Читать книгу: «An den Regen»

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Inhaltsverzeichnis

An den Regen

Betonsilos

Einen Fingerhut voll oder ganz doll?

Ohne Wind, ohne Ruder

Unterwegs zur Villa

Aufstieg

Tausende Bräute

Wandervogelfrei

Wölfe

Der weite Horizont

Hütte mit Meerblick


Fariba Vafi


An den Regen

Kurzgeschichten

Aus dem Persischen von

Jutta Himmelreich

Originalausgaben entnommen:

Bi bad, bi paru, Hameh-ye ofogh,

Dar rah-e villa

Sorousch Publications, Teheran

Diese Übersetzung aus dem Persischen wurde gefördert

durch Litprom e.V.


CIP - Titelaufnahme in die Deutsche Nationalbibliothek

© 2021 by Sujet Verlag

An den Regen

FaribaVafi

Aus dem Persischen von Jutta Himmelreich

ISBN: 978-3-96202-620-2

Umschlaggestaltung: Ina Dautier

Layout: Michelle Ster

Druckvorstufe: Sujet Verlag, Bremen

Printed in Europe

1. Auflage 2021

www.sujet-verlag.de

An den Regen

Sie hatte sie in einem Hotel in Ankara gesehen. Rauchend hatte sie auf der Hotelterrasse gesessen. Ihr ungefärbtes Haar, ihre Art zu sitzen, mit übereinandergeschlagenen Beinen, und ihre große Einsamkeit waren ihr aufgefallen. Sie trug immer dieselbe kurzärmelige Bluse, dieselbe Jeans, und der lange Trageriemen ihrer kleinen schwarzen Handtasche schlängelte sich über den Glastisch, an dem sie saß. Sie ging jedes Mal an ihr Handy, wenn es klingelte. Hinter den Rauchschwaden ihrer Zigarette schien sie die Straße im Blick zu behalten und auf ein Zeichen zum Aufbruch zu warten.

„Ich bin Parinusch“, hatte sie gesagt und dabei gelacht. Die leichten Muskelbewegungen um ihren Mund hatten sie jung gemacht und vertraut. Negar hatte sich unaufgefordert zu ihr an den Tisch gesetzt und ihn damit für die nächsten Tage zum Stammtisch für sie beide gemacht. Bei frühlingshaftem Wetter hatten sie Tee bestellt und waren miteinander ins Gespräch gekommen. Parinusch hatte gelacht.

„Ein schwedisches Sprichwort sagt, man muss einen kleinen Mund haben und große Ohren.“ Das war ihr eingefallen, weil sie, wie sie selbst fand, zu viel geredet hatte und über sich lachen musste. Negar war gleich aufgefallen, dass Parinusch so sprach, als würde sie kurze Geschichten erzählen. ,Ein ganzer Geschichtenvorrat für Hamid!’, hatte Negar gedacht. Hamid hatte sich zwar an ihre Geschichten gewöhnt, war aber kein guter Zuhörer. Was sie ihm erzählte, hörte er mit halbem Ohr, fast so wie die englischen Kurzgeschichten auf seinem Handy. Manchmal nahm er Negars Stimme gar nicht wahr. Seiner Ansicht nach unterschieden Parinuschs Geschichten sich kaum von denen, die Negar über Dutzende andere ihm mehr oder minder bekannte Frauen auf Lager hatte. Negar störte sich nicht mehr daran, dass Hamid die Neugier auf die Welt der Frauen abhanden gekommen war und dass er, nach Jahren, zu nichts, was sie betraf, mehr eine ernsthafte Meinung hatte. Hamids Desinteresse an Frauenfragen hatte Negar gegen alle Partnerschaften sonst noch befallende Plagen immun gemacht. Genau genommen blieben ihr die Probleme, mit denen viele andere Frauen sich herumschlagen mussten, erspart.

Parinusch zum Beispiel: Um eine Telefonnummer, einen Fetzen Papier, irgendwas aufzustöbern, langte ihr Mann bis zum Ellenbogen tief in den Sack Reis. „Wie einer von der Rauschgiftfahndung. Er wollte mich kontrollieren, hat sich aber denkbar ungeschickt angestellt. Er wusste nie, was ich vorhabe oder was ich denke. Er hätte mich fragen können, ich hätte es ihm gesagt, ganz einfach. Aber er hatte nur meine Hände und meine Füße im Blick, wollte sehen, wohin ich gehe, was ich mache.“

Wieder in Iran, erzählte Negar Hamid, was Parinusch ihr erzählt hatte, nicht in einem Stück, zwischen zwei Sätzen bisweilen, in einer Diskussion, beim Kochen oder bei einem gemeinsamen Spaziergang. Manchmal ging ihr eine Geschichte beim Erzählen kaputt. Dann zerfiel sie in zusammenhanglose Wörter, bei denen Negar sich fragte, wie Parinusch sie überhaupt zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt hatte. Andere Geschichten ließen sich eins zu eins wiedergeben, direkt so, wie Negar sie gehört hatte. Wieder andere wandelte sie ab, zensierte sie. So wie die vielen Liebesgeschichten ihrer anderen Freundinnen, die vielen persönlichen Erlebnisse, die sie Hamid vorenthielt.

Parinusch hatte ihr vertraut.

„Dein Herz ist groß wie ein Giraffenherz, ich kenn dich noch gar nicht, aber du hast Elefantenohren.“

Negar hatte gelacht und sich so in Position gesetzt, dass sie Parinusch gut hören und zugleich die Straße beobachten konnte. Über den Grünstreifen hinweg, der die Hotelterrasse von der Straße trennte. Es war angenehm warm. Am frühen Abend fiel der eine oder andere Schauer. Später zwinkerten die Blinklichter der Disko auf der anderen Straßenseite Negar und Parinusch zu, und der schöne Damensalon gegenüber, durch dessen Fenster man tagsüber blonde Frauen hatte sehen können, schloss seine Pforten. Parinuschs Schwester würde später in die Türkei kommen als geplant.

„Magst du ein Stück spazierengehen?“

Negar mochte, wollte aber auch möglichst bald wieder im Hotel sein, um die Sache mit ihrer Tochter zu regeln.

Statt nach Negars Tochter zu fragen, erzählte Parinusch von ihrer eigenen, vierundzwanzig Jahre jung, mit vierundzwanzig Fragen. Ihre erste hatte sie mit vierzehn gestellt. In der Küche, im Nachthemd, in dem sie schmaler gewirkt hatte als sonst. Sie hatte den Kühlschrank aufgemacht, noch nichts herausgenommen. „Ein Kind als Flüchtling hierherzubringen ist so, als würde man’s nackt in den Schnee setzen“, hatte sie gesagt. „Man muss es schön warmhalten können.“

Sprachlos hatte Parinusch in der Küche gestanden, hatte Zeit gebraucht, die Kälte von Schnee, Kühlschrank und Leben voneinander zu trennen und dann zueinander in Beziehung zu setzen.

„Warum hast du mich hierher gebracht?“

Diese Unverblümtheit hatte Parinusch an ihre eigene Jugend erinnert. Als sie selbst so alt war wie ihre Tochter, oder kaum älter, war auch sie unverhofft mitten in einem Raum aufgetaucht und hatte hinausposaunt, was sie zu tun gedachte. Einmal hatte sie beteuert, sie hasse das Leben zu Hause, werde alles hinter sich lassen und nach Teheran ziehen, zu ihrem großen Bruder. Zu dem Bruder, der sie dazu bewog, Romain RollandsVerzauberte Seele zu lesen. Was sie dann nicht nur einmal, sondern gleich dreimal getan hatte.

Ihre Tochter war damals wieder in ihr Zimmer gegangen. Was Parinusch ihr geantwortet hatte, wusste sie nicht mehr, aber Monate später hatte die Tochter ihre nächste Frage gestellt. Diesmal ohne ihren leblosen Blick und nicht so blass wie Monate zuvor. Angeschrien hatte sie Parinusch, die pickligen Wangen rot vor Wut.

„Warum warst du so blöd, einen Mann, den du nicht geliebt hast, erst zu heiraten und dich dann von ihm zu trennen?!“

Wenige Jahre später war die Tochter eigene Wege gegangen, hatte ihre Fragen aber nicht mitgenommen.

Parinusch hatte sich an einen Psychologen gewandt. Seit ihre Tochter aus dem Haus war, fühlte sie sich wie zum zweiten Mal ins Exil verbannt. So fremd, dass ihr sogar entfallen war, woher es sie in diese kalte Stadt und in eine Wohnung verschlagen hatte, in der ihre Tochter sie am Ende hasste. Parinusch hatte Urlaub genommen, war tagelang nicht aus dem Haus gegangen und bald so schlapp und antriebslos geworden, dass sie keinen Fuß mehr vor die Tür hatte setzen wollen. Sie, die einst Jahre ihres Lebens dafür gegeben hätte, wenigstens kurz auf die Straße zu dürfen, raus ins Freie, frische Luft schnappen, fand diesen Gedanken jetzt unerträglich. Sie saß meist in ihrer düsteren Küche, schaute durchs Fenster, auf die rasch dahinziehenden Wolken.

Eines Abends bekam sie Angst vor ihrer Einsamkeit. Die sich durch nichts vertreiben ließ. Also hatte sie Schal und Mütze angezogen, war in die Metro gestiegen und in den berühmten Stadtpark gefahren.

„Ich hab mir den ältesten Baum gesucht, mit vielen Ästen. Zwischen denen hab ich meine Schachtel Zigaretten versteckt und bin schnell zurück nach Hause. Am nächsten Tag, vor lauter Lust auf die paar Kippen, bin ich wieder in den Park. Und weil ich zu Hause nichts zu essen hatte, hab ich unterwegs Brot und Joghurt gekauft. Für jede gerauchte Zigarette hab ich eine neue im Baum versteckt. So oft, bis ich wusste, ich will weiterleben.“

Ihr Schwedisch war inzwischen so gut, dass sie dem Psychologen Einzelheiten aus ihrem Leben schildern konnte. Im Wartezimmer hatte sie ein paar Zeitschriften durchgeblättert. „Mir war einfach langweilig. Ich bin aufgestanden, zu der Topfpflanze hin, die im Wartezimmer stand, hab vorsichtig die vertrockneten Blätter abgezupft und sie weggeworfen. Dann hab ich mich wieder hingesetzt und mich in die Zeitschriften vertieft.“

Der Arzt hatte ihr sehr aufmerksam zugehört und ihr dann erklärt, sie würde mehrere Sitzungen bei ihm absolvieren müssen, weil die Flucht nicht die einzige Ursache ihrer Probleme sei. Man müsse etwas weiter zurückgehen und auch ihr Leben in Iran mit einbeziehen. Dann hatte er freundlich gelächelt.

„Parinusch, die Topfpflanze im Wartezimmer gehört uns. Niemand erwartet von dir, dass du die trockenen Blätter abzupfst.“

Parinusch hatte zwar wortlos genickt, den Arzt aber wohl nicht genau verstanden, denn ein paar Monate später war sie beim Spazierengehen einem Mann begegnet.

„Er kam mir entgegen, bergab. Er war ungefähr sechzig, trug in jeder Hand eine Einkaufstüte. Ich musste lachen. Er sah lustig aus, eine Tüte links, eine rechts, und sein Mantel war falsch geknöpft. Er hat mich angelächelt. Ich hab das so ausgelegt: ,Bitte knöpfen Sie mir den Mantel richtig zu. Sehen Sie nicht, dass ich beide Hände voll habe?’ Ich bin ihm entgegengegangen, bin vor ihm stehengeblieben und hab den Mantel aufgeknöpft, von oben bis unten. Sechs oder sieben Knöpfe, genau weiß ich’s nicht mehr. Als ich sie richtig knöpfen wollte, hat der Mann plötzlich losgebrüllt. Ich bin erschrocken, kann ich dir sagen, aber ich hab ihm den Mantel trotzdem schnell korrekt geknöpft, hab die Schulterstücke zurechtgezogen und mich entschuldigt. Leider zu spät, es standen schon ein paar Leute um uns rum. Denen musste ich erklären, was passiert war. Der Schwede hat sich zum Glück beruhigt und hat ,Tut mir leid.’ gesagt.“

Hamid hatte den Kopf geschüttelt.

„Wie kann jemandem, der schon seit Jahren dort lebt, solch ein Fehler unterlaufen?“

Alle anderen Abenteuer von Parinusch behielt Negar für sich. Sie ließ Hamid weiter über das Gespür für kulturelle Befindlichkeiten dozieren und spielte die Fortsetzung der Geschichte im Stillen ohne ihn durch.

„Irgendwann war ich bei Leuten eingeladen, und plötzlich fiel mir mein Therapeut ein, der mir ja in jeder Sitzung rät, nicht allein zu bleiben, mir einen Freund zu suchen. Also hab ich mich neben einen Schweden gesetzt und hab ihn angesprochen. Aber als unser Gespräch in Gang kam, hat’s mich auf einmal gejuckt, im Nacken, an den Händen, an Armen und Beinen, überall dieser Juckreiz, am ganzen Körper. Erst hab ich mir nichts anmerken lassen. Der Schwede hatte sich warm geredet, mochte gar nicht mehr aufhören. Irgendwann hab ich’s nicht mehr ausgehalten und hab mir fest an die Kehle gefasst. Sein Gesicht hättest du sehen sollen.“

Wie sollte sie Hamid beschreiben, was für ein Mensch Parinusch war? Ganz anders als alle anderen Frauen aus Negars Bekanntenkreis. Schon als sie sie zum ersten Mal gesehen hatte, war Parinusch ihr wie ein Vogel vorgekommen. Sie flatterte auf einen Ast, zwitscherte ein paar Takte, hüpfte dann auf den nächsten Ast und visierte den übernächsten schon an. Mit ihren fünfzig Jahren war sie rastlos, ständig aktiv. Während der zwei, drei Tage im Hotel hatte sie sich mehrfach an den Geschäftsführer gewandt. Einmal war sie in der Metro mit einem Schnauzbartträger aneinandergeraten. Die enge Beziehung einer Ehe hatte ihr keine Ruhe verschafft. Sie war zu einer gefährlichen Verabredung gegangen. Anstelle einer Freundin, die an dem Tag verhindert war. Nie hätte sie gedacht, dass diese Verabredung auffliegen und man sie für Jahre in noch engere vier Wände pferchen würde, deren Tür sich nicht öffnen oder schließen ließ, wie es ihr gefiel.

Hamid horchte auf. Er saß am Steuer, Negar erzählte von Parinuschs Disput mit einem türkischen Taxifahrer. Sie hatten einander angeschrien, der Fahrer hatte schließlich eingelenkt.

„Und immer ging’s um Nebensächliches.“

„Das sind keine Nebensächlichkeiten“, fand Hamid.

Negar lachte: „Das hat Parinusch auch gesagt.“

„Ich versteh gar nicht, wie du solche Sachen unwichtig finden kannst. Ich lass mich auch nicht gern für dumm verkaufen.“

Dann fragte er: „Hast du rausgefunden, warum sie sie von den anderen getrennt haben?“

Negar wusste es nicht. Zu gefesselt von Parinuschs Geschichten, hatte sie nicht danach gefragt. Parinusch erzählte so, als seien ihr Dinge erst gestern passiert, nicht schon vor vierundzwanzig Jahren.

„Die Einzelzelle war furchtbar eng und dunkel. Ich hab mich so allein gefühlt, dass ich fast wahnsinnig geworden bin. Irgendwann hab ich angefangen zu lesen. Die verzauberte Seele. Auswendig. An viele Textstellen konnte ich mich noch erinnern. Danach hab ich mich auf andere Bücher konzentriert, Bücher, die mein Mann zu Hause hatte, und die ich gelesen habe, ohne dass es ihm auffiel. Damals war ich sechsundzwanzig, ganz klar im Kopf, und ich konnte mir Sachen gut merken. Ich dachte, wenn ich Revue passieren lasse, was ich erlebt habe, und mir jedes gelesene Buch in Erinnerung rufe, eins nach dem andern, dann ertrag ich die Einzelhaft.“

Hamid seufzte: „Klug gedacht.“

Und weil die Einsamkeit so lange anhielt, merkte sie eines Tages: Sie kann nicht mehr lesen. Weder Die verzauberte Seele noch andere Bücher. Und sie hatte auch andere Sachen vergessen. Das Gesicht ihrer Mutter, das ihres Vaters, und wie ihre Brüder aussahen, wusste sie auch nicht mehr.

„In meinem Kopf war ein weißes Blatt, nein, sogar noch weniger, er war leer, leergefegt. Kein Gedanke mehr drin. Alles war weg. Ich war so gut wie tot und sollte das auf diese Weise feststellen. In dieser stockfinsteren Stille hatte ich plötzlich das Gefühl, ein Wurm frisst sich durch mein Hirn, ganz langsam, Schicht für Schicht, wie durch einen Apfel. Ich konnte ihn sogar kauen hören. Ich wollte schreien, um ihn zu übertönen. Und dann dachte ich, ich sei taub geworden. Ich hab mit der Faust gegen die Wand geschlagen, hab das leise Geräusch gedämpft gehört, wie in einem Vakuum. Ich hab meinen Kopf in beide Hände genommen, hab mich in mich verkrochen und mich am Boden gekrümmt. Jetzt war ich ganz sicher: Ich hatte durchgedreht. Ich würde nie wieder normal werden. Noch nie in meinem Leben hatte ich so riesige Angst. Und plötzlich sind meine Ohren aufgegangen. Ich hab einen Lautsprecher gehört. Jemand hat von Hasrat Zeynab erzählt, davon, wie heldenhaft Imam Hosseins Schwester seinen Sohn aus der Schlacht bei Kerbala rettet, in der er selbst fällt. So traurig, dass es mir das Herz zerrissen hat. Ich hab Tränen vergossen, für sie und für mich.“

Negar ließ Hamid auch wissen, dass Parinuschs Tochter nach fünf Jahren plötzlich wieder vor der Tür stand.

„Nach all den Jahren wusste ich nicht mal mehr, ob ich mich freue, sie wiederzusehen.“

Die Tochter hatte gesagt, ihr Freund wartet unten und sie muss gleich wieder gehen. Aber vorher wollte sie ihre Mutter noch was fragen.

Parinusch hatte gelacht.

„Nichts hat mir mehr Angst gemacht als die Fragen meiner Tochter. Das Herz ist mir fast aus der Brust gesprungen. Ich bekam schweißnasse Hände. Meine Tochter hat sich ein Blatt Salat aus der Schüssel gezupft und mich dabei ganz gelassen gefragt: „Warum hast du mich im Gefängnis zur Welt gebracht, Mama?“

Hamid nickte, grüblerisch.

„Ist doch normal, dass ein Kind sowas wissen will.“

Parinusch hat ihre Tochter gebeten, noch zu bleiben, weil sie ihr erklären wollte, warum. Und hat ihr zum ersten Mal alles erzählt. Als sie festgenommen wurde, hatte sie noch gedacht: ,Vielleicht gar nicht so schlecht, dann bin ich meine Sorgen und Probleme für eine Weile los.’

„Ich war kaum in der Zelle, da kam’s mir hoch. Ich dachte, es liegt vielleicht am Knastgeruch. Der war mir sofort in die Nase gestiegen und hat mir auch schlaflose Nächte beschert. Irgendwann hab ich jemanden sagen hören: ,Du bist schwanger.’ Ich bin auf der Stelle umgekippt, wollte das anfangs nicht wahrhaben. Aber dann bin ich dank dir am Leben geblieben.“

Ihre Tochter hatte noch mehr hören wollen. Parinusch hatte ihr von allen Menschen erzählt, denen sie begegnet war, vor allem von Rasieh, einem jungen Mädchen, klein, burschikos, ernst. Rasieh konnte aus Brotteig leckere Sachen backen. Sie kannte erstaunlich viele Gedichte auswendig und dichtete selbst. Und sie hatte eine schlechte Angewohnheit. Sie ließ ihre Fingergelenke knacksen.

Hamid bat Negar, ihm die Fotos ihrer Türkeireise zu zeigen. Den Wunsch erfüllte sie ihm gern. Für ihren Privatkram interessierte er sich sonst nie. Unter den vielen Bildern in ihrer Kamera suchten sie nach Fotos von Parinusch und schauten sich vor allem Portraits von ihr an. Auf den meisten Bildern lächelte sie, aber ihr Blick verriet ihre Angst. Fotos von Negar hatte Hamid nie so eindringlich betrachtet, wie er Parinusch studierte. Grund zu Eifersucht gab ihr das nicht, es regte ihre Fantasie an. Sie malte sich aus, wie sie Parinusch zu sich nach Hause einladen und mit Hamid bekanntmachen würde und dachte: ,Ihre Geschichten bringt sie sicher auch mit. Die begleiteten sie ja auf Schritt und Tritt.’ Negars einzige Sorge war, dass sie in Vergessenheit geraten würden, wenn Parinusch eines Tages starb.

„Es wäre schön, wenn ich sie aufschreiben könnte.“

„Viele sind gegangen und haben ihre Geschichten mitgenommen“, hatte Parinusch gesagt. „Die geblieben sind, haben sich verändert. Die Welt hat sich verändert.“ Und dass sie nicht mehr davon träumte, sie zu ändern. Hamid hatte laut gelacht.

„Woran hast du das denn erkannt?“

Negar sagte, in der Hotellobby hatte Parinusch die Arme gereckt, gegähnt und festgestellt:

„Gut, dass die Welt nicht auf uns gehört hat, sonst hätten wir sie kaputt gemacht. Noch kaputter, als sie eh schon ist.“

Wochen später waren Parinusch und die Erinnerung an sie verblasst. Trotzdem fielen Negar bisweilen Dinge ein, die Hamid über Parinusch noch nicht wusste. Es hatte sich keine Gelegenheit ergeben, sie ihm zu erzählen. Parinuschs Schwester hatte ihre Ankunft für den späten Abend angekündigt. Auch Negar musste ja zurück ins Hotel. Sie waren durch Ankara spaziert. In den letzten Minuten ihrer kurzen Freundschaft.

Es hatte aufgehört zu regnen. Der Boden war nass. Die Sonne schien von allen Seiten, bunt ringsum. Aus Cafés war Musik zu hören. Negar fühlte sich wohl. Erst jetzt erkannte sie, in welch schwerer Atmosphäre sie in letzter Zeit geatmet hatte. In einem von Buchsbäumen gesäumten Restaurant mit zitronengelben Tischdecken machten sie Station. Frauen und Männer, die sich hier trafen, fielen einander um die Hälse. Negar und Parinusch lächelten über solch ausgelassene Freude. Parinusch erzählte, am Tag ihrer Haftentlassung war ihr Bruder gekommen, sie abzuholen und war erschrocken als er sie sah. Er hatte die Stirn gerunzelt.

„Ich hab gelacht und gefragt: ,Hab ich mich wirklich so sehr verändert?’“

Ihr Bruder hatte sie in den Arm genommen, hatte sie aufs Haar geküsst und gesagt, sie müsse sich jetzt um nichts mehr Gedanken machen. „Du hast alles richtig gemacht.“ Sie hatte sich geschämt vor ihrem Bruder.

„Schade, dass mein älterer Bruder damals schon tot war und mich nicht abholen konnte. Ich wünschte, er hätte mich in den Arm genommen und hätte, die Stirn in Falten, ,Lass gut sein!’ gesagt. ,Hör auf zu grübeln. Du hast alles richtig gemacht.’“

Negar wäre lieber wieder ins Hotel gegangen, hätte sich gern dort auf die Terrasse gesetzt. Parinusch hatte Gefallen an dem Restaurant gefunden.

„Ist doch schön hier, lass uns noch bleiben. Schau, wie gut gelaunt die Leute sind!“

Ein junger Mann hatte gesungen und sich auf der Gitarre begleitet. Den Kellner, der gefragt hatte, ob sie noch etwas wünschten, hatte Parinusch mit einem üppigen Trinkgeld bedacht, hatte sich dann geräuschvoll in eine Papierserviette geschnäuzt und gelächelt. ,Sie sollte viel öfter lächeln’, war Negar durch den Kopf gegangen. Wenn sie lächelte, sah man ihr keine einzige Sorge mehr an. Das hatte sie Parinusch gesagt. Und die wusste das, weil es auch ihren Mithäftlingen aufgefallen war. „Ich hatte mich so an sie gewöhnt. Als ich entlassen wurde, haben sie mich zum Abschied alle umarmt, der Reihe nach. Und sie haben mir ein Andenken geschenkt.“ Sie hatte ein Armband aus ihrer Handtasche hervorgekramt, handgemacht, aus Dattelkernen.

„Es ist mir zu eng geworden. Deshalb trag ich’s in der Handtasche bei mir.“

An dieses Andenken hatte Negar sich erinnert, als sie Datteln aß. Hamid war aufgestanden und hatte eine Gebetskette aus seiner Kommode geholt. Auch er habe ein Andenken, hatte er gesagt. Selbst gemacht. ,Warum zeigst du mir das erst jetzt?’, hatte Negar ihn gefragt. Er hatte geantwortet, dass er’s ihr sehr wohl gezeigt, sie sich aber nie wirklich dafür interessiert hatte.

Negar berichtete weiter, der Gitarrist habe ein trauriges Lied gespielt, und sie hätte sich am liebsten ein anderes Stück gewünscht. Parinusch habe Kette geraucht. Rasieh, die jüngste und schweigsamste von allen, hatte sich nicht eingereiht, war nicht mit den anderen angetreten, um Parinusch zu verabschieden. „Sie war knapp siebzehn. Ihr ernstes Gesicht machte sie nicht älter. Immer stand sie dicht an irgendeiner Wand und brachte mit einer Hand die Fingergelenke der anderen, knack-knack, zum Knacksen.“ Parinusch hatte sich die nächste Zigarette angezündet und ihre Tränen geschluckt.

„In letzter Sekunde, als ich schon fast zur Tür raus war, kam sie gerannt, hat mich umarmt und mir was ins Ohr geflüstert. Erst hab ich gar nicht richtig verstanden, was.“

Hamid aß nicht weiter. Er hörte Negar zu. Wollte genau wissen, wie die Geschichte weiterging und sah plötzlich verblüffend blass aus. Als sehr ernster Mensch ließ er sich nur selten anmerken, wie ihm zumute war. Jetzt lauschte er sogar gespannt. Und weil er so aufmerksam war, gab Negar sich beim Erzählen mehr Mühe. Parinusch hatte sich die nächste Zigarette angezündet.

„In dem Moment wusste ich, ich werde sie nie wiedersehen.“

Auch Negar wollte wissen, was Rasieh Parinusch zugeflüstert hatte. Parinusch hatte das Gedicht nicht ganz wiedergeben können. Ihr waren die Tränen gekommen.

Jetzt wollte Negar es aufsagen. Aber es war weg. Sie wusste nur noch, dass die Verwüstungen der Angst darin vorkamen. Und Blumen und Regen. Indes schien Hamid unter Schock zu stehen. Leichenblass starrte er Negar an, sekundenlang. Plötzlich fiel es ihr wieder ein. Hamid hatte dieses Gedicht oft rezitiert, und er könnte es auch jetzt aufsagen, Wort für Wort, wenn er wollte. Aber Hamid sagte nichts. Er weinte. Tränen fielen aus seinen Wimpern, Tropfen für Tropfen.

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1) A.d.Ü.: Das Gedicht Wohin so eilig? stammt aus der Feder des iranischen Lyrikers Schafi’eh Kadkani. Hier die Zeilen, um die es geht:

Gute Reise dir, doch um der Freundschaft willen, bitte,

Weil du der Angst Verwüstungen heil überstanden hast,

Bestell den Blüten, dem Regen

Unsere Grüße.

Betonsilos

Mein Vater streckt eine Hand nach mir aus. Er ist fassungslos. Kann nicht glauben, dass ich gehe und ihn alleinlasse. Er denkt, was auch kommen mag, ich bin Marhamats Tochter, und vergisst dabei völlig, dass ich nicht nur ihre, sondern vor allem seine Tochter bin. Marhamat hat immer gesagt: „Ihr zwei seid einer wie der andere, aus demselben Holz geschnitzt. Ihr steht einander in nichts nach.“

Ich war mittlerweile ein einziges Nervenbündel. Seit Monaten im Clinch mit mir selbst. Ich schlug mich, weinte, vergoss bittere Tränen, vergebens. Die Schleusentore mochten noch so weit offenstehen, ihre Fluten lösten weder den hartnäckigen Kloß in meinem Hals, noch spülten sie meine Wut auf mich selbst weg. Ich ging zum Arzt. Schilderte, wie maßlos zornig ich war, wie frustriert und manchmal so außer mir, dass ich mich sogar übergab. Der Arzt maß meinen Blutdruck und meinen Puls.

„Auf wen bist du denn so wütend?“

„Weiß nicht. Auf meine Mutter, meinen Vater.“

Er sah mich eindringlich an.

„Und auf dich?“

Ich brach in Tränen aus.

„Geh schwimmen. Geh raus in die Natur, pflanz Blumen. Hör Musik.“

Jeden dieser Ratschläge hab ich befolgt. Gebracht hat’s mir nichts. Das verschriebene Beruhigungsmittel hab ich nicht genommen. Traurig dachte ich an Marhamat, während ich meinen Vater tagtäglich zur Arbeit brachte und wieder abholte. Es wollte mir einfach nicht in den Kopf, wie sie das alles ertragen hatte, stoisch, klaglos. Wie hatte sie ihre Schmerzen und das Elend ringsum ausblenden können, scheinbar völlig mühelos? Vielleicht hat sie sich auch nie den Kopf darüber zerbrochen. Hat die in rostigen Blechkanistern gedeihenden Oleanderbäume der Nachbarn und von Unkraut und Gestrüpp überwucherte gelbe Blüten gedankenleer wahrgenommen, aber nicht gesehen? Marhamat wurde nie böse. Sie ärgerte sich weder darüber, wie mein Vater mit ihr umging noch über das Verhalten anderer Menschen. Und selbst wenn sie wütend war, wurde sie nie aufbrausend oder ausfallend. Wenn einer von uns jammerte, weil ihm ein Bein wehtat, machte sie „Psst-psst! Nicht laut sagen. Sonst hört dein Bein das und tut dir noch mehr weh.“

Sie wurde zusehends kränklicher, ging täglich gebeugter. Anfangs humpelte sie nur leicht. Ich wollte sie ein paarmal zum Arzt fahren. Nicht nur ich, alle wollten ihr etwas Gutes tun. Sie war von früh bis spät auf den Beinen, rackerte sich ab und ging jedem zur Hand. Zeit, ihre widerspenstigen Locken zu kämmen oder ihre Kleider zu wechseln, nahm sie sich nicht. In den Sachen, in denen sie morgens aufstand, ging sie abends zu Bett. Auf den Spiegel im Haus war sie schlecht zu sprechen. Mein Vater witzelte: „Lasst sie in Frieden. Es sind doch nicht alle Frauen gleich. Die einen schminken sich gern, andere hinken. Die einen lachen gern, andere weinen lieber.“

Marhamat verfluchte meinen Vater, so leise, dass nur sie es hören konnte. Sie brüllte nie. Sie rieb sich ihr Knie.

„Es tut weh. Aber es hilft ja nichts. Also ertrag ich den Schmerz.“

Mich machte das wahnsinnig.

„Mama Dschun. Du musst die Schmerzen nicht aushalten. Geh zum Arzt.“

„Ärzte können einem auch nicht helfen. Die bescheren einem nur zusätzliche Zipperlein.“

„Wenn du so denkst, dann hör auf zu jammern. Sei einfach still.“

Woraufhin sie umso heftiger klagte.

„Es tut wirklich weh, Allmächtiger!“

Wo sie ging und stand, redete sie über ihre porösen Knochen.

„Angeblich hilft Straußenöl dagegen. Wo krieg ich das her?“

Als ich ihr sagte, dass ich welches aufgetrieben hatte, runzelte sie die Stirn.

„Sahra Khanum hat doch gesagt, sie kauft welches. Du hättest nicht noch zusätzlich Geld ausgeben müssen.“

Auch der Spiegel, den ich ihr gekauft hatte, war ihr kein Grund zur Freude. Der einzige, den wir im Haus hatten, war in tausend Scherben zersprungen, als mein Vater ihn hingedonnert hatte. Damals ging alles zu Bruch, was er in die Finger bekam. Marhamat vergaß meist, Sachen aus dem Weg zu räumen. Ich zog sie auf:

„Jetzt, wo er alles zerschmissen hat, fällt dir ein, die vier Plastikteile, die uns geblieben sind, vor ihm in Sicherheit zu bringen?“

Ihr Kinn zog sich zusammen wie eine Katzenpfote, aber sie sagte kein Wort. Sie sprach weder mit mir noch mit meinem Vater. Manchmal hörte ich sie in der Küche mit meiner kleinen Schwester reden. Sobald die beiden mich sahen, endete ihr Gespräch. Ich goss mir Tee ein.

„Na, was ist? Hat’s euch die Sprache verschlagen?“

Vom Wohnzimmer aus brüllte mein Vater:

„Marhamat, Tee!“

Sie sprang sofort auf. Wie ich das hasste!

„Sag ihm, er soll sich seinen Tee gefälligst selbst holen. Er sieht zwar nichts, aber gehen kann er. Und Hände hat er auch.“

Seine raue Stimme kam aus dem Wohnzimmer:

„Was geht dich das an, du gewissenloses Ding?“

Ich gehe ein paar Schritte, drehe mich um und schaue ihn an. Am Morgenhimmel hängen Wolken in düsteren Fetzen. Die Betonblocks der Siedlung haben wir hinter uns gelassen. Seit Monaten werden die verfallenen alten Wohnsilos saniert. Bis unser Block an die Reihe kommt, wird es noch ewig dauern. Im staubigen Gelände vor uns liegen Eisenträger und Baumaterial verstreut. Noch zweihundert Meter bis zur Haltestelle. Etwas abseits kurbelt ein Mann das Rollgitter seines Ladengeschäfts hoch. Man hört Krähen krächzen. Zu sehen sind sie nicht. Mein Vater bleibt stehen und lauscht. Weit und breit ist niemand in Sicht. Er hofft, dass ich zurückkomme und ihn an der Hand nehme. Marhamat würde die paar Schritte auf ihn zugehen. Sie wäre gar nicht erst vorausgegangen. Selbst wenn sie Schläge bekommt, rührt sie sich nicht vom Fleck. Einmal hat mein Vater sie so hart auf den Kopf geschlagen, dass es gekracht hat. Sie hat sich ins Haar gefasst, hat über die getroffene Stelle gewischt und ist langsam aufgestanden, ohne mich anzusehen. Ich dachte damals: ,So wie die Dinge inzwischen liegen, springt sie jetzt aus dem Fenster.’ Stattdessen ist sie in die Küche gehumpelt, hat sich die frisch gekauften Küchenkräuter vorgenommen und sie geputzt als sei nichts gewesen. Wenige Stunden später war die Suppe fertig.

Marhamats Hauptsorge galt den Mägen ihrer Mitmenschen. Ob die Leute auch andere Probleme hatten, kümmerte sie nicht. Dafür zu sorgen, dass niemand hungers starb, war ihr Lebenszweck. Wenn einer von uns Fieber hatte, sagte sie: „Das Kind braucht was in den Magen.“ Auch wenn wir andere Krankheiten hatten, sah sie im Essensmangel die Ursache. Als mein Bruder schlechtere Schulnoten bekam, kochte sie Suppe. „Dem Kind fehlt doch die Kraft zum Lernen.“

Sie interessierte sich nur fürs Kochen. Wie sie den Tisch deckte und wieder abräumte, musste man gesehen haben. Sie zog die Prozedur dermaßen in die Länge, dass es uns allen auf die Nerven ging. Dabei war sie selbst eine schlechte Esserin. Sie wog ganze neunundvierzig Kilo und war in letzter Zeit so stark abgemagert, dass ihr Kopf viel zu groß wirkte für ihren Körper. Sie machte mich wahnsinnig. Weil sie sich wie ein großer Automat bewegte. Weil sie so wenig Wert auf sich selbst legte. Weil sie sklavisch unterwürfig war. Ich schrie ihr ins Gesicht:

„Was bist du nur für ein Mensch?!“

Sie schwieg mich an.

Sie bückte sich in ihrer weiten Baumwolltunika und las die Brotkrümel auf, die meinem Vater zu Boden gefallen waren. Er hatte meist Freunde und Freizeit im Kopf. Mein Bruder schwänzte ständig die Schule. Meine Schwester hatte sich verliebt. Niemand rief die Familie zur Ordnung. Jeder machte einfach, was er wollte. Ich war mein Leben leid, war die Siedlung leid, die baufälligen Wohnblocks mit ihren schäbigen Hauseingängen und Treppenhäusern. Auch die erst kürzlich in die Stadt gezogenen Landeier von Nachbarn war ich leid. Ich investierte mein gesamtes Gehalt in Kleidung. Ich achtete auf mein Äußeres. Gab gern vor, einen erfolgreichen Geschäftsmann zum Vater und eine pensionierte Lehrerin zur Mutter zu haben. Und dass wir in einem bestimmten Viertel in der Oberstadt wohnten. Ich würde mir beizeiten einen reichen Mann angeln. Unglück, Komplikationen aller Art waren mir verhasst. Ich nutzte jede Gelegenheit, von Zuhause wegzukommen. Fuhr zu meiner Tante nach Isfahan.

Eines Tages rief meine Schwester an.

„Komm schnell heim!“

Am frühen Abend war ich dort.

Zog an der Haustür hastig meine Schuhe aus und ging geradewegs zu meinem Vater ins Zimmer. Die Vorhänge waren zugezogen. Der Raum war finsterer als jede Dunkelkammer. Mein Vater lag im Bett, die weit aufgerissenen Augen gen Zimmerdecke gerichtet, die Pupillen starr, wie vor Schreck. Seine Haare klebten ihm nass und pomadig am Kopf. Im ersten Moment dachte ich: ‚Dieser massige Körper liegt so saft- und kraftlos hingestreckt wie von einem Lkw überrollt.‘ Ringsum im Raum saßen Verwandte, Freunde, Bekannte. Meine Schwester weinte still vor sich hin. Marhamat, eine Hand auf der Brust, ihr krauses Haar wie immer ungekämmt, stand dabei und trat bei jedem Aufschrei meines Vaters zu ihm ans Bett.

Ich setzte mich zu ihm, schob das mit Medikamenten überladene Tablett beiseite. Es stank so stark nach Schweiß und Medizin im Zimmer, dass ich mich fast übergab. Mein Vater hatte trockene Lippen. Marhamat beugte sich zu mir.

„Er hat seit zwei Tagen nichts gegessen. Er brüllt nur rum und schlägt sich.“

Ich wollte seine Hand nehmen. Er wies mich zurück.

„Siehst du, wie viel Pech ich habe?“, stieß er hervor. Noch nie hatte ich ihn so hilflos gesehen. Ich beugte mich über ihn:

„Du hast Glück, dass du noch lebst, Agha.“

Sechs seiner Freunde waren schon gestorben. Ich stand auf, zog die Vorhänge zurück. Es wurde hell im Raum. Mein Vater verzog das Gesicht. ,Das Licht ist ihm wohl zu grell’, dachte ich und lag falsch. Schmerzen hatte ihm das Quietschen beim Zurückziehen der Vorhänge bereitet.

„Schade, dass ich nicht auch gestorben bin“, seufzte er.

Er bewegte seinen Kopf in der feuchten Kuhle seines Kissens hin und her und wälzte sich im Versuch, eine unsichtbare Kette abzuschütteln. Dabei stieß er mit einem Handrücken heftig an die Wand, stöhnte auf und weinte. Ich weinte mit ihm und schrie in die um sein Lager gescharte Runde, ob sie denn gekommen sei, einem Trauerspiel beizuwohnen und den tragischen Helden zu beweinen?

„Macht man einem Kranken so etwa Mut?!“

Mein Vater bedeckte beide Augen mit einer Hand und heulte:

„Welchen Mut denn? Ich bin jetzt blind und Schluss. Meine Freunde sind alle weg.“

Ich klang jetzt genauso gequält wie er.

„Deinen Freunden und ihrem Fusel hast du deine Blindheit zu verdanken, Agha.“

„Geh mir aus den Augen!“, schrie er mich an. „Alle deine Vorfahren waren blind, du Wechselbalg! Was weißt du denn schon?“

Er setzte sich auf. Griff in die Luft, griff sich an die Brust, rief: „Macht die Fenster auf und alle Lichter an!“ Das taten wir. Es half nichts. Er fand das Glas neben seinem Bett und schlug sich damit auf den Kopf. Blut lief ihm übers Gesicht. Es dauerte Monate, bis er sich an sein Blindsein gewöhnt hatte. Meinen Bruder stellte er in den Laden. Obwohl er ihm misstraute.

„Dieser Trottel. Ein Dieb ist er. Er wird den Laden an die Wand fahren.“

Der Laden war ein kleiner Textilhandel im Basar. Mein Vater bestand darauf, Geschäftsführer zu bleiben. Ich sollte die Buchhaltung übernehmen. Und Marhamat brachte ihn morgens hin und holte ihn abends ab. Jeweils eine Stunde Fahrt mit dem Bus. Er brüstete sich immer damit, dass er den Weg kenne, sogar wisse, welchen Bus er zu nehmen hatte, und dass er eines Tages allein in sein Geschäft fahren werde. Zwei Jahre vergingen, ohne dass dieser Tag gekommen wäre.

Binnen weniger Monate bekam er graue Haare. Sehen konnte er das nicht. Er sah sich nicht grau werden und Marhamat nicht altern. Jetzt verbrachte er zwar weniger Zeit mit seinen Freunden. Vom Alkohol aber ließ er nicht ab. Wenn ich abends heimkam, verfiel ich in Trauer. Unsere vier Wände waren rissig und voller Flecken. Der Wasserhahn im Bad tropfte. Der Bodenbelag in der Küche hatte mehrere Brandlöcher. Marhamat war mittlerweile blinder als mein Vater. Und ungestört. Wer hätte sie ihrer zunehmenden Gleichgültigkeit und der Unordnung wegen kritisieren sollen, die immer weiter um sich griff? Wenn ich nach Hause kam, wurde sie noch phlegmatischer. Sie schlich umher wie ihr eigener Schatten. War entweder damit beschäftigt, das ihrer Auslegung nach unreine Geschirr meines Vaters zu spülen. Oder sie kochte Essen. Auf meine Fragen antwortete sie mir immer nur, ohne mich anzuschauen. Ich trat auf sie zu und entdeckte eine blauviolette Schwellung unter einem Auge. Die hatte sie hinter ihrem dichten Haar vor mir verbergen wollen.

„Wer hat dir denn die Aubergine unters Auge gepflanzt?“

Sie verzog den Mund und deutete auf das Zimmer, in dem mein Vater lag. Ich holte tief Luft.

„Na schönen Dank auch. Hoffentlich hat er sich bei der Aktion nicht die Hand verletzt.“

Marhamat wandte sich wieder ab: „Streu du nicht noch Salz in meine Wunde.“

„Was geht mich das überhaupt an?“

In solchen Situationen setzte ich mich zwar vor den Fernseher und schaute eine Telenovela meiner Wahl, war in Gedanken aber weiterhin bei meiner Mutter. Die las gemächlich mit einer Hand Schmutz vom Boden auf, legte die andere auf die Brust und humpelte dann in die Küche.

„Hast du Herzschmerzen?“, fragte ich sie laut.

Und wartete auf ihre Antwort.

„Ich hab kein Herz mehr.“

„Was hast du stattdessen?“, fragte ich scherzhaft.

Ihre Antwort kam prompt:

„Nichts.“

Man hört Eisenteile zu Boden fallen. Der Lärm hallt sekundenlang nach. Ein Käfer surrt wie ein Feuerwerkskörper an meinem Ohr vorbei. Mein Vater hat einen Arm ausgestreckt, presst seinen Stock und seine Aktentasche mit dem anderen Arm fest an sich und geht mit Tippelschritten vorwärts. Anfangs hatte er oft befürchtet, unterwegs eines Tages kopfüber in einem Straßengraben zu landen. Irgendwann sprach er nicht mehr über seine Ängste. Er tat so, als sei sein Gesichtssinn leicht getrübt, aber noch vorhanden. Marhamat nahm ihm das ab.

Ich nahm eines Tages die Zucchinischalen von dem Tablett, das sie vor sich hatte, und ließ sie auf den Teppich fallen. Auf ihren verblüfften Blick hin flüsterte ich ihr zu:

„Wenn er’s merkt, kauf ich dir ein schönes Kleid. Wenn nicht, kaufst du mir eins.“

Das Kleid, das sie an dem Tag anhatte, war abgetragen, das Muster aus kleinen Blüten total verwaschen. Sie lachte ihr zahnloses Lachen.

„Wovon denn?“

„Dann kauf mir eben Kaugummis.“

Sie lachte wieder.

„Ich hab keine Lust auf Probleme.“

Mein Vater reagierte.

„Sind die Zucchini noch nicht soweit, Marhamat?“

Sie sah mich fragend an. Ich riet ihr, zu antworten.

„Du siehst doch, dass ich sie schäle.“

Mein Vater schaute in ihre Richtung.

„Ich sehe dich damit rumspielen.“

Diesmal schlug ich ihr vor, nicht zu antworten. Auch mein Vater sagte nichts. Er schaute zum offenen Fenster. Es war Frühling, und es roch nach Regen. Ein frischer Windstoß wehte kleine gelbe Blütenblätter ins Zimmer. Wie Pailletten wirbelten sie durch die Luft und landeten sanft auf unserem Teppich. Mein Vater schien verblüfft über die Schönheit und Wohltat der Natur. Ich ging nach draußen. Bei schönem Wetter konnte ich einfach nicht zu Hause sitzen und Marhamat beim Zucchinibraten zuschauen. Zeit im Freien zu verbringen war für mich wie Urlaub. Ich ließ allen Ärger hinter mir und genoss diese wenigen Ruhestunden. Aber schon jeder Heimweg machte meine gute Laune wieder zunichte. Mein Vater saß im Dunkeln. Und Marhamat mit ihm. Aus purer Gewohnheit machte sie erst Licht, wenn ich zur Tür reinkam und tastete sich im Dunkeln bis zur Küche vor, in der es heller war, weil Licht von draußen einfiel. Ich verfluchte die düstere Grottenatmosphäre, für die Marhamat sorgte, und sorgte meinerseits aus Trotz für Festbeleuchtung.

„Du nutzt wohl aus, dass ich nichts sehen kann, gewissenlos wie du bist?“, schnauzte mein Vater.

Ich schaute sofort zu Marhamat, die mich verstohlen ansah, aufstand und ging. Ich schloss die Tür zu meines Vaters Zimmer und heftete mich Marhamat an die Fersen. Mir platzte fast der Kragen. Ihr Kinn zitterte.

„Er kriegt alles mit, was ich mache.“

Ich riet ihr: „Stell dich doch nicht so dumm, Mütterchen. Er ist nicht Gott. Er ist ein armer, hilfloser Tropf, der nicht mal sein eigenes Gesicht sehen kann.“

Marhamat kamen die Tränen. Ich unterbrach meine Tirade.

„Was gibt’s zu weinen?“

„Tut mir leid, dass er so hilflos geworden ist.“

Ich schrie sie an.

„Du bist hilflos! Und merkst es nicht mal, du Unglückliche! Er spielt sich als Herrscher auf und kommandiert dich rum wie seine Dienerin!“

Ihr Haar hing ihr ins Gesicht wie ein Strang verstaubter alter Wolle. Dass sie keinen Finger rührte, um sich freie Sicht zu verschaffen, brachte mich noch mehr auf. Ich hätte sie am liebsten durchgerüttelt, geschlagen. Für den Bruchteil einer Sekunde fürchtete ich sogar, mir könnte tatsächlich die Hand ausrutschen. Ich zog schnell meinen Mantel an.

„Komm, lass uns rausgehen.“

Sie kehrte mir den Rücken.

„Ich kann allein rausgehen. Bin schließlich kein Kind mehr.“

„Nein, du bist kein Kind, und ich bin nicht deine Mutter. Leider ist es umgekehrt. Nun komm schon, erheb dich. Du warst mir übrigens nie eine richtige Mutter, vergiss das nicht.“

„Du brauchst gar keine Mutter.“

Sie hielt mich seit jeher für ungemein stark.

„Wieso braucht das Riesenbaby da eine, und ich nicht?“

Ihr Mund verzog sich mitleidsvoll.

„Versündige dich nicht.“

Nichts machte mich rasender als ihre Floskeln.

„Steh auf und geh, bevor ich mich deinetwegen in Stücke reiße.“

Am nächsten Tag machte ich einen Schritt auf sie zu. Sie aß Fladenbrot und Schafskäse. Beides fand sie immer schon schmackhafter als Hackspieße mit Reis. Ich rückte das Tischtuch gerade. Sie hatte nur ein Eckchen ausgefaltet. Ich legte die Brotfladen in die Mitte, stellte den Teller mit Käse daneben.

„Ich sag ja nicht, dass du gar nichts für ihn tun sollst. Aber krummlegen musst du dich für ihn nicht. Warum massierst du ihm den Rücken?“

Während ich redete, zog sie eine Fliegenklatsche unter ihren Knien hervor und schlug nach einer Fliege. So kraftlos, dass das Tierchen sich aufrappelte und davonflog. Marhamat sah mich an, wartete, bis ich geendet hatte.

„Wenn du ein bisschen Kaschk kaufen könntest, getrockneten Quark - die Auberginen sind schon fertig.“

Ich starrte sie an, fassungslos.

„Kipp dir deine Quark-Auberginen übern Kopf!“

Sie zuckte zusammen, weil ich laut geworden war.

„Du bist wie dein Vater.“

„Nein, bin ich nicht, Hadschi Khanum.“

Mit ihren dritten Zähnen hatte sie Mühe, ihr Brot zu kauen.

„Doch, bist du. Er kann nichts sehen, aber du hast Augen, und du machst Sachen.“

„Was für Sachen?“

„Du weißt genau, was ich meine.“

„Nein, weiß ich nicht. Sag du’s mir.“

Sie bückte sich, klaubte mit einer Hand Krümel vom Teppich und sammelte sie in der anderen.

„Lass mich in Frieden. Lass mich in meinem Unglück sterben.“

„Sag mir erst, welche Sachen du meinst, danach kannst du meinetwegen sterben gehen.“

„Wenn ich tot bin, bist du mich los.“

Ich ließ nicht locker.

„Was für Sachen?“

Sie schob ihren halbgekauten Bissen Brot in eine Backe. Die wurde dick.

„Du rührst keinen Finger, machst aber viel Geschrei. Du heiratest nicht, tust stattdessen aber auch nichts anderes. Du schminkst dich, putzt dich raus und gehst auf die Straße. Genau wie er, in seinem Alter, ständig macht er sich fein, schmiert sich Pomade ins Haar und geht aus dem Haus.“

„Ich arbeite.“

„Ja, für dich. Wir hatten davon bis heute nichts.“

Ich drehte mich um und trat ihr direkt unter die Augen.

„So siehst du mich also? Hast du vergessen, dass ich dir letztes Jahr Sachen zum Anziehen gekauft habe? Wo hast du die hingetan? Warum trägst du sie nicht?“

Je mehr ich auf sie einredete, desto stärker geriet ich in Rage. Wieder schrie ich sie an. Sie. Meinen Vater. Und er übertönte mich: „Schrei mich nicht an, du Wechselbalg!“

Stattlich gebaut und kräftig wie er war, holte er aus und warf etwas nach mir. Ich ergriff die Flucht und knallte die Tür hinter mir zu. Seitdem hat er nie wieder die Hand gegen mich erhoben. Er brauchte mich. Von seinen vier nichtsnutzigen Blagen war ich ihm die nützlichste. Nicht umsonst hatte er mir die Buchhaltung seines Ladens übertragen. Sobald er aufmuckte, klappte ich die Bücher zu und warf meinen Stift nach ihm.

„Mach deine Abrechnung selbst.“

Als ich heute morgen nach ihm schaute, hatte er sein schwarzes Hemd abgelegt und trug das rote. Marhamat war erst seit sechsundvierzig Tagen tot.

„Du hast dein rotes Hemd an.“

Er stand vor der Wand, an der früher der Spiegel hing, fasste an den Hemdkragen.

„Ich seh das ja nicht. Ich dachte, es sei das Dunkelblaue.“

Ich suchte ihm das Blaue raus und gab es ihm. Er warf es in die Ecke.

„Lass gut sein. Jetzt hab ich das Rote schon an. Das andere trag ich morgen.“

Der alte Trickser. Glaubte er wirklich, ich ließe mich für dumm verkaufen? Ich öffnete und schloss die Tür, blieb aber im Zimmer. Er setzte seine getönte Brille auf, trat dann von einem Fuß auf den anderen. Ich stand wortlos auf. Er rief nach mir. Ich gab keine Antwort. Er musste glauben, ich sei nicht mehr im Raum. Er ging zum Kleiderschrank. Öffnete die Tür. Sie quietschte. Er wartete einen Moment und lauschte in die Stille. Dann nahm er eine Flasche Duftwasser aus dem Schrank, gab mit Bedacht ein paar Tropfen in seine hohle Hand und verteilte die Flüssigkeit sanft und sorgfältig auf Kinn und Hals. Er schloss die Schranktür leise. Diesmal quietschte sie nicht. Dann nahm er seinen Stock zur Hand und brach auf.

Trittsicher ist er noch immer nicht. Aber so selbstbewusst wie eh und je. Er wirft sich in die Brust und richtet seine starren Pupillen geradeaus. Sein grau meliertes Haar steht an einer Seite vom Kopf ab, aber die wenigen widerspenstigen Strähnen machen sein ernstes, schön geschnittenes Gesicht umso interessanter. Jetzt weiß er, dass ich noch nicht gegangen bin. Ich warte darauf, dass er nach mir ruft. Aber er ruft nicht. Er hat seinen Stolz.

Auch Marhamat wollte nie Hilfe. Einmal bin ich zu ihr ins Bad gegangen, um ihr den Rücken zu schrubben. Sie hat meine Hilfe abgelehnt. Also ging ich selbst unter die Dusche, verärgert über mein harsches Verhalten. Ich war angespannt, hatte überreagiert und Marhamat mal wieder angeschrien. Sie hatte gesagt, sie sei sauber genug, auch ohne geschrubbten Rücken. Jedesmal, wenn ich gut aufgelegt war, brachte sie es fertig, mir die Stimmung zu vermiesen.

Sie kauerte unter der Dusche. Hager war sie geworden und schmächtig wie ein junges Mädchen. ‚Sie hat Angst vor mir!‘, schoss es mir durch den Kopf, während ich mir die Haare nass machte.

„Ich bin nicht dein Mann, aber du zierst dich wer weiß wie. Ich wollte dir einfach nur den Rücken schrubben.“

Sie griff nach dem Waschlappen auf ihrer Schulter und reichte ihn mir. Ich nahm ihn entgegen und rieb ihr den Rücken damit ab.

„Du raubst mir den letzten Nerv, meine Güte. Und im Grunde bist du selbst schuld. Wenn du dich ihm einmal, nur ein einziges Mal entgegenstellst und den Befehl verweigerst, wird er’s nicht mehr wagen, dich derart zu erniedrigen.“

Sie stöhnte. Ich gönnte ihr eine Pause. Ihr Waschlappen war einer von der alten Sorte, aus rauem Gewebe.

„Tut dir das weh, Mütterchen?“

Statt mir zu antworten, sank sie noch tiefer in sich zusammen. Ich fasste sie an der Schulter, richtete sie auf. Und bekam einen Schock! Die Geschwulst in ihrer Brust war so groß, dass die Haut darüber hauchdünn geworden und zum Zerreißen gespannt war. Ich schrie meine Mutter an.

„Was ist das denn?!“

Sie hielt sich die Hände schützend vors Gesicht, so wie immer, wenn mein Vater auf sie losging. Mir wurde übel. Ich nahm sie in den Arm.

„Keine Angst, wir gehen zum Arzt. Warum hast du nicht längst was gesagt?“

Sie ließ ihre Hände nicht sinken. Diese Szene hing nach ihrem Tod gerahmt an meiner imaginären Erinnerungswand und machte mir das Leben zur Hölle. Ich, um die Tränen schon immer einen großen Bogen gemacht hatten, weinte nun rund um die Uhr.

Mein Vater atmet tief durch.

„Hörst du’s?“

Ich antworte widerwillig.

„Was denn?“

Er lacht.

„Die Vogelstimmen.“

„Bei dem Verkehrslärm höre ich nichts.“

Wieder lacht er und seine Stimme wird freundlich.

„Manchmal hindert dein Dickschädel dich am Hören. Die Autos spielen dabei keine Rolle.“

Er bleibt stehen und atmet tief ein.

„Hm, herrlich, dieser Duft! Welche Farbe haben die Blumen?“

Er geht weiter. Mir geht durch den Kopf, dass er vermutlich auch Marhamat solche Fragen gestellt hat.

„Das sind keine Blumen, das sind einfach wildwachsende Gräser.“

Er seufzt laut auf.

„Marhamat kannte jede einzelne Pflanze beim Namen. Manchmal hat sie sogar zu viele Worte gemacht. Dann hab ich ihr gesagt: ,Lass gut sein, Frau. Ich hatte dich nur nach der Farbe gefragt. Was soll ich mit dem Wissen über Blumenzwiebeln und Samen?’ Du bist nicht wie sie. Du sagst gar nichts.“

„Soll ich dir die Pflanzen beschreiben?“

Er wird lebhaft.

„Du kannst sogar welche pflücken.“

Seine Heiterkeit ärgert mich. Ich bin froh, dass hier nirgends Blumen wachsen.

„Ich sehe keine Blumen. Bloß einen noch immer nicht entsorgten Haufen Müll. Außerhalb des Geländes die Baustelle der Einkaufspassage. Zu Ihrer gefälligen Beachtung sei auch gesagt, dass hier weit und breit keine Nachtigall in Sicht ist. Ein paar magere Sperlinge hüpfen durch die Bäume. Eine gebrechliche alte Frau hat ein Fladenbrot gekauft und trägt’s nach Hause.“

Er lacht.

„Geht dir das Herz immer so über?“

Er hat wohl Honig mit Sahne gefrühstückt, so witzig und gesprächig ist er. Meine Stimmung hebt er damit nicht.

„Im Moment gehen wir mitten durch die baufälligen Wohnblocks. Soll ich dir was von herrlichen Gärten vorschwärmen?“

Er schüttelt bedauernd den Kopf.

„Deine Mutter, Gott hab sie selig, hatte sehr viel Geduld.“

Ich koche vor Wut.

„Geduld oder keine Gefühle? Ich glaube eher, sie war so gefühllos, dass sie nicht gemerkt hat, welches Leid ihr geschieht.“

Mein Vater bleibt wieder stehen und schreit mich an:

„Rede nicht so dumm daher! Nimm lieber was ein. Du bist ja völlig fertig mit den Nerven!“

Ich schreie zurück:

„Soll ich Tabletten schlucken und so enden wie Marhamat? Als Punchingball, auf den du eindreschen kannst, wie’s dir passt?!“

Ich bleibe stehen und schreie noch lauter:

„Ich bin nicht Marhamat!! Wie oft soll ich dir das noch sagen?! Ich bin nicht Marhamat!! Ich bin nicht Marhamat, der du nach Lust und Laune Unglück aufbürden kannst!!“

Weil ich brülle, höre ich nicht, was er antwortet. Schlimmer noch, egal was ich sage, es beruhigt mich nicht. Ich schleudere seine Aktentasche weg, die ich ihm bis hierhin getragen habe. Sie trifft ihn am Bein.

„Geh und such dir ‘ne neue Marhamat. Ich bin nicht dein Dienstmädchen!“

Er bückt sich, hebt die Tasche auf. Er klingt traurig:

„Natürlich bist du nicht sie. Auch wenn du dich umbringst, wirst du nicht sie.“

Ich höre und staune. In diesem Tonfall hat er noch nie von Marhamat geredet. Ich schlucke meine Tränen, überwinde einen Erdhügel, erreiche ebenes Terrain. An der Bushaltestelle sitzen Leute. Ein Mann steht auf, weil er den Bus kommen sieht. Ich schaue hinter mich. Mein Vater, einen Arm weiter vorgestreckt als sonst, will sich ganz offenbar allein bis zur Haltestelle durchschlagen. Vor unserem Streit hatte ich ihm gesagt: „Es sind nur noch ein paar Schritte bis dahin.“ Ein langer lilafarbener Faden hat sich an den Saum seines Hosenbeins verirrt. Marhamat hätte sich gebückt und ihn abgezupft. Noch hundert Meter. Wenn er sich’s anders überlegt und umkehren will, wird sein Weg länger. Er scheint sich nicht beirren zu lassen, geht weiter Richtung Haltestelle. Sein rotes Hemd hat an der Schulter einen Staubfleck. Wo hat er sich den zugezogen? Jetzt verliert er die Orientierung und geht von der Haltestelle weg. Ich lege instinktiv zwei Finger an die Lippen, um zu pfeifen, wie früher, als Kind, wenn ich ihm ein Zeichen geben wollte. Weil der Kloß in meinem Hals aber sehr fest sitzt, kann ich kein Wort sagen und bringe erst recht keinen Pfiff zustande. Ich renne zur Haltestelle. Durchs Busfenster kann ich sehen, wie mein Vater in seinem roten Hemd sich weiter und weiter von der Haltestelle entfernt.

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