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Eva Ashinze

Der Fall Maria Okeke

Eva Ashinze

Der Fall Maria Okeke

Kriminalroman

orte Verlag

© 2015 orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Janine Durot

Satz: orte Verlag, Schwellbrunn

Gesetzt in Times New Roman

ISBN: 978-3-85830-184-0

ISBN eBook: 978-3-85830-189-5

www.orteverlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

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1

«Moira, kannst du vorbeikommen? Kannst du jetzt vorbeikommen?» Die Stimme von Asim hatte einen drängenden Unterton. Dem war jedoch nicht zu viel Bedeutung beizumessen. Bei Asim war es immer dringend. Ob es darum ging, mir ein paar honigsüsse Melonen vorzusetzen, einen seiner Angestellten aus dem Gefängnis zu holen oder Einsprache gegen eine Parkbusse zu erheben – ich sollte immer jetzt, sprich sofort, vorbeikommen.

Erstmal zog ich an meiner Zigarette und inhalierte den Rauch, so tief es nur ging. Leider stellt sich seit langem kein Tabak-Flash mehr ein; mein Körper ist zu sehr an das Nikotin gewohnt. «Was ist los?», fragte ich Asim, während ich den Rauch wieder ausstiess.

«Du rauchst», meinte Asim vorwurfsvoll.

«Na und? Du rauchst doch auch. Ich kann es hören.»

«Ich bin alt. Du bist jung. Du sollst leben, nicht sterben.»

«Asim, lass den Quatsch. Rufst du mich um Mitternacht an, um mich auf die Gefahren des Zigarettenkonsums aufmerksam zu machen? Das hätte auch bis morgen früh warten können.»

«Natürlich nicht. Natürlich rufe ich nicht deswegen an. Du musst vorbeikommen. Wir müssen reden.» Er zögerte. «Es geht um Mord.»

Asim und ich kennen uns schon lange, eine gefühlte Ewigkeit. Mit Anfang zwanzig war ich lebensmüde und deprimiert und derart pleite, dass sogar mein Zigarettenkonsum darunter gelitten hatte. Deprimiert bin ich noch immer oft. Angepisst von der Welt. Pleite nur noch sporadisch, wenn meine Mandanten kein Geld haben, um meine Rechnungen zu begleichen. Was aber auch nicht gerade selten vorkommt.

Auf jeden Fall hatte mich ein wohlmeinender Freund in Asims Restaurant, das angesagte «Alibaba», eingeladen. Ich turtelte – zum Ärger meines Begleiters – ein bisschen mit dem gut fünfzehn Jahre älteren Asim, und der Abend endete für mich unverhofft mit einem Nebenjob als Kellnerin bei Asim. Die Bezahlung war in Ordnung, der Chef ebenfalls, mein dringendstes Problem also gelöst. Meine Episode als Kellnerin dauerte zwar nicht allzu lange – ich konnte mich nicht überwinden, freundlich zu den Gästen zu sein – aber seither führen Asim und ich eine Art Freundschaft. Da war nie mehr. Keine Küsse, kein Sex. Anziehung ist zwar vorhanden, aber wir widerstehen ihr in stillschweigender Übereinkunft. Weshalb etwas Gutes gefährden? Selten bin ich so einsichtig wie in meiner Beziehung zu Asim. Uns verbindet die Schweigsamkeit. Asim und ich können die halbe Nacht zusammensitzen, zwei oder mehr Flaschen Rotwein leeren und eine Packung Zigaretten teilen. Eine rege Unterhaltung findet nicht statt. Von Asims Privatleben weiss ich nur, dass er zweimal geschieden ist und seit Jahren eine feste Freundin hat, eine Halbinderin namens Yasmina. Anscheinend gibt es in Pakistan auch einen erwachsenen leiblichen Sohn, zu dem er aber keinen Kontakt pflegt. Sowieso ist Asims Vergangenheit ziemlich undurchsichtig. Weshalb und auf welchen Wegen er vor über dreissig Jahren hierhergekommen ist – darüber schweigt er sich aus. Trotzdem vertraue ich Asim. Was ich sonst nicht von vielen Menschen behaupten kann. Wenn ich ein Problem habe, gehe ich zu Asim. Ein gravierendes Problem selbstredend. Mit Liebeskummer zum Beispiel muss ich ihm nicht kommen.

«Such dir einen Neuen», hat er mir auf meine Klage einmal geantwortet. «Du siehst gut aus. Wo ist das Problem?» Für solche Banalitäten hat er kein Verständnis. Aber bei Geldproblemen, Verzweiflung, wüsten Drohungen von Ex-Liebhabern ist er meine Anlaufstelle. Oder einfach nur um gemeinsam einen Abend lang ein paar Flaschen Wein zu trinken. Und seit ich als selbstständige Anwältin arbeite, versorgt Asim mich mit Mandanten aus seinem Umfeld. Mandanten, die meist nicht zahlungskräftig sind, dafür umso verzweifelter. Aber Mord, Mord war bisher nicht dabei.

«Was meinst du mit Mord?», fragte ich vorsichtig.

«Was ich mit Mord meine?», er klang irritiert. «Gibt es da mehrere Auslegungen? Mord, es geht um Mord. Ich brauche dich. Also beweg dich hierher.» Sein Akzent klang stärker durch als üblich; Asim musste ziemlich aufgeregt sein. Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er aufgelegt. Missmutig starrte ich den Hörer an. Ich hatte mir bereits meine üblichen abendlichen Gläser Wein genehmigt, also lag Auto fahren nicht drin. Entweder musste ich mich in den Fahrradsattel schwingen oder ein Taxi nehmen. Mürrisch wog ich die beiden gleichermassen unattraktiven Alternativen – mitternächtliche sportliche Betätigung oder zusätzliche Kosten – gegeneinander ab. Auch den Anruf einfach zu ignorieren erwog ich kurz, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Asim brauchte mich, das war etwas noch nie Dagewesenes. Das durfte ich nicht auf die leichte Schulter nehmen.

2

«Moira, endlich.» Asim küsste mich auf die Wange und führte mich durch das «Alibaba» zu einem Tisch in der hinteren Ecke. «Das ist Henry.» Er deutet auf einen dunkelhäutigen Mann, der mit gesenktem Kopf am Tisch sass. «Henry Okeke.»

«Henry, das ist Moira, Moira van der Meer, die Anwältin.»

Henry hob den Kopf und nickte mir zu. Er war gutaussehend, oder er wäre gutaussehend gewesen, wenn er nicht so verhärmt gewirkt hätte. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, und die Kleidung hing lose an seinem Körper. Offenbar hatte er in letzter Zeit stark abgenommen. Ich setzte mich zu ihm. Er roch nach dem Staub einer ungelüfteten Wohnung, nach Zigarettenrauch und nach etwas anderem, Bitterem: Er roch wie Traurigkeit.

Asim stellte eine Tasse Kaffee vor mich hin. Wein bot er mir heute nicht an. Das hiess, es war wirklich ernst. «Erzähl es Moira», sagte er zu Henry gewandt.

«Es ist … Der Staatsanwalt …», setzte Henry mehrmals an, schüttelte dann den Kopf und deutete mit dem Kinn auf Asim. «Erzähl du. Ich kann nicht.» Sein Deutsch war gut, zwar nicht so gut wie das von Asim, aber gut. Sein Akzent verriet jedoch – neben seinem Aussehen – seine afrikanische Herkunft.

«Es geht um Henrys Tochter. Maria.» Asim beobachtete mich. «Maria ist tot.»

Ich zuckte zusammen. Maria ist tot. Dann beruhigte ich mich. Marias gibt es zu Tausenden. Das hier war eine andere Maria. Nicht meine. Ein Zufall. Kein Zeichen.

«Tot? Wurde sie ermordet?»

Asim schüttelte den Kopf und zuckte gleichzeitig mit den Achseln, was mich unter anderen Umständen sehr erheitert hätte. Asim gab mir einen Zeitungsauschnitt. «Am besten liest du das.»

Frau von mehreren Autos überrollt

Auf der Autobahn A1 bei Winterthur-Wülflingen ist am späten Freitagabend des 2. März eine Frau von mehreren Fahrzeugen überrollt worden. Sie wurde zunächst von einem Personenwagen überfahren. Nach der Kollision geriet das Auto ins Schleudern, überschlug sich und kam auf dem Dach zu liegen. Der Lenker wurde dabei nicht verletzt. Anschliessend wurde die tödlich verletzte Frau von weiteren Fahrzeugen überrollt. Die Autobahn musste für mehrere Stunden gesperrt werden. Die Staatsanwaltschaft geht aufgrund der Untersuchungen von einem Suizid aus. Die verstorbene Frau sprang von der Brücke vor der Ausfahrt Winterthur-Wülflingen. Noch ungesichert ist die Identität der Frau. Ein Gentest, durchgeführt vom Rechtsmedizinischen Institut Zürich, soll im Laufe der Woche Klarheit bringen. «Dieses Vorgehen ist bei Verkehrsunfällen dieser Art üblich», so der Sprecher der Kantonspolizei. «Denn das Opfer ist so stark entstellt, dass eine Identifikation nicht möglich ist.»

Ich war etwas ratlos. Der Artikel war einige Wochen alt. «Ich verstehe nicht», sagte ich. «Geht es in diesem Artikel um Maria? Sie hat sich umgebracht? Weshalb …»

Henry unterbrach mich. «Sie hat sich nicht umgebracht. Das ist eine Lüge! Eine Lüge! Der Staatsanwalt behauptet das. Er behauptet, sie habe sich prostituiert. Eine Nutte sei sie gewesen, und dann habe sie sich umgebracht, aus Scham und weil sie deswegen depressiv war oder was weiss ich. Aber das stimmt nicht. Das ist nicht wahr.» Seine Stimme brach. Er bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen. Aus seiner Kehle drang ein dumpfer Krächzer, der mich erschauern liess. Asim sah mich an und deutete mit dem Kopf auf die Eingangstür des «Alibaba». Ich nickte und stand auf.

«Wir lassen dich einen Augenblick allein.» Asim legte Henry die Hand auf die Schulter. «Nachher besprechen wir alles in Ruhe.»

«Maria war sein Ein und Alles.» Asim steckte sich eine Zigarette in den Mund. «Er ist unter Abacha aus Nigeria geflohen, zusammen mit seiner Frau, die damals schwanger war.» Nigerianer. Das hatte ich bereits vermutet. Henrys Aussehen, sein Akzent, sein Name. Das alles kam mir bekannt vor. «Kurz darauf ist seine Frau gestorben», fuhr Asim fort. «Seither hat er Maria alleine grossgezogen.» Er stiess Rauch aus und hustete gleichzeitig. «Er war Journalist, weisst du. Deswegen musste er gehen. Flucht oder Folter. Das war die Wahl, wenn du eine andere Meinung vertreten hast als die Regierung. Jetzt arbeitet er als Arbeiter in einer Firma für Medizinaltechnik. Künstliche Gelenke herstellen und so. Er hat zig Weiterbildungen besucht.»

«Schön und gut, dass du mir seine Lebensgeschichte erzählst», sagte ich. «Aber was hat es mit Marias Tod auf sich? Und weshalb bin ich hier? Bei Selbstmord gibt es für einen Anwalt in der Regel nichts mehr abzukassieren.»

«Du bist grässlich, weisst du das? Manchmal bist du einfach nur grässlich.» Asim starrte mich an. Ich weiss es. Ich bin grässlich. Ich kultiviere das Grässlichsein, so oft es geht.

Asim zündete sich an der Kippe gleich eine neue Zigarette an, und ich tat es ihm gleich. Ich schaute einen Moment in den Himmel. Sterne funkelten, es war kalt und klar, eine Seltenheit im April.

«Maria ist eines Tages verschwunden», nahm Asim den Faden wieder auf.

«Wie alt ist Maria? War Maria?» unterbrach ich ihn.

«Achtzehn, neunzehn. Maria war verschwunden. Henry meldete sie vermisst. Eine junge Frau wurde auf der Autobahn überfahren, nachdem sie sich von einer Brücke gestürzt hatte. Sie war zwar bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, aber schwarz, also zählten die Bullen eins und eins zusammen und tauchten bei Henry auf. Um sicher zu gehen, wurde ein Gentest gemacht. Die tote Frau ist Maria.» Asim drückte seine Zigarette an der Hauswand aus und steckte den Stummel in die Hosentasche. Ich nahm einen letzten Zug von meiner Zigarette und schnippte sie auf den Boden vor der Eingangstür. Asims missbilligenden Blick ignorierte ich.

«Heute hat Henry ein Schreiben der Staatsanwaltschaft erhalten», nahm Asim den Faden wieder auf. «Die Einstellung des Verfahrens wird angekündigt, da es sich eindeutig um Suizid handle.»

«Das ist Standard, dass ein solches Schreiben kurz vor der Einstellung verschickt wird.» Ich zuckte die Achseln. «Aber wo komme ich nun ins Spiel? Will Henry Ansprüche geltend machen gegen die Autofahrer? Das dürfte bei Suizid schwierig werden.»

«Nein.» Asim schüttelte den Kopf. «Henry glaubt nicht an einen Selbstmord. Er glaubt nicht, dass Maria von der Brücke gesprungen ist. Er glaubt, sie wurde gestossen.»

Das musste ich zuerst verdauen.

«Ich weiss, was du denkst», sagte Asim. «Aber hör dir wenigstens an, was Henry zu sagen hat. Hör es dir an.» Ich warf ihm einen schiefen Blick zu. Und deswegen war ich um Mitternacht durch die halbe Stadt gerast? Wegen des Hirngespinsts eines trauernden Vaters. Wohlweislich sprach ich das nicht laut aus.

«Selbst wenn ich Henry Glauben schenke», sagte ich stattdessen, «und dann? Was stellst du dir dann vor? Was soll ich machen? Nachforschungen anstellen? Das ist nichts für mich. Ich bin keine Privatdetektivin, keine Miss Marple. Ich bin Anwältin.»

«Und? Stellen Anwälte etwa keine Nachforschungen an? Du kannst mit dem Staatsanwalt reden. Dir die Akten ansehen. Solche Sachen.» Asim machte eine Pause. «Bitte.»

«Ich werde nichts finden.» Mein Widerstand bröckelte bereits.

«Egal. Mach es trotzdem. Mach es für mich.» Er sah mir in die Augen. Asim war schlau wie ein Fuchs. Und hinterhältig. Und berechnend. Er war mein Freund. Ich schwieg eine Weile.

«Das wird dich etwas kosten», sagte ich schliesslich.

«Ich weiss.»

Ich seufzte müde. «Lass uns reingehen. Es ist spät und irgendwann möchte ich heute Nacht noch in mein Bett. Und», fügte ich an, «ich möchte alleine mit Henry sprechen. Dich will ich nicht dabei haben.» Asim nickte. Er hatte mich da, wo er mich haben wollte.

«Woher kennt ihr euch eigentlich?», fragte ich Asim, der mir die Tür zum «Alibaba» aufhielt. Ich hatte schon viele Freunde von Asim kennengelernt. Henry aber hatte ich weder jemals zuvor gesehen, noch Asim von ihm sprechen hören. Aber dass Asim und Henry sich gut kannten, war offensichtlich. «Und weshalb hast du mir noch nie etwas von Henry erzählt?»

«Antwort auf die erste Frage: Von früher, viel früher. Antwort auf die zweite Frage: Weshalb sollte ich? Kenne ich alle deine Freunde?»

Ich war genauso schlau wie zuvor.

3

Ich setzte mich Henry gegenüber. Asim verschwand in der Küche. Einer Frau alleine erzählt mancher Mann mehr und Intimeres als in Gegenwart seinesgleichen. Weshalb das so ist, weiss ich nicht. Ich mag Frauen nicht. Ich mag auch keine Männer. Ich mag niemanden, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen.

«Erzähl mir von deiner Tochter», sagte ich zu Henry. «Erzähl mir von Maria.»

«Was soll ich dir erzählen?», fragte er einigermassen hilflos.

«Was dir durch den Kopf geht. Wie sie war, wie sie aussah, was sie so gemacht hat, ihre Hobbies, wer ihre Freunde waren. Du weisst schon. Erzähl mir von ihrem Leben.»

Henry sass eine Weile in sich versunken da. «Maria», begann er, «Maria war etwas ganz Besonderes.»

Auf diesen Satz hatte ich gewartet. Ich wusste, er würde kommen. Das glauben nämlich alle Mütter und Väter. Ihre Kinder sind immer etwas Besonderes. Dabei gibt es bei den meisten keine grossen Abweichungen vom Durchschnitt. Und wenn, dann höchstens zum Schlechteren. Diese Gedanken behielt ich für mich. Sollte Henry seinen Glauben bewahren. Er tat mir leid.

«Sie sah aus wie ihre Mutter», fuhr Henry fort. «Schön. Sie war schön. Gross und schlank und elegant. Und klug war sie, oh ja, sehr klug. Sie war gerade mitten in den Vorbereitungen zur Matura.» Er zog seine Brieftasche hervor und kramte darin herum. Dann reichte er mir ein Foto. «Das ist Maria.»

Ich betrachtete das Foto. Maria posierte vor einer Hauswand, leicht angelehnt, den Kopf kokett zur Seite geneigt mit einem geheimnisvollen Lächeln auf dem Gesicht. Maria war tatsächlich sehr schön. Sie sah aus wie Sade, die Soulsängerin. Nur schwärzer.

«Sie ist wunderschön», sagte ich zu Henry. «Und sie hat das Gymnasium besucht? Welches? Hatte sie Freunde dort?»

«Rychenberg, da geht …», er unterbrach sich. «Da ging sie zur Schule. Sie hatte sich für Sprachen entschieden. Englisch. Spanisch. Sie war gut in der Schule. Maria wollte Journalistin werden.» Er lachte bitter. «Journalistin. Ich habe ihr immer gesagt, Kleine, mach es nicht wie dein alter Vater. Du musst keine Journalistin werden. Deinem Vater hat es kein Glück gebracht. Werde Ärztin. Da verdienst du mehr. Oder Anwältin.» Er machte eine Handbewegung zu mir. «Wie du. Aber Maria wollte nicht. Sie wollte partout Journalistin werden. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt.» Er seufzte. «Sie wollte die Welt bereisen und darüber schreiben. Und über starke Frauen wollte sie schreiben, das war ihr Thema. Wo sie doch selbst so stark war.» Henry biss sich auf die Lippen. «Aber Maria war auch ein Mädchen», fuhr er fort. «Sie liebte schöne Dinge. Glitzerkram. Hübschen Schmuck, Kleider. Ein richtiges Mädchen eben. Sport, Natur und so interessierten sie nicht.»

«Freunde? Bekannte?», hakte ich nach.

«Ja, natürlich hatte sie Freunde. Viele Freunde. Sie war sehr beliebt, weisst du.»

«Engere Freunde? Eine beste Freundin?»

«Ja, ja, die hatte sie auch. Sie waren oft zu viert unterwegs, Jungen und Mädchen bunt gemischt.» Er schüttelte belustigt den Kopf. «Nur Freunde. Wir sind nur Freunde, sagte Maria immer.»

«Hatte sie auch einen festen Freund?»

«Nein. Keinen festen Freund. Früher, da gab es einen. Sie haben sich vor über einem Jahr getrennt. Ein netter Junge war das. Und seither …» Henry schüttelte den Kopf. Ein wunderschönes Mädchen und kein Freund weit und breit. Das war eigenartig. Ich machte mir im Kopf eine Notiz.

«Und weshalb glaubst du nicht, dass Maria sich umgebracht hat?» Ich war müde und wollte endlich zum Kern der Sache kommen. Die weiteren Details über Maria konnte Henry mir, sollte es notwendig werden, auch später erzählen.

«Weshalb sollte sie?» Henry setzte sich gerade hin. «Weshalb sollte Maria sich umbringen? Sie war glücklich. Ich habe es dir ja gerade gesagt, sie hatte ein Ziel, Pläne, sie hatte Freunde. Sie war nicht unglücklich, nicht traurig, nicht deprimiert, nichts.»

«Vielleicht hat sie es dir nur nicht erzählt? Vielleicht wollte sie dir keinen Kummer machen?»

«Quatsch.» Henry fuhr wütend auf. «So war Maria nicht. Sie hat mir alles erzählt. Wir waren so.» Er presste zwei Finger zusammen. «Maria hatte keine Geheimnisse vor mir.»

Tja, das ist auch so etwas, was Eltern für gewöhnlich glauben. Sie vertrauen ihren Kindern blindlings. Aber alle Kinder haben Geheimnisse. Besonders die Achtzehnjährigen.

«Und weshalb sagt der Staatsanwalt, Maria habe sich prostituiert?»

Henry sprang auf und tigerte wütend auf und ab. «Das stimmt nicht! Maria hätte nie und nimmer als Prostituierte gearbeitet. Nie! Sie war nicht so. Ausserdem – wann hätte sie das machen sollen? Und weshalb? Wir haben Geld. Genug Geld. Und sie war immer den ganzen Tag in der Schule, und danach hat sie gelernt oder Freunde getroffen. Sie hatte keine Zeit und auch keinen Grund, so etwas zu machen.» Er schüttelte heftig den Kopf. «Das ist vollkommen am Haar herbeigerissen.»

«An den Haaren herbeigezogen. Tja, du magst ja Recht haben. Aber wie kommt der Staatsanwalt zu dieser Schlussfolgerung? Welcher Staatsanwalt ist überhaupt zuständig für den Fall?»

Henry zuckte mit den Achseln. «Eckert heisst er.» Eckert. Eckert Ulrich. Mit dem hatte ich mich auch schon herumgeschlagen, der war gar nicht mein Typ. Eckert liebte es, in Einvernahmen die Einschüchterungstaktik anzuwenden, er haute auf den Tisch und brüllte herum. Und bei den Anträgen zum Strafmass schöpfte er immer aus den Vollen.

«Wegen ihrer Kleidung hat der Staatsanwalt gesagt», fuhr Henry fort. »Sie hatte wohl nicht viel an. Ich weiss es nicht genau. Und da war irgendein Zettel, den sie gefunden hatten. Ich habe das nicht richtig verstanden. Ich war zu aufgewühlt, weisst du!» Er sah mich an.

Ich nickte beschwichtigend. «Ist nicht so wichtig. Das kann ich beim Staatsanwalt in Erfahrung bringen. Aber setz dich wieder, bitte. Ich kann mich besser mit dir unterhalten, wenn du sitzt.»

«Entschuldige. Das ist alles sehr schwer.»

Ich schwieg einen Moment. «Du glaubst also nicht, dass Maria sich umgebracht hat. Unfall?», schlug ich vor.

«Was für ein Unfall?», Er sah mich ungläubig an. «Wie kann man zu Fuss auf einer Brücke verunfallen und über das Geländer stürzen?»

«Vielleicht war Alkohol im Spiel? Eine Mutprobe?»

«Maria trinkt nicht», antwortete Henry im Brustton der Überzeugung. «Und Mutproben – für so etwas ist sie zu intelligent.»

Natürlich. Wie hatte ich nur auf den Gedanken kommen können. Trinken, Rauchen, Drogen, waghalsige dummgefährliche Mutproben, das machen immer nur die Kinder der anderen Eltern. Wobei mir die Unfalltheorie doch auch ziemlich abwegig schien. Vor allem angesichts der Tatsache, dass der Staatsanwalt diese Möglichkeit in keinster Weise in Betracht gezogen hatte.

«Also kein Selbstmord und kein Unfall. Und deswegen nimmst du an, es war Mord.»

«Was soll es denn sonst gewesen sein?»

Was sollte es sonst gewesen sein? Ich sagte nichts. Ich sagte nicht, dass die Welt nach dem Tod eines geliebten Menschen immer düster aussieht. Ich sagte nicht, dass man sich Erklärungen zurechtlegt, die sich aber fast immer als irrig erweisen. Maria hatte sich von der Brücke gestürzt. Dagegen gab es bislang keine stichhaltigen Einwände. Dafür, dass sie das getan hatte, sprach jedoch sehr viel. Die Sachlage schien eindeutig. Und wer wusste, was für dunkle Seiten hinter Marias hübscher Fassade verborgen waren?

«Nur noch eine letzte Frage, Henry», sagte ich stattdessen. «Was passierte von dem Moment an, als du Maria das letzte Mal gesehen hast, bis zur Nachricht ihres Suizids? Angeblichen Suizids», ergänzte ich schnell.

Henry erzählte mir, er habe Maria den ganzen Tag nicht gesehen. Nur morgens, beim Frühstück. Dann ging Maria zur Schule, und Henry legte sich schlafen. Am Nachmittag kam eine SMS von Maria, in der sie ihm mitteilte, sie komme erst spät nach Hause. Sie wolle mit einer Freundin lernen und bleibe da auch zum Essen. «Sie hat sich immer abgemeldet, weisst du», sagte Henry mit einem traurigen Lächeln. «Sie war sehr pflichtbewusst, auch wenn sie eigentlich erwachsen war. Aber nie hat sie mich im Ungewissen gelassen, wo sie ist oder wann sie nach Hause kommt.» Henry ging zur Arbeit. Als er frühmorgens zurück in die Wohnung kam, war Maria nicht da. Das Bett unberührt. «Ich habe mir Sorgen gemacht. Grosse Sorgen. Ich habe die Freundin angerufen, Helene. Die hat mir gesagt, Maria sei um 22 Uhr nach Hause gegangen. Ich hatte Panik. Ich hatte solche Angst um Maria. Meine Frau habe ich bereits verloren. Ich betete, lieber Gott, lass bitte nicht zu, dass Maria etwas zustösst. Lieber Gott, bring Maria heil zurück zu mir. Aber Gott hat mich nicht erhört.» Henry schwieg einen Moment. «Ich ging zur Polizei. Man belächelte mich. ‹Eine Neunzehnjährige ist seit zehn Stunden verschwunden, was Sie nicht sagen.› Als sie dann mit der Nachricht zu mir kamen, eine dunkelhäutige junge Frau sei tot aufgefunden worden, da lächelten sie nicht mehr.» Henry lachte grimmig. «Ich identifizierte ihre Tasche. Und ihre Halskette, eine kleine goldene Sonne. Trotzdem haben sie noch diesen Gentest durchgeführt, um ganz sicherzugehen. Aber ich wusste es. Ich wusste, dass es Maria war, die überfahren worden war. Trotzdem habe ich gehofft und gehofft, bis ich dann das Testergebnis erhielt.» Er schlug die Hände vor das Gesicht. Ich fragte noch nach ein, zwei Details, dann hatte ich das Gefühl, es reiche für heute. Henry war sehr aufgewühlt.

«Übernimmst du den Fall, ja?» Er sah mich flehend an.

Ich zögerte. «Ich werde sehen, was ich tun kann. Auf jeden Fall nehme ich Kontakt mit Eckert auf und sehe mir alle Unterlagen an. Die ganzen Untersuchungsberichte und so. In Ordnung? Aber versprechen kann ich nichts.» Ich wollte nichts versprechen. Ich hatte den Fall für mich bereits abgeschlossen.

«Wer füllt die Lücke aus, die eine verstorbene Person hinterlässt? Wer wird ihre Luft atmen? Essen, was sie gegessen hätte, heiraten, wen sie geheiratet hätte? Wer wird den Beruf ausüben, der dieser Person vorbestimmt war?» Henry sprach die Worte vor sich hin. Dann sah er mir direkt in die Augen. «Du verstehst mich», sagte er leise in Pidgin English. «Du bist eine von uns.» Ich wich seinem Blick aus.

Kurze darauf verabschiedete ich mich. Mein Taxi wartete bereits vor der Tür des «Alibaba». Ein teurer Spass, der heutige Abend. In mehr als einer Hinsicht.

«Ich melde mich. Und übrigens: Mach dir keine Sorgen wegen meines Honorars.» Ich warf einen giftigen Blick in Asims Richtung. «Das übernimmt Asim.»

4

Zurück in meiner Wohnung mochte ich nicht einmal mehr meine letzte rituelle Zigarette vor dem Schlafengehen rauchen. Ich sank auf meine Matratze und war sofort weg.

In dieser Nacht träumte ich von meinem Vater. Er sass auf einem Holzstuhl in einem Innenhof, dessen Mauern von Bougainvillea überwuchert waren. Sein ebenholzfarbenes Gesicht war nicht mehr aufgedunsen wie früher, sondern schmal und faltig. Er trug eine Agbada, ein weites Gewand mit folkloristischem Muster. Auf seiner Schulter sass ein bunter Vogel. Mein Vater schaute finster drein. Sein strenger Blick galt mir.

«Es gibt keine Zufälle», sagte er. «Es gibt nur Gelegenheiten, die zu ergreifen man zu dumm ist, und Zusammenhänge, die wir nicht sehen.» Seine Stimme war tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte und sein Akzent stark. «Moira, ergreife diese Chance. Bald hast du keine mehr.» Der Vogel erhob sich krächzend von seiner Schulter und flog hoch in die Luft.

Ich wachte schweissgebadet auf. Draussen war es heller Tag. Nun übernahm mein Vater den Part des allwissenden Weisen in meinen Träumen. Verdammt. Mit mir ging es bergab. Im wirklichen Leben hatte er es nicht weiter gebracht als zum Trinker und Taugenichts. Ich hatte meinen Vater vor 24 Jahren zum letzten Mal gesehen. Er war abgehauen, als ich fünfzehn war. Meine kleine Schwester war dreizehn. Sie heisst Maria. Maria und Moira. Meine Mutter musste die Namen im Vollrausch ausgewählt haben. Oder sie waren eine subtile Strafe für unsere Existenz. Schwestern Vornamen zu geben, die sich nicht nur ähnlich anhören und schreiben, sondern auch den gleichen Ursprung haben – Moira ist die gälische Form von Maria – ist, gelinde gesagt, speziell.

Irgendwie kann ich meinem Vater im Nachhinein keinen Vorwurf mehr machen, dass er Leine zog. Das Leben mit meiner Mutter war die reinste Hölle. Meine Mutter ist Alkoholikerin. Seit ich denken kann, hält sie in der einen Hand ein Glas mit einer berauschenden Flüssigkeit – Wein, Whiskey, Gin, alles läuft ihr gleich gut die Kehle runter. Meine Mutter wollte immer jemand anderer sein, als sie tatsächlich war. Wir wollen alle jemand anderer sein. Und manchmal schaffen wir es, uns selbst davon zu überzeugen. Aber dieser Zustand ist nie von Dauer. Am Ende kommt unser wahres, gebrochenes, vernarbtes Ich zum Vorschein.

Meine Mutter konnte in beliebige Rollen schlüpfen – treusorgende Ehefrau, liebende Mutter, galante Gastgeberin. Doch wir alle wussten, dass sie die Rollen nur spielte, und es brauchte nicht viel und schon war sie wieder die verbitterte und missgünstige Egoistin, als die wir sie kannten. Ein Schluck Alkohol zu viel oder zu wenig, und wir alle mussten uns in Acht nehmen vor ihrer scharfen Zunge und ihrer harten Hand. Sie scheute auch nicht davor zurück, unseren Vater zu schlagen, wenn sie wieder einmal bitter enttäuscht war von ihm, vom Leben. «Niemals hätte ich einen Afrikaner heiraten dürfen!», schrie sie bei jedem Streit. «Der isst mit den Händen und schläft mit seinen Ziegen in derselben Hütte. Und arbeiten kann er auch nicht, Mr. Afrika. Sieh mal, wie fett er geworden ist vom Nichtstun.» Mein Vater liess die Attacken über sich ergehen und spülte mit Whiskey nach. Dass er unglücklich war, konnte ich akzeptieren. Aber dass er schwach war, dafür verachtete ich ihn.

Meine Mutter stammte aus einer wohlhabenden Familie. Ihr Vater war ein vermögender Holländer, der sich in der Schweiz niedergelassen und eine Industriellentochter geheiratet hatte. Mutter verachtete alle, die ihr Geld verdienen mussten. Neben ihrem Vermögen hatte sie auch eine herrschaftliche Villa an der Seidenstrasse geerbt; da fand unser Familienleben statt. Noch heute lebt meine Mutter dort, wenn gleich das Haus mittlerweile sehr heruntergekommen ist. Sie war von dem von ihren Eltern vorgegeben Lebensweg nicht abgewichen, bis sie 22 Jahre alt war. Dann liess sie ihrer ganzen angestauten Rebellion freien Lauf und heiratete meinen Vater, einen Nigerianer, der sich zu Studienzwecken in London aufhielt, wo sie ihn während eines Sprachaufenthaltes kennengelernt hatte. Diese Liaison sollte meine Mutter später bitter bereuen. Sie gab meinem Vater die Schuld daran, dass sie nicht die Grande Dame der lokalen Gesellschaft war und auch sonst keine nennenswerten Erfolge vorweisen konnte.

Mein Vater arrangierte sich mit den Gegebenheiten, so gut er konnte. Im Gegenzug für ihre Gemeinheiten gab er ihr Geld mit vollen Händen aus und hatte eine Geliebte nach der andern. Glücklich war auch er nicht. Eine Tages hatte er genug, packte seine Koffer und verliess meine Mutter und mit ihr meine Schwester und mich und ging zurück nach Nigeria. Die ersten Monate nach seinem Verschwinden erhielt ich immer wieder Briefe von ihm, in denen er sich zu erklären versuchte. Ich machte sie nicht auf. Irgendwann hörten die Briefe auf, und ich hörte gar nichts mehr. Bis vor ein paar Jahren, da erhielt ich eine Postkarte mit seiner Telefonnummer darauf. Der Mobilemarkt hatte Afrika erreicht, Halleluja. Sonst stand da nichts. Nur die Nummer und sein Name. Ich rief natürlich nicht an. Es interessierte mich nicht. Er interessierte mich nicht. Mich interessierte nur, dass er uns mit Mutter alleine gelassen hatte. Ich wünschte mir jahrelang, er möge eines qualvollen Todes sterben. Mittlerweile habe ich mit ihm abgeschlossen. Ich verstehe, dass er gegangen ist. Aber ich verstehe bis heute nicht, dass er Maria und mich zurückgelassen hat. Das kann ich ihm nicht vergeben.

Drei Jahre, nachdem mein Vater uns verlassen hatte, verschwand meine kleine Schwester. Niemand sah Maria je wieder.

5

Ich machte, was eigentlich dem Moment nach dem Sex vorbehalten ist: Ich zündete mir im Bett eine Zigarette an. Normalerweise rauche ich nur am offenen Fenster, doch dieser Traum hatte mich ziemlich aufgewühlt, so dass sich eine Ausnahme rechtfertigen liess. Danach erst sah ich auf die Uhr. Es war neun. Ich hatte immerhin sechs Stunden geschlafen. Das musste für heute reichen. Ich schwang mich aus dem Bett und stellte mich unter die Dusche. Beim Abtrocknen betrachtete ich mich im Spiegel. Ich sah müde aus. Für einen Mischling war meine Haut ziemlich dunkel und mein Haar kraus. Ich würde vielleicht als sehr helle Afrikanerin durchgehen, wären nicht meine Augen. Da hatte sich meine Mutter durchgesetzt. Meine Augen waren von einem auffallenden Grün wie die einer Katze.

«Es sind deine Augen. Damit machst du die Männer verrückt», hatte einer meiner Ex gesagt. «Und der Rest, naja, der Rest ist natürlich auch nicht übel.» Dabei hatte er mir auf den Po geklopft. Ich war mir vorgekommen wie ein Stück Vieh. Kurz darauf trennte ich mich von ihm. «Der Sex mit dir ist öde», sagte ich und klopfte ihm auf den Po. «Auch wenn gewisse Teile an dir nicht übel sind.»

Im Treppenhaus begegnete ich meinem betagten aber rüstigen Nachbarn und Vermieter, Willy Morgenroth. Sein Nachname mutet poetisch an, doch der Vorname zerstört alles. Was für unromantische Eltern muss der Kerl gehabt haben! Als Vermieter ist Willy super. Der Mietzins für meine geräumige Dachwohnung an der Rychenbergstrasse ist moderat, und ich kann in meinen vier Wänden tun und lassen, was ich will. Als Nachbar ist Willy Morgenroth ebenfalls schwer in Ordnung. Obwohl er dazu neigt, sich zu viele Gedanken und Sorgen um seine Mieter zu machen. Und da ich seine einzige Mieterin bin, trifft mich sein Wohlwollen mit voller Kraft. So auch heute.

«Moira, sind Sie krank?», fragte mich Willy.

«Nein.» Ich wollte an ihm vorbei und die Treppe runter.

«Sie sehen aber so aus.» Willys prüfender Blick musterte mich.

«Danke für das Kompliment», sagte ich. Doch Willy war immun gegen Sarkasmus.

«Ich zeige lediglich meine Besorgnis. Kommen Sie wenigstens auf einen Kaffee mit rein?» Er deutete auf seine offene Wohnungstür.

«Liebend gerne.» Ich zog an ihm vorbei. «Aber ich hab’s leider eilig», rief ich ihm über die Schulter zu.

Achselzuckend starrte er mir hinterher. Er ist zum Glück nicht empfindlich.

Am liebsten gehe ich zu Fuss in mein Büro in einem alten Backsteingebäude an der Ecke Wülflingerstrasse/Schaffhauserstrasse. Wenn ich schnell unterwegs bin, schaffe ich die Strecke in gut zehn Minuten. Nachdem ich mir in der Gemeinschaftsküche einen Espresso rausgelassen hatte, setzte ich mich an den Schreibtisch, checkte meine Mails, sah die Post durch und erledigte dies und das. Irgendwann konnte ich es aber nicht länger hinausschieben, das Telefonat mit Staatsanwalt Eckert, das ich Henry und Asim versprochen hatte. Ich griff zum Hörer. Nach ein bisschen Klatsch und Tratsch mit der Telefonistin hatte ich ihn am Apparat.

«Kollegin van der Meer, lang, lang ist’s her, seit ich die Ehre hatte», sülzte er. «Was kann ich für Sie tun, werte Kollegin?» Nie in meinem Leben würde ich einen Staatsanwalt mit «Herrn Kollega» anreden. Staatsanwälte sind die natürlichen Feinde von Strafverteidigern und Anwälten.

«Ich rufe an in der Angelegenheit Okeke. Maria Okeke.»

«Okeke, Okeke», murmelte er vor sich hin. «Ach ja, ich weiss. Der Suizid. Das Verfahren wird demnächst eingestellt, Fremdeinwirkung ausgeschlossen. Aber was», fügte er hinzu, «was haben Sie bei diesem Fall verloren? Wollen Sie Geschädigtenansprüche gelten machen? Das ist so gut wie unmöglich bei Suizid, das wissen Sie.»

Ich konnte ihm sein Befremden nicht verübeln. Mir selbst war es gestern Abend ja ähnlich ergangen. «Der Vater hat mich beauftragt. Er glaubt nicht an Suizid.»

«Was glaubt er dann? Es war ein Unfall oder was?» Irgendwie erinnerte mich diese Unterhaltung ebenfalls stark an gestern Abend. «Ein Unfall kann aufgrund der Untersuchungsergebnisse so gut wie ausgeschlossen werden», fuhr Eckert fort. «Das Mädchen war sauber, keine Drogen, kein Alkohol und …»

«Nein», ich unterbrach ihn abrupt. «Mein Mandant glaubt auch nicht an einen Unfall. Er glaubt, es war Mord.»

«Mord? Sagten Sie Mord?» Eckert lachte laut. Ich schwieg demonstrativ.

Nach einer Weile riss Eckert sich zusammen. «Hören Sie, ich kann verstehen, dass der Vater nicht gerade glücklich ist über den Selbstmord seiner Tochter.»

Deswegen mochte ich Eckert nicht. Einen solchen Satz laut auszusprechen – und sei es nur gegenüber der Anwältin – zeugte von einem ausgesprochenen Mangel an Empathie.

«Aber ich war da. Ich habe das Mädchen gesehen. Ich habe die Örtlichkeit in Augenschein genommen. Ich habe mit den Autofahrern gesprochen, die, nebenbei gesagt, alle mehr oder minder traumatisiert sind von den Geschehnissen. Ich habe die Untersuchungsergebnisse studiert. Das war eindeutig Suizid.»

«Der Vater ist anderer Meinung. Er hat mich mandatiert, um entsprechende Abklärungen zu treffen. Und als Anwältin vertrete ich nun mal, wie Sie bestens wissen, die Interessen meiner Auftraggeber», sagte ich.

«Ist das wieder einmal einer Ihrer hoffnungslosen Fälle? Verdienen Sie eigentlich noch genügend Kohle neben all ihren Wohltätigkeitsmandaten, Sie Mutter Theresa unter der Anwälten?» Eckert lachte verächtlich. Ich ignorierte ihn, obwohl ich innerlich kochte.

«Geben Sie mir kurz eine Zusammenfassung, was sich in jener Nacht abgespielt hat», sagte ich.

«Eine Zusammenfassung? Sie wissen doch schon alles», erwiderte er kurzangebunden.

«Bitte», überwand ich mich zu sagen. «Ich kenne nur die Darstellung des Vaters. Ich brauche Ihre unvoreingenommene und professionelle Sicht auf die Dinge.» Nun schmeichelte ich dem Kerl auch noch! Aber es nützte offensichtlich.

«Na gut», sagte Eckert widerwillig. «Aber ich mach es kurz. Anfang März – das genaue Datum müsste ich in den Akten nachschauen – ging beim Polizeinotruf eine Meldung ein. Ein Autolenker war auf der A1 verunfallt und sein Auto hatte sich überschlagen. Die Kollegen vor Ort, zu denen ich später stiess, stellten fest, dass der Lenker sowie einige weitere Personenwagen über einen menschlichen Körper gefahren waren, der mitten auf der Autobahn gelegen hatte. Nach der Spurensicherung auf der Autobahn sowie auf der Strasse, die an dieser Stelle über die A1 führt, nach der Legalinspektion vor Ort durch den Bezirksarzt und schliesslich nach der Obduktion durch die Rechtsmedizin konnte Fremdeinwirkung ausgeschlossen werden. Unter anderem fanden sich am Brückengeländer Fingerbadrücke des Opfers an eindeutigen Stellen, und ihre Handtasche hatte neben dem Geländer gelegen. Sie musste von dort oben gesprungen sein. Vielleicht war sie bereits beim Aufprall auf die A1 tot. Vielleicht war sie nur schwer verletzt und endgültig tot erst, nachdem sie von den Fahrzeugen überfahren worden war. Das kann nicht restlos geklärt werden. Es spielt auch keine Rolle. Aufjeden Fall ist es ein eindeutiger Fall von Suizid», schloss er. «Wenn auch mit sehr unangenehmen Nebenwirkungen für die betroffenen Autolenker.»

Der Bericht des Staatsanwaltes enthielt nicht viel Neues. «Und als Grund für den Suizid vermuten Sie Schuldgefühle, weil Maria sich prostituiert haben soll», sagte ich.

«Nun ja. Die Ursache für einen Suizid zu ermitteln, gehört nicht zu den Aufgaben der Staatsanwaltschaft. Aber auffällig war schon, dass das Opfer sehr spärlich und aufreizend bekleidet war. So was bekommt man sonst nur in einschlägigen Etablissements zu sehen.»

Du musst es ja wissen, dachte ich.

«Ausserdem», fuhr Eckert fort, «ausserdem wurde in ihrer Handtasche eine Karte von einer Beratungsstelle für Prostituierte gefunden. Arbeitende im Sexgewerbe heisst das heutzutage.» Er schnaubte belustigt. «Strada irgendwas heisst die Organisation.»

«La Strada.»

«La Strada, genau. Das und die Kleidung, da war der Schluss naheliegend, dass es ich um eine Prostituierte handelte. Und Sie wissen ja, Nigerianerin und Juju-Rituale und so.» Er schwieg bedeutungsvoll. «Sie wissen doch, was Juju ist.»

Ich seufzte gelangweilt. Ja, ich weiss, was Juju ist. Als Strafverteidigerin komme ich mit den seltsamsten Dingen in Kontakt. Juju ist eines davon. Ich hatte mich vor einigen Jahren in einem meiner Fälle vor Gericht als Strafbefreiungsgrund für meine Mandantin auf ein Juju-Ritual berufen. Und natürlich nicht Recht bekommen.

Im traditionellen Juju-Glauben, der vor allem in Nigeria praktiziert wird, existieren gute und böse Geister. Wird einem Gott ein Schwur geleistet und gebrochen, strafen die bösen Geister, die dead-dead, die Menschen und treiben sie in Tod und Wahnsinn. Mit diesen als schwarze Magie eingesetzten Juju-Ritualen werden Frauen kontrolliert, die nach Europa geschleust werden, um sich zu prostituieren. Die Frauen verpflichten sich vor der Abreise in einem von einem Juju-Priester durchgeführten Ritual, alle Kosten zurückzuzahlen und alles zu tun, was ihnen aufgetragen wird. Es wird eine starke psychische Abhängigkeit hergestellt.

Der Richter in meinem Fall damals war noch nicht so weit gewesen. Doch heutzutage sind die Macht des Juju und die psychische Gewalt, die dadurch auf die Frauen ausgeübt wird, auch in der Schweiz bekannt.

«Maria ist hier zur Welt gekommen», sagte ich zu Eckert. «Sie hat den Schweizer Pass. Nigeria hat sie kein einziges Mal besucht.» Das behauptete ich einfach mal. Tat aber wohl auch nichts zur Sache. «Wo bitte sehen Sie da einen Zusammenhang zwischen ihrer angeblichen Prostitution und Juju? Hat allenfalls ein Voodoo-Priester aus Nigeria an der Langstrasse eine Zweigniederlassung eröffnet?»

«Hören Sie, ich habe Ihnen aus reinem Goodwill die Auskünfte gegeben, die Sie haben wollten. Der Vater hat keine Parteistellung, das wissen Sie so gut wie ich, also auch keine Rechte im Verfahren. Wär’s das also gewesen?», fragte Eckert gereizt.

«Nur noch eines: Ich brauche die vollständigen Akten», sagte ich. «Das Recht auf Akteinsicht hat er nämlich, der Vater, auch ohne Parteistellung.»

«Tja, dafür brauche ich zuerst eine Vollmacht von ihm. Danach erhalten Sie die Akten.»

«Können Sie keine Ausnahme machen? Ich könnte die Akten jetzt gleich abholen, die Vollmacht reiche ich nach.»

«Kein Ausnahme. Erst die Vollmacht. War’s das?», fragte er ungeduldig.

Ich hatte bekommen, was ich hatte bekommen wollen. Mit einer Hand hatte ich bereits begonnen, eine Mail an einen säumigen Mandanten zu schreiben. Dabei stiess ich meinen Kaffeebecher um und der Rest des Espressos tropfte auf meine beige Leinenhose. «Scheisse!», rief ich.

«Wie bitte?»

«Verdammt, habe ich das laut gesagt?», flötete ich in den Hörer. «Entschuldigung!! Die Vollmacht lasse ich Ihnen zukommen.» Ich legte auf. Immerhin hatte ich nun doch noch das letzte Wort gehabt.

6

Nur Sekunden, nachdem ich aufgelegt hatte, läutete mein Telefon. Ich kannte die Nummer auf dem Display: Es war Asim. Ich war noch immer dabei, meine Hose abzutupfen. Der Fleck war resistent gegen meine Reinigungsversuche.

«Du hast aber lange telefoniert», sagte Asim vorwurfsvoll.

«Guten Morgen, Moira. Wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?», meinte ich ironisch.

«Guten Morgen, Moira. Wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?», wiederholte er.

«Lass den Quatsch. Was willst du?», blaffte ich ihn an.

«Kommst du voran?», fragte er.

«Womit?» Ich spielte die Ahnungslose.

«Na, mit dem Fall. Mit Henrys Fall.»

«Asim», ich seufzte übertrieben laut. «Wann war ich bei dir im ‹Alibaba›?»

«Gestern», sagte er.

«Nein. Heute. Heute von Mitternacht bis kurz vor drei Uhr. Was erwartest du also?», fragte ich verärgert. Mein Telefonat mit dem Staatsanwalt verschwieg ich ihm wohlweislich. Goldene Anwaltsregel Nummer 1: Man sollte keinem Mandanten – oder einem Freund eines Mandanten – verraten, wie sehr man sich hinter die Sache klemmt. Ein bisschen Engagement ist in Ordnung. Zu viel, und du wirst alle zwei, drei Tage angerufen, und es wird nach Ergebnissen gefragt. Das musste man von vornherein unterbinden.

«Nun sei nicht gleich sauer», beschwichtigte mich Asim. «Ich rufe ja gar nicht deswegen an.»

«Ach nein? Weshalb dann?»

«Heute Nachmittag ist Marias Beerdigung. Henry möchte, dass du kommst.»

«Die Beerdigung ist erst heute?», wunderte ich mich.

«Maria ist vor wenigen Tagen freigegeben worden», sagte Asim.

«Natürlich, wie konnte ich das vergessen. Die Obduktion und der Gentest hatten Zeit in Anspruch genommen.»

«Kommst du also?» Es war mehr eine Aufforderung als eine Frage.

«Ich kann nicht. Ich muss arbeiten», versuchte ich mich herauszureden.

«Moira, ich bitte dich. Das dauert eine, vielleicht zwei Stunden. Es würde Henry viel bedeuten. Und mir auch.» Goldene Anwaltsregel Nummer 2: Nimm nie Aufträge von guten Freunden an. Oder von guten Freunden von guten Freunden. Du wirst emotional unter Druck gesetzt, und am Schluss kannst du nicht einmal dein volles Honorar verrechnen. Es wird unausgesprochen immer ein Freundschaftsrabatt verlangt. Es gibt auch noch die Goldene Anwaltsregel Nummer 3: Vermische nie Berufliches und Privates. Triff dich mit deinem Mandanten nur in deinem Büro, im Büro des Staatsanwaltes, im Gerichtssaal oder im Gefängnis. Triff dich nie mit deinem Mandanten in privaten Räumen oder an privaten Anlässen. So kommst du deinem Mandanten zu nahe. Und das macht dich angreifbar. Verletzlich. Leider verstosse ich regelmässig gegen eine oder mehrere der drei Regeln.

«Na gut», sagte ich zu Asim. «Ich komme.»

7

Die Beerdigung von Maria fand in der Kapelle Rosenberg statt, die beinahe zu klein war für alle Trauernden. Da waren Mitschüler, Freunde und einige ältere Frauen und Männer, von denen ich annahm, es handle sich um Marias Lehrer. Zudem viele Mitglieder der afrikanischen Gemeinde, wohl vor allem Freunde und Bekannte von Henry. Auf dem Altar stand ein grosses Foto von Maria. Eine Mitschülerin las ein Gedicht von Rilke vor. Ein Gospelchor sang zwei, drei Hymnen, und der schwarze Pfarrer sprach über Marias Leben, ihre Erfolge. Darüber, wie stolz ihr Vater auf sie gewesen war. Darüber, wie stolz die Gemeinde auf sie gewesen war. Welche Freude sie in die Welt gebracht hatte. Und darüber, wie leer diese Welt ohne Maria sei. Es war bewegend. Und traurig. Henry sass gramgebeugt da, das Gesicht vor Kummer ganz grau. Er weinte. Viele weinten.

Für meine Schwester hatte es keine Beerdigung gegeben. Es gab keine Möglichkeit, gemeinsam Abschied zu nehmen. Es gab keine Möglichkeit, gemeinsam zu trauern. Es war 1992, als Maria verschwand. Am frühen Abend des 4. Juni 1992 fuhr Maria mit dem Fahrrad zu einer Freundin. Sie trug eine verwaschene Jeans und ein pink-schwarz gestreiftes Shirt. Um die Handgelenke trug sie zehn schmale Reifen aus Goldimitat, und in den Ohrlöchern baumelten grosse Kreolen. Das krause dunkle Haar trug Maria offen, es umrahmte ihren Kopf wie eine Löwenmähne. Für die damalige Zeit war sie in unserer Kleinstadt durchaus eine aussergewöhnliche Erscheinung. Als sie davonfuhr, winkte Maria mir zu. Die goldenen Reifen klimperten. Niemand sah Maria je wieder. Es gab keine Spur, keine ernsthaften Verdächtigen, keine Hinweise. Maria verschwand und hinterliess nichts als ein Loch in der Welt, das ihren Umriss trug. Sie war aus der Welt herausgeschnitten worden.

8

Zwei Tage später hatte ich die Akte Okeke in der Post. Sie war für einen Suizid erstaunlich umfangreich. Welche Abklärungen können die Behörden bei Suizid schon treffen? Es gibt im Normalfall keine Verdächtigen, die zu vernehmen sind, keine Hausdurchsuchungen oder Beschlagnahmungen, keine Abhörprotokolle oder Listen von Deliktgut. In Marias Fall waren die Ermittlungen über den Normalfall hinausgegangen, vermutlich aufgrund des unklaren Ablaufs ihres Todes. Die Akte enthielt den Polizeirapport der besagten Nacht, das Protokoll des Augenscheins, den Bericht des Bezirksarztes. Sie enthielt die Einvernahmen der betroffenen Autofahrer, den Obduktionsbericht, die Auswertungen des Gentests und der Spurensicherung. Und sie enthielt die Befragung von Henry Okeke, dem Vater der Toten, und von ihrer Freundin, die sie zuletzt lebend gesehen hatte. Ich wollte instinktiv mit letzteren beginnen. «Wollen» im Sinne von «ich hätte es bevorzugt» oder «ich hatte den Drang dazu» oder «es wäre mir sehr genehm». Aber anstatt meinem inneren Trieb nachzugeben und mir zuerst die letzten beiden Dokumente vorzunehmen, begann ich mit der ersten Seite des Polizeiprotokolls, um die Akte systematisch Seite um Seite durchzuackern. Manchmal lohnt sich Selbstbeherrschung. Es kann sein, dass man auf erstaunliche Art und Weise dafür entlohnt wird. Es kann natürlich auch sein, dass es dich nicht weiterbringt.

Ich habe schon viele Polizeirapporte gesehen und gelesen. Der hier fiel nicht aus dem Rahmen. Der Tatort wurde in wenigen Sätzen beschrieben. Es gab eine Liste der sichergestellten Gegenstände. Die Personalien der Auskunftspersonen – der betroffenen Autofahrer – waren aufgeschrieben sowie eine Kurzzusammenfassung ihrer ersten Aussagen: In der Nacht vom 2./3. März war um 03 Uhr 15 ein Notruf bei der Polizei eingegangen. Es war eine für die Jahreszeit milde Nacht gewesen, sternenlos, da der Himmel bedeckt war. Ab und zu ging ein Schauer nieder. Die zuständigen Beamten der Nachtschicht waren ausgerückt und hatten eine menschliche Katastrophe vorgefunden. Der Autofahrer, der die Polizei gerufen hatte, Michael Meyer, sagte aus, er habe nach seiner Schicht wie immer auf der A1 nach Hause fahren wollen. Plötzlich sei er über einen grossen Gegenstand gefahren, der Wagen sei ins Schleudern geraten. An mehr konnte er sich nicht erinnern, er stand unter Schock. Wegen der Witterungsverhältnisse hatte er den menschlichen Körper nicht auf der Fahrbahn liegen sehen. Die anderen Autolenker sagten Ähnliches aus. Einige hatten Maria noch wahrgenommen, aber es war bereits zu spät, um anzuhalten oder auszuweichen. Soweit bot der Bericht keine Überraschung und nicht viel Neues. Es war eine solide Arbeit mit erstaunlich wenigen Rechtschreibefehlern. Mit Rapporten ist es aber immer so eine Sache. Ein Rapport ist ein Rapport. Ein Instrument zur objektiven Beschreibung eines Geschehens. Was fehlte, war die subjektive Meinung des Rapportierenden. Was war ihm als Erstes durch den Kopf gegangen? Was war ihm instinktiv aufgefallen? Wie hatte es sich angefühlt, als er an den Unfallort kam? Ich blätterte zurück zur ersten Seite. Der Verfasser war Detektiv Wachtmeister Guido Béjart. Ich nahm mir vor, diesen Guido Béjart bald anzurufen und ihm ein paar Fragen zu stellen. Fragen zu den Dingen, die eben gerade nicht im Rapport festgehalten worden waren. Ich hoffte, er würde mir Auskunft geben.

Worauf ich nicht gefasst war, war die ausführliche Fotodokumentation im Anhang zum Rapport. Die Bilder trafen mich mit voller Wucht. Fotos von der Fahrbahn mit dem zerschmetterten Körper. Nahaufnahmen von dem, was einmal Maria gewesen war. Bilder der Umgebung, der Brücke, der beteiligten Fahrzeuge. Bilder der blutigen Überreste.

Ich wollte mich dem Rest der Akte widmen, doch ich konnte nicht. Ständig hatte ich Marias verstümmelten, entstellten Körper vor Augen. Das eingedrückte Gesicht, das beinahe nicht mehr als solches zu erkennen war. Den weggerissenen Kiefer. Den Knochen, der weiss aus dem verformten Oberschenkel klaffte. Den zerquetschten Brustkorb. Das rotschwarze Blut. Die billigen, knappen Fähnchen, die zerfetzt und zerrissen an diesem zerstörten dunkelbraunen Körper hingen, machten die Fotos noch unerträglicher, als sie sowieso waren. Mir war schlecht. Ich schob die Akte von mir, nahm meine Zigaretten und setzte mich in den Hinterhof. Ich nahm einige tiefe Züge. Der Magnolienbaum neben mir war innert Tagen voll erblüht. Die rosa-weissen Blüten rochen stark und weckten Erinnerungen an frühere Zeiten, an andere Frühlinge. Die Vögel lärmten, und der Hund meines Büronachbarn wedelte mir aufmunternd zu. Als ich sah, wie schön die Welt sein konnte, ging es mir nicht besser. Es ging mir schlechter.

Ich rauchte eine zweite Zigarette. Trotzdem fühlte ich mich nicht in der Lage weiterzumachen. Ich würde mich ein andermal mit den Berichten und Einvernahmen befassen. Für heute hatte ich genug gelesen. Und gesehen. Es war an der Zeit für einen Anruf.

9

Ich rief den Polizeiposten an. Nach einigem Hin und Her wurde ich mit Béjart verbunden.

«Detektiv Guido Béjart?», fragte ich.

«Ja, und wer sind Sie?», fragte er einigermassen misstrauisch zurück. Er hatte eine sexy raue Stimme. Er klang wie Tom Waits auf «Closing Time».

«Moira van der Meer», sagte ich. «Ich bin Anwältin. Sie haben eine schöne Stimme», fügte ich hinzu. Weshalb nicht mal ein Kompliment machen?

Es folgte ein Moment der Stille. «Danke», meinte Guido Béjart, der Detektiv Wachtmeister. «Was wollen Sie?» Es klang, als könne er mich nicht leiden.

«Ich stelle Nachforschungen im Fall Maria Okeke an. Der Vater, Henry Okeke, hat mich beauftragt», sagte ich. «Sie waren vor Ort.»

«War ich das?», fragte er.

«Ja. In der Nacht vom 2. auf den 3. März. Sie haben den Rapport geschrieben», half ich ihm auf die Sprünge.

«Ich weiss. Das war eine rhetorische Frage. Glauben Sie wirklich, ich hätte diese Nacht vergessen.» Er atmete hörbar ein. «Und? Was wollen Sie?»

Irgendwie gestaltete sich dieses Gespräch harziger als vorgesehen. Trotz der sexy Stimme. «Ich möchte mit Ihnen über diese Nacht sprechen», sagte ich.

«Weshalb? Es steht alles im Rapport. Und den haben Sie ja.»

«Es geht nicht um den Rapport. Es geht …» Ich suchte nach Worten. «Es geht mir um Ihre Eindrücke. Darum, wie es sich angefühlt hat.»

«Wie es sich angefühlt hat? Wie meinen Sie das?»

Ich hörte förmlich, wie er seine Stirn runzelte. «Ich möchte von Ihnen wissen, wie es sich angefühlt hat. Die Situation in dieser Nacht. Das tote Mädchen. Die Umgebung. Was haben Sie gedacht? Was hat es in Ihnen ausgelöst?» Ich war überzeugt, dass er mir gleich den Hörer auflegen würde. Dass er mir sagen würde, ich sei ja verrückt und solle ihn nicht mit solchem Quark belästigen. Aber nichts dergleichen geschah.

«Wir sollten uns treffen», sagte Béjart.

Ich schwieg verdutzt. Das hatte ich nun gar nicht erwartet.

«Sind Sie noch dran?»

Ich nickte mit dem Kopf und schob ein «Hmhm» nach, als mir aufging, dass er mich ja nicht sehen konnte.

«Also? Wann und wo?»

Ich hatte nichts gegen ein Treffen mit dem Mann mit der sexy Stimme einzuwenden. Aber ich hätte doch gerne sofort eine Antwort auf meine Frage erhalten. Geduld war keine meiner Stärken. Er liess sich nicht umstimmen.

«Über gewisse Dinge spricht man nicht am Telefon. Ausserdem muss ich gleich weg.»

Na dann. Man muss manchmal ein Einsehen haben, wenn das angestrebte Ziel nicht sofort zu erreichen ist. Wir verabredeten uns für den folgenden Abend. Früher ging es nicht. Heute war er ausgebucht, morgen stand ich den ganzen Tag vor Gericht. Nachdem ich aufgelegt hatte, schob ich missmutig einen Stapel Akten auf meinem Schreibtisch hin und her. Ich war unendlich neugierig auf diesen geheimnisvollen Polizisten. Ich war unendlich neugierig, was er mir mitzuteilen hatte. Ich schaute auf die Uhr. Erst vier Uhr. Irgendwie musste ich diesen Tag noch rumbringen. Ich griff erneut zum Hörer.

10

Eine Stunde später sass ich in einem Wartezimmer an der Wartstrasse, nicht weit vom Hotel Wartmann, und wartete wahnsinnig lange auf Herrn Wagner. Kein Witz. Aber was für eine Alliteration. James Wagner ist mein Therapeut. Mein Psychotherapeut. Spätestens seit «In Treatment» ist es ja durchaus angesagt, sich in Behandlung zu begeben. Der Gang zum Psychologen gehört zum Lifestyle. Eigentlich wurde dieser Trend bereits früher eingeleitet, als Tony sich in «The Sopranos» von der scharfen Jennifer Melfi therapieren liess. Legendär ist Tonys Schlussanalyse: «Ich hab irgendwann erkannt, dass unsere Mütter – dass sie Busfahrer sind. Sie sind – nein, sie sind der Bus. Sie sind das Fahrzeug, das uns hierherbringt. Sie lassen uns raus und fahren weiter. Sie setzen ihre eigene Reise fort. Und das Problem ist, dass wir dauernd versuchen, wieder in den Bus zu kommen, anstatt ihn einfach fahren zu lassen.» Immer sind die Mütter schuld. Ich bin zum Glück keine Mutter. Ich hab auch nicht vor, jemals Mutter zu werden. Wenn meine Mutter mir eines beigebracht hatte, dann das.

Und nur damit es gesagt ist: Ich hatte die Psychotherapie bereits für mich entdeckt, als ihre in Anspruchnahme noch mit Schamgefühl verbunden war. Als Psychotherapie noch gleichgesetzt wurde mit versagt haben. Eine Schraube locker haben. Nicht ganz durchgebacken sein. Zwei Jahre nach Marias Verschwinden suchte ich zum ersten Mal einen Psychologen auf. Meine sämtlichen Sitzungen würden locker eine komplette Staffel «In Treatment» ergeben, die allerdings wohl niemand sehen möchte. Seit einiger Zeit vereinbare ich nur noch sporadisch Therapiesitzungen. Ich denke, ich bin so sehr therapiert, wie ich nur therapiert werden kann. Zu mehr bin ich nicht fähig. James Wagner, mein Therapeut, sieht dies natürlich anders. Uns verbindet mittlerweile mehr ein freundschaftliches Verhältnis als eine Therapeut-Patient-Beziehung. Das hindert James aber nicht daran, mir saftige Rechnungen zu schicken.

An manchen Tagen verspüre ich das spontane Bedürfnis nach einer Unterhaltung mit James. Das Bedürfnis, ihm das Neuste aus meinem Leben zu erzählen und eine Reaktion darauf zu erhalten, eine Rückmeldung, ob ich gut unterwegs bin oder nicht. Irgendwie fehlt mir ein sechster Sinn, um das selber beurteilen zu können. Ich bin wie eine Fledermaus ohne Radar und laufe stets Gefahr, gegen ein Hindernis zu fliegen. Heute war so ein Tag. James hatte mir auf meinen Anruf hin einen Termin nach Feierabend angeboten, was mir recht war.

Und nun sass ich also hier und wartete darauf, meine Seele durchchecken zu lassen. Das Wartezimmer meines Therapeuten sieht aus, wie viele Wartezimmer von Therapeuten aussehen. Alles ist teuer, aber unauffällig: von den durchaus bequemen, aber nicht zu bequemen Designerstühlen über den geschliffenen Holzboden, den in dezenten Farben gehaltenen Kelim und die farblich stimmigen, dezenten Gemälde an der Wand. Alles vermittelt ein unaufdringliches «Fühl dich wohl hier». Die Strategie geht auf. Ich fühle mich wohl hier.

Ich hatte auch schon versucht, meine Wohnung ähnlich zu gestalten, auch sie zu einer Wohlfühloase zu machen mit Teppichen, warmen Farbtönen und dem einen oder anderen dekorativen Gegenstand. Doch es war mir nicht gelungen. Die Sachen passten nicht zu meiner Wohnung, nicht zu mir. Ich hatte mich gefühlt wie früher, als Jugendliche, wenn ich den Stil eines gerade angesagten Promis imitierte. Ich kleidete mich wie sie, schminkte mich gleich, machte die Sprache und die Mimik nach, immer im Bewusstsein, eine Nachahmerin zu sein. Immer im Bewusstsein, dass ich nicht ich selbst war, sondern eine Rolle spielte. So war es mir nach der Neuausstattung meiner Wohnung ergangen: Ich fühlte mich in meiner stimmigen dezenten Wohnung nicht wohl. Also brachte ich den ganzen Krempel kurzerhand zur Heilsarmee. Ich wurde behandelt wie die Reinkarnation der Jungfrau Maria. Meine Wohnung erhielt ihr altes, etwas schäbiges, karges Selbst zurück, und seither ist es dabei geblieben. Ich schlafe auf einem Futon, habe nur das Notwendigste an Möbeln, und die Wände sind grösstenteils kahl und weiss. Es gefällt mir so. Ich bin so. Kahl und karg. Innerlich.

Endlich kam James in Begleitung eines Patienten aus seinem Sprechzimmer. «Hi», sagte er zu mir, nachdem er den Patienten verabschiedet hatte. James ist vor drei Jahrzenten der Liebe wegen aus den USA hierhergezogen. Die Liebe ist schon lange weitergezogen, aber er ist geblieben. Er geht jetzt auf Mitte fünfzig zu. James gehört zu den Männern, die Frauen lieben und die sich immer neu verlieben wollen. So ist es nicht weiter erstaunlich – wenn für einen Therapeuten vielleicht auch nicht gerade üblich –, dass er bereits zweimal geschieden ist.

«Hallo», sagte ich und erhob mich. James begleitete mich in sein Sprechzimmer. Ich setzte mich in den Therapiestuhl.

«Wie geht’s?», fragte ich. «Immer noch am Alimente Zahlen?» Das war eine Art Dauerscherz zwischen uns. In einer schwachen Minute des Selbstmitleids hatte James sich über die horrenden Summen beklagt, die er seinen Kindern aus erster Ehe bezahlen musste. Er war der festen Überzeugung, weniger Chancen bei Frauen zu haben, da er deswegen ein armer Schlucker war. Ich hatte nicht versucht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

«Ja, aber nicht mehr lange.» James lachte. «In zwölf Monaten ist es vollbracht.»

«Dann bist du also bald wieder eine gute Partie», sagte ich und zwinkerte ihm zu. Ich flirtete manchmal mit James, auf eine durch und durch harmlose Art. Es war bloss Spass. Mehr war da nicht. James ist mein Therapeut. Wir kennen uns zu gut. Nein, James kennt mich zu gut, meine dunkle Seele, meine Abgründe, meine Störungen. Zwischen uns könnte nie etwas laufen nach all dem, was ich ihm erzählt habe. Das wäre echt abartig.

«Also Moira.» James lehnte sich zurück und betrachtete mich. Das Vorgeplänkel war vorüber. Nun ging es zur Sache. «Was ist los?»

Ich schlug die Augen nieder. Ich habe von meinem Vater geträumt, wollte ich sagen. Ich denke wieder immerzu an Maria, wollte ich sagen. Ich bin durcheinander, wollte ich sagen. Ich sagte nichts von allem. «Ich habe einen neuen Fall», sagte ich stattdessen.

James warf mir einen Blick zu. «Weshalb bist du hier, wenn du nicht reden möchtest?»

«Ich rede ja», sagte ich. «Ich habe einen neuen Fall.»

James zog die Augenbrauen hoch. Nach und nach gelang es ihm, mir die Details zu entlocken. Wir sprachen über die tote Maria, die sich von der Brücke gestürzt hatte. Über die Fotos, die mir so nahe gingen. Wir sprachen über meinen Vater. Und über Maria, meine Maria, meine verschwundene Maria, von der ich nicht wusste, ob sie lebte oder tot war.

«Meinst du, es ist klug, dass du diesen Fall angenommen hast?», fragte James schliesslich.

Ich zuckte die Achseln. «Ich hatte keine Wahl», sagte ich.

«Man hat immer eine Wahl.»

Wir sassen eine Weile schweigend da.

Vielleicht hat man immer eine Wahl. Aber man hat auch ein Schicksal, dem man nicht entfliehen kann. Es holt einen ein, welche Wahl man auch trifft.

«Ich will nur herausfinden, was genau mit Maria passiert ist», sagte ich.

«Mit Maria Okeke? Oder mit deiner Schwester Maria?», fragte James.

Diese Frage stellte ich mir auch die ganze Zeit, seit ich den Fall übernommen hatte.

«Und wird sie davon wieder lebendig, Maria, wenn du das herausgefunden hast?», hakte James nach.

«Vielleicht», sagte ich. «Vielleicht wird ein Teil von ihr irgendwo wieder lebendig.»

James musterte mich. «Trinkst du?», fragte er.

Die Frage war durchaus berechtigt. Es hatte Phasen in meinem Leben gegeben, da hatte ich den Tag mit einer Flasche Sekt begrüsst und mit einer Flasche Wodka verabschiedet. Es hat durchaus seine Gründe, weswegen ich erst mit Anfang dreissig mein Anwaltsexamen abgelegt hatte. Auch das war Thema meiner Therapie gewesen.

Ich schüttelte den Kopf. «Nicht mehr als sonst», sagte ich. Das stimmte. Ich trank meine drei, vier abendlichen Gläser Wein. Ohne die konnte ich nicht einschlafen. Ansonsten widerstand ich allen Versuchungen.

«Tabletten? Sonstige Substanzen?»

Wieder schüttelte ich den Kopf. Ich nahm es ihm nicht übel. James kannte alle meine Laster.

«Du siehst nicht gut aus», sagte er.

«Ich weiss», sagte ich.

«Irgendwann musst du mit der Vergangenheit abschliessen», sagte James. «Dieser Auftrag hilft dir nicht dabei. Im Gegenteil.»

«Ich habe nichts abzuschliessen.»

«Du lügst», sagte James.

«Nein.»

«Du weisst, dass du lügst», sagte James.

Das stimmte. Ich vereinbarte einen weiteren Termin mit James. Ich hatte das Gefühl, ihn im Moment bitter nötig zu haben.

11

Ich war kurz vor neunzehn Uhr zu Hause. Mein Magen knurrte. Alleinstehende Frauen unter vierzig sind ja angeblich bekannt dafür, dass in ihren Kühlschränken – abgesehen von ein wenig fettfreiem Joghurt – gähnende Leere herrscht. Bei mir ist das nicht so. Mein Kühlschrank ist immer gut gefüllt. Ebenso mein Vorratsschrank. Essen ist wichtig. Hungergefühle führen dazu, dass ich mich nicht konzentrieren kann. Hungergefühle machen, dass ich mich einsam fühle. Hungrig sein deprimiert mich. Durstig sein auch. Ich holte eine angebrochene Flasche Weisswein aus dem Kühlschrank und goss mir ein grosszügiges Glas ein. Dann machte ich mich an die Zubereitung meines Abendessens, eine Pasta-Primavera-Variation mit Rucola, Pepperoncini und Pecorino. Zum Essen setzte ich mich an meinen alten Kirschholztisch.

Es ist wichtig, sich nicht gehen zu lassen, wenn man alleine lebt. Vor allem, wenn man alleine lebt. Wehret den Anfängen. Fang nie an, dein Essen auf dem Sofa einzunehmen, wenn möglich noch bei laufendem Fernseher. Wenn du das einmal machst, machst du es wieder, denn es ist ja so gemütlich, und was ist schon dabei? Und du machst es nochmals und noch einmal, und beim nächsten Mal benutzt du vielleicht nicht mal mehr einen Teller und ein Glas, sondern du isst direkt aus der Pfanne, denn so ersparst du dir den Abwasch, und irgendwann kochst du auch nicht mehr, sondern kaufst nur noch Fertiggerichte, denn was soll der Aufwand nur für dich selbst? So nimmt das Chaos seinen Lauf, und eines Tages wachst du mitten in einem Müllberg auf, denn was ist schon dabei, wenn du nicht immer sofort alle Packungen und Reste wegwirfst, du lebst schliesslich alleine, also wen soll’s gross stören? Aber verrate mir, was das über dich, über deine Wertschätzung dir selbst gegenüber aussagt? Nichts Gutes. Das musste ich erst lernen. Ein Hurra auf James. Wie auch immer. Auf jeden Fall nehme ich meine Mahlzeiten zivilisiert am Küchentisch ein und setze mich erst hinterher aufs Sofa. Und siehe da, es geht mir tatsächlich besser als früher. Ich habe einige meiner selbstzerstörerischen Verhaltensweisen geändert, aber bei weitem nicht alle. Will ich auch nicht. Mich zu gut fühlen ist nicht mein Ziel. Gott bewahre mich vor dem Zustand der dauerhaften Zufriedenheit. Etwas Langweiligeres kann ich mir nicht vorstellen.

Nach dem Essen legte ich die Wassermusik von Händel in den CD-Player und fläzte mich mit einem weiteren Glas Wein aufs Sofa. Ich liebe klassische Musik. Sie beruhigt mich. Sie lässt mich nachdenken. Sie macht mich glücklich und wehmütig. Ich dachte an meine Schwester. Ich erinnerte mich, dass Maria und ich uns einmal nach der Schule in der Stadt verabredet hatten. Wir wollten shoppen gehen. Ich kam eine halbe Stunde zu spät. Als Maria mich sah, lächelte sie glücklich. Sie sagte: «Ich dachte schon, du kommst nicht mehr. Ich dachte, du kommst nie mehr.»

Und dann war sie die, die nie mehr kam. Nachdem meine Schwester verschwunden war, war nichts mehr privat in unserer Familie. Die Polizei durchsuchte Zimmer, Schränke, Tagebücher, Vergangenheiten und Gedanken. Alles wurde aufgedeckt, offengelegt, entblösst. Trotzdem fanden sie keine Spur von Maria. Sie blieb spurlos verschwunden. Ich stand auf und ging zum Bücherregal, wo an prominenter Stelle ein Foto von Maria steht, aufgenommen kurz bevor sie verschwand. Wie oft habe ich das Foto schon zur Hand genommen. Wie oft habe ich es studiert, wie oft Maria angestarrt, als könnte der unterbelichtete Abzug mir irgendetwas über sie erzählen, zu mir sprechen. Ich seufzte und wandte mich ab. Ich bewegte mich am Rande gefährlicher Gewässer. Wenn ich noch weiter über Maria nachdachte, würde ich mich betrinken müssen. Und da ich am Morgen Verhandlung am örtlichen Gericht hatte, kam das nicht in Frage. Ich stellte mein Glas zur Seite und nahm die Akten zur Vorbereitung für den morgigen Tag zur Hand.

Später streckte ich mich auf meinem Futon aus. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, vor schwierigen Verhandlungen Meditationsübungen für gutes und leichtes Einschlafen zu praktizieren. Ich versuchte, an nichts zu denken. Da, wo sich normalerweise meine Gedanken befanden, sollte ein grosses weisses Loch entstehen. Es funktionierte nicht. Da, wo sich normalerweise meine Gedanken befanden, befand sich nur ein Gedanke, nämlich der an meine Schwester. Ich brach die Übungen ab. Ich trank ein letztes Glas Wein und rauchte eine Zigarette am Fenster. Wieder war die Nacht klar, und ich konnte die Sterne sehen. Da hatte ich eine Art Eingebung: Vielleicht sollte ich bei der toten Maria ähnlich vorgehen wie die Polizei bei meiner verschwundenen Maria. Vielleicht sollte ich nach Spuren suchen. Vielleicht sollte ich ihr Zimmer durchsuchen, ihren Schrank, ihr Tagebuch und ihre Vergangenheit.

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