Читать книгу: «Abara Da Kabar»
Emil Bobi
ABARA
DA
KABAR
Die Rückreise
Roman

Impressum
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5020 Salzburg, Bergstraße 12
Sämtliche Rechte vorbehalten.
Umschlagillustration: ©Arm001/shutterstock.com
Innenillustrationen © KHIUS/shutterstock.com
Autorenfoto S. 367: Ursula Innerhofer
Grafik, Satz und Produktion: Tanja Kühnel
Lektorat: Anja Zachhuber
eISBN 978-3-7025-8077-3
Auch als gedrucktes Buch erhältlich
ISBN 978-3-7025-1015-2
www.pustet.at
Ohne Sprache ist nichts wahr. Mit Sprache ist alles unwahr.
Inhalt
ERSTES BUCH
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
ZWEITES BUCH
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8

ERSTES BUCH
1
Ich habe mir die Latte immer schön hoch gelegt, damit ich auch dann gut sein konnte, wenn ich sie verfehlte. Ich weiß nicht, ob das bedeutet, dass ich zu viel oder zu wenig wollte. Wenig wollen gibt ein gutes Gefühl und ist irgendwie weise. Den Bescheidenen umflort die Verschwiegenheit des besseren Wissens und deutet auf geheime Größen hin. Doch wie soll man bescheiden sein, wenn es um alles geht? Ich meine, wie soll man wenig wollen, wenn es nur alles oder nichts gibt?
Gott im schwarzen Himmel, bin ich froh. Ich hätte auch andere Wege gehen können. Aber, eben, man sollte keine anderen Wege gehen. Man sollte nur genau diesen einen gehen.
Wie seltsam das alles war, von Beginn an. Und ich mitten drin und ausreichend verrückt, es auch zu bedienen, ausreichend gegennormal, das Fraglose zu hinterfragen und dann auch noch Konsequenzen zu ziehen, obwohl ich schon einen Hauch dessen spürte, was da kommen würde. Aber gut.
Angefangen hat alles mit dem schwarzen Muster, das über den Himmel zog, als die Raben kamen. Einundzwanzig dieser riesigen Kohlraben waren wie Gewölk über dem Hügelkamm aufgetaucht und hereingeschwebt, koordiniert wie eine Mannschaft. Manche richteten ihre Köpfe nach einander und knurrten sich gelangweilte Kommentare zu, andere ließen Nebenbemerkungen fallen, ohne ihre Blicke vom Horizont zu nehmen. Ihr kehliges Gurgeln hallte durch den Graben – und entführte mich weit zurück.
Es war Kindheit, es war Winter, das Land war weißgrau verkrustet und hatte geschlossen. Ich blickte stumm in die Landschaft, meine Haube saß schief, meine Gedanken bohrten sich ins reglose Bild. Da zogen Raben durch den verlassenen Raum und sie klangen, als schabten sie mit einer hölzernen Raspel an der hohlen Luft. Als sie über mich hinwegflogen, drehte sich der Klangkörper ihrer Stimmen und war nun von hinten zu hören, wie er das Weite suchte und seinen Hall hinter sich herzog, während ich unten am Boden in der stehenden Stille zurückblieb.
Wie klingen Raben in der Stille eines Wintertages, fragte ich mich, und konnte nicht einmal sagen, ob da ein feuchtes Blubbern aus ihren Kehlen kam, oder ob man es besser trockenes Blubbern nennen sollte. Wenn es denn ein Blubbern war. Das war meine Frage: Wie oder wonach klingen Raben? Sie wurde zur ältesten aller Fragen, die ich je hatte.
Immer schon hatte ich es mit der Sprache der Tiere. Sie konnte etwas, das die Menschensprache nie konnte. Wenn ein Hahn krähte, spürte ich etwas. Es kam von ganz tief und schmeckte wie Erinnerung. Da war eine körperlich spürbare Gleichschaltung mit etwas diffus Bekanntem, aber nichts Konkretes. Wenn ein Mensch sprach, war es umgekehrt. Da wurde etwas Konkretes wachgerufen, ohne je diese gefühlte Entsprechung auszulösen. Na ja. Wie auch immer.
Meine Lust, den Klang der Raben in Wörter zu verwandeln, hat jedenfalls nie aufgehört. Noch heute höre ich ihre Rufe mit dem ganzen Körper, wenn es auch mit den Jahren immer schwächer wurde. Damals hörte ich sie als Schmerz, als ein zu Schmerz verdichtetes Verlangen, wiederzugeben, was ich erlebte, wenn ihre Rufe auf die Membran in meiner Brust trafen und ihr Echo in den Nervenbahnen verebbte.
Diese Lust hat mich nie anders als gekränkt zurückgelassen. Wie hätte ich sie auch bedienen sollen? Wie hätte ich etwas festhalten können, das ich nicht einmal angreifen konnte, etwas, das zudem immer gerade dabei war, sich zu verflüchtigen? Auch war mir diese Lust nie ganz geheuer. Sie kam aus einer Tiefe, die mir unheimlich war, weil sie tiefer schien, als ich selbst und sie sich dennoch in mir befand. So suchte ich nach treffenden Wörtern, ohne zu wissen, ob es sie überhaupt gab. Ich suchte nach Begriffen, die diesen Erinnerungsgefühlen nicht nur einen Namen geben, sondern die Gefühle selbst wieder wecken konnten. Meine Suche galt Wörtern, die den Klang der Raben isolieren und aus der Natur abbauen konnten, ihn gewinnen wie einen Rohstoff, haltbar und lagerungsfähig machen und in Bereitschaft halten, um jederzeit wiederverwendet zu werden.
Später, erwachsen, schüttelte ich langsam den Kopf, als mir klar wurde, dass ich es doch nur selbst gewesen war, was ich da im Nachhall der Rabenstimmen wahrgenommen hatte, wie einen Lufthauch, der verschwand, noch bevor ich ihn atmen konnte. Aber mein Vorhaben war unverändert. Ich wollte diesen Lufthauch anhalten, ihn einfangen und in Wörter sperren wie in kleine Käfige. Ich wollte diesen Lufthauch meiner Seele stabilisieren, indem ich ihn mit Wörtern schiente und verpackte, um ihn wiederholbar zu machen. Ich wollte Haltbargefühle erzeugen, Gefühlskonserven, die jederzeit und auch von vielen gleichzeitig geöffnet werden konnten.
Wie recht ich damals doch hatte, als das Land weißgrau verkrustet war. Ich war ein Seher. Ein Dichter im besten Sinn. Danach war ich nie mehr einer. Später begann ich einer sein zu wollen und dann begann ich mir einzubilden, einer zu sein, bis ich mir endlich einzubilden begann, keiner zu sein. Ist ja egal. Ich sag’ nur. Man muss ja kein Dichter sein, um sagen zu wollen, was man sagen möchte, und zwar genau das, was man sagen möchte, und nicht nur fast genau das.
Nun, Jahrzehnte später, waren diese schwarzen Gestalten also zurückgekehrt. Simultan wie ein Geschwader sanken sie in einer Kreiskurve in den Graben herein und begannen, prominent und arrogant, langsam über dem alten Bauernhof zu kreisen, der nach Jahren der Verlassenheit wieder Lebendigkeit zeigte. Sie sahen mich im Gras liegen. In ihren Kehlen blubberte es.
Was in aller Welt gaben diese Wesen von sich? Ein versöhnliches Sägen? Was war dieses Chrr, Chrr oder so? War das ein forschendes Kratzen? Dürres Geratsche? Chrr, Chrr. Hölzernes Nagen? Entspanntes Röcheln? Röchelten sie? Schnarrten sie? Knarrten sie? Murrten sie mit der selbstverständlichen Beleidigtheit unverschämter Einzelkinder? Passte ihnen gar nichts? Stänkerten sie gewohnheitsmäßig mit kargen Abfälligkeiten wie Ruheständler im Park? Knurrten sie knapp und kategorisch wie die Wächter einer dunklen Exekutive? Wiederholten sie ihre Äußerungen aus Zufriedenheit, weil sie funktionierten, oder aus Not, weil sie nicht funktionierten? Wiederholten sie sich überhaupt? Oder sagten sie laufend etwas anderes und nur mein Menschenohr nahm keine Unterschiede wahr? So wie ihr Rabenohr umgekehrt meine Aussagen als notorisch wiederkehrende Lautketten vernehmen musste, wie hängengebliebene Geräuschsequenzen, die zwar typisch nach Mensch klangen, aber keine Aufschlüsse zuließen, was sich im Inneren der Geräuschsequenzen abspielte, und ob es sich um österreichische, tibeto-birmanische oder lolo-burmesische Lautketten handelte. Egal. Im Ton der Raben vernahm ich zumindest keine Not. Sie klangen entspannt und am Punkt. Sie musterten mich.
Sicher, ich hätte das, was Raben von sich gaben, auch mit einer Notbezeichnung bekleben und einfach »rabeln« nennen können. Aber ich fand das unerträglich. Ich hätte damit grob anzeigen können, was ich meinte, aber nur, wenn ohnehin bekannt war, was ich meinte. Aber nichtssagende Namen für das Unbeschreibbare zu verwenden, konnte doch nicht der Sinn der Sprache sein.
So hatten sie es nämlich gemacht, die Namensgeber der Raben, als sie ihnen unterstellten, sie würden krähen. Die Diktion dieser Herrschaften war, der Rabe wäre mit äußerlich ähnlichen Vögeln verwandt und man könne daher alle miteinander unter flächendeckender Identitätsverwischung als Krähen bezeichnen. Einfach, weil »Kra« diesen Namensgebern eine angemessene Lautnachahmung schien und daher gut genug für ein Etikett. Sie beschrieben damit nichts. Sie tauften. Sie nannten diese Vögel »die Kra machen«. Fast mytho-poetisch, diese Hilflosigkeit. Egal.
Alle einundzwanzig Raben waren nun gelandet. In den Bäumen unterhalb der großen Wiese, die vom Bauernhaus weg ins Tal hinunter hing, hatten sie in gleichen Abständen voneinander Platz genommen und richteten ihre Aufmerksamkeit auf mich wie unsichtbare Scheinwerfer. Manche tauschten Blicke aus, bevor sie wieder mich ansahen. Ich war irritiert. Die Szene schien mir unwirklich und ich dachte, sie zu mystifizieren oder irgendwie anders zu überhöhen, doch bildeten die Mitglieder dieses seltsamen Senates eindeutig einen großen, formschönen Halbkreis mit mir exakt im Mittelpunkt gegenüber. Und sie lauschten. Der Wind legte sich. Vom gegenüberliegenden Hügel krähte ein Hahn.
Ich erhob mich aus dem Gras und blickte hinunter in das schwarz gefiederte Halbrund. Ich dachte, sieh einer an: Auch die Menschen benützen solche Talare, wenn sie beschlussmäßig Einfluss nehmen. Die Raben schwiegen, als wollten sie die Flüchtigkeit der Situation nicht stören. Vom Frauenberg her wehte Glockengeläut. Die Tagung, in die ich hier geraten war, schien mir kein bisschen abwegig und genau das beunruhigte mich. Aus dem Tierreich erhielt ich Nachhilfe in Fragen der Lautkommunikation und fand das ganz normal.
Was denke ich eigentlich, fragte ich mich, wenn ich auf der Suche nach richtigen Wörtern bin? Wenn ich also noch gar nicht denke, sondern nach den Bestandteilen des Denkens suche? Denke ich auch ohne Sprache? Aber ist Denken nicht Sprechen mit dem Hirn? Irgendwie musste es auch außerhalb der Sprache ein Denken geben, dachte ich, denn wie könnte ich sonst mit einem verwendeten Ausdruck unzufrieden sein?
Plötzlich, als wäre die Sitzung geschlossen, erhoben sich die Einundzwanzig fast gleichzeitig von den Baumkronen und das Geschwader zerstob in der Luft wie schwarzes Laub in einer Windböe.
2
Ich muss sagen, die Suche nach Wörtern hat mich immer schon mehr beansprucht als das Leben selbst. Ich habe schon zu viel nachgedacht, als ich noch für alles zu jung und zu klein war und von allem so beeindruckt, dass ich, solange ich nicht schlief, hauptsächlich staunte. Ich denke, mein kleiner Fehler könnte gewesen sein, dass ich irgendwie falsch geliebt habe. Sehr, ja, aber falsch. Ich habe gestaunt und geliebt und das war vielleicht irgendwie zu wenig. Man halte sich vor Augen: Ich habe einen Bleistift mittlerer Härte geliebt. Ich habe mein leeres Tagebuch geliebt, in das ich nie auch nur ein einziges Wort schrieb. Und bitte, im Ernst: Ich war in eine Hominidin verliebt. Was soll man dazu sagen? Okay, sie war unglaublich attraktiv, aber eine Hominidin? Und ich war ja nicht ein bisschen in sie verknallt, sondern unsterblich verliebt bis ich fast erwachsen war. Während also meine Geliebte etwa eine Million Jahre weit weg war, erlebte ich den Höhepunkt meiner Teenager-Karriere, als ein Homo-Sapiens-Mädchen mir sagte, ich würde sie an Van Morrison erinnern, wie er auf einen Bus wartet und einstweilen an einem Zahnstocher kaut. Genau wie beim jungen Van Morrison würde mein Oberkörper oft ein bisschen schräg vornüber hängen und mein Kopf skeptisch zur Seite gelegt sein, als würde ich abwägen, was ich nun von der Situation halten sollte, obwohl sie mich nicht sonderlich betraf. Und das Homo-Sapiens-Mädchen sagte, manchmal käme ihr vor, ich würde in die Sonne lächeln und dabei nichts sehen, kein Gesicht, keine Augen, in die ich lächeln könne, weil ich geblendet wäre und es sei ihr nicht klar, ob ich bloß schüchtern wäre, oder lauerte. Da flackerte etwas heiß in mir auf, aber ich begriff kein bisschen, was sie meinte. Ich fühlte mich nur als Van Morrison, ließ meinen Oberkörper noch ein bisschen stärker zur Seite hängen und lächelte lässig in die Sonne.
Also gut.
Das mit den Raben, um zur Geschichte zurückzukommen, war wie der erste Blitz eines Gewitters, der gelb und lautlos am Horizont aufflackert wie eine kaputtgehende Glühbirne. Dann wurden die Blitze heller und schärfer und bald ging es Schlag auf Schlag: Zwei Tage nach der Rabensitzung entdeckte ich die Kluft. Am Tag darauf erkannte ich, dass ihre Überbrückung unmöglich war. Und noch am selben Tag wurde alles anders.
Die Kluft. Sie war überall, wo Menschen sprachen. Sie verlief unabänderlich und ausnahmslos durch jedes einzelne Menschen-Gespräch und hielt das, was gesagt wurde, von dem fern, was gemeint war. Die Kluft, das war die Kluft zwischen Gesagtem und Gemeintem. Die Kluft war ein ganzes Netz aus Klüften. Ich meine, gespürt hatte ich sie immer schon, aber jetzt erschien sie mir in dem grafischen Muster, in das sich eine Stadt verwandelt, wenn man sie von hoch oben sieht. Ich befand mich auf einem Spaziergang am Kahlenberg und blickte hinunter auf die Stadt, die weichgezeichnet von bläulichem Dunst mit ihren Kästchen und Linien dalag wie ein riesiger Schaltplan. Und da sah ich sie.
Alle spürten, dass es die Kluft gab. Alle spürten, dass es in Sachen Verständigung kein Gelingen gab. Jemand sagte etwas und die anderen erstarrten irritiert oder gar beschämt und alle wussten, dass etwas anderes gemeint war, während das Gemeinte wortlos über dem Gesagten schwebte. Du siehst den Menschen, der etwas gesagt hat und so vertraut war mit dem, was er sagte und so fremd zu dem, was er sagen wollte und du siehst: Das Gesagte ist vertraut und harmlos und wirkungslos, das andere, das Gemeinte, ist fremd und unheimlich. Die Kluft ist ein dichtes Netz aus Klüften. Die Kluft ist wie ein Schaltplan aus schwarzen Bahnen, die wie ein Gitter aus Klüften im Ausgesprochenen liegen und das Gesagte vom Gemeinten trennen. Wenn jemand etwas sagt, ist es, als hätte jemand anderer es gesagt. Wenn jemand etwas sagt, ist er selbst verblüfft wie die anderen, weil er, wie die anderen, selbst doch weiß, dass er etwas anderes sagen wollte. Er hört sich selbst und es ist so fremd, sich zu hören, als wäre er sich fremd, als kennte er den wahren Sprecher nicht, der sich vornüberbeugt, um zu lauschen, nachdem er etwas gesagt hat und nun stutzt, als hätte er im Nebenraum Geräusche gehört. Als hätte jemand anderer mit seiner Stimme gesprochen und etwas anderes gesagt, als er selbst sagen wollte. Und dann blickt er drein, fragend, verwirrt, so, als würde er vor einer Maschine stehen, die nicht funktioniert. Die, wenn er auf den Knopf drückt, etwas anderes macht, als er dachte. Etwas anderes, als zu erwarten war, wenn er davon ausging, dass die Maschine machte, was er dachte, dass sie machen würde, weil alle es dachten und er nur dachte, was alle dachten und nur sagte, was alle sagten, ein bisschen anders als die anderen vielleicht, aber nicht viel anders.
Die Kluft machte es sichtbar: Wer spricht, wird belauscht. Das Gesagte wird vom Gemeinten beschattet. Wer etwas sagt, ist betreten. Beschämt. Einsam. Er spricht, doch er erreicht sich nicht. Er hat gar nicht gesagt, was er sich da sagen gehört hat, er hat es nur ausgelöst mit seinen Lauten, mit denen er versucht hat, etwas anderes auszulösen, etwas, das nur in ihm selbst war, was nur er sagen hätte können, aber er hat ein mechanisches Ergebnis bekommen wie von einem blinkenden Automaten im Prater, der immer nur eines derselben wenigen Ergebnisse auswirft, über die er verfügt.
Es ist peinlich. Es ist so offensichtlich. Ein unverhülltes Vergehen. Es ist wie Missbrauch mit Augenkontakt. Beschämend. Es nötigt dich, den Blick zu senken. Alle sind fremdbestimmt und alle wissen, dass alle fremdbestimmt und missbraucht sind und jedes Mal, wenn jemand etwas sagt, also etwas Fremdes von sich gibt, etwas von etwas Fremdem vorgefertigt zur begrenzten Auswahl Gestelltes von sich gibt, ist er betreten von der Offensichtlichkeit des Vergehens und er schämt sich unterwürfig für seine Behinderung, für seine Machtlosigkeit, für die Ausweglosigkeit und die nicht verhinderbare und nicht aufschiebbare und unaufhörliche Wiederholung des Vergehens, welches ein Vergehen am Gemeinten ist.
Die Kluft, das bist du. Die Kluft ist der Schatten, der neben dir steht wie dein Unterschied. Als wärst du ausgeschnitten und zur Seite verschoben und würdest die Sicht auf einen dunklen Eingang hinter dir zur Hälfte freigeben. Die Kluft ist der Zwischenraum, das Maß des Danebenen, der Raum des Ungesagten, der Hort des Gemeinten. Der Kern. Dein Unterschied.
Du sagst etwas und alle nicken nur, als würden sie verstehen. Aber, genauer gesagt, nicken sie, als würden sie nichts verstehen und nur signalisieren wollen, sie verstünden etwas. Sie nicken realitätskonform nichts verstehend. Und was sie sagen, klingt so verdächtig, liegt so daneben, dass du spürst, wie das Gemeinte auf der Strecke bleibt, in der Kluft, wo sich das Gemeinte wie ein Restbestand sammelt, ausgesondert von einem Gitter, das nur durchlässt, was durchpasst. So landet das Gemeinte verlässlich in der Kluft, während das Nichtgemeinte verlässlich durch- und ankommt, weil es vom Aussonderungsgitter positiv auf Nichtgemeintheit geprüft wurde.
Das Gemeinte aber, das ist der Kern. Das bist du. Du bist das Gemeinte. Das von der Sprache nicht bewältigte und vom Gitter nicht bewilligte. Das nicht Sagbare. Das entsorgte Gemeinte. Das bist du wirklich. Das, woraus deine Alleinheit gemacht ist. Die Einsamkeit zwischen Gesagtem und Gemeintem. Im Schatten, in der Kluft, wo das Gemeinte hängen bleibt, da bist du wirklich. Draußen im Licht und in den Farben bist du nur, was die Sprache aus dir macht, im Schatten aber, in der Kluft, dort bist du wirklich. Dort liegt alles auf Halde, was du meinst. Die Sprache macht aus dir dunkle Materie. Sie macht aus dir Gegenmaterie. Na ja, egal.
Am Tag nach meinem Kahlenberg-Spaziergang wurde mir also klar, dass die Kluft selbst nicht das große Problem war. Das große Problem war, dass ihre Schließung nicht funktionierte. Diese Kluft zu überbrücken war unmöglich. Die Menschen verwendeten den größten Teil ihrer Gespräche darauf, die Kluft zwischen Gesagtem und Gemeintem zu schließen, aber mit immer mehr Gesagtem statt Gemeintem. Was hätten sie auch tun sollen.
Da saß ich in dieser Routinebesprechung in der Redaktion und plötzlich, wie nebenbei, hörte ich es mich aussprechen: Die Sprache funktioniert nicht. Und kaputte Sprache ist mit kaputter Sprache nicht zu überwinden.
Die Sprache war kaputt. War immer schon kaputt gewesen. Die Sprache, dieses mit Lautbildern aus modulierter Atemluft operierende Kommunikationssystem, das den Menschen zu einem geistigen Wesen gemacht hat, war defekt wie ein Funkgerät, das zwar blinkte und zischte, aber nichts übermittelte. Man konnte hineinbrüllen so oft und so deutlich man wollte, am anderen Ende war nur ein elektrisches Sieden zu hören, zerfetzt von durchbrechenden Schleifgeräuschen, die man für Botschaften hielt und die man mit weiteren Schleifgeräuschen näher erörtern wollte. Doch die Sprache der Menschen warf nicht aus, was man ihr eingab und das bedeutete, dass alles, was Menschen je gesagt hatten und alles, was Menschen je gehört hatten, falsch war. Dafür gab es so viele Beweise, wie jemals von Menschen gemachte Aussagen.
Das hatte nebenbei auch etwas Tröstliches. Ich hatte entdeckt, dass es nicht am Menschen lag. Nicht die Menschen erzeugten das Chaos, weil sie unfähige Raubtiere waren, sondern ihr Informationsübermittlungssystem, weil es schlicht defekt war. Das war mehr als eine Begnadigung. Es war eine Enthaftung wegen erwiesener Unschuld.
Doch das half mir wenig, ich meine, diese Amnestie traf mich nicht. Die Menschen waren nicht schuld, ich aber schon. Die Menschen wurden enthaftet, ich aber wurde verbannt. Der Rest der Menschheit wurde entlastet, ich aber enteignet. Ich nahm zur Kenntnis: Keine einzige der Botschaften, die ich verschickt hatte, war je angekommen. Ich hatte noch nie in meinem Leben etwas gesagt, wie ich dachte, es gesagt zu haben. Ich hatte die Sprache für eine Gefährtin gehalten, für eine befreundete Riesin, die Zauberkräfte besaß und mit der man Himmel und Hölle bereisen konnte. Doch diese geheiligte, verdammte Wortsprache konnte einfach nicht, was ich ihr zugeschrieben hatte.
Diese Erkenntnis verdankte ich meinem Talent zum Hinschauen und meinem Hang zum Verwerflichen, ohne den ich heute noch an der Kluft stehen, in den Wind rufen und mir einbilden würde, drüben auf der anderen Seite verstünde jemand etwas.
Ich bin in diese Erkenntnis bei heiterem Himmel hineingestolpert. Das ging so: Ich saß also in dieser Redaktionssitzung und verdrehte die Tatsachen, damit sie mir passten. Ich verbog sie ein bisschen, damit man einen schöneren Titel für meine Geschichte machen konnte, die sich im Vorfeld der Nationalratswahl um Wahlkampf-Sprache drehen sollte, genauer gesagt um die erstaunlich mangelhaften Sprachkompetenzen mancher Spitzenkandidaten.
Der Wahlkampf war in die heiße Phase gekommen und besonders einer der Spitzenkandidaten hatte begonnen, Nerven zu zeigen. Er begann öffentlich um sich zu schlagen wie ein kreischendes Kind, das wegen angeblicher oder tatsächlicher Gemeinheiten seine Arme hin und her um den Oberkörper schleudert und dabei egozentrische Grimassen schneidet. Dabei handelte es sich um den amtierenden Bundeskanzler der Republik Österreich, der während seiner gesamten Amtszeit Erklärungsbedarf angehäuft hatte. Nun war auch der Wahlkampf desaströs verlaufen, es hatte überall zu brennen begonnen und alle, besonders seine eigenen Parteifreunde, schauten regungslos zu wie Ehrengäste bei einer Einäscherung. Selbst jene Billigblätter und billigen Gratisblätter waren auf Distanz gegangen, aus denen er in großer Regelmäßigkeit als Macher herausgestrahlt hatte, sowohl aus dem redaktionellen Teil wie aus den ganzseitigen Partei-Inseraten. In seiner Partei wollte niemand mehr verstehen, warum er es wieder geschafft hatte, aufgestellt zu werden, wo er doch längst drauf und dran gewesen war, das Gleichgewicht zu verlieren, was in der Politik bedeutete, dass das Gleichgewicht schon verloren war. In dieser Situation ließ der Gerade-Noch-Regierungschef mit einer erstaunlichen Behauptung aufhorchen: »Dieses Land braucht einen Kanzler, wo die Partei hinter ihm steht.«
Mit diesem Satz des Regierungschefs begann ich meine Ausführungen in der Sitzung. Gelächter brach los. Ein Fotograf äffte den Kanzler nach: »Also braucht man nirgendwo in diesem Land einen Kanzler, denn die Partei steht nirgends hinter ihm.« Heiterkeit. Überlegenes Schmunzeln.
Ich fuhr fort. Dahinter stecke ein großes Zeit-Thema. Wir hätten es mit einer schleichenden Sprachverarmung zu tun, die sich durch alle Schichten ziehe und viele Ursachen habe. Sätze wie »du verstehst mich nicht« oder »das habe ich nicht gesagt« zählten zu den statistisch am öftesten verwendeten Sätzen überhaupt. Für die Existenz einer Sprachkrise gebe es nicht nur zahlreiche frei beobachtbare Indizien, sondern auch viele eindeutige Beweise: Unlängst habe etwa eine Studie gezeigt, dass Kinder ihre motorischen Fähigkeiten zunehmend einbüßten, ein Schreibgerät so zu führen, dass lesbare Buchstaben zurückblieben. Sie würden die körperlichen Voraussetzungen zur Aneignung von Schrift verlieren. Die Menschen würden immer analphabetischer. Wir hätten eine neue Sprachkrise. Ein Babel 4.0.
Die Diskussion dauerte mehr als eine halbe Stunde. Sarkastische Wortspiele wurden erfunden, Beispiele sprachlicher Verwerfungen Prominenter zitiert. Weitere Aspekte der Sprachverarmung wurden erwähnt, wie die Chat-Sprache, die nur noch Satzfetzen und Abkürzungen kannte und auf das Denken selbst zurückwirke, denn die Leute begannen ihre Gedanken ihren Ausdrucksmöglichkeiten anzupassen. Es entstünde etwas wie eine Chat-Denke. Die Betroffenen erinnerten dabei an körperlich Lädierte, die schmerzhaften Stellungen auswichen und erst dadurch behindert wirkten.
Der stellvertretende Chefredakteur, der die Sitzung leitete, hatte nur schweigend zugehört und sagte jetzt: »Das ist eigentlich eine eigene Cover-Geschichte für nach der Wahl.« Ich nickte.
»Wie lautet der Titel?«, fragte er, »was steht im Vorspann?«
Ich blickte in die Luft: »Keine Ahnung. Vielleicht: ›Der Sprachfehler‹. Oder ›Sprache sprachlos‹. Oder ›Was kann Sprache?‹ Oder ›Das Babel-Gebrabbel‹.« Und nach einer Pause: »›Das Muss-Verständnis‹?«
»Das versteht man nicht«, sagte der Art-Direktor und kaute an seinem Bleistift.
Der rauflustige Fotograf schlug vor: »›Die Sprecher-Verbrecher‹!« Ein anderer: »›Die Sprach-Blase‹? Oder ›Die Entsprachung‹? Oder vielleicht straight: ›Das Ende der Sprache‹?«
Nein. Das war alles nichts. Eine Cover-Geschichte musste eine echte These haben. Dass Sprache nicht beherrscht und dennoch missbraucht wurde, war einfach nichts Neues. Dass sie Missverständnisse erzeugte und Verwirrung stiftete, dass Politiker sich wanden und nichts sagen wollten und dabei stotterten, war altbekannt und das wollte niemand lesen. Man müsse, sagte ich, viel weiter gehen und nach vorne gerichtet zuspitzen, vielleicht so: »Sprache funktioniert nicht.«
Das klinge schon eher nach etwas. Das sei eine klare Mitteilung. Etwas völlig Neues. So etwas wolle man lesen. Das habe man noch nie gehört. »Die Sprache funktioniert nicht. Sie ist defekt.« Zu sagen, die Menschen würden lügen, sei langweilig. Aber neu sei: Nicht die Menschen sind schuld, sondern die Sprache. Das betreffe jeden einzelnen und entlaste ihn von der großen Beschuldigung. Toll. Dagegen wäre »Das Ende der Sprache« ein platter Slogan, den niemand ernst nehme.
Der stellvertretende Chefredakteur biss sich auf die Unterlippe. »Kann man das?«, fragte er, »kann man sagen, Sprache funktioniert nicht?«
»Sicher«, sagte ich. »Sie funktioniert jedenfalls sicher nicht so, wie man sich das als Laie vorstellt.«
»Wie stellt man sich das als Laie vor?«
»Na, dass der eine etwas ausspricht, dieser Inhalt sodann durch die Luft fliegt und zugestellt wird und der Empfänger diesen übermittelten Inhalt zur Verfügung hat.«
»Nein?«
»Nein, absolut nicht.«
Der stellvertretende Chefredakteur wollte die Diskussion abgeschlossen haben, ohne sich in jedes Detail zu vertiefen und sich dem Rest des Programmes zuwenden. »Also dann vielleicht doch«, sagte er, hielt kurz inne, und fuhr fort: »Titel: Der Sprachfehler. Untertitel: Das Kommunikationssystem, das den Menschen zum Menschen macht, funktioniert nicht. Geht das?«
Ich nickte.
Damit war eine große Titelgeschichte über die neue Sprachkrise beschlossen und meine kleine Wahlkampf-Story über analphabetische Spitzenkandidaten entfiel. Mein Magen fühlte sich lau an. Von der anderen Straßenseite blitzte reflektiertes Sonnenlicht vom Fenster des Führerhäuschens eines Baukranes, der sich gedreht hatte. Ich starrte auf die eisengraue Kunststoffplatte des Konferenztisches und hörte nicht mehr, worüber nun geredet wurde. Nach einiger Zeit erhob ich mich, nickte in die Runde und verließ die Besprechung. Wohl niemand dachte, auch ich nicht, dass ich nie wieder zurückkehren würde.
Ich ging zum Lift. Ich war mit etwas völlig anderem aus der Konferenz gekommen, als ich hineingegangen war. Ich hatte mich sprechen gehört und gestaunt. Als ich mich sagen hörte »die Sprache funktioniert nicht« war mir, als hätte sich die Raumakustik verbogen oder was weiß ich. Keine Ahnung. Meine nach vorne gerichtete These war durch bloßes Aussprechen lebendig geworden. In knallige Titel-Sprache verpackt, war ihr Inhalt in Kraft getreten.
Als die Lifttür aufschwang, blickte ich in das Gesicht einer bestens gelaunten Mitarbeiterin aus der Abo-Abteilung, die nach unten wollte, was ich nicht bemerkte. Ich stieg ein, quittierte ihr Strahlen mit einem Lächeln und lehnte mich gegen den großen Spiegel gegenüber der Tür, ohne mein Ziel-Stockwerk einzutippen. Dann ging es wie im freien Fall nach unten. Ich fuhr wieder hoch und ging in mein Zimmer.
Ich setzte mich an meinen Schreibtisch. Das halbe Büro lag wie nach Schneefall unter einer weißen, hügeligen Decke aus herausgerissenen Notizzetteln, Zettelteilen und geglätteten Papierfetzen und zeigte die weiß schimmernde Gelöschtheit einer Winterlandschaft, in der selbst die Stille noch etwas Gedämpftes hatte. Ich beugte mich über die Notizen, aber die Textstelle, auf die mein Blick fiel, war unleserlich. Ich wandte mich von ihr ab und einer anderen zu, fixierte eine dritte und dann noch eine. Nichts. Ich konnte meine eigene Schrift nicht lesen. Ich weitete meine Augen um zu prüfen, ob geweitete Augen am Ergebnis etwas änderten. Aber da waren nur abstrakte Muster, verbogene Haken, Schleifen und Kurven, sinnlos bekleckert mit abgerutschten Punkten, da und dort unterstrichen. Ein psychotisches Gekritzel, dessen einzige Systematik eine zeilenartige Anordnung war. Fremd wie ein archäologischer Fund starrte mich ein schriftähnliches Muster an und versperrte den Zugang zu meiner eigenen Erinnerung. Ich stand wie vor zugeknallten Türen. Meine eigenen Informationen waren zu einem Geheimnis geworden. Mein Wissen hatte sich in Unwissen verwandelt. In verschmutztes Unwissen, denn herkömmliches Unwissen war sauber wie ein leeres Blatt Papier, man wusste ja nicht, was man nicht wusste. In meinem Fall aber war es ein konkretes Unwissen, ein gewusstes Unwissen, ein verschuldetes Unwissen, ein strafbares Unwissen, das wie Sauerstoffmangel wirkte.
Ich betrachtete die Berge aus Altpapier, die ich mein Büro nannte. Die verbogenen Türme aus Akten, Ordnern, losen Papierpacken, noch original verpackten und längst verstaubten Sachbüchern, die Tassen mit den ausgetrockneten Kaffeeresten, den vor Jahren vertrockneten Gummibaum, den Teppich aus Notiz-Zetteln, die Kartons in der Ecke. Jetzt sah es nicht mehr nur aus wie eine Müllhalde, jetzt war es zu einer Müllhalde geworden. All das Geschriebene, das herumlag, ob lesbar oder nicht, war unecht und leer wie das totenbleiche Licht, das, obwohl es heller Tag war, aus den Neonröhren von der Decke starrte wie eine synthetische Behauptung von Licht. Und fast völlig lautlos war es auf einmal geworden, sodass ich meinte, das Knistern der elektronischen Geräte zu hören, die nach einem Stromausfall abkühlten und nun nach Strom und schwarzem Kunststoff stanken.
Ich schloss die Augen. Sie war kaputt. Unsere schöne Sprachmaschine warf schadhafte Produkte aus, die nicht nur wertlos waren, sondern auch hochgiftig. Man hatte immer schon gesehen, dass ihre Produkte seltsam unpassend waren und man drehte und wendete sie ratlos, als hätte man in der Anwendung etwas falsch gemacht, ohne dahinterzukommen, was. Aber es war nur ein diffuser Verdacht, und so lebte man mit diesen Ergebnissen und hielt das Falsche für richtig, weil man weder das Falsche noch das Richtige je gesehen hatte, sondern immer nur dachte, es zu sehen. Nie war jemand auf die Idee gekommen, die Maschine zu hinterfragen. Sie lief ja.
Die Sprache war defekt und das bedeutete Unermessliches. Die Geschichte der Menschheit war eine Geschichte der Missverständnisse. Sie war eine Geschichte des Suchens nach den richtigen Wörtern und den Konsequenzen dafür, sie nicht gefunden zu haben. Der Gesamtzustand der Welt war das Abbild einer gescheiterten Sprache, das Sittenbild einer an der Sprache gescheiterten Menschheit. Funktionierende Sprachkommunikation war pure Illusion.
Das war doch der Grund, warum auf der Welt ständig Dinge passierten, die niemand wollte, dachte ich. Wenn ein Friedensabkommen nicht hielt, was hielt da nicht? Doch nicht der Friedenswille, sondern das Abkommen. Und ein Abkommen war das Ergebnis eines Tauschhandels mit Wörtern. Was nicht hielt, waren natürlich verhandlungsstrategisch in Stellung gebrachte Wortkombinationen. Es war doch sonnenklar: Konflikte eskalierten, weil die richtigen Worte nicht gefunden wurden und keiner wusste, dass es die gesuchten Wörter gar nicht gab. Kriege brachen aus, nicht weil die Menschen so gerne Krieg führten, sondern weil die Sprach-Kommunikation nicht ausreichte, sie zu verhindern. Es ging hier nicht um österreichische Innenpolitik, sondern um den Zustand, in dem sich die Welt befand. Dieser Zustand war insgesamt das Ergebnis erfolgloser Kommunikation. Die Geschichte der Menschheit war eine Geschichte der sprechenden Fäuste, die in Aktion traten, wenn die Wörter ausgingen. Dieses Prinzip reichte von der Sandkiste über den Kaffeehaus-Tratsch bis zur Paar-Therapie und bis ins weltpolitische Gipfeltreffen. Dieses Prinzip war allgegenwärtig.
Keine von Menschen gemachte Aussage hatte jemals die Wirklichkeit abgebildet. Und das war nur das eine. Das andere war, dass auch nichts zutreffend sein konnte, was Menschen mit ihren Gedanken im Kopf machten, denn selbstverständlich bestanden auch Gedanken aus sprachlichen Begriffen. Was der Mensch dachte, konnte nur falsch sein. Er hatte alle seine Wahrnehmungen falsch verpackt, in eine Sprache gehüllt, die den Packungsinhalt nicht wiedergab. Er lebte in einer Scheinwelt, die von einer Scheinsprache projiziert wurde. Ok, dachte ich, na lustig: Die Welt, wie ich sie sehe, gibt es nicht. Sie ist ein Produkt der kollektiven Einbildung, wir würden uns verständigen. So war das. Vorausgesetzt, ich war nicht wahnsinnig geworden. Und das war ich nicht. Ich war nicht wahnsinniger als davor.
3
Als ich das Haus verließ, war die Konferenz noch nicht zu Ende, aber ich war schon in die Gegenrichtung unterwegs. Das war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst, aber im Rückblick kommt mir vor, dass ich da mein Ziel bereits gepeilt hatte. Ich griff nach einem Notizblock und zwei oder drei Bleistiften mittlerer Härte, hielt inne, ließ beides wieder fallen, wollte mich zum Gehen abwenden, nahm das Schreibzeug dann doch an mich und ging. Richtung Anfang.
Auf der Straße bemerkte ich, dass es auch etwas wie Wetter gab. Es hatte geregnet und mittlerweile schon wieder aufgehört. Die Luft war warm und nass wie in den Tropen und es wurde langsam dunkel. Im Westen war die Wolkendecke aufgerissen, aber die untergehende Sonne hatte es zum Glück nicht mehr geschafft, noch einmal in die wohlige Regendüsternis zu leuchten und sie kaputtzumachen mit ihren letzten, dünnen Strahlen, die ohnehin schon zu schwach waren, den Tag noch einmal zurückzubringen. Jetzt begann es von Osten her erneut zuzuziehen. Fettiges, hochschwangeres Gewölk kroch heran und hielt knapp über der Stadt. Über den Kanten der Häuserschluchten stand eine vulgäre Decken-Freske aus schwarzen Bäuchen wie regloser Rauch. Die Mariahilfer Straße war wie ein in schwarzen Fels getriebener Stollen hinunter zur Zweierlinie, in dem es donnerte und hupte und rot vor Bremslichtern flackerte, als würde eine angelaufene Evakuierung nicht funktionieren. In der U-Bahn roch es nach feuchten Menschen und dem nassen Moder von Altkleidern. Am Stephansplatz lagen die Pflastersteine im Widerglanz bunter Leuchtreklamen und ein obdachloser Zeitungsverkäufer lächelte ermutigend. Die Dame in Louis Vuitton schleppte alleingelassen ihre Einkaufstaschen und warf tapfer ihre Mähne in den Nacken. Im Stravinsky war alles voll.
Im Stravinsky war immer alles voll. Es war einfach zu klein, um nicht voll zu sein. Schon nachmittags kehrte hier die tägliche Feierlichkeit ein und heizte die Kneipe auf Betriebstemperatur. Wer das Stravinsky betrat, der erschien wie auf einer Bühne. Er lächelte bescheiden nickend, als bedanke er sich für den Applaus. Die Luft war erfüllt mit gelassenem Lachen, verziert mit dem dünnen Klirren von Sektflöten und zerhackt von schwer aneinander gerammten Krügeln. Glühende Augen wanderten. Grauberger von der Innenpolitik des Wiener Boten lehnte an der Theke und war in die druckfrische Abendausgabe seiner Zeitung vertieft. Er las seine eigene Geschichte, die er wenige Stunden zuvor abgegeben hatte. An einer Textstelle lachte er schallend auf, nickte anerkennend und legte das Blatt zur Seite. Er bestellte ein neues Bier, dazu einen Schnaps, rauchte sich eine Zigarette an und lächelte nickend in sich hinein.
Ich ging manchmal ins Stravinsky, weil ich den Gestank dort mochte. Alle pafften eine nach der anderen und durch den stehenden grauen Nebel wanden sich blaue Rauchschwaden. Es roch sauer nach altem Bier und schaumig nach neuem. Zwischen Duftfäden aus Moschus oder sowas stank das Holz modrig nach Alter. Die Wandverkleidungen, die Sitzbänke, die Theke, die hinterspiegelten Regale, alles vor mehr als 100 Jahren wie aus einem Stück Holz geschnitzt und geschwärzt von den tausend Nächten und den tausend Geschichten.
Da entdeckte ich Paul. Er stand da, sein Schnauzer hing ihm zerfranst über die Unterlippe und wie eh und je schmunzelte er wissend, als wäre er nie weggewesen. Paul, das war alte Schule. Um Leute wie ihn zu treffen, kam ich manchmal hier her.
»Und?«, sagte er, »was schreibst?«
»Was weiß ich«, sagte ich abwehrend, »etwas über Sprache.«
Paul zog die Brauen hoch und wartete.
»Na schau«, sagte ich, »die Story lautet: Die Sprache ist an allem schuld. Nicht der Mensch ist böse, sondern die Sprache. Sie ist sehr, sehr böse. Sie macht alles kaputt, weil sie selbst kaputt ist.«
Paul schmunzelte: »Sprachkrise. Eh gut. Wann kommt das?«
»Ich habe erst angefangen. Ich muss einmal jemanden finden, der mir so etwas zumindest entfernt bestätigt, oder wenigstens ansatzweise nicht dementiert. Bisher habe ich nur bemerkt, dass Sprache ein endlos riesiges Gebiet ist. Seit Jahrtausenden sagen alle gescheiten und weniger gescheiten Menschen etwas über sie. Und sie alle umschreiben mit schönen, intelligenten, oder anderswie interessanten Sätzen, dass sie keine Ahnung haben, was Sprache überhaupt sein soll.«
Er nickte. »Ich bin froh, dass ich in Pension bin.«
Grauberger hob den Kopf und grinste. Der lange Kellner mit der Glatze und der sicherheitshalber vornübergebeugten Körperhaltung fischte den vollen Aschenbecher von der Theke und ließ den Inhalt mit der Fingerfertigkeit eines Trick-Magiers im Abfallkübel verschwinden.
»Aber wen willst du wirklich damit zitieren?«, fragte Paul, »du kannst ja nicht daherkommen und sagen, ich, liebe Leute, sage euch hiermit, eure Sprache hat einen Totalschaden. Die werden sagen, lieber Herr Reporter, vielleicht sind doch sie selbst es, der einen Totalschaden hat.«
»Weiß nicht«, sagte ich, »ausgegangen bin ich von einer harmlosen Geschichte über Wahlkampf-Sprache, weißt eh, qua, qua, über tiefenpsychologisch und manipulativ sein wollendes Spitzenkandidaten-Gestammel und so weiter. Aber wenn man auch nur ein bisschen genauer hinschaut, wird die Sache gleich höchst gescheit und dann drängen sich Fragen auf, die die Sprache selbst betreffen und alles, was da dranhängt und dahintersteckt. Und weißt du, was da dahintersteckt? Alles. Einfach alles.«
Da hob sich Pauls Zeigefinger wie ein Stoppsignal: »Moment. Ich kenne da jemanden über zwei Ecken, der vielleicht was für dich ist. Ein emeritierter Linguistik-Professor. Hans Reich. War sehr umtriebig. Hat in den USA und in der Ukraine gelehrt. Ich weiß nichts Genaueres. Jedenfalls hatte er Jahre lang Streit mit Kollegen auf der ganzen Welt, weil er der Meinung war, dass diese Vielzahl an Sprachen, die es gibt, aus einer einzigen Ursprache hervorgegangen ist, und der Mensch daher nicht an mehreren Orten unabhängig voneinander zu sprechen begonnen hat.«
»Das denken viele«, sagte ich.
»Ja, aber Reich sagt, dass die Sprachpioniere die Schrift vom Himmel abgelesen haben. Dabei ist er überhaupt kein Spinner.«
Das interessierte mich. »Der Mann durfte an Universitäten lehren?«
»Genau«, sagte Paul, »das ist der Streitpunkt. Er ist übrigens einer aus der Familie des Wilhelm Reich.«
»Aha? Wilhelm Reich himself?«
»Großneffe oder sowas.«
Grauberger schaltete sich ein. Wilhelm Reich sei einer der Helden seiner jungen Jahre gewesen. Er, Grauberger, habe ihn auf eine Stufe mit Leuten wie Gandhi und Nietzsche gestellt. Ein echter Regenmacher sei das gewesen. »Die Deutschen«, sagte er und sein Gesicht zuckte vorwurfsvoll nach oben, »die Deutschen wären besser Reich gefolgt. Aber Hitler hat ihnen besser gefallen. Kein Wunder. Hitler hat ihnen eingeredet, dass sie toll sind und überhaupt die besten. Reich aber hat die Wahrheit gesagt. Ein Aufdecker, der niedergemacht wurde, weil niemand seine Enthüllungen ertragen konnte.«
Er nahm einen Schluck vom Bier und zog ärgerlich an der Zigarette. »Reich hat gesagt, dass das deutsche Volk flächendeckend an einer Zwangsneurose leidet. Jede einzelne typisch deutsche Charaktereigenschaft ist ein Symptom der Zwangsneurose. Dieses als große Tugend besungene Kompanie-Verhalten der Deutschen ist ein Krankheitsbild.«
Die Österreicher seien auch nicht ganz frei von diesen Symptomen, warf Paul ein.
Grauberger nickte, zog an der Zigarette und hob den Zeigefinger, während er den Rauch ausstieß, um einstweilen keine Wortmeldungen zuzulassen. »Und Freud!«, schnappte er, »dieser narzisstische, schwanzgesteuerte Traumtänzer hat Reich als kommunistischen Auftragsforscher verunglimpft und umbringen wollen, wissenschaftlich zumindest, aus purer, blinder, primitiver Eifersucht, weil Reich zu viel erkannt hatte und es wagte, Freuds Unsinn vom natürlichen Todestrieb des Menschen zu widersprechen.« Grauberger redete sich in eine Aufgebrachtheit, die er mit gierigen Zigarettenzügen stabilisierte.
Paul wendete sich mir zu: »Ich schicke dir seine Nummer, weiß aber nicht, wo er sich aufhält.«
Am winzigen Tisch in der hinteren Ecke saßen drei parlamentarische Mitarbeiter sozialdemokratischer Abgeordneter und der Sprecher des Sozialministers unter vergilbten Plakaten und in zu engen italienischen Anzügen. Der Pressesprecher, Mayer, hatte das roteste und am stärksten aufgequollene Gesicht der Runde. Offenbar war er den ganzen Tag nicht zum Essen gekommen, stürzte sich jetzt gierig auf den Teller mit Frischkäse, Tomaten und Basilikum, den ihm der lange Kellner mit einem kunstvollen Schwung vorgesetzt hatte. Mayer überschüttete das Gericht mit viel zu viel von dem dunkelroten Weinessig und viel zu wenig Olivenöl und keuchte beim ersten Bissen wie ein geschocktes Waldtier. Dann entdeckte er mich, hob abwehrend die Hand und kündigte an, die versprochenen Unterlagen zu irgendeiner Geschichte »umgehend« zu übermitteln: »Kann ich dich morgen anrufen?«
»Sicher, immer, hungriger Mensch«, sagte ich, »aber iss langsamer. Sonst sage ich es den SPÖ-Frauen.«
Mayer nickte schräg und deutete ein müdes Lächeln an. Er war stets bemüht, den Schreiberlingen alles rechtzumachen, auch wenn sie noch so viel Mist schrieben. Er signalisierte Unterwürfigkeit vor allen Medien, das war sein berufliches Versprechen und seine Grundstellung. Ich hatte mein Mineralwasser noch nicht angerührt, stürzte es jetzt in einem Zug hinunter, umarmte Paul, boxte Grauberger sanft in den Bauch, zeigte Mayer den erhobenen Daumen und verließ das Stravinsky.
Es hatte nicht mehr zu regnen begonnen. Die Stadt war still geworden und meine Schritte klopften auf den Pflastersteinen. Die Stimmung, die sich nach der Redaktionssitzung breitgemacht hatte, war vom Lärm im Stravinsky verdrängt worden und tauchte jetzt wieder auf. Ich spazierte über den Stephansplatz, bog hinunter in die Rotenturmstraße, vorbei am verlassenen Standplatz der Pferdefuhrwerke, von denen nur der scharfe Geruch nach Dung und Urin zurückgeblieben war. Ich mochte diesen Duft. Er hatte nichts Abstoßendes für mich. Man sollte ein Parfüm mit einer Note »Pferd« machen, dachte ich. Eines dieser intelligenten Parfüms, die nicht einfach nur nach etwas rochen, sondern subtile Duftbilder öffneten, die sich veränderten wie die Jahreszeiten, je länger sie auf der Haut waren und deren flüchtige Noten von keiner Nase begriffen werden konnten. Pferdedung, Whisky, Weihrauch vielleicht. Vielleicht auch Zimt und etwas Lemoniges. Nein, Zimt ist zu süß, vielleicht eher Sandel oder Elefantengras dachte ich, aber Elefantengras ist ja auch süß, also keine Ahnung, ich wusste ja nicht, welchen Gesetzen die Alchemie der Düfte folgte. Von allen Bestandteilen musste man jedenfalls so wenig verwenden, dass man sie nicht direkt erkannte und sie gemeinsam in einem völlig neuen Duft aufgingen, der diffus und ungreifbar an Verschiedenes erinnerte, man aber nichts davon nennen konnte.
Ich bog in die Bäckerstraße. Ein zitronengelber Lamborghini, der gegen die Fahrtrichtung unterwegs war, wurde heruntergebremst und fauchte aggressiv. Seine nass-roten Bremslichter stachen wie zwei Lichtschwerter schräg in die alte Gasse. Dann erloschen sie wieder und die Bäckerstraße sank zurück in ihre mittelalterliche Dunkelheit.
»Der Sprachfehler. Das Kommunikationssystem, das den Menschen zum Menschen macht, funktioniert nicht.«
Ok. Ist ja ok, sagte ich mir, ruhig Blut. Man kann ja jederzeit dazulernen. Man kann etwas Neues entdecken und dann ändern sich halt die Sachverhalte. Das ist Entwicklung. Jeden Tag werden neue Dinge entdeckt, die alte Denk-Gebäude zusammenfallen lassen. Ein Knochenfund, und schon muss die Geschichte umgeschrieben werden. Aber dann wird sie eben umgeschrieben und es geht weiter. Doch wenn die Sprache nicht das ist, was man dachte, dass sie ist, geht nichts mehr weiter. Dann ist nicht nur ein Knochen falsch, sondern alles. Absolut alles müsste umgeschrieben werden. Aber diesmal kann nichts umgeschrieben werden. Mit welcher Sprache denn?
Ich weiß nicht mehr, wie die Zeit an diesem Abend so schnell vergehen konnte. Es war schon lange nach Mitternacht, als ich in der Bäckerstraße stand und mich umdrehte. Der Lamborghini lauerte an der Ecke. Er röchelte unter dem Würgegriff seiner Bremsen und harrte der Entscheidung, in welche Richtung er nun hechten sollte. Die beiden Insassen schienen sich zu streiten. Er, der am Steuer saß, schüttelte heftig dementierend den Kopf. Sie, am Beifahrersitz, schnappte bekräftigend nach ihm und ihr Gesicht zuckte immer wieder in seine Richtung, als würde sie ihn anbellen. In den östlichen Himmel schlich das erste Violett und wie eine Wettererscheinung zog eine riesenhafte schwarze Wolke russischer Saatkrähen von Westen her lärmend über die Stadt auf dem Weg in den Prater, wo sie wie Früchte schwer in den Baumkronen hängen wollten.
Ich hatte Lust einzuschlafen und einige Tage vorher wieder aufzuwachen, damit sich alles als Traum herausstellen konnte. Ich musste lachen. Ich musste angreifen. Ich musste so tun, als sei alles nur eine Zeitungsgeschichte. Ich musste einfach nur einmal angreifen und dann weitersehen. Also griff ich an: Wo also lag der Fehler? Was genau funktionierte nicht? Was war das überhaupt: Sprache. Gab es Menschen der Sprache, die über ihr zentrales Informationsübermittlungssystem sagten, es funktioniere nicht? Linguisten? Denker? Dichter? Bauern? Räuber? Geisteskranke? Egal, ich würde sie finden.
Wo die Recherche langgehen musste, war klar, es gab ohnehin nur eine einzige Vorgangsweise: Hinfahren und nachschauen. Es gab keine Alternative zur Reporter-Absoluten des Hinfahrens und Nachschauens. Reportagen waren im Homeoffice nicht machbar. Nichts auf der Welt war so, wie es sich vom Schreibtisch aus gesehen darstellte. Alles änderte sich radikal, wenn man hinfuhr und nachschaute.
Ich wusste, was ich zu tun hatte. Es war mir nie unklar. Ich musste mich auf die klassische Suche nach dem verlorenen Schlüssel machen. Ich musste den Weg zurückgehen, den mein Untersuchungsgegenstand durch seine Geschichte genommen hatte, den Blick dabei immer konzentriert am Wegrand, und wenn da kein Schlüssel zu entdecken sein würde, würde mich mein Weg eben ganz zurück bis an seinen Anfang führen.
Ich ging davon aus, dass das Hirnprogramm »Sprache« nicht als Missgeburt auf die Welt gekommen war, denn das machte nun wirklich keinen Sinn. Das Menschengehirn war doch nicht eine Million Jahre lang gewachsen, um sich in die Lage zu bringen, die massenhaften Schaltungen der Sprachverarbeitung zu bewältigen, nur um dann nicht zu funktionieren. Ich glaubte an die Intelligenz der Natur und an die komplexe Sinnhaftigkeit ihrer Funktionsweisen. Nein, bei der Geburt der Sprache musste alles noch geklappt haben. Es musste unterwegs eine Panne aufgetreten sein. Vielleicht etwas wie ein Ur-Missverständnis, das sich fortgepflanzt und ausbreitet hatte wie ein Virus. Dann wäre das Problem kein technischer Defekt, sondern die Folge falscher Anwendung oder so. Wie konnte es überhaupt sein, dass die Sprache Lügen zuließ? Und wozu wurde sie denn erfunden? Weil den Hominiden langweilig war und sie ihre Nachbarn ausrichten wollten? Wohl kaum. Die Erfindung oder Entdeckung oder wie immer der Beginn der syntaktischen Laut-Kommunikation zu nennen war, musste doch im Kern dem Bedürfnis gefolgt sein, die Welt zu erklären. So dachte ich jedenfalls.
Ich sah mich bei einem Naturvolk, von dessen Sprache ich kein Wort verstand und es dennoch kennen und verstehen lernte, ohne eine Vorstellung zu haben, wie das funktionieren sollte. Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich zurück musste zum Ursprung. Ich benötigte einen Lokalaugenschein bei den Anfängen der Menschen-Sprache. Aber wie das gehen sollte, wusste ich noch weniger. Der Weg zurück war nicht nur versperrt. Es gab ihn nicht. Genauer gesagt war er nicht einmal denkbar. Sprachen kamen und gingen und die meisten von ihnen hinterließen schon deshalb keine Spuren, weil sie keine Schrift kannten. Und Wörter waren Muster aus Schallwellen, die im Wind verschwanden. Gesprochene Sprache war deformierte Luft. Davon blieb nichts als Luft. Da gab es nichts auszugraben, von dem man rückschließen konnte.
Na, viel Glück, dachte ich in der Morgendämmerung auf der Straße stehend. Ich schüttelte den Kopf. Entschuldige, fragte ich mich, bitte um Verzeihung, Herr Ober-Reporter, wo geht es hier zurück zum Ursprung der Sprache? Gehst du da vorne an der Ecke links oder rechts?
Es wäre untertrieben zu sagen, ich sei vor dem Nichts gestanden. Einmal verschwundene Sprachen waren so verschwunden, dass sie eigentlich nie existiert hatten. Nicht nur die Sprache als solche war Vergangenheit, auch ihre Geschichte hatte sich aufgelöst und selbst die Erinnerung an ihre Geschichte war verloren, weil auch Erinnerung nichts als gespeicherte Sprache war. Ich stand vor einer Sprach-Vergangenheit, die selbst nicht mehr existierte. Wie sollte ich rekonstruieren, was früher war, noch vor meiner eigenen Sprache? Abertausende von ihnen waren gekommen und gegangen. Sie verzweigten sich wie die Äste einer Baumkrone, hielten einige Jahrhunderte, veränderten sich und ihre Benutzer und verschwanden wieder. Sie starben ab und hinterließen keine Hinweise auf ihre Existenz. Sogar die meisten Sprachen der Gegenwart kannten übrigens keine Schrift und verschwanden eine nach der anderen mit ihren Sprechern noch spurloser als die Sprecher. Wo sollte ich also in der Vergangenheit einen Fehler finden, wenn es das Umfeld selbst nicht mehr gab, in dem er passierte?
Ich ging nach rechts. Hinunter zum Schwedenplatz und über die Brücke auf die andere Seite des Donaukanals, wo ich mein Fahrzeug geparkt hatte. Ich nahm den Strafzettel nicht von der Windschutzscheibe, er würde von selber verschwinden, sobald ich den Scheibenwischer einschaltete. Denn es begann wieder leicht zu regnen.
4
Ich startete den Wagen nicht. Ich griff nach dem Hebel rechts am Sitz, legte mich mit der Rückenlehne flach und schlief sofort ein. Ich träumte und der Traum war von großer Klarheit und Lautstärke. Da war ein junger Niederösterreicher, den ich aus dem wirklichen Leben kannte, ich meine, kennen ist ein bisschen viel gesagt, ich hatte ihn nur einmal getroffen, als ich ihn vor Jahren in einem Gefängnis in Bangkok besuchte, das man Bangkok Hilton nannte, um über ihn zu berichten. Ich schrieb eine Serie über im Ausland inhaftierte Österreicher, die auf der ganzen Welt verstreut mit ihren geplatzten Träumen im Gefängnis saßen. Der noch kindlich wirkende Niederösterreicher war bei der versuchten Einreise von Laos nach Thailand mit einem Kilo Heroin festgenommen und zu hundert Jahren Haft verurteilt worden. Als ich ihn besuchte, hatte er sieben Jahre abgesessen und der thailändische König hatte seine Strafe im Zuge einer Amnestie halbiert. Er hatte also noch dreiundvierzig Jahre zu sitzen und weil er aus einer Familie stammte, die sich seit seiner Kindheit nie um ihn gekümmert hatte und er von ihr also nichts, nicht einmal einen Brief, erwarten durfte und auch sonst niemanden in seiner Heimat hatte, er also wirklich allein war, hielt er sich mit der Vorfreude am Leben, mit den Jahren einer der einflussreicheren Langzeithäftlinge zu werden und in den Genuss eines Privilegs zu kommen, das nur solchen Häftlingen vorbehalten war: eine ein bis zwei Quadratmeter große Bodenfläche im Gefängnishof bebauen zu dürfen und eines Tages seine eigenen Tomaten zu ernten. In meinem Traum tauchte er nun als Richter auf.
Er thronte inmitten der Beisitzer wie auf einer Kanzel im Hintergrund, vor der sich ein Meer befand. Eine Wasserfläche jedenfalls, über die man zum Gericht hin blickte. Gerichtsdiener trugen Akten herein und entfernten sich wieder. Einzelne Mitglieder des Senates besprachen sich stehend, andere hatten bereits Platz genommen. Da bemerkte ich erst, wer es war, der über die Wasserfläche hin auf das Gericht blickte: Ich selbst. Ich war es, der hier vor Gericht stand. Und ich realisierte, dass ich weit, weit weg von Zuhause in einem Traum aufgewacht war, der kein Traum war, sondern Wirklichkeit, die nicht weg ging, auch wenn ich noch so oft weg- und wieder hinschaute. Ich presste die Augen zusammen und öffnete sie wieder, um mich in der heilen Welt meines Schlafzimmers wiederzufinden. Doch ich stand vor Gericht. Die Beisitzer sprachen miteinander. Sie schienen Formelles abzuklären. Dann wendeten sie sich mir zu, aber ich verstand kein Wort. Ich folgerte aus der Situation, dass ich der Angeklagte sein musste und mein Gefühl des unbeteiligten Zaungastes verschwand. Ich stand im Zentrum des Geschehens, aber mehr verstand ich nicht. Ihre Sprache klang hart und abgehackt. Völlig gefühllos, weder kalt noch warm und ohne merkliche Betonung oder Farbe wurde sie silbenweise ausgestoßen wie trocken knackendes Gebell. Sie war voll mit Lauten, die aus zusammengepressten Lippen hervorbrachen oder von einer krachenden Kehle her über den Gaumen rollten, bevor sie von einer schnalzenden Zunge abgeschossen wurden.
Es wurde gegen mich in einer Sprache verhandelt, von der ich nicht ein einziges Wort verstand. Alles andere lief so ab, wie ich es von Gerichtsprozessen kannte. Der Richter verlas stehend etwas, warf immer wieder den weiten Ärmel seines Talars zur Seite, der immer wieder zurückrutschte und sein Dokument halb verdeckte. Sein Oberkörper neigte sich ein wenig seitwärts und er las sehr schnell, als gebe es ohnehin keine Widerrede. Er strahlte die Souveränität und Entschlossenheit eines unnahbaren Regimes aus, das alle Rechte hatte und gegen mich vorging. Der Richter hielt inne und blickte auf. Eine sehr übergewichtige Person in ziviler Kleidung hatte sich von einer Sitzreihe zur Linken des Gerichtes erhoben und sagte zwei, drei kurze, unbeteiligte Sätze. Dann hob er die Hand zum Zeichen seiner Bitte um Geduld und blätterte mit der anderen Hand in seinen Unterlagen, ohne die erhobene wieder runterzunehmen. Dann zog er ein Blatt aus dem Aktenberg, hob es präsentierend hoch und kommentierte es mit einigen Knacklauten. Der Richter durchwühlte mit schnellen Bewegungen einen seiner Ordner, schien nichts zu finden und blickte wieder den Übergewichtigen an, der nun mich anschaute, während er ein kehliges Schleifgeräusch ausstieß, das mit einem abgewürgten Stöhnen endete. Ich entnahm seinen Lauten nicht einmal, ob es eine Frage oder eine Mitteilung war. Er wartete zwei Augenblicke und als von mir nichts zurückkam, wandte er sich gleichmütig wieder an den Vorsitzenden und nickte. Alles schien vorbereitet. Aber ich wusste nicht, was. Das einzige, was ich zu verstehen dachte, war das Nicken des Übergewichtigen, das wohl ein Ja bedeuten musste, obwohl nicht einmal das gesichert war, denn die Inder etwa schüttelten den Kopf, wenn sie etwas bejahten. Der Übergewichtige sah jedenfalls aus wie ein Verteidiger, vielleicht mein Pflichtverteidiger, der etwas bejaht hatte. Sonst wusste ich nichts. Ich wusste nicht, was man mir vorwarf, nicht einmal, ob man mir überhaupt etwas vorwarf. Sicher schien nur, dass es ein Strafgericht war, aber nicht einmal dafür hatte ich eine Bestätigung. Theoretisch konnte es auch ein Verfahren zur Gewährung eines lebenslangen Luxusurlaubes sein, aber dagegen sprachen die schwer bewaffneten Justizbeamten, die bewegungslos links und rechts neben mir standen und mit dem Kinn auf den Richtersenat zeigten. Sie erstickten meine Fluchtgedanken im Keim. Ich nickte Kontakt aufnehmend und einladend in Richtung des Gerichts. Ich bot gestisch meine volle Kooperation an. Vielleicht hatten sie ja recht. Das konnte man besprechen. Ich hatte nicht vor zu lügen und so hätte man vielleicht das Prozedere abkürzen können und Klarheit schaffen und Ordnung, was vermutlich alle wollten, auch ich, ich sicher, vielleicht noch mehr als sie. Außerdem, wer war schon frei von Schuld? Und ich, ganz offen gesagt, fühlte mich auch nicht schuldlos. Natürlich waren Fehler passiert, das wollte ich nicht bestreiten, es wäre ja unsinnig und unglaubwürdig und vielleicht strafverschärfend, jeder hat Verbrechen begangen, zumindest an der Demut, an der Aufrichtigkeit und Unterwürfigkeit, wenn schon nicht an Leib und Leben.
Der Lauf der Verhandlung rollte über mich hinweg, als wäre ich nicht da, als würde in meiner Abwesenheit gegen mich verhandelt. Ich versuchte zu sprechen, aber da kam kein Laut aus meinem Mund. Ich wollte dem Gericht bedeuten, ja, ok, ist ja gut, ich komme euch entgegen, man muss mich gar nicht zwingen, ich sträube mich nicht. Ich spürte das Verlangen, meiner Schuld einen Grund zu geben, dieses diffuse Gefühl des Schlechtseins, das sich in mir breitmachte, mit einem konkreten Vorwurf zu identifizieren und bereubar zu machen. So bat ich mit den Augen um Bestätigung meiner Schuld. Aber niemand achtete auf meine geblickte Aussage. Ich war bereit, mich schuldig zu bekennen, aber man hatte mich nicht gefragt. Ich wollte ein volles Geständnis ablegen, aber welche Sache betreffend? Oder einen Gegenbeweis antreten, aber wovon? Ich wollte schuldig sein, doch konnte ich es nicht, weil ich nichts verstand. Ich verstand diese Sprache nicht und ich hatte diese melodielosen Geräuschketten noch nie gehört. Aber sie schienen ausschließlich aus Konsonanten zu bestehen. Es war wie unter Wasser, es war, als würde ich nun doch nicht an einem Ufer stehen und über das Wasser hinweg zur Kanzel blicken, sondern unter Wasser sein, ohne Luftraum, durch den sich Laute hätten bewegen können.
Da sah ich den Gerichtsschreiber. Er saß zur Rechten des niederösterreichischen Vorsitzenden aus dem Bangkok Hilton und blickte nun auf. Ich wunderte mich, ihn bis dahin nicht wahrgenommen zu haben, denn schon sein Aussehen wirkte, als käme er aus einer gänzlich unbekannten Kultur. Seine lange, gebogene Nase erinnerte an einen Schnabel, seine Augen waren außergewöhnlich groß und außergewöhnlich schwarz und sein kommentarloser Blick war klar wie Gebirgsluft. Er musste einer hierarchischen Ebene entstammen, die Dimensionen drüberstand. Er, und nur er, war hier der wahre Vorsitzende, auch, wenn er wie ein Besucher wirkte. Und dann erkannte ich ihn: Tehut. Es war Tehut. Der Erfinder der Schrift. Der Protokollchef des Totengerichts. Tehut, der Schreiber.
Da klopfte es. Ich öffnete die Augen und sah das gequält lächelnde Gesicht eines alten rumänischen Bettlers, der mir durch die verschmierte Windschutzscheibe zunickte und die Hand aufhielt. Die Sonne stand schon hoch und im Wagen war es heiß geworden. Mein Kopf steckte unter einer schmerzenden Trockenhaube. Mir war übel, Schweiß verklebte mich von oben bis unten und ich war erleichtert, in Wien zu sein und angebettelt zu werden. Ich öffnete die Wagentür. Die kühlende Luft auf meinem nassen Körper fühlte sich an, als würde ich Wasser aus dem Paradies trinken.
Mein Traum befand sich noch in der Nähe und hallte nach. Erinnerungsgefühle aus einer fremdartigen Tiefe wehten herauf und ich spürte eine vergessene Vertrautheit, wie ein Wiedersehen mit meinen entferntesten Augenblicken, die weiter weg waren als ich jemals gewesen war und möglicherweise selbst aus Träumen stammten. Ich schleppte mich hinunter zum Donaukanal und ließ mich im Schatten nieder. Es stank nach Urin, duftete nach Lindenblüten und roch nach den fauligen Dieselabgasen der Fähre, die Richtung Bratislava abgelegt hatte und mit winkenden Urlaubern an Deck lautlos vorbeizog. Die bunten Graffitis an den Ufermauern verschwammen, wenn sie nicht schon verschwommen waren. Ich war zufrieden, als wäre ich durch ein Ziel gegangen. Aber ich wollte nur noch kotzen. Da sah ich, dass der Bettler noch da war und mir eine Flasche Wasser unter die Nase hielt. Ich trank und dann kam ein dicker, gelblicher, verklumpter Strahl aus meinem Mund wie aus einem Abwasserrohr. Alles wurde leichter. Und der Bettler lachte begeistert mit zahnlosem Mund und kindlich glänzenden Augen.
War ich aufgewacht, obwohl die Verhandlung weiterlaufen sollte? Hatte der Bettler bewirkt, dass das Verfahren vertagt wurde, um in der Zukunft weitergeführt zu werden? Oder erinnerte ich mich nicht mehr an alles und es war auch zu einem Urteil gekommen? Hatte man mich verurteilt? Es dürstete mich nach Gewissheit wie nach Wasser. Ich hoffte, verurteilt worden zu sein, ich hatte Lust, verurteilt worden zu sein und ich wollte es wissen. Vor allem die Urteilsbegründung hätte mich interessiert. Mehr noch als das Strafausmaß. Fast wäre ich gern verurteilt gewesen, nur um zu erfahren, wofür und zu was. Dieses Gericht schien viel über mich zu wissen, sehr viel. Und ich wollte es auch erfahren. Aber es gelang mir nicht, weitere Bilder des Traumes auszugraben. Sie entfernten sich, verloren ihre Lautstärke und Fragwürdigkeit. Nur das Gefühl tiefer, alter Verwandtschaft blieb noch lange und wurde nur langsam schwächer. Ich fuhr in meine Wohnung und fiel ins Bett.
5
Als ich am späten Nachmittag erwachte, dachte ich, das Piepsen meines Mobiltelefons gehört zu haben, das den Eingang einer Nachricht meldete, vergaß es aber gleich wieder. Ich fühlte mich entleert. Mein Magen war sauer und mein Genick so verspannt, dass der Schmerz auf beide Schultern ausstrahlte, besonders auf die linke, wo er bis zum Ellbogen durchstach. Meine Wohnung lag in einem fremden Dämmer und in meinem Kopf lärmte eine Großbaustelle. Die Aufgewühltheit, die der Traum hinterlassen hatte, war abgezogen und hatte einer schuldbeladenen Leere Platz gemacht, einer seelischen Übelkeit, die das Halbdunkel meiner Wohnung noch tiefer machte. Mir war, als triebe ich nächtens allein auf hoher See, wogenden, schwarzen Bergen aus Wasser ausgeliefert, und ich wünschte mich zurück in die Harmlosigkeit meiner kleinen Welt. Ich wollte auf die heranrollenden Wasserberge einreden und spürte die Abwegigkeit dieser Idee. Die hohe See hörte kein bisschen zu. Sie trieb keinen Handel und sie machte sich nichts aus kleinen Lungenatmern, sondern ersäufte alles, was keine Kiemen hatte. Der Bettler hatte mich aus der Verhandlung geholt, noch bevor sie zu Ende war. Ich hatte mich an der Kippe gesehen, von dem Regime aus dem Verkehr gezogen zu werden. Mir war bewusst geworden, dass das jederzeit passieren konnte.
Ich kochte Kaffee, schluckte Tabletten, setzte mich an den Schreibtisch und begann, in den Archiven internationaler Zeitungen und einiger Universitäten nach Beiträgen zum Thema »Sprache« zu suchen. Ich überflog, las quer, tauchte da und dort tiefer, ließ wieder ab und ging weiter. In keinem einzigen dieser Texte klang auch nur entfernt etwas an, das in meine Richtung deutete. Nirgendwo war die Rede von einem Kommunikationsproblem, das vom System ausging. Der Tenor lautete: Die Sprache ist ein rätselhaftes Wunderwerk, ein Geheimnis. Sie schenkt uns die Kommunikation und nicht ein Kommunikationsproblem.
Obwohl ich längst wusste, dass ich an eines der ganz großen Themen geraten war, sah ich erst jetzt, wie gewaltig riesig es wirklich war. Es reichte bis an den Horizont und ging daher vermutlich auch darüber hinaus. Alle Protagonisten des Denkens, Forschens und Schaffens sämtlicher Epochen und aller Kulturen vom Altertum bis herauf in die Gegenwart äußerten sich über die Sprache. Sprache ist … begannen sie alle und dann folgte etwas Hellsichtiges, Ergreifendes, sprachlich Virtuoses, nachdenklich, malerisch, angestrengt, wütend, kategorisch, tastend, resignierend, originell, leidend, bohrend, anbetend, verdammend, verstiegen. Tausende Jahre lang hatten sie ihre Gedanken über das ungreifbare Phänomen aufgetürmt, immer höher und höher. Je mehr darüber gesagt wurde, desto größer war das Thema geworden. Das reichte von den Sehern des indischen Altertums, den persischen und äthiopischen Welterklärern, den Intelligenzbestien des alten Athen, den esoterischen Deutern des Mittelalters, sämtlichen Philosophen, Dichtern und Künstlern bis herauf zu den Empirikern der jüngsten Jahrhunderte und schließlich den modernen Linguisten, Kunstschaffenden und Schreibern der Gegenwart. Alle erklärten, was sie dachten, dass Sprache war. Und alle hatten eines gemeinsam: Sie versuchten sprachlich in einen Bereich vorzudringen, wohin ihre Sprache nicht reichte. Alles, was sie tun konnten, war, mit schöner literarischer Kunstfertigkeit und beeindruckender philosophischer Kraft zu umschreiben, dass sie es nicht wussten. Und fast niemand ließ sich herab, genau das zu artikulieren. Einer schon: »Anatomieren magst du die Sprache, doch nur ihr Kadaver, Geist und Leben entschlüpft flüchtig dem groben Skalpell.« Ok, schön, dachte ich. Aber das brachte mich auch nicht weiter. Geist und Kadaver und Skalpell. Was sollte ich damit?
Ich wollte jetzt ja nicht die Sprachwissenschaften in ihrer Gesamtheit studieren, sondern machte mich mit der herkömmlichen Ahnungslosigkeit des Journalisten am Beginn seiner Recherche auf eine gezielte Suche nach Spuren meiner eigenen Gedanken. Doch ich fand nicht viel. Nur ein oder zwei der radikalsten Denker gaben Äußerungen von sich, in denen etwas durchklang, das bei mir anschlug. Nietzsche zertrümmerte die gesamte Sprachromantik mit wenigen Hieben: Die Sprache sei ein Instrument der Lüge und diene zur Vertuschung eigener Verwerfungen. Und einige Mystiker unterstellten, die Sprachenvielfalt diene zur Verhinderung von Kommunikation.
Aber wirklich sicher waren nur die Priester. Sie wussten es. Die Sprache war ein Geschenk Gottes und die Sprachverwirrung zu Babel eine Strafe desselben. Und so war das Thema das gesamte Mittelalter unter priesterlichem Verschluss geblieben, bis im späten achtzehnten Jahrhundert erste Mutmaßungen offen ausbrachen, die Sprache sei ein Werk des Menschen. Der Mensch selbst habe sie erfunden und entwickelt. Wahrscheinlich durch Nachahmung von Naturlauten in Verbindung mit körperlichen Zeichen und Gesten. Die Linguistik war geboren.
Ich versank in den Recherche-Unterlagen. Nach drei Tagen war ich eingeraucht mit Sprachgeschichte. In meinem Kopf drehten sich Satzfetzen, die sich selbstständig gemacht hatten. Am frühen Morgen nach der dritten Nacht, ich war halb wach und hörte die Vorgänge in meinem Hirn mit großer Lautstärke, da fügten sich einzelne herumschwirrende Brocken zu einer sauberen Ordnung und ergaben plötzlich ein Bild, das ich zu erkennen glaubte. Ich dachte den Grund für die Angst der Priester zu sehen und ich sah die Gefahr, die es für sie bedeutete, wenn ihnen Fragen nach der geheimnisvollen Macht der Laut-Kombinationen gestellt wurden. Mir leuchtete ein, wie sehr die Menschwerdung selbst, jawohl, die Menschwerdung und nichts Geringeres als die Menschwerdung, mit der Aneignung von Sprache einherging. Was Sprache konnte, lief darauf hinaus, dem Gott der Priester die Erschaffungskompetenz zu entziehen.
Schon klar, nicht alles, was es gab, war auch nachweisbar, aber alles, was nachweisbar war, gab es auch wirklich. Und sie, die Sprache, war es nun einmal nachweislich gewesen, die im Hirn des Menschen eine Kette neuer Fähigkeiten aktiviert hatte, die ihn, den Menschen, allen anderen Wesen der Natur so konkurrenzlos überlegen macht. Diese Kettenreaktion war die Mutter aller Kettenreaktionen und sie war eine Nebenwirkung der Sprache.
Eine Faust schlug gegen meine Wohnungstür. Ich stieg aus dem Bett. Der Gasmann begehrte Einlass, als hätte er einen Durchsuchungsbefehl. Ich hatte die vorgeschriebenen Wartungsarbeiten an der Gastherme nie durchführen lassen, musste nun glaubhaft lügen und war dankbar, dass die Sprache vorsätzliche Unwahrheiten zuließ. Furchtbar die Vorstellung von einer Sprache, die wie ein Geheimdienst in meinem Kopf saß und mich daran hinderte, mich zu verstecken. Aber dann griff ich zur noch einfacheren Lösung. Ich öffnete nicht.
Ich hatte wirklich zu tun. So war das also mit der Sprache, dachte ich. Hochinteressant. Was von all dem Gelesenen am besten ineinander passte, machte ich zu meiner Meinung. Ich trank kalten Kaffee. Ich kratzte in Tomatensauce eingetrocknete Nudelreste vom Rand der Pfanne. Ich starrte aus dem Fenster.
Meine Recherche bekam Eigendynamik. Eines ergab das andere und so hantelte ich mich immer weiter in einen Stoff hinein, in dem es wie in einem Schlund immer tiefer nach unten ging und ich bald das Gefühl bekam, selbst verschluckt zu werden. Ich telefonierte drauf los, fixierte Gesprächstermine, hinterließ Nachrichten, ersuchte um Rückrufe, verschickte Mails mit allgemeinen Fragen, bat um Interviewtermine oder um Hinweise auf mögliche Gesprächspartner. In einer der Zeitungsgeschichten, auf die ich gestoßen war, fiel mir die Sprachhistorikerin Michaela Halbmond auf, weil sie aus Wien stammte und mit dabei gewesen war, als man in den Achzigerjahren in Westafrika eine unbekannte Sprache entdeckt hatte. Eine Sprach-Entdeckerin also. Gleich hier um die Ecke. Am Institut für Linguistik fand sich jemand, der mir ihre Telefonnummer verriet. Ich wählte sie. Besetzt.
Sprachentdeckungen waren mehr als selten geworden. Die junge empirische Wissenschaft hatte innerhalb eines Jahrhunderts alles fast restlos wegentdeckt. Sie registrierte Abertausende lebende Sprachen, verglich und katalogisierte sie, definierte ihre baulichen Strukturen und gliederte sie über grammatische, semantische oder lexikalische Ähnlichkeiten in Familien, Gruppen und Untergruppen und entschied, ob ein Einfluss etwa balto-slavisch oder vielleicht indo-iranisch war.
Ich wählte die Nummer von Michaela Halbmond. Es war besetzt. Ich schrieb an Noam Chomsky, dann schrieb ich an Salikoko Mufwene. Als ich auf Senden drückte, läutete mein Telefon und einer jener Sprachexperten im weitesten Sinn, die ich anfangs nicht erreicht hatte, rief zurück.
Er war ein Geistlicher und ein besonderer Mensch. Seit vielen Jahren hatte er mich mit vertraulichen Informationen aus der Kirche versorgt, die sich bei Überprüfung stets auf Punkt und Beistrich bestätigten. Er war ein erbarmungsloser Kirchenkritiker, denn er wollte sich seine Kirche nicht von jenen nehmen lassen, die sie veruntreuten. Wenn er den Vatikan bloßstellte, kam das ganz ruhig und ohne Feindlichkeit daher, aber es rollte tonnenschwer über Rom hinweg. Akademisch sehr hoch gebildet und mit uralten griechischen und lateinischen Originaltexten belesen, hatte er sich von der realen Zeit so abgewendet, dass er im echten Leben seltsam deplatziert wirkte. Fast wollte man eine Persönlichkeitsstörung vermuten, wenn man nicht bemerkte, dass es seine ausgeprägt kindliche Unerfahrenheit war, die ihn so weltfremd machte. Er wirkte wie ein Untoter, wie das lebende Relikt eines Gelehrten aus einem vergangenen Jahrhundert. Auch seine Demut hatte etwas Kindliches und man spürte, dass dieser Mann sich eher verbrennen lassen würde, als seine Werte zu verraten. Er war ein faszinierender Pakt zwischen großem Wissen und tiefer Ahnungslosigkeit. Und er befand sich in einem weit fortgeschrittenen Stadium seiner Alkoholsucht.
Diesmal hatte ich ihn aus zwei Gründen angerufen. Zum einen wollte ich ihn bitten, mich mit einem ihm persönlich bekannten Priester in Kontakt zu bringen, der ausgebildeter Exorzist war. Einer, der mit der Kraft der Sprache gegen den Teufel vorging. Einer, der die Sprache direkt als Waffe einsetzte. Und das nicht etwa auf dem Niveau des Bundeskanzlers, der mit gebrochener Muttersprache einen weinerlichen Lügen-Wahlkampf führte. In der Praxis der rituellen Austreibung gottesfeindlicher Besessenheit ging es ein bisschen anders zu als in der SPÖ-Wahlkampfzentrale. Exorzismus war seit eh und je selbstverständlicher Teil der kirchlichen Realität gewesen und so hatte der Papst erst unlängst daran erinnert, dass jede Diözese über mindestens einen Exorzisten zu verfügen habe. Das Fach der Vertreibung böser Geister wurde in Rom gelehrt und es äußerte sich in der Praxis nicht immer in angstkreischenden Wahnsinnigen mit schwarzen Ringen um blutunterlaufene Augen, in denen der Teufel wütete, in Abscheu vor dem Kreuz, das ihm der Exorzist unter Gemurmel von Bannsprüchen entgegenhielt. Viel öfter waren die Eingriffe der religiösen Psychotherapie wenig spektakulär. Schon ein schlichtes Gebet um Heilung durch den Schöpfer war Exorzismus. Herr, sprich nur ein Wort, und meine Seele wird gesund. Das Wort, das gesund macht. Das frei macht von Schmerz. Das Wort als Kraft. Die Sprache des Herrn. Also: Die Sprache.
Zum anderen ging es mir diesmal auch um meinen Vertrauensmann selbst, denn dieser Mann verfügte über etwas sehr Erstaunliches, über das er auch offen reden hätte können. Er beherrschte sage und schreibe sechsundvierzig Sprachen. Er sprach fließend Latein und sogar ganz gut Aramäisch, die Sprache des Jesus von Nazareth. Aber das war noch gar nichts. Er sprach Kadugli, Bijago, Mbulungisch-Nalu, Senegambisch, Limba, Mansonaka, Kulere und Bantu aus der Niger-Kongo-Familie. Er konnte nilo-saharische Sprachen wie Kuliak, Gumuz, Kunama und Songay. Er beherrschte sino-tibetische, austronesische und altaische. Von seinen Lippen rollten Turksprachen wie Tschuwaschisch, Tofalarisch und Jakutisch. Mongolische wie Dagur oder Kalmückisch. Tungusische Sprachen wie Orochisch, Evenkisch oder Negidalisch. Aus irgendwelchen Winkeln und Ecken seines unheimlichen Gehirns fischte er malayo-polynesische Lautketten hervor, maduresische, jakunische, perakanische und semedonische. Er konnte Bima-Sumba. Er konnte Algonkin, Sprachen der Oto-Mangue-Gruppe wie Chibcha, Tupi, Quechua oder Irokesisch. Und Pidgin-Sprachen, diese verbogenen, verstümmelten Mischsprachen, die sich aus Kolonial- und Eingeborenen-Sprachen zusammensetzten und von den Folgegenerationen alter Sklaven gesprochen wurden. Er sprach Zwergsprachen, die von weniger als tausend Sprechern benutzt wurden und von denen noch kein normaler Mensch je etwas gehört hatte.
Ich lag am Bauch vor ihm. Mich faszinierten Sprachkenntnisse. Ich hatte davon geträumt, noch in diesem Leben fünf, sechs Sprachen zu beherrschen und schaffte es gerade einmal bis eindreiviertel plus Begrüßungsbrocken in dieser und jener. Dieser Mann hatte über Jahre unserer Bekanntschaft seine unglaublichen Kenntnisse mit keinem Wort erwähnt. Bis wir einmal gemeinsam im Park saßen, nachdem er mich angerufen hatte, weil er in der Bibliothek des Priesterseminars einen vierhundert Jahre alten Wälzer entdeckt hatte, den er mir zeigen wollte. Der Text war auf Mandarin und weil er so selbstverständlich vorlas und übersetzte, fragte ich nach.
Wir saßen damals lange. Er erzählte von Killersprachen wie Englisch, Russisch oder Französisch, die kleine Lokalsprachen infiltrierten, infizierten und verdrängten wie eingeschlepptes Unkraut. Er redete über Kultur tragende Sprach-Großfamilien wie die afroasiatische, in der das Arabische eine junge Kultursprache war. Ganz jung waren auch Assyrisch und Babylonisch, denn die alten Formen dieser Großfamilie waren etwa das mesopotamische Akkadisch. Oder das Indoeuropäische mit seinen jungen, modernen Entwicklungsstufen wie Griechisch und Latein.
Nun also hatte er am Festnetz zurückgerufen. Ich hob ab, erklärte kurz angebunden, ich würde mich gleich wieder melden, denn auch das Mobiltelefon läutete. Aber jedes Mal, wenn ich ein Telefon auflegte, läutete schon das andere und so vergaß ich, ihn zurückzurufen. Und das war es dann. Zwei Tage später starb mein klerikaler Freund am Blut einer geplatzten Ader seiner Speiseröhre, das seine Lungen überschwemmt hatte.
Michaela Halbmond hob ab. Sie war ein Glücksfall. Erstens hatte sie eine ruhige, angenehme Stimme, zweitens war sie freundlich und offen, drittens war sie gerade in Wien und viertens wollte sie am Abend des nächsten Tages an einer Buchpräsentation teilnehmen, bei der zahlreiche Linguisten verschiedener Fachrichtungen anwesend sein würden. Sie bot mir an, sich mit mir dort zu treffen. Zwei emeritierte Professoren hatten gemeinsam mit einem jüngeren Kollegen ein Sachbuch über historische Sprachverbreitung mit dem Titel »Die Balkan-Route« geschrieben. Im Zentrum der Ausführungen stand ein filmreifer Konflikt, den ich als inter-menschoid bezeichnen würde, wenn das geht. Es ging um das nachgewiesene Aufeinandertreffen einer Gruppe moderner Menschen mit einer Gruppe von Neandertalern im Gebiet des heutigen Israel, das vor vierzigtausend Jahren stattfand. Davon zeugen freigelegte Lagerplätze der beiden Menschenarten, die unweit voneinander entdeckt wurden. Als die neumodernen Kolonialisierer des Homo sapiens von Ostafrika her in das Gebiet kamen, waren die alten Neandertaler bereits seit 20.000 Jahren da und hatten etwas dagegen, dass Fremde, ja sogar Fremdartige, einfach in ihr Gebiet einflossen, um sich da breitzumachen. In der Kunst der politischen Kompromissfindung noch etwas entwicklungsfähig, kam es zu schweren Zusammenstößen und die Modernen mit der senkrechten Stirn zogen mit blutigen Schädeln ab. Sie gelangten, nunmehr von Wirtschafts- zu Kriegsflüchtlingen mutiert, über die Balkan-Halbinsel nach Europa.
Es gab nichts, dachte ich, was es nicht schon gegeben hätte und das tausend Mal früher, als man dachte. Das schien auch ein Motto für die Buch-Autoren gewesen zu sein, denn sie nannten viele Beispiele. Dass ein Herr Kolumbus Amerika entdeckt haben soll, entlarvten sie süffisant als Mythos einer eingebildeten Zivilisation, die das für den Anfang hielt, woran sie sich selbst erinnern konnte. Tatsächlich waren zwanzigtausend Jahre vorher ganz andere Typen über den Nordpol nach Amerika gegangen. Und die Herrschaften, die vor achttausend Jahren die indoeuropäische Sprache von Asien nach Europa brachten, waren keine Einwanderer, sondern Rückkehrer. Vor neunzigtausend Jahren waren sie aus Afrika gekommen und über Europa nach Asien gewandert. Als Zeugnisse hatten sie ihre Schädel zurückgelassen und ihre Beile, in die Erde gesenkt wie Proviant-Depots der Erinnerung, zur Wiederausgrabung in einer fernen Zukunft, als Beleg ihrer Rastlosigkeit, ihrer Suche nach Sicherheit und Sinn, die sie über die Horizonte hinaus lockte und keine Rückkehr kannte. Sie gebaren und starben unterwegs. Wandern war ein Urzustand. Allein ihre Reise von Afrika über Europa nach Indien dauerte zwanzigtausend Jahre, denn ihre auf dieser Route ausgegrabenen Schädel werden von West nach Ost stufenweise um zwanzigtausend Jahre jünger.
Aber auch sie waren lange nicht die Ersten. Eigentlich waren diese Leute fast schon Touristen, wenn man sie mit den wahren Pionieren verglich, die sich zwei Millionen Jahre davor auf den Weg nach Osten gemacht hatten. Das war der Erektus plus Anhang: ein wahrhaft uriger Entdecker. Er verfügte über keine konkrete innere Vorstellungswelt, einfach, weil er keine Sprache hatte, die differenziert genug war, abstraktes Denken zu ermöglichen. Seine Laute klangen absichtsvoll, doch verwaschen und unbeholfen. Dennoch war er der erfolgreichste Menschoide neben dem, der sich mit seiner komplexen Lautsprache zur Alleinherrschaft über die Natur aufschwingen und als einzige Menschen-Art überleben sollte. Der Erektus: unsentimental, allürenfrei, geradeaus. Er hätte mehr Erfolg verdient. Und wie bunt ginge es auf diesem Planeten zu, wäre er von mehreren Menschen-Arten bewohnt und nicht nur von einer einzigen in verschiedenen Farben.
Ein sehr gelungenes Buch, bei dessen Präsentation ich Michaela Halbmond kennenlernen sollte. Die Autoren hatten es geschafft, mich in ihre Geschichte zu entführen und den Erektus als Angehörigen wahrzunehmen. Ich mochte ihn. Ich sympathisierte mit dem Vormenschen. Das waren noch Typen, tausend Mal authentischer als der urigste Alt-Bauer. Das waren Echtfleisch-Menschen, die das systematische Überleben erfunden haben. Sie haben das Wissen dafür gegen zahllose ihrer Leben eingetauscht, haben sich jede Kleinigkeit an Wissenszuwachs erstorben. Die Erkenntnis, was ein Risiko ist, entwuchs einem Teppich aus Todesopfern.
6
Im Palais Ferstel glitzerten die Luster und eine gedämpft murmelnde Geräuschwolke lag über den gut zweihundert Besuchern, die in kleinen Gruppen standen oder damit begannen, ihre Plätze einzunehmen. Manche hatten das Buch unter den Arm geklemmt, andere steckten gerade ihre Einladung weg und hoben grüßend die Hand, weil sie einen Bekannten entdeckt hatten. Das Podest mit einem Tisch und drei Sesseln stand noch menschenleer im Halbdunkel. Ich erkannte Michaela Halbmond von den Zeitungsfotos. Sie stand plaudernd in einer Gruppe aus vier, fünf Personen und nickte lebhaft. Als ich mich näherte und ihr Blick auf mich fiel, schien auch sie mich zu erkennen, vielleicht, weil ich so unlinguistisch aussah, oder eben wie ein Journalist, der überall auftauchte, aber nirgendwo dazugehörte und diesen typisch routinierten Fremdkörper abgab, der sich nun auf sie zubewegte.
Da stand sie nun. Und das Überraschende war, dass ihr Aussehen gar nicht so unpassend zu ihrer Telefonstimme war. Eine lange, silbrig glänzende Mähne fiel auf einen schwarzen Blazer, sie trug enge Jeans, einen safrangelben Schal aus Kaschmir-Seide und ihr Lächeln verriet eine Ausgeglichenheit, die nur von einem Wesen stammen konnte, das das Leben allgemein nicht als Niederlage zu empfinden gelernt hatte. Es war zeitlich schon knapp. Während wir uns die Hände reichten und begrüßten, ging vorne am Podium das Licht an, das Gemurmel im Saal erstarb und die Moderatorin begann mit der Begrüßung. Michaela Halbmond hatte zwei Plätze reserviert, gab mir ein Zeichen mit dem Zeigefinger und nickte einladend, während vorne die Präsentation begann und die Autoren unter rauschendem Applaus auf die Bühne gebeten wurden. Wir waren nicht einmal dazu gekommen, ein bisschen zu plaudern und nun saßen wir nebeneinander und neigten manchmal unsere Köpfe zueinander, um uns etwas zuzuflüstern und still zu nicken. Ich fragte sie, ob sie denke, dass Hans Reich anwesend sei, doch sie zuckte verneinend mit dem Kopf und bog ihre Mundwinkel nach unten, als würde sie sagen »kenn ich nicht«. Dann hielt sie mir die Einladung zur Präsentation hin, zeigte auf den Namen eines der Mitautoren und flüsterte nickend: »Bei dem habe ich studiert.« Dann blickte sie wieder nach vorn und streckte ihren Zeigefinger Richtung Bühne, um meiner Aufmerksamkeit ihren Platz zu weisen. Während die Moderatorin das Buch mit einer verschachtelten Huldigung vorstellte, an der sie viel zu lange herumredigiert hatte, richteten sich noch immer Blicke von da und dort aus dem Publikum auf Michaela Halbmond.
Sie war Spezialistin für Niger-Kongo-Sprachen, eine der größten Sprachfamilien überhaupt, und sie selbst beherrschte neben den Weltsprachen mindestens fünf zur Familie gehörende Sprachen gut, drei davon, Swahili, die Bantu-Sprache Lingala und Bambara, das in Mali gesprochen wurde, fließend. Sie war in einem Team aus französischen, amerikanischen und afrikanischen Sprachforschern gewesen, das im westafrikanischen Mali das bislang unbekannte Jowulu entdeckte. Die Meldung ging weltweit durch die Medien und beförderte die Teammitglieder auf den Olymp der Linguistik. Eine neue Sprache zu entdecken konnte man auch heutzutage nicht gänzlich ausschließen, etwa in Gegenden wie dem Kongobecken, dem südindischen Hochland, dem Amazonasgebiet oder irgendwo in der Inselwelt Papuas. Doch war es eine extreme Seltenheit geworden und daher in der Welt der Sprachwissenschaft eine echte Sensation. Mitten in dieser zu Ende explorierten Welt hatte man nun Jowulu entdeckt, das in der Region Sikasso an der Grenze zu Burkina Faso von kaum zehntausend Menschen gesprochen wurde. Michaela Halbmond und die anderen aus dem Team interviewten viele von ihnen, besonders jene wenigen, die auch Bamanankan oder Duungoma sprachen und als Dolmetscher dienen konnten. Manche Jowulu-Sprecher – wenige – konnten auch ein bisschen Französisch und die waren eine besondere Hilfe für die unentwegt sensibel und anerkennend lächelnden Linguisten, für die jede Lautäußerung der Einheimischen eine Attraktion war. Die Eingeborenen begegneten dieser unterwürfigen Achtung mit verständnisloser Höflichkeit. Die netten Fremden in den Khaki-Kleidern wollten jedes Wort drei Mal hören, sezierten es, schnitten es in Scheiben, hängten es zum Trocknen auf und betrachteten es Tag und Nacht ungläubig von allen Seiten.
Es bedurfte einiger Nächte der hitzigen Diskussion bei Gaslicht unter Zelt-Vordächern, um Auffassungsunterschiede in lexikostatistischen Fragen auszuräumen und mögliche Verwandtschaften zu anderen Lokalsprachen über das Ausmaß an phonetischen Ähnlichkeiten zu klären. Aber dann war alles entschieden: Jowulu war den Mande-Sprachen zuzuordnen, einem Zweig, der bis dahin 75 Einzelsprachen auf sich vereinigte. Jowulu wurde genauer gesagt zur vierzehnten und wohl letzten Sprache des Nord-West-Mande erklärt und damit der Niger-Kongo-Familie zugerechnet. Ganz so, wie alle anderen Mande-Sprachen derselben Familie zugeordnet worden waren, obwohl sie morphologisch kaum Ähnlichkeiten aufwiesen. Vor allem fehlten bestimmte für Niger-Kongo-Sprachen typische Substantiv-Kategorien. Macht nichts, sagten die Anhänger dieser Verwandtschaftsthese, die Mande-Sprachen hätten sich eben schon vor der Herausbildung dieser Substantiv-Kategorien von der Großfamilie abgespalten und wegentwickelt. Die Abspaltung habe vor siebentausend Jahren begonnen.
Mit derselben Sicherheit wurden diese behaupteten Zugehörigkeitsverhältnisse von anderen Meinungslagern belacht und ins Reich der Spinnereien glottogenesischer Egomanen verwiesen, die sich einbildeten zu wissen, wie vor siebentausend Jahren auf einem Kontinent gesprochen wurde, dessen Geschichte erst vor fünfhundert Jahren begonnen habe, schon deshalb, weil in Afrika dazu nicht viel auszugraben war und schon gar keine altertümlichen Bibliotheken, einfach, weil von Lehmhütten nach einigen Regenfällen nicht mehr übrig blieb als von verklungenen Wörtern.
Ich sah sie von der Seite an. Jeder aus dem Publikum schien sie zu kennen oder zu erkennen. Wenn sich ihre Blicke mit ihrem trafen, nickten sie anerkennend und lächelten. Sie war eine Berühmtheit, ein Star. Und sie war alles andere als eine glottogenesische Egomanin. Sie war ein erhobenes Wesen, das entspannt mit beiden Beinen am Boden stand, ein Wesen, das vom Leben nicht verwöhnt, sondern belohnt war und von etwas getragen, das es unabhängig machte, auch von seinem eigenen Erfolg und von all dem, was ihm diese große Anerkennung eingebracht hatte. Ihr offensichtliches Wohlbefinden, ihre natürliche Freundlichkeit, ihre innere Schönheit und diese ungespielte Bescheidenheit ließ die ihr entgegengebrachten Huldigungen wie charmante Irrtümer aussehen. Sie liebte ihren Beruf und ihre Kollegen, auch wenn sie Spinner waren. Das war alles.
Die Lesung war bald vorbei und während sich vor dem Autoren-Tisch eine kleine Warteschlange bildete, um Bücher signieren zu lassen, schlenderte Michela Halbmond mit mir im dünnen Geklirre von Sektflöten durch die Gegend und stellte mich einer Reihe von Kollegen vor, die für mich interessant sein konnten. Sie, Michaela Halbmond, war eine Hoheit. Von ihr mitgebracht und vorgestellt zu werden hatte protektionistische Sofortwirkung, obwohl die Leute nur sie sahen. Ich war etwas Besonderes, weil ich mit ihr sein durfte.
In einer Gruppe standen der Psycholinguist Herwig Prettner, ein deutscher Universitätslehrer, der nach einer Gastprofessur in Wien die Stadt nicht mehr verlassen wollte; der Sprachphilosoph Wendelin Pflug, ein zusammengesunkener Greis, der eben seine dicken Brenngläser von der Nase nahm und seine angestrengten Augen rieb. Unter seinem Sakko aus abgetragenem, feinem Tuch trug er einen viel zu dicken Pullover, über dessen Kragen der Knoten seiner Krawatte hervorlugte. Neben ihm beugte sich die Sprach-Historikerin (genauer gesagt Paleolinguistin) Elke Winter-Margulies vornüber und blinzelte über den Rand ihrer grellroten Brille. Und da war einer der Co- Autoren von »Die Balkan-Route«, Xaver Heidenreich, ein hochgewachsener jugendlicher Typ mit lachendem Gesicht und langen, schlanken Fingern. Auch er trug unter dem Sakko einen Pullover.
Ich gratulierte zur Wahl des Buchtitels und zum inhaltlichen Aufbau der Geschichte. So müsse man Wissenschaft in der Öffentlichkeit verkaufen, sagte ich. Bunt, spannend, möglichst un-lateinisch, aber dennoch exakt und seriös. So komme eine breitere Allgemeinheit in den Genuss dieser Inhalte. Bildung sei schließlich das universelle Zauberwort für praktisch alle globalen Probleme, im Besonderen natürlich für die Meinungsbildung von Wählern und damit für die politische Entwicklung.
Alle nickten. Heidenreich bedankte sich mit aufgehelltem Blick. Michaela Halbmond hob lächelnd den Zeigefinger und gab zu bedenken, wie hoch qualifiziert dieses ausführliche Lob sei, schließlich komme es von einem einschlägigen Profi des medialen Geschäfts.
Ich nickte, zwinkerte mit dem linken Auge und spielte den Ball zurück: Das mediale Geschäft sei ja immerhin die Wiege der politischen Hygiene.
Alle lächelten süffisant und Michaela übernahm den retournierten Ball erneut: »Ja, und nicht zu vergessen, dass man in der medialen Wiege auch die Kunst beherrscht, aus Hygiene Kosmetik zu machen und aus Sauberkeit Schönheit.«
Jetzt wurde das Gelächter so laut, dass andere Gäste ihre Köpfe drehten und vornehm schmunzelten. Der Ball lag wieder bei mir und ich wusste, dass ich jetzt vom Gas gehen musste, also sagte ich: »Sauber sein oder sauber aussehen – das ist die ewige Gretchen-Frage der Staatenlenker.«
Der Deutsche Prettner hob Einhalt gebietend die Hand und stimmte zu, dass die Wissenschaft heutzutage auch einen straffen Bildungsauftrag publizistischer Natur hätte, und also der Allgemeinheit gegenüber eine Pflicht zu erfüllen habe.
Elke Winter-Margulies hatte bisher nichts gesagt und kaum gelacht, sondern nur Michaela Halbmond und mich beobachtet. Ich sprach sie an: »Sie sind Paleolinguistin. Das ist ja ein schönes Wort.«
»Ja«, sagte sie gedehnt, »das habe ich am Anfang auch gedacht.«
»Aber es ist schon Wahnsinn«, sagte ich, »wieviel Wissen verloren geht, wenn Sprachen sterben und mit ihnen auch ihre Ideen verschwinden, ihre Erfahrungen, ihre Kulturen, alles einfach weg. Und sie stehen dann vor einem Totenschädel und müssen sich vorstellen, wie seine Aussprache geklungen haben könnte.«
Michaela Halbmond sagte nichts. Sie beobachtete die Reaktion ihrer Kollegin und wartete.
Elke Winter-Margulies hatte ihr studentisches Scheißdrauf-Gehabe beibehalten, das jetzt in ihren reiferen Jahren, wo sie zur etablierten Universitätslehrerin geworden war, etwas vulgär wirkte, aber immer noch suggerierte, dass man in das Establishment vordringen konnte, auch wenn man mit seiner ganzen Erscheinung dagegen demonstrierte. Dazu passte auch ihr gezogener Wiener Dialekt und sie redete mit weit geöffnetem Mund und einem Blubbern in der Kehle, als hätte sie den letzten Bissen noch nicht ganz verschluckt und bräuchte jetzt in dieser viel zu braven Nichtraucher-Gesellschaft endlich eine Zigarette. »Ja, ja, es gibt was Leichteres als Paleolinguistik«, sagte sie und ließ die Luft zwischen ihren geblähten Lippen entweichen, während sie mit dem Kopf wippte, »und nicht einmal die Totenschädel haben wir selbst ausgegraben, sondern die Archäologie.«
Sprachphilosoph Pflug stand leicht vornübergeneigt wie zu einer Verbeugung bereit, und nickte mitfühlend. »Herr Professor«, fragte ich ihn, »könnte man sagen, dass eine Sprache, wenn sie einmal verschwunden ist, gleichsam nie existiert hat? Oder ist das Gymnasiasten-Philosophie?«
Der Alte lächelte, als hätte ich versucht, ihm eine Falle zu stellen. Michaela Halbmond biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte mich mitgebracht, jetzt war sie für mich verantwortlich und nahm die Verantwortung mit dem Charme einer souveränen Gastgeberin.
Professor Pflug nickte. Meine Frage sei kein bisschen naiv, versicherte er. Vielleicht sah er sie als dümmliches Journalisten-Wortspiel, möglich aber auch, dass er an dem Gedanken irgendetwas zulässig fand. »Wenn wir alles wüssten, was wir schon wussten, wären wir deutlich gescheiter«, sagte er väterlich. Wenn man gar nichts in der Hand habe, gebe es auch nichts, was man als vergangen betrachten könne.
Da tauchte die geschäftige Marketing-Dame des Verlages auf und holte Co-Autor Heidenreich weg, um ihn Bücher signieren zu lassen, und das so forsch, dass der Mann sich nicht einmal verabschieden konnte und nur kurz die Hand hob. Ein Tablett mit zu zwei Dritteln gefüllten Sektgläsern schwebte vorbei, gefolgt von einem Tablett mit bunten Häppchen.
Michaela Halbmond war offenbar die Einzige, die verstanden hatte, worauf ich hinauswollte. »Es gibt keine Spuren, die zurückführen, das ist richtig« sagte sie in privatem Ton. »Fragen der Sprachentstehung verlieren sich im Dunkeln. Sprache gibt es seit hunderttausend Jahren, Schrift aber erst seit achttausend. Und da waren die Sprachen schon lange zu Ende entwickelt.«
Ich wusste, dass sie wusste, dass ich spürte, wie ansatzlos sie mich verstanden hatte. Sie überging diese Direktverbindung: »Es gibt viele Theorien, aber höchstens eine ist nicht falsch. Also beschäftigen wir uns lieber mit dem, was wir angreifen können. Wir nehmen die Sprache, heben sie gegen das Licht, drehen und wenden sie, wir zerpflücken alles, was wir zwischen die Finger bekommen, und zwar so lange, bis alle fast verrückt werden. Wir studieren die Konstruktionspläne, die Organisationsstrukturen, wir machen typologische Gliederungen, wir vergleichen alles mit allem und jedem, greifen uns an den Kopf, pressen unsere Lippen aufeinander und dann vergleichen wir weiter.«
Ich hing an ihren Lippen. »Ja«, sagte ich, »ich verstehe.« Ich setzte an, ihr ein bisschen zu erzählen, was ich in den Tagen davor gelesen hatte, da tauchte das Team einer Studenten-TV-Station auf, das über die Buchpräsentation berichten wollte und Michaela Halbmond entdeckt hatte. Sie baten um ein Interview. Ich wich zur Seite, um nicht in das Bild zu geraten, doch sie hielt mich am Unterarm zurück. Ich solle doch einfach dableiben. Während sich das Team in Stellung brachte und das Kameralicht anging, spielte ich den Halbmond-Pressesprecher, der seinen Star vor der Paparazzi-Meute beschützen musste: »Ich hoffe, ihr seid keine Fake-Journalisten«, maulte ich, »dass ihr mir ja nichts aus der Luft Gegriffenes oder aus dem Zusammenhang Gerissenes berichtet.« Während die auf Journalismus machenden Uni-Kids verunsichert waren, ob sie sich nun rechtfertigen mussten, grinste Elke Winter-Margulies schadenfroh und Michaela lächelte ihnen ermutigend zu. Im Interview parierte sie das Interesse an ihrer Person und lenkte es gekonnt auf die Buchautoren und deren Werk.
Als das Team abgezogen war, kam sie von selbst auf das Gespräch von vorhin zurück. Bezüglich Spuren in die Vergangenheit wolle sie ein interessantes Phänomen erwähnen, das bei abgelegenen Naturvölkern zu beobachten sei. Es betreffe den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken und weise tatsächlich Reste früherer Entwicklungsstadien der Sprache auf.
Ich nickte aufmerksam. Davon könnten besonders Journalisten etwas lernen, schmunzelte sie, denn diese Naturvölker weigerten sich, über Menschen und Dinge zu sprechen, die sie nicht persönlich kannten. Sie lehnten es ab, sich über etwas zu äußern, das sich außerhalb ihres eigenen Wahrnehmungsbereiches befand, auch, wenn es sich logisch ergab. »Also ein Beispiel«, sagte sie, »man stellt, sagen wir, einem kaukasischen Nomaden folgende Denkaufgabe: ›In Afrika sind alle Menschen schwarz. Nairobi ist eine Stadt in Afrika. Welche Hautfarbe haben die Einwohner Nairobis?‹ Die Antwort des Kaukasiers ist eindeutig: ›Dazu können wir nichts sagen. Wir waren noch nie in Nairobi.‹« Ich prustete viel zu laut los.
Ihre Augen glitzerten und sie gab ein weiteres Beispiel. »Frage: ›In Österreich essen alle liebend gern Wiener Schnitzel. Herr Bauer ist Österreicher. Welche kulinarischen Vorlieben hat Herr Bauer?‹ Antwort des kaukasischen Nomaden: ›Wir wissen nicht, was Herr Bauer am liebsten isst. Wir haben ihn noch nie getroffen.‹« Ich bog mich. Und sie blickte mich an, als hätte sie an meinem Lachen etwas erkannt.
Sie kam in Fahrt und holte eine weitere Geschichte hervor. Lustig sei auch, wie sich Unterschiede in der persönlichen Wahrnehmung von Farb-Eindrücken in verschiedenen Sprachen äußerten, sagte sie. Doch plötzlich, noch bevor sie mit ihrer Ausführung beginnen konnte, legten sich von hinten zwei Hände mit rot lackierten Nägeln auf ihre Augen und sie hielt inne. Sie drehte sie sich um. Ihre Augen blitzten. Sie riss ihre Arme hoch und im nächsten Augenblick lagen sich zwei Freundinnen wie kreischende Schulmädchen in den Armen, die sich ewig nicht gesehen hatten. Sie fassten sich gegenseitig an die Wangen, rissen die Augen und die Münder auf und schüttelten ungläubig die Köpfe. Florence. Université de Paris. Jowulu. Gemeinsame Abenteuer, gemeinsam Geschichte geschrieben. Plötzlich wiedervereint.
»Warte«, sagte Michaela zu ihr, »ich muss nur meinen Satz zu Ende sagen.« Sie lenkte die Aufmerksamkeit ihrer Freundin auf mich und stellte mich als befreundeten Journalisten vor. Florence lächelte subversiv und ihre Augen vermaßen mich offen von oben bis unten. Michaela hielt sie an der Hand, während sie zum Thema zurückkam: »Ah ja. Das ist lustig. Sprachen aus verschiedenen Kulturen verwenden höchst unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dieselbe Farbe, beziehungsweise verwenden sie gleiche Bezeichnungen für höchst unterschiedliche Farben. Wenn ein mexikanischer Indio azul sagt, dann meint er eine Farbe, die ein Europäer als tiefblau bezeichnen würde. Doch der Indio sagt auch azul, wenn der Europäer mittelgrün sagen würde. Und dieser Indio sagt zu sämtlichen Tönen zwischen tiefblau und mittelgrün dasselbe azul. Oder putzputz. Das bedeutet alles zwischen gelbgrün und orange. Sp`up `oko heißt gleichzeitig braun, blau und grün.« Die Bedeutung, die der sprechende Mensch den Wörtern gebe, sei von seiner persönlichen Wahrnehmung und Umgebung abhängig. Wahrnehmungen seien individuell und relativ. »Okay?«
Ich grinste und sagte »Okay«. Ich hatte mich vorhin schon am Riemen gerissen, um ihr nicht zu nahe zu treten, aber jetzt musste ich doch wieder Witze machen: »Der transkulturelle multilinguale Beziehungsstreit ist eine programmierte Sache«, sagte ich, »Schatz, wieso sagst du ständig gelb, wenn ich blau sage? Aber ich bitte dich, ist das nicht dasselbe in Grün?« Sie übersetzte für Florence und jetzt hielten sich beide die flache Hand vor den Mund und kicherten.
Ich nickte einem Kellner zu, der ein Tablett mit Sektgläsern durch den Raum balancierte und Ausschau nach geneigten Gästen hielt. Ich fragte die beiden Damen, ob sie denn Lust hätten, anzustoßen. Natürlich hatten sie. »Nur her mit dem Alkohol«, rief Florence. Ich griff nach Gläsern, reichte sie weiter, bedankte mich beim Kellner und erhob mein eigenes.
Die Zeit war verflogen. Der Saal hatte sich halb geleert, ohne dass ich es bemerkt hatte. Der Termin war an sein Ende gekommen und Michaela Halbmond hatte Besuch. Ich reichte ihr die Hand. »Das war ja eine nette Party«, sagte ich.
»Ja.«
»Wir sind gar nicht zum Reden gekommen.«
»Ja. Ich weiß.«
»Das müssen wir aber. Ich hab einen Haufen vermutlich hochgescheiter Fragen.«
Sie lächelte und nickte.
Ich verließ die Buchpräsentation. Ich ging über die breiten, unter einem roten Teppich liegenden Stufen hinunter ins Parterre. Rechts vom Ausgang saß Professor Pflug auf einem barocken Polstersessel und fingerte unbeholfen an seinem Mobiltelefon herum. Ich wollte dem Sprachphilosophen noch die Hand zum Abschied reichen, da zeigte er auf die Sitzbank neben sich und bedeutete mir, mich zu ihm zu setzen.
»Sie haben völlig recht«, sagte der alte Professor, als würde er erst jetzt, unter vier Augen, offen reden können, »aber es ist noch viel drastischer.«
Er steckte das Telefon unverrichteter Dinge weg, nahm sich die Brille von der Nase, rieb sich die Augen und setzte sie wieder auf. Er sagte: »Wir verstehen nicht nur das System Sprache nicht. Wir verstehen auch nichts, was mit ihr zusammenhängt. Wir verstehen nicht, woher sie kommt, wie sie entstanden ist, was sie will und kann und wie sie funktioniert. Weder verstehen wir, warum sie so plötzlich aufgetaucht ist, noch, warum sie in einer dermaßen großen Vielfalt aufgetaucht ist. Wir verstehen nichts. Nicht einmal, was Sprache im Grunde eigentlich ist. Und wir verstehen nicht, warum wir hier so gar nichts verstehen, wo wir doch ansonsten so viel verstehen, weil wir ja gar nicht so untalentiert sind.«
Ich schwieg. Das gehörte zu meinem Thema. »Wissen sie«, fuhr er fort, »unlängst habe ich versucht, ein Porträt über einen langjährigen Kollegen und alten Freund zu verfassen, für eine Publikation, die zu seinen Ehren herausgegeben wird. Ich bin kein Schreiber, aber Menschen zu porträtieren habe ich immer wieder gern einmal versucht, weil es für mich eine große Herausforderung war, die Unbegreiflichkeit dieses Wesens zwischen den Wörtern und zwischen den Zeilen zum Vorschein kommen zu lassen.«
Seine unter einem milchigen Film liegenden Augen blickten unscharf zur hohen Decke. »Doch wenn es darum geht, einen Menschen so zu beschreiben, dass er am Ende mehr ist als eine interessante Mischung aus Rätselhaftigkeiten und Widersprüchen, stellt sich die Frage, warum wir gerade das Nichtbegriffene an einem Menschen als wesenstypisch anerkennen.«
Er blickte wieder mich an: »Wir sehen den Menschen wie ein Foto-Negativ. Wir umgarnen die weißen Flächen mit Behauptungen, Indizien und Spekulationen. Mit Interpretationen, Unterstellungen und aus der Luft Gegriffenem. Wir versuchen alles, ihn zu greifen, um letztlich doch in resignierter Faszination vor dem Mysterium Mensch zurückzuweichen. Einer Faszination, die mit der eigenen Unbekanntheit einhergeht und dem Scheitern etwas Versöhnliches gibt. Nun: Was ist daran so schwierig, einen Menschen zu verstehen? Was macht diese Unbegreiflichkeit aus?«
Ich schwieg. Der Mann sprach mir aus der Seele. Alles, was er sagte, klang wie ein Vermächtnis, das er noch schnell übergeben musste.
»Schaut man sich unaufgeregt an, was dieser Mensch alles kann«, holte er aus, »betrachtet man seine Talente und sein Potenzial, dann wird diese gegenseitige Unbegreiflichkeit selbst zu einem Rätsel. Dieses Wesen Mensch verfügt über Fähigkeiten, die es zu einem unheimlichen Fremdkörper in der Natur gemacht haben. Es operiert mit einem Denkorgan, dessen gigantische Aktivitäten von absoluter Beispiellosigkeit sind. Gespeist von einem Netz unterschiedlichster Wahrnehmungs- und Überwachungssysteme, die in millionenfacher Gleichzeitigkeit alles und jedes an dieses seltsame Organ übermitteln, welches alles und jedes aufsaugt, abbildet, einstuft, vergleicht, speichert und es in Bereitschaft für einen Wiedereinsatz bringt, dessen Voraussichtlichkeit es schon berechnet hat. Einem Organ, das sich selbst ununterbrochen auf den neuesten Stand bringt und sein eigenes Potenzial immer weiter steigert.«
Pflug nahm sich mit einem schnellen Griff die Brille wieder von der Nase und richtete seinen Oberkörper ruckartig auf. »Nun frage ich«, sagte er, »was hindert den Besitzer und Benützer einer solchen Intelligenz-Fabrik daran, einen artverwandten Besitzer einer gleichen Intelligenz-Fabrik richtig zu begreifen? Was macht diesen Intelligenz-Fabrikanten so begriffsstutzig, dass er beim Erfassen eines ihm selbst sehr ähnlichen Fabrikanten-Kollegen aufgeben und auf armselige Ersatz-Etiketten ausweichen muss? Er muss ihn als tiefsinnig oder hintergründig bezeichnen, obwohl das Begriffe sind, die zwar Großes suggerieren, aber nichts aussagen, außer, dass man nichts verstanden hat? Was zwingt uns, den Menschen hilflos über seine weißen Flecken zu identifizieren und ihn letztlich als Rätsel hinzunehmen?«
Ich wusste die Antwort, aber ich sagte nichts. Ich wollte auf keinen Fall seinen Redefluss unterbrechen. Ich musste hören, wie das weiterging. An uns vorbei strömten Gäste, die die Buchpräsentation verließen. Manche verabschiedeten sich beim Professor mit einem Nicken oder einer erhobenen Hand. Michaela und Florence waren nicht dabei. Ich warf einen Blick die Stiege hinauf, aber sie waren nicht zu sehen. Sie mussten noch in diesem Festsaal sein. Ich konnte sie doch nicht beim Vorbeigehen übersehen haben.
Der Professor fuhr fort: »Da ist also dieser aufgerichtete Zweibeiner, der sich einmal auf die Hinterläufe gestellt hat, um ein Männchen zu machen und seither nie wieder aufgehört hat, Männchen zu machen, und wir durchschauen seine Männchenmacherei einfach nicht, obwohl wir selber die gleichen Männchen machen.«
»Wenn sie erlauben, habe ich dazu eine Frage«, sagte ich. »Könnte es sein, dass es nicht an unserer Intelligenz liegt, sondern daran, dass wir keine passenden Begriffe finden, den Menschen richtig zu fassen, ihn treffend zu verbegrifflichen? Könnte es nicht daran liegen, dass wir uns also einfach nicht »denken können« wie er ist und es daher an der misslingenden Versprachlichung unserer Eindrücke scheitert?«
Noch bevor der Professor antworten konnte, riss meine höfliche Zurückgenommenheit: »Wäre es nicht möglich, dass alles umgekehrt ist? Mir scheint, wir halten den Menschen für ein Mysterium, dabei ist nicht der Mensch das Mysterium, sondern seine Sprache. Nicht das Sein bestimmt das Bewusstsein, sondern die Sprache und nichts als die Sprache.«
Er wartete darauf, dass ich weiterredete. Nachdem ich einige Atemzüge geschwiegen hatte, sagte ich: »Ich habe da oben heute so manchen interessanten Menschen getroffen und alle sind auf einer glaubhaften Suche. Aber, wenn ich Ihnen als Laie mit meinen profanen Wortspielereien nicht zu nahe trete, Herr Professor, was suchen diese Forscher denn, wenn nicht passende Worte? Sie suchen eine Sprache für die Sprache. Und wäre es denn so unmöglich, dass das Problem weniger vom Forschungsgegenstand ausgeht als vielmehr vom Untersuchungsinstrument?«
Der Linguisten-Greis blickte verschwommen auf und lächelte ermunternd auf meine Jugend hin, als wollte er sagen, mach nur, lauf los, ich bin zu alt dafür. Und ich wollte in diesem Lächeln etwas wie Gerührtheit entdeckt haben. Möglich, dass ich mir das eingebildet habe. Er war ein kultivierter Mensch, der alles leben ließ und mit Höflichkeit bediente.
Draußen auf der Straße, als der Nachtwind durch meinen Kopf blies und die Bilder dieser Veranstaltung wie Laub aufwirbelte, beschloss ich, zu Fuß nach Hause zu gehen, obwohl die Strecke gut vier, fünf Kilometer betrug. Ich mochte diese Linguisten-Gesellschaft. Auch, aber eigentlich gerade weil sie mit so viel Ehrlichkeit im Dunklen tappte und das innere Wesen ihres Forschungsgegenstandes sich ihrem Zugriff so entschieden entzog. Sie befasste sich mit der Karosserie der Sprache, hatte ihre Motorhaube geöffnet und hantierte staunend an einem fremdartigen Triebwerk herum. Ein weltweites Heer von Fachleuten diskutierte frei zusammengebaute Thesen, deren Substanz sich darauf beschränkte, nicht widerlegbar zu sein. Zig Fachzweige waren entstanden, Zigtausende Bücher geschrieben und Tausende Lehrstühle weltweit eingerichtet worden. Abertausende Forscher hatten ihre Antennen ausgefahren. Doch eine Gesetzmäßigkeit, nach der Sprachen entstanden, sich entwickelten und wieder untergingen, war nicht zu erkennen. Also setzte sich die Meinung durch, es gäbe keine Gesetzmäßigkeit und alles passiere zufällig, chaotisch. Das Rätsel »Sprache« war so rätselhaft, dass die Fachwissenschaft nicht einmal wusste, wie und wonach sie eigentlich genau fragen sollte. Jede klare Antwort machte sich da verdächtig. Ich meine, Antworten gab es endlos viele. Doch nur von Fremddisziplinen, die für nichts verantwortlich waren, aber den Mund offen hatten. Was sie hervorbrachten, war meisterhaft aus der Luft Gegriffenes, virtuose Fantastereien. Schöne, vernebelte Luftschlösser. Da gab es viele großartig formulierte Aussagen aus hochintellektuellem Unverständnis. Manche wollten die Sprache in eingeschüchterte Reimchen-Poesie zwängen (»Ich fürchte mich so sehr vor der Menschen Wort«, der arme kleine, große Rilke). Ich meine, es gab schon auch Pragmatiker, die wussten, dass Sprache etwas mit Krieg und Frieden zu tun haben musste und sie arbeiteten an der Realisierung einer Utopie: Sie versuchten, eine Einheitssprache für die Menschheit zu konstruieren, gedacht für den Frieden der Welt, wie sie sagten, denn dass Gott die Menschen in so vielen verschiedenen Sprachen aneinander vorbeireden ließ, war keine schöne Vielfalt, sondern die reine Geißel. Aber niemand wollte die seelenlose Sprache vom Reißbrett sprechen. Sie hätte auch kaum die allgemeine Sprachverwirrung behoben, denn die Sprachverwirrung trat nicht nur zwischen verschiedenen Kultursprachen auf, sondern auch innerhalb ein und derselben. Jeder einzelne Mensch sprach seine eigene unübersetzbare Weltsprache, die nicht nur von allen anderen Sprachen verschieden war, sondern auch von denen anderer Menschen innerhalb derselben Sprache. Es gab nicht siebentausend Sprachen, sondern acht Milliarden.
Ich überquerte die Wienzeile und kam meiner Wohnung näher. In meinem zunehmend durchlüfteten Kopf klangen Sektgläser nach und Bilder von angeregt plaudernden Menschen flackerten wie in einem alten Stummfilm.
Mir war bewusst, dass mein Verdacht von der funktionsuntauglichen Sprache einigermaßen radikal war, hoch veränderungsschwanger und zu unruhig für eine konfliktscheue Gesellschaft, die dermaßen an Ordnung hing, dass sie sich auch mit einer Illusion von Ordnung zufrieden gab. Aber wenn ich recht hatte, stand die Welt Kopf. Und ich hatte recht. Die Welt stand Kopf. Zwei Tage später kam die Bestätigung.
7
Zwei Tage später: Ich saß hoch über dem Urban-Loritz-Platz, vor der Hauptbücherei, knapp unterhalb des Gipfels einer Pyramide aus weiten, steilen Steinstufen, die etwas Aztekisches hatte. Ich blickte hinunter auf den Platz, der in der Nachmittagssonne lag. Das weiche Glockengebimmel der eintreffenden Straßenbahn entstieg dem Donner des Straßenverkehrs wie akustische Seifenblasen.
Eine glückstrahlende Japanerin fragte, »sprichst du Deutsch?«, und ich nickte. Dann nickte auch sie. »Ist das die Stadtbücherei?«, fragte sie begeistert. »Ich glaube«, sagte ich, »ja. Hauptbücherei. Aber ob das dasselbe ist, weiß ich nicht.« Die Japanerin nickte hastig, ging aber nicht in die Bücherei, sondern trippelte die Stufen hinunter und ihr schwarzes, glattes Haar flatterte im Rhythmus ihrer Schritte. Wie auf der Flucht überquerte sie die Straße im Zickzack zwischen den sich zäh dahinwälzenden Autos und erreichte die bereits eingefahrene Straßenbahn im Augenblick, als sich ihre Türen öffneten. Da stieg Michaela Halbmond aus.
Sie wirkte frisch, fit, glücklich und attraktiv wie aus einem Werbespot, den man für einfach alles einsetzen konnte. Was immer man zu dieser Erscheinung einblendete, Mineralwasser, Traumurlaub oder Anti-Aging-Kosmetik sowieso, aber auch ein Akku-Bohrer-Set oder ein Mähdrescher würde in eine Verlockung verwandelt und schmackhaft gemacht. Sie trug Jeans, ein weißes, bis unter die Hüften fallendes Seidenhemd, dunkelrote Mokassins und eine Umhängetasche aus rotbraunem Leder. Ihr Gang federte vor Freude an der Bewegung, ihr Haar glänzte silbrig wie gefärbt, war es aber nicht. Es war weiß geworden, als sie siebzehn war und sie hatte nie einen Grund gesehen, das künstlich zu ändern.
Sie entdeckte mich und zeigte mir ihre erhobene rechte Handfläche. Dann machte ihr Arm eine bogenförmige Bewegung und ihr Zeigefinger stach nach rechts, während sich ihre Lippen überdeutlich bewegten. Sie wölbte ihre Handflächen, fügte sie zu einer Kugel, öffnete sie wieder und führte die Spitzen ihres Daumens und Zeigefingers knapp aneinander, um eine geringe Entfernung oder kleine Menge zu symbolisieren und nickte lebhaft fragend. Ich hob meine Hand und nickte als Eingangsbestätigung für ihre Nachricht. Sie lächelte zufrieden und zeigte wieder die Handfläche.
Das war weder Jowulu noch Nostratisch und auch nicht Esperanto. Das war Ursprache, die jeder Mensch verstand, denn jeder Mensch war und blieb ein Urmensch. Sie wollte da drüben noch schnell etwas Rundes beschaffen, es dauere nicht lange, ich bin gleich da, ok?
Als sie so dastand und mir ihre pantomimische Botschaft sendete, kam sie mir vor wie eine Erscheinung aus der Vorzeit und wie eine Verbindung in die Vergangenheit. In allem, was aus der Vergangenheit kam, begann ich eine mögliche Brücke zu sehen. Es gab ja anscheinend auch Sprachen, die Spuren altertümlicher Strukturen bewahrt hatten, wie das Hawaiianische, das, wie die Neandertaler-Sprachen, mit wenigen Vokalen und acht Konsonanten auskam. Aber damit konnte ich in Wahrheit nichts anfangen. Michaela Halbmond hatte diese lustige Geschichte mit den Farbeindrücken erzählt und ich hatte danach ein bisschen hineinrecherchiert. Es war einleuchtend, dass man Farbbezeichnungen zu den ganz alten Wörtern zählen wollte, einfach, weil der Umgang mit Farbeindrücken wohl zu den Grunderfahrungen des Menschen gehörte. Die Bezeichnung für Schwarz, also Dunkelheit, war möglicherweise eines der ältesten Wörter überhaupt. Und ich fand es mehr als erstaunlich, dass das Wort für »schwarz« in gar so vielen miteinander vollkommen unbekannten Kultursprachen ähnlich oder gleich lautete. Kar. Kr. Kär. Karä. Kuroi. Kirikiri. Kuru. Kora.
Jetzt kam sie. Mit jedem Schritt nahm sie zwei Stufen. »Hi«, strahlte sie.
Ich erhob mich von den Stufen, neigte mich zu ihr hin und deutete links und rechts eine Wangenberührung an. »Ich freue mich«, sagte ich und dann entstand eine Pause. Während der Buchpräsentation hatten wir beide gleichermaßen die persönliche Anrede vermieden und umständlich drum herum formuliert, denn wir wagten es nicht, uns zu duzen, obwohl heutzutage jeder jeden duzte, aber siezen wollten wir uns auch nicht. Jetzt sagte ich: »Schön, dich zu sehen. Geht’s dir gut?«
»Ja«, nickte sie, »wollen wir da sitzen bleiben, oder ein bisschen gehen. Ich hab Hunger.«
»Auf jeden Fall«, sagte ich, »was möchtest du? Ein Krokodil-Steak? Nein, warte«, ich hob die Hand und musterte sie gespielt, um sie auf ihre kulinarischen Neigungen zu durchleuchten. Dann zog ich meinen Vorschlag zurück: »Naja, vielleicht eher eine Kürbis-Kokos- Creme-Suppe aus belebtem Wasser, begrünt mit einem Blättchen süßer Minze? Oder wir teilen uns einen Kornspitz mit Leichtkäse, hauchdünnen Gurkenscheibchen und einer halben Olive?«
Sie presste die Lippen aufeinander und ihre Augen glitzerten. »Ich esse alles außer Schweinefett und Affenfleisch.«
»Das dachte ich mir in Wirklichkeit«, sagte ich und das stimmte auch.
Wir gingen um die Ecke und durch den Park vor der Stadthalle. Zum ersten Mal waren wir alleine. Sie fragte: »Bist du Wissenschaftsjournalist?«
»Nein. Ich mache alles, was irgendwie als relevant und aktuell hinzustellen ist. Politik, Chronik, Wirtschaft, alles. Es muss nur was los sein, über das man reden kann.«
»Aber das ist interessant«, sagte sie mit geweiteten Augen, »Menschen zum Reden bringen, ihnen die Unsicherheit nehmen, Vertrauen gewinnen, die richtigen Fragen im richtigen Augenblick stellen, sie nicht an der falschen Stelle unterbrechen, aber nachsetzen, wenn sie abweichen.«
»Du kennst dich aber aus.«
»Du magst das, oder?«
»Was. Dass du dich auskennst? Ja, sicher.«
»Nein, hör auf, ich meine das alles, diesen Beruf.«
»Ah so, ja, ich hab das am Anfang auch nicht gewusst. Ich bin da hinein, weil ich dachte, dass Journalismus etwas mit Schreiben zu tun hat und ich mir ja eingebildet hatte, schreiben zu können. Es war also ein doppelter Irrtum, der mich in diesen spannenden Beruf geführt hat.«
Sie blieb stehen und ich drehte mich zu ihr hin. »Journalismus hat nichts mit Schreiben zu tun?«, fragte sie.
»Fast nichts«, sagte ich. »Es geht nicht ums Schreiben, sondern viel mehr um das Herbeischaffen von Schreibbarem. Auftreiben und Aufbereiten von Stoff. Das Schreiben selbst passiert im letzten Augenblick schnell, schnell vor Redaktionsschluss.«
Wir gingen weiter. Weil in ihrer Frage echtes Interesse durchgeklungen war, erweiterte ich meine Antwort. Zeitungsmenschen seien meist keine Experten, sagte ich. Sie seien, auch wenn viele es selbst glaubten, keine Wissenden, sondern Wissen Einholende. »Und es geht nicht einmal darum, sich dieses Wissen selbst anzueignen, sondern nur die Leute zu finden, die es haben. Das ist Recherchieren im Journalismus. Die richtigen Leute finden und sie zu erweichen, ihr Wissen mit dir zu teilen. Kostenlos natürlich. Scheckbuch-Journalismus gibt es nur in den Köpfen verfolgungsneurotischer Medienhasser.«
»Das heißt es aber oft.«
»Eben. Das ist eines der hartnäckigen Gerüchte zum allseits beliebten Thema ›Scheißmedien‹. Viele glauben, dass man bei den Medien für jede üble Nachrede Geld bekommt und dabei anonym bleiben darf.«
Sie musste lachen.
»Aber du hast völlig recht«, sagte ich, »es geht immer um Menschen. Pure Psychologie. Solange du recherchierst, machst du pure Psychologie. Wenn du nur abschreibst, ist es einfacher, dafür brauchst du keine Menschenkenntnis. Aber die Auseinandersetzung mit Menschen und dem, was sie erreichen oder versäumen, was sie anrichten oder gutmachen, was ihnen zustößt, in die Wiege gelegt oder vorenthalten wird, diese Welt der Schicksale hat mich sehr direkt angesprochen.«
Sie nickte mit denkenden Augen. »Ja. Ich weiß.«
»So wie jetzt«, fuhr ich fort. »Ich gehe nicht jahrelang Sprachwissenschaften studieren, sondern finde dich, die du die Arbeit schon erledigt hast. Und hier ist auch mein Erfolgserlebnis. Ich mag das Tierhafte daran, reflexartig an die richtigen Personen zu gelangen. Dich habe ich in Archiv-Geschichten entdeckt und mir gedacht, wenn jemand etwas neu entdeckt, kommt er auch mit der unberührten Vergangenheit des Entdeckten in Kontakt. Weil das Unentdeckte ja irgendwie von der Gegenwart nicht erfasst war, konnte es vielleicht das Wesen seiner Vergangenheit noch in sich tragen. Ist natürlich irgendwie naiv.«
»Nein«, sagte sie.
»Nicht? Ich meine, eine falsche Annahme kann auch zum richtigen Ziel führen, wenn der Bauch es sagt.«
»Es ist nicht naiv.«
Wir näherten uns dem Ausgang des Parks. Ein ganz in schwarz gekleideter Teenager auf viel zu langen und viel zu dünnen Beinen und einem schräg zur Seite hängenden Haarschnitt überholte uns auf einem Skateboard und querte nach links, vorbei an einer alten Dame, die auf einer Bank saß und in einem Plastiksack nach Brotkrümeln für die Tauben fingerte. »Geh scheißen!«, rief er einem anderen Skater zu, der zur Antwort nur seinen Mittelfinger hochzucken ließ.
»Warum hast du mich eigentlich angerufen?«, fragte sie.
Himmel, das hatte ich ihr ja noch gar nicht erklärt. Wieder blieben wir stehen. Ich schilderte ihr geradeheraus meine Geschichte. Von einer Story-Idee über die neue Sprachkrise ausgehend sei mir aufgefallen, dass nicht der Mensch die Krise mache, sondern die Sprache, denn sie sei funktionsuntauglich.
Sie lächelte entzückt.
»Aber was ist mit der Literatur?«, fragte sie, »die funktioniert auch nicht?«
»Das ist eine sehr gute Frage«, sagte ich, »nur eine kaputte Sprache kann überhaupt das Bedürfnis nach Literatur erzeugen. Eine Sprache, die Literatur hervorbringt, kann nicht funktionieren.«
Ich gestikulierte und meine Hände schaufelten durch die Luft, als würden sie Aufräumungsarbeiten durchführen. »Literatur ist Symptom und Beweis, dass die Sprache nicht funktioniert.«
Sie schmunzelte abwartend.
»Ja sicher«, unterstrich ich. Literatur versuche sich am Unbeschreiblichen, schreibe gegen die Grenzen der Sprache an. Literatur sei die Not des Nichtausdrückbaren. Sei die versuchte Behebung dieser Not. Literatur sei Kunstfertigkeit im Umgang mit dem untauglichen Werkzeug, sie sei Folge der Kaputtheit von Sprache. Literatur sei ein Selbstheilungsversuch.
»Danke für diese Frage«, sagte ich, »ich mag es, so direkt verstanden zu werden. Literatur ist eine Erscheinungsform dessen, wovon ich die ganze Zeit rede. Sie ist eine Kunst des Umganges mit dem Nichtfunktionierenden. Ist doch sonnenklar: Wenn jeder problemlos ausdrücken könnte, was er sagen möchte, gäbe es keine Literatur. Wozu auch?«
Sie fand das wohl verrückt, aber ihr Lächeln war nicht ganz dasselbe, wie wenn ich Witze machte. Sie fand das irgendwie erstaunlich.
»Hätten wir eine funktionierende Sprache, würde sie das Bedürfnis nach Sprache löschen«, setzte ich nach. »Funktionierende Sprache würde Kommunikation beenden, sie würde Kommunikation erfolgreich abschließen und ihre Wiederholung überflüssig machen. Funktionierende Sprache würde sich selbst überflüssig machen. Sie würde etwas sagen, damit es gesagt ist und also nicht mehr gesagt werden muss.« Ich hielt inne, achtete auf ihre Reaktion, aber sie hörte nur zu. »Ursprünglich sollte Sprache ein Gegenmittel sein«, redete ich weiter, »ein Mittel gegen Unklarheiten. Und wenn die Unklarheiten beseitigt sind, wird sie überflüssig. Sie macht sich selbst obsolet wie eine Hilfsorganisation im Krisengebiet, die mit vollem Einsatz und größtmöglicher Kompetenz und Professionalität daran arbeitet, sich überflüssig zu machen. Die sich in höchste Gefahr begibt, nur, um sich obsolet zu machen. Die Sprache, ich meine, eine echte, funktionierende Sprache, wäre da, um das Sprachbedürfnis zu löschen. Aber weil unsere Sprache nicht funktioniert, muss sie immer neue Anläufe nehmen, das Sprachbedürfnis zu beseitigen, produziert aber immer mehr Sprachbedürfnis. Und das geht endlos weiter.«
Michaela Halbmond nahm einfach, was ich sagte und ließ es einmal, wohin ich es gestellt hatte.
»Ist das nicht die Wahrheit?«, fragte ich, »Sag du. Du bist die Expertin. Ich spüre nur etwas. Ich sehe nur etwas.«
»Da gleich?«, fragte sie und deutete auf einen kleinen Gastgarten, der kein Gastgarten war, sondern aus vier kleinen, auf den Gehsteig gedrängten Tischen bestand, die mit einem stilisierten Plastik-Gartenzaun der Marke »Knusperhäuschen« eingegrenzt und symbolisch von der Fahrbahn getrennt war. An einem der Tische saß ein älterer Mann vor seinem Glas und war intensiv mit sich selbst beschäftigt, suchte ruhelos in den Taschen seines Mantels, den er trotz der Hitze trug, rupfte an seinen schweißverklebten Haarresten, rutschte auf dem Sessel hin und her und verlagerte sein Gewicht, um sich Zugang zu weiteren Innentaschen zu verschaffen, in denen er ebenso wenig fand, wie in den anderen.
»Gibt’s da was?«, fragte ich, »ok, passt.«
Rechts neben dem Eingang hing eine blecherne, bunt emaillierte Werbetafel aus den Sechzigerjahren, aus der ein riesiges, überschäumendes Krügel Bier heraus kippte. Perspektivisch im Hintergrund lachte eine glückliche Hausfrau mit toupierten Haaren und roten Lippen. Drüber stand in geschwungenen Lettern: »Trinken Sie Bier!« Darunter hing eine schwarze Tafel, auf der mit Kreide das Angebot der Küche vermerkt war: Saures Rindfleisch mit steirischem Kernöl. Dann: Thunfisch-Carpaccio an Avocado-Sesam-Limetten-Teriyaki. Und ganz unten: Heidelbeer-Muffins auf Vanille-Schaum. Aber das Lokal schien verlassen, es war weit und breit kein Kellner zu sehen und es kam auch keiner.
Wir warteten. Ich fragte: »Tratschen deine Jowulu-Freunde gern? Ich meine, was reden sie und warum reden sie? Reden sie viel, oder nur dann, wenn es was zu sagen gibt?«
Sie entspannte sich im Sessel. Sie schien sich wohl zu fühlen und nahm sich eine Sekunde, um einzulenken. Bis dahin war sie im Small-Talk-Modus gewesen, hatte spielerisch über Hunger geklagt und beobachtend gelächelt. Jetzt senkte sich Konzentriertheit wie aufziehendes Gewölk auf ihren Blick. Sie biss sich auf die Unterlippe, die wie zerknittertes Seidenpapier Fältchen und Plättchen warf und sie fixierte mich mit dem unverwandten Interesse einer Ärztin, die ein Symptom entdeckt hatte. Wenn sie sprach, spürte ich das große Wissen, das nur leicht angezapft hinter ihren Worten bereit lag.
Eigentlich seien diese Jowulu-Leute sehr gesellig und gar nicht so asketisch und wortkarg, wie man das bei Völkern der Sahara gewöhnlich beobachte. Sie machten Witze, in der Nacht werde gefeiert und wenn Bier da sei, tranken sie es aus. Und wenn dann jemand stolpere, dann lachten sie. Sie seien uns Europäern viel ähnlicher, als ihr Äußeres nahelegen würde.
»Und was passiert, wenn es Streitereien gibt? Wie werden Missverständnisse ausgeräumt?«, fragte ich, »wie oft hörst du sie sagen: ›Du verstehst mich nicht‹? Ich meine, gibt es Diskussionen über sprachliche Unwegsamkeiten, die klären sollen, was jemand nun genau gesagt oder nicht gesagt hat, oder doch gesagt, aber nicht so gemeint hat?«
»Nur, wenn sie betrunken sind«, lachte sie, »und das ist gar nicht so selten.« Auch die Frauen, besonders die alten, langten ganz schön zu und zogen dazu gierig an Tabakpfeifen.
Michaela Halbmond blickte über die Schulter, um nach einer Bedienung Ausschau zu halten, aber da war nur der einsame Gast, der unverändert in seinen Taschen wühlte. Sie wandte sich wieder mir zu. Jetzt stach ihr Blick nicht mehr an mir vorbei in ein fernes Gedankenarchiv. Jetzt blickte sie mich offen und geduldig an, als wäre sie endlich bei mir angekommen. Sie hatte es nicht eilig, etwas zu sagen.
»Es geht mir um die Kluft«, sagte ich, »um diese Kluft, die überall ist, wo Menschen sprechen. Die mitten durch jeden Satz verläuft, den Menschen aussprechen und mitten durch jeden Satz verlaufen ist, den Menschen jemals ausgesprochen haben. Die Kluft, die alles aufspaltet in das, was sie sagen und das, was sie meinen.«
Sie hatte längst verstanden. Sie lächelte ernst und nickte langsam. Wenn sie »Ja« sagte, sank ihr Ton in einem Bogen nach unten und nahm etwas zärtlich Zusicherndes an, fast etwas Tröstendes. »Ja«, sagte sie, »ich mag diese Leidenschaft in deinen Gedanken. Sie sind bestechend und unbescheiden, wie es sich gehört, wenn du bereit bist für die Revolution. Käme jemand in meinem Fach mit sowas daher, würden alle den Kopf schütteln, obwohl wir, genau betrachtet, eigentlich dasselbe sagen.«
Sie nahm mich ernst. Ich war erleichtert.
»Gibt es einen Weg zurück?«, fragte ich. Sie wusste ansatzlos, was ich meinte, das hatte sie bei der Buchpräsentation schon verstanden. Sie zuckte mit den Schultern, dann schüttelte sie den Kopf. Einen Weg zurück zum Anfang? Das sei es doch, was die gesamte Forschung suche. Einen Weg zurück zum Anfang gebe es nicht, aber einen Anfang, das schon.
»Ja?«
»Ja. Der Zaun im Zoo. Dort ist der Anfang. Das ist die Grenze.«
»Gehst du mit mir in den Zoo?«
»Ja, wenn du möchtest«, schmunzelte sie, »gehe ich mit dir in den Zoo.«
Am Zaun im Zoo sei das Ende und der Anfang, da, wo das Tierreich ende und das Menschenreich beginne. »Ich bin nur eine Erbsenzählerin«, sagte sie, »eine I-Tüpfchen-Reiterin. Wir sagen, ›Okay, der eine sagt Muh, der andere Mäh, hochinteressant, das müssen wir analysieren‹. Aber wir verstehen wenig über die großen Hintergründe. Es gibt kein Sprachmuseum mit Fossilien, es gibt keine Verbindung in die ältere Geschichte, von der man etwas über die Gegenwart lernen könnte.«
»Aber das Menschsein beginnt mit der Sprache«, fragte ich dazwischen, »das sagst auch du, oder?«
»Natürlich. Das Menschsein beginnt mit dem bewussten Denken, das Denken beginnt mit dem Begreifen und Begreifen heißt nichts anderes als Begriff geben. Versprachlichen. Einen diffusen Bedeutungsinhalt in die Form von Worten bringen. Formulieren. Ohne Sprache gibt es kein Verstehen. Ohne Begriffe keine konkreten Gedanken, keine eigenen Vorstellungen. Nichts. Kein Menschsein. Nur fließende Reize und Eindrücke, die nichts bedeuten, weil sie nicht benannt sind. Tierhafte Wahrnehmung.«
Ihr Telefon läutete. Sie holte es hervor und stellte es ab. Sie kramte in ihrer Umhängetasche nach einem Pflegestift und zog ihn über ihre Lippen. Dann schob sie den Stift wieder in die Tasche und holte ein bunt ornamentiertes Terminbüchlein hervor, blätterte kurz darin, fand, was sie suchte, und legte es wieder zur Seite.
Ich sagte nichts, ich hatte Angst, dass sie schon wieder weg musste. Aber sie überlegte nur. Und dann nahm sie mich und führte mich zurück. Sie beschrieb, was am Zaun passierte. Sie machte mir klar, was ablief, wenn Sprache in ein Leben eingriff, das noch keine Sprache kannte. Sie zeichnete den Übergang von der außersprachlichen Wahrnehmungswelt der Tiere zur erkennenden, verstehenden Sicht der Menschen. Und so sagte sie: »Stell dir vor, du versuchst zu meditieren. Du sitzt da und tust nichts. Ok?«
»Ok.«
»Du bist still. Du sitzt da und bewegst dich nicht und versuchst nichts zu tun und nichts zu denken. Einfach nur zu sitzen, sonst nichts. Du entspannst dich und wartest darauf, dass du ruhiger wirst. Dein Atem wird zunächst heftiger, dann ruhiger. Dein Puls verlangsamt sich. Du fährst deine inneren Dialoge herunter und lässt, so gut du kannst, deine aktiven Gedanken ruhen.«
Sie machte eine Pause und sah mich nachdenklich und geduldig an. Dann sprach sie weiter: »Je entspannter und ruhiger dein Inneres wird, desto deutlicher siehst und spürst du es: Du wirst durchströmt von Reizen, die du nicht abstellen kannst. Ein endloser Strom von Eindrücken zieht durch dich hindurch. Einem Tier geht es gleich, es wird durchströmt von namenlosen Eindrücken, es sieht und spürt, aber es ist ihm nicht bewusst, was es sieht und spürt. Das Tier sieht einen Baum, doch es ist ihm nicht bewusst, dass es einen Baum sieht, weil es ihn nicht mit der Bezeichnung ›Baum‹ ausgestattet hat. Deshalb leuchtet in seinem Hirn das Signal ›Baum‹ auch nicht auf, weil es dort nicht gespeichert ist und daher nicht aufgerufen werden kann.«
»Ok. Das Tier hat kein Archiv im Kopf zum Nachschauen.«
»Ja. Also, hör zu«, überging sie mich, »ein pausenloser, endloser, unermesslicher Strom aus Eindrücken und Reizen und Bildern fließt durch dein Hirn und erzeugt ein körperliches Echo. Das heißt, du spürst deine Wahrnehmungen. Du siehst Formen und Farben und spürst das auch. Du registrierst Veränderungen. Du bemerkst, wenn Helligkeit zu- oder abnimmt, du nimmst Schwankungen von Lautstärke und Temperatur wahr, du registrierst Räumlichkeit. All das durchströmt dich und verschwindet wieder ohne Halt zu machen. Es wird von neuen, nachströmenden Eindrücken verdrängt. Dein Kopf ist wie eine Mühle oder ein Kraftwerk, durch die ein Bach fließt und wenn die Schaufeln des Mühlrades hineingreifen, flackern Lichter auf. Da fließt eine simultane Suppe aus Wahrnehmungen, die keinen Bestand haben und keinen Sinn machen, weil sie hereinströmen und wieder hinausströmen, ohne angehalten und identifiziert zu werden. Du nimmst das alles wahr, aber du begreifst nichts, weil du es nicht mit einem Kennwort identifizierst.«
Sie machte eine Pause, ohne mich aus den Augen zu lassen. »Wenn du nun ein passendes Gefäß nimmst und etwas aus dem Strom schöpfst, hast du es angehalten. Du isolierst diesen herausgefischten Inhalt vom Rest des Stromes und gibst ihm Bestand. Der Strom fließt weiter, aber der Inhalt in deinem Gefäß bleibt da. Er wird vom Gefäß festgehalten. Du hast ihm eine stabile Form gegeben und damit Kontinuität. So ist der Inhalt wiederverwendbar.«
Ich nickte. Ich hing an ihren Lippen und dachte an keinen Kellner mehr.
»Und nun«, sagte sie, »ist es sehr einfach: ein Wort ist ein solches Gefäß. Diese Wortgefäße geben Form und Bedeutung. Mit diesen Wort-Formen benennst du etwas Vorbeiströmendes und gibst ihm Identität und Bestand. Du hältst es fest, wie man so schön sagt. Diese schöpfenden Wortgefäße machen etwas Unbestimmtes zu einem Gegenstand. Du begreifst eine fließende, namenlose Wahrnehmung, indem du sie mit einem passenden Gefäß anhältst und herausholst. Begreifen heißt nach Treibgut greifen – und es zu identifizieren durch Bezeichnung, durch Namensgebung. Es ist, wie wenn du ein verschwommenes Bild scharfstellst.«
Ich holte Luft, um anzusetzen, etwas zu sagen, doch sie hob abwehrend die Hand.
»Jetzt kommt noch das Entscheidende. Das Verstehen. Welche Prozesse laufen ab, wenn du etwas verstehst? Also, wie gesagt: du hast zum Beispiel eine große, hölzerne Pflanze mit dem Wortgefäß ›Baum‹ festgehalten und gespeichert. Der ist in deinem Hirn jetzt vorrätig. Jetzt bist du gerüstet. Wenn nun wieder einmal eine dieser hölzernen Pflanzen im Strom vorbeitreibt, klingelt es in deinem Kopf und ein Treffer wird gemeldet, weil das Gehirn alle hereinkommenden Eindrücke mit bereits vorhandenen abgleicht. Etwas verstehen bedeutet nichts anderes, als etwas im Hirn bereits Gespeichertes draußen in der Welt wiederzuerkennen. Denn etwas nicht Gespeichertes kannst du nicht erkennen.«
Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte und wiederholte in mein stummes, langsames Nicken hinein: »Du hast eine große, hölzerne Pflanze mit der Lautkreation ›Baum‹ im Hirn eingelagert. Wenn wieder einmal einer vorbeitreibt, legst du die gespeicherte Schablone aus deinem Kopf-Archiv drüber und wenn sie passt, leuchtet ein Lichtlein auf und du erkennst ihn als Baum. Verstehen heißt also, eine Wahrnehmung sprachlich zu wiederholen, empfangene Eindrücke mit vorhandenen Wörtern zu reproduzieren und wiederzugeben und sie so zu fixieren.«
Ich sagte: »Wow.« Und nach einer Atempause sagte ich noch einmal: »Wow. Begreifen heißt nichts anderes, als Eindrücke in Ausdrücke zu verwandeln?«
Sie klatsche in die Hände: »Exakt! Kluges Kerlchen! Genau das, was du jetzt gemacht hast, ist begreifen. Es ist Sprache geben.«
Sie glitzerte wieder. Während ihrer Ausführungen hatte sie fremd und abwesend gewirkt und ihr reizendes Wesen war in den Schatten ihrer Konzentration verschwunden. Aber da war sie wieder und freute sich, dass ich ihr tapfer folgte. Diese Frau war keine Lexikostatistik-Tussi. Das war keine Erbsenzählerin. Das war ein Lichtwesen. Aber in diesem seltsamen Gasthaus war einfach kein Kellner zugegen und diese Dame da hungerte, während sie mein Bewusstsein aufblies wie eine halluzinogene Droge. Sie war wie LSD mit Lippen aus zerknittertem Seidenpapier.
Ich überprüfte, ob mein neues Wissen funktionierte: »Ok, ich sehe einen Baum und denke, das ist ein Baum. Das kann ich aber nur, weil ich den Begriff ›Baum‹ gespeichert habe. Und das nennt man einen Gedanken?«
Sie freute sich wie eine Volksschullehrerin, schüttelte aber den Kopf und präzisierte: »Gedanken sind eher ganze Wortfolgen.«
Ich fuhr fort, mehr zu mir selbst: »Etwas fassen heißt, es in Worte fassen.« Ich starrte ins Leere. Dann sagte ich: »Der Unterschied zwischen unbewusster und bewusster Wahrnehmung heißt Sprache.«
Sie lächelte nickend. »Auffassungsgabe«, sagte sie, »ist die Fähigkeit, etwas lose Geistiges in Sprache zu verwandeln. Formlose Inhalte in Wort-Sprache zu formen, zu formulieren.«
Ich sah ihr in die Augen: »Auffassungsvermögen ist eine Sprachkompetenz.«
Sie nickte.
Ich war sprachlos. Wie erhellend das alles war. Meine professionelle Distanz zu ihr schwand. »Ich habe kein passendes Wort-Gefäß für dich«, sagte ich, »du strömst außersprachlich durch meinen Kopf. Keine Schablone passt auf dich und dennoch blinken die Lichter in meinem Hirn. Ich kann dich nicht aus dem Strom fischen, du musst bitte selber anhalten.«
Sie schmunzelte.
So einfach war das also. Sprache machte etwas Fließendes fest, etwas Unbestimmtes bestimmt, grenzte es ab, isolierte es vom Rest und nur daraus ergaben sich Eigenheit und Identität. Das Verpacken in Sprache verlieh dem Inhalt Gegenständlichkeit und dauerhaftes Gleichbleiben. Das Kleiden in Sprache rief etwas erst ins Leben. Formulierung schaffte Wirklichkeit. Sprechen hieß nichts weniger als Schaffen. Schöpfen. Mit Wort-Krügen aus der strömenden Ursuppe schöpfen.
Das war fast zu viel an Plausibilität und Einfachheit. Ich hob erneut die Hand: »Moment einmal: ich verstehe. Genau jetzt läuft sowas in meinem Kopf ab. Ich verstehe etwas und das schmeckt irgendwie nach Erinnerung. Ist ja klar: Man versteht dann etwas, wenn es mit einem bereits gespeicherten Inhalt übereinstimmt. Das fühlt sich nicht nur an wie Erinnerung, es ist Erinnerung. Du zapfst vorhandenes Wissen an.«
Sie war zufrieden.
Ich sagte: »Siehst du, wie tierhaft gescheit ich bin, genau dich gesucht und gefunden zu haben?«
»Ja, das hast du gut gemacht«, scherzte sie, »aber zum Abschluss der Unterrichtsstunde wiederholen wir: Verstehen ist ein Vorgang der Versprachlichung. Ok? Und Begreifen heißt Begriff geben, ja?«
»Ja.«
»Und mit diesen Begriffen systematisch operieren nennt man denken.«
»So einfach ist das, oder?«, sagte ich. »Genial. Gehen wir. Da gibt es nichts zu essen.«
Sie überquerte fast hüpfend die Straße, ihr Blick zuckte nach links und rechts nach dem Verkehr und sie streckte ihren rechten Arm nach hinten in meine Richtung und spreizte die Finger, um mich zu lotsen. Sie hielt auf der anderen Straßenseite vor dem Eingang zu einem kleinen, dreckigen Park, der Mitleid erregte mit dem imaginierten Kind, das hier spielen musste. Er bestand zur Hälfte aus einer asphaltierten Fläche, über die ein fünf Meter hoher Würfel aus Drahtzaun gestülpt war. Zur anderen Hälfte war er ein schwarzbraunes Halbrund aus säuerlich stinkenden Rindenstücken, in dessen Mitte eine traurige Sandkiste lag, daneben eine verrostete, ehemals bunt lackierte Rutsche. Der Park war menschenleer und lag tot unter einer grauen Kruste aus Verkehrsstaub.
Da stand sie nun, in ihrer Hüfte lehnend, mit verschränkten Armen, die Tasche hing ihr von der Schulter und ein Lächeln dehnte ihre Lippen. Lippen, über die bei Bedarf zahlreiche Sprachen geflossen kamen, von denen kein Mensch noch je etwas gehört hatte. Diese Linguistin hatte mir beigebracht, dass es die »Verwortung« war, die einer Wahrnehmung erst ihre Bedeutung gab. Durch Verwortung wurde aus einer Sache erst eine Tatsache.
»Gehst du jetzt mit mir in den Zoo, Frau Lehrerin?«, bettelte ich und sie glitzerte und sagte, »Ja, wir gehen in den Zoo die Grenze anschauen, aber ein anderes Mal.«
»Aber hast du noch was von diesem hochgescheiten Zeugs da, wie vorhin, weißt eh, von der Sprache und alles?«
»Ja, Herr Journalist, ich wollte eigentlich etwas zu deiner Kluft sagen, Herr Star-Reporter.«
Und dann kam es. Ich spürte, dass da jetzt etwas kommen würde und nahm Aufstellung. Diese Michaela Halbmond, die ich wie mit verbundenen Augen aus einem Berg von Unterlagen und einem Heer von Experten gefischt hatte, legte mir den Beweis auf den Tisch, dass meine Ahnungen, auch wenn sie noch so irrwitzig und jenseitig wirkten, nichts als zutreffend waren. Sie belegte, dass Sprache tatsächlich nichts transportierte und Sprachkommunikation de facto unmöglich war. Sie erhärtete nicht nur meinen Verdacht, sie machte aus ihm eine ganz klare Gewissheit. Und Frau Professor Michaela Halbmond war nicht irgendwer. Jowulu-Entdeckerin hin oder her, sie war eine kristallklare Wissenschaftlerin, ausgestattet mit einem messerscharfen Intellekt und nicht von ungefähr eine internationale Kapazität. Und sie neigte kein bisschen zu grenzrealen Absonderlichkeiten, nicht einen Millimeter. Aber was sie hier sagte, war völlig klar: die Wort-Sprache transportierte keinerlei Inhalte. Null. Sie versuchte es gar nicht.
Mit welch mythischer Schüchternheit ich mich meinem Verdacht genähert hatte! Und mit wie viel weniger ich schon zufrieden gewesen wäre. Es hätte mir schon gereicht, nicht glatt zurückgewiesen und ausgelacht zu werden. Doch diese Person legte mir das Vollbild restloser Bestätigung auf den Tisch.
»Sag Baum«, sagte sie mit der Liebenswürdigkeit einer Volksschullehrerin.
»Ok, Baum.«
»Siehst du?«
»Nein. Was?«
»Jetzt hör zu: Wenn du ›Baum‹ sagst, kommt kein Baum aus deinem Mund und fliegt durch die Luft und dringt in mein Ohr. Aber auch dein Bild von diesem Baum kann nicht fliegen. Der Inhalt von etwas Gesagtem wird nicht zugestellt. Nur die Verpackung. Was hier durch die Luft fliegt ist nur ein Wachrufer für deine eigene Vorstellung von einem Baum, die du im Hirn-Archiv gespeichert hast. Wenn ich ›Baum‹ sage, siehst du nicht meinen Baum, sondern deinen eigenen, und der wird immer anders aussehen als meiner, egal, wie genau ich ihn beschreibe. Meine Beschreibung ist nur ein Rezept für den Nachbau aus deinem eigenen Archivmaterial.«
Ich verstand. Alles, was sich beim Sprechen durch die Luft bewegen konnte, war die Luft selbst in deformiertem Zustand, als Klangbild. Luft war elastisch, man konnte sie ausatmen und dabei mit den Lippen Druck- und Dichteschwankungen bewirken und dabei wellenartige Muster erzeugen, die durch den Luftraum davontrieben. Wenn jemand sprach, bewegte sich wellenförmige Luft durch ruhende Luft. Alles, was sich bewegte, waren Wellen. So konnte man Lautbilder in die Luft stempeln wie Rauchringe. Man konnte der Luft etwas sagen und sie sagte es weiter. Ein Windstoß verbog und dehnte das Lautbild, es prallte gegen eine Wand und dann hallten Bruchstücke wider, oft mehrmals, bevor sie sich verloren. Trafen solche Wellenbilder auf einen Empfangstrichter wie das sogenannte Ohr, »hörte« man etwas.
Mir kam meine eigene Begeisterung irgendwie übertrieben vor und ich fragte: »Bin ich so ungebildet, oder ist das alles wirklich so faszinierend? Deine Worte sind so schwerwiegend. Ich glaube dir jedes einzelne, Frau Volksschullehrerin.«
»Du sollst nicht glauben, du sollst verstehen«, sagte die Volksschullehrerin.
»Du sagst doch selbst, das geht nicht.«
»Hör jetzt auf.«
»Also gut: Das ganze Spiel mit dem Baum heißt ›Ich sehe nur, was du nicht siehst‹, oder?«
»Wenn du es so schön sagen möchtest.«
»Genauer gesagt lautet das Spiel der scheinbaren Kommunikation, ›Was ich sehe, wirst du niemals sehen können‹, oder?«
Sie zuckte mit den Schultern: »Ja.«
Alles war noch viel radikaler, als ich angenommen hatte. Ich hatte gedacht, beim Sprechen, also bei der Übermittlung von Begriffen, würden vielleicht Fehler auftreten und es könne etwas verloren gehen. Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, was mit dieser Luftpost während des Überfluges passierte. Und da war jetzt die Antwort: Gar nichts. Mit dieser Luftpost passierte gar nichts. Es gab keine Luftpost. Die Aussage eines anderen zu verstehen, war pure Illusion.
Michaela Halbmond hatte nur den seltsamen Einwand, dass das normal sei. Und dass man eben nicht so übertrieben genau hinschauen dürfe.
Was? Konnte man denn übertrieben genau hinschauen? Ich meine, alles, was diese Frau sagte, zog mich an und nahm mich ein. Doch ich sollte nicht genau hinschauen? Tut mir leid, große Expertin, ich schaue aber genau hin. Und zwar ganz genau. Und ich hatte nicht vor, weniger als ganz genau hinzuschauen. Wegen nichts anderem war ich da.
Ich sah ihre Seidenlippen, wie sie sich in Zeitlupe bewegten, diese scharf gezeichneten, großen Lippen mit den Fältchen und Plättchen, wie sie stumm nach vorne kamen, einen Trichter bildeten, sich weich aufeinanderlegten, wieder aufgingen, zurückwichen, sich schmal machten und in die Breite spannten.
»Aber das ist normal«, sagte sie.
»Es ist normal, dass nichts, was Menschen je gesagt haben, je bei einem anderen Menschen angekommen ist? Dass nichts jemals so verstanden wurde, wie es gemeint war, aber alle dachten, es richtig gesagt und richtig verstanden zu haben?
»Ja«, sagte sie, »wenn man es allzu genau nimmt.«
Das war ja das Beste. Allzu genau. Ich berührte ihre Hand wie um sie zu beknien, doch vernünftig zu sein: »Aber das heißt doch, dass Menschen nie miteinander reden, sondern immer nur nacheinander abwechselnd jeder mit sich selbst.«
Sie musste lachen. »Ja«, sagte sie, »das klingt so witzig, aber es stimmt.«
Der Übermittlungsvorgang war es einfach nicht. Es lag kein technisches Problem vor. Der wahre Grund war verletzend banal: Es war der allgegenwärtige Irrglaube, Sprache könne etwas, was sie einfach nicht konnte.
»Bist du sicher, dass das kein Grund zur Aufregung ist?«, fragte ich.
Michaela lächelte nur. Sie ließ mich leben. Sie nahm mich ernst, obwohl ich verrückt sein musste. Sie teilte ihr großes Wissen mit mir, aber sie ließ mich einfach. Ich hatte es in dieser Redaktionskonferenz einfach so dahinbehauptet, ich hatte gelogen und schön knallig zugespitzt. Aber jetzt war klar: Meine erfundene Geschichte entsprach den Tatsachen. Ich hatte die Wahrheit gelogen. Alles, was der Mensch von der Welt draußen hereinzubekommen und zu verstehen dachte, war in Wahrheit schon da, hausgemacht. Von draußen kam gar nichts.
Der Mensch bildete sich ein, mit anderen Menschen verbunden zu sein, aber er war vollkommen allein. Ein universeller Selbstversorger, ein Eremit der Sinne, ein absoluter Einzelgänger. Er lebte in einer selbstgebastelten virtuellen Realität. In einer bunten Blase aus körpereigenem Seifenwasser. Er braute sich alles selbst aus körpereigenen Säften, er malte sich alles aus körpereigenen Farben, er belegte alles mit seinen eigenen Erfahrungen. Sein Verständnis bezog er aus seinem eigenen Wissen. Er verstand nur, was er ohnehin wusste. Von draußen erfuhr er gar nichts, nur Codes. Die rote Farbe, die er wahrnahm, war sein eigenes Rot und nicht jenes, das ihm als Schallwellen-Konstrukt zugeflogen kam, denn da kam kein Rot geflogen, sondern ein akustisches Symbol lautend auf R-O-T, zur Abrufung des eigenen Rot. Sonst nichts.
Und diese Laut-Symbole galten nicht einmal den Dingen, die sie bezeichneten. Sie waren nur an die Bibliothek des Geistes gerichtet. Wörter vertraten nicht die realen Dinge, die sie benannten, sondern die Lagerplätze ihrer Abbilder im Hirn, damit der Geist sich auskannte, was er hervorholen musste. Wir Menschen redeten überhaupt nicht über die Welt draußen, sondern über unsere gespeicherten Archive. Wir transportierten gar nichts. Unsere Hirne spielten Kartentauschen, das war alles. Wir agierten in einer Stellvertreter-Welt aus Abbildern. Wir lebten nicht, wir spielten Leben.
Wozu hatte ich versucht, Gedichte zu schreiben? Wozu hatte ich mein Leben lang überlegt, was ich sagen sollte, bevor ich den Mund aufmachte? Warum hatte ich versucht, dem Wesen der Dinge näher zu kommen, indem ich Wortbedeutungen präzisierte? Ganz einfach: Weil ich nicht wusste, dass ich das Wesen der Dinge niemals mit Wörtern durchdringen würde, weil Wörter nichts mit dem Wesen der Dinge zu tun hatten, sondern draufgeklebte Archiv-Schilder waren. Vor mir stand die Lichtgestalt mit der silbrigen Mähne und den übertriebenen Sprachkenntnissen und mein Latein war am Ende.
Mein Latein war am Anfang. Ich sagte: »Wir fechten sogenannte Meinungsverschiedenheiten aus und glauben, über Meinungen zu streiten, dabei streiten wir über Wörter. Es ist sinnlos, wahre Bedeutungen von Wörtern herausarbeiten zu wollen mit immer mehr Wörtern, die allesamt nichts mit dem zu tun haben, was wir suchen.«
»Ja«, sagte sie mitfühlend und lächelte etwas ernster. Sie blickte mich wieder an wie bei der Buchpräsentation, als ich das Gefühl hatte, sie würde an meinem Lachen etwas erkennen.
Mir wurde ein bisschen übel. Jeder einzelne Mensch befand sich in seiner eigenen Sprachblase. Wir, die Menschen, waren autistische Eigenbrötler, die sich einbildeten zu kommunizieren und nicht verstanden, warum sie nichts verstanden. Sie redeten in einer Sprache, die nichts mitteilen konnte, in einer Sprache, die sie nicht verstanden und nicht beherrschten und dennoch missbrauchten. Sie logen mit dieser Sprache, obwohl mit ihr ohnehin keine Wahrheit zustande zu bringen war. Damit meinte ich nicht nur die anderen. Ich meinte hauptsächlich mich selbst. Was denn sonst.
»Ich muss gehen«, sagte sie plötzlich, erschrocken von der Uhr aufschauend, »ich komm schon zu spät.«
Ich erwachte wie aus einer Hypnose. »Bitte verzeih mir«, fuhr ich hoch, »dass ich dich so vereinnahme.« Ich griff mir auf die Stirn: »Wie erhellend und einnehmend das alles ist. Tut mir leid.«
»Ist ja spannend«, sagte sie und ich wusste nicht, ob in ihrem Schmunzeln Müdigkeit oder Traurigkeit oder Besorgtheit lag. Sie berührte mich mit der Handfläche seitlich am Kopf wie ihren braven Volksschüler und nickte aufmunternd: »Bleib dran, ok?«
Und dann blieb ich zurück. Allein mit meiner neuen Wirklichkeit. Allein mit meiner bestätigten alten Wirklichkeit, welche die Unsicherheit verloren und Kontur gewonnen hatte und erst jetzt so richtig neu und echt und wirklich war. Da stand ich am Eingang des unter grauem Industriestaub erstickten Parks und Michaela Halbmond entschwand.
Ich hatte ihre Verabschiedung reaktionslos über mich ergehen lassen. Nun stand ich am Gehsteig, zurückgelassen wie ein aufgerissenes Gepäckstück und sah sie noch, wie sie sich beeilte, ein bisschen Zeit gutzumachen. Sie überholte Passanten, wich betonierten Blumentöpfen und Ampelmasten aus und verschwand in der Flut aus Menschen und Fahrzeugen.
8
Ich ließ sie. Ich drehte ab und ging zur U-Bahn. Ich hatte Anerkennung von hoher Stelle bekommen. Doch es war eigenartig. Es war Sternstunde, aber es leuchteten keine Sterne. Ich begann zu spüren, dass die Bestätigung keine gute Nachricht war, auch, wenn sie mein Ego bediente. Ich fühlte mich wie bei einem Zieleinlauf, bei dem nicht die erwartete Glorie ausbrach, sondern Schlaffheit und Leere, in der sich die Mühsal entlud, die mich an ein Ziel gebracht hatte, das von niemand gefeiert wurde, weil es nicht das Ziel, sondern das Ende war. Schon im Gespräch mit ihr hatte ich die Konsequenzen ihrer Ausführungen gesehen, hatte ich hereinbrechen gesehen, was es bedeutete, dass Sprache keinen Austausch betrieb und die Menschen eben nicht miteinander verband. Und wenn Menschen nicht mit Menschen verbunden waren, womit dann? Mit nichts und niemandem. Schon während Michaela sprach, hatte ich die Einsamkeit gesehen, in der jeder Mensch abgekapselt in seiner Eigenbau-Welt dahinvegetierte. Ich sah die Menschen wie unter Wasser auf sich gestellt, in einer Blase aus Selbergebrautem, Nachgebautem und im Eigenen Gespiegeltem.
Die Menschen waren nicht in der Welt. Sie waren in ihren selbst gebastelten Kulissen einer vorgestellten Welt, die sich aus Bauteilen zusammensetzte, die ohnehin bei ihnen zu Hause herumlagen. Mir zog es das Herz zusammen vor Mitleid mit den Kindern ihrer eigenen Fantasie, den Käfig-Kindern, die mit der äußeren Welt nicht einmal verbunden waren, sondern sie nachzeichneten und dann ihre eigenen Zeichnungen betrachteten, die sie für die Welt hielten. Sie spielten Welt. Sie spielten Leben. Sie feierten keine Feste. Sie zeichneten ihre einsamen Vorstellungen von einem Fest auf und betrachteten die Zeichnung mit freudloser Feierlichkeit. Sie liebten nicht, sie fertigten Zeichnungen von ihren Vorstellungen dessen an, was sie für Liebe hielten, und betrachteten ihre Zeichnungen immer mit dem sonderbaren Gefühl, sich jenseits einer Kluft zu befinden. Sie waren abgeschnitten und abgekapselt von der Welt, in der sie zu leben dachten, aber sich doch nur vorstellten, in ihr zu leben. Sie waren eingesperrt und träumten. Unendlich einsam, nicht nur im Universum, auch mitten in der Gegenwart anderer Menschen.
Michaelas Blick hatte sich beim Abschied kurz gesenkt und als er sich wieder hob, sah ich, dass sie dahintergeblickt hatte. Sie hatte gespürt, dass da mehr war, etwas Größeres. Und sie hatte mich berührt und gesagt, ich solle aufpassen, oder dranbleiben oder so, aber ich glaube, sie meinte aufpassen. Sie spürte so viel.
Die U4 war voll mit Gesichtern. Ich fand einen Sitzplatz und betrachtete das Bild von der Menschenmenge wie einen laufenden Fernseher. Das war entspannend wie nach der Jagd ins Lagerfeuer zu starren und ich genoss es, nicht zuständig zu sein für all die Geschichten, die in den Gesichtern der Fahrgäste wetterleuchteten. Die meisten waren alleine unterwegs. Ihre ins Leere gehenden Blicke schienen zu fixieren, was eben gewesen war oder gleich kommen würde. Das gedankenvolle Schweigen machte ihr Wesen klarer und anwesender und sie schienen schärfer aus ihrer Umgebung herausgeschnitten, als wenn sie alle durcheinanderredeten, wie Brei in einem Kessel brodelten und versuchten, sich mitzuteilen. Immer darauf achtend, nicht falsch verstanden zu werden, laufend nachschärften und das, was bereits falsch verstanden schien, zurück zu erklären, um es anders hinzulegen, als würden sie versuchen, Hühner in einen Stall zu treiben. Aber so, wie sie jetzt alle in sich gesunken beieinanderstanden oder saßen, sich mit verschlossenen Mienen nur knapp koordinierten, wenn es um einen Sitzplatz ging oder ums Aussteigen, da waren sie bei sich und hatten etwas Kompetentes, wenn nicht gar Erhabenes. Da blieb mein Blick an einer Augenweide hängen.
Ich sage Augenweide, weil es wohltuend war, eine Erscheinung zu betrachten, von der so viel unverstellte Echtheit ausging, so viel schamlose Freude, dass man diese Freude selbst zu spüren glaubte. Und das nur, weil der Mann einfach tat, was seine Körperfülle implizierte und nicht versuchte, jemand anderer zu sein, der nicht wusste, wie er zu seinem Körper gekommen war. Er wog wohl mindestens hundertfünfzig Kilo, umklammerte ein riesiges Kebab-Sandwich und zierte sich kein bisschen. Er zupfte nicht mit spitzen Fingern an dem Ding herum, als wüsste er nicht, wie man mit einem Kebab umging, weil er doch praktisch nie aß und eigentlich zu vornehm war, um überhaupt Appetit zu verspüren. Nein, er machte weder sich, noch seiner Umgebung etwas vor. Er schnappte erleichtert nach dem streng riechenden Straßengericht, schlug leidenschaftlich seufzend seine Zähne hinein, dass mit rosa Fett-Sauce überzogene Tomatenscheiben und Zwiebelringe herausquollen. Noch bevor er zum Kauen kam, erfasste ihn die pure Wonne und er schüttelte bestürzt den Kopf, als könne er es nicht fassen. Er blickte andächtig nach oben, schluckte, wischte sich mit der viel zu kleinen und viel zu dünnen Papierserviette über die Mundwinkel, entfernte die groben Rückstände und setzte zum nächsten Biss an. Seine Hingabe, seine Liebe, sein unendlicher Genuss an der Sucht-Befriedigung, die Dankbarkeit, die ihn durchströmte, als die Wirkung der Droge einsetzte, hatten etwas Religiöses. Eine Frau, die neben ihm Platz genommen hatte und seinen Liebesakt mit einem wissenden Lächeln belohnte, fragte mit wienerischem Hintersinn: »Schmeckt’s?« Er richtete seinen komatösen Blick auf sie, lächelte und schüttelte den Kopf.
Die U-Bahn beschleunigte aus der Station hinaus. In einem Augenwinkel sah ich noch das letzte Namensschild der Station, das wie ein Pfeil vorbeizog. Da bemerkte ich, dass ich in die falsche Richtung fuhr. Doch hatte die Richtung auch ihre Richtigkeit, denn drei Stationen später war der Tiergarten. Dort stieg ich aus und spazierte hinein. Neben mir die gefühlte Michaela Halbmond, die jetzt irgendwo zu spät gekommen bezaubernd lächelte und sich alle freuten, dass sie überhaupt gekommen war.
Da war der Zaun, von dem sie gesprochen hatte. Da war das Tierreich, aus dem der Mensch abgereist war. Die Vorzeit der Sprache lag vor mir. Dort hinter dem Zaun hatte sich nichts verändert. Da waren keine Sprachen aufgekommen und hatten alles mit sich gerissen. Da standen die Geschöpfe wie eh und je in ihrer vulkanischen Vorzeit herum und blickten mich an. Sie durchstarrten mich. Erstaunt, verständnislos, interessiert, konzentriert. Verstehen wollend. Das Kamel musterte mich hochmütig wie ein Erziehungsberechtigter; der schwarze Puma streifte um die Ecke: totalitär, verfassungswidrig, ernster als nötig, als hätte er allen Grund und längst beschlossen, Rache zu nehmen; der Elefant, gutgläubig, musikalisch, naiv; der Affe, ein Justizirrtum, unschuldig lebenslang, psychisch krank; der Eisbär, im Süden gestrandet, in der Übelkeit der Hitze taumelnd; der Hippo, speckig glänzender Druckkessel, aus dessen Ventil am vorderen Ende eine dünne weiße Fontäne schoss. Wie eh und je hielt er lauschend inne, kurzgeschlossen nur mit seinen Eindrücken, als würde er trinken. Farben, Formen und Geräusche durchströmten ihn unangetastet und ohne Ende, Tag und Nacht, jahraus, jahrein. Da waren sie nun, die Tiere, von denen Michaela gesprochen hatte. Sie waren zurückgeblieben. Sie waren nicht mit der Sprache aufgebrochen. Und das hatte etwas Gutes.
Etwas, das alt und gut war. Ihre Abgeschnittenheit von der geistigen Welt hatte etwas Vernünftiges, etwas Nichtbegangenes, etwas Gewissensreines. Es hatte etwas von der Weisheit des Einfältigen, etwas heimatlich Naives. Etwas, wonach man Sehnsucht haben konnte. Sie hatten das Versöhnliche von Großeltern, die nie ihren Bauernhof verlassen hatten. Die Tiere standen wie eh und je in ihrer Ur-Welt herum und blickten über den Zaun herüber. Aber in ihren Augen war das Flehen des Unaussprechlichen, etwas wie Wehmut oder Traurigkeit. Sie waren wie Schlaganfallpatienten, die etwas sagen wollten und doch nur große Augen machen konnten.
Hatten sie ein Sprachbedürfnis? Wollten sie sich differenziert ausdrücken und facettenreich mitteilen? Wollte der Hippo abstrakt denken? Wollte der Puma äußere Abläufe lenken und nicht mehr mit Reißzähnen, sondern nur noch mit dem Hirn jagen? Wollte der Elefant vorweg erdachte, voraus berechnete, aus symbolischen Zeichen im Kopf konstruierte Lösungen umsetzen und Ergebnisse erzielen, wie er sie schon prognostiziert hat? Wollten sie in ihrem Kopf Codes ordnen und speichern und eine innere Welt aus Vorstellungen entwickeln? Wollten sie ein Lager konkreter Erinnerungen anlegen, die sie studieren und abgleichen konnten? Wollten sie diese Speicherungen gegeneinander abwägen und durch bloßes Abwägen neue Erkenntnisse gewinnen? Wollten sie beginnen, von dem, was war, auf das zu schließen, was sein würde? Wollten sie sich aus der Unmittelbarkeit des Hier und Jetzt erheben und lernen, Zeiten einzubeziehen, die es nicht mehr gab, oder noch nicht gab? Wollten sie planen? Erfinden? Der Natur etwas abschauen und es ihr nachmachen? Vielleicht sogar besser als sie? Wollten sie ihre persönliche Sicherheit nicht mehr irgendwo suchen, sondern selbst erzeugen? Strebten sie nach Unabhängigkeit?
Wenn ja, dann mussten sie langsam aufbrechen und irgendwie damit beginnen, etwas zu begreifen. Sie mussten beginnen, nach den Eindrücken zu greifen, die sie durchströmten und sie mussten lernen, sie zu fassen und herauszufischen, wozu sie Gefäße aus Wörtern benötigten, Wort-Gefäße, wie sie Michaela beschrieben hatte, Schöpf-Gefäße aus Lautkombinationen, mit denen sie Schöpfungen durchführen konnten, die Erschaffungen waren. Sie mussten durch ihren Kopf ziehende Eindrücke abstoppen lernen, festhalten, konservieren und wiederverwendbar machen. Sie mussten die Sprache erfinden und mit ihr eine neuartige Turbo-Evolution auslösen. Dazu benötigten sie viele Wortgefäße, nicht nur einige. Sie mussten große Teile ihrer Erscheinungswelt mit solchen Kennwörtern markieren, damit sie sie speichern konnten. Sie mussten sich eine Kopie ihrer Wahrnehmungslandschaft anlegen, bestehend aus Namensschildern, mit denen sie alles vollklebten. Das Hirn benötigte eine Skizze aus Bezeichnungen, die es systematisch variieren und miteinander in Verbindung bringen konnte. Mein lieber Freund, dachte ich, den Hippo mitleidig betrachtend, da liegt noch ein langer Weg vor dir. Denn kurz und gut musst du dein Gehirn zu deinem Arbeitsplatz machen, aber dazu muss es zunächst einmal viel größer werden.
Wenn sie, der Hippo und die anderen, wirklich aufbrechen wollten, dann mussten sie nicht nur ihre Hirne vergrößern. Sie mussten auch ihre Körper umbauen. Sie mussten ihren Kehlkopf nach unten biegen, um eine viel größere Mundhöhle zu bekommen, die phonetisch klare und variantenreiche Lautbildung zuließ. Sie mussten in die Evolution eingreifen und genetische Umwälzungen auslösen, die Tausende Generationen dauern würden. Aber dafür würden sie am Ende keine drei Meter langen Hälse mehr brauchen, um die Blätter der Baumkronen zu erreichen und weder Klauen noch dicke Felle, sondern einfach mehr von der grauen Masse, die sich in den Windungen unter ihren Schädeldecken befand. Ihre neue Idee von der selbstgemachten Sicherheit würde ein großes Rechenzentrum benötigen, für die massenhaften Schaltungen einer Abgleichungsmechanik von Begriffen und für deren bibliothekarische Ordnung. Ein riesiges Verwaltungszentrum. Eine Bürokratie des Geistes. Eine Kommandobrücke zur Ergreifung der Krone. Einen Generalstab für den Putsch gegen das Unwesen der Natur und ihre endlosen Grausamkeiten. Ein Werkzeug für ihre Befreiung. Sie mussten ihre freie Wildbahn verlassen und in eine Welt umsiedeln, die es eigentlich nicht gab, die nur aus abstrakten Symbolzeichen zusammengesetzt im Hirn existierte. Sie mussten ihr äußeres Jagdprogramm aufgeben, das sich im Wesentlichen auf das Herausreißen von Fleischstücken und anschließender Flucht beschränkte, und sich zurückziehen in eine virtuelle Welt des Abstrakten und Theoretischen.
Wollten sie das? Wollten sie Menschen werden? Wären Tiere gern Menschen?
Dann mussten sie, der Hippo und die anderen, auf die Reise gehen wie der Mensch auf die Reise gegangen war. Auch er war nicht als Mensch aufgebrochen, sondern erst auf dieser Reise zum Menschen geworden, dachte ich. Natürlich, dachte ich, logisch, Sprache war nicht etwas, das der Mensch sich angeeignet hatte. Der Mensch hatte sich gar nichts angeeignet. Das Tier hatte sich etwas angeeignet und sich dadurch in einen Menschen verwandelt. Nicht der Mensch hatte die Sprache zu seinem Instrument gemacht. Das Instrument hat ihn erst zum Menschen gemacht. Sprechende Tiere gab es nicht. Ein sprechendes Tier nannte man Mensch. Ja schon, auch Tiere versenden Signale, die etwas bedeuten, aber Sprache war doch etwas ganz anderes. Ich stand am Reichs-Zaun, die Augen des langhaarigen roten Affen wollten mich etwas Lustiges fragen, da fiel mir Meli ein und wie auch sie auf die Reise gegangen war.
Meli war meine kleine Nichte und die Zeit, die ich mit ihr verbracht und ihr aufmerksam beim Lallen zugehört hatte, entpuppte sich jetzt als reine Offenbarung. Sie war selbst von einem Tier zu einem Menschen geworden und ich hatte sie dabei beobachtet. Sie hatte den Übergang der tausend Generationen in drei Jahren durchgemacht. Das war ein riesiges Mysterium für mich. Kleinkinder durchliefen im Zeitraffer bis ins Detail die Entwicklung, die die Menschheit in hunderttausend Jahren genommen hatte.
Das begann schon bald nach ihrer Geburt. Sie lag in ihrer irrtümlich in Blau angeschafften Wiege, spielte mit ihren Fingern wie mit einem fremden Ding und begann, von sich aus Tonsignale zu versenden. Sie gab Laute von sich, die keine Not, sondern etwas entspannt Erzählerisches hatten und lustvoll geschäftig klangen. Spielerisch probierend mampfte sie die Luft in ihrer Mundhöhle, indem sie ihr Kiefer auf und ab schob und wenn sie die Lippen schloss und ihre Äußerung abklemmte, bildete sich in ihren Backen ein kugelförmiges Luftpölsterchen, das wieder verschwand, wenn sie den Mund öffnete und die vorhin abgestoppten Laute entließ. Auf diese Weise teilte sie ihren Grundton in einzelne Abschnitte, die sich fliegend aneinander übergaben und einen Grundrhythmus erzeugten, der ihrer Stimme eine verträumte Musikalität verlieh. Dazu verschob sie absichtsvoll die Lippen zu einem spitzen Trichter und zog sie wieder in die Breite, sodass sich eine Melodie über den Rhythmus legte, die die aufeinanderfolgenden Laute zu einem Klangbild fügten, das bedeutungsschwanger und dezidiert war. Dann schloss sie den Mund und blickte ernst und abwartend. Manchmal endete ihre Aussage mit einem Seufzer der Zufriedenheit, manchmal mit einem hinsinkenden Zischlaut, der wie ein trunkenes Zugeständnis an das Leben klang.
Sie konnte wie ein Neandertaler atmen und trinken gleichzeitig. Weil ihr Kehlkopf wie bei Säugetieren und Frühmenschen auf einer Ebene mit der Mundhöhle lag und die Zunge daher flach vom Mund in den Rachen verlief, konnte sie mittels Gaumensegel und Kehldeckel zwei unterschiedliche Kanäle nutzen, die hinunterführten in ihren Körper: einen vom Mund in die Speiseröhre und einen von der Nase in die Luftröhre. Sie klang auch wie ein Neandertaler-Baby, denn die Beschaffenheit ihres Stimmtraktes ließ keine andere Lautbildung zu und brachte keine Laute hervor, die sauber genug waren, um die feinen Unterschiede ähnlicher Laute wie »E«, »Ü« oder »Ö« hörbar zu machen. An Vokalen verwendete sie zunächst nur das »A« und das »O«. Und sie klangen bemüht und verwaschen. Konsonanten funktionierten besser, denn sie waren eher Geräusche als Töne.
Im vierten oder fünften Lebensmonat begann sich ihr Kehlkopf zu senken, sodass er in einer Biegung unterhalb des Rachens in Stellung kam. Damit war die bauliche Voraussetzung für eine Lautbildung geschaffen, die die Sprache des modernen Menschen ermöglichte. Jetzt saß ihr Kehlkopf so tief wie bei keinem anderen Lebewesen. Nun stand ein Klangkörper aus Mund-, Nasen- und Rachenhöhle zur Verfügung, der ebenfalls größer war als bei allen anderen Kreaturen. Der klangliche Unterschied war spektakulär wie zwischen drei Wäscheleinen und einem Konzertflügel. Meli fand es lustig, auf ihrem neuen Klavier zu klimpern, ihren Sprachapparat zu erkunden und die unterschiedlichsten Töne und Geräusche auszuprobieren, die sich mit dem Modulieren ihrer Atemluft erzeugen ließen.
An dem v-förmigen, auf- und zuklappbaren Verschluss am Kehlkopf, dessen lippenartige Ränder vibrierten, ging es los. Wenn sie ausatmete, passierte ihre Luft die Stelle und übernahm die Vibrationen. In der Mundhöhle verpasste sie diesem Grundklang durch feine Veränderungen der Zungen- und Lippenstellungen ein Laut-Gesicht wie »A« oder »O« oder »E«. Wenn sie den Luftstrom sperrte und dann plötzlich wieder freigab, entstanden Abschussgeräusche wie »P, T, K«. Wenn sie den Luftstrom aber in den Höhlen des Rachens, der Nase oder des Mundes nur einengte, entstanden Schleifgeräusche wie »CH, S, F«. Sie ließ ihre Zunge am Gaumen tremolieren und lenkte den ohnehin schon vibrierenden Luftstrom auf diesen tremolierenden Widerstand, worauf es »Rrrr« machte. Und wenn sie einen Teil ihrer mit einem Schwingungsmuster versehenen Atemluft mittels Gaumensegel in die Nasenhöhle abbiegen ließ, hob sie die gesamte bereits fertig zubereitete Laut-Kreation farblich auf eine andere Ebene und gab ihr etwas Hochmütiges, Abgehobenes, das man nasal nennen konnte. Woher immer sie sie hatte, sie probierte jedenfalls auch Töne aus, die in ihrer Muttersprache gar nicht vorkamen. Sie testete archaische Laute, die in längst vergangenen Sprachen zum Einsatz gekommen und nur noch in letzten Resten bei abgelegenen Naturvölkern zu beobachten waren, wie im Khoisan des Volkes der San, den hellhäutigen Ur-Afrikanern. Dieser räumlich und zeitlich weit entfernte weibliche Säugling aus Wien aber brachte mit müheloser Selbstverständlichkeit die Schnalzlaute der Ur-Afrikaner hervor, ganz einfach durch Luftentzug zwischen zwei artikulatorischen Stellen, als würde sie mit ihrer San-Mama plaudern. Sie bediente sich aus einem Gesamt-Repertoire an Urlauten, mit denen sie jede Sprache der Menschen hätte sprechen können. Wie von Geisterhand geführt reduzierte sie sich mit den Monaten langsam auf die zwanzig, fünfundzwanzig in Verwendung stehenden Laute des Alphabetes.
Sie gurrte und raunte und kommentierte den dichten, endlosen Strom aus Eindrücken und Vorstellungen, der durch ihren Kopf zog. Sie intonisierte ihre Aussagen und um sie besser abzugrenzen, setzte sie Ton-Biegungen ein. Sie verbog den Ton ihrer Aussage nach oben oder unten oder beides nacheinander und gab ihrer Äußerung mehr Profil und Emotion. Sie war längst dabei, über den Zaun zu klettern.
Unmittelbar nach der Geburt hatte sie sprachliche Laute bereits von allen anderen Geräuschen unterschieden. Der Musik hatte sie gelauscht wie dem Wind, aber auf menschliche Stimmen hin begann sie zu schmatzen und zu maulen und ihr Körper begann zu zappeln. Nach zwei, drei Monaten begann sie, aus ihren Verlautungen Verlautbarungen zu machen und sie direkt an ihre Mutter zu richten. Danach sperrte sie die Ohren auf und blickte entschlossen dem entgegen, was da zurückkommen mochte. Voller Absicht antwortete sie, ahmte die Laute der Mutter nach und übte das Zusammenspiel der Hundertschaft an Muskeln, die bei jeder kleinen Ton-Kreation koordiniert werden mussten und jede kleine Bemerkung zu einer physiologischen Großoperation machten. Sie klimperte wie auf einem inneren Klavier und machte ihre Sprachartikulation immer schärfer.
Noch vor ihrem ersten Geburtstag arrangierte sie ihr vorzeitliches Laut-Spiel rhythmisch und melodisch so, dass ihre Muttersprache hörbar wurde und sie plötzlich österreichisch klang. Sie ahmte ihre eigenen Laute nach, um sich selbst reden zu hören, um zu testen, wie es klang, was sie selber sagte und sie sagte, was sie von sich hören wollte. Sie feilte ununterbrochen an ihrem Lautsystem. Sie begann, ihre Laute zu kombinieren und den Variantenreichtum ihrer Kombinationen zu steigern. Sie lenkte einen Teil der Luft, die sie ausatmete, über den Gaumen in die Nase, erzeugte ein »M« und sagte jetzt »Ma«. Dann stoppte sie die aus dem Mund strömende Luft, in dem sie ihre Lippen schloss, ließ den Druck der abgestoppten Luft ansteigen, bis ihre Lippen auseinanderplatzten und erzeugte ein »B«. Und dann sagte sie »Ba«. Sie begann, ihre Laute zu verdoppeln. Statt »Ma« sagte sie jetzt »Mama«, statt »Ba« sagte sie jetzt »Baba« und ihre Augen glitzerten feierlich. Sie legte ihre Zunge innen an die Oberzähne, blies Luft durch und erzeugte ein »T« und ein »D«. Sie sagte »Ta« und »Da«. Sie produzierte Reibelaute wie »S«, »R« und »F«. In ihr schien etwas aufzublühen, während sie unermüdlich weitertrainierte, den Luftstrom zu modulieren. Ihre Lautkombinationen wurden zielgenauer und klanglich sauberer.
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