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Das Jahr 2000

Edward Bellamy

Inhaltsverzeichnis

Vorrede

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Vorrede

Abteilung für Geschichte im Shawmut College, Boston, den 28. Dezember 2000.

Wir leben im letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und genießen die Segnungen einer ebenso einfachen wie logischen sozialen Ordnung, die lediglich als Triumph des gesunden Menschenverstandes erscheint. Jedoch denjenigen, welche nicht gründliche geschichtliche Studien gemacht haben, mag der Gedanke fern liegen, dass die gegenwärtige Organisation der Gesellschaft weniger als hundert Jahre alt ist. Keine geschichtliche Tatsache stand fester, als der bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts festgehaltene allgemeine Glaube, dass das alte Gewerbesystem mit all seinen schrecklichen sozialen Folgen, vielleicht mit etwas Flickwerk, bis zum Ende aller Tage dauern würde. Wie wunderbar und fast unglaublich scheint es doch, dass eine so großartige moralische und materielle Umgestaltung, wie sie seitdem stattgefunden hat, in einem so kurzen Zeitraum sich vollziehen konnte! Die Leichtigkeit, mit welcher sich die Menschen an eine Besserung ihrer Lage gewöhnen, die selbst die kühnsten Hoffnungen übertrifft, könnte nicht besser illustriert werden. Was könnte die Begeisterung der Reformatoren, welche auf lebhafte Dankbarkeit zukünftiger Jahrhunderte rechnen, gründlicher herabstimmen!

Dieses Schriftchen soll denen eine Hilfe sein, welche zwar einen bestimmten Begriff von den sozialen Gegensätzen des 19. und 20. Jahrhunderts sich aneignen möchten, aber durch den Umfang des historischen Materials über diesen Gegenstand abgeschreckt werden. Meine Erfahrung als Lehrer hat mir gezeigt, dass Lernen als unliebsame Anstrengung angesehen wird, deshalb habe ich mich bemüht, die in dem Buch enthaltenen Lehren in die Form einer romantischen Erzählung zu kleiden, welche, wie ich hoffe, ihrer selbst wegen, nicht ganz ohne Interesse sein wird.

Der Leser, welchem die modernen sozialen Einrichtungen und die Grundsätze, auf denen sie beruhen, geläufig sind, wird bisweilen Dr. Leetes Auseinandersetzungen etwas trocken finden, aber er muss bedenken, dass dieselben dem Gaste des Doktors nicht geläufig waren, und wir müssen ihn bitten, auch einmal zu vergessen, dass sie es ihm sind. Noch ein Wort. Das fast allgemeine Thema der Schriftsteller und Redner, welche diesen zweitausendjährigen Zeitraum gefeiert haben, war mehr die Zukunft als die Vergangenheit, nicht die Verbesserung, die gemacht worden ist, sondern der Fortschritt, der gemacht werden soll, bis das Menschengeschlecht seine Bestimmung wird erreicht haben. Dies ist ja ganz gut, aber es will mir scheinen, dass wir nirgends solidere Grundlagen für hohe Erwartungen menschlicher Entwicklung in den nächsten tausend Jahren finden können, als indem wir einen Rückblick tun auf den Fortschritt der letzten hundert Jahre.

Dass dieses Schriftchen das Glück haben möchte, Leser zu finden, deren Interesse für den Gegenstand sie die Mängel der Behandlung desselben übersehen lässt, ist die Hoffnung, mit welcher der Verfasser zurücktritt und es Herrn Julian West überlässt, selbst zu sprechen.

Erstes Kapitel

Ich erblickte das Licht der Welt in der Stadt Boston im Jahre 1857. »Was«, wird der Leser sagen, »achtzehnhundertsiebenundfünfzig? Das ist ein komisches Versehen; er meint natürlich 1957.« Bitte um Entschuldigung, es ist kein Versehen. Es war etwa um vier Uhr Nachmittag am 26. Dezember, einen Tag nach Weihnachten, im Jahre 1857, nicht 1957, dass mir zum ersten Male der Ostwind von Boston um die Nase wehte, welcher, ich versichere es dem Leser, in dieser grauen Vorzeit ebenso durchdringend war, als in dem gegenwärtigen Jahre des Heils, 2000.

Diese Angaben, namentlich wenn ich noch hinzufüge, dass ich ein junger Mann von anscheinend etwa dreißig Jahren bin, scheinen offenbar so abgeschmackt, dass es niemand verdacht werden kann, wenn er sich weigert, auch nur noch ein Wort von dem zu lesen, was eine Zumutung an seine Leichtgläubigkeit zu werden verspricht. Nichtsdestoweniger versichere ich dem Leser, dass keine Täuschung beabsichtigt ist, und will es auf mich nehmen, ihn vollständig davon zu überzeugen, wenn er mir ein paar Seiten weiter folgt. Wenn ich also, mit dem Versprechen die Annahme zu rechtfertigen, annehmen darf, dass ich besser wissen muss als der Leser, wann ich geboren bin, will ich in meiner Erzählung fortfahren. Wie jeder Schuljunge weiß, gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts keineswegs eine solche, oder nur eine ähnliche Zivilisation als die heutige, obwohl die Elemente, aus welcher sie hervor gehen sollte, schon in Gärung begriffen waren. Jedoch war noch nichts geschehen, die seit undenklichen Zeiten bestehende Einteilung der Gesellschaft in vier Klassen zu mildern: die Reichen und die Armen, die Gebildeten und die Ungebildeten. Ich war reich und gebildet und vereinigte daher in mir alle Bedingungen eines Glückes, dessen sich in jenem Zeitalter die Bevorzugtesten erfreuten. Dass ich in Luxus lebte und nur bemüht war die Vergnügungen und Verfeinerungen des Lebens zu genießen, verdankte ich der Arbeit anderer und leistete nicht den geringsten Gegendienst. Meine Eltern und Großeltern hatten ebenso gelebt, und ich hoffte, dass meine Nachkommen, wenn ich solche haben sollte, sich einer ebenso leichten Existenz erfreuen würden.

Aber wie konnte ich leben, ohne der Welt zu dienen? wird der Leser fragen. Wie konnte die Welt jemand Unterhalt gewähren, der nicht arbeitete und doch arbeiten konnte? Die Antwort auf diese Frage ist, dass mein Urgroßvater ein Vermögen gesammelt hatte, von dem seine Nachkommen lebten. Man wird vermuten, dass das Vermögen sehr groß gewesen sei, da es durch das Leben dreier Generationen in Untätigkeit nicht aufgezehrt wurde. Das war jedoch nicht der Fall. Das Vermögen war ursprünglich keineswegs groß. In der Tat war es jetzt, nachdem drei Generationen untätig davon gelebt hatten, viel größer als anfänglich. Dieses Geheimnis von Benutzung ohne Verbrauch, von Wärme ohne Verbrennung scheint wie ein Zauber, war aber einfach die geistvolle Anwendung der, glücklicherweise jetzt verloren gegangenen, von unseren Vorfahren aber zu großer Vollkommenheit gebrachten Kunst, die Last für jemandes Unterhalt auf die Schultern anderer zu werfen. Der Mann, der das fertig brachte, und alle trachteten danach es soweit zu bringen, lebte dann, wie man sagte, von dem Abwurf seines Vermögens. Es würde uns zu weit führen, hier zu erklären, wie die alten Methoden der Industrie dies ermöglichten. Ich will nur soviel sagen, dass die Interessen von Kapitalanlagen eine Art Steuer waren, welche ein Mann, der Geld erworben oder geerbt hatte, von dem Erwerb derer erhob, welche sich mit Industrie beschäftigten. Man darf nicht glauben, dass ein nach modernen Begriffen so unnatürliches und widersinniges Verhältnis von unseren Vorfahren niemals getadelt worden wäre. Gesetzgeber und Philanthropen bemühten sich von den frühesten Zeiten an, die Zinsen abzuschaffen, oder doch auf möglichst geringes Maß zu beschränken. All diese Bemühungen sind jedoch misslungen und mussten notwendigerweise misslingen, solange die alte soziale Organisation herrschte. Zu der Zeit, von welcher ich schreibe, also vom Ende des 19. Jahrhunderts, hatten im allgemeinen die Regierungen den Versuch, die Sache zu regulieren, vollständig aufgegeben.

Um dem Leser einen allgemeinen Begriff davon zu geben, wie die Menschen damals zusammen lebten, namentlich wie das Verhältnis der Reichen und Armen zueinander war, kann ich keinen besseren Vergleich der damaligen Gesellschaft finden, als mit einem riesigen Omnibus, an welchen die große Masse des Volkes gespannt war, um ihn mühsam auf einer bergigen und sandigen Straße hinzuziehen. Der Kutscher war der Hunger, der keinen Aufenthalt duldete, obgleich es natürlich in einem sehr langsamen Schritt ging. Trotz der Schwierigkeit, den Omnibus auf dem unebenen Wege im Gange zu halten, war das Dach desselben mit Passagieren besetzt, die auch bei dem steilsten Anstieg nicht abstiegen. Diese oberen Plätze waren schön luftig und bequem. Sie waren außerhalb des Bereichs des Staubes und man konnte von dort nach Belieben die Aussicht genießen, oder die Güte des sich anstrengenden Gespanns besprechen. Natürlich waren diese Plätze sehr gesucht und jedermann betrachtete es für das höchste Lebensziel, für sich einen Platz oben auf dem Wagen zu sichern und denselben nachher seinem Kinde abzutreten. Es bestand eine Fahrbestimmung, dass man seinen Platz an eine beliebige Person abtreten konnte, aber auf der anderen Seite ereigneten sich auch viele Unglücksfälle, durch welche man seinen Platz verlieren konnte. Denn die Sitze waren zwar sehr bequem, aber auch sehr unsicher und bei jedem plötzlichen Ruck des Wagens fielen Passagiere von ihren Sitzen auf den Boden, wo sie dann sofort das Seil anfassen und helfen mussten, den Omnibus, auf dem sie eben so schön gefahren waren, zu ziehen. Es wurde natürlich als ein großes Unglück angesehen, seinen Platz zu verlieren und die Besorgnis, dass einem selbst, oder einem seiner Freunde dies begegnen möchte, hing beständig wie eine Wolke über dem Glücksgefühle der Passagiere.

Aber haben sie nur an sich selbst gedacht? wird man fragen. Ist ihnen ihr Glück nicht verleidet worden durch den Vergleich desselben mit dem Lose ihrer vorgespannten Brüder und Schwestern und durch das Bewusstsein, dass deren Mühe durch ihre Last erschwert wird! Hatten sie kein Mitleid mit ihren Mitmenschen, von denen sie sich nur durch ihr Glück unterschieden? O ja, diejenigen, welche fuhren, sprachen oft ihr Mitleid für diejenigen aus, welche den Wagen ziehen mussten, namentlich wenn der Omnibus, wie so oft geschah, an eine schlechte Stelle auf dem Wege, oder an einen besonders hohen Berg kam. Dann boten die verzweifelte Anstrengung des Gespanns, sein schmerzvolles Bäumen und Springen unter den erbarmungslosen Peitschenhieben des Hungers, die vielen, welche am Seil zusammenbrachen und in den Kot getreten wurden, einen erbarmenswürdigen Anblick, der oft anerkennenswerte Gefühlsausbrüche auf dem Dache des Omnibus hervorrief. Dann riefen wohl die Passagiere den Arbeitern am Seil ermutigend von oben zu, ermahnten sie zur Geduld, und stellten ihnen Hoffnung auf einen möglichen Ausgleich mit ihrem harten Los in einer besseren Welt in Aussicht, kauften auch wohl Salben und Balsam für die Beschädigten und Verstümmelten. Man stimmte darin überein, es sei schade, dass der Wagen so schwer zu ziehen sei und fühlte sich allgemein erleichtert, sooft man besonders schlechte Stellen des Weges hinter sich hatte. Diese Erleichterung fühlte man natürlich nicht einzig für das Gespann, denn an solchen schlechten Stellen lag stets die Gefahr nahe, dass der ganze Omnibus umfallen und alle ihre Plätze verlieren möchten.

Zur Steuer der Wahrheit muss man bekennen, dass der Haupteindruck, den der Anblick des Elends der Arbeiter am Seile auf die Passagiere machte, der war, dass sie den Wert ihrer Plätze auf dem Wagen erst recht schätzen lernten, und sich um so verzweifelter festhielten.

Wenn die Passagiere sicher gewesen wären, dass weder sie noch ihre Freunde abgeworfen werden könnten, so würden sie sich wahrscheinlich verzweifelt wenig um diejenigen, welche den Wagen zogen, gekümmert haben, außer dass sie sich an den Sammlungen für Salben und Verbandzeug beteiligten.

Es ist mir wohl bewusst, dass dies den Männern und Frauen des 20. Jahrhunderts als unglaubliche Unmenschlichkeit erscheinen wird, aber zwei sehr merkwürdige Tatsachen erklären sie wenigstens teilweise. Erstens war man des festen, aufrichtigen Glaubens, dass es kein anderes Mittel gäbe, die Gesellschaft aufrechtzuerhalten, als dass die Menge am Seil zog und die Bevorzugten im Wagen fuhren, und nicht dies allein, sondern dass auch keine radikale Besserung weder am Gespann, noch am Wagen, an dem Wege oder der Verteilung der Arbeit möglich war. Es sei immer so gewesen und würde immer so sein. Es war ein Jammer, aber man konnte nicht helfen und es war ein Gebot der Philosophie, an einem Übel, das man nicht heilen konnte, kein Mitleid zu verschwenden.

Die zweite Tatsache ist noch merkwürdiger und besteht in einer eigentümlichen Sinnestäuschung, welche von allen auf dem Wagen gemeiniglich geteilt wurde, dass sie nämlich mit ihren Brüdern und Schwestern, die am Seil zogen, nicht ganz gleich, sondern von besserem Ton gemacht seien, in gewisser Beziehung zu einer höheren Klasse von Wesen gehörten, die mit Recht erwarten dürften, gezogen zu werden. Dies scheint unglaublich, aber da ich selbst einmal auf diesem Omnibus gefahren bin und dieselbe Sinnestäuschung geteilt habe, sollte ich Glauben finden. Das sonderbarste bei dieser Täuschung ist, dass diejenigen, welche eben erst vom Boden auf den Wagen geklettert sind, noch ehe die Schwielen des Seils an ihren Händen verwachsen, ihrem Einflusse verfallen. Bei denen, deren Eltern und Großeltern schon so glücklich gewesen waren, Plätze oben auf dem Wagen eingenommen zu haben, war die Überzeugung von einem wesentlichen Unterschied zwischen ihrer Art und der gewöhnlichen Ware eine vollkommene. Eine solche Täuschung musste notwendig ein brüderliches Gefühl für die Leiden der großen Menge in ein philosophisches Mitleid verwandeln. Das ist das Einzige, womit ich meine Gleichgültigkeit gegen das Elend meiner Brüder zu der Zeit, von welcher ich schreibe, beschönigen könnte. - Im Jahre 1887 wurde ich dreißig Jahre alt. Ich war zwar noch unverheiratet, aber mit Edith Bartlett verlobt. Sie fuhr wie ich oben auf dem Wagen. Das heißt - um nicht länger in einem Bilde zu sprechen, welches hoffentlich seinen Zweck erreicht, und dem Leser einen Begriff von unserem damaligen Leben gegeben hat -ihre Familie war reich. In jener Zeit, wo alle Annehmlichkeiten und aller Luxus nur für Geld zu haben waren, genügte es für ein Mädchen reich zu sein, um Anbeter zu haben, aber Edith Bartlett war auch schön und anmutig. Meine Leserinnen werden dem widersprechen. »Schön mag sie gewesen sein«, höre ich sie sagen, »aber niemals anmutig in der Tracht, welche damals Mode war, da die Kopfbedeckung ein schwindelnder Aufbau von einem Fuß Höhe war, und die fast unglaubliche Ausdehnung des Kleides nach hinten mittelst einer künstlichen Erfindung, die Gestalt mehr entmenschlichte, als je zuvor die Kunst der Schneider getan hatte. Wer kann in solcher Tracht anmutig gewesen sein?« Das ist alles richtig und ich kann nur entgegnen, dass, während die Damen des 20. Jahrhunderts durch angemessene Kleidung die weibliche Anmut in lieblicher Weise zur Geltung bringen, ihre Urgroßmütter durch keine Unschönheit in der Tracht völlig entstellt werden konnten.

Wir warteten mit unserer Hochzeit nur auf die Vollendung des Hauses, das ich für uns in einem der gesuchtesten Teile der Stadt bauen ließ, d.h. in einem Teile, der hauptsächlich von den Reichen bewohnt war. Denn man muss wissen, dass die Annehmlichkeit der Wohnungen in den verschiedenen Teilen von Boston damals nicht von der Schönheit der Natur, sondern von dem Charakter der Nachbarschaft abhängig war. Jede Klasse wohnte abgesondert für sich. Wenn ein Reicher unter Armen, ein Gebildeter unter Ungebildeten wohnte, war es, als ob er isoliert unter einem fremden neidischen Volke lebe. Als unser Haus begonnen wurde, erwarteten wir, dass es bis zum Winter 1886 fertig sein würde. Der Frühling des folgenden Jahres fand es jedoch noch unvollendet und meine Verheiratung noch ein Ding der Zukunft. Der Grund dieser für einen feurigen Liebhaber doppelt unangenehmen Verzögerung lag in verschiedenen Streiks, d.h. verabredeten Arbeitsverweigerungen von Seiten der Maurer, Steinhauer, Zimmerleute, Maler, Gasarbeiter und anderer Handwerker, die am Bau beschäftigt waren. Ich erinnere mich nicht, was die einzelnen Ursachen dieser Streiks waren. Sie waren damals so allgemein geworden, dass man gar nicht mehr nach den Ursachen fragte. In einem oder dem anderen Zweige der Industrie hörten sie seit der großen Geschäftskrisis von 1873 fast gar nicht auf. In der Tat war es eine Ausnahme, wenn man eine Klasse von Arbeitern ihre Beschäftigung länger als ein paar Monate stetig ausführen sah.

Der Leser, welcher die angegebenen Zeitpunkte im Auge hat, wird natürlich in diesen Störungen der Industrie den ersten lockeren Zusammenhang der großen Bewegung erkennen, welche in der Gründung des modernen Systems mit all seinen sozialen Folgen endete. Dies ist so klar, wenn man zurückblickt, dass es jedes Kind verstehen kann; aber wir, die wir damals lebten, waren keine Propheten und hatten keinen klaren Begriff von dem, was sich bei uns ereignete. Wir sahen nur, dass die Industrie des Landes in einem wunderlichen Zustande war. Das Verhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern, zwischen Arbeit und Kapital schien in einer unerklärlichen Weise verschoben. Die arbeitenden Klassen waren ganz plötzlich und allgemein von einer gründlichen Unzufriedenheit mit ihrer Lage, von dem Gedanken befallen, dass sie wesentlich gebessert werden könnte, wenn man nur wüßte, wie man's anfangen sollte.

Auf allen Bauplätzen erhoben sie einstimmig Forderungen um höheren Lohn, kürzere Arbeitszeit, bessere Wohnungen und Schulen und Anteil an den verfeinerten Lebensgenüssen, Forderungen, von denen man nicht sah, wie man sie bewilligen konnte, solange nicht die Welt viel reicher wurde, als sie damals war. Sie wußten wohl, was sie wollten, aber nicht, wie sie es erreichen sollten, und die ungestüme Begeisterung, mit der sie sich um jeden scharten, der ihnen möglicherweise Aufklärung darüber geben konnte, verlieh manchem, der gern ihr Führer hätte sein mögen und der doch wenig Aufklärung zu geben wußte, einen ephemeren Ruhm. Für wie eingebildet man auch die Hoffnungen der arbeitenden Klassen halten mochte, so ließen doch die Hingebung, mit welcher sie sich gegenseitig bei ihren Streiks, die einzige Waffe, die sie hatten, unterstützten, und die Opfer, die sie sich auferlegten, um sie durchzuführen, keinen Zweifel darüber, dass sie es bitter ernstlich meinten. Was aus diesen Arbeiterunruhen, wie diese Bewegung gewöhnlich genannt wurde, werden sollte, darüber schwankten die Ansichten der Leute meiner Klasse je nach ihrer individuellen Verfassung. Die Sanguiniker behaupteten sehr entschieden, es liege in der Natur der Dinge, dass die Verwirklichung der neuen Hoffnungen der Arbeiter unmöglich sei, weil ganz einfach die Welt nicht die Mittel dazu hätte. Nur weil die Menge tüchtig arbeite und schmale Kost genieße, sei das Menschengeschlecht noch nicht verhungert, und es sei keine Besserung von irgendwelchem Belang möglich, solange die Welt im Ganzen so arm bleibe. Wer weniger sanguinisch dachte, gab das alles zu. Die Hoffnungen der Arbeiter konnten aus natürlichen Gründen unmöglich erfüllt werden, aber man hatte Grund zu fürchten, sie würden das erst erkennen, wenn sie die Gesellschaft auf den Kopf gestellt hätten. Sie hatten Stimmen und Gewalt genug, dies zu tun, wenn sie wollten, und ihre Führer reizten sie dazu an. Einige furchtsame Beobachter prophezeiten sogar eine soziale Sintflut. Die Menschheit, sagten sie, habe die höchste Sprosse der Zivilisation erstiegen, sei im Begriff, kopfüber in das Chaos zu stürzen, dann würde sie wieder aufstehen, sich herumdrehen und von neuem zu steigen beginnen. Wiederholte derartige Erfahrungen in geschichtlicher und vorgeschichtlicher Zeit seien möglicherweise der Grund für die unerklärlichen Beulen an der menschlichen Hirnschale. Die Geschichte der Menschheit sei, wie alle großen Bewegungen, zyklisch und kehre immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Die Idee von einem unendlichen Fortschritt in gerader Linie sei ein Trugbild der Einbildung und habe in der Natur keine Analogie. Die Parabel einer Kometenbahn sei vielleicht eine bessere Illustration vom Lebenslauf der Menschheit. Sie sei aus dem Aphel des Barbarismus auf zu dem Perihel der Zivilisation gestiegen, nur um sich wieder hinab in die Regionen des Chaos zu stürzen. Dies war natürlich eine extreme Ansicht, aber ich erinnere mich, dass sonst ernste Männer meiner Bekanntschaft einen ähnlichen Ton anschlugen, wenn die Zeichen der Zeit besprochen wurden. Zweifellos glaubten kluge Männer, dass die Gesellschaft einer kritischen Periode entgegengehe, welche große Veränderungen im Gefolge haben könne. Die Arbeiterunruhen, ihre Ursachen, ihr Verlauf und ihre Abhilfe nahmen in der Presse und in ernster Unterhaltung den ersten Platz ein.

Die Aufregung erreichte ihren Höhepunkt, als eine kleine Bande von Männern, die sich Anarchisten nannten, das amerikanische Volk durch Drohungen und Gewalt zwingen wollten, ihre Grundsätze anzunehmen, als wenn eine große Nation, die eben erst eine Empörung ihrer einen Hälfte erdrückt hatte, um ihr politisches System aufrechtzuerhalten, aus Furcht so leicht ein neues soziales System annehmen würde!

Da ich reich und bei der bestehenden Ordnung der Dinge stark beteiligt war, teilte ich natürlich die Befürchtungen meiner Klasse. Die ganz besondere Beschwerde, die ich zu der Zeit, die ich beschreibe, gegen die arbeitenden Klassen hatte, indem sie durch ihre Streiks die Erfüllung meines ehelichen Glückes in die Länge zogen, gab meinen Gefühlen gegen sie eine besondere Schärfe.

Zweites Kapitel

Der 30. Mai 1887 fiel auf einen Montag. Es war ein nationaler Feiertag, welcher im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts unter dem Namen Dekorationstag eingesetzt war, um das Andenken der Krieger der Nordarmee, welche an dem Kriege zur Erhaltung der Union teilgenommen hatten, zu ehren. Die Überlebenden zogen an diesem Tage, von dem Militär und den Magistratspersonen begleitet, unter Musik auf die Kirchhöfe und legten Blumenkränze auf die Gräber ihrer toten Kameraden nieder. Die Zeremonie war sehr feierlich und ergreifend. Der älteste Bruder von Edith Bartlett war im Kriege gefallen und am Dekorationstag pflegte die Familie den Kirchhof Mount Auburn zu besuchen, wo er lag.

Ich bat um die Erlaubnis, sie begleiten zu dürfen, und als wir bei Einbruch der Nacht in die Stadt zurückkehrten, blieb ich zu Tisch bei ihnen. Nach Tisch nahm ich im Gesellschaftszimmer eine Zeitung in die Hand und las da von einem neuen Streik unter den Bauarbeitern, welcher voraussichtlich die Vollendung meines unglücklichen Hauses noch weiter verzögern würde. Ich erinnere mich noch deutlich, wie aufgebracht ich darüber war und was für Verwünschungen ich, soweit es die Gegenwart der Damen erlaubte, gegen die Arbeiter im Allgemeinen und diese Streiks im besonderen ausstieß. Ich hatte die volle Sympathie meiner Umgebung und die folgenden Bemerkungen über das leichtsinnige Benehmen der Agitatoren müssen diesen Herren in den Ohren geklungen haben. Man war darüber einig, dass die Dinge immer schlimmer würden und es sich gar nicht sagen ließe, wozu das noch führen würde. »Das Schlimmste ist«, sagte Frau Bartlett, wie ich mich noch erinnere, »dass es scheint, als ob die arbeitenden Klassen in der ganzen Welt auf einmal verrückt geworden seien. In Europa ist es noch schlimmer als bei uns. Ich möchte nicht dort leben. Ich fragte neulich meinen Mann, wohin wir auswandern würden, wenn alle die schrecklichen Drohungen jener Sozialisten ausgeführt werden sollten. Er sagte, er wüsste kein Land, wo die Gesellschaft jetzt stabil genannt werden könnte, außer Grönland, Patagonien und China.« »Diese Chinesen wussten, was sie wollten«, fügte jemand bei, »als sie unsere westliche Zivilisation nicht zu sich einließen. Sie wussten besser als wir, wozu sie führen würde. Sie sahen, es war nichts dahinter als verstecktes Dynamit.«

Ich erinnere mich, dass ich dann Edith auf die Seite genommen und versucht habe, sie zu bewegen, dass wir lieber sofort heiraten wollten, ohne auf die Vollendung des Hauses zu warten, und uns auf Reisen begeben, bis das Haus fertig wäre. Sie war an jenem Abend auffallend schön, die Trauerkleidung, die sie zu Ehren des Tages trug, hob die Reinheit ihrer Gesichtsfarbe aufs glänzendste. Ich sehe jetzt noch im Geiste, wie schön sie damals aussah. Als ich gehen wollte, folgte sie mir in den Vorsaal und ich küsste sie zum Abschied wie gewöhnlich. Dieser Abschied unterschied sich in nichts von anderen Gelegenheiten, wenn wir uns für eine Nacht oder einen Tag trennten. Weder ich noch sie ahnte, dass dies mehr als eine gewöhnliche Trennung war.

Für einen Bräutigam war es vielleicht etwas früh, dass ich meine Braut verließ, das darf aber keinen Zweifel an meiner Liebe zu ihr aufkommen lassen. Ich litt nämlich, obgleich sonst vollständig gesund, in hohem Grade an Schlaflosigkeit und war an jenem Tage vollständig abgespannt, da ich die zwei letzten Nächte fast gar nicht geschlafen hatte. Edith wusste das und hatte darauf bestanden, dass ich um neun nach Hause gehen und mich sofort zu Bett legen sollte.

Das Haus, das ich bewohnte, war durch drei Generationen in den Händen der Familie gewesen, deren einziger noch lebender Nachkomme in gerader Linie ich war. Es war ein großes altes Holzgebäude, das Innere von altmodischer Eleganz, aber in einer Lage, die wegen des Anbaues von Mietskasernen und Fabriken unbeliebt geworden war. Ich konnte nicht daran denken, in dieses Haus eine junge Frau einzuführen, noch dazu eine so verwöhnte wie Edith Bartlett. Ich hatte es zum Verkauf ausgeschrieben und benutzte es inzwischen nur zum Schlafen, da ich in meinem Club speiste. Ein Diener, ein treuer Neger namens Sawyer, wohnte bei mir und verrichtete meine Dienste. Eine Annehmlichkeit des Hauses fürchtete ich sehr zu entbehren, wenn ich es verlassen würde, nämlich das Schlafzimmer, das ich unter dem Fundament hatte bauen lassen. In der Stadt mit ihrem unaufhörlichen nächtlichen Lärm hätte ich gar nicht schlafen können, wenn ich ein oberes Zimmer hätte benutzen sollen. Aber zu diesem unterirdischen Gemache drang nicht das geringste Geräusch der Oberwelt. Wenn ich eingetreten war und die Tür geschlossen hatte, umgab mich Grabesstille. Um zu verhüten, dass die Feuchtigkeit des Untergrundes in das Zimmer drang, waren die Wände mit hydraulischem Zement bekleidet und sehr dick und der Boden war ebenso verwahrt. Damit das Zimmer auch als ein gegen Feuer und Diebe sicheres Gewölbe zur Aufbewahrung von Wertgegenständen dienen könnte, hatte ich es mit hermetisch gefügten Steinplatten decken lassen und die äußere Tür war von Eisen, dick mit Asbest überzogen. Eine kleine Röhre in Verbindung mit einem Flügelrad auf dem Dach des Hauses vermittelte die Ventilation.

Man sollte denken, dass der Bewohner eines solchen Zimmers hätte sicherlich schlafen müssen, aber ich schlief trotz alledem selten zwei Nächte nacheinander. Ich war aber so daran gewöhnt, dass mir der Verlust einer Nachtruhe nur wenig anhatte. Eine zweite Nacht jedoch, die ich in meinem Stuhle lesend, anstatt schlafend im Bette zubrachte, ermüdete mich aufs äußerste, und meine Nerven erlaubten mir nicht, den Schlaf noch länger zu entbehren, und nötigten mich, zu künstlichen Mitteln zu greifen, um mir denselben zu verschaffen. Sooft ich nach zwei schlaflosen Nächten fühlte, dass er auch in der dritten nicht kommen wollte, ließ ich Dr. Pillsbury rufen.

Er wurde nur aus Artigkeit Doktor genannt und war, was man damals einen Pfuscher und Quacksalber nannte. Er nannte sich Professor des animalischen Magnetismus. Ich hatte aus Liebhaberei Forschungen über den tierischen Magnetismus angestellt und ihn bei dieser Gelegenheit kennen gelernt. Ich glaube, er verstand nichts von Medizin, aber er war unzweifelhaft ein vorzüglicher Magnetiseur. Wenn ich sah, dass mir eine dritte schlaflose Nacht bevorstand, schickte ich nach ihm, damit er mich magnetisiere. Meine nervöse Erregung oder geistige Abgespanntheit mochten noch so stark sein, dem Dr. Pillsbury gelang es immer, mich in kurzer Zeit in tiefen Schlaf zu bringen, der so lange anhielt, bis ich durch eine Umkehrung des magnetischen Prozesses wieder erweckt wurde. Der Prozess zum Aufwecken des Schläfers war viel einfacher als der zum Einschläfern, und so ließ ich Sawyer von Dr. Pillsbury belehren, wie das zu tun sei.

Mein treuer Diener allein wusste, dass und zu welchem Ende mich Dr. Pillsbury besuchte. Wenn Edith meine Frau wurde, musste ich sie natürlich in meine Geheimnisse einweihen. Ich hatte ihr bisher nichts davon gesagt, weil unzweifelhaft der mesmerische Schlaf nicht ganz gefahrlos ist und ich wusste, dass sie sich dieser Gewohnheit widersetzen würde. Die Gefahr lag darin, dass ich zu fest einschlafen und in einen Zustand geraten möchte, der durch Mesmerismus nicht mehr gehoben werden und mit dem Tode endigen konnte. Wiederholte Versuche hatten mich völlig überzeugt, dass so gut wie keine Gefahr vorlag, wenn vernünftige Vorsichtsmaßregeln angewendet wurden, und ich hatte die leise Hoffnung, Edith hiervon überzeugen zu können. Nachdem ich sie verlassen, ging ich direkt nach Hause und schickte sofort Sawyer aus, um Dr. Pillsbury zu holen. Indessen begab ich mich in mein unterirdisches Schlafgemach, vertauschte meinen Straßenanzug mit einem bequemen Schlafrock und setzte mich an meinen Schreibtisch, um die mit der Abendpost eingegangenen Briefe zu lesen, die Sawyer dahin gelegt hatte.

Einer war von dem Baumeister meines neuen Hauses und bestätigte, was ich aus der Zeitungsnotiz vermutet hatte. Die neuen Streiks, sagte er, hätten die Erfüllung des Bauvertrags auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben, indem weder die Werkmeister noch die Arbeiter ohne einen langen Kampf die Streitpunkte zugestehen würden. Caligula hatte gewünscht, dass das römische Volk nur einen Kopf hätte, damit er ihn auf einmal abschlagen könnte, und als ich diesen Brief las, hegte ich einen Augenblick denselben frommen Wunsch bezüglich der arbeitenden Klassen von Amerika. Die Rückkehr Sawyers mit dem Doktor unterbrach mich in meinen düsteren Gedanken.

Ich erfuhr, dass es ihm nur mit Mühe gelungen war, den Doktor zum Kommen zu bewegen, da er im Begriffe stand, noch in dieser Nacht die Stadt zu verlassen. Der Doktor erklärte mir dies dahin, dass er, seitdem er mich zuletzt gesehen, von einer glänzenden beruflichen Stellung gehört, die sich in einer fernen Stadt für ihn eröffne, und er sich entschlossen habe, davon sofort Gebrauch zu machen. Ich war erschrocken und fragte ihn, wie ich nun jemand bekommen solle, der mich einschläfern könnte; da nannte er mir mehrere Mesmeristen in Boston, die, wie er versicherte, dieselbe Kraft wie er besäßen. Ich war hierdurch etwas beruhigt und befahl Sawyer, mich am nächsten Morgen um neun Uhr zu wecken, legte mich dann in meinem Schlafrock zu Bett, nahm eine bequeme Lage ein und überließ mich den Manipulationen des Doktors In Folge meiner ungewöhnlichen Aufregung vielleicht verlor ich das Bewusstsein nicht so schnell als gewöhnlich aber endlich kam eine angenehme Schläfrigkeit über mich.

Drittes Kapitel

»Er öffnet die Augen. Es wäre besser, wenn er zuerst nur einen von uns sähe.«

»Versprich mir aber, dass Du es ihm nicht sagen willst.«

Die ersten Worte sprach ein Mann, die zweiten eine Frau und beide flüsterten nur.

»Ich will sehen, wie es mit ihm steht«, erwiderte der Mann.

»Nein, nein, versprich mir's«, wiederholte die andere.

»Tu' ihr den Willen«, flüsterte eine dritte Stimme, auch wieder die einer Frau.

»Ja, ja, ich verspreche es«, antwortete der Mann. »Schnell, geht! Er kommt zu sich.«

Kleider rauschten und ich schlug die Augen auf. Ein etwa sechzigjähriger Mann von angenehmem Äußeren beugte sich über mich, mit dem Ausdruck von Wohlwollen und zugleich großer Spannung in seinen Zügen. Er war mir vollständig fremd. Ich stützte mich auf den Ellenbogen und sah mich um. Das Zimmer war leer. Soviel war gewiss, ich war noch niemals in demselben oder in einem ähnlich möblierten gewesen. Ich sah den Mann wieder an. Er lächelte.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte er.

»Wo bin ich?« fragte ich dagegen.

»Sie sind in meinem Hause«, war die Antwort.

»Wie bin ich hierher gekommen?«

»Darüber wollen wir reden, wenn Sie sich gekräftigt haben. Inzwischen, bitte ich, seien Sie ganz ruhig, Sie sind bei Freunden und in guten Händen. Wie fühlen Sie sich?«

»Ein bisschen sonderbar«, sagte ich, »aber ich denke, ich bin wohl. Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, wie es kommt, dass ich Ihre Gastfreundschaft genieße? Was ist mit mir geschehen? Wie kam ich hierher? Ich legte mich doch in meinem Hause schlafen.«

»Es wird sich später Zeit genug finden, das zu erklären«, antwortete mein unbekannter Wirt mit einem beruhigenden Lächeln. »Es ist besser, alles aufregende Gespräch zu unterlassen, bis Sie etwas mehr wieder Sie selbst sind. Wollen Sie die Güte haben, ein paar Schluck von diesem Trank zu nehmen? Es wird Ihnen gut tun. Ich bin Arzt.«

Ich stieß das Glas mit der Hand zurück und setzte mich auf meinem Lager auf; jedoch kostete mir das etwas Anstrengung, denn mein Kopf war sonderbar verwirrt.

»Ich bestehe darauf, erst zu erfahren, wo ich bin und was Sie mit mir gemacht haben«, sagte ich.

»Mein lieber Herr«, antwortete der Arzt, »ich muss Sie bitten, sich nicht aufzuregen. Es wäre mir lieber, Sie beständen nicht so bald auf Erklärungen; wenn Sie es nun doch nicht anders wollen, so will ich versuchen, Sie zu befriedigen, vorausgesetzt, dass Sie erst diesen Trank nehmen; er wird Sie stärken.«

So nahm ich denn den angebotenen Trank. Dann sagte er: »Es lässt sich nicht so leicht sagen, wie Sie hierher kommen, als Sie augenscheinlich denken. Sie können mir hierüber ebensoviel sagen, als ich Ihnen. Sie sind eben aus einem tiefen Schlaf oder vielmehr einer Betäubung erwacht. So viel kann ich Ihnen sagen. Sie behaupten, Sie seien in Ihrem Hause gewesen, als Sie in diesen Schlaf fielen. Darf ich fragen, wann das gewesen ist?«

»Wann?« erwiderte ich, »wann? Nun, gestern Abend natürlich, etwa um 10 Uhr. Ich hatte meinem Diener Sawyer Befehl gegeben, mich um 9 Uhr zu wecken. Was ist aus Sawyer geworden?«

»Ich kann Ihnen das nicht so genau sagen«, erwiderte jener und sah mich mit einem sonderbaren Ausdruck an, »aber ich bin überzeugt, seine Abwesenheit ist entschuldbar. Und können Sie mir nun etwas genauer sagen, wann Sie einschliefen, ich meine das Datum?«

»Nun, gestern Abend natürlich; habe ich es Ihnen nicht eben gesagt? Das heißt, wenn ich nicht einen ganzen Tag verschlafen habe. Großer Gott, das ist ja nicht möglich; und doch habe ich ein sonderbares Gefühl, als hätte ich eine gute Weile geschlafen. Es war Dekorationstag, als ich mich schlafen legte.«

»Dekorationstag?«

»Ja, Montag den 30.«

»Entschuldigen Sie, den 30. welchen Monats?«

»Nun, dieses Monats selbstverständlich, es sei denn, dass ich in den Monat Juni hineingeschlafen hätte; aber das ist eine Unmöglichkeit.«

»Jetzt haben wir September.«

»September! Sie wollen doch nicht behaupten, dass ich seit Mai geschlafen hätte! Gott im Himmel! Nein, das ist unglaublich.«

»Wir werden ja sehen«, sagte mein Wirt; »Sie sagen also, es sei am 30. Mai gewesen, als Sie sich schlafen gelegt hätten.«

»Ja.«

»Darf ich fragen in welchem Jahre?«

Unfähig zu sprechen, starrte ich ihn einige Augenblicke an.

»Ja, in welchem Jahre, wenn ich fragen darf? Wenn Sie mir das gesagt haben, werde ich imstande sein, Ihnen zu sagen, wie lange Sie geschlafen haben.«

»Es war im Jahre 1887«, sagte ich.

Mein Wirt bestand darauf, dass ich noch einmal von dem Glas trinken sollte, und fühlte mir den Puls.

»Mein lieber Freund«, sagte er, »Ihr Benehmen zeigt mir, dass Sie ein Mann von Bildung sind, was in Ihren Tagen keineswegs so selbstverständlich war, als es jetzt ist. Zweifellos haben Sie also die Beobachtung gemacht, dass man in dieser Welt ein Ding nicht wunderbarer nennen kann als ein anderes. Denn jede Wirkung steht im direkten Verhältnis zu ihrer Ursache. Dass Sie von dem, was ich Ihnen zu sagen habe, sehr überrascht sein werden, ist zu erwarten; aber ich habe das Zutrauen zu Ihnen, dass Sie dadurch Ihren Gleichmut nicht verlieren werden. Sie erscheinen wie ein junger, kaum dreißigjähriger Mann und Ihre Körperbeschaffenheit scheint nicht wesentlich von derjenigen eines Mannes verschieden zu sein, der eben aus einem etwas zu langen und tiefen Schlaf erwacht ist, und doch ist heute der 10. September des Jahres 2000, und Sie haben grade 113 Jahre, 3 Monate und 11 Tage geschlafen. Da ich mich etwas betäubt fühlte, trank ich auf Empfehlung meines Arztes eine Tasse einer Art Bouillon, worauf ich sofort sehr schlaftrunken wurde und in einen tiefen Schlaf fiel.

Als ich erwachte, strahlte das Zimmer, das bei meinem ersten Erwachen künstlich erleuchtet war, im hellen Tageslicht. Mein geheimnisvoller Wirt saß neben mir. Er sah mich nicht an, als ich die Augen aufschlug; so hatte ich eine gute Gelegenheit, ihn zu betrachten und über meine ungewöhnliche Lage nachzudenken, ehe er bemerkte, dass ich wach war. Mein Schwindel war vergangen und mein Geist vollkommen klar. Die Geschichte, dass ich 113 Jahre geschlafen haben sollte, die ich in meinem früheren schwachen und verwirrten Zustand ohne Frage hingenommen hatte, kam mir jetzt wieder als eine abgeschmackte Mystifikation vor, über deren Motiv ich mir keine Klarheit verschaffen konnte.

Etwas Außergewöhnliches musste sich jedenfalls ereignet haben, das mein Erwachen in diesem fremden Hause bei diesem Unbekannten erklärte, aber meiner Phantasie war es rein unmöglich, mehr zu tun, als ins Blaue hinein zu raten. War es möglich, dass ich das Opfer einer Verschwörung geworden wäre? Es sah wirklich danach aus, und doch war es sicher, dass, wenn menschliche Züge jemals die Wahrheit gesprochen haben, dieser Mann neben mir, mit seinem so feinen und geistvollen Gesicht, nicht Teilnehmer an einem Verbrechen oder Frevel sein konnte. Dann fragte ich mich, ob ich nicht die Zielscheibe eines Scherzes von Seiten meiner Freunde sein könnte, die auf irgendeine Weise hinter das Geheimnis meines unterirdischen Zimmers gekommen wären und mir auf diese Weise die Gefahr, die mit diesen mesmerischen Versuchen verbunden sei, beweisen wollten. Diese Annahme war sehr unglaublich; Sawyer würde mich nie verraten haben, auch hatte ich keine Freunde, die so etwas zu unternehmen gewagt hätten; nichtsdestoweniger war die Annahme, dass man sich einen Scherz mit mir gemacht, die einzig haltbare. Ich erwartete jeden Augenblick hinter einem Stuhl oder Vorhang hervor ein bekanntes Gesicht grinsen zu sehen und sah mich im Zimmer um. Als meine Augen zunächst auf meinen Wirt fielen, sah er mich an.

»Sie haben zwölf Stunden schön geschlafen«, sagte er erfreut, »und ich sehe, es hat Ihnen gut getan. Sie sehen viel besser aus; Ihre Farbe ist gut, Ihr Auge klar; wie fühlen Sie sich?«

»Ich habe mich nie besser gefühlt«, erwiderte ich und setzte mich auf.

»Sie erinnern sich zweifellos Ihres ersten Erwachens«, fuhr er fort, »und Ihres Erstaunens, als ich Ihnen sagte, wie lange Sie geschlafen hätten.«

»Sie sagten, glaube ich, ich hätte 113 Jahre geschlafen.«

»Ganz recht.«

»Sie werden zugestehen«, sagte ich mit einem spöttischen Lächeln, »dass diese Geschichte etwas unwahrscheinlich klingt.«

»Ungewöhnlich, das gebe ich zu«, antwortete er, »aber unter den richtigen Vorbedingungen nicht unwahrscheinlich, auch nicht im Widerspruch mit dem, was wir von dem Betäubungszustand wissen. Wenn er vollständig ist, wie in Ihrem Falle, wird die Lebenstätigkeit vollständig aufgehoben, und es tritt keine Zerstörung der Gewebe ein. Wenn die äußeren Bedingungen den Körper vor physischer Verletzung schützen, kann man gar nicht sagen, wie lange eine solche Betäubung dauern kann. Die Betäubung, in der Sie gelegen, ist allerdings die längste, von der wir je gehört haben; aber wir haben keinen Grund anzunehmen, dass Sie nicht noch undenkliche Zeiten in einem Zustand gehemmter Lebenstätigkeit hätten bleiben können, wären Sie nicht gefunden worden und wäre der Raum, in dem wir Sie fanden, unberührt geblieben; die allmähliche Abkühlung der Erde würde dann das Zellengewebe zerstört und den Geist befreit haben.«

War ich wirklich Gegenstand eines Scherzes geworden, so musste ich zugestehen, dass die Urheber desselben ein ausgezeichnetes Werkzeug zur Ausführung gewählt hatten. Dieser Mann hätte mit seiner eindringlichen und sogar beredten Sprache beweisen können, dass der Mond ein Käse sei. Das Lächeln, mit dem ich seine Betäubungshypothese aufnahm, brachte ihn nicht im mindesten in Verlegenheit.

»Wollen Sie nicht fortfahren«, sagte ich, »und mir die genaueren Umstände erzählen, unter welchen Sie das Zimmer, von dem Sie sprachen, gefunden haben. Ich bin ein Freund von gut erfundenen Geschichten.«

»In unserem Falle«, war seine ernste Antwort, »könnte keine Erfindung so seltsam sein als die Wahrheit. Ich dachte nämlich schon seit Jahren daran, in dem großen Garten neben diesem Hause ein Laboratorium für chemische Experimente zu bauen. Am letzten Donnerstag wurde die Ausgrabung für den Keller endlich begonnen; am Abend war sie fertig und am Freitag sollten die Maurer kommen. Am Donnerstagabend hatten wir einen schrecklichen Regenguss und am Freitagmorgen fand ich meinen Keller in einen Teich verwandelt und die Wände abgewaschen. Meine Tochter, die mit mir gegangen war, um das Unglück zu besehen, machte mich auf eine Ecke des Mauerwerks aufmerksam, das durch das Einfallen der Wände bloßgelegt war. Ich räumte die Erde fort und da ich fand, dass es ein Teil einer großen Masse zu sein schien, beschloss ich es genauer zu untersuchen. Ich ließ Arbeiter holen und ein längliches Gewölbe, etwa acht Fuß unter der Oberfläche, bloßlegen, das augenscheinlich zu einem alten Hause gehört hatte. Eine Lage Asche und verkohltes Holz über dem Gewölbe bewies, dass das darüberstehende Haus von Feuer zerstört worden war. Das Gewölbe selbst war unversehrt, der Zement war wie eben erst angelegt. Es hatte eine Tür; diese konnten wir aber nicht aufbrechen, so entfernten wir eine der Steinplatten, welche das Dach bildeten, und gingen hinein. Die Luft war flau, aber rein und trocken und nicht kalt. Bei dem Schein meiner Laterne fand ich, dass das Gemach als Schlafzimmer nach der Mode des 19. Jahrhunderts eingerichtet war. Auf dem Bette lag ein junger Mann. Dass er tot war und schon seit einem Jahrhundert tot sein musste, war uns außer allem Zweifel; aber dass der Körper so außerordentlich gut erhalten war, fiel mir und den ärztlichen Kollegen, die ich zugezogen hatte, auf. Wir wollten nicht glauben, dass eine solche Kunst des Einbalsamierens, wie wir sie hier vor uns sahen, jemals bekannt gewesen sei; doch hier schien ein deutlicher Beweis vorzuliegen, dass unsere Vorfahren sie besessen. Meine Kollegen, deren Neugier aufs höchste gespannt war, wollten sofort Experimente machen, um die Art des angewandten Verfahrens zu prüfen, aber ich hielt sie ab. Mein Beweggrund dazu, wenigstens der einzige Beweggrund, von dem ich jetzt zu sprechen brauche, war, dass ich mich erinnerte, einmal gelesen zu haben, wie sehr man zu Ihrer Zeit den tierischen Magnetismus gepflegt hatte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, dass Sie in einem magnetischen Schlaf liegen könnten und dass das Geheimnis Ihrer körperlichen Erhaltung nicht die Kunst des Balsamierers, sondern das Leben sei. So äußerst chimärisch schien selbst mir dieser Gedanke, dass ich fürchtete, mich durch Aussprechen desselben bei meinen Kollegen lächerlich zu machen, und gab einen anderen Grund für Verschiebung der Experimente an. Sobald mich nun meine Kollegen verlassen hatten, ging ich systematisch an das Werk der Wiederbelebung, dessen Erfolg Sie kennen.«

Wäre seine Erzählung noch unglaublicher gewesen, die genaue Angabe aller Umstände und nicht minder die eindringliche Weise und die Persönlichkeit des Erzählers hätten ja den Zuhörer überrascht, so wurde es mir fast unheimlich, als er geschlossen hatte, mein Blick auf mein Bild in dem gegenüber hängenden Spiegel fiel. Ich stand auf und trat davor. Das Gesicht, das ich sah, war aufs Haar dasselbe als dasjenige, das ich gesehen hatte, als ich meine Krawatte band, ehe ich an jenem Dekorationstag zu Edith ging, dem Tage, der, wie mir dieser Mann glauben machen wollte, vor 113 Jahren gefeiert worden sei. Dabei kam die Überzeugung von dem riesigen Betrug, der an mir verübt werden sollte, von neuem über mich. Entrüstung über die schändliche Freiheit, die man sich mit mir nahm, bemeisterte sich meiner.

»Sie sind vermutlich überrascht zu sehen«, sagte mein Wirt, »dass Ihr Aussehen, obwohl Sie ein Jahrhundert älter sind, als da Sie sich schlafen legten, unverändert ist. Das braucht Sie nicht zu verwundern. Infolge des gänzlichen Stillstandes der Lebenstätigkeit haben Sie diese lange Zeitperiode überlebt. Wenn Ihr Körper während Ihrer Betäubung sich hätte verändern können, so hätte er sich schon lange zersetzt.« - Ich wandte mich zu ihm und sagte: »Mein Herr, ich kann mir nicht im entferntesten denken, welches Motiv Sie haben können, mir ernsten Gesichtes diesen Schnickschnack zu erzählen; aber Sie sind sicher selbst zu einsichtsvoll um nicht zu wissen, dass nur ein Schwachkopf sich dadurch täuschen lassen könnte. Verschonen Sie mich daher mit solch weiterem Unsinn und sagen Sie mir ein für allemal, ob Sie mir gefälligst verständigen Bescheid darüber geben wollen, wo ich bin und wie ich hierher kam, widrigenfalls soll mich niemand daran verhindern, mir selbst Aufschluss zu verschaffen.«

»Sie glauben also nicht, dass wir gegenwärtig das Jahr 2000 schreiben?«

»Halten Sie diese Frage wirklich noch für nötig?« entgegnete ich.

»Nun gut«, antwortete mein sonderbarer Wirt, »da ich Sie nicht überzeugen kann, so sollen Sie sich selbst überzeugen. Sind Sie stark genug, mir nach oben zu folgen?«

»Ich bin so stark wie immer«, erwiderte ich ärgerlich, »was ich beweisen werde, wenn dieser Scherz noch weitergeführt werden sollte.«

»Ich muss Sie bitten«, war seine Antwort, »dass Sie sich nicht so fest davon überzeugt halten, Sie seien das Opfer eines losen Streiches, sonst dürfte der Rückschlag, den die Überzeugung von der Wahrheit meiner Angaben bei Ihnen hervorbringen würde, verhängnisvoll werden.«

Der sorgenvolle Ton in dem er sprach, gemischt mit Mitleid, sowie der Mangel jeden Zeichens von Verletztheit über meine herben Worte, fielen mir auf, und ich folgte ihm mit einem sonderbaren Gemisch von Empfindungen. Er führte mich zwei Treppen hinauf und dann noch eine kürzere, welche auf einem Balkon auf dem Dache auslief. »Nun, bitte, sehen Sie sich um«, sagte er, als wir auf dem Altan standen, »und sagen Sie mir, ob dies das Boston des neunzehnten Jahrhunderts ist.«

Zu meinen Füßen lag eine große Stadt. Meilenweit streckten sich breite Straßen, mit schattigen Bäumen und schönen Gebäuden besetzt, größtenteils nicht in zusammenhängenden Gevierten, sondern in größeren oder kleineren Umzäunungen, nach allen Richtungen. Jedes Viertel enthielt große freie Plätze mit Bäumen, unter denen Statuen glänzten und Brunnen in der späten Nachmittagssonne glitzerten. Öffentliche Gebäude von kolossalem Umfang und einer meinen Tagen fremden baulichen Großartigkeit, erhoben ihre stattlichen Säulen an allen Seiten. Wahrhaftig, ich hatte diese Stadt oder ihresgleichen nie gesehen. Ich erhob meine Augen endlich zum Horizont und blickte westwärts. War nicht jenes blaue Band, das sich dem Sonnenuntergang zuwandte, der sich schlängelnde Charlesfluss? Ich blickte nach Osten; der Hafen von Boston lag innerhalb seiner Landspitzen vor mir, keines seiner grünen Inselchen fehlte.

Nun wusste ich, dass mir über das Wunder, das sich mit mir zugetragen hatte, die Wahrheit gesagt worden war.

Viertes Kapitel

Ich fiel zwar nicht in Ohnmacht, aber durch die Anstrengung, mir ein klares Bild von meiner Lage zu machen, wurde ich ganz schwindlig und ich weiß noch, dass mein Wirt mir seinen starken Arm geben musste, als er mich von dem Dache in ein geräumiges Zimmer im zweiten Stockwerk führte, wo er darauf bestand, dass ich ein paar Gläser guten Weines trank und etwas aß.

»Ich denke, jetzt wird alles vorüber sein«, sagte er heiter. »Ich würde nicht so ein starkes Mittel gewählt haben, Sie von Ihrer Lage zu überzeugen, hätte mich nicht Ihre Auffassung von der Sache, so entschuldbar sie unter den Umständen ist, dazu genötigt. Ich gestehe«, fügte er lachend bei, »einmal fürchtete ich, ich würde einen Faustschlag von Ihnen bekommen, wenn ich nicht rasch handelte. Ich wusste, dass die Bostoner zu Ihrer Zeit berühmte Faustkämpfer waren und hielt es für das Beste, keine Zeit zu verlieren. Ich hoffe, Sie werden mich jetzt von der Anklage, dass ich Sie gefoppt hätte, freisprechen.«

»Wenn Sie mir gesagt hätten«, erwiderte ich ganz überwältigt von dem was ich gesehen, »dass tausend und nicht nur hundert Jahre vergangen wären, seit ich diese Stadt zuletzt gesehen, würde ich es jetzt glauben.«

»Nur ein Jahrhundert ist vergangen«, antwortete er, »aber manches Jahrtausend hat nicht solche wunderbaren Veränderungen in der Welt hervorgebracht.«

»Und nun«, fügte er bei und streckte seine Hand mit unwiderstehlicher Herzlichkeit aus, »lassen Sie mich Sie in dem Boston des 20. Jahrhunderts und in diesem Hause herzlich willkommen heißen. Ich heiße Leete, Dr. Leete nennt man mich.«

Ich schüttelte ihm die Hand und sagte: »Ich heiße Julian West.«

»Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr West«, antwortete er. »Sie wissen, dass dieses Haus auf der Stelle Ihres eigenen erbaut ist, so hoffe ich, Sie werden sich leicht heimisch darin fühlen.«

Nach einigen Erfrischungen schlug mir Dr. Leete vor, ein Bad zu nehmen und Kleider zu wechseln, wovon ich mit Freuden Gebrauch machte.

Es schien nicht, als hätte eine große Umwälzung in der männlichen Kleidung stattgefunden, denn, einige Kleinigkeiten ausgenommen, waren mir meine neuen Kleider nicht auffällig.

Ich war nun physisch wieder ich selbst. Aber wie es in meinem Inneren aussah, wird der Leser gern wissen wollen. Was waren meine Empfindungen, als ich mich auf einmal gleichsam in eine neue Welt hineingeschneit fand? Wie würde der Leser sich fühlen, wenn er in einem Augenblick von der Erde ins Paradies, oder meinetwegen in die Hölle versetzt wäre? Würden seine Gedanken sofort zur Erde, die er eben verlassen hat, zurückkehren, oder würde er, nach dem ersten Schreck, sein früheres Leben unter den neuen Eindrücken vergessen, und sich erst später desselben wieder erinnern? Alles, was ich aus eigener Erfahrung bei meiner gegenwärtigen Veränderung sagen kann, ist, dass die letzte Hypothese wohl die richtige sein wird. Die Eindrücke des Erstaunens und der Neugierde, welche meine neue Umgebung hervorbrachte, beschäftigten mich, nach dem ersten Schreck, in einer Weise, dass alle anderen Gedanken ausgeschlossen waren. Zur Zeit war die Erinnerung an mein früheres Leben ausgelöscht.

Sobald ich mich durch die Güte meines Wirtes physisch erholt fühlte, war ich begierig, wieder auf das Dach zurückzukehren; und alsbald saßen wir dort in bequemen Stühlen, die Stadt unter und um uns herum. Nachdem mir Dr. Leete zahlreiche Fragen über die alten hervorragenden Gebäude, die ich vermisste, und die an deren Stelle getretenen beantwortet hatte, fragte er mich, was mir beim Vergleich der neuen mit der alten Stadt am meisten auffalle.

»Um zuerst von unbedeutenden Dingen zu sprechen«, antwortete ich, »so fällt mir vor allem auf, dass es keine Schornsteine und keinen Rauch gibt.«

»Ach!« rief mein Begleiter mit dem Ausdruck großen Interesses, »die Schornsteine hatte ich ganz vergessen, sie sind schon so lange abgeschafft. Es sind fast hundert Jahre, seitdem die rohe Methode der Feuerung, an die Sie gewöhnt waren, außer Gebrauch kam.«

»Was im allgemeinen den größten Eindruck auf mich macht«, sagte ich, »ist der materielle Wohlstand der Bevölkerung, auf den ich aus der Pracht der Stadt schließe.«

»Ich würde viel darum geben«, erwiderte Dr. Leete, »wenn ich einen Blick auf das Boston Ihrer Zeit tun könnte. Ohne Zweifel waren die Städte von damals, wie Sie andeuten, recht armselig. Wenn Sie sie hätten glänzend machen wollen, und ich bin nicht so unhöflich dies zu bezweifeln, so würden bei der herrschenden Armut, welche das Resultat Ihres merkwürdigen industriellen Systems war, die Mittel dazu gefehlt haben. Außerdem vertrug sich der weitgehende Individualismus, welcher damals herrschte, nicht mit dem Gemeinsinn. Das bisschen Reichtum, das Sie besaßen, scheint fast lediglich für Privatluxus verschwendet worden zu sein. Heutzutage dagegen ist keine Verwendung des Überschusses an Reichtum so allgemein beliebt als die für Verschönerung der Stadt, die alle gleichmäßig genießen.«

Die Sonne war untergegangen, als wir zu dem Dache zurückgekehrt waren, und während unseres Gespräches hatte sich die Nacht auf die Stadt gesenkt.

»Es wird dunkel«, sagte Dr. Leete. »Lassen Sie uns hinab ins Haus gehen; ich muss Ihnen meine Frau und Tochter vorstellen.«

Diese Worte erinnerten mich an die weiblichen Flüsterstimmen, die ich gehört hatte, als ich wieder zu Bewusstsein kam; und höchst begierig zu erfahren, wie die Damen des Jahres 2000 aussahen, ging ich lebhaft auf den Vorschlag ein. Das Gemach, in dem wir Frau und Tochter meines Wirtes fanden, wie das ganze Innere des Hauses war von einem milden Lichte erfüllt, das ein künstliches sein musste, und doch sah ich die Quelle nicht, von der es ausging. Frau Leete war eine ausnehmend schöne Frau und noch gut konserviert, etwa im Alter ihres Gatten; ihre Tochter, in der ersten Blüte der Jungfräulichkeit, war das reizendste Mädchen, das ich je gesehen hatte. Ihr Gesicht war so bezaubernd, wie tiefblaue Augen, zarte Farben und vollendete Züge es nur machen konnten, hätte aber ihr Antlitz selbst besonderer Reize entbehrt, die untadelhafte Fülle ihrer Figur würde ihr die Stelle einer Schönheit unter den Frauen des 19. Jahrhunderts gesichert haben. Weibliche Zartheit und Weichheit waren in diesem lieblichen Geschöpf reizend mit dem Ausdruck von Gesundheit und übersprudelnder Lebhaftigkeit gepaart, was nur zu oft an den Mädchen, mit denen ich sie allein vergleichen konnte, zu vermissen war. Im Vergleich mit dem Sonderbaren meiner Lage schien es nur ein unbedeutender, aber doch auffallender Zufall, dass Ihr Name auch Edith sein musste.

Die gesellige Unterhaltung, welche nun folgte, war gewiss einzig in ihrer Art, aber annehmen zu wollen, dass sie gezwungen und schleppend gewesen wäre, würde ein großer Irrtum sein. Ich glaube in der Tat, dass man sich in außergewöhnlichen Verhältnissen am natürlichsten und ungezwungensten gibt, weil solche Verhältnisse künstliche Gemachtheit aus dem Kreise verbannen. Jedenfalls weiß ich, dass an diesem Abende mein Verkehr mit diesen Repräsentanten eines anderen Jahrhunderts und einer anderen Welt von einer Offenheit und Freimütigkeit war, wie sie nur selten bei langer Bekanntschaft gefunden werden.

Gewiss hatte der feine Takt meiner Umgebung viel damit zu tun. Natürlich sprachen wir nur von dem sonderbaren Umstände, der mich hierher gebracht hatte, aber sie gaben ihrem Interesse daran so unbefangen und offen Ausdruck, dass der Gegenstand völlig den Charakter des Unnatürlichen und Märchenhaften verlor, das so leicht hätte die Oberhand gewinnen können. Man hätte denken können, sie wären gewohnt, sich alle Tage mit solchen Verirrten aus einem anderen Jahrhundert zu unterhalten, so ausgezeichnet war ihr Takt.

Was mich selbst betrifft, so erinnere ich mich nicht, jemals lebhafter und scharfsinniger gewesen zu sein, als an diesem Abende. Ich will natürlich nicht sagen, dass das Bewusstsein meiner staunenerregenden Lage mich auch nur einen Augenblick verlassen hätte, aber die Hauptwirkung desselben war eine fieberhafte Aufregung, eine Art geistigen Rausches.

Edith beteiligte sich nur wenig an der Unterhaltung, aber wenn hie und da der Magnetismus ihrer Schönheit meine Blicke auf ihr Gesicht zog, fand ich ihre Augen mit tiefer Intensität, fast wie Begeisterung auf mich gerichtet. Es war klar, dass ich ihr Interesse in ungewöhnlichem Grade erregt hatte, was bei einem Mädchen mit Phantasie nicht zu verwundern war. Obgleich ich vermutete, Neugier sei der Hauptgrund ihres Interesses, so musste es doch Eindruck auf mich machen, selbst wenn sie weniger schön gewesen wäre.

Dr. Leete und seine Damen schienen sich sehr für meinen Bericht über die Umstände zu interessieren, unter denen ich in dem unterirdischen Raume eingeschlafen war. Alle sprachen Vermutungen darüber aus, wie es gekommen sein könnte, dass ich dort vergessen wurde, und die Theorie, zu der wir schließlich uns einigten, bot wenigstens eine plausible Erklärung, obgleich wir natürlich niemals wissen werden, ob es die richtige ist. Die Lage von Asche, welche oberhalb der Kammer gefunden worden war, ließ vermuten, dass das Haus niedergebrannt war. Wir wollen annehmen, dass das Feuer in der Nacht, in welcher ich einschlief, ausgebrochen sei. Es bleibt nur noch die Vermutung, dass Sawyer irgendwie bei dem Brande umgekommen wäre, und alles Übrige folgt ganz natürlich. Niemand als er und Dr. Pillsbury wussten von der Existenz der Kammer und meiner Anwesenheit darin, und Dr. Pillsbury, der in jener Nacht nach New Orleans gegangen war, hatte wahrscheinlich nie etwas von dem Brande gehört. Meine Freunde und das Publikum müssen geglaubt haben, ich sei in den Flammen umgekommen. Nur eine gründliche Ausgrabung der Ruinen hätte zur Entdeckung meiner Kammer führen können. Natürlich wenn die Brandstelle sofort wieder bebaut worden wäre, würde eine Ausgrabung notwendig gewesen sein, aber die unruhigen Zeiten und die ungünstige Örtlichkeit werden einen Neubau verhindert haben. Die Größe der Bäume in dem Garten, der jetzt an der Stelle war, ließ nach Dr. Leetes Angabe vermuten, dass sie über ein halbes Jahrhundert offenes Land gewesen sei.

Fünftes Kapitel

Als im Verlaufe des Abends die Damen sich zurückgezogen und mich mit Dr. Leete allein gelassen hatten, horchte er mich über mein Bedürfnis nach Schlaf aus und sagte, wenn ich schläfrig wäre, mein Bett sei bereit; aber wenn ich noch munter bleiben wollte, so würde er mir mit Vergnügen Gesellschaft leisten. »Ich gehe spät zu Bett«, sagte er, »und ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, kann ich mir keinen interessanteren Gesellschafter als Sie denken. Man hat nicht oft Gelegenheit, sich mit einem Manne aus dem 19. Jahrhundert zu unterhalten.«

Ich hatte nun den ganzen Abend mit Schrecken an die Stunde gedacht, wo ich allein sein würde. Von diesen so sehr freundlichen Fremden umgeben, angeregt und unterstützt von ihrem sympathischen Interesse, war es mir möglich gewesen, im Gleichgewicht zu bleiben. Aber sogar in den Pausen, welche die Unterhaltung mit sich brachte, befiel mich wie ein Blitz das schreckliche Gefühl des Fremdseins, das mir ins Gesicht starren würde, wenn ich keine Zerstreuung mehr hatte. Ich wusste, ich würde diese Nacht nicht schlafen können und es wird mir niemand Feigheit vorwerfen, wenn ich gestehe, dass ich mich fürchtete, mit meinen Gedanken wachzuliegen. Als ich dies meinem Wirte als Antwort auf seine Frage offen sagte, meinte er, es würde auffallend sein, wenn es anders wäre, aber ich brauchte keine Sorge zu haben wegen des Schlafes, wenn ich zu Bette zu gehen wünschte, würde er mir ein Pülverchen geben, das mir unfehlbar einen gesunden Schlaf verschaffen würde. Morgen früh würde ich dann wie ein alter Bürger von Boston aufwachen.

»Ehe ich das kann«, entgegnete ich, »muss ich erst etwas mehr über das Boston wissen, in das ich zurückgekehrt bin. Sie sagten mir vorhin, es hätten sich, obwohl seit meinem Einschlafen ein Jahrhundert vergangen sei, in demselben doch mehr Veränderungen in den Zuständen der Menschheit ereignet, als sonst in einem Jahrtausend. Mit der Stadt zu meinen Füßen konnte ich das wohl glauben, aber ich möchte gern etwas Näheres über die Art dieser Veränderungen erfahren. Um irgendwo anzufangen, denn der Gegenstand ist ein umfassender, so möchte ich fragen, haben Sie eine Lösung für die Arbeiterfrage gefunden und welche? Sie war das Rätsel der Sphinx im 19. Jahrhundert, und als ich abtrat, drohte die Sphinx die Gesellschaft zu verschlingen, da keine Antwort gegeben wurde. Es lohnt sich recht wohl hundert Jahre zu schlafen, um die richtige Antwort zu erfahren, wenn Sie dieselbe gefunden haben.«

»Da wir heutzutage so etwas wie die Arbeiterfrage nicht kennen«, antwortete Dr. Leete, »und ich nicht weiß, auf welche Weise sie auftauchen könnte, so vermute ich, dürften wir uns rühmen, sie gelöst zu haben. In der Tat hätte die Gesellschaft verdient, verschlungen zu werden, wenn es ihr nicht gelungen wäre, ein so einfaches Rätsel zu lösen. Die Gesellschaft brauchte ja das Rätsel gar nicht zu lösen; es löste sich sozusagen selbst. Die Lösung kam als das Resultat eines Prozesses von gewerblicher Evolution, der gar nicht anders enden konnte. Alles, was die Gesellschaft zu tun hatte, war, diese Entwicklung anzuerkennen und mit ihr zu kooperieren, als ihre Tendenz unverkennbar geworden war.«

»Zu der Zeit, als ich einschlief«, sagte ich, »hatte man meines Wissens noch nichts von einer solchen Evolution wahrgenommen.«

»Ich denke Sie sagten, Sie seien 1887 eingeschlafen.«

»Ja, am 30. Mai 1887.«

Der Doktor sah mich ein paar Augenblicke gedankenvoll an, dann sagte er: »Und Sie sagen mir, selbst damals habe man noch nicht die Natur der Krisis erkannt, welcher die Gesellschaft zusteuerte? Ich bezweifle natürlich Ihre Angabe nicht; die sonderbare Blindheit Ihrer Zeitgenossen für die Zeichen der Zeit ist eine Erscheinung, von welcher viele unserer Geschichtsschreiber sprechen, aber für uns ist nichts so schwer zu verstehen als dies, da, wenn wir zurückblicken, die Anzeigen einer bevorstehenden Umgestaltung so klar und unverkennbar waren, dass sie Ihren Blicken nicht entgehen konnten. Es würde mich interessieren, Herr West, wenn Sie mir einen etwas bestimmteren Begriff von der Anschauung geben wollten, welche Sie und Männer Ihres Bildungsgrades von dem Zustande und den Aussichten der Gesellschaft im Jahre 1887 hatten. Sie müssen doch wenigstens gesehen haben, dass die weit verbreiteten gewerblichen und sozialen Störungen, sowie die dahintersteckende Unzufriedenheit aller Klassen mit den Ungleichheiten der Gesellschaft, Vorboten großer Veränderungen irgendwelcher Art waren.«

»Das haben wir allerdings klar genug gesehen«, erwiderte ich. »Wir fühlten, dass die Gesellschaft keinen Ankergrund mehr hatte und in Gefahr war, ein Spiel der Wellen zu werden. Wohin sie treiben würde, konnte niemand sagen, aber alle fürchteten die Klippen.«

»Und dennoch«, sagte Dr. Leete, »die Richtung der Strömung war völlig sichtbar, wenn Sie sich nur Mühe gegeben hätten, sie zu beobachten, und sie führte nicht nach den Klippen, sondern in tieferes Fahrwasser.«

»Ich kann nur sagen«, erwiderte ich, »dass, als ich in den langen Schlaf fiel, die Aussichten derart waren, dass ich mich nicht gewundert haben würde, wenn ich heute von Ihrem Dache aus auf einen Haufen verkohlter und mit Moos bedeckter Ruinen, anstatt auf diese herrliche Stadt geblickt hätte.«

Dr. Leete hatte mir aufmerksam zugehört und nickte gedankenvoll, als ich schwieg. »Was Sie gesagt haben«, bemerkte er, »wird als eine wertvolle Rechtfertigung »Steriots« angesehen werden können, dessen Bericht von Ihrer Zeit allgemein für übertrieben gilt, wenn er die geistige Düsterkeit und Zerfahrenheit der Menschen schildert. Dass eine solche Übergangsperiode voll Aufregung und Erschütterung war, konnte man erwarten, aber wenn man sieht, nach einem wie klaren Ziele die wirkenden Kräfte strebten, so sollte man glauben, dass eher Hoffnung als Furcht die Geister beherrscht hätte.«

»Sie haben mir noch nicht die Auflösung des Rätsels gegeben, die Sie fanden«, sagte ich. »Ich möchte gerne wissen, wie ein Friede und Wohlstand, dessen Sie sich jetzt zu erfreuen scheinen, das Resultat einer Zeit wie der meinigen sein kann.«

»Entschuldigen Sie«, antwortete mein Wirt, »rauchen Sie vielleicht?« Erst nachdem wir Zigarren angezündet hatten, fuhr er fort. »Da Sie, wie ich, lieber plaudern als schlafen wollen, so will ich versuchen, Ihnen einen Begriff von unserem modernen Industriesystem zu geben, um den Eindruck bei Ihnen zu zerstören, als ob in dem Entwicklungsprozess irgendein Geheimnis wäre. Die Leute von Boston standen zu Ihrer Zeit in dem Rufe, dass sie gerne Fragen stellten, und zum Beweis, dass wir es noch immer so machen, will ich damit beginnen, Ihnen eine solche vorzulegen. Was würden Sie als hervorragende Eigentümlichkeit der Arbeiterunruhen Ihrer Zeit bezeichnen?«

»Nun, die Streiks natürlich«, sagte ich.

»Ganz recht; aber was ließ die Streiks so fürchterlich erscheinen?«

»Die großen Arbeiterorganisationen.«

»Und was war der Beweggrund für diese großen Organisationen?«

»Die Arbeiter behaupteten, sie müssten sich vereinigen, um ihre Rechte den großen Korporationen gegenüber sich zu erhalten«, sagte ich.

»Das ist es eben«, sagte Dr. Leete, »die Arbeitervereine und die Streiks waren lediglich die Folge der Konzentration des Kapitals in nie zuvor gekannten Massen. Ehe diese Konzentration begann, wurden Handel und Industrie von unzähligen kleinen Geschäften mit kleinem Kapitel betrieben, anstatt von wenigen großen Geschäften mit großem Kapital, und so war der einzelne Arbeiter verhältnismäßig eine wichtige Persönlichkeit und unabhängig von seinem Arbeitgeber. Wenn nun ein kleines Kapital oder eine neue Idee einem Manne genügte, ein selbständiges Geschäft anzufangen, wurden immer mehr Arbeiter Arbeitgeber und es bestand keine feste Grenze zwischen den beiden Klassen. Arbeitervereine waren da unnötig und allgemeine Streiks waren außer Frage. Als aber die Ära der großen Vereinigungen von Kapital auf diejenige der kleinen Geschäfte folgte, änderte sich alles. Der einzelne Arbeiter, welcher für den kleinen Geschäftsmann von Wichtigkeit war, sank in Unbedeutendheit und Ohnmacht gegenüber der großen Vereinigung, während sich ihm gleichzeitig der Weg zum Arbeitgeber verschloss. Selbsthilfe nötigte ihn, sich mit seinen Genossen zu verbinden.

Die Berichte dieser Periode zeigen, dass die Entrüstung gegen die Verbindung des Kapitals furchtbar war. Man glaubte, dass sie die Gesellschaft mit einer Tyrannei bedrohe, schlimmer als sie je eine erduldet; dass die großen Korporationen ein Sklavenjoch für sie schmiede. Blicken wir zurück, so kann uns die Verzweiflung der Arbeiter nicht wundern, denn die Menschheit hat nie einem traurigeren und schrecklicheren Los entgegengesehen, als ein Bund von Tyrannen, die sie fürchtete, gewesen sein würde.

Inzwischen ging die Aufsaugung des Geschäfts durch immer wachsende Monopole ihren Weg, ohne sich durch das Geschrei dagegen im mindesten aufhalten zu lassen. In den Vereinigten Staaten, wo sich diese Aufsaugung später vollzog als in Europa, gab es, nach Anfang des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts, nicht die mindeste Möglichkeit zu einzelnen Unternehmungen auf irgend einem Gebiete der Industrie, das einige Bedeutung hatte, wenn sie nicht von einem großen Kapital unterstützt waren. In den letzten zehn Jahren des Jahrhunderts waren die wenigen übrig gebliebenen kleinen Geschäfte nichts als verschwindende Überbleibsel einer vergangenen Zeit, oder Schmarotzer bei großen Verbindungen, oder sie vegetierten auf Gebieten, die zu geringfügig waren, um große Kapitalisten anzulocken. Was überhaupt noch an kleinen Geschäften bestand, fristete sein Leben wie Ratten und Mäuse in Löchern und Winkeln und rechnete darauf, unbemerkt zu bleiben, um sich des Lebens freuen zu können. Die Eisenbahnen hatten sich konsolidiert, bis einige große Syndikate jede einzelne Schiene im Lande kontrollierten. In Fabriken beherrschte ein Syndikat jede Ware von Bedeutung. Diese Syndikate, Pools, Trusts, oder wie sie hießen, bestimmten Preise und erdrückten alle Konkurrenz, außer wenn Kombinationen von gleicher Stärke erstanden. Dann entstand ein Kampf, der wieder in einer größeren Vereinigung endete. Der große Bazar in der Stadt hungerte durch Zweiggeschäfte seinen Konkurrenten auf dem Lande aus und absorbierte in der Stadt selbst seine kleineren Rivalen, bis das Geschäft eines ganzen Viertels unter einem Dach konzentriert war, wo hundert frühere Ladeninhaber als Ladendiener fungierten. Da der kleine Kapitalist kein eigenes Geschäft hatte, in dem er sein Geld anlegen konnte, trat er in den Dienst der Kombination, legte seine Kapitalien in ihren Papieren an und wurde so doppelt abhängig von ihr.

Die Tatsache, dass der verzweifelte Widerstand des Volkes gegen diese Vereinigung des Geschäfts in wenigen Händen ohnmächtig war, derselben Einhalt zu tun, ist ein Beweis dafür, dass starke wirtschaftliche Gründe dafür gesprochen haben müssen. Die kleinen Kapitalisten mit ihren zahllosen kleinen Geschäften waren den großen Verbindungen von Kapital gewichen, weil sie einer Zeit mit kleinlichen Verhältnissen angehörten und völlig unfähig waren, den Ansprüchen einer Dampf- und Telegraphenära mit riesigen Unternehmungen zu genügen. Zu der alten Ordnung der Dinge zurückzukehren, hätte soviel geheißen, als zu den Tagen zurückkehren, wo wir mit der Post reisten. So drückend und grausam die Herrschaft der großen Kapitalverbindungen war, so mussten selbst ihre Opfer, wenn auch unter Verwünschungen, den wunderbaren Aufschwung, den die nationale Industrie durch sie genommen, die ungeheuren Ersparnisse in Betrieb und Organisation anerkennen und eingestehen, dass seit Einführung des neuen Systems der Reichtum der Welt in einer Weise zugenommen hatte, wie man sich vorher nicht hatte träumen lassen. Zwar ist dadurch nur der Reiche reicher und die Kluft zwischen ihm und dem Armen weiter geworden, aber die Tatsache blieb stehen, dass das Kapital in seiner Vereinigung sich als wirksames Mittel erwiesen hatte, Reichtum zu schaffen. Die Rückkehr zum alten System mit seinen Unterabteilungen des Kapitals würde zwar eine größere Gleichheit in den Verhältnissen mit mehr individueller Geltung und Freiheit zurückgebracht haben, aber um den Preis allgemeiner Verarmung und Rückganges des allgemeinen Fortschrittes.

Gab es denn nun kein Mittel, sich der Dienste der allmächtigen, Reichtum erzeugenden Kapitalvereinigung zu versichern, ohne sich vor einer Plutokratie, wie die Karthagos war, zu beugen? Sobald die Menschen anfingen, sich solche Fragen vorzulegen, fanden sie auch leicht die Antwort darauf. Das Streben nach einer Geschäftsführung mit immer wachsenden Kapitalverbindungen, nach Monopolen, das so heftig, aber erfolglos bekämpft worden war, wurde endlich in seiner wahren Bedeutung, als ein Prozess anerkannt, der nur seine logische Entwicklung zu vollenden brauchte, um der Menschheit eine goldene Zukunft zu eröffnen.

Im Anfang dieses Jahrhunderts wurde diese Vollendung vollzogen, indem sich das ganze Kapital der Nation konsolidierte. Die Industrie und der Handel des ganzen Landes hörten auf, von einer Anzahl Korporationen und Syndikaten von Privatpersonen ohne Verantwortlichkeit, nach eigenem Belieben zu eigenem Vorteil geführt zu werden, und wurden der Leitung eines einzigen Syndikats, das die Nation vertrat, anvertraut, um im allgemeinen Interesse und zum allgemeinen Vorteil betrieben zu werden. Die Nation, nämlich die eine große Geschäftskorporation, in welcher alle anderen Korporationen aufgegangen waren, wurde der einzige Kapitalist, der einzige Arbeitgeber, das einzige Monopol, welches alle früheren und kleineren Monopole verschlungen hat, ein Monopol, in dessen Gewinne sich alle Bürger teilen. Mit einem Worte, das Volk der Vereinigten Staaten beschloss, die Führung seines Geschäftes selbst in die Hand zu nehmen, grade wie es vor hundert und mehr Jahren die Leitung seiner Regierung selbst in die Hand genommen hatte, und organisierte die industriellen Verhältnisse nach denselben Grundsätzen als die politischen. Endlich hatte man begriffen - leider etwas spät - dass kein Geschäft so wesentlich Gemeingeschäft ist, als die Industrie und der Handel, von denen der Unterhalt des Volkes abhängt, und dass es eine ebensogroße, wenn nicht größere Torheit ist, sie Privatpersonen zu überlassen, um ihren Privatvorteil daraus zu ziehen, als Königen und Fürsten die Funktionen der Staatsgewalt zu überlassen, zum Zwecke ihrer persönlichen Verherrlichung.«

»Jedenfalls hat aber auch eine solche fabelhafte Veränderung furchtbares Blutvergießen und Revolution verursacht«, sagte ich.

»Im Gegenteil«, erwiderte Dr. Leete, »es fand nicht der geringste Gewaltakt statt. Man hatte den Wechsel lange vorhergesehen. Die öffentliche Meinung war reif dafür und die ganze Masse des Volkes unterstützte ihn. Weder Gewalt noch Gründe konnten ihm widerstehen. Auf der anderen Seite fühlte man keine Bitterkeit mehr gegen die großen Korporationen, da man gelernt hatte, dieselben als notwendige Verbindungsglieder und Übergänge in der Entwicklung des wahren industriellen Systems anzusehen. Die bittersten Feinde der großen privaten Syndikate mussten jetzt anerkennen, wie unschätzbar und unentbehrlich ihre Dienste gewesen waren, um das Volk dafür zu erziehen, sein Geschäft selbst in die Hand zu nehmen. Fünfzig Jahre früher würde die Konsolidation der Industrie unter nationale Kontrolle selbst dem Sanguiniker ein sehr gewagtes Experiment geschienen haben. Aber die großen Korporationen hatten dem Volke durch Anschauung ganz neue Begriffe darüber beigebracht. Es hatte viele Jahre lang gesehen, wie Syndikate über Einkünfte verfügten, größer als die von Staaten, wie sie Hunderttausende von Arbeitern mit einer Geschicklichkeit und Wirtschaftlichkeit regierten, die in kleinen Verhältnissen nicht zu erreichen gewesen wären. Man hatte es als ein Axiom anerkannt, dass je größer das Geschäft, desto einfacher die zur Anwendung kommenden Grundsätze seien; dass das System, welches in einem großen Geschäftsbetrieb dasselbe ist, was in einem kleinen des Meisters Auge, zu besseren Resultaten führt. So kam es, dass als der Vorschlag gemacht wurde, die Nation solle die Funktionen der Korporationen selbst übernehmen, selbst der Furchtsame sich der Sache gewachsen fühlte. Gewiss war es ein großer Schritt, aber die Tatsache, dass die Nation die einzige Korporation wurde, befreite das Unternehmen von vielen Schwierigkeiten, gegen welche die einzelnen Syndikate hatten kämpfen müssen.«

Sechstes Kapitel

Dr. Leete unterbrach seine Rede, und ich schwieg und versuchte mir ein allgemeines Bild von den Veränderungen in der Gesellschaft zu machen, welche die großartige Revolution, von welcher wir gesprochen, hervorgerufen hatte.

Endlich sagte ich: »Der Gedanke an eine solche Erweiterung der Regierungstätigkeit ist, um das Geringste zu sagen, wahrhaft überwältigend.«

»Erweiterung!« sagte er, »wo ist die Erweiterung?«

»Zu meiner Zeit«, erwiderte ich, »waren die Regierungsfunktionen, streng genommen, darauf beschränkt, für Erhaltung des Friedens zu sorgen und das Volk gegen seine Feinde zu verteidigen, d.h. auf Militär- und Polizeigewalt. «

»Um des Himmels willen, wer sind diese Feinde?« rief Dr. Leete. »Sind es Frankreich, England, Deutschland, oder Hunger, Kälte und Armut? In Ihrer Zeit waren die Regierungen gewöhnt, bei dem geringsten internationalen Missverständnis sich an den Leibern der Bürger zu vergreifen und sie zu Hunderttausenden dem Tod und der Verstümmelung preiszugeben und ihren Wohlstand wie Wasser zu verschwenden; und alles dies meistens ohne den Schein von Vorteil für die Opfer. Wir haben jetzt keine Kriege und unsere Regierung keine Kriegsmacht, sondern um jeden ihrer Bürger gegen Hunger, Kälte und Armut zu schützen und um für alle seine physischen und geistigen Bedürfnisse zu sorgen, nimmt sie es auf sich, seine Industrie zu leiten. Nein, Herr West, wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie zu der Überzeugung kommen, dass in Ihrer Zeit, nicht in der unsrigen die Erweiterung der Regierungsfunktionen ganz ungewöhnlich war. Nicht für die besten Zwecke würden wir jetzt unseren Regierungen solche Gewalten einräumen, wie damals für die schlimmsten eingeräumt wurden.«

»Ohne Vergleiche anstellen zu wollen«, sagte ich, »in meiner Zeit würden die Demagogie und die Korruption unserer Politiker unüberwindliche Hindernisse für die Regierung gewesen sein, die Leitung der nationalen Industrie zu übernehmen. Wir würden gedacht haben, nichts sei schlimmer, als den Politikern die Reichtum schaffende Maschinerie des Landes anzuvertrauen. Seine materiellen Interessen waren viel zu sehr der Spielball der Parteien.«

»Sie hatten gewiss recht«, entgegnete Dr. Leete, »aber das ist jetzt alles anders geworden. Wir haben weder Parteien noch Politiker, und was Demagogie und Korruption betrifft, so haben diese Worte nur noch eine historische Bedeutung.«

»Die menschliche Natur muss sich sehr verändert haben«, sagte ich.

»Ganz und gar nicht«, war Dr. Leetes Antwort, »aber die Lebensbedingungen haben sich verändert und mit ihnen die Beweggründe des menschlichen Handelns. Die Gesellschaft gibt der Niedertracht keine Prämien mehr. Aber das werden Sie erst verstehen, wenn Sie uns besser werden kennen gelernt haben.«

»Aber Sie haben mir noch nicht gesagt, wie Sie das Arbeiterproblem gelöst haben. Wir haben von dem Kapitalprobleme gesprochen«, sagte ich. »Nachdem die Nation übernommen hatte, die Fabriken, Maschinen, Eisenbahnen, Landgüter, Bergwerke und überhaupt das Kapital des Landes zu leiten, so blieb doch immer noch die Arbeiterfrage übrig. Mit der Übernahme der Verantwortung für das Kapital hat die Nation die schwierige Stellung eines Kapitalisten auf sich genommen.«

»In dem Augenblick, da die Nation die Verantwortung für das Kapital übernahm, verschwanden diese Schwierigkeiten«, erwiderte Dr. Leete. »Die nationale Organisation der Arbeit unter einheitlicher Leitung umfasste die vollständige Lösung dessen, was in Ihren Tagen unter Ihrem System mit Recht als das unlösbare Arbeiterproblem angesehen wurde. Als die Nation einziger Arbeitgeber wurde, wurden die Bürger, als solche, die Arbeiter und wurden je nach den Bedürfnissen der Industrie verwendet.«

»Das heißt«, fiel ich ein, »Sie haben lediglich das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht unserer Zeit auf die Arbeiterfrage angewandt.«

»Ja«, sagte Dr. Leete, »das war die natürliche Folge davon, dass die Nation alleiniger Kapitalist geworden war. Das Volk war schon daran gewöhnt, dass jeder gesunde Bürger die Pflicht hatte, seine Dienste der Verteidigung der Nation zu widmen. Ebenso klar war es, dass jeder Bürger seinen Teil an industriellen wie an geistigen Dienstleistungen zur Unterhaltung der Nation beitragen sollte; jedoch erst als die Nation der Arbeitgeber geworden war, konnte die Gesamtheit der Bürger diese Dienste mit Rücksicht auf Billigkeit leisten. Solange der Arbeit gebende Faktor in hundert oder tausend Individuen und Korporationen geteilt war, unter denen irgendein Einverständnis weder gewünscht, noch auch möglich war, solange konnte nicht von Organisation der Arbeit die Rede sein. Damals ereignete es sich beständig, dass große Mengen von Arbeitern, die arbeiten wollten, keine Arbeit finden konnten, und auf der anderen Seite konnten diejenigen, die wollten, einen Teil oder alle Verbindlichkeit zur Arbeit umgehen.«

»Arbeit«, erwiderte ich, »ist jetzt wohl obligatorisch?«

»Sagen Sie lieber, sie ist selbstverständlich«, entgegnete Dr. Leete. »Sie wird für so natürlich und vernunftgemäß angesehen, dass wir gar nicht mehr daran denken, sie obligatorisch zu nennen. Wer zur Arbeit gezwungen werden müsste, würde für unglaublich verächtlich gelten. Dennoch würde die absolute Unvermeidlichkeit nur ungenügend ausgedrückt sein, wenn man sie obligatorisch nennen wollte. Unsere ganze soziale Ordnung beruht so vollständig auf derselben, dass, wenn es überhaupt denkbar wäre, dass sich eine Person ihr entzöge, der letzteren gar keine Mittel für ihren Unterhalt bleiben würden. Sie würde sich selbst von der Welt ausgeschlossen, sich von der Gesellschaft abgeschnitten, kurz, sie würde Selbstmord begangen haben.«

»Ist die Dienstzeit in dieser Industriearmee fürs ganze Leben?«

»Keineswegs; sie beginnt später und endet früher als die durchschnittliche Arbeitsperiode in Ihren Tagen. Ihre Werkstätten waren voll von Kindern und alten Leuten, aber wir betrachten die Jugendzeit der Erziehung geweiht und widmen die Zeit, wenn die physischen Kräfte zu ermüden anfangen, der Gemächlichkeit und angenehmen Ruhe. Die Zeit für den Industriedienst ist vierundzwanzig Jahre, die mit Vollendung der Erziehung im einundzwanzigsten Jahre beginnt und mit dem fünfundvierzigsten Jahre endet. Nach diesem Jahre bleibt der Bürger zwar befreit von regelmäßiger Arbeit, kann aber vorkommenden Falls bei einem plötzlichen Anwachsen der Nachfrage nach Arbeit einberufen werden, bis er das Alter von fünfundfünfzig Jahren erreicht hat; aber solche Einberufungen kommen selten, ja fast gar nicht vor. Der 15. Oktober jeden Jahres ist unser Aushebungstag. Diejenigen, welche da das 21. Jahr erreicht haben, werden zum Industriedienst eingezogen, und diejenigen, welche nach 24jährigem Dienste das Alter von 45 Jahren erreicht haben, scheiden ehrenvoll aus dem Dienst. Dies ist das große Ereignis in unserem Jahre, der Tag, nach dem wir alle anderen Ereignisse berechnen, unsere Olympiade, nur dass sie sich jährlich wiederholt.«

Siebentes Kapitel

»Nachdem Sie Ihre industrielle Armee ausgehoben haben«, sagte ich, »beginnt, nach meiner Meinung, die Hauptschwierigkeit, denn hier hört die Analogie mit der militärischen Armee auf. Die Soldaten haben alle dasselbe, und zwar etwas sehr Einfaches zu tun, nämlich die Handgriffe mit ihrer Waffe zu üben, zu marschieren, Wache zu stehen. Aber Ihre Armee muss ein paar hundert verschiedene Handwerke und Berufe lernen und ausüben. Welches Verwaltungs-Talent ist der Aufgabe gewachsen, für jedes einzelne Individuum in einer großen Nation das passende Handwerk und Geschäft auszuwählen?«

»Die Verwaltung hat hiermit nichts zu tun.«

»Wer sonst trifft aber die Wahl?« fragte ich.

»Jedermann für sich selbst je nach seiner natürlichen Anlage, und man gibt sich die größte Mühe, diese Anlage zu entdecken. Das Prinzip für unsere industrielle Armee ist, dass die geistigen und körperlichen Anlagen eines Menschen darüber entscheiden, was er mit größtem Vorteil für die Nation und mit der meisten Befriedigung seiner selbst arbeiten kann. Da die Verpflichtung zum Dienst in irgend einer Form nicht zu umgehen ist, so verlässt man sich wegen der Entscheidung über die besondere Art des Dienstes für jeden einzelnen Mann auf dessen freiwillige Wahl, welche allerdings einer notwendigen Regulierung unterworfen ist. Die Befriedigung des Arbeiters während seiner Dienstzeit hängt davon ab, dass seine Beschäftigung nach seinem Geschmack ist; deshalb beobachten Eltern und Lehrer von früher Kindheit an die Anzeigen besonderer Fähigkeiten ihrer Kinder. Anleitung zu industriellen Handgriffen findet keinen Raum in unserem Erziehungssystem, dieses ist auf allgemeine und humanistische Bildung gerichtet, aber ein theoretischer Unterricht über die verschiedenen Industrien wird erteilt und unsere Jugend wird beständig angehalten, die Werkstätten zu besuchen, und wird oft auf lange Ausflüge mitgenommen, um mit besonderen Industrien vertraut zu werden. Gewöhnlich hat ein junger Mann lange ehe er eingezogen wird, und wenn er Geschmack an einem besonderen Berufe gefunden hat, sehr viel Information über denselben sich angeeignet. Hat er dagegen keine besondere Vorliebe und trifft, bei sich bietender Gelegenheit, keine Wahl, so wird er einem Beruf zugewiesen, der keine besondere Geschicklichkeit erfordert und vielleicht Mangel an Arbeitskraft hat.«

»Es ist doch aber gewiss nicht möglich«, sagte ich, »dass die Zahl derer, die sich freiwillig für ein Gewerbe melden, sich grade mit der Zahl von Arbeitern deckt, die man bedarf. Sie wird gewöhnlich über oder unter dem Bedürfnis sein.«

»Die Zahl der Freiwilligen muss stets dem Bedürfnis entsprechen«, erwiderte Dr. Leete. »Hierfür hat die Verwaltung zu sorgen. Das Verhältnis derer, die sich zu einem Gewerbe melden, wird genau überwacht. Wenn ein auffallender Überschuss von Anmeldungen für ein gewisses Geschäft wahrzunehmen ist, so beweist dies, dass dasselbe besonders beliebt ist. Das Gegenteil ist Beweis für die Beschwerlichkeit desselben. Die Aufgabe der Verwaltung ist es nun, die Vorzüge des einen Gewerbes, was die Arbeit betrifft, mit denen eines anderen auszugleichen, damit alle Gewerbe für die betreffenden Personen gleiche Anziehung haben. Dies geschieht dadurch, dass die Arbeitszeit je nach der Beschwerlichkeit der Arbeit abgekürzt wird. So haben die leichteren Gewerbe die längste, die schwierigeren, wie z.B. die Bergwerkarbeiten, die kürzeste Arbeitszeit. Es gibt keine Theorie, keine Regel a priori, nach welcher die Anziehungskraft der einzelnen Geschäfte bemessen wird. Indem die Verwaltung eine Klasse von Arbeitern von Lasten befreit und sie anderen Klassen auferlegt, folgt sie lediglich der Ansicht der Arbeiter selbst, welche sich in der Anmeldung ausspricht. Als Grundsatz gilt, dass die Arbeit des einen nicht schwerer sein soll, als die des anderen und dass die Arbeiter selbst darüber entscheiden sollen. Für Anwendung dieser Regel gibt es keine Grenze. Wenn eine Beschäftigung so beschwerlich und anstrengend sein sollte, dass, um Freiwillige zu bekommen, die Tagesarbeit auf zehn Minuten herabgesetzt werden müsste, so würde es geschehen. Wenn selbst dann niemand die Arbeit tun wollte, so bliebe sie eben ungetan. Aber in Wirklichkeit natürlich reicht eine mäßige Herabsetzung der Arbeitszeit oder Gewährung anderer Vorteile hin, für jede notwendige Arbeit die nötigen Kräfte zu sichern. Wenn aber die unvermeidlichen Schwierigkeiten einer notwendigen Arbeit so groß wären, dass keine dafür gebotene Vorteile die Arbeiter zur Übernahme bewegen könnten, so brauchte die Verwaltung sie nur als »Extra« auszuschreiben und denjenigen, welche sie ausführen würden, den besonderen Dank der Nation in Aussicht zu stellen, um einen Zulauf von Freiwilligen zu erzielen. Unsere jungen Leute sind sehr ehrgeizig und lassen eine solche Gelegenheit nicht ungenutzt vorübergehen. Es versteht sich natürlich von selbst, dass die freiwillige Wahl eines Berufes von dessen Gesundheit für Leib und Leben abhängig ist. Gesundheit und Sicherheit sind allgemeine Bedingungen für alle Gewerbe. Die Nation verstümmelt und schlachtet ihre Arbeiter nicht zu Tausenden hin, wie die Privatkorporationen und Kapitalisten es zu Ihrer Zeit getan haben.«

»Wenn nun mehr sich zu einem Gewerbe melden, als gebraucht werden, wie wird dann die Entscheidung unter den Applikanten getroffen?« fragte ich.

»Diejenigen, welche sich schon als noch ungeschulte Arbeiter und in ihrer Lehrzeit das beste Lob erworben haben, erhalten den Vorzug. Niemand jedoch, der jahrelang in seinem Wunsch beharrt, zu zeigen, was er in einem Berufe leisten kann, wird zurückgewiesen. In Betreff der Möglichkeit eines plötzlich eintretenden Mangels an Arbeitern in einem Gewerbe, oder der Notwendigkeit, die Arbeitskraft zu vermehren, muss ich beifügen, dass die Verwaltung sich zwar auf das System, die Gewerbe durch Freiwillige zu versehen, verlässt, aber immer sich das Recht vorbehält, besondere Freiwillige auszusuchen, oder aus irgendeinem Berufe die erforderliche Zahl auszuheben. Gewöhnlich aber können alle diese Bedürfnisse aus der Klasse der noch unausgebildeten, gewöhnlichen Arbeiter befriedigt werden.«

»Wie wird diese Klasse der gewöhnlichen Arbeiter rekrutiert?« fragte ich. »Gewiss tritt hier niemand freiwillig ein.«

»Zu dieser Klasse gehören alle neuen Rekruten während der ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit. Erst nach dieser Periode, während welcher ein junger Mann von seinen Vorgesetzten zu jeder Arbeit bestellt werden kann, darf er einen speziellen Beruf wählen. Von diesen drei Jahren strenger Disziplin kann niemand befreit werden.«

»Für ein industrielles System scheint mir dies eine vortreffliche Einrichtung«, sagte ich, »aber wie steht es mit den Männern, die der Nation mit dem Kopfe, nicht mit der Hand dienen? Sie können doch natürlich nicht ohne Kopfarbeiter sein. Wie werden sie aus denen ausgesucht, die als Feldarbeiter und Handwerker dienen? Das verlangt eine sehr vorsichtige Wahl.«

»Allerdings«, entgegnete Dr. Leete, »hierbei ist die größte Vorsicht geboten; deshalb überlassen wir auch jedem Manne selbst, sich darüber zu entscheiden, ob er ein Kopf- oder ein Handarbeiter werden will. Am Ende der dreijährigen Periode, die jeder als gewöhnlicher Arbeiter dienen muss, kann er nach seinem Belieben sich entscheiden, ob er sich der Kunst oder einem sonstigen geistigen Beruf widmen, ob er Feldarbeiter oder Handwerker werden will. Fühlt er, dass er bessere Arbeit mit seinen geistigen als mit seinen körperlichen Kräften tun kann, so findet er hinreichend Gelegenheit, die Echtheit seines vermuteten Talents zu prüfen, es auszubilden und dann seinen Beruf auszuüben. Die Schulen für Technologie, Medizin, Malerei, Musik, für Schauspielkunst und jede höhere Bildung stehen bedingungslos jedem Bewerber offen.«

»Sind dann nicht die Schulen gedrängt voll von jungen Leuten, deren einziger Beweggrund ist, sich von Arbeit zu befreien?«

Dr. Leete lächelte mit leiser Ironie und sagte: »Ich versichere Sie, kein Mensch tritt leicht in eine solche Schule mit der Absicht, der Arbeit zu entgehen. Die sind für diejenigen bestimmt, welche eine gewisse Fähigkeit für die betreffenden Lehrgegenstände haben, und wer diese nicht besitzt, würde lieber die doppelte Arbeitszeit in seinem Handwerk aushalten, als sich bemühen, mit den Schulklassen gleichen Schritt zu halten. Viele verkennen auch ihren Beruf, und wenn sie finden, dass sie den Ansprüchen nicht gewachsen sind, treten sie aus und kehren in den industriellen Dienst zurück. Das wirft keinen Makel auf diese Leute, denn es ist die Absicht, alle zu ermutigen, ihre etwaigen Talente, deren Vorhandensein erst durch einen Versuch festgestellt werden kann, auszubilden. Die wissenschaftlichen Schulen Ihrer Zeit konnten sich nur durch die Anzahl ihrer Schüler halten, und es scheint üblich gewesen zu sein, an Leute, welche später in den Beruf getreten sind, Zeugnisse der Reifheit zu geben, die sie nicht verdient haben. Unsere Schulen sind nationale Institute, und ihre Prüfungen bestanden zu haben, ist ein unzweifelhafter Beweis für besondere Fähigkeiten.«

»Diese Gelegenheit für berufliche Bildung«, fuhr Dr. Leete fort, »steht jedem Manne bis zu seinem fünfunddreißigsten Jahre offen, später werden keine Studenten mehr aufgenommen, weil nur noch zu kurze Zeit bis zu ihrer Entlassung aus dem Dienste der Nation übrig bleiben würde. In Ihren Tagen mussten die jungen Leute sich sehr jung für ihren Beruf entscheiden und trafen infolgedessen oft eine unglückliche Wahl. Heutzutage erkennen wir an, dass sich die natürlichen Fähigkeiten bei den einen später entwickeln als bei anderen, und deshalb bleibt die Wahl, die schon mit vierundzwanzig Jahren getroffen werden kann, noch elf Jahre länger offen. Ich muss noch bemerken, dass, unter gewissen Beschränkungen, das Recht, den Beruf zu wechseln, auch bis zum fünfunddreißigsten Jahre offen bleibt.«

Jetzt äußerte ich eine Frage, die mir schon ein Dutzend Mal auf den Lippen geschwebt hatte, eine Frage, die zu meiner Zeit als größte Schwierigkeit für Lösung des industriellen Problems angesehen worden war. »Es ist wunderbar«, sagte ich, »dass Sie noch mit keinem Worte erwähnt haben, wie die Lohnfrage behandelt wird. Da die Nation der alleinige Arbeitgeber ist, so muss die Regierung die Höhe der Löhne festsetzen und bestimmen, wie viel jeder einnehmen soll, von den Ärzten bis zu den Tagelöhnern. Soviel ich sagen kann, würde dieser Plan bei uns niemals haben durchgeführt werden können, und ich kann nicht einsehen, wie es jetzt möglich ist, es sei denn, dass sich die menschliche Natur geändert hat. Zu meiner Zeit war niemand mit seinem Lohn oder Gehalt zufrieden. Selbst wenn er wusste, dass er genug erhielt, war er doch überzeugt, dass sein Nachbar zuviel habe, was geradeso schlimm war. Wenn die allgemeine Unzufriedenheit in diesem Punkte, anstatt sich in Verwünschungen und Streiks gegen unzählige Arbeitgeber zu zersplittern, sich gegen einen einzigen konzentrierte, nämlich die Regierung, so würde diese wohl, und wenn sie noch so stark wäre, keine zwei Zahltage erlebt haben.«

Dr. Leete brach in ein herzliches Lachen aus.

»Sehr wahr, sehr wahr«, sagte er, »ein allgemeiner Ausstand würde dem ersten Zahltage gefolgt sein, und ein Streik gegen die Regierung ist eine Revolution.«

»Wie vermeiden Sie also«, fragte ich, »eine Revolution an jedem Zahltage? Hat ein wunderbarer Rechenmeister ein neues System des Kalküls erfunden, welches alle bei Auswerfung des genauen und verhältnismäßigen Wertes aller Arten von Dienstleistungen, mit dem Kopfe oder den Muskeln, mit der Hand oder der Stimme, mit dem Ohr oder dem Auge, befriedigt? Oder hat sich die menschliche Natur verändert, so dass niemand sich um seine eigenen Angelegenheiten, sondern jeder um die seines Nachbarn kümmert? Eines oder das andere hiervon muss die Sache erklären.«

»Weder das eine noch das andere«, war die lachende Antwort meines Wirtes. »Aber nun, Herr West«, fuhr er fort, müssen Sie daran denken, dass Sie nicht nur mein Gast, sondern auch mein Patient sind, und mir gestatten, Ihnen Schlaf zu verordnen, ehe wir weiter hierüber sprechen. Es ist nach drei Uhr.«

»Diese Verordnung ist gewiss sehr weise«, sagte ich, »ich will nur hoffen, dass sie ausgeführt werden kann.«

»Dafür will ich sorgen«, erwiderte der Doktor. Und er tat es denn auch, denn er gab mir ein Weinglas voll irgend etwas, was mich, sobald mein Kopf die Kissen berührte, in tiefen Schlaf fallen machte.

Achtes Kapitel

Als ich erwachte fühlte ich mich ungemein erfrischt, blieb noch lange im Halbschlafe liegen und erfreute mich des Gefühls körperlichen Behagens. Die Eindrücke des gestrigen Tages, mein Erwachen, und zu finden, dass es das Jahr 2000 war, der Anblick des neuen Boston, mein Wirt und Familie, und das Wunderbare, das ich gehört hatte, dies alles war mir überraschend neu. Mir war es, als befände ich mich wie zu Hause in meinem Schlafzimmer und die Bilder meines halb wachenden, halb schlafenden Zustandes gaukelten mir Vorgänge aus meinem früheren Leben vor. Die Ereignisse des Dekorationstages, mein Gang mit Edith und ihren Eltern nach dem Gottesacker und das Mittagessen nach unserer Rückkehr schwebten vor meinem schlaftrunkenen Geiste. Ich erinnerte mich wie außerordentlich hübsch Edith ausgesehen hatte und dachte an unsere bevorstehende Heirat; aber kaum hatten meine Gedanken angefangen, diese entzückende Aussicht auszumalen, so wurden meine Träumereien durch die Erinnerungen an den Brief unterbrochen, den ich gestern Abend von dem Baumeister bekommen hatte, und der mir mitteilte, dass die neuen Streiks die Vollendung meines Hauses auf unbestimmte Zeit verschoben hätten. Der Verdruss, den ich in der Erinnerung tatsächlich empfand, regte mich auf. Es fiel mir ein, dass ich um elf Uhr eine Zusammenkunft mit dem Baumeister haben sollte; aber als ich die Augen öffnete, um auf die am Fußende meines Bettes stehende Uhr zu sehen, fand mein Blick keine Uhr und ich bemerkte, dass ich nicht in meinem Zimmer war. Ich sprang von meinem Lager auf und blickte wild in dem fremden Zimmer umher.

Ich muss so minutenlang gesessen und um mich gestarrt haben, ohne den Schlüssel zu meiner Identität finden zu können. Es lässt sich gar nicht aussprechen, welche Seelenqualen ich in meiner Hilflosigkeit und in meinem Hinstarren in eine grenzenlose Leere erduldete, noch dazu, da ich nicht mehr wusste wer ich war. Hoffentlich brauche ich diese Erfahrung in meinem Leben nicht ein zweites Mal zu machen.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand gedauert hatte - es schien eine Unendlichkeit - da kam wie ein Blitz die Erinnerung zurück. Ich wusste nun wer und wo ich war, und wie ich hierher gekommen, und dass die Erscheinungen eines Lebens, scheinbar von gestern, sich auf eine Generation bezogen, die schon lange in Staub zerfallen war. Ich sprang aus dem Bette und stand mitten im Zimmer, die Hände mit aller Kraft gegen die Schläfen pressend, die zu zerspringen drohten. Dann sank ich vorwärts wieder auf das Lager, begrub das Gesicht in die Kissen und blieb regungslos liegen. Der unvermeidliche Rückschlag von dieser Aufregung, das geistige Fieber, als erste Wirkung meines schrecklichen Erlebnisses war gekommen. Nachdem ich zum Bewusstsein meiner wirklichen Lage gekommen war, war die Krisis eingetreten und ich lag da, die Zähne zusammengebissen, mit bebender Brust, klammerte mich mit der Kraft eines Rasenden an die Bettpfosten und rang mit dem Wahnsinn. Alles hatte sich von meinem Geiste abgelöst, die gewohnten Empfindungen, Gedankenassoziationen, Begriffe von Dingen und Personen, alles hatte sich aufgelöst, den Zusammenhang verloren und brodelte in einem unauflöslichen Chaos. Da gab es keine Anhaltspunkte, nichts war stetig; nur der Wille blieb, und war der menschliche Wille stark genug, zu diesem wogenden Meere zu sagen: »Schweig' und verstumme?« Ich wagte nicht, einen Gedanken zu fassen. Jeder Versuch darüber nachzudenken, was mich befallen hatte und was dies Alles in sich schloss, machte mich schwindeln. Der Gedanke, dass ich zwei Personen in mir vereinigte, begann mich zu verwirren. Ich wusste, dass ich auf dem Punkte war, den Verstand zu verlieren. Wenn ich mit meinen Gedanken so liegen bliebe, war ich verloren. Ich musste Zerstreuung irgendwelcher Art, wenigstens körperliche Anstrengung haben. Ich sprang auf, kleidete mich schnell an, öffnete die Tür meines Zimmers und ging die Treppe hinab. Es war noch sehr früh, kaum völlig Tag, und ich fand niemand in dem unteren Teile des Hauses. In dem Vorsaale hing ein Hut; ich öffnete die Haustüre, welche so leicht verwahrt war, dass man sehen konnte, Diebstahl war im neuen Boston nicht zu befürchten, und trat auf die Straße. Zwei Stunden lang ging oder lief ich durch die Straßen der Stadt, namentlich in dem auf der Halbinsel gelegenen Teile der Stadt. Nur ein Altertumsforscher, der den Kontrast zwischen dem heutigen Boston und dem des 19. Jahrhunderts kennt, kann sich einen Begriff von den Überraschungen machen, die sich mir bei jedem Schritte boten. Als ich am Tage zuvor die Stadt vom Hausdache aus überblickte, erschien sie mir allerdings fremd, aber nur im Allgemeinen. Wie vollständig die Veränderung war, wurde mir erst jetzt klar, da ich durch die Straßen ging. Die wenigen alten Marksteine, welche übrig geblieben waren, verstärkten nur diesen Eindruck, ohne sie würde ich gedacht haben, ich sei nur in einer fremden Stadt. Du kannst als Kind deine Geburtsstadt verlassen und wenn du nach fünfzig Jahren zurückkehrst, sie in vielen Punkten verändert finden, du wirst erstaunt, aber nicht völlig verwirrt sein. Du bist dir bewusst, dass eine lange Zeit vergangen, und dass auch Veränderungen in dir selbst vorgegangen sind. Du erinnerst dich dunkel der Stadt, wie du sie als Kind gekannt; aber bei mir war kein Bewusstsein davon, dass Zeit vergangen war, für mich war es erst gestern, vor wenigen Stunden gewesen, dass ich durch diese Straßen gegangen, worin ich jetzt bei jedem Schritte die vollständigste Veränderung wahrnahm. Das Bild von der alten Stadt war so frisch in meinem Geiste, dass es dem Eindrucke, den die neue Stadt machte, nicht weichen wollte, bald schien die alte, bald die neue Stadt Wirklichkeit. Alles was ich sah war auf diese Weise verschwommen, wie die Gesichter auf einer Gesellschaftsfotografie.

Schließlich stand ich wieder an dem Hause, von dem ich ausgegangen war. Meine Füße müssen mich instinktmäßig zu meinem alten Heim getragen haben, denn ich hatte kein klares Bewusstsein, dass ich dahin zurückkehrte. Das Haus war für mich nicht heimischer als jedes andere in dieser Stadt einer anderen Generation, auch die Bewohner desselben waren mir nicht weniger fremd als alle anderen Männer und Frauen auf der Welt. Wäre die Haustüre verschlossen gewesen, so würde mir eingefallen sein, dass ich kein Recht hatte einzutreten, und würde umgekehrt sein, aber sie gab dem Drucke meiner Hand nach, und indem ich unsicheren Schrittes durch die Flur ging, betrat ich durch eine hier befindliche Tür ein Gemach. Ich warf mich in einen Stuhl und bedeckte meine brennenden Augen mit den Händen, die Schrecken des Fremdseins auszuschließen. Meine Verwirrung hatte einen so hohen Grad erreicht, dass ich fast krank wurde. Wie kann ich den Schmerz dieser Augenblicke, oder das demütigende Gefühl der Hilflosigkeit beschreiben? In meiner Verzweiflung stöhnte ich laut. Ich begann zu fühlen, dass, wenn mir nicht irgendwoher Hilfe käme, ich wahnsinnig werden würde. Und in diesem Augenblicke kam Hilfe. Ich hörte das Rauschen eines Vorhanges und blickte auf. Edith Leete stand vor mir. Ihr schönes Angesicht war voll tiefsten Mitgefühls.

»Was ist geschehen, Mr. West?« fragte sie. »Ich war hier als Sie eintraten, sah Ihr trübseliges Aussehen, und als ich Sie stöhnen hörte, konnte ich nicht länger schweigen. Was ist Ihnen geschehen? Wo sind Sie gewesen? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

Während sie sprach hielt sie mit einer Bewegung von Teilnahme ihre Hände vielleicht unwillkürlich hin. Jedenfalls, ich ergriff sie und hielt sie fest wie ein Ertrinkender das ihm zugeworfene Seil festhält. Als ich in ihr teilnehmendes Gesicht und ihre von Mitleid feuchten Augen blickte, hörte es in meinem Kopfe auf zu wirbeln. Das zarte menschliche Mitgefühl, welches sich in dem sanften Druck ihrer Finger aussprach, hatte mir die nötige Hilfe gebracht. Ihre Wirkung, zu beruhigen und zu trösten, war wie die eines wundertätigen Trankes.

»Gott segne Sie«, sagte ich nach einigen Augenblicken. »Er muss Sie mir geschickt haben. Ich glaube, ich hätte den Verstand verloren, wenn Sie nicht gekommen wären.« Hier kamen ihr die Tränen in die Augen.

»Oh, Mr. West!« rief sie. »Für wie herzlos müssen Sie uns halten! Wie konnten wir Sie so lange sich selbst überlassen! Aber es ist vorüber jetzt, nicht wahr? Sie fühlen sich besser.«

»Ja«, sagte ich, »Ihnen danke ich's. Wenn Sie nicht gleich wieder gehen, werde ich mich bald wiederfinden.«

»Gewiss, ich gehe nicht fort«, sagte sie mit einem Zucken in ihrem Gesichte, das ihr Mitgefühl beredter aussprach, als viele Worte getan haben würden. »Sie dürfen uns nicht für so herzlos halten, als es den Anschein hat, da wir Sie so sich selbst überlassen haben. Ich habe letzte Nacht kaum ein Auge geschlossen und musste immer denken wie sonderbar Sie sich heute morgen beim Erwachen fühlen würden; aber mein Vater sagte, Sie würden lange schlafen. Er meinte, es wäre besser für Sie, Ihnen anfänglich nicht zu viel Mitgefühl zu zeigen, sondern zu versuchen, Sie zu zerstreuen und Sie empfinden zu lassen, dass Sie unter Freunden seien.«

»Und das haben Sie mich in der Tat fühlen lassen«, antwortete ich. »Doch, Sie werden begreifen, was für eine Erschütterung es ist, auf einmal hundert Jahre zu überspringen; obgleich ich das gestern Abend nicht so sehr fühlte, hatte ich doch heute morgen ganz sonderbare Empfindungen.« Während ich ihre Hände hielt und ihr in die Augen sah, konnte ich über meinen Zustand schon wieder scherzen.

»Niemand dachte, dass es Ihnen einfallen könnte, schon so früh am Morgen allein in die Stadt zu gehen«, fuhr sie fort. »Wo sind Sie gewesen, Mr. West?«

Ich erzählte ihr nun, wie ich es oben getan habe, meine Erlebnisse dieses Morgens von meinem ersten Erwachen bis zu dem Augenblicke, da sie vor mir stand. Sie war während meiner Erzählung ganz überwältigt von schmerzlichem Mitleid, und versuchte nicht, obwohl ich eine ihrer Hände freigegeben hatte, mir auch die andere zu entziehen, da sie wahrscheinlich sah, wie wohl es mir tat, sie zu halten.

»Ich kann mir einen schwachen Begriff davon machen, was Sie empfunden haben müssen«, sagte sie. »Es muss schrecklich gewesen sein. Und zu denken, dass Sie in diesem Kampfe allein gelassen worden sind! Können Sie uns das jemals vergeben?«

»Aber es ist jetzt alles vorbei. Sie haben es für den Augenblick wenigstens ganz vertrieben«, sagte ich.

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12 ноября 2025
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280 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783969876534
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