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Ekkehard Wolf

GLOVICO

Global village communicator

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Im Vortragsraum der Polizeiinspektion

Larsson hatte allmählich die Nase gestrichen voll

Nur wenige Stunden zuvor

Die Polin war Anfang Vierzig

Eine schöne Aussicht auf den Fluss Moskwa

Die versuchte Festnahme der vier Leute

Knapp 2000 km weiter im Norden

Für Viola Ekström verlief die Nacht auf dem Schiff keineswegs so wie erhofft

Wir haben Begleitung

Unterdessen

Ich bin mir nicht sicher

Der brutale Mord

Nach ihrer Vernehmung

Es war ein unangenehmer Tag

Weit entfernt davon

Der Journalist Hartmut von Dormann

Es gab zwei Möglichkeiten

Polizeimajor Swetlana Viktorewna Hartschenko

Kommen Sie bitte dorthin zurück

Deutlich weniger gelassen

Du hast dich versucht wichtig zu machen

Also Chef, da wäre noch etwas

Die Festnahme

Anfänglich

In Bad Aibling

Ekström, NSA

Sehnsüchtig

Wie konnte das geschehen?

Der Schlüssel zu den Morden

Noch vor wenigen Tagen

In Murmansk

Die Russlanddeutsche

Der Zug

Die Mitteilung

Der Winter

Es gibt keine Namen

Ohne ein Wort

Bitte nehmen Sie doch Platz

Wir müssen versuchen

Am Landungssteg

Schluss

Nachtrag

Impressum neobooks

Im Vortragsraum der Polizeiinspektion

GLOVICO

The Global Village Communicator

von Ekkehard Wolf

Vorbemerkung

Lieber Leser, liebe Leserin,

Die nachfolgende Geschichte mag Ihnen ein wenig verworren vorkommen – sie ist es auch. Das Geschehen „spielt“ in der Vergangenheit. Aber das, was geschehen ist, reicht hinein in die Gegenwart und wirkt auch in die Zukunft. Die geschilderten Vorkommnisse haben sich tatsächlich ereignet. Insofern tun Sie gut daran zu akzeptieren, dass das dargestellte Geschehen keineswegs nur virtuelle, sondern äußerst reale Vorgänge beschreibt. Ähnliches gilt für die Personen, von denen hier die Rede ist. „Wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute,“ heißt es in vielen Märchen. Insoweit gehört diese Geschichte auch zu den Märchen und folglich kann es Ihnen nicht schaden, wenn Sie das, was Sie auf den nächsten Seiten erfahren, ebenfalls als eine Art Märchen verstehen. In Wirklichkeit sind zwar keineswegs alle, von denen hier die Rede ist, bereits gestorben, aber das macht die Sache ja nicht weniger spannend. Auch ich bin auf den gesamten Vorgang nur durch einen dieser schwer vorstellbaren Zufälle gestoßen. Eine über das Aktionshaus „ebay“ gekaufte Festplatte war nicht formatiert.

Der Datensatz enthielt unter anderem eines jener hochbrisanten Dossiers, über das ja kürzlich erst verschiedene Medien berichtet haben und das schon aufgrund seiner Klassifizierung nicht dazu gedacht war, einem Unbefugten in die Hände zu geraten. Mir wurde dieses Material von dem Käufer der Festplatte zugespielt, da er wohl davon ausging, dass ich aufgrund meiner journalistischen Tätigkeit zur Verschwiegenheit über meine Quellen berechtigt bin und daher meine Informanten auch gegenüber den Sicherheitsorganen nicht zu nennen habe.

Ich habe mich selbst nie irgendwelchen Illusionen darüber hingegeben, was dieses Recht tatsächlich Wert ist, wenn die fraglichen Informationen wirklich brisant sind.

Um mich und meine Umgebung nicht in Gefahr zu bringen, habe ich die verfügbaren Fakten daher in eine kleine Geschichte eingebaut und lege deshalb auch Wert auf die in diesen Fällen übliche Feststellung: Bei „GLOVICO“ handelt es sich um ein Internettool, das frei erfunden ist. Im Grunde gilt da für die gesamte Geschichte. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Persönlichkeiten oder Organisationen wäre, wie es so schön heißt, zudem rein zufällig. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass das in ganz besonderem Maße auch für etwaige Ähnlichkeiten gilt, die auf die Operation Glotaic hinzudeuten scheinen.

Die Namensgebung, sofern sie reale Orte beschreibt, ist ebenso willkürlich gewählt und dient lediglich dramaturgischen Zwecken. Keinesfalls haben sich die hier beschriebenen Vorgänge an den beschriebenen Orten zu den beschriebenen Zeiten so abgespielt, wie dargestellt. Insofern habe ich ein Problem mit der Wahrheit. Lassen Sie sich dadurch nicht irritieren. Sie wissen schon, das Leben geht gelegentlich seltsame Wege. Trotzdem sind Sie gut beraten, Wirklichkeit und Erzählung säuberlich voneinander zu trennen, wenn Sie nicht Gefahr laufen wollen, sich im Gestrüpp der Verwirrungen ebenfalls zu verirren. Wo Sie die Trennlinie ziehen wollen, ist selbstverständlich Ihre Sache.

Sie finden das ein wenig verwirrend? Diese Verwirrung wird beim Weiterlesen noch zunehmen, wenn ich Ihnen verrate, dass ... Aber vielleicht lesen Sie besser selbst, was geschehen ist.

Im Vortragsraum der Polizeiinspektion Hjörring herrschte gespannte Aufmerksamkeit. Die Einsatzbesprechung war vom dänischen Staatsschutz kurzfristig anberaumt worden.

„Wie uns die Deutschen mitgeteilt haben, hat vor drei Tagen um siebzehn Uhr zehn ein dunkler BMW älteren Baujahrs die Grenze bei Guben passiert,“ umriss Björn Hansen vom Staatsschutz in Kopenhagen die Lage. Zur Überraschung des örtlichen Dienststellenleiters Karl Larsson war der Mann vom Geheimdienst in Begleitung einer jungen Frau aufgetaucht, die vorzustellen er nicht für notwendig befunden hatte.

„Im Fahrzeug befanden sich vier männliche Personen,“ setzte Hansen seinen Vortrag fort.

„Die Männer haben sich mit Pässen ausgewiesen, die auf Krysztof Kaminski, Vitali Rudnik, Gennadi Friedman und Kasimir Olszewski ausgestellt waren. Die Männer wurden vom BGS der üblichen Routinekontrolle unterzogen, da aufgrund des Fahrzeugs und der Zusammensetzung der Passagiere Anhaltspunkte vorlagen, die einen Anfangsverdacht auf einen kriminellen Hintergrund der Reise begründeten. Die vier Verdächtigen sollten kurz nach der Grenze, im Rahmen der Schleierfahndung, einer gründlicheren Überprüfung unterzogen werden.“

Hansen blickte bedeutsam in die Runde und fuhr dann fort: „Im Vorfeld dieser Feststellung hat es offenbar eine Panne gegeben. Kurz vor der Kontrollstelle müssen die Gesuchten die Straße nach Eisenhüttenstadt verlassen haben. Sie sind in einen anderen Wagen umgestiegen und haben vermutlich dabei auch die Identität gewechselt. Um 18.55 Uhr jedenfalls wurde von einem Anwohner der Ortschaft Schwerzko ein Brand im Wald gemeldet. Wie sich gegen 20.00 Uhr herausstellte, handelte es sich bei dem ausgebranntem Fahrzeug um den bei der Einreise benutzten BMW.“

Erneut machte der Mann aus Kopenhagen eine Kunstpause.

„Der BGS hat wegen des Verdachts auf Vorliegen einer Straftat den Vorfall daraufhin routinemäßig an alle Grenzkontrollstellen weitergeleitet. Die Rückfrage in Warschau zur Klärung der Identität der Untergetauchten wurde wegen Dienstschlusses erst vorgestern früh auf dem Weg gebracht. Die Rückmeldung erfolgte überraschend schnell. Personen, auf welche die angegebenen Passdaten zutreffen, sind an den Meldeorten nicht bekannt. Der Wagen wurde am Tag nach seiner Verbrennung als gestohlen gemeldet.“

Hansen unterbrach abermals seinen Vortrag, trank einen Schluck Kaffee und fuhr dann erneut fort: „Nur wenige Kilometer entfernt, bei dem Ort Jocksdorf, wurde zudem ein ebenfalls ausgebranntes Fahrzeug, ein Opel Omega aufgefunden. Beide Wagen waren ohne Nummernschilder zurückgelassen worden. Beim Abgleich der eingescannten Photos über Europol hat sich heraus gestellt, dass es sich bei den Gesuchten mit großer Wahrscheinlichkeit um berufsmäßige Killer aus der Ukraine handelt,“ setzte Hansen nach.

„Die Vermutung, dass sich die Gesuchten hier bei uns in der Gegend aufhalten, haben wir Kamerad Zufall zu verdanken. Während einer Routineverkehrskontrolle kurz vor Alborg hat Gesternabend der Fahrer eines der herausgewinkten Fahrzeuge das Gaspedal durchgetreten und sich so der Überprüfung entzogen. Die sofort eingeleitete Fahndung war insofern erfolgreich, als das gesuchte Fahrzeug zwei Stunden später am Kloster Borglum aufgefunden worden ist. Allerdings leer. Der Wagen ist offensichtlich überstürzt verlassen worden. Unter dem Beifahrersitz haben wir eine Kartentasche gefunden. Dort konnte ein Ausschnittsplan sichergestellt werden, auf dem die Gegend um Lönstrup markiert wurde und das heutige Datum notiert ist. In der Mappe befand sich zudem der Reisepass von Vitali Rudnik. Wir gehen daher davon aus, dass die Insassen jetzt entweder zu Fuß unterwegs sind, und daher nicht weit gekommen sein können, oder von einem anderen Wagen aufgenommen worden sind,“ betonte der Einsatzleiter.

„Vermutlich trifft letzteres zu,“ mischte sich die junge Frau ein, „und das würde bedeuten, dass mehr als die uns bekannten vier Personen unterwegs sind. Möglicherweise haben die sich auch hier irgendwo in einem der Sommerhäuser eingenistet.“

An Larsson direkt gewandt fügte gleich darauf Hansen hinzu: „Es geht für Ihre Leute also lediglich darum das Beobachtungsgebiet zu überwachen. Sollten sich auffällige Bewegungen feststellen lassen, sind die Einsatzkräfte zu benachrichtigen. Unsere Leute überprüfen in der Zwischenzeit die belegten Ferienhäuser in der Umgebung und übernehmen alles weitere.“

„Halten Sie es nicht doch für günstiger, wenn wir abwarten, bis die gesamte Crew beisammen ist“, hatte Kommissar Sven Larsson im Verlauf der kurzfristig anberaumten Einsatzbesprechung gerade zu bedenken gegeben, als die Besprechung durch das Klingeln eines Mobiltelephons unterbrochen wurde.

„Verzeihen Sie bitte,“ entschuldigte sich die junge Frau, während sie nervös in ihrer Handtasche nach dem Handy kramte.

„Es macht doch keinen Sinn, da bei Anbruch der Dunkelheit mit einer halben Hundertschaft aufzukreuzen, ohne dass wir sicher sein können, ob wir überhaupt das richtige Gebäude für das Treffen kennen,“ insistierte der Leiter der Polizeiinspektion Hjorring, nachdem die rothaarige Frau den Sitzungsraum verlassen hatte.

Larsson hatte allmählich die Nase gestrichen voll

Larsson hatte allmählich die Nase gestrichen voll von der Art und Weise, wie die hohen Herren vom PEC aus Kopenhagen die ganze Angelegenheit hier zu handhaben beliebten.

Kurz nach Mitternacht war er von Kopenhagen aus dem Bett geklingelt worden.

Über seine private Mobilfunknummer war ihm durch einen Verantwortlichen des Dienstes das Eintreffen der Einsatzgruppe für 14.00 Uhr angekündigt worden. Per Fax war zu Dienstbeginn die Bereitstellung der Kräfte seiner Dienststelle bis 15 Uhr angeordnet worden.

Ab diesem Zeitpunkt sollten alle Kreuzungspunkte entlang der Zufahrtsstraßen nach Lönstrup mit Kontrollposten besetzt sein.

Die Vollzugsmeldung war gegen 11.00 Uhr herausgegangen.

Die eigentliche Lagebesprechung wurde für 14.30 Uhr angesetzt. Die Leute vom PEC hatten die Sache mit einer für die gesamte Dienststelle völlig ungewohnten Dringlichkeit vorangetrieben.

Die Informationen beschränkten sich zugleich auf das Notwendigste.

Dementsprechend hatten sich die örtlichen Kräfte auf die Abriegelung der Zufahrtsstraßen und die Abgabe der entsprechenden Meldungen beschränkt, ohne dabei besondere Vorkommnisse vorweisen zu können.

Die Besprechungsteilnehmer verständigten sich schließlich darauf, dass beim Auftauchen eines jeden Fahrzeuges mit ausländischem Kennzeichen sowie der zufälligen Entdeckung der gesamten Gruppe unverzüglich das Sondereinsatzkommando zu benachrichtigen war. Ein Zugriff durch örtliche Kräfte war ausdrücklich untersagt.

Die Sondereinsatzkommando bestand aus drei Abteilungen. Der „Konvoi“, bestehend aus vier Kleintransportern und zwei Sicherungsfahrzeugen, war dafür vorgesehen, die Festnahme am Ort des Treffens durchzuführen. Sollte der Zugriff nicht oder nicht vollständig gelingen, standen zwei weitere Gruppen mit Helikoptern bereit, um die Sache zum Abschluss zu bringen.

„Die ganze Sache hat eben nur einen kleinen Haken,“ mokierte sich die mittlerweile auch in den Besprechungsraum zurückgekehrte Frau mit dem amerikanischen Pass, „der genaue Aufenthaltsort der Gesuchten ist den Fahndern nicht bekannt.“

Das stimmte natürlich. Selbst die Fahrzeugtypen hatten bisher nicht näher bestimmt werden können. Deren Kennzeichen waren ebenfalls immer noch nicht bekannt. Der gesamte Einsatz glich also der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Inzwischen war es fast siebzehn Uhr, aber von den vereinbarten Kontrollpunkten, über welche die Zufahrtsstraßen gesichert werden sollten, waren bisher noch keine „zielführenden“ Rückmeldungen erfolgt.

Nur wenige Stunden zuvor

Nur wenige Stunden zuvor hatte sich in einem nahe gelegenen Ferienhaus eine informelle Gruppe von Menschen getroffen, deren gemeinsames Interesse den Gefahren galt, die von den neuen globalen Informations- und Kommunikationsstrukturen ausging.

Neben dem leicht schrulligen Kriminalrat vom deutschen BKA, Günther Rogge, hatten sich zu dem konspirativ anmutenden Treffen der britische Staatsbürger Jonathan Bird und dessen deutsche Frau Regine eingefunden. Offiziell war „Mr. Bird“ bei einer namhaften Elektronikfirma im Raum Burmingham beschäftigt. Vor der Wende bestand seine Haupttätigkeit darin, Verstöße gegen die Ausfuhrbestimmungen gemäß COMCOM - Liste aufzuspüren. Mr. Bird war zu seiner Zeit mehrere Jahre offiziell bei der Royal Army in Deutschland stationiert gewesen. Dass sein eigentlicher Brötchengeber das GCHQ war, ließ er mit britischem Understatement unerwähnt.

Kurz vor 17.00 Uhr hatte sich den im Ferienhaus Wartenden schon von weitem das Herannahen einer kleinen Fahrzeugkolonne angekündigt.

Da alle brav vorschriftsmäßig mit eingeschalteten Scheinwerfern unterwegs waren, gelang es den beiden Beobachtern in dem Ferienhaus nicht zu erkennen, wer sich nähert.

Die Autos waren in Richtung Lönstrup abgebogen. „Vermutlich Touristen, die ihre Ferienhäuser nicht gefunden haben,“ gab sich der Deutsche beruhigt.

Die anderen Beteiligten an dem Treffen waren ebenfalls für 17 Uhr angemeldet. Es wurde also tatsächlich Zeit, sich um deren Ankunft zu kümmern.

„Na gut, dann machen wir uns mal auf den Weg,“ schlug Rogge vor und schlüpfte in den gelben „Friesennerz“, den er stets mit auf Reisen nahm, wenn mit Regen zu rechnen war.

Der einzige Unterschied zu sonst bestand darin, dass die Seitentasche heute durch eine Pistole ausgebeult wurde.

Anschließend verließen die beiden Männer das Haus und begaben sich zum Strand.

Sie hatten hier ihre PKW geparkt. Als Rückzugsoption lagen zwei Metzlerboote mit PS starken Außenbordern bereit.

„Denken Sie bitte an Sicherheit,“ hatte ihn Mr. Bird freundlicherweise zum Abschluss des Gesprächs ermahnt, in dessen Verlauf sich beide über die Modalitäten des Treffens verständigt hatten.

Nach Meinung des Deutschen war die Erinnerung zwar so überflüssig gewesen wie ein Kropf, aber im Laufe der Zusammenarbeit hatte er sich an die Macken seines Gesprächspartners „von der Insel“ gewöhnt und die Vorgabe deshalb lediglich mit den Worten „wird gemacht“ bestätigt.

Am Strand mussten die beiden Sicherheitsexperten nur wenige Minuten warten.

Aus Richtung Nörlev-Strand näherten sich zwei Fahrzeuge. Sie waren am Ende der kleinen Sommerhaussiedlung nach links auf den breiten Strand gefahren.

„So können wir uns gar nicht verfehlen,“ hatte Günte Rogge seinem Bekannten aus England geraten und der hatte diesen Anfahrtsweg sowohl seiner polnischen Kollegin, wie auch seinem französischen Freund weitergereicht.

Als sich die beiden Fahrzeuge näherten, begaben sich Günther Rogge und Mr. Jonathan Bird verabredungsgemäß ans Wasser und ließen ihre Taschenlampen aufs Meer leuchten. Auf dieses Erkennungszeichen hielten beide Wagen in Höhe der Schlauchboote.

Die Polin war Anfang Vierzig

Die Polin war Anfang Vierzig. Sie war in Begleitung von zwei Männern gekommen, die offenkundig als ihre Bodyguards fungierten.

Mr. Bird hatte sie 2001 im Rahmen einer Dienstbesprechung in Warschau kennen gelernt. Marcel, der Franzose stammte aus Saumur. In seiner Jugend hatte er an gemeinsamen Pfadfinderlagern mit Gruppen aus der Partnerstadt Saumurs in Deutschland teilgenommen. Die Partnerstadt war das niedersächsische Verden/Aller. Dieses Städtchen hatte Bird und ihm einen gemeinsamen Gesprächsstoff geliefert, als sie sich Ende 1989 auf einer gemeinsamen britisch-französischen Tagung im belgischen Gent kennen gelernt hatten, bei der es darum ging, die Folgen der Ereignisse in der DDR zu analysieren und die Vorgehensweisen beider Dienste aufeinander abzustimmen. Marcel hatte keinen weiteren Kollegen mitgebracht.

Gemeinsam erklommen sie die Dünung zum Haus, wo Regine Bird mit den Hunden vom Spaziergang zurückgekehrt war.

Erst hier erfolgte die gegenseitige Vorstellungsrunde. Da der Deutsche der einzig Neue in der Runde war, galt ihm die besondere Aufmerksamkeit der Hinzugekommenen.

Günter Rogge war nicht besonders groß gewachsen, aber trotz seines fortgeschrittenen Alters schlank geblieben. Der kurze Haarschnitt ließ seine ohnehin eher markanten Gesichtszüge noch härter erscheinen.

Agnieszka fiel zunächst der prüfende, durchdringende Blick auf, mit dem sie der Deutsche überflog. Danach war es der Klang der Stimme, der sie aufhorchen ließ. „Militär!“ konstatierte die Polin überrascht für sich.

Der Franzose hatte es bei einem kurzen Händedruck belassen. Seine Aufmerksamkeit richtete sich stärker auf Mrs. Bird. Beide kannten sich aus ihrer gemeinsamen Pfadfinderzeit. Es war immer wieder ein großes Hallo, wenn sie einander begegneten. „Ich denke, ich mache uns erst einmal was zu trinken,“ warf Regine gutgelaunt in die Runde.

Kurz darauf stellte sie mit einem „puh“ einen Kasten „Flensburger“ auf die Ablage neben der Spüle. „Greift zu Leute,“ forderte sie die Umstehenden auf. Nach dem Begrüßungsbier widmete sich die kleine Gesellschaft dem Büffet, das Regine in dem Restaurant der Ferienhaussiedlung hatte zubereiten lassen. Erst danach wurde es dienstlich.

„Unser gemeinsames Sorgenkind beginnt sich zu einem echten Problem zu mausern,“ leitete die Polin die Unterredung ein.

„Ich denke, wir wissen jetzt in etwa, was die vorhaben. Seit Anfang Juni greifen sie über die e-Mail Konten auf den internen Schriftverkehr schwachgeschützter Netze zu und recherchieren so personenbezogene Daten der Mitarbeiter der infizierten Unternehmensdatenbanken. Außerdem verfügen sie über die Fähigkeit Buchhaltungsdaten einzusehen und Kontobewegungen zu manipulieren. Sie alle kennen sicherlich diese Meldung: „Sicherheitslücken lassen sich auf vielfältige Weise ‚nutzen’.“ Die Polin blickte kurz auf ihr Manuskript und zitierte dann weiter den bekannten Internetinformationsdienst des Spiegel Verlages, ‚Der Tag’: „Das führen unbekannte kriminelle Spam-Versender zurzeit vor: Sie hinterlegen Trojaner auf bekannten Webseiten, die die PCs der Website-Besucher zu Spam-Versende-Relays machen. Ein neuer Internet-Virus spioniert nach Ansicht von Experten Kreditkartennummern und andere persönliche Finanzdaten aus: Der Virus verbreitet sich über infizierte Web-Sites und nutzt Sicherheitslücken in Produkten von Microsoft aus’. Agnieszka Malik sah prüfend in die Runde.

Rogge hatte das Gefühl, als ob ihr Blick eine Spur länger auf ihm haften blieb, aber das konnte auch Einbildung sein.

„Das, was sich da abspielt,“ so fuhr die Kriminalbeamtin aus Lublin fort, nachdem sie einen großen Schluck Wasser getrunken hatte, „entbehrt mittlerweile durchaus nicht einer gewissen Brisanz. Die Initiatoren bedienen sich inzwischen der geklonten Startseiten kleiner Unternehmen und Organisationen, die selten abgerufen werden. Die Täter funktionieren diese Startseite zu Multifunktionstrojanern um. Die umfunktionierte Plattform dient dabei als Köder. Der Klon wird bei Bedarf gegen die Originalversion ausgetauscht. Zahlreiche, in der Originalversion vorhandene Links sind dann mit Fähigkeiten ausgestattet, die den Apparat zu einem hochgefährlichen Instrument machen. Erst in letzter Zeit wurden die modifizierten Klone wiederholt an die Stelle der Originalseiten gestellt. Deren Konstrukteure nutzen diese als Testplattform für ihre experimentellen Modifikationen. Von der Struktur verfügen die Tools damit zeitweilig über die Fähigkeit, zentrale Funktionen geläufiger Betriebssysteme außer Kraft zu setzen und einer anderen Verwendung zuzuführen. Unklar ist allerdings noch, welches Ziel die Betreiber damit letztendlich verfolgen. Wirklich Sinn machen würde das Spielchen eigentlich nur dann, wenn es gelingen könnte, den gesamten Apparat in fremde Netzwerke zu integrieren um deren Datensätze zu infiltrieren und umzulenken oder auch zu blockieren. Soweit wir das beurteilen können, haben sie ihre Fähigkeiten wie gesagt bisher nur bei kleineren, wenig gesicherten Netzen zur Probe laufen lassen. Aber ich bin mir da nicht sicher. In jedem Fall hat sich aus unserer Sicht eindeutig bestätigt, dass die Gruppierung kriminelle Absichten verfolgt. Noch immer völlig unklar ist, wer diese Leute sind. Die Steuerung der Zugriffe erfolgt stets über WWW-Adressen, die von wechselnden Servern bedient werden. Die gewonnenen Daten werden auf Servern zwischengespeichert, die für Arbeitsgruppen eingerichtet worden sind, die zeitversetzt an bestimmten Projekten arbeiten müssen. Besonders beliebt zu sein scheint der BSCW-Server in Paderborn. Von dort werden die Daten von verschiedenen Interessenten mit Zugangsberechtigung abgerufen. Der direkte Kontakt zwischen den Beteiligten erfolgt über kurzfristige e-Mail Adressen, die vermutlich in Internetcafes eingerichtet und nur einmal zu diesem Zweck genutzt werden. Es ist uns bisher nicht gelungen, da näher ran zu kommen.“

Agnieszka Malik hatte diese Erkenntnisse mit der ihr eigenen ruhigen Stimme vorgetragen.

Sie lehnte sich jetzt einen Augenblick zurück und fuhr nach dieser Kunstpause fort: „Was die Sache ein wenig problematisch macht, ist aber vor allem, das die Herrschaften, die da die Fäden ziehen, das Gefühl zu haben scheinen, dass wir ihnen auf die Finger schauen. Was mich irritiert ist, dass sie ihre Aktivitäten seither nicht einschränken, sondern offenkundig intensiv damit beschäftigt sind, herauszufinden, wer ihnen da in die Karten schaut. Ich mag nicht ausschließen, dass sie fündig geworden sind.“

Bei diesen Worten blickte die polnische Ermittlerin erneut prüfend in die Runde und ließ den Inhalt ihrer Bemerkung erst einmal seine Wirkung entfalten. „Willst du damit sagen, die haben es auf uns abgesehen,“ fragte als Erster der sichtlich überraschte Franzose.

Die Polin nickte zustimmend: „Genau davon müssen wir wohl ausgehen.“

„Wie kommen Sie darauf, und wer sind die,“ erkundigte sich der Deutsche, der nicht ungern die Gelegenheit nutzte, mit der etwa zehn Jahre jüngeren Frau ins Gespräch zu kommen.

Zugleich bemerkte er, wie die Dunkelhaarige dem Briten einen kurzen fragenden Blick zuwarf.

Erst auf sein Nicken hin entschloss sie sich weiter zu sprechen.

„Wir haben bei uns vor wenigen Wochen einen unschönen Vorfall gehabt,“ setzte die Frau nach leichtem Zögern wieder ein.

Der „Vorfall“, von dem Agnieszka Malik berichtete, hatte sich am 24. Mai ereignet. Fast zeitgleich waren ihr eigener Wagen und der von zwei weiteren Kollegen, die ebenfalls mit der Sache vertraut waren, in schwere Verkehrsunfälle verwickelt worden. Ihr engster Mitarbeiter hatte diesen Anschlag nicht überlebt. Dessen Mitfahrer hatte so schwere Kopfverletzungen erlitten, dass er bisher nicht wieder zu Bewusstsein gekommen ist. Ein schwer alkoholisierter LKW-Fahrer war mit seinem Zwölftonner praktisch ungebremst auf den PKW ihrer Kollegen aufgefahren und hatte deren Fahrzeug unter sich begraben. Sie selbst hatte dem gleichen Schicksal am gleichen Tag nur dadurch entgehen können, dass ihr Mann die Gefahr des von hinten nahenden Lasters rechtzeitiger erkannt hatte und der Kollision durch einen geistesgegenwärtigen Tritt auf das Gaspedal ausgewichen war. Der LKW war darauf in das nächste Fahrzeug gerast. Dessen Insassen hatten ebenfalls nicht überlebt. Ein nachfolgender PKW-Fahrer hatte es nur durch ein blitzartiges Ausweichmanöver geschafft, dem Aufprall auf den zum Halten kommenden Lastwagen zu entgehen. Dafür war er auf den Wagen ihres Mannes gekracht, der keine weitere Möglichkeit zum Ausweichen mehr gehabt hatte.

„Wir haben einfach Glück gehabt,“ fasste die Polin das Geschehene zusammen.

„Und das kann keine unglückliche Verkettung von Zufällen gewesen sein,“ erkundigte sich der Deutsche.

„Wir haben das selbstverständlich in Betracht gezogen,“ entgegnete die Frau, „aber wir halten das für äußerst unwahrscheinlich. In beiden Fällen waren die LKW-Fahrer derartig betrunken, dass sie zu keiner Reaktion mehr fähig waren. Beide haben nach ihrer Ausnüchterung ausgesagt, dass sie sich in überhaupt keiner Weise erinnern können, wann sie den Alkohol zu sich genommen haben könnten. Bei beiden handelte es sich um Berufskraftfahrer.

Der eine hat zugegeben, dass er am Abend zuvor mit einer Frau zusammen war, die ihn in einer Kneipe angebaggert hatte. Er hatte die Frau zuvor noch nie gesehen. Sie waren zusammen in ihr Auto gestiegen. Was danach war, konnte er nicht mehr sagen. Vermutlich wurden ihm bereits in der Kneipe KO Tropfen ins Getränk geflößt.

Der andere Fahrer war am Vortag nach eigenem Bekunden bereits frühzeitig nach hause gegangen. Dort hatte er die beiden Flaschen Bier getrunken, die noch im Kühlschrank waren. Auch er konnte sich danach an nichts mehr erinnern.

Als wir die Wohnung durchsucht haben, sind wir auf Duzende von leeren Bierflaschen gestoßen. Auf allen Flaschen waren zwar die Fingerabdrücke des Fahrers. Er beteuert allerdings, dass er die Kiste nicht gekauft habe.

Für seine Version spricht, dass sich auch das Verkaufspersonal des Getränkemarktes, bei dem er regelmäßig sein Bier kauft, nicht daran erinnern kann, dass der Unfallverursacher jemals Bier in Kisten gekauft hat.

Eine genauere Überprüfung hatte allerdings ergeben, dass die Kisten selbst von der Brauerei an diesen Getränkemarkt geliefert worden waren und auch dort verkauft worden sind.

„Wer der Käufer war, ließ sich nicht mehr rekonstruieren,“ betonte die Polin mit ruhiger Stimme.

In dem Moment der Stille, der auf diese Mitteilung folgte, schlugen draußen die Hunde an.

Eine schöne Aussicht auf den Fluss Moskwa

Eine schöne Aussicht auf den Fluss Moskwa und den Gorki-Park hatte etwa zur gleichen Zeit von einem Büro im fünften Stock des russischen Generalstabs der ukrainische Generalmajor Nikolaj Jurkow. Er war unmittelbar nach seiner Beförderung vor wenigen Monaten wieder an den Ort zurückgekehrt war, an dem er als junger Offizier zu Sowjetzeiten bereits einmal seinen Dienst versehen hatte. Offiziell war er jetzt als Beobachter seines Landes im Auftrag der OSZE in Moskau.

Sein Blick fiel auch an diesem Septembertag wie fast immer auf die Restaurantboote, die seit Jahren das Ufer vor seinem Dienstsitz schmückten.

Unwillkürlich musste er an den alten Witz denken, den ihm sein deutscher Bekannter erzählt hatte, der ihm in der Vergangenheit so manche Überraschung bereitet hatte.

„Ist dir da draußen nie etwas aufgefallen,“ hatte ihn dieser spitzbübisch gefragt, als sie vor Jahren nach einer feuchtfröhlichen Nacht beim Ausnüchterungsspaziergang am Rande des Parks gegenüber dem Generalsstabsgebäude kurz vor der BURAN eine kurze Rast einlegten.

„Was sollte mir auffallen,“ hatte der zurück gefragt. „Sieh’, da vor uns liegt ganz links ein Boot mit einem amerikanischen Restaurant, daneben eines der Franzosen. Ganz rechts eines der Japaner. Zwischen dem Franzosen und dem Japaner sind die Engländer vor Anker gegangen,“ hatte Kriminalrat Günther Rogge ihn aufgeklärt.

„Ja, und wo ist die Pointe,“ hatte der Sowjetbürger gefragt.

„Hast du dich noch nie gefragt, warum wir hier nicht auch ein solches Boot haben?“ Der Deutsche verzögerte die Entgegnung mit einem Räuspern. „Nicht wirklich,“ hatte sein Gesprächspartner geantwortet, „warum nicht?“

„Nun ja, wir betreiben das Restaurant im Haus dahinter,“ hatte Rogge geunkt, dabei mit der Hand auf das Gebäude des Generalstabes gedeutet und abschließend hinzugefügt: „Ich hoffe, du kannst diese Information ausnahmsweise einmal für dich behalten.“

Auf die Rückfrage nach dem warum hatte er zur Antwort erhalten: „Stell’ dir vor, das fliegt auf, dann übernimmt Euer Geheimdienst das Lokal. Und den Fraß, den ihr dann vorgesetzt bekommt, den wirst du deinen lieben Kameraden doch wohl nicht zumuten wollen.“

Nikolaj erinnerte sich, den Deutschen, der ihm damals als Mitglied einer offiziellen Delegation des Landeskriminalamtes aus Düsseldorf zur besonderen Betreuung zugewiesen worden war, einen Augenblick lang ungerührt angesehen und dann ebenso gehässig erwidert zu haben: „Vielleicht hast du recht, aber vielleicht auch nicht. Wenn ich so zurückdenke, ist es eigentlich noch gar nicht so lange her, dass ihr euch eingebildet habt, hier im Lande alle Suppenküchen übernehmen zu können. Und im Vergleich zu dem Fraß, den ihr euch so für uns vorgestellt hattet, ist jede russische Gulaschkanone ein Luxusrestaurant.“

Günther Rogge hatte wohl gespürt, dass diese Bemerkung nicht wirklich als Witz zu verstehen war und deshalb vorsorglich darauf verzichtet noch einen drauf zu setzen.

Aber das war lange her.

Den General, der seit der damaligen Begegnung eine Blitzkarriere von Oberstleutnant in besonderer Verwendung im Generalstab des Heeres der sowjetischen Streitkräfte zum Generalmajor im Dienste der HUR der Ukraine gemacht hatte quälten inzwischen andere Probleme.

Er griff zum Telephonhörer und ließ sich mit Polizeimajor Swetlana Viktorewna Hartschenko in Murmansk verbinden.

Die versuchte Festnahme der vier Leute

Die versuchte Festnahme der vier Leute, die sich im Raum Lonstrup einfinden sollten, hatte sich im weiteren Verlauf des Abends für den Leiter der Polizeiinspektion Hjörring erwartungsgemäß zu einem völligen Desaster entwickelt.

Wie Larsson befürchtet hatte, war es nicht gelungen, den Aufenthaltsort der Gesuchten eindeutig zu lokalisieren.

„Die haben sich in Luft aufgelöst,“ stellte der Polizeichef lakonisch fest, während sein Blick auf die Wandkarte des Einsatzbesprechungsraumes gerichtet war.

„Machen Sie sich bitte keine Sorgen, die werden schon wieder auftauchen!“

Verdutzt richtete der Dienststellenleiter seinen Blick auf die Stimme, die ihn mit dieser frohen Botschaft im besten dänisch unaufgefordert unterbrochen hatte.

„Viola Ekström, NSA,“ stellte sich ihm die Rothaarige nunmehr selbst mit einem Lächeln vor, das unter anderen Umständen mehr als eindeutig gewesen wäre.

„Unter dem Strich wissen wir doch immerhin, dass vermutlich sechs bis acht Zielpersonen, vermutlich ukrainischer Nationalität mit vermutlich polnischen Pässen unterwegs sind, von denen immerhin bekannt ist, dass sie Autos benutzen, die vermutlich ausländische, im Zweifel deutsche Kennzeichen tragen. Wir kennen die Namen und die Herkunft der Männer....“

Der Dienststellenleiter unterbrach sie abrupt.

„Sehr witzig!“

Larsson war sich nicht sicher war, ob dieser Hinweis ironisch gemeint war oder tatsächlich dazu beitragen sollte, die gereizte Stimmung aufzufangen.

Viola Ekström spürte die Verärgerung des erfahrenen Polizisten und versuchte die Panne in ihrer Bedeutung abzumildern.

„Damit wird eine spätere Identifizierung doch wohl deutlich erleichtert und kann möglicherweise schon anhand der Fahrzeuge selbst erfolgen.“ Doch die Reaktion des Dienststellenleiters zeigte ihr, dass auch dieser Hinweis von ihm als nicht wirklich zielführend verstanden wurde.

„Allenfalls kann die Vorliebe dieses Täterkreises für Nobelmarken als Anhaltspunkt herangezogen werden,“ erwiderte Larsson.

„Aber an denen hat es ja auch unter den deutschen Touristen keinen Mangel.“

Der Leiter der dänischen Polizeiinspektion konnte nicht umhin, auf die Einschätzung der Amerikanerin mit einem gewissen Sarkasmus zu reagieren. Zugleich fand er diese Aussichten nicht gerade berauschend, behielt seine Meinung aber für sich.

Er ärgerte sich zugleich erneut darüber, dass die junge Frau, die so unaufgefordert das Wort ergriffen hatte, der Runde nicht offiziell vorgestellt worden war. Auch das behielt er für sich.

„Verdammt jung für einen solchen Job,“ murmelte der Uniformierte statt dessen vor sich hin. Zugleich wunderte er sich ein wenig über das Fehlen des typischen Akzentes, der Amerikaner ansonsten auszeichnete. Er vergaß seinen Ärger, als kurz darauf eine Meldung bei der Einsatzzentrale auflief, die immerhin als Teilerfolg gewertet werden konnte.

Ein Gebäude an der Küste bei Skallerup Klit war als vermeintlicher Treffpunkt der Gesuchten ausgemacht worden. Aber auch diese Entdeckung hatte die Fahndung nicht wirklich voran gebracht. Das Haus war zwar mit einem beträchtlichen technischen Aufwand gegen ungebetene Gäste aufgerüstet gewesen – aber leer.

Nicht auszuschließen war auch, dass mit eben diesem technischen Aufwand das Herannahen der Einsatzkräfte so frühzeitig erkannt worden war, dass sich die im Haus Versammelten in aller Ruhe hatten aus dem Staub machen können.

Noch in der Nacht wurden auf hoher See kurz nacheinander zwei verlassene Schlauchboote der Marke „Metzler“ von Frachtern gesichtet und aufgefischt. Insassen: Fehlanzeige.

„Das deutet doch wohl darauf hin, dass die entweder abgesoffen sind oder uns eine saftige Nase gedreht haben.“ Die Rothaarige vom US-Dienst kommentierte diese Meldung gegen Ende der Abschlussbesprechung ihrerseits nunmehr bewusst sarkastisch. Dabei verzichtete sie nicht einmal ansatzweise auf ihr aufreizendes Lächeln und nahm in Kauf, dass ihr Larsson einen ganz und gar nicht freundlichen Blick zuwarf.

„Auf wessen Seite stehen Sie eigentlich?“ Die Frage hatte Larsson zwar auf der Zunge gelegen.

Er verkniff sie sich angesichts der andauernden Anwesenheit der Kollegen aus Kopenhagen, nahm sich aber vor, der Sache einmal auf den Grund zu gehen.

„Eine typische Amerikanerin eben,“ versuchte er sich vorläufig einzureden. Damit war für ihn vorläufig zumindest schon einmal die Frage entschieden, für wen die Rothaarige Frau arbeitete.

„Na also, es geht doch.“ Selbstzufrieden lehnte sich die junge Amerikanerin an jenem Abend kurz nach Ende der spätabendlichen Dienstbesprechung in ihrem Hotelzimmer in Hjörring zurück und schob sich die Brille zurecht.

Sie war weder kurz- noch weitsichtig, fand aber, dass ihr eine Brille einen eindeutig intellektuelleren Touch verlieh. Sie fand, dass ihr das stand und fand auch, dass sie so jünger aussah.

Seit ihrer Einstellung durch die US-Regierung hatte sie die Gelegenheit erhalten, die halbe Welt in dienstlichem Auftrag zu bereisen. Zeit für den Aufbau einer festen Beziehung war dabei allerdings nicht geblieben. Den Gedanken an die Gründung einer eigenen Familie hatte sie weit von sich geschoben. Diese Ungebundenheit machte sie für ihren Brötchengeber zusätzlich attraktiv. Es fiel ihr schwer sich einzugestehen, dass sie unter der sich daraus ergebenden Einsamkeit litt. Sie hatte dieses Gefühl immer verdrängt, aber seit sie auf die 30 zuging, spürte sie ganz deutlich, dass die Zeit begann weg zu laufen. Sie musste sich entscheiden, wusste aber nicht was ihr wichtiger war. In den ersten Jahren hatte sie sich eingeredet, dass sie aufgrund ihrer besonderen Qualifikation mit Aufgaben betraut wurde, die es unmöglich machten, für längere Zeit an einem Ort zu bleiben.

Zum Ausgleich war sie Männerbekanntschaften außerdienstlich nicht aus dem Weg gegangen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass das auffallen könnte und war deshalb nicht schlecht überrascht, als sie eines Tages offiziell dazu ermahnt wurde, auf „Sicherheit“ zu achten. Seither war sie sorgfältiger darauf bedacht, dass ihre Eskapaden nicht ruchbar wurden. Sie hatte sich im Laufe der Zeit zu einer regelrechten Verschleierungsspezialistin gemausert. Um sich abzulenken hatte sie außerdem eine ausgeprägte Neigung zum Schopping entwickelt. Mittlerweile war sie sogar ein wenig stolz darauf, sich zu einer echten Schnäppchenjägerin entwickelt zu haben, deren Spürsinn so schnell nichts entging. Zu einer weiteren Macke hatte sich ihre Vorliebe für dicke Pullover entwickelt.

Anfänglich hatte sie damit ihre Figur vor den begehrlichen Blicken der Mitschüler schützen wollen. Im Dienst stand sie deshalb mittlerweile sogar in dem Ruf, ein wenig schrullig zu sein. Das schmeichelte ihr ganz und gar nicht. Auf die dicken Pullover hatte sie trotzdem aus Trotz nicht verzichtet.

Heimlich zog sie diese über dem Busen inzwischen schon einmal etwas straffer, aber nicht aus. Nachlässig fuhr sie sich an diesem Abend mit den Händen durchs Haar und dachte darüber nach, wie der Tag gelaufen war.

Ihre Beteiligung an diesem Einsatz hatte sie nicht nur ihrer eigenen Initiative zu verdanken. Offiziell befand sie sich zu einem Kurzurlaub in Dänemark. Ihr „Chef“, Oberstleutnant Schultz hatte sie gebeten, nach Ihrer Landung in Kopenhagen doch einmal kurz bei seinem alten Bekannten Hansen hereinzuschauen und ihm seine Grüße auszurichten.

„Vielleicht zeigt der Ihnen bei der Gelegenheit ja sogar ein bisschen, wie die Dänen so arbeiten,“ hatte Schultz mit leicht ironischem Unterton hinzugefügt und Viola Ekström war sich keineswegs sicher gewesen, ob die süffisante Bemerkung nicht sogar eine typisch männliche Anzüglichkeit enthielt, war sich da aber keineswegs sicher gewesen.

Hansen erwies sich als souveräner Profi, der bestimmt nichts anbrennen ließ. Er hatte sich tatsächlich sehr erfreut gezeigt, wieder einmal von Schultz zu hören und dessen Mitarbeiterin gefragt, ob sie „Lust“ habe, an dem Einsatz teilzunehmen. Natürlich hatte sie „Lust“ gehabt.

„Habe ich eigentlich immer,“ hatte sie Hansen in routiniert geschäftsmäßigem Ton beschieden und ihm dabei so herausfordernd direkt in die Augen gesehen, dass diesem sein Herz in die Hose gerutscht war. Kurzfristig als eine Art Begleitadjutant an einem operativen Einsatz gegen eine ukrainische Killertruppe in Dänemark teilnehmen zu dürfen, erlebte man schließlich nicht alle Tage. Da sie nicht damit zu rechnen hatte, für dessen Verlauf zur Rechenschaft gezogen zu werden, war der Misserfolg der Aktion für Viola kein Beinbruch gewesen. Immerhin hatte sie auf diese Weise tatsächlich einen interessanten Einblick in die Vorgehensweise der Dänen erhalten. Mochte der alte Larsson auch noch so fluchen.

„Schön, das können wir abhaken, jetzt ab in den Norden,“ dachte Ola, wie sie von ihren Freunden genannt wurde. Während Sie diesen Gedanken nachhing, klopfte es an der Tür. „Wer ist da,“ fragte die Rothaarige überrascht aber mit fester Stimme. Die Antwort verblüffte sie.

Mit diesem Gast hatte die Mitarbeiterin der NSA und Spezialistin für Datensicherheit hier nicht gerechnet.

„Kommen Sie herein,“ lautete dessen ungeachtet ihre Antwort. Die Informationen, die der Besucher ihr in dem folgenden knapp 30 Minuten dauernden Gespräch übermittelte, waren nicht dazu geeignet, ihrem bevorstehenden Besuch in Norwegen mit derselben Vorfreunde entgegen zu sehen, mit der sie sich bisher darauf eingestellt hatte.

„Sie erinnern sich an den merkwürdigen Trojaner, über den wir seinerzeit beim Triforium kurz gesprochen haben?“

Viola Ekström erinnerte sich nur dunkel. Es hatte einen Moment gedauert, bis sie geschaltet hatte.

„Ja und?“

„Uns ist aufgefallen, dass es den Polen kürzlich zufällig gelungen ist, mehrere Telephongespräche abzuhören, die den Schluss zulassen, dass es kriminellen Strukturen mit Hilfe von Glovico gelungen sein könnte, in die Datennetze amerikanischer Großbanken einzudringen und diese so zu manipulieren, dass es ihnen möglich sein dürfte, größere Bargeldbeträge abzuheben und das Geld mit Kurieren von den USA nach Europa zu transferieren. Da noch immer völlig unklar ist, wer hinter der Aktion steckt, habe ich mir gedacht, es könnte vielleicht nützlich sein, wenn Sie sich auch einmal damit befassen. Da könnte sich eine ausgesprochen brisante Geschichte anbahnen.“

„Wie haben Sie erfahren, dass ich hier bin,“ fragte sie ihren Gast beim Hinausgehen. Die Antwort stellte sie zufrieden. Der Besucher hatte die Tür hinter sich zu gezogen und war gegangen. Noch bevor Viola Ekström das soeben Gehörte noch einmal Revue passieren lassen konnte, klingelte bereits das Telephon.

Vom anderen Ende der Leitung vernahm sie die vertraute Stimme ihrer deutschen Freundin. „Das Haus ist nicht schwer zu finden. Du fährst auf der Küstenstraße nach Norden bis Bergen und dann in weiter in Richtung Eidfjord. Sieben Kilometer vorher passierst du eine Brücke, die über einen kleinen Bach führt. Gleich danach siehst du auf der linken Seite einige grasbedeckte Hütten. Wenn du die Einfahrt nimmst, fährst du direkt auf das Haus zu. Wir treffen uns dort übermorgen gegen neunzehn Uhr.“

Viola Ekström hatte verstanden, legte den Hörer auf und dachte nach.

Am einfachsten würde es wohl sein, die Fähre von Hanstholm über Egersund nach Bergen zu nehmen. „Damit hab’ ich die ganze Nacht zur Verfügung. Und mit ein wenig Glück ergibt sich zwischendurch ja sogar noch eine kleine Gelegenheit. Wenn nicht, habe ich wenigstens gut gegessen,“ machte sich die Amerikanerin klar. Alternativ hätte sie auch am übernächsten Tag den Flieger von Ahus nehmen können. Die Maschine würde gegen 14.00 Uhr in Bergen ankommen. Zeit genug, um danach mit dem Auto über Eidfjord zum Treffpunkt zu fahren. Aber dann hätte sie auch noch die kommende Nacht im Hotel in Hjörring verbringen müssen. Eine echte Chance, um sich auch nur ein wenig zu amüsieren, würde sich hier kaum bieten. Da war das Schiff schon besser. Gelegenheiten für ein kleines One-Night-Event boten sich da immer. Ob sich ein passender Typ finden lassen würde, stand auf einem anderen Blatt. Man würde ja sehen. In jedem Fall hatte die nach außen hin so spröde Endzwanzigerin einfach mal wieder Lust auf eine kleine Abwechslung. Mit irgendwelchen Komplikationen am nächsten Morgen war bei diesen Vergnügungen an Bord nicht zu rechnen. Man machte es miteinander ohne lästige Hemmungen und trennte sich dann wieder, ohne lange Fragen zu stellen. Außerdem ließ sich ein solcher Trip leichter als Kurzurlaub deklarieren. Violas Vorliebe für das Meer in Kombination mit kleinen Kreuzfahrten war hinlänglich bekannt. Eine Flugreise hätte da wohl eher Rückfragen ausgelöst. Ihr Entschluss stand damit fest.

Die notwendigen Reiseutensilien waren am nächsten Morgen schnell gepackt. Über das Haustelephon des Hotels bestellte sich die rothaarige Frau ein Taxi und ließ sich nach Hanstholm chauffieren. Bis zum Ablegen der Fähre blieb sogar noch ein wenig Zeit für einen kleinen Bummel durch das Einkaufszentrum. Spontan kaufte sich die EDV-Spezialistin dort einen dicken norwegischen Parka. „An Bord ist es auf Deck einfach schon recht kühl,“ rechtfertigte sie die Ausgabe vor sich selbst, „und wer weiß, ob ich drüben genug Zeit haben werde.“ So bestückt checkte sie gegen 18.00 Uhr auf der Fähre ein, buchte an Bord eine nicht ganz billige Außenkabine, nahm dort eine ausgiebige Dusche und kostümierte sich danach ein wenig aufreizender als sonst üblich.

„Die Kerle können ruhig merken, dass ich nicht abgeneigt bin,“ griente sich die Rothaarige vor dem Spiegel an, während sie sich die Augenbrauen nachzog. Danach ging es ab ins Lokal, wo sie recht schnell die gewünschte Aufmerksamkeit auf sich zog.

Knapp 2000 km weiter im Norden

Knapp 2000 km weiter im Norden passierten zur gleichen Zeit die frischgebackene Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft in Moskau, Tatjana Wolkowa alias Ruth Waldner und ihr Bekannter Tolja Timofefa die russisch norwegische Grenze. Auf die Idee, ihre alte Freundin in Norwegen zu treffen, war die Deutsche von ihrer polnischen Mitstreiterin bereits Mitte Juni in Moskau gebracht worden. Aufgrund des Ausfalls einer bewährten Dolmetscherin infolge eines längeren Krankenhausaufenthaltes, war die Angestellte der Konsularabteilung gefragt worden, ob sie einspringen könne. Wie von der entsendenden Dienststelle vorausgesehen, waren ihre perfekten Sprachkenntnisse in beiden Sprachen bereits nach wenigen Wochen in der Telephonzentrale so positiv aufgefallen, dass man ihr das Angebot gemacht hatte, zukünftig auch für den Besucherdienst tätig zu werden. Als es darum ging, im August eine deutsche Expertengruppe nach Murmansk zu begleiten, die sich über den Fortgang der Arbeiten zur Konservierung der atomaren Überbleibsel der Nordmeerflotte informieren wollte, hatte sie nach Rücksprache mit Berlin ohne Umschweife zugesagt. Von dieser Dienstreise hatte sie ihrer polnischen Bekannten erzählt. Das allerdings hatte sie sich nicht genehmigen lassen.

„Wenn du sowieso da oben bist, mach’ doch einen kleinen Abstecher nach Norwegen. Wir können uns dort treffen,“ hatte Agnieszka Malik daraufhin angeregt und Ruth Waldner hatte zugestimmt. Um nach Beendigung der Inspektionsreise nicht gleich nach Moskau zurückkehren zu müssen, würde sie sich offiziell einige Tage frei nehmen, um ihre ‚Verwandten’ in Archangelsk zu besuchen. Das Urlaubsgesuch war vom Leiter der Konsularabteilung genehmigt worden. Ihre Dienststelle in Berlin hatte hiervon hingegen nichts erfahren. Dafür war der Mann informiert, für den Ruth Waldner schon seit ihrer Jugend tätig war.

„Es wird also niemandem ungewöhnlich erscheinen, wenn ich für einige Tage nicht in Moskau erreichbar sein werde,“ resümierte die Frau mit den zwei Pässen jetzt während der Wagen die kleine Schlange vor der Grenze hinter sich gelassen hatte.

Um vor unangenehmen Überraschungen sicher zu sein, hatte sie vorbeugend kurz vor der Abreise aus Murmansk ihr Handy abgeschaltet. Eine Ortung war also ausgeschlossen. Damit blieb ihr genügend Zeit, um von der Stadt am Nordmeer aus direkt nach Norwegen zu fahren. Vadim hatte ihr die notwendigen Papiere besorgt. Es würde zwar ein harter Zweitagestrip bis nach Eidfjord werden, aber die Sache, um die es ging, sollte besser unter vier Augen besprochen werden. Die Sache war dringlich. Das hatte ihr früherer und in gewisser Weise auch jetziger Vorgesetzter ohne lange Diskussionen eingesehen. Nach der gemeinsamen Meinung Beider hatte es nicht einer gewissen Ironie des Schicksals entbehrt, dass sie über die Vermittlung Haffners nunmehr zu legalen Kooperationspartnern gemacht worden waren.

Der jetzige Oberst hatte als junger KGB Offizier entscheidend dazu beigetragen, dass die Familie Waldner in die BRD hatte ausreisen können. Als Gegenleistung hatte der Dienst auf der üblichen informellen Zusammenarbeit bestanden. Vadim war der Familie als „Führungsoffizier“ zugeteilt worden. Die Anregung ihrer polnischen Bekannten bot jetzt eine gute Gelegenheit, die Zusammenarbeit in neue Bahnen zu lenken. Dass ihr der Abstecher nach Norwegen auch aus anderen Gründen nicht unangenehm war, das hatte sie natürlich auch Vadim nicht unter die Nase gerieben. Seinen Vorschlag die Reise in Begleitung anzutreten hatte sie zunächst mit der Begründung abgelehnt, dass man heutzutage ja nicht mehr sicher sein könne, wen man sich da ins Boot holt. Da der FSB-Offizier nicht bereit war locker zu lassen, hatten sie sich schließlich gemeinsam darauf verständigt, dass Tolja fahren sollte. Damit war definitiv ausgeschlossen, dass innerdienstlich ein Dritter von der Sache Wind bekam.

Alles lief wie geplant. Als Tatjana am Bahnhof der Nordmeerstadt ankam, wartete ihr Fahrer bereits. Der Grenzübertritt gestaltete sich ebenfalls problemlos, in den Augen Tatjanas zu problemlos. „Warum werden wir hier nicht gründlicher kontrolliert,“ fragte die Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft, BND-Agentin und langjährige inoffizielle Mitarbeiterin des KGB ihren „Ehemann“, der am Steuer des russischen Geländewagens der Marke Lada-Niva saß.

„Keine Ahnung, sieht aus, als ob wir angekündigt sind,“ gab der Angesprochene grinsend zurück.

„Das darf doch nicht wahr sein,“ ärgerte sich die Frau, die sich laut Passeintrag „Tatjana“ nannte, und fuhr lauthals fort: „Wer kann das gewesen sein?“ Stark stimmungsabhängig zu reagieren gehörte zu den ausgesprochenen Schwächen der Frau mit den vielen Gesichtern. Sie konnte „aus dem Stand heraus“ ohne jede Vorwarnung von einem Stimmungshoch in ein abgrundtiefes Loch fallen. Nachdem ihr diese Gemütsschwankungen bewusst geworden waren, hatte sie viel Energie darauf verwandt, diese Schwäche in eine Tugend zu verwandeln. Üblicherweise hatte sie die Überleitungen mittlerweile so im Griff, dass sie mit Gefühlsausbrüchen spielen konnte, wie auf einer Tastatur. Je nach Bedarf und Belieben spielte sie insbesondere bei Männern die Unbedarfte, die mit trauriger Miene dringend auf Hilfe angewiesen war, um im nächsten Augenblick wie einen widerspenstigen Gesprächspartner wie eine Furie an die Wand zu drücken. Aber eben nur üblicherweise. Gerade jetzt waren die Pferde wieder einmal mit ihr durchgegangen. Wenn eine Situation begann kritisch zu werden, stieg die Gefahr, dass sie die Kontrolle verlor. Tolja wusste das, machte daher eine lässige Handbewegung in Richtung auf seine Brieftasche und erwiderte: „Da war vorher mehr drin.“ „Tatjana“ hatte verstanden. Mit Geld konnte man in Russland eben alles machen. Auf norwegischer Seite ließ sich diese Methode selbstverständlich nicht wiederholen. Da aber die Papiere in Ordnung waren, gab es auch hier keine Veranlassung für ernsthafte Verzögerungen. In Kirkenes verbrachte das Paar die Nacht in getrennten Zimmern. Am nächsten Morgen warteten beide auf dem Flugplatz bis 11.15 Uhr auf den Flug nach Bergen, wo sie um 15.20 Uhr landeten. In der Stadt mit dem alten Hansekontor nahmen sich beide einen Leihwagen. Um Tolja eine Freude zu machen, willigte Tatjana ein, einen Range Rover anzumieten. Das wenige Gepäck war in dem großen Geländewagen schnell verstaut. Der Kosak setzte sich ans Steuer und lenkte das schwere Fahrzeug auf die Straße, auf der bereits zwei dunkle BMW-Limousinen der 7’er Reihe warteten.

Für Viola Ekström verlief die Nacht auf dem Schiff keineswegs so wie erhofft

Für Viola Ekström verlief die Nacht auf dem Schiff keineswegs so wie erhofft. Zwar hatte sich nach dem Essen in der Bar zunächst ein attraktiv wirkender Schwede mit fast akzentfreiem Englisch an sie herangemacht. Die Erwartung auf ein unkompliziertes Date verflog jedoch recht schnell, nachdem sich ein weiterer Fahrgast zu ihnen gesellte. Der Amerikanerin wurde klar, das sich die beiden Männer kannten und offenkundig versuchten, sie entsprechend abgefüllt zu einem flotten Dreier zu veranlassen. Aber darauf stand der jungen Frau aus Kentucky nun einmal nicht der Sinn. Nicht, dass ihre Neugierde auf diesem Gebiet bereits befriedigt worden wäre. Sie hatte sich schlicht bereits vor Jahren auf dem Kollege entschlossen, sich auf derartige Spielchen nicht einzulassen. Es waren ausgerechnet ihre Kommilitonen gewesen, die ihr mit ihren Prahlereien über das, was sie in solchen Situationen mit dem Mädchen alles angestellten, die Lust auf derartige Erlebisse gründlich verdorben hatten. Aus vorweggenommener Rache für die entgangene Nachtbegegnung hatte sie die beiden Männer zwar erst noch kräftig angebaggert, um ihnen das Gefühl zu geben, da würde was gehen. Aber da es für den Aufbau einer weiteren Bekanntschaft bereits zu spät war, nutzte die junge Frau gegen 23.00 Uhr die Gelegenheit eines Gangs zur Toilette, um die beiden Schweden mit ihren Begehrlichkeiten allein zu lassen.

Zurück in ihrer Kabine packte sie ihr Notebook aus, stellte per Wireless LAN eine Verbindung zum Internet her und klinkte sich in ein laufendes Chatforum ein, in dem über Zombierechnern diskutiert wurde. Das, was sie dort erfuhr, passte zwar in das Bild, das ihr der unerwartete Besucher am Abend zuvor vermittelt hatte, trug aber zugleich dazu bei, dass sie der Begegnung des kommenden Tages mit abermals deutlich gemischteren Gefühlen entgegensah, als bisher.

Entgegen ihrer ursprünglichen Absicht verließ Viola Ekström die Fähre am nächsten Morgen bereits in Egersund.

„Ich hab’ wirklich keine Lust, die beiden Typen jetzt noch den ganzen Vormittag zu ertragen,“ hatte sie sich für diesen Entschluss selbst gerechtfertigt. Am Hafen hatte sie sich einen Mietwagen genommen. Bei dem Fahrzeug handelte es sich um einen kleinen Bus älteren Typs von Volkswagen.

„Notfalls kann ich mich da über Nacht einrichten,“ entschied die junge Frau. Die Fahrt über die neue Küstenstraße über Stavanger war anschließend ohne Probleme verlaufen. Auch das vereinbarte Haus, in dem das Treffen stattfinden sollte, hatte sie auf Anhieb ausfindig machen können. Der Schlüssel hatte verabredungsgemäß unter der Fußmatte gelegen. Bei ihrem Eintreffen war es erst kurz vor 18.00 Uhr gewesen. Ihr war damit ausreichend Zeit geblieben, sich im Gebäude selbst und in der näheren Umgebung ein wenig umzusehen. Außer ihrem Haus gab es noch vier andere Häuser gleicher Bauweise auf dem Gelände. Keines davon war belegt. Das Grundstück vor dem Haus mündete direkt an einen Fjord. Ein kleiner Bootsanleger mit einem Ruderboot bot der Besucherin Gelegenheit, ihre Lebensgeister unbeobachtet bei einem Bad im kalten Wasser zu reaktivieren.

Sie liebte diese Form der Entspannung. Gleich nach ihrer Ankunft hatte das tiefe Blau des Wassers an dem langgezogenen Fjord sie magisch angezogen. Sie liebte auch das klare, kalte Wasser. Das war einer der Gründe, warum sie keinerlei Probleme damit hatte, in Schottland ihren Dienst zu verrichten. Auch dort fanden sich solche Gewässer.

Die Erfrischung hatte eine knappe Dreiviertelstunde in Anspruch genommen. Gegen 18.45 Uhr war sie dann ins Haus zurück gegangen und schaltete den Fernseher ein. Auf einem der Programme lief eine der alten Serien aus US-Produktion, die in Europa anscheinend immer mit einer mehrjährigen Verzögerung auftauchten.

Viola ließ den Film laufen, da er in der Originalsprache gesendet wurde und lediglich mit Untertiteln auf norwegisch unterlegt war. Sie bemerkte erst am Ende des Films, dass es inzwischen bereits kurz vor acht war.

„Merkwürdig,“ dachte sie bei sich, „das passt doch eigentlich gar nicht zu ihr.“ Sie überlegte kurz, ob sie versuchen sollte, die Mobilnummer ihrer Freundin anzuwählen, entschied sich aber dann doch dagegen. „Wozu ein Risiko eingehen?“ Die blöde Panne ihres Vorgesetzten vor zwei Jahren, dessen Aufenthaltsort hatte geortet werden können, weil er vergessen hatte, sein Handy abzuschalten, steckte ihr noch immer in den Knochen. Seine Eltern hatten sich damals an die Telephongesellschaft mit der Bitte gewandt, ihn ausfindig zu machen, da seine Frau in einen schweren Autounfall verwickelt worden war. Der gesamte Auftrag hatte damals auf der Kippe gestanden, da die Eltern ihres Vorgesetzten versucht hatten, ihn über die örtliche Polizei ausfindig zu machen.

Die Zeit verging, aber „Rosi“ kam nicht.

Kurz vor halb neun hörte Viola ein Fahrzeug auf der Zufahrt zum Ferienhausgelände und ging sofort nach draußen.

Der Wagen war kurz vor ihrem Haus nach rechts weggebogen. Es handelte sich um einen dunklen Audi A6. Die genaue Farbe vermochte sie in der Dämmerung nicht zu erkennen. „Eine Polin,“ registrierte sie automatisch für sich, als sie das Nummernschild erblickte. Der Wagen hielt an einem der hinteren Häuser. Zwei junge Männer und eine Frau stiegen aus. „Merkwürdig, wieso zwei Männer?“ Als sie das Auto hatte einbiegen sehen, hatte sie sich zunächst darauf eingestellt, dass Ruth in dem Wagen sitzen könnte. Unwillkürlich spürte sie jetzt, wie jenes ungute Gefühl in ihr aufstieg, das sie in der Vergangenheit immer dann befallen hatte, wenn sich irgendetwas völlig anders zu entwickeln begann, als sie es geplant hatte.

„Besser, du verziehst dich hier jetzt erst einmal,“ hörte die junge Frau ihre innere Stimme sagen. Zurück im Haus hatte sie mit wenigen Handgriffen ihre Sachen aus dem Bad genommen und in die Reisetasche gesteckt. Als sie erneut die Tür öffnete um zu dem VW-Bus zu gehen, hörte sie die Stimmen der beiden Männer. Die Autotüren wurden zugeschlagen. Danach die Haustür. Dann herrschte Stille. Viola wartete eine lange Minute lang ab, lauschte, hörte nichts als das Rauschen des nahegelegenen Wasserfalls und das Geräusch vorbeifahrender Autos.

„Mach’ dich nicht verrückt,“ dachte sie bei sich, „jetzt irgendwo da draußen zu warten macht doch keinen Sinn.“ Doch die Vorsicht überwog schließlich. Ohne die Tür zu schließen überquerte sie mit wenigen Schritten die Zufahrt, erreichte den kleinen Trampelpfad, der in das Wäldchen führte und verschwand dort.

Bereits nach wenigen Metern machte sie Halt, wartete und lauschte in die Nacht. „Ok, dann lassen wir uns einmal überraschen.“ Vorsichtig stellte sie ihre Reisetasche ab und ließ sich darauf nieder. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihr, dass es mittlerweile bereits kurz nach neun geworden war. „Ein Scheißspiel ist das,“ ärgerte sich die Rothaarige. „Rosi, wo steckst du nur?“

Die Minuten verstrichen. Von den Polen war nicht viel zu hören. Lediglich ein kurzes helles Lachen drang einmal zu der Wartenden herüber, dann noch ein etwas ausgedehnterer Quiekton, wie er weiblichen Wesen zueigen ist, wenn sie beispielsweise gekitzelt werden. Danach wieder Stille.

„Ich kann mir denken, was die da drüben treiben,“ dachte sich die junge Frau. Unwillkürlich fielen ihr dabei die beiden Typen wieder ein, die in der vergangenen Nacht versucht hatten, sich an sie heran zu machen. Die Uhr zeigte kurz nach 10 an. Der Himmel war sternenklar und in diesem Breiten bereits im Spätsommer empfindlich kühl. „Nur gut, dass ich mir diese Jacke noch zugelegt habe.“

Die junge Frau merkte, wie ihre Gedanken abglitten. Hin zu jener Frau, deren Nichterscheinen sie zunehmend zu beunruhigen begann.

Erstmals waren sich beide in Feldafing am Starnberger See im Rahmen eines informellen Treffens verschiedener Nachrichtendienste begegnet. Das Koordinationstreffen diente hauptsächlich der Abstimmung der Vorgehensweise und der Wege des Informationsaustausches zwischen den befreundeten Diensten in Fällen, in denen eine Seite den Verdacht auf Internetstraftaten hatte, die von einem Drittland aus gesteuert wurden. Das war gerade einmal fünf Jahre her. Allzu viel verstanden die Teilnehmer seinerzeit nicht von der Materie. Rose war damals so alt gewesen, wie Viola heute – neunundzwanzig. Sie selbst hatte dort ihren 25’sten Geburtstag verlebt. Eigentlich hieß sie ja Ruth, aber Viola hatte sie ganz einfach umgetauft, weil sie fand, dass dieser Name viel besser zu ihr passte. Ihre Dienststelle hatte die noch unerfahrene Mitarbeiterin gemeinsam mit neun männlichen Kollegen dort angemeldet, weil sie die Atmosphäre derartiger Veranstaltungen kennen lernen sollte. Große inhaltliche Erwartungen hegte von amerikanischer Seite seinerzeit niemand. Das Treffen war auf Wunsch der Deutschen zustande gekommen. „Rose“ hatte an der Tagung als Vertreterin des 1991 gegründeten Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik teilgenommen. Es gehörte zum Konzept der Veranstalter, dass sich die Teilnehmer aus den verschiedenen Ländern auch persönlich besser kennen lernen sollten.

Die Unterbringung erfolgte daher gemischtnational. „Rose“ war Viola bereits bei der Vorstellungsrunde aufgefallen. Die Deutsche hatte nicht ganz ihre Größe, war schlank, dunkelblond, und litt offenkundig nicht an einem Mangel an Selbstvertrauen.

„Ach ja, und falls das noch jemand nicht bemerkt haben sollte, ich bin eine Frau,“ hatte sie zum Abschluss ihrer Vorstellung mit eisigem Blick in die von Männern dominierte Runde geworfen. Viola selbst war fast Einmeterfünfundsiebzig groß, von Natur aus ebenfalls blond und hatte das, was man eine sportliche Figur nennt. Dass ihr in der Schule und ebenso auf dem College aufgrund ihres Aussehens nicht selten der nicht als Anerkennung gemeinte Spitzname ‚die Deutsche’ angehängt wurde, hatte ihr keineswegs geschmeichelt. Die Rotfärbung ihrer Haare war bereits als Jugendliche in gewisser Weise ihre kleine Trotzreaktion gewesen. In Feldafing hatte sich Viola das Zweibettzimmer mit Rose geteilt. Im Verlauf der vierzehntägigen Begegnung, waren sich beide schnell näher gekommen und das nicht nur mental. Für Viola war es eine völlig neue Erfahrung gewesen, mit einer Frau zusammen zu sein. Gleichgeschlechtlichen Sex zu haben, war für sie bis dahin unvorstellbar gewesen. Auch danach war sie nie der Versuchung erlegen, sich mit einer anderen Frau einzulassen. Mit Rose dagegen war das etwas anderes gewesen. Noch immer lief ihr ein kleiner Schauer über den Rücken, wenn sie sich an deren erste intensive Berührung erinnerte. Sie hatte es einfach nicht halten können und hätte ihre Lust fast laut hinaus geschrieen.

Zum Glück war Rose so geistesgegenwärtig gewesen, ihr die andere Hand vor den Mund zu halten. Sie hatten sich nicht nur in dieser ersten Nacht noch mehrfach geliebt und Viola würde die unglaublich intensiven Orgasmen nie vergessen, die sie mit dieser Frau erlebt hatte. Ihr selbst verschaffte es damals zudem eine unbeschreibliche Genugtuung zu erleben, wie ihre Freundin sich durch ihre Berührungen von Höhepunkt zu Höhepunkt treiben ließ. Zum Abschluss der Tagung hatte die Ältere sie gewohnt zärtlich und irgendwie auch wieder ungewohnt energisch in den Arm genommen und ihr sanft und zugleich bestimmt ins Ohr geflüstert: „Das bleibt natürlich unser süßes kleines Geheimnis, Liebes.“

Wir haben Begleitung

Wir haben Begleitung,“ hatte Tolja wenige Stunden zuvor seiner Begleiterin in Norwegen ohne großes Aufheben mitgeteilt und mit dieser Bemerkung seine Mitfahrerin abrupt aus ihren Betrachtungen gerissen.

„Das gefällt mir gar nicht,“ antwortete die Frau erwartungsgemäß.

„Gut, dann werden wir uns von denen mal verabschieden,“ entgegnete ihr Fahrer. In Bergen hatten sie direkt nach ihrer Ankunft einen kurzen Blick in die Altstadt geworfen. Anschließend waren sie in Richtung Eidfjord gefahren. Die beiden BMW im Schlepptau. Einem weniger geübten Beobachter als Tolja wäre das kaum aufgefallen. In Norheimsund fuhren sie zum Fähranleger. Als sie eingewiesen wurden, wollte der Rover nicht anspringen. Tolja winkte die anderen wartenden Fahrzeuge vor und machte sich sodann im Motorraum des schweren Fahrzeugs zu schaffen. Die beiden BMW mussten, - so die Rechnung- um nicht aufzufallen, notgedrungen auf das Boot gehen. Sobald die Fähre abgefahren wäre, wollte der Kosak den Range Rover wenden, der seine Lebensgeister auf wundersame Weise wieder erlangt haben würde und das Geländefahrzeug zurück auf die Straße nach Kvandal lenken. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Lediglich einer der beiden BMW lenkte auf die Fähre. Der andere fuhr weiter.

„Den sind wir erst einmal los,“ zeigte sich Tolja trotzdem erleichtert. Der Wagen würde jetzt bis Odda unterwegs sein und fiel folglich als Verfolger für die nächsten Stunden aus. Falls der zweite Wagen wieder auftauchen sollte, würde er kurz hinter Nesheim dasselbe Spiel an der Fähre nach Brimnes ein weiteres Mal spielen.

„Das ist keine so gute Idee,“ gab ‚Tatjana’, alias Ruth Waldner, nach einem Blick auf die Karte zurück.

„Besser du versuchst es noch einmal in Kvandal. Die Fähre von dort fährt bis Kinsarvik. Wenn wir sie an der Stelle abhängen, können wir den Übergang bei Nesheim nehmen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, wenn wir es heute noch bis Eidfjord schaffen wollen. Halt’ aber jetzt erst einmal kurz an der Tankstelle hier an. Ich muss auf die Toilette und außerdem telephonieren.“

Der BMW war weit und breit nicht zu sehen. „Was zum Teufel haben die vor?“ Die Deutschrussin begann sich ernsthaft Sorgen zu machen. An der kleinen Bar der Tankstelle versuchte sie ihre amerikanische Freundin vom Münzfernsprecher in der Hütte zu erreichen, in der sie verabredet waren. Das Handy hatte sie offenkundig abgestellt und war auf diesem Wege nicht zu erreichen.

„Stell das Gerät an Kleines,“ flehte Ruth Waldner trotzdem in sich hinein, während sie darauf wartete, dass der Hörer am anderen Ende der Leitung abgenommen würde. Aber die Angeflehte konnte sie nicht hören.

Mit einem Ruck wurde statt dessen Viola aus ihren Träumereien gerissen. Das Telephon im Haus klingelte und die Polen standen auf einmal in der Tür ihres Hauses. Aber sie kamen nicht heraus und sie gingen nicht hinein. Lediglich die Frau verschwand für einige Augenblicke im Innern und nahm den Hörer ab. Im Licht der durch den Bewegungsmelder eingeschalteten Lampe konnte die Amerikanerin auf die geringe Entfernung nacheinander die Gesichter der beiden Männer fast klar erkennen. Markant, ein wenig bullig, kurzgeschorene Haare, Schlägertypen oder auch Security. Nur wenige Augenblicke später tauchte auch die Frau wieder auf. Dem Aussehen nach mochte sie Ende Dreißig oder auch Anfang Vierzig sein. Schwer zu sagen bei diesem Licht. „Irgendwie, wie Rose,“ stellte Viola unwillkürlich fest, „nur ein bisschen älter.“ Auf die Beobachterin wirkte sie nervös und erstaunlicherweise gab sie sich auch keinerlei Mühe, ihre Nervosität zu verbergen. Offenkundig war sie es, die hier das Kommando führte. Auf eine kurze Weisung hin begannen die Männer sodann, die Umgebung abzusuchen. Viola duckte sich so gut es ging in das Gebüsch.

„Viola,“ rief die Polin mit deutlichem Akzent auf Englisch, „wenn Sie hier in der Gegend sind, kommen Sie bitte zum Haus, ich habe eine Nachricht von Rosi für Sie.“

Während die beiden Männer das Unterholz mit ihren Lampen zu durchdringen versuchten, überlegte die Angesprochene, wie sie reagieren sollte. Sie begriff, dass die Suche ihr galt und dass die Frau gerade nach ihr gerufen hatte. Aber sie konnte sich trotzdem nicht dazu entschließen, ihr Versteckspiel zu beenden. Statt dessen nutzte sie die Unruhe und zog sich mit wenigen Handgriffen an den Ästen des nächststehenden Baumes hoch. Sekunden später standen beide Männer an ihrer Reisetasche, kaum mehr als vierzig Zentimeter unter der Gesuchten. Viola hörte auf zu atmen.

„Ich bin nur gespannt, was so wichtig ist, dass es einige Herrschaften nötig haben, einen solchen Aufwand zu betreiben,“ überlegte zur gleichen Zeit halblaut die auf dem Rücksitz des Rovers kauernde Ruth Waldner alias Tatjana Wolkowa zu ihrem Fahrer gewandt, ohne eine Antwort zu erwarten. Die Einsicht, verfolgt zu werden beunruhigte sie stärker als sie bereit war, sich selbst einzugestehen. Dass Ola nicht ans Telephon zu bekommen war, trug auch nicht gerade zur Verbesserung ihrer Stimmung bei. Mit Erleichterung hatte sie deshalb reagiert, als plötzlich die Polin den Hörer abgenommen hatte. Das Gefühl sagte ihr, dass es besser sein würde, sofort umzukehren. Was sie davon abhielt war eine Mischung aus Unentschlossenheit und Neugierde. Ruth Waldner hatte sich bis zu diesem Moment eingeredet, dass sie sich jetzt nicht einfach aus dem Staub machen konnte, jedenfalls nicht, bevor sie sicher sein konnte, dass auch ihre Freundinnen in Sicherheit waren. Sie verstand nicht, warum ihre amerikanische Freundin nicht im Haus war, obwohl ein Mietwagen davor stand. Agnieszka aber hatte definitiv darauf bestanden, kein Risiko einzugehen. Sie hatten sich kurzentschlossen darauf geeinigt, das Treffen zu verlegen. Gleichzeitig aber hatten sie sich darauf verständigt, dass sie die Amerikanerin ‚selbstverständlich’ nicht allein lassen konnten. Agnieszka hatte sich deshalb bereit erklärt, Viola ausfindig zu machen und über die Lage zu informieren.

Die beiden Frauen waren sich gleichwohl nicht sicher, ob es ihre Verfolger wagen würden, der aufgebauten Drohkulisse Taten folgen zu lassen. „Schließlich sind wir hier in Norwegen,“ hatte die Polin zum Schluss des Telephonats erklärt. Eine Fehleinschätzung, wie nicht nur Ruth Waldner noch feststellen sollte.

Bereits Ende Juli hatte Agnieszka Malik die frisch gebackene Mitarbeiterin der Konsularabteilung erneut bei sich zuhause in Moskau angerufen. Telephonisch hatte sie ihr die Zugangsdaten zu einer e-Mail Adresse unter web.net mitgeteilt. Noch am selben Abend hatte Ruth die Wohnung im 3. Stock des alten Backsteingebäudes verlassen und war über die scheußliche kleine Brücke mit den Stufen, auf denen sie besonders im Winter immer wieder ausrutschte, mit aller gebotenen Vorsicht geradezu hinweggeklettert. Schließlich regnete es und da war Vorsicht an dieser Stelle erfahrungsgemäß von Vorteil. Nach einer kurzen Fahrt mit der Metro hatte sie sich in eines dieser kleinen Internetcafes begeben, die in der russischen Hauptstadt inzwischen keine Seltenheit mehr darstellten. Sie hatte eine Weile gebraucht, um die vereinbarten Codeworte aus dem ansonsten unverfänglichen Text der e-Mail herauszufiltern und hernach die angegebene Internetseite geöffnet. Es war für sie nicht schwierig gewesen, hier die entscheidende Botschaft ausfindig zu machen. „Unschöne Neuigkeiten vom Global Village“ lautete die Überschrift zu dem ansonsten völlig harmlosen Text. „Global Village“, hinter dieser verschleiernden Tarnbezeichnung verbargen sich jene speziellen Internettools, die sich sowohl für die polnischen wie auch für die deutschen Sicherheitsapparate zunehmend zu einem Problem entwickelt hatten. „Schon klar, dass darüber am Telephon unmöglich gesprochen werden kann,“ hatte sich die Deutsche klar gemacht und zugleich ein ausgesprochen ungutes Gefühl in der Magengegend gespürt. Dass ihre polnische Bekannte wegen dieses Themas einen derartigen Verschleierungsaufwand betrieb, war der Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft in Moskau zunächst trotzdem ein wenig absonderlich vorgekommen, bedeutete aber offenkundig kaum etwas Gutes.

Ruth Waldner kannte die knapp zehn Jahre ältere Polin noch aus den Tagen der gemeinsamen sozialistischen Waffenbrüderschaft. Aufgrund des unschönen Vorfalls am See, bei dem sich insbesondere die Söhne einer lokalen Polizeigröße und des Gebietssekretärs der Partei besonders eifrig hervorgetan hatten, war der damals knapp Fünfzehnjährigen noch für den Herbst die Teilnahme an einem Sommerlager in Masuren angeboten worden. Das Lager an der Kurischen Nehrung im polnischen Teil des früheren Ostpreußen wurde von den polnischen Pfadfindern veranstaltet. Gemeinsam mit Abordnungen aus den Bruderländern sollte die unverbrüchliche Freundschaft zwischen der Jugend der sozialistischen Staatenwelt untermauert werden. Für die Betreuung der sowjetischen Delegation war Agnieszka eingeteilt gewesen. Für Ruth war die fast erwachsene Frau eine enorme Autoritätsperson gewesen. Bereits nach kurzer Zeit hatte sich zwischen beiden ein besonderes Vertrauensverhältnis herausgebildet. Agnieszka war der einzige Mensch, mit dem Ruth über ihre unschönen Erlebnisse am See hatte sprechen können. Bei ihr hatte sie sich ausheulen können. Von ihr war sie verständnisvoll in den Arm genommen worden. Von ihr hatte sie sich verstanden gefühlt. Nach ihrer Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland waren die Kontakte zwischen beiden nicht abgerissen. Sie beschränkten sich allerdings auf gelegentliche, wenn auch regelmäßige Briefe. Von Angesicht zu Angesicht hatten sich beide erst Anfang 2000 wieder gesehen, nachdem zunehmend klarer wurde, dass Polen in Kürze der Europäischen Union beitreten würde.

Die enorme Aufbruchsstimmung jener Tage hatte auch ihre weniger schönen Begleiterscheinungen mit sich gebracht. Sowohl auf deutscher, wie auch auf polnischer Seite hatte sich seinerzeit nicht nur das Autoschieberunwesen als belastend erwiesen. Insbesondere das Problem des Menschenhandels stand im Vordergrund des Interesses. Neben der illegalen Einschleusung junger Frauen zum Zwecke der Prostitution ging es dabei vor allem auch um die zunehmende Zahl von illegalen Einwandern, die über die grüne Grenze nach Deutschland geschleust wurden. Im Rahmen einer bilateralen Expertenkommission sollten erneut die Möglichkeiten für einen verbesserten gegenseitigen Informationsaustausch abgeklärt werden. Beide Frauen waren von ihren damaligen jeweiligen Dienststellen für die Teilnahme an den insgesamt fünf Treffen abgeordnet worden, die wechselweise auf deutschem und polnischem Boden stattfanden. Seither hatten sich beide nicht nur dienstlich mehrfach getroffen.

Auf Fragen der Datensicherheit war die Polin zunächst von der Deutschen aufmerksam gemacht worden, als diese mit Fragen des Schutzes vor Spyware zu tun hatte.

„Mir ist da ein seltsames Tool aufgefallen“, hatte die zu dieser Zeit dunkelblonde Frau mit gewichtiger Miene erklärt und hinzugefügt: „Unter dem Deckmäntelchen eines Gewinnspiels versuchen die Autoren an die vertraulichen Daten der Teilnehmer heran zu kommen.“

Schnell hatte die Polin herausgefunden, dass ein Großteil der auf den entsprechenden Suchbegriff reagierenden Links auf eine intensive polnische Beteiligung an diesem Vorhaben hindeutete.

„Ein polnischsprachiges Tool,“ hatte sich die Deutsche gemeinsam mit der Polin gewundert, „das ist ja wohl eher ungewöhnlich.“ Beide hatten sich darauf verständigt, das Phänomen „im Auge zu behalten“. Das Thema hatte zwischen ihnen danach aber trotzdem keine besondere Rolle mehr gespielt. Auch nach der mit der Versetzung nach Moskau verbundenen Verwandlung Ruths in Tatjana hatten es beide Frauen verstanden, miteinander in Kontakt zu bleiben. Das geschah seither in der Regel über solch kurzfristig eingerichtete e-Mail Adressen. Für die Übermittlung der Zugangsdaten hatten sich beide ein richtig „konspiratives System“ einfallen lassen, wie Agnieszka schmunzelnd festgestellt hatte.

„Speziell das Thema Trojaner hat aber auch dabei bisher eigentlich keine wirklich herausragende Rolle gespielt,“ machte sich die Frau in Gedanken zum wiederholten Male klar, während ihr Begleiter den schweren Wagen durch die Fjordlandschaft lenkte. Umso beunruhigender war, dass dieses Thema jetzt offenkundig für irgendwelche Leute so wichtig war, dass deshalb keine Kosten und Mühen gescheut wurden, um sie bis nach Norwegen zu verfolgen.

„In was für ein Wespennetz hast du da bloß gestoßen,“ wiederholte Ruth Waldner nachdenklich und wählte erneut die Nummer ihrer amerikanischen Freundin. Doch deren Handy war noch immer abgeschaltet.

Unterdessen

Unterdessen hatte die fest an ihren Kletterbaum geklammerte Amerikanerin nicht allzu lange Zeit, um sich zu entscheiden, wie es weitergehen sollte. Ihr war klar, dass ihr Versteckspiel jetzt reichlich albern wirken musste. Sie fand es zugleich peinlich dabei ertappt zu werden, dass sie sich aus Angst auf einen Baum geflüchtet hatte. Die beiden Männer unter ihr machten indes keinerlei Anstalten, sich von der Stelle zu bewegen. Anstatt die Tasche aufzunehmen und ins Licht zu tragen, beschränkten sich die Männer darauf, die Frau herbei zu rufen.

Die Situation entbehrte nicht einer gewissen Komik. Wenige Zentimeter über den drei Polen klammerte sich die Gesuchte krampfhaft im Geäst der Tanne fest und wagte kaum zu atmen. Die Frau unter ihr wiederholte mit einem Anflug von Panik in der Stimme direkt unter ihr ihre Ansage in gebrochenem Englisch.

„Viola, wenn Sie hier irgendwo sind, bitte kommen Sie zu mir. Ich habe eine Nachricht von Rosi für Sie. Sie müssen sich nicht fürchten. Wir sind Freunde.“ Die Frau auf dem Baum darüber konnte sich nicht mehr länger halten. Ohne den geringsten Laut von sich zu geben, rutschte sie ab, versuchte nachzufassen, griff nochmals nach, griff daneben und schwebte danach ganz, ganz langsam von ihrem Versteck herab, direkt vor die Füße der überraschten Bodybildertypen. Sie fiel der Länge nach hin, spürte plötzlich einen stechenden Schmerz im Kopf und verlor das Bewusstsein.

Als sie wieder zu sich kam, blickte Viola Ekström in die Augen genau der Frau, deren unerwartete Anwesenheit sie zuvor – „wie lange war das eigentlich her?“ -in Panik versetzt hatte. Ihr reflexartiger Versuch, sich aufzubäumen, wurde von der bekannten Unbekannten mit sanfter Gewalt blockiert.

„Beruhigen Sie sich,“ versuchte die fremde Stimme in der bereits vertrauten Tonlage auf die Liegende einzuwirken. „Ich bin Agnieszka,“ gab ihr die Polin zu verstehen und wies zugleich dem am Steuer sitzenden Goliath an: „Fahr los!“

Nach einem Moment der Orientierungslosigkeit realisierte die Angesprochene, dass sie sich in dem von ihr selbst gemieteten VW-Bus befand. Sie lag auf der umgeklappten Rücksitzbank mit den Füßen im Gepäckraum. Vor ihr am Kopfende saß die Polin. Der Wagen war in Bewegung. Einer der beiden Bullen saß am Steuer. Der Zweite fehlte.

„Sie sollen sich nicht beunruhigen.“ Es dauerte einen Moment, bis der Sinn der Worte bis zu ihrem Bewusstsein vorgedrungen war, aber zugleich registrierte die Bedienstete der NSA, dass sie offenkundig am Leben war. Allein diese Wahrnehmung ließ ihre Lebensgeister wieder erwachen.

„Wer sind Sie?“ waren die ersten Worte, zu denen sie sich überwinden konnte.

„Ich bin Agnieszka,“ wiederholte die Frau neben ihr. „Wir waren verabredet. Ich bin die Überraschung, von der Ihnen Rosi hoffentlich erzählt hat. Rosi hat angerufen. Sie hat versucht Sie per Handy zu erreichen. Sie sind nicht an den Apparat gegangen. Wir haben uns Sorgen gemacht.“

Viola begann den Sinn der Worte schrittweise zu erfassen. Sie fing von hinten an.

„Rosi hat angerufen?“ wiederholte sie die letzte Bemerkung und war unmittelbar darauf erneut in der Situation, von der Polin mit sanfter Gewalt daran gehindert werden zu müssen, sich ruckartig auf zu richten.

„Sie werden sich weh tun.“ Immerhin war Viola Ekström bereits so weit wieder hergestellt, dass sie realisierte, dass die Frau neben ihr einen fast mütterlichen Ton anschlug. In der Sekunde danach hatte sie sich wieder voll im Griff.

„Ok, lassen Sie mich aufstehen und erklären sie mir, was hier abgeht,“ raunzte sie die auf der Rücksitzbank des Transporters vor ihr Sitzende mit noch nicht gänzlich wiederhergestellter Stimme an. „Aber passen Sie auf, dass Sie sich nicht den Kopf stoßen beim Aufrichten,“ entgegnete die Polin.

Sodann erzählte sie der Amerikanerin davon, was sie mit Ruth am Telephon vereinbart hatte.

„Wir müssen unbedingt über die Grenze nach Schweden,“ erklärte Agnieszka Malik abschließend, „sonst sind wir geliefert.“

„Ich verstehe nicht, wieso Schweden, wieso Grenze? Schweden gehören doch zur EU,“ begehrte die Frau von der NSA auf.

„Es gibt trotzdem praktisch keine Grenzkontrollen nach da mehr, die Grenze schon,“ belehrte sie Agnieszka, „und auf der anderen Seite sitzen unsere Leute. Erst danach sind wir in Sicherheit.“ Anschließend erfuhr Viola Ekström ein weiteres Mal von dem „Trojaner“. Danach hatte sie das dringende Bedürfnis nach einer Toilette. Der VW-Bus musste zudem nachgetankt werden.

„Ich denke, es wird besser sein, wir setzen die Fahrt getrennt fort,“ hatte die Polin beim Halt entschieden. „Ich fahre mit Tomas voraus. Sie kommen in etwa einer Viertelstunde nach. Kristof wird zur Sicherheit mit Ihnen fahren. Wir treffen uns das nächste mal in Haugastöl,“ hatte Agnieszka der Amerikanerin klar gemacht, aber dazu sollte es nicht mehr kommen.

Gleich, nachdem der Audi mit den beiden Polen abgefahren war, hatte sich Viola Ekström auf der Toilette frisch gemacht, anschließend noch schnell einen kleinen Imbiss eingenommen und ein kurzes Telephongespräch von der Telephonzelle aus geführt. Dann war sie mit ihrem polnischen Bodyguard am Steuer im VW-Bus ebenfalls wieder auf die Sieben eingebogen und nach Osten gefahren. Erst eine Viertelstunde später hatten sie den PKW wieder vor sich. Bereits aus der Ferne war das Auto nicht zu übersehen; denn er brannte lichterloh.

Ich bin mir nicht sicher

„Ich bin mir nicht sicher, ob das vernünftig ist, wenn wir so weit voraus fahren,“ hatte der Fahrer des dunkelblauen Audi A6 gerade zu bedenken gegeben, ohne von seiner Vorgesetzten eine Antwort zu erhalten. Nach dem Gespräch mit Viola Ekström hatte Agnieszka Malik das unbestimmte Gefühl, dass es nicht die ganze Wahrheit gewesen sein könnte, als die Amerikanerin in dem vorangegangenen Gespräch den Eindruck erweckt hatte, mit dem ‚Trojaner’ bisher noch nichts zu tun gehabt zu haben.

„Ich fürchte, dass wir es hier mit Menschen zu tun haben, die bereit sind über die sprichwörtlichen Leichen zu gehen,“ hatte sie der Amerikanerin eindringlich zu verstehen gegeben und sie danach ganz direkt gefragt: „Auf wessen Seite stehen Sie eigentlich?“

Die Frage war ihr einfach so herausgerutscht und sie hätte sich aufgrund der Unprofessionalität der Fragestellung selbst ohrfeigen mögen.

„Wie meinen Sie das?“ Viola Ekström hatte jedoch scheinbar unbeeindruckt zurück gefragt und dazu gelacht, als ob die Polin einen Scherz gemacht hätte. Agnieszka hatte sich hierdurch nicht beirren lassen, und mit Bestimmtheit gesagt: „Sie werden das alles verstehen, wenn wir auf der anderen Seite der Grenze sind.“ Um ihre neue Bekannte nicht zu beunruhigen hatte sie noch hinzugefügt: „Dort wartet auch Rosi.“ Das war gelogen. „Bis dahin haben Sie Geduld. Wir können von hier jetzt nicht telephonieren. Nach dem, was Rosi erzählt hat schon gar nicht.“ Das stimmte. Die Polin war bei diesen Worten richtig energisch geworden.

„Sie erinnern mich irgendwie an Rose. Behalten Sie um Gottes Willen die Nerven,“ hatte die Amerikanerin mit leicht ironischem Unterton noch festgestellt, bevor sie sich getrennt hatten. Die polnische Polizistin wurde aus ihren Gedanken gerissen. Der Wagen hatte abrupt abgebremst und angehalten.

„Eine Polizeikontrolle,“ stellte ihr Fahrer knapp fest. Kurz nach der norwegischen Ortschaft Maurset führten die Beamten vermutlich eine Routinekontrolle durch. Der Audi mit dem polnischen Kennzeichen hatte so kurz vor der schwedischen Grenze wohl ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Als die Insassen des Fahrzeuges sich mit ihren Pässen auswiesen, war ihr Schicksal besiegelt.

Der kontrollierende Beamte wandte sich um, trat einen Schritt zu Seite und stürzte mit einem Hechtsprung in den Straßengraben.

Der Pole auf dem Fahrersitz kam nicht mehr dazu, das Fahrzeug zu verlassen.

Die Detonation der Handgranate, die der hinter dem Seitenfenster des allradgetriebenen Fahrzeugs stehende Polizist in den Wagen geworfen hatte, ließ das Auto erbeben und zerfetzte den Mann.

Die Wucht der Explosion drückte die Heckscheibe des Wagens auf und die auf der Rückbank sitzende Polin wurde halb aus dem Fahrzeug geschleudert. Agnieszka Malik hatte die Granante ins Auto fliegen sehen und den verbleibenden Sekundenbruchteil bis zur Explosion genutzt, um geistesgegenwärtig die neben ihr liegende Reisetasche der Amerikanerin schützend vor sich zu reißen.

Ihr Leben war dadurch nur wenige Augenblicke länger erhalten geblieben. Einer der drei Polizisten war nach dem Abklingen der Explosion von hinten an das Fahrzeug herangetreten und hatte das Stöhnen der halbschräg über die Rücklehne gedrückte Frau beendet, indem er ihr Dreimal in den Kopf schoss. Einmal hätte auch gereicht, aber der Schütze wollte wohl auf Nummer sicher gehen. Anschließend setzten die Täter das Auto in Brand und verließen dann eilig den Tatort. Von hinten näherte sich ein anderes Auto mit hoher Geschwindigkeit. Die Attentäter hatten ganze Arbeit geleistet. Aber ihr Auftrag war noch nicht beendet.

Trotz der kurvigen, engen Straße hatte der Fahrer des nachfolgenden VW-Busses nur wenige Minuten gebraucht bis er den brennenden Audi erreichte.

Im Scheinwerferlicht konnten er und seine Baifahrerin eine Person erkennen, die ihnen wild gestikulierend entgegen gerannt kam und versuchte, den Wagen zum Halten zu veranlassen. Es hätte dieser Mühe nicht bedurft.

Der Fahrer des Wagens bremste scharf ab, sprang aus dem Fahrzeug und rannte, ohne die Frau zu beachten zu dem brennenden PKW. Doch auch er musste schnell erkennen, dass hier jede Hilfe zu spät kam. Zwar gelang es ihm noch, zunächst seinen Kameraden vom Fahrersitz des brennenden Autos zu ziehen und danach sogar noch die am Boden vor dem Rücksitz zusammengekrümmte Frau an den Füßen zu packen und herauszuzerren, doch damit erreichte er lediglich, dass beide nicht bis zur Unkenntlichkeit verbrannten.

Auch Viola Ekström war aus dem Bus gesprungen. „Was ist passiert?“, fragte sie gehetzt die Frau, die Ihnen winkend entgegengekommen war auf Schwedisch. Die Angesprochene stand unter Schock. Den hastig und brockenweise vorgebrachten Erklärungen entnahm die Amerikanerin nur so viel, dass die Winkende erst am Ort des Geschehens eingetroffen war, als das Auto schon brannte. Kurz zuvor war ihr ein ausländischer Wagen entgegengekommen. In dem Privatwagen hatten seltsamerweise Polizisten in Uniform gesessen. Selbst diesen Angaben vermochte der Leibwächter schon aufgrund seiner fehlenden Sprachkenntnisse nicht zu folgen. Erschöpft hatten sich beide nach der Bergung der zwei Toten zunächst auf die Böschung am Straßenrand fallen lassen.

Die Norwegerin hatte über Handy die Polizei verständigt. Bis zu deren Eintreffen war mehr als eine halbe Stunde vergangen. Dies hatte den beiden Überlebenden die Gelegenheit gegeben, sich über die weitere Vorgehensweise trotz der sprachlichen Hindernisse grob zu verständigen.

Viola Ekström fröstelte. Sie zwang sich dazu, ihre Gedanken zu ordnen.

Während die lodernden Flammen der Amerikanerin die gespenstische Szene ins Gedächtnis brannten, rückten kurz nach einander die Feuerwehr, der Notarzt, die Polizei und zwei Krankenwagen an. Für einen Augenblick hatte Viola Ekström daran gedacht, die frischgebackene Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft in Moskau, Tatjana Wolkowa alias Ruth Waldner per Handy anzurufen, diesen Gedanken dann aber doch schnell wieder verworfen. Sie konnte nicht ahnen, damit die für lange Zeit letzte Gelegenheit verpasst zu haben, um mit ihrer Freundin in Kontakt zu treten.

Aufgrund der Verbrennungen, die er sich bei der Bergung der Leichen aus dem brennenden Fahrzeug zugezogen hatte, wurde der Pole zur Notaufnahme der Krankenstation in Eidfjord gebracht und dort behandelt. Trotz ihrer Benommenheit bestand Viola darauf, den VW-Bus selbst dorthin zurückzufahren. Anschließend nahm sie sich ein Zimmer im Motel. Da die Verletzungen des Polen sich als nur geringfügig erwiesen, konnte er bereits am nächsten Morgen aus der Krankenstation wieder entlassen werden. Bei der anschließenden Befragung durch die norwegische Polizei konnten weder er noch Viola zum Tathergang sachdienliche Hinweise geben. Übereinstimmend haben beide wahrheitsgemäß ausgesagt, dass der Pole die Amerikanerin erst an dem Ferienhaus kennen gelernt hat. Spontan hätten sie sich trotz der späten Stunde am Vorabend noch zu einem kleinen Ausflug in die Umgebung entschlossen. Um im Fall einer Panne nicht hilflos in der Landschaft zu stehen, hatten sie sich entschlossen, mit beiden Wagen zu fahren. Da Viola wegen der schlechten Straßenverhältnisse nicht selbst habe fahren wollen, waren die beiden Getöteten mit dem Audi unterwegs gewesen. Da die Tankanzeige des VW-Busses unterwegs aufgeblinkt habe, hatte dessen Fahrer sich entschlossen, den Treibstoff aus dem mitgeführten Reservekanister nachzufüllen. Dies entsprach im Kern der Wahrheit. Dadurch hatten sich beide Fahrzeuge für einige Minuten aus den Augen verloren. Auch das entsprach der Wahrheit. Als sie den A6 schließlich wieder eingeholt hatten, brannte dieser bereits lichterloh. Zu dem, was zwischenzeitlich geschehen war, konnten sie keine Angaben machen. Das entsprach aber nur zum Teil der Wahrheit.

Der brutale Mord

Der brutale Mord an der polnischen Sonderermittlerin im Dezernat Organisierte Kriminalität von Lublin löste in den kommenden Tagen und Wochen in ihrem Heimatland hektische Betriebsamkeit aus. Die Hinrichtung im fernen Norwegen an sich war bereits ein ungeheuerlicher Affront, der nur als Signal verstanden werden konnte: „Überlegt euch gut, wie weit ihr geht,“ lautete die unmissverständliche Botschaft der Täter, „wir finden euch überall und wir zögern nicht, diejenigen aus dem Weg zu räumen, die uns in die Quere kommen.“

Die besonderen Umstände des Attentats hatten anscheinend diesen Eindruck noch verstärken sollen. Die Ausführung der Tat war als offenkundiger Mord erfolgt. Dadurch sollte wohl verhindert werden, dass auch nur der geringste Zweifel aufkam. Das konnte nur als Provokation verstanden werden. Üblicherweise pflegten diese Kreise es vorzuziehen, ihre Anschläge so zu organisieren, dass die Tat wie ein Unfall aussehen konnte. Jedes Mal, wenn die Täter keinerlei Mühe darauf verwendeten, den tatsächlichen Tathergang zu verschleiern, war das eine Warnung an die Überlebenden: „Seht her, so wird es euch auch ergehen, wenn ihr nicht spurt.“ Dieser Vorgehensweise waren in den vergangenen Jahren wiederholt leitende Banker und Journalisten aber auch scheinbar kleine Fische zum Opfer gefallen. Nur hatte sich das eben in Moskau, Minsk, Kiew oder St. Petersburg abgespielt. Praktisch in keinem einzigen Fall war es gelungen der Täter, geschweige denn ihrer Auftraggeber habhaft zu werden. Der Glaubwürdigkeit der Drohung auf die potentiell Betroffenen hatte das verständlicherweise keinen Abbruch getan. Die Botschaft war klar: „Die Macht kann euch nicht schützen und uns nicht zur Rechenschaft ziehen.“ Verbrechen dieser Art richteten sich immer an das Umfeld der Ermordeten. In diesem Fall war das auch so und auch genauso verstanden worden. Nur, dass sich die Täter nicht einen beliebigen neuen Russen als Demonstrationsobjekt ausgesucht hatten, sondern eben eine polnische Polizistin. Das verlieh der Angelegenheit eine besondere Qualität und das „Umfeld“ der Getöteten war sich dessen nur zu gut bewusst.

Selbst an der Spitze der Behörde, im polnischen Innenministerium hatte man zugleich auch recht gut die Zwickmühle verstanden, in die der gesamte Apparat durch diese Tat gebracht worden war. Natürlich musste man reagieren und war dabei zum Erfolg verurteilt. Wenn es nicht gelänge, Täter und Hintermänner ausfindig zu machen, dann würde die Saat der Angst auch hier aufgehen. Wer immer es wagen würde, sich denen in den Weg zu stellen, würde das Risiko kennen. Und darin bestand zudem das Dilemma: Jeder, der es versuchen würde, sich dieser netten kleinen Herausforderung zu stellen, der musste damit rechnen, sich der Früchte seiner Ermittlungsarbeit nicht mehr so recht erfreuen zu können. Übereifrige Ermittler waren ohnehin selten, denn in solchen Fällen reichte dann in der Regel eine einfache kleine anonyme Mitteilung auf der die Anschrift des Unbequemen, gegebenenfalls noch die Arbeitsstelle seiner Frau, die Anschriften der Schulen der Kinder und so weiter kommentarlos aufgelistet waren, um die jeweiligen Sachbearbeiter dazu zu veranlassen, ihrem Ermessensspielraum freien Raum zu lassen und die Ermittlungen in eine Richtung zu lenken, die den Ermittler selbst aus der Gefahrenzone herausbrachte. So etwas fiel in der Regel niemandem auf. Für die Versender der Grußbotschaften hatte das Einknicken der Betroffenen zudem die Rückmeldungsfunktion: „Schaut her, ich habe Angst. Verlangt in Zukunft von mir, was ihr wollt. Ich werde mich fügen.“

Dass eine solche Grundhaltung der Ergreifung der Täter nicht gerade dienlich war, verstand sich von selbst.

Dass die Aufklärungsquote in solchen Fällen gegen null tendierte, verstärkte wieder die Glaubwürdigkeit der Drohungen.

Die Auftraggeber lebten so in der beruhigenden Sicherheit grenzenloser Macht. Wenn es gleichwohl doch einmal einen Unbelehrbaren geben sollte, der meinte sich querstellen zu müssen, so wurde zunächst einmal dafür gesorgt, dass dessen Aufsässigkeit eine Zeitlang ungeahndet blieb. So konnte sich herumsprechen, dass hier jemand am Werk war, der sich traute, den Kriminellen ins Handwerk zu pfuschen. Erst danach wurde dann das Exempel statuiert, mit der Folge, dass der Einschüchterungseffekt nur umso nachhaltiger wirkte. Aber solche Unbelehrbaren waren selten. Ganz besonders selten bei Polizisten. Wenn überhaupt, so fanden sich solche Unbelehrbaren noch am häufigsten unter den Journalisten.

Agnieszka Malik hatte das möglicherweise nicht wahrhaben wollen. Das war Russland. Im Westen - und als Polin fühlte sie sich dem Westen zugehörig, auch wenn viele im Westen, insbesondere ihre unmittelbaren westlichen Nachbarn, das anders zu sehen beliebten - im Westen hatte sich dieses System bisher nicht durchgesetzt. Jedenfalls wenn man den Medien glauben schenken wollte. Obwohl – ja obwohl – der Begriff für diese Art von Kriminalität – Mafia – ja eigentlich nicht wirklich ein Wort der russischen Sprache war. Insofern war dieser Fall auch als eine Art Probelauf zu verstehen, der demonstrieren sollte: „Seht her, das klappt nicht nur bei uns, das klappt genauso gut auch bei euch.“ Insofern war den Verantwortlichen klar, dass gehandelt werden musste und das sehr energisch. Dass es aufgrund der Tatumstände nach menschlichem Ermessen tatsächlich unmöglich sein würde, der Täter habhaft zu werden, machte das Dilemma nicht wirklich kleiner.

Da waren berufsmäßige Killer am Werk gewesen, die ihre Aufträge so ausführten, wie es von ihnen verlangt wurde. Diese Leute verhielten sich professionell, machten ihren Job, hinterließen üblicherweise keine verwertbaren Spuren, tauchten dann wieder in der Versenkung ab. Zwischen ihnen und den Tätern gab es keinerlei Berührungspunkte. Die übliche Methode der Polizei, dem Täter über sein mögliches Motiv auf die Schliche zu kommen, versagte hier ebenso, wie die Täterermittlung über Spuren, die zurückgelassen wurden.

Im vorliegenden Fall beschränkten sich die Hinweise auf die drei Geschosse, die durch den Kopf der Getöteten in deren Körper eingedrungen waren. Dass es jemals gelingen würde, die dazu gehörige Waffe zu finden, erschien auch den optimistischsten Ermittlern in Anbetracht der Weitläufigkeit der norwegisch-schwedischen Seenlandschaft äußert unwahrscheinlich.

Auch ohne den Einschüchterungseffekt waren so konstruierte Straftaten bereits schwer genug aufzuklären. In diesem Fall, wo die Tat im Ausland begangen worden war, dürften die Wetten darauf abgeschlossen werden, dass das Kamel wohl eher durch das Nadelöhr schlüpfen werde. Es wäre daher unter dem Strich klüger gewesen, wenn man so hätte tun können, als ob es sich eben nicht um ein Verbrechen handelte, sondern zum Beispiel um den sprichwörtlichen, bedauerlichen kleinen Unfall. Aber diesen Ausweg hatten die Täter im Fall von Agnieszka Malik und ihren Begleitern Tomas und Kristof gezielt verbaut, indem sie dafür sorgten, dass auch nicht der geringste Zweifel am Tathergang aufkommen konnte. Nur so bekam der Fall die gewünschte Öffentlichkeit. Nur so konnten die Auftraggeber sicher sein, dass ihre Entschlossenheit und Fähigkeit zur Durchführung jedweder Aktion über jeden Zweifel erhaben war. Die Provokation war unübersehbar und zugleich auch die mit ihr ausgesprochene Herausforderung. Das konnte und durfte natürlich nicht ungeahndet bleiben, auch oder gerade weil nicht klar war, warum die Auftraggeber es in diesem Fall für nützlich erachtet hatten, den Sicherheitsbehörden den Fehdehandschuh mit solcher Energie vor die Füße zu werfen.

Der Polizeioffizier, der mit der Bearbeitung des Falles offiziell betraut wurde, beneidete sich folglich nicht um diesen Job. Er hatte sich nicht danach gedrängt. Aber auch sonst hatte sich niemand gedrängt und so war dann die Wahl auf ihn gefallen. Seinen Vorgesetzten war die Wahl nicht schwer gefallen. Unter den in Frage kommenden Leitern war er der einzige Ledige gewesen. Er war nicht auf den Kopf gefallen und hatte das Auswahlkriterium unschwer durchschaut.

„Das bedeutet zwar nicht unbedingt eine Anerkennung deiner besonderen Fähigkeiten und ist damit auch nicht einmal ansatzweise schmeichelhaft, dafür aber rational richtig, denn damit reduzierten sich in seinem Fall die Möglichkeiten zur Einschüchterung.“

Der frisch gebackene Leiter der Sonderkommission hatte keine Mühe dies anzuerkennen. Bei der Auswahl der Mitglieder seiner Einheit ließ er ähnliche Gesichtspunkte gelten. Dies hatte zur Folge, dass der Sonderermittlungsgruppe schließlich zumindest keine Person angehörte, die über eigene kleine Kinder erpressbar war.

„Wir können das nicht auf uns sitzen lassen,“ hatte der Hauptmann seinen Kollegen der Sonderkommission zur Begrüßung gleich beim ersten Treffen klar gemacht, „sonst machen die endgültig, was sie wollen.“

Darüber, dass die Chancen der Ermittler diesen Fall aufzuklären, nicht besonders rosig waren, machte er sich gleichwohl keinerlei Illusionen. Von seinen Kollegen nahm er an, dass sie die Angelegenheit mit ähnlichen Augen betrachteten. Laut sagen würde das natürlich niemand. Tomeck Miller entschied sich daher dafür zweigleisig zu fahren. Einerseits würde es darauf ankommen herauszufinden, wo sich seine Kollegin vor ihrem Tod aufgehalten hatte und andererseits galt es zu klären, welche Ermittlungen als so brisant eingestuft wurden, dass man es für nötig hielt, sie öffentlich hinzurichten. „Weshalb und woran“, so fragte er sich, „hatte Agnieszka Malik so verdeckt ermittelt, dass sich darüber keinerlei Hinweise in den Akten finden ließen?“

Auch in Norwegen sorgte der ganze Fall in der sonst so ruhigen Gegend für erhebliches Aufsehen. Ein kaltblütiger Mord, begangen von Menschen in Polizeiuniform an einer Polizeibeamtin aus Polen und ihrem Fahrer, so etwas passierte schließlich nicht alle Tage. Aber weder die bereits gleich in der Nacht eingeleitete Großfahndung hatte zu greifbaren Ergebnissen geführt, noch hatten die Ermittlungen der zur Lösung dieses Falles gebildeten Sonderkommission der Kriminalpolizei Erkenntnisse zu Tage gefördert, die eine Identifizierung der Täter erlaubt hätte. Es blieb bei der Anfangsvermutung, dass diese wohl im Dunstkreis der osteuropäischen organisierten Kriminalität zu suchen seien. Sowohl deren Ein- wie auch die Ausreise, so wurde vermutet, war über die schwedische Grenze erfolgt. Von dort aus konnten die Täter über Finnland weiter in ihr Heimatland gereist sein. Seit der EU-Mitgliedschaft Polens und der baltischen Staaten zum 1. Mai 2004 waren die Grenzkontrollen Schwedens und Finnlands gegenüber den Bewohnern der neuen Mitglieder von einem Tag auf den anderen spürbar gelockert worden. Die Zusammenarbeit zwischen den Polizeibehörden der Nachbarländer hatte sich keineswegs mit vergleichbarer Geschwindigkeit entwickelt. Die unendlich lange Grenze zwischen Norwegen und Schweden war auch in der Vergangenheit nie wirklich auch nur annähernd wirksam zu kontrollieren gewesen. Dafür gab es bis dahin allerdings auch keinen Anlass. Die Ermittlungen stießen demzufolge schnell an ihre Grenzen und beschränkten sich bereits nach wenigen Wochen auf die Sammlung von sachdienlichen Hinweisen. Die gesamte Angelegenheit wäre damit vermutlich recht bald zu den Akten gelegt worden. Dass der Vorgang wenig später eine gänzlich unerwartete Wendung nehmen sollte, lag an Hartmut von Dormann. Der Kriminalreporter mochte sich nicht dazu entschließen, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Er hatte hierfür sehr persönliche Gründe.

Die traurige Nachricht von der Ermordung seiner polnischen Vertrauten erhielt der britische Experte für Datensicherheit Jonathan Bird am späten Abend des Tages, an dem seine Frau und er wieder in England angekommen waren. Als die Hunde vor dem Haus in der Nähe des dänischen Dörfchens Lönstrup angeschlagen hatten, war das Gespräch zwischen den Beteiligten auf einen Schlag verstummt. Alle Anwesenden hatten sich fragende Blicke zugeworfen. Als das Gebell nicht aufhörte, hatten der Franzose und Günther Rogge mit ihren Nachtsichtgeräten das Gebäude verlassen und sich einen Überblick darüber verschafft, was sich in der Umgebung abspielte. Dank der Restlichtverstärker war es nicht schwierig gewesen, mehrere Gestalten ausfindig zu machen, die damit beschäftigt waren, um einige der Häuser herumzuschleichen, die sich etwa drei- bis vierhundert Meter links von dem Haus befanden, in dem sich die kleine Gruppe aufhielt. Als die beiden Beobachter feststellen mussten, das sich die Unbekannten auf den Weg zu ihnen machten, war Rogge ohne zu zögern in das Haus zurückgekehrt und hatte den dort Wartenden zu verstehen gegeben, dass es wohl besser sei, die Begegnung abzubrechen. Während Mrs. Bird die Hunde beruhigte, hatten die übrigen Teilnehmer mit wenigen Handgriffen ihre Siebensachen zusammen gepackt.

Gemeinsam waren gleich darauf alle über die Düne hinab zum Strand geeilt. Mr. Bird und der Franzose hatten die Außenborder der Schlauchboote angeworfen, während Mrs. Bird, Agnieszka und Rogge das wenige Gepäck in den jeweiligen Autos verstauten. Erst nachdem das Knattern der Boote die Motoren der Autos übertönte, wurden diese angelassen. Während die Boote auf den Wellen allein auf das Meer hinaus hüpften, hatten Marcel und Mr. Bird auf den Beifahrersitzen der bereit stehenden PKW Platz genommen.

Ohne die Fahrzeugbeleuchtung einzuschalten hatten alle vier Wagen sodann nacheinander den breiten Strand bis zur Einfahrt nach Nörlev Strand genommen und waren dort nach rechts auf die Zufahrtsstraße eingebogen.

Beim ‚Strandköpmanden’ hatte der vorderste Wagen das Fahrtlicht eingeschaltet. Nacheinander waren die Fahrzeuge die kleine Anhöhe hinaufgefahren, die den Strandbereich vom Hinterland trennt. Wenig später waren sie nach links in Richtung Hjörring abgebogen. Bei Vidstrup hatten sich die Fahrzeuge getrennt.

Die Polin nahm mit ihren Begleitern die Straße nach Hirtshals. Von dort aus bestieg sie am nächsten Morgen die Fähre nach Kristianssand und fuhr anschließend auf der E39 über Stavanger und Bergen in Richtung Eidsfjord, wo sie am Abend des folgenden Tages kurz nach Viola Ekström eintraf. In Bergen hatte sie zuvor eine Pause eingelegt und sich ausgiebig die alten Gebäude des früheren Hansekontors angesehen. Wenn es der Zufall so gewollt hätte, hätte sie hier bereits auf Viola treffen können. Aber solche Zufälle gibt es nicht.

Günther Rogge war ihnen noch bis Sonderby gefolgt und dann auf der gut ausgebauten Landstraße in Richtung der E 39 gefahren, in diese eingebogen und auf ihr in der entgegengesetzten Richtung über Alborg, Ahus und Kolding noch in der Nacht zurück nach Deutschland gefahren. Der Franzose sowie Mr. und Mrs. Bird hatten in Hjörring übernachtet, waren am nächsten Tag noch gemeinsam nach Frederikshavn gefahren und hatten sich dann ebenfalls getrennt. Mr. und Mrs. Bird waren anschließend mit der Fähre zurück nach Göteborg in Schweden gefahren, hatten dort den Leihwagen am Flugplatz zurückgegeben und waren am nächsten Morgen um 06.45 Uhr heim nach England geflogen. Nach seiner Rückkehr vom Treffen in Dänemark hatte sich das Ehepaar Bird früher als sonst üblich zu Bett begeben. Den späten Anruf hatte zunächst seine Frau entgegengenommen.

„Lublin ist am Apparat,“ hatte sie leichenblass gesagt, als sie ihm das Telephon reichte. Mr. Bird war sofort wieder hellwach gewesen. Am anderen Ende der Leitung saß Agnieszkas Mann. Er war in den Mittagsstunden von zwei Angehörigen der Kripo Lublin aufgesucht worden. Diese hatten ihm die Nachricht vom Tod seiner Frau schonend versucht beizubringen. Es hatte einen ganzen Moment gedauert, bevor er den Inhalt der Nachricht vom Tod seiner Frau völlig realisiert hatte. Unter dem Druck der Mitteilung war er danach kurzfristig zusammengebrochen.

„Das ist nicht wahr,“ war es zunächst aus ihm herausgebrochen. Die mitleidsvollen Blicke der Kollegen seiner Frau hatten ihn vom Gegenteil überzeugt. „Wie konnte das geschehen?,“ hatte er mit sich überschlagender Stimme nachgefragt.

„Wir wissen es wirklich nicht,“ hatten die Beamten geantwortet und das war keine Höflichkeitslüge gewesen.

Sein Anruf in England war im Grunde nicht viel mehr, als ein Ausdruck seiner eigenen Hilflosigkeit. Agnieszka hatte ihm gesagt, dass sie wieder für ungefähr vierzehn Tage nach Skandinavien reisen wollte. In Dänemark war ein kurzes Treffen mit ihrem gemeinsamen Bekannten aus England geplant. Danach wollte sie wie in den vergangenen Jahren für einige Tage in das Haus am Eidfjorden in Norwegen fahren, in dem es ihr immer so gut gefallen hatte. Anschließend würde sie sich vielleicht noch mit Radek und seiner Frau in Schweden treffen, die dort ihren diesjährigen Sommerurlaub verbrachten. Seit dem Beitritt Polens zur EU waren derartige Reisen ja erfreulicherweise nochmals ein gutes Stück leichter geworden als früher. „Wenigstens das ist ein Vorteil,“ hatte seine Frau noch gescherzt. Aufgrund ihrer exponierten Stellung im Lubliner Polizeidienst und angesichts der Vorfälle vom Mai, hatte sie sich entschieden, die gesamte Reise in Begleitung von zwei Männern vom Personenschutz anzutreten.

„Hältst du das nicht für überzogen,“ hatte der Ehemann noch spöttisch angemerkt. Und jetzt war Agnieszka tot.

„Ich versteh’ das alles nicht.“ Aus seiner Verzweiflung machte der Frischverwitwete gegenüber seinem Gesprächspartner keinen Hehl. Doch auch der hatte ihm keine Erklärung liefern können und für Worte des Trostes fehlten ihm in diesem Augenblick selbst die Worte. Seinen deutschen Freund hatte er am nächsten Morgen genauso ratlos erlebt. Auch der konnte sich keinen Reim darauf machen, was vorgefallen sein könnte. Beiden Männern war nicht bekannt gewesen, dass die Reise nach Norwegen noch einem anderen Zweck hatte dienen sollen, als dem, den Agnieszka ihnen selbst genannt hatte. „Ich werde dort ein paar Tage entspannen,“ hatte sie glaubhaft verkündet. Auch ihrem Mann hatte sie nichts anderes gesagt. Sie hatte ihn nicht beunruhigen wollen. Über ihre Arbeit hatte sie ohnehin nie im Detail gesprochen.

Nach ihrer Vernehmung

Nach ihrer Vernehmung durch die norwegische Polizei war die Amerikanerin schwedischer Abstammung noch am selben Tag mit dem Flugzeug von Bergen aus zurück nach Kopenhagen geflogen. Von dort aus hatte sie die nächste Maschine nach London genommen und war von dort aus weiter nach Schottland gereist. Noch am Abend ihrer Ankunft meldete sie sich bei ihrer Dienststelle zurück. Ihre Erlebnisse in Norwegen vertraute sie nicht einmal ihrer Kollegin an. Auch in ihrem Bericht an ihren Vorgesetzten fehlten die Angaben, die sie gegenüber der norwegischen Polizei gemacht hatte. Sie hatte keine wirkliche Erklärung für das, was geschehen war.

„Ich muss Ruth erreichen,“ sagte sie zum wiederholten Male seit dem schrecklichen Ereignis zu sich selbst. Doch auch ihr neuerlicher Versuch, ihre Freundin ans Telephon zu bekommen, blieb ergebnislos. „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht zu erreichen, versuchen Sie es später noch einmal,“ vernahm die Rothaarige abermals die Ansage der Telephongesellschaft.

Die Vermisste hatte ebenfalls den Rückzug angetreten. Die Russlanddeutsche Ruth Waldner, die gerade den schönen neuen Namen Tatjana Wolkowa verwendete, und ihr Fahrer Tolja, hatten bereits am nächsten Tag wieder die norwegisch-russische Grenze auf der E 105 auf dem Weg nach Russland passiert. Der Versuch, ihren vermuteten Verfolger an der Fähre in Norwegen abzuschütteln war fehlgeschlagen. Die schwere Limousine war am Anleger von Kvanndal überhaupt nicht in Erscheinung getreten. „Tatjana“ und Tolja hatten es daher vorgezogen, doch bis Nesheim weiterzufahren. Die Fähre von dort nach Brimnes war nur wenige Minuten unterwegs.

„Wir verlieren da nicht soviel Zeit,“ hatte die Frau ihrem Fahrer zu verstehen gegeben. Als sie sich der Fähre näherten, hatte der dunkle Wagen bereits auf sie gewartet. Er stand unübersehbar rechts neben der Brücke des Fährschiffes.

„Die müssen wissen, wohin wir wollen,“ hatte Tolja zu bedenken gegeben. Nur so war es zu erklären, dass ihre Verfolger in Kvanndal überhaupt nicht aufgetaucht waren. „Die sind gleich zur kürzesten Verbindung gefahren,“ stellte der Kosak fest.

„Das gefällt mir nicht, das gefällt mir gar nicht,“ hatte „Tatjana“ erwidert und fragend hinzugefügt, „woher können die das wissen?“

„Möglich, sie haben ihre Leute in Moskau, möglich an der Grenze, möglich in Kirkenes,“ gab Tolja emotionslos zur Antwort.

„Warte,“ hatte daraufhin seine Begleiterin entschieden. „Lass’ sie allein fahren. Sie müssen denken, wir fahren woanders hin,“ entschied sie spontan. Beide hatten der abfahrenden Fähre noch nachgesehen. „Die schließen ja nicht einmal die Bugluke,“ hatte sie sich gewundert.

Anschließend waren sie zurück nach Vangsbygd gefahren und von dort aus weiter auf der 13 in Richtung Lofthus. In Granvin hatten sie eine kurze Rast gemacht. Die dunkelblonde Frau „musste“ schon wieder und wollte erneut telephonieren. Kurz nach ihnen hatten drei Männer das Lokal betreten. Sie trugen die typischen dicken, karierten Flanellhemden, die es hier in der Gegend in jedem Geschäft zu kaufen gibt. Als Tolja und seine Begleiterin die Gaststätte verließen, erhoben sich die Drei ebenfalls und gingen zu ihrem Wagen. Der dunkelrote Volvo fuhr in die gleiche Richtung wie die beiden Urlauber.

„Fahr’ hoch nach Förde, dort gibt es einen kleinen Flugplatz. Wir mieten uns eine Maschine und fliegen rüber nach Schweden,“ wies die Beifahrerin ihren Fahrer an, nachdem sie die Gaststätte in Granvin verlassen hatten. Für die knapp 200 Kilometer würden sie bei Nacht mindestens drei Stunden benötigen.

„Vielleicht sollten wir zwischendurch eine kleine Rast einlegen,“ gab Tolja zu bedenken. „Mitten in der Nacht werden wir kaum einen Piloten finden, der uns fliegt.“

„Ich hab’ das gerade geregelt,“ gab seine Begleiterin zurück, „in Kaldvig gibt es ein Motel, da können wir einen Zwischenstopp einlegen. Wir müssen dort sowieso auf die Fähre warten.“

Kurz hinter Lofthus wurde das Paar von einem roten Volvo überholt. Kurz nach Vossestrand begegneten sie dem Wagen wieder. Er stand mit Warnschild abgesichert so am Straßenrand, dass der nachfolgende Wagen nur sehr langsam daran würde vorbeifahren können. Die Warnblinkleuchten waren eingeschaltet. Die Motorraumklappe war ebenso wie die Heckklappe geöffnet. Beim Näherkommen des Range Rover winkte einer der Männer aus dem Volvo mit einem Benzinkanister.

„Das gefällt mir nicht.“ Dieses mal war es Tolja, der diese Worte an seine Mitfahrerin richtete. Zugleich bremste er den Geländewagen ab und brachte ihn etwa 50 Meter vor dem Volvo zum Stehen. Der Mann vor ihnen ließ den Benzinkanister sinken, ging einige Schritte auf den Rover zu, wartete kurz ab und blieb dann einen Augenblick scheinbar unschlüssig stehen.

„Denkst du wirklich...?,“ hatte seine Begleiterin gerade zu ihrer Frage angesetzt, als Tolja bereits den Rückwärtsgang einlegte. Der Motor heulte auf, der Wagen gewann an Fahrt. Tolja zog die Handbremse an und schlug das Lenkrad scharf ein. Das Fahrzeug schleuderte einmal um die eigene Achse und setzte sich in der entgegengesetzten Fahrtrichtung wieder in Bewegung. Im Rückspiegel konnte Tatjana gerade noch erkennen, dass der Mann mit dem Benzinkanister zurück zu dem Volvo rannte. Dessen Warnblinkanlage ging aus. Das Auto wendete ebenfalls. Direkt nach Vossestrand hatte Tolja den Range Rover nach links auf die E 16 gesteuert. Der Volvo folgte ihnen. An der Straßengabelung zwei Kilometer vor Uppheim lenkte Tolja sein Fahrzeug nach rechts auf die 317. Auf dieser kleinen Straße war der Geländewagen gegenüber dem Volvo im Vorteil. Nach weiteren 500 Metern bog er erneut nach rechts ab, schaltete die Beleuchtung aus und brachte den Wagen kurz darauf zum Stehen. Der Volvo folgte ihnen nicht, sondern fuhr an der Abbiegung vorbei weiter in Richtung des Hotels Stalheim. Tolja wartete eine knappe Minute, bevor der den Wagen wieder anließ und das Gefährt zurück auf die Landstraße brachte. Danach setzten sie ihre Reise in umgekehrter Richtung fort und blieben auf der E16. Nach Sicherheitsstopps erreichten sie ohne weitere Vorkommnisse den Flugplatz Flesland bei Bergen am Morgen des folgenden Tages.

Auch sie hätten, wenn es der Zufall so gewollt hätte, hier Viola Ekström treffen können, aber auch dieser Zufall ereignete sich nicht.

Sie hatten dort den Leihwagen zurückgegeben und den nächsten Flug nach Kirkenes gebucht. Dort waren sie in ihren Lada Niva gestiegen und hatten sich auf den Weg über Nikel nach Murmansk gemacht. Als Viola zum wiederholten Male versuchte, ihre Freundin telephonisch er erreichen, befand diese sich gemeinsam mit ihrem Begleiter auf der A 138 irgendwo zwischen Pechenga und Kilpjawr. Ihr privates Mobiltelephon hatte sie zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht wieder eingeschaltet. Noch immer fürchtete sie, andernfalls von Leuten geortet zu werden, von denen sie nicht wollte, dass sie ihren Aufenthaltsort kannten.

Die Entscheidung zur Rückreise nach der Begegnung mit dem Volvo hatte Tolja zunächst allein getroffen. „Tatjana“ hatte anfänglich protestiert, sich dann aber der Argumentation ihres Begleiters gebeugt.

„Wir wissen nicht, wer uns das hier eingebrockt hat,“ hatte ihr der Fahrer völlig ruhig zu verstehen gegeben, „aber ich habe keine Lust, hier vor die Hunde zu gehen.“

Damit war die Diskussion beendet gewesen. Auf dem Flugplatz in Bergen hatte seine Begleiterin versucht, ihre polnische Kontaktperson telephonisch von der Änderung zu informieren. Aber deren Handy war abgeschaltet gewesen und auch Viola Ekström war weiterhin nicht zu erreichen gewesen. In Kirkenes hatte sie erneut diese Erfahrung machen müssen und damit keinerlei Gelegenheit gehabt, das Geschehen zu beeinflussen.

„Da stimmt etwas nicht,“ hatte sie gerade Tolja erneut besorgt zu verstehen gegeben, als dessen Mobiltelephon aufleuchtete. Der Kosak war gerade im Begriff, ihren Lada vom Flughafengelände der norwegischen Bergwerksstadt auf die Straße zu steuern. Seit Ruth Waldner ihre polnische Bekannte letztmalig ans Telephon bekommen hatte, waren inzwischen mehrere Stunden vergangen. „Wir werden uns verspäten,“ hatte sie Agnieszka von Nordheimsund aus zu verstehen gegeben. „Wir sind bereits im Haus nebenan,“ hatte die Angerufene ihr auf die entsprechende Frage geantwortet. „Aber deine Freundin ist nicht da.“

Nachdem ihr klar geworden war, dass sie die Fähre von Nesheim nicht nehmen konnte, hatte Ruth, alias Tatjana die Polin ein weiteres Mal angerufen und ihr mitgeteilt, was sich gerade abgespielt.

„Sieh’ zu, dass ihr da weg kommt,“ hatte ihr Agnieszka eingeschärft und hinzugefügt: „Ich werde mir Viola schnappen und versuchen nach Schweden rüber zu kommen. Bekannte von mir machen Urlaub bei Östersund. Bis zur Grenze bei Fjällnäs brauchen wir ungefähr acht Stunden. Das ist zu schaffen. Ich werde Viola sagen, dass wir dich in Schweden treffen. Sieh’ du bloß zu, dass du da heile ‚raus kommst.“ „Wir telephonieren,“ hatte sie zum Abschluss gesagt und aufgelegt. „Agnieszka ist absolut zuverlässig,“ hatte die Frau bei sich gedacht und sich bei dem Gedanken beruhigt, dass sie ja in guter Begleitung war; denn anders als Viola Ekström und Ruth Waldner neigte die Kriminalistin aus Lublin nicht dazu, sich unnötig in Gefahr zu begeben. Insofern gibt es auch keinen Grund, gleich in Panik zu verfallen, nur weil der Kontakt eine Zeitlang unterbrochen ist,“ versuchte sich die Russlanddeutsche einzureden, während sie geradezu entsetzt auf das blinkende Handy ihres Begleiters blickte.

„Warum zum Teufel wolltest du eigentlich unbedingt Viola dabei haben?,“ schoss es Ruth Waldner im selben Moment durch den Kopf.

Dass Agnieszka unbedingt Viola dabei haben wollte, hatte die Polin bereits per e-Mail deutlich gemacht, als sie sich für das Treffen in Norwegen verabredet hatten. Auch das hatte Ruth in dem Eindruck bestärkt, dass die besagten Neuigkeiten tatsächlich die Reise notwendig machen mussten. „Ich denke, es wird auch sie freuen, dich wieder zu sehen,“ hatte Agnieszka seinerzeit vielsagend betont und mit Bestimmtheit hinzugefügt: „Ich denke es ist wichtig, dass sie auch kommt.“

„Von Viola weiß du eigentlich nicht viel mehr, als dass sie für einen amerikanischen Dienst arbeitet,“ hatte sich Ruth Waldner bereits damals gewundert. Nur soviel eben noch, dass die Amerikanerin irgendwie in Sachen Internetsicherheit tätig war und auf diesem Gebiet über eine Menge technischer Möglichkeiten verfügte, von denen andere Länder ohne eigene Satellitensysteme nicht einmal träumen konnten. Sie musste sich eingestehen, dass ihr auch jetzt noch immer nicht wirklich klar war, weshalb die Malik ihre Freundin tatsächlich hatte dabei haben wollen. „Vielleicht ist es ja das, was sie für Agnieszka so interessant macht,“ schloss sie den Gedankengang ab, während das Mobiltelephon ihres Begleiters unverändert weiter blinkte.

„Willst du nicht abheben?“ Dass sich ihre Stimme bei dieser Frage vor Panik fast überschlagen hatte, registrierte die Frau erst, als ihr Begleiter sie ungewohnt heftig mit den Worten anfauchte: „Reiß’ dich zusammen!“ Genau das aber wollte der Frau in diesem Moment nicht gelingen. Statt dessen fühlte sie, wie eine bisher unbekannte Kälte in ihr aufstieg, die sie unkontrolliert zittern ließ. Erneut kreisten ihre Gedanken um die Verabredung zu dem Treffen.

Das Zittern nahm zu, als ihr schlagartig klar wurde, dass ihr die Einbeziehung Violas - aus durchaus sachfremden Gründen - wie sich die aktuell Dunkelblande unumwunden eingestehen musste - die eigene Entscheidung zur Teilnahme erheblich erleichtert hatte. Aber das hatte die Polin nach ihrer Einschätzung nicht einmal ahnen können. “Oder doch?“ Ruth Waldners Kälteschub wurde durch einen Hitzeschwall abgelöst.

„Das bleibt unser süßes kleines Geheimnis,“ hatte sie selbst Viola zum Abschluss ihrer kleinen Affäre in Feldafing eingeschärft und diese Vorgabe selbstverständlich auch für sich gelten lassen. Doch auf einmal war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob ihre Freundin sich ebenfalls an diese Vorgabe gehalten hatte.

„Alles klar,“ hatte sich Agnieszka seinerzeit betont locker gegeben, nachdem klar war, dass Viola auch kommen würde und mit leicht ironischem Unterton nachgesetzt: „Wenn Du ohnehin in der Nähe der norwegischen Grenze bist und Viola nach deinen Erzählungen ja ein findiges Mädchen ist, sollte dem Jahrhundertereignis eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Unser nettes kleines Treffen zum gegenseitigen Kennen lernen wird folglich ganz unauffällig sein.“

Gleich nach dieser Verabredung hatte sich auch Ruth Waldner abermals in die Datenbank ihrer eigenen Behörde zum Thema Trojaner eingelinkt, aber keine Veränderungen erkennen können, die ihr begreiflich gemacht hätten, über welche besonderen Erkenntnisse die Polin verfügen mochte.

„Wozu bloß der ganze konspirative Aufwand?“ Im Stillen stellte sie sich jetzt erneut diese Frage, während der kleine Geländewagen über die Straße in Richtung Murmansk rumpelte. Wieder spürte die Frau, wie die Kälte in ihr aufstieg, als ihr bewusst wurde, dass ihre polnische Freundin seither das gesamte Treffen so gehandhabt hatte.

Selbst der genaue Treffpunkt in Norwegen war ihr auf der Hinfahrt erst über ein Festnetztelephon im Hotel in Kirkenes mitgeteilt worden. Erst von Kirkenes aus hatte die Russlanddeutsche dann auch ihre amerikanische Freundin in deren Hotel in Dänemark anrufen dürfen und ihr die Wegbeschreibung ebenfalls durchgeben können. Sie hatte das Spiel ohne zu widersprechen mitgespielt, solange es ein Spiel war. Aus dem gleichen Grunde hatte sie auch die Bitte Agnieszkas respektiert und ihrer amerikanischen Freundin nichts davon erzählt, dass auch die Polin an dem Treffen teilnehmen würde, sondern ihr lediglich eine „Überraschung“ angekündigt. Doch das alles war jetzt auf einmal nicht mehr so wichtig. Intuitiv spürte die Deutschrussin, dass das Nichtreagieren ihres Begleiters auf das Blinken des Handys, kein gutes Zeichen darstellte.

Das Handy hörte auf zu blinken.

„Was soll das, warum gehst du nicht ran?“ Erneut überschlug sich die Stimme der Frau und dieses Mal erntete sie dafür eine grobe Reaktion ihres Begleiters. Hektisch öffnete Ruth Waldner die Thermoskanne und goss sich einen Becher heißen Tee ein. Kaum spürte sie die Flüssigkeit in sich, als sie die große Müdigkeit überkam. Laut gähnend kämpfte sie dagegen an und ertappte sich dabei, dass ihre Gedanken schon wieder um das gerade Erlebte kreisten.

Gleich nachdem ihr Agnieszka erstmals die Bitte übermittelt hatte, an dem Treffen auch die Amerikanerin zu beteiligen, hatte die Deutsche ihre Freundin in Schottland angerufen und die Frage weiter gegeben. Auf die Idee, sich einmal wieder zu sehen, hatte Viola Ekström spontan zustimmend reagiert. Den Gedanken, sich gerade in Norwegen in einem Ferienhaus zu treffen, hatte sie auf ihre unkomplizierte Weise mit einem glucksenden Lachen akzeptiert. Den Hinweis, dass das Treffen nicht nur privater Natur sein würde, hatte sie hingegen mit einem deutlichen Fragezeichen quittiert. „Sooo?“ Doch das war schon alles gewesen. Bei der Gestaltung der Gründe für ihren Ausflug hatte sich die Amerikanerin ansonsten tatsächlich als genauso findig erwiesen, wie dies von Agnieszka erwartet worden war.

„Ich nehme einfach ein paar Tage Resturlaub. Das wird schon gehen, im August ist hier sowieso nicht so viel los,“ gab sich Ola zuversichtlich und fügte mit sarkastischem Unterton hinzu: „Vielleicht lässt sich bei dieser Gelegenheit sogar ein netter kleiner Einsatz im schönen Dänemark arrangieren.“

Bei diesem Gedanken hatte sie sich offenkundig schon vorab köstlich amüsiert und vergnügt hinzugefügt: „Von dort aus ist es dann ja nur noch einen Katzensprung.“ „Das alles ist nun ja richtig in die Hose gegangen,“ bemerkte Tatjana-Ruth halblaut zu sich selbst und erntete mit dieser Feststellung ein zustimmendes Kopfnicken ihres Begleiters. Danach schlief sie ein und wurde erst durch die Grenzkontrolle wieder geweckt. Sie konnte nicht ahnen, dass sich ihr Leben bereits wenige Stunden später grundlegend verändern würde.

Kurz nach Passieren der russischen Grenze schaltete sie für wenige Minuten ihr Handy wieder ein und erhielt sofort eine SMS. Gleich darauf erfuhr sie vom Tod ihrer polnischen Bekannten über das Mobiltelephon Toljas. Danach überschlugen sich die Ereignisse.

Nachdem der erste Schock verflogen war, hatten sie und ihr Gesprächspartner sich in einem weiteren Telephonat sehr kurzfristig über die weitere Vorgehensweise verständigt. „Mach dir keine Gedanken,“ hatte es aus dem Hörer geklungen, wir kriegen das hin.“ „Mach’ dir nicht so viele Gedanken,“ versuchte jetzt erneut auch Tolja seine Begleiterin zu beruhigen. Er war im Laufe der Jahre sensibel genug geworden, um es zu fühlen, wenn sich eine Frau große Sorgen machte und bedauerte bereits, zuvor so grob gewesen zu sein.

Schneller als seine Begleiterin hatte der Fahrer begriffen, dass von nun an nichts mehr so sein würde, wie früher. Wenn die Vermutung seines Gesprächspartners richtig waren, so war die Identität seiner Begleiterin von irgendjemandem in der deutschen Botschaft aufgedeckt worden, der ein Interesse daran hatte, dass seine Machenschaften unentdeckt blieben. Dafür gab es in Russland traditionell nur einen zuverlässigen Weg. Um dem aus dem Weg zu gehen, gab es ebenfalls wieder nur einen Weg und den mussten sie jetzt gehen.

„Denk’ nicht darüber nach, es muss sein. Du kennst das doch, etwas anderes macht das keinen Sinn,“ fügte er hinzu, nachdem ihn seine Begleiterin hastig mit den Modalitäten der gerade getroffenen Vereinbarung vertraut gemacht hatte. Seine Begleiterin zwang sich zur Ruhe. Der Schlaf hatte ihr gut getan. Schweigend blickte sie durch die Windschutzscheibe. Während sie gemeinsam mit dem Kosaken durch die monotone Weite ihrer früheren Heimat fuhr, konnte Tatjana Nikolajewna Wolkowa, die Frau, die bis vor kurzem noch auf den Namen Ruth Waldner gehört hatte und die von ihrer amerikanischen Freundin kurz Rose genannt wurde, nicht umhin, sich ihrer Kindheit hier im russischen Norden zu erinnern. Noch ahnte sie nicht, dass gerade diese Erlebnisse sie wieder einholen sollten. Zwar spürte sie die Wehmut und Traurigkeit mit den Erinnerungen in sich aufsteigen, doch erklärte sie sich diese Empfindungen aus dem Verlust, den sie gerade verkraften musste und der Verwirrung, in die sie durch die Ankündigung dessen gestürzt worden war, was ihr in wenigen Stunden widerfahren würde.

Sie schloss die Augen und wanderte in Gedanken zurück in die Zeit der gemeinsamen Ausflüge an den See, die sie so sehr geliebt hatte und zu denen sie ihr Vater deshalb, wann immer es seine Zeit erlaubte, mitgenommen hatte. Die Tage am See hatten sie für kurze Zeit all die Gemeinheiten vergessen lassen, denen sie als Deutsche auch viele Jahre nach Ende des Krieges ausgesetzt gewesen war. „Faschistin“ hatten ihre Mitschüler das kleine, aufgeweckte Mädchen mit den hellblonden Haaren immer wieder beschimpft. Besonders arg trieben es in dieser Beziehung die Mädchen. Ruth hatte in den ersten Schuljahren häufig versucht, sich von diesem Makel zu befreien. Sie hatte versucht, ihre Mitschülerinnen mit kleinen Geschenken geneigter zu machen. Sie hatte erfahren müssen, dass das ihre Lage nicht wirklich verbessert hatte. Im Gegenteil: Diejenigen ihrer Mitschülerinnen, die nicht in den Genuss der kleinen aber begehrten Aufmerksamkeiten gekommen waren, steigerten die tagtäglichen Gehässigkeiten noch weiter. Lediglich Swetlana hatte immer zu ihr gehalten. Aber Swetlana war nur in den Sommermonaten in Sapoljarnyj. Ihre Großeltern hatten in der Nähe eine Datscha und in den Sommerferien hatten die Eltern Swetas ihre Tochter regelmäßig dorthin geschickt. Für den Rest des Jahres lebte sie in Kolpino bei Leningrad. Ihr Vater war Offizier bei der sowjetischen Marine. Als beide Mädchen elf Jahre alt geworden waren, war ihm das Kommando über eines jener legendären Atom U-Boote übertragen worden, die als Stolz der Roten Flotte in Murmansk stationiert waren. In den Jahren bis zu Ruths Ausreise nach Deutschland hatte sich Swetlana dann häufiger im Dorf bei ihren Großeltern aufgehalten. „Meine Mutter erträgt das lange allein sein nicht,“ hatte ihr die Freundin einmal vorsichtig anvertraut. Ruths eigener Vater war als Elektriker bei der Stadt Sapoljarnyj beschäftigt.

Sein richtiger Name war Friedrich Waldner. Nach der Geburt seiner Tochter im Oktober 1970 hatte er den Namen seiner Frau angenommen, die als Krankenschwester ihren Dienst tat. Seither nannte er sich Fjodor Wolkow. Genutzt hatte diese Umbenennung der Familie nur wenig. Irina Alexandrowna Wolkowa musste bei jeder sich bietenden Gelegenheit darunter leiden, dass sie ausgerechnet einen Deutschen geheiratet hatte. Ruth erinnerte sich gut, wie sehr die Mutter unter diesen ständigen Anfeindungen gelitten hatte. Seit mit dem Abschluss der Ostverträge die Ausreisemöglichkeiten für die in der Sowjetunion verbliebenen Deutschen spürbar erleichtert worden waren, hatte sie ihren Mann immer wieder gedrängt, einen solchen Antrag zu stellen. Ruths Vater hatte sich anfänglich hiergegen gesträubt. Dass die Familie dann doch die Heimat verlassen hatte, hing mit dem Erlebnis am See zusammen.

Ruth stand damals kurz vor ihrem Fünfzehnten Geburtstag. Bis zum Schulbeginn am 1. September waren es nur noch wenige Tage. Gemeinsam mit Swetlana war sie an den See zum Baden gewandert. Dort hatten bereits einige ältere Mitschüler Schaschlikspieße vorbereitet. Einige Flaschen Wodka waren auch nicht schwer zu beschaffen gewesen. Schon kurz nachdem Ruthchen und Sweta am See angekommen waren, hatten sich drei der Burschen in die Büsche geschlagen. Kaum war Sweta einige Meter in den See hinaus geschwommen, da waren die Kerle aus dem Gebüsch hervorgekommen und über die „kleine Faschistin“ hergefallen. Swetlana hatte versucht ihr zu helfen, war aber von zwei der Jungen daran gehindert worden, aus dem Wasser zu kommen. Ruth hatte schreien können, wie sie wollte. Keiner der Anderen hatte es für nötig befunden, ihr zu Hilfe zu kommen. Nach diesem Vorfall hatte ihr Vater seine Meinung geändert und sofort einen Ausreiseantrag für die gesamte Familie gestellt. In den letzten schweren Monaten vor der Ausreise waren beide Eltern ohne Arbeit und damit auf die Almosen aus der Nachbarschaft angewiesen. Es war vor allem wieder Swetlana und deren Familie gewesen, denen es ihre eigene Familie zu verdanken hatte, dass sie nicht den Rest von Würde aufgeben mussten, wie das Menschen in solchen Situationen von ihrer Umgebung so oft abverlangt wird. Für Ruth hatten diese Erfahrungen nicht gerade dazu beigetragen, die Russen von nun an mit freundlicheren Augen zu betrachten.

Nach der Ankunft in Friedland war die Familie zunächst im Übergangsheim Stein in Geretsried bei München untergebracht worden. Ruth schaffte es an der dortigen Gesamtschule schnell den Anschluss zu finden. Als sie mit 19 Jahren ihr Abitur bestand, hatte sie noch nicht einmal ein Jahr verloren. Sie war ehrgeizig gewesen, hatte sich im Informatikstudium auf die Kryptographie gestürzt und ihr Examen mit Prädikat abgeschlossen. Als eine der wenigen Frauen, die sich damals mit der Materie Datensicherheit und Verschlüsselungstechniken auskannten, war es ihr nicht schwergefallen, mit Mitte Zwanzig eine Anstellung beim Bundesamt zu erhalten. Von diesem war sie zu Beginn des neuen Jahrtausends auf eigenen Wunsch zum Bundesnachrichtendienst in Pullach abgeordnet worden. Ihre Meldung auf die Stellenausschreibung hatte sie intern damit begründet, dass sie so wieder in der Nähe ihrer Familie leben konnte. Dass sie sich damit weniger einen eigenen Wunsch erfüllte, als der „Anregung“ ihres Moskauer Führungsoffiziers nachzukommen, behielt sie naturgemäß für sich. Als es darum ging, den Korruptionsvorwürfen in der deutschen Botschaft nachzugehen, war die Situation ähnlich gelagert gewesen. Ruth Waldner war seither das Gefühl nicht los geworden, dass das gesamte Szenario inszeniert wurde, nur um sie an dieser Stelle unterbringen zu können. Ihre Abordnung zur Kontrollgruppe für die Sicherung der Nuklearanlagen in Murmansk passte genau in dieses Bild, erfuhren doch die Russen auf diese Weise ganz unauffällig, was bei den Deutschen so geredet wurde. Doch das, was jetzt geschehen war, passte nicht mehr in das Schema. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass diejenigen, die bisher die Regie geführt hatten, im Begriff waren, die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren. Diese Aussicht beunruhigte Ruth Waldner und veranlasste sie dazu, etwas zu tun, was sie früher nicht einmal zu denken gewagt hätte. Sie schaltete das Handy an und wählte die Mobilfunknummer ihrer alten Freundin aus Kindheitstagen.

Ein kräftiger Schlenker des Wagens riss den Mann und die Frau kurz darauf unvermittelt aus ihren Erinnerungen. Tolja hatte ein Schlagloch umfahren. „Ich versteh’ das alles nicht,“ nahm Ruth Waldner, alias Tatjana Wolkowa den Gesprächsfaden wieder auf, nachdem sie das Telephonat beendet hatte. „Es wusste doch kein Mensch von diesem Treffen.“ „Ein Mensch wusste schon davon,“ bemerkte Tolja trocken, der es bisher schweigend hingenommen hatte, dass seine Begleiterin damit anfing, Grundregeln zu verletzen. „Du willst damit doch wohl nicht sagen, dass ...?“

Die junge Frau brachte es nicht fertig, den Satz zu Ende zu sprechen. Etwa fünfzehn Kilometer hinter Kilpjawr hatte der Niva gerade die Abzweigung nach Murmashi passiert. Dem am Straßenrand wartenden Kleinbus hatten die beiden Insassen des Geländewagens zunächst keine Beachtung geschenkt. Erst nachdem der Fahrer die Scheinwerfer kurz aufgeblendet hatte, waren sie aufmerksam geworden.

Der völlig zerstörte Allradwagen wurde erst am nächsten Morgen gefunden. Das Ergebnis der Untersuchung der Gründe für den Vorfall fiel zwiespältig aus. Der interne Untersuchungsbericht des Föderalen Sicherheitsdienstes kam zu dem Ergebnis, dass sich exakt in dem Moment, als sich der Niva auf der Brücke über die Tuloma befand, Lachgas in dem kleinen Fahrzeug explosionsartig ausgebreitet und die Insassen betäubt haben musste. Die Mörder hatten die tödliche Ladung mit großer Sorgfalt so in dem kleinen Viersitzer deponiert, dass dessen Fernzündung über eine Strecke von vierhundert Metern keinerlei Probleme bereitete. Ungebremst hatte das Auto hiernach die schwache Brüstung der Brücke durchbrochen, war in Brand geraten, in der Luft explodiert und in den Fluss gestürzt. Die Insassen hatten bei diesem Absturz keinerlei Überlebenschancen. Das hatten die Initiatoren offenkundig eingeplant.

Selbst das offizielle Unfallprotokoll laut Polizeibericht kam zu dem Ergebnis, dass die Insassen zum Zeitpunkt des Aufpralls bereits nicht mehr lebten.

In diesem Punkt gab es zwischen den Berichten keine Abweichungen. Der Vorfall ereignete sich kurz nach 18.00 Uhr Moskauer Zeit. Zu dieser Zeit befanden sich keine weiteren Fahrzeuge auf der wenig befahrenen Strecke.

Bei den deutschen und russischen Behörden in Moskau löste die Nachricht vom „Unfalltod der Botschaftsangehörigen“ recht unterschiedliche Reaktionen aus. Angeordnet worden war diese Sprachregelung auf Weisung aus Moskau vom Vertreter des örtlichen FSB in Murmansk. Nachdem die Untersuchung des Fahrzeugs durch das MWD schnell zu der offenkundigen Erkenntnis geführt hatte, dass es sich bei den Toten nicht um Anwohner aus der Region gehandelt hatte, war der Fall sofort vom FSB übernommen worden. Aufgrund der besonderen Sicherheitserfordernisse im Raum Murmansk war das so üblich. Eine wirklich plausible Erklärung dafür, warum der kleine Geländewagen außer Kontrolle geraten war, hatte sich offiziell nicht finden lassen. Die Tatsache, dass unter dem Beifahrersitz zwei leere Flaschen Wodka gefunden worden waren, hatte die Vermutung nahe gelegt, dass der Fahrer und womöglich auch seine Beifahrerin wohl betrunken gewesen waren. Der Sachverhalt erschien so offensichtlich, dass sogar die Anordnung einer Blutuntersuchung unterblieben war.

Selbst bei der Deutschen Botschaft löste die Mitteilung über das Ableben der kleinen russischen Mitarbeiterin keine besonderen Aktivitäten aus. Unfälle passieren nun einmal, auch in Russland, vor allem auch in Russland. Es würde nun eben notwendig sein, eine Nachfolgerin einzustellen und bis dahin die Dienstpläne entsprechend anzupassen. Der Bitte der russischen Behörden, um Entsendung eines Mitarbeiters nach Murmansk zur Identifizierung der Leiche hatte man pflichtschuldig entsprochen. Dem jungen, juristisch vorgebildeten Attaché, der mit der Erledigung beauftragt war, hatte man ein Bewerbungsphoto der Verstorbenen mit an die Hand gegeben. Im Leichenschauhaus von Murmansk wurde ihm die völlig verkohlte Leiche einer Frau untergeschoben, die kürzlich bei einem Autounfall in ihrem Fahrzeug verbrannt war. Die Leiche hatte extra aus dem knapp 200 Kilometer entfernten Olenegorsk herbeigeschafft werden müssen. In Murmansk war es nicht möglich gewesen, ein entsprechendes Objekt bereit zu stellen. Das hatte man dem jungen Juristen selbstverständlich nicht auf die Nase gebunden. Wie es möglich war, dass die im Fahrzeug sitzende Person bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war, deren Papiere hingegen das Feuer nahezu unbeschadet überstehen konnten, diese Frage stellte sich wiederum der Vertreter der Botschaft nicht selbst und damit auch niemand anderem.

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