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Heimat
Erhard Busek Muamer Bećirović

Inhalt
Erhard Busek
Heimat reloaded
Wann und wo beginnt Heimat?
Europa – nichtgewonnene Heimat?
Wie sicher muss Heimat sein?
Die Heimatlosen unserer Zeit
Nationalstaat – was nun?
Gibt es „die eine“ Welt?
Prinzip Weltverantwortung
Quo via fert – wohin führt der Weg?
Muamer Bećirović
Die Sisyphos-Suche nach der Heimat
Österreich – das neue Zuhause einer Flüchtlingsfamilie
Kaisertum Österreich – die Völker, ihre Heimaten, ihr Kaiser und ihr Reich
Kontaminierte Heimat? Heimat im 21. Jahrhundert

Erhard Busek
Heimat reloaded
1994 schrieb ich ein Büchlein mit dem Titel „Heimat – Politik mit Sitz im Leben“. Damals gab es eine Reihe von Ereignissen, die für mich zur Auseinandersetzung mit diesem Begriff führten, der in den Erfahrungen meiner Ahnen eine wichtige Rolle spielte und in der Generation meiner Eltern gebraucht und heftig missbraucht wurde. Damals hatte nicht nur ich den Eindruck, dass der Begriff „Heimat“ wieder zurückgekehrt war, sodass ich mich gedrängt sah, zur Auseinandersetzung mit demselben beizutragen. Nachdem es in unserem Land vielfache Tendenzen gibt, mehr rückwärts als vorwärts zu blicken, muss dazu ergänzt werden, dass der ständige Gebrauch des Begriffes, aber auch die Verwirrung, die durch verschiedenste mit ihm verwandte Ausdrücke hervorgerufen wird, schlicht und einfach den Versuch einer Klärung notwendig macht.
Seit 25 Jahren hat sich in der Auseinandersetzung mit dem Wort „Heimat“ vieles verändert. Der große kanadische Soziologe Charles Taylor stellte damals die Frage: „Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie?“1 Heute sind wir bei der Frage angekommen: Wie viel Demokratie haben und brauchen wir noch, um uns beheimatet zu fühlen? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es vor einem Vierteljahrhundert noch einfacher war, die Bedeutung dieses oft gebrauchten und missbrauchten Begriffs zu verstehen. Ich erinnere mich an die Künstlerin und Filmemacherin Karin Brandauer, der ich damals eine wesentliche Orientierung dazu verdankte: „Man ist nicht nur ein Kind seiner Heimat, die Heimat wird einem auch zum Kind. Und so, wie man dieses nicht nur hat und sich daran erfreut, trägt man auch die Verantwortung dafür. Wo Bindung ist, ist Verantwortung.“2
Heute muss man sich die Frage stellen, welche Bindungen überhaupt noch existieren? Und welche Verantwortung? In der Auseinandersetzung um den Stellenwert der Religion begegne ich dieser Frage noch heftiger. „Religare“ ist das Herkunftswort von Religion und bedeutet „verbinden“. Wohl aber muss ich mir die Frage stellen, ob Religion im Allgemeinen heute noch als Bindung verstanden wird? Für mich ist dieses wichtige Element unseres Lebens und der Geschichte ein Wort des Herumirrens, leider nicht des intensiven Suchens geworden. An Bruno Kreisky lag es, dass in meinen frühen Jahren der Begriff „Agnostiker“ für jene verwendet wurde, die keine Heimat in der Religion fanden. Heute spricht man von „Säkularisierung“, wobei die dadurch zum Ausdruck gebrachte Sinngebung eigentlich zu noch mehr Orientierungslosigkeit führt.3
Ähnliche Unsicherheiten gibt es auch bezüglich des Begriffs des „Nationalstaates“. Er ist ein Kind der Französischen Revolution, ausgehend von der berühmten Frage des Abbesses im Rahmen der Assemblée nationale der Französischen Revolution. In dieser Frage wurde zum Ausdruck gebracht, dass der dritte Stand, eigentlich das Volk, ja der wirkliche Gegenstand des Staates ist. Dadurch ist eine tiefgreifende Veränderung entstanden, die sich etwa in den Formen der Rekrutierung des Militärs ausdrückte, weil die „Levée en masse“4 jene Formen der Rekrutierung und der Wehrpflicht hervorbrachte, die immerhin zwei Weltkriege prägten. Dass wir auf eine gewisse Weise zu Söldnertruppen zurückgekehrt sind, die dem Rekrutierungssystem des aristokratischen Staates ähnlich sind, wenngleich auch noch viel bindungsloser, muss ergänzt werden.
Eine Lehre aus den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts war und ist die Hinwendung zu Europa, die trotz aller Diskussionen eigentlich alternativlos ist! Was bedeutet Europa heute für uns? Hier begegne ich wieder einem dieser entliehenen Worte, die eigentlich keine Auskunft geben, nämlich dem „Narrativ“. Was hinter diesem Begriff steht, ist eigentlich sehr interessant: eine „Erzählung“, die beschreibt, woher man kommt und wohin man geht. Das ist bestenfalls eine Richtungsangabe mit der Darstellung von Begleiterscheinungen. Eigentlich ist es unbestritten, dass wir eine Ahnung haben müssten, woher wir kommen und wohin wir gehen, aber offensichtlich ist schon allein die Beschreibung dieser Umstände schwierig geworden.
Man muss sich heute damit auseinandersetzen, dass die Unsicherheiten der Zeit zugenommen haben. Das wird instinktiv begriffen, wenngleich auch nicht immer rational aufgearbeitet. Es ist schon schwer, festzustellen, wo wir politisch unsere Heimat haben: am ehesten noch in der Region, in der wir leben, darüber hinaus werden aber die Ebenen von Bundesländern über den Nationalstaat bis hin zu Europa schwieriger nachvollziehbar. Mit Sicherheit ist das auch auf die Entwicklung der Globalisierung zurückzuführen, wobei wir keine Chance haben, diese abzulehnen, weil sie unsere Wirklichkeit bestimmt und in das tägliche Leben der Menschen eingreift. Noch komplizierter ist es im politischen Bereich, denn, offen gestanden, unser politisches System zerbröselt, und man tut sich schwer, noch zu wissen, wo es feste Pflöcke gibt, die in den Grund der Politik eingeschlagen sind. Dass das aus dem 19. Jahrhundert überkommene System der politischen Parteien und deren Orientierung durch die unendlichen Veränderungen „verflüssigt“ wurde, ist außer Frage, aber es ist nicht klar, was an dessen Stelle getreten ist. Es ist kein Wunder, denn die Art und Weise der Vermittlung ist durch die mediale Situation ebenso vage geworden und hat mit der Fülle von neuen technischen Möglichkeiten und der Kraft der Bilder, die uns täglich ereilen, eine solche Gewalt entwickelt, dass wir uns in der komplexer gewordenen Welt schwertun, überhaupt Orientierung zu finden. Umso mehr wäre „Bindung“ notwendig, damit wir nicht in dieser, unserer Welt herumgetrieben werden wie Schiffbrüchige, die nicht wissen, wo sie landen.
Natürlich gibt es aktuelle Fragestellungen, wie etwa die der Ökologie, die uns vor sich hertreiben, wenngleich überhaupt nicht klar ist, wie wir diese Aufgaben bewältigen können. Auch hier gibt es ungeheure Angebote, die meistens sehr widersprüchlich sind. Mehr noch aber brauchen wir eine „Ökologie der Werte“, wobei es nicht nur um die Sicherung der materiellen Lebensgrundlagen geht, sondern um die Sinngebung des Lebens. Eine nach wie vor intensive Begegnung mit den BürgerInnen vermittelt mir etwas, das Hoffnung gibt: Die Suche nach dem Sinn und die Sehnsucht nach Orientierung sind stärker denn je vorhanden. Wie man aber mit den Angeboten umgeht, ist noch unklarer, als es das schon früher war. Wir haben Schwierigkeiten, diese Angebote zu sortieren, ja überhaupt die Fragestellung zu erkennen, die wir brauchen, um zu wissen, wohin die Reise geht. Dabei ist die Fantasie des Menschen nach wie vor nicht begrenzt – im Gegenteil, es gibt eine Fülle von Lösungsvorschlägen, aber die „Unterscheidung der Geister“ macht uns ungeheure Schwierigkeiten.
In Wirklichkeit haben wir uns von den Ordnungsgesichtspunkten des 20. Jahrhunderts längst verabschiedet. Das gegenwärtig dramatische Element des Klimawandels, die öffentliche Dominanz der ökologischen Fragestellungen und die Veränderungen der politischen Landschaften verlangen eine Suche nach Verortungen.
Für dieses Bändchen habe ich Muamer Bećirović gebeten, auch mitzuwirken! Warum? Er ist ein junger Mensch, politisch orientiert und gleichzeitig suchend, und hat bereits eine spannende Vita hinter sich: aus Bosnien-Herzegowina kommend, in Wien gelandet und zur Schule gegangen, in Studien steckend, die er nicht nur in Österreich, sondern auch im übrigen Europa fortsetzten möchte, politisch engagiert und bereit, mit anderen gemeinsam Wege zu suchen – in der Überzeugung, dass die gegenwärtigen Systeme nicht reichen, um die Probleme zu bewältigen. Ich habe ihn gebeten, von sich aus eine Klärung vorzunehmen, wo er sich beheimatet fühlt. Seine Aussagen sind aus meiner Sicht wesentlicher für die Zukunft, weil hier ein junger Mensch darum ringt, überhaupt Zukunft zu haben. Es war mir wichtig, auch das Charakteristische der „Wanderung“, die unsere Zeit prägt, einzubeziehen. „Heimat“ bedeutet nicht die Fixierung auf einen Punkt, sondern die Fähigkeit, sich in der Welt zu bewegen, die uns als Aufgabe anvertraut ist.
Zum Abschluss meiner Gymnasialzeit veröffentlichten wir eine Maturazeitung, die der damaligen Tradition von Rückblicken, Dokumentationen von Geschehnissen und dummen Scherzen etc. nicht entsprach. Die Zeitschrift trug den Titel „Quo via fert? – Wohin führt der Weg?“. Dem Ende meines Lebens näherkommend bewegt mich angesichts der Zeitumstände diese Frage weitaus mehr, wobei ich jedenfalls nicht in der Lage bin, fertige Rezepte zu bieten, aber Versuche zu unternehmen, näher zu beleuchten, wo wir in Zukunft „beheimatet“ sein können.
Wann und wo beginnt Heimat?
Das ist eine schwierige Frage! Natürlich setzt man sich als Kind – wahrscheinlich schon im Zuge des Wachstums als Baby – mit dem auseinander, was einen umgibt. Schließlich geht es ja darum, dass man die Welt kennenlernt, in die man hineingeboren wurde. Womöglich gibt es ein Heimatgefühl sogar schon bei einem Fötus, denn das Leben beginnt eigentlich früher als mit dem ersten eigenständigen Atemzug nach der Geburt. Richtig ist, dass man schrittweise mehr und mehr kennenlernt, in welche Welt man hineingeboren ist. Sicher zunächst eine kleine, dann aber relativ rasch eine größere. Es gehört zum Erwachsenwerden eines Kindes, seine Umwelt zu registrieren und zu kommentieren, nämlich durch Schreie, die der Auseinandersetzung mit derselben und dem Verlangen entsprechen. Mit dem Erwachsenwerden verlässt man die Urheimat des Menschen, und mit ihr ein Gefühl, das man mit dem Wort „Sicherheit“ beschreiben könnte, einem Begriff, der viel mit Heimat zu tun hat. Es muss aber auch einmal gesagt werden, dass dieser Begriff, so wie er heute verstanden wird, ja nur bestimmte Spektren beleuchtet: die Sicherheit des Wohnens, der Arbeit, des Umfeldes und schließlich, Schritt für Schritt und je nach Alter, die Sicherheit der Lebensperspektive. Darüber soll hier aber nicht geschrieben werden, wenngleich die Verankerung des Heimatgefühls in der Emotion eine ganz entscheidende Rolle spielt.
Eigentlich weiß ich nicht, wann ich so etwas wie ein Heimatgefühl registriert habe. Zweifellos kann ich mich erinnern, wie die vertraute Umwelt meiner Kindheit ausgesehen hat und Schritt für Schritt von mir erobert wurde. Aber auch schon damals hatte sie mehrere Dimensionen: die des Bezuges zu den Eltern, der vertrauten Umgebung, aber auch jener, die man nicht gekannt hat und die einem wahrscheinlich auch gefährlich vorgekommen ist.
Ich bin unter glücklichen Umständen aufgewachsen, wobei sie aus allgemeiner Perspektive alles andere als glücklich waren – es herrschte nämlich der Zweite Weltkrieg! Ich möchte allerdings nur darüber berichten, was ich selbst registriert habe. Ab 1942 gab es auch in Wien Luftangriffe, das heißt, dass Bombengeschwader über die Stadt kamen und man in der Nacht die Schüsse von den benachbarten Flaktürmen als helle Blitze wahrnehmen konnte. Begriffen habe ich das nicht, was ich aber begriffen habe, war die Sorge meiner Mutter, die mich bei ihren Einkaufswegen neben einem „Volksempfänger“ – dem an die Haushalte verteilten Radiogerät – postiert hat. Es war meiner Erinnerung nach ein braunes Kastl, mit dem anfliegende Bombenverbände angekündigt wurden. Meine Mutter hat mich darauf trainiert, den „Kuckuck“ zu registrieren (es gab dazu auch Nachrichten, mit welchen Zeitabständen gegebenenfalls das Eintreffen der Flugzeuge zu erwarten war). Dieser „Kuckuck“ gehörte zu meiner ersten eigenartigen Begegnung mit Umständen, in denen ich mich zu Hause fühlte. Nach einer Meldung von mir, dass man eben diesen Kuckuck gehört habe, begann eine hektische Tätigkeit, um in einen Luftschutzkeller zu kommen, dem man zugeteilt war.
Mir ist noch eine andere Situation stark in Erinnerung, nämlich die der Flucht in den Luftschutzkeller des Innenstadtpalais der Fürsten Liechtenstein in der Bankgasse, in dem mein Vater beruflich tätig war. Auf dem Weg dorthin passierten wir – wie ich erst später erfuhr – das „Liebenberg-Denkmal“, eine Erinnerung an den Bürgermeister Wiens während der Türkenbelagerung 1683. Natürlich hatte ich keine Ahnung von diesem Denkmal, schon gar nicht von dem damit gefeierten Helden, ich weiß nur noch, dass ich mich von meiner Mutter losriss und auf eine Grube zulief, vor der eine Löwenfigur lag, die, wie ich viel später erkannte, Bestandteil des Denkmals war. Meine heimatliche Erinnerung war etwas anderes: ein schreiender Polizist und meine Mutter, die hinter mir herrannte, um mich einzufangen, da eben dieser Polizist verlautbart hatte, dass eine nicht explodierte Bombe in einem Trichter lag. Die Erinnerung an meine Heimat vor 1945, aber auch nachher, war kräftig mit Bomben verbunden: nicht nur mit Bombentrichtern, sondern auch Bombenruinen und dem Gespräch über Bombenopfer und dem chaotischen Zustand einiger Straßen, die ich an der Hand meiner Eltern frequentierte und in denen traurige Ruinen standen. Die Bedeutung eben dieser Ruinen war mir aber nicht klar – dass es sich um Zerstörung handelte, habe ich irgendwie instinktiv begriffen. Alles andere sah ich damals weniger dramatisch, denn der Aufenthalt in Luftschutzkellern war für mich jedenfalls sehr angenehm, weil es dort viele Leute gab, Kinder wie mich und eine heimelige Atmosphäre, die allerdings dadurch reduziert war, dass ich ein Gefühl von Angst bei den Erwachsenen spürte. Ich selbst hatte kein Verständnis dafür, denn die Anwesenheit von vertrauten Personen erzeugte bei mir ein Gefühl der Sicherheit. Die schreckliche Welt von damals habe ich erst später begriffen – aber auch durch die Präsenz der „Besatzungsmächte“, wie etwas euphorisch die Soldaten der vier Alliierten des Zweiten Weltkrieges bezeichnet wurden.
Noch etwas registrierte ich: Wir wurden „evakuiert“. Dieses Wort ist heute schwer verständlich, damals war es aber eine Bezeichnung für das Verlassen von Wien, um in einer ländlichen Gegend sicherer vor Bombenangriffen zu sein, und dann zum Ende des Krieges vor den Besatzungsmächten. Mir ist eine Szene in Erinnerung, wo ich in einem kleinen Ort in der Wachau – Mühldorf bei Spitz – in dem Hause einer Freundin meiner Mutter lebte und aus dem Kellerfenster Militär beobachten konnte. Heute weiß ich, dass es die legendäre Division „Sepp Dietrich“, eine SS-Einheit, war, die sich entlang der Donau nach Deutschland zurückzog, während relativ bald die „Rote Armee“ in den Ort kam. Die Stimmungslage in meiner Heimat bekam ich irgendwie mit, weil der Faktor Angst eine große Rolle spielte. Mein Vater zog sich bei Besuchen unter bestimmten Umständen auf einen Berg namens Jauerling zurück, den später die Frauen des Ortes auch aufsuchten, um vor den Übergriffen der einrückenden sowjetischen Soldaten sicher zu sein.
Es sind nur Momentaufnahmen, ich erwähne sie aber, weil mir damit auch die Unsicherheit von Heimat klar wurde, denn durch die Auswirkungen der Mobilität wurde mir bewusst, dass es letztlich sehr viele Orte gab, die nicht sicher waren. Diese Eindrücke waren sehr stark und vermittelten mir ein völlig anderes Gefühl von „Heimat“, als es tradiert wurde und später wieder existierte – nämlich eine Welt in Bewegung und voll von Unsicherheiten. Wir wussten relativ früh, dass da irgendwann einmal (1938!) etwas passiert war, das die gewohnte Umgebung gefährdet hatte, und wir in ein Geschehen „geworfen“ waren, das uns in Berührung mit anderen Teilen der Welt brachte. Natürlich gibt es heute Zeitgeschichteunterricht, Filmaufnahmen, aber all das kann kaum wiedergeben, was ich als Kind zu empfinden hatte.
Mir war es geschenkt, relativ bald, nämlich im September 1945, in die Wohnung meiner Eltern im „Liechtensteinpalais“ – das vom Architekten Heinrich von Ferstl errichtete Gartenpalais in der Rossau –zurückzukehren. „Palais“ klingt für uns heute sehr eindrucksvoll. Es handelte sich damals aber um ein völlig überfülltes Gebäude, wo Flüchtlinge aus allen Ecken Mitteleuropas zusammenkamen. Die Mitglieder der Familie Liechtenstein waren alle seit 1938 in Vaduz – interessanterweise zum ersten Mal in der jahrhundertealten Geschichte dieser Adelsfamilie in jenem Landstrich, dem sie den Namen gegeben hatten –, weil sie im Hinblick auf die Nazizeit und die Ereignisse nach 1945 damals sicher waren. Aus eben diesen Sicherheitsgründen kamen viele Menschen nach Kriegsende in das Gartenpalais und in die „Galerie Liechtenstein“, die heute wieder für Kunstzwecke zur Verfügung steht, damals aber gähnend leer war. Auch in den kleinen Nebengebäuden im Liechtensteinpark lebten Menschen, bei denen mir auffiel, dass sie größtenteils entweder eine Sprache benutzten, die ich nicht verstand, oder einen Akzent hatten, der mir nicht „heimatlich“ vorkam. Später habe ich begriffen, dass es Flüchtlinge, vor allem aus Böhmen und Mähren, aus der heutigen Tschechischen Republik, waren, die vor den gefährlichen Verhältnissen in diesen Gebieten Schutz suchten, meistens aus Angst vor der Vertreibung und der Rache der jeweiligen Politik. Einen Gewinn möchte ich in Zusammenhang mit diesen Erfahrungen verzeichnen, nämlich die Tatsache, dass ich unter Menschen aufwuchs, die Nedorost, Srna, Skrabal, Vals oder Marek hießen, und die auf eine gewisse Weise da, wo ich war, nicht zu Hause waren, weil sie ihre Heimat verloren hatten.
Um auf die heutige Situation Bezug zu nehmen: Es gab keine Schwierigkeiten bei der Integration, denn die Unsicherheit der Lebensumstände und die Angst vor dem, was da kommen könnte, was die meisten aber auch schon hinter sich hatten, führte dazu, dass der Umgang untereinander ein selbstverständlicher war.
Lebensumstände können auch Heimat erzeugen: Der Liechtensteinpark, ein ansehnlicher Fleck im 9. Bezirk, wurde dazu benutzt, für das tägliche Leben vorzusorgen. Es wurden Salat, Karotten, Kohl, Erdäpfel aber auch Tabak angebaut. Meine Mutter hat sich eine Eigenschaft bis in ihr hohes Alter bewahrt: Sie pflanzte später noch Petersilie und Schnittlauch irgendwo in einem Eck des Gartens und hielt damit einen Rest der Selbstversorgung aufrecht. Der Zustand der Heimat kann dazu führen, dass man auf die Urbedürfnisse, aber auch auf die Urfähigkeiten des Menschen zurückgeworfen wird, nämlich selbst für seine Lebensvoraussetzungen zu sorgen. Das begriff ich relativ bald, weil ich erlebte, wie sich die Bewohner dieses Biotops um ihre Felder sorgten, die anstelle des kunstvoll angelegten Englischen Gartens des 19. Jahrhunderts getreten waren. So ist mir auf eine gewisse Weise bald klargeworden, was „Hamstern“ bedeutet, denn die Lebensumstände der Nachkriegszeit waren nicht einfach.
Natürlich ist das eine Beschreibung eines sehr engen Radius von Heimat, auf den allerdings die meisten zurückfielen, weil sie quasi aus der Umgebung, aus der Region, aus der Landschaft ihre Lebensvoraussetzungen zu sichern hatten. Darin bestanden die wesentlichen Eindrücke meiner Kindheit, wobei hier auch noch amerikanische GI (wir lebten in einem Bezirk, der unter der Verwaltung der Amerikaner stand) und sowjetische Soldaten (über dem Donaukanal begann die „russische Zone“, wie sie damals bezeichnet wurde) dazukamen. All diese Umstände waren aber eigentlich für mein damaliges Auffassungsvermögen relativ normal, denn ich konnte sie fast täglich irgendwo registrieren. Heute versteht sie kaum jemand, sonst würden wir uns mit der „Zuwanderung“ leichter tun – damals waren es Hunderttausende.
Die Erweiterung meines Horizonts verdanke ich neben den Flüchtlingen im Liechtensteinpalais aber auch der Pfarre, die wir sonntäglich besuchten und die auch der Ort war, wo ich „Seelsorgestunden“ erhielt. Das war eine Einrichtung, die der Pastoral der Katholischen Kirche in der Nazizeit zu verdanken war und die auch nach 1945 fortbestand, bis sich daraus die Katholische Jungschar, die Katholische Aktion etc. entwickelten. Dabei war ich gar kein Angehöriger der Pfarre Lichtental, sondern der der Rossau. Wir lebten aber an der Pfarrgrenze und der Weg nach Lichtental durch die Marktgasse war einfach kürzer und angenehmer als der zur weiter entfernten Servitenkirche der Rossau. Für diese Erweiterung meiner Heimatvorstellung bin ich unendlich dankbar. In meiner Kindheit war der Bezirksteil Lichtental im Alsergrund eine ausgesprochen arme Gegend. Natürlich gab es einige stattliche Häuser in der Alserbachstraße, Liechtensteinstraße, Nußdorferstraße etc., wer aber in den Kern des Grätzels vorgedrungen war, fand neben einem einsamen Gemeindebau (Thurygrund) eine Menge von einstöckigen Häusern. Meistens waren sie schon sehr verfallen oder hatten, wie ich später einmal kritisch bemerkte, alle fließendes Wasser – aber das Wasser kam nicht aus der Leitung, sondern aus den Mauern. Irgendwie habe ich begriffen, dass es mir besser ging als den armen Menschen, die dort lebten. Im Rahmen meiner Oberministranten- und Jungschartätigkeit erkannte ich dann, dass auch die sozialen Verhältnisse in den zwischenmenschlichen Beziehungen (Ehe, Beruf etc.) sehr chaotisch waren. Dem verdanke ich ein Gefühl dafür, was Armut bedeutet. Meine Lebensumstände waren besser, die familiären Verhältnisse stabiler und die Berufssituation meines Vaters eindrucksvoll. Heute würde ich entsprechend der sozialen Kategorien dieser Zeit sagen, dass ich auf eine gewisse Weise in einer „Mittelstandsfamilie“ aufgewachsen bin.
Mir ist dieses Lichtental zur Heimat geworden, weil die Welt von damals eine einfachere war. Man konnte in der Marktgasse Fußball spielen, da es kaum Autos gab, in den einzelnen Grätzeln fanden wir Kinder zusammen, ohne eigentlich die sozialen Unterschiede zu kennen, und der wahrscheinlich rund um 1950 wiedereröffnete Liechtensteinpark gab Gelegenheit zur Sozialisierung. „Sozialisierung“ würde man heute sagen. Damals aber war es einfach nur die Anwesenheit von Kindern aus den verschiedensten Schichten, wobei ich nicht begriff, was der jeweilige Gegensatz war. In einer Situation erkannte ich den sozialen Unterschied, nämlich als ein kleines Mädchen unter Aufsicht einer Kindergärtnerin auftauchte, von dem uns flüsternd mitgeteilt wurde, dass es die Tochter der Kammersängerin Irmgard Seefried sei. Später habe ich die Berühmtheit der Person begriffen. Und noch später auch gelernt, dass ihr Mann ein bedeutender Geiger der Wiener Philharmoniker war!
Das Umfeld des Liechtensteinparks und Lichtentals war uns allerdings eine Heimat. Ohne die Schwierigkeiten sozialer Beziehungen, auch wenn die zahlreichen Kinder und Jugendlichen aus dem Viertel um den Franz-Josefs-Bahnhof „Eisenbahner“ waren, damals eine bestimmte soziale Kategorie, die es heute nicht mehr gibt. Wir fühlten uns aber alle beheimatet, wobei man natürlich auch die Gefahren kennenlernte. So war es etwa mehr oder weniger selbstverständlich, dass man nicht über die „Brigitta-Brücke“, die heute Friedensbrücke heißt, geht, weil man damit in die sowjetische Zone gekommen wäre.
Ich lernte, dass mein Umfeld nicht nur aus dem Gebäude bestand, in dem wir zu Hause waren, und dessen Mitbewohnern, ein paar Geschäften in Gassen, Menschen, die man so irgendwie traf, sondern dass es auch soziale Einrichtungen gab, die wichtig waren. Für das damalige Leben in Lichtental war das „Kolpinghaus“ von großer Bedeutung – eine Einrichtung, die von „Vater Kolping“ geschaffen wurde, um Lehrlingen, Gesellen und Arbeitern auch seitens der katholischen Kirche eine Heimat anzubieten. Auch das war gewissermaßen ein Stück „Heimat“ in dem man sich wohlfühlte, wie in einem Zustand, den heute niemand als sehr ansprechend ansehen würde, wenngleich wir dort Familienfeste wie Erstkommunion und Firmung, Hochzeiten und Geburtstage feierten.
In dieser Zeit lernte ich ein auch ein wenig „Weltpolitik“, denn die Amerikaner waren damals im Palais „Clam-Gallas“ zu Hause, einem Objekt, das später dem Lycée Français diente und heute weit weg von historischen Verbindungen zur Aristokratie ist. Auch das „Colosseum“ war gewissermaßen eine Heimat für mich, weil die Amerikaner dort Kulturprogramme für die Bevölkerung präsentierten. Das Colosseum war ein Tanz-Etablissement aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, das auch bis 1938 noch Bestand hatte, während es heute nicht mehr existiert. Zwischenzeitlich war es ein großes Kinozentrum und vermittelte uns damals die Kenntnis von Hollywood-Filmen. Mir wird unvergesslich bleiben, dass ich dort meinen ersten Farbfilm gesehen habe („Sindbad der Seefahrer“ mit Douglas Fairbanks jr. und Maureen O’Hara in den Hauptrollen).
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