten zu spät kommen, und trieb den Kutscher zu schnellem Fahren an.
»Beunruhige dich nicht; es sind alle Maßregeln getroffen«, sagte Masslobojew. »Mitrofan ist da. Ssisobruchow soll ihm mit Geld büßen und der schurkische Dickwanst in natura. Das ist schon vorhin festgesetzt worden. Na, und Frau Bubnowa kommt auf mein Teil … Sie soll es nicht wagen …«
Wir waren hingelangt und ließen bei dem Restaurant halten; aber Mitrofan war nicht da. Nachdem wir dem Droschkenkutscher befohlen hatten, an der Tür des Restaurants auf uns zu warten, gingen wir zu Frau Bubnowa. Mitrofan erwartete uns am Tor. Die Fenster waren hell erleuchtet, und wir hörten das schallende Gelächter des betrunkenen Ssisobruchow.
»Sie sind alle da, seit ungefähr einer Viertelstunde«, meldete Mitrofan. »Es ist gerade die richtige Zeit.«
»Aber wie werden wir hineingelangen?« fragte ich.
»Als Gäste«, erwiderte Masslobojew. »Sie kennt mich und auch Mitrofan. Allerdings ist alles verschlossen, aber nicht für uns.«
Er klopfte leise an das Tor, und dieses wurde sogleich aufgetan. Der Hausknecht, der es geöffnet hatte, tauschte mit Mitrofan einen verständnisvollen Blick. Wir gingen leise hinein; im Haus hörte man uns nicht. Der Hausknecht führte uns die Treppe hinauf und klopfte. Von innen wurde gefragt; er antwortete, er sei allein, und gab die Parole. Es wurde geöffnet, und wir gingen alle zusammen hinein. Der Hausknecht war verschwunden.
»Oh, oh, wer ist da?« rief Frau Bubnowa, die betrunken, mit wirrem Haar, eine Kerze in der Hand, in dem kleinen Vorzimmer stand.
»Wer da ist?« erwiderte Masslobojew. »Erkennen Sie denn Ihre werten Gäste nicht, Anna Trifonowna? Wer anders als ich … Filipp Filippowitsch.«
»Ah, Filipp Filippowitsch! Sie sind e s… ein so werter Gast … Aber wie sind Sie nur … ich meinte doch … nun, es tut nichts … bitte, treten Sie näher!«
Sie geriet in eilfertige Bewegung.
»Wo sollen wir eintreten? Dort? Aber da ist ja eine Halbwand … Nein, nehmen Sie uns besser auf! Wir wollen bei Ihnen Champagner auf Eis trinken; und sind keine Dämchen da?«
Die Wirtin wurde sofort mutig.
»Für so werte Gäste würde ich welche aus der Erde hervorholen oder aus China kommen lassen.«
»Zwei Worte, liebe Anna Trifonowna: ist Ssisobruchowhier?«
»Ja.«
»Dann möchte ich mit ihm sprechen. Wie kann er wagen, der Schurke, ohne mich zu zechen?«
»Er hat Sie gewiß nicht vergessen. Er hat immer auf jemand gewartet, gewiß auf Sie.«
Masslobojew stieß eine Tür auf, und wir traten in ein kleines, zweifenstriges Zimmer mit Geranientöpfen, Rohrstühlen und einem scheußlichen Klavier; alles, wie es sich gehörte. Aber ehe wir noch hineingingen, schon während wir das Gespräch im Vorzimmer führten, war Mitrofan verschwunden. Ich hörte später, daß er gar nicht in die Wohnung hineingegangen war, sondern vor der Tür gewartet hatte. Ihm öffnete nachher jemand anders. Das strubblige, geschminkte Frauenzimmer, das am Vormittag hinter Frau Bubnowas Schultern hervorgesehen hatte, war eine Gevatterin von ihm.
Ssisobruchow saß auf einem schmalen Sofa von imitiertem Mahagoni an einem runden Tisch, der mit einer Serviette bedeckt war. Auf dem Tisch standen zwei Flaschen mit lauem Champagner, eine Flasche mit schlechtem Rum, ferner Teller mit Konfekt, Pfefferkuchen und drei Sorten Nüssen. An dem Tisch saß, Ssisobruchow gegenüber, ein widerwärtig aussehendes, pockennarbiges, etwa vierzigjähriges Weib in einem schwarzen Taftkleid mit unechten Armbändern und einer unechten Brosche. Dies war die Offiziersdame, offenbar eine nachgemachte. Ssisobruchow war betrunken und sehr zufrieden. Sein dickbäuchiger Gefährte war nicht bei ihm.
»Ja, so machen es die Menschen!« brüllte Masslobojew aus voller Kehle. »Und dabei ladet er einen noch zu Dussaut ein!«
»Filipp Filippowitsch, beglücken Sie mich wirklich?« murmelte Ssisobruchow, indem er sich mit glückseligem Gesicht zu unserer Begrüßung erhob.
»Du trinkst hier?«
»Entschuldigen Sie!«
»Entschuldige dich nicht, sondern lade uns dazu ein! Ich bin hergekommen, um mit dir zu zechen, und habe da noch einen Gast mitgebracht, einen Freund von mir.« Masslobojew wies auf mich.
»Ich freue mich sehr, das heißt, ich bin ganz glücklich … Hihi!«
»Pfui, das nennt sich Champagner? Das schmeckt ja wie saurer Kwas!«
»Sie beleidigen mich.«
»Also bei Dussaut wagst du dich gar nicht zu zeigen, und da ladest du noch andere Leute dorthin ein!«
»Er hat eben erzählt, er wäre in Paris gewesen«, bemerkte die Offiziersdame. »Er schneidet gewiß auf!«
»Fedossija Titischna, beleidigen Sie mich nicht! Wir sind dagewesen. Wir sind hingefahren.«
»Na, was soll denn so ein ungebildeter Mensch in Paris ? «
»Wir sind dagewesen. Ich und Karp Wassiljewitsch, wir haben da Aufsehen erregt. Kennen Sie Karp Wassiljewitsch?«
»Wie werde ich denn deinen Karp Wassiljewitsch kennen?«
»Ich meinte nur … Wir beide, er und ich, haben da in Paris bei Madam Joubert einen englischen Trüma zerbrochen.«
»Was habt ihr zerbrochen?« »Einen Trüma. Das war ein Trüma, der ging über die ganze Wand bis an die Decke; und Karp Wassiljewitsch war so betrunken, daß er schon mit Madam Joubert russisch sprach. Er stand da bei dem Trüma und lehnte sich mit dem Ellbogen dagegen. Die Joubert aber schrie ihm zu, das heißt, in ihrer Sprache: ›Der Trüma kostet siebenhundert Franc, wenn du ihn zerbrichst!‹ (Ein Franc, das ist nach unserem Geld ein Viertelrubel.) Er lächelte und sah mich an; ich saß gegenüber auf dem Sofa und eine schöne Dame neben mir; nicht so eine Fratze wie diese hier, sondern mit Schück, kurz gesagt. Er schreit: ›Stepan Terentjewitsch, Stepan Terentjewitsch! Soll es halbpart gelten, wie?‹ Ich sage: ›Es gilt!‹ Da schlägt er mit der Faust gegen den Trüma – klirr! Die Scherben polterten nur so. Die Joubert kreischte auf und fuhr ihm ordentlich ins Gesicht: ›Du Räuber, was fällt dir ein?‹ (Das heißt, sie sagte das in ihrer Sprache.) Aber er antwortete ihr: ›Nehmen Sie Ihr Geld, Madam Joubert; aber stören Sie mir nicht mein Vergnügen!‹ und gab ihr sofort sechshundertfünfzig Franc. Fünfzig handelte er ihr ab.«
In diesem Augenblick erscholl ein furchtbarer, durchdringender Schrei durch mehrere Türen hindurch, zwei oder drei Zimmer entfernt von dem, in welchem wir uns befanden. Ich fuhr zusammen und schrie ebenfalls auf. Ich erkannte diesen Schrei: es war Jelenas Stimme. Sogleich nach diesem kläglichen Schrei ertönten andere Schreie, Schimpfworte, Lärm und zuletzt deutliche, schallende Schläge mit der flachen Hand auf ein Gesicht. Das war wahrscheinlich Mitrofans Tätigkeit in seinem Departement. Plötzlich wurde die Tür heftig aufgerissen, und Jelena stürzte ins Zimmer: blaß, die Augen voll Tränen, in einem weißen Musselinkleid, das völlig zerknittert und zerrissen war, mit gekämmtem, aber wie infolge eines Kampfes zerzaustem Haar. Ich stand der Tür gegenüber, und sie stürzte gerade auf mich los und umschlang mich mit ihren Armen. Alle sprangen erschrocken auf, schrien und kreischten bei ihrem Anblick. Hinter ihr erschien in der Tür Mitrofan, der seinen übel zugerichteten, dickbäuchigen Gegner an den Haaren schleppte. Er zerrte ihn bis zur Schwelle und warf ihn zu uns ins Zimmer.
»Da habt ihr ihn! Nehmt ihn hin!« rief Mitrofan mit sehr zufriedener Miene.
»Höre«, sagte Masslobojew, indem er ruhig an mich herantrat und mir auf die Schulter klopfte, »nimm unsere Droschke und fahre mit dem Mädchen zu deiner Wohnung; hier hast du nichts weiter zu tun. Morgen werden wir auch das übrige erledigen.«
Ich ließ mir das nicht zum zweiten Male sagen, sondern nahm Jelena bei der Hand und führte sie aus dieser Lasterhöhle hinaus. Wie die Sache in diesem Haus endete, weiß ich nicht. Uns beide hielt niemand auf: die Wirtin war vom Schrecken wie gelähmt. Alles hatte sich so schnell abgespielt, daß sie nichts hatte hindern können. Die Droschke hatte auf uns gewartet, und zwanzig Minuten darauf war ich schon in meiner Wohnung.
Jelena war halbtot. Ich öffnete die Haken an ihrem Kleid, bespritzte ihr Gesicht mit Wasser und legte sie auf das Sofa. Sie begann zu fiebern und irrezureden. Ich betrachtete ihr blasses Gesichtchen, die farblosen Lippen, das schwarze zerzauste Haar, das aber vorher sorgfältig gekämmt und pomadisiert gewesen war, ihren ganzen Anzug, diese rosa Schleifen, die noch hier und da am Kleid saßen – und verstand den ganzen abscheulichen Hergang. Das arme Kind! Ihr Zustand wurde immer schlimmer. Ich wich nicht von ihrer Seite und nahm mir vor, an diesem Abend nicht zu Natascha zu gehen. Manchmal schlug Jelena ihre langen Wimpern auf und blickte mich lange unverwandt an, als ob sie mich erkenne. Erst spät, nach Mitternacht, schlief sie ein. Ich schlief neben ihr auf dem Fußboden.
Achtes Kapitel
Ich stand sehr früh auf. Die ganze Nacht über war ich fast jede halbe Stunde aufgewacht, zu meiner armen Kranken herangetreten und hatte sie aufmerksam betrachtet. Sie hatte Fieber und phantasierte ein wenig. Aber gegen Morgen schlief sie fest ein. ›Das ist ein gutes Zeichen‹, dachte ich, beschloß aber, als ich am Morgen aufwachte, möglichst schnell, solange das arme Kind noch schlief, zum Arzt zu laufen. Ich kannte einen Arzt, einen alten, gutherzigen Junggesellen, der seit undenklicher Zeit mit seiner deutschen Haushälterin zusammen auf der Wladimirskaja wohnte. Er versprach, um zehn Uhr zu mir zu kommen. Als ich bei ihm war, war es acht. Ich hatte die größte Lust, im Vorbeigehen bei Masslobojew vorzusprechen; aber ich gab diesen Gedanken auf: er schlief gewiß noch von gestern her, und außerdem konnte Jelena aufwachen und sich vielleicht in meiner Abwesenheit ängstigen, wenn sie sich in meiner Wohnung sah. In ihrem krankhaften Zustand konnte sie vergessen haben, wie, wann und auf welche Weise sie zu mir gekommen war.
Sie erwachte gerade in dem Augenblick, als ich ins Zimmer trat. Ich ging zu ihr hin und fragte vorsichtig, wie sie sich befinde. Sie antwortete nicht, sondern sah mich lange und unverwandt mit ihren ausdrucksvollen schwarzen Augen an. Nach ihrem Blick schien es mir, daß sie alles erkenne und bei vollem Bewußtsein sei. Daß sie mir nicht antwortete, beruhte vielleicht auf ihrer dauernden Gewohnheit. Auch gestern und vorgestern hatte sie mir auf manche meiner Fragen nicht eine Silbe erwidert, sondern mir nur mit ihrem langen, starren Blick in die Augen gesehen, mit diesem Blick, in welchem außer Erstaunen und scheuer Neugier auch noch eine seltsame Art von Stolz gelegen hatte. Jetzt aber bemerkte ich in ihrem Blick etwas Finsteres und sogar ein gewisses Mißtrauen. Ich wollte ihr die Hand auf die Stirn legen, um zu fühlen, ob sie Fieber habe; aber sie schob meine Hand mit ihrem kleinen Händchen schweigend und sacht zurück und wendete sich mit dem Gesicht von mir ab, der Wand zu. Ich ging fort, um sie nicht weiter aufzuregen.
Ich besaß einen großen kupfernen Teekessel. Diesen benutzte ich schon seit längerer Zeit als Samowar und machte in ihm Wasser heiß. Holz hatte ich; das hatte mir der Hausknecht gleich für fünf Tage mit einem Male heraufgebracht. Auf dem Tisch stellte ich mein Teegeschirr zurecht. Jelena wandte sich zu mir und sah alles neugierig mit an. Ich fragte sie, ob sie etwas wünsche; aber sie wandte sich wieder von mir weg und gab keine Antwort.
»Ob sie mir aus irgendeinem Grund böse ist?« dachte ich. »Ein seltsames Mädchen!«
Mein alter Arzt kam, wie er gesagt hatte, um zehn Uhr. Er untersuchte die Kranke mit deutscher Gründlichkeit und beruhigte mich sehr durch seine Äußerung, es liege zwar ein fieberhafter Zustand vor, jedoch sei keine besondere Gefahr vorhanden. Er fügte hinzu, sie müsse eine andere, chronische Krankheit haben, so etwas wie unregelmäßige Herztätigkeit; aber dieser Punkt werde besondere Beobachtung erfordern; zur Zeit sei sie außer Gefahr. Er verschrieb ihr eine Mixtur und irgendein Pulver, mehr gewohnheitsmäßig, als weil es nötig gewesen wäre, und begann dann sogleich, mich auszufragen: auf welche Weise sie zu mir gekommen sei. Gleichzeitig sah er sich erstaunt in meiner Wohnung um. Dieser alte Herr war außerordentlich gesprächig.
Über Jelena war er erstaunt; sie hatte ihm ihre Hand entrissen, als er ihr den Puls fühlen wollte, hatte ihm nicht die Zunge zeigen wollen, auf alle seine Fragen keine Silbe geantwortet, sondern die ganze Zeit über nur unverwandt nach dem großen Stanislausorden gesehen, den er am Hals hängen hatte.
»Sie hat gewiß starke Kopfschmerzen«, bemerkte der Alte; »aber was hat sie für einen Blick, was hat sie für einen Blick!«
Ich hielt es nicht für nötig, ihm über Jelena viel zu erzählen, und machte mich durch die Bemerkung los, das sei eine lange Geschichte.
»Lassen Sie es mich wissen, wenn ich nötig sein sollte«, sagte er beim Weggehen. »Augenblicklich ist keine Gefahr.«
Ich beschloß, den ganzen Tag bei Jelena zu bleiben und sie bis zur völligen Wiederherstellung möglichst selten allein zu lassen. Aber da ich wußte, daß Natascha und Anna Andrejewna sich ängstigen würden, wenn sie mich vergebens erwarteten, so wollte ich wenigstens Natascha brieflich durch die Stadtpost benachrichtigen, daß ich heute nicht zu ihr kommen würde. An Anna Andrejewna dagegen durfte ich nicht schreiben. Sie hatte, als ich ihr einmal während Nataschas Krankheit Nachricht gesandt hatte, mich ein für allemal gebeten, ihr keine Briefe zu schicken. »Der Alte«, sagte sie, »macht ein finsteres Gesicht, wenn er einen Brief von dir sieht; er möchte gern wissen, was drinsteht, der gute Mann, mag aber nicht danach fragen. Dann ist er den ganzen Tag verdrießlich. Außerdem, lieber Freund, ist ein Brief von dir für mich nur eine zwecklose Aufregung. Was habe ich von zehn Zeilen? Ich möchte dann nach allen Einzelheiten fragen, und du bist dann nicht hier.« Darum schrieb ich nur an Natascha und steckte, als ich das Rezept in die Apotheke trug, den Brief gleich in den Kasten.
Inzwischen war Jelena wieder eingeschlafen. Im Schlaf stöhnte sie leise und zuckte zusammen. Mitunter schrie sie leicht auf und erwachte. Dann sah sie mich ordentlich ärgerlich an, wie wenn ihr die Aufmerksamkeit, die ich ihr zuwandte, besonders peinlich wäre. Ich muß gestehen, daß mir das sehr schmerzlich war.
Um elf Uhr kam Masslobojew. Er war mit ernsten Gedanken beschäftigt und anscheinend zerstreut; er war nur auf einen Augenblick gekommen und hatte es sehr eilig, irgendwo anders hinzugehen.
»Na, lieber Freund«, sagte er, sich umblickend, »daß du nicht luxuriös wohnen würdest, hatte ich erwartet; aber ich hatte wirklich nicht gedacht, daß ich dich in einer solchen Kiste finden würde. Das ist eine Kiste und keine Wohnung. Na, darauf kommt ja freilich im übrigen nicht viel an; aber der Hauptschade ist, daß dich all diese äußeren Sorgen von der Arbeit abhalten. Ich habe daran schon gestern gedacht, als wir zu Frau Bubnowa fuhren. Ich, lieber Freund, gehöre ja nach meinem ganzen Wesen und nach meiner gesellschaftlichen Stellung zu den Leuten, die selbst nichts Gescheites leisten, sondern nur andere dazu ermahnen. Nun höre: ich werde vielleicht morgen oder übermorgen zu dir kommen; komm du aber unter allen Umständen Sonntag vormittag zu mir! Bis zu diesem Zeitpunkt wird die Angelegenheit dieses Mädchens, wie ich hoffe, ganz ins reine gebracht sein; gleichzeitig will ich dann auch mit dir ein vernünftiges Wort reden, weil für dich etwas Ernstliches getan werden muß. So darfst du nicht weiterleben. Ich habe dir das gestern nur angedeutet; aber jetzt werde ich es dir logisch auseinandersetzen. Ja, und schließlich sage mal: hältst du es denn für eine Unehre, von mir für einige Zeit Geld anzunehmen?«
»Fang keinen Streit an!« unterbrach ich ihn. »Sage mir lieber, welchen Ausgang die Sache da bei euch gestern genommen hat.«
»Nun, den allerbesten; das Ziel ist erreicht, du verstehst? Jetzt aber habe ich keine Zeit. Ich bin nur für einen Augenblick gekommen, um dir mitzuteilen, daß ich keine Zeit habe, mich dir zu widmen; aber beiläufig möchte ich noch fragen: wirst du sie irgendwo unterbringen, oder willst du sie bei dir behalten? Denn das muß überlegt und entschieden werden.«
»Das weiß ich noch nicht bestimmt, und ich muß gestehen, ich hatte auf dich gewartet, um dich um Rat zu fragen. In welcher Stellung könnte ich sie denn bei mir behalten?«
»Was ist da für eine Schwierigkeit? Etwa als Magd…«
»Ich bitte dich nur, leiser zu sprechen. Wenn sie auch krank ist, so ist sie doch vollkommen bei Bewußtsein, und als sie dich erblickte, da bemerkte ich, daß sie zusammenzuckte. Jedenfalls erinnerte sie sich an die gestrigen Erlebnisse…«
Nun erzählte ich ihm von ihrem Charakter und berichtete alles, was ich an ihr wahrgenommen hatte. Meine Mitteilungen erregten Masslobojews Interesse. Ich fügte hinzu, daß ich sie vielleicht in einer mir bekannten Familie unterbringen würde, und erzählte ihm einiges wenige von den alten Ichmenews. Zu meiner Verwunderung kannte er Nataljas Geschichte schon teilweise; auf meine Frage, woher er es wisse, antwortete er:
»Ich habe es so zufällig gehört, schon vor längerer Zeit, anläßlich einer anderen Sache. Ich sagte dir ja schon, daß ich den Fürsten Walkowski kenne. Du tust gut daran, daß du sie zu jenen alten Leuten bringen willst. Sonst stört sie dich hier nur. Noch eins: sie braucht irgendein Ausweispapier. Darüber mache dir keine Sorgen; das nehme ich auf mich. Leb wohl, besuche mich recht oft! Wie ist’s? Schläft sie jetzt?«
»Es scheint so«, antwortete ich.
Aber kaum war er hinausgegangen, als Jelena mich sofort zu sich rief.
»Wer war das?« fragte sie. Ihre Stimme zitterte; aber sie sah mich immer noch mit demselben starren und abweisenden Blick an. Anders kann ich mich nicht ausdrücken.
Ich nannte ihr Masslobojews Namen und fügte hinzu, daß es mir nur durch seine Hilfe gelungen sei, sie von Frau Bubnowa loszubekommen, und daß diese vor ihm große Furcht habe. Ihre Wangen überzogen sich augenblicklich mit dunkler Glut, wahrscheinlich infolge der Erinnerungen.
»Und sie wird jetzt nie hierherkommen?« fragte Jelena, indem sie mich forschend anblickte.
Ich beeilte mich, sie zu beruhigen. Sie schwieg und ergriff mit ihren heißen Fingerchen meine Hand, ließ sie aber, wie wenn ihr etwas einfiele, sofort wieder fahren. »Es ist doch nicht möglich, daß sie gegen mich wirklich eine solche Abneigung empfinden sollte‹, dachte ich. ›Das ist eben ihre Manier so, oder… oder das arme Kind hat soviel Leid erfahren, daß sie zu niemandem mehr auf der Welt Vertrauen hat.‹
Zur bestimmten Stunde ging ich, um die Arznei abzuholen, und gleichzeitig in ein mir bekanntes Restaurant, wo ich manchmal zu Mittag aß und Kredit hatte. Diesmal hatte ich, als ich das Haus verließ, eine Menage mitgenommen und ließ mir in dem Restaurant eine Portion Hühnersuppe für Jelena geben. Aber sie wollte nichts essen, und so stellte ich denn die Suppe vorläufig auf den Ofen.
Nachdem ich ihr die Arznei gereicht hatte, setzte ich mich an meine Arbeit. Ich glaubte, sie schliefe; aber als ich zufällig zu ihr hinblickte, sah ich, daß sie den Kopf in die Höhe gehoben hatte und aufmerksam verfolgte, wie ich schrieb. Ich tat, als ob ich es nicht bemerkte.
Endlich schlief sie wirklich ein, und zwar zu meiner Freude ruhig, ohne Irrereden und ohne Stöhnen. Ich wurde in meinem Entschluß wankend; ich sagte mir, Natascha, die nicht wisse, um was es sich handle, werde mir möglicherweise zürnen, wenn ich heute nicht zu ihr käme, ja sie werde sich sogar bestimmt gekränkt fühlen durch meinen Mangel an Aufmerksamkeit gerade in einer Zeit, wo ich ihr vielleicht am allernötigsten sei. Es könne sehr leicht sein, daß ihr jetzt irgendwelche Sorge und Mühe erwachse und sie mir einen Auftrag zu geben habe, und dann sei ich gerade in einem solchen Augenblick nicht da.
Was Anna Andrejewna anlangte, so wußte ich schlechterdings nicht, wie ich mich am folgenden Tag ihr gegenüber rechtfertigen sollte. Ich überlegte lange und entschloß mich endlich, sowohl hierhin als auch dorthin zu laufen. Meine ganze Abwesenheit brauchte nur zwei Stunden zu dauern. Jelena, meinte ich, schlafe und werde es nicht hören, wenn ich fortginge. Ich sprang auf, zog mir den Mantel an und nahm meinen Hut; aber als ich eben hinausgehen wollte, rief mich Jelena auf einmal an. Ich war erstaunt: hatte sie sich wirklich nur so gestellt, als ob sie schliefe?
Beiläufig bemerke ich: obgleich Jelena so tat, als möge sie nicht mit mir reden, so bewies dieses ziemlich häufige Anrufen, dieses Bedürfnis, sich mit all ihren Zweifeln und Sorgen an mich zu wenden, doch das Gegenteil, und ich muß gestehen, daß mir dies sogar angenehm war.
»Wo wollen Sie mich hingeben?« fragte sie, als ich zu ihr trat.
Sie pflegte ihre Fragen überhaupt plötzlich, und wenn ich es ganz und gar nicht erwartete, zu stellen. Im vorliegenden Fall verstand ich sie nicht einmal sofort.
»Sie sagten vorhin zu Ihrem Bekannten, Sie wollten mich zu einer Ihnen bekannten Familie geben. Aber ich will nirgends hin.«
Ich beugte mich zu ihr hinab. Sie hatte wieder starkes Fieber und machte eine Krisis durch. Ich begann sie zu trösten und zu beruhigen; ich versicherte ihr, wenn sie bei mir bleiben wolle, würde ich sie nirgendshin fortgeben. Während ich das sagte, legte ich Mantel und Hut wieder ab. Sie in einem solchen Zustand allein zu lassen, dazu konnte ich mich nicht entschließen.
»Nein, gehen Sie nur fort!« sagte sie, da sie sogleich erriet, daß ich dableiben wolle. »Ich möchte schlafen; ich werde gleich einschlafen.«
»Aber wirst du auch allein bleiben können?« fragte ich bedenklich. »Ich werde übrigens bestimmt in zwei Stunden zurück sein.«
»Nun, dann gehen Sie doch! Sonst werde ich womöglich ein ganzes Jahr lang krank sein, und Sie könnten dann ein ganzes Jahr lang nicht aus dem Haus gehen.«
Sie machte einen Versuch zu lächeln und sah mich ganz eigentümlich an, wie wenn sie mit einem guten Gefühl ränge, das sich in ihrem Herzen rege. Das arme Kind! Ihr gutes, weiches Herz wurde nach außen hin sichtbar trotz all ihrer Menschenscheu und offenbaren Verbitterung.
Zuerst lief ich zu Anna Andrejewna. Sie wartete auf mich mit fieberhafter Ungeduld und empfing mich mit Vorwürfen; sie befand sich in einer schrecklichen Unruhe: Nikolai Sergejewitsch war gleich nach dem Mittagessen von zu Hause weggegangen, und sie wußte nicht wohin. Ich ahnte, daß die alte Frau sich nicht hatte beherrschen können und ihm nach ihrer Gewohnheit alles ›andeutungsweise‹ erzählt hatte. Übrigens gestand sie es mir beinahe selbst ein, indem sie sagte, sie habe sich nicht enthalten können, ihn an einer so großen Freude teilnehmen zu lassen; aber Nikolai Sergejewitsch sei (dies war ihr eigener Ausdruck) schwarz wie eine Gewitterwolke geworden, habe kein Wort gesagt, immer geschwiegen und nicht einmal auf ihre Fragen geantwortet; nach dem Mittagessen habe er sich auf einmal fertiggemacht und sei davongegangen. Während Anna Andrejewna dies erzählte, zitterte sie vor Angst und bat mich flehentlich, mit ihr zusammen Nikolai Sergejewitschs Rückkehr abzuwarten. Ich entschuldigte mich und sagte ihr beinah in scharfem Ton, ich würde vielleicht auch am folgenden Tag nicht kommen und sei eigentlich jetzt nur hergesprungen, um ihr dies mitzuteilen. Diesmal hätten wir uns fast miteinander gezankt. Sie fing an zu weinen, machte mir heftige, bittere Vorwürfe, und erst als ich schon aus der Tür ging, warf sie sich plötzlich an meine Brust, schlang beide Arme fest um meinen Hals und sagte, ich möchte ihr, ›der armen Verlassenen‹, nicht böse sein und ihr ihre Worte nicht übelnehmen.
Natascha fand ich wider Erwarten allein; merkwürdigerweise schien es mir, als sei sie über mein Kommen diesmal gar nicht so erfreut wie tags zuvor und überhaupt zu anderen Zeiten. Es war, wie wenn ich sie durch irgend etwas ärgerte oder störte. Auf meine Frage, ob Aljoscha heute dagewesen sei, antwortete sie:
»Natürlich ist er dagewesen, aber nicht lange. Er versprach, heute abend herzukommen«, fügte sie wie in tiefen Gedanken hinzu.
»Und ist er gestern abend hiergewesen?« »N-nein. Er wurde aufgehalten«, fügte sie hastig hinzu. »Nun, und du, Wanja? Wie steht es mit deinen Angelegenheiten?«
Ich merkte, daß sie aus irgendwelchem Grund unser Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu leiten wünschte. Ich sah sie aufmerksamer an: sie war sichtlich verstimmt. Als sie aber wahrnahm, daß ich sie scharf anblickte und beobachtete, warf sie mir plötzlich einen schnellen, gewissermaßen zornigen Blick zu, und zwar mit einer solchen Energie, daß ich ihn ordentlich brennen fühlte. ›Sie hat wieder Kummer‹, dachte ich, ›will es mir aber nicht sagen.‹
In Erwiderung auf ihre Frage nach meinen Angelegenheiten erzählte ich ihr ausführlich das ganze Erlebnis mit Jelena. Meine Erzählung interessierte sie sehr; sie war davon sogar ganz ergriffen.
»Mein Gott! Wie hast du nur die Kranke allein lassen können!« rief sie.
Ich setzte ihr auseinander, daß ich heute eigentlich gar nicht hätte zu ihr kommen wollen, aber gedacht hätte, sie würde es mir übelnehmen und bedürfe meiner vielleicht.
»Bedürfen«, sagte sie nachdenklich vor sich hin, »ich bedarf deiner vielleicht, Wanja; aber lassen wir das lieber auf ein andermal! Bist du bei den Unsrigen gewesen?« Ich erzählte es ihr.
»Ja, Gott weiß, wie der Vater jetzt all diese Nachrichten aufnehmen wird. Übrigens ist eigentlich nicht viel aufzunehmen …«
»Wie kannst du so sprechen?« rief ich. »Ein so gewaltiger Umschwung!«
»Nun ja… Wohin mag er wohl wieder gegangen sein? Das vorige Mal glaubtet ihr, er wäre zu mir unterwegs gewesen. Weißt du, Wanja, wenn es dir möglich ist, so komm doch morgen zu mir! Vielleicht werde ich dir etwas mitteilen… Es ist mir nur peinlich, dich zu belästigen. Jetzt aber solltest du nach Hause gehen zu deinem Gast. Es sind gewiß schon zwei Stunden, daß du von zu Hause weggegangen bist?« »Das ist richtig. Leb wohl, Natascha! Nun, wie war denn Aljoscha heute zu dir?«
»Aljoscha? Es ist nichts Besonderes zu sagen… Ich wundere mich sogar über deine Neugier.«
»Auf Wiedersehen, liebe Freundin!«
»Leb wohl!«
Sie reichte mir in einer lässigen Weise die Hand und wendete sich von meinem letzten Abschiedsblick weg. Ich verließ sie einigermaßen erstaunt. ›Aber‹, dachte ich, ›sie hat auch allen Grund, nachdenklich zu sein. Es handelt sich um keine Kleinigkeit. Morgen wird sie mir unaufgefordert alles erzählen.‹
In trüber Stimmung kehrte ich nach Hause zurück und bekam, sowie ich in die Tür trat, einen argen Schreck. Es war schon dunkel. Aber ich konnte erkennen, daß Jelena auf dem Sofa saß und wie in tiefem Nachdenken den Kopf auf die Brust herabhängen ließ. Zu mir sah sie gar nicht hin, wie wenn sie ihre ganze Umgebung vergessen hätte. Ich trat an sie heran; sie flüsterte etwas vor sich hin. ›Ob sie wieder phantasiert?‹ dachte ich.
»Jelena, liebes Kind, was ist dir?« fragte ich, indem ich mich neben sie setzte und ihre Hand ergriff.
»Ich will von hier weg… Ich will lieber zu ihr gehen«, antwortete sie, ohne den Kopf zu heben und mich anzusehen.
»Wohin? Zu wem?« fragte ich erstaunt.
»Zu ihr, zu Frau Bubnowa. Sie sagt immer, ich sei ihr viel Geld schuldig; sie habe Mama auf ihre Kosten beerdigt … Ich will nicht, daß sie auf Mama schimpft… Ich will bei ihr arbeiten und die ganze Schuld abarbeiten … Dann werde ich von selbst wieder von ihr weggehen. Aber jetzt werde ich wieder zu ihr gehen.«
»Beruhige dich, Jelena; zu ihr kannst du nicht«, sagte ich. »Sie würde dich zu Tode quälen, dich zugrunde richten…«
»Mag sie mich zugrunde richten, mag sie mich quälen!« rief Jelena heftig. »Ich bin nicht die erste; andere Mädchen, die besser sind als ich, haben es auch schlecht. Das hat mir eine Bettlerin auf der Straße gesagt. Ich bin arm und will arm sein. Mein ganzes Leben lang werde ich arm sein; das hat mir meine Mutter auf dem Sterbebett befohlen. Ich werde arbeiten… Ich will dieses Kleid nicht tragen…«
»Ich werde dir gleich morgen ein anderes kaufen. Auch deine Bücher werde ich dir bringen. Du sollst bei mir wohnenbleiben. Ich werde dich zu niemand hingeben, wenn du es nicht selbst wünschst; beruhige dich…«
»Ich will mich als Magd vermieten.«
»Gut, gut! Nur beruhige dich, leg dich hin und schlafe!« Aber das arme Kind begann heftig zu weinen. Das Weinen ging allmählich in ein Schluchzen über. Ich wußte nicht, was ich mit ihr anfangen sollte; ich gab ihr Wasser zu trinken und befeuchtete ihr die Schläfen und den Kopf. Endlich sank sie völlig erschöpft auf das Sofa zurück und bekam wieder Fieberschauer. Ich hüllte sie ein mit dem, was ich zur Hand hatte, und sie schlief ein, aber unruhig; alle Augenblicke fuhr sie zusammen und wachte auf. Obgleich ich an diesem Tag nicht viel gegangen war, war ich doch furchtbar müde und beschloß, mich selbst möglichst früh hinzulegen. Quälende Sorgen wühlten in meinem Kopf umher. Ich ahnte, daß ich mit diesem Mädchen viel Mühe haben würde. Aber die größte Sorge machten mir Natascha und ihre Angelegenheiten. Überhaupt habe ich, wie ich mich jetzt erinnere, mich selten in so gedrückter Stimmung befunden wie an diesem unglücklichen Abend.
Neuntes Kapitel
Ich erwachte erst spät, gegen zehn Uhr vormittags, und fühlte mich krank. Ich hatte Schwindel und Kopfschmerz. Ich blickte auf Jelenas Bett: das Bett war leer. Gleichzeitig drang aus meinem rechts gelegenen Zimmerchen ein Geräusch zu mir, als ob jemand mit einem Besen den Fußboden fege. Ich ging hin, um nachzusehen. Jelena hatte einen Besen in der Hand und fegte aus; mit der anderen Hand hielt sie ihr feines Kleid in die Höhe, das sie seit jenem Abend noch nicht ausgezogen hatte. Das zum Heizen des Ofens heraufgebrachte Holz war in einer Ecke aufgeschichtet, der Tisch abgerieben, der Teekessel gereinigt; kurz, Jelena wirtschaftete.
»Höre einmal, Jelena«, rief ich, »wer hat dich denn geheißen, den Fußboden zu fegen? Ich will das nicht; du bist krank; bist du etwa als Magd zu mir gekommen?«
»Wer soll denn sonst hier ausfegen?« erwiderte sie, sich aufrichtend und mich gerade anblickend. »Ich bin jetzt nicht mehr krank.«
»Aber ich habe dich nicht zur Arbeit hergenommen, Jelena. Du scheinst zu fürchten, ich würde dir Vorwürfe machen wie Frau Bubnowa, wenn du unentgeltlich bei mir wohnst? Und wo hast du diesen häßlichen Besen her? Ich habe keinen Besen gehabt«, fügte ich, sie erstaunt anblickend, hinzu.
»Das ist mein Besen. Ich habe ihn selbst hergebracht. Ich habe auch bei dem Großvater hier ausgefegt. Der Besen hat seitdem hier unter dem Ofen gelegen.«
Nachdenklich kehrte ich in das andere Zimmer zurück. Vielleicht irrte ich mich; aber ich hatte doch das Gefühl, daß ihr meine Gastfreundschaft peinlich war und sie mir auf jede Weise zeigen wollte, daß sie bei mir nicht unentgeltlich wohne. ›Wenn dem so ist‹, dachte ich, ›was ist das dann für ein eigensinniger Charakter?‹ Ein paar Minuten darauf kam sie ebenfalls herein, setzte sich schweigend auf ihren gestrigen Platz auf dem Sofa und sah mich fragend an. Ich hatte unterdessen im Teekessel Wasser heiß gemacht und Tee bereitet, goß ihr eine Tasse ein und reichte sie ihr mit einem Stück Weißbrot. Sie nahm beides schweigend und widerspruchslos hin. Volle vierundzwanzig Stunden lang hatte sie fast nichts gegessen.
»Da hast du auch dein schönes Kleid mit dem Besen beschmutzt«, sagte ich, da ich am Saum ihres Rockes einen großen Schmutzfleck bemerkte. Sie blickte hin, stellte dann auf einmal zu meinem größten Erstaunen die Tasse auf den Tisch, faßte, anscheinend kaltblütig und ruhig, eine Musselinbahn ihres Rockes und riß sie mit einem Zug von oben bis unten entzwei. Nachdem sie das getan hatte, schaute sie auf und blickte mich trotzig mit funkelnden Augen an. Ihr Gesicht war blaß.
»Was tust du, Jelena?« rief ich, überzeugt, daß ich eine Wahnsinnige vor mir hatte.
»Das ist ein häßliches Kleid«, erwiderte sie, keuchend vor Aufregung. »Warum haben Sie es ein schönes Kleid genannt? Ich will es nicht tragen«, schrie sie plötzlich und sprang von ihrem Platz auf. »Ich werde es zerreißen. Ich habe sie nicht gebeten, mich herauszuputzen. Sie hat das von selbst getan, mit Gewalt. Ich habe schon ein Kleid zerrissen und werde auch dieses zerreißen. Zerreißen werde ich es, zerreißen, zerreißen! …«
Wütend machte sie sich über das unglückliche Kleid her. In einem Augenblick hatte sie es in Stücke zerrissen. Als sie damit fertig war, war sie so blaß, daß sie kaum auf den Füßen stehen konnte. Verwundert stand ich dieser wilden Heftigkeit gegenüber. Sie aber sah mich gewissermaßen herausfordernd an, als ob auch ich mich irgendwie gegen sie vergangen hätte. Aber ich wußte schon, was ich zu tun hatte.
Ich beschloß, ihr unverzüglich, gleich an diesem Vormittag, ein neues Kleid zu kaufen. Auf dieses scheue, verbitterte Wesen mußte man durch Güte wirken. Sie machte den Eindruck, als wäre sie nie mit guten Menschen zusammengekommen. Wenn sie schon einmal trotz der zu erwartenden strengen Strafe ihr erstes derartiges Kleid in Stücke gerissen hatte, mit welcher Wut mußte sie dann jetzt dieses ansehen, durch das sie an die schrecklichen unlängst durchlebten Augenblicke erinnert wurde!
Auf dem Trödelmarkt konnte man ein hübsches, einfaches Kleid sehr billig kaufen. Das Unglück war nur, daß ich in diesem Augenblick fast gar kein Geld besaß. Aber ich hatte mir schon tags zuvor beim Schlafengehen vorgenommen, mich heute an einen Ort zu begeben, wo ich hoffen konnte, welches zu bekommen, und es traf sich gut, daß ich zu diesem Zweck nach derselben Seite gehen mußte, wo der Trödelmarkt lag. Ich griff nach dem Hut. Jelena beobachtete mich unverwandt, wie wenn sie auf etwas wartete.
»Werden Sie mich wieder einschließen?« fragte sie, als ich den Schlüssel nahm, um wie an den beiden vorhergehenden Tagen die Wohnung hinter mir zuzuschließen.
»Liebes Kind«, sagte ich, zu ihr tretend, »nimm mir das nicht übel! Ich schließe deswegen zu, weil jemand kommen könnte. Du aber bist krank und könntest dich womöglich ängstigen. Und es kann ja auch Gott weiß wer kommen; vielleicht gerät Frau Bubnowa auf den Einfall, sich hierherzubegeben…«
Das sagte ich absichtlich zu ihr. In Wirklichkeit schloß ich sie ein, weil ich ihr mißtraute. Ich glaubte, sie könne plötzlich auf den Gedanken kommen, von mir wegzugehen. Ich beschloß, einstweilen möglichst vorsichtig zu sein. Jelena schwieg, und so schloß ich sie denn auch diesmal ein.
Ich kannte einen Verleger, der schon seit mehr als zwei Jahren ein vielbändiges Werk herausgab. Von diesem erhielt ich häufig Arbeit, wenn es mir wünschenswert war, recht bald etwas Geld zu verdienen. Er zahlte pünktlich und anständig. Ich begab mich zu ihm, und es gelang mir, fünfundzwanzig Rubel Vorschuß zu erhalten, mit der Verpflichtung, ihm innerhalb einer Woche einen kompilatorischen Artikel zu liefern. Aber ich hoffte, daneben noch Zeit zur Arbeit an meinem Roman übrigzubehalten. So verfuhr ich oft, wenn ich besonders arg in Not kam.
Nachdem ich das Geld erhalten hatte, begab ich mich auf den Trödelmarkt. Dort fand ich schnell eine mir bekannte alte Frau, die mit allerlei Kleiderkram handelte. Ich gab ihr annähernd Jelenas Größe an, und sie suchte mir im Handumdrehen ein helles, sehr haltbares und erst einmal gewaschenes Kattunkleid zu außerordentlich billigem Preis aus. Auch nahm ich gleich noch ein kleines Halstuch. Während ich bezahlte, überlegte ich, daß Jelena auch einen einfachen Pelz, einen Mantel oder etwas Ähnliches nötig habe. Das Wetter war kalt, und sie besaß absolut nichts Derartiges. Aber ich verschob diesen Einkauf auf ein andermal. Jelena war so empfindlich, so stolz. Gott mochte wissen, wie sie schon dieses Kleid aufnehmen würde, obwohl ich absichtlich das einfachste, schlichteste, gewöhnlichste genommen hatte, das zu finden gewesen war. Indes kaufte ich doch noch zwei Paar baumwollene Strümpfe und ein Paar wollene. Diese konnte ich ihr mit der Begründung geben, sie sei krank und es sei im Zimmer kalt. Auch Wäsche brauchte sie. Aber all dies verschob ich bis auf die Zeit, wo ich mit ihr näher bekannt geworden sein würde. Dafür kaufte ich einen alten Vorhang für das Bett, ein notwendiges Requisit, das ihr, wie ich meinte, Freude machen konnte.
Mit all diesen Sachen kehrte ich erst um ein Uhr mittags nach Hause zurück. Mein Türschloß öffnete sich fast geräuschlos, so daß Jelena nicht sogleich hörte, daß ich zurückgekommen war. Ich bemerkte, daß sie am Tisch stand und meine Bücher und Papiere ansah. Als sie mich hörte, klappte sie schnell ein Buch zu, in dem sie gelesen hatte, und trat, tief errötend, vom Tisch weg. Ich warf einen Blick darauf: es war mein erster Roman, der als gebundenes Buch herausgegeben war und auf dessen Titelblatt mein Name stand.
»Es hat hier in Ihrer Abwesenheit jemand geklopft!« sagte sie in einem Ton, als ob sie, um mich zu necken, sagen wolle: ›Warum hast du auch zugeschlossen?‹
»War es der Arzt?« fragte ich. »Hast du auf das Klopfen geantwortet, Jelena?«
»Nein.«
Ich erwiderte nichts, nahm das Bündel, band es auf und nahm das gekaufte Kleid heraus.
»Hier, liebe Jelena«, sagte ich, indem ich zu ihr trat; »in den Fetzen, die du jetzt anhast, kannst du nicht gehen. Ich habe dir ein ganz gewöhnliches, ganz billiges Kleid gekauft, so daß du dich darüber nicht zu beunruhigen brauchst; es kostet nur einen Rubel und zwanzig Kopeken. Trage es auf deine Gesundheit!«
Ich legte das Kleid neben sie hin. Sie wurde dunkelrot und sah mich eine Weile mit weitgeöffneten Augen an.
Sie war außerordentlich erstaunt und schämte sich zugleich, wie es mir vorkam, über irgend etwas sehr. Aber eine sanfte, zärtliche Empfindung leuchtete in ihren Augen auf. Da ich sah, daß sie schwieg, wandte ich mich von ihr ab zum Tisch hin. Meine Handlungsweise hatte sie offenbar überrascht. Aber sie bezwang sich mit Anstrengung und saß still da, die Augen auf den Fußboden gerichtet.
Mein Kopfschmerz und mein Schwindelgefühl waren immer stärker geworden. Die frische Luft hatte mir nicht den geringsten Nutzen gebracht. Indessen mußte ich zu Natascha gehen. Meine Beunruhigung um sie hatte sich seit dem vorhergehenden Tag nicht vermindert, sondern war im Gegenteil immer mehr gewachsen. Auf einmal war es mir, als ob Jelena mich anriefe. Ich wandte mich zu ihr um.
»Schließen Sie mich nicht ein, wenn Sie fortgehen!« sagte sie, indem sie zur Seite blickte und mit dem Finger an der Kante des Sofabezuges zupfte, wie wenn sie ganz in diese Beschäftigung vertieft wäre. »Ich werde nicht von Ihnen fortgehen.«
»Gut, Jelena, ich bin einverstanden. Aber wenn ein Fremder kommt? Es kann ja Gott weiß wer kommen!«
»Lassen Sie mir doch den Schlüssel hier! Ich werde von innen zuschließen, und wenn jemand klopft, werde ich sagen: ›Es ist niemand zu Hause.‹«
Sie sah mich schelmisch an, wie wenn sie sagen wollte: ›Siehst du, so einfach ist das!‹
»Wer wäscht denn Ihre Wäsche?« fragte sie plötzlich, ehe ich ihr etwas hatte antworten können.
»Es ist hier im Haus eine Frau …«
»Ich kann waschen. Und wo haben Sie gestern das Essen geholt?« »Aus einem Restaurant.«
»Ich kann auch kochen. Ich werde Ihnen das Essen kochen.«
»Rede doch nicht, Jelena; was wirst du denn kochen können? Was du da sagst, hat ja keinen Sinn…«
Jelena schwieg und ließ den Kopf hängen. Augenscheinlich fühlte sie sich durch meine Bemerkung gekränkt. Es vergingen wenigstens zehn Minuten; wir schwiegen beide.
»Suppe«, sagte sie auf einmal, ohne den Kopf in die Höhe zu heben.
»Was meinst du mit Suppe? Was ist mit Suppe?« fragte ich erstaunt.
»Suppe kann ich kochen. Ich habe für Mama welche gekocht, als sie krank war. Ich bin auch auf den Markt gegangen.«
»Siehst du wohl, Jelena, siehst du wohl, wie stolz du bist!« sagte ich, indem ich zu ihr ging und mich neben sie auf das Sofa setzte. »Ich handle dir gegenüber so, wie es mir mein Herz befiehlt. Du stehst jetzt allein da, ohne Angehörige, und bist unglücklich. Ich will dir helfen. Ebenso würdest auch du mir helfen, wenn es mir schlecht ginge. Aber du willst nicht so denken, und es ist dir peinlich, von mir auch nur das geringste Geschenk anzunehmen. Du willst sogleich dafür bezahlen, es abarbeiten, wie wenn ich Frau Bubnowa wäre und dir Vorwürfe machte. Wenn es so ist, mußt du dich schämen, Jelena.«
Sie antwortete nicht; ihre Lippen zuckten. Sie schien mir etwas erwidern zu wollen; aber sie bezwang sich und schwieg. Ich stand auf, um zu Natascha zu gehen. Diesmal ließ ich Jelena den Schlüssel da und bat sie, wenn jemand komme und klopfe, zu antworten und zu fragen, wer da sei. Ich war fest davon überzeugt, daß bei Natascha etwas sehr Schlimmes vorgefallen sei, was sie mir aber vorläufig verheimliche, wie das schon mehrmals zwischen uns vorgekommen war. Jedenfalls nahm ich mir vor, nur für einen Augenblick zu ihr zu gehen, um sie nicht durch meine Aufdringlichkeit aufzubringen.
So war es denn auch. Sie empfing mich wieder mit unzufriedener, finsterer Miene. Ich hätte daraufhin sofort wieder weggehen sollen; aber die Beine wankten unter mir.
»Ich bin nur auf einen Augenblick zu dir gekommen, Natascha«, begann ich, »um dich um Rat zu fragen, was ich mit dem Mädchen, das jetzt bei mir ist, anfangen soll.« Ich erzählte ihr in Kürze alles, was Jelena betraf. Natascha hörte mir schweigend zu.
»Ich weiß nicht, was ich dir raten soll, Wanja«, antwortete sie. »Aus alledem ist zu ersehen, daß sie ein ganz seltsames Wesen ist. Vielleicht ist sie sehr schlecht behandelt und sehr verschüchtert worden. Laß sie wenigstens erst wieder gesund werden! Du willst sie zu den Unsrigen bringen?«
»Sie sagt immer, sie wolle nicht von mir fortgehen, nirgendshin. Und Gott weiß, wie sie da aufgenommen werden würde; ich wenigstens bin mir darüber nicht klar. Nun, und du, liebe Freundin? Wie geht es dir? Du schienst gestern nicht wohl zu sein?« fragte ich schüchtern.
»Ja… und ich habe auch heute Kopfschmerzen«, antwortete sie zerstreut. »Hast du jemand von den Unsrigen gesehen?«
»Nein, ich werde morgen hingehen. Morgen ist ja Sonnabend…«
»Nun, und?«
»Am Abend kommt der Fürst…«
»Nun, und? Ich habe es nicht vergessen.«
»Ich meinte nur so…«
Sie blieb gerade vor mir stehen und sah mir lange unverwandt in die Augen. In ihrem Blick lag eine gewisse Entschlossenheit, eine gewisse Hartnäckigkeit, etwas Aufgeregtes, Fieberhaftes.
»Weißt du was, Wanja«, sagte sie, »sei so gut und verlaß mich jetzt; du störst mich sehr.«
Ich stand von meinem Stuhl auf und sah sie mit unaussprechlichem Erstaunen an.
»Nataschenka! Was ist dir? Was ist geschehen?« rief ich erschrocken.
»Nichts ist geschehen! Morgen wirst du alles, alles erfahren; aber jetzt möchte ich allein sein. Hörst du, Wanja: geh jetzt sogleich fort! Es ist mir peinlich, furchtbar peinlich, dich anzusehen!«
»Aber sage mir wenigstens …«
»Morgen sollst du alles erfahren, alles! O mein Gott! Wirst du denn nicht fortgehen?«
Ich ging. Ich war so bestürzt, daß ich ganz von Sinnen war. Mawra kam mir auf den Flur nachgelaufen.
»Nun? Ist sie ärgerlich?« fragte sie mich. »Ich fürchte mich schon, ihr nahe zu kommen.«
»Aber was hat sie denn eigentlich?«
»Der Grund ist: Unserer hat sich schon seit drei Tagen bei uns nicht blicken lassen.«
»Seit drei Tagen, sagst du?« fragte ich erstaunt. »Aber sie hat mir ja gestern selbst gesagt, er sei vormittags dagewesen und wolle abends wiederkommen…«
»Gestern abend wiederkommen? Bewahre! Auch am Vormittag war er gar nicht da! Ich sage Ihnen, seit drei Tagen haben wir ihn nicht zu sehen bekommen. Hat sie Ihnen gestern wirklich selbst gesagt, er wäre am Vormittag dagewesen?«
»Ja, das hat sie mir selbst gesagt.«
»Nun«, sagte Mawra nachdenklich, »dann muß es ihr sehr nahegehen, wenn sie sogar Ihnen gegenüber es nicht eingestehen mag, daß er nicht dagewesen ist. Na, er ist schon ein netter Patron!«
»Aber was hat denn das zu bedeuten?« rief ich.
»Ja, es ist arg; ich weiß gar nicht mehr, was ich mit ihr anfangen soll«, fuhr Mawra, die Hände zusammenschlagend, fort… »Gestern hat sie mir zweimal befohlen, zu ihm zu gehen, und mich beidemal zurückgerufen, als ich schon unterwegs war. Und heute will sie auch mit mir gar nicht mehr reden. Wenn Sie wenigstens einmal zu ihm gingen! Ich wage schon gar nicht mehr, sie zu verlassen.«
Ganz außer mir lief ich die Treppe hinunter.
»Werden Sie am Abend zu uns kommen?« rief mir Mawra nach.
»Ich will einmal sehen«, antwortete ich, mich umwendend. »Vielleicht werde ich nur bei dir vorbeikommen und fragen, wie die Sache steht. Wenn ich überhaupt selbst noch am Leben sein werde.«
Ich hatte in der Tat eine Empfindung, als ob ich einen tiefen Stich mitten ins Herz bekommen hätte.
Zehntes Kapitel
Ich begab mich geradenwegs zu Aljoscha. Er wohnte bei seinem Vater in der Kleinen Morskaja. Der Fürst hatte eine recht große Wohnung inne, obwohl er allein lebte. Aljoscha hatte in dieser Wohnung zwei schöne Zimmer für sich. Ich kam nur sehr selten zu ihm und war bisher, glaube ich, nur einmal dagewesen. Er dagegen war häufiger bei mir gewesen, besonders anfangs, in der ersten Zeit seiner Verbindung mit Natascha.
Er war nicht zu Hause. Ich ging geradenwegs in seine Zimmer und schrieb ihm folgendes Billett:
»Aljoscha, Sie scheinen den Verstand verloren zu haben. Da Ihr Vater am Dienstagabend Natascha selbst gebeten hat, Ihnen die Ehre zu erweisen, Ihre Frau zu werden, und Sie Ihrerseits über diese Bitte erfreut waren, wovon ich Zeuge war, so werden Sie selbst zugeben müssen, daß Ihr gegenwärtiges Benehmen einigermaßen sonderbar ist. Wissen Sie, was Sie Natascha antun? Jedenfalls wird dieses mein Billett Sie daran erinnern, daß Ihr Verhalten gegen Ihre künftige Frau im höchsten Grad unwürdig und leichtfertig ist. Ich weiß sehr wohl, daß ich keinerlei Recht habe, Ihnen Strafpredigten zu halten; aber darum kümmere ich mich nicht.
P. S. Von diesem Brief weiß sie nichts; sie hat nicht einmal von Ihnen zu mir gesprochen.«
Ich siegelte den Brief und ließ ihn auf seinem Tisch liegen. Der Diener antwortete auf meine Frage, Alexei Petrowitsch sei fast nie zu Hause und werde auch diesmal erst in der Nacht, kurz vor Tagesgrauen, zurückkommen.
Nur mühsam schleppte ich mich nach Hause. Der Kopf war mir schwindlig, die Beine waren mir schwach und zitterten. Die Tür zu meiner Wohnung war nicht verschlossen. Drinnen saß Nikolai Sergejewitsch Ichmenew und wartete auf mich. Er saß schweigend am Tisch und blickte erstaunt Jelena an, die ihn mit nicht geringerem Erstaunen ansah, obgleich sie hartnäckig schwieg. ›Hm‹, dachte ich, ›da muß sie ihm wohl sonderbar vorkommen.‹
»Ich warte schon eine ganze Stunde auf dich, lieber Freund«, sagte er, »und ich muß gestehen, ich hätte nicht erwartet … dich so zu finden«, fuhr er fort, indem er sich im Zimmer umsah und mit kaum merklichem Augenzwinkern auf Jelena hindeutete.
In seinen Augen prägte sich sein Erstaunen aus. Aber als ich ihn näher ansah, bemerkte ich an ihm eine starke Unruhe und Traurigkeit. Sein Gesicht war ungewöhnlich blaß.
»Setz dich hin, setz dich hin!« fuhr er mit sorgenvoller, bekümmerter Miene fort. »Ich bin eilig zu dir gekommen, in einer ernsten Angelegenheit. Aber was ist dir? Du siehst ja ganz entstellt aus!«
»Ich bin nicht wohl. Schon seit heute früh habe ich Schwindel.«
»Na, da nimm dich in acht; so etwas darf man nicht vernachlässigen. Du hast dich wohl erkältet?«
»Nein, es ist einfach ein nervöser Anfall. Das kommt bei mir manchmal vor. Und Sie, befinden Sie sich wohl?«
»Es geht, es geht! So leidlich; ein bißchen Fieberhitze. Ich habe mit dir zu reden. Setz dich hin!«
Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich ihm gegenüber. Der alte Mann beugte sich zu mir und begann leise, fast flüsternd:
»Sieh nicht zu ihr hin, hörst du wohl? und tu, als ob wir von etwas anderem sprächen! Was hast du denn da für ein fremdes Mädchen sitzen?«
»Ich werde es Ihnen nachher erklären, Nikolai Sergejewitsch. Es ist ein armes, vater-und mutterloses Mädchen; die Enkelin eben jenes Smith, der hier gewohnt hat und in der Konditorei gestorben ist.«
»Ah, der hat also eine Enkelin gehabt! Na, aber ein wunderliches Ding ist sie, lieber Freund! Wie sie einen ansieht, wie sie einen ansieht! Offen gesagt: wenn du noch fünf Minuten länger ausgeblieben wärst, so hätte ich es nicht mehr ausgehalten, hier zu sitzen. Mit Müh und Not habe ich sie dazu gebracht, mir die Tür aufzuschließen, und seitdem hat sie noch nicht eine Silbe gesagt; es ist einem ordentlich unheimlich, mit ihr zusammen zu sein; sie hat ja gar nichts von einem menschlichen Wesen an sich. Und wie ist sie denn hierhergekommen? Ah, ich verstehe: gewiß hat sie zu ihrem Großvater gewollt und nicht gewußt, daß er gestorben ist?«
»Ja, sie war sehr unglücklich. Der alte Mann hat noch im Sterben von ihr gesprochen.«
»Hm, wie der Großvater, so die Enkelin. Das kannst du mir alles nachher erzählen. Vielleicht kann man ihr auch irgendwie helfen, wenn sie so unglücklich ist … Na, aber kannst du ihr jetzt nicht sagen, lieber Freund, sie möchte weggehen? Denn ich muß mit dir etwas Ernstes besprechen.«
»Sie kann nirgends hingehen. Sie wohnt hier.«
Ich erklärte dies dem Alten, so gut es ging, in ein paar Worten und fügte hinzu, er könne auch in ihrer Gegenwart reden, da sie noch ein Kind sei.
»Nun ja … allerdings, sie ist noch ein Kind. Aber du hast mich wirklich in Erstaunen versetzt, lieber Freund. Sie wohnt hier bei dir? Herr du mein Gott!«
Der Alte sah mich noch einmal höchst verwundert an. Jelena, die merkte, daß von ihr die Rede war, saß schweigend mit gesenktem Kopf da und zupfte mit den Fingern an der Kante des Sofabezuges. Sie hatte bereits das neue Kleid angezogen, das ihr sehr gut paßte. Das Haar hatte sie mit besonderer Sorgfalt glattgekämmt, vielleicht aus Anlaß des neuen Kleides. Überhaupt, hätte sie nicht diesen sonderbar scheuen Blick gehabt, so wäre sie ein recht hübsches Mädchen gewesen.
»Um es kurz und deutlich zu sagen, die Sache ist nämlich die, lieber Freund«, begann der alte Mann wieder, »es ist eine lange Geschichte, eine sehr wichtige Sache …«
Er saß mit gesenktem Kopf da, mit wichtiger, nachdenklicher Miene, vermochte aber, trotzdem er es so eilig hatte und trotz seines ›kurz und deutlich‹ nicht die richtigen Worte für den Anfang seiner Mitteilung zu finden. ›Was wird da nur herauskommen ?‹ dachte ich.
»Siehst du, Wanja, ich bin mit einer sehr großen Bitte zu dir gekommen. Aber vorher… wie ich mir jetzt selbst sage, muß ich dir gewisse Umstände auseinandersetzen, sehr heikle Umstände.«
Er räusperte sich und streifte mich mit einem Blick; darauf errötete er; dann ärgerte er sich über seine eigene Ungeschicklichkeit, und schließlich faßte er einen energischen Entschluß:
»Na, was ist da erst noch auseinanderzusetzen! Du wirst es schon von selbst verstehen! Ich will ganz einfach den Fürsten zum Duell fordern und bitte dich, die Sache zu arrangieren und mein Sekundant zu sein.«
Ich sank gegen die Lehne des Stuhles zurück und blickte ihn, ganz außer mir vor Erstaunen, an. »Nun, warum siehst du mich so an? Ich habe ja doch nicht den Verstand verloren.«
»Aber erlauben Sie, Nikolai Sergejewitsch! Was haben Sie denn dabei für einen Grund und was für eine Absicht? Und schließlich, wie ist es überhaupt möglich?«
»Grund! Absicht!« schrie der Alte. »Nun, das ist schön!…«
»Gut, gut, ich weiß, was Sie sagen werden; aber was werden Sie denn durch diesen auffälligen Schritt erreichen? Was für einen Nutzen bringt Ihnen das Duell? Ich gestehe, daß ich das nicht verstehe.«
»Das hatte ich mir doch gedacht, daß du nichts verstehen würdest! Nun, höre zu: unser Prozeß ist zu Ende (das heißt, er wird in den nächsten Tagen zu Ende sein; es sind nur noch Förmlichkeiten zu erledigen); ich bin verurteilt. Ich muß an die zehntausend Rubel bezahlen; so lautet das Urteil. Für diese Summe haftet mein Gut Ichmenewka. Folglich ist dieser gemeine Mensch jetzt hinsichtlich seines Geldes gesichert; ich aber werde, wenn ich Ichmenewka hingegeben habe, meine Schuld bezahlt haben und wieder ein freier, selbständiger Mensch sein. Nun kann ich wieder den Kopf erheben. ›Soundso, verehrter Fürst‹, werde ich sagen, ›Sie haben mich zwei Jahre lang beleidigt; Sie haben meinen Namen und die Ehre meiner Familie beschimpft, und ich habe das alles ertragen müssen! Ich konnte Sie bisher nicht zum Zweikampf fordern. Sie würden mir geradezu gesagt haben: ,Ah, du Schlaukopf, du willst mich töten, damit du mir nicht das Geld zu bezahlen brauchst, zu dessen Bezahlung an mich du, wie du voraussiehst, früher oder später verurteilt werden wirst! Nein, zuerst wollen wir einmal sehen, wie der Prozeß entschieden werden wird, und dann fordere mich!’ Jetzt, verehrter Fürst, ist der Prozeß entschieden; Sie haben Ihre Sicherheit; somit bestehen keine Schwierigkeiten mehr, und darum frage ich Sie, ob es Ihnen nun gefällig ist, an die Barriere zu treten!‹ Darum also handelt es sich. Nun, und da bin ich wohl deiner Ansicht nach nicht berechtigt, schließlich für das alles, für das alles Rache zu nehmen!«
Seine Augen funkelten. Ich blickte ihn lange schweigend an. Ich wollte gern in seine geheimen Gedanken eindringen.
»Hören Sie, Nikolai Sergejewitsch«, erwiderte ich endlich, nachdem ich mich entschlossen hatte, den Hauptpunkt zur Sprache zu bringen, ohne den wir einander nicht hätten verstehen können, »können Sie gegen mich völlig offenherzig sein?«
»Ja, das kann ich«, antwortete er in festem Ton.
»Dann sagen Sie mir aufrichtig: ist es nur der Wunsch, sich zu rächen, der Sie zu dieser Herausforderung treibt, oder haben Sie dabei noch andere Ziele im Auge?«
»Wanja«, antwortete er, »du weißt, daß ich niemandem gestatte, im Gespräch mit mir gewisse Punkte zu berühren; aber diesmal mache ich eine Ausnahme, weil du mit deinem klaren Verstand sogleich erkannt hast, daß es nicht möglich ist, diesen Punkt zu umgehen. Ja, ich habe dabei noch ein anderes Ziel im Auge. Dieses Ziel ist: meine verlorene Tochter zu retten und sie von dem unheilvollen Weg abzulenken, auf den sie durch die letzten Ereignisse getrieben worden ist.«
»Aber wie wollen Sie sie denn durch dieses Duell retten? Das ist die Frage!«
»Indem ich all das verhindere, was dort jetzt geplant wird. Höre: glaube nicht, daß aus mir irgendwelche väterliche Zärtlichkeit oder eine ähnliche Schwäche spricht! Das ist alles dummes Zeug! Mein innerstes Herz zeige ich niemandem. Auch du kennst es nicht. Meine Tochter hat mich verlassen, ist mit ihrem Liebhaber aus meinem Haus davongegangen, und ich habe sie aus meinem Herzen gerissen, ein für allemal, gleich an jenem Abend – erinnerst du dich? Wenn du mich beim Anblick ihres Porträts hast schluchzen sehen, so folgt daraus noch nicht, daß ich den Wunsch hätte, ihr zu verzeihen. Ich habe ihr auch damals nicht verziehen. Ich weinte über ein verlorenes Glück, über ein leeres Traumbild, aber nicht über sie, wie sie jetzt ist. Ich weine vielleicht auch sonst oft; ich schäme mich nicht, das zu bekennen, ebenso wie ich mich nicht schäme zu bekennen, daß ich mein Kind früher mehr als alles in der Welt geliebt habe. All dies steht anscheinend im Widerspruch zu meinem jetzigen auffälligen Schritt. Du kannst mir sagen: ›Wenn dem so ist, wenn Sie gleichgültig gegen das Schicksal derjenigen sind, die Sie nicht mehr für Ihre Tochter halten, warum mischen Sie sich denn dann in das, was jetzt dort geplant wird?‹ Darauf antworte ich: Erstens, weil ich diesen gemeinen, heimtückischen Menschen nicht triumphieren lassen will, und zweitens aus dem Gefühl der allergewöhnlichsten Menschenliebe. Wenn sie auch nicht mehr meine Tochter ist, so ist sie doch ein schwaches, schutzloses, betrogenes Geschöpf, das sie noch mehr betrügen wollen, um sie ganz und gar zugrunde zu richten. Direkt kann ich mich nicht in die Sache einmischen; aber indirekt, durch das Duell, kann ich es. Wenn ich mein Blut vergieße oder getötet werde, wird sie dann über dieses Hindernis, vielleicht über meinen Leichnam, hinwegschreiten und mit dem Sohn meines Mörders zum Traualtar gehen wie jene Königstochter (du erinnerst dich, es war bei uns zu Hause ein Büchelchen, in dem du lesen lerntest), die in ihrer Kutsche über den Leichnam ihres Vaters hinwegfuhr? Und schließlich, wenn es zum Duell kommt, werden der Fürst und sein Sohn die Heirat selbst nicht mehr wollen. Kurz, ich will diese Ehe nicht und wende alle Mittel an, damit sie nicht zustande kommt. Hast du mich jetzt verstanden?«
»Nein. Wenn Sie Natascha Gutes wünschen, wie können Sie es dann darauf anlegen, ihre Ehe zu verhindern, das heißt, gerade das zu verhindern, wodurch ihr guter Name wiederhergestellt werden kann? Sie hat noch lange auf der Welt zu leben; da bedarf sie eines guten Namens.«
»›Was schere ich mich um die Meinung der Welt!‹ so muß sie denken! Sie muß sich bewußt sein, daß die größte Schande für sie in dieser Ehe besteht, gerade in der Verbindung mit diesen gemeinen Menschen, mit dieser jämmerlichen sogenannten vornehmen Welt. Edler Stolz, das muß die Antwort sein, die sie dieser Welt gibt. Dann werde auch ich mich vielleicht bereit finden lassen, ihr meine Hand zu reichen, und dann wollen wir einmal sehen, wer es wagen wird, mein Kind zu beschimpfen!«
Dieser sinnlose Idealismus setzte mich in Erstaunen. Aber ich merkte sofort, daß der alte Mann nicht ganz zurechnungsfähig war, sondern in fieberhafter Erregung sprach.
»Das ist zu ideal gedacht«, antwortete ich ihm, »und infolgedessen grausam. Sie verlangen von ihr eine Kraft, die Sie ihr vielleicht bei der Geburt nicht mitgegeben haben. Und willigt sie denn in diese Ehe etwa deswegen ein, weil sie Fürstin werden möchte? Sie liebt ja; das ist eine Leidenschaft, das ist ein Verhängnis. Und endlich: Sie fordern von ihr, sie solle die Meinung der Welt verachten; aber Sie selbst beugen sich vor dieser Meinung. Der Fürst hat Sie beleidigt, Sie öffentlich verdächtigt, als ob Sie niedrigerweise danach strebten, durch List mit seinem fürstlichen Haus verwandt zu werden, und da spekulieren Sie nun so: wenn Natascha selbst dem Fürsten und seinem Sohn nach deren förmlichem Antrag eine abschlägige Antwort erteilt, so wird das selbstverständlich die vollständigste, deutlichste Widerlegung der früheren Verleumdung sein. Das ist es, was Sie erreichen wollen; Sie beugen sich vor der Meinung des Fürsten selbst; Sie wollen es erreichen, daß er sich seines Irrtums bewußt werde. Es reizt Sie, ihn zu verhöhnen, sich an ihm zu rächen, und diesem Zweck bringen Sie das Glück Ihrer Tochter zum Opfer. Ist das etwa nicht Egoismus?«
Der Alte saß mürrisch und finster da und antwortete lange keine Silbe.
»Du bist ungerecht gegen mich, Wanja«, sagte er endlich, und eine Träne glänzte an seinen Wimpern. »Ich versichere dich, du bist ungerecht; aber lassen wir das! Ich kann nicht mein ganzes Herz vor dir ausschütten«, fuhr er fort, indem er sich erhob und nach seinem Hut griff; »ich will nur eins sagen: du sprachst soeben von dem Glück meiner Tochter. Ich glaube mit aller Entschiedenheit nicht an dieses Glück, ganz abgesehen davon, daß diese Ehe auch ohne mein Eingreifen niemals zustande kommen wird.«
»Wieso! Warum glauben Sie das? Wissen Sie vielleicht irgend etwas?« rief ich gespannt.
»Nein, ich weiß nichts Besonderes. Aber daß dieser verdammte Fuchs sich wirklich dazu sollte entschlossen haben, ist unmöglich. Das sind nur Redensarten, hinterlistige Ränke. Davon bin ich überzeugt; erinnere dich daran, daß ich es vorhergesagt habe! Zweitens, selbst wenn diese Ehe zustande käme (was nur möglich ist, wenn dieser Schurke dabei seine besondere, geheime, niemandem bekannte Spekulation hat und von dieser Ehe für sich einen Nutzen erhofft, eine Spekulation, die ich absolut nicht verstehe), dann überlege selbst und frage dein eigenes Herz: wird sie in dieser Ehe glücklich sein? Sie wird Vorwürfe und Demütigungen zu ertragen haben als Lebensgefährtin eines Jungen, der sich schon jetzt durch ihre Liebe belästigt fühlt und nach der Verheiratung sogleich anfangen wird, sie geringschätzig zu behandeln, sie zu kränken, sie zu erniedrigen; die Leidenschaft wird gleichzeitig auf ihrer Seite in demselben Maß an Kraft zunehmen, in welchem er selbst kühler werden wird; dann folgen Eifersucht, Qualen, ein Höllendasein, Scheidung, vielleicht kommt es sogar zum Verbrechen… Nein, Wanja, wenn ihr das ins Werk setzt und du dazu mithilfst, dann sage ich dir vorher: du wirst dich vor Gott deswegen zu verantworten haben; aber dann wird es zu spät sein! Leb wohl!«
Ich hielt ihn zurück.
»Hören Sie, Nikolai Sergejewitsch«, sagte ich, »machen wir es so: warten wir noch ein Weilchen! Seien Sie überzeugt, daß ich diese Sache nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen verfolge; und vielleicht wird sie auf die beste Art ganz von selbst ihre Lösung finden, ohne gewaltsame künstliche Mittel, wie zum Beispiel dieses Duell eins sein würde. Am besten überläßt man solche Entscheidungen der Zeit! Gestatten Sie mir aber zuletzt noch die Bemerkung, daß Ihr ganzes Projekt völlig unausführbar ist. Haben Sie denn wirklich auch nur einen Augenblick lang denken können, daß der Fürst Ihre Forderung annehmen wird?«
»Warum soll er sie nicht annehmen? Was redest du da? Komm zu dir!«
»Ich versichere Sie, er wird sie nicht annehmen; seien Sie überzeugt, er wird einen völlig ausreichenden Grund zur Ablehnung finden; er wird die Sache mit pedantischem Ernst behandeln, und Sie werden dabei Hohn und Spott ernten.«
»Aber ich bitte dich, lieber Freund, ich bitte dich! Du versetzt mich durch deine Bemerkung in das äußerste Erstaunen! Wie soll er denn die Forderung ablehnen? Nein, Wanja, du bist eben ein Dichter, ein richtiger Dichter! Was ist denn nach deiner Meinung dabei unpassend, wenn er sich mit mir schlägt? Ich bin nicht schlechter als er. Ich bin ein alter Mann, ein beleidigter Vater, du ein russischer Schriftsteller und daher ebenfalls eine achtbare Persönlichkeit und kannst Sekundant sein und… und… Ich verstehe nicht, was du noch mehr verlangst…«
»Nun, Sie werden ja sehen. Er wird solche Gründe vorbringen, daß Sie selbst der erste sein werden, der einen Zweikampf zwischen ihm und Ihnen für absolut unmöglich hält.«
»Hm!… Nun gut, lieber Freund; machen wir es, wie du gesagt hast! Ich werde warten, natürlich nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Wir wollen sehen, welche Wirkung die Zeit ausüben wird. Aber höre, mein Freund: gib mir dein Ehrenwort, daß du weder dort noch zu Anna Andrejewna etwas von unserem Gespräch sagen wirst!«
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«
»Zweitens, Wanja, tu mir den Gefallen und fang nie mehr mit mir von dieser Sache zu reden an!« »Gut, ich gebe mein Wort.«
»Und endlich noch eine Bitte: ich weiß, mein Lieber, es ist dir vielleicht bei uns langweilig; aber komm recht oft zu uns, wenn du irgend kannst! Meine arme Anna Andrejewna hat dich so gern, und … und … sie langweilt sich so ohne dich … du verstehst, Wanja?«
Ich drückte ihm kräftig die Hand. Ich versprach es ihm von ganzem Herzen.
»Und jetzt noch eine letzte, delikate Angelegenheit, Wanja: hast du Geld?«
»Geld?« wiederholte ich erstaunt. »Ja.« (Der alte Mann errötete und schlug die Augen nieder.) »Ich sehe so deine Wohnung, lieber Freund … und deine Verhältnisse … und da ich glaube, daß du vielleicht noch andere, besondere Ausgaben haben wirst (und gerade jetzt kann das vorkommen), so … hier, lieber Freund, sind hundertfünfzig Rubel für den ersten Bedarf…«
»Hundertfünfzig Rubel, und noch dazu für den ersten Bedarf, wo Sie doch selbst Ihren Prozeß verloren haben!«
»Wanja, wie ich sehe, verstehst du mich gar nicht! Du wirst vielleicht besondere Ausgaben haben; versteh das doch! In manchen Fällen verhilft Geld zu unabhängiger Lage und ermöglicht unabhängige Entschlüsse. Vielleicht brauchst du es augenblicklich nicht; aber kannst du wissen, ob du es nicht in Zukunft brauchen wirst? Jedenfalls möchte ich dir das Geld hierlassen. Es ist alles, was ich habe zusammenbringen können. Wenn du es nicht ausgibst, kannst du es mir ja nachher zurückgeben. Jetzt aber adieu! Mein Gott, wie blaß du aussiehst! Du bist ja ganz krank …«
Ich machte keine Einwendungen und nahm das Geld hin. Es war sehr klar, wozu er es mir übergab.
»Ich kann mich kaum auf den Beinen halten«, antwortete ich ihm.
»Vernachlässige deine Krankheit nicht, Wanjuscha, vernachlässige sie nicht! Geh heute nicht aus! Ich werde meiner Frau sagen, in welchem Zustand du dich befindest. Hast du nicht einen Arzt nötig? Morgen werde ich dich wieder besuchen; wenigstens werde ich mich aus allen Kräften bemühen, es zu tun, wenn ich nur selbst meine Beine schleppen kann. Aber jetzt solltest du dich hinlegen … Nun, adieu! Adieu, Kleine! Sie hat sich weggewendet! Hör mal, lieber Freund: da sind noch fünf Rubel; die sind für das kleine Mädchen. Sag ihr aber nicht, daß ich das gegeben habe, sondern verwende es so stillschweigend für sie, na, zu Schuhen, zu Wäsche … was braucht so ein Kind nicht alles! Adieu, mein Freund …« Ich begleitete ihn bis zur Haustür. Ich mußte den Hausknecht bitten, Essen zu holen. Jelena hatte noch nichts zu Mittag gegessen.
Elftes Kapitel
Aber kaum war ich in meine Wohnung zurückgekehrt, als mich ein Schwindel überkam und ich mitten im Zimmer hinfiel. Ich erinnere mich nur noch, daß Jelena aufschrie; sie schlug die Hände zusammen und stürzte zu mir hin, um mich zu halten. Das war der letzte Augenblick, der in meinem Gedächtnis haftete …
Als ich wieder einigermaßen zur Besinnung kam, lag ich im Bett. Jelena erzählte mir später, sie habe mit dem Hausknecht zusammen, der das Essen brachte, mich auf das Sofa gelegt. Mehrmals wachte ich auf und erblickte jedesmal das sich über mich beugende, mitleidige, sorgenvolle Gesichtchen Jelenas. Aber an all das erinnere ich mich nur wie in einem Dämmerzustand, wie in einem Nebel, und die liebliche Gestalt des armen Mädchens huschte in den lichten Augenblicken an mir vorbei wie eine Vision, wie ein Zauberbildchen; Jelena brachte mir zu trinken, machte es mir auf dem Bett bequem oder saß traurig und ängstlich vor mir und strich mir mit ihren Fingerchen das Haar glatt. Ich erinnere mich auch, daß sie mir einmal einen leisen Kuß auf das Gesicht drückte. Ein andermal, als ich plötzlich in der Nacht zum Bewußtsein gelangte, sah ich beim Schein der schon stark heruntergebrannten Kerze, die vor mir auf einem an das Sofa herangerückten Tischchen stand, daß Jelena mit dem Gesicht auf meinem Kissen lag und mit einem Ausdruck von Angst schlief; die blassen Lippen waren halbgeöffnet, die eine heiße Wange lag in der Handfläche. Aber vollständig zu mir kam ich erst frühmorgens. Die Kerze war ganz heruntergebrannt; die hellen, rosigen Strahlen der beginnenden Morgenröte spielten schon an der Wand. Jelena saß auf einem Stuhl am Tisch; sie hatte ihr müdes Köpfchen auf den linken Arm gelegt, der auf dem Tisch lag, und schlief fest; ich konnte mich gar nicht satt sehen an ihrem Kindergesichtchen: auch im Schlaf zeigte es einen nicht mehr kindlichen Ausdruck von Traurigkeit und eine seltsame, schmerzlich anmutende Schönheit; es war blaß, von pechschwarzem Haar umrahmt, das dicht und schwer in einem nachlässig gebundenen Knoten seitwärts herunterfiel; die langen Wimpern lagen auf den mageren Wangen. Ihr anderer Arm lag auf meinem Kissen. Ich küßte ganz leise dieses magere Händchen; aber das arme Kind erwachte nicht; es schien nur ein Lächeln über ihre blassen Lippen zu gleiten. Ich blickte sie unverwandt an und versank unvermerkt in einen ruhigen, heilsamen Schlaf. Diesmal erwachte ich erst kurz vor zwölf Uhr. Nach dem Aufwachen fühlte ich mich fast ganz genesen. Nur eine Schwäche und Schwere in allen Gliedern zeugte von der soeben überstandenen Krankheit. Ähnliche schnell vorübergehende Nervenanfälle waren bei mir auch schon früher vorgekommen; ich kannte sie gut. Die Krankheit ging gewöhnlich in der Zeit von vierundzwanzig Stunden fast vollständig vorüber, was sie übrigens nicht hinderte, innerhalb dieser Zeit recht stark und unangenehm zu wirken.
Es war schon beinahe zwölf Uhr. Das erste, was ich sah, war der gestern von mir gekaufte Vorhang, der in der Ecke an einer Schnur aufgehängt war. Das hatte sich Jelena zurechtgemacht und sich so im Zimmer ein besonderes Winkelchen geschaffen. Sie saß vor dem Ofen und kochte Tee. Als sie bemerkte, daß ich erwacht war, lächelte sie heiter und trat sogleich zu mir.
»Liebes Kind«, sagte ich, indem ich sie bei der Hand ergriff, »du hast mich die ganze Nacht behütet. Ich habe gar nicht gewußt, daß du ein so gutes Herz hast.«
»Aber woher wissen Sie, daß ich Sie behütet habe? Vielleicht habe ich die ganze Nacht über geschlafen?« fragte sie, mich mit gutmütiger, verschämter Schelmerei ansehend und gleichzeitig über ihre eigenen Worte verlegen errötend. »Ich bin wiederholt aufgewacht und habe alles gesehen. Du bist erst kurz vor dem Tagwerden eingeschlafen.«
»Wollen Sie Tee?« unterbrach sie mich, wie wenn es ihr peinlich wäre, dieses Gespräch fortzusetzen, wie das bei allen keuschen, streng redlichen Herzen der Fall ist, wenn sie gelobt werden.
»Ja, bitte«, antwortete ich. »Aber hast du gestern zu Mittag gegessen?«
»Nein, aber zu Abend. Der Hausknecht hatte etwas gebracht. Sie sollten übrigens nicht soviel reden, sondern ruhig liegen; Sie sind noch nicht ganz gesund«, fügte sie hinzu, während sie mir den Tee brachte und sich auf mein Bett setzte.
»Ach was, ruhig liegen! Bis zur Dämmerzeit will ich übrigens liegenbleiben; dann aber werde ich ausgehen. Das ist unumgänglich notwendig, liebe Jelena.«
»Ach, wie kann denn das notwendig sein! Zu wem wollen Sie denn gehen? Doch nicht zu dem Herrn, der gestern hier war?«
»Nein, zu dem nicht.«
»Das ist gut, daß Sie nicht zu dem wollen. Der hat Sie gestern sehr aufgeregt. Also gehen Sie wohl zu seiner Tochter?«
»Woher weißt du etwas von seiner Tochter?«
»Ich habe gestern alles gehört«, antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen.
Ihr Gesicht verfinsterte sich; die Augenbrauen zogen sich zusammen.
»Er ist ein schlechter alter Mann«, fügte sie dann hinzu.
»Kennst du ihn denn? Im Gegenteil, er ist ein sehr guter Mensch.«
»Nein, nein, er ist ein böser Mensch; ich habe es gehört«, antwortete sie lebhaft.
»Was hast du denn gehört?«
»Er will seiner Tochter nicht verzeihen …«
»Aber er liebt sie. Sie hat sich gegen ihn vergangen, und doch sorgt er für sie und grämt sich um sie.«
»Aber warum verzeiht er ihr nicht? Bei dieser jetzigen Art von Verzeihung würde die Tochter gar nicht einmal wieder zu ihm ziehen.«
»Wieso? Warum?«
»Weil er es nicht verdient, daß seine Tochter ihn liebt«, antwortete sie erregt. »Mag sie für immer von ihm weggehen und lieber betteln, und mag er dann sehen, daß seine Tochter bettelt, und sich grämen!«
Ihre Augen funkelten, ihre Wangen glühten. ›Gewiß redet sie so nicht ohne besonderen Grund‹, dachte ich bei mir.
»Und zu dem wollten Sie mich ins Haus geben?« fügte sie nach kurzem Stillschweigen hinzu.
»Ja, Jelena.«
»Nein, lieber verdinge ich mich als Magd.«
»Ach, wie häßlich ist das alles, was du da redest, liebe Jelena! Und was ist das für Torheit: bei wem kannst du dich verdingen?«
»Bei jedem gewöhnlichen Mann«, antwortete sie ungeduldig; sie ließ den Kopf immer tiefer hängen.
Sie war auffallend heftig.
»Ein gewöhnlicher Mann kann eine solche Magd nicht gebrauchen«, erwiderte ich lächelnd.
»Nun, dann bei einer Herrschaft.«
»Mit deinem Charakter willst du bei einer Herrschaft leben?«
»Gewiß.«
Je mehr sie in Erregung geriet, um so schroffer wurden ihre Antworten.
»Aber du wirst es nicht aushalten.«
»Doch, ich werde es aushalten. Sie werden mich schelten, aber ich werde absichtlich schweigen. Sie werden mich schlagen; aber ich werde immer schweigen, immer schweigen; mögen sie mich schlagen, ich werde um keinen Preis weinen. Sie werden sich krank darüber ärgern, daß ich nicht weine.«
»Was redest du, Jelena! Was steckt in dir für eine Verbitterung; und wie stolz bist du! Du hast gewiß viel Leid erfahren…« Ich stand auf und trat an meinen großen Tisch. Jelena blieb auf dem Sofa sitzen, blickte nachdenklich zu Boden und zupfte mit den Fingern an der Kante des Bezugs. Sie schwieg. »Ob sie mir meine Worte übelgenommen hat?« dachte ich.
Am Tisch stehend, schlug ich mechanisch die Bücher auf, die ich tags zuvor zum Zweck der kompilatorischen Arbeit mitgebracht hatte, und ließ mich allmählich durch die Lektüre fesseln. Es geht mir oft so: ich trete heran, schlage ein Buch für einen Augenblick auf, um etwas nachzusehen, und lese mich so fest, daß ich alles um mich herum vergesse.
»Was schreiben Sie da immer?« fragte Jelena, die leise an den Tisch herankam, mit einem schüchternen Lächeln. »Allerlei, liebe Jelena. Ich bekomme dafür Geld, bezahlt.«
»Eingaben?«
»Nein, Eingaben nicht.«
Ich erklärte ihr, so gut ich konnte, daß ich allerlei Geschichten schriebe, von allerlei Leuten; daraus entständen Bücher, die man Novellen und Romane nenne. Sie hörte mit großer Aufmerksamkeit zu.
»Schreiben Sie da immer nur die Wahrheit?«
»Nein, ich sinne mir etwas aus.«
»Warum schreiben Sie denn die Unwahrheit?«
»Lies doch dieses Buch hier; du hast es ja schon einmal angesehen. Du kannst doch lesen?«
»Ja.«
»Nun, dann wirst du ja selbst sehen. Dieses Buch habe ich geschrieben.«
»Sie? Dann werde ich es lesen…«
Sie hatte die größte Lust, mir noch etwas zu sagen; aber es machte ihr offenbar Schwierigkeiten, und sie befand sich in der größten Aufregung. Hinter ihren Fragen versteckte sich etwas.
»Bekommen Sie viel dafür bezahlt?« fragte sie schließlich.
»Wie es sich trifft. Manchmal viel, manchmal aber auch gar nichts, wenn die Arbeit nicht vom Fleck kommen will. Es ist eine schwere Arbeit; liebe Jelena.«
»Also sind Sie nicht reich?«
»Nein, reich bin ich nicht.«
»Dann werde ich arbeiten und Ihnen helfen.«
Sie blickte schnell zu mir auf, errötete, schlug die Augen nieder, tat zwei Schritte auf mich zu, schlang plötzlich beide Arme um meinen Hals und drückte ihr Köpfchen ganz fest an meine Brust. Ich sah sie erstaunt an.
»Ich habe Sie lieb… ich bin nicht stolz«, sagte sie. »Sie sagten gestern, ich sei stolz. Nein, nein… das bin ich nicht… ich habe Sie lieb. Sie sind der einzige, der mich liebhat…«
Aber die Tränen drohten sie zu ersticken. Einen Augenblick darauf brachen sie aus ihrer Brust mit derselben Gewalt hervor wie tags zuvor bei dem Anfall. Sie fiel vor mir auf die Knie und küßte meine Hände, meine Füße…
»Sie haben mich lieb!…« wiederholte sie; »Sie sind der einzige, der einzige!…«
Krampfhaft hielt sie meine Knie mit ihren Armen umfaßt. Ihr ganzes so lange zurückgehaltenes Gefühl brach auf einmal mit unhemmbarer Gewalt nach außen hindurch, und ich verstand nun diesen seltsamen Trotz eines Herzens, das sich lange Zeit keusch verbirgt, und zwar um so hartnäckiger, um so finsterer, je stärker das Bedürfnis wird, sich auszuschütten, sich ganz auszusprechen, bis zum unvermeidlichen Ausbruch, wo sich dann das ganze Wesen auf einmal bis zur Selbstvergessenheit diesem Bedürfnis der Liebe und Dankbarkeit hingibt, sich in Liebkosungen nicht genugtun kann, sich in Tränen ergießt…
Sie schluchzte so, daß sie geradezu einen Weinkrampf bekam. Mit Gewalt löste ich ihre Arme, die mich umschlangen. Ich hob sie auf und trug sie auf das Sofa. Noch lange schluchzte sie weiter, das Gesicht in den Kissen verbergend, wie wenn sie sich schämte, mich anzusehen; aber sie drückte meine Hand fest in ihrem kleinen Händchen zusammen und hielt sie immer noch an ihr Herz. Allmählich wurde sie ruhiger; aber das Gesicht hob sie immer noch nicht zu mir auf. Einige Male huschten ihre Augen schnell über mein Gesicht hin, und es lag in ihnen eine unendliche Weichheit und schüchterne, sich von neuem versteckende Empfindung. Zuletzt errötete sie und lächelte.
»Ist dir nun leichter?« fragte ich, »du meine weiche Jelena, du mein krankes Kind!«
»Nennen Sie mich nicht Jelena, nein…«, flüsterte sie, indem sie ihr Gesichtchen immer noch vor mir verbarg. »Nicht Jelena? Wie soll ich dich denn nennen?« »Nelly.«
»Nelly? Warum denn gerade Nelly? Nun, meinetwegen; das ist ein sehr hübscher Name. Dann werde ich dich also so nennen, wenn du es selbst wünschst.« »So hat mich Mama genannt… niemand hat mich jemals so genannt als sie… Ich wollte selbst nicht, daß mich ein anderer als Mama so nennte… Aber Sie sollen mich so nennen; das will ich… Ich werde Sie immer liebhaben, immer!«
›Du liebevolles, stolzes Herzchen!‹ dachte ich. ›Wie lange mußte ich mich um dich mühen, bis du für mich Nelly wurdest !‹
Aber jetzt wußte ich bereits, daß ihr Herz sich mir für das ganze Leben ergeben hatte.
»Nelly, höre einmal«, sagte ich, sobald sie sich beruhigt hatte. »Du sagtest eben, nur deine Mama hätte dich liebgehabt, sonst niemand. Aber hat dich denn dein Großvater nicht wirklich liebgehabt?« »Nein, das hat er nicht…«
»Aber du hast hier doch um ihn geweint, erinnerst du dich? Auf der Treppe.« Sie dachte einen Augenblick nach. »Nein, er hat mich nicht liebgehabt… Er war schlecht.« Ein schmerzliches Gefühl prägte sich auf ihrem Gesicht aus.
»Man konnte doch nicht mehr viel von ihm verlangen, Nelly. Er war ja schon ganz geistesschwach geworden. Er ist auch wie ein Irrsinniger gestorben. Ich habe dir ja erzählt, wie er gestorben ist.«
»Ja; aber nur im letzten Monat war er so ganz geistesabwesend. Er saß manchmal hier einen ganzen Tag lang, und wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre, hätte er auch einen zweiten und dritten Tag so gesessen, ohne zu essen und zu trinken. Früher aber war es mit ihm weit besser.«
»Wann denn früher?«
»Als Mama noch nicht gestorben war.«
»Also du hast ihm etwas zu essen und zu trinken gebracht, Nelly?«
»Ja.«
»Wo hast du es denn herbekommen? Von Frau Bubnowa?«
»Nein, von Frau Bubnowa habe ich nie etwas genommen«, antwortete sie energisch; aus ihrem Ton hörte man einen Schauder heraus.
»Wo hast du es denn dann herbekommen? Du hattest doch nichts?«
Nelly schwieg ein Weilchen und wurde furchtbar blaß; dann sah sie mich mit einem langen, langen Blick an.
»Ich bin auf die Straße gegangen und habe gebettelt… Wenn ich fünf Kopeken erbettelt hatte, kaufte ich ihm Brot und Schnupftabak…«
»Und das hat er zugelassen? Nelly, Nelly!«
»Anfangs sagte ich ihm nichts davon, daß ich bettelte. Aber als er es erfuhr, da trieb er mich selbst dazu an. Ich stand auf einer Brücke und bat die Vorübergehenden um Almosen, und er ging in der Nähe der Brücke auf und ab; und wenn er sah, daß mir jemand etwas gegeben hatte, dann stürzte er auf mich zu und nahm mir das Geld weg, als ob ich es vor ihm verstecken wollte und nicht für ihn erbettelt hätte.«
Bei diesen Worten trat ein bitteres, trauriges Lächeln auf ihre Lippen.
»Das war alles, nachdem Mama gestorben war«, fügte sie hinzu. »Danach wurde er ganz wie irrsinnig.« »Also hat er deine Mama sehr liebgehabt? Warum wohnte er denn nicht mit ihr zusammen?« »Nein, er hatte sie nicht lieb … Er war ein böser Mensch und verzieh ihr nicht… ebenso wie der böse alte Mann von gestern«, sagte sie leise, fast flüsternd, und wurde dabei immer blasser und blasser.
Ich fuhr zusammen. Das ganze Geflecht eines Romans lag auf einmal offen vor meinem Blick da: diese arme Frau, die in der Kellerwohnung des Sargtischlers starb, ihre als Waise zurückbleibende Tochter, die manchmal den Großvater besuchte, der ihre Mutter verflucht hatte, der geistesschwach gewordene alte Mann, der nach dem Tod seines Hundes in der Konditorei starb!… »Asorka hatte einstmals Mama gehört«, sagte Nelly auf einmal und lächelte wie infolge einer Erinnerung. »Der Großvater hatte Mama früher sehr liebgehabt, und als Mama von ihm wegging, blieb Mamas Asorka bei ihm. Daher hatte er Asorka so lieb. Er hat Mama nicht verziehen; aber als der Hund gestorben war, ist er auch gestorben«, fügte Nelly finster hinzu; das Lächeln war von ihrem Gesicht verschwunden.
»Was war er denn früher, Nelly?« fragte ich, nachdem ich ein Weilchen gewartet hatte.
»Er war früher reich… Ich weiß nicht, was er eigentlich war«, antwortete sie. »Er hatte eine Fabrik… So hat mir Mama gesagt. Sie dachte anfangs, ich wäre noch zu klein, und sagte mir nicht alles. Sie küßte mich sehr viel und sagte: »Du wirst alles erfahren, wenn die Zeit kommt; alles wirst du erfahren, du armes, unglückliches Kind!« Und immer nannte sie mich arm und unglücklich. Und oft, wenn sie in der Nacht meinte, ich schliefe (aber ich schlief nicht, sondern stellte mich nur absichtlich so), dann beugte sie sich über mich und weinte und küßte mich und sagte: »Du armes, unglückliches Kind!« «
»Woran ist denn deine Mama gestorben?«
»An der Schwindsucht; es ist jetzt sechs Wochen her.«
»Und erinnerst du dich noch an die Zeit, als dein Großvater reich war?« »Damals war ich ja noch gar nicht geboren. Mama war noch vor meiner Geburt vom Großvater weggegangen. « »Mit wem war sie denn weggegangen?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Nelly leise und, wie es schien, nachdenklich. »Sie war ins Ausland gegangen, und da wurde ich auch geboren.«
»Im Ausland? Wo denn?«
»In der Schweiz. Ich bin überall gewesen, auch in Italien und in Paris.«
Ich war erstaunt.
»Und du hast das in der Erinnerung, Nelly?«
»Ja, vieles habe ich in der Erinnerung.«
»Wie kommt es denn, daß du so gut Russisch kannst, Nelly?«
»Mama hatte mich schon dort im Ausland Russisch gelehrt. Sie war Russin, weil ihre Mutter eine Russin war; der Großvater war Engländer; aber auch er war so gut wie ein Russe. Und als Mama und ich vor anderthalb Jahren hierher zurückgekehrt waren, da habe ich vollständig Russisch gelernt. Mama war schon damals krank. Da wurden wir ärmer und ärmer. Mama weinte immer. In der ersten Zeit suchte sie hier in Petersburg lange nach dem Großvater und sagte ständig, sie habe sich gegen ihn vergangen, und weinte immer … Sie weinte so viel, so viel! Als sie aber erfuhr, daß Großvater arm sei, da weinte sie noch mehr. Sie schrieb auch oft Briefe an ihn; aber er antwortete nie.«
»Warum ist denn deine Mama hierher zurückgekehrt? Wollte sie nur wieder zu ihrem Vater?«
»Das weiß ich nicht. Aber dort hatten wir ein so gutes Leben!« Nellys Augen leuchteten auf. »Mama wohnte allein, nur mit mir zusammen. Sie hatte einen Freund; das war ein so guter Mensch wie Sie … Er hatte sie schon gekannt, als sie noch hier war. Aber er starb dort, und da kehrte Mama zurück …« »Also mit dem ist deine Mama auch vom Großvater weggegangen?«
»Nein, mit dem nicht. Mama ging mit einem andern vom Großvater weg, und der verließ sie dann…«
»Wer war denn das, Nelly?«
Nelly sah mich an und gab keine Antwort. Sie wußte offenbar, mit wem ihre Mama weggegangen und wer aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihr Vater war. Aber es war ihr peinlich, selbst mir seinen Namen zu nennen. Ich wollte sie nicht mit Fragen quälen. Sie hatte einen seltsamen, nervösen, heftigen Charakter, war aber dabei bemüht, ihre starken Affekte zu unterdrücken; sie hatte viel Sympathisches, verschanzte sich aber mit stolzer Unnahbarkeit. Obwohl sie mich von ganzem Herzen mit der reinsten, wärmsten Liebe liebte, fast ebenso innig, wie sie ihre verstorbene Mutter geliebt hatte, an die sie nicht ohne tiefen Schmerz zurückdenken konnte, war sie doch in der ganzen Zeit, da ich sie kannte, nur selten ganz offen gegen mich und empfand außer an diesem Tag nur selten das Bedürfnis, mit mir von ihrer Vergangenheit zu reden; im Gegenteil, sie suchte sie mir sogar mit finsterer Miene zu verbergen. Aber an diesem Tag teilte sie mir im Verlauf einiger Stunden, oft von qualvollem, krampfhaftem Schluchzen in ihrer Erzählung unterbrochen, alles mit, was sie unter ihren Erinnerungen am meisten aufregte und marterte, und ich werde diese furchtbare Erzählung nie vergessen. Doch ihre ganze Lebensgeschichte steht noch vor uns…
Es war eine furchtbare Geschichte; es war die Geschichte einer verlassenen Frau, die ihr Glück überlebt hatte, einer kranken, zermarterten, von allen verlassenen Frau, die sich sogar von dem letzten Wesen zurückgestoßen sah, auf das sie noch hatte hoffen können, von ihrem Vater, den sie einmal gekränkt hatte und der nun seinerseits infolge der unerträglichen Leiden und Demütigungen geistesgestört geworden war. Es war die Geschichte einer Frau, die zur Verzweiflung gelangt war und mit ihrem Töchterchen, das sie noch für ein Kind hielt, durch die kalten, schmutzigen Straßen Petersburgs wanderte und bettelte; die Geschichte einer Frau, die dann monatelang in einer feuchten Kellerwohnung im Sterben lag und der der eigene Vater bis zum letzten Augenblick ihres Lebens seine Verzeihung versagte; erst im letzten Augenblick war er anderen Sinnes geworden und hingeeilt, um ihr zu verzeihen, hatte aber nun nur einen kalten Leichnam statt derjenigen gefunden, die er über alles in der Welt geliebt hatte. Es war eine seltsame Erzählung von den geheimnisvollen, kaum begreiflichen Beziehungen des geistesschwach gewordenen Greises zu seiner kleinen Enkelin, die ihn schon verstand, die trotz ihres kindlichen Lebensalters schon vieles verstand, zu dessen Erkenntnis mancher in seinem gesamten sorglosen, glatt verlaufenden Leben nicht gelangt. Es war eine trübe Geschichte, eine jener trüben, qualvollen Geschichten, wie sie sich so oft und unauffällig, fast im geheimen, unter dem drückenden Petersburger Himmel abspielen, in den dunklen, versteckten Seitengassen der riesigen Stadt, mitten in dem sinnlos brodelnden Leben, dem stumpfsinnigen Egoismus, den einander bekämpfenden Interessen, den düsteren Lastern, den geheimen Verbrechen, mitten in diesem schrecklichen Höllenpfuhl voll unsinnigen, naturwidrigen Lebens …
Doch diese Geschichte steht noch vor uns.
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Erst als schon längst die Dämmerung eingetreten und es Abend geworden war, erwachte ich wie aus einem schweren Traum und kehrte in die Wirklichkeit zurück.
»Nelly«, sagte ich, »du bist jetzt krank und erregt; aber ich muß dich allein und in Tränen verlassen. Liebes Kind! verzeih es mir und wisse, daß es auch hier ein geliebtes, der Verzeihung entbehrendes Wesen gibt, ein unglückliches, gekränktes, verlassenes Wesen. Sie erwartet mich. Und auch ich selbst fühle mich jetzt nach deiner Erzählung unwiderstehlich zu ihr hingezogen; mir ist, als müßte ich zugrunde gehen, wenn ich sie nicht sogleich, diesen Augenblick, sehe…«
Ich weiß nicht, ob Nelly alles verstand, was ich zu ihr sagte. Ich befand mich in heftiger Aufregung, sowohl infolge der Erzählung als auch infolge der soeben durchgemachten Krankheit; aber ich eilte zu Natascha. Es war schon spät, zwischen acht und neun, als ich zu ihrem Haus gelangte.
Schon auf der Straße, am Tor des Hauses, in welchem Natascha wohnte, bemerkte ich eine Equipage, und es schien mir, daß es die des Fürsten sei. Der Eingang zu Nataschas Wohnung war vom Hof aus. Kaum hatte ich angefangen, die Stufen hinaufzusteigen, als ich vor mir, eine Treppe höher, einen Menschen hörte, der offenbar mit der Örtlichkeit unbekannt war und sich vorsichtig tastend hinaufarbeitete. Ich sagte mir, es müsse der Fürst sein, wurde aber alsbald wieder an dieser Meinung irre. Der Unbekannte schimpfte und fluchte beim Hinaufsteigen laut über diese Passage, und zwar in um so kräftigeren, energischeren Ausdrücken, je höher er kam. Gewiß, die Treppe war eng, schmutzig, steil, nirgends beleuchtet; aber solche Schimpfworte, wie sie beim dritten Stockwerk anfingen, hätte ich dem Fürsten nie zuschreiben können: der hinaufsteigende Herr schimpfte wie ein Droschkenkutscher. Aber nach dem dritten Stockwerk wurde es wenigstens hell; denn an Nataschas Tür im vierten Stock brannte ein kleines Lämpchen. Unmittelbar an der Tür holte ich meinen Unbekannten ein, und wie groß war mein Erstaunen, als ich in ihm wirklich den Fürsten erkannte! Es schien ihm sehr unangenehm zu sein, daß er so unerwartet mit mir zusammentraf. Im ersten Augenblick erkannte er mich nicht; aber dann veränderte sich auf einmal sein Gesicht. Sein ursprünglich zorniger, feindseliger Blick wurde auf einmal höflich und heiter, und mit dem Ausdruck außerordentlicher Freude streckte er mir beide Hände hin.
»Ah, Sie sind es! Ich wollte eben auf die Knie fallen und Gott um Rettung meines Lebens bitten. Haben Sie gehört, wie ich geschimpft habe?«
Und er lachte in der gutmütigsten Art. Aber plötzlich nahm sein Gesicht einen ernsten, bekümmerten Ausdruck an.
»Wie hat Aljoscha nur Natalja Nikolajewna in einer solchen Wohnung unterbringen können!« sagte er, den Kopf hin und her wiegend. »Diese sogenannten Kleinigkeiten charakterisieren den Menschen. Ich bin um ihn recht besorgt. Er ist ein guter Mensch und hat ein edles Herz; aber da haben Sie gleich ein Pröbchen: er liebt sinnlos und bringt diejenige, die er liebt, in einem so elenden Quartier unter! Ich habe sogar gehört, daß manchmal kein Brot dagewesen ist«, fügte er flüsternd hinzu, während er den Klingelgriff suchte. »Mir wird angst und bange, wenn ich an seine Zukunft denke und namentlich an Anna Nikolajewnas Zukunft, wenn sie seine Frau sein wird …«
Er hatte sich im Vornamen geirrt und es nicht gemerkt, da er sich offenbar darüber ärgerte, daß er den Klingelzug nicht fand. Aber ein Klingelzug war überhaupt nicht da. Ich rüttelte ein wenig an der Türklinke, und Mawra öffnete uns sofort und empfing uns geschäftig. In der Küche, die von dem winzigen Vorzimmer nur durch eine hölzerne Halbwand abgeteilt war, waren durch die offenstehende Tür mancherlei Vorbereitungen zu bemerken; alles war mit besonderer Sauberkeit abgewischt und gereinigt; im Herd brannte Feuer; auf dem Tisch stand etwas neues Geschirr. Es war deutlich, daß wir erwartet worden waren. Mawra nahm uns eifrig die Überzieher ab.
»Ist Aljoscha hier?« fragte ich sie.
»Er ist nicht hier gewesen«, flüsterte sie mir geheimnisvoll zu.
Wir gingen zu Natascha hinein. In ihrem Zimmer waren keine besonderen Vorbereitungen sichtbar; alles war wie gewöhnlich. Übrigens war bei ihr immer alles so sauber und nett, daß nicht erst besonders aufgeräumt zu werden brauchte. Natascha empfing uns an der Tür stehend. Ich erschrak über die krankhafte Magerkeit und außerordentliche Blässe ihres Gesichtes, obgleich für einen Augenblick eine Röte auf ihren totenbleichen Wangen aufflammte. Ihre Augen waren fieberhaft. Schweigend streckte sie dem Fürsten eilig die Hand hin, in sichtlicher Beängstigung und Verwirrung. Mich sah sie überhaupt nicht an. Ich stand da und wartete schweigend.
»Da bin ich!« begann der Fürst in freundschaftlichem, heiterem Ton. »Erst vor einigen Stunden bin ich zurückgekehrt. Diese ganze Zeit über sind Sie mir nicht aus dem Kopf gekommen« (er küßte ihr zärtlich die Hand); »wieviel, wieviel habe ich an Sie gedacht! Wieviel habe ich Ihnen zu sagen und mitzuteilen! . .. Nun, jetzt wollen wir uns nach Herzenslust aussprechen! Erstens, mein Leichtfuß, der, wie ich sehe, noch nicht hier ist…« »Erlauben Sie, Fürst«, unterbrach ihn Natascha, verlegen errötend; »ich muß ein paar Worte mit Iwan Petrowitsch sprechen. Komm, Wanja… nur ein paar Worte…«
Sie faßte mich bei der Hand und führte mich hinter den Wandschirm.
»Wanja«, sagte sie flüsternd, indem sie mich in die dunkelste Ecke zog, »verzeihst du mir?«
»Aber ich bitte dich, Natascha, was redest du da!«
»Nein, nein, Wanja, du hast mir ja sehr oft und sehr vieles verziehen; aber jede Geduld hat doch schließlich ein Ende. Du wirst nie aufhören, mich zu lieben, das weiß ich; aber du wirst mich undankbar nennen, und ich war auch gestern und vorgestern gegen dich undankbar, egoistisch, grausam…«
Sie brach plötzlich in Tränen aus und drückte ihr Gesicht an meine Schulter.
»Hör auf, Natascha!« suchte ich sie eilig zu beruhigen. »Ich bin die ganze Nacht über sehr krank gewesen und kann mich auch jetzt kaum auf den Beinen halten; das ist der Grund, weshalb ich weder gestern abend noch heute hergekommen bin; und da denkst du nun, ich sei dir böse! Meine teure Freundin, ich weiß ja doch, was jetzt in deiner Seele vorgeht!«
»Nun gut… also du hast mir verziehen wie immer«, sagte sie; sie lächelte durch ihre Tränen und drückte mir die Hand, so daß es mich schmerzte. »Das übrige nachher! Ich habe dir viel zu sagen, Wanja. Aber jetzt will ich zu ihm…«
»Recht schnell, Natascha; wir haben ihn so plötzlich verlassen…«
»Du wirst sehen, du wirst sehen, was geschehen wird«, flüsterte sie mir hastig zu. »Ich weiß jetzt alles; ich habe alles durchschaut. An allem ist er schuld, er allein. Heute abend wird sich vieles entscheiden. Komm!«
Ich verstand sie nicht, hatte aber zum Fragen keine Zeit mehr. Natascha ging mit heiterem Gesicht auf den Fürsten zu. Er stand immer noch mit dem Hut in der Hand da. Sie entschuldigte sich in munterem Ton bei ihm, nahm ihm den Hut ab, rückte ihm selbst einen Stuhl zurecht, und wir setzten uns alle drei um ihr Tischchen.
»Ich fing an, von meinem Leichtfuß zu reden«, fuhr der Fürst fort; »ich habe ihn nur einen Augenblick gesehen, und zwar auf der Straße, als er in den Wagen stieg, um zur Gräfin Sinaida Fjodorowna zu fahren. Er hatte es furchtbar eilig, und denken Sie: er wollte nach vier Tagen der Trennung nicht einmal mit mir in die Wohnung hinaufkommen! Und ich glaube, Natalja Nikolajewna, ich bin selbst daran schuld, daß er jetzt nicht bei Ihnen ist und ich vor ihm hergekommen bin; ich habe nämlich die Gelegenheit benutzt und, da ich selbst heute nicht bei der Gräfin sein konnte, ihm einen Auftrag mitgegeben. Aber er wird jeden Augenblick erscheinen.«
»Hat er Ihnen bestimmt versprochen, heute herzukommen?« fragte Natascha, den Fürsten mit der harmlosesten Miene anblickend.
»Ach, mein Gott, wie sollte er denn nicht herkommen? Wie können Sie nur so fragen!« rief er, sie erstaunt anblickend. »Übrigens, ich verstehe: Sie sind über ihn aufgebracht. Und in der Tat, es ist dumm von ihm, daß er von allen zuletzt kommt. Aber ich wiederhole: ich bin schuld daran. Seien Sie ihm nicht böse! Er ist leichtsinnig, ein Windhund; ich verteidige ihn nicht; aber gewisse besondere Umstände verlangen, daß er die Besuche im Hause der Gräfin und in einigen anderen Familien jetzt nicht einstellt, sondern im Gegenteil sich dort recht oft zeigt. Nun, und da er wahrscheinlich jetzt nicht von Ihrer Seite weicht und alles andere in der Welt vergessen hat, so werden Sie es vielleicht nicht übelnehmen, wenn ich ihn Ihnen manchmal auf ein paar Stunden, nicht für längere Zeit, durch meine Aufträge entziehe. Ich bin überzeugt, daß er seit jenem Abend noch nicht ein einziges Mal bei der Fürstin K. gewesen ist, und ärgere mich, daß ich vorhin keine Zeit gehabt habe, ihn danach zu fragen! …«
Ich blickte Natascha an. Sie hörte dem Fürsten mit einem leisen, ein wenig spöttischen Lächeln zu. Aber er sprach so offen, so ungekünstelt. Es war, wie es schien, gar nicht möglich, irgendwelchen Verdacht gegen ihn zu hegen. »Und Sie haben wirklich nicht gewußt, daß er diese ganzen Tage her auch nicht ein einziges Mal bei mir gewesen ist?« fragte Natascha mit leiser, ruhiger Stimme, als ob sie von einem Vorgang spräche, der ihr vollkommen gleichgültig sei.
»Wie? Er ist kein einziges Mal hier gewesen? Erlauben Sie, was sagen Sie da!« rief der Fürst, anscheinend auf das äußerste überrascht.
»Sie waren am Dienstag spätabends bei mir; am andern Morgen ist er auf eine halbe Stunde zu mir gekommen, und seitdem habe ich ihn kein einziges Mal gesehen.« »Aber das ist unglaublich!« (Er geriet in immer größeres Erstaunen.) »Und ich glaubte geradezu, er wiche nicht von Ihrer Seite. Entschuldigen Sie, das ist so seltsam … einfach unglaublich.«
»Aber doch ist es wahr. Und wie schade: ich hatte gerade auf Sie gewartet, weil ich von Ihnen zu erfahren hoffte, wo er sich eigentlich befindet!«
»Ach, mein Gott! Nun, er wird ja gleich hier sein! Aber das, was Sie mir gesagt haben, hat mich dermaßen überrascht, daß ich… ich muß gestehen, ich hätte alles mögliche von ihm erwartet, aber das nicht… das nicht!«
»Wie erstaunt Sie sind! Und ich hatte gedacht, Sie würden sich gar nicht wundern, ja Sie hätten sogar im voraus gewußt, daß es so kommen werde.«
»Gewußt! Ich? Aber ich versichere Ihnen, Natalja Nikolajewna, daß ich ihn heute nur einen Augenblick gesehen und mich bei niemand nach ihm erkundigt habe; es befremdet mich, daß Sie mir anscheinend nicht glauben«, fuhr er fort, indem er uns beide abwechselnd ansah.
»Gott behüte!« fiel Natascha ein. »Ich bin vollkommen davon überzeugt, daß Sie die Wahrheit gesagt haben.«
Sie lachte wieder, diesmal dem Fürsten gerade ins Gesicht, so daß er unwillkürlich zusammenzuckte.
»Erklären Sie sich deutlicher!« sagte er in einiger Verwirrung.
»Zu erklären ist hier eigentlich nichts. Ich rede doch einfach und verständlich. Sie wissen ja, wie leichtsinnig und vergeßlich er ist. Nun, und da ihm jetzt volle Freiheit gelassen war, hat er sich eben gehenlassen.«
»Aber sich so gehenzulassen, das ist doch unerhört; da muß irgend etwas dahinterstecken, und sowie er kommt, werde ich ihn veranlassen, die Sache aufzuklären. Aber am meisten wundere ich mich darüber, daß Sie auch mir eine gewisse Schuld beizumessen scheinen, obwohl ich doch gar nicht hier gewesen bin. Übrigens sehe ich, Natalja Nikolajewna, daß Sie auf ihn sehr erzürnt sind, und das ist ja auch begreiflich! Sie haben dazu ein volles Recht, und … und … selbstverständlich geht es in erster Linie über mich her, wenn auch nur deswegen, weil ich als erster hier erschienen bin, nicht wahr?« fuhr er, sich mit einem gereizten Lächeln an mich wendend, fort.
Natascha fuhr auf und wurde dunkelrot.
»Erlauben Sie, Natalja Nikolajewna«, fuhr er in würdigem Ton fort; »ich gebe zu, daß mich eine gewisse Schuld trifft, aber nur darin, daß ich gleich am nächsten Tag nach unserer Bekanntschaft weggereist bin, so daß Sie bei der Neigung zum Mißtrauen, die ich an Ihrem Charakter wahrnehme, schon Zeit gefunden haben, Ihre Meinung über mich zu ändern, und zwar um so leichter, da die Umstände dazu mitwirkten. Wäre ich nicht weggereist, so hätten Sie mich besser kennengelernt, und auch Aljoscha hätte sich unter meiner Aufsicht nicht so leichtsinnig benommen. Sie werden aber gleich heute hören, was ich ihm sagen werde.«
»Das heißt, Sie werden bewirken, daß er das Verhältnis zu mir als Last zu empfinden anfängt. Unmöglich können Sie bei Ihrer Klugheit wirklich meinen, daß ein solches Mittel mir helfen werde.«
»Wollen Sie etwa damit andeuten, daß ich absichtlich darauf ausginge, zu bewirken, daß er Ihrer überdrüssig werde? Sie beleidigen mich, Natalja Nikolajewna!«
»Ich bemühe mich, möglichst wenig in Andeutungen zu sprechen, wen auch immer ich mir gegenüber habe«, erwiderte Natascha. »Ich bin vielmehr immer bestrebt, mich recht klar auszudrücken, und vielleicht werden Sie sich noch heute davon überzeugen. Beleidigen wollte ich Sie nicht; das ist ausgeschlossen, schon deswegen, weil Sie sich durch meine Worte, mag ich sagen, was ich will, nicht beleidigt fühlen können. Davon bin ich fest überzeugt, da ich unsere wechselseitigen Beziehungen völlig klar erkenne: Sie können ja diese Beziehungen nicht ernst nehmen, nicht wahr? Sollte ich Sie aber wirklich beleidigt haben, so bin ich bereit, um Verzeihung zu bitten, um Ihnen gegenüber alle Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen.«
Trotz des leichten, ja scherzhaften Tones, in welchem Natascha dies mit einem Lächeln auf den Lippen vorbrachte, hatte ich sie doch noch nie so gereizt gesehen. Erst jetzt begriff ich, wie weh ihr in diesen drei Tagen ums Herz gewesen war. Ihre rätselhaften Worte, daß sie jetzt alles wisse und alles durchschaut habe, erschreckten mich; sie bezogen sich direkt auf den Fürsten. Sie hatte ihre Meinung über ihn geändert und betrachtete ihn als ihren Feind; das war augenscheinlich. Die üble Wendung, die ihre Beziehungen zu Aljoscha genommen hatten, führte sie offenbar auf den Einfluß des Fürsten zurück und hatte vielleicht guten Grund dazu. Ich fürchtete, es könne zwischen ihnen zu einer heftigen Szene kommen. Die wahre Bedeutung ihres scherzhaften Tones lag gar zu offen am Tage, war gar zu wenig verhüllt. Ihre letzten Worte an den Fürsten, er könne ihre wechselseitigen Beziehungen nicht ernst nehmen, die Redensart von der Bitte um Verzeihung wegen der Pflicht der Gastfreundschaft, ihre wie eine Drohung klingende Ankündigung, sie werde ihm noch an diesem Abend den Beweis dafür liefern, daß sie deutlich zu reden verstehe: dies alles war so offensiv und so wenig maskiert, daß der Fürst es unmöglich mißverstehen konnte. Ich sah, daß in seinem Gesicht eine Veränderung vorging; aber er verstand es, sich zu beherrschen. Er stellte sich sogleich, als habe er diese Worte nicht beachtet, ihren wirklichen Sinn nicht verstanden, und half sich selbstverständlich mit einem Scherz heraus.
»Gott soll mich davor bewahren, eine Bitte um Entschuldigung zu verlangen!« erwiderte er lachend. »Das lag überhaupt nicht in meiner Absicht; und von einer Frau zu verlangen, daß sie mich um Entschuldigung bitte, das entspricht nicht meinen Grundsätzen. Schon als wir uns das erstemal sahen, habe ich Ihnen im voraus meinen Charakter geschildert, und deshalb werden Sie mir hoffentlich eine Bemerkung nicht übelnehmen, um so weniger, da sie sich auf die Frauen im allgemeinen bezieht; auch Sie werden dieser Bemerkung wahrscheinlich zustimmen«, fuhr er, sich liebenswürdig zu mir wendend, fort. »Ich habe nämlich beobachtet, daß es im weiblichen Charakter eine bestimmte Eigenheit gibt: wenn eine Frau sich irgendwie schuldig fühlt, so wird sie eher dazu bereit sein, in der Folgezeit ihre Schuld durch tausend Liebenswürdigkeiten wieder gutzumachen, als im gegenwärtigen Augenblick, im Augenblick ihrer evidenten Überführung, ihre Schuld zu bekennen und um Verzeihung zu bitten. Daher wünsche ich, selbst angenommen, daß ich von Ihnen beleidigt bin, dennoch jetzt, im gegenwärtigen Augenblick, absichtlich keine Bitte um Entschuldigung; es ist für mich vorteilhafter zu warten, bis Sie später in Erkenntnis Ihres Fehlers ihn mir gegenüber durch tausend Liebenswürdigkeiten werden wieder gutmachen wollen. Und Sie haben eine so gute, reine, frische, offene Seele, daß der Augenblick, wo Sie bereuen werden, ein ganz entzückender sein wird. Sagen Sie mir, statt um Entschuldigung zu bitten, jetzt lieber: kann ich gleich heute durch irgend etwas Ihnen den Beweis erbringen, daß ich Ihnen gegenüber weit offener und aufrichtiger verfahre, als Sie es von mir glauben?«
Natascha errötete. Auch ich hatte die Empfindung, daß die Antwort des Fürsten in gar zu ungeniertem, sogar lässigem Ton gegeben war, ja, daß darin sogar eine unziemliche Spötterei lag.
»Sie wollen mir beweisen, daß Sie gegen mich offen und ehrlich sind?« fragte Natascha, ihn mit herausfordernder Miene anblickend.
»Ja.«
»Dann erfüllen Sie mir eine Bitte!«
»Ich verspreche es Ihnen im voraus.«
»Meine Bitte ist: Aljoscha meinetwegen mit keinem Wort, mit keiner Andeutung aufzuregen, weder heute noch morgen. Keinen Vorwurf deswegen, weil er mich vergessen hat; keine Strafpredigt! Ich will ihn absichtlich so empfangen, als ob zwischen uns nichts vorgefallen sei; er soll von meinen Gefühlen nichts merken. Darauf lege ich Wert. Geben Sie mir Ihr Wort darauf?«
»Mit dem größten Vergnügen«, antwortete der Fürst; »und erlauben Sie mir, aus tiefster Überzeugung hinzuzufügen, daß ich nur selten bei jemand eine so vernünftige, klare Auffassung auf diesem Gebiet angetroffen habe … Aber da ist Aljoscha, wie es scheint.«
Wirklich wurde im Vorzimmer Geräusch vernehmbar. Natascha fuhr zusammen und schien sich auf etwas vorzubereiten. Der Fürst saß mit ernster Miene da und wartete, was nun kommen werde; er betrachtete Natascha unverwandt. Die Tür öffnete sich, und Aljoscha kam zu uns hereingeflogen.
Zweites Kapitel
Ja, er kam geradezu hereingeflogen, mit strahlendem Gesicht, fröhlich und vergnügt. Man sah ihm an, daß er diese vier Tage heiter und glücklich verlebt hatte. Es stand ihm auf dem Gesicht geschrieben, daß er uns etwas mitteilen wollte.
»Da bin ich!« rief er mit schallender Stimme. »Ich, der von allen zuerst hätte hiersein sollen. Aber ihr werdet sogleich alles erfahren, alles, alles! Vorhin, Papa, hatten wir keine Zeit, auch nur ein paar Worte miteinander zu sprechen; und ich hatte dir doch soviel zu sagen. Nur zu Zeiten, wo er in besonders guter Stimmung ist, erlaubt er mir, ihn zu duzen«, unterbrach er sich, zu mir gewendet; »zu anderen Zeiten verbietet er es mir! Und was für einer eigentümlichen Taktik er sich da bedient: er fängt selbst an, zu mir ›Sie‹ zu sagen. Aber vom heutigen Tag an will ich, daß er immer in guter Stimmung sei, und ich werde das bewirken! Überhaupt habe ich mich in diesen vier Tagen verändert, mich völlig, völlig verändert, und ich werde euch alles erzählen. Aber das nachher! Jetzt die Hauptsache: da ist sie, da ist sie wieder! Natascha, Geliebte, guten Abend, mein Engel!« sagte er, setzte sich neben sie und küßte ihr eifrig die Hand. »Wie habe ich mich diese Tage über nach dir gesehnt! Aber was war zu machen! Ich konnte nicht! Ich konnte es nicht ermöglichen. Du meine Liebste! Es sieht aus, als ob du ein bißchen abgemagert wärst, und du bist so blaß geworden…«
Voller Entzücken bedeckte er ihre Hände mit Küssen und sah sie glückselig mit seinen schönen Augen an, als könne er sich an ihr gar nicht satt sehen. Ich warf einen Blick auf Natascha und erriet an ihrem Gesicht, daß wir denselben Gedanken hatten: er war völlig schuldlos. Und wann und wie hätte sich dieser Unschuldige auch schuldig machen können? Eine helle Röte ergoß sich auf einmal über Nataschas Wangen, als ob alles Blut, das sich in ihrem Herzen gesammelt hatte, plötzlich nach dem Kopf strömte. Ihre Augen blitzten, und stolz blickte sie den Fürsten an.
»Aber wo… bist du denn… all diese Tage gewesen?« fragte sie mit mühsam zurückgehaltener, stockender Stimme. Sie atmete schwer und ungleichmäßig. Mein Gott, wie liebte sie ihn!
»Das ist es ja eben, daß ich tatsächlich dir gegenüber schuldig zu sein scheine. Aber was sage ich ›scheine‹? Selbstverständlich bin ich schuldig, und ich weiß das selbst und bin mit diesem Bewußtsein hergekommen. Katja hat gestern und heute zu mir gesagt, es gäbe kein weibliches Wesen, das eine solche Vernachlässigung verzeihen könne (denn sie weiß alles, was sich hier bei uns am Dienstag zugetragen hat; ich habe es ihr gleich am nächsten Tag erzählt). Ich habe mich mit ihr gestritten und ihr bewiesen und gesagt, daß es doch ein solches weibliches Wesen gibt und daß es Natascha heißt und daß ihr auf der ganzen Welt vielleicht nur eines gleichkommt, nämlich Katja; und ich bin selbstverständlich in dem Bewußtsein hierhergefahren, daß ich in dem Streit recht hatte. Kann etwa ein Engel wie du seine Verzeihung verweigern? ›Er ist nicht hiergewesen; also hat ihn jedenfalls etwas gehindert; daß er aufgehört hätte, mich zu lieben, ist ausgeschlossen‹ so wird meine Natascha gedacht haben! Und wie könnte ich auch aufhören, dich zu lieben? Ist das überhaupt möglich? Mein ganzes Herz hat mir weh getan vor Sehnsucht nach dir. Aber doch bin ich schuldig! Wenn du indessen alles erfahren haben wirst, so wirst du die erste sein, die mich für gerechtfertigt erklärt! Sogleich werde ich alles erzählen; es drängt mich, euch allen mein Herz auszuschütten; deshalb bin ich ja auch hergekommen. Ich wollte heute, als ich gerade einen Augenblick freie Zeit hatte, schon zu dir herfliegen, um dich in aller Eile zu küssen; aber auch da kam mir etwas dazwischen: Katja schickte zu mir, ich möchte in einer sehr wichtigen Angelegenheit unverzüglich zu ihr kommen. Das war noch vor der Zeit gewesen, als ich in der Droschke saß, Papa, und du mich sahst; damals fuhr ich schon zum zweitenmal, aus Anlaß eines zweiten Schreibens, zu Katja. Es laufen jetzt den ganzen Tag über zwischen uns Eilboten mit Briefchen von einem Haus zum andern. Iwan Petrowitsch, Ihr Billett habe ich erst gestern in der Nacht zu lesen bekommen, und Sie haben in allem, was Sie da geschrieben haben, vollkommen recht. Aber was war zu machen? Es war eben physisch unmöglich! Daher dachte ich: ›Morgen abend werde ich mich in allen Punkten rechtfertigen‹; denn heute abend mußte ich unter allen Umständen zu dir kommen, Natascha.«
»Was war denn das für ein Billett?« fragte Natascha.
»Er war bei mir, traf mich natürlich nicht zu Hause an und schalt mich in einem Billett, das er mir daließ, tüchtig dafür aus, daß ich nicht zu dir käme. Und er hat vollkommen recht. Das war gestern.«
Natascha sah mich an.
»Aber wenn du Zeit genug hattest, um vom Morgen bis zum Abend bei Katerina Fjodorowna zu sein…«, begann der Fürst.
»Ich weiß, ich weiß, was du sagen willst«, unterbrach ihn Aljoscha. »Du willst sagen: ›Wenn du bei Katja sein konntest, dann hattest du noch einmal soviel Grund, bei Natascha zu sein.‹ Ich stimme dir da vollständig bei und füge sogar von mir aus hinzu: nicht noch einmal soviel Grund, sondern tausendmal soviel Grund! Aber erstens gibt es seltsame, unerwartete Ereignisse im Leben, die alles in Verwirrung bringen und das Oberste zuunterst kehren. Nun, so etwas ist auch mir begegnet. Ich habe schon gesagt, daß ich mich in diesen Tagen vollständig verändert habe, vom Kopf bis zu den Füßen; es haben also wirklich wichtige Umstände vorgelegen!«
»Ach mein Gott, was ist dir denn nun eigentlich begegnet? Bitte, martere mich nicht!« rief Natascha, über Aljoschas Eifer lächelnd.
Er war tatsächlich ein bißchen komisch: er überhastete sich; die Worte fielen ihm schnell und ohne Ordnung aus dem Mund; sie polterten nur so heraus. Er wollte immerzu reden, reden, erzählen; aber während des Erzählens ließ er doch Nataschas Hand nicht los und führte sie unaufhörlich an die Lippen, wie wenn er sich gar nicht satt küssen könne.
»Darum handelt es sich eben, was mir begegnet ist«, fuhr Aljoscha fort. »Ach, meine Freunde! Was habe ich alles gesehen, was habe ich alles getan, was für Leute habe ich kennengelernt! Erstens Katja: sie ist geradezu ein Ideal! Ich habe sie bisher gar nicht gekannt, aber auch gar nicht! Auch damals, am Dienstag, als ich mit dir von ihr sprach, Natascha (du erinnerst dich, ich redete noch von ihr mit solchem Entzücken), na, also auch damals kannte ich sie noch so gut wie gar nicht. Sie selbst suchte sich vor mir zu verbergen bis zur jetzigen Zeit. Aber jetzt haben wir einander vollständig kennengelernt. Wir duzen uns jetzt schon. Aber ich will von Anfang an erzählen: erstens, Natascha, wenn du nur hättest hören können, wie sie zu mir von dir gesprochen hat, als ich ihr am andern Tage, am Mittwoch, berichtete, was sich hier zwischen uns zugetragen hatte!… Apropos, da fällt mir ein, wie dumm ich mich gegen dich betragen habe, als ich damals, am Mittwochvormittag, zu dir kam! Du empfingst mich voll Entzücken und warst ganz erfüllt von unserer neuen Situation; du wolltest mit mir von all diesen Dingen reden; du warst traurig und scherztest und spaßtest dabei doch mit mir; ich aber wollte den ruhigen, gesetzten Mann spielen! O ich Dummkopf, ich Dummkopf! Ich wollte mich hervortun, damit prahlen, daß ich bald ein Ehemann, ein solider Mensch sein würde, und da mußte ich auch gerade auf dich verfallen, um dir diese Rolle vorzuspielen! Ach, wie hast du damals gewiß über mich gelacht, und wie sehr verdiente ich es, von dir ausgelacht zu werden!«
Der Fürst saß schweigend da und blickte mit einer Art von triumphierendem, ironischem Lächeln Aljoscha an, gerade als freue er sich darüber, daß sein Sohn sich als ein so leichtsinniger, ja sogar komischer Mensch erwies. Diesen ganzen Abend beobachtete ich den Fürsten aufmerksam und gewann die feste Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebe, obgleich die Leute soviel von seiner warmen Vaterliebe sprachen.
»Nach dem Besuch bei dir fuhr ich zu Katja«, fuhr Aljoscha in seiner Erzählung fort. »Ich habe schon gesagt, daß wir erst an diesem Morgen einander vollständig kennenlernten, und das ging in einer ganz merkwürdigen Weise zu… ich erinnere mich eigentlich gar nicht mehr, wie… Ein paar Worte voll warmen Gefühls, ein paar offen ausgesprochene Gedanken und Empfindungen, und wir waren uns fürs ganze Leben nahegetreten. Du mußt sie kennenlernen, Natascha, mußt sie unbedingt kennenlernen! Wie sie mir dein ganzes Wesen auseinandergesetzt und erläutert hat! Wie sie mir klargemacht hat, was für einen Schatz ich an dir besitze! Allmählich setzte sie mir alle ihre Ideen und ihre ganze Lebensanschauung auseinander; sie ist ein so ernstes, enthusiastisches Mädchen! Sie sprach von unserer Pflicht; von unserer Bestimmung, davon, daß wir alle der Menschheit dienen müßten, und da wir vollständig derselben Ansicht waren, wie sich in einem fünf-bis sechsstündigen Gespräch herausstellte, so endete es damit, daß wir uns geschworen haben, lebenslänglich Freunde zu sein und unser ganzes Leben lang zusammen zu wirken!«
»Auf welchem Gebiet wollt ihr denn wirken?« fragte der Fürst verwundert.
»Ich habe mich so verändert, Vater, daß dich dies alles natürlich in Erstaunen setzen muß; ich sehe sogar alle deine Einwände vorher«, antwortete Aljoscha triumphierend. »Ihr seid sämtlich Leute des praktischen Lebens; ihr habt eine Menge der Erfahrung entstammender ernster, strenger Grundsätze; auf alles Neue, Junge, Frische jedoch blickt ihr mißtrauisch, feindselig und spöttisch herab. Aber jetzt bin ich nicht mehr der, als den du mich noch vor wenigen Tagen gekannt hast. Ich bin ein anderer geworden! Ich blicke allem und allen in der Welt kühn in die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung die richtige ist, dann bleibe ich ihr treu bis zum Äußersten; und wenn ich nicht vom rechten Wege abirre, dann bin ich ein ehrenhafter Mensch. Das genügt mir. Dann mögt ihr andern reden, was ihr wollt, ich bin meiner Sache sicher.«
»Oho!« sagte der Fürst spöttisch.
Natascha blickte bald mich, bald den Fürsten beunruhigt an. Sie fürchtete für Aljoscha. Es begegnete ihm oft, daß er, sehr wenig zu seinem Vorteil, sich im Gespräch hinreißen ließ, und sie wußte das. Sie wollte nicht, daß Aljoscha sich vor uns, und namentlich vor seinem Vater, in einem komischen Licht zeige.
»Was redest du nur, Aljoscha! Das ist ja schon sozusagen Philosophie«, sagte sie; »das hat dich gewiß jemand gelehrt. Du solltest lieber erzählen.«
»Aber ich bin ja mitten im Erzählen!« rief Aljoscha. »Siehst du: Katja hat zwei entfernte Verwandte, eine Art von Vettern, Lew und Boris; der eine ist Student und der andere einfach ein junger Mann. Sie unterhält mit ihnen Beziehungen, und das sind geradezu hervorragende Geister! Bei der Gräfin lassen sie sich fast gar nicht blicken, aus Grundsatz. Als ich mit Katja von der Bestimmung des Menschen, von seiner Berufung und all dergleichen sprach, wies sie mich auf diese jungen Männer hin und gab mir sofort ein Empfehlungsschreiben an sie; ich eilte unverzüglich zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. Gleich an demselben Abend wurden wir ein Herz und eine Seele. Es waren da ungefähr zwölf Personen von verschiedener Lebensstellung: Studenten, Offiziere, Künstler; auch ein Schriftsteller war dabei; sie kennen Sie, Iwan Petrowitsch, das heißt, sie haben Ihre Schriften gelesen, und erwarten in der Zukunft viel von Ihnen. Das haben sie mir selbst gesagt. Ich sagte ihnen, daß ich mit Ihnen bekannt sei, und versprach ihnen, Sie mit ihnen bekannt zu machen. Sie nahmen mich alle brüderlich mit offenen Armen auf. Ich sagte ihnen gleich von vornherein, daß ich mich bald verheiraten werde; und daher behandelten sie mich schon wie einen Ehemann. Sie wohnen meist im fünften Stock, unter dem Dach, und kommen möglichst oft zusammen, vorzugsweise mittwochs bei Lew und Boris. Es sind lauter frische, junge Menschen, sämtlich von glühender Liebe zur ganzen Menschheit erfüllt; wir sprachen alle von unserer Gegenwart, von unserer Zukunft, von den Wissenschaften, von der Literatur, und es wurde so schön, so offen und schlicht geredet! Auch ein Gymnasiast kommt hin. Wie hübsch sie miteinander verkehren, und was für eine edle, vornehme Denkweise sie haben! Ich habe solche Menschen noch nie kennengelernt! In welchen Kreisen habe ich denn auch bisher verkehrt? Was habe ich zu sehen bekommen? In welcher Umgebung bin ich aufgewachsen? Du, Natascha, bist die einzige, die mit mir von solchen Dingen gesprochen hat. Ach, Natascha, du mußt unbedingt ihre Bekanntschaft machen; Katja ist schon mit ihnen bekannt. Sie reden von ihr beinah mit Ehrfurcht, und Katja hat schon zu Lew und Boris gesagt, wenn sie die Berechtigung erlangt haben werde, über ihr Vermögen zu verfügen, so werde sie unbedingt sogleich eine Million Rubel für soziale Zwecke spenden.«
»Und die Verwalter dieser Million werden gewiß Lew und Boris und ihre ganze Gesellschaft sein?« fragte der Fürst.
»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr; schäme dich, Vater, so zu reden!« rief Aljoscha eifrig. »Ich merke, was du meinst! Aber diese Million ist tatsächlich der Gegenstand unseres Gespräches gewesen; wir haben lange überlegt, wie sie verwendet werden solle, und uns endlich dafür entschieden, daß sie vor allen Dingen der allgemeinen Aufklärung dienen soll …«
»Ja, ich habe Katerina Fjodorowna bisher wirklich nicht ordentlich gekannt«, bemerkte der Fürst, als ob er nur für sich spräche, immer mit demselben spöttischen Lächeln. »Ich habe ihr übrigens manches zugetraut, aber dies …«
»Was ist denn dabei?« unterbrach ihn Aljoscha. »Was erscheint dir daran so sonderbar? Daß das aus eurem gewohnten Rahmen heraustritt? Daß bisher niemand eine Million geopfert hat und Katja es tut? Das ist’s wohl, was dich befremdet. Aber was ist dagegen zu sagen, wenn sie nicht auf andrer Leute Kosten leben will? Denn von diesen Millionen leben ist soviel, wie auf andrer Leute Kosten leben; das ist mir erst jetzt klargeworden. Sie will dem Vaterland und allen Menschen nützlich sein und für die Förderung des Gemeinwohls ihr Scherflein darbringen. Von einem Scherflein ist ja schon in unseren Schönschreibevorschriften die Rede gewesen, und wie jenes Scherflein der Witwe eine Million wert war, so wird es doch hier auch der Fall sein. Und worauf gründet sich denn diese ganze gepriesene Vernunft, an die ich so fest geglaubt habe? Warum siehst du mich so an, Vater? Als ob du einen Narren, einen Dummkopf vor dir sähest? Nun, was schadet es, wenn man ein Dummkopf ist? Du hättest hören sollen, Natascha, was Katja darüber sagte: ›Nicht der Verstand ist das Wichtigste, sondern das, was ihn regiert: der Charakter, das Herz, die edlen Eigenschaften, die gesamte geistige Entwicklung.‹ Aber die Hauptsache ist: hierüber hat Besmygin einen genialen Ausspruch getan. Besmygin ist ein Bekannter von Lew und Boris und unser Oberhaupt und wirklich ein genialer Kopf! Erst gestern sagte er im Gespräch: ›Ein Dummkopf, der sich bewußt ist, ein Dummkopf zu sein, ist kein Dummkopf mehr!‹ Welch eine tiefe Wahrheit! Solche Denksprüche gibt er alle Augenblicke von sich. Er schüttelt die Wahrheiten nur so aus dem Ärmel.«
»Wirklich genial!« bemerkte der Fürst.
»Du spottest immer. Aber ich habe von dir nie etwas Derartiges zu hören bekommen und ebensowenig von unsrer ganzen sogenannten guten Gesellschaft. Bei euch sucht man so etwas vielmehr zu verstecken; alles sucht man niederzuhalten, damit alle Leute die gleiche Statur haben; selbst die Nasen sollen von gleicher Länge und Gestalt sein – als ob das möglich wäre! Als ob das nicht tausendmal unmöglicher wäre als das, wovon wir reden und was wir vorhaben! Und dabei nennt man uns Utopisten! Du hättest nur hören sollen, was sie gestern zu mir sagten …«
»Aber worüber redet ihr denn nun eigentlich, und was habt ihr vor? Erzähle doch, Aljoscha; bis jetzt verstehe ich noch nichts davon«, sagte Natascha.
»Wir reden überhaupt von allem, was zum Fortschritt und zur Humanität und zur Liebe führt; alles das erörtern wir anhand der neuzeitlichen Fragen. Wir reden von der Publizität, von den beginnenden Reformen, von der Liebe zur Menschheit, von den führenden Geistern; wir kritisieren sie, wir lesen ihre Schriften. Aber die Hauptsache ist: wir haben einander das Wort darauf gegeben, unter uns vollständig aufrichtig zu sein und einander alles über uns selbst offen und ohne falsche Scham zu sagen. Nur Offenheit und Aufrichtigkeit können das Ziel erreichen. Darauf dringt Besmygin ganz besonders. Ich habe Katja davon erzählt, und sie ist durchaus der Ansicht Besmygins. Und darum haben wir alle unter Besmygins Leitung uns das Wort darauf gegeben, unser ganzes Leben hindurch offen und ehrlich zu handeln und, was man auch von uns sagen und wie man auch über uns urteilen mag, uns durch nichts beirren zu lassen, uns unseres Enthusiasmus, unserer Bestrebungen, unserer Fehler nicht zu schämen, sondern geradeaus unseren Weg zu gehen. Wenn du willst, daß man dich achte, so achte zuerst und vor allen Dingen dich selbst; nur dadurch, nur durch Selbstachtung, zwingst du auch andere, dich zu achten. Das sagt Besmygin, und Katja stimmt ihm vollständig bei. Überhaupt sprechen wir jetzt viel von unseren Anschauungen und haben beschlossen, es soll sich jeder für sich allein mit Selbsterkenntnis beschäftigen, und dann sollen alle zusammen sich wechselseitig belehren…«
»Was für ein heilloser Unsinn!« rief der Fürst beunruhigt. »Und wer ist dieser Besmygin? Nein, das darf man nicht so weitergehen lassen!«
»Was darf man nicht so weitergehen lassen?« fiel Aljoscha ein. »Höre, Vater, warum setze ich jetzt das alles in deiner Gegenwart auseinander? Weil ich wünsche und hoffe, auch dich für unseren Verein zu gewinnen. Ich habe es dort auch schon versprochen, dich hinzubringen. Du lachst; nun, das habe ich vorher gewußt, daß du lachen würdest! Aber höre! Du bist gut, du bist edel; du wirst mich verstehen. Du kennst ja diese Menschen nicht; du hast sie noch nie gesehen, sie nicht selbst gehört. Gesetzt auch, du habest von alledem schon gehört, denn du hast ja alles studiert und bist furchtbar gelehrt: aber sie selbst hast du noch nicht gehört, du bist noch nicht bei ihnen gewesen; wie kannst du also über sie ein richtiges Urteil haben? Du bildest dir nur ein, daß du sie kennst. Nein, komm zu ihnen hin, höre sie, und dann – und dann verbürge ich mich dafür, daß du einer der Unsrigen werden wirst! Und die Hauptsache ist: ich will alle Mittel anwenden, um dich vom Verderben in deinem Gesellschaftskreis zu retten, an dem du so hängst, und dich von deinen Anschauungen abzubringen.«
Der Fürst hatte Aljoschas pathetische Rede schweigend und mit einem spöttischen Lächeln angehört; sein Gesicht hatte einen boshaften Ausdruck getragen. Natascha hatte ihn mit unverhohlenem Widerwillen beobachtet. Er hatte dies gesehen, aber getan, als bemerke er es nicht. Aber als Aljoscha geendet hatte, brach der Fürst plötzlich in ein Gelächter aus. Er ließ sich sogar gegen die Lehne des Stuhles zurücksinken, als ob er nicht imstande wäre, sich zu halten. Aber dieses Lachen war entschieden gekünstelt. Es war nur zu deutlich, daß er einzig und allein in der Absicht lachte, seinen Sohn möglichst zu kränken und zu demütigen. Aljoscha fühlte sich wirklich beleidigt; sein ganzes Gesicht drückte tiefen Schmerz aus. Aber er wartete geduldig, bis die Heiterkeit seines Vaters aufhörte.
»Vater«, begann er traurig, »warum lachst du denn über mich? Ich habe offen und ehrlich zu dir gesprochen. Wenn ich deiner Meinung nach Dummheiten gesagt habe, so belehre mich, aber lache mich nicht aus! Und worüber lachst du? Über das, was mir jetzt heilig und edel erscheint? Nun, mag ich auch irren, mag das auch alles unrichtig und fehlerhaft sein, mag ich auch ein Dummkopf sein, wie du mich manchmal genannt hast: aber wenn ich auch irre, so tue ich es mit aller Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit; ich habe den Adel meiner Seele nicht eingebüßt. Ich begeistere mich für hohe Ideen. Mögen sie auch irrig sein, so ist doch ihre Grundlage heilig. Ich habe dir ja gesagt, daß du und alle Angehörigen deines Kreises mir noch nichts Derartiges gesagt haben, was mich angezogen hätte und mir als Richtschnur hätte dienen können. Widerlege diese Ideen, sage mir etwas Besseres, und ich werde dir folgen; aber lache nicht über mich; denn das kränkt mich sehr.«
Aljoscha hatte das mit edlem Anstand und mit einer Art von ernster Würde gesagt. Natascha war seinen Worten mit Teilnahme gefolgt. Der Fürst hatte seinem Sohn ganz erstaunt zugehört und änderte nun sogleich seinen Ton.
»Ich wollte dich ganz und gar nicht kränken, lieber Sohn«, antwortete er; »ich bedaure dich vielmehr. Du bereitest dich zu einem Schritt im Leben vor, bei dem es an der Zeit wäre, das leichtsinnige, knabenhafte Wesen abzulegen. Das ist meine Meinung. Ich mußte unwillkürlich lachen und habe dich durchaus nicht kränken wollen.«
»Warum schien es mir dann aber so?« fuhr Aljoscha mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes fort. »Warum scheint es mir schon lange, daß du gegen mich eine feindliche Stellung einnimmst, mich mit kaltem Spott behandelst und nicht so, wie ein Vater seinen Sohn behandeln sollte? Warum scheint es mir, daß ich, wenn ich an deiner Stelle wäre, meinen Sohn nicht in so kränkender Weise auslachen würde, wie du es jetzt mit mir tust? Höre: sprechen wir uns doch jetzt gleich ein für allemal aufrichtig aus, so daß keinerlei Mißverständnisse mehr zurückbleiben! Und… ich will die volle Wahrheit sagen: als ich hier eintrat, schien es mir, daß auch hier ein Mißverständnis stattgefunden hatte; ich hatte erwartet, euch in anderer Stimmung hier zusammen zu finden. Ist es so oder nicht? Wenn es so ist, ist es dann nicht besser, daß ein jeder seine Empfindungen frei ausspricht? Wieviel Schaden kann durch Aufrichtigkeit verhütet werden!«
»Sprich nur, sprich nur, Aljoscha!« erwiderte der Fürst. »Was du uns da vorschlägst, ist sehr verständig. Vielleicht hätten wir das von vornherein tun sollen«, fügte er mit einem Blick auf Natascha hinzu.
»Sei also nicht böse über meine vollständige Offenherzigkeit!« begann Aljoscha. »Du wünschst sie selbst, verlangst sie selbst. So höre denn! Du hast deine Einwilligung zu meiner Heirat mit Natascha gegeben; du hast uns dieses Glück gewährt und zu diesem Zweck dich selbst überwunden. Du bist großmütig gewesen, und wir alle haben dein edles Verhalten gebührend gewürdigt. Aber warum deutest du mir denn jetzt fortwährend mit einer Art von Schadenfreude an, daß ich noch ein lächerlicher Knabe und für die Stellung eines Ehemannes ungeeignet sei? Ja noch mehr: du legst es darauf an, mich zu verhöhnen, mich zu demütigen, mich sogar in Nataschas Augen zu verunglimpfen. Es ist dir immer eine große Freude, wenn du mich von einer komischen Seite zeigen kannst; das habe ich nicht erst jetzt bemerkt, sondern schon lange. Als ob du es besonders darauf abgesehen hättest, uns zu beweisen, daß unsere Ehe lächerlich und absurd sei und wir nicht zueinander paßten. Gerade als ob du selbst nicht daran glaubtest, daß das zustande kommen werde, was du doch selbst für uns in Aussicht genommen hast; als ob du das alles nur für einen Scherz, für einen amüsanten Einfall, für ein komisches Vaudeville hieltest … Ich schließe das ja nicht nur aus deinen heutigen Worten. Gleich an jenem Abend, am Dienstag, als ich von hier zu dir zurückkehrte, hörte ich aus deinem Mund einige merkwürdige Ausdrücke, die mich verwunderten und geradezu kränkten. Auch als du am Mittwoch abreistest, machtest du einige Anspielungen auf unsere jetzige Lage und sprachst auch von Natascha, zwar nicht in beleidigender Weise, nein, aber doch so, wie ich es aus deinem Mund lieber nicht gehört hätte, gar zu leichtfertig, lieblos, respektlos. Es ist schwer, das darzulegen; aber der Ton war nicht mißverständlich; mein Herz vernahm ihn. Sage mir doch, daß ich mich irre! Belehre mich eines Besseren, beruhige mich und… und auch sie; denn du hast auch sie gekränkt. Das merkte ich beim ersten Blick, als ich hier eintrat…«
Aljoscha hatte das mit warmer Empfindung und in festem Ton gesprochen. Natascha hatte ihm mit einer Art von Triumph zugehört und in starker Erregung und mit glühendem Gesicht ein paarmal während seiner Rede vor sich hingesagt: »Ja, ja, so ist es!« Der Fürst war verlegen.
»Lieber Sohn«, entgegnete er, »ich kann mich natürlich nicht auf alles besinnen, was ich zu dir gesagt habe; aber es ist sehr sonderbar, wenn du meine Worte in einem solchen Sinn aufgefaßt hast. Ich bin bereit, dich eines Besseren zu belehren, soweit ich nur irgend kann. Wenn ich jetzt gelacht habe, so ist auch das begreiflich. Ich sage dir, daß ich mit meinem Lachen sogar meine schmerzliche Empfindung verhüllen wollte. Wenn ich mir jetzt vorstelle, daß du dich bald anschickst, ein Ehemann zu sein, so erscheint mir das jetzt völlig unmöglich, absurd, ja, nimm es mir nicht übel, sogar lächerlich. Du machst mir dieses Lachen zum Vorwurf; aber ich sage dir, daß es ganz und gar durch dich herbeigeführt ist. Eine gewisse Schuld trage allerdings auch ich: vielleicht habe ich in der letzten Zeit zu wenig auf dich achtgegeben und daher erst jetzt, heute abend, erkannt, was für einer Handlungsweise du fähig bist. Jetzt wird mir geradezu bange, wenn ich an dein künftiges Leben mit Natalja Nikolajewna denke: ich habe mich übereilt; ich sehe, daß ihr sehr wenig zusammenpaßt. Jede Liebe geht vorüber; aber die Disharmonie bleibt lebenslänglich. Ich will gar nicht einmal von deinem eigenen Schicksal reden; aber wenn anders du ehrliche Absichten hast, so bedenke, daß du mit dir zusammen auch Natalja Nikolajewna zugrunde richtest, entschieden zugrunde richtest! Da hast du nun jetzt eine ganze Stunde lang von Liebe zur Menschheit, von Adel der Gesinnung, von hochherzigen Menschen, mit denen du bekannt geworden bist, gesprochen; aber frage Iwan Petrowitsch, was ich vorhin zu ihm gesagt habe, als wir auf dieser abscheulichen Treppe zum vierten Stock hinaufstiegen und hier an der Tür stehenblieben und Gott für die Rettung unseres Lebens und unserer Beine dankten! Weißt du, welcher Gedanke mir da unwillkürlich durch den Kopf ging? Ich wunderte mich, wie du bei deiner großen Liebe zu Natalja Nikolajewna es dulden kannst, daß sie in einer solchen Wohnung lebt. Hast du dir denn gar nicht gesagt, daß, wenn du über keine Mittel verfügst und nicht die Fähigkeit besitzt, deine Pflichten zu erfüllen, daß du dann auch nicht berechtigt bist, ein Ehemann zu sein, nicht berechtigt bist, irgendwelche Pflichten auf dich zu nehmen? Die Liebe allein genügt nicht; die Liebe zeigt sich in Taten; aber so zu denken wie du: ›Magst du auch mit mir leiden; aber lebe dennoch mit mir!‹, das ist nicht human, nicht edel! Von allgemeiner Liebe zu reden, sich für allgemein menschliche Fragen zu begeistern und gleichzeitig Verbrechen gegen die Liebe zu begehen und es gar nicht einmal zu bemerken – ein solches Verhalten ist mir unverständlich! Unterbrechen Sie mich nicht, Natalja Nikolajewna, lassen Sie mich ausreden; es ist mir so weh ums Herz, und ich muß mich ganz aussprechen. Du hast gesagt, Aljoscha, du habest dich in diesen Tagen für alles, was edel, schön und ehrenhaft ist, begeistert und hast es mir zum Vorwurf gemacht, daß in unserem Gesellschaftskreis solche Begeisterung nicht zu finden sei, sondern nur trockene Vernunft. Nun sieh, was du getan hast: du hast dich für das Hohe und Schöne begeistert und hast trotz allem, was hier am Dienstag geschehen ist, vier Tage lang diejenige vernachlässigt, die, wie man meinen sollte, dir teurer sein müßte als alles auf der Welt! Du hast sogar bekannt, daß du in dem Streit mit Katerina Fjodorowna behauptet habest, Natalja Nikolajewna liebe dich so sehr und sei so großmütig, daß sie dir dein Verhalten verzeihen werde. Aber welches Recht hast du, auf eine solche Verzeihung zu rechnen und darauf zu wetten? Hast du denn wirklich kein einziges Mal daran gedacht, wie viele Qualen, wie viele bittere Gedanken, wieviel Zweifel und wieviel Argwohn du in diesen Tagen bei Natalja Nikolajewna hervorriefst? Hattest du deswegen, weil du dich dort für irgendwelche neuen Ideen begeistertest, ein Recht, deine allererste Pflicht zu vernachlässigen? Verzeihen Sie mir, Natalja Nikolajewna, daß ich meinem Wort untreu geworden bin. Aber die gegenwärtige Angelegenheit ist von ernsterer Bedeutung als dieses Versprechen; Sie werden das gewiß selbst einsehen… Weißt du wohl, Aljoscha, daß ich Natalja Nikolajewna in so tiefem Leid angetroffen habe, daß mir daraus verständlich wurde, in welche Hölle du diese vier Tage für sie verwandelt hast, die vielmehr die glücklichsten Tage ihres Lebens hätten sein sollen? Eine solche Handlungsweise auf der einen Seite und Worte, Worte und immer wieder Worte auf der anderen – habe ich da nicht recht? Und bei alledem bringst du es fertig, mich zu beschuldigen, während du doch die ganze Schuld trägst?«
Der Fürst war zu Ende. Er war sogar entzückt von seiner rednerischen Leistung und vermochte sein Triumphgefühl vor uns nicht zu verbergen. Als Aljoscha von Nataschas Leid hörte, blickte er sie mit schmerzlichem Kummer an; aber Natascha hatte bereits ihren Entschluß gefaßt.
»Laß es gut sein, Aljoscha, gräme dich nicht!« sagte sie. »Andere sind schuldiger als du. Setz dich hin und höre zu, was ich deinem Vater jetzt gleich sagen werde. Es ist Zeit, ein Ende zu machen!«
»Sprechen Sie sich deutlich aus, Natalja Nikolajewna!« fiel der Fürst ein; »ich bitte Sie dringend darum. Schon zwei Stunden lang höre ich diese rätselhaften Andeutungen. Das wird unerträglich, und ich muß gestehen, daß ich einen solchen Empfang hier nicht erwartet hatte.« »Das mag sein; denn Sie meinten, Sie würden uns durch Ihre Worte bezaubern, so daß wir Ihre geheimen Absichten nicht merkten. Was soll ich Ihnen denn erst noch deutlich machen? Sie wissen ja selbst alles und verstehen alles. Aljoscha hat recht. Was Sie vor allen Dingen wünschen ist: uns zu trennen. Sie haben alles vorher gewußt, was sich hier nach jenem Dienstagabend ereignen würde, und es sich sozusagen an den Fingern berechnet. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Sie es mit mir und der von Ihnen in die Wege geleiteten Eheschließung nicht ernst meinen. Sie treiben mit uns Ihren Scherz, Ihr Spiel und haben dabei eine bewußte Absicht. Ihr Spiel ist gut berechnet. Aljoscha hatte recht, als er Ihnen vorwarf, Sie betrachteten diese ganze Angelegenheit wie eine Vaudeville. Sie sollten sich vielmehr über Aljoschas Benehmen freuen, statt ihm Vorwürfe zu machen; denn er hat unwissentlich alles erfüllt, was Sie von ihm erwarteten, vielleicht sogar noch mehr.«
Ich war starr vor Staunen. Ich hatte zwar erwartet, daß sich an diesem Abend eine Katastrophe ereignen werde; aber doch versetzten Aljoschas schroffe Offenherzigkeit und ihr unverhohlen verächtlicher Ton mich in die äußerste Verwunderung! ›Also weiß sie tatsächlich etwas‹, dachte ich, ›und hat sich ohne Verzug zum Bruch entschlossen. Vielleicht hat sie sogar den Fürsten mit Ungeduld erwartet, um ihm mit einemmal alles ins Gesicht zu sagen.‹ Der Fürst wurde ein wenig blaß. Aljoschas Miene drückte naive Furcht und qualvolle Erwartung aus. »Bedenken Sie, was für eine Anschuldigung Sie soeben gegen mich erhoben haben«, rief der Fürst, »und überlegen Sie wenigstens einigermaßen, was Sie sagen!… Ich verstehe nichts davon!«
»Ah! Also Sie wollen mich in dieser kurzen Fassung nicht verstehen«, sagte Natascha. »Sogar er, Aljoscha hier, hat Sie ebenso durchschaut wie ich, und doch haben wir beide nicht miteinander gesprochen und uns nicht einmal gesehen! Auch er hat die Empfindung gehabt, daß Sie mit uns ein unwürdiges, beleidigendes Spiel treiben; und doch liebt er Sie und glaubt an Sie wie an eine Gottheit! Sie haben nicht für nötig gehalten, ihm gegenüber größere Vorsicht und List anzuwenden; Sie rechneten darauf, daß er nichts merken werde. Aber er hat ein feinfühliges Herz, und Ihre Worte, Ihr ›Ton‹, wie er sagt, haben ihm einen dauernden Eindruck gemacht.«
»Ich verstehe nichts davon, gar nichts!« wiederholte der Fürst, indem er sich mit einer Miene größter Verwunderung an mich wandte, wie wenn er mich als Zeugen anrufen wollte. Er war gereizt und heftig erregt. »Sie sind argwöhnisch und befinden sich in Aufregung«, fuhr er, zu Natascha gewendet, fort. »Sie sind einfach eifersüchtig auf Katerina Fjodorowna und neigen daher dazu, die ganze Welt und in erster Linie mich anzuklagen. Gestatten Sie, daß ich Ihnen alles frei heraus sage: man muß daraus eine eigentümliche Meinung über Ihren Charakter gewinnen. Ich bin an solche Szenen nicht gewöhnt; ich würde nach dem Vorangegangenen keinen Augenblick länger hierbleiben, wenn es sich nicht um das Interesse meines Sohnes handelte… Ich warte immer noch, ob Sie nicht die Gewogenheit haben wollen, sich deutlicher auszusprechen.«
»Also Sie beharren auf diesem Verlangen und wollen mich nicht in dieser kurzen Fassung verstehen, trotzdem Sie alles ganz genau wissen? Sie wollen durchaus, daß ich Ihnen alles offen sage?«
»Das und nichts anderes ist es, was ich wünsche.«
»Gut denn; so hören Sie!« rief Natascha, deren Augen vor Zorn funkelten. »Ich werde alles sagen, alles!«
Drittes Kapitel
Sie stand auf und begann stehend zu reden, ohne dies in ihrer Aufregung zu bemerken. Nachdem der Fürst ein Weilchen zugehört hatte, erhob er sich ebenfalls von seinem Platz. Die ganze Szene wurde sehr feierlich.
»Sie werden sich wohl selbst an Ihre Worte am Dienstag erinnern«, begann Natascha. »Sie sagten: ›Ich brauche Geld, einen gebahnten Weg, eine bedeutende Stellung in der vornehmen Gesellschaft‹; erinnern Sie sich?«
»Ja.«
»Nun also, um dieses Geld und all diese Vorteile zu erlangen, die Ihnen aus den Händen zu entschlüpfen drohten, kamen Sie am Dienstag hierher und veranstalteten diese Verlobung, weil Sie darauf spekulierten, daß dieser Scherz Ihnen behilflich sein werde, das fest zu ergreifen, was Ihnen entglitt.«
»Natascha!« rief ich; »bedenke, was du sprichst!«
»Ein Scherz! Eine Spekulation!« wiederholte der Fürst mit der Miene tief gekränkter Würde.
Aljoscha saß da, von Kummer niedergedrückt, und sah dem Vorgang zu, fast ohne etwas zu begreifen.
»Ja, ja, unterbrechen Sie mich nicht! Ich habe mir fest vorgenommen, alles auszusprechen«, fuhr Natascha in gereiztem Ton fort. »Sie erinnern sich selbst: Aljoscha gehorchte Ihnen nicht. Ein halbes Jahr lang hatten Sie sich mit ihm abgemüht, um ihn von mir abzuziehen. Er fügte sich Ihnen nicht. Und auf einmal trat für Sie der Augenblick ein, wo die Zeit drängte. Wenn Sie die günstige Gelegenheit vorübergehen ließen, so glitten Ihnen die Braut und das Geld, vor allen Dingen das Geld, ganze drei Millionen Mitgift, aus den Fingern. Es blieb nur ein Mittel: Aljoscha mußte diejenige liebgewinnen, die Sie ihm zur Braut bestimmt hatten; Sie sagten sich, wenn er sich in sie verliebe, werde er sich vielleicht von mir lossagen …«
»Natascha, Natascha!« rief Aljoscha gramvoll; »was redest du!«
»So verfuhren Sie denn auch«, fuhr sie fort, ohne sich durch Aljoschas Zwischenruf aufhalten zu lassen; »aber da wiederholte sich die alte Geschichte: es hätte sich alles arrangieren lassen; aber ich bildete wieder das Hindernis! Nur ein Umstand konnte bei Ihnen Hoffnung erwecken: als erfahrener, schlauer Mensch hatten Sie vielleicht schon damals bemerkt, daß Aljoscha das bisherige enge Verhältnis zu mir manchmal als drückende Last empfand. Es konnte Ihnen nicht entgehen, daß er anfing, mich zu vernachlässigen, sich bei mir zu langweilen, und daß er mitunter fünf Tage lang nicht zu mir kam. ›Vielleicht wird er ihrer ganz überdrüssig werden und sie sitzenlassen‹, dachten Sie, als plötzlich am Dienstag Aljoschas energischer Schritt Sie vollständig überraschte. Was sollten Sie nun tun?«
»Erlauben Sie«, rief der Fürst, »das Gegenteil ist richtig; diese Tatsache …«
»Ich sage«, unterbrach ihn Natascha nachdrücklich, »Sie fragten sich an diesem Abend: ›Was ist jetzt zu tun?‹ und entschieden sich dafür, ihm die Erlaubnis zur Heirat mit mir zu geben, nicht in Wirklichkeit, sondern nur äußerlich, mit Worten, nur um ihn zu beruhigen. Den Hochzeitstermin, meinten Sie, könne man ja beliebig weit hinausschieben; und inzwischen könnte ein neue Liebe keimen; das hatten Sie bemerkt. Und so gründeten Sie denn auf den Beginn dieser neuen Liebe Ihren ganzen Plan.«
»Romane, Romane!« sagte der Fürst halblaut wie für sich. »Das einsame Leben, ein Hang zur Grübelei und das Lesen von Romanen!«
»Ja, auf diese neue Liebe gründeten Sie Ihren ganzen Plan«, wiederholte Natascha, ohne auf die Worte des Fürsten zu hören und sie irgendwie zu beachten; sie war wie im Fieber und verlor immer mehr die Selbstbeherrschung. »Und was für Chancen hatte nicht diese neue Liebe! Sie hatte ja schon damals begonnen, als er noch nicht alle Vorzüge dieses jungen Mädchens kennengelernt hatte! In eben dem Augenblick, als er an jenem Abend diesem jungen Mädchen entdeckte, daß er sie nicht lieben könne, weil seine Pflicht und eine andere Liebe es ihm verböten, in diesem Augenblick bekundete das junge Mädchen auf einmal ihm gegenüber eine so edle Gesinnung, soviel Mitgefühl mit ihm und ihrer Nebenbuhlerin, eine so prächtige Fähigkeit, zu verzeihen! Vorher hatte er zwar schon ihre Schönheit bewundert; aber er hatte bis auf diesen Augenblick nicht gedacht, daß sie eine so herrliche Seele hätte! Und als er damals zu mir kam, redete er nur von ihr; sie hatte ihn vollständig bezaubert. Ja, er mußte gleich am folgenden Tag unbedingt das unabweisbare Bedürfnis empfinden, dieses schöne Wesen wiederzusehen, sei es auch nur aus Dankbarkeit. Ja, und warum hätte er auch nicht zu ihr fahren sollen? Die andere, seine bisherige Geliebte, litt ja jetzt nicht mehr; ihr Schicksal war entschieden; ihr wollte er ja sein ganzes Leben widmen; der neuen sollte nur ein kurzer Augenblick zugedacht sein … Und wie undankbar wäre es von dieser Natascha, wenn sie der neuen aus Eifersucht nicht einmal diesen kurzen Augenblick gönnte! Und so wurde dieser Natascha statt eines kurzen Augenblicks unvermerkt ein Tag und ein zweiter, ein dritter entzogen … In der Zwischenzeit aber zeigte sich ihm das junge Mädchen von einer ganz unerwarteten, neuen Seite; sie war so edeldenkend, so enthusiastisch und zugleich ein so naives Kind und paßte daher in ihrem Charakter sehr gut zu ihm. Sie schwuren einander Freundschaft und Brüderschaft und wollten sich lebenslänglich nicht voneinander trennen. In einem fünf-bis sechsstündigen Gespräch erschloß sich ihr seine ganze Seele und nahm neue Empfindungen auf, und sein ganzes Herz gab sich ihr hin … ›Es wird endlich die Zeit kommen‹, dachten Sie, ›wo er seine frühere Liebe mit seinen neuen, frischen Gefühlen vergleichen wird: dort ist alles längst bekannt, alltäglich; dort ist man so ernst und anspruchsvoll; dort ist man eifersüchtig und schilt und weint; und wenn man selbst anfängt, mit ihm zu scherzen und zu spaßen, so behandelt man ihn dabei nicht wie einen Gleichgestellten, sondern wie ein Kind. Und die Hauptsache ist: alles ist schon so gewöhnlich, ohne den Reiz der Neuheit …‹«
Die Tränen und ein schmerzlicher Krampf drohten sie zu ersticken; aber Natascha fand noch für einen Augenblick Kraft.
»Und was dann weiter? Das Weitere konnte man der Zeit überlassen; die Hochzeit mit Natascha war ja nicht auf einen nahen Termin angesetzt; es lag noch viel Zeit dazwischen; da konnte sich alles ändern. Und dazu konnten Ihre Worte, Ihre Anspielungen, Ihre Ausdeutungen, Ihre Redekunst mitwirken. Man konnte diese hinderliche Natascha auch verleumden, sie in ein unvorteilhaftes Licht stellen; wie sich das alles im einzelnen entwickeln werde, war ungewiß; aber der Sieg gehörte Ihnen! Aljoscha, schilt mich nicht, lieber Freund! Sage nicht, daß ich für deine Liebe kein Verständnis hätte, sie nicht zu würdigen wisse. Ich weiß ja, daß du mich auch jetzt noch liebst und in diesem Augenblick meine Klagen vielleicht für unbegründet hältst. Ich weiß, daß ich sehr, sehr übel daran getan habe, jetzt dies alles auszusprechen. Aber was soll ich tun, wenn ich es einsehe und dich dennoch immer mehr liebe … mit ganzer Seele … bis zum Wahnsinn!«
Sie verbarg das Gesicht in den Händen, sank auf ihren Stuhl und schluchzte wie ein Kind. Aljoscha stürzte aufschreiend zu ihr hin. Er konnte sie nie weinen sehen, ohne daß ihm selbst die Tränen gekommen wären.
Ihr Schluchzen kam dem Fürsten, wie es schien, sehr zustatten: Nataschas ganze Erregung während dieser langen Auseinandersetzung, ihre scharfen Ausfälle gegen ihn, durch die er sich schon anstandshalber hätte beleidigt fühlen müssen, all das konnte jetzt offenbar auf einen Anfall von sinnloser Eifersucht, auf gekränkte Liebe, ja auf Krankheit zurückgeführt werden. Es war sogar schicklich, ihr seine Teilnahme auszusprechen.
»Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, Natalja Nikolajewna!« sagte der Fürst, freundlich zuredend; »das sind alles Hirngespinste, Phantasien, Folgen des Alleinseins. Sein leichtsinniges Benehmen hat Sie in gereizte Stimmung versetzt. Aber es ist ja von seiner Seite eben nur Leichtsinn gewesen. Das wichtigste Faktum, dessen Sie ja auch besonders Erwähnung taten, der Vorgang am Dienstag, müßte Ihnen doch eher als Beweis für seine grenzenlose Anhänglichkeit an Sie dienen; aber Sie haben im Gegenteil gemeint …«
»Oh, reden Sie nicht zu mir, quälen Sie mich wenigstens jetzt nicht weiter!« unterbrach ihn Natascha, bitterlich weinend. »Mein Herz hat mir schon alles gesagt, schon längst! Glauben Sie wirklich, ich sähe nicht, daß seine frühere Liebe vergangen ist? Während ich hier in diesem Zimmer allein war, nachdem er mich verlassen und vergessen hatte, habe ich das alles innerlich durchlebt, alles durchdacht! Was konnte ich auch anderes tun? Ich mache dir keine Vorwürfe, Aljoscha … Warum suchen Sie mich zu täuschen? Glauben Sie wirklich, daß ich nicht versucht habe, mich selbst zu täuschen? Oh, wie oft, wie oft! Habe ich nicht auf jeden Ton seiner Stimme geachtet? Habe ich nicht gelernt, auf seinem Gesicht, in seinen Augen zu lesen? Alles, alles ist gestorben und begraben … O ich Unglückliche!«
Aljoscha lag vor ihr auf den Knien und weinte.
»Ja, ja, daran bin ich schuld! Ich allein …«, wiederholte er schluchzend.
»Nein, klage dich nicht selbst an, Aljoscha! … Die Schuld tragen andere … unsere Feinde … Die sind es gewesen, die!«
»Aber erlauben Sie«, begann der Fürst etwas ungeduldig, »ich möchte doch schließlich fragen: aus welchem Grund schreiben Sie mir alle diese Verbrechen zu? Das sind doch von Ihnen nur Vermutungen, die durch nichts bewiesen sind …«
»Beweise!« rief Natascha, sich schnell von ihrem Stuhl erhebend. »Beweise verlangen Sie, Sie heimtückischer Mensch? Sie konnten schlechterdings nicht anders handeln, damals, als Sie mit Ihrem Antrag herkamen! Sie mußten Ihren Sohn beruhigen, sein Gewissen einschläfern, damit er sich freier und ruhiger ganz seiner Katja hingeben konnte; ohne das hätte er immer an mich denken müssen und hätte sich Ihnen nicht gefügt; Ihnen aber war das Warten schon langweilig geworden. Nun, habe ich etwa nicht recht?«
»Ich muß bekennen«, erwiderte der Fürst mit einem spöttischen Lächeln, »wenn ich Sie hätte täuschen wollen, so würde ich tatsächlich so spekuliert haben; Sie sind sehr scharfsinnig. Aber eben das bedarf ja des Beweises, ehe Sie es sich erlauben dürfen, Leute mit solchen Vorwürfen zu beleidigen …«
»Beweise! Und Ihr ganzes früheres Benehmen, als Sie ihn mir abspenstig zu machen suchten? Wer seinem Sohn zuredet, um weltlicher Vorteile willen, um des Geldes willen solche Verpflichtungen zu vernachlässigen und mit ihnen zu spielen, der demoralisiert ihn! Was haben Sie vorhin über die Treppe und die schlechte Wohnung gesagt? Haben nicht Sie selbst ihm das Taschengeld entzogen, das Sie ihm früher gaben, damit wir durch Not und Hunger gezwungen würden, uns zu trennen? Sie, Sie sind an dieser Wohnung und an dieser Treppe schuld, und nun machen Sie ihm noch Vorwürfe, Sie heuchlerischer Mensch! Und woher kamen bei Ihnen plötzlich damals an jenem Abend so warme Gefühle, so neue, zu Ihrem Wesen gar nicht passende Anschauungen? Wozu hatten Sie mich auf einmal so nötig? Ich bin hier diese vier Tage lang auf und ab gegangen; ich habe alles durchdacht, alles abgewogen, jedes Ihrer Worte, jedes Mienenspiel auf Ihrem Gesicht, und ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß das alles Trug und Scherz war, eine beleidigende, gemeine, unwürdige Komödie. Ich kenne Sie ja, habe Sie schon längst gekannt! Jedesmal wenn Aljoscha von Ihnen zu mir kam, erriet ich aus seinem Gesicht alles, was Sie ihm gesagt, ihm eingeblasen hatten; ich spürte alle Einwirkungen heraus, die Sie auf ihn ausgeübt hatten! Nein, Sie können mich nicht mehr täuschen! Vielleicht haben Sie noch irgendwelche anderen Spekulationen; vielleicht habe ich gerade das Wichtigste jetzt nicht ausgesprochen; aber das gilt mir gleich! Sie haben mich getäuscht – das ist die Hauptsache! Das mußte ich Ihnen gerade ins Gesicht sagen!«
»Weiter nichts? Das sind alle Ihre Beweise? Aber bedenken Sie doch, Sie Rasende: durch meinen Antrag am Dienstag hatte ich mich doch gebunden. Das wäre doch gar zu leichtsinnig von mir gewesen …«
»Wodurch hatten Sie sich gebunden? Wodurch? Was kommt es Ihnen darauf an, ein Mädchen wie mich zu täuschen? Und was hat die Kränkung so eines Mädchens zu bedeuten? Ich bin ja ein unglücklicher Flüchtling, von meinem Vater verstoßen, eine Schutzlose, ein Mädchen, das sich selbst entehrt hat, ein unmoralisches Wesen! Da macht man nicht erst viel Umstände, wenn dieser Scherz irgendwelchen, wenn auch noch so geringen Vorteil bringen kann!«
»In was für eine Lage bringen Sie sich selbst, Natalja Nikolajewna? Bedenken Sie das doch nur! Sie behaupten hartnäckig, daß von meiner Seite eine Beleidigung gegen Sie vorliegt. Aber diese Beleidigung wäre so schwerwiegend und so unwürdig, daß ich nicht begreife, wie man sie für denkbar halten und nun gar auf einer solchen Behauptung bestehen kann. Sie müssen wohl an alles mögliche gewöhnt sein, um dergleichen so leichthin vorauszusetzen, nehmen Sie es mir nicht übel! Vielmehr bin ich berechtigt, Ihnen Vorwürfe zu machen, weil Sie meinen Sohn gegen mich aufhetzen: wenn er sich auch jetzt nicht zu Ihren Gunsten gegen mich empört, so ist doch sein Herz gegen mich eingenommen …«
»Nein, Vater, nein!« rief Aljoscha; »wenn ich mich nicht gegen dich empört habe, so kommt das daher, daß ich dich einer solchen Beleidigung nicht für fähig halte; und ich halte eine solche Beleidigung überhaupt für ein Ding der Unmöglichkeit!«
»Hören Sie?« rief der Fürst.
»Natascha, an allem bin ich schuld; klage ihn nicht an! Das ist sündhaft und schrecklich!«
»Hörst du wohl, Wanja? Er tritt schon gegen mich auf!« rief Natascha.
»Genug!« sagte der Fürst; »wir müssen dieser peinlichen Szene ein Ende machen. Dieser blinde, wütende Anfall maßloser Eifersucht zeigt mir Ihren Charakter von einer mir ganz neuen Seite. Ich bin nun gewarnt. Wir haben uns übereilt, haben uns tatsächlich übereilt. Sie bemerken es nicht einmal, wie sehr Sie mich gekränkt haben; für Sie ist das gar nichts. Wir haben uns übereilt … wir haben uns übereilt … mein Wort muß mir allerdings heilig sein; aber … ich bin Vater und wünsche das Glück meines Sohnes …«
»Sie sagen sich von Ihrem Wort los!« rief Natascha ganz außer sich. »Sie freuen sich über diese günstige Gelegenheit! Wissen Sie aber, daß ich selbst schon vor zwei Tagen, als ich hier allein war, den Entschluß gefaßt habe, ihn von seinem Wort zu entbinden; und jetzt erkläre ich das vor aller Ohren. Ich trete zurück!«
»Das heißt, Sie wollen vielleicht bei ihm die ganze frühere Unruhe, jenes ganze drückende Pflichtgefühl (so ungefähr drückten Sie sich vorhin aus) wieder erwecken, um ihn dadurch von neuem wie ehemals an sich zu fesseln. Das müßte ja nach Ihrer eigenen Theorie der Verlauf sein, und eben deshalb sage ich es. Aber genug; die Zeit wird die Entscheidung bringen. Ich werde einen ruhigeren Augenblick abwarten, um mich mit Ihnen auszusprechen. Ich hoffe, wir werden unsere Beziehungen nicht endgültig abbrechen. Ich hoffe auch, Sie werden mich besser schätzenlernen. Ich wollte Ihnen noch heute einen Plan mitteilen, den ich mir betreffs Ihrer Eltern zurechtgelegt habe und aus dem Sie ersehen würden … aber genug! Iwan Petrowitsch!« fügte er hinzu, indem er an mich herantrat, »jetzt wird es mir mehr als je wertvoll sein, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen, ganz abgesehen davon, daß dies schon längst mein Wunsch war. Ich hoffe, Sie werden mich verstehen. Ich werde Sie nächster Tage besuchen; erlauben Sie es mir?«
Ich verbeugte mich. Es schien mir selbst, daß ich jetzt seiner Bekanntschaft nicht mehr aus dem Wege gehen könne. Er drückte mir die Hand, verbeugte sich schweigend vor Natascha und ging mit einer Miene gekränkter Würde hinaus.
Viertes Kapitel
Mehrere Minuten lang sprachen wir alle keine Silbe. Natascha saß, in Nachdenken versunken, traurig und niedergeschlagen da. Ihre ganze Energie war ihr plötzlich abhanden gekommen. Sie blickte gerade vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und schien sogar vergessen zu haben, daß sie Aljoschas Hand in der ihrigen hielt. Dieser weinte still seinen Kummer aus und richtete mitunter in ängstlicher Spannung seinen Blick auf sie.
Endlich begann er schüchtern, sie zu trösten; er flehte sie an, nicht böse zu sein; er beschuldigte sich selbst; es war klar, daß er lebhaft wünschte, seinen Vater zu rechtfertigen, und daß ihm dies besonders am Herzen lag; mehrere Male fing er an davon zu sprechen, wagte aber nicht, sich deutlich auszudrücken, da er fürchtete, aufs neue Nataschas Zorn zu erregen. Er schwur ihr ewige, unveränderliche Liebe und verteidigte mit Wärme seine Anhänglichkeit an Katja; fortwährend wiederholte er, er liebe Katja nur wie eine Schwester, wie eine liebe, gute Schwester, die er doch nicht ganz verlassen könne; dies würde sogar roh und grausam von seiner Seite sein; und er versicherte immerzu, wenn Natascha Katja kennenlerne, würden sie beide sogleich so gute Freundinnen werden, daß sie sich nie mehr voneinander würden trennen wollen, und dann werde es keinerlei Mißverständnisse mehr geben. Dieser Gedanke gefiel ihm ganz besonders. Der arme Junge sagte wirklich nichts, was er nicht selbst glaubte. Er hatte kein Verständnis für Nataschas Befürchtungen und hatte überhaupt nicht recht verstanden, was sie vorher zu seinem Vater gesagt hatte. Er verstand nur, daß sie sich entzweit hatten, und das lag ihm wie ein Stein auf dem Herzen.
»Bist du mir wegen deines Vaters böse?« fragte Natascha.
»Kann ich ihn anklagen«, antwortete er traurig, »wenn ich doch selbst die Ursache von allem bin und alles verschuldet habe? Ich habe dich so erzürnt, und da hast du in deinem Zorn auch ihn beschuldigt, weil du mich rechtfertigen wolltest: du suchst mich immer zu rechtfertigen, und ich verdiene das gar nicht. Es mußte ein Schuldiger gefunden werden, und da hast du gemeint, er sei es. Aber wahrhaftig, er ist nicht schuldig, wahrhaftig nicht!« rief Aljoscha in lebhafter Erregung. »Ist er etwa in solcher Gesinnung hergekommen? Hatte er das erwartet?«
Aber als er sah, daß ihn Natascha traurig und vorwurfsvoll anblickte, wurde er sofort ängstlich.
»Nun, ich werde es nicht wieder sagen, ich werde es nicht wieder sagen; verzeih mir«, stammelte er; »ich bin an allem schuld!«
»Ja, Aljoscha«, sagte sie schwermütig, »jetzt ist er zwischen uns getreten und hat uns unsern Frieden fürs ganze Leben zerstört. Du hast immer zu mir mehr Vertrauen gehabt als zu allen andern; aber jetzt hat er in dein Herz Argwohn und Mißtrauen gegen mich hineingeträufelt; du klagst mich an; er hat mir die Hälfte deines Herzens genommen. Eine schwarze Katze ist zwischen uns hindurchgelaufen.«
»Sprich nicht so, Natascha! Warum sagst du: ›eine schwarze Katze‹?«
Er fühlte sich durch diesen Ausdruck gekränkt.
»Durch heuchlerische Güte, durch erlogene Hochherzigkeit hat er dich für sich gewonnen«, fuhr Natascha fort, »und jetzt wird er dich immer mehr gegen mich aufreizen.«
»Ich schwöre dir, daß es nicht so ist!« rief Aljoscha mit noch größerer Wärme. »Er war gereizt, als er sagte: ›Wir haben uns übereilt.‹ Du wirst das selbst sehen: gleich morgen oder in den nächsten Tagen wird er sich besinnen, und sollte er so zornig geworden sein, daß er unsere Ehe wirklich nicht mehr will, so werde ich ihm nicht gehorchen; das schwöre ich dir. Vielleicht wird meine Kraft dazu ausreichen … Und weißt du, wer uns helfen wird?« rief er auf einmal, ganz entzückt über seine Idee. »Katja wird uns helfen! Und du wirst sehen, du wirst sehen, was für ein prächtiges Geschöpf sie ist! Du wirst sehen, ob sie deine Nebenbuhlerin sein und uns voneinander trennen will! Und wie ungerecht bist du vorhin gewesen, als du sagtest, ich sei einer von denen, deren Liebe am Tage nach der Hochzeit erkalten könne! Es ist mir äußerst schmerzlich gewesen, das zu hören! Nein, ich bin nicht so, und wenn ich Katja häufig besucht habe …«
»Laß gut sein, Aljoscha; besuche sie, sooft du magst! So habe ich es vorhin nicht gemeint. Du hast nicht alles verstanden. Sei glücklich, mit wem du willst! Ich kann doch von deinem Herzen nicht mehr fordern, als es mir zu geben vermag …«
Mawra trat ins Zimmer.
»Wie ist’s? Soll ich den Tee hereinbringen, ja? Es ist zu ärgerlich: zwei Stunden lang kocht der Samowar schon; es ist elf Uhr.«
Sie fragte in grobem, verdrießlichem Ton; offenbar war sie sehr schlechter Laune und über Natascha aufgebracht. Die Sache war die: Sie war die ganzen Tage her, seit Dienstag, in einem solchen Freudenrausch über die bevorstehende Heirat ihrer jungen Herrin (der sie außerordentlich zugetan war) gewesen, daß sie diese Nachricht schon im ganzen Haus, in der Nachbarschaft, beim Kaufmann und beim Hausknecht verkündigt hatte. Sie hatte geprahlt und triumphierend erzählt, der Fürst, ein vornehmer Herr, ein General, und furchtbar reich, sei selbst hergekommen, um ihr Fräulein um ihre Einwilligung zu bitten; das habe sie, Mawra, mit eigenen Ohren gehört. Und nun war auf einmal alles in die Brüche gegangen. Der Fürst war zornig weggefahren, und der Tee war nicht serviert worden, und an allem war natürlich das Fräulein schuld. Mawra hatte gehört, wie respektlos sie mit dem Fürsten gesprochen hatte.
»Nun gut; bring ihn herein!« antwortete Natascha.
»Soll ich auch den Imbiß bringen?«
»Ja, bring auch den!«
Natascha lachte.
»Da habe ich nun mühsam alles zurechtgemacht«, fuhr Mawra fort. »Seit gestern fühle ich meine Beine nicht mehr. Wegen des Weines bin ich nach dem Newskiprospekt gelaufen, und nun …«
Sie ging hinaus und schlug ärgerlich die Tür hinter sich zu.
Natascha errötete und sah mich mit einem eigentümlichen Blick an.
Der Tee wurde gebracht, auch der Imbiß; es war kalter Wildbraten und Fisch da sowie zwei Flaschen guten Weines von Jelisejew. ›Wozu ist denn das alles vorbereitet?‹ dachte ich.
»Ja, siehst du, Wanja, so bin ich nun!« sagte Natascha, indem sie an den Tisch trat; sie war sogar vor mir verlegen geworden. »Ich ahnte ja, daß alles heute den Verlauf nehmen würde, den es wirklich genommen hat; aber doch dachte ich: ›Wer weiß, vielleicht endet es auch nicht so! Aljoscha wird kommen, und wir werden uns versöhnen; mein ganzer Argwohn wird sich als unbegründet herausstellen; ich werde eines Besseren belehrt werden‹, und da bereitete ich für jeden Fall einen Imbiß vor. ›Kann sein‹, dachte ich, ›daß wir länger zusammensitzen und miteinander plaudern …‹«
Die arme Natascha! Sie wurde ganz rot, als sie das sagte. Aljoscha geriet in Entzücken.
»Da siehst du’s, Natascha!« rief er. »Du bist selbst deiner Sache nicht sicher gewesen; noch vor zwei Stunden hast du deinen Verdacht nicht für wahr gehalten! Nein, das muß alles wieder in Ordnung gebracht werden; ich bin schuld daran, ich bin die Ursache dieses ganzen Mißverständnisses, und ich werde auch alles wieder in Ordnung bringen. Natascha, erlaube mir, daß ich gleich zu meinem Vater gehe! Ich muß mit ihm sprechen; er ist gekränkt und beleidigt; ich muß ihn beruhigen; ich will ihm alles sagen, von mir aus, alles nur von mir aus; dich will ich dabei gar nicht hineinziehen. Und ich werde alles glücklich zurechtbringen … Sei mir nicht böse, als ob es mich so zu ihm hinzöge und ich dich verlassen wollte. Es steht ganz anders: er tut mir leid; er wird sich vor dir rechtfertigen; du wirst es sehen … Morgen in aller Frühe werde ich wieder zu dir kommen und den ganzen Tag bei dir sein und nicht zu Katja fahren.«
Natascha hielt ihn nicht zurück; sie riet ihm sogar selbst, sich zu seinem Vater zu begeben. Sie fürchtete sehr, Aljoscha werde sich jetzt absichtlich den Zwang antun, ganze Tage bei ihr zu sitzen, und werde sich bei ihr langweilen. Sie bat ihn nur, er möchte nichts in ihrem Namen sagen, und bemühte sich, ihm beim Abschied möglichst heiter zuzulächeln. Er war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als er plötzlich noch einmal an sie herantrat, sie an beiden Händen ergriff und sich neben sie setzte. Er blickte sie mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an.
»Natascha, meine Geliebte, mein guter Engel, sei mir nicht böse, und wir wollen uns niemals miteinander streiten. Und gib mir dein Wort darauf, daß du mir immer in allen Stücken vertrauen wirst, so wie ich dir. Es ist mir etwas eingefallen, mein Engel, was ich dir jetzt noch erzählen will. Wir hatten uns einmal gestritten; ich erinnere mich nicht mehr, weswegen; aber ich hatte schuld. Wir redeten nicht miteinander. Ich mochte nicht der erste sein, der um Verzeihung bat; aber ich war furchtbar traurig. Ich wanderte durch die Stadt, trieb mich überall umher, ging zu Freunden; aber im Herzen war mir so weh, so weh! Und da kam mir in den Sinn: wenn du nun krank würdest und stürbest? Und als ich mir das vorstellte, da überkam mich auf einmal eine solche Verzweiflung, als ob ich dich wirklich für immer verloren hätte. Meine Gedanken wurden immer schmerzlicher, immer schrecklicher. Und allmählich stellte ich mir vor, ich käme zu deinem Grabhügel, fiele besinnungslos auf ihn nieder, umfinge ihn mit meinen Armen und stürbe beinahe vor Gram. Ich stellte mir vor, daß ich diesen Grabhügel küßte, dich riefe, aus ihm herauszukommen, wenn auch nur für einen Augenblick, und Gott anflehte, er möchte ein Wunder tun und dich wenigstens für einen einzigen Augenblick vor meinen Augen auferstehen lassen; ich stellte mir vor, wie ich dann auf dich zustürzen würde, um dich zu umarmen, wie ich dich küssen und wohl sterben würde vor Seligkeit darüber, daß ich dich, wenn auch nur für einen Augenblick, noch einmal hatte wie früher umarmen können. Und als ich mir das vorstellte, mußte ich plötzlich denken: da bitte ich nun Gott um dich für einen Augenblick, und dabei bist du sechs Monate mit mir zusammen gewesen, und wie oft haben wir uns in diesen sechs Monaten gezankt, wie viele Tage lang haben wir nicht miteinander geredet! Ganze Tage lang haben wir gegrollt und unser Glück verabsäumt, und nun rufe ich dich nur für einen einzigen Augenblick aus dem Grab und bin bereit, diesen einzigen Augenblick mit meinem ganzen Leben zu erkaufen! … Als ich mir das alles vorstellte, da konnte ich es nicht mehr aushalten und eilte so schnell wie möglich zu dir und stürzte hier ins Zimmer; du erwartetest mich schon, und als wir uns nun nach unserem Streit umarmten, da drückte ich dich (daran erinnere ich mich noch) so fest an meine Brust, als ob ich dich wirklich verloren gehabt hätte, Natascha. Wir wollen uns niemals streiten! Mir ist dann immer so schwer ums Herz! Und ist es denn überhaupt denkbar, o Gott, daß ich dich jemals verlassen könnte?«
Natascha weinte. Sie hielten sich fest umschlungen, und Aljoscha schwur ihr noch einmal, sie nie zu verlassen. Dann eilte er zu seinem Vater. Er war fest überzeugt, daß es ihm gelingen werde, alles wieder auszugleichen und in Ordnung zu bringen.
»Alles ist zu Ende! Alles ist verloren!« sagte Natascha und drückte mir krampfhaft die Hand. »Er liebt mich und wird nie aufhören, mich zu lieben; aber er liebt auch Katja und wird sie nach einiger Zeit mehr lieben als mich. Diese Schlange aber, der Fürst, wird nicht ruhen, und dann …«
»Natascha, ich glaube selbst, daß der Fürst nicht ehrlich handelt; aber …«
»Du glaubst nicht alles, was ich zu ihm gesagt habe! Ich habe es an deinem Gesicht gemerkt. Aber warte nur; du wirst selbst sehen, ob ich recht habe oder nicht. Ich habe ja nur das Allgemeinste gesagt; aber Gott weiß, was er sonst noch alles im Schilde führt! Er ist ein schrecklicher Mensch. Ich bin diese vier Tage über hier im Zimmer hin und her gegangen und habe alles enträtselt. Was er wollte, war eben dies: Aljoschas Herz sollte die Traurigkeit loswerden, die ihn hinderte, wahrhaft zu leben; es sollte frei werden von der Pflicht, mich zu lieben. Er hat diese Verlobung auch zu dem Zweck ausgesonnen, um sich mit seinem Einfluß zwischen uns zu drängen und Aljoscha durch seinen Edelmut und seine Hochherzigkeit zu bezaubern. Das ist die Wahrheit, Wanja, die Wahrheit! Gerade einen solchen Charakter hat Aljoscha. Er sollte sich hinsichtlich meiner Person beruhigen; seine Besorgnisse um mich sollten schwinden. Er sollte denken: ›Jetzt ist sie schon so gut wie meine Frau und wird lebenslänglich mit mir zusammen sein‹, und sollte unwillkürlich Katja mehr Aufmerksamkeit zuwenden. Der Fürst hat offenbar den Charakter dieser Katja genau studiert und herausgefunden, daß sie zu ihm paßt und ihn stärker fesseln kann als ich. Ach, Wanja! Auf dir beruht jetzt meine ganze Hoffnung: er will zu irgendwelchem Zweck mit dir zusammenkommen, mit dir bekannt werden. Weise das nicht zurück, liebster Freund, und bemühe dich, recht bald zur Gräfin zu kommen. Mache die Bekanntschaft dieser Katja, sieh sie dir genau an und sage mir, was sie für ein Wesen ist! Es liegt mir viel daran, daß du sie siehst und mir dein Urteil sagst. Niemand versteht mich so gut wie du, und du weißt, was ich gern wissen möchte. Achte auch darauf, in welchem Grad sie miteinander befreundet sind, was für ein Verhältnis zwischen ihnen besteht, worüber sie reden; und vor allen Dingen sieh dir Katja selbst an! Beweise mir noch diesmal, liebster, bester Wanja, beweise mir noch dieses eine Mal deine Freundschaft! Auf dich, nur auf dich setze ich jetzt meine Hoffnung! …«
***
Als ich nach Hause zurückkehrte, war schon Mitternacht vorüber. Nelly öffnete mir mit verschlafenem Gesicht. Sie lächelte und blickte mich erfreut an. Das arme Kind war sehr ärgerlich auf sich selbst, weil sie eingeschlafen war. Sie hatte mich durchaus wachend erwarten wollen. Sie sagte, es habe jemand nach mir gefragt, sich zu ihr gesetzt und einen Zettel für mich auf dem Tisch hinterlassen. Der Zettel war von Masslobojew. Er ersuchte mich darin, morgen mittag zwischen zwölf und eins zu ihm zu kommen. Ich hätte Nelly gern weiter ausgefragt, verschob es aber auf den nächsten Tag und bestand darauf, sie solle sich unverzüglich schlafen legen; das arme Kind war ohnehin schon müde, da sie auf mich gewartet hatte und erst eine halbe Stunde vor meiner Ankunft eingeschlafen war.
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