Читать книгу: «GRABESDUNKEL STEHT DER WALD»

Шрифт:

INHALTSVERZEICHNIS

COVER

TITEL

PROLOG

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

EPILOG

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

PROLOG

Der Ort war für eine Grabstätte hervorragend geeignet. Er lag in einem der am dichtesten mit hohen Fichten bewachsenen Teile des Waldes, abseits aller Straßen, Wege und Pfade, sodass sich vermutlich nicht einmal dann jemand hierher verirrte, wenn er sich verlaufen hatte.

Die große breitschultrige Gestalt, die im Schein des hoch am Nachthimmel stehenden, nahezu kreisrunden Mondes die Schaufel schwang und das Grab aushob, hatte gleichwohl keinerlei Schwierigkeiten gehabt, bis hierher vorzudringen, obwohl sie neben dem Grabwerkzeug auch noch eine andere Last zu schleppen gehabt hatte, die in der Länge ein Meter achtzig maß und fünfundachtzig Kilo auf die Waage brachte. Doch wo ein Wille war, da war bekanntlich auch immer ein Weg. Und so hatte der Grabende weder Aufwand noch Mühe gescheut, um die Leiche an diesen Ort zu schaffen.

Er schnaufte mittlerweile schwer, während er in gleichmäßigem Tempo Schaufel um Schaufel des dunklen Waldbodens abtrug und neben der beständig tiefer werdenden Grube auf den rasch anwachsenden Erdhaufen kippte. Obwohl er wegen der anstrengenden Tätigkeit bereits ins Schwitzen gekommen war, hatte er weder den schwarzen Kapuzenpulli ausgezogen noch die Kapuze vom Kopf gestreift. Dabei war die Gefahr, dass ihn um diese Uhrzeit kurz nach Mitternacht und an diesem abgelegenen, menschenverlassenen Ort jemand sah, geradezu verschwindend gering. Dennoch wollte er nicht das geringste Risiko eingehen, denn der Preis, den er zu zahlen hätte, wenn er und das, was er getan hatte, entdeckt würden, war einfach zu hoch.

Während der überwiegende Teil dieses Waldstücks in mitternächtliche Dunkelheit gehüllt war, schien der Mond an mehreren Stellen durch Lücken im Geäst der Bäume und schuf dadurch eine geradezu märchenhafte, gespenstische Atmosphäre, die der selbsternannte Totengräber allerdings nicht zur Kenntnis nahm, da er sich vollständig auf seine Tätigkeit konzentrierte. Nur ab und zu hielt er kurz inne, hob den kapuzenbewehrten Kopf und lauschte auf verdächtige Geräusche, die in der Stille der Nacht weit zu hören waren. Doch außer seinen eigenen keuchenden Atemzügen und dem raschen Schlag seines Herzens, der ihm so laut vorkam, als müsste er im ganzen Wald zu hören sein, herrschte unwirkliche Stille. Nicht einmal die natürlichen Geräusche des nächtlichen Waldes waren zu hören, da es absolut windstill war und sämtliche Tiere in der näheren Umgebung vor Schreck erstarrt und verstummt zu sein schienen, als wären sie empört über den Frevel, den der zweibeinige Eindringling in ihrem Wald beging, und hielten unwillkürlich die Luft an.

Eine der größeren Lücken im Geäst befand sich genau über der Grabgrube, sodass der Mond den Grabenden und sein Vorankommen in kaltes, fahles Licht tauchte. Die Bäume hatten an dieser Stelle aus unerfindlichen Gründen eine kleine natürliche Lichtung geschaffen, die im Durchmesser zwar gerade einmal acht Meter maß, für die Person mit der Schaufel aber dennoch einen Glücksfall darstellte. Denn so hatte sie ausreichend Platz für ihr Vorhaben und musste nicht mit den Wurzeln der Bäume kämpfen, die sie wie ein Kreis stummer und missbilligender Wächter umstanden.

Der von einer zentimeterdicken Schicht aus Fichtennadeln bedeckte Waldboden war an dieser Stelle locker genug und bot dem kräftig geführten Schaufelblatt nur wenig Widerstand, sodass die Grube rasch tiefer wurde, während der Berg aus ausgehobener Erde daneben immer mehr anwuchs.

Schließlich hielt die Person, die neben dem Kapuzenpulli eine schwarze Jeans und schwarze Lederstiefel trug, schwer atmend inne, begutachtete das ausgehobene Erdloch, in dem sie stand, und nickte zufrieden. Sie stützte sich auf den Schaufelgriff und atmete mehrmals tief durch. Während sie darauf wartete, dass sich ihre Atmung und ihr Herzschlag wieder beruhigten, sah sie sich in alle Richtungen um, konnte jedoch nichts entdecken, was ihr Misstrauen erregt hätte. So wie es aussah, war sie noch immer mutterseelenallein an diesem Ort, der zum exklusiven Privatfriedhof für einen einzigen Menschen werden sollte, sodass seine Leiche nach Möglichkeit nie gefunden wurde.

Nachdem er schließlich wieder zu Atem gekommen war, wischte sich der Totengräber mit dem linken Ärmel die Schweißtropfen von der Stirn, bevor er leise ächzend aus dem Grab stieg, das etwa einen Meter tief war, was er unter den gegebenen Umständen aber durchaus für ausreichend erachtete. Er ließ die Schaufel einfach auf den Boden fallen, da der weiche Belag aus Kiefernnadeln den Aufprall dämpfte, sodass der Laut nur wenige Meter weit zu hören sein würde. Dann trat er zu der reglosen Gestalt, die unweit der Grube auf dem Waldboden lag.

Es handelte sich dabei um einen Mann mit einem schmalen Gesicht und einem komplett kahl geschorenen Kopf. Er war glatt rasiert und besaß ein markantes breites Kinn, das ihm einen energischen, durchsetzungsstarken Eindruck verlieh und von einer auffälligen Kinnspalte geteilt wurde. Er war schlank und machte einen durchtrainierten Eindruck, ohne dabei allerdings übermäßig muskulös zu sein. Auf seinen Handrücken wuchsen rotbraune Haare, die im Mondlicht wie das Fell eines exotischen Tieres aussahen.

Die Augen des Mannes waren geschlossen, sodass er den Eindruck erweckte, als schliefe er nur. Dieser Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass keine äußerlich sichtbare Verletzung zu erkennen war. Seine Kleidung – eine hellblaue Jeans, ein schwarzer Rollkragenpullover und braune Bootsschuhe mit abgelaufenen Hacken – war zwar leicht verdreckt, was vor allem auf den beschwerlichen Transport an diesen Ort, zunächst im Kofferraum eines Wagens und dann auf der Schulter des Totengräbers, zurückzuführen war, ansonsten aber unbeschädigt.

Dennoch wusste die Person, die den Mann zunächst unter großen Mühen hierher transportiert und dann auch noch das Loch gegraben hatte, dass sein Opfer mausetot war und keinen Atemzug mehr tat, denn schließlich hatte sie es mit ihren eigenen Händen erwürgt. Und wenn sie sich auf eine Sache in dieser Welt hundertprozentig verlassen konnte, dann auf ihre großen Hände und die enorme Kraft, die in ihnen steckte. Die Würgemale am Hals ihres Opfers wurden allerdings gnädigerweise vom Kragen des Rollis verdeckt.

Der Totengräber riss sich aufseufzend vom Anblick des Mannes los, den er ermordet hatte. Dann ging er in die Knie, schob seine muskulösen Arme unter den Körper und hob ihn mühelos hoch. Er wandte sich um, ging zurück zur Grabgrube und stieg mitsamt seiner Last hinein. Obwohl er kein Mitleid oder Mitgefühl für sein Opfer empfand – weder, als er es getötet hatte, noch jetzt, da es tot war – widerstrebte es ihm dennoch, allzu grob mit der Leiche umzugehen. Deshalb ließ er sie auch nicht einfach zu Boden fallen wie einen Sack Zement, was der tote Mann ohnehin weder gespürt, noch übelgenommen hätte, sondern bückte sich und legte ihn geradezu behutsam auf den Boden der ausgehobenen Grube. Anschließend wandte er sich rasch ab und stieg wieder hinaus. Er hob die Schaufel vom Boden auf und warf einen letzten Blick auf sein Opfer.

Was er sah, ließ ihn unwillkürlich erschaudern, denn das fahle Licht des Mondes, das nun ungehindert auf den reglosen Körper fiel, ließ diesen aussehen, als würde er in einem unirdischen Licht von innen heraus erstrahlen. Gleichzeitig erweckte der Mann in der Grabgrube den Eindruck, als wäre er noch immer quicklebendig und würde sich jeden Moment bewegen und aufsetzen, um sich beispielsweise über eine fehlende Grabrede zu beschweren.

Die linke Hand der Person im Kapuzenpulli zuckte automatisch zur Brust, als wollte sie sich bekreuzigen – zweifellos ein hartnäckiges Überbleibsel einer katholischen Erziehung –, verharrte jedoch wieder, noch bevor sie mit dem Kreuzzeichen beginnen konnte, als ihr jäh bewusst wurde, was sie da tat. Stattdessen schüttelte sie nur den Kopf und unterdrückte jeden Laut des Entsetzens, das sie bei diesem widernatürlichen Anblick empfand. Schnell stieß sie das Schaufelblatt in den Erdhaufen neben der Grube und begann dann mit energischen, schon beinahe verzweifelt wirkenden Bewegungen damit, Erde auf den Körper zu schaufeln, um nicht nur dieses merkwürdige Schauspiel zu beenden, das der Mond mit dem Leichnam veranstaltete, sondern vor allem auch, um hier fertig zu werden und diesen gottverlassenen Ort endlich hinter sich lassen zu können.

Die Erde fiel auf den reglosen Körper im Grab. Zahlreiche Erdbröckchen kullerten herunter und häuften sich zu beiden Seiten an. Doch der größte Teil blieb auf dem Brustkorb, dem Bauch, dem Unterleib und den Beinen liegen.

Der Totengräber begann schon bald wieder, laut zu keuchen, während er unermüdlich schaufelte und keinen weiteren Blick für den Mann in der Grube vergeudete. Er verzichtete nun sogar darauf, ab und zu innezuhalten, um einen Blick auf seine Umgebung zu werfen und konzentriert zu lauschen, so wie er es noch beim Ausheben des Grabes getan hatte.

Als daher völlig unvermittelt ganz in der Nähe mit einem lauten Knacken, das die Stille des nächtlichen Waldes wie ein Axthieb spaltete, ein Ast zerbrach und als Reaktion darauf ein Kauz schrie, erstarrte er und sah sich mit ruckartigen Bewegungen in alle Richtungen um. Sein Keuchen war abrupt verstummt, als er die Luft anhielt, um besser lauschen und auch noch das leiseste Geräusch wahrnehmen zu können. Doch keiner der vorherigen Laute wiederholte sich. Und auch sonst war nichts zu hören oder zu sehen, das ihn glauben ließ, er wäre nicht länger allein an diesem Ort und es gäbe einen unliebsamen Zeugen seines Tuns.

Er kam deshalb rasch zu der Überzeugung, dass es sich beim Verursacher des Knackens um ein nachtaktives Tier gehandelt haben musste, das in diesem Wald heimisch war. Ein großes Tier zwar, wenn er von der Lautstärke des brechenden Astes auf dessen Größe schloss, nichtsdestotrotz aber nur ein Tier und deshalb kein Grund zur Beunruhigung.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, entspannte er sich, stieß die angehaltene Luft aus und atmete tief ein. Ein rascher Blick auf das flache Grab zeigte ihm, dass es schon fast vollständig gefüllt war. Von dem Mann, den er getötet hatte, war kaum noch etwas zu sehen. Vom Hals abwärts bis zu den Zehen war er bereits komplett von Erde bedeckt. Nicht einmal die Konturen seines Körpers waren darunter noch zu erahnen. Lediglich das Gesicht hatte er bislang noch ausgespart, als hätte er Hemmungen gehabt, Erde darauf zu schippen.

Er nahm daher rasch mehrere Schaufeln voller Erde und kippte sie auf das Gesicht des Opfers, bis es vollständig bedeckt war. Anschließend arbeitete er noch rascher, als es vor dem knackenden Ast der Fall gewesen war, als hätte dieser ihn zur Eile angetrieben, bis das Grab wenige Augenblicke später gefüllt und der Erdhaufen daneben vollständig abgetragen war.

Der Mond beschien die Grabstelle noch immer, doch nachdem sein Opfer nun unter der Erde lag und er es nicht mehr sehen musste, beunruhigte ihn das nicht länger. Im fahlen Licht war nur noch ein flacher Erdhügel zu erkennen, der sich über dem hier vergrabenen Körper erhob. Allerdings war noch immer deutlich zu sehen, dass hier gegraben worden war, da die Fichtennadelschicht fehlte. Deshalb bückte er sich und schob mit den Händen Fichtennadeln von den Seiten auf das frische Grab und verteilte sie dort, bis sie wieder eine durchgehende, makellose Schicht bildeten. Sie war zwar dort, wo sich das Grab befand, noch etwas feucht und daher dunkler als in der Umgebung, doch bis zum Sonnenaufgang war sie bestimmt getrocknet, sodass niemand vermuten würde, dass hier unlängst gegraben worden war, solange er nicht ausdrücklich danach suchte. Allerdings rechnete er ohnehin nicht damit, dass hier jemand zufällig vorbeikam.

Zufrieden mit seinem Werk richtete er sich schließlich auf und klopfte die Hände an seiner Hose ab. Dann nahm er die Schaufel, legte sie sich über die Schulter und machte sich auf den Rückweg zu seinem Wagen, ohne auch nur einen einzigen Blick zurückzuwerfen.

Wozu auch? Sein Opfer war tot und begraben, und mehr hatte er nicht gewollt.

ERSTES KAPITEL

1

Als Cora Eichholz nach dem schnurlosen Telefon griff, um den Anruf entgegenzunehmen, hatte sie ein merkwürdiges Gefühl, so als ahnte sie bereits, dass dieser Anruf ihr Leben auf dramatische Weise verändern würde. Und das nicht unbedingt zum Besseren.

»Ja«, meldete sie sich deshalb in aller Knappheit und Vorsicht, ohne ihren Namen preiszugeben, und lauschte dann mit angehaltenem Atem, dass der Anrufer sprach und ihr mitteilte, wer er war und was er von ihr wollte.

»Spreche ich mit Frau Eichholz?« Es handelte sich um die Stimme einer Frau, die Cora zwar bekannt vorkam, der sie aber trotz intensiven Nachdenkens nicht sofort ein Gesicht zuordnen konnte.

»Ja. Und … und wer sind Sie?«

»Hier ist Kriminalhauptkommissarin Anja Spangenberg von der Vermisstenstelle der Kripo München.«

Schon beim dritten Wort, dem Dienstgrad der Anruferin, bekam die Stimme in Coras Bewusstsein endlich ein Gesicht, denn auch wenn sie die Stimme nicht gleich erkannt hatte, so blieb ihr die Frau, der sie gehörte, gleichwohl unvergesslich.

Anja Spangenberg war Ermittlerin im Kommissariat 14, der sogenannten Vermisstenstelle, und – wie der Name ihrer Abteilung sofort deutlich machte – für vermisste Personen zuständig. Cora schätzte sie altersmäßig auf Mitte bis Ende dreißig und größenmäßig auf ein Meter siebzig. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht mit hohen, markanten Wangenknochen und grünen Augen. Dazu eine schmale gerade Nase und einen um eine Winzigkeit zu breiten Mund mit schmalen Lippen. Ihr dunkelblondes Haar war kurz geschnitten und zerzaust. Als sie Cora vor drei Monaten besucht hatte, hatte sie eine enge, graue Jeans, ein langärmliges, weißes Shirt und schwarze Stiefeletten mit neun Zentimeter hohen, schmalen Absätzen getragen. Dazu eine Blousonjacke aus schwarzer Seide, um die Tatsache zu verbergen, dass sie darunter in einem Schulterholster eine Waffe trug.

Doch nicht deshalb war die Kriminalhauptkommissarin Cora so deutlich in Erinnerung geblieben, obwohl sie sich nur ein einziges Mal begegnet waren, sondern in erster Linie aus dem Grund, weil Anja Spangenberg nach Coras Ehemann Markus suchte, der beinahe auf den Tag genau vor drei Monaten von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden und seitdem nicht wieder aufgetaucht war.

»Frau Eichholz? Sind Sie noch dran?«

Cora stieß die Luft aus, die sie erneut angehalten hatte, ohne es überhaupt zu bemerken. »Natürlich bin ich noch dran!«, versetzte sie dann in einem aggressiveren Tonfall, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte.

Die Polizistin erwiderte nichts darauf und hüllte sich in Schweigen. Nicht einmal das Geräusch ihres Atmens war durch die Telefonverbindung zu hören. Zweifellos hatte sie von den Angehörigen der Vermissten, nach denen sie tagtäglich suchte, schon so manches zu hören bekommen und wusste daher auch damit umzugehen, ohne es den Leuten übelzunehmen, die oft unter enormem emotionalen Stress standen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen konnten.

»Entschuldigen Sie«, sagte Cora nach einem Moment des Schweigens und Nachdenkens. »Ich habe nur …« Sie verstummte, weil sie selbst nicht wusste, was sie eigentlich sagen wollte.

»… nicht mehr mit einem Anruf von der Vermisstenstelle gerechnet?«, vollendete Anja Spangenberg den Satz an ihrer Stelle.

Cora nickte. »Ja. Das wird es wohl sein.« Sie seufzte tief, bevor sie schließlich die alles entscheidenden Fragen stellte. »Weswegen rufen Sie an? Gibt es etwa … Neuigkeiten über meinen Mann?«

»Genau deswegen rufe ich Sie an. Es gibt tatsächlich Neuigkeiten.«

»Und um welche Neuigkeiten handelt es sich?«, fragte Cora zaghaft.

Entweder hatte die Polizistin die Angst in ihrer Stimme gehört, oder sie wusste aus Erfahrung, wie Angehörige in solchen Fällen reagierten, denn sie sagte: »Keine Angst, Frau Eichholz! Es handelt sich um gute Neuigkeiten.«

»G…g…gute Neuigkeiten?« Coras Stimme stotterte und zitterte, während sie die Worte ungläubig wiederholte.

»Ja. Eigentlich sind es sogar sehr gute Neuigkeiten, denn …« Die Ermittlerin machte eine kleine Pause, als wollte sie die Spannung steigern, bevor sie schließlich weitersprach: »… wir haben Ihren Mann gefunden.«

Cora glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren, als hätte sich von einer Sekunde zur anderen eine Falltür unter ihr geöffnet. Das Gefühl, ins Leere zu stürzen, wurde geradezu übermächtig, noch dazu, weil ihre Knie gleichzeitig weich wurden, als bestünden sie aus Gummi. Sie musste sich an der Kommode festhalten, auf der das Ladegerät des schnurlosen Telefons stand, um nicht umzukippen und auf den Dielen aus gebürsteter Eiche zu landen, die den Boden des Hausflurs im Erdgeschoss bildeten.

»Gefunden?«, echote sie tonlos, um nach einer kurzen Pause, in der sie so vehement nach Luft schnappte, als wäre sie am Ersticken, hinzuzufügen: »Sie meinen, er ist … tot?«

Anja Spangenberg antwortete nicht sofort, als wäre sie von Coras Reaktion enttäuscht. »Ich sagte doch, dass es sehr gute Neuigkeiten sind«, erwiderte sie dann. »Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt!«

2

Cora hatte nicht länger das Gefühl, jemand zöge ihr den Boden unter den Füßen weg und sie würde in einen tiefen Abgrund stürzen. Stattdessen drehte sich plötzlich alles um sie herum im Kreis, als säße sie in einem Karussell. Außerdem klopfte das Herz in ihrer Brust so schnell und heftig, als mobilisierte es noch einmal seine letzten Kräfte, bevor es für immer seinen Dienst einstellte. Der Schweiß brach ihr aus und ihre Sicht verschwamm, während sie gegen heftigen Schwindel ankämpfen musste und hinter ihrer Stirn ein stechender Schmerz heranwuchs.

Das ist entweder ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall … oder beides zugleich, durchfuhr es sie panisch, während die letzten Worte der Polizistin noch immer wie das Läuten einer Totenglocke durch ihren Verstand hallten.

Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt! Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt! Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt! Er lebt! Er lebt! Er …

Hör sofort damit auf!, gellte ihre innere Stimme durch ihren Verstand und übertönte mühelos die Litanei. Doch sie meinte damit nicht nur die sinnlose Wiederholung dessen, was die Kriminalhauptkommissarin gesagt hatte, sondern auch ihre körperlichen Reaktionen darauf.

Und tatsächlich, ihr Körper gehorchte dem mentalen Befehl. Ihr Herzschlag verlangsamte sich, ihre Sicht klärte sich, und das heftige Schwindelgefühl verschwand. Nur der Kopfschmerz widersetzte sich hartnäckig ihrer Anweisung und wurde sogar jeden Augenblick stärker.

Als ihr bewusst wurde, dass sie nicht an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sterben würde, zumindest nicht an Ort und Stelle, wich auch ihre Angst, und sie bemühte sich, mehrmals tief und gleichmäßig durchzuatmen und ihre Gedanken zu ordnen.

Ihr Mann ist nicht tot. Er lebt!

Sie konnte es noch immer nicht glauben, dass Anja Spangenberg diese Worte tatsächlich ausgesprochen hatte. Doch da sie sich gewissermaßen in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten, musste es tatsächlich so gewesen sein. Dennoch konnte sie es nicht fassen.

Vielleicht ist das alles nur ein Irrtum.

Nachdem sie sich wieder einigermaßen von dem Schock erholt hatte, wurde ihr bewusst, dass sie noch immer im Flur stand. Die Fingernägel ihrer linken Hand hatten sich in die Oberfläche der Kommode gebohrt und kleine Halbmonde im Holz hinterlassen, so fest hatte sie sich dort festgekrallt, um nicht umzufallen. Und ihre andere Hand hielt noch immer das Telefon umklammert – so fest, dass das Plastikgehäuse bereits unter der Belastung knirschte – und presste es gegen ihr Ohr, das sich so heiß anfühlte, als hätte sie eine Serie heftiger Ohrfeigen verpasst bekommen. Sie nahm ihre Hand von der Kommode und lockerte den Griff ums Telefon, bevor sie bemerkte, dass eine Stimme aus dem handlichen Gerät kam und zu ihr sprach.

»Warten Sie«, sagte sie und unterbrach die Stimme mitten in einem Satz, den sie weder bewusst gehört noch verstanden hatte. »Können Sie das bitte noch einmal wiederholen. Ich … Tut mir leid, aber ich habe nicht zugehört.«

Die Polizistin am anderen Ende der Leitung seufzte, allerdings nicht aus Verärgerung, sondern aus Mitgefühl. »Kein Problem, Frau Eichholz. Ich verstehe ja, dass diese Nachricht ein Schock für Sie sein muss. Ein positiver Schock zwar, aber dennoch eine schockierende Nachricht, weil Sie sich vermutlich mittlerweile zwangsläufig auch mit dem Gedanken beschäftigt haben, dass Ihr Mann tot sein könnte. Immerhin war er drei Monate lang spurlos verschwunden, und wir alle mussten mit dem Schlimmsten rechnen.«

»Ja. Genauso ist es.« Cora wusste nicht, was sie sonst darauf erwidern sollte, spürte allerdings aufgrund der erwartungsvollen Stille in der Leitung, dass die Beamtin eine bestimmte Reaktion von ihr erwartete. Sie durchstöberte ihr Gehirn, das plötzlich wie leer gefegt war, nach den passenden Worten, und wurde endlich fündig. »Wo … wo haben Sie … ihn eigentlich gefunden?«

»In Regensburg.«

»In Regensburg?« Wenn die Kommissarin gesagt hätte, Markus wäre auf dem Mond wieder aufgetaucht, hätte Cora vermutlich weniger verblüfft reagiert, denn Regensburg war gerade einmal 125 Kilometer von München und damit nur anderthalb Stunden entfernt.

»Ja. Er wurde in einem Discounter beim Diebstahl erwischt. Da er keine Angaben zu seiner Person machen wollte, wurde er der dortigen Polizei übergeben. Die Kollegen bemühten sich, herauszufinden, wer er ist, und stießen im Zuge ihrer Ermittlungen auf die Vermisstenanzeige.«

»Und wie geht es ihm?«

»Er ist gesund und unverletzt. Allerdings etwas verwahrlost, als hätte er die letzten drei Monate auf der Straße gelebt.«

»Aber …« Cora stockte und schluckte, bevor sie weitersprach: »Aber wieso ist er nicht nach Hause gekommen?«

»Er sagt, dass er sich an nichts erinnern könne, was vor dem Zeitpunkt liege, als er drei Monate zuvor mitten im Wald zu sich kam.«

»Er kann sich an nichts erinnern?«

»Anscheinend hat er seine komplette Erinnerung verloren und kann sich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern.«

»Und Sie sind sich dennoch hundertprozentig sicher, dass es sich um meinen Mann handelt?«, fragte Cora voller Argwohn. »Vielleicht ist es ja nur ein Betrüger, der sich für meinen Mann ausgibt.«

»Wieso sollte jemand so etwas tun?«, fragte Anja Spangenberg. »Im Übrigen hat er sich gar nicht als Ihr Mann ausgegeben. Als man ihm mitteilte, dass sein Name Markus Eichholz sein könnte, hat er nur mit der Schulter gezuckt und gesagt, das könne durchaus sein, er erinnere sich aber nicht daran.«

»Und wie kamen die Polizisten in Regensburg dann auf den Gedanken, dass es sich um meinen Mann handeln könnte?«

»Weil er, abgesehen von seinem verwahrlosten Äußeren, exakt der Beschreibung aus der Vermisstenmeldung entspricht. Sogar der größte Teil seiner Kleidung besteht aus Sachen, die Sie mir bei unserem ersten Gespräch beschrieben haben. Nachdem die Regensburger Kollegen dies festgestellt hatten, setzten sie sich umgehend mit mir in Verbindung. Natürlich war auch ich anfangs skeptisch, denn ich erlebe es oft genug, dass vermeintlich plötzlich wieder aufgetauchte Personen nur eine vage Ähnlichkeit mit den Vermissten besitzen und es sich bei ihnen in Wahrheit um jemand anderen handelt. Deshalb warte ich immer, bevor ich den Angehörigen die freudige Botschaft übermittle, bis ich mich selbst davon überzeugt habe und mir auch wirklich hundertprozentig sicher bin. Und in diesem Fall bin ich mir hundertprozentig sicher, denn die Kollegen schickten mir per E-Mail ein Foto des Mannes, das wir mit der Aufnahme verglichen, die ich von Ihnen erhalten habe. Und dabei kamen wir zu dem Ergebnis, dass die beiden Fotos ein und denselben Mann zeigen. Ich kann Ihnen die Aufnahme aus Regensburg per Mail schicken, dann können Sie sich selbst davon überzeugen.«

Cora musste nicht lange darüber nachdenken. Schließlich kannte niemand Markus besser als sie. Und falls es sich um einen Betrüger handelte, dann würde sie das sofort erkennen und der Polizistin mitteilen, noch ehe der Mann auch nur einen Fuß in ihr Haus setzen konnte.

Sie erklärte sich einverstanden und diktierte ihrer Gesprächspartnerin ihre E-Mail-Adresse, während sie mit dem Telefon am Ohr in ihr Arbeitszimmer im ersten Stock ging. Sie war noch immer etwas wacklig auf den Beinen, als hätte sie einen anstrengenden Marathonlauf hinter sich, fühlte sich ansonsten aber, abgesehen von den Kopfschmerzen, wieder gut. Den ersten Schock, der sie mit der Wucht eines Faustschlags getroffen hatte, hatte sie mittlerweile überwunden. Sie hatte nun wieder das Gefühl, sicher im Sattel zu sitzen und die Zügel in der Hand zu halten.

In ihrem Arbeitszimmer setzte sie sich hinter den Schreibtisch, klappte den Laptop auf und schaltete ihn an.

»Die E-Mail mit dem Foto als Anhang ist jetzt an Sie unterwegs«, meldete sich die Polizistin. »Es müsste jeden Moment bei Ihnen ankommen. Sehen Sie es sich genau und in aller Ruhe an und sagen Sie mir dann, ob es sich bei der abgebildeten Person Ihrer Ansicht nach um Ihren vermissten Mann handelt. Lassen Sie sich jedoch nicht von seinem verwahrlosten Äußeren irritieren.«

»Okay«, sagte Cora und starrte ungeduldig auf den schwarzen Bildschirm, weil der blöde Computer immer eine Ewigkeit brauchte, bis er hochgefahren war. Wurde allmählich Zeit, dass sie sich ein neueres und schnelleres Gerät zulegte. »Ich sehe es mir an und rufe Sie dann zurück.«

Sie achtete nicht auf das, was Anja Spangenberg noch sagte, sondern unterbrach die Verbindung kurzerhand und legte das Telefon neben dem Laptop auf den Schreibtisch. Sie wollte ungestört sein, wenn sie sich das Foto ansah und herauszufinden versuchte, ob es tatsächlich Markus war. Und auch wenn die Polizistin nicht körperlich, sondern nur als körperlose Stimme anwesend gewesen wäre, hätte sie das irritiert und abgelenkt.

Nachdem der Computer endlich hochgefahren war und die gewohnte Windows-7-Oberfläche zeigte, rief Cora ihr E-Mail-Programm auf, das nach Eingabe des korrekten Passwortes automatisch ihre Mails herunterlud. Sie sah, dass sie seit gestern mehrere Mails bekommen hatte; bei den meisten handelte es sich allerdings nur um unerwünschte Werbung. Dann entdeckte sie am Ende der Liste als Absendereintrag den Namen der Ermittlerin von der Vermisstenstelle.

Sie bewegte ihren Zeigefinger auf dem Touchpad und klicke die Mail an, die allerdings keinen Text, sondern nur eine Bilddatei als Anhang enthielt.

Coras Finger bewegte den Mauszeiger auf den Namen der angehängten Datei, verharrte dann jedoch regungslos.

Sollte sie sich das Bild tatsächlich ansehen? Vermutlich handelte es sich ohnehin nur um jemanden, der ihrem Ehemann halbwegs ähnlich sah und zufällig ähnliche Kleidung trug. Wieso ersparte sie es sich dann nicht gleich, einen Blick auf die Aufnahme zu werfen, rief die Polizistin an und teilte ihr mit, dass es sich nicht um ihren Mann, sondern um einen Betrüger handelte. Gleichzeitig verspürte sie jedoch auch den Zwang, sich vergewissern zu wollen, dass es tatsächlich nicht Markus war.

Also atmete sie noch einmal tief ein, bevor sie sich einen Ruck gab und die Datei anklickte.

Zuerst geschah ein paar Sekunden lang gar nichts, und Cora dachte schon, die Datei wäre fehlerhaft und könnte nicht geöffnet werden. Dann öffnete sich jedoch ein Bildbetrachtungsprogramm und begann damit, die Bilddatei zu laden und auf dem Bildschirm darzustellen.

Cora hielt unwillkürlich den Atem an, während sich die Aufnahme rasch Reihe für Reihe vor ihren Augen aufbaute, als würde sich ein Gespenst nach Beginn der Geisterstunde vor den Augen eines schreckhaften Schlossbesuchers materialisieren.

3

»Großer Gott, er ist es tatsächlich!«, flüsterte Cora, als hätte sie Angst, es laut und deutlich auszusprechen, noch ehe sie Gelegenheit gehabt hatte, das Foto genauer in Augenschein zu nehmen. Dennoch war sie sich absolut sicher, schließlich war sie mit diesem Mann seit über dreiundzwanzig Jahren – in guten wie in schlechten Zeiten – verheiratet.

Die Aufnahme zeigte einen Mann, der vor einer weißen Wand stand und mit ausdruckslosem Blick in die Kamera starrte. Er sah mindestens um fünf Jahre älter aus als die 51 Jahre, die er tatsächlich war, und um mehrere Zentimeter kleiner als die ein Meter achtzig, die er maß, als wäre er in den letzten drei Monaten nicht nur über alle Maßen gealtert, sondern auch geschrumpft. Außerdem schien er abgenommen zu haben und ein halbes Dutzend Kilo weniger zu wiegen als die 85 Kilo Körpergewicht, die er in den letzten Jahren permanent auf die Waage gebracht hatte. Aber das alles war im Grunde auch kein Wunder, wenn er die letzten neunzig Tage tatsächlich auf der Straße verbracht und von Almosen, Diebstählen und der Hand in den Mund gelebt hatte.

Denn trotz all dieser offensichtlichen Veränderungen war der Rest seiner äußeren Erscheinung unverkennbar, auch wenn der Schädel, den er sich schon seit vielen Jahren täglich rasierte, jetzt von einem Kranz kurzer rotblonder Haare umgeben war. Der kahl geschorene Schädel war immer sein Markenzeichen gewesen, neben dem breiten, jetzt unrasierten Kinn mit der ausgeprägten Kinnspalte und den grünen Augen, die einen in einem Moment so warm und liebevoll, im anderen aber auch so dominant und kalt ansehen konnten.

Er trug sogar noch immer dieselbe Kleidung, die er bei seinem Verschwinden angehabt haben musste: eine hellblaue Jeans, dazu einen schwarzen Rollkragenpullover und an den Füßen braune Boots-Schuhe von Timberland.

Cora fühlte sich unbehaglich unter seinem Blick, obwohl sie sich nur einem Foto gegenübersah und nicht dem wirklichen Menschen, und rutschte unruhig auf der Sitzfläche ihres Drehstuhls hin und her. Sie fragte sich, was diese Augen in den letzten drei Monaten gesehen hatten. Und ob das Gehirn ihres Mannes tatsächlich alles vergessen hatte, was vor seinem Verschwinden passiert war. Aber was hätte er davon, allen einen Gedächtnisverlust vorzuspielen? Und wieso hätte jemand wie er drei Monate lang auf der Straße leben sollen, wenn er nicht dazu gezwungen gewesen war.

Nein, Cora war überzeugt, dass der Verlust seiner Erinnerungen echt sein musste. Und zum ersten Mal, seit die Polizistin ihr mitgeteilt hatte, dass Markus noch lebte, erlaubte sie es sich, zu lächeln.

Vielleicht, so dachte sie, wird doch noch alles gut.

Der Gedanke an Anja Spangenberg erinnerte sie daran, dass sie der Ermittlerin versprochen hatte, sie zurückzurufen und ihr mitzuteilen, ob es sich bei dem in Regensburg aufgetauchten Mann tatsächlich um ihren Ehemann handelte. Cora warf einen Blick auf die Wanduhr und sah, dass sie geschlagene zwanzig Minuten vor dem Laptop gehockt und das Bild angestarrt haben musste. Es war ihr gar nicht so lang vorgekommen.

Sie nahm das Telefon und ließ es die Nummer des zuletzt eingegangenen Anrufs wählen.

»Spangenberg.«

»Er ist es!« Es waren nur drei kurze und einfache Worte, dennoch spürte Cora ihre enorme Tragweite und Bedeutung, als wögen sie Tonnen und würden wie Mühlsteine an ihr hängen und sie herunterziehen.

»Sind Sie sich auch wirklich hundertprozentig sicher?«, fragte die Polizistin nach, obwohl sie selbst bereits davon gesprochen hatte, dass sie davon überzeugt war, dass es sich tatsächlich um Coras Mann handelte.

»Ja, das bin ich. Es ist Markus, ohne jeden Zweifel.«

»Wie schön.« Cora konnte die Erleichterung und Freude der Ermittlerin aus diesen beiden Worten heraushören. »Es freut mich für Sie und natürlich auch für Ihren Mann, dass er nach all der Zeit doch noch unversehrt aufgetaucht ist.«

»Nun, nicht völlig unversehrt«, schränkte Cora ein. »Immerhin hat er das Gedächtnis verloren und erinnert sich vermutlich weder an sein früheres Leben noch an mich.«

»Das stimmt. Aber körperlich ist er zumindest unversehrt. Und Erinnerungen können unter Umständen irgendwann – mal früher, mal später – wieder zurückkommen.«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Es dürfte vor allem davon abhängen, ob die Amnesie Ihres Mannes körperliche Ursachen hat – zum Beispiel aufgrund einer Schädigung des Gehirns – oder auf psychologische Gründe zurückzuführen ist – beispielsweise ein traumatisches Erlebnis. Sie sollten daher unbedingt einen Facharzt mit ihm aufsuchen. Aber auf jeden Fall dürfen Sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass er irgendwann wieder Zugang zu seinen Erinnerungen bekommt und wieder ganz der Alte wird.«

Cora erschauderte bei diesem Gedanken und schloss die Augen. Nicht auszudenken, wenn Anja Spangenberg recht behalten sollte. Sie war froh, dass die Beamtin sie in diesem Moment nicht sehen konnte. Dann seufzte sie, bevor sie sagte: »Sie haben recht, Frau Spangenberg. Ich darf die Hoffnung nicht aufgeben. Und wie geht es jetzt weiter?«

»Was meinen Sie damit?«

»Damit meine ich vor allem eins: Wann kommt mein Mann wieder nach Hause?«

»Ach so. Nun, im Augenblick ist er noch in Regensburg. Ich wollte erst mit Ihnen Rücksprache halten und auf Nummer sicher gehen, bevor ich seine Überstellung nach München veranlasse. Aber da es nun ja geklärt ist, dass es sich um Ihren Mann handelt, steht dem natürlich nichts mehr im Wege. Ich werde sofort bei den Kollegen anrufen und den Transport organisieren. Freuen Sie sich also, Frau Eichholz, denn spätestens heute Abend können Sie Ihren Mann wieder in die Arme schließen.«

4

Doch Cora war nicht danach, sich zu freuen.

Im Gegenteil! Sobald sie das Gespräch mit der Polizistin nach ein paar abschließenden belanglosen Worten und den formelhaften Abschiedsgrüßen beendet hatte, wurde ihr furchtbar schlecht.

Sie warf das Telefon achtlos auf die Schreibtischplatte und rannte ins Bad, das zum Glück direkt neben ihrem Arbeitszimmer lag, denn eine weitere Strecke hätte sie vermutlich nicht geschafft, ohne eine Sauerei zu verursachen. Sie konnte gerade noch den Klodeckel nach oben reißen, bevor sie sich laut würgend übergeben musste.

Da in ihrem Kopf ein ebenso heilloses Durcheinander herrschte wie in ihrem aufgewühlten Magen, wusste sie nicht mehr, was sie heute gefrühstückt hatte. Doch egal, was es auch gewesen war, sie gab alles in einem einzigen heißen und übel riechenden Schwall von sich, den sie sich lieber nicht genauer ansah, sondern rasch beseitigte, indem sie auf den Spülknopf drückte.

Anschließend ließ sie sich erschöpft neben der Toilettenschüssel zu Boden sinken und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Badewanne. Ihre Übelkeit war verschwunden. Und auch das Chaos in ihrem Verstand lichtete sich allmählich, sodass sie wieder in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen.

Cora bewegte behutsam den Kopf hin und her, hinter dessen Stirn noch immer der Schmerz wütete, als die Gewissheit, dass Markus in wenigen Stunden nach Hause zurückkehren würde, allmählich in ihr Bewusstsein einsickerte und dort Wurzeln schlug. Obwohl es eine Tatsache war, konnte sie noch immer nicht glauben, dass er tatsächlich wieder aufgetaucht war, nachdem er vor drei Monaten von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden war, als hätte sich der Erdboden aufgetan und ihn verschluckt.

Und in der Tat sollte das, was gerade geschah, eigentlich absolut unmöglich sein, da ihr Mann tatsächlich vom Erdboden verschlungen worden war. Er sollte nämlich mausetot sein und in einem Grab mitten im Wald verrotten. Wie konnte er also unversehens drei Monate nach seinem Tod wieder auftauchen und bis auf den Komplettausfall seines Gedächtnisses wohlauf sein?

ZWEITES KAPITEL

1

Die Idee, ihren Mann umbringen und spurlos verschwinden zu lassen, war ihr vollkommen spontan zwei Wochen vor der Tat bei einem Treffen mit ihrem Geliebten gekommen.

Sascha Winkler arbeitete als Trainer in einem Fitnessstudio, war ein Meter neunzig groß und äußerst muskulös. Doch trotz all der Anabolika und anderen illegalen Muskelaufbaupräparate, die er in den letzten Jahren geschluckt hatte, um seinem Idol Arnold Schwarzenegger nachzueifern, war er von der Natur nicht nur mit einem Ehrfurcht gebietenden Geschlechtsorgan, sondern auch mit der Ausdauer eines Langstreckenläufers ausgestattet worden. Seine Defizite lagen eher im intellektuellen Bereich, denn unter der blonden Kurzhaarfrisur und zwischen den beiden großen, etwas abstehenden Ohren befand sich ein Gehirn, dessen IQ an guten Tagen allenfalls im oberen zweistelligen Bereich anzusiedeln war. Allerdings war er extrem zuverlässig, Cora treu ergeben und schweigsam. Eigenschaften, die seine Unzulänglichkeiten in ihren Augen mehr als ausglichen. Daher hatte Cora trotz seiner gedanklichen Trägheit letztendlich auch keinerlei Bedenken gehabt, ihn mit dem Mord an Markus zu beauftragen.

Doch daran hatte sie noch nicht einmal im Traum gedacht, als sie sich, wie so oft, seit sie sich acht Monate zuvor kennengelernt und ihre außereheliche Beziehung begonnen hatten, am späten Nachmittag in Saschas Wohnung zu einer schnellen Nummer trafen. Cora hatte wie immer nur wenig Zeit, weil sie noch das Abendessen zubereiten musste, bevor Markus von einem wichtigen Geschäftstermin nach Hause kam.

Der Sex war wie immer kurz, aber heftig gewesen, und Cora fühlte sich unmittelbar danach etwas erschöpft und wund, gleichzeitig aber auch in höchstem Maße ausgefüllt und befriedigt. Wie immer, wenn sie mit Sascha schlief, hatte sie das überwältigende Gefühl, viel lebendiger und präsenter als sonst zu sein. Denn obwohl Sascha nicht unbedingt die hellste Birne am Kronleuchter war, war er – zumindest was den Sex anging – sehr einfallsreich. Aber vielleicht kam es ihr auch nur so vor, weil der Geschlechtsakt mit ihrem Ehemann schon seit längerer Zeit eine eher langweilige und eintönige Angelegenheit war. Sofern sie überhaupt noch miteinander schliefen, was von Jahr zu Jahr immer seltener vorkam.

Während Cora schon wieder neben dem Bett stand und sich mit raschen Bewegungen anzog, lag Sascha noch immer auf dem Bett, wie der liebe Gott ihn unter großzügiger Zuhilfenahme anaboler Steroide erschaffen hatte, und sah ihr lächelnd zu.

Es war Ende Juni und schon sehr warm, doch nicht nur deshalb waren beide jetzt verschwitzt. Cora würde, sobald sie zu Hause war, erst einmal unter die Dusche springen, um neben dem Schweiß auch Saschas Geruch von ihrer Haut zu waschen. Aus diesem Grund beeilte sie sich auch mit dem Anziehen.

»Wir müssen uns unbedingt öfter und länger sehen«, sagte Sascha unvermittelt und seufzte, als Cora die Bluse schloss und ihm damit den Ausblick auf ihre großen, vollen Brüste verwehrte.

Obwohl Cora bereits siebenundvierzig Jahre alt und damit über zehn Jahre älter als der 35-jährige Bodybuilder war, war sie noch immer eine schöne und begehrenswerte Frau. Sie hatte schulterlanges und leicht gelocktes champagnerblondes Haar und ein ebenmäßiges, ovales Gesicht mit einer kleinen Stupsnase, von Natur aus vollen, glänzenden Lippen und großen, ausdrucksstarken blauen Augen. Mit ihrem schlanken Körper und ihrer Größe von eins vierundsechzig wirkte sie neben dem großen Fitnesstrainer allerdings zuweilen wie ein Kind an der Seite eines Erwachsenen.

Cora hörte auf, ihre Bluse zuzuknöpfen, hob den Kopf und sah Sascha nachdenklich an. Wenn sie ehrlich war, wollte sie bestimmt nicht den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen. Der Sex war zwar außergewöhnlich und genau das, was sie von Zeit zu Zeit dringend brauchte, um ihrem eintönigen und langweiligen Ehealltag zu entfliehen, doch zu einer echten Partnerschaft gehörte ihrer Meinung nach mehr als nur guter Sex. Und Sascha war nun einmal nicht der Typ, mit dem man mal eben tiefschürfende Gespräche über Politik, Bücher oder das Weltgeschehen führen konnte. Allerdings hätte auch sie nichts dagegen einzuwenden gehabt, sich öfter mit ihm zu treffen und mehr als nur die übliche halbe Stunde mit ihm zu verbringen.

»Und wie stellst du dir das vor?«, fragte sie und hob die Augenbrauen. »Du weißt doch, dass Markus die meiste Zeit zu Hause ist, sodass ich nicht einfach wegkann, wenn ich will. Und wenn er doch mal gelegentlich aus geschäftlichen Gründen wegmuss, was leider viel zu selten vorkommt, dann erfahre ich das immer erst kurz vorher und rufe dich so bald wie möglich an, um ein Treffen zu vereinbaren. Es ist so schon schwer genug, ohne dass Markus misstrauisch wird und uns irgendwann auf die Schliche kommt. Vor drei Wochen war er zum Beispiel schon wieder zu Hause, als ich von unserem Schäferstündchen zurückkam, und ich musste mir auf die Schnelle eine überzeugende Ausrede einfallen lassen, warum ich weg gewesen war.«

Sascha sah sie noch eine Weile mit ausdruckslosem Gesicht an, nachdem sie zu reden aufgehört hatte. Falls er irgendwelche Überlegungen anstellte, um eine Antwort auf ihre Frage zu finden, war ihm zumindest äußerlich nichts davon anzumerken. Dann zuckte er die Achseln und meinte: »Keine Ahnung. War ja auch nur so ‘ne Idee.«

Cora seufzte und schüttelte den Kopf. Das war mal wieder typisch Sascha. Erst kam er mit irgendwelchen Ideen oder Vorstellungen, und wenn man ihn fragte, wie er sich das eigentlich vorstellte, dann lautete seine Antwort meist: »Keine Ahnung.«

Dennoch hatte seine Bemerkung etwas in ihr ausgelöst, denn sie konnte nicht wie sonst einfach zur Tagesordnung übergehen. Stattdessen begann sie plötzlich tatsächlich darüber nachzudenken, wie man Saschas Vorschlag in die Tat umsetzen könnte. Während sie sich ihre Gedanken machte, setzte sie sich mit dem Rücken zu Sascha auf den Bettrand.

»Was ist los?«, fragte er, und sie konnte deutlich seine Irritation heraushören. Dass sie von ihren üblichen Gepflogenheiten abwich, sich nach dem Sex rasch anzuziehen und zu verschwinden, schien ihn zu verwirren. Sie spürte seine bratpfannengroße Hand, als er von hinten unter ihre Bluse fasste und überraschend zärtlich ihren Rücken streichelte. »Willst du etwa, dass ich es dir noch einmal besorge?«

»Nein!«, sagte Cora energisch. »Und jetzt halt gefälligst für ein paar Minuten den Rand, damit ich in Ruhe nachdenken kann.«

»Wie du willst.« Er zog seine Hand zurück, weil er vermutlich beleidigt war. Doch das würde nicht lange anhalten, wie sie aus Erfahrung wusste. Aber wenigstens blieb er still, wie sie es verlangt hatte, sodass sie nachdenken konnte.

Obwohl Markus und sie nun schon mehr als dreiundzwanzig Jahre verheiratet waren, wusste Cora noch immer nicht, womit ihr Mann eigentlich sein Geld verdiente. Einerseits hatte es sie nie sonderlich interessiert, andererseits hatte er auch stets ein Geheimnis daraus gemacht. Anfangs hatte sie zwar noch gelegentlich nachgefragt. Doch nachdem er ihr stets geantwortet hatte, dass sie sich darüber nicht ihr hübsches Köpfchen zerbrechen müsste und er schließlich genug Geld nach Hause bringen würde, um ihr ein angenehmes Leben zu ermöglichen und all ihre Wünsche zu erfüllen, hatte sie aufgegeben und sich damit abgefunden. Wichtig war ihr ohnehin immer nur gewesen, dass er tatsächlich, so wie er es versprochen hatte, eine Menge Geld verdiente.

Und das tat er auch. Obwohl Cora über ihre finanzielle Situation nicht Bescheid wusste, weil sich Markus um alles Geldangelegenheiten kümmerte, vermutete sie, dass sie ziemlich vermögend waren. Immerhin besaßen sie ein Haus im noblen Herzogpark, eine der exklusivsten Wohngegenden, die zum im Nordwesten von München gelegenen Stadtteil Bogenhausen gehörte. Die Villa besaß 16 Zimmer und war gewiss mehrere Millionen wert. Außerdem hatten sie einen ganzen Fuhrpark exklusiver Autos. Während sich Cora mit einem weißen Porsche 911 Turbo S Cabriolet zufriedengab, den ihr Markus zum zwanzigsten Hochzeitstag geschenkt hatte, hatte er die Wahl zwischen einem Ferrari 488 GTB, einem Porsche 918 Spyder, einem Mercedes-AMG GT S Coupé und einem BMW i8. Daneben besaßen sie ein Haus mit Seezugang und Bootshaus am Comer See.

Markus hatte also sein Versprechen gehalten und ermöglichte ihr ein angenehmes Leben, denn mithilfe ihrer Kreditkarte konnte sie ohne Limit einkaufen, was sie wollte, ohne auf den Preis achten zu müssen.

Allerdings wusste sie nicht, wie er dieses Geld verdiente. Sie wusste lediglich, dass er freiberuflich tätig war und seine Geschäfte, worin auch immer diese bestanden, von zu Hause aus erledigte. Meistens, wenn sie ihn in seinem großzügigen Arbeitszimmer im Erdgeschoss besuchte, sprach er gerade mit irgendwelchen Leuten am Telefon, verstummte allerdings sofort, sobald sie anklopfte, um seinen Gesprächspartner zu vertrösten und Cora hereinzubitten. Oder er starrte so konzentriert auf den Computermonitor, dass sie Mühe hatte, ihn auf sich und ihr jeweiliges Anliegen aufmerksam zu machen. Nur gelegentlich, ein- bis zweimal in der Woche, verließ er zu höchst unterschiedlichen Zeiten das Haus, um einen wichtigen geschäftlichen Termin wahrzunehmen, und blieb dann zwei bis vier Stunden, ganz selten auch einmal über Nacht weg.

Cora nahm an, dass Markus’ Tätigkeit mit dem Handel von Aktien zu tun hatte, denn wo sonst konnte man von zu Hause aus so viel Geld verdienen. Aber wie gesagt, es war ihr nie wichtig gewesen, genauer darüber Bescheid zu wissen, solange der Rubel weiterhin rollte und sie sich nicht einschränken musste.

Allerdings machte es ihr die Tatsache, dass Markus fast ständig zu Hause war und nur gelegentlich für wenige Stunden wegging, schwer, sich mit ihrem Liebhaber zu treffen. Da sie nicht vorhersehen konnte, wann Markus das Haus verließ, und es in der Regel erst kurz vorher erfuhr, konnte sie ihre Treffen mit Sascha nicht im Voraus planen, sondern musste flexibel sein. Und falls Sascha gerade keine Zeit hatte, weil er im Fitnessstudio arbeiten musste, dann ging es eben nicht. Und selbst wenn es klappte und sie sich bei ihm treffen konnten, musste es immer schnell gehen, weil sie nicht wusste, wie lange Markus heute wegbleiben würde.

So war es schon ein paarmal vorgekommen, dass sie noch unter der Dusche gestanden hatte, als er zurückgekommen war. Auf seine Frage, warum sie mitten am Tag duschte, hatte sie ihm vorgelogen, dass sie im Fitnessstudio gewesen wäre und keine Lust gehabt hätte, dort zu duschen. Und einmal war er schon da gewesen, als sie völlig verschwitzt heimgekommen war. Erneut hatte sie behauptet, sie wäre im Fitnessstudio gewesen und hätte im Anschluss sofort nach Hause gewollt, um zu sehen, ob er schon wieder zurück wäre. Cora hielt sich zwar für eine ausgezeichnete Lügnerin, hatte allerdings befürchtet, Markus könnte Saschas Geruch oder den Duft nach Sex an ihr riechen. Doch er hatte nichts davon bemerkt und sich gefreut, dass sie sogar im Fitnessstudio an ihn gedacht hatte. Anschließend hatte er ihr einen Kuss auf die verschwitzte Stirn gegeben, bevor er wieder in seinem Arbeitszimmer verschwunden war, um weiter seinen ertragreichen Geschäften nachzugehen.

Cora war klar, dass ihr außereheliches Verhältnis längst aufgeflogen wäre, wenn Markus nur ein wenig misstrauischer und aufmerksamer gewesen wäre. Doch er schöpfte trotz allem nicht den geringsten Verdacht, weil er sich vermutlich überhaupt nicht vorstellen konnte, dass seine Frau Verlangen nach einem anderen Mann haben könnte. Schließlich bot er ihr alles, was sich eine Frau nur wünschen konnte. Sie lebte im Überfluss, musste sich keine Sorgen um ihr Wohlergehen und ihre Zukunft machen und nicht selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen, sondern konnte ihren eigenen Interessen nachgehen – in ihrem Fall neben dem Fitnesstraining die Malerei, die sie in einem eigenen Atelier im Dachgeschoss betrieb.

Dass eine Frau ein bisschen mehr als nur ein schönes Heim und Wohlstand haben wollte, schien ihm hingegen nie in den Sinn gekommen zu sein.

Kinder beispielsweise, doch davon hatte Markus von Anfang an nichts wissen wollen, und Cora hatte sich damit – wie mit vielen Dingen, über die sie hinweggesehen hatte – irgendwann abgefunden.

Oder tollen, die Sinne vernebelnden, manchmal auch harten Sex. Und an diesem Punkt war Sascha ins Spiel gekommen, der letztendlich auch den Anstoß für ihre jetzigen Überlegungen gegeben hatte, denn sie dachte noch immer darüber nach, wie sie mehr Zeit mit ihm verbringen konnte.

Doch so sehr sie sich auch den Kopf zermarterte, ihr fiel keine Lösung ein. Denn wie sollte sie Markus dazu bringen, mehr Zeit außer Haus zu verbringen, oder ihm erklären, warum sie so oft und lange weg war? Es war im Grunde die Quadratur des Kreises und daher unmöglich.

Die einzige Möglichkeit, die ihr einfiel, bestand darin, ihn einfach umzubringen. Aber das war natürlich vollkommen absurd!

Aber ist es das tatsächlich?

Coras Überlegungen kamen an diesem Punkt abrupt zum Stillstand, als wäre ihr Verstand gegen ein Hindernis geprallt, denn es irritierte sie, dass sie den Gedanken, ihren Ehemann zu töten, nicht augenblicklich verworfen hatte, sondern sogar einen zweiten und dann auch noch einen dritten Gedanken daran verschwendete.

Schließlich hatte sie Markus noch nie zuvor den Tod gewünscht, noch nicht einmal dann, wenn sie richtig wütend auf ihn gewesen war. Schließlich war er ihr stets ein guter und – soweit sie wusste – treuer Ehemann gewesen. Er sorgte wie versprochen für sie, las ihr nahezu jeden Wunsch von den Augen ab und hatte sie noch nie geschlagen, ja, noch nicht einmal die Hand gegen sie oder die Stimme erhoben. Er war lediglich etwas zu dominant und bestimmte den Großteil ihres Lebens, aber damit konnte man leben.

Dennoch …

Die fixe Idee, ihn umzubringen, hatte sich bereits hartnäckig in ihr festgesetzt. Und sosehr sie sich auch einzureden versuchte, dass es absurd und falsch und gesetzeswidrig wäre, diesen Gedanken weiterzuspinnen, geschweige denn ihn auch noch in die Tat umzusetzen, schaffte sie es nun nicht mehr, ihn wieder loszuwerden. So wie der berühmte Zauberlehrling die Kräfte nicht mehr beherrschen konnte, die er in seiner Überheblichkeit entfesselt hatte, so konnte sie nun den Gedanken an einen Ehegattenmord nicht mehr in die Schublade zurücklegen, aus der sie ihn leichtfertig hervorgeholt hatte.

Und vielleicht soll es ja auch so sein.

Möglicherweise hatte sie schon länger unterbewusst mit diesem Gedanken gespielt, und Saschas Bemerkung war nur der Auslöser gewesen, der ihn in ihr bewusstes Denken katapultiert hatte. Denn obwohl sie alles hatte, wovon eine Frau nur träumen konnte, fühlte sie sich gleichwohl wie in einem goldenen Käfig eingesperrt und nicht richtig lebendig. Nur wenn sie mit Sascha zusammen war, fühlte sie sich voller Leben und wieder wie die alte Cora, die sie gewesen war, bevor sie Markus kennengelernt und geheiratet hatte.

Aber gab es denn gar keine Alternativen? Musste es wirklich unbedingt Mord sein?

Sie erwog natürlich auch eine Scheidung, doch diese legale Möglichkeit, eine Ehe zu beenden, war letztendlich auch nicht sehr überzeugend. Schließlich hatte sie dummerweise einen Ehevertrag unterschrieben und darin auf so ziemlich alle Ansprüche gegenüber ihrem Ehemann verzichtet. Nach einer Scheidung wäre es also definitiv vorbei mit dem Reichtum, dem Porsche und dem schönen Leben. Und dabei hatte sie sich sosehr daran gewöhnt, dass sie in Zukunft nur äußerst ungern darauf verzichten wollte. Also war Scheidung keine wirkliche Option.

Doch was blieb ihr dann?

Scheidung auf sizilianische Art?

Cora schüttelte den Kopf, als ihr klar wurde, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihren Ehemann zu ermorden, wenn sie endlich frei und nicht länger wie ein Vogel im goldenen Käfig sein wollte. Und der Gedanke an ihre Freiheit hatte sich bereits so hartnäckig in ihrem Denken festgesetzt, dass sie ihn nun nicht mehr so einfach abschütteln konnte.

»Ich weiß, wie wir uns öfter sehen können.«

»Was?«, fragte Sascha, der möglicherweise eingeschlafen war oder zumindest vor sich hin gedöst hatte, sodass er nicht mehr wusste, wovon sie vor wenigen Augenblicken noch geredet hatten. »Wovon sprichst du?«

Sie wandte den Kopf und sah ihn von Kopf bis Fuß an. Was sie sah, gefiel ihr ausgesprochen gut, und sie spürte, wie ihre sexuelle Erregung erneut erwachte. Doch als sie ihm ins Gesicht sah, das ihren Blick mit einem leicht belämmerten, begriffsstutzigen Ausdruck erwiderte, war sie sich nicht mehr sicher, ob Sascha überhaupt ein Teil ihres neuen Lebens sein würde, das beginnen sollte, sobald sie Markus aus dem Weg geschafft hatten.

Ihr wurde jäh bewusst, dass aus dem vagen Gedanken von vorhin mit einer Schnelligkeit, die sie selbst verblüffte, im Nullkommanichts ein festes Vorhaben geworden war. Und sie empfand dabei nicht einmal die geringsten Skrupel oder Gewissensbisse. Vermutlich hatte sie irgendwann während ihrer Ehe aufgehört, Markus gern zu haben, ohne dass es ihr selbst bewusst geworden war, sonst könnte sie jetzt nicht so kaltherzig darüber nachdenken, ihn um die Ecke zu bringen.

»Cora? Alles in Ordnung?«

Ihr wurde bewusst, dass sie Sascha angestarrt hatte, während ihr diese Gedanken durch den Kopf gegangen waren. Sie nickte. »Keine Angst, mit mir ist alles in Ordnung.« Sie lächelte und fügte hinzu: »Mit mir ist sogar alles in bester Ordnung.«

»Was meintest du vorhin damit, dass du weißt, wie wir uns öfter sehen können?« Der Gedanke schien ihm zu gefallen, denn er sah sie erwartungsvoll an.

Sie lächelte noch immer, während sie Saschas fragenden Blick erwiderte. Doch es war ein unechtes Lächeln, das nur ihre Lippen krümmte, während ihre Augen dabei unbeteiligt und kalt blieben.

Cora sah, dass Sascha unter diesem Blick erschauderte und unwillkürlich nach der Decke griff, um seine Blöße zu bedecken. Der Mann würde zwar in ihrer Zukunft keine so große Rolle wie bisher spielen, doch momentan benötigte sie ihn noch, um ihren Plan, der allmählich Gestalt anzunehmen begann, in die Hand umsetzen zu können.

»Wenn wir mehr Zeit miteinander verbringen wollen, dann erreichen wir das nur, indem wir Markus aus dem Weg räumen.«

2

»Aus dem Weg räumen?«, fragte er und machte ein Gesicht, das voller Fragezeichen war, während er sich unbewusst im Schritt kratzte. »Was meinst du damit, Cora?«

Was wohl, du Idiot?, hätte sie ihn am liebsten gefragt, doch sie widerstand dem Impuls und schluckte ihre gehässige Gegenfrage hinunter. Schließlich wäre es kontraproduktiv, ihn zu beleidigen, wenn sie ihn anschließend dazu bringen wollte, für sie einen Mord zu begehen.

»Denk doch mal nach!«, sagte sie also stattdessen. »Schließlich bist du nicht auf den Kopf gefallen, oder?«

Er freute sich über das ungewohnte Lob und grinste. »Das stimmt« Er verzog das Gesicht zu einer Miene höchster Konzentration, als er ihren Vorschlag befolgte und tatsächlich nachdachte. Plötzlich – es war der Moment, als bei ihm der Groschen fiel, und Cora glaubte sogar, den Aufprall der Münze hören zu können – riss er die Augen weit auf und sah sie an. »Du meinst doch nicht etwa, dass wir …« Er verstummte, bewegte aber weiterhin die Lippen, um den Rest des Satzes lautlos zu beenden, als fürchtete er, sie könnten belauscht werden.

Cora nickte. »Genau das meine ich.«

»Aber …«

Sie streckte die Hand aus und legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen, sodass er erneut – dieses Mal jedoch unfreiwillig – verstummte.

»Pst! Ich will jetzt kein Aber von dir hören! Ich will nur wissen, ob du dabei bist oder nicht.«

Er sah sie aus großen Augen an und schien erneut angestrengt nachzudenken. Als er allerdings wieder den Mund öffnen wollte, um etwas zu sagen, presste sie ihm mit Daumen und Zeigefinger die Lippen aufeinander.

»Es ist deine Entscheidung, Sascha. Wenn dir die Sache zu heikel, zu gefährlich oder auch nur zu schwer erscheint, dann ist das jetzt der richtige Zeitpunkt für dich, um es zu sagen und auszusteigen, noch bevor ich dir Einzelheiten meines Plans erzähle. Das wäre für mich kein Problem. Allerdings müsste ich mir dann jemand anderen suchen.« Seine Lippen bewegten sich, als wollte er etwas sagen. Zweifellos hatte ihm ihre Drohung, sich an jemand anderen zu wenden und ihn in Zukunft außen vor zu lassen, einen gehörigen Schrecken eingejagt. Doch Cora ließ nicht los, denn sie war noch nicht fertig. »Wenn du allerdings dabei sein und gemeinsam mit mir diese Sache durchziehen willst, dann machst du von nun an genau das, was ich dir sage. Und außerdem gibt es von diesem Punkt an auch kein Zurück mehr. Hast du mich verstanden?« Sie ließ seine Lippen los und zog die Hand zurück.

Sascha schluckte, doch dann nickte er. »Ja«, sagte er, und sein Nicken wurde immer heftiger. »Ja. Ich hab verstanden.«

»Und? Wie entscheidest du dich nun?«

Er nickte noch immer wie ein überdrehtes, außer Kontrolle geratenes Aufziehspielzeug. »Ich bin natürlich dabei! Ich sagte doch, dass wir mehr Zeit verbringen sollten. Und wenn das nur auf diesem Weg möglich ist, dann ziehen wir das eben durch, verdammt noch mal.«

Cora lächelte, griff unter die Decke und streichelte sein Glied, das augenblicklich auf die Berührung reagierte und sich versteifte. »So gefällst du mir, mein Tiger.«

Er imitierte das Fauchen einer Raubkatze, auch wenn es eher wie ein asthmatischer Hamster klang, und wollte nach ihr greifen. Doch sie entzog sich dem Zugriff seiner riesigen Hände geschickt, stand auf und schloss die restlichen Knöpfe ihrer Bluse.

»Hey!«

»Dafür haben wir jetzt leider keine Zeit«, sagte sie mit einem bedauernden und gleichzeitig verheißungsvollen Blick. »Ich muss los, denn ich bin eh schon spät dran.«

»Und was ist mit deinem Plan, deinen Mann … Na, du weißt schon.«

Sie schlüpfte in ihre Schuhe und nahm ihre Prada-Handtasche vom Nachtschränkchen. »Ich erzähle dir von meinem Plan, sobald wir uns das nächste Mal sehen. Ich muss mir ohnehin erst noch ein paar Gedanken darüber machen.« Sie wackelte zum Abschied mit den Fingern, bevor sie sich abwandte und das Schlafzimmer verließ.

Sobald sie in ihrem Wagen saß und auf dem Weg nach Hause war, dachte sie darüber nach, wie sie ihr Vorhaben verwirklichen konnten, ohne all die dummen Fehler zu begehen, die so vielen anderen vor ihnen schon zum Verhängnis geworden waren. Schließlich wollte sie durch die Tat mehr Freiheit haben und nicht das Gegenteil erreichen und die nächsten Jahre im Gefängnis verbringen.

Doch sie musste sich gar nicht so viele Gedanken machen. Die Entscheidung, Markus umzubringen, die zunächst nur ein plötzlicher vager Einfall gewesen war, der sie im Grunde selbst überrascht hatte, war wie ein Same, der in ihrem lebhaften Verstand auf fruchtbaren Boden gefallen war und nun prächtig gedieh und heranreifte. Er wuchs mit geradezu phänomenaler Geschwindigkeit und entwickelte sich fast von allein zum vollständigen und ausgereiften Plan des perfekten Mordes. Denn der perfekteste Mord war in ihren Augen derjenige, den niemand als solchen erkannte.

Als sie fünfzehn Minuten später ihren Wagen in die große Garage neben dem Haus fuhr, wusste sie bereits ganz genau, wie sie Markus im wahrsten Sinne des Wortes vom Angesicht der Erde verschwinden lassen würden, sodass hinterher nicht der geringste Verdacht auf sie fiel.

Denn ohne Leiche auch kein Mord! Und ohne Mord keine Gefängnisstrafe!

3

Ihr Plan war einerseits höchst effektiv, andererseits aber auch bewusst einfach gehalten, da Cora der Ansicht war, dass einfache Pläne von Haus aus weniger Fehlerquellen beinhalteten. Je komplizierter und verzwickter ein Vorhaben war, desto eher übersah man etwas und machte einen unverzeihlichen Fehler. Außerdem mussten der Plan und insbesondere Saschas Beteiligung daran so einfach und schlicht gestaltet sein wie möglich, damit auch er problemlos damit zurechtkam. Schließlich war er der Hauptakteur, der die Drecksarbeit zu erledigen hatte, während sie sich dezent im Hintergrund hielt, um nicht in Verdacht zu geraten.

Das Wichtigste war für sie daher zunächst, dass sie sich ein wasserdichtes Alibi verschaffte, denn selbstverständlich würde nach Markus’ Verschwinden der Verdacht sofort auf sie fallen. Deshalb beschloss sie, am übernächsten Wochenende für ein paar Tage zu ihren Eltern nach Norddeutschland zu fahren. Zufälligerweise feierte ihr Vater an diesem Sonntag seinen dreiundsiebzigsten Geburtstag. Normalerweise hätte sie nur ein sündteures Geschenk geschickt und kurz angerufen, da das Verhältnis zu ihren Eltern nicht das Allerbeste war. Doch nun kam ihr diese Gelegenheit wie gerufen, da es ihr einen triftigen und unverdächtigen Grund verschaffte, von hier wegzukommen, während Sascha seinen Löwenanteil an ihrem Plan verwirklichte.

»Warum kommst du nicht mit?«, fragte Cora ihren Mann, nachdem sie ihm vier Tage nach dem Treffen mit ihrem Geliebten beim gemeinsamen Abendessen mitgeteilt hatte, dass sie zum Geburtstag ihres Vaters fahren wollte. »Eine Pause würde dir auch mal guttun. Nicht immer nur in deinem Arbeitszimmer hocken und Geld verdienen.«

Seitdem sie sich dazu entschlossen hatte, ihn umzubringen, konnte sie es kaum erwarten, dass es endlich geschah. Dennoch verhielt sie sich ihm gegenüber wie immer und war überzeugt, dass sie ihre Sache gut machte und er keinen Verdacht schöpfte. Vermutlich war an ihr eine begnadete Schauspielerin verloren gegangen.

»Ich dachte, du magst das Geld, das ich verdiene.«

Seine Antwort versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Autsch! Hielt er sie etwa für geldgierig? Doch sie ließ sich nichts anmerken und lachte, als fände sie seine Bemerkung amüsant. »Sicher mag ich Geld, wer tut das nicht. Aber wir haben doch schon so viel.«

»Geld kann man nie genug haben«, sagte er und offenbarte damit, dass er mindestens ebenso geldgierig war, bevor er einen Schluck von dem sündhaft teuren Rotwein nahm, den er am liebsten trank.

»Das heißt dann wohl, dass du nicht mitfährst?«

Markus nickte. »Tut mir leid, Schatz, aber momentan kann ich hier beim besten Willen nicht weg. Es gibt ein paar wichtige geschäftliche Angelegenheiten, um die ich mich persönlich kümmern muss. Aber richte deinen Eltern schöne Grüße von mir aus.«

»Das mache ich natürlich, Schatz.«

Innerlich triumphierte Cora, denn das war genau die Antwort, die sie hatte hören wollen. Sie erwiderte sein Lächeln und sah einen todgeweihten Mann vor sich, der allerdings noch nicht ahnte, was auf ihn zukam. Sie forschte in ihrem Inneren, ob sie irgendwo ein Gefühl des Bedauerns oder der Trauer entdecken konnte, fand jedoch nichts. Deshalb fragte sie sich, ob sie ihn jemals wirklich gemocht oder sich nur eingeredet oder eingebildet hatte, sie würde es tun.

Doch dann zuckte sie nur mit den Schultern und griff nach ihrem gerührten Martini, denn letzten Endes war es ohnehin egal, weil sich diese Frage allerspätestens in zehn Tagen überhaupt nicht mehr stellte.

4

Eine Woche später verabschiedete sich Cora von Markus, nachdem er ihren Koffer im Porsche verstaut hatte.

»Fahr vorsichtig«, sagte er, umarmte sie und gab ihr einen Kuss.

Sie erwiderte den Kuss mit erheblich mehr Leidenschaft, als sie empfand, tröstete sich aber gleichzeitig mit dem Gedanken, dass es ohnehin das letzte Mal wäre, denn seit sie beschlossen hatte, ihn zu ermorden, erfüllte sie jede seiner Berührungen mit Ekel und Widerwillen. Doch erneut ließ sie sich nichts von ihren wahren Gefühlen anmerken und machte stattdessen gute Miene zum bösen Spiel.

»Mach ich«, sagte sie und befreite sich sanft aus seiner Umarmung. »Aber jetzt muss ich wirklich los, schließlich ist es eine lange Fahrt.«

»Mit dem Wagen schaffst du die Strecke im Nullkommanichts.« Er öffnete für sie die Fahrertür und ließ sie einsteigen. »Und die Strafzettel, die du bekommst, zahlen wir aus der Portokasse.«

Sie lachte und startete den Wagen, der mit einem satten Brummen ansprang. Das mit den Strafzetteln war eigentlich eine gute Idee, denn auf diese Weise konnte sie neben den Aussagen ihrer Eltern ihr Alibi erhärten. Wieso war sie nicht darauf gekommen? »Ich ruf dich an, wenn ich angekommen bin. Und was ist mit morgen Abend? Bist du da zu Hause?«

Er nickte. »Wie schon gesagt, muss ich mich um geschäftliche Dinge kümmern. Ansonsten habe ich nichts vor. Ich werde also hier sein.«

»Dann ruf ich dich morgen Abend um zehn noch einmal an.«

»Okay. Und grüß deine Eltern von mir.«

Sie nickte lächelnd, dann wandte sie den Blick nach vorn und fuhr über die gepflasterte Einfahrt zum zweiflügeligen Tor, das tagsüber offen stand. Bevor sie vom Grundstück auf die Straße fuhr, sah sie noch einmal in den Rückspiegel. Markus stand noch immer mit erhobener Hand an derselben Stelle und winkte. Sie hob die Hand und erwiderte sein Winken. Ihr wurde bewusst, dass sie ihn in diesem Augenblick zum letzten Mal sah. Sie spürte einen kurzen Stich des Bedauerns, der jedoch schnell verging, als sie sich vergegenwärtigte, was sie durch den Mord alles gewinnen würde. Dann richtete sie den Blick wieder entschlossen nach vorn und gab Gas, um die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen.

Als sie drei Tage später abends zurückkehrte, war das Haus leer und Markus spurlos verschwunden. Am Tag darauf griff sie zum Telefon, rief die Polizei an und meldete ihn als vermisst.

Zunächst rechneten die Beamten der Kriminalpolizei angesichts ihres Reichtums mit einer Entführung, doch als sich kein Einführer meldete, um ein hohes Lösegeld zu fordern, wurde die Angelegenheit vierzehn Tage später der Vermisstenstelle übergeben. Schließlich lagen auch nicht die geringsten Anhaltspunkte für eine Straftat vor, und das Alibi der Ehefrau, die in derartigen Fällen vermutlich zuerst und manchmal auch nicht zu Unrecht verdächtigt wurde, war wasserdicht. Deshalb gingen alle davon aus, dass Markus aus eigenem Antrieb und freiwillig verschwunden war.

Damit ging Coras voll Rechnung auf, und sie freute sich, dass ihr Plan so gut funktioniert hatte.

Doch wie es aussah, hatte sie sich zu früh gefreut, denn ihr Ehemann war gar nicht tot, sondern plötzlich wieder in ihrem Leben aufgetaucht.

DRITTES KAPITEL

1

Als Cora von ihrem mentalen Ausflug in ihre Erinnerungen zurückkehrte, als erwachte sie aus einem Traum, saß sie noch immer im Bad neben der Toilettenschüssel und ließ ihren rechten Zeigefinger auf ihrer Kopfhaut kreiseln, sodass sich ihre langen Haare darum wickelten. Es war eine Angewohnheit, die sie sich einfach nicht abgewöhnen konnte, sosehr und sooft sie es auch versuchte, und die sie vor allem immer dann unbewusst ausführte, wenn sie unter starkem, emotionalem Stress stand.

Sie befreite ihren Zeigefinger, dessen Spitze dunkel war, weil sich das Blut darin gestaut hatte, und stand auf. Dann stellte sie sich vor das Waschbecken und erwiderte den Blick ihres seitenverkehrten Ebenbilds im Spiegel. Was sie sah, gefiel ihr allerdings ausnahmsweise nicht so besonders.

Ihr Haar war an der Stelle zerzaust, an der sie es um ihren Finger gewickelt hatte. Außerdem war sie blasser als sonst und hatte leicht gerötete, wässrige Augen, als wäre sie ernsthaft erkrankt. Und zu allem Überfluss hing auch noch ein Spritzer Erbrochenes an ihrem Kinn.

Sie verzog angewidert das Gesicht und schüttelte den Kopf, weil es Zeit wurde, dass sie sich nicht so gehen ließ und ein ernstes Wort mit sich selbst sprach.

Na schön, dann war Markus also wieder aufgetaucht. Und wenn schon? Das war schließlich kein Weltuntergang. Nach Angaben der Polizistin von der Vermisstenstelle hatte er nämlich sein Gedächtnis verloren. Also wusste er auch nicht mehr, was mit ihm passiert war. Und selbst wenn er seine Erinnerungen irgendwann zurückerlangte, würde er den Mordversuch nicht mit ihr in Verbindung bringen. Schließlich war sie weit weg gewesen und hatte eines der besten Alibis, die man sich nur wünschen konnte.

Und während Coras Abwesenheit war eben ein Unbekannter ins Haus eingedrungen, als Markus gerade im Arbeitszimmer auf Coras Anruf gewartet hatte, und hatte ihren Ehemann erwürgt. Anschließend hatte der Fremde die Leiche in den Ebersberger Forst gebracht, einem ausgedehnten Waldgebiet fünfundzwanzig Kilometer von München entfernt, und dort verscharrt.

So war es zumindest von ihr geplant gewesen, und genau so hätte Sascha es auch ausführen sollen. Was war also passiert, dass Markus noch immer am Leben war und so unerwartet und unwillkommen wie ein nächtlicher Albtraum wieder auf der Bildfläche erschien?

Hatte Sascha ihn gar nicht getötet, wie er es ihr gegenüber hinterher behauptet hatte? Aber wieso nicht? Und wo war Markus seitdem gewesen? War er in der Gegend herumgeirrt, nachdem er im Wald ohne jegliche Erinnerung wieder zu sich gekommen war, und schließlich in Regensburg gelandet, um dort bei einem Ladendiebstahl erwischt zu werden und wieder in ihr Leben zurückzukehren?

Cora spürte den Impuls, nach unten zu gehen und zum Telefon zu greifen, um Sascha sofort anzurufen und zur Rede zu stellen. Doch ihr wurde sofort klar, dass dies das Verkehrteste wäre, was sie tun könnte.

Erstens hatte sie mit ihm eine Funkstille von einem halben Jahr vereinbart. Denn wenn niemand sie zusammen sah, würde auch niemand argwöhnen, Sascha könnte etwas mit dem Verschwinden ihres Mannes zu tun haben. Wenn er hingegen ein halbes Jahr nach Markus’ Verschwinden auftauchte, wäre das viel unverdächtiger, schließlich konnte niemand erwarten, dass sie ihrem verschollenen Mann ein Leben lang hinterherweinte.

Zweitens hegte sie trotz des Fotos, das ihr die Ermittlerin per Mail geschickt hatte, urplötzlich den Verdacht, das Ganze könnte eine ausgeklügelte Falle der Polizei sein. Vielleicht verdächtigte man sie trotz all ihrer raffinierten Vorsichtsmaßnahmen und wollte sie auf diese Weise aus der Reserve locken und dazu verleiten, einen Fehler zu begehen.

Aber nicht mit mir, Freunde!

Coras Spiegelbild grinste sie an, während sie sich vornahm, sich weiterhin extrem vorsichtig zu verhalten und nach Möglichkeit keine vermeidbaren Fehler zu begehen. Ob die Polizei sie tatsächlich verdächtigte und auszutricksen versuchte, wusste sie nicht mit Sicherheit, sie beschloss allerdings, bis auf Weiteres so zu tun, als wäre das der Fall. Doch dazu musste sie einen kühlen Kopf bewahren und durfte nicht in Panik verfallen.

Die überraschende Mitteilung von Anja Spangenberg, ihr Mann, den sie in einem Grab im Wald gewähnt hatte, sei wieder aufgetaucht, hatte ihr einen Schock versetzt und für eine Weile ihren gesunden Menschenverstand ausgeschaltet. Das durfte nicht noch einmal geschehen. Schließlich war es ja nicht so, als wäre Markus von den Toten wiederauferstanden und ein verfluchter Zombie. Nein, für sein Wiederauftauchen musste es eine normale, rationale Erklärung geben. Und die musste sie herausfinden, bevor sie sich überhaupt daranmachen konnte, die nächsten Schritte in Angriff zu nehmen.

Die wichtigste Frage war daher ganz einfach und lautete momentan wie folgt: Aus welchem Grund war Markus nicht tot?

Und da Sascha nicht hier war, um ihr Rede und Antwort zu stehen, gab es für sie eigentlich nur eine Möglichkeit, wie sie rasch Licht ins Dunkel bringen konnte.

2

Nachdem sie sich das Gesicht gewaschen und die Zähne geputzt hatte, um den ekelerregenden Geschmack nach Erbrochenem loszuwerden, ging Cora eilig zurück in ihr Arbeitszimmer.

Markus und sie hatten schon immer getrennte Schlafzimmer gehabt, da Markus’ Schnarchen zeitweise die Lautstärke eines Presslufthammers erreichte und Cora von Haus aus einen leichten Schlaf hatte. Zwei Dinge, die unvereinbar waren. Und als sie dann vor sechzehn Jahren in dieses Haus gezogen waren, das über weit mehr Zimmer verfügte, als sie benötigten, weil sie keine Kinder hatten, hatte Cora neben ihrem Schlafzimmer und dem Atelier im Dachgeschoss auch noch ein eigenes, kleines Arbeitszimmer bekommen, in dem sich neben dem Schreibtisch mit ihrem Laptop und mehreren Regalen unter anderem auch ein Wandtresor befand.

Cora nahm das Bild – eine limitierte Farblithografie von Pablo Picasso – von der Wand, hinter dem sich der Tresor verbarg, und lehnte es am Boden gegen die Wand. Anschließend tippte sie den sechsstelligen Code, den nicht einmal Markus gekannt hatte, in die LED-Tastatur, drückte zur Bestätigung die Taste mit dem Rautenzeichen und drehte den Metallklappgriff, um die Safetür zu öffnen.

Im Tresor befanden sich ihre persönlichen wichtigen Unterlagen, ihre Sparbücher, etwas Bargeld für den Notfall und ihr Schmuck. Doch all das interessierte sie momentan nicht. Worauf sie es abgesehen hatte, lag auf der rechten Seite im oberen Fach. Sie griff danach und schloss die Tresortür wieder, verzichtete aber vorerst darauf, das Bild wieder davor aufzuhängen.

Sie wandte sich um und ging zum Schreibtisch. Das Display des Laptops war noch immer aufgeklappt und der Rechner in Betrieb. Cora nahm hinter dem Schreibtisch Platz und öffnete das Speicherkarten-Etui, das sie dem Tresor entnommen hatte. Im Innern befanden sich zwei Speicherkarten, die lediglich mit den Ziffern 1 und 2 beschriftet waren. Sie nahm die Karte mit der 1 und schob sie in das Kartenlesegerät des Laptops.

Die Daten wurden eingelesen, dann öffnete sich auf dem Bildschirm ein Menü mit mehreren Auswahlmöglichkeiten. Cora entschied sich für die Option, die es ihr erlaubte, den Ordner zu öffnen, um die Dateien anzuzeigen. Einen Augenblick später öffnete sich ein Fenster, und Cora hatte den Inhalt des Datenträgers vor sich. Es gab jedoch nur eine einzige Datei, und bei dieser handelte es sich um eine Videodatei.

Cora doppelklickte auf die Datei, die den unverfänglichen Namen »Film1« trug, und wartete dann ungeduldig darauf, dass die Aufnahme abgespielt wurde.

3

Schon als Cora damals den Plan zur Ermordung ihres Ehemanns und anschließenden Beseitigung der Leiche gefasst hatte, war ihr bewusst gewesen, dass Sascha früher oder später zum Problembären werden könnte.

Sie konnte sich nämlich partout nicht vorstellen, mit ihm den Rest ihres Lebens zu verbringen und alt zu werden. Als Liebhaber und gelegentlicher Sexualpartner war er aufgrund seiner körperlichen Vorzüge unschlagbar, doch als Lebenspartner wegen seiner intellektuellen Defizite vermutlich ein Reinfall.

Die entscheidende Frage hatte also gelautet: Wie sollte sie sicherstellen, dass Sascha sie nicht mit seinem Wissen erpresste, wenn sie seiner irgendwann müde wurde und ihm den Laufpass gab. Schließlich hatte er sie in der Hand, denn er brauchte der Polizei nur einen anonymen Hinweis auf den Ort im Ebersberger Forst zu geben, an dem er Markus verscharrt hatte, und einfach behaupten, Cora hätte ihren Mann umgebracht. Sie hatte zwar ein Alibi für den Tattag, doch wenn der genaue Tatzeitpunkt nach mehreren Monaten in der Erde möglicherweise gar nicht mehr feststellbar war, war dieses Alibi nicht mehr viel wert. Sie wiederum konnte dann im Gegenzug schlecht auf Sascha zeigen und ihn des Mordes bezichtigen, ohne ihre eigene Mittäterschaft zu offenbaren. Denn wie sollte sie sonst den Mörder kennen, wenn sie ihn nicht selbst mit dem Mord beauftragt oder ihm – beispielsweise indem sie ihm einen Ersatzschlüssel gegeben und den Code für die Alarmanlage verraten hatte – sogar dabei geholfen hatte.

Um dem vorzubeugen, hatte sie, bevor sie zu ihren Eltern gefahren war, zwei kabellose Miniatur-Überwachungskameras besorgt und an unauffälligen Stellen in der Wohnung deponiert. Die Kameras schalteten sich zu einem zuvor von ihr einprogrammierten Zeitpunkt ein, filmten alles, was sich in den nächsten Stunden vor ihren Weitwinkel-Objektiven abspielte, in bester HD-Qualität und speicherten die Aufnahmen auf den Micro-SD-Karten.

Von den Kameras und den Aufnahmen hatte sie Sascha natürlich nichts erzählt. Sie wollte ihn erst dann damit konfrontieren, wenn es irgendwann notwendig werden sollte, um ihn davon abzuhalten, Dummheiten zu begehen. Immerhin würden die Aufnahmen beweisen, dass Sascha in jener Nacht in ihr Haus eingedrungen war und Markus umgebracht hatte. Und Beweise, dass sie ihn dazu angestiftet oder auch nur dazu ermutigt hatte, gab es hingegen nicht.

Doch so, wie es jetzt, nach dem Anruf der Ermittlerin aussah, hatte Sascha überhaupt keinen Mord begangen, sondern allenfalls einen gescheiterten Mordversuch.

Cora hatte sich die Aufnahmen bislang noch gar nicht angesehen. Sie hatte zwar erstaunlicherweise keinerlei Skrupel dabei empfunden, den Mann umbringen zu lassen, mit dem sie seit mehr als zwei Jahrzehnten liiert war, doch bei dem Gedanken, den Mord mitansehen zu müssen, hatte sie ein mulmiges Gefühl.

Doch nun führte aufgrund der neuesten Entwicklungen kein Weg daran vorbei. Sie musste sich die Aufnahmen ansehen, um zu überprüfen, was damals hier im Haus geschehen war und warum Sascha versagt hatte.

Denn ihr gegenüber hatte er behauptet, dass die Sache erledigt und alles nach Plan gelaufen wäre, als sie ihn auf der Rückfahrt von ihren Eltern von einem öffentlichen Fernsprecher ungefähr auf halber Strecke angerufen hatte.

Ohne dass es Cora bewusst wurde, vollführte sie mit ihrem Zeigefinger erneut kleine Kreise auf ihrem Kopf und wickelte ihre Haare um ihren Finger. Dann startete endlich die Aufnahme der ersten Kamera, und Cora hielt die Luft an.

4

Doch schon bald ließ Cora die angehaltene Luft wieder entweichen, denn die ersten Bilder, die sie sah, waren wenig spektakulär. Schließlich hatte sie die Kamera sicherheitshalber so programmiert, dass die Aufnahme bereits um neun Uhr abends startete, also eine Stunde vor dem Zeitpunkt, an dem Sascha ins Haus kommen und den Mord begehen sollte. Diese Zeit und das Datum wurden auch am unteren linken Bildrand eingeblendet.

Sie hatte die erste Kamera in Augenhöhe an der Garderobe im Eingangsbereich befestigt. Rechts und links hingen Jacken, sodass sie nicht so leicht zu entdecken war. Lediglich in der Bildmitte befand sich ein schmaler vertikaler Streifen, der die Haustür und den Bereich unmittelbar davor zeigte. Die Qualität der Aufnahme war hervorragend, man konnte sogar kleinste Details deutlich erkennen. Auch die Beleuchtung war ausreichend, denn Markus hatte immer überall das Licht brennen lassen und sich wenig um ihre ständigen Bitten gekümmert, die Lichter auszumachen, wenn er das Zimmer verließ, um umweltbewusst zu handeln und Energie zu sparen.

Cora griff nach der Maus und bewegte damit den Schieber der unteren Menüleiste so weit nach rechts, dass die Aufnahme um fünfundfünfzig Minuten vorgespult wurde. Die Szene veränderte sich zwar nicht, als handelte es sich nur um ein Foto, doch die Uhrzeit wechselte und zeigte jetzt 21:55 an.

Cora wartete zwei Minuten, den Blick starr auf das Videobild gerichtet, das allerdings weiterhin unverändert blieb. Allmählich wurde sie ungeduldig. Wieso tauchte Sascha nicht endlich auf? Hatte sie ihm denn nicht eingetrichtert, dass er pünktlich sein sollte? Schließlich hielt sich Markus zum damaligen Zeitpunkt vermutlich in seinem Arbeitszimmer auf, um auf Coras angekündigten Anruf zu warten, der allerdings nicht kommen würde. Doch wenn sich Sascha arg verspätete und der Anruf ausblieb, würde Markus das Arbeitszimmer möglicherweise schon bald wieder verlassen. Und die günstige Gelegenheit für Sascha, unbemerkt ins Haus zu kommen und ihren Mann zu überraschen, wäre wahrscheinlich dahin. Lag hier also die Ursache für Saschas Versagen? Hatte er letztendlich nur versagt, weil er aus irgendeinem Grund zu spät gekommen war?

Es juckte ihr in den Fingern, erneut ein Stück zu überspringen, doch sie hatte Angst, sie könnte dadurch den Moment verpassen, in dem Sascha das Haus betrat. Also ließ sie es bleiben und seufzte nur frustriert.

Und tatsächlich, eine halbe Minute später wurde ihre Geduld belohnt.

Die Haustür öffnete sich weit genug, damit sich eine große breitschultrige Gestalt hindurchschieben konnte. Dann wurde sie sofort wieder geschlossen.

Alles spielte sich in absoluter Lautlosigkeit ab, doch das lag nicht etwa daran, dass sich der Eindringling völlig geräuschlos bewegte, sondern allein daran, dass die Miniatur-Überwachungskameras lediglich Bilder und keinen Ton lieferten.

Nachdem er die Tür geschlossen hatte, sah sich der Mann um. Er entdeckte die Funk-Alarmzentrale, die genau dort an der Wand hing, wo Cora es ihm beschrieben hatte. Sollte er nicht innerhalb der nächsten Sekunden den korrekten PIN-Code eintippen, würde die Anlage Alarm auslösen. Doch der Eindringling reagierte endlich, trat an das Gerät und gab den richtigen Code ein, den er anscheinend vom rechten Handgelenk ablas, wo er ihn notiert hatte, um ihn nicht zu vergessen. Dann blieb er für ein paar Sekunden reglos stehen und schien konzentriert zu lauschen.

Der Mann war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und trug Lederstiefel, Jeans, dünne Handschuhe und einen Kapuzenpulli. Die Kapuze hatte er allerdings nicht hochgeschoben.

Obwohl Cora das Gesicht des Mannes bislang noch nicht gut genug gesehen hatte, war seine markante Gestalt in ihren Augen dennoch unverkennbar. Trotz der Kleidung konnte sie die trainierten Muskeln erkennen, die sie schon so oft in natura und unverpackt gesehen und bewundert hatte. Dennoch hoffte sie, Sascha würde sich endlich umdrehen, um der Kamera sein Gesicht zu zeigen.

Und als hätte er ihren stummen Wunsch aus der Zukunft gehört, drehte er sich in diesem Moment tatsächlich um und wandte der versteckten Kamera seine Frontseite zu. Das Abbild seines Gesichts auf dem Monitor war gestochen scharf und unverkennbar und würde jeden Kriminalbeamten, Staatsanwalt und Richter davon überzeugen, dass es Sascha gewesen war, der in der Nacht, als Markus verschwand, ins Haus eingedrungen war. Sollte er es dennoch abstreiten wollen, würde er sich angesichts dieser Aufnahme nur der Lächerlichkeit preisgeben. Und falls er behauptete, Cora hätte ihm nicht nur den Code für die Alarmanlage, sondern auch den Hausschlüssel gegeben, dann konnte er das nicht beweisen, denn wie Cora es von ihm verlangt hatte, hatte er den Schlüssel auf der Flurkommode neben dem Telefon deponiert, bevor er wieder verschwunden war.

Cora bemerkte erst jetzt, dass sie breit grinste, denn ihr Plan, mit den heimlichen Videoaufnahmen ein Druckmittel in der Hinterhand zu haben, war aufgegangen. Und sollte die Polizei für den Fall, dass sie es tatsächlich einsetzen musste, fragen, warum sie die Aufnahmen nicht gleich präsentiert hatte, würde sie einfach behaupten, dass sie sie erst jetzt entdeckt hatte, weil Markus die Kameras ohne ihr Wissen angebracht hatte, möglicherweise aus Angst vor genau dem Mann, der nun auf den Aufnahmen zu sehen war.

Doch dann verblasste ihr Grinsen wieder, als ihr erneut bewusst wurde, dass sich durch Markus’ Auftauchen ohnehin alles verändert hatte. Es gab nämlich gar keinen Mord, für den Sascha und sie hinter Gitter kommen konnten. Sascha hatte niemanden ermordet, und sie hatte sich weder der Anstiftung noch der Beihilfe schuldig gemacht. Alles, was geschehen war, war nur ein versuchter Mord, der zwar ebenfalls strafbar war, doch das auch nur dann, wenn Markus seine Erinnerungen daran wiedererlangte.

Doch dazu würde es nicht kommen, wenn Cora dabei ein Wörtchen mitzureden hatte. Sie wusste zwar noch nicht, wie sie es anstellen sollte, Markus umzubringen – und dieses Mal wirklich und endgültig –, ohne nach seinem Verschwinden und Wiederauftauchen Verdacht zu erregen, doch irgendetwas würde ihr schon einfallen. Dabei wäre ein Unfall nach allem, was passiert war, vermutlich am besten und effektivsten. Aber nicht sofort, sondern erst in ein paar Wochen, wenn etwas Gras über die Sache gewachsen war. Und bis dahin konnte Cora nur hoffen, dass Markus seine Erinnerungen nicht zurückbekam.

Doch im Augenblick hatte Cora noch keine Zeit, sich mit der Ausarbeitung eines neuen Plans zu beschäftigen, da die Aufnahmen der verborgenen Überwachungskamera im Eingangsbereich ihre volle Aufmerksamkeit erforderte.

Nachdem Sascha eine Weile an Ort und Stelle ausgeharrt und gelauscht hatte, nickte er nun zufrieden und lächelte dabei.

Cora überlegte, ob sie dieses Bild ausdrucken sollte, um es Sascha für den Fall des Falles als Beweis zu präsentieren, dass sie tatsächlich im Besitz von Videoaufnahmen von ihm am Tatabend war. Doch sie entschied, dass sie darauf momentan noch verzichten konnte. Wozu schlafende Hunde wecken? Außerdem wollte sie vorerst keine Beweise fabrizieren, die in die falschen Hände gelangen und sie beide in Teufels Küche bringen konnten.

Stattdessen beobachtete sie aufmerksam, was weiter geschah. Obwohl sie wusste, wie es ausging, war sie dennoch gespannt und aufgeregt. Es war wie bei diesem Film über die Titanic, denn da hatte sie auch von vornherein gewusst, wie es endete, und die Handlung gleichwohl gebannt verfolgt.

Sascha hob seine riesigen Hände, bei deren Anblick ein wohliger Schauer über ihren ganzen Körper lief, weil sie wusste, wie zärtlich er mit diesen Händen sein konnte, die aussahen, als könnte er damit einen anderen Mann ohne allzu große Mühe entzweibrechen.

Doch trotz all seiner Kraft war es ihm letztendlich nicht gelungen, Markus wie geplant zu ermorden. Und Cora wollte endlich wissen, warum nicht.

Sascha ergriff die Kapuze und schob sie sich über den Kopf, sodass sein Gesicht im Schatten lag und nicht mehr zu erkennen war. Cora war froh, dass er das nicht schon vor dem Haus getan hatte. Doch jetzt war es ihr egal, da sein Gesicht bereits auf der Aufnahme verewigt war.

Dann setzte sich Sascha abrupt in Bewegung und verließ den Bereich, den das Objektiv der Kamera erfasste.

Cora überlegte kurz, ob sie sich das Ende der Aufnahme ansehen sollte, wenn Sascha das Haus wieder verließ, beschloss aber, sich alles in chronologischer Reihenfolge anzuschauen. Erst wollte sie sehen, was die andere Kamera aufgezeichnet hatte. Möglicherweise erfuhr sie auf diese Weise auch eher, was schiefgelaufen war.

Also stoppte sie das Video, merkte sich die angezeigte Uhrzeit und entfernte dann die Speicherkarte, um sie durch die zweite zu ersetzen.

Die zweite Überwachungskamera hatte sie in Markus’ Arbeitszimmer in einem Bücherregal deponiert. Sie hatte dort auf einem der Fachbücher im Schatten gelegen, sodass sie im Grunde nur dann entdeckt worden wäre, wenn jemand zufällig das betreffende Buch herausgenommen oder gezielt danach gesucht hätte. Doch beides war an jenem Abend nicht unbedingt zu befürchten gewesen und auch nicht eingetreten.

Die Aufnahme startete eine halbe Stunde nach der im Eingangsbereich und zeigte durch das Weitwinkel-Objektiv einen großen Ausschnitt des Arbeitszimmers. Markus’ wuchtiger Schreibtisch aus dunklem Holz war von der Seite zu sehen und bildete den Mittelpunkt. Das Licht brannte zwar, wie es nicht anders zu erwarten gewesen war, doch Markus war nicht zu sehen. Allerdings war es dafür auch noch zu früh, denn Coras Anruf sollte erst in einer halben Stunde erfolgen.

Cora bewegte mit der Maus den Schieberegler und spulte nach vorn, bis die digitalen Ziffern exakt die Uhrzeit anzeigten, die sie sich von der anderen Aufnahme gemerkt hatte.

Nun war Markus zu sehen, der hinter seinem Schreibtisch saß, sein Handy ans Ohr hielt und mit jemandem telefonierte.

Cora presste verärgert die Lippen aufeinander. Sie hatte damit gerechnet, dass Markus auf ihren Anruf wartete. Doch stattdessen telefonierte er und schien völlig vergessen zu haben, dass sie für diese Uhrzeit ihren zweiten Anruf angekündigt hatte. Mit wem spricht er da bloß? Cora spürte einen unerwarteten Stich der Eifersucht, doch dann entspannte sie sich wieder. Sie kannte ihren Mann nämlich gut genug, um zu sehen, dass er in diesem Moment wütend war und lautstark ins Telefon sprach. Schade, dass sie nicht hören konnte, was er sagte. Doch es sah so aus, als hielte er seinem Gesprächspartner eine gehörige Standpauke.

Ihr Blick wanderte zur Zeitanzeige, die nun zweiundzwanzig Uhr drei anzeigte. Laut Plan sollte Sascha längst vor der Tür stehen, die prinzipiell geschlossen war, wenn Markus telefonierte, und auf einen geeigneten Moment warten, um ihn zu überraschen. Durch das Schlüsselloch konnte er sowohl den Schreibtisch als auch den Mann dahinter sehen.

Cora spürte, dass ihre Hände feucht waren. Das Wissen, dass Sascha in diesem Moment bereits vor der Tür war und darauf lauerte, sie endlich aufreißen und hereinstürmen zu können, um den ahnungslosen Mann hinter dem Schreibtisch zu ermorden, ließ ihr Herz schneller schlagen. Und obwohl sie schon wusste, wie die Sache ausgegangen war, war sie gleichwohl gespannt, was als Nächstes passieren würde.

Markus telefonierte noch immer, hörte jetzt aber aufmerksam zu. Dabei schüttelte er mehrmals den Kopf, als wäre er mit dem, was er hörte, alles andere als einverstanden.

Er stand auf und umrundete den Schreibtisch, als wollte er das Arbeitszimmer verlassen. Doch das tat er nicht, denn sonst wäre er unweigerlich auf Sascha gestoßen. Stattdessen begann er, auf der freien Fläche vor dem Schreibtisch hin und her zu marschieren, wie er es während des Telefonierens manchmal tat. Er hatte nur Platz gebraucht, weil er allem Anschein nach zu erregt und wütend war, um weiterhin auf seinem Chefsessel hinter dem Schreibtisch zu verharren. Noch ein Zeichen, wie aufgewühlt und aufgebracht er war.

Plötzlich blieb er mit dem Rücken zur Tür stehen, gestikulierte mit der freien linken Hand, um seine Worte zu unterstreichen, und sprach in sein Smartphone.

Cora konnte die Tür zum Flur nicht sehen, da sie außerhalb des Bereichs lag, den die Kamera erfasste, spürte es jedoch trotzdem, als sie aufgerissen wurde. Im nächsten Moment tauchte auch schon die große, schwarz gekleidete Gestalt mit der übergestülpten Kapuze im Bild auf und stürzte sich auf Markus, der noch immer mit dem Rücken zur Tür stand und nicht wusste, wie ihm geschah und was mit der Brachialgewalt eines mittelschweren Hurrikans plötzlich über ihn herfiel.

»Jetzt doch noch nicht, du Idiot!«, entfuhr es Cora, denn noch immer bestand die Telefonverbindung zu Markus’ unbekanntem Gesprächspartner, der alles mithören konnte, was geschah.

Sascha packte Markus von hinten, bevor dieser überhaupt in der Lage war, in irgendeiner Form auf den eindringenden Hünen zu reagieren, und legte seine behandschuhten Hände um dessen Hals.

Markus ließ das Handy fallen, hob die Arme und zerrte reflexartig an den Pranken, die ihm Stahlklammern gleich die Luft abschnürten. Doch es ähnelte dem Versuch, mit einer Barriere aus Papier einen Sattelschlepper aufzuhalten, und war daher von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Markus war zwar lediglich zehn Zentimeter kleiner als Sascha und alles andere als ein Schwächling, da er sich auf dem Crosstrainer fit hielt und Judo betrieb. Doch gegen den muskelbepackten Hünen, der wie aus dem Nichts hinter ihm aufgetaucht war, hatte er aufgrund seiner ungünstigen Position dennoch keine Chance.

Da Sascha den anderen Mann komplett überrumpelt und von hinten angegriffen hatte, kam Markus gar nicht dazu, seine Judogriffe anzuwenden. Außerdem führte das abrupte Abschneiden der Luftzufuhr vermutlich dazu, dass er in Panik verfiel und keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen konnte.

Cora sah, dass Markus’ Füße gar nicht mehr den Boden berührten, sondern in der Luft hingen, während er damit zappelte wie ein außer Kontrolle geratener, durchgeknallter Hampelmann. Falls die Bewegungen allerdings nicht unkontrolliert, sondern gezielt erfolgten, um seinem heimtückischen Angreifer einen Tritt vors Schienbein oder in den Schritt zu verpassen, so gelang ihm das nicht, da dieser hinter ihm stand, dank seiner langen Arme ausreichend Abstand hielt und somit nahezu unerreichbar war.

Cora hatte es Sascha unzählige Male eingebläut, sich auf keinen Fall auf einen Zweikampf mit Markus einzulassen, sondern ihn hinterrücks anzugreifen und rasch zu töten. Deshalb erfüllte es sie jetzt mit Genugtuung, dass er ihre Anweisungen so genau befolgt hatte.

Sie hatte zwar gedacht, der Anblick, wie ihr Ehemann ermordet wurde, würde ihr etwas ausmachen, doch nun stellte sie erstaunt fest, dass es sie überhaupt nicht berührte. Der Mann, der im Griff des schwarz gekleideten Hünen zappelte, und dessen Bewegungen immer mehr erlahmten, hätte genauso gut ein wildfremder Mensch sein können. Aber vielleicht spielte es ja auch eine Rolle, dass sie wusste, dass Markus gar nicht sterben, sondern wie durch ein Wunder überleben würde.

Das Zappeln der Füße wurde schwächer und erstarb schließlich vollends. Sie zuckten und streckten sich noch ein paarmal, dieses Mal wirklich unkontrolliert, dann erschlaffte der Körper und rührte sich nicht mehr.

Cora beugte sich unwillkürlich nach vorn, als könnte sie die Szene dadurch besser sehen, während sie höchst konzentriert verfolgte, was weiterhin geschah.

Jetzt!, dachte sie. Jetzt ist der Moment, wo Sascha die Sache vergeigt, nachdem er bislang alles richtig gemacht hat.

Dadurch, dass es keinen Ton gab, hatte die Aufnahme etwas Gespenstisches und Unnatürliches an sich. Dennoch hatte sich Cora dank ihrer lebhaften Fantasie das Schnaufen, Grunzen und erfolglose Japsen nach Luft gut hinzudenken können. Doch nun, nachdem Markus’ Körper erschlafft war und leblos wirkte, musste Ruhe eingekehrt sein, die vermutlich lediglich durch Saschas heftiges Schnaufen unterbrochen wurde.

Cora sah Markus’ Handy am Boden liegen und fragte sich, was die Person am anderen Ende der Verbindung von den Geräuschen gehalten hatte. Oder hatte sie schon längst aufgelegt, weil sie gedacht hatte, Markus wollte sie nur verarschen, schließlich hatten sie sich noch kurz zuvor heftig gestritten?

Sascha senkte seine mächtigen, langen Arme und ließ den schlaffen Körper zu Boden sinken, wo er reglos liegenblieb. Cora konnte natürlich nicht erkennen, ob noch immer Leben in Markus’ leblos wirkender Gestalt steckte, doch es musste der Fall sein, schließlich hatte er überlebt. Doch Sascha schien überzeugt zu sein, dass er den Ehemann seiner Geliebten getötet hatte.

Er bückte sich und hob das Handy auf, das Markus aus der Hand gefallen war. Er hob es ans Ohr und lauschte, schien jedoch nichts zu hören, denn er zuckte die Achseln, schaltete das Gerät aus und steckte es ein. Dann sah er sich um.

Cora hatte ihn angewiesen, alles so zu lassen, wie er es vorgefunden hatte. Er sollte lediglich die Lichter löschen, wenn er ging, und anschließend Markus’ Leiche verschwinden lassen. Um alles andere hatte sich Cora nach ihrer Rückkehr gekümmert, um es so aussehen zu lassen, als hätte ihr Mann das Haus aus freien Stücken und auf seinen eigenen Beinen verlassen. So hatte sie seine Schlüssel, seine Brieftasche und ein paar Kleidungsstücke verschwinden lassen. Sie hatte sich zwar gewundert, wo Markus’ Handy geblieben war, war allerdings davon ausgegangen, dass Markus es in der Hosentasche gehabt hatte, als Sascha ihn umgebracht hatte, und es dann mit der Leiche im Wald verscharrt worden war. Nun wusste sie wenigstens, was mit dem Handy geschehen war.

Doch wer war am anderen Ende der Leitung gewesen? Und was hatte der Gesprächspartner von dem, was passiert war, mitbekommen?

Cora nahm sich vor, Sascha nach dem Handy zu fragen. Wenn er klug gewesen war, hatte er es entsorgt oder gemeinsam mit Markus im Wald vergraben. Doch da Sascha ihrer Meinung nach dafür nicht clever genug war und ohne ausdrückliche Anweisung gern das Verkehrte tat, bestand auch die Möglichkeit, dass er das Handy noch immer besaß. Wenn ja, dann wäre das ausnahmsweise ein Glücksfall, weil Cora so unter Umständen feststellen konnte, mit wem Markus zuletzt telefoniert hatte.

Doch das war momentan zweitrangig. Wichtiger war die Frage, warum Sascha versagt hatte und Markus noch immer am Leben war. Cora hatte sich von den Videoaufnahmen die Antwort auf diese Frage erhofft, war aber nicht unbedingt schlauer als zuvor.

Markus’ regloser Körper wirkte auf den Aufnahmen zwar tatsächlich wie tot, doch da er nun in Regensburg aufgetaucht war, musste er zwangsläufig noch immer am Leben gewesen sein. Und Sascha hatte schlichtweg zu früh aufgehört, ihn zu erwürgen, und sich täuschen lassen.

Stümper!

Cora beschloss, ein ernstes Wörtchen mit Sascha zu reden, wenn sie in Kürze mit ihm sprach. Denn durch seinen Fehler hatte er ihren ausgeklügelten Plan torpediert und scheitern lassen. Markus war noch immer da, und mit Ausnahme der Tatsache, dass er das Gedächtnis verloren hatte, hatte sie durch die Aktion rein gar nichts gewonnen.

Sie beobachtete, was damals weiter in Markus’ Arbeitszimmer geschehen war.

Sascha bückte sich, hob den schlaffen Körper ihres Mannes hoch, als handelte es sich um ein Leichtgewicht, und wuchtete ihn sich über die linke Schulter. Dann trat er mit seiner Last aus dem Bild und schaltete wie angewiesen das Licht aus, als er das Arbeitszimmer verließ.

Wenigstens tut er, was ich ihm gesagt habe.

Erneut merkte sich Cora die angezeigte Zeit, stoppte das Video und wechselte die Speicherkarte. Dann startete sie das andere Video um dieselbe Uhrzeit, zu der Sascha das Arbeitszimmer verlassen hatte.

Zuerst geschah nichts. Dann wurde es etwas dunkler, weil Sascha die Lichter im Haus löschte, bis nur noch die Lampe im Eingangsbereich brannte. Schließlich kam Sascha ins Bild, den reglosen Körper noch immer geschultert. Ohne sich noch einmal umzusehen, öffnete er die Tür, löschte das Licht und marschierte aus dem Haus, um den vermeintlichen Leichnam in den Ebersberger Forst zu transportieren.

Nun wusste Cora, was in jener Nacht hier im Haus geschehen war und vermutlich schiefgegangen war. Um noch mehr zu erfahren und zu hören, was danach passiert war, war es unumgänglich, dass sie die Funkstille, die sie selbst angeordnet hatte, brach und mit Sascha Kontakt aufnahm. Schließlich gab es, sofern die Polizei sie nicht hereinlegen wollte, gar keinen Mord und daher auch keinen Grund, dass Sascha und sie sich weiterhin voneinander fernhielten. Ganz im Gegenteil, es bestand nämlich enormer Klärungsbedarf. Dennoch wollte sie weiterhin vorsichtig sein, falls die Polizei sie tatsächlich in die Falle locken wollte, und Sascha nicht von hier oder mit ihrem Handy, sondern von einem öffentlichen Telefon aus anrufen.

VIERTES KAPITEL

1

Cora benutzte dieselbe Telefonkarte, mit der sie Sascha bereits vor drei Monaten angerufen hatte, als sie nach dem Wochenendbesuch bei ihren Eltern, der ihr lediglich ein Alibi verschaffen sollte, auf dem Weg zurück nach Hause gewesen war.

Sie hatte sich eilig Jacke, Handtasche und Schlüssel geschnappt und war dann in ihrem Porsche-Cabriolet über den Isarring in südöstliche Richtung gefahren. Es war zwar sonnig, andererseits aber zu kühl, um oben ohne zu fahren, deshalb ließ sie das Verdeck geschlossen. Während der Fahrt sah sie sich immer wieder nach Verfolgern um, konnte aber niemanden entdecken. In der Nähe der Arabella-Klinik und des HVB-Towers stellte sie den Wagen in einer öffentlichen Tiefgarage ab und ging zu einer Telefonsäule auf der anderen Straßenseite. Während sie Saschas Handynummer eintippte, die sie noch immer auswendig kannte, obwohl sie sie drei Monate lang nicht gebraucht hatte, behielt sie ihre Umgebung aufmerksam im Blick, konnte jedoch nichts entdecken, das einen verdächtigen Eindruck erweckte. Entweder waren ihre Beschatter so gut, dass Cora sie nicht entdeckte, oder sie litt unter Verfolgungswahn.

»Winkler.«

Cora freute sich, als sie Saschas Stimme hörte. Sie merkte erst jetzt, wie sehr sie ihn oder vielleicht auch nur den Sex mit ihm in den letzten neunzig Tagen vermisst hatte. Ein angenehmes Gefühl der Wärme breitete sich in ihrem Unterleib aus. Allerdings wurden ihre Freude und ihr sexuelles Verlangen sofort gedämpft, als ihr wieder bewusst wurde, warum sie ihn anrief.

»Ich bin’s«, sagte sie nur und rechnete damit, dass er ihre Stimme erkannte. Verfolgungswahn hin oder her, es schadete schließlich nicht, wenn sie weiterhin vorsichtig war.

»Co…?«

»Keine Namen, Idiot!«, unterbrach sie ihn unwirsch, während sie voller Argwohn einen Mann beobachtete, der auf der anderen Straßenseite stehengeblieben war, eine Zigarette rauchte und in sein Handy sprach. Oder der nur so tat, als führte er ein Telefonat. Er war jung, groß und kräftig und konnte durchaus ein Polizist in Zivil sein.

Sie konnte hören, dass Sascha am anderen Ende der Verbindung Luft holte, um etwas zu sagen, dann aber unvermittelt wieder innehielt, als erinnerte er sich jäh an ihre Ermahnung, keine Namen zu nennen.

»Warum rufst du an?«, fragte er schließlich, nachdem er erneut wie ein Ertrinkender nach Luft geschnappt hatte. »Ich dachte, wir sollten sechs Monate lang keinen Kontakt zueinander haben.« Er sprach leise, weil er vermutlich nicht allein war und die anderen nichts hören sollten.

»Es gibt eine Planänderung.«

Der Mann mit dem Handy auf der anderen Straßenseite beendete sein Telefonat und warf die Kippe auf den Boden, bevor er sich abwandte und zum Eingang des Bürogebäudes marschierte. Nach einem Blick in die Runde, der sie beruhigte, konzentrierte sich Cora wieder verstärkt auf ihr eigenes Telefonat.

Sie hörte Stimmen im Hintergrund und nahm an, dass Sascha im Fitnesscenter bei der Arbeit war.

»Eine Planänderung? Weshalb?«

»Weil du Mist gebaut hast.«

»Ich soll …« Sascha verstummte. Die Stimmen im Hintergrund wurden leiser, als würde er sich von ihnen entfernen. Dann meldete er sich wieder: »Was meinst du damit? Ich hab doch alles genau so gemacht, wie du es gesagt hast.«

»Bist du dir da auch völlig sicher?«

»Was soll diese Frage, C…?« Er bremste sich gerade noch rechtzeitig, bevor er ihren Namen nannte. »Natürlich bin ich mir sicher. Was soll diese Fragerei? Ist … ist etwas passiert?«

»Das kann man wohl sagen.«

»Was meinst du damit?«

»Das möchte ich nicht am Telefon besprechen«, wiegelte sie ab. »Wir müssen uns sehen!«

»Wann?«

»Sofort!«

»Aber …« Er seufzte schwer, weil er offensichtlich in einem Dilemma steckte. Einerseits musste er im Fitnessstudio arbeiten, andererseits tat er stets, was Cora von ihm verlangte, und hatte nach der dreimonatigen Pause bestimmt Sehnsucht nach ihr. »Okay. Ich seh zu, dass ich mit jemandem tauschen kann. Wo treffen wir uns?«

Cora überlegte. Sie wollte am Telefon ungern einen konkreten Ort nennen, falls sie doch nicht an Paranoia litt und jemand mithörte. Andererseits musste Sascha den Treffpunkt kennen. Schließlich fiel ihr die Lösung ein. »Erinnerst du dich noch, wo wir zum Essen waren, als mein Mann ausnahmsweise mal über Nacht weg war?«

Für eine Weile blieb es still, als würde Sascha konzentriert nachdenken. Cora überlegte bereits, wie sie ihm auf die Sprünge helfen konnte, doch da meldete er sich erneut zu Wort: »Ja, jetzt erinnere ich mich wieder.«

»Gut. Wir treffen uns nämlich dort an der Ecke. Ich komme mit dem Wagen und nehme dich mit. Sagen wir, in einer Viertelstunde. Und sei gefälligst pünktlich, ich habe nämlich keine Lust, auf dich zu warten.«

Cora legte auf, noch ehe er bestätigen oder widersprechen konnte.

2

Sascha wartete bereits auf sie, als Cora den vereinbarten Treffpunkt erreichte. Sie blinkte und hielt einfach am Straßenrand, was den Fahrer direkt hinter ihr dazu veranlasste, auf die Hupe zu drücken.

»Arschloch!«, murmelte Cora, während Sascha die Tür öffnete und einstieg. Sie nutzte die Zeit, um sich aufmerksam umzusehen, konnte jedoch niemanden entdecken, der sich in auffälliger Weise für sie zu interessieren schien.

»Freut mich, dich zu sehen«, sagte Sascha und strahlte sie an. Er wollte sich herüberbeugen, um ihr einen Begrüßungskuss zu geben.

»Schnall dich gefälligst an!«, schnauzte Cora ihn an und trat so kräftig aufs Gaspedal, dass der Wagen einen Satz nach vorn machte und Sascha in den Sitz gepresst wurde.

»Hey«, rief er und sah sie erschrocken an, beeilte sich dann jedoch, ihrer Anweisung Folge zu leisten. Er hantierte umständlich mit dem Gurt herum, bis es ihm endlich gelungen war, ihn im Gurtschloss einrasten zu lassen. »Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«

Cora gab Gas und schaute in den Rückspiegel. Alle anderen Autos blieben hinter ihr zurück, sodass sie sicher sein konnte, dass niemand sie verfolgte. Nachdem sie abgebogen war, verringerte sie das Tempo wieder und schlängelte sich durch den dichten Verkehr, der sich hier auf zwei Spuren Richtung Osten bewegte.

Sie warf einen raschen Seitenblick auf Sascha, der sie noch immer fragend ansah. Er trug eine hellgraue Jogginghose, schwarze Turnschuhe, ein ärmelloses schwarzes Fitness-Shirt und den Kapuzenpulli, den er auch an dem Abend angehabt hatte, als er Markus umbringen sollte. In Coras Augen sah er wieder mal zum Anbeißen aus, doch dafür war jetzt nicht die richtige Zeit, weil sie miteinander über ernste Dinge reden mussten.

»Ist dir jemand gefolgt?«

Sascha sah sie an, als hätte sie ihn mit der Lösung einer hochkomplizierten Rechenaufgabe beauftragt, die seinen Gedankenapparat komplett überforderte.

»Was?«

Cora seufzte, während ihr Blick zwischen den beiden Fahrspuren vor ihnen und dem, was der Innenspiegel ihr zeigte, nervös hin und her pendelte. »Ob du verfolgt wurdest, hab ich gefragt.«

»Verfolgt? Von wem denn?«

»Na, von wem wohl? Von der Polizei vielleicht?«

»Von der Polizei? Wieso sollten die mich verfolgen?«

Cora widerstand dem starken Impuls, ihn zu schlagen. Bei all der Muskelmasse hätte er vermutlich ohnehin nichts gespürt. »Du erinnerst dich schon noch daran, was du vor drei Monaten getan hast, oder?«

»Vor drei Monaten?« Sascha überlegte, und Cora glaubte zu erkennen, wie die aufgrund ständigen Nichtgebrauchs eingerosteten Zahnräder in seinem großen Schädel allmählich anfingen, sich zu drehen. »Ach so«, sagte er dann und schlug sich tatsächlich mit der Fläche seiner rechten Hand gegen die Stirn, obwohl Cora bisher daran gezweifelt hatte, dass irgendjemand so etwas im wirklichen Leben tat. »Natürlich weiß ich das noch. Vor drei Monaten hab ich mich um deinen Mann gekümmert. Wie ich schon am Telefon sagte, hab ich alles genau so getan, wie du es wolltest. Ich hab ihn von hinten angefallen, erwürgt und anschließend im Wald vergraben. Wieso sollte also die Polizei hinter mir her sein? Schließlich ist der Kerl mausetot und kann schlecht wieder aufstehen und zur Polizei marschieren.«

»Und darüber bist du dir auch ganz sicher?«

Sascha warf ihr einen unsicheren Blick zu. »Was soll das, Cora? Du hast mich schon am Telefon gefragt, ob ich sicher bin, dass ich alles so gemacht habe, wie du es mir gesagt hast. Am Telefon wolltest du aber nicht darüber reden und hast stattdessen gesagt, dass wir uns sofort treffen müssen. Und jetzt, wo wir uns getroffen haben, bist du immer noch so komisch. Ich frag dich also noch einmal: Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«

Cora lachte. Wenn die Geschichte nicht so einen ernsten Hintergrund gehabt hätte, wäre es sogar richtig lustig gewesen. »Ich sag dir, welche Laus mir über die Leber gelaufen ist«, antwortete sie mit ätzender Stimme. »Die Laus ist eins achtzig groß und hört auf den Namen Markus.«

»Markus? So heißt doch dein Mann!« Sascha runzelte die Stirn, wovon er reichlich hatte. Dann lachte er. »Also, wenn wir denselben Markus meinen, und ehrlich gesagt kenne ich gar keinen anderen, dann musst du dir darüber bestimmt keine Sorgen mehr machen. Der Markus, den ich meine, steht nämlich bestimmt nicht mehr auf und trampelt auf deiner Leber herum. Dafür hab ich gesorgt.«

»Ach ja?«

Sascha nickte mit selbstzufriedener Miene.

»Einen Scheißdreck hast du!«, schrie Cora, sodass ihr Beifahrer erschrocken zusammenzuckte. Sie nahm die rechte Hand vom Lenkrad und versetzte ihm einen Fausthieb auf den linken Oberarm, den er vermutlich kaum wahrnahm. Dabei verriss sie das Steuer und kam einem unmittelbar neben ihnen fahrenden Kleinbus bedrohlich nahe. Sofort legte sie die rechte Hand wieder ans Steuer und korrigierte ihren Kurs.

»Drehst du jetzt etwa völlig durch?«, fragte Sascha, musterte sie mit einer Mischung aus Argwohn und Vorsicht und rieb sich dabei den Oberarm. »Was sollte das denn? Was hab ich dir denn getan?«

Cora atmete tief durch und nahm sich vor, die Ruhe zu bewahren und nicht noch einmal die Nerven zu verlieren. Zu leicht könnte sie dabei die Kontrolle über den Wagen verlieren. Sie tippte kurz aufs Gas, mehr brauchte der Wagen nicht, um an dem Kleinbus vorbeizuziehen, und wechselte dann vor ihm auf die linke Spur.

»Es geht nicht darum, was du getan hast. Viel wichtiger ist, was du nicht getan hast.«

»Hä?« Wenn das Wort Begriffsstutzigkeit im Wörterbuch durch ein Bild ergänzt worden wäre, dann wäre ein Foto von Sascha die erste Wahl gewesen. »Wie wär’s, wenn du nicht ständig in Rätseln sprichst, sondern mir endlich klipp und klar sagst, was hier eigentlich los ist?«

»Na gut«, sagte Cora und ordnete ihre Gedanken, bevor sie fortfuhr: »Die Ermittlerin der Vermisstenstelle hat mich vorhin angerufen. Sie sagte, in Regensburg sei ein Mann aufgetaucht, auf den Markus’ Beschreibung passt und der haargenau dieselbe Kleidung trägt. Er sei bei einem Ladendiebstahl erwischt worden und etwas verwahrlost, als habe er eine Weile auf der Straße gelebt, ansonsten aber unversehrt. Kannst du mir bis hierhin folgen?«

»Natürlich!« Sascha schenkte ihr einen entrüsteten Blick. »Behandle mich gefälligst nicht immer, als wäre ich total verblödet. Mag schon sein, dass du um einiges intelligenter bist als ich. Aber deshalb bin ich noch lange nicht doof.«

Cora wartete, bis er verstummt war, ging dann aber mit keinem Wort auf seinen Vorwurf ein. Für so einen Blödsinn hatte sie jetzt keine Zeit.

»Die Kommissarin sagte, sie sei zwar überzeugt, dass es sich um Markus handelt, wollte aber meine Meinung hören, bevor sie ihn hierher bringen lässt. Deshalb hat sie mir per Mail ein Foto geschickt. Ich war natürlich skeptisch, schließlich hast du mir damals am Telefon hoch und heilig versichert, dass du ihn umgebracht hast. Kannst du dir also meine Überraschung vorstellen, als ich feststellen musste, dass sie recht hat? Der verwahrloste Mann aus Regensburg ist tatsächlich Markus! Da gibt es gar keinen Zweifel. Ich erkenne meinen Ehemann nämlich, sobald ich ihn sehe, auch wenn er sich in den drei Monaten auf der Straße natürlich ein wenig verändert hat.«

»Das ist absolut unmöglich!«, sagte Sascha und schüttelte zur Bekräftigung seiner Worte heftig den Kopf.

»Und warum ist das unmöglich?« Cora blinkte und bog nach links ab, um zur A 94 zu kommen. Dabei achtete sie automatisch auf alle Fahrzeuge, die ihr folgten.

»Weil er definitiv tot war.«

»Ach ja? Und seit wann bist du der Experte, um zweifelsfrei zu erkennen, ob jemand tot ist oder nicht? Hast du überhaupt schon einmal eine echte Leiche gesehen, oder hast du dein angebliches Fachwissen nur aus dem Fernsehen oder Kino?«

»Ich sage dir, er war tot!«

»Hast du das überprüft?«

»Überprüft?«

»Ja. Hast du dich davon überzeugt, dass es keine Lebenszeichen mehr gab? Hast du beispielsweise die Finger an seine Halsschlagader gehalten, um nach dem Puls zu fühlen? Oder hast du dein Ohr an seine Brust gelegt, um nach seinem Herzschlag zu horchen? Aber vielleicht hast du ja auch einen Spiegel vor seinen Mund gehalten, um zu überprüfen, ob er noch atmet. Sag schon, hast du auch nur irgendetwas davon getan?«

Sie wusste, dass er nichts davon getan hatte, da sie das Video gesehen hatte, doch davon musste er zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nichts wissen.

Sascha war während ihrer Worte immer blasser geworden. Seine Augen zuckten unruhig hin und her, als suchte er nach einem Ausweg, während er nachdachte und möglicherweise den Ablauf jener Nacht noch einmal in Gedanken Revue passieren ließ. Dann schüttelte er den Kopf, sagte jedoch nichts, sondern presste die Lippen aufeinander, als wollte er sich ohne seinen Anwalt nicht mehr zu dieser Sache äußern.

»Was ist?«, fragte Cora und legte die rechte Hand hinter ihr Ohr. »Ich höre gar nichts? Beantworte gefälligst meine Frage, und zwar laut und deutlich. Oder hat es dir etwa die Sprache verschlagen?«

Sascha schluckte deutlich hörbar und räusperte sich, bevor er antwortete: »Nein.«

»Was nein? Nein, mir hat es nicht die Sprache verschlagen? Oder nein, ich habe keine der vor dir genannten Maßnahmen ergriffen, um mich davon zu überzeugen, dass dein Mann wirklich tot ist?«

»Ich hab mich nicht davon überzeugt, dass er tot ist«, sagte Sascha flüsternd. »Aber ich war mir so sicher, dass er …«

»Erspar mir das!«, würgte Cora ihn gnadenlos ab. »Ich hab weder Lust noch Zeit, mir deine Rechtfertigungsgründe anzuhören. Tatsache ist und bleibt nämlich, dass du große Scheiße gebaut hast, weil du ihn nicht lange genug gewürgt hast, bis er wirklich tot war, und dich anschließend nicht einmal davon überzeugt hast, ob er noch lebt. Nur deshalb sitzen wir jetzt bis zum Hals in der Scheiße. Obwohl, ein Gutes hat die Sache immerhin.«

»Was denn?«

»Wenn Markus gar nicht tot ist, dann kann die Polizei auch nicht wegen Mordes hinter uns her sein, oder?«

»Stimmt. Aber wenn er ihnen nun erzählt hat, was passiert ist. Hast du deshalb gefragt, ob mir jemand gefolgt ist?«

»Nein.« Cora blinkte und lenkte den Wagen auf die Zufahrt zur A 94 in Richtung Parsdorf. Von den Autos, die ihr folgten, war ihr zuvor noch keins aufgefallen.

»Warum dann?«

»Weil es auch sein kann, dass uns die Polizei nur eine Falle stellen will. Außerdem kann ihnen Markus nichts erzählt haben, weil er angeblich das Gedächtnis verloren hat.«

»Er kann sich an nichts erinnern?«

»Ja. Das ist nun mal so, wenn man das Gedächtnis verloren hat.«

»Das ist doch gut, oder?«, sagte Sascha und lächelte wieder voller Zuversicht.

Manchmal wünschte sich Cora beinahe, sie hätte seinen IQ, denn dann würde sie sich vermutlich nicht so viele Gedanken machen müssen und hätte entschieden weniger Sorgen und Kummer. Das Leben könnte so schön und unkompliziert sein.

Sie sah in den Rückspiegel und bemerkte einen schwarzen BMW X5, der drei Wagenlängen hinter ihr auf der anderen Spur fuhr. Sie fragte sich, ob sie denselben Wagen nicht erst vor fünf Minuten schon einmal gesehen hatte. Allerdings hatte sie nicht auf das Nummernschild geachtet und war sich daher auch alles andere als sicher. Im Übrigen musste es nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben, wenn sie denselben Wagen öfter sah, weil die Leute in den anderen Autos alle in dieselbe Richtung wie sie wollten. Sie gab Gas, bis sich auf der anderen Spur eine Lücke auftat, die sie benutzen konnte, um die Fahrzeuge vor ihr zu überholen. Der BMW blieb, wo er war, und machte keine Anstalten, ihr zu folgen, sodass sie erleichtert aufatmete.

»Verlorene Erinnerungen können auch irgendwann wieder zurückkommen«, beantwortete sie mit einiger Verspätung Saschas Frage.

Sein Lächeln verblasste langsam, während er nickte und sich dabei umsah. Zum ersten Mal seit Beginn der Fahrt schien er ihre Umgebung bewusst wahrzunehmen. Vielleicht hatte er bereits eine Ahnung, wohin sie unterwegs waren, dennoch fragte er: »Wohin fahren wir eigentlich?«

»In den Ebersberger Forst.«

»Und was machen wir dort?«

»Du wirst mir die Stelle zeigen, an der du Markus vergraben hast.«

»Warum? Glaubst du etwa nicht, dass ich ihn dort verscharrt habe, weil ich dachte, ich hätte ihn erwürgt?«

»Doch, das glaube ich dir sogar.«

Sie erzählte ihm natürlich nichts von den Videos, die ihr gezeigt hatten, dass er die Wahrheit sagte und sich wirklich bemüht hatte, alles so auszuführen, wie sie es von ihm verlangt hatte. Die Enthüllung, dass sie handfeste Beweise für seine Tat besaß, hob sie sich für einen geeigneteren Zeitpunkt auf. Außerdem hatte sie ihm nie wirklich misstraut und geglaubt, er triebe ein falsches Spiel mit ihr. Ihr war zwar für den Bruchteil eines Augenblicks der flüchtige Gedanke gekommen, Sascha könnte Markus ihren Mordplan verraten haben, um auf diese Weise eine Menge Geld herauszuschlagen, und die beiden könnten anschließend den Mord nur vorgetäuscht haben. Doch dafür war Sascha ihrer Meinung nach nicht clever genug. Außerdem war er ihr geradezu hörig und würde daher auch nichts tun, was ihr schaden könnte.

»Warum fahren wir dann dorthin?«

»Aus mehreren Gründen«, sagte Cora und beobachtete den Verkehr hinter ihnen. Den X5, der ihr zuvor aufgefallen war, konnte sie zum Glück nicht mehr entdecken. Also war es nur falscher Alarm gewesen. »Zum einen müssen wir uns unbedingt davon überzeugen, ob das Grab im Wald tatsächlich leer ist. Wie schon gesagt, besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Polizei uns in eine Falle locken will, indem sie einfach nur behauptet, Markus sei plötzlich wieder aufgetaucht.«

»Und was ist mit dem Foto, das sie dir geschickt haben?«

»Fotos können manipuliert sein. Und die Polizei verfügt höchstwahrscheinlich über die technischen Möglichkeiten, ein Foto so zu verändern, dass sogar ich damit getäuscht werde.«

»Aber was würden sie damit erreichen wollen?«

»Dass wir die Nerven verlieren und Fehler machen.«

»Zum Beispiel?«

»Indem wir beispielsweise die vereinbarte Funkstille brechen, uns treffen und gemeinsam zu dem Ort fahren, an dem du Markus vergraben hast. Falls wir tatsächlich verfolgt werden sollten, dann würden wir die Polizei damit nämlich direkt zur Leiche führen. Und sobald die Polizei erst einmal die Leiche hätte, würden wir beide schnurstracks ins Gefängnis wandern.«

Sascha wurde erneut blass. Er sah sich hektisch nach allen Seiten um und musterte die anderen Verkehrsteilnehmer in ihren Fahrzeugen misstrauisch. »Aber wieso tun wir dann genau das, wenn es nur eine Falle der Polizei ist?«

»Weil ich schon die ganze Fahrt über darauf achte, ob wir möglicherweise verfolgt werden, und bislang nichts davon feststellen konnte. Ich gehe deshalb mittlerweile gar nicht mehr davon aus, dass die Ermittlerin uns in eine Falle locken will, sondern glaube im Gegenteil, dass sie die Wahrheit gesagt hat und in Regensburg tatsächlich jemand aufgetaucht ist, der meinem Mann zum Verwechseln ähnlich sieht. Deshalb müssen wir uns ja unbedingt davon überzeugen, ob das Grab leer ist. Denn wenn Markus tatsächlich tot ist und noch immer dort begraben liegt, dann kann der andere Mann nur ein Betrüger sein, auch wenn er komischerweise wie Markus aussieht und dieselben Klamotten trägt.«

Sascha schüttelte verwirrt den Kopf, das Gesicht ein einziges großes Fragezeichen. »Ich verstehe langsam gar nichts mehr. Ist Markus jetzt eigentlich tot oder nicht? Und ist der Typ in Regensburg der echte Markus oder nur ein Betrüger?«

»Ich weiß es auch nicht«, sagte Cora und seufzte. »Im Augenblick ist eigentlich noch alles offen und damit auch alles möglich. Aber sobald wir erst einmal am Grab stehen, werden wir wissen, was hier gespielt wird.«

3

Sie fuhren auf einem schmalen, extrem holprigen Weg in Schrittgeschwindigkeit durch den Wald. Cora bereute es mittlerweile, mit dem Porsche gekommen zu sein. Der Wagen war definitiv nicht die beste Wahl für einen Ausflug in den unzugänglichsten Bereich dieses Waldstücks. Sie fürchtete ernsthaft, sich den Unterboden zu ruinieren oder den Lack zu zerkratzen. Außerdem war das Auto für das, was sie vorhatten, ohnehin zu auffällig. Wenn sie jemandem begegneten, würde der sich bestimmt auch in einem Jahr noch lebhaft daran erinnern, dass er ein weißes Porsche-Cabrio im Wald gesehen hatte. Saschas Auto, ein dunkelblauer, sichtlich in die Jahre gekommener Opel Astra, wäre für dieses Abenteuer wesentlich besser geeignet gewesen. Doch es war zu spät, um jetzt noch umzukehren und das Auto zu wechseln. Außerdem war ihnen bislang noch niemand begegnet, und wenn sie Glück hatten, würde das auch so bleiben.

Nachdem sie die A 94 bei der Ausfahrt Forstinning verlassen hatten und hinter Schwaberwegen in den Ebersberger Forst gefahren waren, hatte Sascha sie tiefer und tiefer in den Wald gelotst. Schon bald verließen sie die Staatsstraße 2080 und folgten einem Waldweg. Sie bogen mehrmals ab, bis Cora das Gefühl hatte, komplett die Orientierung verloren zu haben, und die Wege immer schmaler und schlechter wurden, sodass sie um ihr schönes Auto fürchtete. Irgendwann, nachdem Sascha eine Weile gar nichts mehr gesagt hatte, hegte sie sogar die Befürchtung, sie könnten sich verirrt haben, doch da deutete er plötzlich auf die Gabelung vor ihnen und wies sie an, die rechte Abzweigung zu nehmen.

Cora wunderte sich, dass Sascha sich hier so gut zurechtfand. Sie hatte befürchtet, dass er die Stelle möglicherweise gar nicht mehr wiederfand, da sie sich tief im Wald und an einem der unzugänglichsten Stellen befand. Doch Sascha zeigte keine Unsicherheit und zögerte kein einziges Mal.

»Hier kannst du anhalten«, sagte er schließlich. »Von hier müssen wir zu Fuß gehen.«

Cora stoppte den Wagen und stellte den Motor aus. Sofort umfing sie eine so tiefe Stille, dass sie als Stadtmensch im ersten Augenblick erschrocken und verunsichert war, da sie eine derartige Geräuscharmut nicht kannte. Sie schluckte betreten und sah sich um. Doch die Bäume standen hier so dicht, dass man ohnehin nicht weit blicken konnte. Ihr Wagen war an dieser Stelle daher auch gut aufgehoben, da er erst entdeckt werden würde, wenn jemand in unmittelbarer Nähe wäre.

Sascha schnallte sich ab, öffnete die Tür und stieg aus. Die Geräusche, die er dabei erzeugte und die die beinahe schon andächtige Stille zerstörten, hörten sich an diesem Ort falsch und unnatürlich an, weil sie nicht hierher gehörten.

Cora folgte seinem Beispiel. Als sie die Tür zugeschlagen hatte und neben dem Wagen stand, fühlte sie sich, als befände sie sich im Herzen eines verwunschenen Zauberwaldes. Obwohl es gar nicht so kalt war und sie eine Jacke trug, fröstelte sie. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah sich furchtsam um, konnte aber wegen der vielen Bäume nichts sehen.

Der Wald war noch nie ihr Ding gewesen. Vermutlich, weil sie den überwiegenden Teil ihres Lebens in Großstädten verbracht und als Kind mit ihren Eltern nie Ausflüge in den Wald unternommen hatte. Aber auch am Meeresstrand, am Ufer eines Sees oder auf dem flachen Land fühlte sie sich entschieden wohler. Im Wald hingegen überkam sie unwillkürlich ein Gefühl der Beklemmung, als würde etwas Unsichtbares Druck auf ihren Brustkorb ausüben und ihr langsam die Luft aus der Lunge pressen und das Atmen erschweren, während ihr Herz schmerzhaft schnell pochte.

»Cora?«

Sie zuckte erschrocken zusammen und sah Sascha aus großen Augen an. Erst jetzt wurde sie sich wieder seiner Gegenwart gewahr und fand Trost in dem Gedanken, dass sie wenigstens nicht allein hier war, sondern einen Begleiter hatte.

»Alles in Ordnung?«

Sie nickte. »Natürlich. Es …« Sie verstummte und sah rasch hinter sich, als fürchtete sie, etwas könnte sich von hinten anschleichen, wenn sie nicht auf der Hut war. »Es ist nur so still hier. Als Stadtmensch ist man das einfach nicht gewohnt.«

Sascha nickte verständnisvoll. Er sah sich um und seufzte. »Ich bin in einem winzigen Dorf auf dem Land groß geworden und habe als Kind oft im Wald gespielt. Aber manchmal vergesse sogar ich, wie schön und eindrucksvoll es im Wald sein kann.«

Eindrucksvoll ließ sie sich ja noch eingehen. Aber schön? Cora sah sich um. Was sollte hier denn schön sein? Außer doofen Bäumen und Büschen und Fichtennadeln auf dem Boden gab es hier doch nichts. Das einzig Schöne weit und breit war ihr Porsche, aber der sah an diesem Ort absolut deplatziert aus, wie eine Requisite aus dem falschen Film.

Sie schüttelte den Kopf, denn für irgendwelche angeblichen Naturschönheiten hatten sie jetzt absolut keine Zeit. Und sie sollte sich besser zusammenreißen und von der ungewohnten Umgebung nicht beeinflussen lassen. Schließlich waren sie nicht zum Spaß hier, sondern hierhergekommen, um etwas zu erledigen. Und je eher sie das taten, desto früher konnten sie logischerweise auch wieder von hier verschwinden.

»Wo ist das Grab?« Es erschien ihr merkwürdig, es weiterhin als Grab zu bezeichnen, solange die Möglichkeit bestand, dass Markus gar nicht darin lag und tot war, sondern im Gegenteil lebendig genug, um Ladendiebstähle zu begehen und sich dabei erwischen zu lassen. Andererseits hätte es sein Grab werden sollen, deshalb sah sie auch nichts Falsches darin, es weiterhin so zu nennen.

Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, wie widersinnig es war, dass ein Mann, der bis vor Kurzem in einer Villa gelebt und mehrere teure Autos sein Eigen genannt hatte, in einem Laden Diebstähle begehen musste, um nicht zu verhungern. Wenn er allerdings tatsächlich das Gedächtnis verloren hatte, dann konnte er sich natürlich auch nicht mehr daran erinnern, dass er eigentlich vermögend genug war, um sich so ziemlich alles kaufen zu können.

»Wir müssen in diese Richtung«, sagte Sascha und zeigte nach rechts.

Cora folgte dem Fingerzeig mit den Augen und sah, dass in dieser Richtung mehr Büsche wuchsen und das Unterholz dichter wurde. Zweifellos hatte Sascha den Ort gerade deshalb ausgesucht. Dennoch fragte sie sich, ob sie für diese Umgebung überhaupt richtig gekleidet war. Aber daran konnte sie jetzt auch nichts mehr ändern. Wenigstens hatte sie keine hohen Absätze, sondern flache Schuhe an.

»Okay«, sagte Cora und straffte sich. Sie würde sich von diesem Wald nicht einschüchtern lassen, egal, wie sehr er es auch versuchte. Es war schließlich nur ein Ort wie jeder andere auch, nur mit dem einzigen Unterschied, dass hier wesentlich mehr Bäume wuchsen, und konnte ihr nichts tun. »Geh voraus. Ich folge dir.«

Sascha nickte mit verkniffener Miene, und Cora konnte seine Gedanken in seinem Gesicht ablesen. Zweifellos wäre es ihm lieber gewesen, wenn sie vor ihm hergegangen wäre, sodass er ständig auf ihren Hintern hätte starren können. Aber schließlich waren sie nicht zu ihrem Vergnügen hier.

Endlich setzte sich Sascha in Bewegung und marschierte los. Unter seinen Sohlen knackten dürre Äste und knirschten die Fichtennadeln, die seit Jahren von den Bäumen gefallen waren und einen dichten Teppich bildeten.

Cora fiel auf, dass die einzigen Geräusche in diesem Teil des Waldes von ihnen stammten. Erneut, dieses Mal sogar noch intensiver, fühlte sie sich wie ein Eindringling, der an einen Ort gekommen war, an den er nicht gehörte und wo er nicht willkommen war.

Sie sah sich um und hatte das Gefühl, die Bäume wären näher gerückt, während sie nicht auf sie geachtet hatte. Doch das war natürlich blödsinnig. So wie all die anderen irrationalen Gedanken, seit sie aus dem Auto gestiegen war.

Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie auf diese Weise ihre Ängste loswerden, was ihr allerdings nicht vollständig gelingen wollte. Dann lief sie los, um Sascha zu folgen und nicht den Anschluss zu verlieren.

4

Cora schwitzte und fragte sich, wann sie das Grab endlich erreichten. Sie hatte das Gefühl, als würden sie schon ewig durch den Wald marschieren, über dichtes Unterholz steigen und sich zwischen dornigen Büschen hindurchzwängen. Doch als sie einen Blick auf ihre Armbanduhr warf, stellte sie fest, dass erst wenige Minuten vergangen waren, seit sie losgelaufen waren. Vermutlich hätte sie von hier aus sogar ihren Wagen sehen können, wenn es nicht so viele Bäume gegeben hätte und diese nicht so dicht beieinandergestanden hätten.

Sie hob die Hand und kratzte sich am Nacken. Ständig hatte sie das Gefühl, winzig kleine Tierchen würden auf ihr herumkrabbeln, und das trieb sie beinahe in den Wahnsinn. Kein Wunder, dass sie nicht gern im Wald war, wenn es hier so ungemütlich zuging.

Sie öffnete den Mund, um Sascha wie ein quengelndes Kind auf der Rückbank zu fragen, wann sie endlich da wären, als dieser so abrupt vor ihr stehenblieb, dass sie beinahe in ihn hineingelaufen wäre. Sie konnte gerade noch rechtzeitig stoppen, ging dann um ihn herum und folgte seinem fassungslosen Blick.

Sie standen vor einer Lichtung, die nicht mehr als acht Meter im Durchmesser maß und vom Sonnenlicht wie mit einem Spotlight ausgeleuchtet wurde, als wäre sie Teil eines Filmsets. Genau im Zentrum der Lichtung waren sowohl der Teppich aus Kiefernadeln als auch die Erde darunter aufgewühlt und zur Seite geschoben worden, als hätte sich dort etwas mit den eigenen Händen aus der Tiefe nach oben gegraben.

»Ach du Scheiße!«, sagte Sascha mit einiger Verzögerung, als hätte der Anblick eine Weile gebraucht, um nicht nur visualisiert, sondern in seinem Kopf auch realisiert und weiterverarbeitet zu werden. »Das gibt’s doch nicht.«

Cora nickte, denn das gab es sehr wohl, wie sie mit eigenen Augen sehen konnten. Schließlich hatte es von Anfang an nur zwei Möglichkeiten gegeben, was sie hier vorfinden würden. Entweder war das Grab leer und Markus’ Körper verschwunden, was bewies, dass er noch am Leben und in Regensburg aufgetaucht war und darüber hinaus tatsächlich das Gedächtnis verloren hatte. Oder das Grab war unberührt und Markus wirklich tot. Das wiederum hätte bedeutet, dass entweder der Mann aus Regensburg ein Betrüger war oder die Ermittlerin sie angelogen hatte, um sie hereinzulegen. Sie wusste nicht, welcher dieser beiden Alternativen sie den Vorzug gegeben hätte, doch sie konnte, wenn es denn sein musste, mit beiden leben, da jede ihre eigenen Vor- und Nachteile hatte.

Sie trat vorsichtig auf die Lichtung, als könnte es hier vergrabene Landminen geben, und ging dann neben der aufgewühlten Erde in die Hocke. Man konnte erkennen, dass hier ein menschlicher Körper begraben gewesen war. Die charakteristischen Umrisse waren noch immer zu einem Teil sichtbar. Doch dann musste derjenige erwacht sein und sich freigegraben haben, wobei er die Erde, die ihn bedeckt hatte, einfach mit bloßen Händen von sich herunter und zur Seite geschaufelt hatte. Dies konnte nicht lange nach dem Zeitpunkt geschehen sein, an dem Sascha den Körper, den er für tot gehalten hatte, hier begraben hatte, denn andernfalls wäre der Mann erstickt.

Der Mann?

Cora seufzte, denn es wurde Zeit, dass sie die Dinge beim Namen nannte und der Realität ins Auge sah.

Es war Markus gewesen, der Mann, mit dem sie seit vielen Jahren verheiratet war, der sich hier aus der Erde gewühlt hatte. Cora stellte sich sein Entsetzen vor, als er in einem Grab im Waldboden zu sich gekommen und von all der Erde bedeckt gewesen war, und erschauderte. Sie hatte zwar keine Probleme damit, ihren Mann umbringen zu lassen, doch so etwas wünschte sie nicht einmal ihrem ärgsten Feind, geschweige denn dem Mann, den sie geheiratet hatte. Sie fragte sich, ob Markus sofort realisiert hatte, wo er sich befand. Schließlich hatte er das Gedächtnis verloren und nicht gewusst, was geschehen war. Oder war erst der Schock, lebendig begraben worden zu sein, der Auslöser für die Amnesie gewesen? Egal, denn irgendwie war es ihm auf jeden Fall gelungen, sich freizuschaufeln, was bestimmt nicht möglich gewesen wäre, wenn Sascha ihn etwas tiefer begraben hätte.

Cora merkte, dass sie vor Wut mit den Zähnen knirschte, und zwang sich, damit aufzuhören.

»Ich dachte wirklich, er wäre tot«, meldete sich wie aufs Stichwort Sascha zu Wort.

»War er aber nicht!«, versetzte Cora giftig und richtete sich wieder auf. Sie wandte sich um und sah ihren Liebhaber, den sie im Moment allerdings gar nicht mehr so lieb hatte, sondern am liebsten erwürgen wollte, mit funkelnden Augen zornig an. »Und wenn du ihn tiefer begraben hättest, dann hätte er sich auch nicht befreien können.« Schon allein die Vorstellung war schrecklich, doch sie verdrängte ihr Entsetzen. Schließlich hätten sie dann ein riesengroßes Problem weniger. Und letztendlich kam es eigentlich nur darauf an, oder etwa nicht?

»Immer gibst du mir an allem die Schuld«, sagte Sascha mit weinerlicher Stimme und verzog beleidigt das Gesicht.

Cora riss die Augen auf und starrte ihn so verblüfft an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen. »Wie bitte? Wem, meinst du denn, sollte ich sonst die Schuld geben?« Sie sah sich demonstrativ nach allen Seiten um. »Sonst sehe ich hier nämlich niemanden.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht.«

»Eben. Ich nämlich auch nicht. Aber was soll’s? Ändern können wir daran eh nichts mehr.« Ihr Zorn verrauchte ein wenig, bis er nur noch ein Glutnest in den Tiefen ihres Bewusstseins war, das allerdings weiter vor sich hin schwelte.

Sascha warf einen Blick auf die aufgewühlte Stelle, an der er ihren Mann begraben hatte, und schauderte sichtbar. Rasch hob er den Blick und sah sie an. »Hör zu, Cora! Es tut mir leid, dass ich Mist gebaut hab.« Er kam näher und legte seine großen Hände auf ihre Schultern, sodass es nun sie war, die erschauderte. »Ich … ich werde es wiedergutmachen, das verspreche ich dir. Egal, was du auch verlangst, ich tu’s. Hauptsache, du vergibst mir, und zwischen uns ist wieder alles gut.«

Er senkte den Kopf und küsste sie auf die Stirn, während seine Hände langsam von ihren Schultern zu ihren Brüsten wanderten. Für einen Moment gab sich Cora seinen Zärtlichkeiten hin, schließlich hatte sie drei lange Monate komplett darauf verzichten müssen. Doch dann wurde ihr wieder ihre Umgebung bewusst. Dabei war es weniger der Umstand, dass sie neben der Grube standen, die zum Grab ihres Mannes hätte werden sollen, der sie irritierte, sondern eher der Wald, in dem sie standen. Inmitten all dieser Bäume und in dieser widernatürlichen Stille konnte sie sich einfach nicht entspannen. Außerdem musste sie Pläne schmieden, was mit Markus geschehen sollte.

Sie hatte schon längst beschlossen, dass ihr Mann früher oder später sterben musste, bevor er seine Erinnerungen zurückbekam. Früher wäre ihr natürlich entschieden lieber gewesen, allerdings durften sie auch nichts überstürzen, um die Polizei nicht misstrauisch werden zu lassen. Außerdem musste es wie ein Unfall aussehen, sodass sein Tod keinen Verdacht erregte.

Nach allem, was Sascha bei seinem ersten Versuch, Markus ins Jenseits zu befördern, verbockt hatte, hatte Cora Bedenken, ihn erneut einzusetzen. Doch was waren ihre Alternativen? Sie konnte es entweder selbst tun oder nach jemand anderem suchen, der die Drecksarbeit für sie erledigte. Doch beide Möglichkeiten bargen unkalkulierbare Risiken. Deshalb war es vermutlich am besten und einfachsten, wenn sie erneut auf Sascha zurückgriff. Schließlich hatte er soeben angeboten, alles für sie zu tun, solange sie ihm nur sein Versagen verzieh. Außerdem hatte sie mit den Videoaufnahmen, die ihn bei einem Mordversuch zeigten, noch immer ein Ass im Ärmel, das sie nötigenfalls ausspielen konnte, um ihn an die Kandare zu nehmen. Sie musste nur dafür sorgen, dass er beim nächsten Mal alles richtig und keine Fehler mehr machte.

Sascha drängte sie rücklings gegen einen der Baumstämme, die die Lichtung säumten. Er atmete schwer, während er mit einer Hand durch den Stoff hindurch ihre linke Brust knetete und mit der anderen ihre rechte Pobacke umfasste, die locker in seine Handfläche passte. Er ging leicht in die Knie und küsste sie.

Cora erwiderte den Kuss, allerdings nur halbherzig, da sie nicht hundertprozentig bei der Sache war. Sie überlegte noch immer, wie sie Markus durch einen Unfall töten konnten. Einerseits durfte sein Tod keinen Verdacht erregen, andererseits musste der Plan möglichst einfach und narrensicher sein, damit Sascha damit zurechtkam.

Sascha presste sich gegen sie, und Cora spürte, dass sich sein Glied versteift hatte. Er nestelte an ihrer Bluse, um sie aufzuknöpfen. Sah so aus, als wollte er mit ihr hier eine schnelle Nummer im Stehen schieben.

Wurde Zeit, dass sie der Sache einen Riegel vorschob. Normalerweise wäre sie nach der dreimonatigen Enthaltsamkeit einem Quickie nicht abgeneigt gewesen, doch hier und jetzt war nicht nur der falsche Zeitpunkt, sondern auch der absolut falsche Ort dafür. Und das lag nicht allein an der Grabgrube neben ihnen, die für ihren Mann bestimmt gewesen war.

Sie war sich die ganze Zeit über des Waldes um sie herum bewusst, als würden die Bäume ihr Tun missbilligen und sie belauern. Cora wusste zwar, dass es sich dabei um Hirngespinste und bloße Einbildung handelte, doch diese Einsicht half ihr auch nicht, ihr Unbehagen zu verdrängen.

Sascha musste ihren Widerwillen gespürt haben, denn trotz seiner eindrucksvollen Erscheinung war er alles andere als ein grober Klotz, sondern überraschend sensibel.

»Was ist los?«

»Ich kann nicht!«, sagte Cora, legte ihre Handflächen auf seinen muskulösen Brustkorb und drückte ihn von sich. »Nicht hier!«

Im ersten Moment leistete er Widerstand und bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle. Doch dann nickte er und wich zurück. »Verstehe.« Er warf einen Blick auf die Grube im Mittelpunkt der sonnenbeschienenen Lichtung. »Tut mir leid.«

Cora ließ ihn in dem Glauben, es läge nur daran. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, als wäre ihr kalt, und löste ihren Rücken von der rauen Rinde des Baumstamms. »Tut mir auch leid. Aber es wird für uns bessere Gelegenheiten und Orte geben.«

Sascha nickte. »Und was hast du jetzt vor?«

Cora ahnte, was er damit meinte, stellte sich jedoch dumm. »Was meinst du damit?« Hinterher konnte sie wenigstens wahrheitsgemäß behaupten, die Idee stammte ursprünglich von ihm.

»Mit deinem Mann, meine ich.«

Cora zuckte mit den Schultern. Am liebsten wäre sie jetzt, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass das Grab leer war, auf der Stelle von hier verschwunden, um so schnell wie möglich zurück in die Zivilisation zu kommen, doch vorher mussten sie klären, was nun geschehen sollte. Und dafür war dieser Ort wegen seiner Abgeschiedenheit wie kein zweiter geeignet. »Irgendeine Idee?«, fragte sie, als wäre er derjenige, der immer die besten Ideen hatte und Pläne schmiedete.

»Töten wir ihn eben einfach noch einmal. Nur mit dem Unterschied, dass ich es dieses Mal besser machen und mich anschließend mit allen möglichen Methoden davon überzeugen werde, dass er auch garantiert hinüber ist.« Der Plan war so einfach gestrickt wie sein Verstand, aber eben auch ebenso fehlerhaft.

Cora schüttelte den Kopf. »Das wird nicht funktionieren.«

»Warum nicht? Beim nächsten Mal gehe ich auf Nummer sicher, checke, dass er auch wirklich mausetot ist, und begrabe ihn so tief, dass er sich nicht einmal mit einem Bagger wieder freischaufeln könnte.«

Cora musste unwillkürlich lachen. »Darum geht es doch gar nicht.«

»Worum dann?«

»Was glaubst du denn, was die Behörden – allen voran die Tussi von der Vermisstenstelle – davon halten, wenn Markus innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal spurlos verschwindet?«

Er legte die Stirn in Falten, während er intensiv nachdachte. »Verstehe«, sagte er dann und nickte. »Sie würden natürlich misstrauisch werden.«

»Eben.« Cora seufzte besonders laut, als wären die Probleme, denen sie sich gegenübersahen, unüberwindlich.

»Heißt das, dass wir dann gar nichts unternehmen werden? Aber was wird dann aus uns beiden, wenn Markus wieder da ist? Und was, wenn er sich plötzlich wieder daran erinnert, was passiert ist?«

Cora zuckte mit den Schultern. »Ich war ja nicht da, als es passierte. Deshalb wird er mich nicht verdächtigen.« Sie sah Sascha fragend an und gab sich ahnungsloser, als sie war. »Was ist mit dir? Hat er dein Gesicht gesehen?«

Er schüttelte den Kopf und hob in einer abwehrenden Geste beide Hände. »Natürlich nicht! Ich hab es genauso gemacht, wie du sagtest, und mir die Kapuze dieses Pullis über den Kopf gezogen, damit er mein Gesicht nicht sieht.« Er zupfte dabei am Stoff des Kapuzenpullis, den er trug. »Außerdem hab ich ihn von hinten angegriffen und gewürgt, sodass er mich erst gar nicht zu Gesicht bekommen hat.«

»Gut gemacht«, lobte Cora ihn lächelnd. »Hoffen wir, dass das reicht. Dann kann uns nämlich nichts passieren, falls er tatsächlich seine Erinnerungen zurückbekommt.«

Sascha hatte bei ihrem Lob zu grinsen angefangen, doch das Grinsen zerfiel bei ihren nächsten beiden Sätzen. »Was soll das heißen: Hoffen wir, dass das reicht?«

»Na ja«, sagte sie zögerlich, seufzte und senkte den Blick, während sie ihre Schuhspitze in den Fichtennadelteppich bohrte. »Ich will dich ja nicht unnötig beunruhigen, Sascha. Aber wie wir gerade festgestellt haben …« Sie wies mit der Hand auf das aufgewühlte Grab, um seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken. »… ist Markus gar nicht tot. Also hat er sich vielleicht die ganze Zeit nur tot gestellt, als du ihn hierher gebracht, das Grab ausgehoben und ihn schließlich vergraben hast. Währenddessen hat er dich also möglicherweise aufmerksam beobachtet und sich alles eingeprägt: deine Körpergröße, deine Statur, die Größe deiner Hände, wie du dich bewegst, einfach alles. Und sobald du dem Grab den Rücken gekehrt hattest, hat er sich wieder ausgebuddelt.«

»Aber du sagtest doch, dass er die Erinnerung verloren hat.«

»Ja. Zumindest erzählte mir das die Kommissarin von der Vermisstenstelle. Aber möglicherweise trat dieser Erinnerungsverlust bereits ein, als du ihn gewürgt und beinahe umgebracht hast. Der Schock, als er fast gestorben wäre, muss ihn seiner Erinnerungen beraubt haben, sodass er nicht mehr wusste, wer er war und wo er wohnte. Was danach passierte, weiß er aber möglicherweise noch ganz genau. Er wusste bislang nur nicht, wo er nach seinem Beinahe-Mörder Ausschau halten sollte.«

»Aber wenn er wieder nach Hause kommt und seine Erinnerungen zurückerhält, dann weiß er es wieder«, ergänzte Sascha tonlos.

Cora nickte mit todernster Miene. Viel besser hätte sie es auch nicht ausdrücken können.

»Dann können wir nicht tatenlos bleiben und einfach darauf warten, dass er sich wieder erinnert«, sagte Sascha.

»Was schlägst du dann vor? Schließlich ist es …« Cora zögerte kurz, als wollte sie so ihr Bedauern darüber ausdrücken. »… in erster Linie dein Problem.«

Sascha nickte. »Ja. Du hast recht. Aber du hilfst mir doch, oder?«

»Natürlich, keine Frage. Wir lösen dein Problem gemeinsam. Fragt sich nur, wie wir es anstellen sollen, Markus zu töten, ohne dass jemand misstrauisch wird und uns verdächtigt.« Sie tat so, als würde sie intensiv darüber nachdenken, und fragte sich, wann Sascha endlich selbst darauf kam. Noch deutlicher konnte sie nämlich kaum werden, ohne es direkt auszusprechen.

»Ich hab’s«, sagte Sascha plötzlich und grinste breit.

Na endlich!, dachte Cora.

»Wir könnten es doch einfach wie einen Unfall aussehen lassen.«

»Hervorragende Idee«, sagte Cora sofort und nickte. »Ja, das könnte tatsächlich klappen.«

»Echt jetzt?«

»Ja. Natürlich muss es vollkommen überzeugend wirken. Und du darfst dir dieses Mal keinen einzigen Fehler erlauben! Hast du verstanden?«

»Natürlich.« Sascha nickte eifrig. Er war jetzt Feuer und Flamme. Und Cora glaubte sogar, dass er ihr zutiefst dankbar war, weil sie ihm aus der Bredouille half. Was für ein Idiot er doch war? Ein gutaussehender Idiot mit einem tollen Körper zwar, aber nichtsdestotrotz ein Idiot. Und darüber hinaus ein nützlicher Idiot, denn in Wahrheit tat nicht sie ihm einen Gefallen, sondern er durfte sich an ihrer Stelle wieder einmal die Hände schmutzig machen und im Notfall als Sündenbock herhalten.

»Und wie stellen wir es an?«, fragte er. Er war zwar fast von selbst darauf gekommen, dass sie einen Unfall inszenieren mussten, doch wie es von da an weiterging, wusste er natürlich nicht.

»Zunächst müssen wir uns in Geduld üben.«

»Warum?« Der Gedanke, nach der dreimonatigen Funkstille noch länger warten zu müssen, um wieder mit Cora zusammen zu sein, schien ihm nicht besonders zu gefallen.

»Weil es zu auffällig wäre, wenn Markus allzu bald nach seinem Wiederauftauchen plötzlich einen überraschenden Unfalltod erleidet. Da würde jeder Polizist sofort misstrauisch werden und noch penibler als sonst ermitteln, selbst wenn der Unfall absolut überzeugend inszeniert sein sollte. Außerdem weiß ich momentan noch gar nicht, wie wir es anstellen sollen. Aber der Plan muss absolut wasserdicht sein, denn ein weiteres Versagen können wir uns nicht leisten.«

»Wie wäre es mit einem Autounfall?«

Cora schüttelte jedoch augenblicklich den Kopf. »Dafür kennen wir beide uns zu wenig mit Autos aus. Oder weißt du, wie man ein Fahrzeug manipulieren muss, damit der Fahrer einen tödlichen Unfall erleidet?«

Sascha verneinte stumm und presste betreten die Lippen aufeinander.

»Eben. Und wenn wir einfach nur die Bremsschläuche durchschneiden, wäre das zu offensichtlich. Aber wie schon gesagt, dürfen wir die Sache ohnehin nicht übers Knie brechen. Aus diesem Grund haben wir ausreichend Zeit, uns etwas zu überlegen. Ich schlage daher vor, dass wir fürs Erste wieder zurück nach München fahren. Hier …« Sie deutete auf die winzige Lichtung. »… können wir ohnehin nichts mehr tun.«

»Wie du meinst.« Sascha wandte sich ab, um erneut voranzugehen.

»Warte!«, sagte Cora, der soeben noch etwas eingefallen war.

»Was denn?«, fragte Sascha und drehte sich wieder um, um sie anzusehen.

»Was hast du eigentlich mit Markus’ Handy gemacht?« Um nicht zu verraten, dass sie auf der Videoaufnahme gesehen hatte, wie Sascha es aufgehoben und eingesteckt hatte, dachte sie sich eine Lüge aus. »Ich konnte es nach seinem Verschwinden nirgendwo im Haus finden.«

Sascha deutete, ohne zu zögern, auf die Grabgrube. »Ich habe es in seine Hosentasche gesteckt, bevor ich mit dem Buddeln angefangen habe, und es dann zusammen mit ihm begraben.«

Cora folgte der Richtung, in die er wies, mit den Augen und blickte nachdenklich auf den aufgewühlten Waldboden. Dann hatte Markus das Handy also bei sich gehabt, als er sich aus der Erde befreit hatte. Aber warum hatte er es dann nicht dazu benutzt, um festzustellen, wie er heißt und wer er ist? Dann fiel ihr ein, dass er vermutlich auch den PIN-Code vergessen hatte. Deshalb hatte er keinen Zugriff auf die Daten gehabt, die im Gerät gespeichert waren. Anschließend hatte er das nutzlose Handy vermutlich weggeworfen oder verloren.

»Können wir jetzt gehen?«

Saschas Frage riss Cora aus ihren Überlegungen. Sie wandte sich ihm zu und nickte. »Klar. Lass uns von hier verschwinden.«

Er drehte sich um und marschierte los.

Cora sah sich noch einmal um. Erneut fröstelte sie, als sie die Bäume ansah, die sie wie stumme Wächter umzingelten. Erneut fühlte sie sich von etwas Unsichtbarem und Unfassbarem belauert und beobachtet. Und die Stille, die nur von Saschas sich entfernenden Schritten unterbrochen wurde, zerrte zusätzlich an ihren Nerven und ließ sie frösteln.

Es schüttelte sie erschaudernd, bevor sie loslief und sich beeilte, zu Sascha aufzuschließen. Dennoch spürte sie weiterhin ein Kribbeln im Nacken, als würden unsichtbare Augen ihren Weg verfolgen. Sie würde mindestens drei Kreuze schlagen, wenn sie endlich wieder in ihrem Wagen saß und diesen verfluchten Wald hinter sich lassen konnte.

Бесплатный фрагмент закончился.

133,59 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
353 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783738053609
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги