Читать книгу: «Leo - Wismeldas Rache»

Шрифт:


o

Leo

Wismeldas Rache

Eva Haring-Kappel

Illustriert von Lisa Kappel


o

Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet - papierfresserchen.de

© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten.

Taschenbuchauflage erschienen 2017

Lektorat: Melanie Wittmann

Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-725-5 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-301-9 - E-Book

*

Inhalt

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Personalien

Unser Buchtipp

*

Danksagung:

Was wären wir ohne euch?

Darum gilt unser Dank all jenen, die uns tatkräftig unterstützt haben mit Rat, Lob und auch konstruktiver Kritik

sowie erhellenden Vorschlägen.

Danke an David, Paul, Markus und Roland!

*

Prolog

Das kleine Mädchen läuft singend durch den Wald. Es trägt ein Körbchen über seinem Arm und stapft munter mit seinen kurzen, dicken Beinen durch das weiche Moos. Die blonden Zöpfe wackeln lustig im Takt der Schritte und des Liedes mit.

„Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern ist des Müllers Lust, das Waaandern ...“ Die helle, klare Stimme des Kindes steigt empor zum Geäst der altehrwürdigen Buchen und Eichen, das Kathedralen gleich den Waldweg überspannt.

Hätte das Kind ein rotes Käppchen auf, könnte man glauben, es sei aus einem Märchenbuch herausgeklettert und so mitten in unsere Welt geplumpst. Aber das Mädchen trägt kein rotes Käppchen, dafür wäre es heute auch viel zu warm. Die Sonne lugt durch die Baumwipfel und malt zarte Schattenmuster auf den Waldboden.

Während sich das Mädchen immer wieder bückt, um ein paar Heidelbeeren abzupflücken und sie anschließend in das Körbchen zu legen, huscht hinter den Bäumen ein anderes Wesen hervor. Es ist recht klein, hat große dunkelgrüne Augen und hellbraunes, lockiges Haar. Es trägt ein zartes Kleidchen und auf seinem Rücken sirren zwei durchsichtige, blaugeäderte Flügel unablässig auf und ab, sodass es über dem Boden dahinschweben kann.

Das kleine Mädchen erstarrt mitten in seinen Bewegungen, das Lied verstummt, das Körbchen fällt zu Boden und die Heidelbeeren kullern über das Moos in alle Richtungen davon. „Wer ... wer bist du denn?“, ruft das Kind erschrocken.

„Ich bin Leonore Alba Rusnelda von Albenstein, aber du darfst mich Leo nennen.“

*

1. Kapitel

Hallo, mein Name ist Felix. Ich bin inzwischen zwölf Jahre alt geworden und einige von euch werden sich bestimmt an mich erinnern und daran, wie alles begann. Wir, meine Freunde Georg, Wendel, Benni und ich, trafen in den letzten Sommerferien bei einem Ausflug auf eine seltsame Erscheinung. Ein kleines, dickliches, schmutziges Wesen, das behauptete, eine Elfe zu sein, begegnete uns auf einer Lichtung im Wald und wir wurden es nicht mehr los. Zuerst hatten wir Angst vor dem Geschöpf, denn es hatte ständig Hunger und aß alle unsere mitgebrachten Vorräte auf, angeblich weil es sich in ein Menschenmädchen verwandeln wollte und darum viel essen musste. Irgendwann wurden wir beste Freunde. Wie das alles genau weiterging, könnt ihr ja in meinem ersten Buch nachlesen. Nun will ich lieber erzählen, was seither alles passiert ist.

Es war ein trüber, regnerischer Tag Anfang September. Leo stürmte zur Tür herein, wie es so ihre Art ist, und schrie: „Felix, stell dir vor, wir werden zusammen in die Schule gehen!“

Ich schaute sie ein wenig verwundert an, wie konnte jemand wie sie überhaupt noch etwas dazulernen? Leo, die in ihrem früheren Leben eine Elfe gewesen und mit unserer Hilfe ein Menschenmädchen geworden war, ist nämlich wirklich extrem weise und schlau.

„Man kann immer etwas dazulernen, niemand weiß alles, nicht einmal ich, obwohl ich sicher viel mehr weiß als ihr und all eure Bücher und diese Computerlexika. Vielleicht weiß ich sogar mehr als eure Lehrer“, antwortete sie auf meine Gedanken hin, die sie meistens errät, wenn sie mir nur lange genug in die Augen guckt.

„Du bist bescheiden wie immer“, stänkerte ich.

„Na ja, Ehre, wem Ehre gebührt! Agnes hat mich heute in der Schule angemeldet. Ich wäre ja viel lieber mit Anna in einer Klasse gewesen, aber die Frau Direktor hat gemeint, ich wäre viel zu klug für die erste Klasse, deshalb probieren wir es gleich mal mit der zweiten.“

Ich setzte eine gleichgültige Miene auf, denn ich wollte auf keinen Fall, dass Leo herausfand, was ich dachte. Mir war die Vorstellung, mit ihr in einer Klasse zu sitzen, nämlich eher unangenehm.

Ich bin kein besonders guter Schüler. Meine Freunde wissen das und Georg zum Beispiel kämpft auch dauernd mit schlechten Noten, obwohl er immer angibt, was das Zeug hält, und so tut, als hätte er die Weisheit mit Löffeln gefressen. Aber Leo hätte ich gerne im Unklaren gelassen, was meine schulischen Fähigkeiten betrifft.

„Du freust dich offenbar nicht besonders“, stellte sie denn auch sofort fest.

„Doch, doch, aber ich muss diese Information erst einmal verarbeiten“, log ich. „Schließlich brauchst du wirklich keinen Schulunterricht.“

„Ich bin gespannt, was die anderen dazu sagen, wenn sie erfahren, dass ich in eure Klasse gehen werde.“

Oh ja, darauf war ich auch gespannt.

Die Nachricht schlug erwartungsgemäß ein wie eine Bombe. Wendel, Benni und Georg machten lange Gesichter, als Leo ihnen die Neuigkeit präsentierte. Sie dachten wohl ähnlich wie ich. Ich weiß nicht, ob unserer Freundin die trübe Stimmung auffiel, die sie mit ihrer Nachricht ausgelöst hatte, jedenfalls ließ sie sich nichts anmerken. Ganz im Gegenteil, sie schmiedete bereits Zukunftspläne und erklärte uns, wie sie sich unseren gemeinsamen Schulalltag vorstellte.

Bestimmt war die Situation für Leo nicht einfach, denn sie war nun zwar ein Menschenmädchen und hatte sich damit einen lang gehegten Traum erfüllt, gleichzeitig war sie jedoch für immer abgeschnitten von ihrem alten Leben, von ihrer Familie, ihrer Welt, dem Vertrauten, das früher alles für sie bedeutet hatte. Ich merkte oft, dass sie traurig in die Ferne blickte, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Wahrscheinlich dachte sie in solchen Momenten an ihre kleine Schwester Gwendolyn und an ihre Eltern, die sie nie mehr wiedersehen würde.

In unsere Welt hatte sie nur Prinz Edmund, ihren Beschützer, mitgenommen. Er hatte wie sie selbst seine Unsterblichkeit aufgegeben, um einen kleinen Fuchs zu retten und unsere Welt betreten zu können, und er ist von einem namenlosen Tier zu einer wunderschönen, riesigen schwarzen Dogge geworden. Er wich nicht von Leos Seite und es würde sicher ein Problem werden, ihn davon zu überzeugen, dass er nicht mit ins Klassenzimmer durfte und zumindest während der Schulstunden seine Herrin nicht bewachen konnte. Er habe die Fähigkeit zu sprechen zusammen mit der Unsterblichkeit verloren, das behauptet zumindest Leo, obwohl ich manchmal glaube, dass das nicht ganz stimmen kann. Ich denke, er spricht mit Leo, nur uns schweigt er an. Ich mag ihn trotzdem sehr gerne, auch wenn ich ihn manchmal immer noch ein wenig unheimlich finde.

Trotzdem war die Vorstellung, so ein naseweises Ding wie Leo in der Schule ständig um uns herum zu haben, für uns Jungen natürlich ziemlich unangenehm. Ich hatte ja selbst keine Ahnung, wie es mir mit den anderen in der Klasse ergehen würde, denn ich war nur aufgrund der verlängerten Forschungsreise meiner Eltern gezwungen, in die Dorfschule zu gehen. Hier war bestimmt alles ganz anders als in der Großstadt, wo ich sonst zur Schule ging. Ich hatte zwar meine Freunde Benni, Wendel und Georg, aber es gab schließlich noch eine Menge anderer Kinder, die ich gar nicht kannte. Zu diesen Sorgen gesellte sich nun auch noch die Sache mit Leo. So blickte ich dem ersten Schultag in der neuen Klasse eher skeptisch entgegen.

Obwohl es die letzte Ferienwoche über nahezu ständig geregnet hatte, schien an diesem besonderen Tag die Sonne warm und freundlich vom Himmel, der so tiefblau wie frisch gewaschen leuchtete. Ich überlegte kurz, ob meine ausgeleierten Jeans und die alten Turnschuhe zu wenig feierlich für den Anlass sein könnten, ließ dann aber mein Outfit unverändert, was sofort eine tadelnde Bemerkung meiner Großmutter nach sich zog.

„Ein wenig feiner hättest du dich heute aber schon herausputzen können, Felix“, meinte sie.

Ich reagierte gar nicht darauf, weil ich viel zu nervös war. Das dürfte sie wohl auch bemerkt haben, denn sie sagte nichts weiter. Sogar als ich das Frühstück unberührt stehen ließ, schwieg sie. Beim Hinauslaufen strich sie mir sanft über den Kopf und wünschte mir viel Glück für den Start ins neue Schuljahr.

Georg wartete bereits vor dem Haus auf mich, und als wir uns auf den Weg machten, gesellten sich nach und nach die anderen zu uns. Wendel hatte natürlich seine jüngere Schwester Anna dabei, nur Leo fehlte noch.

„Sicher ist sie jetzt beleidigt, ihr habt schließlich kein Geheimnis daraus gemacht, dass ihr euch nicht gerade freut, sie bei euch in der Klasse zu haben“, versuchte uns Anna ein schlechtes Gewissen einzureden. Sie ist immer sehr drastisch, wenn es darum geht, uns ein wenig fertigzumachen.

Gemeinsam erreichten wir das Schulgebäude, das etwas außerhalb des Dorfes liegt. Es ist ein großes graues Haus mit einem verwitterten Ziegeldach. Die großen Fenster blickten mich dunkel und bedrohlich an, so schien es mir zumindest, und ich hatte ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend. Viele Mädchen und Jungen tummelten sich im Schulhof und der Lärmpegel war ziemlich hoch. Ich hielt mich dicht bei meinen Freunden und bemerkte die neugierigen Blicke einiger Kinder, die mich von oben bis unten musterten. Ich war unverkennbar der Neue hier.

Am Schwarzen Brett in der Aula waren die Klasseneinteilungen angeschlagen, und da es aufgrund der geringen Schülerzahl nur eine zweite Klasse gab, war ich erleichtert zu lesen, dass ich wirklich mit meinen Freunden gemeinsam die Schulbank drücken würde. Anna, die ein Jahr jünger ist als wir, verließ uns an dieser Stelle, denn ihre neue Klasse befand sich im Parterre den Gang hinunter.

Unser Klassenzimmer lag im ersten Stock und wir stiegen gemeinsam die breite Treppe hinauf. Ganz oben auf der letzten Stufe stand Leo und blickte uns finster entgegen. Unwillkürlich musste ich an unsere erste Begegnung mit ihr denken, als sie uns so geheimnisvoll und unheimlich erschienen war.

„Da seid ihr ja endlich, wo wart ihr denn so lange?“, begrüßte sie uns. Im selben Augenblick bimmelte die Schulglocke und wir rannten die letzten paar Meter.

Als wir zu fünft durch die Tür stürmten, starrten uns alle neugierig entgegen. Anscheinend waren wir wirklich die Letzten. So blieb uns nur noch die erste Reihe zum Sitzen übrig, was ich eigentlich gar nicht leiden kann. Man befindet sich immer im Blickfeld der Lehrer und kann weder tratschen noch schummeln. Auch wird man ständig mit Bankfragen gemartert. Aber ich hatte keine Zeit zu grübeln, denn unsere Klassenlehrerin, die die ersten Schulstunden am ersten Schultag hält, kam schon zur Tür herein.

Helga Kleinschuster, so heißt sie, ist eine schon etwas in die Jahre gekommene, rundliche Dame mit einer großen Brille. Sie unterrichtet die Schulfächer Deutsch und Englisch und ist sehr nett und freundlich.

Sie begrüßte uns und schrieb ihren Namen an die Tafel, ich bemerkte gleich, wie nett sie war, und so begann sich auch mein rebellierender Magen etwas zu beruhigen.

Die erste Stunde verging mit administrativen Dingen. Frau Kleinschuster kontrollierte unsere Namen und Geburtsdaten. Natürlich tauchten dabei die ersten Schwierigkeiten bezüglich Leos Angaben auf, wie es eigentlich nicht anders zu erwarten gewesen war. Frau Kleinschuster prüfte anhand einer Liste, die sie von der Direktion bekommen haben musste, ob alle Kinder, die darauf standen, auch wirklich anwesend waren und ob Name und Geburtsdatum übereinstimmten.

„Alvenstein, Leonora?“, fragte die Lehrerin und blickte in die Runde.

Leos Miene verfinsterte sich und mit ihrer lauten, schrillen Stimme rief sie: „Falls ich damit gemeint bin, Leonore Alba Rusnelda von Albenstein ist mein voller Name und ich bitte, ihn richtig auszusprechen.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Lehrerin, als sie entgegnete: „Oh, das tut mir leid, da hat sich wohl in unsere Computerdaten ein Fehler eingeschlichen. Dein Name ist wunderschön, liebe Leonore, und ich werde mich bemühen, ihn in Zukunft richtig auszusprechen.“

„Sie können Leo zu mir sagen“, tönte es neben mir.

Lautes vielstimmiges Gelächter war die Folge und das Eis war gebrochen.

„Leo, also, du bist am 21.12.2004 geboren, ist das richtig?“

Ich erstarrte, denn ich konnte spüren, wie Leo auf dem Stuhl neben mir heftig zuckte und dann aufsprang, sodass der Tisch erzitterte. „Nein, so ein Blödsinn, ich bin am Tag der Wintersonnwende im Zenit des Mondzeitalters geboren, nach Menschenzeitrechnung ist das ungefähr das Zeitalter der Romantik, also etwa um 1700.“

In der Klasse war es mucksmäuschenstill geworden und man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Alle blickten gebannt auf das Gesicht der Lehrerin, das sich für einen kurzen Augenblick verfinsterte.

Frau Kleinschuster runzelte die Stirn. „So, so, also noch vor dem guten alten Goethe bist du geboren, das ist ja interessant. Wann hatte der noch gleich Geburtstag? Lass mich überlegen ...“

„Johann Wolfgang von Goethe, geboren am 28. August 1748 in der Stadt Frankfurt am Main im Sternzeichen der Jungfrau, ein recht langweiliger, alter Kerl“, kam es wie aus der Pistole geschossen von Leo.

„Oh, aha. Ja, das ist wohl Ansichtssache. Demnach bist du, liebe Leo, also wie alt? Hilf mir doch beim Rechnen“, erwiderte Frau Kleinschuster.

Leises Gekicher aus der letzten Bank, dann wieder Grabesstille und gespanntes Lauschen.

Ich boxte Leo kräftig in die Seite und es war, als erwache sie aus einem Traum. „Nach Menschenzeitrechnung bin ich im Hier und Jetzt zwölf Jahre alt“, murmelte Leonore kleinlaut.

Die Klasse tobte. Vor allem die letzte Reihe war nicht zu halten.

„Nach Menschenzeitrechnung“, echote Franz, einer der wildesten Kerle der ganzen Schule, wie mir Georg und die anderen schon erklärt hatten.

„So, nun beruhigt euch wieder, es war lustig, das gebe ich zu, Leo scheint ein Spaßvogel zu sein, aber habt ihr auch bemerkt, wie schlau sie ist? Hättet ihr das über Johann Wolfgang von Goethe gewusst?“ Die Lehrerin hatte offenbar den Bogen raus. Geschickt hatte sie unserer Freundin aus der Verlegenheit geholfen, das hoffte ich jedenfalls. „Du hast viel Fantasie, Leonore, und das finde ich ganz wunderbar, aber hier in der Schule müssen wir bei den Fakten bleiben, also belassen wir es dabei: Du bist für uns die Leo aus Amerika, die zu ihrer Oma Agnes gekommen ist, um eine Zeit lang bei uns im Dorf zu leben, und du bist zwölf Jahre alt. Ist das okay so?“

Leo nickte mit ernster Miene und ich hatte das Gefühl, dieser kleine Auftritt würde nicht ohne Folgen für sie bleiben. Unsere Bedenken waren also nicht unberechtigt gewesen, es würde Schwierigkeiten geben, und das nicht zu knapp. So kam es denn auch.

Bereits in der Pause nach der ersten Unterrichtsstunde schlenderte der böse Franz wie zufällig an Leo vorbei. Er umrundete unseren Tisch einmal, zweimal, stellte sich dann vor mich hin, schaute mich an, sagte aber kein Wort. Als ich schon unruhig wurde von dem Gestarre, erhob er plötzlich seine Stimme und es wurde blitzartig ruhig in der Klasse.

„Dieses Paar hier vorne, die beiden Neuen, die passen so gut zueinander, weil sie so deppert sind, dass der Krampus sie net besser in seiner Kraxen zusammentragen hätte können.“

„Was soll das denn jetzt heißen?“, fragte ich mich. Natürlich wusste ich, wer der Krampus war, wahrscheinlich weiß das fast jedes Kind, aber der Rest? Ich schielte zu Leo hinüber, die immer noch sehr nachdenklich wirkte.

Was sollte man da tun, es sich gefallen lassen, still bleiben und sich weiter beleidigen lassen oder was Freches antworten, es auf einen gröberen Streit ankommen lassen, auf den Franz offenbar aus war?

Während ich noch fieberhaft hin und her überlegte, brach neben mir ein Vulkan aus. Leonore lief zur Hochform auf. Sie war aufgesprungen, ihre ohnehin schon sehr großen dunkelgrünen Augen funkelten Franz finster an. Ihre Stimme war so laut und schrill wie die Trillerpfeife eines Schiedsrichters auf dem Fußballplatz.

„Was soll das, warum beleidigst du uns? Haben wir dir etwas zuleide getan? Wir sind neu in dieser Schule, es wäre deine Aufgabe, uns freundlich zu begegnen und uns willkommen zu heißen.“

„Warum redest du so blöd und geschwollen daher, glaubst du, weil du aus Amerika kommst, bist du was Besseres als wir? Spielst dich vor der Lehrerin auf mit deiner angeblichen Schlauheit“, konterte Franz.

In der Klasse war es wieder absolut still, alle verfolgten gespannt den Streit. Ich hoffte, die Pause wäre bald zu Ende, aber immer wenn etwas unangenehm ist, dehnt sich die Zeit wie Kaugummi. Sollte ich eingreifen, sollte ich mich einmischen? Ja, wahrscheinlich, aber wie? Was konnte ich sagen oder tun, um die Situation zu entspannen? Mir fiel nichts ein.

Dafür Leo umso mehr. „Ich glaube, du hast Angst vor mir“, behauptete sie und ich fand, sie sah in diesem Augenblick wirklich Furcht einflößend aus. Mit dem wilden Blick und ihrer lauten Stimme und irgendwie wirkte sie plötzlich auch viel größer. Aber sicher bildete ich mir das alles nur ein, weil ich selber so ein Feigling war.

Franz war jedenfalls für eine gefühlte Ewigkeit sprachlos. Da wollte jemand aufmucken. Das hatte es noch nie gegeben, er war schließlich der Raufbold und Streithansel, der Schrecken aller Lehrer und Kinder sowieso. Eine handverlesene Gruppe aus Burschen und Gleichgesinnten, die alle durchwegs älter waren als er und die sich ihm angeschlossen hatten, duldete er und natürlich seinen Busenfreund Jo, der mit uns in dieselbe Klasse ging. Alle anderen hatten ihn zu fürchten und genau das wollte er spüren. Darum wohl auch dieser Auftritt, wir waren neu hier und er wollte uns gleich zu Anfang den Schneid abkaufen.

Mit einem Mal packte er zu. Seine Hand schoss nach vorne und griff nach Leo. Er bekam aber nur ihre Jacke zu fassen, aus der sie offenbar blitzschnell herausgeschlüpft war, und schon stand sie neben Franz und streckte ihm die Zunge heraus.

„Bähh, das hättest du wohl gerne, fang mich doch, wenn du kannst, aber da musst du früher aufstehen.“

Er stand da und hielt ihre Jacke hoch, es sah zu dämlich aus. Er musste reagieren, denn es ging um seinen guten Ruf.

Und dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Es läutete und mit dem Läuten betrat Frau Kleinschuster die Klasse. Leo saß schon wieder auf ihrem Platz, lammfromm und mit Unschuldsmiene, aber nicht, ohne zuvor Franz kräftig an seiner Nase gezogen zu haben. Das alles war so schnell passiert, dass die Lehrerin nur noch sah, wie Franz sich wehleidig mit der linken Hand die Nase hielt und mit der rechten ausholte, um Leo die Jacke um die Ohren zu schlagen.

„Franz“, schimpfte die Lehrerin, „so fängst du dieses Schuljahr an? Wirst du denn nie gescheiter?“

„Ach, lassen Sie nur“, warf Leo zu meinem größten Erstaunen dazwischen, „es ist auch meine Schuld, ich habe ihn ein wenig provoziert. Ich werde schon mit ihm fertig, nur keine Angst.“

Das war sicher die größte Demütigung, die Franz jemals erlebt hatte. So etwas von einem naseweisen Mädchen. Ich sah ihm an, dass es in ihm brodelte, als er zu seinem Platz schlich.

Ich schätze, alle anderen waren ähnlich unkonzentriert wie ich in der folgenden Schulstunde, allerdings aus anderen Gründen. Man musste sich ab jetzt wohl Sorgen um Leo machen, denn Franz verstand in diesen Dingen bestimmt keinen Spaß. Aber ich machte mir auch Sorgen um mich, denn so bin ich nun mal.

***

Der alte Dachs saß im flackernden Licht einer Kerze an einem altmodischen Schreibtisch und war tief über eine Pergamentrolle gebeugt, auf die er unablässig Noten kritzelte. Das geschah in solch einer Geschwindigkeit, als schriebe er einen Brief.

Ab und zu hob er seinen Kopf, legte ihn ein wenig schief und schien einer Melodie zu lauschen, die es aber nur in seinem Inneren geben konnte, denn in seiner Höhle tief unter der Erde war es totenstill.

*

2. Kapitel

In meiner alten Schule hatte es auch so einen Jungen wie Franz gegeben. Er hieß Herbert und war eine Klasse über mir. Auch er war viel größer und stärker gewesen und ich war ihm immer ausgewichen. Er hatte mich wahrscheinlich gar nie bemerkt, so unauffällig gab ich mich. Aber einigen anderen Kindern nahm er das Jausengeld und ihre Handys weg, wer sich weigerte, das Geld herauszurücken, der bekam die Nase blutig geschlagen. Die ganze Schule hatte Angst vor ihm und eines Tages kam die Polizei, denn er hatte, so hieß es, auch noch andere schlimme Dinge gemacht. Dann wurde er in ein Erziehungsheim gesteckt. Ich und viele andere waren sehr froh darüber. Aber mein Papa sagte, er fände das gar nicht gut, denn bestimmt gäbe es einen Grund für das Verhalten von Herbert und er bräuchte sicher viel mehr Unterstützung, als er in dem Heim bekäme. Es sei meist ein Hilferuf, wenn jemand solche Dinge täte.

Ich habe das damals nicht ganz verstanden, aber jetzt fiel mir das wieder ein. Ob das bei Franz auch so war? Brauchte er unsere Hilfe? Nein, das konnte nicht sein, ich hatte keine Lust, mir vorzustellen, Franz helfen zu müssen. Am liebsten wäre es mir gewesen, ich könnte mich für ihn unsichtbar machen. Wenn sogar Georg sich lieber zurückhält, um Streit zu vermeiden, dann sagt das eigentlich schon alles. Normalerweise versucht Georg, jeden zu provozieren. Aber er ficht seine Schlachten mit Worten aus. Er ist sehr redegewandt und das kann ganz leicht zu einem Streitgespräch mit ihm führen. Aber Georg würde niemandem etwas zuleide tun und er unterscheidet sehr genau zwischen Recht und Unrecht.

Wenn er mit jemandem ein Wortgefecht austrägt, dann nur, weil es derjenige verdient hat. Seine Fäuste lässt er dabei in der Hosentasche, obwohl ich glaube, er könnte, wenn er wollte, denn er ist recht groß und stark.

So zitterte ich der nächsten Pause entgegen und dachte insgeheim, es wäre viel schöner, wieder in meiner alten Schule zu sein, auch wenn ich dort auf meine Freunde hätte verzichten müssen. Hier war ich offenbar ganz unverschuldet sofort in den Fokus des rauflustigsten Jungen der ganzen Schule geraten.

Frau Kleinschuster erzählte und erzählte und ich hörte nicht zu. Es ging wohl um die Klassenlehrereinteilung und den Stundenplan der ersten Woche. Aber mein Herz pochte wie wild, weil ich mir stattdessen ausmalte, was dieser Franz alles anstellen würde, um mich zu piesacken, und auch für Leo würde es meiner Meinung nach nicht gut ausgehen können. Schließlich war sie jetzt ein Mensch und hatte ihre Zauberkräfte, die sie als Elfe irgendwann einmal besessen hatte, verloren. Das war ihr aber anscheinend gar nicht richtig bewusst.

Als es zur zweiten Pause läutete und Frau Kleinschuster eilig zur Klassentür hinauslief, machte mein Herz einen richtigen Plumps, bevor es wieder wie wild zu pochen begann. Ich saß auf meinem Platz mit gesenktem Kopf und starrte auf den Tisch vor mir, der etliche Kratzer und Scharten aufwies, die ich nun aufs Genaueste betrachtete, nur um mich ein wenig abzulenken. Da war ein großes, sehr krakeliges L eingeritzt und daneben ein Smiley. Außerdem stand da: Franz ist ein Depp.

Ich erstarrte, stand da wirklich Franz ist ein Depp? Die Schrift verschwamm vor meinen Augen und ich las nun: Sei nicht so ein Angsthase, Felix! Alles wird gut.

Ich rieb mir die Augen und schaute zu Leo, doch die saß gar nicht mehr neben mir. Als ich voller Verwirrung wieder auf die Tischplatte vor mir starrte, entdeckte ich nur Kratzer, Schrammen und das große L. Aber ich hatte keine Zeit, mich weiterhin zu wundern, denn Georg, Wendel und Benni tauchten jetzt neben mir auf. „Da kommt er“, raunte Georg mir zu und wirklich, der Franz war direkt auf dem Weg zu uns.

Ich beobachtete die gespannten Blicke der anderen, die das Geschehen rund um die Neuen mit unverhohlenem Interesse verfolgten.

„Wohin hat sie sich denn verkrochen, deine schlaue Freundin?“, richtete Franz prompt das Wort an mich.

Ich zuckte mit den Schultern, denn meine Stimme versagte ihren Dienst.

„Mach dir nicht in die Hose vor Angst, du hast mich doch noch gar nicht von meiner schrecklichen Seite kennengelernt, aber das kommt noch, keine Sorge“, prahlte Franz.

Ich nickte verzweifelt, und obwohl meine drei Freunde um mich herumstanden, fühlte ich mich kein bisschen sicherer.

Das gab Franz so richtig Auftrieb. „Warte nur, nach der letzten Stunde kannst du mit meinen Fäusten Kontakt aufnehmen“, behauptete er großspurig.

Jetzt platzte Georg der Kragen. „Da haben wir auch noch ein Wörtchen mitzureden, vier gegen einen ist zwar unfair und eigentlich nicht mein Stil, aber wenn du Felix und Leo nicht in Ruhe lässt, bleibt uns keine Wahl.“

„Ich nehm es mit euch allen auf.“ Franz hielt Georg seine Rechte unter die Nase. „Die da bedeutet Friedhof und die da“, jetzt zeigte er seine linke Faust, „Krankenhaus. Ihr könnt es euch aussuchen.“

„Ja, du bist wirklich stark und wunderbar, wir zittern vor Angst und im Zuge der Gleichberechtigung von Männern und Frauen machst du sicher mit deinen Fäusten auch vor einem Mädchen nicht halt, oder?“

Wo war Leo denn so plötzlich hergekommen?

Franz zögerte kurz, möglicherweise hatte er doch ein paar Skrupel gegenüber einem Mädchen, als er aber in Leonores freches Gesicht sah und ihren herausfordernden Blick bemerkte, waren seine Zweifel wie weggeblasen.

Auch diesmal beendete das Läuten die Streiterei und Frau Kleinschusters Auftauchen löste die kleine Versammlung rund um mich und Leo herum wieder auf.

Der erste Schultag nach den Ferien ist ja immer recht kurz, denn wir Schüler können uns nur langsam wieder an die Regeln und das Stillsitzen, die der Schulalltag mit sich bringt, gewöhnen. Daher war dies nun die letzte Stunde für diesen Tag und ihr könnt euch bestimmt denken, dass ich auch von dieser nicht viel mitbekommen habe, weil mir das sprichwörtliche Grauen im Nacken saß. Als dann zum letzten Mal an diesem Schultag die Glocke bimmelte, krampfte sich mein Magen zusammen, mir war richtig schlecht. Wie sollte ich das Folgende bloß überstehen?

„Du bist käsebleich“, stellte Leo neben mir fest.

Langsam verließen wir die Klasse, dicht gefolgt von Georg, Wendel und Benni. Als wir durch das Schultor ins Freie traten, gesellte sich auch Anna zu uns, Leo war in der zweiten Pause kurz bei ihr gewesen und hatte ihr von der Aktion, die Franz zuvor geliefert hatte, erzählt, so wusste sie schon Bescheid. Franz und sein Kumpan Jo waren vorerst nirgends zu sehen.

„Gemeinsam sind wir stark“, machte mir Georg Mut. „Wir gehen jetzt einfach mal los, so als wäre nichts, und dann werden wir weitersehen“, bestimmte er.

Zusammen verließen wir also den Schulhof und marschierten in Richtung Dorf. An der unübersichtlichsten Stelle, der Wegbiegung bei der Kirche, die auf einer kleinen Anhöhe thront, lauerten Franz und Jo. Wir hatten sie zuerst nicht gesehen, weil rund um den Friedhof, der hinter der Kirche liegt und von einer hohen Mauer umgeben ist, viele Bäume gepflanzt sind und die beiden sich dort verborgen hatten. Nun sprangen sie hervor wie Kistenteufel und schrien, was das Zeug hielt.

„Stehen geblieben, ihr müsst Weggeld zahlen, sonst gibt es kein Weiterkommen! Wer nicht zahlt, wird vermöbelt!“, brüllte Franz und Jo grinste boshaft.

„Das ist jetzt aber nicht euer Ernst, ihr wollt wirklich zu zweit gegen uns sechs antreten?“, rief Georg.

„Vier, wenn’s hoch hergeht, die Mädchen zählen nicht“, erwiderte Franz, Jo nickte bestätigend und tippte auf seinem Mobiltelefon herum.

Wendel, Benni und ich kramten schon in unseren Taschen nach etwas Geld, das wir diesen Räubern geben wollten, nur um unsere Ruhe zu haben und hier wegzukommen. Nicht so Georg, er pflegte wieder einmal die Tradition der geschliffenen Rede.

„Vom Standpunkt der Logik ist euer Vorhaben von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Anna und Leo nicht in eure fragwürdige Berechnung mit einzubeziehen, weil sie Mädchen sind, ist nicht nur menschlich ein Fehler, sondern auch strategisch.“

„Hä? Was soll die Klugscheißerei? Du hörst dich selbst so gerne reden, Georg, weißt du, das nervt ungeheuer! Lassen wir doch stattdessen unsere Fäuste sprechen, das ist viel mehr nach meinem Geschmack.“ Mit diesen Worten machte Franz einige schnelle Schritte nach vorne, holte mit der Rechten aus und traf ... ins Leere, denn Georg war geschickt ausgewichen.

Franz ließ sich jedoch nicht verdrießen und holte erneut aus, diesmal war Georg nicht schnell genug, der Schlag traf ihn seitlich, oberhalb der Magengrube. Er keuchte erschrocken auf, um sich anschließend vor Schmerz zusammenzukrümmen. Wir anderen waren bis jetzt starr vor Schreck dumm herumgestanden und hatten uns nicht gerührt, aber nun kam Bewegung in unsere Beine, die scheinbar ein Eigenleben entwickelt hatten, und Benni, Wendel und ich rannten los. Wir dachten in diesem Augenblick nicht daran, wie feige das war, wie unfair und wie blöd. Es war einfach der Fluchtinstinkt, der uns loslaufen ließ. Erst als Prinz Edmund hinter der Friedhofsmauer hervortrottete und uns, wie ich fand, sehr vorwurfsvoll anblickte, wurde mir und meinen beiden Freunden bewusst, was zu tun wir da gerade im Begriff waren.

Peinlich berührt blieben wir stehen. Der riesige schwarze Hund kam auf mich zu, hob seinen dicken, schweren Kopf und schnaubte in mein Ohr. Ich könnte schwören, es klang wie: „Schäm dich!“

Wir machten auf dem Absatz kehrt und kamen keine Minute zu früh zurück. Der Kampf war in der Zwischenzeit weitergegangen, Georg lag am Boden, hielt sich den Bauch und heulte, Jo hielt Anna fest, indem er ihre Arme auf dem Rücken fixierte, und Leo und Franz führten ... ja, was war das eigentlich, was die beiden da aufführten? Es sah aus wie ein Volkstanz. Franz stellte das rechte Bein vor, Leo das linke, dann holte Franz aus und Leo duckte sich. Franz stellte das linke Bein vor und holte aus, Leo schob ihr rechtes Bein nach vorn und duckte sich von Neuem. Und so umtänzelten sich die beiden, ohne dass Franz einen Schlag landen konnte. Deshalb war er ziemlich wütend.

Leo hingegen lachte fröhlich und rief: „Fang mich doch, wenn du kannst, aber dafür musst du anscheinend noch üben.“

Anna fauchte Jo an: „Aua, du tust mir weh, lass mich los, damit ich dir eine scheuern kann!“ Aber ihr Aufpasser lachte nur und rührte sich nicht.

Sie alle waren dermaßen abgelenkt, dass niemand uns kommen sah. Ich lief zu Georg und half ihm auf, Wendel und Benni packten Jo, sodass er Anna loslassen musste, die sich sofort lautstark beschwerte.

„Na, das wurde aber auch Zeit! Ihr rennt einfach weg, hallo, geht’s noch?“

Aber das Beste war, dass Franz, der immer noch verbissen versuchte, Leo zu verprügeln, zur Salzsäule erstarrte, als Prinz Edmund auf ihn zukam. Es gibt Menschen, die hatten noch nie ein Haustier oder sie mögen einfach keine Tiere. Sie haben Angst vor Hunden, Katzen, Pferden, Mäusen, Vögeln, allem, was läuft, fliegt, bellt, miaut und knurrt. Franz war offenbar so jemand. Er kannte Prinz Edmund nicht, hatte ihn noch nie zu Gesicht bekommen und ich muss zugeben, wenn man nicht weiß, wie lieb er ist, kommt er ganz schön Furcht einflößend rüber.

Die große schwarze Dogge stand einfach nur da und schaute Franz an, ruhig und lange, seine Lefzen zitterten möglicherweise ein bisschen, vielleicht sah man seine großen, spitzen Reißzähne für einen kurzen Moment, vielleicht knurrte er ein wenig, was es auch war, es ging unheimlich schnell und zeigte Wirkung.

Franz und Jo gaben Fersengeld. Sie sprinteten den Kirchhang hinunter, über die Fußballwiese auf den Wald zu und hinter ihnen lief langsam und majestätisch Prinz Edmund. Es war ein wunderbarer Anblick.

***

Gwendolyn saß am Ufer des Baches und hielt ihre Hand ins Wasser. Ein Fisch schwamm neugierig heran, und erst als die Elfe ihre Finger bewegte, tauchte er ab und versteckte sich unter einem Stein.

Rainer, der kleine Fuchs und Gwendolyns bester Freund, saß neben ihr und beobachtete die Szene. Eigentlich hatte er nach diesem Manöver des Fisches mit dem hellen Lachen seiner Freundin gerechnet, aber die Elfe schwieg und blickte ernst und gedankenverloren ins Wasser, so als hätte sie den Fisch gar nicht bemerkt. Zart stupste der Fuchs sie mit seiner Nase an. Als darauf keine Reaktion erfolgte, versuchte er es ein zweites Mal, nun ein wenig fester. Auch das schien Gwendolyn nicht zu bemerken. Rainer nahm einen kleinen Anlauf, und gerade als er zum Sprung ansetzte, erhob sich das Elfenmädchen. Der Fuchs konnte nicht mehr bremsen und landete mit einem lauten Platsch im Wasser. Prustend, spuckend und völlig durchnässt krabbelte er zurück ans Ufer.

„Was ist denn mit dir los, Rainer? Ist es für ein Bad nicht ein wenig kühl?“, fragte Gwendolyn mit leiser, trauriger Stimme.

Rainer seufzte. „Ja, meine Liebe, ein Bad war eigentlich auch nicht geplant. Ich wollte dich lediglich aus deinen düsteren Gedanken holen.“

„Ach, Rainer, du bist lieb, aber du kannst mir nicht helfen. Geh nach Hause, ich muss nachdenken, dabei brauche ich meine Ruhe.“


*

3. Kapitel

Das war also der Start ins Schuljahr mit meinen Freunden und mit Leo.

Nach der kleinen Jagd mit Prinz Edmund über Wald und Wiese waren Franz und Jo übrigens eine Zeit lang ziemlich zahm. Wie lange jener Ausflug gedauert hat, haben wir leider nie erfahren, aber Leo meinte, ihr Prinz sei ein sehr ausdauernder Läufer.

Leider hatte dieses Abenteuer auch eine Schattenseite. Bei Franz war eine große Wut auf diesen grässlichen schwarzen Köter, wie er Prinz Edmund nannte, entstanden. Sein Herz sann auf Rache und das Gefühl, in der Öffentlichkeit gedemütigt worden zu sein, konnte er nicht ertragen. So wuchs die Blume des Hasses langsam und stetig in seiner Seele und wurde größer und größer. Prinz Edmund aber, der wie wir davon nichts ahnte, begleitete uns arglos jeden Tag bis vor das Schultor und wartete dort, bis der Unterricht aus war, um dann neben uns her nach Hause zu trotten. Das war für mich eine große Erleichterung, denn wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, bin ich nicht besonders mutig. In Prinz Edmunds Begleitung fühlte ich mich viel sicherer und war froh, Ruhe vor den bösen Jungs zu haben.

Als der Schulalltag dann so richtig eingekehrt war und unsere Freundin Leo festgestellt hatte, dass es im Unterricht mitunter ziemlich langweilig sein konnte, ertappte ich sie immer öfter dabei, wie sie aus dem Fenster guckte, ihre großen dunkelgrünen Augen in die Ferne richtete und mit ihren Gedanken offenbar ganz woanders war. Anna hatte Leo eingebläut, nicht so vorlaut zu sein und sich nicht durch Bemerkungen über Dinge, die kein Mensch wissen konnte, zu verraten.

Aber natürlich konnte Leo ganz oft ihren Mund nicht halten und es kam immer wieder zu sehr schrägen Situationen. Besonders im Geschichtsunterricht wartete sie mit interessanten Details aus dem Leben längst verstorbener Monarchen und Feldherren auf oder sie berichtete von Personen, die in keinem Geschichtsbuch standen, laut Leo aber irgendwann gelebt haben sollen zu Zeiten, als ihre Eltern oder Großeltern noch kleine Elfchen gewesen waren. Das regte unseren alten Geschichtslehrer ziemlich auf.

Herr Weixelbaum, so heißt er, ist nicht wie Frau Kleinschuster davon überzeugt, dass in jedem Kind und überhaupt in jedem Menschen ein guter Kern steckt, mag er auch noch so verborgen sein. Vielmehr ist er ein Mann, der sich selbst sehr ernst nimmt und das auch von seinen Schülern erwartet. Leos Bemerkungen waren für ihn daher immer ein Angriff auf seine Kompetenz und auf seine Autorität. Er war bald davon überzeugt, dass sie ein sehr vorlautes, freches Mädchen war, das es darauf anlegte, ihn vor der Klasse lächerlich zu machen.

Eines schönen Tages im Oktober, der Herbst war inzwischen eingekehrt und der alte Ahornbaum vor dem Fenster unseres Klassenzimmers hatte leuchtend gelbe, rote und braune Blätter bekommen, die im milden goldenen Licht der Herbstsonne ab und an langsam zu Boden segelten, nahm Herr Weixelbaum gerade römische Geschichte mit uns durch.

„Leonore, wie ich sehe, interessiert dich das herbstliche Blätterspiel vor dem Fenster viel mehr als mein Unterricht. Du bist doch sonst auch immer so gut darin, mich über Details aus der Vergangenheit zu belehren, sodass ich oft schon dachte, du müsstest, um all das zu wissen, bereits einige Hundert Jahre alt sein.“ Er lachte kurz und trocken über seinen eigenen Witz. „Nun sag mir bitte, was weißt du über die frühen Siedlungen der Römer hier in der näheren Umgebung. Und nenne mir die bekannteste. Ich sprach übrigens in der letzten Stunde darüber, wenn du aufgepasst hast, wirst du dich daran erinnern.“ Leo wandte langsam ihren Kopf, es schien, als könnte sie sich nur schwer vom Anblick des alten Baumes vor dem Fenster lösen. Abwesend blickten ihre großen Augen in das immer ein wenig boshaft wirkende Gesicht des alten Lehrers.

„Die Römer, schon wieder die Römer. Was habt ihr Menschen nur mit diesen Römern?“, murmelte sie mit belegter Stimme.

Georg, der auf der anderen Seite neben Leo saß, machte mir hinter ihrem Rücken ein Zeichen, indem er seinen Zeigefinger vor seiner Stirn drehte, um mir zu signalisieren, er sei der Meinung, unsere Freundin wäre nun völlig verrückt geworden.

„Ich mag sie nicht wirklich, diese Römer, sie waren trotz der Errungenschaften, die für die damalige Zeit sicher großartig waren, in vielem noch sehr rückständig und vor allem ihre Mordlust finde ich besonders abstoßend. Gladiatorenkämpfe, sage ich da nur. Meine Großmutter hat mir viel über ihre Brutalität erzählt. Einige Römer kannte sie persönlich, sie ist nach eurer Zeitrechnung am selben Tag geboren wie Gaius Julius Cäsar, nämlich am 13. Juli im Jahr 100 vor Christus. Die Geschichten über die alten Römer ... das weiß man doch alles. Gibt es keine interessanteren Themen für Ihren Unterricht, ich beginne mich wirklich zu langweilen“, teilte sie unserem Lehrer mit.

Die Stille in der Klasse war nahezu unheimlich, Leo und Herr Weixelbaum hatten die volle Aufmerksamkeit aller. Der alte Lehrer schien zur Salzsäule erstarrt zu sein, er war, was wahrscheinlich in seiner Berufslaufbahn bisher noch nie passiert war, sprachlos. Er starrte Leo an, sie starrte zurück. Das schien eine kleine Ewigkeit zu dauern, bis, wie könnte es anders sein, Georg auf den Plan trat.

„Na ja, langweilig finde ich den Unterricht von Herrn Weixelbaum nicht, aber die alten Römer sind wirklich ziemlich ...“ Weiter kam er nicht. Er hatte auf Risiko gespielt und die Rechnung ging scheinbar auf. Oder nicht?

„Ist jetzt etwa die Diskussionsrunde über den Lehrstoff eröffnet? Hat vielleicht sonst noch jemand ein paar Vorschläge, wie ich meinen Unterricht für die Herrschaften abwechslungsreicher gestalten könnte? Bitte, ich höre.“

Wendel meldete sich zum Erstaunen aller. „Bitte, ich ...“

Nun richtete sich der geballte Zorn des Lehrers auf den armen Wendel. „Du? Du hast Verbesserungsvorschläge? Das kann ich mir denken, du passt ohnehin nie auf in meinem Unterricht. Du wirst ja auch von den anderen Kollegen liebevoll Traummännlein genannt, aber nicht mit mir. Das gibt ein Nicht genügend für dich und für alle anderen auch.“

Die Pausenglocke schrillte und Herr Weixelbaum rauschte aus der Klasse.

„Ich wollte ihn doch nur fragen, ob ich aufs Klo kann“, jammerte Wendel.

„Dein Timing, das ist wieder typisch. Hast du keine Uhr? Sich in so einer Situation eine Minute vor dem Läuten zu melden ...“ Georg schüttelte den Kopf, er war richtig böse. Hastig rannte Wendel aus der Klasse.

„Was ist denn mit dir los, Leo?“, fragte ich sie derweil verstört. Sie antwortete mir nicht, sondern blickte schon wieder traurig aus dem Fenster. „Ich mach mir Sorgen um sie“, raunte ich Georg zu.

„Ich mach mir eher Sorgen um mich“, gab der laut zurück, „ein Nicht genügend, für das ich gar nix kann. Das ist zwar neu, aber hilft mir nicht wirklich weiter auf dem Weg zu meinem Schulabschluss.“

„Der eh noch in weiter Ferne liegt“, stellte ich fest.

„Na und? Ich bekomme zu Hause sicher wieder Ärger und das zieht dann diverse Verbote nach sich. Handyverbot, Computerverbot, Fernsehverbot. Das ist so ungerecht, und alles nur, weil ich meinen Mund nicht halten kann. Ich wollte eigentlich nur helfen.“ Missmutig stand Georg auf und verließ das Klassenzimmer.

Benni, der meistens sehr wenig sagt, dafür aber umso mehr denkt, stand plötzlich neben Leo und sprach sie an. „Du hast Heimweh, das ist ganz klar. Magst du nicht mit uns darüber reden?“

Leo sah ihn erstaunt an „Woher weißt du das?“, fragte sie, während bereits Tränen in ihren Augen schimmerten.

„So schwer ist das jetzt auch wieder nicht zu erraten.“ Benni schaute sie ernst an. „Ich habe eine große Familie, es ist manchmal megaanstrengend – für meine Eltern, für meine Geschwister, für mich, für uns alle. Die viele Arbeit, das Geld, das ständig fehlt, alle müssen zusammenhelfen, damit der Alltag klappt. Aber ich könnte keinen einzigen Tag ohne sie leben und ich will es auch nicht.“

Nun kullerten Leo die Tränen über die Wangen. „Ja, du hast recht, ich vermisse meine Familie so sehr, ich habe mir eure Welt ganz anders vorgestellt, ich dachte, alles wäre viel besser, spannender, schöner hier bei euch Menschen. Ich dachte, ich könnte ohne meine Familie auskommen, denn ihr seid für mich da, Agnes und Günther sind wie Eltern zu mir und Anna ist jetzt meine kleine Schwester, aber ich schaff es einfach nicht, ich kann nicht ...“ Damit vergrub sie ihr Gesicht in ihren Armen und schluchzte so herzzerreißend, dass wir gar nicht bemerkten, dass Franz wohl schon eine Weile hinter uns stand und uns belauschte.

„Das ist der Beweis“, brüllte er plötzlich, „schon lange habe ich den Verdacht, dass mit der da etwas nicht stimmt.“

Betreten schauten wir uns an, das war nun wirklich eine blöde Situation. Wir hatten gegen unsere sonstige Gewohnheit nicht aufgepasst und über Dinge geredet, die wir sonst nur in kleiner Runde besprachen.

„Du bist gar keine blöde Ausländerin, nein, du bist noch was viel Schlimmeres, du bist womöglich gar kein richtiger Mensch.“ Franz war völlig außer sich ob der Begeisterung über diese Erkenntnis.

Wieder einmal rettete die Glocke die Situation. Unser Mathelehrer stand schon in der Klasse und in diesem Fach konnte sich niemand ein negatives Auffallen oder eine schlechte Note leisten, Franz schon gar nicht.

„Das hier ist noch nicht geklärt“, raunte er Leo zu. „Ich werde herausfinden, wer oder was du wirklich bist, und wenn es das Letzte ist, was ich auf dieser Welt mache“, flüsterte er theatralisch. Dann lief er zu seinem Platz.

***

„Gevatter Dachs?“

Die schnarrende Stimme der Ratte riss den alten Dachs aus seinen Gedanken, die Notenläufe und musikalischen Abfolgen seiner Komposition, die mit ihrem fulminanten Crescendo der Höhepunkt seines kompositorischen Schaffens hätten werden können, waren ausgelöscht. Nur ein unangenehmer Summton in seinem linken Ohr, wie er in letzter Zeit häufiger auftrat, war zurückgeblieben.

Zornig starrte er dem Nachbarn entgegen. „Was soll die unerwünschte Störung?“, schimpfte er. „Ist es denn schon so weit? Ich bin noch gar nicht vorbereitet.“

„Folg mir“, war die kurze Antwort, „du wirst es nicht bereuen.“

*

4. Kapitel

Wir saßen gemeinsam im Pächterhäuschen von Agnes und Günther, die Leo nach ihrer Verwandlung bei sich aufgenommen hatten. Draußen pfiff ein kalter Herbststurm ums Haus und es begann schon, dämmrig zu werden. Drinnen in der Küche war es gemütlich und warm und ein Feuer knisterte im Ofen. Agnes hatte diese Krisensitzung, wie sie es nannte, einberufen und ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass es hier um Leos seltsames Verhalten in letzter Zeit und um ihre Zukunft gehen sollte. Ich sorgte mich um das Ergebnis und wo uns das alles noch hinführen würde.

Agnes hatte eine Schale mit Äpfeln und Nüssen auf den Tisch gestellt und ich griff nach einem Apfel, weil mich das Kauen ein wenig von den trüben Gedanken ablenken sollte. Leo wirkte wie meist in letzter Zeit geistesabwesend und schaute mit großen Augen Richtung Fenster. Ich folgte ihrem Blick, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Einige welke Blätter wehten draußen vorbei, der Wind rüttelte an den Ästen der alten Apfelbäume, sodass man ihr Knarren sogar hier drinnen hören konnte. Für einen Augenblick sah man einen Schatten vorbeihuschen.

„Wahrscheinlich Günther“, dachte ich, „der noch etwas im Stall zu erledigen hat.“

Im nächsten Moment schreckte mich Agnes’ Stimme aus meinen Gedanken auf. „Günther kann heute leider nicht bei uns sein, er musste in die Stadt, um für Herrn Rosenberg eine dringende Besorgung zu machen.“

Sofort schaute ich wieder zum Fenster, Wind, Blätter, Apfelbäume, Dämmerung, nichts Ungewöhnliches.

Da fühlte ich Leos dunklen Blick auf mir ruhen. „Felix, du hast richtig gesehen“, erklang es in meinem Kopf, so als spräche sie in meinen Gedanken.

„Ja, aber was habe ich denn gesehen?“, dachte ich.

„Wir sitzen heute hier“, fuhr Agnes fort, „weil ich das Gefühl habe, meinem lieben Ziehkind, meiner lieben Leo, die mir so sehr ans Herz gewachsen ist wie eine eigene Tochter, geht es in letzter Zeit nicht so gut.“ Leo sah nun zu Agnes und es lag Zuneigung in ihren schönen, großen Augen. „Magst du uns nicht sagen, was dich quält? Ich habe dich ja schon mal danach gefragt, Günther hat ebenfalls versucht, mit dir darüber zu sprechen, und ich denke, deinen Freunden ist es auch aufgefallen. Zumindest Anna hat mir schon von ihren Ängsten um dich berichtet.“ Agnes war aufgestanden und legte nun ihre Hände auf deren Schultern. „Willst du uns was dazu sagen, Anna?“

„Ja, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll“, begann Wendels Schwester zaghaft, was sonst nicht ihre Art ist, „ich merke einfach, dass du, Leo, nicht mehr so wie früher bist. Die erste Zeit hier bei uns warst du so fröhlich, so glücklich und jetzt ist es, als würde dich etwas bedrücken, als quälte dich etwas. Aber du redest mit keinem darüber. Auch nicht mit mir, obwohl ich bestimmt deine beste Freundin bin.“ Anna schluckte heftig und ich fürchtete, sie würde gleich weinen.

Alle schauten gespannt zu Leo. In diesem Moment sprangen Prinz Edmund und Bella, die alte Mischlingshündin von Agnes und Günther, die bisher still und scheinbar schlafend unter dem Tisch gelegen hatten, auf und rannten knurrend zum Fenster. Nun war unsere ganze Aufmerksamkeit auf die beiden Hunde und das, was sie verbellten, gerichtet.

Da klopfte es an der Tür.

Als Agnes zögernd öffnete, stand niemand davor. „Das war wohl nur der Wind“, murmelte sie etwas verwirrt, nachdem sie hinausgetreten war und sich nach allen Seiten umgeblickt hatte.

Da begann Leo zu sprechen: „Ihr habt ganz recht, es geht mir nicht so gut in letzter Zeit. Es liegt nicht an euch, das möchte ich zuallererst klarstellen. Natürlich habe ich mir das Leben hier ein wenig anders vorgestellt, die Erwartungen an etwas Neues sind meist größer, als es die Realität zu halten vermag, aber ich finde es wunderschön bei euch. Ihr seid alle so lieb und gut zu mir und es macht Spaß, in die Schule zu gehen, die Lehrer, den Franz und seine Freunde und manchmal auch euch ein wenig zu ärgern.“ Leo zwinkerte uns zu. Agnes schüttelte lächelnd den Kopf. „Aber da ist noch etwas anderes.“ Prinz Edmund war an Leos Seite getrottet, saß nun still neben ihr, hoch aufgerichtet, und spitzte seine Ohren, während sich Bella leise knurrend wieder unter den Tisch verzog. „Es ist etwas geschehen, ich bin, wie ihr wisst, ein Mensch geworden und darum ist es mir leider nicht möglich, genau zu verstehen, was es zu bedeuten hat, aber so viel kann ich sagen: Im Reich meines Vaters passieren schlimme Dinge.“

Wir starrten alle wie gebannt auf unsere Freundin. „Was ist denn los, woher willst du wissen, dass da etwas nicht stimmt bei deinen Eltern?“, platzte Georg schließlich heraus.

„Es gibt Zeichen, die ich auch als Mensch unmissverständlich deuten kann“, erklärte Leo. „Ich bin, wie vielleicht manche schon bemerkt haben, offenbar doch nicht vollkommen verwandelt und machtlos. Ein paar Dinge wurden mir nicht genommen und einige meiner alten Kräfte, das spüre ich, kehren nach und nach zu mir zurück.“

Agnes seufzte laut auf. Ich glaube, sie war ziemlich erschrocken und traurig über diese Nachricht und was sie womöglich zu bedeuten hatte.

„Was genau geschieht gerade im Elfenreich? Irgendetwas musst du bemerkt haben, sonst wärst du nicht so in Sorge. Von welchen Zeichen sprichst du denn?“, fragte Anna.

Nachdenklich sah Leo uns der Reihe nach an, so als müsste sie abwägen, was sie uns erzählen konnte und was nicht. „Ihr werdet es nicht begreifen“, sagte sie vorsichtig.

„Mach bitte nicht so ein Theater!“ Georg war schon wieder auf hundertachtzig. „Lass uns selbst entscheiden, ob wir es verstehen oder nicht.“

„Nun gut. Also, wenn ich durch den Wald gehe, zieht es mich oft zu dem Tor, ihr wisst schon, das Tor, durch das ich in eure Welt kam. Es hat sich verändert. Der Rosenbusch ist verwelkt, die Dornen aber sind gewachsen und mittlerweile so groß, dass sie wie kleine Schwerter starr und spitz in den Himmel ragen.“

Wir blickten uns reihum fragend an, es klang bedrohlich, ja, aber es konnte doch auch nur ein Zufall sein. Womöglich war der Rosenbusch einfach alt und seine ganze übrig gebliebene Kraft schickte er eben nicht mehr in duftende Blüten, sondern in seine Dornen. Außerdem war ohnehin Herbst, da wurden doch alle Büsche welk und kahl, oder?

„Ich habe zudem das Gefühl, dass es Versuche gibt, Kontakt mit mir aufzunehmen. Ihr hörtet alle das Klopfen an der Tür. Aber als Agnes nachschauen wollte, stand niemand draußen. Felix hat ebenso wie ich den Schatten gesehen, der vorhin am Fenster vorbeigehuscht ist, und es gibt viele solcher Zeichen, die ich in letzter Zeit beobachtet habe. Prinz Edmund ist meiner Meinung, irgendetwas stimmt nicht.“

„Was willst du tun?“, fragte Anna besorgt. „Können wir dir helfen?“

Leo schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß nicht, was ich tun kann, ich bin selbst ganz ratlos. Aber meine Kräfte, das spüre ich, werden stärker und vielleicht ermöglichen sie es mir, einen Einblick zu gewinnen. Falls ich eure Hilfe brauche, und das kann durchaus der Fall sein, lasse ich es euch wissen. Vorerst aber will ich abwarten, die Zeit in meiner alten Welt vergeht in einem anderen Tempo als hier, so hoffe ich, es wird noch nicht zu spät sein.“

Das klang gar nicht nach der Leonore, die normalerweise mindestens so ungeduldig wie Georg ist. Einfach nur dasitzen und abwarten? Wollte sie uns in Sicherheit wiegen? Wollte sie uns täuschen, weil sie in Wirklichkeit ganz andere Pläne hatte, von denen wir nichts wissen sollten?

Als ich aufschaute, fing ich Annas Blick auf, sie schüttelte fast unmerklich den Kopf. Also hatte auch sie Zweifel. Die anderen jedenfalls schienen mit dieser Erklärung zufrieden zu sein. Diese Schafe, kannten sie Leo so schlecht? Aber ich war mir sicher, etwas hatte begonnen ...

***

Mühsam und laut schnaufend quälte sich der Dachs hinter seinem Nachbarn durch die engen Gänge. Im Vorübergehen zuzelte er rasch an einem Wurmende, das ahnungslos und unvorsichtig von der Decke baumelte, und saugte letztendlich auf diese Art den ganzen beachtlichen Regenwurm in seinen Mund.

„Soooo“, grummelte er zufrieden, „jetzt habe ich wenigstens etwas im Magen. Über der ganzen Arbeit heute hatte ich völlig vergessen, wie hungrig ich war.“


*

5. Kapitel

Es hatte die letzten Tage geschneit, und zwar so heftig, dass das ganze Dorf und der Wald unter einer dicken weißen Decke verschwanden. Durch die Schneepracht wirkten die Häuser plötzlich ganz klein und geduckt, denn nur die Dächer mit den Schornsteinen ragten hervor. Rauch kringelte sich in den grauen Himmel, der immer weiteren Schnee herabschickte. Der Großvater war viele Stunden mit Schneeschaufeln beschäftigt gewesen, um Wege zum Stall und zum Holzschuppen freizumachen, und ich half ihm dabei. Die Landschaft wirkte plötzlich fremd und die Welt schien auf einmal so klein. Der Schnee verschluckte alle Geräusche und es war alles ganz still und weiß.

In der Küche werkelte die Großmutter am Herd und legte Scheit um Scheit Holz nach. Wenn der Großvater und ich durchgefroren ins Haus kamen, brannte ein lustiges Feuer im Ofen, Tee und Kekse standen für uns bereit und es war wunderbar gemütlich, am großen Küchentisch zu sitzen, den heißen Tee zu schlürfen, immer wieder einen Keks zu zerknabbern und dabei dem Schneetreiben vor dem Fenster zuzuschauen.

Meine Freunde kamen vorbei, wir spielten Karten oder überlegten uns, was wir in den Weihnachtsferien unternehmen könnten. In der Schule standen zwar bis dahin noch zwei Schularbeiten und einige Tests an, aber ich hatte mich mittlerweile eingewöhnt und die Lehrer hatten erkannt, dass ich zwar kein Genie war, mir aber Mühe gab, und so drohte mir keine große Gefahr in irgendeinem Fach. Auch Leo gab sich wieder mehr Mühe und hatte aufgehört, Herrn Weixelbaum zu ärgern. Franz laborierte schon länger an einer Angina und fehlte daher in der Schule und ohne ihn war Jo recht harmlos. Es war eine richtig friedliche, schöne Zeit, und wie es manchmal so ist, vergisst man über den guten Tagen gerne, dass es auch schlechte geben kann.

Eines Abends klingelte es. Agnes stand im Schneetreiben vor der Haustür. Sie war ziemlich aufgeregt. Leonore wäre am frühen Nachmittag gleich nach der Schule – sie hätte nur noch eine Kleinigkeit gegessen – mit Prinz Edmund zu einem Spaziergang aufgebrochen und seither nicht mehr zurückgekehrt. Günther habe sich schon mit Bella auf die Suche gemacht, wäre aber nach einer Stunde erschöpft nach Hause zurückgekehrt, weil das Schneetreiben immer stärker geworden sei und er nicht gewusst habe, wo er noch suchen könnte. Nun war Agnes gekommen, um zu fragen, ob Leo bei mir wäre oder ob ich etwas wüsste, ob sie vielleicht uns Freunden erzählt hätte, wo sie hinwollte und was sie vorhätte.

Mir hatte Leo natürlich nichts erzählt, sie war auch in der Schule so wie immer gewesen. Als ich daraufhin Georg, Wendel, Anna und Benni jeweils eine Nachricht schickte, in der ich sie fragte, ob sie vielleicht eine Ahnung hätten, wo Leo stecken könnte, bestätigten sie mir, dass es auch für sie ein Rätsel sei und sie sich nicht denken könnten, wo unsere Freundin abgeblieben wäre außer ...

Der Rosenbusch, schrieb Anna.

Das ist unmöglich, der ist sicher unter einem Meter Schnee begraben, antwortete ich.

Anna gab zu bedenken: Vergiss nicht, es ist der Eingang zu einer anderen Welt, wer weiß, ob er den Naturgesetzen unserer Welt gehorcht.

Das war natürlich ein Argument, da hatte Anna recht. Wer konnte schon wissen, wie das wirklich war mit diesem Rosenbusch, der in den vergangenen Sommerferien, als Leo zum Menschenkind geworden war, das Tor zum Elfenreich darstellte. Ohnehin war die Geschichte um Leo immer schon ein wenig unheimlich gewesen. Ich erinnerte mich mit Schrecken daran.

Ich trat ans Fenster und blickte in die Dunkelheit hinaus. Das Schneegestöber hielt an. Man sah keinen Meter weit. Die Welt wirkte winzig klein.

Mir fiel jener Abend ein, nachdem wir zuvor Leo das erste Mal im Wald getroffen hatten. Als ich vor dem Schlafengehen aus meinem Fenster geguckt hatte, stand sie mit Prinz Edmund, der damals noch ein namenloses Tier gewesen war, am Waldrand. Dieses Bild hatte mir damals eine ziemliche Angst eingejagt. Jetzt machte ich mir allerdings Sorgen um meine Freundin. Es war schrecklich kalt draußen und Leo war ein Mensch wie wir. Sie konnte sich erkälten und sehr krank werden, sie konnte gar erfrieren und sterben, hoffentlich hatte sie das nicht vergessen.

Ich löschte das Licht und schlüpfte unter meine Decke. Es war warm und kuschelig, aber ich konnte trotzdem nicht einschlafen, weil mir einfiel, wie es im vergangenen Sommer gewesen war, als Leo, kurz nachdem wir sie im Wald entdeckt hatten, ganz plötzlich nach einem Unwetter verschwunden gewesen war, und wie schwierig es gewesen war, sie wiederzufinden und schließlich zu retten. Die Vorstellung, dass sie wieder allein da draußen im Wald sein könnte, ja, dass sie womöglich wieder für längere Zeit oder gar für immer verschwunden sein könnte, machte mir große Angst.

Dann, als ich schon fast eingeschlafen war, kam eine SMS von Anna.

Agnes war gerade bei meinen Eltern. Leo und Prinz Edmund sind zurück. J Durchgefroren, aber gesund. Prinz hat sich die Pfote verletzt, darum hat es so lange gedauert.

Ich war unheimlich froh und erleichtert über diese Nachricht. Waren sie doch bei dem Rosenbusch gewesen oder wo hatte sich der Prinz die Pfote verletzt? Jedenfalls gut, dass sie wieder da waren. Beruhigt drehte ich mich auf die Seite und schlief sofort ein.

Aber mein Unterbewusstsein, das ja aus den Ereignissen, die uns sehr bewegen, unsere Träume webt, war wohl noch nicht ganz beruhigt, denn ich hatte schlimme Albträume. Ich wanderte wie in den vergangenen Sommerferien durch die unterirdischen Gänge, die unsere Welt mit der Elfenwelt verbinden. Weil ich meine Taschenlampe zu Hause vergessen hatte, war es sehr dunkel und ich konnte fast nichts sehen. Irgendwo in der Ferne entdeckte ich ein schwaches Licht. Ich folgte ihm und gelangte zu einer Höhle. Darin stand ein altmodischer Schreibtisch, auf dem eine Kerze brannte, daneben lag ein Federkiel und ein offenes Tintenfass stand ebenfalls da. Der Tisch war übersät mit Notenblättern und es wirkte auf mich, als wäre der Hausherr mal kurz vor die Tür gegangen, denn die Höhle war leer.

Aber ich hatte keine Zeit, groß darüber nachzudenken, denn ein schrecklich lautes Geschrei und Gebrüll ließ mich aufhorchen. Es kam von weiter weg, schien aber näher zu kommen. Bestimmt war das Morrmor, das Schoßtier der Hexe Wismelda, die da unten in der Zwischenwelt zusammen mit ihren quergezauberten Tierungeheuern ihr Unwesen trieb. Ich hörte das Schaben von großen, krallenbewehrten Pfoten, die sich langsam, aber stetig in meine Richtung bewegten. Ich erinnerte mich an den Schatten von Morrmor, wie er sich damals im Sommer an der Höhlenwand abgezeichnet hatte. Die spitzen, langen Zähne, der Feueratem.

Während ich noch überlegte, wo ich mich verstecken sollte, wachte ich auf. Mein Herz klopfte wild und ich brauchte einige Zeit, bis ich begriff, dass ich sicher in meinem Bett lag und alles nur ein Traum gewesen war. Trotzdem konnte ich nicht gleich wieder einschlafen und rollte mich von einer Seite auf die andere. War es wirklich nur ein böser Traum gewesen oder ging nun alles wieder von vorne los? War tatsächlich etwas im Elfenreich geschehen, das Leos Eingreifen nötig machte? War sie deshalb so unruhig und abwesend und schwang geheimnisvolle Reden? Brauchte sie wieder unsere Hilfe?

Ich sprang aus meinem Bett und rannte ans Fenster, so als könnte ich draußen in der Dunkelheit eine Antwort finden. Ich starrte in den graphitgrauen Himmel, aus dem es unablässig schneite und schneite. Ich blickte zum Waldrand und versuchte, mit meinen Augen die Dunkelheit und das Schneegestöber zu durchdringen. Nichts. Gar nichts.

Und dann ganz plötzlich sah ich ihn. Er stand ganz still und stumm da, in seinem rotbraunen, langen Mantel, der sich recht deutlich gegen das Weiß der Winterlandschaft abzeichnete. Er musste wohl schon längere Zeit so verharrt haben, denn auf seinem Hut lag hoch aufgetürmt der Schnee, sodass er gegen den weißen Hintergrund kaum sichtbar war. Es war der Leibarzt von Leo und ihrer Familie, dieser sonderbare Doktor Worschody. Da war ich mir ganz sicher.

Ich hatte das Gefühl, er blickte zu meinem Fenster hoch, und so hob ich meine Hand und winkte zögerlich. Es dauerte einen Moment, dann schüttelte er sich heftig, sodass der Schnee von seinem Mantel stob, lüpfte seinen Hut, schüttelte auch diesen kräftig, setzte ihn wieder auf, fasste an die Hutkrempe, wie man es sonst nur aus Cowboyfilmen kennt, drehte sich um und stapfte in den Wald davon.

War ich verrückt geworden? Gut, meine Fantasie ist ziemlich lebhaft, aber ich hatte ihn wirklich gesehen, dessen war ich mir ganz sicher. Ich rannte zu meinem Bett, sprang hinein, sodass es heftig quietschte und knarrte, und zog meine Decke bis zur Nasenspitze hinauf.

***

Der Vollmond beschien den verschneiten Waldweg und sein sanftes Licht brachte den Schnee zum Glitzern und Leuchten. Rita hatte jedoch keine Augen für die Schönheit dieser Winternacht, ihr Fell war schlammverkrustet und klebte an ihrem Körper. Bei jedem Schritt sanken ihre Läufe tief in das kalte Weiß ein und sie kämpfte sich Meter für Meter voran, immer tiefer in den unbekannten Wald hinein. Das Keuchen ihres Atems und das Rauschen ihres Blutes waren die einzigen Geräusche, die sie hören konnte.

Sie wollte ihren Verfolger abschütteln. Ein Mensch hatte sie aufgespürt, das war am späten Nachmittag gewesen, und nun jagte er sie schon seit mehreren Stunden. Die junge Wölfin hatte sich in ihrer Neugier und Abenteuerlust zu weit von ihrem Rudel entfernt. Nun war sie ganz allein auf der Flucht. Alle Tricks und Ausweichmanöver, die ihr die Stammesälteste beigebracht hatte, um menschliche Verfolger loszuwerden, waren fehlgeschlagen. Nicht mal dass sie durch ein Schlammloch gelaufen war, um ihre Spur zu verwischen, hatte etwas genützt. Immer wieder war dieser Mensch aufgetaucht, immer wieder hatte sie ihn wittern können.

Mittlerweile war sie müde und schwach. Mit ihrer Zunge nahm sie etwas Schnee auf, um ihren Durst zu löschen und sich ein wenig zu erfrischen. Der Wunsch, sich hier mitten auf den Weg zu legen und einfach auszuruhen, war beinahe übermächtig. Unter Aufbietung aller Willenskraft verließ sie den Pfad, der zwischen den hohen, alten Tannen und Fichten durch den Wald führte, und entschied sich für einen Marsch querfeldein, weil sie so immer wieder in dem dichten Gestrüpp Schutz finden konnte.

Aber bald bereute sie diese Entscheidung, denn der Schnee war um einiges höher und nicht festgetreten wie auf dem Weg, hier lag er locker und leicht, sodass sie bei jedem Schritt bis zur Brust darin versank. Nach wenigen Metern war die Wölfin völlig erschöpft. Verzweifelt blickte sie sich um, durch die überhängenden Äste der hohen Bäume drang nur wenig Licht zu ihr durch, die Sicht war sehr schlecht. Witternd streckte sie ihre Nase in die Luft und es schien, als hätte sie es geschafft, den Menschen abzuschütteln.

Während Rita versuchte, wieder ein wenig zu Kräften zu kommen und ihre Gedanken zu ordnen, knackten plötzlich in ihrer Nähe ein paar Zweige.

Reflexartig duckte sie sich tief in den Schnee, als ein Schuss die Stille des Waldes zerriss und eine Kugel über ihren Kopf hinwegpfiff. Zitternd kauerte sie sich in die durch ihren Körper entstandene Mulde und lauschte in die Nacht hinein. Schritte näherten sich knirschend ihrem Versteck.

Sie schloss die Augen, sich ihrem Schicksal ergebend, als eine Stimme direkt neben ihrem Ohr flüsterte: „Los, komm mit, beeile dich gefälligst oder willst du ein Loch in deinem Pelz riskieren?“

Als sie ihre Augen öffnete, erblickte sie einen kleinen Fuchs, der den Kopf aus einer Schneewehe streckte. Vorsichtig schob sie sich darunter und bemerkte, dass dies der Eingang zu einer Fuchshöhle sein musste.

Nun war es ein Glück, dass Rita noch so jung war, ihr schmaler, sehniger Körper passte sich widerstandslos dem engen Gang an, der tief unter die Erde führte und schließlich in einer geräumigen Höhle, die erstaunlicherweise hell erleuchtet war, endete.

Dort wartete der Fuchs auf sie. „Da bist du ja“, empfing er sie freundlich.

„Danke, ich danke dir so sehr, du bist mein Retter!“, stöhnte Rita erleichtert.

„Keine Ursache“, murmelte der Fuchs etwas verlegen, „der Schuss hat mich aufgeschreckt, und da du direkt vor meiner Höhle lagst, war es ganz einfach, dich zu retten. Darf ich mich übrigens vorstellen? Mein Name ist Rainer, Rainer Reinecke, stets zu Diensten“, fügte er mit einer kleinen Verbeugung hinzu.

Die Vorderläufe der jungen Wölfin begannen zu zittern und knickten wie von selbst ein. „Endlich in Sicherheit“, war der letzte Gedanke, der durch Ritas Gehirnwindungen sauste, bevor sie an Ort und Stelle einfach umfiel und in einen tiefen, traumlosen Schlaf versank. Rainer starrte ziemlich perplex auf den großen, schlammbedeckten Körper, der beinahe seine ganze Höhle ausfüllte. Mühsam zwängte er sich in eine Ecke und überlegte, was nun zu tun wäre.

Sorgenvoll beobachtete er, wie durch die Wärme in seiner Behausung langsam, aber unablässig der in Ritas Fell festgefrorene Schnee zu tauen begann und sich unter der Wölfin eine Pfütze aus Schlamm und Wasser bildete. Ängstlich schob Rainer Laub und trockenes Gras darüber. Er war stolz auf seinen Fuchsbau, durch die Freundschaft mit Gwendolyn, der kleinen Elfe, besaß er einige Dinge, die für jeden anderen Fuchs nicht selbstverständlich waren.

Da war zuallererst das Glas mit Feenstaub. Es ermöglichte ihm, sich auch tief unter der Erde, wo es normalerweise stockdunkel war, wann immer er es wünschte, an wunderschön glitzerndem Licht zu erfreuen.

Als Zweites gab es eine kuschelige, bunte Decke, von Feen gewebt und gefärbt, ein Geschenk des Königs an ihn. Sie wärmte ihn in einsamen Stunden. Er benutzte sie nur, wenn er sicher sein konnte, ganz sauber zu sein, um sie ja nicht irgendwie zu beschmutzen oder zu beschädigen.

Als Drittes und Letztes gab es ein kleines, wunderbares Daunenkissen. Es hatte einst Gwendolyn gehört, für sie hatte es ausgedient und darum hatte sie es an Rainer weitergereicht. Obwohl es schon recht abgenutzt war, liebte es der Fuchs sehr, es duftete immer noch nach dem Haar seiner Lieblingselfe, und wenn er seine Nase ganz tief darin vergrub, konnte er entfernt den Geruch von Gänsen wahrnehmen, deren Daunen das Kissen so unvergleichlich weich und gemütlich machten. Viele wunderbare Träume hatte er auf diesem Kissen schon geträumt, von satten grünen Wiesen, auf denen ganze Scharen von fetten Gänsen weideten.

Jetzt war er um Schadensbegrenzung bemüht. Verzweifelt versuchte er, seine Kostbarkeiten vor der stetig wachsenden Schlammpfütze zu retten. Da fiel sein Blick auf die schlummernde Wölfin. Im Schlaf hatte sie sich auf die Seite gedreht, sodass das weiße Brustfell, das bereits völlig trocken war, seidig hervorschimmerte. Ihre langen Vorderläufe hatte sie lässig und entspannt von sich gestreckt, ihr edler Kopf ruhte inmitten von Laub, Schlamm und Erde.

Manchmal lief ein leises Zittern durch ihren Körper, so als fröre sie. Sie war von anrührender Schönheit, das musste sich Rainer eingestehen und ganz impulsiv schob er ihr das Kissen unter die Schnauze und breitete die Decke vorsichtig über sie. Dann rollte er sich zusammen, sodass sein Rücken an ihren stieß, schloss die Augen, genoss ihre Nähe und schlief ein.

Бесплатный фрагмент закончился.

807,45 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2025
Объем:
207 стр. 12 иллюстраций
ISBN:
9783960743019
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги