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Erich Schneider
Kleine Geschichte Unterfrankens

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© 2020 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
Gutenbergstraße 8 | 93051 Regensburg
Tel. 0941/920220 | verlag@pustet.de
ISBN 978-3-7917-3172-8
Reihen-/Umschlaggestaltung und Layout: Martin Veicht, Regensburg
Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Printed in Germany 2020
eISBN 978-3-7917-8181-7 (epub)
Unser gesamtes Programm finden Sie im Webshop unter
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Inhalt
Vorwort
Das Land am mittleren Main: Versuch einer Annäherung
Landschaft und Raum / Unterfranken vor den Franken / Der Kultwagen von Acholshausen / Frühe Zeugnisse des Christentums / Unterfranken wird fränkisch
Von Kilian bis Bonifatius
Der hl. Kilian als Apostel der Franken / Willibrord, Bonifatius und die Gründung des Bistums Würzburg / Der hl. Bonifatius
Die Frühzeit des Bistums Würzburg
Die ersten Würzburger Bischöfe / Das Bistum bis zum Ende der Karolingerzeit / Die Würzburger Dombibliothek / Die Babenberger Fehde
Würzburg in der ottonisch-salischen Reichskirche
Unterfranken in ottonischer Zeit / Die Schweinfurter Fehde von 1003 / Bischof Bruno und der salische Dom in Würzburg / Das Bistum Würzburg während des Investiturstreits
Die Staufer-Zeit
Würzburgs Blütezeit im 12. Jahrhundert / Die „gülden freyheit“ von 1168 / Die Mainbrücke in Würzburg / Der „Kampf um den Main“ im 13. Jahrhundert
Frömmigkeit und Geistesleben im Spätmittelalter
Einzug und Aufstieg der neuen Orden / Die Teufel als Wohltäter / Kirchen als Zeugen der Kreuzzüge / Dichter und Minnesänger / Aufstieg der Städte
Reformation und Bauernkrieg
Krisen am Ausgang des Mittelalters / Der Fränkische Reichskreis / Tilman Riemenschneider / Der Aufstand des „gemeinen Mannes“ 1525 / Opfer der Bauern / Reformation in Unterfranken / Markgräflerkriege (1553/54)
Die Echter-Zeit
Katholische Reform unter Wirsberg / Echters Misserfolg in Fulda / Sozialreformen und Würzburger Universität / Gegenreformation ab 1587 / Echter als Bauherr / Mitglied der Katholischen Liga
Der Dreißigjährige Krieg in Franken
Philipp Adolf von Ehrenberg / Die Schweden in Franken / Die „Leopoldina“ in Schweinfurt
Die Schönborn-Zeit
Fast so etwas wie ein „Wirtschaftswunder“ / Petrini, Greissing, Neumann: Dreigestirn der Barockarchitektur / Höhepunkt der Barockarchitektur / Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn / Die Würzburger Residenz / Tiepolos Fresken in der Residenz / Wirtschaftspolitik in der Schönborn-Zeit / Wein und Wald / Unterfranken ist Weinfranken
Umbruch und Aufbruch
Die Zeit der Aufklärung / Säkularisation und Mediatisierung / Das Ende des Hochstifts Würzburg / Großherzogtum unter Ferdinand von Toskana / Napoleon und Marie Louise in Würzburg / 1814: (Unter-)Franken wird endgültig bayerisch
Im Königreich Bayern
Würzburg auf der Suche nach einer neuen Rolle / Unterfränkische Kurbäder / Schweinfurt seit der Mediatisierung / Aschaffenburg in bayerischer Zeit / Jüdische Kultur in Unterfranken / Die „Judensteine“ aus der Pleich / Der Habima-Skandal von 1930 / Von der Bayerischen Verfassung von 1818 bis zur Revolution von 1848 / Die Gaibacher Konstitutionssäule / Universität und Hochschulen / Renaissance der „altdeutschen“ Kunst / „Heroische Zeiten“: Die Kriege von 1866 und 1870/71 / Die Sammlung Sattler auf Schloss Mainberg / Kultur und Kunst – Theater, Museen und Sammlungen / Mainausbau, Eisenbahnbau und Beginn der Industrialisierung
Räterepublik – Freistaat – Bamberger Verfassung – Nazizeit
Unterfranken im Ersten Weltkrieg / Schwieriger Aufbruch in eine neue Zeit / Geheimverhandlungen um die Würzburger Residenz / Würzburg in der Weimarer Republik / Während des Nationalsozialismus
Unterfranken nach Kriegsende
Zusammenbruch und Wiederaufbau / „Task Force Baum“ / Phoenix aus der Asche: Würzburg nach 1945 / Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach 1945 / Wirtschaftswunderjahre / Kirchenbau im 20. Jahrhundert / Stuck oder kein Stuck: Der Wiederaufbau des Doms in Würzburg / Gemeindegebietsreform von 1972
Vom Rand ins Zentrum: Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert
Arbeitsplatzsituation / Verkehrswege / Deutsche Wiedervereinigung / Neue Herausforderungen
Anhang
Zeittafel / Regierungspräsidenten (bis 1837 Generalkommissäre) / Bezirkstagspräsidenten / Literatur (Auswahl) / Register / Bildnachweis / Übersichtskarte
Vorwort
Nach der erfolgreichen Kleinen Geschichte Frankens von Anna Schiener erscheint nun im selben Verlag eine in drei Bände aufgeteilte „Kleine Geschichte“ aller drei fränkischen Regierungsbezirke respektive ihrer Vorgänger. Es ist sicher nicht alleine die Vielzahl historischer Ereignisse und der mit Franken zu verbindenden kulturellen Höhepunkte, die nach einem solchen Schritt verlangt – die Zahl der Druckseiten hätte ein engagierter Lektor ohne Zweifel kürzen können. Eher wird man die geringe Schnittmenge an Verbindendem in der Geschichte der drei fränkischen Bezirke mindestens vor 1803 anführen können: Das Bistum Bamberg ist im Hochmittelalter aus dem Diözesangebiet des Bistums Würzburg heraus gegründet worden und gerade in der Barockzeit wurden beide Bistümer immer wieder von einem Fürstbischof regiert. Was aber haben die beiden Markgrafschaften ober und unter dem „Gebürg“ in Bayreuth und Ansbach mit Würzburg und Bamberg zu tun? Ist es alleine der über Jahrhunderte währende Streit um die Würde eines Herzogs in Franken? Noch schwieriger wird es, wenn man das Gemeinsame mit den Reichsstädten, allen voran mit dem in einer anderen Liga spielenden Nürnberg, sucht. An Größe und wirtschaftlicher Bedeutung war diese Stadt allen anderen in Franken stets weit überlegen. Dass sie im 19. Jh. nicht so etwas wie eine fränkische Hauptstadt oder doch wenigstens Sitz der Regierung von Mittelfranken wurde, hat der bayerische König verhindert. Vielleicht aber hatten oder haben die drei Bezirke gar kein Interesse an einer fränkischen Metropolregion mit Sitz in Nürnberg? Dessen ungeachtet kamen in jüngster Zeit zwei bayerische Ministerpräsidenten aus der Noris. Im Zuge der Gemeindegebietsreform der 1970er-Jahre wurde Eichstätt von Franken abgetrennt. Noch unschärfer wird die Eingrenzung Frankens, will man die Städte und Regionen im südlichen Thüringen, an der Tauber oder im hällisch-fränkischen Grenzgebiet, in denen fränkisch gesprochen wird, berücksichtigen. Am Ende steckt wohl auch etwas von dem dahinter, was man mit „fränkischem Separatismus“ umschrieben hat, das sich dagegen sperrt, die Geschichte ganz Frankens zwischen lediglich zwei Buchdeckel zu pressen.
Dabei macht die Beschränkung auf Unterfranken – respektive Ober- und Mittelfranken – das Vorhaben nicht einfacher. Genauso, wie sich die Frage danach, was denn Franken sei, nur annähernd beantworten lässt, verhält es sich mit dem politischen Gebilde Unterfranken bzw. den Gebietskörperschaften, aus denen es entstanden ist. „Unterfranken“ gibt es erst seit dem 9. April 1946. Es löste den am 1. Juni 1938 von den Nationalsozialisten eingeführten, räumlich annähernd identischen Gau „Mainfranken“ ab. Dafür fiel 1946 der bis 1938 gepflegte Zusatz „und Aschaffenburg“ einfach weg. Davor hatte die Region etwas mehr als 100 Jahre den Namen „Unterfranken und Aschaffenburg“ mit Würzburg als Hauptstadt getragen. Die in dieser etwas sperrigen Wortschöpfung sich äußernde Unterscheidung ergab Sinn, als das am unteren Main gelegene Aschaffenburg bis zum Ende des Alten Reiches zum Erzstift Mainz gehört hat. Sprachlich sind die „Aschebercher“ keine Unterfranken. Bei Schollbrunn verläuft nämlich die Grenze zwischen dem rheinfränkischen und dem mainfränkischen Dialekt, der sogenannte „Äppeläquator“: Dort lässt der Rheinfranke das „f“ in Äpfel nämlich weg. Wem das zu kompliziert wird, der sei daran erinnert, dass das heutige Unterfranken im Rahmen der Gründung des Königreichs Bayern seit dem 2. Februar 1817 rund elf Jahre lang Untermainkreis hieß, in Analogie zum Obermainkreis, dem jetzigen Oberfranken.
Hervorgegangen war dieser Untermainkreis aus dem Großherzogtum Würzburg und aus Aschaffenburg. Während Aschaffenburg bis 1803 zum Erzstift Mainz, dann auch zum Großherzogtum für Dalberg gehörte, war das Würzburger Gebiet davor Teil des gleichnamigen Hochstifts und ein souveräner Staat im Alten Reich. Die Würzburger Fürstbischöfe hatten nämlich aus der im Jahr 1168 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa an Bischof Herold verliehenen „Güldenen Freiheit“ einseitig das Recht abgeleitet, den Titel eines Herzogs von ganz Franken zu tragen. Damit konnten sie sich bis 1803 jedoch nie völlig durchsetzen. Allerdings erfuhren sie im Nachhinein so etwas wie Genugtuung, weil der fränkische Rechen als Teil ihres hochstiftischen Wappens durch die königlich bayerische Verwaltung wie selbstverständlich zum Symbol für ganz Franken gemacht worden ist (und nicht das in Silber und Schwarz gevierte Wappen der fränkischen Hohenzollern). Wenn dann sogar der fränkische Rechen heute über der Nürnberger Kaiserburg weht, dann freut das den Unterfranken sogar noch ein klein wenig mehr.
Weiter sollen die hier in groben Zügen skizzierten komplizierten politischen Verhältnisse nicht aufgeschlüsselt werden. Es muss aber daran erinnert werden, dass vor 1803 eine Vielzahl von selbstständigen oder nach Selbstständigkeit strebenden Herrschaften des Adels, der Reichsritter, der Klöster oder der Reichsstädte die politische Landschaft in Unterfranken in die sprichwörtlichen Duodez-Fürstentümer fast zerstückelt haben. Das wirkt bis in die Gegenwart nach. Waren es 1818 etwas mehr als 500.000 Einwohner, so stieg deren Zahl im Laufe des 19. Jhs. gegen 1860 auf über 600.000, um dann in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 1.000.000 Menschen zu zählen. Ihren Höhepunkt erreichte die Zahl der Unterfranken zu Beginn des 21. Jhs. mit etwa 1,35 Mio., um in den folgenden zehn Jahren stetig auf rund 1,25 Mio. Einwohner abzuschmelzen; Tendenz weiter fallend.
Dieses Büchlein ist von einem Kunsthistoriker und Museumsmann verfasst worden. Deshalb wird das darin angesprochene historische Geschehen nicht alleine aus den Schriftquellen destilliert, sondern es werden häufiger auch Sachzeugnisse als Belege herangezogen. Die Publikation fußt selbstverständlich auf der von zahlreichen Autorinnen und Autoren vor mir erarbeiteten wissenschaftlichen Literatur. Einen Generalüberblick bietet die zwischen 1989 und 2002 von Peter Kolb und Ernst-Günther Krenig mit Unterstützung zahlreicher weiterer Fachkollegen im Auftrag des Bezirks Unterfranken in fünf Bänden herausgegebene Unterfränkische Geschichte. Da der Verlag in der Reihe, in der diese Arbeit erscheint, keine Fußnoten vorgesehen hat, muss ich hinsichtlich der verwendeten Literatur auf die knappen Angaben am Ende verweisen. Da sich die hier vorgelegte Kleine Geschichte Unterfrankens nicht als bloßes Kondensat der bisherigen Literatur versteht, danke ich zahlreichen Gesprächspartner*innen, dass sie ihr Wissen mit mir geteilt und mich in Einzelfragen beraten, ja häufig genug verbessert oder vor Fehlern bewahrt haben: Namentlich nenne ich die Herren Prof. Dr. Klaus Arnold (Kitzingen), Dr. Peter Kolb (Würzburg) sowie Dr. Hans Steidle (Würzburg) und nicht zuletzt auch die sensible Lektorin des Pustet-Verlags, Frau Christiane Tomasi, die sich der Mühe des kritischen Korrekturlesens unterzogen haben.
| Würzburg, im Sommer 2020 | Erich Schneider |
Das Land am mittleren Main: Versuch einer Annäherung
Landschaft und Raum
Gespeist von seinen beiden Quellflüssen Weißer und Roter Main in Oberfranken erreicht der Main zwischen Zeil und Haßfurt Unterfranken. Er „schlendert“ dort zunächst von Osten nach Westen entlang der burgenreichen Haßberge mit dem Grabfeld um Bad Königshofen und der kuppeligen Rhön bei Bischofsheim im Norden. Bei Schweinfurt zieht es ihn nach Süden, wo er eine Ebene durchquert, die im Osten und Süden vom hügeligen Steigerwald begrenzt wird. Dem Maindreieck folgend, erreicht der Fluss das Weinland um Volkach und Kitzingen. Daran schließt sich im Süden der fruchtbare Ochsenfurter Gau an. Dort zieht der Main steil nach Nordwesten, passiert die unterfränkische Metropole Würzburg und weicht bei Gemünden dem Spessart aus. Wieder geht’s entlang des Mainvierecks nach Süden, bis der Fluss bei Urphar für etliche Kilometer erneut seine Hauptrichtung nach Westen ändert. Bei Miltenberg fließt er nach Norden in Richtung Aschaffenburg, wo er das fränkische Bayern bald verlässt, um bei Mainz in den Rhein zu münden.
Heute sind die politischen Grenzen Unterfrankens genau definiert und dennoch historisch gesehen „fließend“. Manche Aschaffenburger sehen sich rund 200 Jahre nach der Säkularisation noch immer als „mainzisch“ an und nicht wenige Bewohner an der Tauber verstehen sich genauso als (Unter-) Franken. Von denen im südlichen Thüringen gar nicht zu reden.
Sieht man einmal von dem bei Hörstein zutage tretenden Urgestein ab, dann ist die unterfränkische Landschaft geologisch dreigeteilt: Spessart und Odenwald werden durch den Buntsandstein geprägt, auf dem Eichen- und Buchenwälder wachsen. Vor allem die Spessart-Eichen sind wegen ihrer Qualität gefragt. Mainviereck und Maindreieck bilden die „Fränkische Platte“ mit bis zu 300 m dicken Plattenlandschaften aus Kalkgestein als Fundament. Das Ackerland darüber besteht aus Löß und Lößlehm. Südlich von Schweinfurt dominiert die Keuperstufe, in die immer wieder Sandsteinbrüche eingebettet sind. Nordöstlich des Mainvierecks erhebt sich die von einstigen Vulkanen geformte Rhön mit dem Gipfel des 927 m hohen unterfränkischen Kreuzbergs. Der dort anstehende Basalt war früher als Straßenbelag sehr begehrt. Davon zeugen riesige Steinbrüche, die sich die Natur allmählich wieder zurückerobert. Das Landschaftsbild der Rhön wird von Wiesenflächen geprägt. An den Rändern des Gebirges haben Heilquellen die Entstehung von Kurbädern gefördert.
In einer spektakulären Schleife ändert der Main bei Urphar nahe Wertheim seine Fließrichtung.
Entlang den nach Süden und Westen ausgerichteten Steilhängen am Main wächst ein vorzüglicher Wein, dem die Winzer mit dem Bocksbeutel seit rund zwei Jahrhunderten ein charakteristisches Gefäß verliehen haben. Wegen der feinen mineralischen Note schätzen Kenner auch die Weine vom Steigerwald. Möchte man Unter- von Oberfranken unterscheiden, dann soll es hier mehr Wein und dort mehr Bier geben.
Die fruchtbaren Böden bieten hervorragende Bedingungen für Spargel und Zuckerrüben. Die Kitzinger Gegend ist eine Gartenbaulandschaft. Darüber hinaus werden Zwetschgen, Äpfel oder Birnen geerntet oder häufig zu edlen Destillaten gebrannt. Zwischen Würzburg und Werneck prägen Äcker mit Weiß- und Blaukraut das Bild. Sennfeld und Gochsheim bei Schweinfurt betreiben den Anbau von Gurken („Kümmerli“), die zu Sauerkonserven verarbeitet werden. Das benachbarte Schwebheim gilt als „Apothekengarten“. Ein großer Kräuterhersteller sitzt in Abtswind. Und dann gibt es noch immer Bauern, die Viehzucht treiben: Von irgendwoher müssen zu diesem vielen Gemüse die wohlschmeckenden Bratwürste und die leckeren „Schäuferli“ (gebratene Schweineschultern) kommen.
Unterfranken vor den Franken
Die Vorgeschichte des unterfränkischen Raumes lässt sich weit bis in die Anfänge menschlicher Kultur zurückverfolgen. Funde vom Schalksberg in Würzburg belegen, dass entlang des Maines schon vor 300.000 Jahren der „Homo erectus heidelbergensis“ gelebt hat. Fruchtbare Böden und reiche Jagdgründe haben in der Altsteinzeit vor über 10.000 Jahren Jäger und Sammler hierhergeführt. Ältester Beleg dürfte ein Faustkeil sein, der bei Dornheim nahe Iphofen entdeckt wurde. Ackerbau und Viehzucht hat die Menschen sesshaft werden lassen. Schwanfeld bei Schweinfurt gilt wegen seiner um 7500 v. Chr. zu datierenden Funde als ältestes Dorf in Deutschland. Etwas jünger sind Fragmente figürlicher Plastik, die kultisch-religiöse Bedeutung gehabt haben dürften. In diesen Kontext gehört eine 8.000 Jahre alte Kette aus Zähnen von Menschenopfern im Würzburger Museum für Franken, die bei Zeuzleben gefunden worden ist. Damals gab es auch eine befestigte Siedlung auf dem Judenhügel bei Kleinbardorf.
An den Hängen des Steigerwaldes nahe Castell wächst ein vorzüglicher Wein.
Kette aus den Zähnen geopferter Menschen aus Zeuzleben, 6000 v. Chr.
Die Keramik der Mittelsteinzeit bis hin zur Glockenbecherkultur vom Ende der Steinzeit mit ihren reich verzierten, im Umriss an Glocken erinnernden Gefäßen ist ebenso belegt. Eine große Besonderheit bilden die hölzernen Kreisgrabenanlagen zur Bestimmung des Sonnenstandes und damit des Kalenders. Sie lassen sich in Ippesheim und Hopferstadt knapp jenseits der Grenze zu Mittelfranken nachweisen. Beide Orte dürften von kultischer Bedeutung gewesen sein und haben Sichtkontakt zum Bullenheimer Berg. Dort wurde 1973 eine bronzezeitliche Höhensiedlung entdeckt. Die hier gefundenen bronzenen Radnaben im Museum für Franken Würzburg lassen einen von Pferden gezogenen Kultwagen rekonstruieren.
Der Kultwagen von Acholshausen
Bedeutendstes Objekt dieser Zeit ist der Kultwagen von Acholshausen im Museum für Franken in Würzburg (um 1000 v. Chr.). Das aus Bronze gegossene Gefährt war Teil des reichen Grabes einer hochgestellten Persönlichkeit, die wohl kultische Handlungen vollzog. Vermutlich sind solche Kultwagen mit Regenzeremonien in Dürrezeiten in Verbindung zu bringen. Hinweise darauf sind die im Grab gefundenen beiden bronzenen Zierscheiben, die als Sonnensymbole gelten.
Die Bronzezeit (ca. 2200–800 v. Chr.) steht für einen Höhepunkt in der frühen Kultur Unterfrankens. Damals löste das Metall Bronze Werkzeuge und Schmuckstücke aus Stein ab. Für diesen Technologiesprung bedurfte es eines regen Handelsaustauschs. Das Leben vieler Menschen in dörflichen Gemeinschaften und der Schutz der Handelswege förderten die Anfänge hierarchisch geordneter Gesellschaften. Am Ende der Epoche steht die Urnenfelderzeit, in der die Toten verbrannt und in Urnen bestattet wurden.
In der Hallstattzeit von etwa 700 bis 450 v. Chr. lassen sich die Kelten in Unterfranken fassen. Damals gelang es erstmals, Eisen zu verhütten und zu schmieden: ein weiterer technologischer Fortschritt mit großen Folgen! Ihre Siedlungen lagen meist auf Bergen. Ein Herrschaftszentrum war der Marienberg in Würzburg. Dort gefundene attische Importkeramik lässt auf luxuriöse Trinkgelage der vom Berg aus regierenden Fürsten sowie auf weitgespannte Handelskontakte und Reichtum schließen. Davon zeugen ferner Fürstengräber in riesigen Grabhügeln, wie jenes auf dem Laushügel oberhalb von Biebelried. Die Bergfestungen wurden in der bis in die Zeit von Christi Geburt währenden Latènezeit weiter ausgebaut. Auf dem Schwanberg oberhalb von Iphofen bildete sich im 2. Jh. v. Chr. eine stadtartige Siedlung (oppidum) heraus. Die spätkeltische Befestigung war zeitweilig ein politisches Zentrum der Region.
Spätbronzezeitlicher Kultwagen aus Acholshausen (LKr. Würzburg), Bronze, um 1000 v. Chr.
Die Kelten begannen im 4. Jh. v. Chr., in der Ebene zu siedeln. Im 1. Jh. v. Chr. drangen germanische Stämme aus dem Raum Elbe und Saale nach Unterfranken ein. Bei Gerolzhofen wurde ein germanisches Wohnstallhaus aus der Zeit um Christi Geburt ausgegraben. In Mitteleuropa suchten damals über rund fünf Jahrhunderte hinweg ständig neue Völkerschaften Fuß zu fassen. Wegen Kontinuität der Siedlungen spricht man eher von Migration als von gewaltsamen Eroberungszügen.
Zahlreiche neuere Funde belegen, dass das Land am mittleren Main einen Schwerpunkt der Besiedlung in der römischen Kaiserzeit im 1. bis 5. Jh. n. Chr. erfahren hat. Dafür stehen Orte wie Klein- und Großlangheim, Alitzheim, Ober- und Unterspiesheim, Eßleben oder Tückelhausen. 1985 wurde oberhalb von Marktbreit ein römisches Legionslager entdeckt, das die Vorstellung von der Anwesenheit der Römer in Franken verändert hat. Das zwischen 10 v. Chr. und 9 n. Chr. erbaute Lager für zwei Legionen war Teil einer Großoffensive zur weiteren Unterwerfung Germaniens. Trotz anfänglicher Erfolge erzwang die für Rom verheerende Varusschlacht 9 n. Chr. die Aufgabe des Lagers bei Marktbreit.
Um 90 n. Chr. drangen die Römer von Süden in den Raum Weißenburg i. Bay. und Gunzenhausen vor und erbauten im Rahmen des Limes weitere Grenzbefestigungen. Man muss sich diesen Limes als bewachte, aber für den Handel offene Grenze vorstellen. Daneben gab es den Main als sogenannten „nassen“ Limes zwischen Großkrotzenburg und Bürgstadt. Weitgehend frei vom militärischen Druck der Römer ließen sich im 2. und 3. Jh. n. Chr. die Germanen von Rhein und Weser her im heutigen Unterfranken nieder. Römische Luxusgüter gelangten auf diese Weise in die Region. Dazu gehören die kleine bronzene römische Merkurstatuette aus Iphofen-Possenheim (Prähistorische Staatssammlung München) oder die Bronzeapplike eines Gottes Okeanos (Privatbesitz).
Kessel, Schalen und Kasserollen aus Bronze von einem römischen Hortfund bei Höchberg, 2./3. Jh. n. Chr.
259/60 überrannten die Alamannen den Limes und die Römer zogen sich über den Rhein zurück. Die Folge waren germanische Raubzüge in ehemals römischem Gebiet. Hiervon zeugt ein unlängst bei Höchberg geborgener Hortfund mit Kesseln, Schalen und Kasserollen, die der Verein „Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte“ für das Museum für Franken erwerben konnte.
Während des 5. Jhs. drangen die Alamannen aus Thüringen in das Maingebiet vor. Ihre Hauptorte (civitates) waren Würzburg und Aschaffenburg (Mainaschaff?). Dennoch konnten sie sich nicht lange halten und wurden von Rheinfranken und Weserfranken in mehreren Schlachten besiegt. 496 schälte sich in der Schlacht von Zülpich Chlodwig I. († 511) aus dem Geschlecht der Merowinger als starker Mann heraus. Er soll der Überlieferung zufolge nach diesem Sieg in Reims durch Gregor von Tours getauft worden sein. Im Jahr 506 besiegelte die Schlacht bei Straßburg den Untergang der Alamannen. Der Untermain wurde Teil des Fränkischen Reiches und Ausgangspunkt für ihr weiteres Vordringen entlang des Mains nach Osten. Der militärische Erfolg der Franken verdankt sich auch ihrer wichtigsten Waffe, der „Franziska“. Es handelt sich um ein Wurfbeil, das zugleich als Hiebwaffe benutzt werden konnte.
Frühe Zeugnisse des Christentums
Die Franken brachten wohl erstmals die Kenntnis vom Christentum mit in die Region. Hinweise darauf bieten einige Funde in Kleinlangheim: Zu nennen sind eine durchbrochene Zierscheibe aus der Mitte des 6. Jhs., eine Fibel mit Kreuzmotiv (um 600) oder ein zweischneidiges Schwert aus Grab 25, eine sogenannte Spatha, mit Kreuzverzierung am Knauf (Museum für Franken, Würzburg). Um 640 soll außerdem in der villa carloburgo, dem heutigen Stadtteil Karlburg von Karlstadt, ein Marienkloster gewesen sein. Fakt ist jedoch, dass das Christentum vor dem Ende des 7. Jhs. nur eine Randrolle in Franken spielte.
Unterfranken wird fränkisch
Aufzeichnungen des „Geographen von Ravenna“ aus der Zeit um 700 zufolge gab es im frühen Mittelalter östlich des Rheins zwei feste Plätze: Uburcis und Ascapha, die für gewöhnlich als Würzburg und Aschaffenburg identifiziert werden. Man nimmt an, dass sich im 6. Jh. von Westen her fränkische Adelige und Siedler, darunter sogenannte „Freie Franken“, am mittleren Main niedergelassen haben. Zumindest der Adel dürfte getauft gewesen sein, während die altansässige Bevölkerung von heidnischen Vorstellungen geprägt blieb. Die neue Oberschicht gründete Orte, die meist aus Personennamen oder Himmelsrichtungen und der Endung „-heim“ zusammengesetzt sind. Diese Phase der „Verfrankung“ dauerte bis zur Mitte des 8. Jhs.
Rüsselbecher aus Hellmitzheim (Lkr. Kitzingen), hellgrünes Glas, 6. Jh.
Papst Gregor III. verfasste um 738 einen Brief an diejenigen „im Grabfeld, und alle [ ] im östlichen Landstrich Wohnenden“. Während das Grabfeld eine definierte Größe bildete, war das Land östlich davon in der päpstlichen Kanzlei damals noch Terra incognita. Erst nach Mitte des 8. Jhs. findet sich der Name orientales Franci für die dort Lebenden. Daraus wurde im 9. Jh. Francia orientalis – Ostfranken – für das Land am Main. Im Grunde ist das jedoch nur ein Notname zur Unterscheidung des Kerngebiets der Karolinger westlich des Rheins, der um 1200 jedoch allgemein wurde.
Den Prozess der Verfrankung gefährdeten im 6. Jh. von Osten bis in den Steigerwald vordringende, slawisch geprägte Ethnien. Von den Wenden gegründete Orte tragen Namen, die auf „-wind“ enden, wie z. B. Abtswind oder Geiselwind an der A 3. Bis in die Zeit Karls d. Gr. (768–814) war Franken durch kriegerische Aktionen der Sachsen immer wieder bedroht.
Darüber hinaus hat es den Anschein, als ob die fränkische Oberschicht am Main durchaus eigene, sich nicht immer mit denen der Merowingerkönige deckende Interessen verfolgte. So soll sich der Franke Radulf († nach 642) als Herzog von Thüringen (ducatus Thoringae) gegen die fränkische Oberherrschaft der Pippiniden aufgelehnt haben.
Unsere Kenntnisse von den genauen genealogischen Zusammenhängen in Ostfranken im 6. und 7. Jh. sind undeutlich. Die Passio Kiliani erwähnt einen Herzog Hruodi in Franken. Ob dieser mit Herzog Radulf aus dem thüringischen Dukat identisch ist, wissen wir nicht. Hruodi wird in der Passio als Stammvater der Dynastie der Hetenen bezeichnet. Ihm soll sein Sohn Hetan d. Ä. gefolgt sein, an den sich dessen Sohn Gozbert anschloss, der im ausklingenden 7. Jh. in dem Kastell Wirciburc weitgehend unabhängig vom Frankenreich über die Francia orientalis geherrscht haben soll. Unter dem Einfluss der fränkischen Hausmeier und dem ab 687 regierenden König Pippin II. ging ihr Herzogtum Thüringen zwischen 716 und 719 unter. Herzog Gozbert wurde ermordet und sein Sohn Hetan II. aus dem Land getrieben.
Von Kilian bis Bonifatius
Der hl. Kilian als Apostel der Franken
Die frühesten Berichte über das Wirken des Frankenapostels Kilian und seiner Gefährten werden in die Mitte des 8. bis in die Mitte des 9. Jhs. datiert. Sie wurden daher erst etwa zwei bis drei Generationen nach seiner angenommenen Tätigkeit als Missionar aufgeschrieben. Es sind zunächst zwei Passiones („Leidensgeschichten“), die Passio maior und die Passio minor. Dem Märtyrerverzeichnis des Fuldaer Abtes und Erzbischofs von Mainz, Hrabanus Maurus (780–856), sowie dem Mönch Beda Venerabilis (vor 850) verdanken wir weitere Informationen.
Im Jahr 686 sollen der irische Wanderbischof Kilian und seine Gefährten, der Priester Kolonat und der Diakon Totnan, in der Rhön auf dem Aschberg („Kreuzberg“) einen Altar der Göttin Holla zerstört und ein Kreuz errichtet haben. Vom nahen Kilianshof aus zogen sie an den Main weiter. Versehen mit einem förmlichen Auftrag des Papstes, taufte Kilian in Würzburg viele Franken. Von Herzog Gozbert, der wohl bereits Christ war, verlangte der Missionar, seine Schwagerehe mit Gailana, der Frau seines verstorbenen Bruders, aufzulösen, da Ehen unter Verwandten nach kirchlichem Recht verboten waren. Als Gozbert damit einverstanden war, stiftete Gailana während dessen Abwesenheit bei einem Kriegszug Koch und Schlossvogt aus ihrem Haushalt an, Kilian und seine Gefährten zu enthaupten. Das geschah der Legende zufolge am 8. Juli 689. Ihre Leichen vergruben sie am Ort des heutigen Neumünsters. Darüber ließ Gailana einen Pferdestall bauen. Als der Herzog heimgekehrt war, gestanden die Mörder ihre Tat und richteten sich selbst. Gailana aber starb vom „bösen Geist“ besessen.
Fakt ist: 752 wurden die Gebeine der drei Märtyrer durch den hl. Burkard, den 741/42 von Bonifatius eingesetzten ersten Bischof von Würzburg, erhoben und Kilian wurde der Patron des Bistums. Mit der monumentalen Darstellung des hl. Kilian mit Stab und Schwert auf ihrer Fahne siegten die Truppen des Würzburger Bischofs 1266 in der Schlacht am Mühlberg bei Kitzingen (Museum für Franken, Würzburg). Als Reichsheiliger wurde er in Deutschland, Frankreich und Italien verehrt. Seit dem 16. Jh. waren die Gebeine der Patrone Frankens in der Krypta des Neumünsters in Büsten verwahrt, die Tilman Riemenschneider geschnitzt hat. Mit dem Untergang des Alten Reiches gingen die Reliquien verloren, wurden aber 1849 wiederentdeckt und ihre Verehrung erneuert. Während der Nazizeit und angesichts drohender Luftangriffe barg man die Reliquien heimlich im Turm der Pfarrkirche von Gerolzhofen. Nach Kriegsende trugen sie 1949 Gläubige in einer feierlichen Prozession wieder nach Würzburg. Bischof Julius Döpfner konnte 1952 im notdürftig reparierten Neumünster den 1200. Jahrestag der Erhebung der Gebeine der Bistumspatrone feiern. Bis heute tragen rund 130 Kirchen den Namen des hl. Kilian und der Tag des Martyriums der Frankenapostel wird am 8. Juli in Würzburg als geistliches und weltliches Hochfest begangen.
Martyrium des hl. Kilian und seiner Gefährten. – Holztafelgemälde, Nürnberger Meister, um 1475.
Willibrord, Bonifatius und die Gründung des Bistums Würzburg
Nach dem Tod von Herzog Gozbert fand der mainfränkischthüringische Dukat unter ungeklärten Umständen sein Ende. Das Gebiet am mittleren Main gelangte in die Abhängigkeit der Karolinger und wurde Königsland. Mit Unterstützung des Hausmeiers Pippin II. (um 635–714), des faktischen „Herrschers“ im Frankenreich, predigte der in Northumbrien geborene Mönch Willibrord (um 658–738) den christlichen Glauben in ganz Franken. Er erbaute christliche Kirchen, die er mit Priestern besetzte, und schuf erste kirchliche Organisations-strukturen. In einer im Castello Virteburch 704 ausgestellten Urkunde überließen Herzog Hetan II. und seine Gemahlin Theodrada dem Missionar Güter in Thüringen. 716 erhielt Willibrord von dem Herzog Land an der fränkischen Saale zur Gründung eines Klosters.
Umstritten ist, dass auf dem schon in der späten Bronzezeit besiedelten Burgberg über Würzburg 706 eine Marienkirche erbaut worden sein soll. Zu Beginn des 8. Jhs. soll Hetan II. für seine Tochter Immina († um 751) dort ein Kloster gegründet haben. Immina soll der Vita Burkardi zufolge ihr Kloster dem Bischof geschenkt und dafür das Marienkloster im etwa 30 km mainabwärts gelegenen Karlburg als Lehen empfangen haben. Die Wissenschaft datiert die Anfänge der Marienkirche in die erste Hälfte des 11. Jhs. Ihre Ausformung als Zentralbau über rundem Grundriss mit Kuppel rückt sie sowohl in die Nähe von Memorialbauten der Spätantike in Italien als auch der karolingischen Pfalzkapelle in Aachen.
Ein bedeutendes Kloster im Frühmittelalter war Amorbach im Odenwald. Örtlicher Überlieferung zufolge soll die Benediktinerabtei auf den hl. Pirmin zurückgehen, der um 714 das Christentum gepredigt hat. Zunächst sei es ein kleines Kloster unter der Leitung seines Schülers Amor gewesen, das dieser dann 734 an den heutigen Platz verlegt habe. Die Weihe der ersten Kirche soll der hl. Bonifatius selbst vorgenommen haben.
741 starb der fränkische Hausmeier Karl Martell. Im Zuge der folgenden Reichsteilung erhielt dessen Sohn Karlmann Franken östlich des Rheins, also das heutige Thüringen, Hessen und Franken. Mit Unterstützung von Karlmann gründete Bonifatius ab 742 die Bistümer Würzburg, Büraburg, Fritzlar und Erfurt, die 743 von Papst Zacharias bestätigt wurden. Zur wirtschaftlichen Absicherung des Bistums Würzburg unter Bischof Burkard hatte Karlmann ihm 24 königliche Eigenkirchen in Ostfranken und am Mittelrhein geschenkt. Außerdem sprach er Burkard den Zehnt von 26 Königshöfen zu. Diese waren bereits in merowingischer Zeit meist an strategisch wichtigen Fernstraßen oder am Ufer von schiffbaren Flüssen angelegt worden und sollten die Verwaltung des Reiches fördern. Darunter waren Hallstadt am Main nahe Bamberg sowie der Königshof Salz am Nordrand des Maingebietes nahe Neustadt an der Saale, ein wichtiger Handels- und Stapelplatz, an dem sich Straßen aus Thüringen, Sachsen oder Hessen nach Würzburg oder ins slawische Obermaingebiet trafen. Hinzu kamen weitere jährliche Einkünfte „von den Gebieten der Ostfranken und von den Slaven“. Pippin III. († 768) verlieh der Würzburger Kirche die Immunität und stärkte den königlichen Anspruch auf Franken weiter. Würzburg hatte sich damit als Metropole am mittleren Main sowie als Bindeglied und Puffer zwischen Bayern und Sachsen zugleich durchgesetzt.
Kiliansbanner. Siegespanier der Schlacht von 1266 bei Kitzingen, in der der Würzburger Bischof am Cyriakus-Tag die Grafen von Henneberg und von Castell besiegte.
Cyriakus-Schlacht von 1266 bei Kitzingen. – Miniatur von Martin Seger in der Fries-Chronik, 1546.
Bereits vor Bonifatius soll es einige Klöster und Zellen für Mönche und Nonnen etwa in Tauberbischofsheim oder in Kleinochsenfurt gegeben haben. Sicheren Boden betreten wir erst 744 mit der Gründung der Benediktinerabtei Fulda unter der Führung von Abt Sturmius. Dieses Kloster nahm durch seine Unterstellung unter die Gerichtsbarkeit des Papstes eine aus der Reichskirche herausgehobene Stellung ein. 745 erscheint Eichstätt an der Altmühl als Bistum südlich von Würzburg. Dort wirkten die aus Südengland stammenden Missionare Willibald, Wunibald und Walburga. Das Frauenkloster in Kitzingen wurde der Sage nach von Hadeloga, einer angeblichen Tochter Pippins d. J., vor 745/48 an einem im Mittelalter bedeutenden Mainübergang gestiftet.
Der hl. Bonifatius
Die Organisation der katholischen Kirche Mainfrankens ist mit dem Wirken des hl. Bonifatius verbunden. Geboren als Winfrid um 672/677 in Wessex, trat er als Benediktinermönch in Exeter respektive in Nursling ein, zu dessen Abt er gewählt wurde. Trotzdem missionierte er ab 718 mit einer Vollmacht von Papst Gregor II. unter dem Namen Bonifatius zunächst in Thüringen, dann in Friesland und ab 721 in Hessen. 722 weihte ihn der Papst in Rom zum Bischof. 732 wurde er Erzbischof ohne Sprengel, aber mit dem Recht, selbst Bischöfe zu weihen, und 737/38 päpstlicher Legat für Germanien. Damit war in der Person des Bonifatius die Organisation der Kirche in Deutschland eng mit Rom verknüpft.
Kloster Amorbach im Odenwald. Die 734 gegründete Abtei gehört zu den ältesten Stätten des christlichen Glaubens in Unterfranken.
Damals begann der Stern des Bonifatius zu verblassen. Seine 745 auf einer fränkischen Generalsynode in Frankfurt beschlossene Berufung zum Erzbischof von Köln scheiterte und er wurde „nur“ Bischof von Mainz. Der Rückzug seines Förderers Karlmann 747 in ein Kloster bot dessen Bruder und Nachfolger Pippin (714–768) die Chance, ganz Franken beiderseits des Rheins unter seiner Führung wieder zu vereinen. Mit Hilfe von Papst Zacharias setzte er 751 den Merowingerkönig Childerich III. ab und wurde als erster Karolinger zum König gewählt. Pippin III. drängte den Einfluss von Bonifatius auf die Reichskirche zurück und suchte dafür den direkten Kontakt zum Papst. Bonifatius nahm darauf mit über 80 Jahren die Mühen der Missionsarbeit erneut auf sich und zog nach Friesland, wo er 754 nahe Dokkum mit dem Schwert erschlagen wurde. Verehrt als Märtyrer und Heiliger wurde Bonifatius im Kloster Fulda beigesetzt.
Die Frühzeit des Bistums Würzburg
Die ersten Würzburger Bischöfe
Der erste Bischof Burkard von 742 war wie sein Mentor Angelsachse und Benediktinermönch. Er unterstützte Bonifatius’ Wirken durch Teilnahme an Synoden. Mit Abt Fulrad von St. Denis reiste er 750/51 nach Rom, um Papst Zacharias zur Absetzung der Merowingerkönige zugunsten der bereits de facto regierenden karolingischen Hausmeier zu bewegen. Seine Teilnahme an dieser für Franken existenziellen Frage unterstreicht seinen Rang als Bischof im Machtgefüge des Reichs. In Würzburg gründete er das Andreaskloster – später St. Burkard – zu Füßen des Marienberges. Von besonderer Bedeutung war 752 die Erhebung der Gebeine des hl. Kilian und seiner Gefährten sowie deren Übertragung in seine Kathedrale auf dem Marienberg. Burkard soll sein Bischofsamt an Megingoz abgegeben haben, da er in Michelstadt ein Kloster gründen wollte. Er soll jedoch bereits am 2. Februar 753 in einer kleinen Höhle unterhalb der Homburg am Main gestorben sein, in der bis heute seiner gedacht wird.
Der zweite Würzburger Bischof Megingoz oder Megingaud (reg. 753–768) zog sich ebenfalls vorzeitig von seinem Amt zurück. Er gründete um 770 in dem Ort Rorinlacha Kloster Neustadt. Den Besitz stiftete ein Graf Hatto und die Abtei wurde in den Schutz Karls d. Gr. gestellt. Nach seinem Tod 794 fand Megingoz sein Grab zunächst im Dom zu Würzburg. Heute steht der Sarg im benachbarten Neumünster. In Schwarzach (Suuarzaha) am Main war 794 ein Frauenkloster errichtet worden, mit Theotrada, einer Tochter Karls d. Gr., als Äbtissin, das jedoch 877 aufgegeben wurde. Um 816 stifteten Megingaud d. J. und seine Gemahlin Imma Kloster Megingaudhausen am Laimbach nahe Marktbibart und übergaben es dem Reichsabt Benedikt von Aniane. Dessen Mönche zogen später nach Schwarzach um, wo sie seit 918 belegt sind.
Das Bistum bis zum Ende der Karolingerzeit
Der Sprengel des Bistums Würzburg war nahezu deckungsgleich mit dem Gebiet der vormaligen hetenischen Herzöge in Ostfranken, von Thüringen abgesehen. Im Westen grenzte er an Mainz und im Norden an Erfurt, das seit 755 ebenfalls zu Mainz gehörte. Im Südwesten folgte Worms, dem sich nach Süden Speyer sowie Konstanz und im Südosten Eichstätt anschlossen. In den Mittelgebirgen im Osten lag ein zunächst nicht eindeutig bestimmter Grenzraum. Dort wurde 1007 das Bistum Bamberg errichtet, für das Würzburg größere Teile seines Sprengels aufgeben musste.
Ungeachtet der Ausstattung des Bistums war die Organisation jenseits des Kerngebiets etwa im Maindreieck oder zwischen Main und Tauber lückenhaft. Auf die adeligen Eigenkirchen dort hatte der Bischof nur eingeschränkten Einfluss. Umfassende Leitungsgewalt erhielt er erst im Hochmittelalter; den weltlichen Herren verblieb fortan nur das Patronatsrecht zur Besetzung der Pfarreien. Meist mussten anfangs große Gebiete von den Geistlichen versorgt werden, die oft unzureichend ausgebildet waren. Die frühen Pfarrkirchen waren vermutlich Holzbauten, die kaum mehr als eine Generation Bestand gehabt haben. Kirchen aus Stein lassen sich erst in Mellrichstadt für das 8. und in Kleinlangheim für das 10. Jh. belegen.
Nur Jahrzehnte nach seiner Gründung agierte das Bistum Würzburg selbst in der Missionsarbeit. Karl d. Gr. beauftragte 793 Bischof Berowelf, für die Wenden an Main und Rednitz Kirchen zu errichten und dorthin Priester zu schicken. 14 Slawenkirchen wurden bis 810 erbaut. Berowelf war auch bei der Missionierung der Sachsen in der Gegend um Paderborn tätig. Diese Aufgabe übernahm 795 der in Würzburg ausgebildete Sachse Hathumar. Das Bistum Verden an der Aller wurde von den Abteien Amorbach und Neustadt am Main für das Christentum stabilisiert. Der erste Bischof von Verden war Abt Spatto von Amorbach und Neustadt am Main.
In Würzburg stammten die Bischöfe bald aus dem lokalen Adel: Kam Bischof Burkard noch aus Südengland, war sein Nachfolger Megingoz (reg. 753–768) wohl ein Mattone. Unter Bischof Berowelf (reg. 768/769–800), der enge Kontakte zu Karl d. Gr. gepflegt hat, wurde der Bau des ersten Doms abgeschlossen. Über die Bischöfe Liutrit (reg. 800–803) und Egilwart (reg. 803–810) ist wenig bekannt. Wolfgar (reg. 810–832) mehrte erfolgreich Besitz und Einkünfte des Bistums. Hunbert (reg. 833–842) verdankt die Dombibliothek manchen Zuwachs. Ebenfalls ein fränkischer Adelsspross war Gozbald (reg. 833–842). Er war seit 830 Abt von Niederaltaich und brachte nach Würzburg einige Schreiber mit, die die Dombibliothek mit Abschriften bereicherten. Einen neuen Typ Bischof verkörperte Arn (reg. 855–892). Der Geistliche, Politiker und Soldat war an mindestens vier Heerzügen gegen die Normannen sowie die slawischen Böhmen und Mährer beteiligt und fiel 892 im Kampf. Arn engagierte sich 888 aktiv an der Synode in Mainz und vollendete den Wiederaufbau des durch Brand zerstörten Würzburger Doms. Ferner gehen neun Landkirchen auf Arn zurück. Mit dem Konradiner Rudolf I. (reg. 892–908) wurde Würzburg in die Fehde zwischen Popponen – respektive den älteren Babenbergern – und Konradinern hineingezogen. Die Ungarn drängten ins Land und Bischof Rudolf I. fiel im Kampf. In unruhigen Zeiten regierten auch die Bischöfe Thioto (reg. 908–931) und Burkard II. (reg. 931–941).
Die Würzburger Dombibliothek
Eine wichtige Rolle für die Glaubensverbreitung spielte die Würzburger Dombibliothek (Libri sancti Kiliani). Bereits aus dem 8. Jh. hat sich ein Katalog ihrer Bücher überliefert. Mit Sicherheit haben Bonifatius und die anderen Missionare Bücher mitgebracht. Bis zur Mitte des 9. Jhs. bestand in Würzburg ein angelsächsisches Skriptorium, in dem Bücher geistlichen Inhalts kopiert und Schreiber ausgebildet wurden. Zudem ließ man sich Bücher etwa im Benediktinerkloster Fulda abschreiben. Das sogenannte Kilians-evangeliar, eine französische Handschrift um 600, gelangte erst später nach Würzburg. Gleiches gilt für die irischen Handschriften der Dombibliothek, die bis zur Säkularisation zu einer der bedeutendsten Büchersammlungen in Deutschland zählte.
Ansicht des Klosters Theres auf einem Kupferstich von 1745. Auch wenn die Anlage nach Plänen von Joseph Greissing nahezu völlig in barocken Formen erneuert wurde, prangt doch im Wappen noch immer der Babenbergische Adler und kündet von Alter und Herkunft der Abtei.
Die Babenberger Fehde
Nach dem Tod Ludwigs d. Frommen wurde das karolingische Reich 843 unter seinen drei Söhnen aufgeteilt: Ostfranken fiel an Ludwig d. Deutschen, dessen Dynastie bis zum Tod von Ludwig d. Kind 911 bestand. Außer den Würzburger Bischöfen gab es in Ostfranken viele altadelige Geschlechter, die sich im Dienst der Karolinger bewährt hatten und dafür mit Besitz – und damit Einkünften und Macht – ausgestattet worden waren.
Eine dieser Familien waren ab dem 9. Jh. die Popponen, benannt nach einem Graf Poppo im Grabfeldgau; sie hießen auch die (älteren) Babenberger, benannt nach der untergegangenen „Babenburg“ auf dem Bamberger Domberg. Poppo III. (887/9–945) avancierte zu einem der mächtigsten Adeligen in Ostfranken. Der mit den Konradinern verwandte König Arnulf († 899) begann den Einfluss dieser Familie einzudämmen und machte 892 mit Rudolf I. einen Konradiner zum Würzburger Bischof. Der 900 in Forchheim zum letzten karolingischen König in Ostfranken erhobene Ludwig IV. d. Kind († 911) vergab Güter der Popponen an die mit ihm verwandten Konradiner. Konrad d. J. wurde 906 Herzog von Franken. Im Zuge der „Babenberger Fehde“ fiel der Poppone Adalbert 903 in das Bistum Würzburg ein und vertrieb zeitweise Bischof Rudolf I. König Ludwig IV. griff später ein und belagerte den Babenberger in seiner Burg Theres am Main bei Haßfurt. Obwohl sich Adalbert ergab, wurde er hingerichtet und seine Güter einschließlich Bamberg großenteils zugunsten des Königs eingezogen. Damit war die Fehde beendet, ohne die Parteien wirklich zu befrieden.
Würzburg in der ottonisch-salischen Reichskirche
Unterfranken in ottonischer Zeit
König Otto I. (936–973) wurde 962 König des langobardischitalienischen Reiches und ließ sich vom Papst zum Kaiser krönen. Damit nahm das Heilige Römische Reich seinen Anfang. Otto weilte oft in Franken und besuchte alleine die Pfalz Salz bei Neustadt an der Saale viermal. Zu Würzburger Bischöfen machte Otto Geistliche, die wohl alle in der Reichskanzlei gedient hatten. Das Bistum Würzburg verdankte vor allem Otto II. (reg. 973–983) zahlreiche Hoheitsrechte und Schenkungen, die sein Territorium arrondierten. Andererseits musste Bischof Heinrich I. (reg. 995/6–1018) hinnehmen, dass König Heinrich II. (reg. 1002/14–24) mit Bamberg im Jahr 1007 ein neues Bistum errichtete, das großenteils aus Würzburger Gebiet herausgeschnitten wurde. Fortan war dessen Einfluss auf das Land westlich des Steigerwaldes zurückgedrängt.
Zu einer Säule der Macht der Würzburger Bischöfe sollten die Klöster im Bistum werden. Ihnen unterstand anfangs nur das Andreaskloster zu Füßen des Marienberges. Von Bischof Berowelf war 795/800 St. Gumbert in Ansbach erworben worden. Ebenfalls aus karolingischer Zeit stammte (Frauen-) Schwarzach am Main, aus dem nach 877 Münsterschwarzach wurde. Relativ kurzlebig war das Frauenkloster in Karlburg. Die anderen frühen Klöster standen unter königlichem Schutz oder waren adelige Eigenklöster. Auf ein Klostersterben in der späten Karolingerzeit setzte mit Unterstützung der Bischöfe im späten 10. Jh. eine Neubelebung klösterlicher Kultur im Bistum Würzburg ein. Bischof Hugo (reg. 983–990) erneuerte das Andreaskloster in Würzburg. Juristisch unkorrekt, aber den Methoden seiner Zeit gemäß, erhielt Bischof Bernward (reg. 990–995) von Otto III. (reg. 983/996–1002) im Jahr 993 mit Unterstützung von gefälschten Urkunden die Klöster Amorbach, Neustadt a. M., Homburg a. M., Murrhardt und Schlüchtern „zurück“. Zur Sicherheit (?) ließ er sich unter Benutzung einer echten Urkunde Ludwigs des Deutschen das an sich unstrittige Kloster Münsterschwarzach bestätigen. Ähnlich suchten seine Nachfolger diesen klösterlichen Besitz von Otto III., Heinrich II. und Konrad II. (reg. 1024–39) bestätigt zu bekommen, und banden ihn damit stets ein wenig fester an Würzburg. Damit einher gingen Neugründungen wie Stift Haug und St. Stephan in Würzburg sowie neue Klosterkirchen in Amorbach, Schlüchtern und Münsterschwarzach.
Vertreter dieser Klosterpolitik waren Persönlichkeiten wie Theoderich, Konventuale des Reformklosters Fleury, der 1010 bis 1018 in Amorbach lebte. Abt Alapold aus St. Emmeram in Regensburg reformierte 1001 im Auftrag von Bischof Heinrich I. Münsterschwarzach. Als Ausfluss dieser neuen geistlichen Kultur dürfen ferner die Neubelebung der Würzburger Domschule und das neu erwachte Interesse an der Geschichtsschreibung gewertet werden. Vielleicht in St. Stephan entstand mit dem Chronicon Wirceburgense eine bis 1057 reichende Weltchronik. Unter den Historikern ragen der als Domscholaster von 1108/09 bis 1120 tätige Schotte David und Abt Ekkehard (1108–25) aus Kloster Aura hervor.
Die Schweinfurter Fehde von 1003
Schon vor der Jahrtausendwende waren die Schweinfurter Markgrafen im bayerischen Nordgau sowie am oberen Main – etwa in Banz, in Schweinfurt oder in Heidenfeld – umfassend begütert. Ihre Machtansprüche eskalierten 1003 in der „Schweinfurter Fehde“. Markgraf Hezilo († 1017) hatte den Aufstieg des bayerischen Herzogs Heinrich IV. und seine Erhebung zum König als Heinrich II. im Jahr 1002 in Mainz stets unterstützt. Von Heinrich zunächst darin bekräftigt, sah er sich als dessen Nachfolger in der Würde des bayerischen Herzogs. Schon 1002 hatte er sich Thietmar von Merseburg zufolge um die Belehnung mit diesem Herzogtum bemüht. Heinrich vertröstete ihn bis nach dem Königsumritt. Als sich Hezilo zunehmend getäuscht sah, verbündete er sich im August 1003 mit dem polnischen Herzog Boleslav Chrobry zu einer kriegerischen Fehde mit Heinrich II. im bayerischen Nordgau. Als Kampforte sind die Burgen Sulzbach sowie die in Ammerthal (Lkr. Amberg-Sulzbach), Creußen (Lkr. Bayreuth), Kronach und schließlich Schweinfurt überliefert. Nach seiner Niederlage flüchtete Markgraf Hezilo zu seinem polnischen Verbündeten. Seine Mutter Eilica soll die ihr als Witwensitz dienende Schweinfurter Burg nur dadurch vor der Zerstörung gerettet haben, dass sie drohte, sich mit der Burgkirche verbrennen zu lassen. Der besiegte Hezilo wurde schließlich auf der Burg Giebichenstein gefangen gehalten, aber bereits 1004 begnadigt. Lag das Machtzentrum des Markgrafen vor 1003 in der heutigen Oberpfalz, scheint es danach auf die Schweinfurter Burg verlegt worden zu sein, wo er 1017 begraben wurde. Die bayerische Herzogswürde aber war an Heinrichs Schwager, Graf von Luxemburg, gegangen.
Der Traum des hl. Martin. – Sandsteinrelief aus der ehemaligen Benediktinerabteikirche in Neustadt am Main (Lkr. Main-Spessart), 1. Hälfte 12. Jh.
Als letzte aus dem Geschlecht der Markgrafen schenkte Alberada ihr Kloster Heidenfeld 1069 an Bischof Adalbero von Würzburg. Wohl 1071 bestimmte sie ihre Güter in Banz zur Gründung eines Benediktinerklosters und übertrug es, obwohl im Bistum Bamberg gelegen, ebenfalls dem Bischof von Würzburg.
Bischof Bruno und der salische Dom in Würzburg
1034 wurde Bruno von Kärnten, ein Vetter des salischen Kaisers Konrad II. (reg. 1024–39), Bischof von Würzburg (reg. 1034–45). Er pflegte die Nähe zum König und zog mit Heinrich III. (reg. 1039/46–56) gegen die Ungarn, wo er in Persenbeug zu Tode kam. Der Initiative des Bischofs wird die ab 1040 erbaute salische Anlage des Würzburger Doms verdankt. Der Bau wurde im Westen mit der Doppelturmfront und der Vorhalle sowie zugleich im Osten mit der Krypta begonnen. Unter Brunos Nachfolgern wohl verändert weitergeführt, wird der Dom in einer Quelle von 1133 bereits als ruinös beschrieben. Bei den Arbeiten im Langhaus taucht ein Baumeister Enzelin auf. 1188 wurde der unvollendete Dom geweiht. Eine weitere Bauphase unter Bischof Hermann von Lobdeburg (reg. 1225–53) galt vor allem den Chorbauten und dem Querschiff.
Das Bistum Würzburg während des Investiturstreits
Die prägende Persönlichkeit in der zweiten Hälfte des 11. Jhs. war der Bruno nachfolgende Bischof Adalbero (reg. 1045–90). Anfangs hob er sich durch seine Reformanstrengungen ab. So berief Adalbero aus der Abtei Gorze in Lothringen den Mönch Egbert († wohl 1076) nach Münsterschwarzach, der das Kloster nach den Regeln der Junggorzer Reform erneuerte und eine nach ihm benannte Basilika errichtete. Von Schwarzach aus wurde dann die Benediktinerabtei im österreichischen Lambach reformiert, wo sich die Burg von Adalberos Vater befand. 1057 folgte St. Stephan in Würzburg. Weitere Stätten des Wirkens von Egbert waren St. Burkard in Würzburg, Neustadt am Main und das Bamberger Michaels-Kloster sowie einige Abteien in Österreich und Sachsen.
Auf dem Höhepunkt des Investiturstreits, in dem Kaiser und Papst um das Recht der Einsetzung von geistlichen Würdenträgern rangen, zeichnete sich Adalbero als Anhänger der Linie Papst Gregors VII. (reg. 1073–85) aus. Er beteiligte sich an der Absetzung Heinrichs IV. (reg. 1056–1106) und betrieb 1077 in Forchheim die Wahl Herzogs Rudolf von Rheinfelden zum Gegenkönig. 1085 wurde Adalbero von Gregor VII. selbst abgesetzt. Schließlich musste er das Bistum Würzburg aufgeben und starb 1090 im Exil im väterlichen Lambach.
Einige seiner Anhänger gründeten unter Führung des Domherrn Gerung das Augustinerchorherrenstift in Triefenstein am Main. Der von Heinrich IV. eingesetzte Bischof Emehard von Comburg-Rothenburg (reg. 1089–1105) bestätigte das gegen ihn errichtete Stift und beschenkte es ebenso wie das Stift Lambach. In seiner Außenpolitik suchte Emehard mal die Nähe zu Papst Urban II., dann wieder zum Kaiser.
Die Wirrungen des Investiturstreits steigerten sich unter dem von Kaiser Heinrich IV. (reg. 1056–1106) eingesetzten Bischof Erlung (reg. 1105–21). Der letzte salische Kaiser Heinrich V. (reg. 1106–25) vertrieb Erlung aus Würzburg. Dennoch stellte der sich auf die Seite des Kaisers und wurde dafür von Papst Paschalis II. (reg. 1099–1118) zeitweise suspendiert. Heinrich V. beauftragte Erlung, Verhandlungen mit der in Köln versammelten Mehrheit der deutschen Reichsfürsten zu führen. Danach brach der Bischof mit dem gebannten Heinrich V. und schloss sich dessen Gegnern an. Zu Ende seines Lebens versöhnte sich Bischof Erlung wieder mit dem Kaiser und erhielt 1120 das Richteramt für Ostfranken übertragen – ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer herzogsähnlichen Stellung der Würzburger Bischöfe.
Heinrich V. ernannte vermutlich im Februar 1122 Graf Gebhard von Henneberg zu Erlungs Nachfolger. Parallel dazu wählte das Domkapitel Rugger, Propst des Neumünsters, zum Bischof, der aber bereits 1125 starb. Trotzdem konnte sich Gebhard als Bischof nicht durchsetzen und gab 1127 seine Ansprüche auf das Würzburger Amt (zunächst) auf.
Die Staufer-Zeit
Würzburgs Blütezeit im 12. Jahrhundert
Das 12. Jh. gilt – ab dem Ende des Investiturstreits 1122 – als Höhepunkt für Würzburg und das ganze Bistum. Im deutschen Reich ohne Hauptstadt wurde die Metropole am Main für die staufischen Könige und Kaiser zu einer Art regionalem Stützpunkt in der nach dem Tod Kaiser Heinrichs VI. im Jahr 1197 ausgebrochenen Auseinandersetzung mit den Welfen.
Bereits der erste Stauferkönig Konrad III. (reg. 1138–52) weilte 17 Mal in Würzburg. Von Friedrich I. Barbarossa (reg. 1155–90) sind 18 Besuche bekannt. In Bischof Gebhard von Henneberg (reg. 1150–59) hatte er einen treuen Vasallen. Als Barbarossa 1156 Beatrix, die reiche Erbin des Königreiches Burgund, heiratete, feierte der Kaiser die Hochzeit in Würzburg.
Zu kaum einer anderen Zeit waren die Würzburger Bischöfe so intensiv durch den Dienst für das Reich mit den Kaisern verbunden, und kaum jemals wurden die finanziellen Ressourcen ihres Bistums derart bis zur Überschuldung belastet. Umgekehrt dürften zu keiner Zeit mehr Notare und Kleriker aus Würzburger Stiften im Dienste der Reichskanzlei tätig gewesen sein. Was lag daher näher, als für die Zukunft zu sorgen?
Die „gülden freyheit“ von 1168
1120 hatten die Würzburger Bischöfe das Richteramt für Franken erhalten. Auf ihren Münzen präsentierten sie sich seit Embricho (reg. 1122–46) als dux, als Herzog. Dennoch fehlte die kaiserliche Legitimation dafür. 1167 bot sich die Chance: Eine Ruhrepidemie hatte vor Rom das deutsche Heer sowie zahlreiche Bischöfe und Große dahingerafft. Barbarossa zog sich fluchtartig nach Norden zurück und erreichte in jeder Hinsicht geschwächt vor Jahresende Würzburg. Das nutzte Bischof Herold (reg. 1165–71) und ließ aus drei echten, nach ihrer „Auswertung“ zerstörten Urkunden einen neuen Text formulieren und die Originalsiegel auf ein gefälschtes Diplom übertragen. Dieses legte er Barbarossa auf dem Würzburger Hoftag Ende Juni 1168 vor.
Kaiserliches Siegel aus Gold an der als „gülden freyheit“ bezeichneten Urkunde, in der Kaiser Friedrich Barbarossa dem Bischof von Würzburg 1168 den Titel eines Herzogs zu Franken verlieh.
Vor seiner Unterschrift änderte der Kaiser freilich die Urkunde in einem entscheidenden Punkt: Er bestätigte dem Bischof zwar die volle Gewalt in Bistum und Herzogtum Würzburg sowie in allen darin gelegenen Grafschaften, nicht aber im Herzogtum Ostfranken. So steht es in der Reinschrift des Notars Wortwin († 1198), die mit einem Siegel (Bulle) des Kaisers aus purem Gold versehen wurde. Jetzt erst waren die Urkunde und die ausgesprochenen Privilegien diplomatisch korrekt: Zu Recht bezeichnete Lorenz Fries, der Würzburger Chronist des 16. Jhs., diese verfassungsrechtlich bedeutende Urkunde als „gülden freyheit“.
Obwohl Würzburg den Titel eines Herzogs zu Franken stets überinterpretierte und langfristig nur in seinem eigenen Hochstift durchsetzen konnte, gab er den Bischöfen eine herausragende Stellung. Diese konnten bis zum Ende des Alten Reiches kein Markgraf und kein Herzog von Weimar wirklich streitig machen. Mit Friedrich II. (reg. 1212–50) verwendete ein weiterer Stauferkaiser in zwei Urkunden von 1220 und 1231 erstmals die Worte domini terrae (Territorialherr): Der Bischof wurde damit immer mehr zum Herrn über das Land, das er vom König als jederzeit kündbares Lehen empfangen hatte.
Die Mainbrücke in Würzburg
Heute wie damals unterstreichen Bauwerke Macht und Einfluss der jeweils Herrschenden: In Würzburg war es die wohl auf Anregung des Bischofs Embricho von der Stadtgemeinde unter der Führung von Meister Enzelin vor 1133 errichtete steinerne Brücke über den Main, ein gewaltiges Werk mit einer Länge von 179 m und acht Pfeilern, auf denen bis zu 15 m Spannweite überwölbende Bögen lasteten. Mit der Brücke knüpfte man an die technologischen Leistungen der Spätantike an. Dabei verband man nicht nur die an beiden Ufern des Mains gelegenen Teile der Stadt, sondern gab dem gesamten Hochstift eine neue Infrastruktur: Nun endlich konnten Menschen und Waren sicher und unabhängig von Wetter und Jahreszeit über den Fluss gelangen. Die an der Straße von Nürnberg nach Frankfurt gelegene Brücke zog zudem den Verkehr an und generierte Zolleinnahmen.
Für lange Zeit war dieser Bau die einzige steinerne Brücke über den Main in weitem Umkreis. Ochsenfurt nimmt für sich in Anspruch, dass es dort gleichzeitig eine hölzerne Brücke über den Fluss gegeben haben soll; belegt ist eine Steinbrücke freilich erst seit 1254. In Kitzingen gibt es eine Steinbrücke seit 1300 und in der Reichsstadt Schweinfurt existierte eine Brücke aus Holz erst um 1400. Wenn es also einen Maßstab für die Bedeutung Würzburgs als Zentralort im 12. und 13. Jh. gegeben hat, dann war es die steinerne Mainbrücke.
Die von Meister Enzelin vor 1133 errichtete steinerne Brücke über den Main in Würzburg ist die älteste ihrer Art in Franken.
Der „Kampf um den Main“ im 13. Jahrhundert
Der Würzburger Historiker Otto Meyer sah den „Kampf um den Main“ als wesentliches Merkmal des späten Mittelalters in Franken an. Parallel zum Niedergang der Königsherrschaft suchten zahlreiche Mächte Zugang zum Main zu bekommen. Während des Interregnums im dritten Viertel des 13. Jhs. sicherten sich die Grafen von Hohenlohe für Jahrzehnte in und um Kitzingen Ansprüche. König Rudolf von Habsburg (reg. 1273–91) erlangte mit Schweinfurt 1282 eine Reichsstadt am Fluss. Andere Versuche hatten nur kurz Bestand oder scheiterten im Anfangsstadium: Heidingsfeld war von 1367 bis zur endgültigen Eingliederung in das Hochstift Würzburg 1508 böhmische Königsstadt, aber nie Reichsstadt.
Der Main half als Transportweg mit Zoll und Stapelrechten die Würzburger Ansprüche in der Region zu festigen. Dennoch musste Bischof Hermann von Lobdeburg (reg. 1225–54) die Politik der Mainzer Erzbischöfe aus dem Hause Eppstein im Blick haben. Sie hatten seit dem späten 10. Jh. in Aschaffenburg am Untermain Fuß gefasst und strebten nach der Ausbreitung ihrer Macht. Seit dem Ende des 13. Jhs. war das Mainviereck fest in mainzischer Hand. Dies ging zu Lasten der Grafen von Rieneck, die sich zuletzt mit der Burg Rieneck im Sinn-Tal begnügen mussten. Den Grafen von Wertheim mit ihrem Stammsitz an der Mündung der Tauber in den Main gelang es dagegen, mit dem Bau einer Höhenburg im späten 12. Jh. eine Art Riegel zwischen Mainz und Würzburg zu schieben.
Der Deutsche Orden besaß mit Prozelten und Mainberg für einige Zeit Standorte am Main. Daneben suchten die Grafen von Henneberg von Südthüringen aus über das Grabfeld an den Main zu gelangen. Ihnen gehörte die Burg Mainberg, bevor sie diese 1542 mit Würzburg gegen Meiningen tauschten. Die Seinsheim bzw. die Schwarzenberg sicherten sich in Marktbreit ihren Anteil am Main und Marktsteft einige Kilometer flussaufwärts gehörte den Ansbacher Markgrafen.
Der größte Coup aber war den Markgrafen 1443 geglückt, als sie die Stadt Kitzingen am Main von dem notorisch klammen Würzburg gegen Zahlung einer ordentlichen Pfandsumme erhielten. Fast 200 Jahre besaß Ansbach diesen wichtigen Brückenkopf am Main. Dass es Würzburg 1629 mitten im Dreißigjährigen Krieg gelang, diese Pfandschaft einzulösen, war in der langfristigen Planung der Markgrafen gewiss nicht vorgesehen gewesen.
Die Grafen von Castell konnten sich im Mittelalter um Volkach am Main etablieren, mussten die Stadt aber spätestens 1481 zu einem großen Teil an Würzburg abgeben. Die fränkische Reichsritterschaft hatte ihre Sitze meist in den Randgebieten des Bistums, im Spessart, in den Haßbergen, im Grabfeld oder im Steigerwald. Nur den Fuchs von Dornheim respektive den Herren von Crailsheim scheint es 1320 mit Mainsondheim gelungen zu sein, gegenüber von Dettelbach am Fluss Fuß zu fassen.
Auch die Klöster versuchten sich gerne am Main niederzulassen. Darunter befanden sich alte und zeitweise bedeutende Anlagen wie in Neustadt, Triefenstein, Kitzingen oder Münsterschwarzach. Da es sich dabei um dem Würzburger Bischof als Landesherrn unterstellte Klöster handelte, stärkten sie eher dessen Macht, als dass sie eine Gefahr für ihn bedeuteten.
Frömmigkeit und Geistesleben im Spätmittelalter
Einzug und Aufstieg der neuen Orden
Im 12. und 13. Jh. zogen neue Reformorden in das Bistum ein. Als Filiation der französischen Primarabtei Morimond wurde 1127 das Zisterzienserkloster Ebrach im Steigerwald gegründet. Obwohl „in Tal und Einsamkeit“ gelegen, führte eine bedeutende Straße, die heutige B 22, von Bamberg nach Würzburg mitten durch das Kloster. Schenkungen frommer Adeliger ließen Ebrach zu einem der reichsten Klöster im Bistum Würzburg werden; es gibt kaum eine größere Stadt in Franken, die nicht einen Hof des Klosters in ihren Mauern gehabt hat.
Immer wieder wollte Ebrach die Herrschaft des Bischofs abschütteln und reichsunmittelbar werden, was aber nie gelang. Die meisten Würzburger Bischöfe ihrerseits suchten noch im Tod die Zisterze an sich zu binden und ließen – vermutlich ab Bischof Siegfried (reg. 1147–53) – ihre Herzen dort bestatten.
Die Teufel als Wohltäter
Zu den vielen Wohltätern Ebrachs zählte die Würzburger Patrizierfamilie Teufel. Überliefert ist ein Konrad Teufel, der als Konverse (Laienbruder) in das Kloster eintrat. Ihrem Geld verdankten die Teufel das Recht, in der Zisterze bestattet zu werden. Daher sind in Ebrach nicht nur der Teufel (Konrad, † 1348), sondern auch seine Mutter (Mathilde, † 1333) begraben. In der Eingangshalle des Landratsamtes Kitzingen befindet sich ein Steinrelief aus der Mitte des 14. Jhs., auf dem der Ebracher Konverse „CVNROD“ mit seinen leiblichen Brüdern „WOLFLEIN“ und „RVDIGER“ als Wohltäter des Spitals in Kitzingen dargestellt ist.
Die Brüder Teufel, Stifter des Kitzinger Spitals. – Steinrelief, Mitte 14. Jh.
Der Prämonstratenserorden vereinte klösterliches Leben und Seelsorge in der Gemeinde und siedelte sich deshalb in der Nähe von Städten an. Nach einem Besuch des Ordensgründers Norbert von Xanten 1226 in Würzburg stifteten die Brüder Johannes und Heinrich ihren Besitz in der Zellerau im Westen der Stadt zur Gründung eines Klosters. Anfangs war es ein Doppelkloster; erst Mitte des 13. Jhs. zogen die Nonnen in das nahe Unterzell. Außer in Würzburg gab es zahlreiche weitere Prämonstratenserklöster, wie das 1135 von den Henneberger Grafen gegründete Veßra und das vor 1138 entstandene Tückelhausen bei Ochsenfurt.
Während der Kreuzzüge gründeten die Ritterorden Niederlassungen. 1179 findet sich im Spital St. Oswald ein Beleg für die Johanniter in Würzburg. Mit Hilfe Barbarossas wurde vor 1182 die Kommende Reichardsroth nahe Rothenburg gegründet. Im Lauf des 13. Jhs. entstanden weitere, darunter vor 1262 die in der Anlage eines Bauernhofs noch immer ablesbare Kommende Biebelried. Außerdem gilt es die 1315 gegründete Johanniterburg Kühndorf am Fuß des Dolmar zu erwähnen.
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