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Elke Schwab

Kullmann auf der Jagd

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kommissar Norbert Kullmann & Co.

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Impressum neobooks

Kapitel 1

Elke Schwab

Kullmann auf der Jagd

Kullmann-Reihe 7

Impressum

Texte: © Copyright by Elke Schwab

Umschlag: © Copyright by Elke Schwab und Manfred Rother

2. überarbeitete Auflage 2020

Cover-Foto: Manfred Rother

Autoren-Foto: Manfred Rother

www.elkeschwab.de

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt

Printed in Germany

Dieser Krimi ist die überarbeitete Auflage des Originals:

Hetzjagd am Grünen See

Blut ist der Kuss zwischen Tod und Leben,

aus ihm fließt das Sein von Gut und Böse.

In nahezu jeder Kultur und jeder Religion

hat Blut eine besondere Bedeutung.

Das beginnt in der Kinderstube der Menschheit,

in welcher sich die urzeitlichen Jäger das Blut des getöteten Tieres über den eigenen Körper verteilten.

»Moritz! Moritz!«

Laut schallte der Schrei durch den leeren Raum, traf mitten ins Nervenzentrum, öffnete sämtliche Schweißporen und ließ der Hitze seines Körpers freien Lauf.

Hastig richtete sich Harald Steiner auf. Es war stockdunkel, er fand keine Orientierung. Die Leuchtziffern auf seinem Radiowecker zeigten fünf Uhr fünfzig an. Schon fast seine normale Zeit aufzustehen. Trotzdem fühlte er sich gerädert – als habe er kaum ein Auge zugemacht.

Er hörte ein Geräusch.

Erschrocken fuhr er herum. Doch schon im gleichen Augenblick ließ die Anspannung nach, wich großer Freude. Es war das Hecheln seines Hundes, das ihm so vertraut war wie sein eigener Atem. Erleichtert schaltete er die Nachttischlampe ein und schaute seinem Deutschen Münsterländer in die dunklen Augen, die in all den Jahren nichts von ihrem Ausdruck, ihrer Wachsamkeit und Treue verloren hatten. Schwanzwedelnd stand er am Bett und versuchte sein Herrchen mit seiner Zunge abzuschlecken, was Steiner aber zu verhindern wusste. Als er sich in sein Bett zurücksinken lassen wollte, spürte er, dass sein Laken nass war – vom Schweiß.

Es war eine von vielen Nächten, in denen er von seinem immer wiederkehrenden Traum geweckt wurde. Konnten ihn die Bilder seiner Vergangenheit nicht loslassen? Wie viele Jahre waren seitdem vergangen? Er wollte lieber nicht darüber grübeln, denn dann wäre an Schlaf überhaupt nicht mehr zu denken. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihm, dass die Nacht noch pechschwarz war. Er beschloss aufzustehen, etwas zu trinken und sich auf der Couch niederzulassen, wo er den restlichen Schlaf nachholen konnte, bevor ein neuer Tag begann. Er stieg aus dem Bett und schlurfte durch einen langen, schmalen Gang in Richtung Küche.

Plötzlich hörte er einen Schuss.

Seine Müdigkeit war schlagartig verflogen. Auch Moritz zeigte mit seinem aufgeregten Bellen, dass er einsatzbereit war.

Schon wieder ein Wilderer!

Wie viel Wild war in den letzten Monaten stümperhaft angeschossen und in seinem Wald zum elenden Sterben zurückgelassen worden?

Wie so oft musste er mit seinem Hund rausgehen und die Schweißsuche nach solch einem Tier durchführen. Obwohl Moritz schon alt war, funktionierte seine Nase tadellos. Bisher war ihm kein angeschossenes Stück entgangen, ob bei Tag oder bei Nacht.

Rasch zog sich Steiner eine schwarze Hose, einen Pullover und eine wetterfeste Jacke an. Seinen Kopf bedeckte er mit einer schwarzen Mütze. So leuchtete seine Glatze nicht verräterisch; außerdem schützte sie seinen kahlen Kopf vor der Kälte.

Steiner wohnte mitten in dem Wald, der sein Arbeitsplatz war. Der Limberg hatte bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts über den doppelten Umfang verfügt.

Dann wurde er aufgeteilt in heute Limberg und Hessmühle.

Das Hofgut Limberg befand sich seit seiner Erbauung im Jahr 1812 im Familienbesitz von Villeroy. Deren Verwalter, Ernst Barbian, war mit sämtlichen personellen Belangen betraut. Ihm oblag auch die Vollmacht, das Haus an den amtierenden Förster zu vermieten. Nur so war es Steiner möglich, in einem derart feudalen Domizil zu leben.

Sein vergangenes Leben – die Zeit vor seinem Dienst als Revierjäger auf dem Limberg – wollte er mit allem Hab und Gut hinter sich lassen. Nach vorne schauen, das versuchte er seit fünfzehn Jahren. Rein äußerlich betrachtet war ihm das sogar gelungen. Wären da nicht die Alpträume, die ihn hartnäckig verfolgten.

Die Luft war feucht, es hatte geregnet. Zu der Dunkelheit kam Nebel, also ungünstige Bedingungen zum Jagen. Da war es unmöglich, Wild waidgerecht zu erlegen.

Wut kroch in ihm hoch. Er hatte sich der Jagd und der Verantwortung für das Wild verschrieben, weil er im Polizeidienst versagt hatte. Nun erlebte er, dass ihn sogar diese Aufgabe an seine Grenzen brachte. Menschen töteten aus purer Lust wehrlose Tiere. Dieses Phänomen war ihm nicht bewusst gewesen, als er die Stelle als Revierförster angetreten hatte. Vor seinem geistigen Auge hatte er nur Natur, Schönheit und Ruhe gesehen und sich deshalb mit Freude auf die neue Aufgabe gestürzt. Leider verfolgte ihn das Unrecht auch in die versteckten Winkel des Waldes. Sein Vorhaben, von seinem früheren Leben Abstand zu gewinnen, wurde auf eine harte Probe gestellt.

Zunächst versuchte Steiner zu lokalisieren, wo der Schuss gefallen war. Es musste in unmittelbarer Nähe geschehen sein. Der Limberg bestand aus Bergen und Tälern, Steilhängen und Gräben, Wällen und Schluchten, also aus vielen Hindernissen, die einen Knall aus einer Waffe schluckten, sobald er sich in einem entfernten Winkel ereignete. Seine Wohnstätte befand sich zwischen Oberlimberg und St. Barbara – direkt am Bambetter Kessel. Hinter ihm ging es nur noch bergauf, dahinter lagen Schluchten und Täler. So konnte er den Radius einkreisen, in dem der Schuss abgefeuert worden war. Sein Jeep würde nicht vonnöten sein.

Mit Moritz an der Leine und dem Revolver im Holster trat er durch den kalten Morgen. Nächtliche Schwärze und Stille umgaben ihn. Der Nebel schluckte sämtliche Geräusche. Nach und nach gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, sodass es ihm leichter fiel, mit dem Tempo seines Hundes Schritt zu halten. Moritz hechelte und zog an der Leine, als wüsste er genau, welche Richtung er einschlagen musste. Steiner ließ ihn gewähren. Die Sinnesorgane seines Hundes waren unübertrefflich, was seine Erfolge bei der Nachtsuche immer wieder bezeugten.

Es wurde ein anstrengender Marsch.

Der Weg führte steil bergauf. Trotz Dunkelheit erkannte Steiner, dass sie sich zielstrebig auf die höchste Stelle des Limbergs zubewegten. Sein Hund war trainierter als er selbst, denn Steiner begann laut zu schnaufen.

Lange dauerte es, bis Moritz endlich eine Fährte aufnahm. Die Morgendämmerung brach schon herein, der Nebel blieb hartnäckig. Moritz’ Aufregung steigerte sich, er beschleunigte sein Tempo. Steiner hatte immer größere Mühe, ihm zu folgen. Aber von der Leine lassen durfte er seinen Hund noch nicht, weil er ihn sonst aus den Augen verlor. Lange liefen sie, Steiners Luft wurde immer knapper, bis Moritz stehenblieb und sein Herrchen anschaute. Das war der Hinweis, dass er abgeschnallt werden wollte. Wie ein Pfeil schoss der braun-weiße Hund davon. Zurück blieben der Nebel und das Geräusch, das Moritz hinterließ, während er durch das Gestrüpp hechtete. Dann ertönte sein tiefes, grollendes Bellen, der Standlaut. Damit zeigte er an, dass er das Wild gefunden hatte. Von nun an bestand Steiners Aufgabe darin, dem Bellen seines Hundes zu folgen. Mühelos gelang es ihm, das Wundbett des verletzten Tieres auszumachen. Das Bild, das der angeschossene Bock ihm bot, war erschreckend. Auf dem Rücken klaffte eine große Wunde. Sein Rückgrat war verletzt worden, weshalb er sich nur noch auf den Vorderläufen fortbewegen konnte. Auf dem Kopf trug er noch sein Gehörn, fast schwarz, mit starker Perlung, hohen Kranzrosen, und messerscharfen Spitzen. Es war ein drei- bis vierjähriger Bock, also ein starkes Tier, das ein Waidmann niemals zum Abschuss freigegeben hätte, da seine Merkmale repräsentabel zum Weitervererben waren. Hinzu kam die noch andauernde Schonzeit. Dieser Bock war auf keinen Fall mit einer Ricke zu verwechseln, da er seine starke Gehörnmasse noch nicht abgelegt hatte. Das Abschlachten durch Wilderer wuchs zu Steiners größter Sorge heran, einer Herausforderung, die nichts mit seiner ursprünglichen Vorstellung einer Tätigkeit als Förster gemein hatte. Zum Jahresende sollte eine groß angelegte Treibjagd mit Gästen aus ganz Deutschland und Frankreich organisiert werden – der Höhepunkt des Jahres – und Steiner befürchtete bis dahin weitere brutale Wilderei.

Mit zitternden Flanken und weit aufgerissenen Augen schaute der angeschossene Bock ihn an, als wolle er ihn anflehen, von seinem Leid erlöst zu werden. Gewissenhaft setzte Steiner seinen Revolver zum Fangschuss auf den Träger an und drückte ab. In derselben Sekunde war das Tier verendet.

Inzwischen war es fast taghell geworden. Der Nebel lichtete sich, blauer Himmel lugte zwischen den weißen Schwaden hindurch. Es kündigte sich ein sonniger Tag an. Das war das Einzige, was Steiner in diesem Augenblick den nötigen Auftrieb gab, den langen Rückweg anzutreten. Einen erlegten Bock während der Schonzeit in der Wildkammer abzulegen, schadete seinem Ruf. Bei der Verbreitung von Gerüchten spielten die genauen Umstände keine Rolle. Sein Arbeitgeber hatte auf seine Fähigkeiten vertraut, obwohl er als Förster keinerlei Referenzen hatte vorweisen können. Nun gelang es ihm nicht, seinen Aufgaben gerecht zu werden.

Leise knirschten die Kieselsteine unter seinen Sohlen. Sein Atem zeichnete sich in kleinen Wölkchen vor seinem Mund ab. Moritz ging lautlos bei Fuß.

Er marschierte auf den großen Holzspalter zu, ein nützliches, aber bedrohlich aussehendes Arbeitsgerät. Das stählerne Monstrum wirkte be­unruhigend auf Steiner. Heute ganz besonders. An den Umrissen konnte er sofort erkennen, dass etwas anders war.

Plötzlich knallte ein Schuss durch die Stille – begleitet von einem unmittelbaren zweiten Donnern, dem Kugelschlag.

Ein Schuss mit Treffer.

Erschrocken schaute Steiner auf seinen Hund. Moritz hechelte aufgeregt neben ihm. Für ihn gab es keinen Zweifel.

Steiners Blick fiel wieder auf die Holzspaltmaschine. Im Nebel wirkte alles unwirklich. Und doch wusste Steiner, dass er gerade mit der Wirklichkeit konfrontiert wurde.

Gab es ein Zurück? Konnte er sich einfach umdrehen, und nachsehen, welchen Schaden der zweite Schuss angerichtet hatte? Moritz zog ihn in diese Richtung; sein Unterbewusstsein in die andere. Schließlich stand er unmittelbar vor dem stählernen Monster und sah, was er nach seinem Rücktritt aus dem Polizeidienst nicht mehr sehen wollte.

Dort lag ein menschlicher Körper.

Der Spalter, ein schwerer messerscharfer Stahlblock, war heruntergesaust und hatte den Kopf vom Körper getrennt – wie eine Guillotine aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Moritz bellte. Steiner befahl ihm, ruhig zu sein und sich zu setzen. Dann besah er sich den Toten genauer. Er waren die Reste eines Mannes in Jägerkleidung; grüne Hose, Lodenjacke, festes Schuhwerk.

Vom Kopf keine Spur.

Er suchte die Umgebung ab, fand aber nichts Auffälliges. Blutschlieren an dem Stahlblock gaben einen deutlichen Hinweis darauf, dass die Enthauptung an diesem Gerät durchgeführt wurde. Zu Steiners Überraschung gab es keine Blutlache unterhalb des Rumpfes. Bei dieser Tötungsart müsste eine große Menge Blut geflossen sein.

Er hörte Schritte.

Moritz stellte die Ohren auf, zog die Zunge ins Maul zurück und verharrte wie aus Stein gemeißelt. Ein Zeichen äußerster Wachsamkeit.

Steiner spürte, wie sich ihm die Nackenhaare stellten. Wer kam da durch den undurchsichtigen Nebel? Kehrte der Täter etwa an den Tatort zurück?

Er nahm seinen Revolver aus dem Holster, entsicherte ihn. Unvermindert setzte sich das leise Tack, Tack, Tack fort. Steiner stutzte. Nur ein unbedarfter Spaziergänger ignorierte das Geräusch einer Waffe, die zum Abschuss entsichert wird. Aber in dem Fall war seine Situation auch nicht viel besser. Steiner direkt vor einer enthaupteten Leiche zu finden, würde seine Rolle als Zeuge in Frage stellen. Also musste er zusehen, dass außer ihm niemand bis an den Holzspalter herankam, bevor er nicht selbst die ehemaligen Kollegen über seinen Fund informieren konnte.

Kaum hatte er diese Überlegung angestellt, zeichnete sich aus dem Nebel eine zarte, weibliche Gestalt ab. Erleichtert verstaute er seine Smith & Wesson und trat auf die junge Frau zu. Sie war in einen langen schwarzen Mantel gehüllt, darunter trug sie eine schwarze Hose, die mit Silber glitzernden Abzeichen bestickt war. Steiner erkannte umgedrehte Kreuze. Ihre Haare waren schwarz gefärbt, die Fingernägel schwarz lackiert, die Umrandung um die Augen ebenfalls schwarz, sogar die Lippen. Piercings an Augenbrauen, Ohren und Unterlippe durften bei der Maskerade nicht fehlen. Ihre Haut schimmerte leichenblass.

Diese Erscheinung erinnerte ihn sofort an mehrere Diensteinsätze. Mit wie vielen Menschen, die sich auf diese Art und Weise vom Leben abschotten wollten, war er in Berührung gekommen? Die schlimmsten von Ihnen bekannten sich zu Satan, hielten Schwarze Messen ab und behaupteten, sich durch Alkohol- und Sexualexzesse innerlich zu befreien. Er hatte seine Arbeit als Förster des Limbergs in der Hoffnung angetreten, von den psychisch Degenerierten genügend Abstand zu gewinnen. Aber das Gegenteil war der Fall. Um verbotenen Ritualen zu frönen, suchten Menschen gerade diese verlassene Gegend auf. Die Scheune, direkt neben der Kapelle auf dem Berg, war der Ort, den sie für ihre perversen Spiele auswählten. Bisher war niemand erwischt worden. Sie ließen nur die Spuren der Verwüstung zurück, vermutlich weil es ihnen Spaß machte, vorbeispazierende Menschen zu schockieren.

Und nun kam eine schwarz gekleidete Frau in aller Frühe auf ihn zu. Dazu noch in der Nähe einer enthaupteten Leiche. Gehörte sie zu den Sata­nisten? War sie vergessen worden? Oder wollte sie sich an den Früchten der letzten Messe erfreuen?

Er durfte sie nicht zu nah an den Toten heranlassen. Sie war für ihn sofort verdächtig.

»Wer sind Sie und was wollen Sie hier?«

»Das geht Sie nichts an«, kam es unfreundlich zurück.

»Es ist heute Nacht nicht sicher hier im Wald«, gab Steiner gereizt zurück. »Am besten ist es, Sie gehen schnell wieder nach Hause!«

Die Frau machte keine Anstalten zu gehen. Er ahnte, dass sie Probleme bereiten würde. Da lag ein Toter, den er der Polizei melden musste, und vor ihm verharrte eine Fremde, die er von dem Toten fernhalten musste.

»Ich gehe jetzt weiter«, verkündete sie und wollte tatsächlich an ihm vorbei.

Steiner stellte sich breitbeinig in den Weg, streckte seinen rechten Arm aus und versuchte nach ihr zu greifen, als sie sofort los schrie: »Lass mich los! Oder bist du ein Perverser?«

Entsetzt wich er zurück, was sie ausnützte und einen weiteren Schritt auf ihn zu machte.

»Bis hierhin und nicht weiter«, befahl er.

»Hast du mir was zu sagen?«

»Erstens sind wir nicht per du, zweitens bin ich hier der Revierförster.«

»Ich bin beeindruckt.« Ironie zeichnete sich auf ihrem blassen Gesicht.

»Hören Sie, hier ist es gefährlich. Es gibt Wilderer in diesem Wald und ich weiß nicht, ob die immer erkennen, auf wen oder was sie schießen. Deshalb rate ich Ihnen noch mal, den Wald zu dieser frühen Stunde zu verlassen.«

»Leck mich, du A…«

»Jetzt reicht es«, unterbrach Steiner die junge Frau. »Sie werden umkehren, wie ich es gesagt habe!«

Steiner hatte keine Zeit, sich mit ihr herumzuschlagen. Er musste zusehen, dass er den Leichenfund meldete. Da er selbst einmal bei der Kriminalpolizei gearbeitet hatte, wusste er genau, wie es auf die ehemaligen Kollegen wirken musste, wenn er dieser Pflicht nicht sofort nachkam. Die Zeit, die bereits verstrichen war, könnte schon zu lange sein.

Das war sie bereits.

Ein Polizeiauto mit Blaulicht kam angerollt, gefolgt von einer ganzen Autokolonne – wie er zu genau wusste, von einer Tatortgruppe, der Spurensicherung, dem Gerichtsmediziner und der Staatsanwaltschaft.

Schlimmer hätte es nicht kommen können.

Das erste Auto hielt vor ihm an. Aus dem Wagen stieg Theo Barthels, der Leiter der Spurensicherung.

»Harald Steiner«, kam er auf ihn zu. »Was machst du denn hier?«

»Ich bin gerade über eine Leiche gestolpert, was ich euch schon gemeldet hätte, wäre diese aufdringliche Dame nicht ausgerechnet jetzt hier aufgekreuzt!«

»Wir sind bereits informiert worden«, bemerkte Barthels. »Aber nicht von dir.«

»Von wem?«

»Was heißt hier Leiche?«, funkte die schwarz gekleidete Frau dazwischen. »Deshalb hast du mich nicht durchgelassen?«

»Ihr kennt euch?«, schlussfolgerte Barthels sofort.

»Nein!«

In der Zwischenzeit waren auch die anderen Wagen stehen geblieben. Allen voran kam Jürgen Schnur. Als er Harald Steiner erblickte, fragte er überrascht: »Was tust du denn hier?«

»Ich arbeite hier als Förster für das Forstunternehmen von Monsieur Villeroy«, erklärte Steiner.

Jürgen Schnur lachte: »Der Wald ist die Heimat der Jäger! Dann ist es ja kein Wunder, dass ich dich hier antreffe. Ich wusste nicht, dass du unter die Naturburschen gegangen bist.«

»Und was machst du hier?«, stutzte Steiner.

»Ich bin jetzt Kommissariatsleiter der Dienststelle für Kapital- und Sexual­delikte. Das ist mein erster Fall in meiner neuen Funktion.«

»Gratuliere! Ich erinnere mich noch, wie du bei der Kriminalpolizei angefangen hast. Mit dir haben sie einen guten Mann auf den Posten gesetzt.«

»Danke für die Blumen. Hoffentlich bereust du das Kompliment nicht sofort wieder. Wer ist die Frau an deiner Seite?«

»Nimm sie dir genau vor«, flüsterte Steiner statt einer Antwort. »Sie scheint eine der Satanisten zu sein, die hier oben ihre Spiele treiben.«

»Ich nehme mir jeden vor, den ich in der Nähe einer Leiche finde«, entgegnete Jürgen Schnur bestimmt. »Oder meinst du, ich glaube an das Gute im Menschen?«

»Ich bin Anne Richter«, stellte sich die schwarz gekleidete Frau vor.

Sofort kam eine schlanke Frau mit goldblonden Locken auf die Fremde zu und bat sie, ihr zu folgen. Zu Steiners großer Überraschung tat sie das auch.

»Wer ist die schöne Blonde?«, fragte Steiner.

»Das ist Esther Weis, Mitarbeiterin meiner Dienststelle.«

»Es hat sich in den letzten Jahren wohl einiges verändert. Zu meiner Zeit waren keine Polizeibeamtinnen im Außendienst.«

Er bekam keine Gelegenheit, sich lange mit diesem Thema zu beschäftigen, da trat ein untersetzter Mann in fleckiger Hose und abgewetztem Parka auf ihn zu, zeigte mit den Zeigefinger auf ihn und sprach mit gehetzter Stimme und hektischen Bewegungen: »Jetzt haben wir dich! Du bist fertig! Ich wusste von Anfang an, dass du nicht sauber bist. Aber keiner hat auf mich gehört. Hier haben wir die Bestätigung!«

»Was soll das, Rolf?«, rief Schnur, um den Redefluss zu stoppen.

»Du kennst diesen Choleriker?«, staunte Steiner.

»Ja! Ich bin hier aufgewachsen. Da kommt man nicht umhin, Subito-Rolf zu kennen!«

»Dann weißt du ja, was du von diesem Redeschwall zu halten hast«, gab Steiner von sich. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, etwas von den Worten, die der aufgebrachte Mann ihm entgegengeschleudert hatte, zu widerlegen.

»Nein, das weiß ich nicht«, gab Schnur scharf zurück. »Ich kenne Rolf West, weiß, dass er seinen Spitznamen nicht zu Unrecht bekommen hat, weil er äußerst impulsiv ist. Was ich aber auch weiß, ist, dass du hier vor einer Leiche stehst, sie aber mit keinem Wort bei uns gemeldet hast.«

»Das habe ich dir doch erklärt.«

»Hast du nicht! Rolf hat schon vor einer Stunde bei uns den Fund eines Kopfes gemeldet. Und dich treffe ich genau am Fundort, an dem der Rest der Leiche liegt. Was soll ich davon halten?«

Zweifelnd schaute Schnur den ehemaligen Einsatzleiter an.

Steiner zog seine Schirmmütze ab und rieb sich über die Glatze. Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte. In seinen Augenwinkeln sah er die schwarz gekleidete Frau wild gestikulierend mit der hübschen Polizeibeamtin sprechen. Ihr verdankte er, dass er nicht rechtzeitig seinen Anruf tätigen konnte. Nun stand er in Erklärungsnot.

Moritz, sein Hund schaute unentwegt auf sein Herrchen. Sein Schwanz war eingezogen, sein Maul geschlossen, die Ohren gespitzt. So als spürte er die unsichtbare Gefahr, in der Steiner schwebte.

Die kurze Stille wurde von einem lauten »Steiner, Steiner« unterbrochen, das begleitet vom hektischen Durcheinanderrufen der Polizeibeamten zwischen den Polizeifahrzeugen erschallte.

Steiner erkannte diese krächzende Stimme unter tausenden. Es war Micky, der jüngste Sohn von Rolf West.

Sein rundes Gesicht strahlte vor Glück, als er auf Steiner zulief. Das Ausmaß der Situation hatte er nicht begriffen, er sah nur ein Ziel vor Augen, nämlich seinem Freund Steiner mitzuteilen, was er an diesem Morgen erlebt hatte.

»Ich habe den Kopf gefunden«, begann er. »Ich wollte ihn begraben, wie ich das mit toten Tieren auch immer mache. Das war doch richtig, oder?«

Er schaute mit seinem gewinnenden Lächeln zu Steiner hinauf und hoffte auf Bestätigung.

Der Jäger stand ganz betroffen da, ahnte, dass der Junge in seiner Naivi­tät das Schlimmste angerichtet hatte, nämlich den Verdacht zu erregen, Spuren zu beseitigen. Aber was sollte er ihm sagen? In seiner Unbedarftheit hatte Micky nur das getan, was er schon lange tat.

Also strich er ihm über das dunkle Haar, lächelte ihn an und meinte: »Das war richtig, Micky.«

»Da haben wir’s«, brüllte Rolf West sofort los. »Er nutzt die Einfältigkeit meines Sohnes aus, um seine Schandtaten zu vertuschen.«

Mit einem Satz war der hypernervöse Mann dicht vor Steiner. »Wie lange geht das schon so?«

Plötzlich stand sein Sohn zwischen den beiden Männern. Wild entschlossen trommelte er mit seinen kleinen Fäusten auf seinen Vater ein und schrie: »Er ist mein Freund! Er ist mein Freund!«

Schnur musste eingreifen, um Handgreiflichkeiten zu verhindern. Mit einer Hand zog er Rolf West von Steiner weg und übertönte Mickys Gezeter mit den Worten: »Schluss mit deinen Eigenmächtigkeiten. Du gehst zu weit. Die Polizeiarbeit macht immer noch die Polizei.«

»Ihr macht ja nichts!«

»Halt endlich die Klappe, Rolf«, befahl Schnur, während er den Jungen genauer beobachtete.

Vor Schreck über den strengen Tonfall, blieb der Angesprochene tatsächlich ruhig.

Auch Micky wurde still. Er suchte sich einen sicheren Platz, ganz dicht hinter Steiner.

»Wie heißt dein Sohn Micky richtig?«, fragte Schnur.

»Michael!«

Der Junge hatte das Down-Syndrom. Das entging Schnur nicht. Wie es wohl zu der Freundschaft zwischen Steiner und dem Jungen gekommen war?

Es war der Gerichtsmediziner Dr. Thomas Wolbert, der Schnur aus seinen Gedanken riss. Während des ganzen Gespräches hatte er gebückt über dem Körper des Toten gestanden. Nun richtete er sich auf und berichtete: »Der Tod trat erst vor wenigen Stunden ein. Die Todesursache ist auf den ersten Blick eindeutig, es sei denn, er wurde post mortem geköpft.«

»Besteht die Möglichkeit?«

»Ja! Die Kollegen der Spurensicherung konnten bisher nur wenig Blut finden, was dafür spricht.«

»Gut, dann warten wir ab, bis wir ganz sicher sind«, meinte Schnur.

»Wir werden die Leiche jetzt mitnehmen«, verkündete der Gerichtsmediziner, was Schnur mit einem Nicken quittierte.

»Jetzt haben wir dich«, nutzte Rolf West den Moment, um sich wieder auf Steiner zu stürzen. »Schrecklich, wenn man den abgetrennten Kopf eines nahe stehenden Menschen sehen muss. Bernd Schumacher war einer von uns. Du hast wohl geglaubt, wenn sein Kopf verschwindet, kommt niemand dahinter, wer dort in der Spaltmaschine steckt! Für die Drecks­arbeit ist mein Sohn gerade gut genug!«

Aber Steiner hörte nicht mehr zu. Ihm ging nur noch der Name durch den Kopf.

»Bernd Schumacher?«

»So heißt der Tote«, erklärte Schnur. »Wie ich erwartet habe, geht dir bei dem Namen ein Licht auf.«

»Wie kommt Bernd Schumacher hierher? Ich dachte, der sitzt.«

»Er wurde vor einigen Monaten entlassen – wegen guter Führung.«

Steiner war so überrascht, dass ihm die Worte fehlten.

»Du weißt, was das bedeutet?«, fragte Schnur. »Ich muss dich auf die Kriminalpolizeiinspektion nach Saarbrücken mitnehmen. Dort wirst du erkennungsdienstlich behandelt, danach stelle ich dir einige Fragen.«

»Darf ich mir wenigstens Kleider zum Wechseln mitnehmen?«

»Natürlich, aber es bleibt immer jemand in deiner Nähe«, bestimmte Schnur.

»Meine Güte! Soviel Misstrauen. Du weißt doch, wer ich bin und auf welcher Seite ich stehe.«

»Ich kann nur von dem ausgehen, was ich sehe. Und das sieht nicht gut für dich aus.«

Steiner gab sich geschlagen.

»Oben auf dem Berg liegt ein Rehkadaver«, erklärte er, während sie auf das Auto zugingen. »Der Bock muss in die Wildkammer gebracht werden.«

»Einen Bock in der Schonzeit schießen«, blaffte Rolf West sofort los. »Das bringst nur du fertig! Aber jetzt bist du erledigt. Deine Zeit als Förster ist vorbei. Ernst Barbian wird Augen machen, wenn er hört, was du dir neben der Wilderei noch alles erlaubt hast.«

»Nicht so hastig, Subito-Rolf«, funkte Schnur dazwischen. »Wir werden Harald Steiner nur befragen. Er ist nicht verhaftet. Ich hoffe, das ist in deinem überreizten Hirn angekommen und du redest keinen Unsinn im Dorf.«

»Das wird nicht zu vermeiden sein«, resignierte Steiner. »Rolf lässt nichts aus, was mir schaden könnte.«

»Richtig erkannt! Warum sollte ich dir helfen? Wie du mir, so ich dir«, zischte Rolf West.

Steiner überhörte seine letzte Bemerkung. Stattdessen sprach er zu Schnur: »Bevor ich auf die Leiche im Holzspalter gestoßen bin, ist noch ein Schuss oben auf dem Berg gefallen.«

»Wo?«

»Es hörte sich an, als habe der Schütze in der Umgebung der Kapelle gestanden. Genauer weiß ich es nicht.«

Eine Weile schaute Jürgen Schnur Harald Steiner an, überlegte, was in seiner Situation zu tun sei, bis er sich entschied: »Ich werde einige Kollegen dorthin schicken. Sie sollen nachsehen. Denn, sollte dort ein weiterer Toter liegen, wäre es fatal, wenn ich deinen Hinweis übergehe.«

»Stimmt«, nickte Steiner. »Vor allem, weil es ein Schuss mit Treffer war.«

»Was macht dich so sicher?«

»Der Kugelschlag war deutlich zu hören.«

Als sie vor dem Wagen standen, kam die schwarz gekleidete Frau wieder auf Steiner zu. Er war frustriert, als in seiner ohnehin miserablen Gemütsverfassung auch noch ihre Hetzparolen an sein Ohr drangen: »Jetzt verstehe ich, warum du mich nicht vorbei gelassen hast. Das war natürlich schön blöd, dass ich genau in dem Augenblick aufkreuzte, als du mit deiner Tat noch nicht fertig warst. Was wolltest du noch machen? Den Toten ausnehmen, die Lieblingsbeschäftigung der Jäger?«

»Frau Richter!« Esther eilte dazwischen. »Mischen Sie sich hier nicht ein. Das geht Sie nichts an. Ein Kollege wird sie jetzt zur Polizeiinspektion mitnehmen, damit Sie dort Ihre Aussage machen.«

»Dumm was, dass ich dazwischen kam«, rief sie trotzig weiter. »Hab ich dich um dein Vergnügen gebracht?«

Steiner spürte, wie in ihm Wut hoch kroch. Sie wollte den Verdacht von sich auf ihn ablenken, was ihr auch glänzend gelang.

Aber Esther ließ sie nicht weiterreden, sondern schob sie gegen ihren Willen ins Polizeifahrzeug.

»Esther, du wirst jetzt mit Harald Steiner zu seinem Haus fahren, ihm gestatten, dort einige Kleider zum Wechseln zu packen und mit ihm nach Saarbrücken kommen«, wies Schnur seine Mitarbeiterin an. »Ein Kollege wird dich begleiten.«

»Und was passiert mit meinem Hund?«, fragte Steiner.

Moritz stand ganz aufgeregt neben ihm und wedelte mit dem Schwanz, als das Thema endlich auf ihn kam.

Esther trat auf das schöne Tier zu und überlegte, es zu streicheln. Aber die Vorsicht siegte. Sie schaute auf den Besitzer und fragte: »Ist er gefährlich?«

Steiners Gesicht verzog sich zu einer todernsten Miene und antwortete: »Oh ja!«

Erschrocken wich sie zurück.

Steiner fügte an: »Das ist ein Kampfschleckhund. Jeder, der ihn streichelt, bekommt es unweigerlich mit seiner langen, nassen Zunge zu tun.«

Erleichtert lachte Esther , setzte sich in die Hocke und streichelte Moritz über das samtweiche Fell. Einige Sekunden verstrichen, bis der Hund tatsächlich genau das tat, was Steiner angekündigt hatte. Er begann ihre Hand abzulecken.

»Ist der süß«, jubelte sie. »Wir nehmen ihn mit. So einen treuen Kerl kann man nicht allein zurücklassen.«

»Okay, bringt ihn mit! Aber macht euch auf den Weg. Ich will hier keine Wurzeln schlagen«, stimmte Schnur zu.

»Das heißt ja, dass du ihn wieder laufen lässt?«, ertönte die Stimme von Rolf West.

»Du warst ja schon immer schnell mit deinem Mundwerk, aber langsam mit dem Hirn. Wie ich sehe, hat sich im Laufe der Jahre nicht viel daran geändert«, gab Schnur dem hitzköpfigen Mann zu verstehen.

Erstaunt schauten alle Kollegen auf Jürgen Schnur, die ihn so zynisch gar nicht kannten. Aber Schnur ließ sich nicht beirren. »Sieh zu, dass der Rehkadaver in die Wildkammer gebracht wird! Das ist das Einzige, was du im Augenblick richtig machen kannst.«

Sogar Rolf West war durch diesen Ton so erschrocken, dass er nur noch ein Nicken zustande brachte. Er suchte nach Micky, um mit ihm zum Polizeifahrzeug zu gehen. Der Junge versteckte sich immer noch hinter Steiner.

Das veranlasste Steiner, sich zu Micky umzudrehen und einige Worte mit ihm zu sprechen. Das Lächeln verschwand aus dem rundlichen Gesicht und wich einer trotzigen Miene. Aber er widersprach Steiner nicht und folgte widerstrebend seinem Vater.

Nach und nach entfernten sich die Fahrzeuge vom Tatort. Zurück blieben nur noch wenige Beamte, die den Tatort mit Absperrband absicherten.

Esther begleitete Steiner nach Hause. Sie saß auf dem Beifahrersitz, ein Polizeibeamter vom Polizeibezirk Saarlouis hatte das Steuer übernommen. Ständig fiel ihr Blick in den Rückspiegel, um Steiner zu beobachten. Sein Hund lag auf seinem Schoß, sein Gesicht wirkte entspannt, während er das braun-weiß gefleckte Fell streichelte.

Der Fahrer des Wagens folgte Steiners Wegbeschreibung, bis er ein gusseisernes Tor passierte und an einem gut gepflegten Rasen vorbei auf ein Gebäude im Stil des Klassizismus zurollte. Die geraden Formen bestachen durch die hohen Sprossenfenster, dekoriert von dunklen Klappläden auf der hellen Fassade. Vollendet wurde das Gesamtbild durch das Mansardendach aus schwarzem Schiefer. Ein kleines Haus in neuzeitlicher Bauweise und ein flaches Gebäude flankierten das Herrenhaus, eingeschlossen von üppigen bunten Blättern wilden Weins. In der Mitte des Hofes prangten ein moderner Pavillon und ein rustikales Brunnenhaus. Dunkelrote Rosen, weiße Margeriten und gelbe Dahlien stachen von dem saftigen grünen Rasen ab, eine kleine Oase zwischen Sandsteinwänden, wo der Berg für dieses Fleckchen Erde abgetragen worden war. Der Anblick verschlug ihnen den Atem.

Als Steiner die erstaunten Gesichter bemerkte, erklärte er: »Durch meinen Arbeitsvertrag mit Monsieur Villeroy habe ich hier nur Wohnrecht. Das Haus gehört mir nicht.«

»Aber allein dort zu wohnen muss doch schön sein«, überlegte Esther laut.

»Das dachte ich auch, als ich hierher zog – ein Vorzug meiner neuen Arbeit. Ein ruhiges Leben, fernab von allem.«

»Wovor flüchten Sie?«

Mit dieser Frage brachte die Kommissarin Steiner aus dem Konzept.

»Ich sollte Kleider zum Wechseln holen«, lenkte er ab.

Sie stiegen aus. Wieder ließ Esther ihren Blick über das Haus wandern. Doch zu ihrem Erstaunen steuerte Steiner nicht das Schmuckstück des Hofes an, sondern die zum Wohnhaus umgebaute Remise. Zwischen den Blättern des wilden Weins war die Eingangstür nur zu vermuten.

Sie betraten eine große Diele mit Parkettboden. Eine Glastür trennte den Eingangsbereich vom Wohnbereich ab. Von allen Seiten fiel Tageslicht herein. Steiner ging voraus. Aus einem der Räume strömte Kaffeeduft, dem Esther Weis am liebsten gefolgt wäre. Steiner ging mit Esther Weis durch ein gemütliches Kaminzimmer und steuerte einen Raum an, der eindeutig sein Schlafzimmer war. Dort zog er Kleidungsstücke aus dem Schrank, eilte ins Nachbarzimmer, wo er Vorräte für seinen Hund einpackte. Moritz verhielt sich still und gehorsam. Esther Weis entwickelte in der kurzen Zeit eine große Freude an dem Tier und streichelte bei jeder Gelegenheit über sein Fell, was Moritz sich gern gefallen ließ.

Kapitel 2

Im Flur der Kriminalpolizeiinspektion stellten sie fest, wie still es dort war.

»Wo sind die Kollegen?«, fragte Esther ihren Vorgesetzen.

»Anke ist krank«, kam es mürrisch zur Antwort.

»Was hat sie denn?«

»Windpocken!« Schnurs Tonfall ließ keinen Zweifel an seinem Frust. »Wenn man ein Kind hat, das in den Kindergarten geht, kommt so etwas leider vor. Und wir haben das Nachsehen.«

»Da fehlen aber noch ein paar«, erinnerte Esther Weis. »Ausgerechnet an dem Tag, an dem sich die neue Staatsanwältin vorstellen will, ist keiner da.«

»Erik Tenes ist auf dem Weg hierher. Er wird zusammen mit ein paar Beamten der Polizeidienststelle Saarlouis morgen früh die Suche auf dem Limberg fortsetzen.«

»Nach was suchen wir denn?«, fragte Esther.

»Nach einem Projektil oder nach einem angeschossenen Wild – was weiß ich, was sie dort finden werden«, brummte Schnur. »Nach Steiners Angaben ist dort ein Schuss mit Treffer gefallen – dem müssen wir nachgehen …«

Steiner stand mit Moritz an der Leine im Flur und wartete geduldig.

»Wer übernimmt Harald Steiner?«, stellte Esther die Frage, die sie noch viel mehr beschäftigte.

»Er muss seine Kleider für den Erkennungsdienst abgeben, was mir ungelegen kommt«, gab Schnur mürrisch zu verstehen. »Du weißt, dass ich einen Termin mit der neuen Staatsanwältin habe. So glänze ich schon bei unserer ersten Begegnung mit Verspätung. Na toll!«

»Ich würde dir Steiner abnehmen, aber ich glaube nicht, dass er damit einverstanden wäre.«

Steiner hatte das Gespräch mitgehört. Er trat auf Esther zu und meinte: »Warum sollte ich nicht damit einverstanden sein, mich vor Ihnen zu entkleiden? Sie sind mir bedeutend lieber als Jürgen Schnur, der alte Diener.«

Er folgte Esther in einen kahlen und unpersönlichen Raum.

»Hier?«

Esther zuckte mit den Schultern. Ihre Verlegenheit war größer als Steiners, was sie selbst überraschte.

»Sie wissen, dass ich Sie im Auge behalten muss, für den Fall …«

»Das ist mir sogar recht«, kam es zurück. »Ich will schließlich nicht, dass Sie nachher für einen Fehler haftbar gemacht werden.«

»Danke. Sie machen es mir leicht.«

Er schaute sie lange an. Sie hielt seinem Blick stand. Seine dunkelbraunen Augen wirkten klug und undurchdringlich. Sein Kopf glänzte kahl, bis auf wenige graue Stoppeln, die einen Kranz am Hinterkopf bildeten. Seine Gesichtszüge waren markant, seine Falten tief, was draufgängerisch an ihm wirkte. Nicht das kleinste Anzeichen von Unsicherheit erkannte sie an ihm, während er begann, sich seiner Kleider zu entledigen.

Nach und nach legte er die Stücke auf den Tisch, bis er völlig nackt vor ihr stand.

Sein Oberkörper war muskulös, seine Schultern breit. Er hatte einen Waschbrettbauch, wie Esther es nur von Reklameschildern kannte, und kräftige Oberschenkel. Obwohl sie wusste, dass es unhöflich war, ihn anzustarren, gelang es ihr nicht, ihren Blick abzuwenden.

»Darf ich mich wieder anziehen?«

Mit dieser Frage brachte er sie aus dem Konzept. Verwirrt nickte sie, stammelte ein »Natürlich« und merkte, wie sie augenblicklich rot im Gesicht wurde. Steiner dagegen war die Selbstsicherheit in Person.

Innerlich ärgerte sich Esther über ihr Verhalten. Hastig packte sie die Kleidungsstücke in eine Tüte und wollte das Zimmer verlassen, als ihr eine Frage einfiel: »Wer ist Bernd Schumacher?«

Anstatt zu antworteten, stellte ihr Steiner eine Gegenfrage: »Seit wann arbeiten Sie hier im Polizeidienst?«

»Seit sieben Jahren.«

»Dann wissen Sie natürlich nicht, wer Bernd Schumacher ist«, folgerte Steiner. Er zögerte eine Weile, bis er endlich weiter sprach: »Ich war bis vor fünfzehn Jahren Einsatzleiter des Sondereinsatzkommandos des Saarlandes. Mein letzter Einsatz galt Bernd Schumacher. Der Einsatz scheiterte, weshalb ich meinen Rücktritt erklärte.«

An diesen Worten erkannte Esther, dass der Fall interessant zu werden versprach. Steiner tat nichts, um den Verdacht von sich abzulenken, dabei drückten seine eigenen Worte schon ein Motiv aus, Bernd Schumacher zu töten.

Leise schloss sie die Tür hinter sich.

Ein paar Türen weiter breitete sich Aufregung im Büro aus. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: »Gleich kommt die neue Staatsanwältin.«

Erwartungsvoll lauschten sie den Schritten auf dem Flur, die immer näher kamen.

Dieter Forseti zupfte nervös an seiner Krawatte. Nach seinem Sprung vom Hauptkommissar zum Ersten Hauptkommissar war seine Karriere nicht mehr zu stoppen. Kurt Wollnys vorzeitiger Abschied in den Ruhestand hatte ihn unverhofft schnell zum Kriminalrat befördert. Hier stand er nun vor seinem ersten offiziellen Auftreten als Amtsleiter.

Die Tür ging auf.

Vor ihnen stand eine große, schlanke Frau mit roten Haaren, die in wilden Locken ihr schmales Gesicht umrahmten. Sie trug einen grünen, figurbetonten Hosenanzug, dazu Goldschmuck an Hals und Ohren. Überrascht und belustigt zugleich blickte sie in die Runde, bevor sie mit einer angenehm tiefen Stimme sprach: »Ein Begrüßungskomitee hatte ich nicht erwartet.«

Alle waren gefesselt von ihrem Anblick. Ihr Gesicht war blass und ungeschminkt. Hohe Wangenknochen und die lange, gerade Nase wirkten aristokratisch.

Es war Forseti, der sich wie immer am besten im Griff hatte. Er trat auf sie zu mit den Worten: »Ich bin Kriminalrat Forseti.«

»Ich bin Staatsanwältin Ann-Kathrin Reichert.« Sie reichte ihm ihre Hand.

Schnur gesellte sich dazu. »Jürgen Schnur. Dienststellenleiter. Ich freue mich, Sie als Nachfolgerin von Emil Foster begrüßen zu können.«

»Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit«, antwortete die Staatsanwältin mit ihrer auffallend dunklen Stimme.

»Da habe ich keine Bedenken«, gab Jürgen Schnur galant zurück.

Forseti übernahm den nächsten Teil der Empfangszeremonie. Er stellte alle Mitarbeiter vor. Ann-Kathrin Reichert begrüßte jeden mit Handschlag.

»Zum Einstand laden wir Sie zu einer Besprechung ein«, kam Schnur sofort zum Thema. »Leider müssen wir Sie gleich mit einer unangenehmen Angelegenheit überfallen und haben zu unserer Verteidigung noch wenig vorzubringen. Wir stehen ganz am Anfang.«

Ann-Kathrin Reichert lachte. Amüsiert schaute sie sich Schnur genauer an, bevor sie sagte: »Sie halten es nicht für möglich: Aber zum Arbeiten bin ich hier – nicht zum Vergnügen.«

Leises Gelächter ertönte.

Es war Forseti, der alle in Staunen versetzte. »Sicherlich! Aber ein wenig Vergnügen während der Arbeit hat noch keinem geschadet.«

War das der Forseti, den sie kannten?

Höflich zeigte er der Staatsanwältin den Weg zum Besprechungsraum. Gläser und Getränke standen bereit. Alles war bestens vorbereitet.

Die Staatsanwältin setzte sich neben Jürgen Schnur, der ihr den Stuhl hervorzog, um ihr Platz anzubieten.

Nach seinem kurzen Bericht forderte Schnur seinen Mitarbeiter Erik Tenes auf, das Ergebnis der Suche auf dem Limberg zu schildern. Es wurde weder ein angeschossenes Tier noch ein angeschossener Mensch dort gefunden.

Steiners Aussage, einen Schuss auf dem Berg gehört zu haben, stand somit in Frage.

Kapitel 3

Die Zeit, die Steiner mit seinem Hund allein in dem kargen Raum saß, nutzte er, um nachzudenken. Der Einsatz vor fünfzehn Jahren hatte sein Leben entscheidend verändert. Lange hatte er sich eingeredet, dass er so besser dran war. Aber wenn er ehrlich blieb, hatte er sein Ziel verfehlt. Der Gang in das neue Gebäude der Kriminalpolizeiinspektion hatte ihm verdeutlicht, dass es ein notgedrungener Schritt gewesen war und keine freiwillige Entscheidung. Er arbeitete Tag und Nacht allein im Wald, erstellte Abschusspläne für das Wild, das in einem Jahr geschossen werden durfte, organisierte den Holzeinschlag für den Herbst, damit der Baum­bestand des Waldes im Gleichgewicht blieb. Nichts davon entsprach seiner ursprünglichen Berufung, Menschen in Notsituationen zu helfen. Seine einzigen menschlichen Kontakte galten dem Kampf gegen die Wilderer, die seine Arbeit in Frage stellten, den Komplikationen mit den Leuten aus dem Dorf, deren Ziel es war, ihn um seinen Arbeitsplatz zu bringen, und einem Jungen mit Down-Syndrom. Die meisten Gespräche beschränkten sich auf die Monologe mit seinem Hund Moritz.

Er schaute hinab auf den Münsterländer. Sogar der Hund war ein Erinnerungsstück an den gescheiterten Einsatz. Damit hatte er so etwas wie eine Wiedergutmachung bezweckt, wobei er sich immer noch nicht sicher war für wen: für den Hund oder sich selbst?

»Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.« Mit diesen Worten stürmte Schnur in das Vernehmungszimmer.

Moritz setzte sich wachsam auf und behielt Schnur genau im Auge.

»Nicht schlimm.« Steiner lächelte schwach. »Ich habe die Zeit genutzt, um nachzudenken.«

»Was kam dabei heraus?«

»Dass die Vergangenheit mich wieder eingeholt hat.«

»Stimmt. Du befindest dich in einer äußerst unglücklichen Situation«, gab Schnur zu bedenken. »Bernd Schumacher hat dir vor fünfzehn Jahren schon einmal geschadet.«

»Und deshalb begebe ich mich auf das Niveau eines Verbrechers?«

Jürgen Schnur ging nicht auf die Bemerkung ein. »Wie wir inzwischen vom Gefängnis Lerchesflur erfahren haben, sprach er über die ganzen Jahre hinweg immer nur von Bezahlen. Was meinte er damit?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Du warst doch regelmäßig auf dem Lerchesflur.«

Steiner bewegte sich unruhig hin und her. »Aber nicht bei Bernd Schumacher.«

»Das wissen wir auch. Die Angestellte der Gefängnisverwaltung war sehr gesprächig. Einen guten Geschmack hast du«, reagierte Schnur süffisant.

Steiner fühlte sich unbehaglich. Er wusste, dass sein Privatleben nicht mehr existierte, wenn er der einzige Verdächtige in diesem Fall bleiben würde. Er bekam jetzt schon einen Vorgeschmack auf die Scham, die dann auf ihn zukam.

»Trotzdem besteht die Möglichkeit, dass du dort etwas über ihn in Erfahrung gebracht hast – ob gewollt oder ungewollt.«

Steiner rieb sich über die Glatze, sagte aber nichts.

»Du weißt doch selbst aus deinen Erfahrungen als Polizeibeamter, wie so etwas für einen Verdächtigen aussieht«, hakte Schnur nach.

»Ja! Das ist das Ärgerliche. Ich wusste nichts von Bernd Schumachers Plänen. Damals bin ich nach Wallerfangen gegangen, weil ich dachte, dort bin ich weit weg und komme nie mehr mit diesem Fall in Berührung.«

»Die Absicht ist aber sehr undurchsichtig.«

»Warum?« Steiner horchte auf.

Eine Weile schwiegen sich beide an, bis Schnur endlich die Bombe platzen ließ: »Bernd Schumacher ist in Wallerfangen geboren und aufgewachsen.«

Steiner starrte Schnur fassungslos an.

»Warum kehrt er ausgerechnet in das Dorf zurück, wo der Mann arbeitet, der ihn vor Jahren ins Gefängnis gebracht hat?«

»Heimattreue?«, rätselte Steiner ironisch.

Jürgen Schnur schaute Steiner eindringlich an, bis dieser sich auf seinem Platz wand wie ein Aal. »Wallerfangen ist nicht gerade der Nabel der Welt. Du lebst und arbeitest in diesem Dorf, ohne auch nur das Geringste mitzubekommen. Wie geht das?«

»Ich kam als Fremder und bin die ganzen fünfzehn Jahre ein Fremder geblieben«, gestand Steiner.

»Und wie bist du an den Job gekommen, auf den auch Einheimische scharf waren?

»Otto Siebert hat mir die Arbeitsstelle vermittelt.«

»Natürlich! Dass ich nicht selbst darauf gekommen bin. Alle Eltern, deren Kinder einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind, rennen mir heute noch die Türen ein, um sich bei mir zu bedanken«, kam es ironisch von Schnur zurück.

»Otto Sieberts Kind hat die Entführung überlebt.«

»Aber wie?«

»Was soll das heißen?«

»Das Kind ist psychisch krank.«

»Aber es lebt«, konterte Steiner. »Heute machen viele Menschen Psychotherapien. Sogar solche, die nicht entführt wurden.«

»Trotzdem staune ich über die Hilfsbereitschaft von Otto Siebert.«

»Er war damals Staatssekretär im Innenministerium und für die Polizeiangelegenheiten zuständig. Also war er über den Einsatz und meinen Rücktritt bestens informiert.«

»Willst du mir jetzt den Geschäftsverteilungsplan des Innenministeriums aus dem Jahr 1991 erklären?«

»Nein!«

»Dann rede endlich Klartext!« Schnur wurde ungehalten. »Zufällig weiß ich, wem der Limberg gehört – nämlich der Familie Villeroy. Damals, bevor ich Wallerfangen verlassen hatte, hieß deren Verwalter Ernst Barbian. Ob er heute noch in seinem Amt ist, weiß ich nicht …«

»Er ist«, unterbrach Steiner. »Er traf letztendlich die Entscheidung, wer den Posten des Revierförsters auf dem Limberg bekommt.«

»Welche Rolle spielte Otto Siebert dabei?«

»Ihm gehört das Nachbarrevier Hessmühle.«

»Weiß ich.«

»Otto Siebert hatte ständig Ärger mit Eduard Zimmer. Mein Vorgänger hatte das Wild der Hessmühle auf den Limberg treiben lassen, um es dort zu schießen. Otto Siebert wollte nach Zimmers Tod einen Jäger auf dem Posten haben, der mit waidgerechten Methoden arbeitet. Deshalb gab er bei Ernst Barbian einen guten Leumund für mich ab.«

»Und Ernst Barbian macht, was Otto Siebert verlangt?« Schnur schaute ungläubig drein. »Gibt es etwas, womit sich Barbian erpressbar gemacht hat?«

»Keine Ahnung«, wehrte Steiner ab. »Wenn ja, will ich nichts damit zu tun haben. Ich habe schon Ärger genug. In diesem Nest gibt es viele bornierte Unheilstifter, die nichts Besseres zu tun haben, als mich in Miss­kredit zu bringen.«

»Ich stamme auch aus Wallerfangen – falls du es vergessen hast. Sei mit deiner Wortwahl vorsichtiger«, riet Schnur.

»Wie ich oben auf dem Berg mitbekommen habe, kennst du Rolf West, den ewigen Choleriker«, überging Steiner die Warnung.

Schnur nickte.

»Er hatte sich gute Chancen ausgerechnet, diese Stelle zu bekommen, weil er mit dem Verwalter verwandt ist.«

»Leider hat ihm die Verwandtschaft nichts genützt – deine Beziehungen waren besser.« Schnur feixte.

»Dass ich plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht bin, traf ihn wie ein Schlag. Er blieb arbeitslos – was er heute noch ist.«

»Willst du damit den Verdacht auf Subito-Rolf lenken?«

»Den halte ich mit seinem hitzigen Gemüt durchaus für eine solche Tat fähig« antwortete Steiner. »Als Polizist habe ich meinen Eid auf die saarländische Verfassung abgelegt. Daran halte ich mich heute noch.«

»Auch das soll ich dir jetzt glauben? Meine Güte, seit ich diesen Fall bearbeite, muss ich ganz urplötzlich zu einem glaubensstarken Menschen mutieren.«

»Hör auf, so mit mir zu reden«, wurde Steiner plötzlich laut. »Du kennst mich schon seit wir beide bei der Polizei angefangen haben und weißt genau, dass du mir vertrauen kannst.«

»Wirklich?« Schnurs Miene blieb ausdruckslos.

»Was soll das jetzt?« Steiner reagierte gereizt.

»Warum ließ sich Odysseus mit verbundenen Augen und Ohren an den Mast fesseln, als er an den Sirenen vorbeifuhr?«

Ohne zu überlegen antwortete Steiner: »Weil er sich selbst nicht traute.«

»Gut erkannt«, nickte Schnur.

Steiner merkte zu spät, was seine Antwort für ihn bedeutete.

Moritz spürte die Anspannung und begann leise zu knurren.

»Moritz! Aus!«, befahl Steiner. Der Hund gehorchte sofort.

»Was soll das, den Hund Moritz zu nennen?«, reagierte Schnur auf den kleinen Zwischenfall. »Für einen Menschen, der seine Vergangenheit weit hinter sich lassen will, tust du merkwürdige Dinge.«

Steiners Gesichtszüge wurden hart, als er grollte: »Was wird das hier? Willst du mit deiner Beförderung gleichzeitig einen Weltrekord im Aufklären von Fällen aufstellen?« Er schnappte kurz nach Luft und fügte in einem Tonfall an, als würde er einen Sensationsbericht abgeben: »Schon nach einer Stunde Fall gelöst, Jürgen Schnurs Karriereleiter nicht mehr zu stoppen!«

»Hieß nicht das entführte Kind Moritz?« Mit dieser Frage überging er Steiners affektierte Kundgebung.

»Ja.« Steiners Tonfall wurde wieder normal. »Aber nicht nur das Kind, wie du wohl weißt.«

Schnur lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkte seine Arme vor seinem Bauch und wartete.

»Da war außerdem der Hund namens Moritz«, sprach Steiner weiter.

»Richtig! Durch das unverhoffte Auftauchen dieses Hundes wurde dein Einsatz in den Sand gesetzt«, stimmte Schnur zu. »Und was willst du damit bezwecken, deinen Hund Moritz zu nennen. Ist das eine Art der Selbst­bezichtigung, weil du damals den Tod einer unschuldigen Frau verschuldet hast?«

Die Luft war zum Zerreißen gespannt.

Es dauerte lange, bis Steiner endlich antwortete: »Mein Moritz ist der Hund von damals.«

Nun war es an Schnur zu staunen. Er stand auf, ging um den Tisch herum und schaute sich das Tier näher an.

»Dann muss er schon fünfzehn Jahre alt sein?«

»Rechnen kannst du.«

Beide blickten auf den braun-weißen Hund, der abwechselnd von Schnur zu Steiner schaute.

»Was hätte ich damals tun sollen? Auch noch das arme Tier ins Tierheim bringen? Das habe ich einfach nicht übers Herz gebracht. Es war schon genug passiert.«

»Du hast den Fall nicht vergessen können«, erkannte Schnur. »Im Gegenteil, du siehst ihn vor dir, als wäre alles erst gestern passiert.«

Steiner sagte nichts dazu.

»Und dann willst du mir weismachen, dass ausgerechnet du Bernd Schumacher, dem Entführer, keinerlei Beachtung mehr geschenkt hast. Er war der Auslöser für alles.«

»Sieh es, wie du willst. Ich habe den Hund mitgenommen und als Jagdhund ausgebildet. So konnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.«

»Aber der Hund erinnert dich doch täglich daran.«

»Nein. Der Hund ist das Beste, was mir passieren konnte. Er hat mich nicht herunterzogen, sondern aufgebaut. Hast du ein Haustier?«

Schnur schüttelte den Kopf und meinte: »Ich habe eine Frau und zwei Kinder. Das reicht.«

»Ich hatte auch einmal Frau und Kind. Beide habe ich nach dem Einsatz verloren. Was mir geblieben ist, ist der Hund.«

Schnur legte seine angriffslustige Haltung ab, weil er erkannte, dass er auf einen wunden Punkt bei Steiner gestoßen war. Keinem auf der Polizei­dienststelle war damals entgangen, wie dieser Einsatz Steiners Leben verändert hatte. Es gab niemanden, den es kalt gelassen hätte.

»Okay«, lenkte Schnur nach einer kurzen Bedenkzeit ein. »Du hältst dich zur Verfügung.«

Steiner nickte, erhob sich von seinem Platz und steuerte auf den Ausgang zu. Moritz folgte ihm aufgeregt hechelnd, ein Zeichen dafür, dass er froh war, endlich dort raus zu kommen.

Kapitel 4

Die Temperaturen stiegen an, der Nebel lichtete sich, wich der Novembersonne, die sich in diesem Herbst von ihrer schönsten Seite zeigte. Beste Arbeitsbedingungen – wäre da nicht der beunruhigende Gedanke an den zweiten Schuss. Bevor Steiner zu seiner Routine überging, musste er sich an der Kapelle umsehen.

Er schulterte sein Gewehr und trat hinaus. Die Haustür fiel hinter ihm leise ins Schloss. Ganz tief atmete er die kühle Luft ein, sortierte in Gedanken die Gerüche der Bäume, des nassen Laubs und der Herbstblumen, die immer noch den Brunnen zierten und etwas, das den Gesamteindruck von Harmonie jäh unterbrach. Von einer Vorahnung geplagt richtete er seinen Blick auf den Boden direkt neben der Haustür.

Dort lag ein angefahrener Fuchs.

Sein Deckhaar schimmerte unter dem dunklen, verkrusteten Blut rötlich­braun. Weit aufgerissene Augen starrten ihn an, seine Flanken zitterten, seine Nasenflügel bebten. Mit letzter Kraft fletschte er seine Zähne.

Wieder ein Opfer der rachsüchtigen Wildvernichter?

Er nahm seine Repetierbüchse von der Schulter. Auch wenn die Waffe dafür ungeeignet war, so wollte er doch keine Zeit vergeuden, sondern das Tier so schnell wie möglich erlösen.

Wo war Micky?

Vermutlich hatte ihm sein Vater nach der verhängnisvollen Begegnung am Morgen untersagt, das Haus zu verlassen. Jetzt erst erkannte er, welche Dienste ihm der Junge bot. Steiners schlechtes Gewissen meldete sich sofort, denn was jetzt kam war eine unangenehme Schinderei.

Nachdem der Kadaver vergraben war, trat die Haushälterin vor die Tür, stemmte beide Hände in die Hüften und sprach mit Steiner wie mit einem ungehorsamen Kind: »Das wurde auch Zeit. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch ertragen kann. Meine Vorräte liegen im Keller, in den ich nur gelange, indem ich durch den Hof gehe. Wenn dort ein halbtotes Tier liegt, kann ich das nicht. Ich ekle mich davor.«

»Das tut mir wirklich leid«, mehr konnte Steiner nicht dazu sagen. Er ahnte, dass die Attacken so schnell nicht aufhörten – im Gegenteil: Der Leichenfund am Morgen würde die Leute im Dorf noch mehr gegen ihn aufbringen.

Er nahm seinen Feldstecher, pfiff nach Moritz und marschierte den Berg hinauf.

An der Kapelle war alles still, kein Spaziergänger, keine Fahrradfahrer, nichts. Er gab Moritz die lange Leine, damit der Hund den Boden absuchen konnte. An einigen Stellen zeigte der Hund große Aufregung, aber eine Spur fand er nicht. Mehrere Male suchte er den Platz ab, wobei er seinen Radius vergrößerte, nichts. Er umrundete das ehemalige Kloster, das für die Treibjagd im Dezember hergerichtet werden musste. Die Bauarbeiter waren bestellt, aber bisher war noch niemand eingetroffen. Verlassen lag die Ruine da.

An der Seite klaffte ein Mauerdurchbruch. Steine waren aus dem alten Gemäuer herausgeschlagen worden. Verstreut lagen sie im Gestrüpp. Verärgert sammelte er sie auf und verbarrikadierte damit notdürftig den Durchgang.

Sein Hund verhielt sich weiterhin ruhig. Also konnte er seine Suche nach einem angeschossenen Tier einstellen.

Für Steiner galt, sich um den Kirrplatz für das Schwarzwild zu kümmern, den er rechtzeitig herrichten musste. Auf dem Limberg konnte der Winter hartnäckig werden, weil die Höhenlage und der dichte Baumbestand dafür sorgten, dass der Schnee nicht so schnell schmolz. Diese Bedingungen machten die Versorgung des Wildes unumgänglich.

Er gelangte auf die Lichtung Sonnenkupp. Dort stand sein Hochsitz. Er hatte ihn selbst aufgestellt, direkt neben dem Gedenkstein, der für den Revierförster Eduard Zimmer errichtet worden war. Genau an dieser Stelle hatte sich sein Vorgänger erschossen. Durch das ungewöhnliche Monument geriet er niemals in Vergessenheit.

Moritz bellte und wedelte voller Vorfreude mit dem Schwanz, weil er auf den Hochsitz wollte. Mit einem Ruck nahm Steiner den Hund Huckepack und kletterte mit seiner Last die Leiter hinauf. Der Anblick, der sich von oben bot, war sogar für einen Jäger wie Steiner, der schon seit fünfzehn Jahren in diesem Revier arbeitete, eine Augenweide. Rechts von ihm gähnte eine Schlucht fast zweihundert Meter tief. Der Grund war nicht zu erkennen, der Nebel versperrte die Sicht. Auf der anderen Seite des Abgrunds lag Laubwald, dessen Blätter wie Farbtupfer zwischen den immergrünen Nadelbäumen abstachen. Kiefern ragten majestätisch in die Höhe, Bäume im Alter von über dreihundert Jahren. Stufenweise abgesetzte Berghänge auf der Südseite erinnerten an den Weinanbau aus vergangenen Zeiten. Beschädigte Steinkreuze und Heiligenfiguren des alten Kreuzwegs des Bildhauers Corail aus dem siebzehnten Jahrhundert, bildeten die kläglichen Überreste einer Ölbergszene. Von den acht Skulpturen konnten lediglich die Fußsockel und wenige Figuren ohne Köpfe den französischen Revolutionsstürmen trotzen.

Links von ihm lag eine Wiese zwischen vereinzelten Kiefern, auf die sich die Sonnenstrahlen hin verirrten. Durch den plötzlichen Wärmeeinfall stiegen weiße Nebelschwaden wie Dampf auf. Besser konnte der Zeitpunkt nicht gewählt sein, um den Wildbestand zu beobachten. Schon nach kurzer Zeit kamen die ersten Schmalrehe, dann die Ricken und zum Schluss ein Bock aus ihrem sicheren Schutz, um zu äsen. Ein Anblick, der Steiner in innere Ruhe versetzte.

Die Stille wurde durch Schritte unterbrochen.

Vorbei war der Augenblick der Muße.

Moritz horchte auf, zog seine Zunge ein und richtete seine langen Schlappohren auf. Steiner schaute in dieselbe Richtung wie sein Hund. Da sah er ihn auch schon. Der Störenfried war ein Jogger. Der kleine Sprung von Ricken und Schmalrehen mit Bock war blitzschnell im Dickicht verschwunden. Vorbei das trügerische Bild von Vollkommenheit.

Der Jogger kam näher, bis Steiner ihn erkennen konnte. Es war Helmut Brack, der Dorfpolizist. Er war der einzige der Trinkbrüder im Gasthof Donze, der stets gepflegt und sportlich wirkte. Hier sah Steiner, dass er mehr für seine Gesundheit tat, als er dem trinkfreudigen Gesellen zugetraut hätte.

Ohne seinen Rhythmus zu unterbrechen, trabte Helmut Brack an der Kanzel vorbei. Steiner und Moritz verhielten sich still; er bemerkte sie nicht. In der nächsten Kurve verschwand er aus ihrem Sichtfeld, die Ruhe kehrte zurück. Aber das Rehwild blieb im sicheren Versteck.

Es war schon später Nachmittag, als Steiner aufbrach und den Heimweg antrat. Die Temperaturen sanken, der Nebel stieg an. Der plötzliche Kälteeinbruch nötigte ihn zum Aufbruch. Wie schnell die Zeit vergangen war; er hatte es nicht bemerkt.

Das Geräusch seiner gleichmäßigen Schritte, das vertraute Hecheln seines Hundes neben ihm, gaben ihm das gute Gefühl von Beständigkeit und Ruhe. Doch diese Ausgeglichenheit sollte nicht von langer Dauer sein. Kaum trat er auf Hoflimberg zu, sah er im Nebel eine Gestalt verschwinden.

»Halt! Bleiben Sie stehen!«, rief er.

Moritz bellte ganz aufgeregt und zog ruckartig an der Leine. Steiner ließ den Hund laufen, in der Hoffnung, dass er den Unbekannten stellte. Es konnte nur einer seiner üblichen Feinde aus dem Dorf sein. Und die waren alle nicht gut zu Fuß. Also wäre es für Moritz keine große Herausforderung.

Plötzlich hörte er seinen Hund jaulen.

Er hatte Helmut Brack vergessen. Der war gut zu Fuß. Alarmiert rannte er auf die Stelle zu, wo er das Geräusch gehört hatte.

Nichts!

Er rief den Namen seines Hundes. Nichts!

Nervös durchkämmte er das umliegende Waldstück, marschierte alle Wege ab, kraxelte über die steilen Hänge durch das Dickicht, für den Fall, dass Moritz von einem Keiler verletzt worden war und irgendwo im Wundbett lag. Aber von seinem Hund keine Spur. Auf sein ständiges Rufen kam keine Antwort. Die Dunkelheit brach so schnell herein, dass er bald von undurchdringlicher Schwärze umgeben war. Seine Taschenlampe spendete nur einen begrenzten Lichtkegel. Damit gelang es ihm gerade mal, auf den Hauptweg zurückzuleuchten. Aber den Hund würde er so niemals finden.

Enttäuscht kehrte er um.

Allein betrat er das große Haus.

Die Angst trieb ihn um. Was war passiert? Freiwillig blieb sein Hund niemals fern. Wer war so sadistisch, dass er Steiners Hund dafür benutzte, Steiner zu quälen? Der Gedanke peitschte ihn auf. Erst nach Stunden gelang es ihm, sich im Sessel vor dem Kamin niederzulassen – bei weit geöffnetem Fenster. Für ihn galt jedes Geräusch wahrzunehmen, falls Moritz sich meldete.

Aber nichts dergleichen geschah.

Am frühen Morgen wurde er durch das Eintreten der Haushälterin geweckt. Erschrocken fuhr Steiner hoch. Es war schon sieben Uhr. Er lag immer noch im Wohnzimmer. Der Schlaf hatte ihn wohl doch noch übermannt.

Verärgert über sich selbst eilte er in die Jägerstube, nahm seine Repetierbüchse, prüfte, ob im Lauf eine Patrone steckte, packte zusätzlich Munition ein und machte sich wortlos auf den Weg. Das Einzige, was ihn an diesem Morgen begleitete, war das Schimpfen der Haushälterin über sein unhöfliches Benehmen.

Er schlug den Weg in Richtung Sonnenkupp ein, wo sein Hochsitz stand. Der Nebel begann sich zu lichten, das Tageslicht drang langsam durch. Aber es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Er fühlte sich erschöpft, übernächtigt, kraftlos und gleichzeitig nervös und überreizt. Seine Augenlider fühlten sich schwer an; er musste sich zusammenreißen, um alles wahrzunehmen. Angst kroch in ihm hoch, er könnte übersehen, wie sein Hund verletzt im Graben lag. Mit dieser inneren Zerrissenheit eilte er über die Waldwege.

Keine Spur von Moritz.

Er erreichte die Lichtung. Der Nebel lichtete sich. Ein grauer, trister Morgen brach herein. Die kahlen Äste der Bäume beugten sich hinab. Kalter Wind pfiff. Der Hochsitz ragte in die finsteren Wolken. Daneben lag die kleine Wiese – bedrohlich schwarz glänzend.

Spielten seine Sinne verrückt? Seit wann glänzten Wiesen schwarz? Mit Beklemmung näherte er sich.

Plötzlich erhob sich die schwarze Decke wie von Geisterhand. Vor Schreck zuckte er zusammen, wich zurück, entsicherte seine Waffe, bevor er erkannte, dass es eine ganze Schar von Raben war, die in die Luft stoben – begleitet von ihrem beunruhigenden Krähen. Dieser Schreck hatte den letzten Funken Müdigkeit aus seinem Körper vertrieben. Er schaute den schwarzen Vögeln nach, wie sie sich in der Luft in alle Richtungen verteilten.

Zurück blieben Stille, Kälte und die Sorge um seinen Hund.

Kapitel 5

Micky war traurig. Warum schimpfte Papa ihn immer aus? Er wollte den Kopf auf den Friedhof tragen, um ihn zu begraben. Das war doch richtig. Steiner sagte ihm immer, dass er etwas Gutes tat, wenn er die Toten zur letzten Ruhe bettete. Ob das nun Tiere waren oder Menschen. Was machte das für einen Unterschied? Aber Papa war jetzt böse auf ihn. Er verbot ihm sogar, zu Steiner zu gehen. Mit Tränen in den Augen stellte er sich an das kleine Fenster und schaute auf den Hinterhof. Dort stand alles voll mit alten und kaputten Sachen. Das sah hässlich aus. Im Wald war es viel schöner. Er überlegte, einfach aus dem Fenster zu klettern und wegzulaufen. Bei Steiner wollte er bleiben, weil er dort alles machen durfte, was ihm Spaß machte. Steiner war sein Freund, er war gut zu ihm. Papa war immer so streng.

Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, öffnete das Fenster und schaute zum Boden hinunter. Er konnte gut klettern. Aber der Boden war aus Beton. Er könnte sich wehtun.

Wieder hörte er die Stimme von Papa. Hastig verschloss er das Fenster, weil Papa nicht sehen durfte, dass er weglaufen wollte. Dann würde er noch lauter schimpfen.

Papas Stimme klang gar nicht böse. Er lachte sogar.

Da waren noch mehr Stimmen zu hören.

Neugierig presste Micky sein Ohr an die Tür. Sie war leider verschlossen. Aber unten redeten alle so laut, dass er jedes Wort auch so verstand. Sein Bruder Olli war dabei und eine helle Stimme, die nicht von seiner Mutter kam. Die musste arbeiten – wie immer – weil Papa zuhause war.

Da hörte er den Namen Moritz fallen. Alle lachten und sprachen davon, dass Steiner selbst zusehen müsste, wie er seinen Hund fände.

Mickys Herz begann wild zu schlagen. Was war mit Moritz passiert?

»Wir haben den Hund an einem Baum festgebunden. Dort findet Steiner den so schnell nicht«, hörte er Olivers Stimme. Er klang so fremdartig. Zu Micky war er immer nett. Aber jetzt hörte er sich richtig gemein an.

»Gell, mein Schatz! Steiner wird die Anspielung verstehen.«

»Ich will nicht, dass du mich Schatz nennst«, nörgelte die Frauenstimme. »Ich heiße Anne.«

Darauf folgte ein undeutliches Brummen von Oliver, das Micky nicht verstand.

»Von welcher Anspielung redest du?« Micky erkannte an der Stimme seines Papas, dass er ungeduldig wurde.

»Dass er verschwinden soll.«

Oliver lachte siegessicher.

»Wo ist der Hund?«

»An einem Baum, wo ihm nichts passiert.«

»Die ganze Nacht?« Nun schrie Papa richtig. »Wie kannst du behaupten, es passiert ihm nichts?«

Mickys Herz überschlug sich vor Schreck. Warum tat Oliver so etwas Niederträchtiges?

»Du bist so dämlich, wie du aussiehst«, brummte Papa böse. »Wo ist der Baum?«

Schweigen.

»Ich rede mit dir, du Holzkopf!«

»Es ist die alte Eiche an den Schwedenschanzen am Kreuzweg. «

Dieser Satz genügte Micky, um zu wissen, wo Moritz steckte. Schon hing er an der Regenrinne, ließ sich hinabgleiten und lief so schnell er konnte zum Wald.

Steiner überlegte gerade, den Rückweg einzuschlagen, als er etwas auf der Wiese wahrnahm, was sich auf ihn zu bewegte.

Von Neugier getrieben beschleunigte er seine Schritte, bis er erkannte, dass Micky seinen Hund Moritz an einem Seil führte. Als Steiner den Namen seines Hundes rief, ließ Micky ihn los. Mit fliegenden Ohren und großen Sprüngen kam der Hund auf Steiner zugelaufen, sprang an ihm hoch und schleckte sein Herrchen vor Freude im ganzen Gesicht ab. Steiner war so euphorisch, seinen Hund lebendig und gesund wiederzuhaben, dass er ihn gewähren ließ.

Micky eilte außer Atem hinterher. Als sich ihre Blicke trafen, lachte Micky ihn mit einer Herzlichkeit an, die Steiner unverhofft dazu verleitete, den Jungen einfach in die Arme zu nehmen und an sich zu drücken. Er war so glücklich, dass er sich zu einer Handlung hinreißen ließ, die er sonst niemals getan hätte. Micky stellte die Reaktion nicht in Frage – im Gegenteil, er freute sich und zeigte es auch ungeniert, indem er die Umarmung erwiderte.

Als Steiner von ihm ließ, staunte er über sich selbst. Er beneidete den Jungen für seine Gabe, alles so zu akzeptieren, wie es war. Er selbst grübelte ständig – eine Eigenschaft, die ihm nichts nützte, dafür das Leben komplizierter machte.

Erst jetzt bemerkte er Mickys zerrissene Hose. Die Haut an seinen Schienbeinen zeigte Schürfwunden. Auch die Hände waren blutverschmiert.

»Meine Güte! Was ist passiert?«

»Ich bin aus dem Fenster geklettert, weil Papa mich eingesperrt hat.«

»Warum machst du so gefährliche Sachen?«

»Ich habe gehört, dass sie Moritz an einen Baum angebunden haben. Da musste ich doch helfen.«

»Micky, wie kann ich das jemals wieder gutmachen?«

Micky lachte ihn einfach nur glücklich an, was Steiners Herz schwer werden ließ. Diese Gutmütigkeit brachte ihn aus dem Konzept.

»Danke, Micky! Ohne dich hätte ich meinen Hund niemals gefunden«, sprach er salbungsvoll. »Ab sofort befördere ich dich zu meinem Adjutanten!«

Verständnislos schaute Micky seinen großen Freund an. Steiner erklärte ihm: »Das ist eine Auszeichnung. Du bist jetzt meine rechte Hand. Das heißt, wir arbeiten zusammen.«

Damit gelang es ihm, Micky von der Wichtigkeit seiner neuen Funk­tion zu überzeugen. Mit einer stürmischen Umarmung reagierte der Junge darauf.

Wie eine kleine Familie marschierten sie den Berg hinunter zum Hoflimberg. Nach der gewissenhaften Versorgung von Mickys Wunden, deckten sie gemeinsam den Tisch für das Frühstück. Dabei arbeiteten sie ohne Worte in einer Harmonie, die in Steiner längst vergessene Vatergefühle hervorrief.

Wie lange war es her, dass er sich als glücklicher Vater einer Tochter fühlte? Oft fragte er sich, wie sie heute wohl aussah, was aus ihr geworden war, was für ein Leben sie führte. Seine Frau hatte ihm nach dem gescheiterten Einsatz vor fünfzehn Jahren das gemeinsame Kind weggenommen. Er hatte kein Besuchsrecht bekommen und die Entscheidung einfach akzeptiert. Er hatte geglaubt, kein guter Vater sein zu können.

Heute sah er die Dinge anders.

Da saß er Micky gegenüber, einem zwanzigjährigen Jungen mit Down-Syndrom und spürte Stolz, weil sich Micky ausgerechnet ihn zum Freund gewählt hatte. Für Steiner war das nicht nur Freundschaft, sondern auch eine Verantwortung. Micky war nicht seine erste Erfahrung dieser Art. Steiner wusste genau, dass Menschen mit Down-Syndrom durch ihre Arglosigkeit schutzbedürftig waren.

Steiner wollte Micky Schutz bieten.

Nach dem Frühstück bestand Micky darauf, zu Fuß nach Hause zu gehen. Steiner stellte sich ans Fenster und schaute ihm nach, wie er mit schaukelnden Armen, schwingendem Gang und wippendem Kopf das Grundstück verließ und den Weg einschlug, der hinab in das Dorf Wallerfangen führte. Hinter dem gusseisernen Tor verschwand er aus Steiners Blickfeld.

Er hörte die vertrauten Geräusche der Haushälterin, die das Mittagessen zubereitete, spürte den vertrauten Körper seines Hundes an seinem Bein und die Zunge, die seine Hand ableckte. Ein Blick in die großen, braunen Augen dieses schönen Tieres veranlasste Steiner dazu, Moritz nach Verletzungen abzusuchen. Vermutlich war der Hund nicht freiwillig mitgegangen.

Aber er fand nichts. Sein Fell war makellos. Wie war das möglich?

Kopfschüttelnd schnallte er die Leine an und brach auf. Es wurde Zeit, wieder in den gewohnten Rhythmus zurückzufinden.

Arbeit gab es genug.

Jürgen Schnurs Bemerkung »Du lebst und arbeitest in diesem Dorf, ohne auch nur das Geringste mitzubekommen« veranlasste Steiner dazu, an diesem Abend Hoflimberg zu verlassen. Die Neugier trieb ihn nach Wallerfangen, zumal der Mordfall Zündstoff für die geschwätzigen Dorfbewohner sein musste.

Bedächtig steuerte er seinen Wagen über den unbefestigten Weg. Plötzlich fand er sich im Scheinwerferlicht eines anderen Autos. Er verlangsamte sein Tempo, rollte auf den Wagen zu. Die Beifahrertür stand offen. Steiner parkte vor dem verbeulten Opel Astra, stieg aus und ging zur Fahrerseite. Dort saß Siegmund Gerstner, der Oberlehrer, wie sie ihn im Dorf nannten. Er war besoffen, hatte eine Blessur am rechten Auge und grinste dämlich.

»Was ist hier los?«

Ohne mit dem Grinsen aufzuhören antwortete Siegmund Gerstner: »Nichts!«

»Warum steht die Beifahrertür offen?«

»Ich wollte frische Luft schnappen.«

Steiner hörte Schritte, die sich entfernten. Sie kamen aus einer Richtung, die außerhalb des Lichtkegels seiner Scheinwerfer lag.

»Wer ist hier ausgestiegen?«

»Niemand!«

»Du stellst jetzt dein Auto auf die Seite und kommst mit mir zur Polizei. Das kostet dich den Führerschein. So wie du stinkst, hast du die ganze Kneipe leer gesoffen.«

Zu Steiners Überraschung fuhr Siegmund Gerstner gehorsam das Auto zur Seite und stieg ohne Protest bei Steiner ein.

Der Polizeiposten von Wallerfangen befand sich im Rathaus direkt am zentralen Fabrikplatz, der seinen Namen der ehemaligen Steingutfabrik verdankte, die später nach Mettlach umgesiedelt war. Im Büro traf Steiner auf den nächsten Bekannten, den Dorfpolizisten Helmut Brack. Im Dorf nannten sie ihn auch den gefallenen Helmut. Vor vielen Jahren hatte er zusammen mit Steiner die Polizeischule besucht.

»Immer noch Wachtmeister?«, lautete seine Begrüßung.

»Inzwischen bin ich Kommissar«, kam es unfreundlich zurück.

»Du willst mir nicht sagen, dass du es mit deinen glanzvollen Leistungen bis zum gehobenen Dienst geschafft hast?«

»Lass mich in Ruhe! Ich kritisiere auch nicht deine Degradierung vom Polizeibeamten zum Förster.«

»Das war freiwillig. Du hast dir dein berufliches Versagen dagegen verdient.«

»Was willst du hier?«

»Ich will dich an deine Pflichten als Kommissar erinnern!«

»Seit der neuen Regelung der zweigeteilten Laufbahn im Polizeidienst bin ich unweigerlich vom Polizeihauptmeister zum Kommissar ernannt worden. Das ändert weder etwas am Gehalt noch an meinen Aufgaben.«

»Stimmt! Bisher hast du es vermieden, deinen Aufgaben gerecht zu werden. Jetzt gebe ich dir Gelegenheit, das zu ändern.«

Helmut Brack wirkte trotz seiner grauen Haare jugendlich und athletisch. Steiner wusste, dass er sein Aussehen nicht dem Zufall überließ. Was hielt einen Mann wie Helmut Brack in einem Dorf fest, wo seine Arbeit aus dem Ausfüllen von Formularen bestand?

»Du wirst diesen Trunkenbold jetzt einem Alkoholtest unterziehen, in die Ausnüchterungszelle stecken und dafür sorgen, dass sein Führerschein eingezogen wird.«

»Was soll das?«, wollte Helmut Brack aufbegehren, doch Steiner ließ ihn nicht zu Wort kommen: »Siegmund Gerstner ist eine Gefahr für sich und andere. Ich hoffe, wir verstehen uns!«

»Seit wann hat mir ein Jäger zu sagen, was ich tun soll?«

»Weil der Jäger sonst eine Dienstaufsichtsbeschwerde in Saarbrücken einreicht. Das könnte endlich deinen bequemen Stuhl zum Wackeln bringen.«

Helmut Brack schaute Harald Steiner mit funkelnden Augen an. Aber es kam kein Protest, sondern ein Grummeln: »Kein Wunder, dass dich hier keiner haben will. Du bist der Meister im Diskreditieren. Hast das als Bulle wohl schon genauso gemacht.«

»Das kann dir egal sein.«

»Ist es auch. Aber wundere dich nicht, wenn deine Beliebtheit mit ungestümen Gefühlsentladungen honoriert wird.«

»Der Trunkenbold wird jetzt einer Alkoholkontrolle unterzogen!« Steiner blieb beharrlich.

Helmut Brack deute ein Nicken nur an.

»Das kannst du mit mir nicht machen«, hörte Steiner den Protest von Siegmund Gerstner, bevor die Tür hinter Steiner zufiel.

Kapitel 6

Steiner stand auf den breiten Steinstufen vor dem Fabrikplatz und schaute sich nach allen Richtungen um. Rechts von ihm lag das Restaurant Funzl, ein grünes Eckhaus an der Hauptstraße, das vom Zerfall bedroht wurde. Gegenüber das Limited, das mit seinen mittelalterlichen Kellergewölben warb. Dicht vor ihm fiel sein Blick auf das Gasthaus Zum Felix mit seinem Biergarten, flankiert vom Botan-Grill, der genau auf den China-Thai-Imbiss blickte, das Eckhaus zu Steiners linker Seite. Genau auf Augenhöhe lauerte der Donze. Rechts war er an die Park-Apotheke angebaut. Nützlich, bei dem ungesunden Klima in der alten Kaschemme. Das änderte aber nichts daran, dass Steiner die Trinkbrüder nur bleich und kränklich kannte. Ein einfaches Karlsberg-Urpils-Schild lockte die Gäste an. In diesem Gasthof versammelte sich der Kern der Dorfbewohner, dort wurde über alles geredet, was sich im Dorf ereignete. Wenn Steiner etwas erfahren wollte, musste er zum Donze gehen, auch wenn ihm die düstere Atmosphäre widerstrebte.

Er setzte an, die Straße zu überqueren, als sich die schwarz gekleidete Frau näherte. Sie sah ihn nicht, wirkte verstört, taumelte. Besorgt eilte er auf sie zu und hinderte sie daran, auf die Straße zu stolpern, wo gerade einige Autos vorbei schossen. Überrascht schaute sie hoch. Als sie sein Gesicht sah, blaffte sie: »Gibt es in Wallerfangen nur alte Lustmolche?«

Steiner sah, dass mehrere Knöpfe ihrer Bluse fehlten und einige Haarsträhnen zottelig abstanden. Auch das Zittern, das sie zu unterdrücken versuchte, entging ihm nicht.

»Was ist passiert?«

»Willst dich wohl aufgeilen, oder was?«, kam es schnippisch zurück.

»Nein, ich mache mir Sorgen. Eine junge Frau sollte nachts nicht allein herumlaufen«, beschwichtigte er. »Und schon gar nicht im Wald – so wie Sie das anscheinend ganz gerne tun.«

»Halt dich aus meinem Leben raus, das wird dir doch nicht allzu schwer fallen!«

Die Sturheit brachte Steiner dazu, sie einfach gehen zu lassen. Er schaute ihr nach, wie sie auf unsicheren Beinen über die Straße und genau in die Kneipe stolperte, die er ebenfalls anstrebte.

Langsam folgte er ihr. Vor dem Eingang zögerte er. Eine Weile lauschte er durch die geschlossene Tür den lauten Gesprächen, die offensichtlich von Betrunkenen geführt wurden. Es wurde gestritten, gelacht, Bierhumpen knallten zusammen.

Entschlossen öffnete er die Schwingtür und trat ein. Schlagartig verstummten die Gäste. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. An der Theke saß Rolf West, der mit seiner wuchtigen Masse Platz für zwei beanspruchte und viel Rauch aus Mund und Nase schnaubte. Rechts am großen Stammtisch lümmelte sich Peter Magath in seinem Blaumann, der beängstigend über seinem Bauch spannte. Ihm war der Spitzname Rohr-Pitt verpasst worden. Neben ihm Arthur Winter, genannt Wintergoldhähnchen, dessen Gesicht wie immer gelb schimmerte und dessen spärlicher Haarkranz in einem erstaunlich steilen Winkel zu seinem platten Hinterkopf abstand. Oliver West, Rolf Wests Sohn durfte in der Runde nicht fehlen. Wie sein Vater rauchte er Kette, sein Aschenbecher quoll über.

Anne Richter trat gerade aus der Damentoilette auf den Stammtisch zu. Als sie Steiner sah, stoppte sie kurz, um dann aber ihren Weg fortzusetzen. Sie ließ sich neben Oliver West nieder, der seinen Arm um ihre Schultern legte.

Die Wirtin, eine kräftige Frau, stemmte beide Arme auf die Theke, starrte mit grimmigem Gesicht auf ihre Gäste und blaffte: »Habt ihr keine Manieren? Was soll das, mitten im Satz abzubrechen, wenn einer das Lokal betritt?«

»Ha ha«, kam es von Oliver West. »Steiner kann machen, was er will. Er hat bei den Frauen einen Stein im Brett. Das kann unser Wintergoldhähnchen bestätigen. Seine Frau hat ihn wegen Steiner sitzen lassen.«

Gute Einführung in die Kneipenrunde, dachte Steiner grimmig. Das Gelächter, das Oliver Wests Spruch begleitete, überhörte er. Er sah nur, dass die Gesichtsfarbe von Arthur Winter noch gelber wurde.

Er trat auf die Theke zu und bestellte sich ein Urpils vom Fass. Sofort verließ Rolf West seinen Barhocker, gesellte sich zu anderen Gästen am Ecktisch auf der linken Seite und brüllte: »Neben einem Mörder bleibe ich nicht sitzen.«

Steiner spürte, wie sein Blutdruck in die Höhe schoss.

Absolute Stille herrschte. Sogar der Wirtin hatte es die Sprache verschlagen.

»Du bist vorschnell mit deinen Behauptungen«, entgegnete Steiner, als er wieder Luft bekam. »Die Polizei ist durchaus in der Lage, einen Mörder zu überführen. Und da ich nichts mit der Tat zu tun habe, bin ich auf freiem Fuß.«

»Du bist einer von denen«, dröhnte Rolf West unbeirrt. »Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Nur deshalb bist du frei und wir müssen um unser Leben fürchten.«

Zustimmendes Gemurmel ging durch die Kneipe. Alle waren sich in diesem Punkt einig.

Steiner fühlte sich wie im Rampenlicht. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Die Informationen, die er sich erhofft hatte, würde er in dieser Gesellschaft nicht bekommen. Jeder Versuch, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen, käme einem Schuldbekenntnis gleich. Also trat er die Flucht nach vorn an und fragte: »Warum ist Bernd Schumacher nach Wallerfangen gekommen?«

Die Wirtin rümpfte die Nase, zapfte Bier und sprach: »In der Not weiß jeder, wo er seine Mutter findet.«

»Wer ist das?«

»Die Frau von …«

»Halt deine blöde Klappe!«, kam es von dem Ecktisch. Das war die Stimme von Rolf West.

Steiner schaute zu dem hitzköpfigen Mann. Welchen Grund hatte er, dass der Name der Mutter nicht erwähnt wurde? Er ahnte es.

»Dann hat er dir auch gesagt, was er oben auf dem Limberg wollte«, sprach Steiner Rolf West direkt an.

Der Kopf des Alten wurde hochrot vor Wut, er atmete tief durch und wollte sich von seinem Platz erheben, aber Peter Magath hielt ihn auf.

»Du weißt, zu was Steiner fähig ist«, flüsterte Peter Magath, dass ihn jeder verstehen konnte. »Also bring dich nicht in Lebensgefahr!«

Damit konnte der kleine Mann in seinem Blaumann Rolf West überzeugen, was ihn aber nicht davon abhielt zu brüllen: »Glaub bloß nicht, dass du aus der Sache heil rauskommst! Schumi Bernd hat gesehen, wie du den Bock angeschossen hast und wollte dich zur Rede stellen. Wir hier im Dorf wissen alle, was dort oben passiert ist. Du brauchst dich nicht wie ein Unschuldiger aufzuspielen. Den nimmt dir keiner ab.«

Die Tür ging auf und Siegmund Gerstner, der Oberlehrer, trat ein. Sein rechtes Auge war inzwischen dunkelblau und angeschwollen, sein Gang schwankend. Er setzte sich zu Rolf West an den Tisch.

Steiner konnte es nicht fassen. Helmut Brack hatte nicht getan, was notwendig gewesen wäre. Zu seiner Entrüstung kam eine weitere Erkenntnis: Er sah, dass Anne Richter noch blasser wurde. Sie wollte aufstehen, doch Oliver West zog sie auf ihren Platz zurück. Steiners Blick wechselte zwischen Siegmund Gerstner und der jungen Frau hin und her. Was war zwischen den beiden geschehen?

Trotz des hohen Alkoholspiegels Siegmund Gerstners gelang es ihm, von sich abzulenken. Mit Blick auf Steiner fragte er: »Was will der denn hier? Hat der nicht Lokalverbot?«

»Du bringst uns auf richtig gute Ideen«, reagierte Rolf West sofort darauf. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass alle Gläser sprangen.

»Ich schlage vor, wir schicken ihn ins Gasthaus Stranguletti. Wenn er sich dort nicht selbst aufhängt, findet sich bestimmt einer, der nachhilft.«

Grölendes Gelächter folgte auf den makaberen Witz.

»Hast du gehört, Frau Wirtin. Der Kerl bekommt hier nichts zu trinken!«

»Wenn du so weiter säufst, bist du der erste, dem ich kein Bier mehr zapfe«, gab die Wirtin Rolf West zur Antwort.

»Die ist ja schlimmer als meine Alte«, raunte es brummig durch die rauchige Luft.

Oliver West torkelte zum Herrenklo. Kaum war die Tür hinter ihm zugefallen, verließ Anne Richter das Lokal.

»Blöde Weiber«, lallte Siegmund Gerstner. »Zuerst machen sie einen an, dann wollen sie nicht mehr.«

Die anderen Männer nickten verstehend, dabei wusste keiner, wovon der Alte sprach. Nur Steiner verstand es. Damit hatte er die Antwort auf seine Fragen, wer aus Siegmund Gerstners Auto gestiegen war und woher das blaue Auge kam. Einerseits freute es ihn, dass Anne Richter sich gut wehren konnte. Andererseits ärgerte es ihn, dass er den Alten deshalb nicht festnageln konnte, weil er dazu nicht mehr befugt war.

Die Stille wurde mit Siegmund Gerstners nächster Frage unterbrochen: »Wo ist der Boss?«

Alle Augen richteten sich auf Steiner.

»Ja! Wo steckt er?«, brüllte Rolf West. »Seit gestern ist er verschwunden. Was hast du mit ihm gemacht?«

»Wer ist der Boss?«, fragte Steiner die Wirtin.

»Das ist Markus Darren. Seine Mutter ist die Schwester von Rolfs Frau.«

»Halt die Klappe«, ertönte es aus der linken Ecke.

»Warum dieser Spitzname?«

»Er war mal Vorarbeiter in der Firma Stahlbau-Rohre. Wurde entlassen, legt aber sein Chefgebaren nicht ab. Er läuft Tag für Tag in seinem schwarzen Anzug herum, womit er den Eindruck erweckt, er sei der Boss.«

»Warum wurde er entlassen?«

»Es reicht jetzt!« Dieses Mal brüllte Rolf West so laut, dass die Wirtin aufhörte zu sprechen.

Steiner hatte genug. Er bezahlte sein Bier und verließ den Donze. Vor der Tür zog er die frische Luft ganz tief ein. Der Rauch, der die Luft in dieser Kneipe verpestete, tat ihm nicht gut. Der Kneipenbesuch auch nicht. So hatte er nur die Bestätigung dafür, dass sie ihn für den Mörder hielten. Er durfte die hitzköpfigen Trinker nicht unterschätzen. Wer wusste schon, auf welche Ideen sie noch kamen? Der Anschlag auf seinen Hund sprach eine deutliche Sprache.

Durch die geschlossene Tür hörte er die aufgebrachten Stimmen der Dorfleute. Am lautesten war Rolf West: »Musst du dem alles erzählen? Vielleicht ist er der Oberguru dieser Satanssekte dort oben.«

»Ich weiß, warum du Harald Steiner nicht leiden kannst. Aber das mit dem Satan kannst du ihm wirklich nicht anhängen, das glaubt dir keiner«, kam es von der Wirtin zurück.

»Bei Schumi Bernd lag kein Blut. Was hat Steiner wohl damit gemacht?«

Steiner erschrak. Rolf West war an der Fundstelle gewesen. Er hatte gehört, was der Gerichtsmediziner festgestellt hatte. Es nun unter den Dorfleuten zu verbreiten, schürte den Hass noch mehr. Aber aufhalten konnte Steiner ihn nicht.

Er fuhr den gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Der Mond stand sichelförmig am Himmel und spendete Licht. Der Nebel hatte sich verzogen.

Da war etwas.

Eine Bewegung zwischen den Bäumen.

Die Gestalt war groß. Aufrecht. Das war kein Tier.

Er hielt den Wagen an und versuchte etwas zu erkennen. Aber alles war reglos und still. Sein Nachtsichtfernglas lag in seinem Zimmer auf dem Gutshof.

Langsam fuhr er weiter.

Da sah er es wieder. Eine gerade Gestalt, aber kein Mensch. Die Umrisse konnte er nicht zuordnen. Er spürte, wie ihm Gänsehaut über Arme und Nacken kroch. Hatte er wirklich Angst? Die Erinnerung, wie Bernd Schumachers Überreste blutleer in der Spaltmaschine steckten, löste Beklemmung in ihm aus. Die Umgebung, in der er sich befand, war einsam und dunkel.

Die Silhouette bewegte sich nicht. Und doch glaubte er zu erkennen, wie sich ein dicker Baumstamm wölbte. Die Konturen des Baumes veränderten sich auf eine Weise, die ihn schaudern ließ. Dort versteckte sich jemand.

Lange verharrte er in seinem Wagen. Als ihn die Gewissheit überkam, sich die Veränderungen am Baumstamm nur einzubilden, ließ er die Autoscheibe herunterfahren.

Totenstille umgab ihn. Er stieg aus.

Plötzlich ertönte ein lang gezogenes sonores »Buuuhooo«.

Steiner zuckte zusammen. Erst nachdem er sich wieder beruhigen konnte, erkannte er den nächtlichen Laut, der in den letzten Jahren wieder vermehrt in den heimischen Wäldern zu hören war.

Was war er für ein Jäger, der vor dem Ruf eines Uhus in die Knie ging?

Zögerlich näherte er sich der reglosen Gestalt. Als er direkt davor stand, kam der nächste Schreck. Es war ein Reh, das sich in einer heimtückischen Falle verfangen hatte. Die Schlinge war an dem Baum befestigt und, nachdem der Kopf des Tieres sich darin verfangen hatte, in die Höhe geschnellt. Das Tier hatte sich qualvoll erhängt.

Erschrocken über den grotesken Anblick, wich Steiner zurück. Erst nach einigen Sekunden wusste er, was zu tun war. Er nahm sein Messer heraus, schnitt das Seil durch und legte das Tier auf der Erde ab. Mit einer Taschenlampe untersuchte er den Kadaver. Das Reh war schon lange tot, also keine Notwendigkeit, es auszuweiden und in die Wildkammer zu befördern. Also lud er es in seinen Wagen und beschloss, am nächsten Morgen Jürgen Schnur den Kadaver zu zeigen.

Kapitel 7

Der neue Morgen begann mit einem Geräusch, das Steiner vertraut vorkam. Seine Müdigkeit hinderte ihn daran, sofort zu reagieren. Schon leckte ihm Moritz über das Gesicht, was besser wirkte als jede kalte Dusche.

Erst jetzt erkannte Steiner die ungewöhnliche Situation. Jemand machte sich vor seinem Haus zu schaffen, ohne dass der Hund anschlug.

Er zog sich an und trat hinaus. Moritz verschwand blitzschnell aus Steiners Blickfeld. Hastig folgte Steiner ihm. Im hinteren Teil des Geländes erblickte er Micky, wie er gerade ein großes Loch mit angehäufter Erde zuschüttete. Steiner ahnte, dass dort der Rehkadaver vergraben worden war.

»Wie schaffst du es, so früh hier oben zu sein?«

Micky lachte seinen Freund an: »Ich muss dir doch helfen. Schließlich bin ich dein Adjutant.«

Das zufriedene Lächeln im Gesicht des Jungen versetzte Steiner einen Stich. Er wusste, dass Micky es gut meinte. Gleichzeitig erkannte er, dass er Micky niemals begreiflich machen konnte, dass ihm das Verscharren der Tiere mehr schadete als nützte. Doch wie sollte er Micky von seiner guten Absicht abhalten, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen?

»Nach dieser anstrengenden Arbeit hast du bestimmt Hunger?« Etwas anderes fiel ihm gerade nicht ein.

Micky nickte.

Steiner wusste, dass Micky sich zu nachtschlafender Zeit aus dem Eltern­haus schlich, weshalb er grundsätzlich mit leerem Magen bei Steiner auftauchte. So war ein gemeinsames Frühstück mit Micky für Steiner inzwischen zur Gewohnheit geworden – und noch mehr. Er genoss Mickys Gesellschaft.

Während sie am reich gedeckten Tisch saßen, überlegte Steiner, wie viele Kadaver Micky inzwischen schon vergraben hatte. Immer waren es Opfer mutwilliger Zerstörung. Anfangs hatte er dieser Tatsache keine Bedeutung beigemessen. Inzwischen sah er das anders. Zu viele Tiere wurden überfahren. Im Wald herrschte kein reger Autoverkehr; im Dorf lief das Wild nicht auf der Straße. Also waren es keine Zufallsopfer, die vor seiner Tür abgelegt wurden. Jetzt gesellten sich auch noch todbringende Schlingen dazu. Das Wild war in seinem vertrauten Wald nicht mehr sicher. Der Anblick des erhängten Tieres haftete noch in seinem Kopf. Viele Rehe und noch mehr Hasen ließen ihr Leben auf unwaidmännische Weise, wodurch Steiner sich nicht in der Lage sah, seinen Abschussplan für dieses Jahr einzuhalten.

Der Gedanke ließ ihn frösteln. Ließen die Dorfbewohner nichts aus, ihn um den Posten des Revierjägers vom Limberg zu bringen?

Moritz begann zu bellen. Schritte näherten sich dem Haus.

Hastig stand Steiner auf und eilte zur Tür. Bevor sein Besuch klingeln konnte, hatte er sie aufgerissen.

Vor ihm stand Esther Weis, die Kriminalkommissarin.

»Na, wenn das mal keine positive Überraschung ist?«

»Ich muss Sie enttäuschen«, entgegnete die blonde Frau. »Wir haben den Beschluss von der Staatsanwaltschaft bekommen, Ihr Haus zu durchsuchen.«

Steiners Gesicht wirkte zunächst ratlos. Einige Sekunden verstrichen, bis er endlich reagierte. Schicksalsergeben raunte er ihr zu: »Eine genaue Untersuchung meines Körpers reicht Ihnen wohl nicht. Sie wollen mein ganzes Leben durchleuchten.«

Esther verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, bevor sie meinte: »Ich habe das nicht veranlasst. Das war Jürgen Schnur, mein Chef.«

»Tun Sie nur, was er sagt?«

»Solange es dienstlich ist, ja!«

»Das verstehe ich als Abweisung, ich bin enttäuscht.« Steiner grinste Esther von oben herab an.

Sie trippelte nervös. »Wer wird hier gefilzt, Sie oder ich?«

»Finden Sie es heraus!« Steiners Grinsen nahm mokante Züge an.

»Sie schaffen es doch tatsächlich, mich in Verlegenheit zu bringen«, gestand sie. »Dabei dachte ich, ich sei abgebrüht.«

»Das macht wohl das Alter aus.«

»Ich lebe auch nicht erst seit gestern.«

»Aber zwischen uns liegt ein großer Altersunterschied. Ich könnte Ihr Vater sein.«

Esther erwiderte seinen Blick nicht, sie schaute auf die eintreffenden Kollegen, die gleich mit ihrer Arbeit begannen – allen voran Jürgen Schnur.

»Jetzt können Sie so richtig meine Privatsphäre unter die Lupe nehmen.« Steiner feixte. »Hoffentlich enttäusche ich Sie nicht.«

»Es reicht jetzt«, funkte Schnur dazwischen.

Sofort änderte Steiner seinen Tonfall, als er mit dem ehemaligen Kollegen sprach: »Du spielst dich hier auf wie ein Despot. Hast du vergessen, wer ich bin?«

»Ich glaube, dass du etwas vergessen hast«, konterte Schnur. »Heute leite ich hier die Ermittlungen im Fall Bernd Schumacher. Inzwischen bin ich zum Hauptkommissar mit Leitungsfunktion befördert worden und sehe zu, dass ich meiner Aufgabe gerecht werde.«

»Das hat aber ganz schön lange gedauert, bis du endlich mal Karriere gemacht hast«, stichelte Steiner. »Warum wohl?«

»Während du dich damals Tag und Nacht um die Arbeit gerissen hast, hatte ich eine Familie, die meine Aufmerksamkeit brauchte. Bis heute bereue ich meine Entscheidung nicht.«

Die Parade saß. Steiner schluckte.

In einem versöhnlicheren Tonfall fügte Schnur an: »Und dann trittst du ganz plötzlich vom Dienst zurück. Nicht etwa, um deine Familie zurückzugewinnen – nein, weil ein Einsatz ohne dein Verschulden schief gelaufen ist. Warum?«

»Warum was?« Steiner fühlte sich überrannt.

»Warum hast du damals das Handtuch geworfen? Dein Einsatz wurde hundert Mal bis ins Detail nachbereitet. Die Dienstaufsicht konnte keinen Fehler deinerseits feststellen. Es war ein dummer Zufall, dass der Hund dieser Frau einfach nicht hören wollte.«

Steiner schwieg.

»Bernd Schumacher hatte den tödlichen Schuss abgefeuert. Nicht du. Auch nicht einer deiner Männer auf deinen Befehl hin. Das wurde zweifelsfrei bewiesen«, sprach Schnur weiter.

»Schumachers Komplize wurde tödlich getroffen, als es auf meinen Befehl hin zum Schusswechsel kam«, hielt Steiner dagegen. »Durchsiebt von einer MP!«

»Das war Notwehr. Es wurden überall Projektile von Schumachers Waffe gefunden.«

»Und der dritte Mann, der die Entführung organisiert hat, ist spurlos verschwunden. Bis heute gibt es keinen Hinweis auf ihn«, zählte Steiner weiter die Liste seiner Fehler auf.

»Schumacher hat ihn niemals verraten. Wie sollten wir den Mann ausfindig machen, von dem wir nichts wussten – weder Namen, noch Aufenthaltsort?«

»Wer sagt uns, dass dieser dritte Mann nicht weiter Kindesentführungen plant und ausführt?«

»Das oblag nicht deinen Aufgaben«, hielt Schnur dagegen. »Den dritten Mann zu finden war die Aufgabe des Kommissariats für Entführung, Erpressung und Geiselnahme. Warum sich für andere den Kopf zerbrechen?«

Steiner verstummte.

»Niemand von uns hat deine Reaktion von damals verstanden. Du warst ein guter SEK-Beamter, der beste Einsatzleiter mit einer Karriere wie aus dem Bilderbuch. Und dann kapitulierst du nach einem Missgeschick, das jedem hätte passieren können.«

»Ich möchte nicht mehr darüber reden«, blockte Steiner ab. »Sag mir lieber, was diese Hausdurchsuchung soll. Bin ich immer noch verdächtig?«

»Wir haben das Ergebnis der Obduktion der Leiche …«

»Lass mich raten, was die Todesursache ist«, fiel ihm Steiner ins Wort. »Nierenversagen.«

»Was soll das? Du weißt doch, dass er geköpft wurde.«

»Eben! Was sollte die Obduktion für Überraschungen bringen?«

»Am erstaunlichsten ist die geringe Menge Blut am Tatort. Das Team der Spurensicherung hat einen halben Kubikmeter Erde darunter ausgehoben und untersucht. Nichts!«

»Dafür kommen die Satanisten infrage, nicht ich.«

»Bisher gehörte das Köpfen durch eine Holzspaltmaschine nicht zu den üblichen Praktiken einer Schwarzen Messe«, entgegnete Schnur schroff.

»Deshalb suchst du bei mir nach Blut?«

»Nicht nur das: Der Tote hatte außerdem Schmauchspuren an den Händen.«

»Es wurde ein Schuss abgefeuert, weshalb ich im Wald war, um die Nachsuche zu machen.«

»Es wurde aber keine Waffe bei dem Toten gefunden.«

»Vielleicht liegt sie dort, wo der Kopf gelandet ist«, schlug Steiner vor.

»Was glaubst du eigentlich, was wir hier machen?« Schnur wurde ungeduldig. »Ich bin nicht mehr der nette Kaffee kochende Kollege, der sich die Arbeiten aufs Auge drücken lässt, die sonst keiner machen will. Ich habe dazugelernt.«

»Freut mich für dich! Und was suchst du hier bei mir?«

»Die Waffe, die Bernd Schumacher bei sich trug.«

»Woran willst du sie erkennen?«

»Wir werden alles, was wir hier finden, nach Fingerabdrücken unter­suchen und prüfen, ob in letzter Zeit ein Schuss abgefeuert wurde.«

»Ich habe mit meiner eigenen Waffe einen Schuss abgefeuert – und zwar einen Fangschuss für den angeschossenen Bock. Den Revolver kann ich dir mitgeben.«

»Danke für dein Entgegenkommen«, bemerkte Schnur, ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen. »Außerdem müssen wir zu der Stelle, an der du den Bock gefunden hast. Wir brauchen die Patrone.«

»Das wird nicht einfach«, gab Steiner zum Besten. »Hier oben wird viel geschossen. Vermutlich findest du dort hunderte Patronen.«

»Du wirst mir zeigen, wo der Bock angeschossen worden ist. Dein Hund kann uns hinführen.«

»Wann gehen wir los?«

»Wenn wir das Haus durchsucht und alle Waffen sichergestellt haben.«

»Alle? Das kannst du nicht machen«, fuhr Steiner aufgebracht hoch. »Ich habe dir doch gesagt, welche Waffe ich für den Fangschuss im Einsatz hatte. Warum noch die anderen mitnehmen?«

»Du stellst Fragen!«, gab Schnur zurück. »Hast du in den Jahren, seit du hier als Waldschrat in der Einsamkeit lebst, vergessen, was Polizeiarbeit ist?«

»Ich brauche meine Waffen. Das ist mein Arbeitswerkzeug.« Steiner ging nicht auf Schnurs Anspielung ein.

»Du kannst sie dir heute Abend bei uns im Kriminallabor abholen. Theo Barthels wird dich anrufen, wenn er fertig ist.«

»Der gute alte Theo.« Steiners Stimme klang sofort besänftigt, als er den Namen hörte. »Der hatte Glück mit seiner Laufbahn. War es nicht Norbert Kullmann, der ihn an diesen Platz brachte?«

Jürgen Schnur nickte.

»Was macht Kullmann eigentlich? Ist er in Pension oder hat es ihn erwischt?«

»Er ist in Pension und glücklicher Ersatzopa.«

»Was ist ein Ersatzopa?«

»Er hat eine junge Kriminalbeamtin eingearbeitet, Anke Deister. Sie wurde alleinerziehende Mutter, Kullmann zur gleichen Zeit Rentner. Da ergab es sich wie von selbst, dass Kullmann und seine Frau sich um das Kind kümmerten, damit Anke weiter ihrer Arbeit bei uns nachgehen kann.«

»Norbert Kullmann ist verheiratet?« Steiner staunte. »Meine Güte! Wie viel sich doch verändert hat. Dem alten Kauz hätte ich so was nie zugetraut.«

»Er hat Martha aus Marthas Kneipe geheiratet. Das war eine gute Wahl, denn Kullmann sieht so gut aus wie nie zuvor.«

»Da sieht man wieder, dass es für die Liebe nie zu spät ist«, sinnierte Steiner und beobachtete, wie Esther Weis mit seiner Blaser R 93 in der Hand an ihm vorbeiging.

Ein Beamter trat auf Schnur zu und erklärte: »Wir haben eine Repetierbüchse Sauer 90 Stutzen mit Kaliber 6,5 x 57, eine Blaser R 93 Standard, Kaliber 9,3 x 62, eine Bockbüchsflinte, Kaliber 12/76 mit Einstecklauf 5,6 x 52R, eine Blaser BBF 95, einen Revolver .357 Magnum und eine Pistole mit Kaliber 7,65 gefunden. Wenn Herr Steiner in dem Haus keine geheimen Kammern oder unterirdische Gänge unterhält, dürfte das sein gesamtes Waffenarsenal sein.«

Die Polizisten verließen das Haus.

Kapitel 8

Sie fuhren im Schritttempo durch die schmale Kirchhofstraße, wo die Häuser dicht an den Bürgersteig angrenzten. Jürgen Schnur saß am Steuer, Esther auf dem Beifahrersitz. Seit sie in Saarbrücken losgefahren waren, hatten sie kein Wort miteinander gesprochen. Sie war in den Bericht über das Projektil vertieft, das sie auf dem Limberg gefunden hatten. Schnurs Aufmerksamkeit galt der Suche nach seinem Elternhaus. Es war Schnurs Entscheidung, ein provisorisches Büro in Wallerfangen einzurichten, um vor Ort ermitteln zu können. Einen Computer hatte ihm die Verwaltung der Landespolizeidirektion zur Verfügung gestellt, damit er mit der Dienststelle vernetzt werden konnte, um alle Informationen sofort weiterzuleiten. Dafür wollte er Esther dabei haben, weil seine eigenen Computerkenntnisse über das Bedienen des Textverarbeitungsprogramms nicht hinausgingen.

»Hier ist es«, sprach er mit Erleichterung in seiner Stimme.

»Hast du schon befürchtet, dein Elternhaus nicht mehr zu finden?«

»Ehrlich gesagt, ja! Ich bin schon mal daran vorbeigefahren.«

Kaum hatte er den Wagen abgestellt, trat eine ältere Dame vor die Haustür und schaute den beiden entgegen. Schnur ließ sich von ihr umarmen. Die Frau schwärmte: »Schön, dass du wieder heimkommst, mein Junge.«

»Es ist nur für die Ermittlungen«, wollte Schnur seine Mutter aufklären, aber die Alte war so glückselig, dass sie seine Worte gar nicht hörte.

Ein alter, hagerer Mann trat hinter die beiden. Sein Gesicht wirkte grimmig, seine Bewegungen hölzern. Als er sprach, klang seine Stimme gebieterisch: »Henriette, hörst du nicht, was der Junge sagt?«

Er gab seinem Sohn die Hand zum Gruß.

Endlich fiel die Aufmerksamkeit auf die junge Frau. Der Blick der Mutter wurde schlagartig unfreundlich.

»Wo ist deine Frau?« Mit dieser Frage machte sie ihren Standpunkt klar.

Schnur lachte und antwortete: »Sie ist in Völklingen und geht ihrer Arbeit nach. Das ist Esther Weis, meine Mitarbeiterin. Sie wird hier bei uns bleiben, bis der Fall aufgeklärt ist.«

»Ich beherberge doch keine fremden Frauen!«

»Mutter! Das ist meine Arbeitskollegin. Sie bearbeitet mit mir zusammen den Fall.«

Schnurs Vater gelang es, die Mutter zu überzeugen: »Stell dich nicht so an! Die Frau ist nur zum Arbeiten hier.«

Mürrisch lenkte die alte Dame ein. Wie eine verstockte Prozession traten sie hintereinander in das enge Haus.

Esther fühlte sich nicht willkommen. Die Begrüßung hatte ihr gereicht. Es war ihr ohnehin unangenehm, zusammen mit ihrem Chef in dessen Privatbereich abkommandiert zu werden.

Das Haus war alt, die Einrichtung ebenso. Eine Couchgarnitur stopfte das Wohnzimmer voll, wirkte abgenutzt, wenn auch sehr gepflegt. Die Schränke waren viel zu groß und zu hoch, die Fenster zu klein. Die Sicht fiel direkt auf einen bewaldeten Berg; kein Licht drang von draußen herein. Zum Glück hielten sie sich nicht lange dort auf, sondern stiegen unverzüglich eine schmale, steile Holztreppe nach oben.

Schnur ging voran, öffnete eine Tür auf der rechten Seite und betrat ein Zimmer, das nur mit einem alten, kleinen Schreibtisch und zwei Stühlen bestückt war.

»Das war früher mein Kinderzimmer«, erklärte er seiner Kollegin. »Hier werden wir unser Büro einrichten.«

Die Sicht aus dem Fenster war die gleiche wie im Wohnzimmer – nur Berg und Wald.

Esther bemühte sich, gleichmütig zu wirken, aber Schnur hatte ihre Verfassung schon erkannt.

»Du sollst dich hier nicht heimisch fühlen, sondern die Arbeit am Computer übernehmen und mir bei den Befragungen vor Ort helfen.«

»Ich sage ja gar nichts.«

Schnurs Eltern verzogen sich, als die beiden begannen, den Computer und das Arbeitsmaterial einzurichten. Esther übernahm die Aufgabe, alle Geräte anzuschließen, was ihr problemlos gelang. Schnur sortierte die Akten und Papiere, die er inzwischen über den Fall hatte zusammentragen lassen. Dabei stellte er fest, dass das Material sehr dürftig war.

»Seit unsere Akten in das Informationssystem übertragen werden, kommen wir nur noch mit Mühe und Not an sie heran«, murrte er.

»Du kennst dich mit der modernen Technologie einfach nicht aus. Das ist alles.« Mit dieser Bemerkung hielt sie Schnur den Bericht über das Projektil entgegen und fügte an: »Hier ist der ballistische Bericht. Darin steht, dass das Projektil, das Erik auf dem Limberg gefunden hat, vom Kaliber 6,5 x 57 stammt.«

»Das ist aber nicht alles, was das steht?«

»Nein. Unter Steiners Waffen ist eine Repetierbüchse Sauer 90 Stutzen mit Kaliber 6,5 x 57.«

»Und weiter?«

»Entgegen Steiners Aussage wurde genau mit dieser Sauer 90 erst vor kurzem geschossen.«

»Also kommt Steiner für den Schuss auf dem Berg in Frage.«

»Wir müssen noch den Abgleich abwarten. Den Bericht will uns Theo Barthels per E-Mail zuschicken. Am besten ist es, ich schließe erst einmal den Computer an und fahre ihn hoch.«

Es dauerte nicht lange, da hatte sie den Kabelsalat entwirrt, jeden Stecker an seinen Platz und den Computer zum Laufen gebracht. Sie aktivierte die Netzverbindung mit der Dienststelle in Saarbrücken und schaute sich alle neuen Informationen an.

»Hier ist der noch ausstehende Bericht der Ballistik.«

»Druck ihn mir bitte aus«, rief Schnur aus dem Nebenzimmer, wo er gerade damit beschäftigt war, sein Schlaflager einzurichten.

Sein Blick fiel auf den Spiegel.

Den hätte er sich besser erspart, dachte er, als er seine hohe, breite Stirn sah. Sein krauses Haar wurde an den Schläfen grau. Schon in jungen Jahren waren seine Haare licht geworden. Inzwischen waren seine Geheimrats­ecken so groß, dass er befürchtete, seine Stirn würde bis zum Hinterkopf freigelegt. Die Glatze kam unweigerlich auf ihn zu. Nur warum quälte er sich damit? Steiner hatte schon seit Jahren eine Vollglatze und strotzte vor Selbstsicherheit. Dafür wurde Schnurs Bartwuchs stärker. Umso ärgerlicher, weil dadurch das Rot deutlicher leuchtete. Er rieb sich über das stoppelige Kinn, ließ sich auf dem Stuhl vor der Kommode nieder, ohne sein Spiegelbild aus den Augen zu lassen.

»Der alte Barbarossa, der Kaiser Friederich.

Im unterirdischen Schlosse hält er verzaubert sich.

Sein Bart ist nicht von Flachse, er ist von Feuersglut.

Ist durch den Tisch gewachsen, worauf sein Kinn ausruht.«, hörte er plötzlich Esthers Stimme hinter sich.

Er drehte sich um und reagierte gereizt: »Spionierst du mir nach?«

»Nein! Ich sollte dir den Bericht der Ballistik bringen. Hier ist er.«

Nach kurzem Zögern fragte Esther endlich, was sie schon länger beschäftigte. »Was ist mit dir los? Seit du zum Chef befördert worden bist, benimmst du dich wie ein unnahbarer Klotz.«

Sofort legte Schnur seine Feindseligkeit ab.

»Entschuldige. Ich bin einfach nur mit dem falschen Fuß aufgestanden.«

»Hat das vielleicht mit deiner Begegnung mit Steiner zu tun? Du lässt kein gutes Haar an ihm.«

»Er hat überhaupt kein Haar«, konterte Schnur.

Aber Esther Weis zerschmetterte diesen Triumph sofort, indem sie antwortete: »Das steht ihm aber verdammt gut. Es gibt Männer, die sehen mit Glatze besser aus als Männer mit Haaren. Kojak, zum Beispiel.«

»Kojak ist seit 1994 tot. Wie kommst du gerade auf ihn?«

»Du kennst dich ja gut mit Kojak aus.« Esther staunte.

»Meine Frau war vermutlich sein größter Fan«, sprach Schnur mit verstellter Stimme. »Jahrelang bin ich mit Hut auf dem Kopf und Lolly im Mund herumgelaufen, damit sie mich überhaupt wahrnimmt.«

Sie zweifelte: »Ob das was genützt hat?«

Verdutzt schaute Schnur seiner Kollegin nach, wie sie im Arbeitszimmer verschwand. Er zögerte nicht lange, sondern folgte ihr mit den Worten: »Du wirst hier keinen Schritt ohne mich machen.«

»Wovor hast du Angst?«

»Warum wurden früher die Töchter von ihren Müttern in den Häusern eingesperrt, wenn es hieß, Casanova kommt in die Stadt?«, reagierte Schnur mit einer Gegenfrage.

»Du hast Angst, Harald Steiner könnte mich verführen.« Esther lachte.

»Ich habe Augen im Kopf.«

»Du bist seit über zwanzig Jahren glücklich verheiratet. Warum interessiert dich das Liebesleben eines Mannes, dessen Leben weniger beneidenswert verlaufen ist?«, fragte sie staunend.

»Mich interessiert nicht das Liebesleben von Steiner, sondern deins.«

»Wie bitte?«

»Ich arbeite seit sieben Jahren mit dir zusammen und habe oft deinen Liebeskummer miterlebt«, gab Schnur nun in einem sanfteren Ton zurück. »Es ist mir nicht egal, wenn du leidest.«

Esther Weis schluckte.

»Ich weiß, dass du dich mit Andreas Hübner, Erik Tenes und Bernhard Diez dreimal hintereinander ins Unglück gestürzt hast.«

»Erik hat mich nicht ins Unglück stürzen können, weil er von Anfang an kein Interesse an mir zeigte. Er läuft hinter Anke her, seit er auf unserer Dienststelle ist«, unterbrach Esther.

»Lenk nicht vom Thema ab«, maßregelte Schnur in einem Tonfall, der Esther aufhorchen ließ. Sie spürte, dass ihr diese Unterhaltung zu nahe ging. Aber Schnur ließ sich nicht mehr aufhalten: »Daran erkenne ich, dass du mit deiner Wahl der Partner kein glückliches Händchen hast. Ich will vermeiden, dass Steiner der nächste auf deiner Liste der Enttäuschungen wird.«

Obwohl für Schnur das Thema damit beendet war, fing es für seine Kollegin erst an. Sie schaute ihren Vorgesetzen an, erkannte in seiner Miene weder Geringschätzung noch Ironie. Seine Anteilnahme an ihren Gefühlen wirkte echt.

Schnur erwiderte den Blick. »Habe ich mir zu viel herausgenommen?

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kenne das nicht, dass sich jemand dafür interessiert, wie es mir geht. In meinem Leben hat sich bisher keiner Gedanken darum gemacht. Meine Mutter interessiert sich mehr für den Inhalt ihrer Schnapsflasche, mein Vater hat uns verlassen, als ich noch sehr klein war.«

Jetzt erst merkte Schnur, wie wenig er über seine Mitarbeiterin wusste. Es war wohl ein Fehler gewesen, sich von den Kollegen abzuschotten und nur die berufliche Seite zu zeigen. In Esther Weis hatte er immer die blonde, schöne Frau gesehen, die unüberlegt neue Beziehungen zu Männern anfing. Heute konnte er das erste Mal einen Blick hinter diese Fassade werfen und sah eine einsame, traurige Frau, die mit ihrem Leben keineswegs so einverstanden war, wie es nach außen schien.

»Ich will deinem Glück nicht im Wege stehen«, bemerkte er mit brüchiger Stimme. »Nur befürchte ich, dass Steiner deine Erwartungen nicht erfüllt.«

»Ich werde aufpassen.«

»Das hört sich vernünftig an.«

Mit diesen Worten beendete er das Thema und widmete sich dem Bericht, den er immer noch in den Händen hielt.

Schnur las in erstauntem Tonfall vor: »Da steht, dass kein hundertprozentiger Abgleich zu Steiners Waffe durchgeführt werden konnte, weil das Projektil deformiert ist.«

»Heißt das, die Ballistik ist mit ihrem Latein am Ende?«

»Weiterhin steht da, dass die Kugel mit einem fünfzehn Jahre alten Projektil aus der Waffe von Eduard Zimmer verglichen wurde.«

»Wer ist Eduard Zimmer?«

»Harald Steiners Vorgänger. Er nahm sich mit seiner eigenen Waffe das Leben«, antwortete Schnur, ohne seinen Blick von dem Bericht abzuwenden.

»Warum wurde dieser Vergleich angestellt?«, fragte Esther.

»Weil diese Waffe in unseren Akten immer noch als verschwunden gilt«, antwortete Jürgen Schnur. »Ich als ehemaliger Aktenhengst habe mich sofort daran erinnert. Die Nähe des neuen Tatortes zu dem Ort des Verschwindens der Waffe von damals hat mich auf die Idee zu diesem Vergleich gebracht.«

»Das finde ich gut.« Esther grinste. »Da sieht man mal wieder, dass du selbst nicht an Steiners Schuld glaubst.«

»Nicht so hastig, liebe Esther«, bremste Jürgen Schnur Esthers Eifer. »Es gibt zwar eine markante Kratzspur auf beiden Geschossen, weshalb nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Kugel aus Zimmers Waffe stammt.«

»Also ist Steiner aus dem Rennen?«

»Nicht ganz. Es gibt weitere Riefen. Aber das Projektil war so verformt, dass es nicht exakt mit dem Projektil, das in der Ballistik abgefeuert wurde, verglichen werden konnte. Eine mikroskopische Untersuchung kann nur Ähnlichkeiten feststellen. Das zählt nicht als Beweis.«

»Enttäuscht?«

»Nur entsetzt! Zimmers Waffe ist vor fünfzehn Jahren spurlos verschwunden. Sollte sie jetzt wieder auftauchen, wirft das eine Menge neuer Fragen auf.«

»Die Tatsache, dass Bernd Schumacher im Besitz dieser Waffe war, zwingt uns die Frage auf, wie er daran gekommen ist«, überlegte Esther laut.

»Das Verschwinden von Zimmers Waffe war damals schon eine undurchsichtige Angelegenheit.«

»Das Verschwinden einer Waffe ist immer undurchsichtig«, bemerkte Esther. Aber Schnur ließ sich nicht ablenken, sondern sprach weiter: »Es handelt sich um eine Blaser R 93 Royal, mit einer handgefertigten Gravur. Zudem war der Schaft aus geschnitztem Nussbaumholz mit einer besonderen Maserung, was den Wert der Waffe erheblich steigert. Der Preis betrug damals schon vierzigtausend Mark.«

»Wer gibt so viel Geld für einen Repetierer aus?«

»Idealisten«, antwortete Schnur. »Wenn ich mich richtig erinnere, hat Kullmann damals den Fall Eduard Zimmer bearbeitet. Ich komme nicht umhin, mit ihm darüber zu sprechen.« Schon griff er nach dem Telefon. Während er Kullmanns Nummer wählte, fügte er an: »Bis der Aktenführer die Akte herausgesucht hat, hat Kullmann mir alles erzählt.«

»Heißt das, wir fahren zurück nach Saarbrücken?«

Bevor Schnur seiner Mitarbeiterin antworteten konnte, sprach er in den Hörer.

»Nein, Kullmann kommt hierher« sagte er, nachdem er das Gespräch beendet hatte.

»Warum nimmt er den weiten Weg auf sich?« Sie klang enttäuscht.

»Er lässt es sich nicht nehmen, nach all den Jahren den Limberg wieder zu sehen«, antwortete Schnur. »Aber mach dir keine Sorgen, wir fahren noch oft genug nach Saarbrücken. Forseti will über alles informiert werden. Er besteht darauf, dass ich persönlich antrete. Seinen Unmut über meine Einsatzzentrale vor Ort lässt er mich jetzt schon spüren.«

Kapitel 9

»Willkommen in Oberlimberg.« Wenn das mal keine freundliche Einladung war. In behäbigem Tempo steuerte Kullmann seinen Wagen über die schma­le Straße.

»Hier hat sich einiges verändert«, murmelte er.

»Überrascht dich das?«, fragte Martha. »Das ist ein schöner Ort. Ein guter Grund, hier zu bauen.«

»Oskar Lafontaine hat das auch erkannt. Er wohnt hier.« Kullmann zeigte auf ein großes Anwesen zu seiner Rechten. Ein geöffnetes Eisentor mit spitzen Stahlstreben gewährte gute Sicht auf ein gelbes Haus, das mit flachem Walmdach über Erkern und Giebeln ganz typisch im Baustil der Toskana gehalten war. Hohe Fenster und eine Glasgalerie im Dachgeschoss ließen auf angenehmen Komfort schließen. Kullmann interessierte sich jedoch mehr für die halbhohe Mauer aus Naturstein mit ihrem gusseisernen Aufsatz. »Jetzt sehe ich endlich einmal diesen umstrittenen Gartenzaun.«

»Die Tatsache, dass dieser Gartenzaun ein öffentlicher Streitgegenstand ist, macht ihn erst interessant«, erkannte sie. »Sonst würde wohl keinem auffallen, wie schön er ist.«

Wenige Meter weiter beeindruckte eine Villa in Terrakotta mit weißen Balkonen. Häuser ganz aus Holz zogen ebenfalls ihre Aufmerksamkeit auf sich.

An der Kreuzung bogen sie rechts ab. Dort trafen sie auf die Hostellerie Waldesruh.

Die rustikale Einrichtung gefiel Kullmann sofort. Die Tür zum Jagdzimmer stand offen. Die Wände waren übersät mit Geweihen von Böcken, die wie heimische Trophäen anmuteten. Die Gedecke waren alle in Jägergrün.

Jürgen Schnur und Esther Weis warteten im Restaurant nebenan. Sie saßen direkt am ersten Tisch vor einem Schrank mit aufwendigen Schnitzereien. Dort zierten neben antiken Bauernmöbeln Hirschgeweihe die Wände. Eine große Theke in der Mitte beherrschte das Speiselokal.

»Schön, dass ihr noch auf meine Hilfe zählt. Das neue Informations­system wird mich bald überflüssig machen.« Mit diesen Worten trat Kullmann auf den Tisch zu. Schnur erhob sich, um seinen ehemaligen Chef zu begrüßen.

»Du wirst niemals überflüssig«, meinte er. »Ein Computer kann keine Erfahrungen sammeln.«

Kullmann lachte.

Sie ließen sich die Speisekarte reichen.

»Ihr wollt Informationen über Eduard Zimmer haben«, kam der Alte auf den Grund des Treffens zu sprechen. Als Vorspeise wählte er Wildrahm­suppe mit frischen Pfifferlingen.

Schnur nickte.

»Ich kann mich noch gut an den Fall erinnern. Eduard Zimmer hatte sich mit seiner wertvollen Repetierbüchse erschossen – eine unübliche Methode, weil es sich dabei um eine Langwaffe handelt. Also mussten wir rekonstruieren und haben feststellt, dass Zimmer groß und seine Arme lang genug waren, um sich selbst aus diesem Winkel einen Schuss zu setzen.«

»Aber es wurde keine Waffe gefunden.«

»Stimmt. Otto Siebert fand Eduard Zimmer – aber keine Waffe.«

»Otto Siebert?«, stutzte Schnur. »Das ist doch der Vater des entführten Kindes?«

»Richtig.«

»Er ist zufällig auch der Besitzer des Nachbarwaldes vom Limberg.«

»Die Hessmühle«, bemerkte Schnur.

»Nach der Entführung trat er freiwillig von seinem Amt als Staatssekretär zurück. Angeblich brauchte er Zeit, um sich von dem Schrecken zu erholen. Das tat er, indem er sich in die Abgeschiedenheit zurückzog. Dabei stieß er auf den Toten.«

»Darauf stoßen ist ein bisschen übertrieben. Die Leiche lag zweihundert Meter tiefer«, korrigierte Schnur. »Ich staune, wie er sie überhaupt sehen konnte.«

»Willst du die Aussage dieses Mannes anzweifeln?«

»Ich sehe nur Ungereimtheiten.«

»Du siehst Gespenster! Eduard Zimmer starb durch ein Projektil aus seiner eigenen Waffe. Es steckte in seinem Körper, weshalb wir es genau überprüfen konnten.«

»Heißt das nicht, dass er aus großer Entfernung erschossen wurde?«

»Nein. Der Schuss war aufgesetzt. Die Kugel blieb im Körper, weil sie auf einen Knochen prallte.«

Die Vorspeisen wurden serviert.

Schnur begutachtete den Inhalt seines Tellers, während er fragte: »Was hat Otto Siebert in einem Revier zu suchen, das ihm nicht gehört?«

»Ein Mensch wird doch wohl noch im Wald spazieren dürfen. Er hatte ein schreckliches Erlebnis zu verarbeiten und wollte abschalten.«

In einem sachlichen Ton fügte Schnur an: »Ich habe erfahren, dass es zwischen Zimmer und Siebert Rivalitäten gegeben hat. Deshalb wundere ich mich, dass er in seiner schwersten Zeit seine Entspannung ausgerechnet dort suchte, wo er genau das Gegenteil zu erwarten hatte.«

»Du bist wirklich gut. Alles hinterfragen, nichts dem Zufall überlassen. Dich auf den Posten zu setzen war die richtige Entscheidung. Dir entgeht nichts.«

»Deine Überzeugung ehrt mich. Würdest du diese Worte bitte vor Kriminalrat Forseti wiederholen?«

Kullmann lachte.

»Wie wurde der Tote geborgen?«, fragte Esther.

»Mit einem Lichtmastkraftwagen mit Flutlicht«, antwortete Kullmann, rieb sich mit einer Serviette über das Kinn und schob die leere Suppenschale beiseite. Das Geschirr wurde abgeräumt. Erst als sich die Wirtin vom Tisch entfernte, fügte er sinnierend an: »War das ein Aufwand, ihn nach oben zu befördern.«

»Das verstärkt meine Zweifel an Ottos Sieberts Darstellung der Ereignisse«, bekannte Schnur. »Zimmer hatte über Jahre hinweg das Wild von Sieberts Hessmühle auf das eigene Stück – auf den Limberg- getrieben und dort geschossen. Das gehört nicht zum waidgerechten Verhalten eines Jägers. Und dann findet Otto Siebert seinen Widersacher zufällig in einer Schlucht, die sonst nur mit einem Lichtmastkraftwagen zu erreichen ist.«

»Deshalb bringt der damalige Staatssekretär des Innenministeriums und Leiter der Abteilung für Polizeiangelegenheiten einen Menschen um?«, hielt Kullmann dagegen. »Das ist nicht waidgerecht – und noch strafbar dazu. Otto Siebert ist Jurist. Er weiß, was Gerechtigkeit ist. Sollte ein Unbefugter auf sein Wild schießen, wird er schlauere Methoden anwenden, um es dem Kontrahenten beizubringen.«

Schnur trank sein Bierglas in einem Zug leer. Kullmann hatte ihn zurechtgewiesen. Obwohl er inzwischen pensioniert war, er war immer noch ein schlauer Fuchs.

»Du hast recht. Ich bin über das Ziel hinausgeschossen.«

Kullmann schüttelte den Kopf und meinte: »Du gehst unvoreingenommen an den Fall heran. Das ist gut so. Wenn ich immer vor der Obrigkeit den Bückling gemacht hätte, wäre so mancher Fall nicht aufgeklärt worden. Also brauchst du dich nicht zu entschuldigen – im Gegenteil: Mach weiter so!«

Die Hauptgerichte wurden serviert. Kullmanns Aufmerksamkeit galt seinem Rumpsteak in Pfeffersoße, Schnur probierte von seinen Schweine­filetspitzen in Rahmsoße. Eine Weile war nur das Klappern des Bestecks zu hören.

»Ich beabsichtige ein Gespräch mit Otto Siebert. Er kann mich aufklären, wie er bei seinem verträumten Spaziergang zufällig die Leiche entdecken, dabei aber dessen Waffe übersehen konnte, deren Wert heute über zwanzigtausend Euro geschätzt wird.«

»Otto Siebert hat keinen Grund, etwas zu stehlen. Er ist steinreich, wie ihr sehen werdet, wenn ihr ihm einen Besuch abstattet.«

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9783750237278
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