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UTB 4830

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Ulrich Ermann, Ernst Langthaler, Marianne Penker, Markus Schermer

Agro-Food Studies.

Eine Einführung

BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2018

Ulrich Ermann ist Professor für Humangeographie unter Berücksichtigung der Fachdidaktik an der Karl-Franzens-Universität Graz. Er forscht zu Geographien der Märkte, der Waren und des Konsums, zur Materialität des Gesellschaftlichen und zu Regionalisierungen von Nahrungsmitteln.

Ernst Langthaler ist Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz und Vorstand des Instituts für Geschichte des ländlichen Raumes in St. Pölten. Er forscht zur Agrar-, Ernährungs- und Umweltgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Marianne Penker ist Professorin für Landsoziologie und ländliche Entwicklung am Institut für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der Universität für Bodenkultur Wien. Sie forscht zu nachhaltigen Agrar- und Ernährungssystemen sowie zu Landschaftsentwicklung und kollektivem Handeln in ländlichen Regionen.

Markus Schermer ist Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Agrar- und Regionalsoziologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Er forscht zu Lebensmittelproduktion und -konsum, zur Regionalentwicklung und zum Kulturlandschaftswandel im Berggebiet.

Mit 41 Abbildungen und 5 Tabellen

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de.

Umschlagabbildung: Guiseppe Arcimboldo, Rudolf II. som Vertumnus, 1591.

Das allegorische Gemälde porträtiert Kaiser Rudolf II als Vertumnus, den etruskisch-römischen Gott der Veränderung und des Wandels der Jahreszeiten. Schloss Skokloster, Uppland

© 2018 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Wien Köln Weimar

Wiesingerstraße 1, A-1010 Wien, www.boehlau-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.

Korrektorat: Rainer Landvogt, Hanau

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: büro mn, Bielefeld

EPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

UTB-Band-Nr. 4830 | ISBN 978-3-8252-4830-7 | eISBN 978-3-8463-4830-7

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

1. Warum Agro-Food Studies?

2. Tradition und Moderne

2.1 Einbahnstraße in die Moderne?

2.2 Nahrungsregime als Leitkonzept

2.3 Nahrungsregime vor der Globalisierung

2.4 UK-zentriertes Nahrungsregime (1870er–1920er Jahre)

2.5 US-zentriertes Nahrungsregime (1940er–1970er Jahre)

2.6 WTO-zentriertes Nahrungsregime (1990er–2010er Jahre)

2.7 Es gibt Alternativen

3. Globalisierung und Regionalisierung

3.1 Einführung anhand des Konzepts der sozialen Einbettung

3.2 Globalisierung – Lebensmittel mit loser Einbettung

3.3 Regionalisierung – die verstärkte Einbettung von Lebensmitteln in regionale Strukturen

3.4 Kontinuum statt Dichotomie

3.5 In Zukunft: regional, global oder glokal?

4. Gesellschaft und Umwelt

4.1 Die Interaktion von Gesellschaft und Umwelt

4.2 Das sozialökologische System der Lebensmittelversorgung

4.3 Rückkopplungseffekte zwischen Lebensmittelproduktion und Umwelt

4.4 Strategien für die Steuerung des sozialökologischen Systems der Lebensmittelversorgung

4.5 Ein sozialökologischer Blick auf die Zukunft der Lebensmittelversorgung

5. Natur und Technik

5.1 Unser Essen: natürlich und künstlich

5.2 Was ist natürlich?

5.3 Die STS- und die ANT-Perspektive

5.4 Das Beispiel Milch

5.5 Innovationen und Technikfolgen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft

5.6 Risiken und Lebensmittelskandale

5.7 Mit Technologie zurück zur Natur?

6. Kopf und Bauch

6.1 Essen: ein Körper-und-Geist-Thema

6.2 Biopolitik und Körperpolitik

6.3 Körperlichkeit, Leiblichkeit, Viszeralität und Geschmack

6.4 Die Genderperspektive

6.5 Der ‚fehlernährte‘ Körper

6.6 Die Figur des citizen consumer

6.7 Biopolitics, body politics und Nahrungspolitik

7. Mangel und Überfluss

7.1 Produktions- oder Verteilungsproblem?

7.2 Zugangsrechte als Leitperspektive

7.3 Ungleichheit global: Handelspolitiken und Konzernstrategien

7.4 Ungleichheit national: Entwicklungspfade und Staatenkonflikte

7.5 Ungleichheit subnational: Klasse, Ethnie und Geschlecht

7.6 Möglichkeiten und Grenzen von Problemlösungen

8. Verbindendes und Trennendes

8.1 Natürliche und kulturelle Faktoren

8.2 Zugehörigkeit und Fremdheit wird über Lebensmittel konstruiert

8.3 Lebensstile in Konsum und Produktion

8.4 Was ist ein ‚gutes Lebensmittel‘?

8.5 Entstehung von Patchworkidentitäten

9. Stabilität und Veränderung

9.1 Business as usual ist keine Zukunftsoption

9.2 Das Konzept der sozio-technischen Transformation

9.3 Pfadabhängigkeiten, Krisen und Regulierungen im Lebensmittelregime

9.4 Anpassung auf der Regimeebene: Optimierung des Bestehenden

9.5 Regimewechsel: Neue Ansätze in der Governance des Agrar- und Ernährungssystems

9.6 Welches Agrar- und Ernährungssystem hat Zukunft?

Glossar

Literatur

Register

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 2.1:Übersicht zum UK-zentrierten Nahrungsregime

Abb. 2.2:Übersicht zum US-zentrierten Nahrungsregime

Abb. 2.3:Übersicht zum WTO-zentrierten Nahrungsregime

Abb. 3.1:Lebensmittelwertschöpfungskette

Abb. 3.2:Handel ermöglicht die Spezialisierung von Regionen auf spezifische Produkte

Abb. 3.3:Anzahl und Anteil unterernährter Personen weltweit

Abb. 3.4:Anteil des Haushaltseinkommens (in %), welcher 2014 für zu Hause konsumiertes Essen ausgegeben wurde

Tab. 3.1:Motive regionaler Ernährung

Abb. 4.1:Sozialökologisches System der Lebensmittelversorgung

Abb. 4.2:Multifunktionalität der Landwirtschaft

Abb. 4.3:Konzept der Ökosystemleistungen

Abb. 4.4:Global produzierte Jahresmenge (Tonnen) von ausgesuchten Lebensmittelgruppen

Abb. 4.5:Fußabdruck und planetare Grenzen

Abb. 5.1:Screenshot der Website http://www.followthethings.com/

Abb. 5.2:Biomilch und „Milch aus der Region“ in einem deutschen Supermarkt (Franken)

Abb. 5.3:Herkunftsbezogene Milchvermarktung in einem österreichischen Supermarkt (Steiermark)

Tab. 5.1:Ausgewählte Lebensmittelskandale in Europa nach Berichten in deutschsprachigen Medien

Abb. 6.1:Vermarktung von Joghurtprodukten mit Verbindung von Inhaltsstoffen, Gesundheit und Genuss

Abb. 6.2:Cover der Zeitschrift BEEF! Für Männer mit Geschmack

Abb. 6.3:Klischeehafte Reproduktion eines „weiblichen“ Essens und Trinkens (Plakat an einem Ausflugslokal in Bayern)

Tab. 7.1:Beispiele für Dimensionen von ernährungsrelevanten Zugangsrechten

Abb. 7.1:Anteil von unterernährten Menschen an der Gesamtbevölkerung 2012 (laut UN-Welternährungsprogramm)

Abb. 7.2:Anteil von adipösen Menschen (BMI über 30) an der über 20-jährigen Bevölkerung 2008 (laut WHO)

Abb. 7.3:Untergewichtigkeit und Adipositas nach Weltregionen 1975–2014

Tab. 7.2:Machtkonzentration in den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen 2007

Abb. 7.4:Expansionsphasen von McDonald’s

Abb. 7.5:Untergewichtigkeit und Adipositas nach Staaten 1975–2014

Abb. 7.6:Geschlechterunterschiede bei Untergewicht und Adipositas nach ausgewählten Staaten 1975–2014

Abb. 8.1:Lebensphasen und Ernährungsstile nach dem ISOE-Lebensphasenmodell

Abb. 9.1:Die Mehrebenen-Perspektive der Theorie sozio-technischer Transformation

Abb. 9.2:Das System der Governance in der Versorgungswirtschaft

Abb. 9.3:Das System der Governance in der liberalen Marktwirtschaft

Tab. 9.1:Bio-Ökonomie und Öko-Ökonomie im Vergleich

Abb. 9.4:Governance in der Öko-Ökonomie

Danksagung

Die AutorInnen danken Petra Gruber als Initiatorin und Impulsgeberin. Ohne sie und die von ihr in Gmunden organisierten Treffen wäre dieses Buch nicht entstanden. Sie danken auch Alexander Fetz, Kasimir Szarawara, Christina Roder und den Studierenden des vertiefenden Agrar- und Regionalsoziologieseminars an der Universität Innsbruck für ihre Unterstützung bei Lektorat und Grafik.

1. Warum Agro-Food Studies?

Agro-Food Studies – ein englischer Titel für ein deutschsprachiges Buch zur Einführung in ein sozial- und kulturwissenschaftliches Themenfeld? Gibt es denn keine passende Übersetzung dafür? Wir haben uns aus folgenden Gründen für diesen Titel – und damit auch gegen den Versuch einer Übersetzung – entschieden: Zunächst ist es tatsächlich schwer, Agro-Food Studies ins Deutsche zu übertragen: Allein food beinhaltet Aspekte von ‚Nahrung‘, ‚Lebensmittel‘ und ‚Essen‘, und auch agro bezeichnet mehr als ‚Landwirtschaft‘. Wenn wir das Buch ‚Agrarund Ernährungsforschung‘ genannt hätten, dann wäre dies auch keine stimmige Übersetzung gewesen: Agro-Food Studies sind nicht einfach Forschungen, die sich mit Landwirtschaft und Ernährung bzw. dem Essen beschäftigen. Sie bezeichnen vielmehr eine spezifische Forschungsrichtung, die sich inter- und transdisziplinär versteht und die sich durch einen sozial- und kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt, eine kritische Grundperspektive und die Verbindung von produktions- und konsumorientierten Sichtweisen charakterisieren lässt. Man könnte auch sagen, die Agro-Food Studies schließen eine Lücke in den überwiegend betriebswirtschaftlich, naturwissenschaftlich und technisch orientierten Forschungseinrichtungen und Studiengängen im Agrar- und Ernährungsbereich.

Obwohl die Agro-Food Studies kein klar abgrenzbares Forschungsfeld bilden, bezeichnen sie dennoch einen im angloamerikanischen Sprachraum etablierten akademischen Diskussionszusammenhang. Dieser konstituiert sich zwar nicht als eigenständige Disziplin, ist aber über eine Reihe von wissenschaftlichen Vereinigungen, Konferenzformaten und Fachzeitschriften präsent. Die Agro-Food Studies haben sich bereits in den frühen 1980er Jahren formiert. Vor allem aus der Agrarsoziologie heraus gab es Impulse, den Blick vom landwirtschaftlichen Betrieb als zentralem Akteur der agrarischen Produktion auf die gesamte → Wertschöpfungskette zu erweitern: Das System von Lebensmittelproduktion, -verarbeitung, -handel und -konsum sowie politisch-institutioneller Steuerung sollte in die Betrachtung des ‚Agrarischen‘ integriert werden, vorwiegend mittels Anleihen aus der Politischen Ökonomie. Dies war aber nur ein erster Schritt, der innerhalb der Agro-Food-Debatten als einseitig produktionsorientiert kritisiert wurde. Dementsprechend wurde der Lebensmittelkonsum – so die Kritik – fast gänzlich als Funktion des Produktionssystems verstanden. Umgekehrt blieben die Praktiken des Essens und Kaufens, die Konsumkultur und die Wirkungsmacht des Konsums auf die Produktion weitgehend ausgeblendet (vgl. Lockie und Kitto 2000). In den 1990er Jahren setzte sich dann in den Agro-Food Studies zunehmend ein consumption turn durch (Goodman 2000; Goodman und DuPuis 2002), der einer Adaptierung kulturwissenschaftlicher Perspektiven in den Sozialwissenschaften (cultural turn) folgte. Demnach werden Produktion und Konsum von Lebensmitteln nicht mehr nur als Abfolge (z. B. als food chain vom Bauernhof bis zum Esstisch) behandelt und auch nicht mehr nur als Wechselwirkung, sondern es geht darum, die üblichen Trennlinien zwischen Produktions- und Konsumwelten aufzulösen. Hinzu kam mit einem material turn in den Sozialwissenschaften eine stärkere Fokussierung auf die physisch-materielle Welt der Lebensmittelproduktion und der Ernährung und eine stärkere Gewichtung von Natur, Umwelt, Leben und Körperlichkeit in den Agro-Food Studies (Goodman 1999).

Die Übergänge zwischen Agro-Food Studies (auch synonym: Agri-Food Studies) und Food Studies sind fließend, auch wenn Erstere mehr produktionsorientiert und Letztere mehr konsumorientiert vorgehen. Während die Agro-Food Studies stärker von Fächern wie der Agrarökonomie, -soziologie, -geografie oder -geschichte beeinflusst wurden, sind die Food Studies mehr von Disziplinen wie der Kulturanthropologie, Konsumsoziologie, Konsumgeschichte oder Konsumgeografie geprägt. Nach dem von uns hier vertretenen Verständnis schließen Agro-Food Studies aber immer auch die Food Studies mit ein. Eine vergleichbare Bezeichnung für ein wissenschaftliches Themengebiet, welches gerade die Verbindungen zwischen dem Produktions- und dem Konsumkontext des Essens in den Blick nimmt bzw. das quer zu den konventionellen disziplinären Grenzen liegt, fehlt im deutschsprachigen Raum.

Mit dem vorliegenden Buch möchten wir einen Beitrag zur Konsolidierung und Zusammenführung von Beiträgen der Agro-Food Studies im deutschen Sprachraum leisten. Die Rezeption der überwiegend englischsprachigen Basisliteratur wollen wir mit der Forschung im deutschsprachigen Raum verbinden und auch unsere eigenen Interpretationen und Ideen einfließen lassen. Wir möchten den Blick auch deshalb stärker auf den deutschsprachigen Raum lenken, weil sich die englischsprachige Agro-Food-Studies-Literatur vor allem auf die spezifische Situation der Lebensmittelversorgung und Ernährung in Nordamerika und dem Vereinigten Königreich bezieht. Trotz eines Schwerpunkts der Beispiele in unserem Buch auf dem Umfeld der deutschsprachigen Leserinnen und Leser war es uns wichtig, eine eurozentrische Perspektive zu vermeiden; vielmehr möchten wir verschiedenen Blickwinkeln und Themen, insbesondere auch des → Globalen Südens, gebührend Beachtung schenken.

Die Wortkombination Agro-Food steht für eine Dichotomie, also eine Zweiteilung zwischen Agro und Food, und damit auch für einen Gegensatz zwischen Produktion und Konsum. Dass es uns mit diesem Buch um eine Auflösung dieser Trennung geht, ist kein Widerspruch: Wir machen uns zunächst mit dichotomen Denkmustern und deren Wirkmächtigkeit in unserer üblichen Form der Generierung und der Vermittlung von Wissen vertraut, gerade um uns dann von diesen Mustern zu lösen, sie infrage zu stellen und Zusammenhänge anders zu denken. Im Kontext der Agro-Food Studies begegnen uns explizit und implizit zahlreiche dichotome Denkmuster. Wir haben das Buch um acht solcher Wortpaare herum konzipiert: Tradition und Moderne, → Globalisierung und → Regionalisierung, Gesellschaft und Umwelt, Natur und Technik, Kopf und Bauch, Überfluss und Mangel, Verbindendes und Trennendes sowie Stabilität und Veränderung. Auf ein Kapitel zur Dichotomie zwischen Produktion und Konsum wurde bewusst verzichtet, da dieser Gegensatz – oder besser: diese Verbindung – ohnehin eine Grundperspektive des gesamten Buches bildet. Andere dichotome Wortpaare wie z. B. Stadt und Land oder Natur und Kultur wurden zwar nicht als Kapitelüberschrift ausgewählt, spielen aber in dem Buch dennoch eine wichtige Rolle. Oft ist dabei ein Begriff gar nicht ohne die Abgrenzung vom Gegenbegriff denkbar (wie bei einer zeitlichen Abgrenzung von ‚traditionell‘ und ‚modern‘). Manche Begriffe ergeben nur in Abgrenzung zu einem anderen Sinn (z. B. ‚Umwelt‘ im Hinblick auf eine ‚Innenwelt‘ – in unserem Fall die ‚Gesellschaft‘). Andere Wortpaare beschreiben entgegengesetzte Phänomene (wie ‚zu viel‘ und ‚zu wenig‘). In jedem Fall zeigt sich bei all diesen Dichotomien, dass die vermeintliche Zweiteilung nur eine gedankliche Differenzierung ist und die Realität nur im ‚Ganzen‘ existiert. So lassen sich beispielsweise Phänomene der Globalisierung und der Regionalisierung als zwei Seiten derselben Medaille begreifen, und jegliche Technik beinhaltet Aspekte der Natur und Natürlichkeit, ohne die das Technische gar nicht möglich und denkbar wäre.

Wie aber lassen sich solche Gegensätze auflösen oder überwinden, ohne sie zu reproduzieren? Erstens lässt sich dies durch eine kritische Distanz zu diesen dichotomen Denkfiguren in der Wissenschaft genauso wie im Alltag und in der öffentlichen Diskussion erreichen. Es geht darum, etablierte Sichtweisen zu reflektieren und zugleich andere Perspektiven aufzuzeigen. Agro-Food Studies verstehen sich als ein alternatives Projekt, das Gegenentwürfe zu einer von der Gesellschaft abgehobenen Agrar- und Ernährungswissenschaft bereitstellt.

Zweitens arbeiten wir an der Überwindung von dichotomen Denkmustern durch Forschungsperspektiven, die einen integrativen Blick jenseits von reduktionistischen Ansätzen erlauben. Jedes Kapitel beleuchtet schwerpunktmäßig einen in den Agro-Food Studies häufig verwendeten Ansatz als Leitperspektive – als eine theoretische Brille, durch die wir bestimmte Phänomene unter einem bestimmten Blickwinkel betrachten können. Die Leitperspektiven lassen sich durch folgende Begriffe charakterisieren: → Nahrungsregime (Tradition und Moderne), Einbettung (→ embeddedness) (Globalisierung und Regionalisierung), → Sozialökologische Systeme (Gesellschaft und Umwelt), → Akteur-Netzwerk-Theorie (Natur und Technik), → Biopolitik (Kopf und Bauch), → Zugangsrechte (Überfluss und Mangel), → Ernährungsstil und → Landwirtschaftsstil (Verbindendes und Trennendes) sowie → transition theory (Stabilität und Veränderung).

Drittens versuchen wir, Dichotomien durch eine konsequent interdisziplinäre Perspektive aufzulösen. Die hier vorgestellten Ansätze und Themen liegen quer zu konventionellen Disziplingrenzen und damit auch zu den üblichen Grenzen des wissenschaftlichen Denkens und Zuordnens. In den Agro-Food Studies werden Grenzen zwischen natur-, technik-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen aufgebrochen. Zwar liegt ein deutlicher Schwerpunkt auf sozialwissenschaftlichen Ansätzen, aber indem beispielsweise Phänomene der ‚Natur‘ oder der ‚Technik ‘ sozialwissenschaftlich und unter Berücksichtigung von Erkenntnissen aus Naturwissenschaften, Humanwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften betrachtet werden, lassen sich Verbindungen zwischen natürlichen Vorgängen, technischen Entwicklungen, wirtschaftlichen und politischen Interessen und gesellschaftlichen Interaktionen aufzeigen. Lebensmittel und Ernährung sind in dieser Hinsicht nicht nur als Gegenstand der Agro-Food Studies zu sehen. Vielmehr lässt die Versorgung der Menschen mit Nahrung zugleich erkennen, wie Produktions- und Konsumwelten sowie Mensch/Gesellschaft und Natur/Umwelt als Zusammenhänge gedacht werden können, deren Trennlinien lediglich das Ergebnis tradierter Ordnungsschemata sind. Viele grundlegende gesellschaftliche Phänomene lassen sich so durch das Prisma des Essens besser sehen und erklären.

Die Konzeption des Buches als interdisziplinäre Einführung heißt auch, es lässt sich ohne fachspezifisches Vorwissen lesen, bietet aber zugleich viele Verweise auf einschlägige Fachdiskussionen und entsprechende Literatur. Es wendet sich vor allem an Studierende, die am Beginn ihrer Beschäftigung mit Themen der (kritischen und im weitesten Sinne sozialwissenschaftlich ausgerichteten) Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungsforschung stehen. Da das Buch insbesondere zum Einsatz im Studium gedacht ist, u. a. zum Lehren und Lernen in Agrar- und Ernährungswissenschaften sowie in speziellen Lehrveranstaltungen der Soziologie, Kulturwissenschaften, Geografie, Ökonomie, Geschichte usw., hat es den Anspruch, ein Lehrbuch zu sein. Gleichwohl kann es nicht alle Erwartungen an ein klassisches Lehrbuch erfüllen: Es eignet sich nicht als Kompendium oder Nachschlagewerk, das objektives und gesichertes Wissen zu Fragen der Lebensmittelproduktion und Ernährung bereithält. Vielmehr macht es die Leserinnen und Leser mit wichtigen Diskussionen und Grundperspektiven vertraut und regt dazu an, vermeintlich eindeutige Zusammenhänge auch anders zu sehen. Damit wendet es sich nicht nur an Studierende, sondern auch an Leserinnen und Leser, die in Schule, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft an Fragen der Agro-Food Studies interessiert sind. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Subsystemen ist eine sektorale Trennung von ‚Essensthemen‘ üblich: Im Zuschnitt von Behörden und betrieblichen Abteilungen oder in der ‚Zuständigkeit‘ journalistischer Rubriken spiegelt sich die strikte Differenzierung von Ernährungsfragen aus Sicht der Medizin und Ernährungsphysiologie, Technik, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft oder kulinarischen Kultur wider. Auch in dieser Hinsicht möchte das Buch zu einer Erweiterung von Perspektiven und zu einer besseren Verknüpfung von fachlichem Teilwissen beitragen. Nicht zuletzt richtet sich das Buch auch an Personen, die sich zivilgesellschaftlich für andere Lebensmittelsysteme engagieren. Grundsatzfragen der Agro-Food Studies – etwa: Was ist (bzw. was halten wir für) ein gutes Essen? Wie verändern sich Formen der Lebensmittelversorgung räumlich und zeitlich? Wer bestimmt, was wir essen und wie Lebensmittel produziert werden? Welche Konsequenzen hat unsere Ernährung für die Umwelt? Was wissen wir über die Herkunft und den Produktionszusammenhang unseres Essens? – sind auch jenseits des akademischen Diskurses von hoher gesellschaftlicher Relevanz.

Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es geht nicht darum, einen Gesamtüberblick über alle relevanten Konzepte auf diesem Feld der Agro-Food Studies zu geben, sondern darum, ausgewählte Perspektiven und Beispiele zu liefern und dabei die meisten von uns als besonders wichtig erachteten Fachbegriffe und Ansätze zu erläutern. Dazu bieten die einzelnen Kapitel eine kurze Zusammenfassung, eine Darstellung der jeweiligen theoretischen Leitperspektive sowie eine Ausführung anhand von empirischen und praktischen Beispielen. Zudem enthält jedes Kapitel Kontrollund Diskussionsfragen zum Rekapitulieren und zur Vertiefung. In einem Glossar am Ende des Buches werden die zentralen Fachbegriffe kurz erläutert. Da sich das Buch an ganz unterschiedliche Kreise von Leserinnen und Lesern richtet, wurde auf eine explizite didaktische Umsetzung der Inhalte verzichtet. Bei der Auswahl von Themen und Beispielen haben wir aber darauf geachtet, dass sie sich zur Verwendung in Lehrveranstaltungen wie auch zum Selbststudium und als Hilfe bei der Suche nach weiterführender Literatur eignen.

Wir hoffen, mit diesem Buch zu einer Schärfung des Blicks auf Fragen des Essens und der Nahrungsmittelversorgung beizutragen. Wir empfehlen den Leserinnen und Lesern, sich kritisch mit Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung und -handel sowie Ernährung auseinanderzusetzen und auch vermeintlich eindeutige und feststehende Fakten mit den dahinterstehenden dichotomen Denkmustern infrage zu stellen. Nicht zuletzt möchten wir Anregungen liefern, die helfen, eigene Positionen zu Agrar- und Ernährungsdebatten in Wissenschaft, Alltag und Praxis zu entwickeln.

2. Tradition und Moderne

Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung von Landwirtschaft und Ernährung jenseits des Gegensatzes von Tradition und Moderne. Es stützt sich dabei auf das Konzept des Nahrungsregimes, des aufeinander abgestimmten Wechselspiels von Wertschöpfungskonzentration entlang von Warenketten (Produktion, Distribution und Konsum) und deren Steuerung durch Akteure (Nationalstaaten, Unternehmen, Gewerkschaften usw.). Das Hauptaugenmerk gilt dem Zeitalter der Globalisierung, das Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Entstehung von Weltmärkten für Grundnahrungsmittel auf Basis neuer Transport- und Kommunikationstechnologien begann. Seitdem formierten sich mehrere globale Nahrungsregime und dazwischen gelagerte Übergänge. Für das erste oder UK-zentrierte Nahrungsregime (1870er–1920er Jahre) war der Handel von Getreide und Fleisch von Siedlerkolonien in Nord- und Südamerika und Australien in die europäischen Metropolen charakteristisch. Das zweite oder US-zentrierte Nahrungsregime (1940er–1970er Jahre) zeichnete sich durch den Handel von Agrarüberschüssen aus den USA nach Westeuropa und Japan (Futtermittel) sowie in die ‚Dritte Welt‘ (Getreide) aus. Das dritte oder WTO-zentrierte Nahrungsregime (1990er–2010er Jahre) ist vor allem durch den Handel von Futtermitteln aus den USA und Südamerika nach Europa, Japan und Ostasien sowie von Getreide aus Industrie- in Entwicklungsländer gekennzeichnet. Abschließend werden die Konturen eines künftigen Nahrungsregimes erörtert.

2.1 Einbahnstraße in die Moderne?

Wir sind gewohnt, das Früher vom Heute zu unterscheiden: Früher sei vieles oder alles anders gewesen als heute. Oft verbinden wir damit auch Wertungen: Das Früher sei ‚schlechter‘ oder ‚besser‘ gewesen als das Heute. Solche wertenden Unterscheidungen beziehen sich etwa auf die Landwirtschaft: Früher war das bäuerliche Arbeiten und Leben mühselig und ärmlich; heute genießen auch die Landwirte und Landwirtinnen dank des technischen Fortschritts Bequemlichkeit und Wohlstand. Oder umgekehrt: Früher wirtschafteten Bauernfamilien im harmonischen Einklang mit Dorfgemeinschaft und Naturkreisläufen; heute verursachen hoch technisierte Agrarunternehmen Landflucht und Umweltschäden. Auch die Ernährung bildet einen Bezugspunkt wertender Unterscheidungen: Früher verursachten Unwetter, Schädlinge und Kriege regelmäßige Hungersnöte; heute steht den Menschen im Durchschnitt genügend Nahrung zur Verfügung. Oder umgekehrt: Früher versorgten sich die Menschen selbst mit saisonaler und regionaler Nahrung; heute sind die Konsumenten von den gesundheits- und umweltschädigenden Produkten der Lebensmittelindustrie abhängig. Die Wertungen wechseln, eine Grundvorstellung bleibt gleich: Die Geschichte sei eine Zeitreise von einem – teils oder gänzlich anderen – früheren Zustand zum heutigen Zustand.

In den Sozial- und Kulturwissenschaften begegnen uns derart zielgerichtete („teleologische“) Geschichtsbilder etwa in Gestalt der Modernisierungstheorie. Die Modernisierungstheorie umfasst ein Bündel an Vorstellungen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Wandels von der „traditionalen“ zur „modernen“ Gesellschaft. Als „traditional“ gilt: agrarisch, manuell, feudalistisch, absolutistisch, gemeinschaftlich, religiös usw. Als „modern“ gilt: industriell, technisch, kapitalistisch, demokratisch, gesellschaftlich, säkularisiert usw. (Wehler 1975). Die Hauptakteure dieses Spiels der Gegensätze bilden der ‚Westen‘, repräsentiert durch die Länder (Nordwest-)Europas und ihre amerikanischen und australischen Ableger, als Vorreiter auf dem Weg zur Moderne und der ‚Rest der Welt‘ als Nachzügler. Die damit verbundene Vorstellung von Entwicklung orientiert sich am im ‚Westen‘ erreichten Stand als Zielmarke für den ‚Rest der Welt‘. Dieses ethnozentrische Geschichtsbild erlebte seine Blüte zwischen dem in den 1950er Jahren abhebenden Wirtschaftsboom und der Weltwirtschaftskrise der 1970er Jahre. Damit war die Vorstellung der Überlegenheit der kapitalistischen Industrieländer (‚Erste Welt‘) gegenüber sozialistischen Industrieländern (‚Zweite Welt‘) und Entwicklungsländern (‚Dritte Welt‘) (→ Globaler Süden) verbunden (Raphael und Doering-Manteuffel 2008).

Dieses Kapitel sucht den von der Modernisierungstheorie behaupteten Gegensatz von Tradition und Moderne zu umschiffen. Es entwirft die Geschichte von Landwirtschaft und Ernährung nicht als zielgerichtete Entwicklung von einem „traditionalen“ zu einem „modernen“ Zustand; vielmehr beschreibt es eine zieloffene Abfolge von Entwicklungsweisen in Gestalt weltumspannender → Nahrungsregime. Zunächst wird das Leitkonzept des Nahrungsregimes erläutert; danach werden Nahrungsregime vor und in der → Globalisierung samt ihren Übergängen skizziert; schließlich werden mögliche Zukunftsentwicklungen vor dem Hintergrund der Vergangenheit erörtert.

2.2 Nahrungsregime als Leitkonzept

Wir folgen dem von Harriet Friedmann und Philipp McMichael (1989) geprägten Konzept des Nahrungsregimes (food regime), einer Anwendung von Weltsystemanalyse (Wallerstein 2004) und Regulationstheorie (Boyer und Saillard 2002) auf Landwirtschaft und Ernährung. Ein Nahrungsregime umfasst das dauerhafte Zusammenspiel von Wertschöpfungskonzentration („Akkumulation“) und Steuerung („Regulation“) entlang transnationaler Warenketten (→ Wertschöpfungskette), die von der Produktion über die Distribution bis zum Konsum (einschließlich der Entsorgung) von Nahrung reichen. Zwischen den mehrere Jahrzehnte langen Regimephasen liegen oft durch Wirtschaftskrisen oder Staatenkonflikte hervorgerufene Übergänge, die alte, widersprüchlich gewordene Akkumulations- und Regulationsweisen durch neue, in sich stimmigere Regime überwinden. Die Literatur unterscheidet drei globale Nahrungsregime: das erste, UK-zentrierte oder extensive food regime von den 1870er bis zu den 1920er Jahren, das zweite, US-zentrierte oder intensive food regime von den 1940er bis zu den 1970er Jahren und das dritte, WTO-zentrierte oder corporate food regime seit den 1990er Jahren. Jedes Nahrungsregime zeichnet sich durch ungleiche Tausch- und Machtbeziehungen zwischen Zentren und (Semi-)Peripherien innerhalb des Weltsystems aus (McMichael 2009, 2013; Atkins und Bowler 2001, 23 ff.; Magnan 2012; Le Heron 2013; Bernstein 2016).

Zu den Stärken des Nahrungsregime-Konzepts zählen erstens die Verbindung von Produktions- und Konsumfragen, zweitens die transnationale, den Nationalstaat als Untersuchungsrahmen überwindende Ausrichtung und drittens die zieloffene, nicht auf einen Endzustand verengte Entwicklungsperspektive. Dem stehen einige Schwächen des anfänglichen Konzepts gegenüber: erstens der Westzentrismus, der den ‚Rest der Welt‘ an den Rand rückt; zweitens der Soziologismus, der ökologische Dimensionen ausblendet; drittens der Strukturfunktionalismus, der die Denk- und Handlungsmacht von Akteuren unterbelichtet. Um diese Schwächen zu überwinden, suchen aktuelle Ansätze vor allem postkoloniale, sozialökologische und akteurorientierte Perspektiven zu stärken (Langthaler 2015, 2016c).

2.3 Nahrungsregime vor der Globalisierung

Nahrung ist ein für Menschen existenzielles, aber knappes – und daher umkämpftes – Gut. Folglich suchen Gesellschaften seit der Einführung von Ackerbau und Viehzucht in verschiedenen Weltregionen vor zwölf bis drei Jahrtausenden („neolithische Revolution“) den Ressourcenfluss zwischen Landwirtschaft und Ernährung nach bestimmten Maßstäben zu regeln – und errichten auf diese Weise Nahrungsregime mit regionaler oder überregionaler Reichweite. Während die Angehörigen von Agrargesellschaften überwiegend selbstproduzierte Nahrung konsumierten, traten in Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften Nahrungsproduktion und -konsum auseinander; damit gewann die Distribution von Nahrung an Stellenwert. Der Handel mit großen Mengen an Grundnahrungsmitteln (Weizen, Mais, Reis usw.) blieb in den europäischen Agrargesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit aufgrund beschränkter Energie- und Transportkapazitäten auf kleine Räume und begünstigte Standorte an Flüssen oder Seehäfen beschränkt; die Märkte waren meist regional segmentiert (siehe Kapitel 3; Tauger 2011; Pilcher 2006; Flandrin und Montanari 1999; Kiple und Ornelas 2000; Cerman et al. 2008).

Freilich verbreiteten sich auch in vorindustrieller Zeit Nutztiere und Kulturpflanzen über die Grenzen von Regionen, Reichen und Kontinenten hinweg. Die Expansion europäischer Seemächte in die „Neue Welt“ nach der Landung der Spanier unter Christoph Kolumbus in Amerika 1492 auf der Suche nach einer Westroute nach Indien – als Alternative zum schwer kontrollierbaren Landweg in Richtung Osten als Lebensader des eurasischen Gewürzhandels – fachte den wechselseitigen Transfer von Tier- und Pflanzenarten an („Kolumbianischer Austausch“). So etwa gelangten Maisund Kartoffelpflanzen über den Atlantik nach Europa, wo sie jedoch zunächst nur in den Gärten von Schlössern und Klöstern gezogen wurden. Erst im 18. und 19. Jahrhundert verbreiteten sich Mais und Kartoffeln im Zuge wiederkehrender Hungerkrisen und obrigkeitlicher Förderung, vor allem unter der ärmeren Bevölkerung, als Grundnahrungsmittel (Crosby 1990). In die Gegenrichtung wanderte – neben europäischen Infektionskrankheiten, denen die indigenen Völker Amerikas mangels Abwehrkräften massenhaft erlagen – das von Indien in den Mittelmeerraum vorgedrungene Zuckerrohr. Der Zucker und seine Produkte standen vom späten 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert im Zentrum des atlantischen Dreieckshandels (siehe Box 2.1).

Box 2.1: Zucker im Zentrum des atlantischen Dreieckshandels

Der Atlantische Ozean bildete seit dem 16. Jahrhundert das wichtigste Operationsgebiet der militärischen und kommerziellen Expansion europäischer Seemächte. Da die indigene Bevölkerung Amerikas weitgehend dezimiert war, mobilisierten die Kolonisatoren Arbeitskräfte aus anderen Weltregionen. So begannen europäische Handelsunternehmen an der westafrikanischen Küste in großem Umfang Waffen, Metallwaren und Textilien gegen gefangene AfrikanerInnen zu tauschen. Nach der Überfahrt über den Atlantik – bis 1870 wurden etwa 10 Mio. Menschen verschifft – veräußerten sie in der Karibik die zur Plantagenarbeit bestimmten SklavInnen gegen Rohrzucker, den daraus gebrannten Rum und andere Waren. Schließlich verkauften sie ihre Schiffsladungen in England und anderen Küstenstaaten Europas, wo der karibische Zucker – in Kombination mit dem indischen Tee – als billiger Kalorienlieferant für die wachsende Industriearbeiterschaft diente. Auf diese Weise schuf der atlantische Dreieckshandel Wirkungsketten zwischen westafrikanischen Dörfern, karibischen Plantagen und europäischen Arbeiterküchen (Mintz 1985).


Afrikanische Sklaven bei der Arbeit auf einer Zuckerplantage auf der Karibikinsel Antigua 1823 (Wikimedia Commons)

Der atlantische Dreieckshandel umfasste bereits Elemente eines globalen Nahrungsregimes: die Akkumulation von Gewinnen und die Regulation von Warenflüssen – einschließlich der zu ‚Waren‘ degradierten Menschen aus Afrika – zwischen mehreren Kontinenten durch europäische Handelsunternehmen. Doch ein Kernelement fehlte ihm: globale Märkte für Grundnahrungsmittel. Erst Dampfmaschine und Telegraf als Technologien der industriellen Revolution befeuerten ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Transport- und Kommunikationsrevolution, die die Welt gleichsam schrumpfen ließ (time-space compression; Harvey 1990, 284 ff.). Nun wurde auch der großvolumige Agrarhandel zwischen europäischen Nationalstaaten und davon abhängigen Gebieten in Übersee erschwinglich. Damit entstanden erstmals transkontinentale Märkte für Grundnahrungsmittel. Zwar hatten Tier- und Pflanzentransfers bereits seit Jahrtausenden und verstärkt ab dem „Kolumbianischen Austausch“ verschiedene Kontinente miteinander verflochten; doch erst ab den 1870er Jahren erfasste die Globalisierung Landwirtschaft und Ernährung im großen Umfang (siehe Kapitel 3; Langthaler 2010, 2016c; Kaller-Dietrich 2011).

2.4 UK-zentriertes Nahrungsregime (1870er–1920er Jahre)

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstand um das Vereinigte Königreich (United Kingdom, UK) ein globales Nahrungsregime, das die wachsenden Industriezentren der Britischen Inseln und Kontinentaleuropas mit Grundnahrungsmitteln aus agrarischen Randlagen außerhalb des Kontinents versorgte. Getreide und, nach Entwicklung der Kühltechnik, Gefrierfleisch gelangten aus den klimatisch gemäßigten Siedlerkolonien Nord- und Südamerikas, Ozeaniens und Zentralasiens mittels Dampfeisenbahn und Dampfschiff auf dem wachsenden Schienen- und Wasserwegenetz (z. B. Suezkanal 1869) in die europäischen Metropolstaaten. Auf dem globalen Getreidemarkt traten vor dem Ersten Weltkrieg Russland, Argentinien und die USA als Hauptexporteure sowie Großbritannien, Deutschland, Belgien und die Niederlande als Hauptimporteure auf (siehe Box 2.2). Das institutionelle Regelwerk dieser Handelsströme umfasste die Freihandelspolitik (z. B. Aufhebung der britischen Getreidezölle 1846) und den Goldstandard mit dem Britischen Pfund als internationaler Leitwährung.

Box 2.2: Globaler Getreidehandel vor dem Ersten Weltkrieg

Vor dem Ersten Weltkrieg war Russland der bei Weitem größte Getreideexporteur. Danach folgten von europäischen Siedlern kolonisierte Gebiete in Übersee: Argentinien, USA, Kanada sowie Australien und Neuseeland. Zudem waren auch Rumänien und Indien wichtige Exportländer. Die wichtigsten Importeure von Getreide waren europäische (Kolonial-)Staaten: Allen voran lagen Großbritannien und Irland, gefolgt vom Deutschen Reich, Belgien und den Niederlanden, Frankreich und Italien. Die Importländer unterschieden sich nach dem Anteil der Getreideeinfuhren am Inlandsverbrauch. Auf der einen Seite standen Kolonialmächte, die ihren Getreideverbrauch zu fast zwei Dritteln über Importe deckten: Großbritannien und Irland sowie Belgien und die Niederlande. Auf der anderen Seite lagen die fast autarken Länder, darunter die kontinentalen Vielvölkerreiche Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich. Die übrigen Staaten verzeichneten Importanteile zwischen rund einem Zehntel (Frankreich) und einem Viertel (Dänemark). Dass Industrialisierungsgrad und Importabhängigkeit bei Nahrungsmitteln zusammenhängen, legen die Beispiele des hoch industrialisierten Großbritanniens und des (vor allem im Osten des Reiches) noch stark agrarisch geprägten Österreich-Ungarns nahe. Gegen diesen Zusammenhang spricht das hoch industrialisierte, aber vergleichsweise importunabhängige Deutsche Reich, das eine protektionistische Handelspolitik mittel Getreideeinfuhrzöllen verfolgte (Langthaler 2010).

Grundzüge des Weltgetreidehandels 1909/13 (eigene Darstellung nach Langthaler 2010, 145)

Die britischen Getreide- und Fleischeinfuhren dienten vor allem den Interessen von Nationalstaat und Industriekapital: Billige Grundnahrungsmittel für die wachsende Industriearbeiterschaft in der britischen „Werkstatt der Welt“ vermochten deren Protestpotenzial einzudämmen und Lohnkosten zu verringern (Koning 1994, 11 ff.; Tanner 1999). In den stetig sinkenden Brotpreisen Londons wirkten mehrere Glieder der transkontinentalen Wertschöpfungskette zusammen: billige Land- und Arbeitskraftressourcen – nährstoffreiche Graslandflächen und verzichtgewohnte Siedlerfamilien – an den überseeischen und zentralasiatischen Pionierfronten; billiger Ferntransport mittels Dampftechnologie zu Lande und zu Wasser; billige Massengüter der aufblühenden Lebensmittelindustrie; schließlich billige Arbeitskräfte, einschließlich Frauen und Kinder, in den nordwesteuropäischen Industrierevieren. Kurz, die interessengeleitete „Vermarktlichung“ entlang der Nahrungskette gliederte Gesellschaft und Umwelt in verschiedenen Weltregionen in das UK-zentrierte Nahrungsregime ein (McMichael 2013, 26 ff.).

Das UK-zentrierte Nahrungsregime beschleunigte nicht nur den Niedergang der zuvor hoch entwickelten Landwirtschaft auf den Britischen Inseln, sondern auch das Vorrücken der intensiven Getreidebau-Rindermast-Mischwirtschaft nach europäischem Maßstab in Übersee, das der indigenen Bevölkerung und deren extensiver Landnutzung (z. B. Wanderfeldbau) die Lebensgrundlage entzog (Barbier 2011, 368 ff.). Zur Rechtfertigung dieser Widersprüche diente die westliche Ideologie der „Zivilisation“, die europäische Herrschafts-, Besitz- und Deutungsansprüche über die politischen, ökonomischen und kulturellen Rechte der „Primitiven“ erhob – und damit die Ungleichheit zwischen den Weltregionen zementierte (Davis 2002).

In die Krise geriet das UK-zentrierte Nahrungsregime jedoch weniger durch innere als durch äußere Widersprüche: Unter dem Preisdruck der „Getreideinvasion“ (O’Rourke 1997) aus Übersee suchten kontinentaleuropäische Staaten, beginnend mit Deutschland und Frankreich, ihre nationalen Agrarsektoren mittels Einfuhrzöllen zu schützen. Dies galt für bäuerlich geprägte Formen der Landwirtschaft im Westen wie für die Gutsbetriebe im Osten Europas. Hinter der Zollschutzpolitik standen meist Koalitionen aus Großgrundbesitz, Bauernverbänden und Industriekapital, die wirtschaftliche und politische Interessen – etwa die Sorge vor dem revolutionären Potenzial der Industriearbeiterschaft – verbanden. Hinzu kam die Sorge vieler in nationalistische Konflikte verstrickter Staaten um die → Ernährungssicherheit im Kriegsfall. Diese protektionistische Bewegung legte im Gefolge des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre das Freihandelsregime unter britischer Führung letztlich lahm (siehe Abb. 2.1; Aldenhoff-Hübinger 2002).


Abb. 2.1: Übersicht zum UK-zentrierten Nahrungsregime (eigene Darstellung)

2.5 US-zentriertes Nahrungsregime (1940er–1970er Jahre)

Das US-zentrierte Nahrungsregime, das sich während der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs formierte, verlagerte die globalen Handelsbeziehungen. Nicht mehr Peripherien versorgten mit ihren Überschüssen das Zentrum, wie im UK-zentrierten Nahrungsregime außereuropäische Siedlerkolonien die britische Metropole. Stattdessen exportierten die USA als neues Zentrum ihre Überschüsse in westlich orientierte Industrie- und Entwicklungsländer als neue (Semi-)Peripherien (McMichael 2013, 32 ff.). Die US-Regierung suchte die ökonomisch-ökologische Doppelkrise der 1930er Jahre – den Rentabilitätseinbruch während der Weltwirtschaftskrise gepaart mit der katastrophalen Winderosion auf den Ackerflächen des Mittleren Westens (Worster 1982; Cunfer 2005) – durch staatliche Preisstützungen und Produktionsbeschränkungen zu bewältigen. Der Ausbau der Preisstützungen und der Wegfall der Produktionsbeschränkungen trieben den US-amerikanischen Agrarsektor während des Krieges zu Höchstleistungen; dabei galt es, zunächst die übrigen Alliierten, dann auch die US-Armee im Mehrfrontenkrieg zu versorgen (Winders 2012, 51 ff.). Die frei werdenden Rohstoffe – etwa die im Krieg für Sprengstoffe reservierten, nun als Mineraldünger verfügbaren Stickstoffverbindungen – regten den Übergang von einem Sonnenenergie und Fotosynthese nutzenden zu einem Fossilenergie verbrauchenden Agrarsystem an (siehe Kapitel 4). Das agroindustrielle Modell wurde nicht nur auf Europa und Japan, sondern im Zuge der → „Grünen Revolution“ auch auf Lateinamerika, Asien und – mit weitaus geringerem Erfolg – Afrika übertragen. Mittels intensiven Einsatzes arbeits- und landsparender Technologien (siehe Box 2.3), etwa von Hochleistungssaatgut, Mineraldünger und Pestiziden, wurde die Arbeits- und Landproduktivität nach oben katapultiert (Anderson 2009; Djurfeldt et al. 2005; Cullather 2010).

Box 2.3: Internationale Agrarentwicklung 1880–1980


Pfade der Agrarentwicklung ausgewählter Staaten 1880–1980 (eigene Darstellung nach Langthaler 2010, 148)

Wenn auch die Wege der Agrarentwicklung von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt waren – die Richtungen ähnelten einander: kapitalintensives Wachstum mittels wissenschaftlich-technischer Neuerungen. Technische Innovationen können in unterschiedlicher Weise Agrarwachstum auslösen: über die Steigerung der Arbeitsproduktivität mittels arbeitssparender Technologie (z. B. Mähdrescher) einerseits, der Flächenproduktivität mittels landsparender Technologie (z. B. Mineraldünger) andererseits. Beide Wege der Technisierung erfordern eine Reihe institutioneller Innovationen, die den Einsatz der jeweiligen Technologie regeln (z. B. Forschungs- und Bildungseinrichtungen). Auf welche Weise technische und institutionelle Innovationen in Gang gesetzt („induziert“) wurden, lässt sich am internationalen Vergleich der Agrarentwicklung 1880 bis 1980 ablesen. Auffällig ist zunächst, dass die nationalen Wachstumspfade auf unterschiedlichen Niveaus verliefen. Dafür waren die unterschiedlichen pro Arbeitskraft verfügbaren Flächen verantwortlich – mit dem Spitzenreiter USA. In den europäischen Staaten lagen die entsprechenden Werte erheblich niedriger. Japan wies die geringsten Pro-Kopf-Flächen auf. Zudem fällt auf, dass die Wachstumspfade zwar in etwa derselben Richtung – von links unten nach rechts oben –, jedoch mit unterschiedlicher Steigung fortschritten. Auf dieser Grundlage lässt sich die Frage, wie technischer und institutioneller Wandel induziert wurde, knapp beantworten: In Weltregionen mit geringer Arbeitskraftdichte und großer Fläche pro Landarbeitskraft wie den USA wurde der im Vergleich zu Boden teure Produktionsfaktor Arbeit primär durch mechanische, die Arbeitsproduktivität steigernde Technologie ersetzt. In Weltregionen mit hoher Arbeitskraftdichte mit kleiner Fläche pro Landarbeitskraft wie Japan und, mit einigem Abstand, Europa wurde der im Vergleich zu Arbeit teure Produktionsfaktor Boden in höherem Maß durch landsparende, die Bodenproduktivität steigernde Technologie ersetzt. Die Industrialisierung induzierte im Agrarsektor – je nach Ausstattung mit Arbeit und Boden – den Ersatz des jeweils knapperen, folglich teureren Produktionsfaktors durch Kapital, indem sie ein billiges Angebot an arbeits- und landsparenden Technologien sowie die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigerte. Umgekehrt erhöhte das landwirtschaftliche Produktivitätswachstum die Nachfrage nach industriellen Inputs sowie – im Fall von arbeitssparender Technologie – das Angebot an Industriearbeitskräften. Kurz, Agrar- und Industrieentwicklung trieben einander wechselseitig an (Hayami und Ruttan 1985).

In der Nachkriegszeit suchten die USA ihre Agrarüberschüsse nicht abzubauen, sondern – in Vorwegnahme von Welternährungsplänen der Vereinten Nationen – in hungergefährdeten, der westlichen Hemisphäre zugerechneten Staaten mit kriegerischen oder kolonialen Erblasten abzusetzen. Nahrung diente angesichts von Entkolonialisierung und „Kaltem Krieg“ als Waffe zur Eindämmung von Welthunger und Weltkommunismus. Die ideologische Rechtfertigung dieser doppelten Eindämmungsstrategie lieferte die produktivistische Vision, jeglichen Mehrbedarf durch ein Mehrangebot decken zu können. Das entsprechende Regelwerk umfasste einerseits das General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) von 1947, das entsprechend der im „Kalten Krieg“ aufgewerteten Ernährungssicherheit den Agrarbereich aus der Handelsliberalisierung ausklammerte und protektionistische Maßnahmen gestattete. Andererseits sicherte das Abkommen von Bretton Woods von 1944 stabile Wechselkurse mit dem US-Dollar als Ankerwährung.

Zunächst forcierte das European Recovery Program („Marshallplan“) von 1947 den Wiederaufbau der westeuropäischen Landwirtschaft mittels Technologie- und Wissenstransfers nach produktivistischem Muster. Nahrungshilfen wurden dabei nur zum Ausgleich der kriegsbedingten Einbrüche gewährt. In dem Maß, in dem Westeuropa den Grad seiner Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln steigerte, verengte sich der Absatzmarkt für die US-amerikanischen Agrarüberschüsse. Umgekehrte Akzente setzte das Food for Peace Program von 1954, das die US-Regierung zur Entwicklungshilfe für bedürftige Länder – einschließlich Japans, das bereits seit 1946 US-Nahrungshilfe erhalten hatte – ermächtigte. Damit erschlossen die USA auf Betreiben heimischer Farmerverbände staatssubventionierte Absatzmärkte für die Agrarüberschüsse – vor allem für Weizen, aber auch für Baumwolle, Ölfrüchte und Milchprodukte (Winders 2012, 146 ff.).

Dieses Hilfsprogramm konzentrierte sich auf Nahrungslieferungen an hungergefährdete und militärstrategisch wichtige Entwicklungsländer; doch ein breit angelegter (Wieder-)Aufbau der Landwirtschaft in diesen Staaten war nicht beabsichtigt. Auch die „Grüne Revolution“ – als Gegengift zur ‚roten‘, kommunistischen Revolution – kam beim Transfer westlicher Hochleistungstechnologie und der damit verbundenen Abhängigkeit von Expertenwissen und Bankkrediten vor allem den herrschenden und kapitalistisch orientierten Klassen im jeweiligen Land zugute (Cullather 2010). Dies erzeugte neokoloniale Abhängigkeiten: Einerseits forcierten Nahrungshilfen zu billigen Preisen den Wandel der bäuerlichen → Landwirtschaftsstile von der Subsistenz- und Binnenmarktproduktion zur Weltmarktproduktion. Andererseits trieben sie den Wandel der → Ernährungsstile von regional angepassten zu am westlichen Standard orientierten voran. Nutznießer beider Entwicklungen waren transnational operierende Unternehmen mit Sitz in Nordamerika oder Westeuropa, die den Fernhandel mit tropischen Rohprodukten und die industrielle Lebensmittelverarbeitung kontrollierten (McMichael 2013, 32 ff.).

Während die USA überschüssiges Brotgetreide vor allem als Nahrungsmittelhilfen in die ‚Dritte Welt‘ lenkten, exportierten sie die im Rahmen des GATT zollbefreiten Mais- und Sojabohnenüberschüsse nach Westeuropa und Japan als Futtermittel für den wachsenden Viehmastkomplex (siehe Box 2.4). Das Angebot an industriell hergestellten Fleisch- und Wurstwaren stieß auf die Nachfrage einer kaufkräftigen und am American way of life orientierten Konsumgesellschaft (Levenstein 2003; Hirschfelder 2005, 234 ff.; Langthaler 2016a, 2016b). Was in den 1950er Jahren als nachholende „Fresswelle“ einsetzte, mündete in den Folgejahrzehnten im grundlegenden Wandel der westlichen Ernährungsstile von getreide- und kartoffel- zu fleisch- und zuckerreicher Kost. Der Speisezettel der westlichen Wohlstandsgesellschaft verband sich mit rassen-, klassen- und geschlechterspezifischen Deutungen; er signalisierte ‚weiße‘, ‚mittelständische‘ und ‚männliche‘ Kost als Ausweis gesellschaftlichen Aufstiegs (siehe Kapitel 8). Schauplätze dieses standardisierten Lebensstils bildeten neben dem Familientisch in den eigenen vier Wänden neue Formen des Einzelhandels (z. B. Supermärkte) und des Essens außer Haus (z. B. → fast food; Schlosser 2002; Ritzer 2006). Der Landwirtschaft vor- und nachgelagerte Industrien an den Flaschenhälsen der Wertschöpfungskette steigerten ihre Profite, jedoch unter Ausklammerung erheblicher sozialer und ökologischer Kosten (Weir 2014; Weis 2013; Smil 2013; Langthaler 2016a, 2016b).

Box 2.4: Handelsbilanz für Getreide, Ölsaaten und Fleisch 1946–1990 (eigene Darstellung nach www.fao.org/faostat)

Das US-zentrierte Regime war durch hohes Wachstum sowohl von Agrarproduktion als auch von Handelsflüssen gekennzeichnet. Dieses Wachstum hielt bis etwa 1980 an; dann begannen insbesondere die globalen Exporte und Importe zu stagnieren. Zwischen 1950 und 1980 verdoppelte sich die globale Getreideproduktion von 0,5 auf 1,1 Gigatonnen/Jahr, die Exporte stiegen um einen Faktor 6 auf 200 Mio. Tonnen/Jahr, wobei sich hier der Schwerpunkt von Brot- auf Futtergetreide verschob. In dieser Phase dominierten die USA den globalen Agrarhandel. Die US-Getreideexporte stiegen auf über 100 Mio. Tonnen; damit kamen in den 1970er Jahren knapp 50 % der globalen Getreideexporte und 65 % der Ölsaatenexporte aus den USA. In der UdSSR konnte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Getreideproduktion mit dem schnell steigenden Verbrauch, vor allem durch die expandierende Fleischproduktion, nicht Schritt halten und erlangte in diesem Regime keine Bedeutung mehr. Die UdSSR wurde in der Folge in den 1970er Jahren sogar zu einem großen Getreideimporteur. Die nordamerikanischen Exporte gingen bis in die 1950er Jahre noch überwiegend nach Europa. Erst danach entwickelte sich Asien zur wichtigsten Importregion, trotz der gleichzeitigen Steigerung der Produktion als Folge der „Grünen Revolution“. Ab den 1970er Jahren nahm auch die Bedeutung von Afrika als Importregion zu, während die Exporte der USA nach Europa zurückgingen. In diesem Regime nahm vor allem der Handel mit Sojabohnen, insbesondere als Eiweißfuttermittel in der industriellen Tierproduktion, und mit Fleisch stark zu. Diese Agrarprodukte wurden neben Getreide zu mengenmäßig bedeutenden Handelsgütern. In den zwei Jahrzehnten von 1961 bis 1980 stiegen der globale Handel von Ölsaaten von 15 auf 60 Mio. Tonnen und jener von Fleisch von 3,5 auf 9,5 Mio. Tonnen an. Während die Handelsrichtung bei den Ölsaaten vor allem von Nordamerika und ab 1975 zunehmend auch von Südamerika nach Europa ging, kamen die Fleischexporte vor allem aus Australien und Neuseeland (Ozeanien) sowie Südamerika. Erst in den 1980er Jahren entwickelte sich dann auch Europa zu einer Nettoexportregion von Fleisch (Krausmann und Langthaler 2016).


Anmerkung: Das Diagramm zeigt die physische Handelsbilanz (Importe minus Exporte). Positive Werte bedeuten Nettoimport, negative Werte Nettoexport.

In der Welternährungskrise 1972 bis 1975 ließen massive Getreideverkäufe der USA an die Sowjetunion, großflächige Missernten und der „Ölschock“ von 1973 die Agrarpreise hochschnellen (siehe Kapitel 7; Gerlach 2005). Dabei offenbarten sich die Widersprüche des US-zentrierten Nahrungsregimes an mehreren Punkten: Erstens belasteten die staatssubventionierten Agrarüberschüsse zunehmend die öffentlichen Haushalte, so etwa der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) mit ihrer auf bäuerliche Einkommens- und nationale Ernährungssicherheit ausgerichteten → Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP; Knudsen 2009; Patel 2009). Zweitens verschärften die Versuche, die wachsenden Produktionsüberschüsse mittels Preissubventionen auf dem Weltmarkt abzusetzen, den internationalen Wettbewerb. Drittens sahen die aufstrebenden transnationalen Unternehmen den nationalstaatlichen Protektionismus (→ Liberalismus) im Agrar- und Ernährungsbereich zunehmend als Hemmschuh für ihre Geschäftsstrategien. Diese Widersprüche befeuerten die Versuche der GATT-Reform ab 1986, ein neues Regelwerk im Zeichen des Neoliberalismus zu schaffen (siehe Abb. 2.2; Winders 2012, 153).


Abb. 2.2: Übersicht zum US-zentrierten Nahrungsregime (eigene Darstellung)

2.6 WTO-zentriertes Nahrungsregime (1990er–2010er Jahre)

Vom US-zentrierten Nahrungsregime hob sich das neoliberal ausgerichtete vor allem durch die veränderte Rolle des Staates ab: Verstanden sich Nationalstaaten zuvor als Beherrscher des Marktes, definierte sie der Neoliberalismus nunmehr als dessen Dienstleister. Dementsprechend galt Ernährungssicherheit nicht mehr als unveräußerliches Menschenrecht – so die FAO noch in der Welternährungskrise der 1970er Jahre –, sondern war nach der Lesart der Weltbank in den 1980er Jahren eine Leistung des Weltmarkts. Gemäß dem Grundsatz vom → „komparativen Kostenvorteil“ solle sich jedes Land auf die Güter spezialisieren, die es relativ günstiger herstellen kann, und den restlichen Bedarf über Freihandel decken. Die dafür erforderliche Liberalisierung der Märkte, die exportorientierte New Agricultural Countries (Brasilien, Argentinien, Neuseeland usw.) und transnationale Unternehmen in der Uruguay-Runde des GATT ab 1986 vorantrieben, wurde 1995 im Agreement on Agriculture der neu gegründeten Welthandelsorganisation (WTO) festgeschrieben. Angesichts des Gewichts transnationaler Unternehmen, die sich immer mehr auf den entfesselten Finanzmärkten engagierten (siehe Box 2.5), wird das WTO-zentrierte Nahrungsregime auch als corporate oder flexible food regime bezeichnet (Vorley 2003; McMichael 2013, 47 ff.).

Box 2.5: Parmalat und die „Finanzialisierung“ der Agrarindustrie


Parmalat als Drei-Ebenen-Netzwerk ‚flexibler‘ Kapitalakkumulation (eigene Darstellung nach Langthaler 2010, 160)

Innerhalb des neoliberalen Regelwerks gewannen agroindustrielle Unternehmen zusätzlichen Spielraum. Sie stehen nicht nur im Wettbewerb untereinander, sondern auch mit Nationalstaaten und nichtstaatlichen Organisationen (Non-Governmental Organisations, NGOs). Ein Beispiel stellt die Firma Parmalat dar, die zu einem transnationalen Lebensmittelkonzern aufgestiegen war. Ihre Drei-Ebenen-Netzwerkarchitektur war charakteristisch für die ‚flexibel‘ regulierte Kapitalakkumulation der Globalisierungsära seit den 1990er Jahren: Auf der ersten Ebene generierten ProduzentInnen und KonsumentInnen in verschiedenen Ländern, die über das weitgespannte Verarbeitungs- und Verteilungsnetz auf der zweiten Ebene verknüpft waren, Wertschöpfung. Das parteipolitisch und finanzökonomisch eng verflochtene Kontrollzentrum auf der dritten Ebene (Parmalat Finanziaria) saugte die ‚realen‘ Werte auf und suchte sie im globalen Finanzsystem in ‚virtuelle‘ (Mehr-)Werte zu verwandeln – eine Strategie, die 2003 in einen desaströsen Finanzcrash mündete (van der Ploeg 2008, 87 ff.).

Obwohl die WTO im Agreement on Agriculture die Entfesselung der Weltagrarmärkte auf ihre Agenda setzte (siehe Box 2.6), schlossen protektionistische Regulierung und neoliberale Deregulierung einander nicht aus. So etwa gelang es den USA, der EU und Japan, durch Umschichtungen ihre erheblichen Agrarsubventionen beizubehalten – zum Nutzen von Großfarmern und Agroindustrie. Demgemäß ging die EU in der GAP-Reform von 1992 von mengengebundenen Preissubventionen (amber box) zu von der Produktionsmenge entkoppelten Flächen- und Tierprämien (blue box) und zur Förderung der → Multifunktionalität (siehe Abschnitt 4.2.2) im Rahmen des Programms zur ländlichen Entwicklung (green box) über. Auch die USA, Japan und andere Industriestaaten betrieben reges boxing (Buckland 2004, 97 ff.). Folglich verfehlte der WTO-Zugang zur Ernährungssicherheit das Ziel der Handelsgerechtigkeit mittels Liberalisierung nicht nur, sondern beförderte dessen Gegenteil – die Verfestigung der Benachteiligung der Länder des Globalen Südens gegenüber den Agrarprotektionisten des Globalen Nordens (→ Globaler Süden) (McMichael 2013, 53).

Box 2.6: Handelsströme für Getreide, Ölsaaten und Fleisch 1990–2012 (eigene Darstellung nach www.fao.org/faostat)

Die Wachstumsphase des US-zentrierten Nahrungsregimes mündete in den 1980er Jahren in eine Phase der Stagnation. In diesem Jahrzehnt wuchs die globale Produktion nur langsam und die Nettohandelsflüsse sowohl von Getreide als auch von Ölsaaten und Fleisch blieben weitgehend stabil. Erst in den 1990er Jahren wurde fast zeitgleich mit der GATT-Reform eine neue Dynamik sichtbar, als die Exporte von Ölsaaten und Fleisch mit hohen Raten zu wachsen begannen. Ab der Jahrtausendwende begann dann mit etwas Verzögerung auch der globale Getreidehandel wieder zuzunehmen. Die Getreideexporte wurden weiterhin von Nordamerika dominiert, während Europa zurücktrat und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion zulegten; diese Exporte flossen überwiegend nach Asien und Afrika. Bei den Ölsaaten, vor allem bei Sojabohnen, kam der Zuwachs der Exporte überwiegend aus Südamerika und ging in Richtung der wachsenden Märkte in Asien; auch beim Fleisch entwickelte sich Südamerika zur dominierenden Exportregion und Asien zum größten Absatzmarkt (Krausmann und Langthaler 2016).


Anmerkung: Das Diagramm zeigt die physische Handelsbilanz (Importe minus Exporte). Positive Werte bedeuten Nettoimport, negative Werte Nettoexport.

Das anhaltende Dumping von Agrarüberschüssen drückte die Weltmarktpreise unter die Produktionskosten. Dies wirkte zwar zum Vorteil transnationaler Handels- und Verarbeitungsunternehmen, benachteiligte jedoch die (klein-)bäuerlichen NahrungsproduzentInnen weltweit, vor allem im Globalen Süden. Laut einer Schätzung der Welternährungsorganisation FAO verloren hier in 16 Ländern 20 bis 30 Mio. Menschen aufgrund der Liberalisierung des Agrarhandels ihre bäuerliche Existenz (Madeley 2000, 75; Patel 2008; Brookfield und Parsons 2007). Viele Entwicklungsländer (→ Globaler Süden) hatten bereits im US-zentrierten Nahrungsregime begonnen, die Exportlandwirtschaft für tropische Güter zu forcieren und Grundnahrungsmittel aus Industrieländern zu importieren. Diese Tendenz verschärfte sich im WTO-zentrierten Regime durch „Strukturanpassungsprogramme“ von Weltbank und Internationalem Währungsfonds zum Schuldenabbau sowie durch → land grabbing durch transnationale Unternehmen im Bündnis mit nationalen Regierungen (Englert und Gärber 2014). Einige Staaten Lateinamerikas und Asiens stiegen als New Agricultural Countries durch Agrarexporte, etwa von Sojabohnen (siehe Box 2.7), zu den global players auf; dies ging jedoch oft zulasten der Ernährungssicherheit der ärmeren, von Nahrungsimporten abhängigen Bevölkerungsklassen. Trotz einzelner Exporterfolge waren Mitte der 2000er Jahre 70 % der Länder des Globalen Südens Nettoimporteure von Nahrungsmitteln. Auf diese Weise wurden sie verletzlicher gegenüber Preisschwankungen auf dem Weltmarkt – wie etwa 2007/08, als die Grundnahrungsmittelpreise binnen eines Jahres auf das Zwei- bis Dreifache hochschnellten (siehe Box 3.2; McMichael 2013, 47 ff.).

Box 2.7: Die Weltkarriere der Sojabohne im 20. Jahrhundert (eigene Darstellung nach Langthaler 2015, 60)

Die Sojabohne, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts ausschließlich in Ostasien angebaut und verbraucht wurde, erfuhr im 20. Jahrhundert eine erstaunliche Weltkarriere. Aufgrund ihres hohen Fett- und Eiweißgehalts wurde die Frucht häufig als „Wunderbohne“ bezeichnet. Im UK-zentrierten Nahrungsregime verliefen europäische Anbauversuche, etwa durch den Österreicher Friedrich Haberlandt in den 1870er Jahren, zunächst im Sand. Doch noch vor dem Ersten Weltkrieg begannen Handelsunternehmen, Sojabohnen(-produkte) aus der – zwischen Russland und Japan umkämpften – nordostchinesischen Mandschurei nach Westeuropa zu verschiffen. Dort diente das Öl als industrieller Rohstoff, etwa zur Seifenherstellung. Im US-zentrierten Nahrungsregime stiegen die USA im und nach dem Zweiten Weltkrieg zum führenden Sojaproduzenten und -exporteur auf. Dabei gewann zunehmend der bei der Ölgewinnung anfallende Ölkuchen als eiweißreiches Futtermittel für den US-amerikanischen, westeuropäischen und japanischen Viehkomplex an Gewicht. Im WTO-zentrierten Nahrungsregime machten Brasilien und andere Staaten Südamerikas den USA die Führungsrolle auf dem Weltmarkt für Sojaprodukte streitig. Als Hauptabnehmer trat neben Europa und Japan nun China, dessen urbane Mittelschichten zunehmend den Fleischkonsum – und damit den Futtermittelverbrauch – in die Höhe trieben. Im Lauf des 20. Jahrhunderts wurde die Sojabohne von einem fernöstlichen Gemüse für den menschlichen Verzehr zu einer ‚verwestlichten‘ Ölfrucht als Quelle für eine Fülle weiterer Produkte: als Pflanzenöl für die menschliche Ernährung, als Rohstoff für die Herstellung verschiedener Industrieprodukte (Farben, Kleber, Kosmetika usw.) und als Futtermittel für die wachsenden Nutzviehherden in Industrie- und Schwellenländern (Langthaler 2015).


Handelsströme von Sojaprodukten 2011

Die De- und Reregulierung im WTO-Regime spaltete den globalen Nahrungsmittelmarkt in ein Quantitäts- und ein Qualitätssegment: Das niedrigpreisige Quantitätssegment herrscht in den südlichen Schwellenländern und den östlichen Transformationsländern, aber auch unter einkommensschwachen Käuferschichten in westlichen Industrieländern vor. Es umfasst vor allem gentechnisch veränderte, agroindustriell verarbeitete und transkontinental gehandelte Waren von Supermärkten und fast-food-Ketten (food from nowhere; Campbell 2009). Das hochpreisige Qualitätssegment, das in den Industrieländern des Nordens eine wichtige Nische im Einzelhandel bildet, umfasst verschiedene Angebote: einerseits tropische Fisch-, Obst- und Gemüseprodukte, die saisonunabhängig über transnationale Vertriebswege in den Einzelhandel gelangen; andererseits saisonale, regionale und Bioprodukte für kaufkräftige und reflektierte KonsumentInnen (food from somewhere; Campbell 2009). Die marktmächtigen Supermärkte machen sich diese Zweiteilung zunutze, indem ihr Angebot beide Segmente zugleich bedient und derart die Kaufkraft der KonsumentInnen – vom exzessiven Fleischkonsum zum differenzierten Speisezettel – umfassender ausschöpft (Weis 2013).

Doch die lohnabhängigen KonsumentInnen von Handelswaren sind weniger zahlreich als die (klein)bäuerlichen, hungergefährdeten NahrungsproduzentInnen, denen das WTO-zentrierte Nahrungsregime die Lebensgrundlage zu rauben droht (siehe Kapitel 7; McMichael 2013, 47 ff.). Derartige Widersprüche, angeheizt durch die Welternährungskrisen von 2007/08 und 2010/11 (Rosin et al. 2012), treten zunehmend in das öffentliche Bewusstsein – etwa in der globalisierungskritischen Bewegung La Via Campesina (van der Ploeg 2008), die der neoliberalen Auffassung von Ernährungssicherheit die → Ernährungssouveränität als Menschenrecht entgegenhält (siehe Abb. 2.3; McMichael 2013, 57).


Abb. 2.3: Übersicht zum WTO-zentrierten Nahrungsregime (eigene Darstellung)

2.7 Es gibt Alternativen

Der Weg von Landwirtschaft und Ernährung im Globalisierungszeitalter folgte keiner zielgerichteten „Modernisierung“ von einem Anfangs- zu einem Endzustand. Vielmehr führte er, mehrmals die Richtung wechselnd, durch unterschiedliche Nahrungsregime: das erste, UK-zentrierte, das zweite, US-zentrierte und das dritte, WTO-zentrierte. Entgegen dem neoliberalen TINA-Prinzip (there is no alternative) ist das gegenwärtig herrschende Nahrungsregime nicht alternativlos. Die neoliberale Strategie, die etwa die WTO vertritt, fordert entsprechend einer produktivistischen Logik den Ausbau des agroindustriellen Modells mittels wissenschaftlich-technischen Fortschritts (z. B. → Gentechnik). Dazu gibt es mehrere Alternativen: Die reformistische Strategie, die etwa viele Aktivitäten der FAO anleitet, sucht die Auswüchse des neoliberalen Regimes mittels Nahrungshilfsprogrammen und der Förderung nachhaltiger Landbewirtschaftung einzudämmen, ohne jedoch die Machtverhältnisse grundsätzlich umzuwälzen. Die progressive Strategie, der → alternative Lebensmittelnetzwerke (z. B. Fair Trade) folgen, sucht innerhalb des herrschenden Regimes Nischen eines gerechten und nachhaltigen Umgangs mit Nahrung auszubauen. Die radikale Strategie, die etwa La Via Campesina vertritt, zielt auf die Aushebelung agroindustrieller Geschäfts- und industriestaatlicher Machtinteressen mittels durchgreifender Ressourcenumverteilung und Demokratisierung. Diese alternativen Strategien unterscheiden sich nicht nur nach Nähe zum und Distanz vom WTO-zentrierten Nahrungsregime, sondern auch im Hinblick auf globale, nationale oder subnationale Denk- und Handlungsansätze (Young 2012, 342 ff.). Eine – wenn nicht die – Existenzfrage der gegenwärtigen Weltgesellschaft und ihrer Umwelt lautet, ob das neoliberale Regime mit seinen sozialen und ökologischen Folgekosten aus der aktuellen Krise gestärkt hervorgeht oder durch ein anderes, etwa der Ernährungssouveränität verpflichtetes Regime abgelöst wird. Darum geht es im Schlusskapitel dieses Buches (siehe Kapitel 9).

Kontrollfragen

Worin besteht das Problem einer modernisierungstheoretischen Sicht der Geschichte und welche Lösung bietet sich dafür an?

Welche Weltregionen sind HauptproduzentInnen und -konsumentInnen der global gehandelten Nahrungsmittelmengen in den drei Nahrungsregimen?

Welche (handels- und währungs-)politischen Institutionen regeln die Produktflüsse in den drei Nahrungsregimen?

Wer sind die treibenden Akteure in den drei Nahrungsregimen?

Aufgrund welcher Widersprüche sind Gegenbewegungen zu den drei Nahrungsregimen entstanden?

Diskussionsfragen

Wer sind GewinnerInnen und VerliererInnen in den drei Nahrungsregimen?

Inwieweit lag bzw. liegt es in der Macht der KonsumentInnen, ein herrschendes Nahrungsregime zu verändern?

Welche Formen von Nahrungsregimen erscheinen aus Sicht unterschiedlicher Akteure (ProduzentInnen im Globalen Norden bzw. Süden, transnationaler Handels- und Verarbeitungsunternehmen, KonsumentInnen im Globalen Norden bzw. Süden usw.) für die Zukunft als wünschenswert?

3. Globalisierung und Regionalisierung

Globalisierte Wertschöpfungsketten verknüpfen arbeitsteilige Produktions- und Verarbeitungsschritte in verschiedenen Ländern und Kontinenten. Die Liberalisierung und Öffnung nationaler Märkte, technische Innovationen und die Nachfrage einer wachsenden Bevölkerung nach günstigen und vielfältigen Lebensmitteln haben zu immer längeren Wertschöpfungsketten geführt. Gleichzeitig bemühen sich immer mehr KonsumentInnen, Betriebe und Initiativen, aber auch ganze Regionen aus unterschiedlichsten Motiven um kurze, regionale Wertschöpfungsketten und deren stärkere Einbettung in regionale Sozialstrukturen. Das Konzept der sozialen Einbettung hilft, Lebensmittelketten und ihre AkteurInnen hinsichtlich der Intensität ihrer sozialen Interaktion zu betrachten. Es verdeutlicht, dass die Zahl der entlang der Wertschöpfungskette interagierenden AkteurInnen sowie deren soziale und geografische Nähe zueinander unterschiedliche Formen der Organisation, Regulierung und Kontrolle bedingen. Das Kapitel präsentiert aus der Perspektive der sozialen Einbettung zunächst Globalisierungs- und Regionalisierungsprozesse getrennt voneinander, um dann die vermeintliche Dichotomie als Kontinuum sozialer Einbettung zusammenzuführen. International vertriebene Lebensmittel mit bekannter geografischer Herkunft zeigen, wie sich Vorteile der Einbettung in regionale Sozialstrukturen mit dem globalen Handel verbinden lassen.

3.1 Einführung anhand des Konzepts der sozialen Einbettung

Supermärkte bieten uns das ganze Jahr günstige Lebensmittel aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Was viele als großartige Errungenschaft bewerten, motiviert andere, besonderes Augenmerk auf regional produzierte Lebensmittel zu legen. Galten früher exotische Speisen als Statussymbol, wurden in den letzten Jahren regionale Lebensmittel zur Ausdrucksform eines nachhaltigen Lebensstils besser verdienender und höher gebildeter Gruppen. Aber macht es einen Unterschied, ob wir Lebensmittel von Betrieben aus der Region oder aus anderen Teilen der Welt beziehen? Mithilfe des Konzepts der Einbettung soll der Verknüpfung zwischen Essen und den in konkreten Regionen verankerten menschlichen Beziehungen, ökologischen und institutionellen Strukturen der Lebensmittelversorgung auf die Spur gegangen und eine Auflösung des Gegensatzes zwischen global und regional versucht werden.

Das von Karl Polanyi (2001) geprägte und von der Wirtschaftssoziologie und den kritischen Food Studies neu gedeutete Konzept der Einbettung (→ embeddedness) wird breit genutzt, um Produktions- und Distributionssysteme (auch solche von Lebensmitteln) hinsichtlich ihrer Verankerung in sozialen und institutionellen Strukturen zu beurteilen. Polanyi argumentiert, dass ökonomisches Handeln in vormarktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften in Sozialbeziehungen wie Verwandtschaft, Nachbarschaft oder Solidarverpflichtungen eingebettet sei. Der Kapitalismus würde – in enger Kooperation mit dem Nationalstaat – wirtschaftliches Handeln zunehmend von sozialen Beziehungen entbetten. Damit kontrastiert er in soziale Beziehungen eingebettete (vorkapitalistische) und entbettete (kapitalistische) Gesellschaften und hinterfragt die auch durch die → Globalisierung vorangetriebene Dominanz des Marktes über die Gesellschaft. Laut Giddens (1995, 33) geht die Globalisierung, welche u. a. durch die Ausweitung der Reichweite individuellen Handelns gekennzeichnet ist, einher mit einer „Entbettung“ des Lebens (disembedding). Darunter versteht er das Herausheben sozialer Beziehungen aus örtlich begrenzten und normativ verfestigten Interaktionszusammenhängen. Zusätzlich wird das Vertrauen in abstrakte Systeme zu einer Voraussetzung für das Funktionieren des Alltags (Giddens 1995).

Granovetter (1985) stellt das untersozialisierte Menschenbild des homo oeconomicus der neoklassischen Ökonomie und einer von sozialen Beziehungen entbetteten kapitalistischen Produktion auf der einen Seite dem übersozialisierten Strukturalismus der Soziologie und dessen Verständnis eines in Verwandtschafts-, Nachbarschafts- und Freundschaftsbeziehungen eingebetteten Warenaustauschs auf der anderen Seite gegenüber. Er argumentiert, dass letztlich alle ökonomischen Transaktionen auf sozialen Beziehungen beruhen und es daher nicht um die Frage geht, ob ein Produktionssystem in soziale Beziehungen eingebettet ist oder nicht, sondern um den Grad und die Art der sozialen Einbettung. Auch unterstreicht er die Bedeutung sozialer Beziehungen für die Schaffung von Vertrauen als Voraussetzung für ökonomische Transaktionen (Granovetter 1985).

In einem gewissen Widerspruch zu Granovetters Argument, dass alle Produktionssysteme sozial eingebettet seien, werden alternative Lebensmittelsysteme, wie Lebensmittelkooperativen, → solidarische Landwirtschaft oder kurze Bio-Wertschöpfungsketten (→ Wertschöpfungsketten), auch als „Wiedereinbettung“ der Lebensmittelversorgung in regional verankerte soziale Beziehungen interpretiert (Raynolds 2000; Hinrichs 2000; Murdoch et al. 2000; Barham 2003; Penker 2006; Morris und Kirwan 2011). Hinrichs (2000) wiederum fordert mit Verweis auf Granovetter (1985), das Konzept differenziert zu verwenden und Einbettung nicht als freundliche Antithese zum Markt zu simplifizieren. Dieses Kapitel folgt Granovetters Argumentation und diskutiert globale und regionale Lebensmittelsysteme entlang unterschiedlicher Gradienten sozialer Einbettung, anstatt sie als entbettet und (wieder) eingebettet gegenüberzustellen.

Demnach gliedert sich dieses Kapitel in drei Teile. Nach einem Einblick in die Globalisierung und die damit einhergehende graduelle Entbettung der Lebensmittelproduktion aus ihrem sozialen, regionalen und ökologischen Kontext widmen wir uns der → Regionalisierung und der stärkeren Wiedereinbettung von Produktions- und Konsumvorgängen in soziale und ökologische Strukturen konkreter Regionen. Zum Abschluss diskutiert dieses Kapitel die wechselseitige Dynamik und Kontinuität zwischen mehr oder weniger eingebetteten Lebensmittelsystemen und greift geografische Herkunftsangaben als Mischform auf, die die Einbettung der Lebensmittelproduktion in regionale Strukturen mit dem internationalen Handel verknüpft.

3.2 Globalisierung – Lebensmittel mit loser Einbettung

Die Globalisierung ist eine vielschichtige Entwicklung, die – je nach Standpunkt und Begriffsverständnis – einige Jahrzehnte, eineinhalb Jahrhunderte oder ein halbes Jahrtausend zurückreicht; eine ihrer Facetten sind die zunehmenden internationalen Verflechtungen entlang der Wertschöpfungskette. In funktionaler Hinsicht besteht die Lebensmittelwertschöpfungskette aus den Stufen der landwirtschaftlichen Produktion, der Verarbeitung, des Handels und des Konsums, welcher in den Haushalten selbst oder außer Haus erfolgen kann. Zur erweiterten Wertschöpfungskette zählen zudem noch Inputs wie Saatgut, Energie oder Mineralstoffdünger sowie Outputs wie Abwässer, Abfälle und Abgase (siehe Abb. 3.1).

Globalisierte Warenketten (→ Wertschöpfungskette) verbinden Wertschöpfungsstufen in verschiedenen Ländern, häufig auch auf unterschiedlichen Kontinenten. Der Warenaustausch entlang globalisierter Ketten erfolgt in der Regel über anonymisierte Austauschbeziehungen; soziale Beziehungen zwischen den AkteurInnen der Wertschöpfungskette treten in den Hintergrund bzw. führen aus der Perspektive der Ökonomie höchstens zu verpönten Preisabsprachen oder anderen Wettbewerbsverzerrungen (Granovetter 1985). Die ökologischen und sozialen Produktionsbedingungen global gehandelter Lebensmittel sind für die KonsumentInnen, wenn überhaupt, nur über Labels oder die von Unternehmen selektiv bereitgestellten Informationen nachvollziehbar.


Abb. 3.1: Lebensmittelwertschöpfungskette (eigene Darstellung in Anlehnung an Strecker et al. 1996)

Die folgenden Abschnitte gehen auf drei wesentliche Triebfedern der Globalisierung ein: technische Innovationen, Liberalisierung des Welthandels und die Nachfrage einer wachsenden Bevölkerung nach ganzjährig verfügbaren, günstigen und vielfältigen Produkten. Im Anschluss widmen wir uns den Voraussetzungen und Folgen globalisierter Lebensmittelsysteme.

3.2.1 Triebkräfte der Globalisierung

Technische Innovationen

Seit Tausenden von Jahren gibt es transkontinentale Handelswege für den Austausch wertvoller Gewürze. Der zunächst mit Zugtieren betriebene Transport über Land und Kanäle wurde im 19. Jahrhundert durch dampfbetriebene Lokomotiven und Hochseeschiffe ergänzt und schließlich weitgehend durch den motorisierten Massentransport auf der Straße, den Weltmeeren und in der Luft abgelöst. Erst diese technischen Innovationen und die damit in Verbindung stehende Verbilligung des Transports haben den Handel großer Mengen und vielfältiger Lebensmittel ermöglicht.


Abb. 3.2: Handel ermöglicht die Spezialisierung von Regionen auf spezifische Produkte (erste Phase der Globalisierung)

Durch den Austausch von Massengütern konnten sich in der ersten Phase der Globalisierung (etwa von den 1870er Jahren bis in die 1920er Jahre, vgl. Kapitel 2) Betriebe spezifischer Regionen auf jene Produkte spezialisieren, die sie am besten und billigsten bereitstellen konnten (Weizenregion, Zuckerregion; siehe auch Abb. 3.2). Agrarbörsen und große Warenumschlagsplätze unterstützten diesen Spezialisierungsprozess, der auf der Nutzung von Standortvorteilen beruht, wie etwa für ein bestimmtes Produkt besonders günstige Kostenstrukturen, besonders geeignete Böden oder klimatische Bedingungen. Zudem erlaubte diese Spezialisierung die Nutzung von Skalenvorteilen. Je größer die produzierte Menge eines spezifischen Produktes, desto billiger wird die einzelne Einheit aufgrund der anteilsmäßig abnehmenden Fixkosten und desto eher können Betriebe in spezialisiertes Personal und neue Technologien investieren und ihren Wettbewerbsvorsprung ausbauen.

In der zweiten Phase der Globalisierung (etwa seit den 1950er Jahren) haben Entwicklungen in der EDV-gestützten Logistik und noch effizientere Transportsysteme die optimierte Erzielung von Kostenvorteilen in den einzelnen Schritten der Produktion, Verarbeitung, Lagerung und Paketierung ermöglicht. So können regionale Wettbewerbsvorteile – absolute oder auch relative (komparative) – für einzelne Schritte der Wertschöpfungskette genutzt werden, sodass eine Wertschöpfungskette Betriebe verschiedener Länder oder unterschiedlicher Kontinente verbinden kann. Regionen und ihre Betriebe spezialisieren sich auf bestimmte Funktionen und nicht mehr auf bestimmte Produkte (vgl. Box 3.1).

Box 3.1: Rind- und Kalbfleischproduktion als Beispiel für arbeitsteilige Wertschöpfungsketten in der zweiten Phase der Globalisierung

Ein Stierkalb einer bayerischen Milchkuh hat u. U. einen amerikanischen oder niederländischen Vater. Besamungszucht-Unternehmen in diesen Ländern sind spezialisiert auf den Export von Stiersamen, der die Aufzucht von Kühen mit einer hohen Milchleistung verspricht. Dieses männliche Kalb findet im spezialisierten bayerischen Milchbetrieb keine Verwendung und wird daher z. B. nach Frankreich exportiert, dort mit nährstoffreichem Milchaustauscher gemästet und schließlich als Kalbfleisch vermarktet. Dasselbe Kalb könnte aber auch nach Spanien exportiert und dort mit aus Südamerika importiertem, gentechnisch verändertem Sojaschrot gemästet, geschlachtet und zu Rindfleisch verarbeitet werden. Während die Edelteile in Spanien oder Frankreich bleiben, kommen weniger begehrte Teile nach Afrika, Osteuropa oder Asien, von wo allenfalls wieder Verarbeitungsprodukte wie Gelatine, Collagen oder Fleischextrakte nach Europa exportiert werden.

Außer durch neue Transporttechnologien wurde der Warenaustausch auch durch Innovationen der Lebensmitteltechnologie unterstützt. Neue Konservierungstechniken und Zusatzstoffe wie Stabilisatoren, Antioxidantien, Emulgatoren, Feuchthaltemittel oder Säureregulatoren ermöglichten den Austausch verderblicher Waren auch über längere Distanzen und Zeiträume unter weitgehender Beibehaltung der Konsistenz, des Geschmacks und Geruchs des Lebensmittels.

Van der Ploeg (2010) weist darauf hin, dass multinational agierende Agrarunternehmen über einen bevorzugten Zugang zu technologischen Innovationen verfügen, was einer Industrialisierung und Standardisierung der Lebensmittelproduktion sowie einer weiteren Machtverschiebung Vorschub leistet. Der Handlungsspielraum der bäuerlichen Betriebe verengt sich, da sie von beiden Seiten, durch mächtige und transkontinental agierende Zulieferunternehmen von Vorleistungen für die landwirtschaftliche Produktion (Saatgut, Dünger, Medikamente etc.) und durch den hoch konzentrierten Handel, unter Druck geraten. Kontextspezifisches, informelles Wissen der Bäuerinnen und Bauern wird entwertet und durch standardisierte Praktiken der Landnutzung und Tierhaltung ersetzt. Bäuerliche Betriebe finden sich in einem „technologischen Hamsterrad“ wieder (Levins und Cochrane 1996). Neue Technologien führen zu Überproduktion und fallenden Preisen. Landwirtschaftliche Betriebe müssen kontinuierlich investieren, um ihre Produktion weiter zu steigern, ohne je selbst ausreichend vom Produktivitätszuwachs zu profitieren (Morgan und Murdoch 2000). Der Anteil des Endverbraucherpreises, der der Landwirtschaft zufällt, sinkt so zugunsten der konzentrierten Zuliefer- und Handelsunternehmen (Foresight 2011).

Liberalisierung des Handels

Multinational agierende Unternehmen der Agrar- und Lebensmittelindustrie und Verfechter des Freihandels haben über international abgestimmte Verfahren der Welthandelsorganisation (WTO) den Abbau von Handelshemmnissen und die Liberalisierung bzw. Neuregulierung (supra)nationaler Agrarpolitiken vorangetrieben. Im Zuge dessen wurden in der EU produktbezogene Direktzahlungen an landwirtschaftliche Betriebe schrittweise durch flächenbezogene Zahlungen und Agrarumweltzahlungen abgelöst, Preisinterventionen reduziert und Marktordnungen liberalisiert (z. B. Abschaffung der Milchkontingentierung, welche vorher die Milchabsatzmenge regelte).

Zusätzlich zu multilateralen Abkommen über die WTO verfolgte die EU – getrieben von europäischen Unternehmen, die Zugang für ihre Güter und Dienstleistungen auf internationalen Märkten suchten, und den ins Stocken geratenen WTO-Verhandlungen – auch bilaterale Handelsabkommen mit zahlreichen Ländern in der ganzen Welt (z. B. CETA mit Kanada). Standen bis in die 1970er Jahre der Abbau von Zöllen (englisch: tariffs) im Vordergrund, so ging es in den letzten Jahrzehnten vorwiegend um den Abbau nichttarifärer Handels- und Investitionshindernisse. Zu diesen zählen Importquoten und -lizenzen, Verpackungs- und Kennzeichnungsvorschriften, Beeinflussung der KonsumentInnen zum Kauf einheimischer Produkte, unterschiedliche technische Normen, Sozial- und Umweltstandards, Ausschreibungsmodalitäten öffentlicher Aufträge, Zulassungen für ausländische Dienstleistungsanbieter oder andere marktbezogene Regulative. Insbesondere gerieten auch die Regeln für die öffentliche Beschaffung, wie etwa für Großküchen in Krankenhäusern, Altersheimen, Schulen und Kindergärten, für die Katastrophen-, Flüchtlings- und Entwicklungshilfe oder öffentliche Dienstleistungen wie die Trinkwasserversorgung ins Visier der Verhandlungspartner.

Diese von Freihandelsvertretern als nichttarifäre Handelshemmnisse qualifizierten Regeln sind jedoch nicht unbedingt auf die Beschränkung des Wettbewerbs ausgerichtet. Sie können auch primär zum Schutz von VerbraucherInnen vor schlechter Ware oder minderwertigen Dienstleistungen sowie von ArbeitnehmerInnen und der Umwelt dienen. Da es bei der Harmonisierung von Standards häufig um eine Nivellierung nach unten und nicht um eine Angleichung nach oben geht, bedeutet der Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse in der Regel eine Beschneidung des Umwelt-, Sozial- und Verbraucherschutzes. Dieses race to the bottom kann auch die öffentliche Ausschreibung von Großaufträgen und Dienstleistungen betreffen und damit die Qualität öffentlicher Dienstleistungen beeinträchtigen (Billigstbieter- versus Bestbieterprinzip).

Nachfrage einer wachsenden Bevölkerung

Der zunehmende Güter- und Leistungsaustausch im internationalen Waren- und Dienstleistungsverkehr und die voranschreitende internationale Arbeitsteilung führten gemeinsam mit der Technisierung zu enormen Produktivitätszuwächsen. So konnten mehr und kostengünstigere Lebensmittel für eine in fast allen Teilen der Welt wachsende Bevölkerung produziert werden. Die Bekämpfung von Hunger und Unterernährung ist daher ein wesentliches Argument der GlobalisierungsbefürworterInnen und zentrales Ziel der Vereinten Nationen. In den letzten Jahrzehnten, die durch starke Globalisierungsprozesse gekennzeichnet waren, konnte zwar der Anteil der unterernährten Menschen weltweit reduziert werden; in absoluten Zahlen hat sich aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung aber wenig an der Dramatik der Situation geändert (siehe Abb. 3.3).


Abb. 3.3: Anzahl und Anteil unterernährter Personen weltweit (basierend auf Daten der FAO 2015)

Fluktuierende Lebensmittelpreise, die in liberalisierten, deregulierten Lebensmittelmärkten von einzelnen Nationalstaaten kaum beeinflusst werden können, treffen Haushalte im → Globalen Süden weit stärker als im Globalen Norden, weil Erstere einen höheren Anteil des Haushaltseinkommens für Lebensmittel aufwenden (siehe Abb. 3.4).

Der Anteil der Haushaltsausgaben für Lebensmittel ist insbesondere in den Ländern des Globalen Nordens in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gefallen. In Mitteleuropa gab der durchschnittliche Haushalt in den 1970er Jahren noch etwa ein Viertel seines Einkommens für Lebensmittel aus, gegenwärtig ist es nur mehr etwa ein Zehntel. Im weltweiten Vergleich divergieren die Anteile der Lebensmittelausgaben am Haushaltsbudget stark; so liegen diese in den USA bei 7 % und in Ländern südlich der Sahara bei über 40 % (vgl. Abb. 3.4).


Abb. 3.4: Anteil des Haushaltseinkommens (in %), welcher 2014 für zu Hause konsumiertes Essen ausgegeben wurde (ERS 2017)

Während in vielen Teilen Europas immer weniger für Lebensmittel ausgegeben wird, die zu Hause konsumiert werden, steigt der Außer-Haus-Konsum. Dieses Phänomen wird u. a. mit Veränderungen in der Arbeitswelt und dem Wandel der Genderrollen erklärt. Der Anteil außer Haus konsumierter Lebensmittel ist tendenziell in nordeuropäischen Ländern höher als in jenen des Südens und beträgt zwischen 11 % und 28 % der nahrungsbezogenen Energie (Orfanos et al. 2007). Der steigende Anteil des Außer-Haus-Konsums verdrängt das Kochen daheim und trägt auch dazu bei, dass KonsumentInnen noch weniger nachvollziehen können, wer wo an der Produktion, Verarbeitung und Zubereitung ihrer Nahrung beteiligt war. Man denke an zentrale Großküchen, die gleich mehrere Krankenhäuser, Altersheime, Kindergärten, Gefängnisse, Flüchtlingsheime oder Schulen mit Essen beliefern.

In vielen Gastronomiebetrieben hat sich eine standardisierte ‚Weltküche‘ durchgesetzt. Global agierende Gastronomieunternehmen und fast-food-Ketten versuchen weltweit ähnliche Produkte unter vereinheitlichten Herstellungsbedingungen mit möglichst standardisierter Qualität und Präsentation zu vertreiben und tragen so zu einer Homogenisierung von Ernährungskulturen bei. Gleichzeitig profitieren westliche KonsumentInnen vom vielfältigen Angebot ganzjährig verfügbarer Waren, die sonst aufgrund klimatischer Bedingungen oder durch Ernteausfälle gar nicht oder nur saisonal erhältlich wären.

3.2.2 Standardisierung, Dokumentation und Kontrolle statt Vertrauen

Entlang globalisierter Wertschöpfungsketten gehen Lebensmittel durch die Hände zahlreicher den KonsumentInnen nicht persönlich bekannter ProduzentInnen, deren Standorte oft weit voneinander entfernt liegen. Langfristige, auf Vertrauen und auf Gegenseitigkeit im sozialen Austausch (Reziprozität) angelegte Beziehungen zwischen den Unternehmen sowie mit den KonsumentInnen treten in den Hintergrund. Aus der Perspektive des neoliberalen Paradigmas scheinen soziale Beziehungen jenseits reiner Marktbeziehungen mitunter sogar wettbewerbshinderlich (z. B. Preisabsprachen). Rationale, auf Eigennutz ausgerichtete und am Gewinn orientierte individuelle Unternehmensentscheidungen gelten als Voraussetzung für einen funktionierenden Markt (Granovetter 1985).

Unterschiedliche regional geprägte Wuchsformen, Größen, Geschmacksnoten, Qualitäten etc. erschweren die auf Effizienz und Flexibilität ausgerichteten Transaktionen entlang langer Warenketten mit zahlreichen einander und den KonsumentInnen nicht persönlich bekannten Marktteilnehmern. Entlang globalisierter Wertschöpfungsketten werden daher bevorzugt standardisierte Massenwaren (commodities) mit homogener Qualität gehandelt, die von regionalen Besonderheiten bereinigt ist. Nur so können Händler commodities auf Börsen handeln, ohne die Ware jemals persönlich zu sehen, anzugreifen oder zu prüfen.

In sozial weniger eingebetteten und langen Warenketten, die durch eine Vielzahl einmaliger Transaktionen charakterisiert sind, lässt sich Fehlverhalten kaum verorten und Konsumentenvertrauen schwer aufbauen. Damit der internationale Warenaustausch zwischen individuell und weitgehend isoliert agierenden MarktteilnehmerInnen dennoch funktionieren kann, sollen abstrakte Systeme der Lebensmittelsicherheit (→ Nahrungsmittelsicherheit) mit einheitlichen und klaren Standards, Aufzeichnungspflichten, Etikettierungsregeln und Rückverfolgbarkeitsmechanismen sowie staatliche Kontrolle die Qualität sichern und Fehlverhalten verhindern. Diese Regulative substituieren das Vertrauen, das viele KonsumentInnen – zu Recht oder Unrecht – ihnen persönlich bekannten LebensmittelproduzentInnen entgegenbringen. So können Sicherheit und Qualität auch für jene Lebensmittel vermittelt werden, die durch die Hände unzähliger einander und den KonsumentInnen nicht persönlich bekannter AkteurInnen in unterschiedlichen Ländern und Kontinenten gehen.

Über staatliche Lebensmittelvorschriften hinausgehende Qualitätsstandards werden in komplexen Zertifizierungssystemen garantiert, durch unabhängige Kontrollstellen überprüft und durchgehend bis zu den KonsumentInnen dokumentiert und kommuniziert (z. B. Biolandbau und Fair Trade). Branchenstandards, d. h. zwischen Agrar- und Lebensmittelunternehmen vereinbarte Regeln zur Hygiene- und Qualitätssicherung, ergänzen staatliche Reglementierungen.

Auch mit ausgefeilten Kontrollsystemen lassen sich Lebensmittelskandale nicht gänzlich verhindern (siehe Abschnitt 5.6). In betrügerischer Absicht neu etikettierte Produkte (Stichwort „Gammelfleisch“ oder Pferdefleischskandal) bzw. mit Pestiziden oder pathogenen Keimen verunreinigte Lebensmittel gelangen immer wieder in die Supermarktregale, in private Kühlschränke, in den menschlichen Körper und schließlich in die Schlagzeilen.

3.2.3 Globalisierungsfolgen und Kritik

Die Handelsbedingungen sind nicht für alle Länder gleich. Entwicklungsländer (→ Globaler Süden) können aufgrund von Handelsbeschränkungen oder von Industrieländern einseitig definierten Standards die Chancen der Globalisierung nur sehr beschränkt nutzen. Zudem steht ihre Agrarproduktion unter dem Konkurrenzdruck subventionsgestützter Billigimporte aus Industrieländern. Während die Rohstoffproduktion oft in Ländern mit niedrigen sozialen und ökologischen Standards angesiedelt ist, bleiben die lukrativeren Verarbeitungsschritte den Industrieländern vorbehalten (z. B. die Röstung und Mischung von Kaffeesorten unterschiedlicher Herkunft oder Verarbeitung von Kakao zu Schokoriegeln). Die Markenbildung bei Lebensmitteln wie Kaffee, Schokoriegeln oder Cerealien erfolgt vorwiegend ohne Bezug zum Ort der landwirtschaftlichen Produktion und der Mehrwert der Marke bleibt in der Regel in den reichen Ländern des Nordens. Das ‚freie Spiel der Kräfte‘ auf ‚liberalisierten‘ – d. h. durch WTO und multinationale Konzerne re-regulierten – Märkten führt zu neuen Formen der Ausbeutung benachteiligter Länder: Landraub, Patentierung genetischer Ressourcen, Vertragslandwirtschaft.

Als Folge der Globalisierung geriet aber auch das regionalwirtschaftliche, soziale und agrarökologische Gefüge vieler ländlicher Regionen Europas unter Druck. Europaweit ist seit den 1970er Jahren ein starker Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe zu verzeichnen. Wachstums- und Spezialisierungsprozesse kennzeichnen die Mehrheit der verbliebenen Betriebe. Flächen, die nur manuell oder unter großem Aufwand zu bewirtschaften, weniger produktiv und abgelegen sind, werden aufgegeben. Das hat weitreichende Folgen für das Landschaftsbild und die Agrarökosysteme, welche sich in einer Koevolution mit der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung entwickelt hatten (siehe Kapitel 4). Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft problematisieren den Verlust von Landschaftsvielfalt, → Biodiversität und kultureller Vielfalt sowie eine Homogenisierung von Ernährungskulturen.

Die ‚Liberalisierung‘ der Agrarmärkte hat Betrieben der Agrar- und Ernährungswirtschaft einerseits größere Entscheidungsspielräume und neue Märkte eröffnet, sie andererseits direkt mit den Risiken schwankender Weltmarktpreise konfrontiert. Auch wenn die Menge weltweit gehandelter Agrargüter anteilsmäßig gering ist, etablieren sich Weltmarktpreise, die auch auf die lokalen Agrar- und Lebensmittelmärkte rückwirken. Sinkt die Nachfrage nach Milchprodukten in Russland oder China, so fallen auch die Milchpreise in Europa. Durch die ‚Liberalisierung‘ der Agrargüterpreise müssen sich auch europäische Betriebe auf stark schwankende Preise einstellen. Zudem hat die ‚Liberalisierung‘ weitere Optionen für Spekulationen auf Rohstoff- und Agrarbörsen eröffnet (siehe Box 3.2).

Box 3.2: Tortilla-Krise (Keleman und Rañó 2011)

Am 31. Jänner 2007 wandten sich in Mexiko Zigtausende Demonstranten gegen die teilweise Vervierfachung des Tortillapreises. 50 Mio. Mexikaner konsumieren täglich über 600 Mio. Tortillas. Die aus Maismehl produzierte Tortilla ist nicht nur für die ärmere Bevölkerung Mexikos ein wesentlicher Kalorienlieferant, sondern auch wesentlicher Teil der mexikanischen Kultur. Das zeigt die Parole sin maiz no hay país („ohne Mais kein Mexiko“). Die Regierung reglementierte schließlich den Tortillapreis und setzte verschiedene Maßnahmen gegen Spekulation und Preisfluktuation.

Die Krise in Mexiko dürfte durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren hervorgerufen worden sein: steigender globaler Bedarf, auch getrieben durch die forcierte Produktion von Agrotreibstoffen aus Mais in den USA, Spekulationen auf internationalen Märkten, die Import-abhängigkeit Mexikos sowie Machtkonzentrationen in Teilen der Wertschöpfungskette. Preisschocks in internationalen Lebensmittelmärkten zeigen die Verletzlichkeit von Ländern, die stark von Lebensmittelimporten abhängig sind. Besonders verletzlich gegenüber Preisschwankungen bei Grundnahrungsmitteln sind die Ärmsten, die den größten Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden müssen (vgl. Abb. 3.4).

Der globalisierungsbedingte Strukturwandel in weiten Teilen Europas machte sich in den letzten Jahrzehnten auch außerhalb der Landwirtschaft durch den Verlust von Arbeitsplätzen bemerkbar. So gingen z. B. in den kleinstrukturierten Betrieben der Lebensmittelverarbeitung allein zwischen 1970 und 1999 etwa die Hälfte der Arbeitsplätze verloren (Favry et al. 2004). Ebenso wurden Einzelhandelsstandorte aufgelassen, sodass viele ländliche Gemeinden über kein eigenes Lebensmittelgeschäft mehr verfügen.

Durch globalisierte Wirtschaftsbeziehungen können transnational agierende Unternehmen divergierende Sozial- und Umweltstandards sowie Steuervorteile in unterschiedlichen Ländern auszunutzen. Für kleinere, regional verankerte Betriebe steigt der Konkurrenzdruck, da sie mit hohen Arbeitskosten, Sozialversicherungsbeiträgen, Steuern und Umweltauflagen konfrontiert sind. Jene, die diesem Druck nicht standhalten, geben auf. Andere versuchen, Ausnahmen von Sozial- oder Umweltauflagen durchzusetzen, indem sie den Druck an die Politik weitergeben und drohen, die Produktion zu schließen oder in ein anderes Land zu transferieren. Handelsabkommen, aber auch durch unterschiedliche Produktionsauflagen verzerrte Wettbewerbsbedingungen können so zur Nivellierung hart erkämpfter nationaler Umwelt- und Sozialstandards beitragen (race to the bottom).

Transportstromanalysen zeigten, dass die für die Lebensmitteldistribution zurückgelegten Kilometer (Transportleistung der gesamten Kette) in den letzten Jahrzehnten um mehr als das Doppelte stiegen, während sich die Menge der transportierten Güter nur geringfügig erhöhte (Favry et al. 2004). Das heißt, das Essen legte wesentlich längere Wege „vom Feld zum Teller“ zurück (für ein konkretes Beispiel siehe Box 3.3). Mehr zu Umweltwirkungen des Transports ist im Abschnitt 4.3.1 nachzulesen.

Box 3.3: Beispiel einer langen Wertschöpfungskette

Lastkraftwagen transportieren regelmäßig gekühlte Nordseekrabben 6000 km bis nach Marokko und zurück. Dadurch lässt sich das arbeitsintensive Schälen der Krabben nach Marokko auslagern. Die Transportkosten fallen im Vergleich zu den Ersparnissen aufgrund der geringen Arbeitskosten in Marokko kaum ins Gewicht. Nur durch die Ausnutzung des Lohngefälles zwischen Deutschland und Marokko können deutsche KonsumentInnen so preisgünstig ‚heimische‘ und ‚frische‘ Nordseekrabben erwerben.

3.3 Regionalisierung – die verstärkte Einbettung von Lebensmitteln in regionale Strukturen

In Reaktion auf die Globalisierung der Lebensmittelversorgung und aus dem Wunsch nach überschaubareren Strukturen, der sich oftmals gerade nach medial aufbereiteten Lebensmittelskandalen breitmacht, versuchen AktivistInnen, einzelne Betriebe und regionsübergreifende Initiativen die Lebensmittelversorgung ‚wieder‘ stärker in regionale Sozialstrukturen einzubetten (siehe Kapitel 9). Neben der Wiederbelebung von Wochenmärkten oder dem Ab-Hof-Verkauf und Bauernläden verbreiten sich auch alternative Formen regionaler Lebensmittelversorgung, wie etwa die ‚Biokiste‘ (eine regelmäßig zugestellte Auswahl an saisonalem, biologisch produziertem Obst und Gemüse), die solidarische Landwirtschaft (vgl. Box 3.4) oder Lebensmittelkooperativen (Box 3.5). Auch globale Initiativen wie die → slow-food-Bewegung oder Via Campensina tragen zur Bewusstseinsentwicklung bei und stärken kurze qualitätsorientierte Warenketten in den Regionen.

Im Vergleich zu globalen Produktionssystemen sind regionale Warenketten kürzer und zeichnen sich durch die geografische und/oder soziale Nähe vergleichsweise weniger Betriebe und Personen aus. Noch weniger AkteurInnen umfasst nur die → Prosumption (siehe Abschnitt 9.5.3). Beim Selbstanbau in Eigen- und Gemeinschaftsgärten bzw. in Selbsternteprojekten erfolgen Produktion und Konsum durch dieselbe Person.

LebensmittelaktivistInnen und vermehrt auch Marketingabteilungen des Lebensmitteleinzelhandels verknüpfen Regionalität argumentativ mit sozialer Nähe, mit Mitsprachemöglichkeiten bei der Definition von Qualitätsstandards (→ Ernährungssouveränität, Kapitel 9) oder mit der Förderung ‚authentischer‘, an die regionalen naturräumlichen und soziokulturellen Verhältnisse angepasster Lebensmittel und konstruieren damit Versprechen, die weit über kürzere Transportwege und entsprechende Klimaeffekte hinausgehen. Sie implizieren kausale Verknüpfungen zwischen der „Wo-Frage“ und der „Wie-Frage“, die so faktisch nicht bestehen (Ermann 2015).

Ohne Rechtsdefinition wird Regionalität bei Lebensmitteln sehr unterschiedlich interpretiert und lässt je nach Interessenlage viel Definitionsspielraum (Hinrichs 2003; Ermann 2005; Sonnino 2013). Dass Regionalität sehr subjektiv ist, zeigen auch VerbraucherInnenbefragungen. Während einige den Begriff „regional“ sehr eng auf die nähere Umgebung mit einer maximalen Entfernung oder den Landkreis/Kanton/Bezirk festlegen, bestimmen ihn andere mit den Grenzen des Bundeslands oder des Nationalstaats. Viele assoziieren mit Regionalität aber auch eine kurze Wertschöpfungskette, direkte Interaktion mit den ProduzentInnen, Wissen über die Herkunft, bessere Qualität oder höhere soziale und ökologische Produktionsstandards. Hier seien beispielhaft vier überlappende, teilweise aber auch widersprüchliche Definitionsinhalte veranschaulicht:

Lebensmittel, bei denen die KonsumentInnen die Bedingungen von Produktion, Verarbeitung oder Vertrieb mitbestimmen können (selbstproduzierte Lebensmittel, Lebensmittelkooperativen, solidarische Landwirtschaft; siehe Box 3.4).

Lebensmittel persönlich gut bekannter ProduzentInnen, die den KonsumentInnen sozial (aber nicht unbedingt räumlich) nahestehen (die Marmelade der Großeltern oder der Schnaps des befreundeten Bauern am Urlaubsort).

Lebensmittel, die in räumlicher Nähe produziert, verarbeitet und konsumiert werden; die räumliche Nähe definiert sich über einen bestimmten Kilometerumkreis (z. B. max. 50 km), die Länge der Transportwege entlang der gesamten Warenkette oder die Zugehörigkeit zum selben soziokulturellen Identifikationsraum (z. B. aus demselben Bundesland).

Lebensmittel mit Herkunftsnachweis, die u. U. auch für internationale Märkte und weit entfernte KonsumentInnen produziert werden (z. B. rechtlich geschützte Herkunftsbezeichnungen wie Schweizer Gruyère oder Steirisches Kürbiskernöl) (siehe Abschnitt 3.4.3).

Box 3.4: Solidarische Landwirtschaft

Mitglieder, die üblicherweise in einem Verein organisiert sind, schließen mit Bäuerinnen und Bauern einen Vertrag ab, in dem sie sich verpflichten, die kalkulierten Kosten für die Jahresproduktion inklusive eines ausgehandelten Stundenlohns für die anfallenden landwirtschaftlichen Tätigkeiten anteilig zu bezahlen. Im Gegenzug erhalten sie einen entsprechenden Anteil der Ernte, der je nach Wetter und Bewirtschaftungsgeschick unterschiedlich groß ausfallen kann. Die Risiken von Missernten werden so zumindest teilweise von der Landwirtschaft zu den Mitgliedern verschoben. Die Vereinbarung regelt auch, was in welcher Menge und wie angebaut wird. Teilweise helfen Mitglieder bei landwirtschaftlichen Arbeiten oder übernehmen Aufgaben der Administration oder Warenverteilung. Diese erfolgt an vereinbarten Abholplätzen und zu festgelegten Zeiten. Man vertraut darauf, dass die Mitglieder nicht mehr nehmen, als ihnen zusteht, und die Betriebe tatsächlich die entsprechenden Ernteanteile an die Mitglieder weitergeben und bei der Produktion die vereinbarten Tierschutz- oder Umweltauflagen erfüllen. Auf eine Bio-Zertifizierung und externe Kontrollen wird oftmals verzichtet.

Im Gegensatz zu Lebensmitteln, von denen man nicht weiß, woher sie kommen (food from nowhere; Campbell 2009), verfügen all die oben angeführten Lebensmittelkategorien über eine den KonsumentInnen bekannte Herkunft (food from somewhere; Campbell 2009).

3.3.1 Triebfedern der Regionalisierung

Regionalisierung als Gegenbewegung oder als Teil der Globalisierung

Infolge von Globalisierungsprozessen, der steigenden Außer-Haus-Verpflegung und des erhöhten Verarbeitungsgrads gekaufter Lebensmittel haben Menschen teilweise die Kontrolle darüber verloren, was sie sich mehrmals täglich – im wahrsten Sinne des Wortes – einverleiben. Die Qualität hoch verarbeiteter und verpackter Produkte ist nur schwer über den Geruchs- und Geschmackssinn bzw. über Form oder Farbe zu beurteilen. KonsumentInnen verlassen sich auf ExpertInneninformationen, die Angaben auf Etiketten und Speisekarten sowie auf das staatliche System der Lebensmittelkontrolle. Diese Regulative produzieren oder substituieren aber nur bedingt das Vertrauen, das durch medial aufbereitete Lebensmittelskandale immer wieder erschüttert wird. Eine sehr kleine, aber wachsende Gruppe von Menschen hinterfragt die Folgen globalisierter Lebensmittelsysteme und beklagt Vertrauens- und Kontrollverlust, den Strukturwandel in der Landwirtschaft und im Gewerbe, die Ausbeutung von Mensch und Natur oder die Dominanz des Preisarguments über jenem der Qualität. Stattdessen legen sie Wert auf langfristige und möglichst persönliche Beziehungen zu ProduzentInnen in der eigenen Region. Insbesondere in den Monaten nach größeren internationalen Lebensmittelskandalen bietet Regionalität Orientierung und subjektive Sicherheit im globalisierten und für den einzelnen Menschen nicht zu überschauenden Lebensmittelmarkt (Großsteinbeck 2012).

Box 3.5: Lebensmittelkooperative (siehe Kapitel 9)

In diesem stark durch KonsumentInnen gesteuerten Versorgungssystem organisiert eine Gruppe von Mitgliedern den gemeinsamen Einkauf und die Verteilung meist regionaler Bioprodukte. Bauernhöfe des Vertrauens liefern die bestellten Lebensmittel, die dann aus den Lagerräumlichkeiten der Kooperative abgeholt werden. Aufgaben der Selbstverwaltung und Lebensmittelverteilung werden durch ehrenamtlich tätige Mitglieder arbeitsteilig bewerkstelligt. Die Abholung basiert oft auf Vertrauen (selbst abwiegen, verpacken und den entsprechenden Geldbetrag hinterlegen). Mitglieder akzeptieren auch nicht zertifizierte Bauernhöfe als Biobetriebe. Aufgrund der persönlichen Beziehung vertrauen sie darauf, dass diese nachhaltig produzieren, auch wenn sie nicht extern kontrolliert werden.

Regionale Lebensmittel werden oftmals als Gegengewicht zu durchgreifenden Standardisierungs- und Homogenisierungsprozessen in der internationalen Lebensmittelindustrie verstanden. Die Vielfalt regionaler Ess- und Speisekulturen, die etwa von der slow-food-Bewegung propagiert wird, schlägt sich auch in einer Vielfalt von Kulturlandschaften, Sorten und Nutztierrassen nieder (z. B. die Lüneburger Heide mit ihren typischen Heidschnucken). In einer globalisierten Welt bindet sich Identität oftmals genau an diese Heterogenität regionstypischer Nutztierrassen, Speisekulturen und Landschaftsräume. Kurze Lebensmittelketten können durch eine Verankerung in regionalen → Ökosystemen, Landschafts- und Kulturräumen zu Aufhängern regionaler Identitätsentwürfe werden sowie zur biokulturellen Vielfalt, zur Erhaltung regionsspezifischer Produktionsstrukturen, Fertigkeiten und Arbeitsplätze beitragen.

Nicht zuletzt werden regionale Lebensmittel aber auch von Agrarmarktorganisationen und dem Lebensmitteleinzelhandel beworben. Der Lebensmittelmarkt im deutschsprachigen Raum und in weiten Teilen des Globalen Nordens ist gut gesättigt, zudem drängen durch die Öffnung der Märkte neue, oftmals preisgünstigere Produkte auf die bisher von heimischen Produkten dominierten Lebensmittelmärkte. Um neue Produkte vermarkten zu können, müssen sich diese aus der preisgünstigen Masse hervorheben, indem sie den KundInnen einen zusätzlichen Nutzen wie Nachhaltigkeit, ‚Authentizität‘ oder ‚Regionalität‘ versprechen. Heimische Produkte mit hoher Reputation lassen sich auch auf internationalen Märkten als hochpreisige Qualitätsprodukte positionieren. Regionalisierung lässt sich somit nicht nur als Gegenbewegung zur, sondern auch als komplementärer Prozess der Globalisierung erklären (mehr dazu im Abschnitt 3.4).

Vielfältige Motive regionaler Ernährung

Obwohl „Regionalität“ in Konsumerhebungen oftmals unterschiedlich bzw. gar nicht definiert wird, zeigen verschiedene Studien dennoch, dass der Trend zu regionalen Lebensmitteln auf sehr ähnlichen und vielfältigen Motiven beruht (Tab. 3.1). Natürlich erfüllen sich diese vielfältigen Erwartungen nicht in jedem Einzelfall (siehe Abschnitt 3.3.3).

Tab. 3.1: Motive regionaler Ernährung (basierend auf Dorandt und Leonhäuser 2001; Zepeda und Leviten-Reid 2004; Roininen et al. 2006; Chambers et al. 2007; Brown et al. 2009)


Wenn sich Regionalität und Saisonalität paaren, verfügen Obst und Gemüse aus der Region über Qualitätsmerkmale hinsichtlich Frische und Geschmack, die sonst durch frühzeitige Ernte oder lange Transportwege bzw. Glashauskultur verloren gehen. Andererseits kommt ein im Frühling konsumierter Apfel aus regionaler Lagerware geschmacklich nicht an den kürzlich geernteten Apfel aus Übersee heran. Aber selbst das Bewusstsein, dass bestimmte regionale Lebensmittel nur saisonal verfügbar sind, wird kultiviert: Wer fast das ganze Jahr auf die ersten Erdbeeren, den frischen Spargel, die ersten Aprikosen wartet, erfreut sich ganz besonders am Genuss dieser saisonalen Lebensmittel.

Während Frische vor allem bei Obst, Gemüse, Fleisch und Backwaren eine Rolle spielt, werden andere Qualitätsmerkmale vor allem durch Fertigkeiten der Verarbeitung geprägt. Lebensmittel können einen entscheidenden Qualitätsvorteil aufweisen, wenn wiederholte Transaktionen sowie die Bekanntheit der Betriebe und ihrer Produktionsbedingungen einen Qualitätsdruck erzeugen, der zu stetiger Innovation und Weiterentwicklung führt. VerarbeiterInnen, die KundInnen nicht bekannt sind bzw. diese nicht langfristig beliefern, können sich diesem Qualitätsdruck u. U. leichter entziehen.

Angesichts der oftmals beklagten Intransparenz und der mangelnden nationalstaatlichen Steuerbarkeit langer, globaler Warenketten versprechen kurze regional verankerte Produktionssysteme subjektive Sicherheit. KonsumentInnen schenken ProduzentInnen, deren Tun sie zumindest teilweise (und möglicherweise auch nur potenziell) selbst beobachten können, die sie vielleicht sogar persönlich kennen, größeres Vertrauen. Zudem lassen sich ökologische und soziale Standards über demokratische bzw. gesellschaftspolitische Prozesse (z. B. Tierschutzstandards, Gentechnikfreiheit) und die direkte Interaktion mit bäuerlichen Betrieben (solidarische Landwirtschaft, Lebensmittelkooperativen, Ab-Hof-Verkauf usw.) zumindest teilweise mitgestalten.

Auch wenn Umweltschutz ein ganz wesentliches Motiv für den Kauf regionaler Lebensmittel darstellt, bedarf es diesbezüglich eines differenzierten Blicks. Kürzere Transportwege müssen sich nicht zwingend in niedrigeren Emissionen niederschlagen (man denke an die Glashaustomate oder die gegenüber der CO2-Effizienz des Überseeschiffs ungleich niedrigere des Pkws für die Direktvermarktung). Umgekehrt ist davon auszugehen, dass der Druck für eine ökologisch und sozial verantwortungsvolle Produktion ungleich größer ist, wenn KonsumentInnen das Produkt mit dem Ort seiner Produktion direkt in Verbindung bringen können. Wer kauft schon gern Produkte, von denen bekannt ist, dass sie aus einer Region mit kontaminierten Böden, verschmutzten Gewässern oder ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen stammen? Weitere Motive neben Umwelteffekten im engen Sinne sind auch die Erhaltung bedrohter Nutztierrassen bzw. Kulturpflanzensorten und das Vermeiden unerwünschter Landschaftsveränderungen.

Viele KonsumentInnen geben an, die regionale Landwirtschaft und das regionale Lebensmittelgewerbe unterstützen zu wollen, um zur oben erwähnten Landschafts- und Speisenvielfalt beizutragen. Manche erinnern sich aber auch an Lebensmittelskandale (siehe Abschnitt 5.6) oder kriegsbedingte Lebensmittelknappheiten. Sie hoffen, dass die Erhaltung der Produktionsflächen, -strukturen und -fertigkeiten die → Resilienz der Lebensmittelversorgung gegenüber Pandemien, Kriegen, Terroranschlägen oder internationalen Lebensmittelskandalen erhöht.

Regionale Lebensmittel werden oftmals direkt ab Hof, über Lebensmittelkooperativen, Selbsternteprojekte, Eigen- oder Gemeinschaftsgärten bezogen. Das verspricht andere Erlebnisse, andere Lerneffekte und eine andere Befriedigung als beim alltäglichen Einkauf im Supermarkt.

3.3.2 Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Alternative Formen der regionalen Lebensmittelversorgung, wie Lebensmittelkooperativen oder die solidarische Landwirtschaft, aber auch der traditionelle Ab-Hof-Verkauf, setzen stark auf Vertrauen. Vertrauensbasierte Transaktionen sind vor allem dort zu finden, wo Personen bereits wiederholte Male positive persönliche Austauscherfahrungen gemacht haben. RegionalisierungsverfechterInnen gehen davon aus, dass langfristige persönliche Beziehungen und ihnen inhärente gegenseitige Verpflichtungen und Abhängigkeiten opportunistisches Verhalten eindämmen.

Da der Qualitätsdruck durch die persönliche Bekanntheit der ProduzentInnen größer ist, wird gerade bei in kleinen Mengen produzierten regionalen Lebensmitteln ein Qualitätsvorsprung erwartet. Die Lebensmittelproduktion am Ort des Konsums ist durch „dichtere ökologische Rückkoppelungen“ charakterisiert und ermöglicht so raschere Anpassungsmaßnahmen bei unerwünschten ökologischen Effekten (Campbell 2009). Außerdem kennen KundInnen in der Regel eher die ökologischen und sozialen Standards, die im nationalen Umwelt-, Lebensmittel- und Arbeitsrecht definiert sind und von nationalen Behörden kontrolliert werden, als jene anderer Länder.

3.3.3 Kritik an der Regionalisierungsdiskussion

Die wenigsten Produkte aus der Region können all die vielfältigen Erwartungen einlösen, die in Tab. 3.1 aufgelistet sind. Nicht alle Betriebe, die Regionalprodukte vermarkten, arbeiten nach den Regeln des → Ökolandbaus oder erfüllen über das Tierschutzrecht hinausgehende Standards einer artgerechteren Tierhaltung. Manche bringen sogar qualitativ minderwertige oder nicht mehr frische Produkte in Umlauf. Auf Bauernmärkten finden sich teilweise auch zugekaufte, von weither importierte oder minderwertige Lebensmittel. Die „Wo-Frage“ gibt also keine verlässliche Antwort auf die „Wie-Frage“ nach den Produktions- und Handelsbedingungen (Ermann 2015).

Die Mitglieder von Lebensmittelkooperativen (Box 3.5) oder der solidarischen Landwirtschaft (Box 3.4) sind oftmals BesserverdienerInnen und (angehende) Akademiker-Innen. Personen mit Migrationshintergrund und sozial benachteiligte Gruppen haben oftmals keinen Zugang zu Qualitätsprodukten aus der Region. Somit bleibt regionale Ernährung das Privileg eines exklusiven Clubs der weißen Mittelklasse (DuPuis und Goodman 2005), die sich so von den anderen abgrenzt (siehe Kapitel 8).

Zudem wird mit dem Regionalisierungsprozess die Verantwortung von der Politik zu einzelnen KonsumentInnen und ihren Kauf- und Ernährungsentscheidungen verschoben, anstatt staatliche, gesamtgesellschaftliche Lösungen oder internationale ökologische und soziale Standards der Lebensmittelproduktion zu verankern (Hartwick 2000; van der Ploeg 2010; Sage 2012).

Die Unterstützung lokaler Firmen kann rasch in Skepsis und Angst gegenüber allem „Nicht-Regionalen“ umschlagen (Winter 2003; DuPuis und Goodman 2005). Auch zu hinterfragen ist, wieso heimische Bauernfamilien schutzbedürftiger sein sollen als solche in Südosteuropa oder im Globalen Süden. Zum Beispiel schützt auch die reformierte Zuckermarktordnung die europäische Zuckerproduktion, womit weitgehend verhindert wird, dass wesentlich preisgünstigerer Zucker aus dem Globalen Süden importiert und damit dort Einkommen geschaffen wird. Unter dem Motto trade not aid beanstanden NGOs und die Fair-Trade-Bewegung die Abschottung europäischer Märkte von Importen aus Entwicklungsländern. Morgan und Sonnino (2010) plädieren daher für einen cosmopolitan localism, bei dem sich Regionalität als Teil einer nationalen oder internationalen Gemeinschaft regionaler LebensmittelaktivistInnen versteht.

Zudem ist zu berücksichtigen, dass – wie bereits oben dargelegt – heimische Lagerware oder Produkte aus Glashauskultur bezüglich Klima und Energie negativere Umwelteffekte aufweisen können als Importware aus Übersee. Aus der engen Perspektive des Energieverbrauchs und des Klimaschutzes ist wohl auch im Supermarkt angebotene Massenware in der Regel Produkten aus dezentralen, kleinstrukturierten und ineffizienten Produktions- und Logistiksystemen überlegen.

Die Präferenz für Lebensmittel aus der Region ist bei jenen Produkten am stärksten, bei denen die Kaufentscheidung von Frische, Vertrauen und Sicherheit abhängt. Das sind u. a. Fleischwaren, Brot und Gebäck sowie Obst und Gemüse. Je höher der Verarbeitungsgrad eines Lebensmittels, desto niedriger werten VerbraucherInnen die Bedeutung der Herkunft des Produkts (Sauter und Meyer 2003). Nur eine kleine Minderheit folgt Ernährungstrends wie z. B. jenem der Lokavoren oder der 100-Meilen-Diät, die beide auf eine Ernährung mit Lebensmitteln abzielen, die ausschließlich im nahen Umkreis produziert und verarbeitet wurden. Eine solche zwangsweise saisonal ausgerichtete Ernährung kann in Gebieten mit einer kurzen Vegetationszeit und einem langen Winter sehr eintönig werden. Außerdem braucht es viel Zeit, spezifische Kenntnisse und weitreichendes Wissen, um regionale Saisonware, die oftmals nicht im Supermarkt als hoch verarbeitetes → Convenience-Produkt zu finden ist, zu besorgen, zu verarbeiten, zu lagern und zuzubereiten. Darüber hinaus legen die wenigsten Kantinen, Gastbetriebe oder Hotels die Herkunft ihrer Zutaten offen. Angesichts knapper Zeitressourcen und steigender Außer-Haus-Verpflegung ist für viele Haushalte der Wunsch nach Regionalität in der Praxis daher nur bedingt realisierbar.

3.4 Kontinuum statt Dichotomie

3.4.1 Stärker und schwächer eingebettete Lebensmittelsysteme

Die beiden vorangehenden Abschnitte haben globale und regionale Lebensmittelsysteme aufgrund ihrer unterschiedlich intensiven Einbettung in soziale Beziehungen kontrastiert. Global gehandelte Massenware mit geringer sozialer Einbettung ist gekennzeichnet durch frei zirkulierende standardisierte und somit vorwiegend über den Preis vergleichbare Güter, welche VerkäuferInnen und KäuferInnen in kurzfristigen und flexiblen Transaktionen austauschen. KonsumentInnen können die geografische Herkunft der Produkte und die am Produktionsort geltenden sozialen und ökologischen Standards in der Regel nicht in Erfahrung bringen. Regionale kurze Wertschöpfungsketten fußen hingegen oft auf sozialer und geografischer Nähe, Reputation, lokalen Traditionen und einer Vielfalt von regional differenzierten Qualitäten und Produktionsstilen. VerbraucherInnen können durch direkte Interaktion mit regionalen Betrieben Einblick in die Herkunft und die konkreten Bedingungen der Lebensmittelproduktion erlangen.

Sowohl in globalen als auch in regionalen Lebensmittelsystemen gibt es Fehlverhalten und Betrug. Der Umgang damit ist jedoch unterschiedlich. Während in der Logik der globalisierten Märkte auf formalisierte Regeln, einheitliche Standards, Dokumentationspflichten, Zertifizierungen und externe Kontrollen gesetzt wird, geht es bei regionalen Lebensmittelsystemen um Vertrauen, gegenseitige Verpflichtungen, soziale Kontrolle und Reputation, die durch wiederholte persönliche Beziehungen gewachsen sind.

Sowohl in globalen als auch in regionalen Systemen gibt es eine kleine, aber wachsende Gruppe von AkteurInnen, die sich um eine ökologisch und sozial nachhaltigere Lebensmittelversorgung bemühen; allerdings verfolgen sie Nachhaltigkeitsziele mit unterschiedlichen Instrumenten. Globale Systeme setzen auf extern kontrollierte Zertifizierungssysteme wie Bio oder Fair Trade und damit auf weltweit sehr ähnlich implementierte ökologische und soziale Standards. Regionale Lebensmittel punkten mit kurzen Transportwegen, Erhaltung der Biodiversität und der kulturellen Vielfalt sowie Transparenz und Mitbestimmung bei sozialen und ökologischen Standards.

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass vormalige Luxusprodukte wie Fleisch, Südfrüchte, Kaffee, Lachs oder Schokolade für die Mehrheit der Bevölkerung in der industrialisierten Welt erschwinglich wurden. Die Versorgung mit regionalen Qualitätsprodukten hingegen scheint in Nordamerika und weiten Teilen Europas bis dato eher ein Privileg der besser verdienenden und höher gebildeten Schichten.

Globalisierte und regionalisierte Wertschöpfungsketten lassen sich als die beiden Seiten ein und derselben Medaille interpretieren. Regionalisierte Systeme wie Lebensmittelkooperativen oder die solidarische Landwirtschaft werden mitunter aber auch als Nischen gesehen, die das vorherrschende → Nahrungsregime herausfordern und so zu einem Regimewechsel beitragen könnten (→ transition theory). Im folgenden Abschnitt werden globale und regionale Lebensmittelsysteme allerdings als zwei dynamisch in Austausch stehende und sich ergänzende Pole eines Kontinuums unterschiedlicher Einbettung diskutiert.

3.4.2 Kontinuum sozialer Einbettung

Die hier auch aus didaktischen Überlegungen skizzierte Dichotomie globaler und regionaler Lebensmittelsysteme ist weitgehend analytisch und entspricht nicht der vielfältigen Realität und Dynamik der realen Interaktionen von MarktteilnehmerInnen entlang unterschiedlicher Warenketten. Was für die wissenschaftliche und analytische Betrachtung hilfreich sein mag, beschreibt sehr idealisierte Formen der Lebensmittelproduktion, die in dieser Reinform in der Realität kaum zu finden sind.

Auch entlang internationaler Wertschöpfungsketten gibt es langfristige Beziehungen, die auf einem engen persönlichen Kontakt zwischen VerkäuferIn und KäuferIn beruhen. Nicht alle internationalen Transaktionen stützen sich auf formale Lieferverträge, die alles im kleinsten Detail unter Androhung von Strafzahlungen regeln. Manche beruhen auch auf vertrauensbasierten und langfristigen Austauschbeziehungen. Sind einmal gut funktionierende Wirtschaftsbeziehungen zu einem Zulieferbetrieb aufgebaut, wollen Betriebe auch weiterhin mit ihm kooperieren, um jene Kosten und Risiken zu vermeiden, die mit der Suche und Etablierung neuer Lieferbeziehungen verbunden sind. Erfahrungen zeigen also, dass die Verkaufs- und Einkaufsbeziehungen entlang globalisierter Ketten nur selten dem Ideal des neoklassischen Spotmarkt-Modells entsprechen, d. h. nur in wenigen Fällen kurzfristige, automatisierte und anonymisierte Transaktionen basierend auf standardisierten Verträgen darstellen.

Umgekehrt verlassen sich auch regionale Lebensmittelsysteme nicht ausschließlich auf langfristig etablierte Wirtschaftsbeziehungen und positive Erfahrungen vergangener Zusammenarbeit. Auch eine Person, die zum ersten Mal auf einem lokalen Markt einkauft oder in einem neuen Restaurant zu Gast ist, will sich darauf verlassen können, dass die am Marktstand oder auf der Speisekarte beworbenen Lebensmittel tatsächlich mit jenen im Einkaufskorb oder auf dem Teller übereinstimmen. Umgekehrt können auch langfristige Austauschbeziehungen enttäuscht werden bzw. sich vorwiegend am Preis orientieren und instrumentell auf den persönlichen Vorteil ausgerichtet sein (Hinrichs 2000). Persönliche Beziehungen mögen zwar eine Voraussetzung für Vertrauen sein, sie sind jedoch keine hinreichende Bedingung dafür, dass Fehlverhalten, Opportunismus und Betrug auch tatsächlich in jedem Fall verhindert werden können (Granovetter 1985). So profitieren wohl auch KonsumentInnen regionaler Lebensmittel von der staatlichen Lebensmittelaufsicht, die Hygiene- und Qualitätsstandards in Verkaufsstätten und Gastronomiebetrieben kontrolliert oder überprüft, ob die angepriesenen Lebensmittel mit den tatsächlich verkauften übereinstimmen. Strenge Qualitäts-, Sozial- und Umweltstandards – gekoppelt mit externen Kontrollen – können ebenso zu Sicherheit und Vertrauen beitragen wie langfristige, auf wiederholte persönliche Interaktionen ausgerichtete Austauschbeziehungen.

Zudem kombinieren landwirtschaftliche Betriebe Regionalisierungsstrategien wie etwa die Direktvermarktung mit der Ablieferung von Produkten an Großhändler zur Verbreitung auf internationalen Märkten. Die wenigsten KonsumentInnen ernähren sich ausschließlich von regionalen Lebensmitteln (Lokavoren oder 100-Meilen-Diät). Die meisten kombinieren Produkte unterschiedlichster Herkunft bzw. wissen gerade beim Außer-Haus-Konsum gar nicht, woher die von ihnen verzehrten Lebensmittel kommen.

Global und regional organisierte Wertschöpfungsketten sind nicht voneinander abgeschottete Systeme, vielmehr beeinflussen sie sich gegenseitig. So bieten auch ProduzentInnen regionaler Spezialitäten Online-Versand bis ins Ausland und Convenience-Produkte, die sonst vor allem von etablierten Vertriebsformen angeboten werden. Umgekehrt greifen international agierende Supermarktketten das Bedürfnis nach Regionalität auf, indem sie Regionalregale einrichten oder regionale ProduzentInnen einladen, ihre Produkte im Supermarkt persönlich vorzustellen. Multinationale fast-food-Ketten greifen das Bedürfnis nach Regionalität auf, indem sie mit der regionalen Herkunft ihrer Zutaten werben oder ihre Speisen an die jeweiligen lokalen Geschmackspräferenzen und Kulturen anpassen (Heterogenisierung; Robertson 1995). Global leicht kommunizierbare kulinarische Highlights wie etwa Pizza, Burger oder asiatische Wok-Gerichte werden beliebig mit Versatzstücken diverser „Ethnoküchen“ kombiniert (siehe Box 3.6). Umgekehrt werden bisher nur in einer konkreten Region produzierte und konsumierte Produkte so adaptiert, dass sie attraktiv für globale Märkte und den Massengeschmack einer breiten internationalen KonsumentInnenschaft werden (Homogenisierung). Aus diesem Verständnis heraus sind Regionalisierung und Globalisierung kein Gegensatz, sondern bedingen sich gegenseitig. → „Glokalisierung“ – also die Gleichzeitigkeit von Homogenisierungs- und Heterogenisierungsprozessen, von Globalisierung und „Re-Regionalisierung“ – wurde in den 1980ern von japanischen Ökonomen als Marketingbegriff geprägt und später von Robertson (z. B. 1995) auch in den sozialwissenschaftlichen Diskurs eingebracht.

Box 3.6: „McWorld“ vor Ort als Beispiel für Glokalisierung

McDonald’s steht für die globale Standardisierung der Esskultur. Doch u. U. stellt sich die → fast-food-Kette auch auf lokale Geschmacksvorlieben ein. So etwa werden in Norwegen McLaks, Sandwiches aus Vollkornbrot mit gegrilltem Lachs und Dillsauce, angeboten. In den Niederlanden wirbt der Groenteburger, ein vegetarischer Hamburger, um Kundschaft. In Uruguay gibt es McHuevos, Hamburger mit pochiertem Ei, und McQuesos, Sandwiches mit Käse. Japanische KundInnen können Chicken Tatsuta Sandwich, gebratenes Huhn mit Sojasauce, Ingwer, Kohl und Senfmayonnaise, bestellen. In Russland wird für Pirozhok, Kartoffeln mit Champignons und Käsekuchen, geworben. In Großbritannien äußert sich die Vorliebe für indische Küche in Gerichten wie McChicken Korma Naan und Lamb McSpicy. Nicht nur die McDonald’s-Produkte, sondern auch die sozialen Konsumpraktiken variieren nach lokalen Kulturen. So etwa gelten McDonald’s-Lokale in Beijing nicht als Orte des schnellen Essens, sondern als Treffpunkte, wo man stundenlang ‚herumhängt‘. Derartige Verbindungen von Globalem und Lokalem lassen sich als Ausdruck der „Glokalisierung“, der lokalen Aneignung globaler Einflüsse, begreifen (Ritzer 2006, 263–266).

Zwischen den beiden Polen der globalisierten Produktion und der sehr kurzen, regionalen Ketten gibt es eine Vielzahl mehr oder weniger eingebetteter Zwischenformen. Als ein Beispiel dieser Mischformen seien rechtlich geschützte Herkunftsangaben vorgestellt, die auf Vertrauen und Langfristigkeit basierende regionale Wirtschaftsbeziehungen mit externen Kontrollen und internationalem Handel verbinden.

3.4.3 Geschützte Herkunftsangaben als Beispiel regional eingebetteter und dennoch international ausgerichteter Produktionssysteme

Angaben zur geografischen Herkunft kommunizieren den Ort und die Standards der dortigen Produktion auch zu weit entfernten KonsumentInnen (Quiñones-Ruiz et al. 2016). Sie schützen regionale Betriebe vor der missbräuchlichen Verwendung der geografischen Bezeichnung durch Trittbrettfahrer außerhalb der Region (z. B., wenn Käse, der nicht aus dem Allgäu stammt, als Allgäuer Bergkäse vertrieben wird). Auch KonsumentInnen, die ein Produkt mit geschützter Herkunftsangabe weit entfernt vom Ort der Produktion kaufen, erhalten über das Label verlässliche Informationen zur Produktherkunft und können über die veröffentlichte Produktspezifikation die jeweiligen Standards der Produktion nachlesen, welche bei arbeitsteilig hergestellten und international gehandelten Lebensmitteln ansonsten in der Regel nicht nachvollziehbar sind.

Während sich beim Wein die Verknüpfung von Qualität und Herkunft bis in die Antike zurückverfolgen lässt und weltweit inzwischen auch rechtlich durch die WTO anerkannt ist, waren geschützte Herkunftsangaben für andere Lebensmittel lange Zeit nur in einzelnen Ländern Südeuropas gebräuchlich. Nationalstaatliche Herkunftsbezeichnungen sind beispielsweise das französische AOC-Siegel (Appellation d’Origine Contrôlée) oder das DOC-Siegel (Denominazione di origine controllata) in Italien. Seit 1992 schützt auch die EU geografische Herkunftsangaben für Lebensmittel. Gruppen von ProduzentInnen eines klar zu definierenden Produktionsgebiets, die einen Antrag auf Herkunftsschutz stellen, argumentieren für die herausragende Qualität ihres Produktes mit spezifischen Bodencharakteristika oder Klimabedingungen, mit regional angepassten Züchtungen und Sorten oder den hohen regionsspezifischen Produktionsstandards, den Fertigkeiten und dem traditionellen Wissen der regionalen ProduzentInnen und VerarbeiterInnen. Ist die geografische Bezeichnung einmal EU-rechtlich geschützt, darf sie nur noch für Produkte verwendet werden, die von in der ausgewiesenen Region angesiedelten zertifizierten und extern kontrollierten Betrieben unter Einhaltung der regionalen Qualitätsstandards produziert wurden.

Das Register der EU-rechtlich geschützten Herkunftsangaben enthält Hunderte geschützte Ursprungsbezeichnungen (g. U.), d. h. Herkunftsangaben für Produkte, deren Produktionsschritte alle im abgegrenzten Gebiet erfolgen müssen, und ebenso Hunderte geschützte geografische Angaben (g. g. A.), die garantieren, dass einer der Produktionsschritte (meist die Verarbeitung) in der Herkunftsregion erfolgt. Bei der geografischen Angabe reicht es folglich aus, dass etwa Pökelware im ausgewiesenen Gebiet verarbeitet worden ist. Das Fleisch kommt daher oftmals aus einem ganz anderen Gebiet. Woher genau, bleibt den KonsumentInnen in der Regel verborgen.

Abgesehen vom registrierungspflichtigen Herkunftsschutz einzelner geografischer Produktbezeichnungen sehen das europäische Recht und viele nationale Gesetze die verpflichtende Kennzeichnung für unverarbeitetes Obst und Gemüse, Eier, Fisch, Bioprodukte sowie für frisches, gekühltes oder gefrorenes Schweine-, Schaf-, Ziegen- und Geflügelfleisch vor. Auf dem Etikett ist anzugeben, wo das Tier aufgezogen und wo es geschlachtet wurde. Darüber hinaus sind jene Fleischteile, die gleichzeitig verarbeitet wurden, mit einer Partienummer zu deklarieren, um den Konnex zwischen Fleisch und Tier zu wahren. Die Herkunftskennzeichnung stößt allerdings bei verarbeiteten Lebensmitteln oder bei Produkten, die aus mehreren Rohstoffen bestehen, sehr rasch an die Grenzen der Kommunizierbarkeit.

Neben den registrierten Herkunftsbezeichnungen und den rechtlich geregelten und staatlich kontrollierten Herkunftsangaben am Etikett gibt es noch eine unüberschaubar große Anzahl von Regionalmarken und mehr oder weniger fantasievoll gestalteten Labels, die eine Verbindung des Produkts zu einem bestimmten Ort suggerieren. Bei den meisten dieser Labels gibt es aber weder externe Kontrollen noch transparente Qualitätsstandards.

Auf persönlichen Beziehungen beruhendes Vertrauen und Kontrolle

Erzeuger rechtlich geschützten Herkunftsangaben wie Rioja-Wein oder Darjeeling-Tee argumentieren, dass biophysikalische und klimatische Bedingungen, aber auch die Anbau- und Verarbeitungstradition der im Produktionsgebiet arbeitenden Betriebe ‚authentische‘, regionstypische Qualitäten hervorbringen Mit dem Kauf dieser Produkte wollen auch weit entfernte KonsumentInnen dazu beitragen, dass es sich für die regionalen Betriebe auch weiterhin lohnt, auf Qualität zu setzen.

Bei rechtlich geschützten Herkunftsangaben definieren nicht Behörden oder multinational agierende Unternehmen die Qualitätsstandards, sondern selbstorganisierte Gruppen von ProduzentInnen in der Herkunftsregion (Quiñones-Ruiz et al. 2015). Diese gemeinschaftlich definierten Standards sollen dazu dienen, die Reputation des Produkts zu erhalten bzw. auszubauen. Externe Zertifizierungsorganisationen prüfen die Einhaltung der Standards. Somit verbindet dieses System langfristige Beziehungen zwischen Firmen in der Produktionsregion, die gemeinsame Lernprozesse und regionsspezifische Produktcharakteristika hervorbringen, mit staatlicher Registrierung, Zertifizierung und externen Kontrollen.

Kritik an Herkunftsangaben

Herkunftsbezeichnungen werden u. a. wegen ihrer heterogenen Qualitätsstandards kritisiert. Diese sind anders als bei international abgeglichenen Biostandards nicht generell gültig, sondern eigens für jedes Produkt in sehr unterschiedlich ausgestalteten Produktspezifikationen definiert, deren Zusammenfassung zwar auf einem EU-Web-portal publiziert, aber aufgrund ihrer Heterogenität für KonsumentInnen schwer zu durchschauen sind. Zumal sind auch diese Produktspezifikationen wie jegliche Information, die den KonsumentInnen über ein Essen, ein Lebensmittel oder ein Agrarerzeugnis vonseiten der HerstellerInnen zur Verfügung gestellt wird, „eine ‚Präsentation‘ von Herkunft, Qualität und/oder Produktionsweise […], die zwar nach bestimmten Regeln erfolgt, die aber niemals in der Lage sein kann, die Wirklichkeit vollständig und objektiv widerzuspiegeln“ (Ermann 2015, 78). Diese Heterogenität der Qualitätsstandards, welche von den regional organisierten ProduzentInnen selbst definiert werden, erschwert Kaufentscheidungen, aber auch die externe Zertifizierung und Kontrolle. Umgekehrt ermöglicht sie – anders als im Ökolandbau – ein gehöriges Maß an regionaler Selbstbestimmung und die Anpassung der Produktionsstandards an regionale Besonderheiten und Bedürfnisse, was zu vielfältigen Produktionskulturen beiträgt.

Umweltstandards waren nicht Inhalt traditioneller Herkunftssysteme und sind auch im europäischen Herkunftssystem nicht zwingend vorgesehen. Untersuchungen zeigen, dass insgesamt nur sehr wenige Produktspezifikationen auf ökologische Aspekte der Produktion eingehen (Belletti et al. 2015).

Regional stark eingebettete Lebensmittelsysteme werden in der Regel mit südeuropäischen Ländern wie Frankreich oder Italien assoziiert, wo die Produktqualität, etwa von Wein, schon in der Antike mit konkreten Regionen verknüpft wurde. Champagner, Parmaschinken oder Parmesan stehen für eine hohe Qualität und profitieren von ihrer Reputation. Hingegen hinterfragen FreihandelsverfechterInnen, ob Herkunft tatsächlich ein Qualitätsmerkmal ist oder lediglich dem Protektionismus (→ Liberalismus) und der Beeinflussung von KonsumentInnen dienen soll, um diese dazu zu bringen, heimische gegenüber ausländischen Firmen zu bevorzugen.

Während Herkunftssysteme, die jenem der EU ähnlich sind, auch in Ländern Lateinamerikas und Asiens implementiert werden, lässt sich im angloamerikanischen Kulturraum eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Herkunftsangaben ausmachen. Charakteristisch für die USA, Kanada, Australien oder Neuseeland sind vielerorts weniger weit zurückreichende Herstellungstraditionen, eine Skepsis gegenüber zusätzlichen staatlichen Regulierungen, eine höhere Mobilität der Firmen und vor allem eine starke Markentradition. Während Marken in der Regel im Eigentum eines einzelnen Unternehmens sind und auch an Firmen in anderen Ländern verkauft werden können, sind Herkunftsangaben unveräußerlich. Rechtsprobleme ergeben sich dort, wo geografische Namen in verschiedenen Ländern unterschiedlich geschützt sind. Wer in den USA „Budweiser“-Bier kauft, erhält ein in Amerika produziertes Lagerbier einer amerikanischen Firma, die diesen Namen bereits 1870 markenrechtlich geschützt hat. Wer in Deutschland „Budweiser“-Bier kauft, kann hingegen davon ausgehen, dass dieses Bier in der tschechischen Stadt Budweis gebraut wurde. Die Bezeichnung „Parmesan“, welche seit 2008 in der EU ausschließlich für ‚echten‘ Parmigiano Reggiano (g. U.) aus Parma verwendet werden darf, gilt in den USA als generischer Name für eine bestimmte Art der Käsezubereitung, der von unterschiedlichsten Firmen an verschiedensten Standorten verwendet wird.

Die rechtlichen Divergenzen bezüglich der Bezeichnung von Lebensmitteln beeinträchtigten auch die Verhandlungen über bilaterale Handelsabkommen zwischen Nordamerika und der EU. In diesem Zusammenhang zeigen sich auch sehr unterschiedliche Paradigmen der Lebensmittelqualität. Überspitzt formuliert könnte man resümieren, dass nordamerikanische Regierungen auf Lebensmittelhygiene, standardisierte und kontrollierte Qualität setzen und krankmachende Keime auf ungechlorten Hühnern oder in Rohmilchkäse fürchten (Kontrolle der Endproduktqualität). Die Europäische Union legt hingegen besonderen Wert auf die Kontrolle der Herstellungsweise, auf Herkunftsinformation und ‚regionale‘, ‚authentische‘ Lebensmittel und europäische KonsumentInnen nehmen genetisch veränderte Organismen, Chlorhuhn- und Hormonfleischimporte tendenziell als Bedrohung wahr. Regionalisierte Lebensmittelsysteme können jeweils auf lokal vorherrschende Qualitätserwartungen eingehen; globalisierte Ketten sind mit unterschiedlichen Paradigmen und kontextbezogenen Qualitätsmaßstäben konfrontiert.

3.5 In Zukunft: regional, global oder glokal?

Dieses Kapitel erläutert die Triebfedern, Charakteristika und Folgen der parallel ablaufenden, sich gegenseitig bedingenden Globalisierungs- und Regionalisierungsprozesse in der Lebensmittelversorgung. Die Polarität zwischen regional und global soll jedoch nicht zu einer vereinfachten Diskussion von „entweder – oder“ führen, sondern vielmehr die wechselseitigen Dynamiken und Abhängigkeiten regionaler und globaler Lebensmittelsysteme verdeutlichen. Geänderte Praktiken der Lebensmittelversorgung können zu Verschiebungen beitragen, sei es bei der Definitionsmacht über die Produktqualität, bezüglich des Verhältnisses von sozialen Beziehungen und Markt oder bei der Verteilung von Rechten und Verpflichtungen zwischen Unternehmen unterschiedlicher Größe und Herkunft, AkteurInnen im Globalen Norden und Süden, Industrielobbys und KonsumentInnenverbänden.

Eine simplifizierende Gleichsetzung von „regional = gut“ ist nicht geboten. Auch vor der eigenen Haustür produzierte Lebensmittel können Erwartungen bezüglich Umweltschutz, Arbeitsbedingungen oder Tierschutz enttäuschen. Zudem ist aus ethischen Überlegungen zu hinterfragen, warum heimische Betriebe gegenüber bäuerlichen Familien aus dem Globalen Süden bevorzugt werden sollen. Im Gegensatz zu anonymer Massenware ohne Herkunftsbezug haben wir bei regional produzierten Lebensmitteln jedoch eher Einblick in die Produktionsprozesse und können diese bis zu einem bestimmten Grad auch mitgestalten und so zur Vielfalt der Produktionskulturen beitragen.

Die Diversität von mehr oder weniger globalisierten oder regionalisierten, sozial unterschiedlich eingebetteten, langen und kurzen Ketten kann auch als Chance für Synergien und ein resilientes Lebensmittelsystem (siehe Abschnitt 4.2.4) gesehen werden. International gehandelte Lebensmittel mit bekannter geografischer Herkunft zeigen, wie sich Vorteile sozialer Einbettung und heterogener Produktionsstandards mit jenen des internationalen Handels verbinden lassen.

Kontrollfragen

Was sind die Errungenschaften globalisierter Lebensmittelmärkte? Was würde sich für Sie ändern, wenn Sie sich ausschließlich von Lebensmitteln ernähren müssten, die im Umkreis von 100 km produziert werden?

Was waren/sind die wesentlichen Triebfedern und Phasen der Globalisierung?

Was erwarten sich KonsumentInnen von in der eigenen Region produzierten Lebensmitteln? Welche dieser Erwartungen könnten enttäuscht werden und warum?

Diskussionsfragen

Preisgünstige standardisierte Lebensmittel für die breite Masse oder hochpreisige regionale Premiumprodukte für die Eliten?

Bekämpfung des Welthungers durch die Liberalisierung der Agrarmärkte oder durch eine weitgehend auf Selbstversorgung ausgerichtete und national reglementierte Landwirtschaft?

Versorgungssicherheit in Krisen- und Kriegszeiten durch globale Vernetzung oder durch regionale Selbstversorgungsstrukturen?

Wie fair sind globale bzw. regionale Lebensmittelmärkte in Bezug auf soziale Ungleichheit oder Umweltfragen?

Wem oder worauf vertrauen Sie in Hinblick auf Lebensmittelqualität?

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