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Emile Zola
Das Geld
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Erstes Kapitel
An der Börse hatte es elf Uhr geschlagen, als Saccard bei Champeaux den weißgoldenen Saal betrat, dessen zwei hohe Fenster auf den Platz hinausgingen. Mit einem Blick überflog er die Reihen kleiner Tische, an denen dichtgedrängt die geschäftigen Gäste saßen, und er schien überrascht, das Gesicht, das er suchte, nicht zu finden.
Als im Gedränge des Servierens ein mit Platten und Schüsseln beladener Kellner vorüberkam, fragte er ihn:
»Sagen Sie mal, Herr Huret ist noch nicht da?«
»Nein, mein Herr, noch nicht.«
Kurz entschlossen setzte sich Saccard in eine Fensternische an einen Tisch, von dem gerade ein Gast aufstand. Er glaubte, sich verspätet zu haben, und während man das Tischtuch wechselte, schweiften seine Blicke nach draußen und spähten nach den Passanten auf dem Bürgersteig aus. Selbst als ein neues Gedeck aufgelegt war, bestellte er nicht sofort, sondern ließ seinen Blick auf dem Platz ruhen, der heiter im hellen Licht der ersten Maitage lag. Zu dieser Stunde, da die Leute ihr Mittagessen einnahmen, war er fast leer. Unter den Kastanienbäumen mit ihrem zarten, frischen Grün waren die Bänke unbesetzt; längs dem Gitter standen in einer langen Reihe Droschken an der Haltestelle, und der Omnibus von der Bastille hielt vor dem Büro an der Ecke des Gartens, ohne daß Fahrgäste ein- oder ausstiegen. Die Sonne prallte herab, das Gebäude mit seinem Säulengang, seinen beiden Statuen, seiner breiten Freitreppe, oberhalb deren noch nichts weiter zu sehen war als die Armee der wohlgeordneten Stühle, wurde von ihrem Schein überflutet.
Aber als sich Saccard umdrehte, erkannte er Mazaud, den Wechselmakler1, am Nebentisch. Er streckte ihm die Hand hin.
»Ach, Sie sind hier? Guten Tag!«
»Guten Tag!« erwiderte Mazaud und reichte ihm zerstreut die Hand.
Dieser kleine, brünette, sehr lebhafte hübsche Mann hatte vor kurzem das Maklerbüro eines Onkels geerbt, mit zweiunddreißig Jahren. Er schien sich ganz dem Gast zu widmen, der ihm gegenübersaß, ein beleibter Herr mit rotem, glattrasiertem Gesicht: der berühmte Amadieu, den die Börse seit seinem großartigen Coup mit den Selsis-Gruben verehrte. Als die Aktien auf fünfzehn Francs gefallen waren und man jeden Käufer für verrückt erklärte, hatte er sein ganzes Vermögen in dieses Geschäft gesteckt, zweihunderttausend Francs, aufs Geratewohl, ohne Berechnung und Gespür, mit der Starrköpfigkeit eines sturen Klotzes, der sein Glück herausfordert Heute, da die Entdeckung beträchtlicher fündiger Adern den Kurs der Aktien auf über tausend Francs hatte steigen lassen, verdiente er dabei rund fünfzehn Millionen, und seine irrsinnige Spekulation, für die man ihn früher hätte einsperren lassen müssen, erhob ihn jetzt in die Reihe der großen Köpfe der Finanz. Jeder grüßte ihn und fragte ihn vor allem um Rat. Übrigens erteilte er, als sei er gesättigt, keine Orders2 mehr und sonnte sich hinfort in seinem einzigartigen, legendären Geniestreich. Mazauds Traum war es wohl, ihn als Kunden zu gewinnen.
Saccard, der von Amadieu nicht einmal ein Lächeln erhaschen konnte, grüßte zum Tisch gegenüber, an dem drei Spekulanten aus seinem Bekanntenkreis beisammensaßen, Pillerault, Moser und Salmon.
»Guten Tag! Wie gehtʼs?«
»Danke, nicht schlecht ... Guten Tag!«
Auch bei diesen spürte er Kälte, ja fast Feindseligkeit. Dabei zeigte Pillerault, sehr groß, sehr mager, heftig gestikulierend und mit einer Nase, die wie eine Säbelklinge in dem knochigen Gesicht eines fahrenden Ritters aussah, für gewöhnlich die Vertraulichkeit eines Spekulanten, der die Wagehalsigkeit zum Prinzip erhob und erklärte, daß er jedesmal in Katastrophen purzele, wenn er sich die Mühe gibt nachzudenken. Er hatte das überschwengliche Wesen eines Haussiers3, war immer auf Sieg eingestellt, während Moser mit seiner untersetzten Statur, mit seiner von einer Leberkrankheit verwüsteten gelben Gesichtsfarbe unaufhörlich jammerte, in der ständigen Angst vor einem Zusammenbruch. Was Salmon anbetraf, ein sehr gut aussehender Mann, der gegen die Fünfzig ankämpfte und mit einem prächtigen pechschwarzen Bart prunkte, so galt er als ein ungemein tüchtiger Kerl. Er sprach nie, antwortete nur mit einem Lächeln; man wußte nie, worauf er spekulierte, nicht einmal ob er spekulierte, und seine Art zuzuhören beeindruckte Moser dermaßen, daß dieser oft, nachdem er Salmon eine vertrauliche Mitteilung gemacht hatte, durch sein Schweigen so aus der Fassung geriet, daß er davonlief, um eine Order zu ändern.
Angesichts dieser Gleichgültigkeit, die man gegen ihn an den Tag legte, bekam Saccard einen fiebrigen, herausfordernden Blick, den er durch den ganzen Saal schweifen ließ. Doch er tauschte nur noch ein Kopfnicken mit einem großen jungen Mann, der drei Tische weiter saß: der schöne Sabatani, ein Levantiner mit langem, dunklem Gesicht, das wundervolle schwarze Augen erhellten, aber von einem bösen, beunruhigenden Mund entstellt wurde. Die Liebenswürdigkeit dieses Burschen brachte Saccard vollends auf: irgendein von einer ausländischen Börse Ausgeschlossener, einer dieser geheimnisvollen Frauenlieblinge, der im letzten Herbst auf den Markt geschneit war, den er schon als Strohmann bei einem Bankkrach am Werk gesehen hatte und der sich durch große Korrektheit und unermüdliches Wohlwollen, selbst den Verrufensten gegenüber, nach und nach das Vertrauen der Corbeille4 und der Kulisse5 erwarb.
Ein Kellner blieb vor Saccard stehen.
»Der Herr wünschen?«
»Ach ja ... Was Sie wollen, ein Kotelett mit Spargel.«
Dann rief er den Kellner zurück.
»Sind Sie sicher, daß Herr Huret nicht vor mir gekommen und wieder gegangen ist?«
»Oh, ganz sicher!«
So stand es nun mit ihm nach dem Zusammenbruch, der ihn im Oktober wieder einmal gezwungen hatte, seine Geschäfte zu liquidieren, sein Haus am Parc Monceau zu verkaufen und eine Wohnung zu mieten: nur Leute wie Sabatani grüßten ihn noch; bei seinem Eintritt in ein Restaurant, in dem er den Ton angegeben hatte, drehte sich nicht mehr alle Welt nach ihm um, streckten sich nicht mehr alle Hände ihm entgegen. Er war ein richtiger Spieler, er hegte keinen Groll nach diesem letzten skandalösen und unheilvollen Grundstücksgeschäft, aus dem er kaum mehr als die eigene Haut gerettet hatte. Aber ein fieberhaftes Verlangen, Revanche zu nehmen, entbrannte in ihm; Huret hatte ausdrücklich versprochen, gegen elf Uhr hier zu sein, um ihn über die Ergebnisse seiner Bemühungen bei Rougon zu unterrichten, dem damals allmächtigen Minister, und daß Huret nicht da war, brachte Saccard vor allem gegen seinen Bruder Rougon auf. Huret, der gehorsame Abgeordnete, die Kreatur des großen Mannes, war bloß ein Laufbursche. Nur, war es denn möglich, daß Rougon, der alles vermochte, ihn so im Stich ließ? Nie hatte er sich als guter Bruder erwiesen. Daß er nach der Katastrophe verärgert war, daß er offen mit ihm gebrochen hatte, um nicht selber bloßgestellt zu werden, war begreiflich; aber hätte er ihm nicht seit sechs Monaten heimlich zu Hilfe kommen müssen? Und jetzt sollte er die Stirn haben, ihm nicht kräftig unter die Arme zu greifen, wenn er ihn durch einen Dritten darum bitten ließ? Er wagte ja schon nicht, ihn persönlich aufzusuchen, weil er einen Zornesausbruch befürchtete, zu dem er sich möglicherweise hinreißen ließe. Rougon brauchte nur ein Wort zu sagen, dann käme er wieder auf die Beine und könnte diesem feigen, großen Paris von neuem den Fuß auf den Nacken setzen.
»Welchen Wein wünschen der Herr?« fragte der Weinkellner.
»Ihren einfachen Bordeaux.«
Saccard war in Gedanken versunken; er hatte keinen Appetit und ließ sein Kotelett kalt werden. Als er einen Schatten über das Tischtuch gleiten sah, hob er die Augen. Das war Massias, ein dicker, rotgesichtiger Kerl, ein Remisier6, den er als armen Mann gekannt hatte und der sich jetzt, mit seinem Kurszettel in der Hand, zwischen den Tischen hindurchschlängelte. Es traf Saccard schwer, daß Massias nicht stehenblieb, sondern an ihm vorbeiging, um den Kurszettel Moser und Pillerault zu reichen. Zerstreut und in ein angeregtes Gespräch verwickelt, warfen diese kaum einen Blick darauf: nein, sie hätten keine Orders zu erteilen, ein andermal. Massias wagte nicht, den berühmten Amadieu anzugehen, der, über einen Hummersalat gebeugt, leise mit Mazaud plauderte, und trat an Salmon heran, der den Kurszettel nahm, ihn lange studierte und dann wortlos zurückgab. Der Saal belebte sich. Alle Augenblicke gingen die Türen auf, und andere Remisiers kamen herein. Laute Worte flogen zwischen den Tischen hin und her, eine richtige Spekulationswut kam auf, je mehr die Zeit vorrückte. Und Saccard, dessen Blicke unaufhörlich nach draußen schweiften, sah, wie sich auch der Platz nach und nach füllte, wie die Wagen und die Fußgänger herbeiströmten, während sich auf den Stufen zur Börse, die im Sonnenlicht gleißten, schon einzelne schwarze Flecken zeigten, die Männer der Börse.
»Ich sage es Ihnen noch einmal«, sagte Moser mit seiner weinerlichen Stimme, »daß diese Nachwahlen vom 20. März7 ein höchst beunruhigendes Symptom sind ... Schließlich ist heute ganz Paris der Opposition ergeben.«
Aber Pillerault zuckte mit den Schultern. Carnot8 und Garnier-Pagès9 auf den Bänken der Linken, was konnte das schon ausmachen?
»Das ist wie mit der Frage der Herzogtümer10«, fing Moser wieder an, »das kann eine Menge Verwicklungen geben ... Ganz bestimmt! Aber lachen Sie ruhig. Ich sage ja nicht, daß wir Preußen hätten den Krieg erklären müssen, um es daran zu hindern, sich auf Kosten Dänemarks zu mästen; allein es gab Mittel und Wege zu handeln ... Ja, ja, wenn die Großen erst anfangen, die Kleinen aufzufressen, weiß man nie, wo das aufhört ... Und was Mexiko betrifft ..11.«
Pillerault, der einen seiner restlos zufriedenen Tage hatte, brach in Lachen aus.
»Ach nein, mein Lieber! Hören Sie doch auf, uns mit Ihren Schauergeschichten über Mexiko zu langweilen ... Mexiko wird einmal das Ruhmesblatt dieser Regierung sein ... Woher, zum Teufel, wollen Sie wissen, daß das Kaiserreich12 krank ist? Wurde nicht im Januar die Dreihundertmillionenanleihe um mehr als das Fünfzehnfache überzeichnet? Ein überwältigender Erfolg ... Passen Sie auf, wir sprechen uns 67 wieder, in drei Jahren, wenn die Weltausstellung13 eröffnet wird, die der Kaiser14 soeben beschlossen hat.«
»Ich sage Ihnen, die Dinge stehen schlecht!« bekräftigte Moser verzweifelt.
»Ach, lassen Sie uns in Frieden, die Dinge stehen gut!«
Salmon sah die beiden an und lächelte tiefgründig. Und Saccard, der ihnen zugehört hatte, führte die Krise, in die das Kaiserreich zu geraten schien, auf die Schwierigkeiten seiner persönlichen Lage zurück. Er selbst war wieder einmal am Boden: sollte dieses Kaiserreich, das ihn hervorgebracht hatte, pleite gehen wie er und plötzlich vom höchsten Glück ins tiefste Elend stürzen? Ach, zwölf Jahre lang hatte er es geliebt und verteidigt, dieses Regime, unter dem er gespürt hatte, wie er auflebte, wie er gedieh, sich mit Saft füllte wie der Baum, dessen Wurzeln sich in das nährende Erdreich senken! Aber wenn sein Bruder ihn da herausreißen wollte, wenn er ihn abschneiden wollte von denen, die den fetten Boden der Genüsse aussaugten, dann sollte auch alles hinweggerafft werden in dem großen letzten Zusammenbruch der nächtlichen Feste!
Jetzt wartete er auf seinen Spargel, in Erinnerungen versunken, weit weg von diesem Saal, in dem das hektische Treiben unaufhörlich zunahm. In einem breiten Spiegel gegenüber hatte er sein Bild erblickt und war überrascht. Das Alter nagte noch längst nicht an seiner kleinen Person, mit seinen fünfzig Jahren schien er kaum erst achtunddreißig und war noch genauso mager und lebhaft wie als junger Mann. Mit den Jahren hatte sein dunkles, eingefallenes Kasperpuppengesicht mit der spitzen Nase und den kleinen leuchtenden Augen sogar gewonnen, hatte den Reiz dieser andauernden, so geschmeidigen und unternehmungslustigen Jugend angenommen; in seinem buschigen Haar schimmerte noch kein weißes Härchen. Und er konnte nicht umhin, sich seiner Ankunft in Paris am Tage nach dem Staatsstreich15 zu entsinnen, als er an einem Winterabend mit leeren Taschen und ausgehungert auf dem Pflaster lag und einen wahren Anfall von Begierden zu befriedigen hatte. Ach, dieser erste Streifzug durch die Straßen! Noch ehe er seine Koffer ausgepackt, hatte er das Verlangen verspürt, sich mit seinen schiefgelaufenen Stiefeln und seinem speckigen Überzieher in die Stadt zu stürzen, um sie zu erobern! Seit diesem Abend war er oft sehr hoch gestiegen, ein Strom von Millionen war durch seine Hände geflossen, ohne daß ihm jemals das Glück wie ein Sklave gehört hatte, wie ein Ding, über das man verfügt, das man unter Verschluß hält, lebendig und greifbar. Immer hatten die Lüge, der Schein seine Kassen bewohnt, die sich durch unsichtbare Löcher ihres Goldes zu entleeren schienen. Nun lag er wieder auf der Straße wie in der fernen Zeit des Aufbruchs, ebenso jung, ebenso ausgehungert, immer noch unbefriedigt und gequält von dem gleichen Verlangen nach Genüssen und Eroberungen. Er hatte von allem gekostet, und er hatte sich nicht satt gegessen, da er, wie er glaubte, weder Gelegenheit noch Zeit gehabt hatte, tief genug in die Menschen und in die Dinge hineinzubeißen. In dieser Stunde empfand er das ganze Elend, wieder auf der Straße zu liegen und weniger zu sein als ein Anfänger, den wenigstens die Illusion und die Hoffnung aufrecht gehalten hätten. Und ein fieberhaftes Verlangen packte ihn, alles von vorn anzufangen, um alles zurückzuerobern, höher zu steigen, als er je gestiegen war, endlich der eroberten Stadt den Fuß auf den Nacken zu setzen. Nicht mehr den lügnerischen Reichtum der Fassade wollte er, sondern das dauerhafte Gebäude des Vermögens, das wahre Königtum des Goldes, das auf vollen Säcken thront!
Mosers kreischende hohe Stimme, die sich erneut vernehmen ließ, lenkte Saccard einen Augenblick von seinen Überlegungen ab.
»Die mexikanische Expedition16 kostet im Monat vierzehn Millionen, Thiers17 hat es nachgewiesen ... Und man muß wirklich blind sein, um nicht zu sehen, daß in der Kammer die Mehrheit ins Wanken gebracht worden ist. Auf der Linken sitzen jetzt schon mehr als dreißig. Der Kaiser selber begreift sehr wohl, daß die absolute Macht unmöglich wird, denn er macht sich ja zum Verkünder der Freiheit.«
Pillerault antwortete nicht mehr und begnügte sich mit einem verächtlichen Grinsen.
»Ja, ja, ich weiß, die Marktlage scheint Ihnen stabil, die Geschäfte gehen. Aber warten Sie nur das Ende ab ... Sehen Sie mal, in Paris hat man zu viel abgerissen und zu viel wieder aufgebaut! Die großen Bauten haben die Ersparnisse aufgebraucht. Und was die mächtigen Kreditinstitute betrifft, die Ihnen so blühend vorkommen, so warten Sie ab, bis eines von ihnen zusammenkracht – dann werden Sie sehen, wie alle anderen hinterherpurzeln ... Ganz davon zu schweigen, daß das Volk aufbegehrt. Diese Internationale Arbeiterassoziation18, die man jetzt gegründet hat, um die Lage der Arbeiter zu verbessern, erschreckt mich persönlich sehr. Es gibt in Frankreich eine Protestbewegung, eine revolutionäre Stimmung, die von Tag zu Tag zunimmt ... Ich sage Ihnen, da ist der Wurm drin. Alles wird zum Teufel gehen.«
Alle protestierten laut und heftig. Dieser verdammte Moser hatte es ohne Frage wieder mit der Leber. Aber Moser selbst blickte beim Sprechen unverwandt zum Nebentisch, an dem Mazaud und Amadieu in dem ringsum herrschenden Lärm ganz leise weiter plauderten. Allmählich geriet der ganze Saal über diese lang andauernden vertraulichen Gespräche in Unruhe. Was hatten sie sich bloß zu sagen, daß sie so flüsterten? Zweifellos erteilte Amadieu Orders und bereitete einen Coup vor. Seit drei Tagen gingen böse Gerüchte über die Arbeiten am Suezkanal19 um. Moser blinzelte mit den Augen und senkte ebenfalls die Stimme.
»Sie wissen doch, die Engländer wollen verhindern, daß man dort unten arbeitet. Das könnte leicht Krieg bedeuten.«
Diesmal war Pillerault durch die Ungeheuerlichkeit der Nachricht selber erschüttert. Das war ja unglaublich, und sogleich flog das Wort von Tisch zu Tisch und erlangte die Kraft einer Gewißheit: England habe ein Ultimatum gestellt und die sofortige Einstellung der Arbeiten am Suezkanal gefordert. Amadieu sprach mit Mazaud offensichtlich nur darüber und erteilte ihm die Order, alle seine Suez-Aktien zu verkaufen. Panisches Stimmengemurmel erfüllte die mit Fettgerüchen geschwängerte Luft inmitten des anschwellenden Tellergeklappers. Die Aufregung erreichte ihren Höhepunkt, als plötzlich ein Gehilfe des Wechselmaklers hereinkam, der kleine Flory, ein Bursche mit zartem Gesicht, das unter einem dichten kastanienbraunen Bart verschwand. Er stürzte zum Chef, übergab ihm einen Packen Zettel, die er in der Hand hatte, und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
»Schön!« antwortete Mazaud nur und ordnete die Zettel in sein Handbuch ein.
Dann zog er seine Uhr.
»Gleich zwölf! Sagen Sie Berthier, daß er auf mich warten soll. Und seien Sie selbst da, gehen Sie hoch und holen Sie die Depeschen.«
Als Flory gegangen war, nahm Mazaud sein Gespräch mit Amadieu wieder auf, zog weitere Zettel aus seiner Tasche und legte sie neben seinen Teller auf das Tischtuch; alle Augenblicke beugte sich ein Kunde im Vorbeigehen zu ihm nieder und sagte ihm ein Wort, das er schnell zwischen zwei Bissen auf einen der Zettel schrieb. Die Falschmeldung, die weiß Gott woher gekommen, aus dem Nichts entstanden war, schwoll an wie eine Gewitterwolke.
»Sie verkaufen, nicht wahr?« fragte Moser Salmon.
Aber dessen stummes Lächeln war so vielsagend verschmitzt, daß Moser ängstlich blieb und jetzt an diesem englischen Ultimatum zweifelte, von dem er nicht einmal wußte, daß er selber es erfunden hatte.
»Ich kaufe soviel, wie man will«, schloß Pillerault mit der eitlen Tollkühnheit eines Spekulanten, der keine Methode hat.
Die Schläfen erhitzt vom Rausch des Börsenspiels, das dieser lärmende Abschluß des Mittagessens in dem engen Saal aufpeitschte, hatte sich Saccard entschlossen, seinen Spargel zu essen, während er sich erneut über Huret aufregte, mit dem er nicht mehr rechnete. Schon wochenlang zögerte er, der sonst so entschlußfreudig war, hin und her gerissen von der Ungewißheit. Er verspürte zwar die gebieterische Notwendigkeit, von vom anzufangen, und er hatte zunächst von einem ganz neuen Leben geträumt, in der Verwaltungsspitze oder in der Politik. Warum sollte ihn das Corps législatif20 nicht in den Ministerrat bringen, wie seinen Bruder? Was ihm an der Spekulation mißfiel, war die fortwährende Unbeständigkeit, die hohen Summen, die so schnell verloren wie gewonnen waren: nie hatte er sich, ohne jemand etwas zu schulden, auf einer wirklichen Million ausruhen können. Und in dieser Stunde, da er sein Gewissen erforschte, sagte er sich, daß er vielleicht zu leidenschaftlich sei für diese Schlacht des Geldes, die soviel Kaltblütigkeit erforderte. Das mußte es sein, weshalb er nach einem so außergewöhnlichen Leben des Luxus und der Geldverlegenheit mit leeren Händen dastand, ausgebrannt von diesen zehn Jahren fürchterlicher Grundstücksschachereien im neuen Paris, bei denen so viele andere, die schwerfälliger waren als er, Riesenvermögen zusammengescharrt hatten. Ja, vielleicht hatte er sich über seine wirklichen Fähigkeiten getäuscht, vielleicht würde er bei seiner Unternehmungslust und seinem glühenden Glauben auf der politischen Bühne mit einem Schlag triumphieren. Alles würde von der Antwort seines Bruders abhängen. Wenn der ihn abwies, ihn in den Schlund der Spekulation zurückstieß, dann sollten er und die anderen ihn kennenlernen, dann würde er den großen Coup wagen, über den er noch mit niemandem gesprochen hatte, das Riesengeschäft, von dem er seit Wochen träumte und das ihn selber erschreckte, so groß war es und dazu angetan, die Welt in Aufruhr zu versetzen, ob es nun gelang oder nicht.
Pillerault hatte die Stimme erhoben.
»Mazaud, ist Schlossers Ausschluß von der Börse nun perfekt?«
»Ja«, antwortete der Wechselmakler, »heute wird es angeschlagen ... Was wollen Sie? Das ist immer ärgerlich, aber ich hatte sehr beunruhigende Auskünfte erhalten, und dabei habe ich Schlosser als erster diskontiert. Von Zeit zu Zeit muß eben reiner Tisch gemacht werden.«
»Man hat mir versichert«, sagte Moser, »daß Ihre Kollegen Jacoby und Delarocque mit runden Summen dabei waren.«
Der Makler vollführte eine unbestimmte Gebärde.
»Ach was! Etwas wird immer verheizt ... Dieser Schlosser hat wohl zu einer Bande gehört; jetzt ist er frei und kann in Berlin oder in Wien die Börsen absahnen.«
Saccard hatte die Augen auf Sabatani gerichtet, dessen geheime Verbindung mit Schlosser ihm ein Zufall offenbart hatte: die beiden spielten das bekannte Spiel, der eine spekulierte auf die Hausse21, der andere auf die Baisse22 ein und desselben Wertpapiers; der Verlierer wurde am Gewinn des anderen beteiligt und hatte dann nur zu verschwinden. Aber der junge Mann bezahlte ruhig die Rechnung für das erlesene Mittagsmahl, das er eingenommen hatte. Dann ging er mit der einschmeichelnden Anmut eines Orientalen mit italienischem Einschlag zu Mazaud, dessen Kunde er war, und drückte ihm die Hand. Er beugte sich herab und erteilte eine Order, die jener auf einen Zettel schrieb.
»Er verkauft seine Suez-Aktien«, murmelte Moser.
Und krank vor Zweifel, fragte er ganz laut, einem Bedürfnis nachgebend:
»Was denken Sie denn über Suez?«
Schweigen trat ein in dem Stimmengewirr, alle Köpfe an den Nebentischen wandten sich um. Diese Frage faßte die wachsende Unruhe und Besorgnis zusammen. Aber der Rücken Amadieus, der Mazaud nur eingeladen hatte, um ihm einen seiner Neffen zu empfehlen, blieb undurchdringlich und hatte nichts zu sagen, während der Makler, den die Verkaufsorders, die er erhielt, langsam in Staunen versetzten, nur den Kopf schüttelte, von Berufs wegen an Diskretion gewöhnt.
»Suez steht ausgezeichnet!« erklärte in seinem singenden Tonfall Sabatani, der noch einen Umweg machte und Saccard zuvorkommend die Hand drückte, bevor er ging.
Und Saccard fühlte noch einen Augenblick diesen weichen, zerfließenden, fast weibischen Händedruck. In seinem Schwanken, welchen Weg er einschlagen sollte, wie sein Leben neu aufzubauen war, schimpfte er alle Anwesenden einen Haufen Spitzbuben. Ach, wenn man ihn dazu zwänge, wie würde er sie hetzen, wie würde er sie rupfen, die zittrigen Mosers, die großmäuligen Pilleraults, diese Salmons, die hohler als Kürbisse waren, und diese Amadieus, deren ganzes Genie im Erfolg bestand! Das Teller- und Gläsergeklapper hatte wieder eingesetzt, die Stimmen wurden heiser, die Türen wurden heftiger zugeschlagen in der Eile, die alle verzehrte, weil sie dabeisein wollten, wenn es einen Börsenkrach wegen des Suezkanals geben sollte. Und durch das Fenster sah Saccard mitten auf dem Platz, den Droschken durchfurchten und Fußgänger verstopften, die sonnenbeschienenen Stufen der Börse, die nun wie übersät von einem unaufhörlichen Strom menschlicher Insekten waren, korrekt in Schwarz gekleideten Herren, die nach und nach den Säulengang füllten, während hinter den Gittern verschwommen ein paar Frauen auftauchten, die unter den Kastanienbäumen herumlungerten.
Plötzlich ließ ihn in dem Augenblick, da er den Käse anschnitt, den er bestellt hatte, eine rauhe Stimme den Kopf heben.
»Ich bitte Sie um Entschuldigung, mein Lieber, ich konnte wirklich nicht eher kommen.«
Da war endlich Huret, ein Normanne aus dem Calvados23, ein schwerfälliger großer Kerl, der den Eindruck eines gerissenen Bauern machte, der den einfachen Mann spielt. Sogleich ließ er sich irgend etwas bringen, das Tagesgericht und dazu eine Gemüsebeilage.
»Na, was ist?« fragte Saccard, der sich zusammennahm, trocken.
Aber der andere beeilte sich nicht, betrachtete ihn als schlauer und vorsichtiger Mann. Als er dann zu essen begann, schob er den Kopf vor und senkte die Stimme.
»Also, ich bin bei dem großen Mann gewesen ... ja, bei ihm zu Hause, heute früh ... Oh, er meint es sehr gut, sehr gut mit Ihnen.«
Er hielt inne, trank ein großes Glas Wein und stopfte sich wieder eine Kartoffel in den Mund.
»Na und?«
»Ja, mein Lieber, die Sache ist die ... Er will für Sie gern alles tun, was er kann, er wird für Sie eine sehr hübsche Stellung finden, aber nicht in Frankreich ... Zum Beispiel den Gouverneursposten in einer unserer Kolonien, in einer von den guten. Da wären Sie wirklich Ihr eigener Herr, ein richtiger kleiner Fürst.«
Saccard war leichenblaß geworden.
»Sagen Sie mal, das soll wohl ein Scherz sein? Sie machen sich wohl lustig über mich? Warum nicht gleich in die Verbannung? ... Er will mich also loswerden. Soll er sich bloß hüten, daß ich ihm am Ende nicht ernstlich Schwierigkeiten mache!«
Huret suchte ihn mit vollem Mund zu beschwichtigen.
»Aber, aber, man will doch bloß Ihr Bestes, lassen Sie uns nur machen.«
»Mich ausschalten lassen, nicht wahr? Hören Sie mal! Vorhin war hier die Rede davon, daß das Kaiserreich bald keinen Fehler mehr ausgelassen hat. Ja, der Krieg in Italien24, Mexiko, die Haltung gegenüber Preußen25. Ehrenwort, das ist die Wahrheit! ... Ihr werdet noch so viele Dummheiten und Verrücktheiten anstellen, daß sich ganz Frankreich erhebt, um euch rauszuschmeißen.«
Da wurde der Abgeordnete, die getreue Kreatur des Ministers, ganz bleich und schaute unruhig um sich.
»Aber erlauben Sie mal, erlauben Sie, da kann ich Ihnen nicht folgen ... Rougon ist ein ehrenwerter Mann, es gibt keine Gefahr, solange er dabei ist ... Nein, reden Sie nicht weiter, Sie verkennen ihn, das muß ich Ihnen sagen.«
Saccard unterbrach ihn heftig und stieß zwischen den Zähnen hervor:
»Also gut, lieben Sie ihn, kochen Sie Ihr Süppchen zusammen ... Ja oder nein: will er mich hier in Paris unterstützen?«
»In Paris, niemals!«
Ohne ein weiteres Wort erhob sich Saccard und rief den Kellner, um zu bezahlen, während Huret, der seine Zornesausbrüche kannte, in aller Ruhe weiter große Bissen Brot hinunterschlang und ihn aus Furcht vor einem Skandal gehen ließ. Aber in diesem Augenblick entstand im Saal eine große Aufregung.
Gundermann war hereingekommen, der Bankkönig, der Herr der Börse und der Welt, ein Mann von sechzig Jahren, dessen riesiger Kahlkopf mit der dicken Nase und den hervortretenden runden Augen ungeheuren Starrsinn und große Müdigkeit ausdrückte. Nie ging er zur Börse, tat sogar so, als schickte er nicht einmal einen offiziellen Vertreter dorthin; auch speiste er nie in einem öffentlichen Lokal zu Mittag. Nur hin und wieder geschah es, wie an diesem Tag, daß er sich im Restaurant Champeaux zeigte, wo er sich an einen Tisch setzte, um sich nichts weiter als ein Glas Vichy-Wasser auf einem Teller servieren zu lassen. Da er seit zwanzig Jahren an einer Magenkrankheit litt, ernährte er sich ausschließlich von Milch.
Sofort war das ganze Personal in Aufruhr, alle rannten, um das Glas Wasser zu bringen, und alle anwesenden Gäste lagen vor ihm auf dem Bauch. Moser betrachtete demütig diesen Menschen, der die Geheimnisse kannte, der nach seinem Gutdünken Hausse oder Baisse machte wie der liebe Gott Donner und Blitz. Selbst Pillerault grüßte ihn, da er nur auf die unwiderstehliche Kraft der Milliarde vertraute. Es war halb eins; Mazaud ließ Amadieu kurzerhand stehen und verbeugte sich vor dem Bankier, von dem er manchmal mit einer Order beehrt wurde. Viele Börsenbesucher, die gerade gehen wollten, blieben stehen, umringten den Gott, machten ihm inmitten der Unordnung beschmutzter Tischtücher mit achtungsvoll gekrümmtem Rücken den Hof und sahen ihm ehrfürchtig zu, wie er mit zitternder Hand das Glas Wasser nahm und an die farblosen Lippen führte.
Vor einiger Zeit, bei den Spekulationen um die Grundstücke in der Ebene von Monceau, hatte es zwischen Saccard und Gundermann Auseinandersetzungen, ja sogar ein richtiges Zerwürfnis gegeben. Sie harmonierten nicht miteinander, der eine war leidenschaftlich und ein Genußmensch, der andere nüchtern und von kalter Logik. Daher wollte Saccard, wutentbrannt und zudem erbittert über diesen triumphalen Auftritt, gehen, als ihn der andere ansprach.
»Sagen Sie mal, mein Bester, ist das wahr? Sie ziehen sich von den Geschäften zurück? Glauben Sie mir, Sie tun gut daran, es ist besser so.«
Das war für Saccard ein Peitschenhieb mitten ins Gesicht. Er streckte seine kleine Gestalt und versetzte klar und messerscharf:
»Ich gründe eine Kreditbank mit einem Stammkapital von fünfundzwanzig Millionen; ich gedenke, Sie bald zu besuchen.«
Und er ging hinaus, ließ die hitzige Atmosphäre des Saales hinter sich, in dem einer den anderen anrempelte, um nicht die Eröffnung der Börse zu versäumen. Ach, endlich Erfolg haben! Wieder all diesen Leuten, die ihm den Rücken kehrten, den Fuß auf den Nacken setzen, mit diesem König des Goldes wie mit seinesgleichen kämpfen und ihn vielleicht eines Tages zu Boden strecken! Er war noch keineswegs entschlossen, sein großes Geschäft zu wagen, und selber überrascht über diesen Satz, den ihm das Verlangen zu antworten entlockt hatte. Aber konnte er das Glück anderswo versuchen, jetzt, da sein Bruder ihn im Stich ließ, die Dinge und die Menschen ihn verletzten, um ihn wieder in den Kampf zu werfen, wie man den blutenden Stier in die Arena zurückführt?
Zitternd verharrte er einen Augenblick am Rande des Bürgersteigs. Zu dieser betriebsamen Stunde schien sich das Leben von Paris auf diesen Platz zu ergießen, zentral gelegen zwischen der Rue Montmartre und der Rue Richelieu, den beiden verstopften Verkehrsadern, die die Menge wie Treibsand mit sich führen. Aus den vier Straßen, die von allen Seiten auf den Platz münden, ergoß sich ein ununterbrochener Wagenstrom und durchpflügte das Pflaster inmitten des strudelnden Gewühls der Fußgänger. Unaufhörlich rissen die beiden Droschkenreihen an der Haltestelle längs den Gittern auseinander und schlossen sich wieder, während in der Rue Vivienne die Viktorias26 der Remisiers eine dichte lange Reihe bildeten, überragt von den Kutschern, die sich, die Zügel in der Hand, bereit hielten, beim ersten Befehl auf die Pferde loszupeitschen. Die Stufen und die Vorhalle überschwemmte ein schwarzes Gewimmel von Gehröcken, und von der Kulisse, die schon unter der Uhr zusammengetreten war und ihre Arbeit aufgenommen hatte, stieg der Lärm von Angebot und Nachfrage, dieses Rauschen der Spekulationsflut, sieghaft über das Grollen der Stadt empor. Passanten wandten den Kopf aus Furcht vor dem, was hier geschah, und zugleich in dem Verlangen, das Geheimnis dieser Finanzoperationen zu ergründen, in die nur wenige französische Geister eindringen, dieses unerklärliche plötzliche Entstehen und Zusammenbrechen von Vermögen inmitten dieser wilden Gebärden und barbarischen Schreie. Und am Rande der Gosse, durch die fernen Stimmen betäubt, von den eiligen Leuten angerempelt, träumte Saccard wieder einmal vom Königtum des Goldes in diesem Stadtviertel aller Fieber, in dessen Mitte wie ein mächtiges Herz von eins bis drei die Börse schlägt.
Aber seit seinem Ruin hatte er nicht mehr gewagt, die Börse wieder aufzusuchen; und auch an diesem Tag hielt ihn ein Gefühl verletzter Eitelkeit, hielt ihn die Gewißheit, dort als Besiegter aufgenommen zu werden, davor zurück, die Stufen hinanzusteigen. Und so wie ein aus dem Schlafzimmer seiner Geliebten vertriebener Liebhaber diese nur noch mehr begehrt, auch wenn er sie zu verachten glaubt, kehrte er wie unter einem Zwang hierher zurück, machte er unter nichtigen Vorwänden eine Runde durch den Säulengang, bummelte durch den Garten und schlenderte im Schatten der Kastanienbäume umher. Auf diesem staubigen Square27 ohne Rasen und Blumen, wo auf den Bänken zwischen den Bedürfnisanstalten und den Zeitungsständen verdächtige Spekulanten lungerten, wo barhäuptige Frauen aus dem Viertel ihre Säuglinge stillten, gab sich Saccard als unbeteiligter Spaziergänger, blickte empor, spähte umher, von dem wütenden Gedanken erfüllt, daß er das Gebäude belagerte, daß er es mit einem engen Ring umschloß, um hier eines Tages wieder als Triumphator einzuziehen.
Um die rechte Ecke herum drang er bis zu den Bäumen gegenüber der Rue de la Banque vor und stieß sogleich auf die Winkelbörse für die vom Kurszettel gestrichenen Wertpapiere, auf die »Naßfüßler«, wie diese Spekulanten des Trödels mit spöttischer Verachtung genannt wurden, die unter freiem Himmel im Schlamm der Regentage die Aktienkurse der liquidierten Gesellschaften notieren. Ein Haufen Juden, schmutzig gekleidet, bildete dort eine lärmende Gruppe, lauter fettige, glänzende Gesichter, dürre Profile wie bei gefräßigen Vögeln, eine ungewöhnliche Ansammlung von typischen Nasen, dicht bei dicht, als wollten sie sich mit kehligen Rufen auf eine Beute stürzen oder sich untereinander verschlingen. Als er vorüberging, bemerkte er ein wenig abseits einen dicken Mann, der behutsam zwischen seinen großen schmutzigen Fingern einen Rubin in die Höhe hielt, um ihn in der Sonne zu prüfen.
»Sieh mal an. Busch! ... Da fällt mir ein, daß ich zu Ihnen hinauf wollte.«
Busch, der in der Rue Feydeau, Ecke Rue Vivienne ein Geschäftsbüro führte, war ihm zu wiederholten Malen in schwierigen Lagen von großem Nutzen gewesen. Er prüfte weiter verzückt das Feuer des Edelsteins, das breite, ausdruckslose Gesicht emporgerichtet, die großen grauen Augen wie erloschen in dem grellen Licht; man sah seine zu einem Strick zusammengedrehte weiße Halsbinde, die er immer trug, und sein gebraucht gekaufter Gehrock, der früher einmal prachtvoll gewesen sein mußte, jetzt aber unsagbar abgewetzt und fleckig war, reichte ihm bis an die fahlen Haare, die in spärlichen, widerspenstigen Strähnen von seinem kahlen Schädel herabhingen. Das Alter seines von der Sonne ausgebleichten, von den Regengüssen verwaschenen Hutes war nicht mehr zu bestimmen.
Endlich kam er aus seiner Verzückung wieder zu sich.
»Ach, Herr Saccard! Sie machen hier wohl einen kleinen Spaziergang?«
»Ja ... Da ist ein Brief in russischer Sprache von einem russischen Bankier, der sich in Konstantinopel niedergelassen hat, und ich dachte, daß Ihr Bruder ihn mir übersetzen könnte.«
Busch, der in der rechten Hand unbewußt und zärtlich noch immer den Rubin hin und her bewegte, gab ihm die linke und sagte, die Übersetzung würde ihm noch am gleichen Abend zugeschickt. Aber Saccard erklärte, es handele sich nur um zehn Zeilen.
»Ich gehe mal hinauf, Ihr Bruder kann es mir dann gleich vorlesen ...«
Er wurde unterbrochen, weil Frau Méchain hinzutrat, ein Riesenweib, das den Stammbesuchern der Börse wohlbekannt war, eine jener wütenden, erbärmlichen Spekulantinnen, die ihre fetten Finger in allen möglichen dunklen Geschäften haben. Ihr gedunsenes rotes Vollmondgesicht mit den winzigen blauen Augen, der verschwindend kleinen Nase, dem kleinen Mund, aus dem eine flötende Kinderstimme kam, quoll unter dem alten malvenfarbigen Hut hervor, dessen dunkelrote Bänder schief gebunden waren; der riesige Busen und der Wasserbauch ließen das ausgebleichte, völlig verdreckte grüne Popelinekleid in den Nähten krachen. Am Arm hatte sie eine uralte schwarze Ledertasche, groß und geräumig wie ein Koffer, von der sie sich nie trennte. An diesem Tag war die Tasche zum Platzen voll und so schwer, daß sie Frau Méchain zur Seite zog wie einen schiefgewachsenen Baum.
»Da sind Sie ja«, sagte Busch, der offenbar auf sie gewartet hatte.
»Ja, und ich habe die Papiere aus Vendôme bekommen, hier bringe ich sie Ihnen.«
»Schön! Gehen wir zu mir ... Hier ist heute nichts zu machen.«
Saccard hatte einen flackernden Blick auf die große Ledertasche geworfen. Er wußte, daß darin zwangsläufig die vom Kurszettel gestrichenen Papiere, die Aktien der bankrotten Gesellschaften, verschwanden, mit denen die »Naßfüßler« noch spekulieren, Aktien von fünfhundert Francs, die sie sich für zwanzig, für zehn Sous streitig machen in der unsicheren Hoffnung auf ein unwahrscheinliches Wiederanziehen des Kurses oder die sie zweckmäßigerweise gleich als strafbare Ware handeln, um sie mit Gewinn den Bankrotteuren abzulassen, die ihre Passiva28 aufblähen wollen. In den mörderischen Schlachten der Finanzwelt war die Méchain der Rabe, der den marschierenden Armeen folgt; nicht eine Gesellschaft, nicht ein großes Kreditinstitut brach zusammen, ohne daß sie mit ihrer Tasche erschien, ohne daß sie, selbst in den glücklichen Stunden der triumphierenden Emissionen29, die Leichen in der Luft witterte; denn sie wußte wohl, daß die Niederlage unabwendbar war, daß der Tag des Gemetzels kommen würde, an dem es Tote zu fressen und Wertpapiere für umsonst im Schlamm und im Blut aufzulesen gab. Und ihm, der sein großes Bankprojekt erwog, schauderte leicht; eine Vorahnung durchzuckte ihn beim Anblick dieser Tasche, dieses Beinhauses der entwerteten Aktien, in dem alles aus der Börse gefegte schmutzige Papier verschwand.
Als Busch die alte Frau mitnehmen wollte, hielt ihn Saccard zurück.
»Dann kann ich also hinaufgehen und treffe Ihren Bruder bestimmt an?«
Die Augen des Juden blickten mit einemmal sanft und drückten eine unruhige Überraschung aus.
»Meinen Bruder, aber sicher! Wo soll er denn sonst sein?«
»Sehr schön, bis gleich!«
Und Saccard, der die beiden gehen ließ, setzte entlang den Bäumen seinen langsamen Gang zur Rue Notre-Dame-des-Victoires fort. Auf dieser Seite des Platzes herrscht besonders reger Verkehr; Geschäfte und Etagenfirmen, deren goldene Schilder in der Sonne aufflammten, nehmen die ganze Front ein. Markisen knatterten an den Balkonen, eine Familie aus der Provinz stand offenen Mundes am Fenster einer Pension. Mechanisch hob Saccard den Kopf und betrachtete diese Leute, deren Verblüffung ihn lächeln ließ und ihn in dem Gedanken bestärkte, daß es in der Provinz immer Aktionäre geben würde. Hinter seinem Rücken hielt der Aufruhr der Börse, das Rauschen einer fernen Flut an, verfolgte ihn wie eine Drohung, ihn einzuholen und zu verschlingen.
Aber eine neuerliche Begegnung hielt ihn fest.
»Wie, Jordan, Sie an der Börse?« rief er und drückte einem großen braunhaarigen jungen Mann mit einem kleinen Schnurrbärtchen und entschlossener, eigensinniger Miene die Hand.
Jordan, dessen Vater, ein Bankier aus Marseille, seinerzeit nach unseligen Spekulationen Selbstmord begangen hatte, klapperte seit zehn Jahren, besessen von der Literatur, in einem tapferen Kampf gegen das graue Elend das Pariser Pflaster ab. Ein Vetter von ihm, der in Plassans ansässig war und dort Saccards Familie kannte, hatte ihn seinerzeit Saccard empfohlen, als dieser in seinem Haus am Parc Monceau ganz Paris empfing.
»Oh, ich an der Börse, niemals!« erwiderte der junge Mann mit einer heftigen Gebärde, als wollte er die tragische Erinnerung an seinen Vater verscheuchen.
Dann lächelte er wieder.
»Sie wissen doch, daß ich mich verheiratet habe ... Ja, mit einer früheren Spielgefährtin. Wir hatten uns zu einer Zeit verlobt, da ich noch reich war, und sie hat es sich in den Kopf gesetzt, trotz allem den armen Teufel zu wollen, der ich geworden bin.«
»Ganz recht, ich habe ja die Anzeige bekommen«, sagte Saccard. »Und stellen Sie sich vor, ich stand vor Jahren in Verbindung mit Ihrem Schwiegervater, Herrn Maugendre, als er seine Zeltplanenfabrik in La Villette hatte. Er muß sich dabei ein hübsches Vermögen verdient haben.«
Dieses Gespräch fand in der Nähe einer Bank statt, und Jordan unterbrach Saccard, um ihm einen dicken, untersetzten Herrn von militärischem Aussehen vorzustellen, der dort saß und mit dem er zuvor geplaudert hatte.
»Hauptmann Chave, ein Onkel meiner Frau ... Frau Maugendre, meine Schwiegermutter, ist eine Chave aus Marseille.«
Der Hauptmann hatte sich erhoben, und Saccard begrüßte ihn. Er kannte dieses apoplektische Gesicht mit dem vom Tragen des Uniformkragens steif gewordenen Hals vom Sehen, Chave war einer jener kleinen Spekulanten in Kassageschäften, denen man an diesem Ort mit Sicherheit täglich von eins bis drei begegnen konnte. Sie betreiben das Börsenspiel mit Kleingewinnst, einem fast sicheren Gewinn von fünfzehn bis zwanzig Francs, den man am gleichen Börsentag realisiert.
Um seine Anwesenheit zu erklären, hatte Jordan mit seinem gutmütigen Lächeln hinzugefügt:
»Mein Onkel ist ein wilder Börsenjobber, dem ich nur manchmal im Vorbeigehen die Hand drücke.«
»Freilich«, sagte der Hauptmann schlicht, »ich muß schon spekulieren, denn die Regierung läßt mich ja mit ihrer Pension verhungern.«
Darauf fragte Saccard den jungen Mann, der ihn ob seines Lebensmutes interessierte, wie es mit der Schriftstellerei vorangehe. Und Jordan, der immer vergnügter wurde, erzählte von der Einrichtung seines armseligen Haushalts im fünften Stock eines Hauses in der Avenue de Clichy; denn die Maugendres, die kein Zutrauen zu einem Dichter hatten, glaubten mit ihrer Einwilligung in die Ehe schon viel getan zu haben und hatten ihrer Tochter nichts mitgegeben unter dem Vorwand, daß sie nach dem Tode der Eltern sowieso das unangetastete, durch Ersparnisse fett gewordene Vermögen bekommen würde. Nein, die Literatur ernähre ihren Mann nicht. Er plante einen Roman, fand aber keine Zeit zum Schreiben und hatte sich gezwungenermaßen auf den Journalismus verlegt, wo er alles hinpfuschte, was in sein Fach fiel, vom Lokalteil bis zur Gerichtsberichterstattung und sogar bis zur Rubrik »Vermischtes«.
»Na schön!« sagte Saccard. »Wenn ich meine große Sache steigen lasse, kann ich Sie vielleicht brauchen. Besuchen Sie mich doch mal.«
Nachdem er gegrüßt hatte, bog er hinter die Börse ab. Dort endlich hörte das ferne Stimmengewirr, hörte das Gebell des Börsenspiels auf und war nur noch ein unbestimmtes Geräusch, das im Grollen des Platzes unterging. Auch auf dieser Seite waren die Stufen von Menschen überflutet, aber das Maklerzimmer, dessen rote Wandbespannung durch die hohen Fenster zu sehen war, hielt den Krach aus dem großen Saal von dem Säulengang fern, wo sich die feinen, die reichen Spekulanten einzeln oder in kleinen Gruppen bequem in den Schatten gesetzt und so die weite, nach drei Seiten offene Vorhalle in eine Art Klub verwandelt hatten. Diese Rückseite des Gebäudes war ein wenig wie die Kehrseite eines Theaters, der Bühneneingang mit der anrüchigen, verhältnismäßig ruhigen Straße, jener Rue Notre-Dame-des-Victoires, in der sich Weinhandlungen, Cafés, Braustuben und Schenken aneinanderreihten, die von einer besonderen, seltsam gemischten Kundschaft wimmelten. Auch an den Firmenschildern erkannte man das Unkraut, das am Rande der benachbarten großen Kloake in die Höhe schoß: übel beleumdete Versicherungsgesellschaften, Börsenzeitungen, die ihr Gewerbe wie Straßenraub betrieben, Gesellschaften, Banken, Agenturen, Büros, die ganze Reihe bescheidener Halsabschneider, die sich in Butiken oder Zwischengeschossen von Handbreite eingerichtet hatten. Auf den Bürgersteigen, mitten auf der Straße, überall lungerten Männer herum und lagen, gleich Räubern am Waldessaum, auf der Lauer.
Saccard war innerhalb der Gitter stehengeblieben und schaute mit dem scharfen Blick eines Heerführers, der den Platz, den er im Sturm nehmen will, von allen Seiten her prüft, auf die Tür, die in das Maklerzimmer führte. Da trat ein großer Kerl aus einer Schenke, kam über die Straße und verbeugte sich sehr tief.
»Ach, Herr Saccard, haben Sie nichts für mich? Ich habe den Crédit Mobilier30 für immer verlassen und suche eine Stellung.«
Jantrou, ein ehemaliger Professor, war wegen einer undurchsichtigen Geschichte von Bordeaux nach Paris gekommen. Er hatte die Universität verlassen müssen; heruntergekommen, aber ein hübscher Bursche mit seinem fächerförmigen schwarzen Bart und seiner frühzeitigen Glatze, überdies gebildet, intelligent und liebenswürdig, war er mit ungefähr achtundzwanzig Jahren an der Börse gelandet, hatte sich dort zehn Jahre lang als Remisier durchgeschlagen, sich in Verruf gebracht und dabei kaum das für seine Laster notwendige Geld verdient. Und heute, da er gänzlich kahlköpfig war und sich wie eine Dirne härmte, die von ihren Falten den Broterwerb bedroht sieht, wartete er immer noch auf die Gelegenheit, die ihm zum Erfolg, zum Reichtum verhelfen sollte.
Als Saccard ihn so demütig sah, erinnerte er sich voller Bitternis an Sabatanis Gruß bei Champeaux: keine Frage, ihm blieben nur die anrüchigen und die verkrachten Existenzen. Aber es fehlte ihm nicht an Achtung vor Jantrous scharfem Verstand, und er wußte wohl, daß man die tapfersten Truppen aus den Verzweifelten zusammenstellt, aus jenen, die alles wagen, weil sie alles zu gewinnen haben. Er gab sich wohlwollend.
»Eine Stellung?« wiederholte er. »Nun, da läßt sich vielleicht was machen. Besuchen Sie mich mal.«
»Rue Saint-Lazare wohnen Sie jetzt, nicht wahr?«
»Ja, Rue Saint-Lazare. Kommen Sie gleich früh.«
Sie plauderten. Jantrou war über die Börse sehr aufgebracht; ein Schurke müsse man sein, um dort Erfolg zu haben, wiederholte er mit dem Groll eines Mannes, der bei seinen Schurkenstreichen kein Glück gehabt hatte. Das war nun vorbei, er wollte etwas anderes versuchen; dank seiner Universitätsbildung und seinen Bekanntschaften in der Gesellschaft, so meinte er, konnte er sich eine schöne Anstellung bei den Behörden verschaffen. Saccard pflichtete ihm mit einem Kopfnicken bei. Und als sie dann die Gitter hinter sich gelassen hatten und auf dem Bürgersteig bis zur Rue Brongniart gegangen waren, erregte ein dunkles Kupee ihr Interesse: mustergültig bespannt, hielt es in dieser Straße, wobei das Pferd zur Rue Montmartre stand. Indes der Rücken des Kutschers hoch oben auf dem Bock in steinerner Unbeweglichkeit verharrte, tauchte ein Frauenkopf, wie sie bemerkten, zweimal hintereinander am Wagenfenster auf und verschwand gleich wieder. Plötzlich beugte er sich heraus und warf einen langen, ungeduldigen Blick hinter sich in Richtung Börse.
»Die Baronin Sandorff«, murmelte Saccard.
Es war ein ganz ungewöhnlicher brauner Kopf mit schwarzen Augen, die unter bläulichen Lidern brannten, ein leidenschaftliches Gesicht mit blutrotem Mund, das nur eine zu lange Nase entstellte. Sie schien sehr hübsch, zu reif für ihre fünfundzwanzig Jahre; sie sah aus wie eine Bacchantin, die sich von den größten Couturiers31 des Kaiserreichs kleiden ließ.
»Ja, die Baronin«, wiederholte Jantrou. »Ich habe sie bei ihrem Vater, dem Grafen de Ladricourt, kennengelernt, als sie noch ein junges Mädchen war. Oh, der war ein wütender Spekulant und von einer empörenden Rohheit! Jeden Morgen holte ich seine Orders ab, und einmal hat er mich beinahe verdroschen. Ich habe ihm nicht nachgeweint, als er an einem Schlaganfall gestorben ist, nachdem er sich durch eine Reihe jämmerlicher Liquidationen32 ruiniert hatte ... Die Kleine mußte sich damals entschließen, den österreichischen Botschaftsrat Baron Sandorff zu heiraten, der fünfunddreißig Jahre älter war als sie und den sie mit ihren feurigen Blicken buchstäblich verrückt gemacht hatte.«
»Ich weiß«, sagte Saccard.
Der Kopf der Baronin war wieder im Kupee verschwunden. Aber gleich darauf erschien er von neuem, glühte noch mehr, und sie verrenkte sich bald den Hals, um in die Ferne auf den Platz zu schauen.
»Sie spekuliert, nicht wahr?«
»Oh, wie eine Irre! An allen Krisentagen kann man sie dort in ihrem Wagen sehen, wie sie auf die Kurse lauert, sich fieberhaft Notizen in ihr Merkbuch macht, Orders erteilt ... Und sehen Sie, auf Massias hat sie gewartet: da geht er zu ihr.«
In der Tat, mit dem Kurszettel in der Hand, rannte Massias zu ihr, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, und sie sahen, wie er sich auf den Wagenschlag des Kupees stützte, den Kopf hineinsteckte und ein großes Palaver mit der Baronin begann. Saccard und Jantrou entfernten sich ein wenig, um nicht bei ihrem Spionieren überrascht zu werden, und als der Remisier zurückkam, immer noch im Laufschritt, riefen sie ihn an. Er warf erst einen Blick zur Seite und vergewisserte sich, daß er nicht gesehen wurde; dann blieb er stehen, ganz außer Atem; sein blühendes Gesicht mit den großen blauen Augen von kindlicher Reinheit war hochrot und trotzdem fröhlich.
»Was sie bloß haben!« rief er. »Suez purzelt auf einmal. Man spricht von einem Krieg mit England. Eine Nachricht, die sie ganz aus dem Häuschen bringt und von der man nicht mal weiß, woher sie stammt ... Ich bitte Sie, Krieg! Wer kann das bloß erfunden haben? Vielleicht ist das auch von ganz allein entstanden ... Richtig wie ein Blitz aus heiterem Himmel.«
Jantrou blinzelte mit den Augen.
»Die Dame beißt immer noch an?«
»Oh, wie wild! Ich bringe Nathansohn ihre Orders.«
Saccard, der das hörte, stellte ganz laut eine Überlegung an.
»Ja richtig! Man hat mir doch erzählt, daß Nathansohn in die Kulisse eingetreten ist.«
»Ein sehr netter Junge, der Nathansohn«, erklärte Jantrou, »er verdient es hochzukommen. Wir sind zusammen beim Crédit Mobilier gewesen ... Und er wird es auch zu etwas bringen, denn er ist Jude. Sein Vater, ein Österreicher, hat sich, glaube ich, als Uhrmacher in Besançon niedergelassen ... Sie müssen wissen, eines Tages hat ihn das da drüben beim Crédit gepackt, als er sah, wie das alles so gedreht wird. Und er hat sich gesagt, daß das gar nicht so schwierig sei, daß man nur einen Raum brauchte und einen Schalter aufmachen müßte; und er hat einen Schalter aufgemacht ... Na und Sie, sind Sie zufrieden, Massias?«
»Oh, zufrieden! Sie habenʼs ja selber mitgemacht, und Sie haben recht, wenn Sie sagen, daß man Jude sein muß. Ist man es nicht, braucht man gar nicht erst zu versuchen dahinterzukommen, man hat eben kein Glück, sondern bloß höllisches Pech ... Ein Hundeberuf! Aber ist man erst mal dabei, bleibt man auch dabei. Und dann habe ich ja noch gute Beine, ich gebe trotz allem die Hoffnung nicht auf.«
Und lachend rannte er wieder los. Es hieß, er sei der Sohn eines mit Schimpf und Schande entlassenen Beamten aus Lyon; nach dem Tode seines Vaters sei er an der Börse gelandet, weil er sein Jurastudium nicht hatte fortsetzen wollen.
Saccard und Jantrou gingen gemächlich in die Rue Brongniart zurück. Dort stand noch immer das Kupee der Baronin, aber die Fenster waren geschlossen, der geheimnisvolle Wagen schien leer zu sein, die Reglosigkeit des Kutschers hatte offenbar noch zugenommen bei diesem endlosen Warten, das oft bis zum letzten Kurswert dauerte.
»Sie ist verteufelt aufreizend«, versetzte Saccard unverblümt. »Ich kann den alten Baron verstehen.«
Jantrou lächelte eigentümlich.
»Oh, dem Baron ist sie, glaube ich, seit langem über. Und er soll sehr knickrig sein, wie man sagt ... Wissen Sie, mit wem sie sich eingelassen hat, um ihre Rechnungen bezahlen zu können, weil die Spekulation nie genug einbringt?«
»Nein.«
»Mit Delcambre.«
»Delcambre, der Generalstaatsanwalt? Dieser große Dürre, der so gelb und so steif ist? ... Na, die möchte ich ja mal zusammen sehen!«
Und die beiden trennten sich, lustig und aufgekratzt, mit einem kräftigen Händedruck, nachdem der eine den andern noch einmal daran erinnert hatte, daß er sich demnächst erlauben würde, ihn zu besuchen.
Als Saccard wieder allein war, wurde er erneut von der lauten Stimme der Börse gepackt, die ihn bei seiner Rückkehr mit dem Eigensinn der Flut umbrandete. Er war um die Ecke gebogen und ging nach der Rue Vivienne zu; er überquerte den Platz auf jener Seite, wo keine Cafés sind und die deshalb so streng wirkt. Er kam an der Handelskammer vorbei, am Postamt und an den großen Werbebüros; seine Betäubung und fieberhafte Erregung nahmen in dem Maße zu, wie er sich wieder der Hauptfassade näherte, und als er einen schrägen Blick auf die Vorhalle werfen konnte, legte er erneut eine Pause ein, als wollte er die Runde um den Säulengang, diese Art leidenschaftlicher Umklammerung, mit der er die Börse umschloß, noch nicht beenden. Dort, wo die Straße breiter wurde, herrschte reges Treiben: eine Woge von Gästen überflutete die Cafés, die Konditorei wurde nicht mehr leer, vor den Schaufenstern ballte sich die Menge, besonders vor der Auslage eines Goldschmiedes, die im Glanz kostbarer Silberarbeiten erstrahlte. Und auf den Kreuzungen an den vier Ecken schien sich der Strom der Droschken und Fußgänger, der aus den Straßen quoll, zu einem unentwirrbaren Durcheinander verdichtet zu haben; die Omnibushaltestelle vergrößerte die Stauung noch, und die Wagenreihe der Remisiers versperrte fast über die ganze Länge des Gitters den Bürgersteig. Aber Saccard starrte auf die obersten Stufen, wo sich in der prallen Sonne einzelne Gehröcke aus der Menge lösten. Dann fiel sein Blick wieder auf die kompakte Masse zwischen den Säulen, ein schwarzes Gewimmel, das die bleichen Flecken der Gesichter kaum aufhellten. Alle standen, die Stühle waren nicht zu sehen, den Kreis der Kulisse, die unter der Uhr saß, konnte man nur an jenem Brodeln erraten, an den wütenden Worten und Gebärden, von denen die Luft erzitterte. Links bei der Gruppe der Bankiers, die mit Arbitragen33 und mit englischen Wechsel- und Scheckgeschäften befaßt waren, ging es ruhiger zu, nur daß unaufhörlich in langer Schlange Leute vorbeizogen, die zum Telegrafen wollten. Bis unter die Seitengalerien drängten und quetschten sich die Spekulanten; und es gab welche, die es sich zwischen den Säulen auf dem Eisengeländer so bequem machten und ihren Bauch oder ihren Rücken rausstreckten, als säßen sie daheim in ihrem Kontor auf einem Samtsessel. Dieses Beben und Grollen einer unter Dampf stehenden Maschine nahm immer mehr zu und versetzte die ganze Börse in flackernde Unruhe. Plötzlich erkannte Saccard den Remisier Massias, der mit großen Sprüngen die Stufen hinunterrannte und in seinem Wagen verschwand. Der Kutscher trieb das Pferd zum Galopp an.
Da merkte Saccard, wie sich seine Fäuste ballten. Er riß sich mit Gewalt los, bog in die Rue Vivienne ein und überquerte den Fahrdamm, um die Ecke der Rue Feydeau zu erreichen, wo sich Buschs Haus befand. Ihm war der russische Brief eingefallen, den er sich übersetzen lassen wollte. Aber als er das Haus betrat, grüßte ihn ein junger Mann, der sich vor dem Papierwarengeschäft im Erdgeschoß aufgepflanzt hatte. Es war Gustave Sédille, der Sohn eines Seidenfabrikanten aus der Rue des Jeûneurs; sein Vater hatte ihn bei Mazaud untergebracht, damit er dort den Mechanismus der Finanzoperationen kennenlernte. Saccard lächelte diesem eleganten großen Burschen väterlich zu, denn er ahnte sehr wohl, weshalb Sédille hier auf Posten stand. Die Papierwarenhandlung Conin belieferte die ganze Börse mit Handbüchern, seitdem die kleine Frau Conin ihrem Mann, dem dicken Conin, im Geschäft half. Er selbst kam nie aus seiner Hinterstube heraus und befaßte sich mit der Herstellung, während sie ständig hin und her ging, am Ladentisch bediente und draußen die Besorgungen erledigte. Sie war üppig, blond und rosig, ein richtiges kleines gelocktes Schäfchen mit mattseidenem Haar, sehr reizend und anschmiegsam und immer fröhlich. Ihren Gatten liebte sie sehr, hieß es, was sie jedoch nicht hinderte, zärtlich zu werden, wenn ihr ein Börsenbesucher aus der Kundschaft gefiel – nicht etwa für Geld, sondern allein um des Vergnügens willen und nur ein einziges Mal, im Haus einer Freundin aus der Nachbarschaft, wie man sich erzählte. Auf jeden Fall mußten sich die von ihr Beglückten verschwiegen und dankbar erweisen, denn sie wurde weiterhin angebetet und gefeiert, ohne daß ein häßliches Gerede über sie umging. Und die Papierwarenhandlung blühte weiter, war ein Winkel echten Glücks. Im Vorbeigehen bemerkte Saccard, wie Frau Conin durch die Scheiben hindurch Gustave zulächelte. Was für ein hübsches kleines Schäfchen! Sie wirkte auf ihn wie eine zärtliche Liebkosung. Endlich stieg er hinauf.
Seit zwanzig Jahren hatte Busch ganz oben im fünften Stock eine kleine Wohnung, die aus zwei Zimmern und einer Küche bestand. Als Kind deutscher Eltern in Nancy geboren, war er aus seiner Geburtsstadt hierher verschlagen worden und hatte seinen ungemein verwickelten Geschäftsbereich nach und nach ausgedehnt, ohne das Bedürfnis nach einem größeren Arbeitszimmer zu empfinden; seinem Bruder Sigismond hatte er das Zimmer zur Straße überlassen, während er sich mit dem kleinen Raum auf den Hof hinaus begnügte, in dem sich der Papierkram, die Akten und alle möglichen Pakete derart häuften, daß nur noch für einen einzigen Stuhl am Schreibtisch Platz war. Eines seiner großen Geschäfte war wohl der Handel mit den entwerteten Papieren, die bei ihm zusammenliefen; er diente als Vermittler zwischen der Winkelbörse der »Naßfüßler« und den Bankrotteuren, die Löcher in ihrer Bilanz zu stopfen haben; daher verfolgte er die Kurse, kaufte manchmal direkt und bezog die Mittel dafür aus den Einlagen, die man ihm brachte. Aber außer dem Wucher und einem geheimen Handel mit Schmuck und Edelsteinen befaßte er sich besonders mit dem Ankauf von Schuldforderungen. Und das brachte die Wände in seinem Arbeitszimmer fast zum Einstürzen, das trieb ihn in Paris in alle vier Himmelsrichtungen, ließ ihn wittern und lauern, gewährte ihm Einblick in alle Schichten der Gesellschaft. Sobald er von einem Bankrott erfuhr, lief er herbei, strich um den Konkursverwalter herum und kaufte schließlich alles, woraus man nicht unmittelbar Nutzen ziehen konnte. Er schnüffelte in den Büros der Notare, wartete auf die Eröffnung strittiger Hinterlassenschaften und wohnte den Versteigerungen der hoffnungslosen Schuldforderungen bei. Er veröffentlichte selbst Anzeigen, lockte die ungeduldigen Gläubiger an, die lieber sofort ein paar Sous einstecken als Gefahr laufen wollten, ihre Schuldner gerichtlich belangen zu müssen. Und aus diesen mannigfachen Quellen floß das Papier wirklich körbeweise, entstand der unaufhörlich anwachsende Papierberg eines Lumpensammlers der Schuld: unbezahlte Wechsel, nicht eingelöste Schuldverschreibungen, nicht eingehaltene Vergleiche und Verpflichtungen. Dann begann die Auslese, wurde mit der Gabel in diesem Gericht aus verdorbenen Speiseresten herumgestochert, was ein besonderes, sehr feines Gespür erforderte. In diesem Meer von verschwundenen oder zahlungsunfähigen Schuldnern mußte man eine Auswahl treffen, um sich nicht allzusehr zu verzetteln. Grundsätzlich war er der Meinung, daß jede Schuldforderung, selbst die zweifelhafteste, noch einmal was wert sein konnte, und er besaß eine Reihe bewundernswert geordneter Akten, zu denen ein Namensverzeichnis gehörte, das er von Zeit zu Zeit noch einmal durchlas, um sein Gedächtnis aufzufrischen. Bei den Zahlungsunfähigen war er natürlich mehr hinter jenen her, von denen er glaubte, daß sie Aussichten hatten, bald zu Vermögen zu kommen. Bei seinen Ermittlungen schaute er den Leuten unters Hemd, drang in die Familiengeheimnisse ein, nahm Notiz von den reichen Verwandten, von den Existenzmitteln, vor allem von den neuen Anstellungen, die es erlaubten, Zahlungsbefehle zu erlassen. Oft ließ er auf diese Weise einen Menschen Jahre hindurch reif werden, um ihn beim ersten Erfolg abzuwürgen. Was die verschwundenen Schuldner anlangte, so versetzten sie ihn noch mehr in Leidenschaft und warfen ihn in ein Fieber ständiger Nachforschungen; dauernd hatte er ein Auge auf die Firmenschilder und auf die Namen in den Zeitungen, kundschaftete die Anschriften aus, so wie ein Hund das Wild aufspürt. Und sobald er die Verschollenen und die Zahlungsunfähigen aufgespürt hatte, wurde er grausam, fraß sie mit seinen Unkosten auf, saugte sie aus bis aufs Blut, schlug hundert Francs aus dem, was er mit zehn Sous bezahlt hatte, und führte brutal seine Risiken als Spekulant ins Feld, der gezwungen ist, an denen, die er erwischte, zu verdienen, was er angeblich bei jenen verlor, die ihm wie Rauch durch die Finger gingen.
Bei dieser Jagd auf die Schuldner war die Méchain eine seiner bevorzugten Gehilfinnen; denn wenn er dafür eine kleine Truppe von Treibern zu seiner Verfügung haben mußte, so lebte er doch in ständigem Mißtrauen gegen diese übelbeleumdeten, ausgehungerten Leute; die Méchain dagegen hatte selber einen schönen Batzen und besaß hinter dem Montmartre ein ganzes Häuserviertel, die Cité de Naples, ein weites Gelände, auf dem wacklige Hütten standen, die sie monatsweise vermietete: ein Winkel schrecklichen Elends, ein Haufen Hungerleider im Kot, Schweinekoben, die man sich gegenseitig streitig machte und aus denen sie erbarmungslos die Mieter samt ihrem Mist hinausfegte, sobald sie nicht mehr bezahlten. Was sie auffraß, was ihre Gewinne aus der Cité de Naples wieder verschlang, das war ihre unglückselige Spielleidenschaft. Und sie fand auch Gefallen an den vom Geld geschlagenen Wunden, an den Bankrotten, an den Feuersbrünsten, bei denen man geschmolzenen Schmuck stehlen kann. Wenn Busch sie beauftragte, eine Auskunft einzuholen, einen Schuldner zu exmittieren, so setzte sie manchmal aus der eigenen Tasche zu und verausgabte sich um des Vergnügens willen. Sie bezeichnete sich als Witwe, doch niemand hatte ihren Mann gekannt. Sie kam von Gott weiß woher, und mit ihrem schwabbeligen Fett und ihrer dünnen Kleinmädchenstimme schien sie immer fünfzig Jahre alt gewesen zu sein.
Als sich an jenem Tag die Méchain auf den einzigen Stuhl gesetzt hatte, war das Arbeitszimmer voll, gleichsam verstopft von diesem letzten Paket aus Fleisch, das da hingeplumpst war. Vor seinem Schreibtisch glich Busch einem Gefangenen, der in einem Meer von Akten vergraben war, aus dem nur sein eckiger Schädel auftauchte.
»Da«, sagte sie und schüttete aus ihrer alten, zum Platzen vollen Tasche den ungeheuren Papierhaufen, »das schickt mir Fayeux aus Vendôme ... Aus dem Bankrott von Charpier hat er für Sie alles aufgekauft, wie Sie ihm durch mich hatten ausrichten lassen ... Hundertzehn Francs.«
Fayeux, den sie ihren Cousin nannte, hatte sich in Vendôme ein Kuponeinnahmebüro eingerichtet. Er besaß die Konzession für die Einnahme der Kupons der kleinen Rentiers34 vom Lande, und als Verwahrer dieser Kupons und des Geldes spekulierte er hemmungslos.
»Nicht viel los mit der Provinz«, murmelte Busch, »aber trotzdem macht man dort auch mal einen tollen Fund.«
Er beschnupperte die Papiere, wählte sie schon mit kundiger Hand aus und ordnete sie grob nach einer ersten Einschätzung, nach dem Geruch. Sein ausdrucksloses Gesicht verdüsterte sich und nahm einen enttäuschten, brummigen Ausdruck an.
»Hm! Nichts Fettes dabei, nichts zum Anbeißen. Zum Glück war das nicht teuer ... Hier sind Wechsel ... noch mal Wechsel ... Wenn das junge Leute sind und wenn sie nach Paris kommen, werden wir sie vielleicht erwischen ...«
Doch da entfuhr ihm ein leiser Ausruf der Überraschung.
»Nanu, was ist denn das?«
Er hatte die Unterschrift des Grafen de Beauvilliers entziffert, auf einem Blatt Stempelpapier, auf dem nur drei Zeilen standen, in einer großen, greisenhaften Handschrift: »Ich verpflichte mich, an Fräulein Léonie Cron am Tage ihrer Volljährigkeit den Betrag von zehntausend Francs auszuzahlen.«
»Der Graf de Beauvilliers«, versetzte er langsam und überlegte ganz laut, »ja, bei Vendôme hat er Pachthöfe gehabt, eine ganze Domäne sogar ... Er ist bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen und hat eine Frau und zwei Kinder in Not zurückgelassen. Ich habe früher Wechsel gehabt, die sie nur unter Schwierigkeiten bezahlen konnten ... Ein Angeber, ein Taugenichts ...«
Plötzlich lachte er laut auf, denn er ahnte, wie die Geschichte verlaufen sein mußte.
»Ach, der alte Gauner hat die Kleine reingelegt! ... Sie wollte nicht, und er hat sie mit diesem rechtlich wertlosen Fetzen Papier rumgekriegt. Dann ist er gestorben ... Wollen doch mal sehen, datiert ist das 1854, vor zehn Jahren also. Zum Teufel, das Mädchen muß jetzt volljährig sein! Wie konnte dieser Schuldschein Charpier in die Hände fallen? Einem Getreidehändler wie diesem Charpier? Der betrieb doch kurzfristige Wuchergeschäfte. Zweifellos hat ihm das Mädchen das da als Pfand für einige Taler abgelassen, oder vielleicht war er mit der Beitreibung beauftragt ...«
»Aber das ist doch sehr gut, ein richtiger Coup ist das!« unterbrach ihn die Méchain.
Busch zuckte verächtlich die Achseln.
»Ach was, nein! Ich sage Ihnen doch, daß das rechtlich wertlos ist ... Wenn ich das den Erben vorlege, können sie mich zum Teufel schicken, denn es müßte der Beweis angetreten werden, daß das Geld wirklich geschuldet worden ist ... Aber wenn wir das Mädchen ausfindig machen, könnte ich sie vielleicht dazu bringen, vernünftig zu sein und sich mit uns zu verständigen, um unangenehmes Aufsehen zu vermeiden ... Verstehen Sie? Suchen Sie diese Léonie Cron, schreiben Sie an Fayeux, damit er sie uns aufstöbert. Dann können wir uns ins Fäustchen lachen.«
Er hatte aus den Papieren zwei Haufen aussortiert, die er gründlich prüfen wollte, sobald er allein war; jetzt verharrte er reglos, auf jedem Haufen eine Hand.
Nach einer Pause fuhr die Méchain fort:
»Ich habe mich mit Jordans Wechseln beschäftigt ... Ich glaubte schon, unseren Mann gefunden zu haben. Er war irgendwo angestellt und schreibt jetzt in den Zeitungen. Aber unsereins wird in den Redaktionen so schlecht empfangen; sie weigern sich, uns die Adressen zu geben. Und dann glaube ich auch, daß er seine Artikel nicht mit seinem richtigen Namen unterschreibt.«
Ohne ein Wort zu sagen, hatte Busch den Arm ausgestreckt, um die Akte Jordan von ihrem alphabetischen Platz zu nehmen. Das waren sechs Wechsel zu je fünfzig Francs, die schon vor fünf Jahren im Abstand von je einem Monat ausgestellt worden waren – Wechsel über insgesamt dreihundert Francs, die der junge Mann in den Tagen seines Elends einem Schneider unterzeichnet hatte. Bei Vorlage waren sie nicht bezahlt worden, so daß zu den Wechseln riesige Unkosten hinzugekommen waren, aus dem Hefter quoll eine wahre Flut von Gerichtsakten. Jetzt war die Schuld auf siebenhundertdreißig Francs und fünfzehn Centimes gestiegen.
»Wenn das ein Bursche mit Zukunft ist«, murmelte Busch, »werden wir ihn schon noch erwischen.«
Da mußte ihm ein Gedanke gekommen sein, denn er fragte plötzlich:
»Sagen Sie mal, in der Angelegenheit Sicardot tut sich wohl gar nichts?«
Klagend hob die Méchain die dicken Arme zum Himmel. Ihre ganze monströse Person wabbelte vor Verzweiflung.
»Ach, Herrgott!« ächzte sie mit ihrer Flötenstimme. »Ich lasse noch Haut und Haare dabei!«
Die Angelegenheit Sicardot war ein richtiger kleiner Roman, den sie gern erzählte. Eine Cousine von ihr, Rosalie Chavaille, die spätgeborene Tochter einer Schwester ihres Vaters, war mit sechzehn Jahren eines Abends in einem Haus in der Rue de la Harpe, wo sie und ihre Mutter eine kleine Wohnung im sechsten Stock hatten, auf der Treppe genommen worden. Aber was das schlimmste war: der Betreffende, ein verheirateter Mann, der erst vor acht Tagen mit seiner Frau aus der Provinz gekommen war und bei einer Dame im zweiten Stockwerk zur Untermiete wohnte, hatte sich so verliebt gezeigt, daß er der armen Rosalie die Schulter ausrenkte, als er sie allzu stürmisch gegen eine Treppenkante drückte. Daher der gerechte Zorn der Mutter, die beinahe einen abscheulichen Skandal gemacht hätte, obwohl die Kleine unter Tränen eingestand, daß sie es durchaus willig getan habe, daß es ein Unfall gewesen sei und daß es ihr großen Kummer bereiten würde, wenn man den Herrn ins Gefängnis steckte. Da schwieg die Mutter und begnügte sich damit, diesem Mann eine Summe von sechshundert Francs abzufordern, auf zwölf Wechsel verteilt, so daß sie ein Jahr lang monatlich fünfzig Francs erhalten sollte; und es gab keine häßliche Feilscherei, das war sogar noch bescheiden, denn ihre Tochter, die gerade ihre Schneiderlehre beendet hatte, verdiente nichts mehr, lag krank im Bett, kostete ein Heidengeld; sie wurde übrigens so schlecht behandelt, daß sich die Muskeln an ihrem Arm verkürzten und sie zum Krüppel wurde. Vor Ende des ersten Monats war der Herr verschwunden, ohne seine Anschrift zu hinterlassen. Und das Unglück ging weiter, schlug drein wie das Hagelwetter: Rosalie kam mit einem Knaben nieder, verlor ihre Mutter, ergab sich einem schmutzigen Lebenswandel und geriet in bitterste Not. In der Cité de Naples bei ihrer Cousine gestrandet, trieb sie sich, bis sie sechsundzwanzig war, auf den Straßen herum, da sie sich ihres Armes nicht bedienen konnte, verkaufte bisweilen Zitronen in den Markthallen, verschwand wochenlang mit Männern, die sie betrunken und grün und blau geschlagen wieder nach Hause schickten. Schließlich war ihr vor einem Jahr das Glück widerfahren, daß sie an den Folgen einer Sauftour, die abenteuerlicher war als alle anderen, draufging. Und die Méchain hatte Victor, das Kind, behalten müssen. Von diesem ganzen Abenteuer blieben nur die zwölf unbezahlten, mit »Sicardot« unterschriebenen Wechsel. Man hatte nie mehr darüber in Erfahrung bringen können, als daß der Betreffende Sicardot hieß.
Wieder streckte Busch den Arm aus und griff nach der Akte Sicardot, einem dünnen Hefter aus grauer Pappe. Noch hatten sich keine Unkosten ergeben, nur die zwölf Wechsel waren da.
»Wenn Victor wenigstens artig wäre!« jammerte die alte Frau. »Aber stellen Sie sich vor, ein furchtbares Kind ... Ach, das kommt einen hart an, solche Erbschaften zu machen wie diesen Bengel, der mal am Galgen enden wird, und diese Papierfetzen, aus denen ich nie etwas herausschlagen werde!«
Busch starrte mit seinen großen blassen Augen unverwandt auf die Wechsel. Wie oft hatte er sie so untersucht und gehofft, in einer bisher nicht bemerkten Einzelheit, in der Form der Buchstaben, ja vielleicht sogar in der Narbe des Stempelpapiers einen Hinweis zu entdecken! Diese spitze, feine Handschrift kam ihm irgendwie bekannt vor, behauptete er.
»Seltsam«, wiederholte er noch einmal, »solche langgezogenen A und O, die wie lauter I aussehen, habe ich bestimmt schon gesehen.«
Gerade in diesem Augenblick klopfte es, und er bat die Méchain, die Hand auszustrecken und aufzumachen, denn das Zimmer ging direkt auf die Treppe. Man mußte es durchqueren, wenn man in das andere Zimmer mit Blick auf die Straße gelangen wollte. Die Küche, ein luftloses Loch, befand sich auf der anderen Seite des Treppenabsatzes.
»Herein, mein Herr.«
Saccard trat ein. Er lächelte, denn er mokierte sich immerhin über das Kupferschild an der Tür, auf dem in dicken schwarzen Lettern stand: Streitsachen.
»Ach ja, Herr Saccard, Sie kommen wegen dieser Übersetzung ... Mein Bruder ist dort im anderen Zimmer ... Gehen Sie nur hinein.«
Aber die Méchain versperrte völlig den Durchgang, und sie musterte den Neuankömmling mit wachsendem Erstaunen. Es bedurfte eines richtigen Manövers: er wich auf die Treppe zurück, sie selbst kam heraus und trat auf dem Treppenabsatz beiseite, so daß er eintreten und endlich in das Nebenzimmer gelangen konnte, wo er verschwand. Während dieses komplizierten Bewegungsvorganges hatte sie ihn nicht aus den Augen gelassen.
»Oh!« schnaufte sie beklommen. »Diesen Herrn Saccard habe ich noch nie so richtig aus der Nähe gesehen ... Victor ist sein ganzes Ebenbild.«
Busch schaute sie zuerst verständnislos an. Dann ging ihm plötzlich ein Licht auf, und er erstickte einen Fluch.
»Donnerwetter, so ist es! Ich wußte doch, daß ich das irgendwo gesehen hatte!«
Und diesmal erhob er sich, warf die Akten durcheinander und fand schließlich einen Brief, den ihm Saccard vor einem Jahr geschrieben hatte, um ihn zu bitten, einer zahlungsunfähigen Dame etwas Zeit zu lassen. Aufgeregt verglich er die Handschrift auf den Wechseln mit der dieses Briefes. Das waren wirklich die gleichen A und die gleichen O, nur noch spitzer geworden mit der Zeit, und auch bei den Großbuchstaben herrschte eine offensichtliche Übereinstimmung.
»Das ist er, das ist er«, wiederholte er. »Bloß, warum Sicardot, warum nicht Saccard?«
Aber da fiel ihm eine verworrene Geschichte ein, Saccards Vergangenheit, die ihm ein Makler namens Larsonneau, der heute Millionär war, erzählt hatte: wie Saccard am Tage nach dem Staatsstreich in Paris auftauchte, um die im Entstehen begriffene Macht seines Bruders Rougon auszubeuten, sein anfängliches Elend in den düsteren Straßen des alten Quartier Latin35 und dann sein rascher Aufstieg dank einer zwielichtigen Heirat, nachdem er das Glück gehabt hatte, seine Frau begraben zu können. Bei diesem schwierigen Anfang damals hatte er seinen Namen Rougon für Saccard eingetauscht, indem er einfach den Namen seiner ersten Frau, die Sicardot hieß, abwandelte.
»Ja, ja, Sicardot, ich erinnere mich genau«, murmelte Busch. »Er hat die Stirn besessen, die Wechsel mit dem Namen seiner Frau zu unterschreiben. Zweifellos hatten die beiden diesen Namen angegeben, als sie in der Rue de la Harpe abstiegen. Und dann traf der Kerl alle möglichen Vorsichtsmaßregeln und ist beim geringsten Anzeichen umgezogen ... Er war also nicht nur hinter dem Geld her, er hat auch noch die Mädchen auf den Treppen umgelegt! Das war dumm, das wird ihm noch Scherereien machen!«
»Pst, pst!« versetzte die Méchain. »Wir haben ihn in der Hand, und man kann wohl sagen, daß es einen lieben Gott gibt. So werde ich nun endlich belohnt für alles, was ich für diesen armen kleinen Victor getan habe, den ich trotz allem sehr gern habe, obwohl er unverbesserlich ist.«
Sie strahlte, und ihre kleinen Augen funkelten in dem schmelzenden Fett ihres Gesichts.
Aber nach der Aufregung über diese lange gesuchte Lösung, die ihm der Zufall jetzt brachte, wurde Busch beim weiteren Überlegen wieder kühl und schüttelte den Kopf. Zweifellos schien ihm Saccard, obwohl er im Augenblick ruiniert war, noch gut zum Rupfen. Man hätte auch auf einen weniger vorteilhaften Vater stoßen können. Bloß würde Saccard sich nichts gefallen lassen, er konnte fürchterlich zubeißen. Und was dann? Er wußte bestimmt selbst nicht, daß er einen Sohn hatte, er konnte es trotz dieser außerordentlichen Ähnlichkeit, die die Méchain so verblüffte, leugnen. Außerdem war er ein zweites Mal Witwer und damit frei, er schuldete niemandem Rechenschaft über seine Vergangenheit; selbst wenn er den Kleinen anerkannte, war aus keiner Furcht und keiner Drohung gegen ihn Vorteil zu ziehen. Und aus seiner Vaterschaft nur die sechshundert Francs für die Wechsel zu schlagen war wirklich zu jämmerlich, da lohnte es nicht die Mühe, daß einem der Zufall so wunderbar zu Hilfe kam. Nein, nein! Er mußte nachdenken, mußte das hegen und pflegen, das Mittel finden, die Ernte in voller Reife einzubringen.
»Wir wollen nichts übereilen«, schloß Busch, »übrigens liegt er jetzt am Boden; lassen wir ihm die Zeit, wieder auf die Beine zu kommen.«
Und bevor er die Méchain verabschiedete, prüfte er mit ihr noch die kleinen Geschäfte, mit denen er sie beauftragt hatte: eine junge Frau, die ihren Schmuck für einen Geliebten verpfändet hatte, ein Schwiegersohn, dessen Schulden seine Schwiegermutter und gleichzeitige Geliebte bezahlen würde, wenn man es richtig anzupacken verstand, und schließlich die heikelsten Spielarten in der so verwickelten und schwierigen Beitreibung der Schuldforderungen.
Als Saccard das Nebenzimmer betrat, verharrte er einige Sekunden, geblendet von dem grellen Sonnenlicht, das durch das gardinenlose Fenster fiel. Das mit einer blaßblauen Blümchentapete ausgeschlagene Zimmer war ganz kahl: nur ein kleines eisernes Bettgestell stand in einer Ecke und in der Mitte ein Tisch aus Fichtenholz mit zwei Strohstühlen. An der linken Zwischenwand dienten roh gehobelte Bretter als Bücherschrank, sie waren mit Büchern, Broschüren, Zeitungen und allen möglichen Papieren überladen. Aber in dieser Höhe breitete das helle Tageslicht eine Art jugendlicher Heiterkeit, unschuldigen frischen Lachens über die Kahlheit des Zimmers. Buschs Bruder Sigismond, ein bartloser junger Mann von fünfunddreißig Jahren mit langem, spärlichem kastanienbraunem Haar, saß am Tisch. Er stützte die breite gebuckelte Stirn in die magere Hand und war so in ein Manuskript vertieft, daß er nicht einmal den Kopf wandte, weil er nicht gehört hatte, wie die Tür aufging.
Dieser Sigismond war ein kluger Kopf. Er hatte die deutschen Universitäten besucht und sprach außer Französisch, seiner Muttersprache, Deutsch, Englisch und Russisch. 1849 hatte er in Köln Karl Marx kennengelernt und war der beliebteste Redakteur an seiner »Neuen Rheinischen Zeitung«36 geworden; von diesem Augenblick an stand seine Religion fest, er verkündete voll glühenden Glaubens den Sozialismus, denn er hatte sich mit Leib und Seele der Idee einer nahe bevorstehenden sozialen Erneuerung verschrieben, die den Armen und Erniedrigten das Glück bringen sollte. Seitdem sein Meister, aus Deutschland verbannt und gezwungen, nach den Junitagen37 auch Paris zu verlassen, in London lebte, dort schrieb und sich bemühte, die Partei zu organisieren, vegetierte Sigismond, in seine Träume versponnen, dahin und kümmerte sich derart wenig um sein leibliches Wohlergehen, daß er sicher verhungert wäre, wenn nicht sein Bruder ihn in der Rue Feydeau nahe der Börse aufgenommen und auf den Gedanken gebracht hätte, seine Sprachkenntnisse zu nutzen und sich als Übersetzer niederzulassen. Dieser ältere Bruder vergötterte seinen jüngeren Bruder mit wahrhaft mütterlicher Leidenschaft; ein grausamer Wolf für die Schuldner und sehr wohl imstande, einem Menschen, der schon verblutete, noch zehn Sous zu stehlen, war er sogleich zu Tränen gerührt und besaß die leidenschaftliche, umsichtige zarte Fürsorge einer Frau, sobald es sich um diesen zerstreuten großen Jungen handelte, der ein Kind geblieben war. Er hatte ihm das schöne Zimmer zur Straße gegeben, er bediente ihn wie ein Kindermädchen, führte ihren absonderlichen Haushalt, kehrte aus, machte die Betten und kümmerte sich um das Essen, das zweimal am Tag aus einer kleinen Gastwirtschaft in der Nachbarschaft heraufgebracht wurde. Er, der immer beschäftigt war und den Kopf mit tausenderlei Geschäften voll hatte, duldete den Müßiggang seines Bruders, denn mit dem übersetzen ging es nicht voran, persönliche Arbeiten hinderten ihn daran; er verbot ihm sogar zu arbeiten, da er über ein böses Hüsteln beunruhigt war. Und trotz seiner hartherzigen Liebe zum Geld, seiner mörderischen Raffgier, die in der Eroberung des Geldes den einzigen Daseinszweck erblickte, lächelte er nachsichtig über die Theorien des Revolutionärs, überließ ihm das Kapital, wie man einem Bengel ein Spielzeug läßt, auch auf die Gefahr hin, sehen zu müssen, wie er es zerbricht.
Sigismond seinerseits ahnte nicht einmal, was sein Bruder im Nebenzimmer trieb. Er wußte nichts von diesem schrecklichen Geschäft mit den entwerteten Papieren und dem Kauf von Schuldforderungen, er lebte in höheren Sphären, in einem alles beherrschenden Traum von Gerechtigkeit. Der Gedanke an Barmherzigkeit verletzte ihn, brachte ihn außer sich: Barmherzigkeit war das Almosen, die durch Güte geheiligte Ungleichheit, er aber ließ nur die Gerechtigkeit gelten, die zurückeroberten, in unverbrüchlichen Grundsätzen der neuen Gesellschaftsordnung verankerten Rechte eines jeden einzelnen. Im Gefolge von Karl Marx, mit dem er in ständigem Briefwechsel stand, verbrachte er seine Tage damit, diese Ordnung zu studieren, unaufhörlich die Gesellschaft von morgen auf dem Papier zu verändern und zu verbessern, riesige Bogen mit Zahlen zu bedecken und auf der Grundlage der Wissenschaft das komplizierte Gerüst für das universelle Glück aufzubauen. Er nahm den einen das Kapital weg, um es unter die anderen aufzuteilen, er bewegte die Milliarden hin und her, verschob mit einem Federstrich das Vermögen der Welt, und das in dieser kahlen Stube, ohne eine andere Leidenschaft als seinen Traum, ohne jegliches Bedürfnis nach Genuß; er lebte so bescheiden, daß sein Bruder erst böse werden mußte, damit er einen Schluck Wein trank und etwas Fleisch aß. Er, der sich bei der Arbeit umbrachte und von nichts lebte, wollte, daß die Arbeit eines jeden Menschen seinen Kräften angemessen sei und die Befriedigung seiner Wünsche gewährleisten solle. Losgelöst vom irdischen Leben, sehr sanft und sehr rein, begeisterte er sich wie ein wahrer Weiser nur am Studium. Seit dem letzten Herbst hatte sich sein Husten immer mehr verschlimmert, die Schwindsucht verheerte ihn, ohne daß er es überhaupt nur zur Kenntnis nahm und sich schonte.
Doch als Saccard eine Bewegung machte, hob Sigismond erstaunt die großen verschwommenen Augen und wunderte sich, obwohl er den Besucher kannte.
»Ich möchte mir nur einen Brief übersetzen lassen.«
Die Überraschung des jungen Mannes wuchs, denn er hatte die Kunden entmutigt, die Bankiers, die Spekulanten und die Wechselmakler, diese ganze Börsenwelt, die besonders mit England und Deutschland einen umfangreichen Briefwechsel unterhielt, Rundschreiben und Gesellschaftsstatuten empfing.
»Ja, ein Brief in russischer Sprache. Oh, bloß zehn Zeilen.«
Nun streckte er die Hand aus, Russisch war sein Spezialfach geblieben, und von allen anderen Übersetzern im Viertel, die vom Deutschen und Englischen lebten, übersetzte er allein es fließend. Die Seltenheit der russischen Schriftstücke auf dem Pariser Markt erklärte, weshalb er oft lange Zeit ohne Arbeit war.
Mit lauter Stimme las er den Brief auf französisch vor. Er enthielt ganz kurz in drei Sätzen die günstige Antwort eines Bankiers aus Konstantinopel, ein einfaches Ja in einer geschäftlichen Angelegenheit.
»Oh, danke«, rief Saccard, der sehr erfreut zu sein schien.
Und er bat Sigismond, die paar Zeilen der Übersetzung auf die Rückseite des Briefes zu schreiben. Aber dieser bekam einen schrecklichen Hustenanfall und hielt sich das Taschentuch vor den Mund, um seinen Bruder nicht zu stören, der immer gleich herbeilief, sobald er ihn so husten hörte. Als dann der Anfall vorüber war, erhob er sich und öffnete das Fenster ganz weit, weil er bald erstickte und frische Luft atmen wollte. Saccard, der ihm gefolgt war, warf einen Blick hinaus und stieß einen leisen Ruf der Überraschung aus.
»Oh, Sie sehen ja auf die Börse! Wie komisch sie von hier oben aussieht!«
Er hatte sie tatsächlich noch nie aus einem so eigenartigen Blickwinkel gesehen, aus der Vogelperspektive, mit den vier großen verzinkten Flächen ihres außerordentlich weitläufigen Daches, bespickt mit einem Wald von Röhren. Die Spitzen der Blitzableiter ragten wie riesige Lanzen drohend in den Himmel hinein. Und das Gebäude selbst war nur noch ein Steinwürfel, an dem die Säulen regelmäßige Striche bildeten, ein nackter, häßlicher, schmutziggrauer Würfel, auf dem eine zerlumpte Fahne hing. Aber mit Erstaunen betrachtete er vor allem die Stufen und die Vorhalle, die mit schwarzen Ameisen wie besät waren: ein wimmelnder Ameisenhaufen in ungeheurer Aufregung, die man sich von so hoch oben gar nicht erklären konnte, so daß man Mitleid haben mußte.
»Wie klein das von hier aussieht!« versetzte er. »Man möchte fast sagen, daß man sie alle mit einem Griff in die Hand nehmen kann.«
Und da er die Ideen seines Gesprächspartners kannte, fügte er lachend hinzu:
»Und wann fegen Sie das alles mit einem Fußtritt hinweg?«
Sigismond zuckte die Achseln.
»Wozu? Ihr richtet euch doch selbst zugrunde.«
Jetzt wurde er allmählich lebhafter, sein Lieblingsthema brachte ihn zum Reden. Aus dem Bedürfnis heraus, Jünger zu werben, stürzte er sich bei der geringsten Andeutung in die Darlegung seines Systems.
»Ja, ja, ihr arbeitet für uns, ohne daß ihr es ahnt ... Ihr seid dort ein paar Usurpatoren, die die Masse des Volkes expropriieren, und wenn ihr euch vollgestopft habt, brauchen wir unsererseits nur noch euch zu expropriieren ... Jeglicher Wucher, jegliche Zentralisierung führt zum Kollektivismus. Ihr gebt uns eine praktische Lehre, ebenso wie die Großgrundbesitzer, die das Land stückchenweise schlucken, wie die Großproduzenten, die die Heimarbeiter verschlingen, wie die großen Kreditinstitute und die großen Kaufhäuser, die jede Konkurrenz abwürgen und durch den Ruin der kleinen Banken und der kleinen Geschäfte fett werden; all das führt langsam, aber sicher zu der neuen Gesellschaftsordnung hin ... Wir warten, bis alles kracht, bis die gegenwärtige Produktionsweise in letzter Konsequenz zu unerträglichem Elend geführt hat. Dann werden selbst die Bürger und die Bauern uns helfen.«
Saccards Interesse war geweckt, und er sah ihn leicht beunruhigt an, obwohl er ihn für verrückt hielt.
»Aber nun erklären Sie mir doch endlich mal, was das ist, Ihr Kollektivismus!«
»Der Kollektivismus ist die Umwandlung des Privatkapitals, das vom Konkurrenzkampf lebt, in ein einheitliches soziales Kapital, das durch die Arbeit aller ausgebeutet wird ... Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der die Produktionsinstrumente das Eigentum aller sind, in der jedermann nach seinen geistigen Fähigkeiten und seiner Kraft arbeitet, in der die Produkte dieser gesellschaftlichen Zusammenarbeit auf jeden einzelnen, entsprechend seiner Leistung, verteilt werden. Nichts ist einfacher, nicht wahr? Gemeinsame Produktion in den Fabriken, auf den Bauplätzen, in den Nationalwerkstätten, dann Austausch, Bezahlung in Naturalien. Wenn es einen Produktionsüberschuß gibt, lagert man ihn in den öffentlichen Speichern, aus denen er wieder genommen wird, um die Verluste auszugleichen, die sich ergeben können, das Gleichgewicht wird hergestellt ... Und das fällt den morschen Baum wie mit einem Axthieb. Keine Konkurrenz mehr, kein Privatkapital mehr, also keinerlei Geschäfte mehr, kein Handel, keine Märkte und keine Börsen mehr. Der Gedanke an Gewinn hat keinen Sinn mehr. Die Quellen der Spekulation, der ohne Arbeit gewonnenen Renten, sind versiegt.«
»Hoho«, unterbrach ihn Saccard, »das würde die Gewohnheiten von sehr vielen Leuten verteufelt verändern! Aber was machen Sie mit denen, die heute Renten haben? ... Mit Gundermann zum Beispiel, nehmen Sie ihm seine Milliarde weg?«
»Keineswegs, wir sind keine Diebe. Wir würden von ihm für in jährliche Leibrenten aufgeteilte Gutscheine seine Milliarde, alle seine Wert- und Staatspapiere zurückkaufen. Und stellen Sie sich bloß dieses ungeheure Kapital vor, das auf diese Weise durch einen beklemmenden Reichtum an Konsumgütern ersetzt wird: in weniger als hundert Jahren wären die Nachkommen Ihres Gundermann wieder darauf angewiesen, selbst zu arbeiten wie alle anderen Bürger auch; denn die Leibrenten würden sich schließlich doch einmal erschöpfen, und sie könnten ihre erzwungenen Ersparnisse, den Überschuß dieser erdrückenden Masse von Vorräten nicht zum Kapital schlagen, selbst wenn man annimmt, daß das Erbrecht unangetastet bliebe ... Ich sage Ihnen, daß das auf einen Schlag nicht nur die Einzelunternehmen, die Aktiengesellschaften und alle anderen Vereinigungen von Privatkapital, sondern auch alle mittelbaren Quellen für Renten, alle Kreditformen, Darlehen, Mieten und Pachten hinwegfegt ... Es gibt nur noch die Arbeit als Maß für den Wert. Der Lohn fällt natürlich weg, weil er im gegenwärtigen kapitalistischen System nicht dem genauen Produkt der Arbeit entspricht und immer nur das darstellt, was der Arbeiter für seinen täglichen Unterhalt unbedingt braucht. Und man muß einsehen, daß allein der gegenwärtige Zustand schuld ist, wenn auch der anständigste Unternehmer, um leben zu können, einfach gezwungen wird, dem harten Konkurrenzgesetz zu folgen und seine Arbeiter auszubeuten. Unser ganzes Gesellschaftssystem muß zerstört werden ... Gundermann, der unter der Last seiner Gutscheine erstickt! Und Gundermanns Erben, die gar nicht alles auffressen können, die genötigt sein werden, den anderen etwas abzugeben und wieder zur Hacke oder zum Werkzeug zu greifen, wie die Arbeiter!«
Und Sigismond brach in das harmlose Lachen eines spielenden Kindes aus, während er immer noch am Fenster stand und auf die Börse hinabsah, wo der schwarze Ameisenhaufen der Spekulation wimmelte. Brennende Röte stieg ihm in die Wangen, er hatte kein anderes Vergnügen, als sich auf diese Weise die spaßigen Ironien der Gerechtigkeit von morgen vorzustellen.
Saccards Unbehagen war gewachsen. Sollte dieser Mann, der wachend träumte, doch die Wahrheit sagen? Sollte er die Zukunft erraten haben? Er erklärte Dinge, die sehr klar und vernünftig schienen.
»Ach was!« murmelte er, um sich zu beruhigen. »Nächstes Jahr wird das alles noch nicht passieren.«
»Gewiß nicht!« versetzte der junge Mann, der wieder ernst und müde geworden war. »Wir sind in der Übergangszeit, in der Periode der Agitation. Vielleicht wird es revolutionäre Gewalttätigkeiten geben, die sind oft unvermeidlich. Aber die Übertreibungen, die Ausschreitungen sind nur vorübergehend ... Oh, ich verhehle mir nicht die unmittelbaren großen Schwierigkeiten. Diese ganze erträumte Zukunft scheint unmöglich, unsereins kann den Leuten keinen vernünftigen Begriff von dieser künftigen Gesellschaft vermitteln, von dieser Gesellschaft der gerechten Arbeit, deren Sitten so verschieden von den unseren sein werden. Das ist wie eine andere Welt auf einem anderen Planeten ... Und dann müssen wir wohl auch zugeben, daß die Neugestaltung noch nicht fertig ist, wir suchen noch. Ich finde kaum noch Zeit zum Schlafen und verbringe meine Nächte über diesem Problem. Zum Beispiel steht fest, daß man uns sagen kann: ›Wenn die Dinge sind, wie sie sind, so hat die Logik der menschlichen Handlungen sie dazu gemacht.‹ Was für eine Mühsal bereitet es folglich, den Strom zu seiner Quelle zurückzubringen und in ein anderes Tal umzuleiten! ... Gewiß verdankt die gegenwärtige Gesellschaftsordnung ihre hundert Jahre währende Prosperität dem individualistischen Prinzip, das aus dem Wettbewerb und dem persönlichen Interesse durch eine unaufhörlich erneuerte Fruchtbarkeit der Produktion entsteht. Wird der Kollektivismus je zu dieser Fruchtbarkeit gelangen, und wodurch soll man die Produktivität des Arbeiters anregen, wenn der Gedanke an den Gewinn zerstört ist? Da besteht für mich der Zweifel, die Angst, der schwache Punkt, wo wir uns schlagen müssen, wenn wir wollen, daß der Sozialismus eines Tages den Sieg davonträgt ... Aber wir werden siegen, weil die Gerechtigkeit mit uns ist. Da! Sehen Sie dieses Gebäude vor uns ... Sehen Sie es?«
»Die Börse?« fragte Saccard. »Ja, natürlich sehe ich sie!«
»Nun gut! Es wäre dumm, sie in die Luft zu sprengen, weil man sie woanders wieder aufbauen würde ... Allein ich sage Ihnen voraus, daß sie von selber in die Luft fliegen wird, wenn der Staat sie enteignet hat, wenn sie logischerweise die einzige, universale Bank der Nation geworden ist, und dann dient sie vielleicht – wer kann es wissen? – als öffentlicher Speicher für unsere zu großen Reichtümer, als eine jener Kornkammern, in denen unsere Enkel die üppige Fülle für ihre Festtage finden werden!«
Mit einer weit ausholenden Gebärde erschloß Sigismond diese Zukunft eines allgemeinen Glücks für alle. Und er hatte sich derart in Begeisterung geredet, daß ihn ein neuerlicher Hustenanfall schüttelte. Er war an seinen Tisch zurückgekehrt, stemmte die Ellbogen zwischen seine Papiere und stützte den Kopf in die Hände, um das peinigende Röcheln aus seiner Brust zu ersticken. Aber diesmal gelang es ihm nicht. Plötzlich öffnete sich die Tür, und Busch, der die Méchain verabschiedet hatte, eilte mit bestürzter Miene herbei, als litte er selbst an diesem abscheulichen Husten. Sogleich beugte er sich über seinen Bruder, nahm ihn in seine großen Arme wie ein Kind, dessen Schmerz man einlullt.
»Aber, aber, mein Kleiner, was hast du bloß, daß du bald erstickst? Du weißt, ich will, daß du einen Arzt kommen läßt. Das ist doch unvernünftig ... Du hast bestimmt zuviel geschwatzt.«
Und er warf einen schiefen Blick auf Saccard, der mitten im Zimmer stehengeblieben war, sichtlich aufgewühlt von dem, was er soeben aus dem Munde dieses leidenschaftlichen, kranken großen Teufels vernommen hatte, welcher hier oben von seinem Fenster aus mit seinem Gerede, alles hinwegzufegen, um alles wieder aufzubauen, einen Zauberspruch über die Börse murmelte.
»Danke, ich lasse Sie nun allein«, sagte der Besucher und hatte es eilig, nach draußen zu kommen. »Schicken Sie mir meinen Brief mit den zehn Zeilen der Übersetzung ... Ich erwarte noch mehr, wir regeln dann das Ganze zusammen.«
Aber da der Anfall vorüber war, hielt ihn Busch noch einen Augenblick zurück.
»Ach ja, was ich noch sagen wollte, die Dame, die eben hier war, kennt Sie von früher. Oh, es ist schon lange her.«
»Ach! Woher denn?«
»Rue de la Harpe, 1852.«
Sosehr Saccard auch Herr seiner selbst war, er wurde doch blaß. Ein nervöses Zucken verzog ihm den Mund. Zwar erinnerte er sich in dieser Minute keineswegs an das junge Ding, das er auf der Treppe umgelegt hatte. Er wußte nicht einmal, daß sie schwanger geworden war, und er wußte auch nichts von der Existenz des Kindes. Aber die Erinnerung an die elenden Jahre seines Anfangs war ihm immer noch sehr unangenehm.
»Rue de la Harpe. Oh, dort habe ich nach meiner Ankunft in Paris bloß acht Tage gewohnt, gerade die Zeit, um eine Wohnung zu suchen ... Auf Wiedersehen!«
»Auf Wiedersehen!« sagte Busch mit Nachdruck; er sah in dieser Verwirrung irrtümlicherweise ein Geständnis und grübelte schon, wie er das Abenteuer am besten ausschlachten könnte.
Wieder auf der Straße, kehrte Saccard mechanisch auf den Platz vor der Börse zurück. Er zitterte noch am ganzen Leib, und er schaute nicht einmal auf die kleine Frau Conin, deren hübscher Blondkopf lächelnd in der Tür der Papierwarenhandlung zu sehen war. Auf dem Platz hatte die Unruhe zugenommen, der Aufruhr des Börsenspiels tobte mit der entfesselten Gewalt einer Sturmflut gegen die Bürgersteige, die von Leuten wimmelten. Das war das Gebrüll von Viertel vor drei, die Schlacht der letzten Kurse, das rasende Verlangen, zu erfahren, wer mit vollen Händen nach Hause gehen würde. Als er gegenüber der Vorhalle an der Ecke der Rue de la Bourse stand, glaubte er in dem wirren Gedränge unter den Säulen den Baissier38 Moser und den Haussier Pillerault zu erkennen, die sich beide in den Haaren lagen. Und er vermeinte auch, aus dem Hintergrund des großen Saales die helle Stimme des Wechselmaklers Mazaud zu vernehmen, die für Augenblicke die gellenden Rufe Nathansohns übertönte, der unter der Uhr bei der Kulisse saß. Aber ein Wagen, der scharf am Rinnstein entlangfuhr, hätte ihn beinahe bespritzt. Massias sprang heraus, noch ehe der Kutscher angehalten hatte, war mit einem Satz die Stufen hinauf und brachte atemlos die letzte Order eines Kunden.
Saccard stand immer noch reglos, die Augen auf das Durcheinander da oben geheftet, und käute sein Leben wieder; die Erinnerung an seinen Anfang, die Buschs Frage wieder wachgerufen hatte, peinigte ihn. Er entsann sich der Rue de la Harpe, dann der Rue Saint-Jacques, durch die er auf seinen Eroberungszügen eines Glücksritters seine schiefgelaufenen Stiefel geschleift hatte, er erinnerte sich des Tages, da er in Paris gelandet war, um es sich zu unterwerfen, und von neuem packte ihn die Wut bei dem Gedanken, daß er es sich immer noch nicht unterworfen hatte, daß er erneut auf der Straße lag, unbefriedigt dem Glück auflauerte; ein solcher Hunger nach Genuß quälte ihn, und noch nie hatte er so darunter gelitten. Dieser Narr von Sigismond sagte ganz richtig: Von der Arbeit kann man nicht leben, allein die Elenden und die Dummköpfe arbeiten, um die anderen zu mästen. Es gab nur das Börsenspiel, das Spiel, durch das man auf einen Schlag von heute auf morgen zu Wohlstand, zu Luxus, zum großen Leben, zum Leben überhaupt kommt. Wenn diese alte Gesellschaft eines Tages aus den Fugen ging, sollte ein Mann wie er nicht noch die Zeit und den Platz finden, seine Begierden vor dem Zusammenbruch zu befriedigen?
Aber da stieß ihn ein Fußgänger an, der sich nicht einmal umdrehte, um sich zu entschuldigen. Er erkannte Gundermann, der seinen kleinen Gesundheitsspaziergang machte; Saccard sah ihn bei einem Konditor eintreten, von dem dieser König des Goldes seinen Enkelinnen manchmal eine Schachtel Bonbons für einen Franc mitbrachte. Und in dieser Minute, bei dem Fieber, das in ihm brannte, seitdem er so die Börse umkreiste, wirkte dieser Stoß mit dem Ellbogen wie ein Peitschenhieb, war er der letzte Anstoß, der seinen Entschluß festigte. Er hatte den Platz eingekreist, nun würde er zum Sturmangriff übergehen. Das war der Schwur eines gnadenlosen Kampfes: er würde Frankreich nicht verlassen, er würde seinem Bruder die Stirn bieten und das Spiel mit dem höchsten Einsatz, eine Schlacht von schrecklicher Kühnheit wagen, bei der er Paris die Fersen auf den Nacken setzen würde oder mit gebrochenem Hals in der Gosse liegen bliebe.
Bis Börsenschluß blieb Saccard hartnäckig auf seinem Droh- und Beobachtungsposten stehen. Er sah zu, wie sich die Vorhalle leerte, wie sich die Stufen mit all diesen langsam davongehenden, erhitzten und müden Leuten bedeckten. Um ihn herum dauerte das Verkehrschaos auf dem Pflaster und den Bürgersteigen an, riß der Strom der Leute nicht ab, der ewigen Menge, die es auszubeuten galt, der Aktionäre von morgen, die an dieser großen Lotterie der Spekulation nicht vorbeigehen konnten, ohne den Kopf zu wenden aus Furcht vor dem, was hier geschah, und zugleich in dem Verlangen, in das Geheimnis dieser Finanzoperationen einzudringen, das um so verlockender für die französischen Geister war, als nur sehr wenige von ihnen es zu ergründen vermochten.
Zweites Kapitel
Als Saccard nach seinem letzten, unseligen Grundstücksgeschäft sein Palais am Parc Monceau aufgeben und seinen Gläubigem überlassen mußte, um eine größere Katastrophe abzuwenden, hatte er zunächst den Gedanken, sich zu seinem Sohn Maxime zu flüchten. Dieser bewohnte seit dem Tode seiner Frau, die auf einem kleinen Friedhof in der Lombardei ruhte, ganz allein ein Haus in der Avenue de lʼImpératrice, wo er sich sein Leben mit einem klugen und unbändigen Egoismus eingerichtet hatte; als ein Bursche von schwächlicher Gesundheit, durch das Laster frühzeitig gereift, verzehrte er dort in untadeliger Haltung das Vermögen der Toten. Er schlug es seinem Vater rundweg ab, ihn bei sich aufzunehmen, damit alle beide weiter in gutem Einvernehmen leben könnten, wie er mit verschmitzter Miene lächelnd erklärte.
Seitdem dachte Saccard an eine andere Zuflucht. Er wollte schon ein kleines Haus in Passy mieten, das bürgerliche Heim eines Händlers, der sich zurückgezogen hatte, da fiel ihm ein, daß das Erdgeschoß und das erste Stockwerk des Palais dʼOrviedo in der Rue Saint-Lazare noch immer nicht vermietet waren, denn Türen und Fenster waren verschlossen. Die Fürstin dʼOrviedo bewohnte seit dem Tode ihres Mannes drei Zimmer im zweiten Stock und hatte nicht einmal an der grasüberwucherten Toreinfahrt ein Schild anbringen lassen. Am anderen Ende der Vorderfront führte eine niedrige Tür über einen Dienstbotenaufgang in das zweite Stockwerk. Und oft hatte er sich bei den geschäftlichen Besuchen, die er der Fürstin abstattete, über die Nachlässigkeit gewundert, die sie an den Tag legte, wenn es darum ging, einen angemessenen Nutzen aus ihrem Grundstück zu ziehen. Aber sie schüttelte den Kopf, sie hatte in Geldfragen ihre eigenen Vorstellungen. Dennoch willigte sie sofort ein, als er bei ihr vorsprach, um auf seinen Namen zu mieten, und überließ ihm für eine lächerliche Miete von zehntausend Francs die fürstlich eingerichteten prachtvollen Räume im Erdgeschoß und ersten Stockwerk, die sicherlich das Doppelte wert waren.
Alle Welt sprach noch von dem Prunk, den der Fürst dʼOrviedo zur Schau gestellt hatte. Als er aus Spanien gekommen und in Paris inmitten eines Millionenregens gelandet war, hatte er in der fiebrigen Hast seines ungeheuren finanziellen Glücks zunächst einmal dieses Palais gekauft und restaurieren lassen, bis er nach seiner Erwartung die Welt mit einem Palast aus Gold und Marmor in Erstaunen setzen könnte. Das Bauwerk stammte aus dem vorigen Jahrhundert, eines jener Lusthäuser, wie sie galante Herren inmitten weitläufiger Gärten errichten ließen; aber es war teilweise abgerissen und in strengeren Proportionen wiederaufgebaut worden und hatte so von seinem einstigen Park nur einen breiten Hof bewahrt, den Ställe und Remisen säumten und der durch die geplante Rue du Cardinal-Fesch bestimmt bald ganz verschwinden würde. Der Fürst hatte dieses Haus aus der Erbschaft eines Fräulein Saint-Germain erworben, deren Grundbesitz sich einst bis zur Rue des Trois- Frères erstreckte, der früheren Verlängerung der Rue Taitbout. Übrigens hatte das Palais seinen Eingang in der Rue Saint-Lazare behalten, neben einem großen Gebäude aus der gleichen Zeit, der einstigen Folie- Beauvilliers, das die Beauvilliers infolge eines langsamen Ruins noch bewohnten; und diesen gehörte ein Rest des herrlichen Gartens mit prächtigen Bäumen, die bei der nahe bevorstehenden baulichen Veränderung des Viertels ebenfalls zum Verschwinden verurteilt waren.
Trotz eines völligen Bankrotts schleppte Saccard einen Troß von Dienstboten hinter sich her, die Trümmer seines allzu zahlreichen Personals, einen Kammerdiener, einen Küchenchef und dessen Frau, die für die Wäsche zu sorgen hatte, eine weitere Frau, die Gott weiß warum geblieben war, einen Kutscher und zwei Stallburschen; er belegte die Pferdeställe und Remisen mit Beschlag, brachte dort zwei Pferde und drei Wagen unter und richtete im Erdgeschoß einen Speiseraum für seine Leute ein. Er war der Mann, der, obwohl er keine fünfhundert Francs bares Geld in seiner Kasse hatte, auf großem Fuße lebte, als hätte er zwei- oder dreihunderttausend Francs im Jahr. So nahm es nicht wunder, daß er mit seiner Person die weitläufigen Zimmerfluchten im ersten Stockwerk ausfüllte, die drei Salons, die fünf Schlafzimmer, ganz zu schweigen von dem riesigen Speisesaal, wo man eine Tafel für fünfzig Gedecke aufstellen konnte. Dort öffnete sich früher eine Tür auf eine Innentreppe, die in das zweite Stockwerk führte, in einen anderen, kleineren Speisesaal; als die Fürstin vor kurzem diesen Teil des zweiten Stocks an einen Ingenieur, Herrn Hamelin, vermietete, einen Junggesellen, der mit seiner Schwester zusammen wohnte, hatte sie die Tür einfach durch zwei starke Schrauben verschließen lassen. Sie teilte sich so mit diesem Mieter in den ehemaligen Dienstbotenaufgang, während Saccard allein die große Freitreppe benutzte. Er möblierte einige Zimmer teilweise mit den Resten seiner Einrichtung vom Parc Monceau, ließ die anderen leer, und trotzdem gelang es ihm, diesen Zimmerfluchten mit ihrem traurigen, kahlen Mauerwerk, von dem eine eigensinnige Hand nach dem Tode des Fürsten sogar die letzten Tapetenfetzen abgerissen zu haben schien, Leben zurückzugeben. Und er konnte von neuem seinen Traum von einem großen Vermögen beginnen.
Die Fürstin dʼOrviedo war damals eine der seltsamsten Erscheinungen von Paris. Vor fünfzehn Jahren hatte sie sich darein geschickt, den Fürsten, den sie überhaupt nicht liebte, zu heiraten, um einem ausdrücklichen Befehl ihrer Mutter, der Herzogin de Combeville, zu gehorchen. Zu jener Zeit stand dieses junge Mädchen von zwanzig Jahren im Rufe großer Schönheit und Klugheit, sie war sehr fromm und ein wenig zu ernst, obwohl sie die Gesellschaft leidenschaftlich liebte. Sie wußte nichts von den sonderbaren Geschichten, die über den Fürsten im Umlauf waren, von den Ursprüngen seines königlichen Vermögens, das auf dreihundert Millionen geschätzt wurde, von einem ganzen Leben fürchterlicher Räubereien, die er nicht mehr im Dunkel des Waldes ausgeführt hatte, mit bewaffneter Hand wie die adligen Abenteurer von einst, sondern als untadeliger moderner Bandit im hellen Sonnenlicht der Börse, in den Taschen der leichtgläubigen armen Leute, inmitten von Zusammenbruch und Tod. In Spanien und hier in Frankreich hatte sich der Fürst zwanzig Jahre lang seinen Löwenanteil an allen großen Schurkereien geholt, die zur Legende geworden sind. Obwohl die Fürstin nichts von dem Schmutz und dem Blut ahnte, aus dem er so viele Millionen zusammengerafft, hatte sie bei ihrer ersten Begegnung einen Widerwillen empfunden, den nicht einmal ihre Frömmigkeit überwinden konnte; und bald gesellte sich zu dieser Abneigung ein dumpfer, wachsender Groll, kein Kind aus dieser Ehe zu haben, die sie aus Gehorsam auf sich genommen hatte. Die Mutterschaft hätte ihr genügt, sie liebte Kinder über alles, und es kam so weit, daß sie diesen Mann haßte, weil er nicht einmal die Mutter in ihr befriedigen konnte, nachdem er die Liebende zur Verzweiflung gebracht hatte. Zu diesem Zeitpunkt stürzte sich die Fürstin in einen unerhörten Luxus, sie blendete Paris mit dem Glanz ihrer Feste und führte ein verschwenderisches großes Haus, das die Tuilerien39, wie es hieß, mit Eifersucht erfüllte. Dann plötzlich, am Tag nach dem Tode des Fürsten, den ein Schlaganfall niedergestreckt hatte, versank das Palais in der Rue Saint-Lazare in vollkommene Stille und völlige Finsternis. Kein Licht mehr, kein Lärm mehr, die Türen und die Fenster blieben geschlossen; es verbreitete sich das Gerücht, die Fürstin habe das Erdgeschoß und das erste Stockwerk kurzerhand ausgeräumt und sich wie eine Einsiedlerin in drei kleine Zimmer des zweiten Stockes zurückgezogen, mit einem ehemaligen Stubenmädchen ihrer Mutter, der alten Sophie, die sie aufgezogen hatte. Als sie wieder auftauchte, trug sie ein einfaches schwarzes Wollkleid; das Haar unter einem Spitzentuch verborgen, war sie noch genauso klein und rundlich mit ihrer schmalen Stirn, ihrem hübschen runden Gesicht und den Perlenzähnen zwischen den zusammengepreßten Lippen; aber sie hatte schon den gelben Teint, das stumme, einem einzigen Willen ergebene Gesicht einer seit langem im Kloster eingesperrten Nonne. Sie war erst dreißig Jahre alt und lebte seitdem nur noch für die großen Werke der Barmherzigkeit.
In Paris war die Überraschung groß, und es gingen allerlei merkwürdige Geschichten um. Die Fürstin hatte das gesamte Vermögen geerbt, die berühmten dreihundert Millionen, mit denen sich sogar der Lokalteil der Zeitungen befaßte. Und es bildete sich schließlich eine romantische Legende heraus. Ein Mann, ein schwarz gekleideter Unbekannter, so hieß es, war eines Abends, als die Fürstin zu Bett gehen wollte, plötzlich in ihrem Zimmer erschienen, ohne daß sie je erfuhr, durch welche Geheimtür er hatte eintreten können. Was dieser Mann ihr gesagt hat, weiß niemand auf der Welt, aber er muß ihr wohl den abscheulichen Ursprung der dreihundert Millionen enthüllt und ihr vielleicht den Schwur abverlangt haben, so viele Ungerechtigkeiten wiedergutzumachen, wenn sie schreckliche Katastrophen vermeiden wolle. Dann war der Mann verschwunden. Seit fünf Jahren war sie nun Witwe, aber gehorchte sie tatsächlich einem Befehl aus dem Jenseits, oder hatte sich einfach ihr Anstandsgefühl empört, als sie die Akte ihres Vermögens in die Hand bekam? Die Wahrheit war, daß sie nur noch in einem brennenden Fieber des Verzichts und der Wiedergutmachung lebte. Bei dieser Frau, die keine Liebende gewesen war und die nicht hatte Mutter sein können, entfalteten sich alle verdrängten Zärtlichkeiten, vor allem die verkümmerte Liebe zum Kind, zu einer echten Leidenschaft für die Armen, Schwachen, Enterbten, Leidenden, für all jene, deren gestohlene Millionen sie zu besitzen glaubte und denen sie in einem Almosenregen alles königlich zurückerstatten wollte. Seitdem bemächtigte sich ihrer eine fixe Idee, der Nagel der Besessenheit drang ihr in den Schädel: sie betrachtete sich nur noch als einen Bankier, bei dem die Armen dreihundert Millionen hinterlegt hatten, damit sie zu ihrem Besten verwendet würden; sie war nur noch ein Buchhalter, ein Geschäftsführer, der in Zahlen lebte inmitten eines Völkchens von Notaren, Arbeitern und Architekten. Außerhalb hatte sie ein richtiges großes Büro mit etwa zwanzig Angestellten eingerichtet. Zu Hause, in ihren drei engen Zimmern, empfing sie nur vier oder fünf Vermittler, ihre Leutnants; hier verbrachte sie die Tage an einem Schreibtisch wie der Direktor eines Großunternehmens, in klösterlicher Abgeschiedenheit, fern von aufdringlichen Besuchern, in einem Wust von Papieren, der sie überschwemmte. Ihr Traum war, alle Nöte zu erleichtern, die des Kindes, welches leidet, weil es geboren wurde, wie auch die des Greises, der nicht sterben kann, ohne zu leiden. Während dieser fünf Jahre, da sie das Gold mit vollen Händen hinauswarf, hatte sie in La Villette die Kinderkrippe Sainte-Marie gegründet, ein großes, helles Gebäude mit weißen Wiegen für die ganz Kleinen und blauen Betten für die Größeren, in dem schon dreihundert Kinder untergebracht waren; das Waisenhaus Saint-Joseph in Saint-Mandé, wo hundert Knaben und hundert Mädchen so erzogen und ausgebildet wurden wie in den bürgerlichen Familien; schließlich für fünfzig Männer und fünfzig Frauen ein Altersheim in Châtillon und in einem Vorort das Krankenhaus Saint-Marceau mit zweihundert Betten, dessen Säle gerade erst eingeweiht worden waren. Aber ihr Lieblingswerk, das in diesem Augenblick ihr ganzes Herz in Anspruch nahm, war das »Werk der Arbeit«, ihre ureigenste Schöpfung, ein Haus, das die Erziehungsanstalt ersetzen sollte: dreihundert Kinder, hundertfünfzig Mädchen und hundertfünfzig Knaben, die auf dem Pariser Pflaster in der Ausschweifung und im Verbrechen gelebt hatten, wurden hier durch gute Behandlung und die Erlernung eines Berufes auf den rechten Weg gebracht. Diese verschiedenen Gründungen, beträchtliche Schenkungen und eine verrückte Verschwendungssucht der Barmherzigkeit hatten in fünf Jahren nahezu hundert Millionen verschlungen. Noch ein paar Jahre so weiter, und die Fürstin war ruiniert, ohne sich selbst die kleine Rente für Brot und Milch, ihre tägliche Nahrung, gesichert zu haben. Wenn ihre alte Amme Sophie einmal ihr ständiges Schweigen unterbrach, sie mit harten Worten schalt und ihr voraussagte, sie würde noch einmal am Bettelstab enden, hatte sie dafür nur ein schwaches Lächeln, das einzige, das hinfort auf ihren farblosen Lippen erschien, ein göttliches Lächeln der Hoffnung.
Durch ebenjenes »Werk der Arbeit« machte Saccard die Bekanntschaft der Fürstin dʼOrviedo. Er war einer der Eigentümer des Geländes, das sie dafür aufkaufte, eines alten, mit schönen Bäumen bestandenen Gartens, der an den Park von Neuilly angrenzte und sich längs des Boulevard Bineau hinzog. Er hatte sie durch die lebhafte Art, mit der er bei den Geschäften verhandelte, für sich eingenommen, und sie wollte ihn wegen einiger Schwierigkeiten mit den Bauunternehmern wiedersehen. Er selbst hatte sich für die Arbeiten interessiert, seine Phantasie war gefesselt und bezaubert von dem großartigen Plan, den sie dem Architekten aufzwang: zwei monumentale Flügel – der eine für die Knaben, der andere für die Mädchen –, die untereinander durch ein Hauptgebäude verbunden waren, das die Kapelle, die Gemeinschaftsräume, die Verwaltung und alle Diensträume enthielt; jeder Flügel hatte seinen riesigen Hof, seine Werkstätten, seine Nebengebäude aller Art. Doch bei seiner eigenen Vorliebe für das Große und Pomphafte begeisterte ihn vor allem der Luxus, der hier entfaltet wurde: die Größe des Bauwerks, aus einem Material errichtet, das die Jahrhunderte überdauern würde; der verschwendete Marmor, die mit Fayencefliesen ausgekleidete Küche, in der man einen Ochsen hätte braten können, die riesigen, mit Eichenholz getäfelten Speisesäle, die lichtüberfluteten, hell gestrichenen Schlafräume, die Wäscherei, der Baderaum, die mit allen nur erdenklichen Raffinements ausgestattete Krankenstation; und überall breite Nebenausgänge, Treppen, Flure, die im Sommer belüftet und im Winter beheizt wurden; das ganze Haus war in Sonnenschein getaucht und kündete von jugendlicher Fröhlichkeit und dem Wohlbehagen eines großen Vermögens. Als der Architekt, der diese ganze Herrlichkeit unnütz fand, unruhig wurde und von den Ausgaben sprach, schnitt ihm die Fürstin das Wort ab: sie habe den Luxus gehabt und wolle ihn nun den Armen geben, damit sie, die den Luxus der Reichen schaffen, ihn ihrerseits genießen sollten. Ihre fixe Idee bestand in dem Traum, die Elenden mit Wohltaten zu überhäufen, sie in die Betten der Glücklichen dieser Welt zu legen, sie an ihre Tafel zu setzen; nicht mehr das Almosen einer Brotkruste, eines elenden Nachtlagers sollte es sein, sondern das großzügige Leben in Palästen, in denen sie sich zu Hause fühlen, in denen sie sich rächen und die Genüsse von Siegern auskosten konnten. Nur wurde sie bei dieser Verschwendung und den extrem hohen Kostenanschlägen abscheulich bestohlen. Ein Schwarm von Unternehmern lebte von ihr, ganz zu schweigen von den Verlusten, die durch mangelhafte Aufsicht verursacht wurden. Man vergeudete das Gut der Armen. Und Saccard öffnete ihr die Augen, als er sie bat, ihn die Abrechnungen überprüfen zu lassen, was er übrigens völlig uneigennützig tat, einzig um des Vergnügens willen, diesen tollen Tanz der Millionen zu regeln, der ihn begeisterte. Nie hatte er sich so peinlich korrekt gezeigt. Er war in diesem komplizierten Riesengeschäft der wendigste und rechtschaffenste Mitarbeiter, der seine Zeit und sogar sein Geld hingab und einfach nur durch die Freude belohnt wurde, daß diese beträchtlichen Summen durch seine Finger gingen. Im »Werk der Arbeit« kannte man fast nur ihn; die Fürstin ließ sich dort nie sehen, wie sie auch ihre anderen Gründungen nicht besuchte; gleich der unsichtbaren guten Fee blieb sie in der Tiefe ihrer drei kleinen Zimmer verborgen. Er aber, der Angebetete, wurde dort gesegnet und mit der ganzen Dankbarkeit überhäuft, die sie abzulehnen schien.
Zweifellos trug sich Saccard seit jener Zeit mit einem vagen Plan, der jetzt, da er als Mieter im Palais dʼOrviedo wohnte, eine klare und deutliche Wunschvorstellung geworden war. Warum sollte er sich nicht ganz der Verwaltung der guten Werke der Fürstin widmen? In der Stunde des Zweifels, die er durchlebte, als er von der Spekulation besiegt war und nicht wußte, wie er wieder reich werden könnte, erschien ihm das als eine neue Inkarnation, als ein plötzlicher Aufstieg zur Gottheit: der Verteiler dieser königlichen Barmherzigkeit werden, diesen Goldstrom lenken, der sich über Paris ergoß. Die Fürstin hatte noch zweihundert Millionen – wieviel Werke konnte man da noch schaffen, was für eine Stadt des Wunders aus dem Boden stampfen! Ganz davon zu schweigen, daß er diese Millionen Früchte tragen lassen, sie verdoppeln, verdreifachen würde, sie so gut zu verwenden wüßte, daß er eine Welt daraus gewinnen konnte. In seiner leidenschaftlichen Vorstellung wurde alles noch größer, er lebte nur noch in dem berauschenden Gedanken, die Millionen als Almosen ohne Ende auszuteilen, das glückliche Frankreich mit ihnen zu überschwemmen, und er wurde gerührt bei dem Gedanken an seine vollkommene Rechtschaffenheit, denn nicht ein Sou sollte in seinen Fingern bleiben. Und dieser Gedanke wuchs sich in seinem Kopf zur Vision von einem riesigen Idyll aus, dem Idyll eines Mannes, den kein schlechtes Gewissen drückte, nicht der leiseste Wunsch, sich von seinen alten Geldräubereien loszukaufen. Um so mehr, als am Ende der Traum seines ganzen Lebens winkte, die Eroberung von Paris. Der König der Barmherzigkeit, der von der Menge der Armen angebetete Gott sein, einzigartig und volkstümlich werden, daß sich die Welt mit ihm beschäftigte – das überstieg noch seinen Ehrgeiz. Was für Wunder würde er vollbringen, wenn er seine Fähigkeiten als Geschäftsmann, seine Hinterlist, seinen Eigensinn, seinen völligen Mangel an Vorurteilen darauf verwandte, gut zu sein! Und er besäße die unwiderstehliche Kraft, die die Schlachten gewinnt, das Geld, Truhen voll Geld – Geld, das oft soviel Böses schafft und das soviel Gutes schaffen könnte an dem Tage, da man seinen Stolz und sein Vergnügen dafür einsetzte!
Dann erweiterte Saccard seinen Plan noch und fragte sich schließlich, warum er die Fürstin dʼOrviedo nicht heiraten sollte. Das würde die Verhältnisse klären und die bösen Auslegungen verhindern. Einen Monat lang ging er geschickt und listig zu Werke, legte prächtige Pläne dar, glaubte sich unentbehrlich zu machen; und eines Tages brachte er mit ruhiger, unbefangener Stimme seinen Vorschlag vor und entwickelte sein großes Vorhaben. Er bot eine richtige Partnerschaft an, er würde den Liquidator der vom Fürsten gestohlenen Summen abgeben und sich verpflichten, sie verzehnfacht den Armen zurückzuerstatten. Die Fürstin, in ihrem ewigen schwarzen Kleid, ihr Spitzentuch auf dem Kopf, hörte ihm aufmerksam zu, ohne daß auch nur eine Gemütsregung ihr gelbes Gesicht belebte. Sie war sehr betroffen von den Vorteilen, die eine solche Partnerschaft haben könnte, im übrigen aber waren ihr die anderen Erwägungen gleichgültig. Nachdem sie ihre Antwort auf den nächsten Tag verschoben hatte, lehnte sie schließlich ab. Zweifellos hatte sie bedacht, daß sie dann nicht mehr allein Herrin über ihre Almosen wäre, und sie legte Wert darauf, als unumschränkte Herrscherin darüber zu verfügen, selbst auf verrückte Weise. Aber sie erklärte, sie würde sich glücklich schätzen, ihn als Ratgeber zu behalten, und gab zu erkennen, für wie wertvoll sie seine Mitarbeit erachtete, indem sie ihn bat, sich weiterhin mit dem »Werk der Arbeit« zu beschäftigen, dessen eigentlicher Direktor er war.
Eine ganze Woche lang empfand Saccard heftigen Kummer, wie beim Verlust eines liebgewordenen Gedankens. Nicht, daß er sich in den Schlund der Räubereien zurückfallen sah; aber so, wie eine gefühlvolle Romanze den verworfensten Trunkenbolden Tränen in die Augen treibt, hatte dieses riesige Idyll von den Millionen, die soviel Gutes schufen, seine alte Freibeuterseele weich gestimmt. Er stürzte wieder einmal, und aus sehr großer Höhe: es schien ihm, als wäre er entthront worden. Mit Hilfe des Geldes hatte er neben der Befriedigung seiner Begierden immer zugleich die Herrlichkeit eines fürstlichen Lebens angestrebt, das er nie in dem gewünschten Maße hatte führen können. Seine Raserei nahm mit jedem Sturz, der wieder eine Hoffnung zunichte machte, zu. Daher wurde er in eine wütende Kampflust zurückgeworfen, als sein Vorhaben angesichts der ruhigen und deutlichen Weigerung der Fürstin zusammenbrach. Sich schlagen, in dem harten Krieg der Spekulation der Stärkste sein, die anderen fressen, um nicht selbst gefressen zu werden, das war neben seiner Gier nach Glanz und Genuß die wesentliche, die einzige Ursache seiner Leidenschaft für die Geschäfte. Wenn er auch keine Schätze anhäufte, so hatte er doch die andere Freude: den Kampf der hohen Zahlen, die Vermögen, die wie Armeekorps in die Schlacht geführt wurden, den Zusammenprall der streitenden Millionen mit den Niederlagen und mit den Siegen, die ihn berauschten. Und sogleich kam wieder der Haß auf Gundermann, sein zügelloses Bedürfnis nach Revanche zum Vorschein: Gundermann zu Boden werfen, dieses wahnwitzige Begehren quälte ihn, sooft er besiegt am Boden lag. Wenn er auch spürte, wie kindisch ein solcher Versuch war – konnte er Gundermann nicht wenigstens anschlagen, sich einen Platz neben ihm erobern, ihn zur Teilung zwingen, wie es die einander ebenbürtigen Monarchen aus benachbarten Ländern tun, die sich mit »Vetter« anreden? Damals zog ihn erneut die Börse an, und er hatte den Kopf voller Geschäfte, die er starten wollte; er wurde von den widersprüchlichsten Plänen hin und her gerissen mit einer solchen fiebrigen Hast, daß er sich einfach nicht entscheiden konnte bis zu dem Tage, da sich eine alle Maße übersteigende, ungewöhnliche Idee aus allen anderen herauslöste und sich seiner nach und nach ganz bemächtigte.
Seitdem Saccard im Palais dʼOrviedo wohnte, sah er bisweilen die Schwester des Ingenieurs Hamelin, der die kleine Wohnung im zweiten Stock innehatte, eine Frau von bewundernswertem Wuchs, Frau Caroline, wie man sie vertraulich nannte. Was ihn bei der ersten Begegnung vor allem betroffen gemacht hatte, war das prachtvolle weiße Haar, eine Königskrone aus weißen Haaren, die über der Stirn dieser noch jungen, kaum sechsunddreißigjährigen Frau so eigentümlich wirkten. Schon mit fünfundzwanzig Jahren war sie ganz weiß geworden. Die schwarz gebliebenen, sehr dichten Brauen bewahrten dem hermelinumrahmten Gesicht einen seltsamen Reiz von lebhafter Jugendlichkeit. Mit ihrem zu starken Kinn, der etwas zu großen Nase und dem breiten Mund, dessen volle Lippen sehr viel Güte verrieten, war sie nie eigentlich hübsch gewesen. Wohl aber milderte dieses weiße Vlies, dieser wehende Schnee aus feinen, seidigen Haaren ihren ein wenig harten Gesichtsausdruck und verlieh ihr den lächelnden Zauber einer Großmutter in der Frische und der Kraft einer schönen Geliebten. Sie war groß und kräftig und hatte einen freimütigen, sehr edlen Gang.
Sooft Saccard, der kleiner war als sie, ihr begegnete, folgte er ihr interessiert mit den Augen und war insgeheim neidisch auf diese hohe, vor Gesundheit strotzende Gestalt. Und nach und nach erfuhr er von den Leuten aus der Gegend die ganze Geschichte der Hamelins. Caroline und Georges waren die Kinder eines Arztes aus Montpellier, eines bedeutenden Gelehrten und überspannten Katholiken, der ohne Vermögen gestorben war. Als der Vater aus dem Leben schied, waren das Mädchen achtzehn und der Junge neunzehn Jahre alt; und da Georges gerade in die Ecole polytechnique40 aufgenommen worden war, folgte ihm Caroline nach Paris, wo sie als Erzieherin in Dienst trat Sie steckte ihm Hundertsousstücke zu, sie versorgte ihn während der zwei Studienjahre mit Taschengeld; als er später wegen seines schlechten Zeugnisses ohne Arbeit war, unterstützte sie ihn wiederum, bis er eine Anstellung fand. Die beiden Geschwister beteten einander an und träumten davon, einander nie zu verlassen. Als sich jedoch eine unverhoffte Heirat bot – das feine Benehmen und der lebhafte Verstand des jungen Mädchens hatten in dem Haus, wo sie in Stellung war, einen millionenschweren Brauer erobert –, wollte Georges, daß sie einwilligte; er mußte es aber bitter bereuen, denn nach wenigen Ehejahren war Caroline gezwungen, eine Trennung zu verlangen, wenn sie nicht von ihrem Gatten, der ein Trinker war und sie in unsinnigen Eifersuchtsanfällen mit einem Messer bedrohte, umgebracht werden wollte. Sie war damals sechsundzwanzig Jahre alt und wieder arm geworden, da sie es sich in den Kopf gesetzt hatte, keinen Unterhalt von dem Mann zu fordern, den sie verließ. Aber ihr Bruder hatte endlich nach sehr vielen Versuchen eine Aufgabe gefunden, die ihm gefiel: er sollte mit der Kommission, die mit den ersten Vorarbeiten für den Suezkanal beauftragt war, nach Ägypten gehen, und er nahm seine Schwester mit; sie richtete sich tapfer in Alexandria ein und begann wieder Stunden zu geben, während er durch das Land zog. So blieben sie bis 1859 in Ägypten und waren bei den ersten Spatenstichen am Strand von Port Said dabei: ein kümmerlicher Trupp von knapp hundertfünfzig Erdarbeitern, der sich im Sand verlor und von einer Handvoll Ingenieure angeleitet wurde. Dann schickte man Hamelin nach Syrien, wo er Lebensmittel beschaffen sollte, und nach einem Streit mit seinen Vorgesetzten blieb er dort. Er ließ Caroline nach Beirut kommen, wo neue Schüler sie erwarteten, und stürzte sich in ein großes Unternehmen, das von einer französischen Gesellschaft gefördert wurde; es ging um die Trasse einer befahrbaren Straße von Beirut nach Damaskus, den ersten und einzigen Weg, der durch die Schluchten des Libanon führte. Sie blieben dort noch drei Jahre bis zur Fertigstellung der Straße; er besichtigte die Berge, unternahm eine zweimonatige Reise über den Taurus nach Konstantinopel, sie folgte ihm, sobald sie loskommen konnte, und machte sich seine Projekte zu eigen, dieses alte Land wiederzuerwecken, das unter der Asche der toten Kulturen schlummerte. Er hatte eine ganze Mappe gefüllt, die von Ideen und Plänen überquoll, und er verspürte die gebieterische Notwendigkeit, nach Frankreich zurückzukehren, wenn er diesen umfangreichen Unternehmungen Gestalt verleihen, Gesellschaften gründen und Kapital finden wollte. So kehrten sie nach neun Jahren Aufenthalt im Orient zurück. Aus Neugier reisten sie über Ägypten, wo die Arbeiten am Suezkanal sie begeisterten: in vier Jahren war aus dem Sand des Strandes von Port Said eine Stadt gewachsen, ein ganzes Volk war da am Werke, die menschlichen Ameisen hatten sich vervielfacht und veränderten das Antlitz der Erde. Aber in Paris erwartete Hamelin ein dauerndes Pech. Seit fünfzehn Monaten schlug er sich dort mit seinen Projekten herum, ohne mit seinem Glauben daran jemanden überzeugen zu können, denn er war zu bescheiden und nicht sehr redegewandt; und so war er in diesem zweiten Stockwerk des Palais dʼOrviedo gestrandet, in einer kleinen Fünfzimmerwohnung, die er für zwölfhundert Francs mietete, weiter vom Erfolg entfernt als einst, da er die Gebirge und die Ebenen Asiens durchstreift hatte. Ihre Ersparnisse waren rasch erschöpft, und die beiden Geschwister gerieten in große Geldverlegenheit.
Und genau das erweckte Saccards Interesse, diese zunehmende Traurigkeit von Frau Caroline, deren schöne Heiterkeit sich verdüsterte, weil sie ihren Bruder mutlos werden sah. In ihrem Haushalt war sie ein wenig der Mann. Georges, der ihr äußerlich sehr ähnlich, nur schmächtiger war, konnte in der Arbeit ungewöhnlich ausdauernd sein; aber er vertiefte sich in seine Studien, bei denen man ihn keinesfalls stören durfte. Er hatte sich nie verheiraten wollen, weil er nicht das Bedürfnis dazu verspürte und seine Schwester anbetete – das genügte ihm. Vielleicht hatte er dann und wann eine Geliebte, die man nicht kannte. Und dieser alte Streber von der Ecole polytechnique, der großzügige Ideen hatte und einen so glühenden Eifer für alle seine Unternehmungen, war manchmal von so kindlicher Einfalt, daß man ihn für ein bißchen beschränkt halten konnte. Im engstirnigsten Katholizismus erzogen, hatte er sich seine Kinderreligion bewahrt und befolgte aus voller Überzeugung alle kirchlichen Vorschriften; seine Schwester dagegen hatte durch ihr vieles Lesen, durch die umfassende Bildung, die sie sich an seiner Seite in den langen Stunden erwarb, da er sich in seine technischen Arbeiten vertiefte, ihre geistige Unabhängigkeit zurückgewonnen. Sie beherrschte vier Sprachen, sie hatte die Nationalökonomen und die Philosophen gelesen und sich zeitweilig für die sozialistischen und evolutionistischen Theorien begeistert; dann aber war sie ruhiger geworden. Ihren Reisen, ihrem langen Aufenthalt in fernen Ländern vor allem verdankte sie eine große Toleranz und eine schöne Ausgeglichenheit und Weisheit. Wenn sie auch nicht mehr gläubig war, so hatte sie doch Achtung vor dem Glauben ihres Bruders. Beide hatten sich einmal darüber ausgesprochen und nie wieder davon angefangen. Bei all ihrer Schlichtheit und Gutmütigkeit war sie eine kluge Frau, begabt mit einem außergewöhnlichen Lebensmut und einer fröhlichen Tapferkeit, die den Grausamkeiten des Schicksals widerstand; nur ein einziger Kummer nagte an ihr, so sagte sie: kein Kind zu haben.
Einmal ergab es sich, daß Saccard Hamelin eine Gefälligkeit erweisen konnte, indem er ihm eine kleine Arbeit für eine Kommanditgesellschaft vermittelte, die für die Begutachtung einer neuen Maschine einen Ingenieur brauchte. Und so gelang es ihm, zu den Geschwistern ein vertrauliches Verhältnis zu gewinnen; fortan ging er häufig auf eine Stunde zu ihnen in den Salon hinauf, ihr einziges großes Zimmer, das sie in einen Arbeitsraum umgewandelt hatten. Dieser Raum wirkte völlig kahl, er war nur mit einem langen Zeichentisch, einem zweiten, mit Papieren beladenen kleineren Tisch und einem halben Dutzend Stühle möbliert. Auf dem Kamin stapelten sich die Bücher. Aber ein improvisierter Wandschmuck heiterte diese Leere auf: eine Reihe von Plänen und eine Folge heller Aquarelle, jedes Blatt mit vier Nägeln an der Wand befestigt. Das waren die Projekte aus Hamelins Mappe, die er so zur Schau stellte, seine in Syrien gemachten Aufzeichnungen, sein ganzes künftiges Vermögen; die Aquarelle stammten von Frau Caroline, Ansichten von dort unten, charakteristische Gestalten, Trachten – alles, was ihr auffiel, wenn sie ihren Bruder begleitete, hatte sie mit einem sehr persönlichen Sinn für Farben, doch ohne jeden künstlerischen Anspruch skizziert. Zwei breite Fenster, die auf den Garten des Palais Beauvilliers hinausgingen, ließen helles Licht auf diese kunterbunt durcheinander aufgehängten Zeichnungen fallen, die ein anderes Leben heraufbeschworen, den Traum einer in Staub zerfallenen antiken Gesellschaft, und die Entwürfe erweckten den Anschein, als wollten sie diese Gesellschaft mit festen, mathematischen Linien wiederaufrichten, sie gleichsam stützen mit dem soliden Gerüst der modernen Wissenschaft. Und wenn sich Saccard mit jenem Aufwand an Betriebsamkeit, der seinen Charme ausmachte, nützlich erwiesen hatte, versenkte er sich hingerissen in die Pläne und Aquarelle und bat unaufhörlich um neue Erklärungen. In seinem Kopf keimte schon ein ganzer großer Plan.
Eines Morgens traf er Frau Caroline allein an, sie saß vor dem kleinen Tisch, den sie zu ihrem Schreibtisch gemacht hatte. Sie war todunglücklich, ihre Hände ruhten müßig zwischen den Papieren.
»Was wollen Sie? Das nimmt bestimmt noch ein böses Ende ... Trotzdem verliere ich nicht den Mut. Aber es fehlt uns bald an allem zugleich, und was mir das Herz zerreißt, ist die Kraftlosigkeit, in die das Unglück meinen armen Bruder versetzt, denn er ist nur tapfer, hat nur Kraft bei der Arbeit ... Ich hatte daran gedacht, wieder irgendwo eine Stellung als Erzieherin anzunehmen, um ihm wenigstens zu helfen. Ich habe gesucht und nichts gefunden ... Aber ich kann doch nicht als Aufwartefrau gehen.«
Nie hatte Saccard sie so fassungslos und niedergeschlagen gesehen.
»Zum Teufel! Soweit sind Sie doch noch nicht!« rief er.
Sie schüttelte den Kopf, war voller Bitternis über das Leben, das sie für gewöhnlich so mutig annahm, selbst wenn es sich als böse erwies. Und da Hamelin in diesem Augenblick nach Hause kam und die Nachricht von einem letzten Mißerfolg brachte, flossen ihr langsam dicke Tränen über die Wangen. Sie sprach nicht mehr, die Hände hatte sie, zu Fäusten geballt, auf den Tisch gelegt, und ihre Augen blickten verloren vor sich hin.
»Wenn man bedenkt«, entfuhr es Hamelin, »daß es da unten Millionen gibt, die auf uns warten, und niemand hilft mir, sie zu gewinnen!«
Saccard hatte sich vor einem Entwurf aufgepflanzt, der den Aufriß für einen inmitten großer Lagerhäuser gebauten Pavillon darstellte.
»Was ist denn das?« fragte er.
»Oh, das habe ich nur zum Spaß gemacht«, erklärte der Ingenieur. »Das ist der Entwurf für ein Wohnhaus da unten in Beirut, für den Direktor der Gesellschaft, von der ich immer träumte, Sie wissen ja, die Allgemeine Gesellschaft der vereinigten Dampfschiffahrtslinien.«
Er wurde lebhaft, führte weitere Einzelheiten an. Während seines Aufenthalts im Orient hatte er festgestellt, wie mangelhaft das Transportwesen war. Die wenigen Reedereien mit Sitz in Marseille machten sich durch die Konkurrenz tot, kamen nicht auf die ausreichende Zahl von Schiffseinheiten, die mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet sind; daher war es eine seiner ersten Ideen, bevor er überhaupt an seine vielen anderen Unternehmungen dachte, diese Reedereien in einem Kartell zusammenzufassen, sie in einer großen, mit einem Millionenkapital versehenen Gesellschaft zu vereinigen, die das ganze Mittelmeer ausbeuten und beherrschen könnte, indem sie einen Linienverkehr nach allen Häfen Afrikas, Spaniens, Italiens, Griechenlands, Ägyptens, Asiens und bis ins Schwarze Meer hinein einrichtete. Dieser Plan zeugte von einem großen organisatorischen Spürsinn und zugleich von einem hohen staatsbürgerlichen Bewußtsein: damit war der Orient erobert und Frankreich zum Geschenk gemacht, ganz davon zu schweigen, daß auf diese Weise Syrien näher rückte, wo seinem Wirken noch ein weites Feld offenstand.
»Die Kartelle«, murmelte Saccard, »da scheint heute die Zukunft zu liegen ... Das ist eine so mächtige Form des Zusammenschlusses! Drei oder vier kleine Einzelunternehmen, die sich nur knapp über Wasser halten, gelangen unausweichlich zu neuem Leben und zu neuer Blüte, sobald sie sich zusammentun ... Ja, das Morgen gehört den großen Kapitalien, den vereinten Anstrengungen der großen Massen. Die ganze Industrie, der ganze Handel werden schließlich nur noch ein einziger, ungeheuer großer Basar sein, auf dem man sich mit allem versorgt.«
Er war wieder stehengeblieben, diesmal vor einem Aquarell, das eine wild zerklüftete Landschaft darstellte, eine ausgetrocknete Schlucht, die ein riesiger, mit Gestrüpp bewachsener Felssturz versperrte.
»Oh, oh«, versetzte er, »das ist ja das Ende der Welt. In diesem gottverlassenen Winkel wird man bestimmt nicht von Fußgängern angerempelt.«
»Eine Schlucht im Karmel«, antwortete Hamelin. »Meine Schwester hat das während der Untersuchungen gemalt, die ich dort angestellt habe.« Und er fügte noch hinzu: »Sehen Sie, zwischen den Kreidekalkfelsen und dem Porphyrgestein, das den Kalkstein auf der ganzen Gebirgsflanke gehoben hat, gibt es ein beachtliches Schwefelsilberlager. Ja, ein Silbererzvorkommen, dessen Abbau nach meinen Berechnungen ungeheure Gewinne bringen würde.«
»Ein Silbererzvorkommen«, wiederholte Saccard lebhaft.
Frau Caroline, die in ihrer Traurigkeit immer noch in die Ferne blickte, hatte zugehört, und als wäre eine Vision heraufbeschworen worden, sagte sie:
»Der Karmel! Ach, was für eine Einöde, was für Tage der Einsamkeit! Alles steht voller Myrten und Ginster, das duftet, die laue Luft ist wie von Balsam erfüllt. Und hoch oben schweben immerfort Adler ... Nein, und das viele Silber, das neben soviel Elend in diesem Grab schlummert! Man möchte glückliche Menschen sehen, Bauplätze, aufblühende Städte, ein durch Arbeit erneuertes Volk ...«
»Eine Straße wäre leicht vom Karmel nach Akka erschlossen«, fuhr Hamelin fort. »Und ich glaube bestimmt, man würde auch Eisen entdecken, denn es ist in Hülle und Fülle in den Gebirgen des Landes vorhanden ... Ich habe auch eine neue Art der Förderung entwickelt, die bedeutende Einsparungen bringen würde. Alles ist bereit, es handelt sich nur noch darum, Kapitalien zu finden.«
»Die Silberbergwerksgesellschaft des Karmel!« murmelte Saccard.
Aber jetzt sprang der Ingenieur erhobenen Blickes von einem Plan zum anderen über, diese Arbeit seines ganzen Lebens hatte ihn wieder gepackt, und er fieberte bei dem Gedanken an die strahlende Zukunft, die dort schlummerte, während ihm die Hände gebunden waren, weil er kein Geld hatte.
»Und das ist erst der Anfang«, fuhr er fort. »Schauen Sie diese Reihe von Plänen an, das hier ist der große Coup, ein ganzes Eisenbahnnetz quer durch Kleinasien ... Der Mangel an bequemen und schnellen Verkehrsverbindungen ist nämlich der Hauptgrund für die Stagnation, in der dieses so reiche Land verkommt. Sie finden dort keinen befahrbaren Weg, für jede Reise und jeden Transport sind Sie dort noch immer auf Maultiere oder Kamele angewiesen ... Stellen Sie sich vor, was für eine Umwälzung es wäre, wenn Eisenbahnstrecken bis an die Grenzen der Wüste vordringen! Industrie und Handel würden sich verzehnfachen, das wäre der Sieg der Zivilisation, und Europa stieße endlich die Tore zum Orient auf ... Wenn Sie das nur ein wenig interessiert, so können wir darüber noch im einzelnen sprechen. Und Sie sollen mal sehen, Sie sollen mal sehen!«
Übrigens konnte er es nicht lassen, sogleich Erläuterungen zu geben. Vor allem während seiner Reise nach Konstantinopel hatte er die Absteckung für sein Eisenbahnnetz studiert. Die einzige große Schwierigkeit bestand in der Überquerung des Taurus, aber er war über die verschiedenen Passe gezogen und versicherte, daß es möglich sei, eine direkte und verhältnismäßig wenig kostspielige Linie anzulegen. Er dachte ohnehin nicht daran, das gesamte Netz auf einmal bauen zu lassen. Hatte man vom Sultan die Konzession für das ganze Projekt erlangt, so wäre es klug, zunächst nur die Hauptstrecke, die Linie von Brussa nach Beirut über Angora und Aleppo, in Angriff zu nehmen. Später könnte man an die Nebenstrecken von Smyrna nach Angora und von Trapezunt nach Angora über Erzerum und Siwas denken.
»Später, noch später ...«, fuhr er fort.
Doch er vollendete nicht, er begnügte sich zu lächeln, weil er nicht zu sagen wagte, wie weit er in der Kühnheit seiner Pläne gegangen war. Das war der Gipfel seiner Träume.
»Ach, die Ebenen am Fuße des Taurus«, versetzte Frau Caroline mit der schleppenden Stimme einer Traumwandlerin, »was für ein köstliches Paradies! Man braucht die Erde nur anzukratzen, und die Ernten reifen üppig heran. Die Obstbäume brechen unter der Last der Pfirsiche, Kirschen, Feigen und Mandeln. Und die Felder mit Öl- und Maulbeerbäumen, wie große Wälder kommen sie einem vor! Und was für ein natürliches und leichtes Leben in dieser linden, ewig blauen Luft!«
Saccard brach in jenes schrille, gierige Gelächter aus, das ihn immer ankam, sobald er Geld witterte. Und als Hamelin noch von weiteren Vorhaben, besonders von der Gründung einer Bank in Konstantinopel, sprach und ein Wort über die allmächtigen Verbindungen fallenließ, die er vor allem zur Umgebung des Großwesirs angeknüpft hatte, unterbrach ihn Saccard vergnügt.
»Aber das ist ja ein Schlaraffenland, das ließe sich verkaufen!«
Dann stützte er sehr vertraulich beide Hände auf Frau Carolines Schultern, die immer noch an ihrem Tisch saß.
»Verzweifeln Sie doch nicht, Frau Caroline! Ich mag Sie sehr, Sie werden sehen, ich mache mit Ihrem Bruder etwas sehr Gutes für uns alle ... Haben Sie Geduld und warten Sie ab!«
Im darauffolgenden Monat verschaffte Saccard dem Ingenieur erneut einige kleine Arbeiten, und obwohl er nicht mehr von den großen Geschäften sprach, mußte er doch fortwährend daran denken, wälzte er sie in seinen Gedanken, auch wenn er vor der erdrückenden Größe der Unternehmungen zögerte. Aber was die entstehenden Bande ihrer vertrauten persönlichen Beziehungen enger knüpfte, war die ganz natürliche Art, in der sich Frau Caroline mit seinem Haushalt befaßte. Als alleinstehender Mann wurde er von überflüssigen Kosten aufgefressen und um so schlechter bedient, je mehr Diener er hatte. Er, der nach außen so wendig war und mit starker, geschickter Hand in den trüben Wassern der großen Räubereien fischte, ließ bei sich zu Hause alles drunter und drüber gehen, unbekümmert um die erschreckenden Verluste, die seine Ausgaben verdreifachten; obendrein machte sich das Fehlen einer Frau bis in die kleinsten Dinge hinein empfindlich bemerkbar. Als Frau Caroline die Plünderung bemerkte, gab sie ihm zunächst Ratschläge, mischte sich dann schließlich ein und verhalf ihm zu zwei oder drei Einsparungen, so daß er ihr eines Tages lachend anbot, seine Hausdame zu werden. Warum auch nicht? Da sie eine Stelle als Erzieherin gesucht hatte, konnte sie sehr wohl eine für sie ehrenhafte Stellung annehmen, die ihr erlaubte abzuwarten. Das im Scherz gemachte Angebot wurde ernst. War das nicht eine geeignete Form, sich zu beschäftigen, ihren Bruder mit den dreihundert Francs zu unterstützen, die ihr Saccard monatlich geben wollte? Und sie willigte ein; binnen acht Tagen ordnete sie den Haushalt neu, entließ den Küchenchef und seine Frau und stellte dafür nur eine Köchin ein, die mit dem Kammerdiener und dem Kutscher zur Bedienung ausreichen mußte. Ebenso behielt sie nur ein Pferd und einen Wagen, nahm völlig das Heft in die Hand und prüfte die Rechnungen mit so peinlicher Sorgfalt, daß sie nach den ersten zwei Wochen die Ausgaben um die Hälfte verringert hatte. Saccard war entzückt, scherzte und sagte, daß jetzt er sie um ihr Geld brächte und daß sie einen gewissen Prozentsatz von all den Gewinnen hätte fordern müssen, zu denen sie ihm verhalf.
Von nun an lebten sie sehr eng zusammen. Saccard hatte den Einfall gehabt, die Schrauben herausdrehen zu lassen, die die Verbindungstür zwischen den beiden Wohnungen versperrten, und man stieg wieder ungehindert über die Innentreppe von einem Speisesaal in den anderen; Frau Caroline überließ ihren eigenen Haushalt der Sorge ihres einzigen Dienstmädchens und ging zu jeder Tageszeit hinunter, um wie bei sich zu Hause ihre Anordnungen zu erteilen, während ihr Bruder oben von früh bis spät bei verschlossenen Türen arbeitete, um seine Akten aus dem Orient in Ordnung zu bringen. Saccard freute sich über das ständige Erscheinen dieser schönen großen Frau, die die Räume durchquerte mit ihrem festen und stolzen Schritt, mit der immer wieder neuen, überraschenden Heiterkeit ihres weißen Haars, das ihr um das junge Gesicht flatterte. Sie war wieder sehr fröhlich, sie hatte ihren Lebensmut zurückgewonnen, seitdem sie sich nützlich fühlte, ihre Stunden ausfüllte und fortwährend auf den Beinen war. Ohne Schlichtheit vortäuschen zu wollen, trug sie immer nur ein schwarzes Kleid, aus dessen Tasche das helle Geklingel des Schlüsselbundes zu vernehmen war; und fraglos machte sie, die Gelehrte und Philosophin, sich ein Vergnügen daraus, nichts weiter als eine gute Hausfrau zu sein, die Haushälterin eines Verschwenders, den sie zu lieben begann, so wie man die mißratenen Kinder liebt. Saccard, der einen Augenblick ganz hingerissen war und sich ausrechnete, daß der Altersunterschied zwischen ihnen nur vierzehn Jahre betrug, hatte sich gefragt, was wohl geschehen würde, wenn er sie eines schönen Abends in die Arme nähme. Durfte er annehmen, daß sie seit zehn Jahren, seit ihrer erzwungenen Flucht aus dem Hause ihres Gatten, von dem sie mit ebensoviel Schlägen wie Zärtlichkeiten bedacht worden war, wie eine reisende Amazone gelebt hatte, ohne einen Mann anzusehen? Vielleicht hatten die Reisen sie geschützt. Indes wußte er, daß ein Kaufmann und Freund ihres Bruders, der in Beirut geblieben war und dessen Rückkehr nahe bevorstand, sie sehr geliebt hatte; um sie heiraten zu können, hatte er den Tod ihres Gatten herbeigesehnt, der wegen Säuferwahnsinn in ein Irrenhaus eingeliefert worden war. Offenbar hätte diese Heirat nur ein sehr entschuldbares, beinahe legitimes Verhältnis geregelt. Warum sollte er, Saccard, nun nicht der zweite sein, wo es ja schon einen gegeben haben mußte? Aber Saccard ließ es beim bloßen Gedanken bewenden, denn er fand sie so kameradschaftlich, daß das Weib oft gänzlich in den Hintergrund trat. Sooft er sie mit ihrer bewundernswerten Gestalt vorbeigehen sah, fragte er sich von neuem, was wohl geschehen würde, wenn er sie umarmte. Und er gab sich selbst die Antwort, daß sehr gewöhnliche, vielleicht ärgerliche Sachen passieren würden, und er verschob den Versuch auf später, drückte ihr nur, beglückt über ihre Herzlichkeit, kräftig die Hand.
Dann war Frau Caroline plötzlich wieder sehr bekümmert. Eines Morgens kam sie niedergeschlagen, sehr blaß und mit verschwollenen Augen herunter. Er konnte nichts aus ihr herausbringen und fragte sie nicht weiter aus angesichts der Hartnäckigkeit, mit der sie behauptete, sie habe nichts, sie sei wie alle Tage. Erst am nächsten Tag begriff er, als er oben einen Brief fand, in dem die Heirat von Herrn Beaudoin mit der sehr jungen und unermeßlich reichen Tochter eines englischen Konsuls angezeigt wurde. Der Schlag mußte um so härter gewesen sein, als die Nachricht ohne jegliche Vorbereitung, sogar ohne ein Lebewohl, nur mit diesem banalen Brief eintraf. Das war ein richtiger Zusammenbruch im Dasein der unglücklichen Frau, der Verlust der fernen Hoffnung, an die sie sich in den Stunden des Unglücks klammerte. Und wie es der Zufall wollte, der abscheuliche Grausamkeiten bereithält, hatte sie gerade zwei Tage zuvor erfahren, daß ihr Gatte gestorben war, und achtundvierzig Stunden lang an die nahe bevorstehende Verwirklichung ihres Traums geglaubt. Ihr Leben stürzte zusammen, sie war vernichtet. Am gleichen Abend wartete noch eine weitere unangenehme Überraschung auf sie: als sie, ehe sie zum Schlafen hinaufging, wie gewöhnlich bei Saccard eintrat, um sich mit ihm über die Anordnungen für den folgenden Tag zu unterhalten, sprach er so teilnahmsvoll von ihrem Unglück, daß sie in Schluchzen ausbrach. Rührung überkam sie, ihre Willenskraft war wie gelähmt, und sie fand sich plötzlich in seinen Armen, sie gab sich ihm hin, freudlos für beide. Als sie wieder zu sich kam, begehrte sie nicht auf, aber sie war unendlich traurig. Warum hatte sie das geschehen lassen? Sie liebte diesen Mann nicht, und er liebte sie wohl auch nicht. Keineswegs schien er ihr in einem Alter und von einem Aussehen, die intimer Zärtlichkeit unwürdig wären. Gewiß war er keine Schönheit und auch nicht mehr jung, doch sein lebhaftes Mienenspiel, der Tatendrang seiner ganzen kleinen dunkelhäutigen Person nahmen sie für ihn ein; ohne ihn genau zu kennen, wollte sie ihn für gefällig, überdurchschnittlich intelligent und für fähig halten, die großen Unternehmungen ihres Bruders mit der üblichen Allerweltsehrlichkeit zu verwirklichen. Nur, was für ein blödsinniger Fehltritt! Sie, die so vernünftig, durch die harte Erfahrung so klug geworden, so voll Selbstbeherrschung war, mußte wie eine sentimentale Grisette in einem Tränenausbruch erliegen, ohne zu wissen, wie und warum! Das schlimmste war, daß sie spürte, wie er gleich ihr über das Abenteuer erstaunt und beinahe verärgert war. Als er sie zu trösten suchte, als er mit ihr über Herrn Beaudoin wie über einen einstigen Geliebten sprach, dessen gemeiner Verrat nur vergessen zu werden verdiente, und sie sich dagegen verwahrte und schwor, daß zwischen ihnen nie etwas gewesen sei, glaubte er zunächst, sie hätte aus weiblichem Stolz gelogen; aber sie wiederholte diesen Schwur mit soviel Nachdruck, und ihre Augen blickten dabei so schön, so klar und ehrlich, daß er schließlich von der Wahrheit ihrer Geschichte überzeugt war: wie sie sich aus Redlichkeit und Würde für ihren Hochzeitstag aufheben wollte und der Mann sich zwei Jahre lang geduldete, dann müde wurde und bei Gelegenheit eine andere heiratete, deren Jugend und Reichtum sich ihm allzu verführerisch darbot. Und das Merkwürdige daran war, daß diese Entdeckung, diese Überzeugung, die Saccard hätte in Leidenschaft versetzen müssen, ihn im Gegenteil beinahe verwirrte, so sehr begriff er die lächerliche Zufälligkeit seines unverhofften Glücks. Übrigens taten sie es nie wieder, da offenbar keiner von beiden Lust dazu verspürte.
Vierzehn Tage lang war Frau Caroline schrecklich traurig. Die Lebenskraft, dieser Antrieb, der aus dem Leben eine Notwendigkeit und eine Freude macht, hatte sie verlassen. Sie ging zwar ihren vielfältigen Beschäftigungen nach, war aber irgendwie geistesabwesend, ohne sich über Sinn und Zweck der Dinge noch Täuschungen hinzugeben. Die menschliche Maschine arbeitete aus Verzweiflung über die Nichtigkeit allen Tuns. Ihre einzige Zerstreuung in diesem Schiffbruch ihrer Tapferkeit und Heiterkeit war es, alle ihre freien Stunden an einem Fenster des großen Arbeitszimmers zu verbringen, die Stirn an die Scheiben gepreßt und den Blick starr auf den Garten des Nachbarhauses geheftet, jenes Palais de Beauvilliers, dessen bittere Not und verborgenes Elend sie seit den ersten Tagen nach ihrem Einzug erraten hatte, obwohl man sich so verzweifelt bemühte, den Schein zu wahren. Dort gab es auch Wesen, die litten; ihr eigener Kummer war wie durchtränkt von diesen Tränen, und sie verfiel in tödliche Schwermut, so daß sie sich bisweilen gefühllos und tot im Schmerz der anderen vorkam.
Diese Beauvilliers, denen früher in der Rue de Grenelle ein herrliches Palais gehörte, ganz zu schweigen von ihren riesigen Gütern in der Touraine41 und im Anjou42, besaßen in Paris nur noch dieses ehemalige Lusthaus, das zu Beginn des vorigen Jahrhunderts außerhalb der Stadt errichtet worden war; heute war es von den dunklen Häusern der Rue Saint-Lazare eingeschlossen. Die letzten schönen Bäume des Gartens standen dort wie in der Tiefe eines Brunnens, das Moos zerfraß die Stufen der zerbröckelnden, geborstenen Freitreppe. Man hätte meinen können, das Ganze sei ein Stück Natur im Gefängnis, ein ruhiger, trauriger Winkel von stummer Verzweiflung, in den die Sonne nur noch als grünliches Tageslicht hinabdrang, dessen Kälte die Schultern erstarren ließ. Und der erste Mensch, den Frau Caroline in diesem feuchten Kellerfrieden oben auf jener zerfallenen Freitreppe entdeckte, war die Gräfin Beauvilliers, eine große, magere Frau von sechzig Jahren, mit schlohweißem Haar, eine sehr vornehme, ein wenig altmodische Erscheinung. Mit der großen geraden Nase, den dünnen Lippen und dem ungemein langen Hals sah sie wie ein uralter Schwan von trauriger Sanftmut aus. Hinter ihr war fast gleichzeitig ihre Tochter erschienen, Alice de Beauvilliers, fünfundzwanzig Jahre alt, aber so kümmerlich, daß man sie ohne ihren schlechten Teint und ihr eingefallenes Gesicht für ein kleines Mädchen gehalten hätte. Der Mutter war sie wie aus dem Gesicht geschnitten, nur schmächtiger, ohne die aristokratische Vornehmheit, der Hals lang bis zur Häßlichkeit; sie besaß nichts weiter als den kläglichen Reiz eines aussterbenden großen Geschlechts. Die beiden Frauen lebten allein, seitdem der Sohn, Ferdinand de Beauvilliers, nach der von Lamoricière verlorenen Schlacht bei Castelfidardo43 bei den päpstlichen Zuaven44 diente. Wenn es nicht regnete, kamen sie täglich, eine hinter der anderen, aus dem Haus, stiegen die Freitreppe hinab und machten einen Gang um den schmalen Rasen in der Mitte, ohne ein Wort zu wechseln. Es gab nur Efeueinfassungen, Blumen wären nicht gewachsen oder vielleicht zu teuer gewesen. Und dieser langsame Verdauungsspaziergang der beiden blassen Frauen unter den hundertjährigen Bäumen, die so viele Feste gesehen hatten und denen nun die Bürgerhäuser aus der Nachbarschaft die Luft nahmen, war von so schmerzlicher Schwermut, als führten beide die Trauer um die alten toten Dinge spazieren.
Frau Caroline, deren Teilnahme erwacht war, beobachtete ihre Nachbarinnen mit zärtlicher Sympathie, ohne böse Neugier; und da sie von ihrem Platz aus den Garten überblicken konnte, drang sie allmählich in das Leben der beiden Frauen ein, das diese mit eifersüchtiger Sorge nach der Straße zu verbergen wollten. Immer noch stand ein Pferd im Stall und ein Wagen in der Remise, ein alter Diener, der Kammerdiener, Kutscher und Concierge in einer Person war, versorgte beides; dann war noch eine Köchin da, die auch als Stubenmädchen diente. Doch wenn auch der Wagen, korrekt angespannt, aus dem Hauptportal fuhr und die Damen mit ihm ihre Besorgungen erledigten, wenn auch die Tafel bei den im Winter alle vierzehn Tage stattfindenden Diners, zu denen einige Freunde kamen, einen gewissen Luxus wahrte – mit welch langem Fasten, mit welch knausrigen Einsparungen zu jeder Stunde war dieser trügerische Schein des Reichtums erkauft! In einem kleinen Schuppen, den Blicken verborgen, wurden ständig die armseligen, von der Seife zerfressenen, Faden für Faden geflickten Sachen gewaschen, um die Rechnung für die Wäscherei niedrig zu halten; ein bißchen verlesenes Gemüse bildete die Abendmahlzeit, das Brot ließ man auf einem Brett altbacken werden, um weniger davon zu essen; da gab es alle möglichen Kniffe der Sparsamkeit, unscheinbar und rührend: der alte Kutscher nähte wieder und wieder die durchlöcherten Stiefelchen des Fräuleins, die Köchin schwärzte die Fingerspitzen der allzu abgetragenen Handschuhe der gnädigen Frau mit Tinte, die Kleider der Mutter gingen nach geschickt ersonnenen Umarbeitungen auf die Tochter über, und die Hüte überdauerten dank den ausgetauschten Blumen und Bändern Jahre. Wenn niemand erwartet wurde, waren die Empfangssalons im Erdgeschoß sowie die großen Räume im ersten Stockwerk sorgfältig verschlossen, denn von der ganzen weitläufigen Wohnung bewohnten die beiden Frauen nur noch ein schmales Zimmer, das sie zu ihrem Eßzimmer und Boudoir gemacht hatten. Wenn das Fenster etwas offenstand, konnte man die Gräfin wie eine arme kleine Bürgersfrau beim Wäscheausbessern sehen, während das junge Mädchen zwischen seinem Klavier und seinem Wasserfarbenkasten Strümpfe und Fäustlinge für die Mutter strickte. Eines Tages, als ein starkes Gewitter tobte, sah man die beiden im Garten, wie sie den Sand zusammenschaufelten, den der heftige Regen weggespült hatte.
Jetzt kannte Frau Caroline ihre Geschichte. Die Gräfin Beauvilliers hatte unter ihrem Gatten, der ein Wüstling war, viel gelitten, sich aber nie beklagt. In Vendôme hatte man ihn ihr eines Abends röchelnd, mit einer Kugel im Leib, ins Haus gebracht. Man sprach von einem Jagdunfall: irgendein Schuß von einem eifersüchtigen Forstaufseher, dessen Frau oder Tochter er genommen hatte. Und das schlimmste war, daß mit ihm das einst riesige Vermögen der Beauvilliers dahingeschwunden war, unermeßliche Ländereien, wahrhaft königliche Güter, die schon vor der Revolution zusammengeschrumpft waren und die sein Vater und er vollends durchgebracht hatten. Von dem gesamten großen Grundbesitz blieb ein einziger Pachthof, Les Aublets, einige Meilen von Vendôme entfernt, der an die fünfzehntausend Francs Jahreszinsen einbrachte, die einzige Hilfsquelle der Witwe und ihrer beiden Kinder. Das Palais in der Rue de Grenelle war längst verkauft worden, das Haus in der Rue Saint-Lazare verschlang den größten Teil der fünfzehntausend Francs aus dem Pachthof, denn es war mit Hypotheken überlastet und von der Versteigerung bedroht, wenn die Zinsen nicht bezahlt wurden; es blieben kaum noch sechs- oder siebentausend Francs für den Unterhalt von vier Personen, für die Lebenshaltung einer adligen Familie, die nicht abdanken wollte. Schon vor acht Jahren, als die Gräfin Witwe geworden war und mit einem zwanzigjährigen Sohn und einer siebzehnjährigen Tochter den Zusammenbruch ihres Hauses erlebte, hatte sie in ihrem Adelsstolz dem Schicksal Trotz geboten und sich geschworen, lieber von Wasser und Brot zu leben, als von ihrem Rang herabzusteigen. Seitdem hatte sie nur noch den einen Gedanken, ihre gesellschaftliche Stellung zu behaupten, ihre Tochter mit einem Mann von gleichem Adel zu verheiraten, aus ihrem Sohn einen Soldaten zu machen. Ferdinand hatte ihr zunächst durch ein paar Jugendtorheiten, Schulden, die bezahlt werden mußten, übermäßige Sorgen bereitet; aber nachdem er in einer feierlichen Unterredung über ihre Lage unterrichtet worden war, hatte er nicht wieder angefangen. Denn im Grunde besaß er ein zärtliches Gemüt, war einfach nur müßig und unbedeutend, wurde aus jedem Amt abgeschoben und fand keinen annehmbaren Platz in der heutigen Gesellschaft. Jetzt, als Soldat des Papstes, gab er ihr immer noch Anlaß zu heimlicher Angst, denn er war von schwächlicher Gesundheit und trotz seines stolzen Äußeren empfindlich; bei seiner Blutarmut war das römische Klima gefährlich für ihn. Was Alices Heirat betraf, so wollte und wollte sie sich nicht anbahnen, und der traurigen Mutter standen die Augen voller Tränen, wenn sie ihre schon gealterte Tochter anschaute, die im Warten dahinwelkte. Trotz ihres schwermütigen und unscheinbaren Aussehens war sie keineswegs einfältig, sie sehnte sich glühend nach dem Leben, nach einem Mann, der sie lieben würde, nach Glück; doch weil sie die Familie nicht noch mehr betrüben wollte, tat sie so, als hätte sie auf alles verzichtet, machte sich über die Ehe lustig und sagte, daß sie berufen sei, eine alte Jungfer zu werden. Nachts aber schluchzte sie in ihr Kopfkissen und glaubte vor Schmerz über ihr Alleinsein sterben zu müssen. Die Gräfin hatte es durch die Wunder ihres Geizes immerhin geschafft, zwanzigtausend Francs beiseite zu legen, Alices ganze Mitgift; desgleichen hatte sie aus dem Schiffbruch einige Schmuckstücke gerettet, ein Armband, Fingerringe und Ohrringe, die etwa zehntausend Francs wert waren – eine sehr magere Mitgift, ein Brautgeschenk, von dem sie nicht einmal zu sprechen wagte, da es kaum für die ersten Ausgaben langen würde, wenn der erwartete Ehemann vorstellig werden sollte. Und doch wollte sie nicht verzweifeln, sondern kämpfte weiter, gab keines der Vorrechte ihrer Geburt auf, war noch immer vornehm und angemessen reich und hielt es für unter ihrer Würde, zu Fuß auszugehen oder am Empfangsabend ein Zwischengericht weniger zu reichen. Dafür knauserte sie in ihrem verborgenen Leben, verurteilte sich wochenlang dazu, Kartoffeln ohne Butter zu essen, um der doch nie ausreichenden Mitgift der Tochter fünfzig Francs hinzuzufügen. Tagtäglich erlegte sie sich diesen schmerzlichen und kindischen Heldenmut auf, während über ihren Köpfen das Haus von Tag zu Tag immer mehr verfiel.
Indessen hatte Frau Caroline bis dahin noch keine Gelegenheit gefunden, mit der Gräfin und ihrer Tochter zu sprechen. Mittlerweile kannte sie die intimsten Einzelheiten aus ihrem Leben, Einzelheiten, die die Beauvilliers vor der ganzen Welt verborgen glaubten, doch sie hatten bislang nur Blicke getauscht, Blicke, die sich unbewußt in ein plötzliches Gefühl der Zuneigung verwandeln können. Die Fürstin dʼOrviedo sollte sie einander näherbringen. Sie war auf den Gedanken gekommen, für ihr »Werk der Arbeit« eine Art Aufsichtskommission aus zehn Damen zu bilden, die wöchentlich zweimal zusammenkamen, das »Werk« eingehend in Augenschein nahmen und alle Abteilungen kontrollierten. Da sie sich vorbehielt, diese Damen selbst auszuwählen, hatte sie als eine der ersten Madame de Beauvilliers benannt, die früher eine ihrer besten Freundinnen gewesen und heute, da sie zurückgezogen lebte, einfach ihre Nachbarin geworden war. Und als die Aufsichtskommission plötzlich ohne Sekretärin war, hatte Saccard, der bei der Verwaltung des Hauses das große Wort führte, den Einfall, Frau Caroline als eine Mustersekretärin zu empfehlen, wie man sie nirgendwo anders finden könne. In der Tat war die Arbeit ziemlich mühselig, es gab viel Schreibereien, und man mußte manchmal sogar mit Hand anlegen, was diesen Damen ein wenig zuwider war; aber von Anfang an offenbarte sich Frau Caroline als eine bewundernswerte Hausmutter; ihre unbefriedigte Mutterschaft, ihre übermäßige Kinderliebe entfachten in ihr eine lebhafte Zärtlichkeit für alle diese armen Wesen, die man aus der Pariser Gosse zu retten versuchte. So war sie bei der letzten Kommissionssitzung der Gräfin Beauvilliers begegnet; die Gräfin hatte aber nur einen ziemlich kühlen Gruß an sie gerichtet, um ihre heimliche Verlegenheit zu verbergen, denn zweifellos spürte sie, daß sie in ihr eine Zeugin ihres Elends vor sich hatte. Jetzt grüßten sich beide, sooft ihre Augen sich trafen und es eine zu große Unhöflichkeit gewesen wäre, so zu tun, als kennte man sich nicht.
Eines Tages beobachtete Frau Caroline wie gewöhnlich vom Fenster des großen Arbeitszimmers aus die Gräfin und deren Tochter bei ihrem Gang durch den Garten, während Hamelin einen Plan nach neuen Berechnungen berichtigte und Saccard daneben stand und ihm bei der Arbeit zusah. An jenem Morgen entdeckte sie an den Füßen der beiden Frauen Schuhe, die so abgetragen waren, daß nicht einmal eine Lumpensammlerin sie von der Straße aufgelesen hätte.
»Ach, die armen Frauen!« murmelte sie. »Wie schrecklich muß diese Komödie des Luxus sein, die sie meinen spielen zu müssen!«
Und sie trat zurück, verbarg sich hinter dem Vorhang, aus Furcht, die Mutter könnte sie bemerken und noch mehr darunter leiden, so belauert zu werden. Sie selbst hatte sich in den drei Wochen, die sie allmorgendlich an diesem Fenster verbrachte, beruhigt. Der große Kummer über ihre Verlassenheit schwand; es war, als ließe sie der Anblick des Unglücks anderer ihr eigenes Mißgeschick, diesen Zusammenbruch, von dem sie glaubte, er erfasse ihr ganzes Leben, mutiger ertragen. Erneut ertappte sie sich beim Lachen.
Einen Augenblick noch folgte sie mit träumerischem Blick den beiden Frauen in dem von grünem Moos überwucherten Garten. Dann drehte sie sich lebhaft zu Saccard um.
»Sagen Sie mir doch bloß, warum kann ich nicht traurig sein ... Nein, dies Gefühl hält bei mir nicht an, hat nie angehalten, ich kann nicht traurig sein, was mir auch zustößt ... Ob das wohl Egoismus ist? Aber nein, das glaube ich nicht. Das wäre zu häßlich, und wenn ich auch noch so fröhlich bin, so zerreißt es mir trotz allem das Herz beim Anblick des geringsten Schmerzes. Bringen Sie das unter einen Hut, ich bin fröhlich, und ich könnte über alle Unglücklichen weinen, die vorbeigehen, wenn ich mich nicht zurückhielte, weil ich begreife, daß das kleinste Stückchen Brot ihrer Sache viel besser dienen würde als meine unnützen Tränen.«
Während sie das sagte, lachte sie ihr schönes, mutiges Lachen einer tapferen Frau, die geschwätzigem Mitleid die Tat vorzieht.
»Gott weiß«, fuhr sie fort, »ob ich Grund hatte, an allem zu verzweifeln. Ach, das Glück hat mich bisher nicht verwöhnt ... Nach meiner Heirat bin ich in die Hölle geraten, wurde beschimpft und geschlagen, und ich habe manchmal gedacht, daß mir nur noch übrigbliebe, ins Wasser zu gehen. Ich bin nicht ins Wasser gegangen, und als ich vierzehn Tage später mit meinem Bruder in den Orient fuhr, zitterte ich vor Jubel, und eine unermeßliche Hoffnung erfüllte mich ... Und bei unserer Rückkehr nach Paris, als uns beinahe alles fehlte, durchwachte ich scheußliche Nächte, in denen ich uns über unseren schönen Plänen verhungern sah. Wir sind nicht gestorben, ich fing wieder an, von erstaunlichen, glückverheißenden Dingen zu träumen, über die ich manchmal im stillen selber lachen mußte ... Und neulich, als mir dieser furchtbare Schlag versetzt wurde, von dem ich noch nicht einmal zu sprechen wage, war mir, als ob mir das Herz herausgerissen würde; ja, ich habe wirklich gespürt, wie es nicht mehr schlug, ich habe geglaubt, es ist zu Ende, ich habe geglaubt, ich wäre tot. Und dann nichts von allem! Das Leben hat mich wieder gepackt, heute kann ich schon wieder lachen, morgen werde ich wieder hoffen und von neuem leben wollen, immer leben ... Es ist doch komisch, daß ich nicht lange traurig sein kann!«
Saccard, der auch lachte, zuckte mit den Achseln.
»Ach was! Sie sind wie jedermann. Das Leben ist eben so.«
»Glauben Sie?« rief sie verwundert aus. »Mir scheint aber, als gäbe es so traurige Leute, die nie fröhlich sind, die sich das Leben unmöglich machen, so schwarz malen sie es sich aus ... Oh, nicht, daß ich noch Illusionen über die Annehmlichkeit und die Schönheit hätte, die es bietet. Es ist zu hart gewesen, ich habe es zu sehr aus der Nähe gesehen, überall und ungehindert. Es ist abscheulich, wenn nicht gar schändlich. Aber was wollen Sie? Ich liebe es. Warum? Ich weiß es nicht. Rings um mich kann alles in Gefahr sein und zusammenbrechen, ich stehe trotzdem schon am nächsten Tag fröhlich und voll Vertrauen auf den Trümmern ... Ich habe schon oft gedacht, daß mein Fall im kleinen der der Menschheit sei, die in einem gräßlichen Elend lebt, gewiß, die aber von der Jugend einer jeden Generation wieder aufgemuntert wird. Nach jeder Krise, die mich zu Boden wirft, kommt so etwas wie eine neue Jugend, ein Frühling, der neuen Lebenssaft verheißt, mich wieder erwärmt und mein Herz höher schlagen läßt. Das ist wirklich wahr. Wenn ich nach einem großen Kummer auf die Straße hinausgehe und in die Sonne trete, fange ich gleich wieder an zu lieben, zu hoffen, glücklich zu sein. Und das Alter hat mir nichts anhaben können, ich bin so einfältig, daß ich altere, ohne es gewahr zu werden ... Sehen Sie, ich habe für eine Frau viel zuviel gelesen, ich weiß überhaupt nicht mehr, wohin ich gehe, wie es übrigens auch diese ganze weite Welt nicht mal mehr weiß. Aber unwillkürlich scheint mir, daß ich, daß wir alle auf etwas sehr Gutes, sehr Fröhliches zugehen.«
Sie bog am Ende alles ins Scherzhafte ab, und doch war sie bewegt, wollte nur verbergen, daß ihre Hoffnung sie hatte weich werden lassen; ihr Bruder hatte den Kopf gehoben und sah sie mit dankbarer Verehrung an.
»Oh, du«, sagte er, »du bist für Katastrophen wie geschaffen, du bist die Liebe zum Leben!«
Bei diesen täglichen Plaudereien am Morgen stellte sich nach und nach eine fieberhafte Erregung ein, und wenn Frau Caroline zu dieser natürlichen Freude zurückfand, die ihrer Gesundheit innewohnte, so rührte das von dem Mut her, den ihr Saccard mit seiner flammenden Begeisterung für die großen Geschäfte einflößte. Es war fast beschlossene Sache, die berühmte Mappe auszubeuten. Unter seiner schallenden hellen Stimme bekam alles Leben, wurde alles noch aufgebläht. Zuerst legte man die Hand aufs Mittelmeer, eroberte es durch die Allgemeine Gesellschaft der vereinigten Dampfschiffahrtslinien; und er zählte die Häfen aller Länder des Küstenstreifens auf, in denen die Schiffe künftig anlegen sollten, und er mischte verblaßte Erinnerungen an die Antike unter seine Begeisterung als Spekulant, pries dieses Meer, das einzige, das die alte Welt gekannt hatte, dieses blaue Meer, an dessen Gestaden einst die Kultur blühte, dessen Wellen die antiken Städte bespülten, Athen, Rom, Tyrus, Alexandria, Karthago, Marseille, all jene Städte, die Europa zu dem gemacht haben, was es ist. Wenn man sich dann dieses langen Weges in den Orient versichert hätte, wollte man unten in Syrien durch das kleine Geschäft mit der Silberbergwerksgesellschaft des Karmel beginnen, einfach ein paar Millionen so nebenbei zu gewinnen; ein hervorragender Auftakt wäre das, denn der Gedanke an ein Silberbergwerk, an scheffelweise in der Erde gefundenes Geld hatte immer etwas Begeisterndes für das Publikum, vor allem wenn man ihm noch einen so ungewöhnlichen und hochtönenden Namen wie Karmel als Aushängeschild hinzufügen konnte. Es gab dort unten auch Kohlevorkommen, Kohle direkt an der Oberfläche des Gesteins, die Gold aufwog, sobald erst Fabriken das Land überzogen; ganz zu schweigen von den anderen kleinen Unternehmungen, die als Zwischenakte dienen würden, die Gründung von Banken, Kartelle für die aufblühenden Industrien, die Ausbeutung der weiten Wälder des Libanon, dessen riesige Bäume an Ort und Stelle verfaulen, weil es an Straßen fehlt. Schließlich kam Saccard auf den großen Bissen zu sprechen, die Gesellschaft der Orient-Eisenbahnen, und da begann er irre zu reden, denn dieses Eisenbahngeflecht, gleich einem Fischernetz über ganz Kleinasien geworfen, bedeutete für ihn die Spekulation, das Leben des Geldes, das sich auf einen Streich dieser alten Welt bemächtigte wie einer neuen, noch unberührten Beute von unschätzbarem Reichtum, die unter der Unwissenheit und dem Schmutz der Jahrhunderte verborgen lag. Er witterte den Schatz, er wieherte wie ein Streitroß beim Geruch des Schlachtfeldes.
Frau Caroline, die einen so rechtschaffenen gesunden Menschenverstand besaß und sich für gewöhnlich allzu hitzigen Einbildungen gegenüber ablehnend verhielt, ließ sich dennoch von dieser Begeisterung hinreißen, sah nicht mehr klar, wie übertrieben alles war. In Wahrheit schmeichelte das ihrer Leidenschaft für den Orient, ihrer Sehnsucht nach diesem wunderbaren Land, in dem sie sich glücklich gewähnt hatte; und unbeabsichtigt peitschte Frau Caroline als logisches Ergebnis mit ihren farbigen Schilderungen, ihren überströmenden Auskünften Saccards Erregung höher und höher. Wenn sie von Beirut sprach, wo sie drei Jahre gelebt hatte, fand sie kein Ende mehr: Beirut am Fuße des Libanon, auf seiner Landzunge zwischen Strand aus rotem Sand und Felsmassen gelegen, Beirut mit seinen Häusern inmitten ausgedehnter Gärten in einem terrassenförmig ansteigenden weiten Rund – welch köstliches, mit Palmen, Orangen- und Zitronenbäumen bepflanztes Paradies. Dann die Küstenstädte, im Norden Antiochia mit seiner versunkenen Pracht, im Süden Saida, das alte Sidon, Akka, Jaffa und Tyrus, das heutige Sur, in dem man von allen anderen Städten etwas wiederfindet, Tyrus, dessen Kaufleute Könige gewesen waren, dessen Seefahrer Afrika umschifft hatten und das heute mit seinem versandeten Hafen nur noch ein Ruinenfeld ist, Staub der Paläste, aus dem sich hier und da ein paar elende Fischerhütten erheben. Sie hatte ihren Bruder überallhin begleitet, sie kannte Aleppo, Angora, Brussa, Smyrna und auch Trapezunt; einen Monat lang hatte sie in Jerusalem gelebt, das im Schacher um die heiligen Stätten entschlummert war, dann zwei weitere Monate in Damaskus, der Königin des Orients, der Industrie- und Handelsstadt, die die Karawanen aus Mekka und Bagdad zu einem Zentrum pulsierenden Lebens machen. Sie kannte auch die Täler und die Gebirge, die Dörfer der Maroniten45 und Drusen46 auf den Hochebenen und in der Tiefe der Schluchten, die bebauten Äcker und die ausgedörrten Felder. Und aus den entlegensten Winkeln, den stummen Einöden wie aus den Großstädten hatte sie die gleiche Bewunderung für die unerschöpfliche, die üppig wuchernde Natur und den gleichen Zorn auf die stumpfsinnigen, bösen Menschen mitgebracht. Wie viele Reichtümer der Natur wurden hier verschmäht oder verschleudert! Sie sprach von den Lasten, die Handel und Industrie zum Erliegen bringen, von diesem schwachsinnigen Gesetz, welches verbietet, in der Landwirtschaft Kapital über eine bestimmte Höhe hinaus zu investieren, und vom althergebrachten Schlendrian, der in den Händen des Bauern den Pflug beläßt, dessen man sich schon vor Christi Geburt bediente, und von der Unwissenheit, in der diese Millionen Menschen noch heute verkommen, gleich idiotischen, in ihrem Wachstum zurückgebliebenen Kindern. Früher war die Küste zu klein, die Städte berührten einander; jetzt hat sich das Leben ins Abendland verzogen, es scheint, als ginge man über einen ungeheuren verlassenen Friedhof. Keine Schulen, keine Straßen, die übelsten Regierungen, eine bestechliche Justiz, ein abscheuliches Verwaltungspersonal, allzu drückende Steuern, absurde Gesetze, Faulheit, Fanatismus, ganz zu schweigen von den ständigen Erschütterungen durch Bürgerkriege und Blutbäder, die ganze Dörfer ausrotten. Da wurde sie böse und fragte, ob es erlaubt sei, das Werk der Natur so zu verderben, ein gesegnetes Land von bestrickendem Reiz so zugrunde zu richten, ein Land, in dem alle Klimazonen anzutreffen waren, die glühenden Ebenen, die gemäßigten Hänge der Gebirge, der ewige Schnee auf den hohen Gipfeln. Und ihre Liebe zum Leben, ihre lebhafte Hoffnung versetzten sie in Glut bei dem Gedanken an den allmächtigen Zauberstab, mit dem die Wissenschaft und die Spekulation an diese alte, schlummernde Erde rühren konnten, um sie aufzuwecken.
»Warten Sie ab!« rief Saccard. »Diese Schlucht im Karmel, die Sie da gezeichnet haben, wo es nur Steine und Mastixsträucher gibt – sobald das Silbererzvorkommen abgebaut wird, wächst dort zunächst ein Dorf, dann eine Stadt empor ... Wir werden die versandeten Häfen freilegen und durch starke Molen schützen. Schiffe mit großem Tiefgang werden da anlegen, wo heute nicht mal Boote vor Anker zu gehen wagen ... Und in den entvölkerten Ebenen, auf den öden Pässen, die unsere Eisenbahnlinien überqueren sollen, werden Sie eine richtige Auferstehung erleben. Ja, Sie sollen sehen, wie die Felder urbar gemacht werden, wie Straßen und Kanäle entstehen, neue Städte aus dem Boden wachsen, wie das Leben endlich zurückkehrt wie in einen kranken Körper, dem man neues Blut zuführt. Ja, das Geld wird diese Wunder vollbringen!«
Und beim beschwörenden Klang dieser durchdringenden Stimme sah Frau Caroline die vorausgesagte Zivilisation wirklich anbrechen. Die nüchternen Zeichnungen, die geometrischen Umrisse nahmen Leben an, bevölkerten sich; das war ihr Wunschtraum von einem Orient, der von seinem Schmutz befreit, aus seiner Unwissenheit gerissen war, der mittels aller Erleichterungen der Wissenschaft den fruchtbaren Boden und das herrliche Klima nutzen konnte. Schon einmal hatte sie dem Wunder beigewohnt, diesem Port Said, das in so wenigen Jahren auf einem kahlen Strand emporgewachsen war – zuerst nur Hütten, die den wenigen Arbeitern der ersten Stunde Obdach gewährten, dann eine Stadt mit zweitausend Seelen, eine Stadt mit zehntausend Seelen, Häuser, riesige Kaufhäuser, ein gigantischer Hafendamm, lebhaftes Treiben und Wohlstand, von menschlichen Ameisen in ihrem Starrsinn geschaffen. Und das war es, was sie erneut vor Augen sah, den unaufhaltsamen Vormarsch, das Drängen des Volkes nach dem größtmöglichen Glück, das Bedürfnis zu handeln, vorwärtszugehen, ohne genau zu wissen wohin, doch unbeschwerter, unter besseren Bedingungen vorwärtszugehen; sie sah den Erdball umgewühlt von dem Ameisenhaufen, der seine Behausung erneuert, und sie sah die fortwährende Arbeit, die Eroberung neuer Genüsse, die verzehnfachte Macht des Menschen, die Erde, die ihm von Tag zu Tag mehr gehört. Das Geld bewirkte diesen Fortschritt, indem es der Wissenschaft half.
Hamelin, der lächelnd zuhörte, ließ nun ein weises Wort fallen.
»All das ist die Poesie der Ergebnisse, aber wir sind noch nicht einmal bei der Prosa des Anfangs.«
Doch Saccard geriet erst in Hitze, wenn er seine Vorstellungen ins Maßlose trieb, und das wurde schlimmer mit dem Tage, als er sich daranmachte, Bücher über den Orient zu lesen, und eine Geschichte über den Feldzug nach Ägypten47 aufschlug. Schon erfüllte ihn die Erinnerung an die Kreuzzüge, diese Rückkehr des Abendlandes an seine Wiege, das Morgenland, jene große Bewegung, die das ferne Europa in die Ursprungsländer zurückgeführt hatte, die noch in voller Blüte standen und wo es soviel zu lernen gab. Allein die große Gestalt Napoleons, der dorthin auszog, um für ein großartiges und geheimnisvolles Ziel Krieg zu führen, berührte ihn noch mehr. Wenn Napoleon davon sprach, Ägypten zu erobern, dort eine französische Niederlassung zu gründen und auf diese Weise Frankreich das Monopol im Levantehandel zu verschaffen, so sagte er gewiß nicht alles; und Saccard wollte in dieser Seite der Expedition, die unklar und rätselhaft geblieben ist, ein für ihn selbst nicht recht durchschaubares Vorhaben von gewaltigem Ehrgeiz sehen, die Wiedererrichtung eines unermeßlichen Reiches: Napoleon, in Konstantinopel zum Kaiser des Orients und Indiens gekrönt, verwirklichte, größer als Caesar48 und Karl der Große49, den Traum Alexanders50. Sagte er nicht auf Sankt Helena, als er von Sidney sprach, dem englischen General, der ihn vor Akka aufgehalten hatte: »Dieser Mann hat mich um mein Glück gebracht.« Und was die Kreuzzüge versucht hatten, was Napoleon51 nicht hatte vollenden können, dieser gigantische Gedanke an die Eroberung des Orients, eine wohldurchdachte, mit Hilfe der zwiefachen Kraft von Wissenschaft und Geld ins Werk gesetzte Eroberung, entflammte Saccard. Da ja die Kultur von Osten nach Westen gewandert war, warum sollte sie eigentlich nicht in den Osten zurückfinden, heimkehren in den ersten Garten der Menschheit, in dieses Eden der hindostanischen Halbinsel, die in der Ermattung der Jahrhunderte dahinschlummerte? Das wäre eine neue Jugend, er erweckte das irdische Paradies zu neuem Leben, machte es durch die Dampfkraft und die Elektrizität erneut bewohnbar, erhob Kleinasien wieder zum Zentrum der Alten Welt als Knotenpunkt der großen natürlichen Verbindungswege zwischen den Kontinenten. Nicht mehr Millionen waren zu verdienen, sondern Milliarden und aber Milliarden.
Seitdem hatten Hamelin und er allmorgendlich lange Besprechungen. Wenn auch die Hoffnung groß war, so zeigten sich doch zahlreiche Schwierigkeiten von riesigem Ausmaß. Der Ingenieur, der 1862 in Beirut gewesen war, während des entsetzlichen Blutbades, das die Drusen unter den maronitischen Christen anrichteten52 und das Frankreichs Eingreifen erforderlich machte, verhehlte nicht die Hindernisse, auf die man bei diesen Bevölkerungsgruppen stoßen würde, die sich ständig zum Vorteil der türkischen Behörden bekämpften. Allein er besaß in Konstantinopel mächtige Verbindungen, er hatte sich der Unterstützung des Großwesirs Fuad Pascha53 versichert, eines Mannes von echtem Verdienst und erklärten Parteigängers der Reformen; von ihm, so schmeichelte er sich, würde er alle notwendigen Konzessionen bekommen. Obwohl er den unvermeidlichen Bankrott des Osmanischen Reiches prophezeite, sah er andererseits in diesem zügellosen Geldbedürfnis, den Anleihen, die Jahr für Jahr aufgenommen wurden, eher einen günstigen Umstand: eine Regierung in Geldnöten ist, wenn sie keine persönliche Bürgschaft leisten kann, stets bereit, sich mit Privatunternehmen zu verständigen, sobald sie den geringsten Nutzen dabei findet. Und war es nicht eine praktische Art, die ewige und leidige Orientfrage zu lösen, indem man das Reich an großen zivilisatorischen Arbeiten interessierte, indem man es zum Fortschritt führte, damit es nicht mehr diesen ungeheuerlichen Grenzstein zwischen Europa und Asien bildete? Was für eine schöne patriotische Rolle könnten französische Gesellschaften dabei spielen!
Dann kam Hamelin eines Morgens in aller Ruhe auf das geheime Programm zu sprechen, auf das er manchmal anspielte und das er lächelnd die Krönung des Gebäudes nannte.
»Wenn wir dann die Herren sind, stellen wir das Königreich Palästina wieder her und setzen dort den Papst ein ... Zunächst wird man sich mit Jerusalem und Jaffa als Seehafen begnügen können. Dann wird Syrien für unabhängig erklärt und angegliedert ... Sie wissen, daß die Zeiten nahe sind, wo das Papsttum wegen der empörenden Demütigungen, denen man es unterwirft, nicht mehr in Rom bleiben kann54. Für jenen Tag müssen wir bereit sein.«
Saccard hörte ihm offenen Mundes zu, wie er diese Dinge arglos mit dem tiefen Glauben eines Katholiken vorbrachte. Er selbst scheute sich nicht vor überspannten Einfällen, aber nie wäre er so weit gegangen. Dieser Mann der Wissenschaft, der nach außen hin so kühl wirkte, verblüffte ihn. Er rief:
»Das ist ja verrückt! Die Pforte55 wird Jerusalem nicht hergeben.«
»Oh, warum nicht?« versetzte Hamelin friedlich. »Sie braucht soviel Geld! Mit Jerusalem hat sie Ärger, so wird sie es billig los. Oft weiß sie nicht, wie sie sich zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften, die sich den Besitz der heiligen Stätten streitig machen, verhalten soll ... Übrigens fände der Papst in Syrien echte Unterstützung bei den Maroniten, denn wie Sie wissen, hat er in Rom ein Kollegium für ihre Priester eingerichtet ... Mit einem Wort, ich habe mir alles gut überlegt, alles vorausgesehen, und eine neue Ära, die triumphale Ära des Katholizismus, wird anbrechen. Vielleicht wird man einwenden, das hieße zu weit gehen, der Papst sei dann gleichsam abgeschnitten von Europa und an seinen Angelegenheiten nicht mehr interessiert. Aber in welchem Glanz wird er erstrahlen, welche Autorität wird er genießen, wenn er an den heiligen Stätten thront und im Namen Christi vom Heiligen Land aus spricht, wo Christus gepredigt hat! Dort ist sein Erbe, dort muß sein Königreich sein. Und seien Sie beruhigt, wir werden dieses Königreich mächtig und fest begründen, wir werden es vor politischen Wirren schützen, indem wir sein Budget aus den Einnahmen des Landes und mit Hilfe einer großen Bank finanzieren, um deren Aktien sich die Katholiken in der ganzen Welt reißen werden.«
Saccard, der zu lächeln angefangen hatte, war von den Ausmaßen des Vorhabens schon verführt, wenn auch noch nicht ganz überzeugt, aber er konnte sich nicht versagen, dieser Bank mit einem Freudenruf über seinen glücklichen Einfall schon einen Namen zu geben.
»Die Bank zum Heiligen Grab, was? Prächtig! Das wird ein Geschäft!«
Er begegnete dem vernünftigen Blick Frau Carolines, die ebenfalls lächelte, aber skeptisch, sogar ein wenig verärgert, und er schämte sich seiner Begeisterung.
»Trotzdem werden wir, mein lieber Hamelin, gut daran tun, diese Krönung des Gebäudes, wie Sie sagen, geheimzuhalten. Man würde sich über uns lustig machen. Und dann ist unser Programm schon mächtig überlastet, es ist angebracht, seine letzten Konsequenzen, das ruhmreiche Ende, allein den Eingeweihten vorzubehalten.«
»Zweifellos, das ist immer meine Absicht gewesen«, erklärte der Ingenieur. »Dies wird das Mysterium sein.«
Und auf dieses Wort hin wurde an jenem Tag endgültig beschlossen, die Mappe auszubeuten, die ganze lange Reihe von Vorhaben in Angriff zu nehmen. Man wollte damit beginnen, ein bescheidenes Kreditinstitut zu schaffen, um die ersten Geschäfte zu tätigen; wenn dann der Erfolg half, konnte man sich allmählich zum Herrn des Marktes aufschwingen und die Welt erobern.
Als Saccard am nächsten Tag zur Fürstin dʼOrviedo hinaufging, um eine Weisung für das »Werk der Arbeit« entgegenzunehmen, kam ihm die Erinnerung an den Traum wieder, mit der er einen Augenblick lang geliebäugelt hatte, nämlich der Prinzgemahl dieser Königin des Almosens, der schlichte Verteiler und Verwalter des Vermögens der Armen zu werden. Und er lächelte, denn er fand das jetzt ein wenig läppisch. Er war dazu geschaffen, Leben zu zeugen, und nicht, die Wunden zu verbinden, die das Leben geschlagen hat. Endlich sollte er wieder an seinem Platz stehen, mitten in der Schlacht der Interessen, und am Wettlauf um das Glück teilnehmen, der von Jahrhundert zu Jahrhundert der Marsch der Menschheit zu größerer Freude und zu mehr Licht gewesen ist.
Am selben Tag traf er Frau Caroline allein im Zeichenraum an. Sie stand an einem der Fenster, wo das Erscheinen der Gräfin Beauvilliers und ihrer Tochter im Nachbargarten zu ungewohnter Stunde sie festhielt Die beiden Frauen lasen mit dem Ausdruck großer Traurigkeit einen Brief, zweifellos ein Brief des Sohnes Ferdinand, dessen Lage in Rom nicht gerade glänzend sein mochte.
»Schauen Sie«, sagte Frau Caroline, als sie Saccard gewahrte. »Noch ein neuer Schmerz für diese Unglücklichen. Die Bettlerinnen auf der Straße tun mir weniger leid.«
»Ach was!« rief er fröhlich aus. »Sie müssen sie bitten, mich zu besuchen. Wir werden auch sie reich machen, da wir ja jedermann zum Glück verhelfen.«
Und in seiner glücklichen, fieberhaften Erregung suchte er ihre Lippen, um sie zu küssen. Aber mit einer schroffen Bewegung hatte sie den Kopf weggezogen und war, von plötzlichem Unbehagen befallen, ernst und blaß geworden.
»Nein, bitte nicht.«
Seitdem sie sich ihm in einem Augenblick mangelnder Selbstkontrolle hingegeben hatte, versuchte er zum erstenmal wieder, sie zu nehmen. Da die ernsten Geschäfte eingeleitet waren, dachte er an sein Glück in der Liebe und wollte auch von dieser Seite her die Lage klären. Ihre lebhaft abweisende Bewegung verwunderte ihn.
»Ganz ehrlich, würde Ihnen das weh tun?«
»Ja, sehr.«
Sie beruhigte sich und lächelte.
»Und gestehen Sie es nur, Ihnen liegt selbst nicht viel daran.«
»Mir? Oh, ich bete Sie an.«
»Nein, sagen Sie das nicht. Sie werden bald so beschäftigt sein! Und dann ... ich versichere Ihnen, ich bin bereit, wahre Freundschaft für Sie zu empfinden, wenn Sie der Mann der Tat sind, für den ich Sie halte, und wenn Sie alle die großen Dinge vollbringen, von denen Sie reden ... Sehen Sie, Freundschaft ist viel besser!«
Immer noch lächelnd, hörte er ihr zu und war doch verlegen und betroffen. Sie verweigerte sich ihm. Zu dumm, daß er sie nur einmal besessen hatte, damals, als er sie überrumpelt hatte. Doch darunter litt nur seine Eitelkeit.
»Also bloß Freunde?«
»Ja, ich will Ihr Kamerad sein, ich werde Ihnen helfen ... Lassen Sie uns Freunde, wahre Freunde sein!«
Sie hielt ihm die Wangen hin, und besiegt, weil er fand, daß sie recht hatte, drückte er zwei herzhafte Küsse darauf.
Drittes Kapitel
Der Brief des russischen Bankiers aus Konstantinopel, den Sigismond übersetzt hatte, enthielt die erwartete günstige Antwort, um in Paris das Geschäft anlaufen zu lassen; und schon am übernächsten Tag hatte Saccard beim Erwachen die Eingebung, daß er noch am gleichen Tag handeln und vor Einbruch der Nacht auf einen Schlag das Konsortium gebildet haben müsse, dessen er sich versichern wollte, um im voraus die fünfzigtausend Aktien zu je fünfhundert Francs seiner Aktiengesellschaft unterzubringen, die ein Stammkapital von fünfundzwanzig Millionen haben sollte.
Als er aus dem Bett sprang, hatte er endlich den Namen für diese Gesellschaft gefunden, das Firmenschild, das er seit langem suchte. Die Worte »Banque Universelle«, Universal-Bank, hatten plötzlich, wie in Flammenschrift geschrieben, in dem noch dunklen Zimmer vor ihm gestanden.
»Banque Universelle«, wiederholte er ständig, während er sich ankleidete, »Banque Universelle – das ist einfach, das ist groß, das umfaßt alles, das birgt die Welt in sich ... Ja, ja, vortrefflich! Banque Universelle!«
Bis halb zehn durchwanderte er, in Gedanken versunken, die großen Zimmer und wußte nicht, wo in Paris er seine Jagd auf die Millionen beginnen sollte. Fünfundzwanzig Millionen lassen sich noch auftreiben an einer Straßenecke; aber es war die Qual der Wahl, die ihn überlegen ließ, denn er wollte ein bißchen Methode hineinbringen. Er trank eine Tasse Milch, er wurde auch nicht ärgerlich, als der Kutscher heraufkam und ihm sagte, daß es dem Pferd nicht gut gehe, zweifellos infolge einer Erkältung, und daß es klüger wäre, den Tierarzt kommen zu lassen.
»Ist gut, machen Sie nur ... Ich nehme eine Droschke.«
Doch auf dem Bürgersteig überraschte ihn der scharfe Wind, der draußen blies: eine plötzliche Wiederkehr des Winters in diesem gestern noch so milden Mai. Es regnete zwar nicht, aber dicke gelbe Wolken zogen am Horizont auf. Und er nahm keine Droschke, um sich beim Laufen zu erwärmen. Zunächst wollte er zu Fuß zu Mazaud gehen, dem Wechselmakler in der Rue de la Banque, denn er hatte die Absicht, ihn über Daigremont auszuholen, den wohlbekannten Spekulanten, das erfolgreiche Mitglied aller Konsortien. Allein in der Rue Vivienne prasselte von dem mit bleifarbenen Wolken bezogenen Himmel ein solcher Regen- und Hagelschauer nieder, daß er sich in einen Torweg flüchtete.
Dort stand er seit einer Minute und sah den Platzregen niedergehen, als ein helles Geläut von Goldstücken das Rauschen des Regens übertönte und ihn die Ohren spitzen ließ. Es schien aus dem Erdinnern zu kommen, anhaltend, leise und melodisch wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Er wandte den Kopf, hielt Ausschau und merkte, daß er sich unter dem Torbogen des Hauses Kolb befand, jenes Bankiers Kolb, der sich vor allem mit Arbitragen in Gold befaßte. Er kaufte das Münzgeld in den Staaten auf, wo es niedrig im Kurs stand, schmolz es dann ein und verkaufte die Barren in den Ländern, in denen Gold einen hohen Kurswert hatte; und an den Schmelztagen stieg aus dem Keller von früh bis spät das kristallene Geräusch der Goldstücke empor, die scheffelweise aus Kisten in den Schmelztiegel geworfen wurden. Das ganze Jahr über klingen den Passanten auf dem Bürgersteig die Ohren davon. Jetzt lächelte Saccard befriedigt zu dieser Musik, die gleichsam die unterirdische Stimme dieses Börsenviertels war. Er sah darin ein glückliches Vorzeichen.
Es regnete nicht mehr, er überquerte den Platz und war gleich bei Mazaud. Ausnahmsweise hatte der junge Wechselmakler seine Privatwohnung im ersten Stockwerk desselben Hauses, in dem auch die Räume seines Maklerbüros lagen, die das ganze zweite Stockwerk einnahmen. Er hatte einfach die Wohnung seines Onkels übernommen, als er sich bei dessen Tod mit den Miterben über die Auszahlung für das Büro verständigte.
Es schlug zehn Uhr, und Saccard ging gleich in die Geschäftsräume hinauf, vor deren Eingang er Gustave Sédlille begegnete.
»Ist Herr Mazaud da?«
»Ich weiß nicht, mein Herr, ich bin gerade erst gekommen.«
Der junge Mann lächelte. Er erschien immer mit Verspätung und nahm seine Anstellung als unbezahlter Volontär nicht ernst; seinem Vater zuliebe, dem Seidenfabrikanten in der Rue des Jeûneurs, hatte er sich darein gefügt, hier ein oder zwei Jahre zuzubringen.
Saccard durchquerte den Kassenraum, wo ihn der Bargeldkassierer und der Aktienverwalter grüßten; dann betrat er das Zimmer der beiden Prokuristen, wo er nur Berthier antraf, denjenigen von beiden, dem der Kundenverkehr oblag und der den Chef zur Börse begleitete.
»Ist Herr Mazaud da?«
»Ich denke doch, ich komme gerade aus seinem Arbeitszimmer ... Halt, nein! Dort ist er nicht mehr, sondern in der Kassaabteilung.«
Berthier hatte eine Tür in seiner Nähe aufgestoßen und ließ den Blick durch ein ziemlich großes Zimmer schweifen, in dem unter Aufsicht des Bürochefs fünf Angestellte arbeiteten.
»Nein, das ist ja sonderbar! Sehen Sie doch selbst mal in der Liquidation nach, da nebenan.«
Saccard betrat das Liquidationsbüro. Dort sah der Liquidator, der wichtigste Mann des Maklerbüros, dem sieben Angestellte zur Seite standen, das Handbuch durch, das ihm der Makler jeden Tag nach der Börse aushändigte, und überschrieb dann die nach erhaltener Order getätigten Geschäfte auf die Kunden, wobei er die Auftragszettel zu Hilfe nahm, die der Namen wegen aufgehoben wurden; im Handbuch stehen nämlich keine Namen, es enthält nur den kurzen Hinweis über Kauf oder Verkauf: das und das Papier, die und die Stückzahl zu dem und dem Kurs von dem und dem Makler.
»Haben Sie Herrn Mazaud gesehen?« fragte Saccard.
Aber man antwortete ihm nicht einmal. Da der Liquidator hinausgegangen war, lasen drei Angestellte ihre Zeitung, zwei andere schauten in die Luft, während sich der kleine Flory lebhaft für den hereinkommenden Gustave Sédille interessierte. Flory, der am Morgen für gewöhnlich Schreibereien erledigte und Zahlungsverpflichtungen barattierte und am Nachmittag in der Börse die Telegramme aufzugeben hatte, war in Saintes als Sohn eines auf der Registratur beschäftigten Vaters geboren und zuerst Schreiber bei einem Bankier in Bordeaux gewesen; gegen Ende des vergangenen Herbstes war er in Paris bei Mazaud hereingeschneit, wo ihm keine andere Aussicht blühte, als vielleicht in zehn Jahren sein Gehalt verdoppeln zu können. Bis jetzt hatte er sich gut geführt, war pünktlich und gewissenhaft. Allein seit einem Monat, seit Gustave im Maklerbüro war, kam er aus dem Gleichmaß und wurde mitgerissen von seinem neuen Kollegen; dieser war sehr elegant, sehr gewandt, verfügte über genügend Geld und hatte ihm Damenbekanntschaften vermittelt. In Florys bärtigem Gesicht vereinigte sich eine lüsterne Nase mit einem reizvollen Mund und zärtlichen Augen. Er war mit von der Partie bei den kleinen, nicht allzu teuren Vergnügungsfahrten mit Fräulein Chuchu, einer Statistin vom Théâtre des Variétés56, einer mageren Hure des Pariser Pflasters, der durchgebrannten Tochter einer Concierge57 vom Montmartre, die drollig aussah mit ihrem Gesicht wie aus Pappmaché, in dem wunderbare große braune Augen leuchteten.
Noch bevor Gustave den Hut abgenommen hatte, erzählte er Flory von seinem gestrigen Abend.
»Ja, mein Lieber, ich habe schon gedacht, daß mich Germaine rausschmeißen würde, weil Jacoby gekommen ist. Aber sie hat den Dreh gefunden, ihn vor die Tür zu setzen. Ach, ich weiß gar nicht, wie sie das fertiggebracht hat! Und ich bin dageblieben.«
Beide erstickten fast vor Lachen. Es handelte sich um Germaine Cœur, ein prächtiges Mädchen von fünfundzwanzig Jahren, mit vollem Busen, nur ein wenig träge und gleichgültig. Sie wurde in diesem Monat von einem Kollegen Mazauds, dem Juden Jacoby, ausgehalten. Sie hatte es immer mit Leuten von der Börse, und immer nur monatsweise, was sehr bequem ist für vielbeschäftigte Männer, die den Kopf mit Zahlen voll haben und die Liebe wie alles andere bezahlen, ohne Zeit für eine echte Leidenschaft zu finden. Eine einzige Sorge beunruhigte sie in ihrer kleinen Wohnung in der Rue de la Michodière, die Sorge, Begegnungen zwischen den Herren zu vermeiden, die sich möglicherweise kannten.
»Sagen Sie mal«, forschte Flory, »ich dachte, Sie halten es mit der hübschen Papierwarenhändlerin?«
Aber bei dieser Anspielung auf Frau Conin wurde Gustave ernst. Frau Conin gebührte Respekt: sie war eine anständige Frau. Und wenn sie einen zu erhören geruhte, so gab es doch kein Beispiel dafür, daß sich ein Mann geschwätzig erwiesen hätte, so gut Freund blieb man mit ihr. Deshalb stellte Gustave, der nicht antworten wollte, eine Gegenfrage.
»Und was ist denn mit Chuchu, haben Sie sie zu Mabille58 geführt?«
»Ach, i wo, das ist zu teuer! Wir sind wieder nach Hause gegangen und haben uns einen Tee gemacht.«
Hinter den jungen Leuten stehend, hatte Saccard diese Frauennamen gehört, die sie schnell einander zuflüsterten. Er lächelte und wandte sich an Flory.
»Haben Sie nicht Herrn Mazaud gesehen?«
»Doch, mein Herr, er hat mir vorhin einen Auftrag erteilt und ist dann wieder in seine Wohnung hinuntergegangen ... Ich glaube, sein kleiner Junge ist krank, man hat ihm gemeldet, daß der Doktor da wäre ... Sie müßten bei ihm klingeln, denn vielleicht geht er weg, ohne noch einmal heraufzukommen.«
Saccard dankte und lief eilends eine Treppe tiefer. Mazaud war einer der jüngsten Wechselmakler; vom Schicksal verwöhnt, hatte er das Glück gehabt, beim Tode seines Onkels Inhaber eines der am besten gehenden Maklerbüros von Paris zu werden, in einem Alter, in dem man sonst noch das Geschäft erlernt. Klein von Gestalt, besaß er ein angenehmes Äußeres, trug einen kleinen braunen Schnurrbart und hatte durchdringende schwarze Augen; er zeigte große Aktivität und auch einen sehr wachen Verstand. In der Corbeille rühmte man schon seine geistige und körperliche Regsamkeit, die in diesem Beruf so notwendig war und die ihn im Verein mit einem guten Gespür und einer ausgeprägten Intuition in die erste Reihe bringen würde. Außerdem hatte er eine durchdringende Stimme, bekam aus erster Hand Informationen über Auslandsbörsen, unterhielt Beziehungen zu allen großen Bankiers und hatte schließlich, wie erzählt wurde, einen entfernten Cousin bei der Havas- Agentur59. Seine Frau, die er aus Liebe geheiratet, hatte zwölfhunderttausend Francs Mitgift in die Ehe eingebracht; sie war eine reizende junge Frau, mit der er schon zwei Kinder hatte: ein Mädchen von drei Jahren und einen Jungen von achtzehn Monaten.
Gerade geleitete er den Doktor, der ihn lachend beruhigte, auf den Treppenabsatz hinaus.
»Treten Sie doch ein«, sagte er zu Saccard. »Wahrhaftig, bei diesen kleinen Wesen macht man sich immer gleich Gedanken und hält sie beim geringsten Wehwehchen für verloren.«
Damit führte er ihn in den Salon, wo seine Frau das Baby noch auf dem Schoß hatte, während das Töchterchen glücklich war, die Mutter fröhlich zu sehen, und sich hochreckte, um ihr einen Kuß zu geben. Alle drei waren blond, von einer milchigen Frische, und die junge Mutter sah ebenso zart und unschuldig aus wie die Kinder. Mazaud drückte ihr einen Kuß aufs Haar.
»Siehst du nun, daß wir uns nur verrückt gemacht haben?«
»Ach, das tut nichts, mein Lieber, ich bin so froh, daß er uns beruhigt hat!«
Vor diesem großen Glück war Saccard stehengeblieben und grüßte. Das verschwenderisch eingerichtete Zimmer duftete nach dem glücklichen Leben dieser Familie, die noch nichts entzweit hatte: in den vier Jahren, die er verheiratet war, hatte Mazaud höchstens mal eine kurze Liebelei mit einer Sängerin von der Opéra Comique gehabt. Er blieb ein treuer Gatte, wie er auch in dem Ruf stand, trotz seines jugendlichen Feuers noch nicht allzusehr auf eigene Rechnung zu spekulieren. Und diesen Duft von Glück und ungetrübter Wonne atmete man wirklich in dem verschwiegenen Frieden der Teppiche und Wandbespannungen, in dem Wohlgeruch, mit dem ein großer Rosenstrauß, der üppig aus einer chinesischen Vase quoll, das ganze Zimmer erfüllte.
Frau Mazaud, die Saccard flüchtig kannte, sagte heiter zu ihm:
»Nicht wahr, mein Herr, um immer glücklich zu sein, braucht man es nur zu wollen?«
»Davon bin ich überzeugt, gnädige Frau«, antwortete er. »Außerdem, wenn jemand so schön und so gut ist, wagt ihn das Unglück niemals anzurühren.«
Strahlend hatte sie sich erhoben. Sie umarmte ihren Mann und ging mit dem kleinen Jungen auf dem Arm davon, vom Töchterchen gefolgt, das sich seinem Vater an den Hals gehängt hatte. Dieser wollte seine Rührung verbergen und drehte sich mit einem Pariser Scherzwort zu dem Besucher um.
»Wie Sie sehen, sind wir hier nicht zu bedauern.«
Dann fragte er lebhaft:
»Sie haben mir etwas zu sagen? Gehen wir hinauf, wenn es Ihnen recht ist. Dort sind wir ungestörter!«
Oben vor der Kasse erkannte Saccard Sabatani, der sich Differenzbeträge auszahlen lassen wollte, und er war überrascht von dem herzlichen Händedruck, den der Makler mit seinem Kunden wechselte. Als er im Arbeitszimmer Platz genommen hatte, erklärte er gleich den Grund seines Besuchs und fragte Mazaud über die Formalitäten aus, die für die Zulassung eines Wertpapiers auf dem amtlichen Kurszettel erforderlich waren. In seiner laxen Art sprach er von dem Geschäft, das er starten wollte, die Banque Universelle mit einem Stammkapital von fünfundzwanzig Millionen. Ja, ein Kreditinstitut, das vor allem zu dem Zweck gegründet werden solle, große Unternehmungen zu finanzieren, die er kurz andeutete. Mazaud hörte ihm zu, ohne ein Wort zu sagen, und erläuterte freundlich und gefällig die Formalitäten, die zu beachten waren. Aber er ließ sich nicht täuschen, er ahnte, daß sich Saccard wegen einer solchen Kleinigkeit nicht zu ihm bemüht hätte. Als daher letzterer endlich den Namen Daigremont aussprach, mußte er unwillkürlich lächeln. Gewiß, Daigremont konnte sich auf ein Riesenvermögen stützen; man sagte zwar, daß er es mit der Treue nicht allzu genau nehme, doch wer war schon treu in Geschäften und in der Liebe? Niemand! Im übrigen hatte er, Mazaud, Bedenken, über Daigremont nach ihrem Bruch, der die ganze Börse beschäftigt hatte, die Wahrheit zu sagen. Daigremont erteilte jetzt seine meisten Orders Jacoby, einem Juden aus Bordeaux, ein fideler Bursche von sechzig Jahren mit breitem, fröhlichem Gesicht, dessen brüllende Stimme berühmt war, der aber jetzt schwerfällig wurde und einen Schmerbauch bekommen hatte; und so bestand eine gewisse Rivalität zwischen den beiden Maklern, dem jungen, vom Glück begünstigten Mazaud und dem in die Jahre gekommenen Jacoby. Ehemals Prokurist, hatte Jacoby mit Zustimmung der Kommanditäre seinem Chef das Maklerbüro abkaufen können. Er war außerordentlich erfahren und verschlagen, doch leider durch seine Leidenschaft für die Spekulation verloren, trotz beträchtlicher Gewinne stand er immer am Rande einer Katastrophe. Alles schmolz in den Liquidationen dahin. Germaine Cœur kostete ihn nur ein paar Tausendfrancsscheine, und seine Frau sah man nie.
»Jedenfalls«, so schloß Mazaud, trotz seiner großen Korrektheit dem Groll nachgebend, »hat Daigremont in der Caracas-Affäre Verrat begangen und die Profite an sich gerissen. Er ist sehr gefährlich.«
Nach einer Pause fuhr er fort:
»Aber warum wenden Sie sich nicht an Gundermann?«
»Niemals!« schrie Saccard, den die Leidenschaft hinriß.
In diesem Augenblick trat der Prokurist Berthier ein und flüsterte dem Makler ein paar Worte ins Ohr. Die Baronin Sandorff wollte ihre Differenzen bezahlen und wandte alle möglichen Kniffe an, um ihre Rechnungen zu verkleinern. Für gewöhnlich beeilte sich Mazaud, die Baronin selbst zu empfangen; aber wenn sie verloren hatte, mied er sie wie die Pest, da er eines allzu heftigen Angriffs auf seine Galanterie gewärtig sein mußte. Es gibt keine schlimmeren Kunden als die Frauen, die weder Treu noch Glauben kennen, sobald sie bezahlen sollen.
»Nein, nein, sagen Sie, ich bin nicht da«, antwortete er übellaunig. »Und lassen Sie keinen Centime nach, hören Sie!«
Als Berthier gegangen war, sah Mazaud an Saccards Lächeln, daß dieser verstanden hatte.
»Wahrhaftig, mein Lieber, sie ist sehr nett. Aber Sie machen sich keine Vorstellung von dieser Raffgier ... Ach, wie würden uns die Kunden lieben, wenn sie immer gewinnen könnten! Und je reicher sie sind, je mehr sie zur guten Gesellschaft gehören, Gott verzeih mir! desto mehr mißtraue ich ihnen, desto mehr zittere ich, nicht bezahlt zu werden ... Ja, es gibt Tage, wo ich, abgesehen von den großen Firmen, lieber nur Provinzkundschaft hätte.«
Die Tür wurde erneut geöffnet, ein Angestellter übergab Mazaud eine Akte, die er am Morgen verlangt hatte, und ging wieder hinaus.
»Sehen Sie, das trifft sich gut! Hier ist ein Kuponeinnehmer, der sich in Vendôme niedergelassen hat, ein Herr Fayeux ... Sie können sich nicht vorstellen, wieviel Orders ich von diesem Korrespondenten bekomme. Gewiß, diese Orders sind von wenig Belang, sie kommen von Kleinbürgern, kleinen Händlern und Pächtern. Aber die Anzahl macht es ... Unsere besten Kunden, die Stütze unserer Firmen sind tatsächlich die bescheidenen Spekulanten, die namenlose Menge, die spekuliert.«
In diesem Zusammenhang mußte Saccard an Sabatani denken, den er am Kassenschalter gesehen hatte.
»Sie haben jetzt also Sabatani?« fragte er.
»Seit einem Jahr, glaube ich«, antwortete der Makler mit dem Ausdruck liebenswürdiger Gleichgültigkeit. »Das ist ein netter Bursche, nicht wahr? Er hat klein angefangen und ist sehr vorsichtig, aus ihm wird einmal etwas werden.«
Was er nicht sagte, woran er sich nicht einmal mehr erinnerte, war, daß Sabatani bei ihm nur eine Deckung von zweitausend Francs hinterlegt hatte. Daher das anfänglich so gemäßigte Spekulieren. Ohne Frage hoffte der Levantiner wie so viele andere, daß die geringe Summe dieser Garantie in Vergessenheit geriete, und er lieferte Beweise von Klugheit, erhöhte nur stufenweise den Umfang seiner Orders, während er auf den Tag wartete, an dem er bei einer großen Liquidation Pleite machen und verschwinden würde. Wie sollte man auch Mißtrauen zeigen gegenüber einem so reizenden Jungen, mit dem man sich angefreundet hat? Wie sollte man an seiner Zahlungsfähigkeit zweifeln, wenn man ihn so fröhlich sah, offensichtlich reich und in jenem eleganten Aufzug, der unerläßlich, gleichsam die Uniform des Börsendiebstahls ist?
»Sehr nett, sehr intelligent«, wiederholte Saccard, der plötzlich den Beschluß faßte, an Sabatani zu denken, wenn er eines Tages einen verschwiegenen Burschen ohne Gewissensbisse brauchen sollte.
Dann stand er auf und verabschiedete sich.
»Also leben Sie wohl! Wenn unsere Aktien fertig sind, komme ich wieder zu Ihnen, bevor ich versuche, sie auf dem Kurszettel unterzubringen.«
Mazaud, in der Tür zum Arbeitszimmer stehend, drückte ihm die Hand und sagte:
»Sie haben unrecht, Sie sollten doch Gundermann besuchen wegen Ihres Konsortiums.«
»Niemals!« schrie er erneut mit wütendem Gesichtsausdruck.
Als er endlich ging, erblickte er vor dem Kassenschalter Moser und Pillerault. Der eine machte ein grämliches Gesicht und steckte seinen Gewinn vom Medio60 in die Tasche, sieben oder acht Tausendfrancsscheine, während der andere, der verloren hatte, wie nach einem Sieg laut lärmend mit angriffslustiger und stolzer Miene an die zehntausend Francs bezahlte. Die Stunde des Mittagessens und der Börse nahte, das Maklerbüro leerte sich zum Teil; und da die Tür zum Liquidationsbüro halb offenstand, konnte man hören, wie darin gelacht wurde und wie Gustave Flory von einer Bootsfahrt erzählte, bei der das am Steuer sitzende Mädchen in die Seine gefallen war und alles, sogar seine Strümpfe, verloren hatte.
Auf der Straße schaute Saccard auf seine Uhr. Elf Uhr, wieviel Zeit er vertan hatte! Nein, er würde nicht zu Daigremont gehen; und obwohl er allein schon bei Gundermanns Namen aufgebraust war, entschloß er sich plötzlich, zu ihm hinaufzugehen. Hatte er ihn nicht schon bei Champeaux auf seinen Besuch vorbereitet, als er ihm sein großes Geschäft ankündigte, um ihm für sein boshaftes Lachen eins auszuwischen? Er ließ sogar als Entschuldigung gelten, daß er nichts aus ihm herausschlagen wollte, sondern nur den Wunsch hatte, diesem Mann, der ihn mit Vorliebe als kleinen Jungen behandelte, die Stirn zu bieten und über ihn zu triumphieren. Und da ein neuer Regenschauer wie ein rauschender Strom auf das Pflaster klatschte, sprang er in eine Droschke und rief dem Kutscher die Adresse zu, Rue de Provence.
Dort bewohnte Gundermann ein riesiges Palais, das für seine vielköpfige Familie gerade groß genug war. Er hatte fünf Töchter und vier Söhne, davon waren drei Töchter und drei Söhne verheiratet und hatten ihm schon vierzehn Enkel geschenkt. Wenn sich diese Nachkommenschaft zum Abendessen geschlossen einfand, so saßen, seine Frau und er mit einbegriffen, einunddreißig Menschen bei Tisch. Und abgesehen von zwei Schwiegersöhnen, die nicht mit im Palais wohnten, hatten alle anderen dort ihre Wohnungen im rechten und linken Seitenflügel, die auf den Garten hinausgingen, während die weitläufigen Geschäftsräume der Bank das ganze Hauptgebäude einnahmen. In weniger als einem Jahrhundert war das ungeheuerliche Vermögen in dieser Familie entstanden und auf eine Milliarde angewachsen, durch Sparsamkeit und das glückliche Zusammenwirken günstiger Umstände. So etwas wie Vorherbestimmung lag darin, der ein lebhafter Verstand, verbissene Arbeit und eine unbesiegbare kluge Anstrengung, die sich ständig auf das gleiche Ziel richtete, zu Hilfe gekommen waren. Jetzt flossen alle Ströme des Goldes in dieses Meer, die Millionen verschwanden in diesen Millionen, der öffentliche Reichtum wurde von diesem immer noch wachsenden Reichtum eines einzigen verschlungen; und Gundermann war der wahre Herr, der allmächtige König, den Paris und die Welt fürchteten und dem sie gehorchten.
Während Saccard die breite Steintreppe emporstieg, deren Stufen vom ständigen Kommen und Gehen der Menge schon mehr abgenutzt waren als die Schwellen der alten Kirchen, spürte er unauslöschlichen Haß gegen diesen Mann in sich aufwallen. Dieser Jude! Er hegte gegen den Juden den alten Rassengroll, dem man vor allem im Süden Frankreichs begegnet; etwas wie eine Auflehnung des Fleisches, eine heftige Abneigung der Haut überkam ihn, fernab aller Vernunft und ohne daß er sich bezwingen konnte, beim Gedanken an die geringste Berührung und erfüllte ihn mit Ekel und dem Verlangen nach Gewalttätigkeit. Aber das Sonderbare war, daß er, Saccard, dieser schreckliche Geschäftemacher, dieser Henker des Geldes mit den schmutzigen Händen, jede Selbstbesinnung verlor, sobald es sich um einen Juden handelte; er sprach dann von seinesgleichen mit einer Schärfe, mit der rachedürstigen Empörung eines ehrlichen Menschen, der von seiner Hände Arbeit lebt und an jeglicher Art von Wuchergeschäften nicht teilhat. Er hielt die Anklagerede gegen die Rasse, diese verfluchte Rasse, die kein Vaterland und keinen Fürsten mehr hat, die als Schmarotzer in den Nationen lebt und heuchelt, die Gesetze anzuerkennen, während sie in Wirklichkeit nur ihrem Gott des Diebstahls, des Blutes und des Zornes gehorcht; und er zeigte, wie sie überall den Auftrag grausamer Eroberung erfüllte, den dieser Gott ihr erteilt hat, und sich in jedem Volk wie die Spinne in der Mitte ihres Netzes niederließ, um auf ihre Beute zu lauern, allen das Blut auszusaugen und sich zu mästen am Leben der anderen. Hat man je einen Juden gesehen, der mit seinen zehn Fingern arbeitete? Gibt es Juden, die Bauern oder Arbeiter sind? Nein, Arbeit entehrt, ihre Religion verbietet sie beinahe, preist nur die Ausbeutung der Arbeit anderer. Diese Halunken! Saccards Wut schien um so größer, als er sie bewunderte und ihnen ihre großartigen Fähigkeiten in Geldsachen neidete, dieses angeborene Wissen von Zahlen, dieses natürliche, ungezwungene Gebaren in den komplizierten Geschäften, dieses Gespür und dieses Glück, die allem, was sie unternehmen, den Triumph sichern. Zu diesem Diebsspiel, sagte er, sind die Christen nicht imstande, sie ertrinken am Ende immer; nehmt hingegen einen Juden, der nicht einmal die Buchführung versteht, werft ihn in das trübe Wasser irgendeines dunklen Geschäfts, und er rettet sich und trägt den ganzen Gewinn auf seinem Buckel davon. Das ist die Gabe der Rasse, ihre Daseinsberechtigung über alle Völker hinweg, die werden und vergehen. Und er prophezeite voller Zorn die endgültige Eroberung aller Völker durch die Juden, sobald sie erst das Gesamtvermögen des Erdballs werden an sich gerafft haben, was nicht mehr lange dauern werde, da man ja zuließ, daß sie Tag für Tag ihr Königreich ungehindert vergrößerten – in Paris konnte man schon sehen, wie ein Gundermann auf einem Thron herrschte, der fester und geachteter war als der des Kaisers.
Als Saccard oben in das Vorzimmer eintreten wollte, wich er unwillkürlich zurück, denn es war voll von Remisiers, Bittstellern, Männern und Frauen, ein ganzes lärmendes Gewimmel von Leuten. Vor allem die Remisiers kämpften darum, als erste vorgelassen zu werden, in der unwahrscheinlichen Hoffnung, daß sie eine Order ergattern könnten; denn der große Bankier hatte seine eigenen Makler. Aber es war schon eine Ehre, eine Empfehlung, nur empfangen zu werden, und jeder wollte sich dessen rühmen können. Daher mußte man nie lange warten, die beiden Bürodiener waren fast nur damit beschäftigt, den Vorbeimarsch zu organisieren, einen unaufhörlichen Vorbeimarsch, einen förmlichen Galopp durch die Flügeltüren. Und trotz der Menge wurde Saccard beinahe sofort mit der Welle hineingespült.
Gundermanns Arbeitszimmer war ein riesiger Raum, von dem er nur eine kleine Ecke im Hintergrund am letzten Fenster in Anspruch nahm. Vor einem einfachen Mahagonischreibtisch saß er so, daß er dem Licht den Rücken zukehrte und sein Gesicht völlig im Schatten lag. Er stand schon um fünf Uhr morgens auf und war bei der Arbeit, wenn Paris noch schlief; wenn gegen neun Uhr das Gedränge der Begierden über ihn herfiel und an ihm vorbeigaloppierte, war sein Tagewerk schon vollbracht. In der Mitte des Arbeitszimmers, an größeren Schreibtischen, halfen ihm zwei seiner Söhne und ein Schwiegersohn, die nur selten zum Sitzen kamen und in dem Kommen und Gehen einer Unzahl von Angestellten ständig in Bewegung waren. Hier spielte sich der innere Betrieb des Hauses ab. Die Besucher von draußen dagegen durchquerten den ganzen Raum und wandten sich nur an Gundermann, den unumschränkten Herrn in seiner bescheidenen Ecke. Stundenlang bis zum Mittagessen empfing er so mit unbewegter und düsterer Miene und fertigte die Besucher mit einem Zeichen, bisweilen mit einem Wort ab, wenn er sich ganz besonders liebenswürdig zeigen wollte.
Sobald Gundermann Saccard bemerkte, erhellte ein mattes spöttisches Lächeln sein Gesicht.
»Ach, Sie sind es, mein lieber Freund ... Nehmen Sie doch einen Augenblick Platz, wenn Sie mir etwas zu sagen haben. Ich stehe Ihnen sofort zur Verfügung.«
Dann tat er so, als hätte er ihn vergessen. Saccard wurde übrigens nicht ungeduldig, denn der Vorbeimarsch der Remisiers interessierte ihn; in dichter Folge traten sie ein, mit der gleichen tiefen Verbeugung, zogen aus ihrem Gehrock die gleiche kleine Karte, ihren Kurszettel mit Börsenkursen, und überreichten sie dem Bankier mit der gleichen unterwürfigen und respektvollen Gebärde. Zehn, zwanzig zogen so vorüber. Der Bankier nahm jedesmal den Kurszettel, warf einen Blick darauf, gab ihn dann zurück; und seine Geduld war ebenso groß wie seine völlige Gleichgültigkeit unter diesem Hagel von Angeboten.
Doch jetzt ließ sich Massias mit dem fröhlichen und unruhigen Ausdruck eines verprügelten gutmütigen Hundes sehen. Man empfing ihn manchmal so schlecht, daß er dem Weinen nahe war. An jenem Tag war er zweifellos mit seiner Demut am Ende, denn er erlaubte sich eine unerwartete dringende Bitte.
»Sehen Sie doch, Herr Gundermann, der Crédit Mobilier steht sehr niedrig ... Wieviel soll ich davon für Sie kaufen?«
Ohne den Kurszettel zu nehmen, schlug Gundermann die meergrünen Augen zu diesem so vertraulichen jungen Mann auf und versetzte grob:
»Sagen Sie mal, lieber Freund, denken Sie, mir macht es Spaß, Sie zu empfangen?«
»Mein Gott, Herr Gundermann!« erwiderte Massias, der bleich geworden war. »Mir macht es noch weniger Spaß, seit drei Monaten jeden Morgen umsonst zu kommen.«
»Na schön! Sie brauchen ja nicht wiederzukommen!«
Der Remisier grüßte und zog sich zurück, nachdem er Saccard den wütenden und tief betrübten Blick eines Mannes zugeworfen hatte, dem plötzlich zu Bewußtsein kam, daß er nie sein Glück machen würde.
Saccard fragte sich in der Tat, was für ein Interesse Gundermann daran haben mochte, all diese Leute zu empfangen. Offenbar besaß er eine besondere Fähigkeit zur Abkapselung, er versenkte sich in sich selbst und konnte dabei weiter nachdenken; außerdem gehörte natürlich eiserne Selbstbeherrschung dazu, so jeden Morgen eine Marktschau vorzunehmen, bei der er immer einen Gewinn zu machen verstand, und wenn er noch so winzig war. In sehr scharfem Ton handelte er einem Kulissenmakler, dem er am Vorabend eine Order erteilt hatte und der ihn übrigens bestahl, achtzig Francs ab. Dann kam ein Raritätenhändler mit einem Kästchen in emailliertem Gold aus dem achtzehnten Jahrhundert, einem teilweise ausgebesserten Stück, das der Bankier sofort als unecht erkannte. Dann wollten zwei Damen, eine alte mit einer Nase wie eine Nachteule und eine junge, sehr schöne Brünette, ihm bei sich zu Hause eine Kommode im Louis-Quinze-Stil zeigen; er lehnte es aber rundweg ab, sie sich anzusehen. Es kamen noch ein Juwelier mit Rubinen, zwei Erfinder, Engländer, Deutsche, Italiener, alle Sprachen, alle Geschlechter. Und der Vorbeimarsch der Remisiers ging trotzdem zwischen den anderen Besuchern weiter, ewig vollführten sie immer wieder dieselbe Gebärde, wiesen mechanisch den Kurszettel vor; während die Flut der Angestellten mit dem Nahen der Börsenstunde zunahm, sich immer zahlreicher durch das Zimmer wälzte, Depeschen brachte und um Unterschriften bat.
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