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David Goliath
Hautmalerei
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Haftungsausschluss
Schwarz
Verortung
Nacht & Nebel
Tinte & Schmerz
Xander & Ysop
Hafen & Kante
Ehe & Ende
Stuhl & Eimer
Schwarz
Engel & Staub
Schutz & Sieb
Wolf & Rose
Teufel & Schande
Presse & Justiz
Schwarz
Panzer & Alpha
Schnitzel & Soße
Turm & Babel
Schwarz
Sünde & Sühne
Feuer & Pause
Höhle & Löwe
Cola & Skalpell
Medien & Rummel
Folter & Drache
Keks & Krümel
Balz & Reue
Schwarz
Herz & Kehle
Hund & Narben
Netz & Zungen
Diktat & Brutus
Kaffee & Kuchen
Rendezvous & Déjà-vu
Schwarz
Fund & Farce
Fantasie & Wirklichkeit
Waffe & Gewalt
Schwarz
Kunst & Tod
Beweis & Dienst
Früher & Heute
Kalm & Stieglitz
Rechts & Links
Impressum neobooks
Haftungsausschluss
Fiktiv.
Schwarz
„Schwarz wird der Teufel stets gemalt.“
Finnisches Sprichwort
Verortung
Gegenwart.
In der Nähe von Frankfurt am Main.
Nacht & Nebel
M wie Manie. Macht. Martyrium.
M wie Melancholie und Monotonie.
M wie Metamorphose und Mutation.
M wie Maskerade und Massaker, Mortalität und Meisterwerk.
M wie Maler. Misanthrop. Monstrum. Mephisto.
M wie Mörder.
M wie Meinereiner.
Ich blicke in den dreckigen, gesprungenen Spiegel. Eine flackernde Glühbirne über mir kämpft gegen die Schatten, vor allem gegen den Schatten, der in meinem Gesicht liegt, geschützt von der Kapuze des Pullovers. Der Rest der heruntergekommenen Einzimmerwohnung im Souterrain ist dunkel. Fenster fehlen. Mehr als die Nacht wäre ohnehin nicht hereingekommen. Ein Keller mit einem abgewetzten Schlafsofa und einem schmierigen Waschbecken, daneben ein Eimer für die Notdurft.
Da sind wir wieder.
Ich ziehe einen Mundwinkel nach oben, ein schiefes, bösartiges, einseitiges Grinsen. Kaum zu erkennende Schemen.
Es hat mir gefallen.
Ich wasche meine Hände. Das Wasser spült fremdes Blut, schwarze Tinte und Camouflage-Make-up von meiner Haut, die selbst mit schwarzer Tinte gefüllt ist. Ein verformtes Stück Seife hilft bei hartnäckigen Stellen. Das Becken färbt sich schwarz, rot, gelb. Immer wieder protestiert der Wasserhahn. Immer wieder folgen braune Ablagerungen einem Stakkato an Strahlunterbrechungen. Trotzdem reibe ich meine eingeseiften Hände unter dem Schmutzwasser in einem konditionierten Muster – als hätte ich es jahrelang trainiert, verinnerlicht, automatisiert. Innen. Außen. Fingerknöchel, Fingerknochen, Fingerspitzen. Nägel, Nagelbetten. Handgelenke. Unterarme. Nach dem minutenlangen Ritual und mehreren Nachschlägen bei der Seife drehe ich den Hahn zu. Zuletzt hatte sich das Wasser durchweg braun verfärbt. Das löchrige Handtuch wischt die Nässe trocken, saugt sie auf, verschmiert sie. Ich hänge es zurück an den krummen Haken, der sich langsam aus dem Fliesenspiegel löst. Er wackelt, als ich das Handtuch an seinen angestammten Platz bringe, hält aber wacker die Stellung. Danach fixiere ich mein unbehelligtes Antlitz in den verästelten Bruchfragmenten des Spiegels.
Endlich. Ich habe es vermisst.
Ich fasse mit der linken Hand nach der flackernden Glühbirne über mir und ziehe sie zu mir. Meine gewaschene Hand ist durchzogen von Tinte: ein feixender Totenkopf auf dem Handrücken, umgeben von Blutrinnsalen, die weiter den Arm hochkraxeln, und lateinische Phrasen der Länge nach auf jedem Finger.
Malum in se – „Übel in sich“. Auf dem Daumen. Er zeigt auf die Person, die das Böse in sich trägt. Er zeigt auf mich. Meinereiner.
Das Licht fällt auf den Spiegel, der die Strahlen reflektiert und mein Gesicht beleuchtet, soweit es die Kapuze zulässt. Die Augen bleiben im Verborgenen. Ein glattrasierter Kiefer. Fremde Blutspritzer haften darauf. Ein unscheinbarer Mund. Speichel, Schweiß und Sekret haben das Cover-Make-up partiell abgetragen, was die darunter versteckte Schwärze hervorblitzen lässt. Doch im Ganzen kann man die Zierde noch nicht sehen.
Recte faciendo neminem timeas – „Tue Recht und scheue niemand“. Auf dem Zeigefinger. Erhoben zur Warnung, erhoben zur Anklage. Zeigt auf denjenigen, der die Strafe verdient.
Ich bin müde. Es war eine lange Nacht. Meine Gelenke schmerzen. Mir fehlt die Kraft der Jugend. Ich muss mir meine Energie einteilen, bin nicht mehr so agil wie vor ein paar Jahren. Trotzdem ist der Durst wieder geweckt – und gestillt, fürs Erste.
Demon est deus inversus – „Der Teufel ist die Kehrseite Gottes“. Auf dem Mittelfinger. Den kann ich in die Höhe recken und zeigen, was ich von Gott und der Welt, vom Mensch und seinem Irrweg halte.
Ich streife die Kapuze nach hinten, mit der rechten Hand. Auch dort, Tätowierungen. Allerdings ein weinender Totenkopf auf dem Handrücken, im schaurigen Kontrast zu seinem Genossen links, und skelettierte Finger. Der Ärmel des Pullovers verbirgt weitere Details, aber im Ansatz erkennt man brennende Erde.
Rigor mortis – „Totenstarre“. Auf dem Ringfinger der linken Hand, die die Glühbirne umfasst. Der unbeweglichste aller Finger als Sinnbild für den nach dem Tod erstarrten Leib, den ich für meine Kunst benutze. Manchmal auch noch nicht erstarrt – je nachdem, wo ich bin und wie viel Zeit mir bleibt, mein Kunstwerk zu vollenden.
Im Schein des hinter einer Glasphiole glühenden Drahtes offenbart sich mein Konterfeit, das unergründlich in den Spiegel starrt. Blutspritzer zieren Kinn, Wangen und Nase. Bis auf Augenbrauen und Wimpern fehlen meinem Kopf weitere Haare - Schädel und Bart sind glattrasiert. Meine Haut wirkt blass, porös, künstlich. Eingetrocknete Schweißperlen waren beim Versuch das Geheimnis zu lüften gescheitert. Sie konnten lediglich ein paar Ansätze offenlegen, die wie Dreckpartikel aussehen.
Mortua manus – „tote Hand“. Der kleine Finger bildet den Abschluss, das Ende. Die in die Haut gravierten Zeilen stigmatisieren mich bis in den Tod und darüber hinaus. Erst der unrühmliche Verfall wird die Schrift mit der Haut zersetzen. Auf meinen Knochen werden dann nur noch die Spuren der Nadelstiche zu finden sein, die zu tief eingedrungen sind.
Ich löse den Griff von der Glühbirne. Das Stromkabel von der Decke holt sich ihr Eigentum zurück und bremst den flackernden Auswuchs pendelnd, während das warme Birnenglas Striemen auf der Innenfläche meiner linken Hand hinterlassen hat. Dann drehe ich den Wasserhahn wieder auf, forme meine Hände wie ein Gefäß, sammele Nässe, beuge mich über das Waschbecken und schwappe sie in mein Gesicht. Mehrmals. Fremdes Blut und Make-up lösen sich. Schließlich tauche ich wieder vor dem Spiegel auf. Wasserperlen laufen mir von der Fratze, die das Nass offenbart hat. Nase und Ohren sind vollkommen schwarz tätowiert. Flüchtig könnte man meinen, sie existieren nicht. Auf den Lippen prangen eingespritzte Zahnreihen, breiter als die ursprüngliche Anatomie. Ein farbloser Skelettmund. Das Rot der Sinnesorgane abhandengekommen, ausgelöscht. Meine Augen ähneln schwarzen Höhlen – ein Oval zwischen Braue, Jochbein und Nasenbein. Wäre die weiße Sklera nicht zwischen Tintenklecks und Pupille, könnte man sich in den Tiefen der Finsternis verlieren. Ich fasse hinein, nehme etwas zwischen Daumen und Zeigefinger in die Schraubzwinge und hole es aus meinem Auge. Die Kontaktlinse verhält sich wie Wackelpudding auf meinen Fingern, als würde sie darum betteln wieder zurück in die feuchte Höhle zu dürfen. Dabei ist es keine Wohltat. Es fühlt sich an wie ein Sandkorn und reibt in mir, während es mich in den Wahnsinn treibt. Zudem schränkt es mein Sichtfeld ein, was für Pirsch und Jagd nicht unbedingt zuträglich ist, aber notwendig, um meine Identität zu schützen. Als ich das andere Sehorgan von der artifiziellen Applikation befreit habe, blicke ich mit gänzlich schwarzen Augen in den Spiegel. Die weiße Sklera wurde bereits vor sehr langer Zeit mit schwarzer Tinte geschwängert. Die Nadeln fliegen in jährlichem Zyklus über mich hinweg, damit die verbleichende Schwärze neue Intensität erlangt.
Ich lösche das Licht. Meine spärlichen Habseligkeiten liegen nicht im Weg herum. Ich finde mein Nachtlager blind, streife die Klamotten ab und lege mich nackt in mein durchgesessenes Schlafgemach. Mit geschlossenen Lidern und vor der Brust ineinander abgelegten Händen liege ich auf dem Rücken. Die vollkommene Dunkelheit umschließt mich. Es fühlt sich wohlig, geborgen und sicher an. Ein Maulwurf in seinem Tunnel. Ein Straußenkopf im Sand.
Diesem Bastard habe ich die Abreibung verpasst, die er verdient hat. Zwar nicht mein bestes Werk, aber für meine Auferstehung, meine Renaissance, nicht schlecht. Eine Fingerübung zum Warmwerden. Dieser Kick war einfach unglaublich. Wie sie mich angeschaut haben, diese fremdelnden, unschlüssigen Menschen. Wie sie an mir vorbeigeschlichen sind, unsicher, ob sie ihrem Drang nach Voyeurismus nachgeben sollten. Unsicher, ob sie die Polizei rufen sollten. Unsicher, ob sie mutig nachfragen sollten, wie es dem Mann, der bäuchlings auf der Brüstung der Brücke lag, ging, und was ich denn hier mache. Sie sahen nicht, dass dem Mann unablässig Wasser aus dem Mund tropfte. Wasser, das außen an der Brüstung hinunter in den Fluss tropfte. Sie sahen nicht, dass der Mann längst erlöst war.
Doch sie alle schlichen vorbei. Keiner machte ein Foto. Keiner traute sich, das Mobiltelefon mit der hochauflösenden Kamera zu zücken. Sie alle waren erschrocken über die Offenherzigkeit, die ich an den Tag legte – oder vielmehr in die Nacht. Die dezent ausgeleuchtete Alte Brücke verschaffte mir Schatten, in denen ich mich austoben konnte. Historisch romantische Beleuchtung nennen die Stadtplaner die wenigen Laternen, die an die graue Vorzeit erinnern sollen. Schummeriges Licht mit altem Stein im Kontrast zu den Glasfassaden und Flutlichtern der Hochhäuser des Bankenviertels in Sichtweite. Spaziergänger – Touristen und einheimische Nachtschwärmer – sollen auf dem Pflaster der Vergangenheit für gut 200 Meter die Hektik der Moderne vergessen, verdrängen oder ausblenden, selbst wenn sie sich die Passage mit vier Fahrspuren teilen müssen, zwischen pulsierenden Stadtvierteln voller Vergnügen, Laster und Sünde.
Und dann sahen sie mich, wie ich einem Mann die Haut auf dem entblößten Rücken mit 6000 Nadelstichen pro Minute verschönerte. Das kunstvolle Muster entging ihnen natürlich, wegen der seltsamen Wahl von Ort und Zeit. Ich hatte mich für einen abstrakten Reichsadler entschieden, dessen Kopf, Klauen und je ein Flügel gekreuzt abgewinkelt in alle vier Richtungen deuteten – eine Swastika sozusagen, oder Hakenkreuz. Neben diversen völkischen und antisemitischen Motiven auf dem Körper des Mannes fühlte sich der Vogel recht wohl. Meine versierte Vorgehensweise im Halbdunkel und das Selbstverständnis, das ich versprühte, verblüfften die Menschen so sehr, dass sie mein Handeln nicht in Frage stellten. Sie gingen einfach weiter, wunderten sich über diesen merkwürdigen Straßenkünstler und den bereitwilligen Mann, der das hell erleuchtete Panorama der Großstadt genoss, während man seinen Rücken malträtierte. Die glanzlosen Augen des Rassisten konnten die blitzlichtaffinen Schlitzaugen nicht sehen, da lediglich der Hinterkopf grüßte.
Manchmal lächelte ich einen dieser Menschen an, aus Spaß. Ich wollte die Reaktion testen. Die meisten erschraken, senkten den Kopf und huschten schnell an mir vorbei. Einer lächelte zurück. Ich sah seine glasigen Pupillen, die mich nicht fixieren konnten, stattdessen um mich herumschwirrten wie Fliegen um einen Freiluftabort. Torkelnd und lallend passierte er mich, ohne mich zu belästigen. Vielleicht hatte er die ratternde, akkubetriebene Tätowiermaschine in meiner Hand zucken sehen und vibrieren hören oder war irritiert von den Blutspritzern, die mein Gesicht besprenkelten, oder den schwarzen Tintenbächen, die von Werkzeug und Latexhandschuhen herunter platschten. Oder er war schlicht von Sinnen, fokussiert auf den Gehweg, ständig am Lächeln.
Vorbeifahrende Autos hielten nicht an. Die Insassen beachteten mich nicht. Zu dieser späten Sunde staute sich der Verkehr auch nicht mehr an beiden Ufern. Es gab also keinen Grund den Bürgersteig fernab von Übergängen unter die Lupe zu nehmen. Selbst Polizeistreifen ließen mich achtlos liegen. Straßenkunst kennt in dieser Stadt so viele komische Formen, dass man es vermeidet, sich mit allen Abartigkeiten zu belasten. Einmal winkte ich dem Einsatzfahrzeug sogar, ohne Resonanz zu erhalten. Die Nacht schützte mich sehr gut.
Als ich fertig war, stellte ich mich lässig an die Brüstung, um mein Umfeld zu beobachten. Ich hatte keine Lust die Beine in die Hand zu nehmen, weshalb ich einen günstigen Moment abpasste, in dem mich bauliche Wölbung der Alten Brücke, Uneinsehbarkeit durch Vegetation und abebbendes Nachtgewimmel für einen Moment zur einsamsten Person auf der Flussüberquerung machten. Dann warf ich einen letzten Blick auf das Tattoo – so wie er es wollte, dachte ich – und den Bastard in den Main. Neben dem Ruderverein plumpste er ins kalte Wasser und verschwand in der Tiefe. Ich wartete noch ein paar Minuten, lauschte dem Verkehr, dem entfernten Rauschen aus Nachtleben, Glockenspiel und Sirenen, das der seichte Wind zu mir trug. Niemand hatte den Sturz gesehen. Niemand hatte den Aufschlag vernommen. Also packte ich meine Sachen zusammen, klappte den Rollstuhl auseinander, mit dem ich den Körper geschoben hatte, setzte mich hinein und kurvte gemütlich von dannen, mit sauberen Händen an den Greifreifen, denn die Handschuhe hatte ich - die schmutzige Seite ineinander gestülpt - ausgezogen und eingesteckt. Passanten schenkten mir mitleidige Blicke – mir, meinen schlaffen Beinen, auf denen ich einen leeren Eimer balancierte, und dem ächzenden Rollstuhl. Ich lugte unter der Kapuze hervor, an der Kamera für Verkehrsüberwachung und öffentliche Sicherheit vorbeirollend, die mich als blinden Fleck aufzeichnete. Mein Adrenalinrausch näherte sich der Klimax und nährte sich von Geltungssucht, Sadismus, Exhibitionismus und Selbstjustiz.
Tinte & Schmerz
Ich erwache.
Ich weiß nicht, wie spät es ist. Der Keller ist dunkel. Mein Zeitgefühl sagt mir, dass die Nacht vorüber ist. Mein Körpergefühl sagt mir, dass ich ausgeschlafen habe. Ich taste mich zum Lichtschalter. Als ich ihn drücke, zündet die Leuchtstoffröhre durch, Quecksilberdampf und Argon bilden ein leitfähiges, strahlendes Plasma, und die fluoreszierende Röhrenbeschichtung aus Luminophor erhellt schließlich den kargen Keller.
Ich strecke mich. Meine Arme erreichen die Decke – ein dickes Betonfundament. Mein Gardemaß von einem Meter 90 macht aus dem Untergeschoss ein klaustrophobisches Gefängnis, das ich aus freien Stücken wählte. Wie mich eine cannabisverseuchte Gebärmutter und ein alkoholgeschwängerter Samenstrang schufen, stehe ich in dem kleinen Verlies. Mein Gemächt grüßt den Morgen. Die schwarz tätowierte Rüstung auf breiter Brust und flachem Bauch bietet den idealen Hintergrund für die hautfarbige Schlange, die sich auf den Sonnenanbeter versteift. Auf meinen Armen setzen sich die tätowierten Motive fort. Links ein Horrorclown mit Reißzähnen und Blutaugen – eine der ersten Hautmalereien, die ich mir gegönnt habe. Nicht selten wünsche ich mir ein unter die Haut geschobenes Audioabspielgerät, das ein grauenhaftes Gelächter abspielt, wenn ich den Muskel anspanne, weil ich die Menschen um mich herum abschrecken will, ehe sich meine Faust in deren hässliche Visagen rammen muss, weil sie mir auf die Pelle rücken. Den restlichen Arm zieren Äxte, Kettensägen, Macheten und Blutrinnsale. Mein kleines, persönliches Folterkabinett. Auf dem rechten Arm erinnert mich der Sensenmann an meine Sterblichkeit. Ausdruckslos verweilt er auf meinem Oberarm, die schartige Sense wie ein Mahnmal neben sich. Um sich hat er Fliegen, Grabmäler und brennende Erde gescharrt. Unter meiner Gürtellinie folgt ein Potpourri aus Fegefeuer, den vier apokalyptischen Reitern, Atompilzen und schwarzen Engeln. Ach ja, auf meinem gesamten Rücken liegen schwarze Schwingen an. Und auf meinem Hals befindet sich gemalter Stacheldraht. Rundherum. Manchmal fühle ich die Metalldornen, wie sie meine Kehle belagern und sich am liebsten in Halswirbel und Schlagadern bohren wollen.
Mit dem Waschlappen wasche ich mich. Die groben Fasern schleifen wie Sandpapier über die tätowierte Haut. Es plätschert in das Waschbecken. Ich stöhne, weil das Wasser so kalt ist. Kernseife löst den Schmutz von mir. Eine Tinktur aus ätherischen Ölen und Alaunstein überdeckt zuverlässig meinen Körpergeruch – für ein paar Stunden. Ich hasse meinen Körpergeruch! Stattdessen dufte ich nach einer Gebirgswiese – bis die Geißen darauf urinieren.
Eine lange Hose und bequeme Schuhe gestatte ich mir. Meinem dezent trainierten Oberkörper spendiere ich ein vorsätzlich gelöchertes Top. Die Kunden sollen schließlich Vertrauen in meine Arbeit gewinnen, indem sie sich an meinen Tätowierungen ergötzen.
Durch die quietschende Stahltür geht es nach oben. Der Krach warnt mich vor ungebetenen Gästen. Oben erwartet mich der Tag. Mein Gefühl hat mich nicht betrogen. Der Tag ist angebrochen, jedoch noch nicht sehr weit fortgeschritten. Ich betrete ein Tattoo-Studio – mein Tattoo-Studio. Zwei Räume, getrennt durch einen Vorhang. Vorn der Empfang – ein Tresen, ein Klo hinter einer einflügeligen Western-Saloontür und eine schlecht gepolsterte Sitzmöglichkeit, äußerst spartanisch. Hinten meine Folterbank: ein altertümliches Holzgestell mit Eisenketten und –manschetten, getrocknetes Blut inklusive – könnte man meinen, doch es handelt sich um täuschend echte Farbe, falls jemand fragt. Dort beackere ich die Kundschaft. Man bezahlt nicht nur für die Kunst, sondern auch für die Show.
Tintenschmerz heißt das Kind, indem ich eine im Abendland seltene Technik perfektioniert habe. Zwar kann ich damit keinen Fotorealismus auf die Haut zaubern, weil es eher grobschlächtig daherkommt, aber Erfahrung, Erinnerung, Haptik und außergewöhnliche Einmaligkeit lassen die Limitierung im Rausch in Rauch vergehen. Ink Rubbing nennt die sogenannte Fachpresse die Vorgehensweise, wo durch das Ritzen der Haut und das Einreiben von farbgebenden Materialien in die entstehenden Narben Kontur und Struktur geschaffen wird. Ich nutze Asche, am liebsten die Asche Verstorbener. Ein Kontakt im Krematorium versorgt mich mit Nachschub. Den Angehörigen wird dann eine Vermengung von Mensch und Schweingebein in die Urne gefüllt. Natürlich ist es ein Gerücht, dass ich mit Totenasche arbeite, aber weder kommentiere noch dementiere ich. Die Mundpropaganda beschert mir mehr Anfragen als ich abarbeiten kann. Prüfungen durch das Gesundheitsamt verlaufen stets ohne Beanstandungen, dank Buschfunk und guter Refugien. Zu der grauen (Toten-)Asche mische ich noch etwas schwarzes, gemahlenes Schießpulver. Das Skalpell öffnet die Haut und ich bringe das Gemisch ein, knete mit den Händen wie der Bäcker den Teig, reibe mit den Fingerbeeren wie die zierliche Masseuse vorm Happy End. Es ist recht blutig, aber die Kunden schreckt das nicht ab. Im Gegenteil, der Verzicht auf filigrane Kunst wird ersetzt durch die masochistische Faszination der legitimierten, offensichtlichen Körperverletzung. Das Resultat sind vernarbte, wulstige, schattierte Körperpartien, verziert mit einfachen Motiven, Sprüchen oder grotesken Formen. Noch mehr als Skalpell und Einrieb schmerzt die Desinfektion nach der Staubapplikation. Die verzerrten Gesichter der Kunden sehen nicht mein feixendes Konterfeit, wenn ich das bakterizide, fungizide, tuberkulozide, viruzide, bläuliche Mittelchen über sie kippe. Sie zucken wie Stroboskope im Dauerfeuer, wehren sich gegen die Eisenbewehrung meiner Folterbank. Die Ketten rasseln. Sterbende Schlossgespenter. Ich liebe meine Arbeit!
Aret ist noch nicht da. Sie ist meine rechte Hand, eine echte Notwendigkeit im alltäglichen Dschungel aus Kundenakquise, Networking, Social Media, Haftungsausschlüssen und Buchhaltung. Ohne sie wäre ich verloren. Ohne sie könnte ich mich nicht entfalten. Der Kram, den sie erledigt, nervt mich. Ich will nur die Haut, kann auf das Drumherum verzichten. Dafür erhält sie einen guten Lohn, der sich auch ihre Verschwiegenheit erkauft. Die kolportierte Totenasche ist lediglich ein Bruchteil meiner Sonderbarkeiten.
Die Kaffeemaschine bekommt Wasser und Pulver. Ich verabscheue Nikotin, aber ich brauche Koffein. Schon beginnt das Gerät zu brummen und dampfen – ein kleiner Morgenmuffel, der meinen Morgen in Schwung bringt. Während der Apparat kocht, schließe ich den Laden auf. Zuerst entriegele ich innen die Glastür, dann den Aluminiumpanzer davor, den ich nach oben schieben muss. Draußen empfängt mich eine leere Reihe von Parkplätzen, wo ich drei Stellflächen für das Studio reserviert habe. Aret stellt sich immer auf die erste Stellfläche davon. Sie nutzt den honiggelben Firmenwagen – ein schnittiges, leistungsfähiges Cabriolet mit dem Tintenschmerz-Schriftzug, den Kontaktdaten und einem kecken Spruch: geht unter die Haut! Die zwei anderen Parkplätze stehen den Kunden zur Verfügung. Einer für den zu behandelnden Kunden, der zweite für den interessierten Kunden, der sich den Pranger der Pein anschauen möchte. Über ein Gässchen zu erreichen. Kiefern, Buchen und Eichen säumen die Umgebung. Eine fehlende Überflutungsfläche verkürzt meinen Weg zu dem mittelgroßen Fluss – derselbe, den ich zur Entsorgung der Leiche benutzte. Die Strömung fließt zur Großstadt hin gen Westen, also wird der Körper in die andere Richtung getrieben und nicht vor mein Studio. Ich rechne außerdem jede Nacht mit der strafenden Sintflut, weil mein Schlafkeller unterhalb des Wasserpegels liegt, aber bis jetzt bin ich immer wieder aufgewacht. Das letzte Hochwasser, welches nicht durch die Staustufen reguliert werden konnte, trat vor meiner Zeit in diesem kleinen, dörflichen Stadtteil über die aufgeschütteten Ufer mit ihren mickrigen Flutmauern.
Die Sonne gewinnt an Stärke. Ich spüre die Strahlung auf meiner veränderten Hautoberfläche beim Kontrollgang außerhalb. Ein paar Getränkebecher liegen herum, zusammen mit einigen gerauchten Kippen. Die vorlaute, despektierliche Jugend hat sich offenbar herumgetrieben. Ich werfe den Müll in den öffentlichen Abfalleimer keine zehn Meter entfernt und nutze die Gelegenheit über den Parkplatz bis zur Böschung zu schlendern. Die sonstige Stellfläche gehört zur Fähre, die täglich der Strömung auf 130 Meter Breite trotzt, und dabei fahrbare Untersätze bis dreieinhalb Tonnen chauffiert, genauso wie Fußgänger.
Erste Radfahrer schießen an mir vorbei, denn direkt am Fluss führt ein beliebter, frequentierter Radweg entlang. Das Grün der Vegetation beruhigt mich. Ich blicke über das fließende Wasser. Gegenüber liegt ein Campinggelände, das von Flora geschützt wird. Richtung Westen folgt ein kleiner Bootshafen. Mit der Sonne auf der zweiten Gesichtshälfte tapse ich zurück zu meiner Liegenschaft. Ich drehe den Kopf in beide Richtungen. Auf der einen Seite sehe ich die dreiflüglige Schlossanlage, die mittlerweile mit Eigentumswohnungen vollgepumpt ist, und den angrenzenden Schlosspark. Auf der anderen Seite sehe ich ein dünnes Gewerbegebiet, an das sich ein Naturschutzgebiet anschließt, zentriert von einer gefluteten Kiesgrube, an deren Zipfel sich ein niedliches Strandbad anhängt.
Während ich flaniere, bleibt die Ladentür sperrangelweit geöffnet. Etwas frische Luft vertreibt den Muff aus dem Kabuff. Auf dem Rückweg betrachte ich die bescheidene Selbstständigkeit, die Monat für Monat meine Schulden begleicht. Und die Nachbarschaft. Provinzialer Einzelhandel, der sich gegen das Internet und die geballten Einkaufszentren stemmt, abhängig von den wenigen Stammkunden aus dem unmittelbaren Umfeld. Darüber ein paar Wohnungen. Neugierige Augen erspähen mich. Sie blinzeln durch die antiquierten Gardinen hindurch und denken, ich sehe sie nicht. Dabei weiß ich ganz genau, wie das Rentnerehepaar der Nachbarschaftswache über mich und mein Treiben denkt. Am meisten schreckt sie meine Erscheinung ab, vor allem meine dunklen Augen, bei denen man nicht sieht, wohin ich eigentlich schaue, weil einfach alles schwarz ist. Ich winke freundlich und gehe in mein Geschäft. Erwidert wird die Geste nicht. Jeder von beiden hat sein eigenes Fenster. Der eine hockt im Wohnzimmer; die andere in der Küche; beide starren den halben Tag hinaus zum grünen Ufer, an dem dutzende Blechkisten parken. Ich stelle mir vor, dass sie sich fromm bekreuzigen, wenn sie mich sehen.
Der Kaffee ist durchgelaufen. Ich gönne mir eine Tasse. Schlürfend prüfe ich den Briefkasten – Werbeflyer, trotz des eindeutigen Aufklebers, der darum bittet, auf den Einwurf von Werbung zu verzichten. Vielleicht sollte ich einen mehrsprachigen Aufkleber anbringen - oder plakative Piktogramme, die selbst dressierte Affen verstehen. Dann schlurfe ich durch den Laden und sichte das Inventar. Zuerst mein Arbeitsmaterial: Skalpelle, Tupfer, Mullbinden, Kompressen, Formaldehyd und Peressigsäure für die Sterilisation der Geräte, Propanol als Desinfektionsmittel für Wunden und Hände, Hautcreme, Asche und Schießpulver in Töpfen, außerdem noch Beißkeile, Kokain als Lokalanästhetikum und Morphium als Analgetikum. Die Betäubungssubstanzen lagern in einem Geheimfach unter der Sitzfläche meines gepolsterten, höhenverstellbaren Drehhockers und werden als Ultima Ratio angesehen. Besitz und Anwendung sind nicht konform mit dem Gesetz, aber manche Kunden trauen sich mehr zu als sie aushalten. Bevor ich reanimieren muss, sediere ich lieber. Die geringe Dosis verhindert eine Abhängigkeit, rede ich mir ein. Vielleicht ist das auch ein weiterer Grund, warum so viele Wiederholungstäter auf der Matte stehen. Meine Bezugsquelle behalte ich besser für mich. Aret kennt das Spiel, weshalb ich für ihren geschlossenen Mund auch so gut bezahle. Früher bezahlte man sie schlechter, für einen geöffneten Mund. Schlucken ohne Mucken musste sie trotzdem.
Mein Arbeitsplatz ist vom Boden bis zur Decke gefliest – schlichtes Weiß mit weißen Fugen. Gut für Blut. Erleichtert die Reinigung. Es gibt keine Bilder, Skizzen oder Fotos. Nur die Holzbank mit den Eisenbeschlägen, eine alte Kommode mit verglasten Türen für meine Utensilien und Holztüren, wohinter die autarke Tätowiermaschine lagert, die ich auswärts nutze. Außerdem ein Abwurfbehälter für blutiges Verbandszeug und ein Waschbecken aus Edelstahl für Desinfektion und Sterilisation. An der abgehängten Decke beäugen mich dutzende Einbaustrahler, die als Publikum beobachten und als Tribunal verurteilen.
Nach dem morgendlichen Rundgang blättere ich Kalender und Aufträge durch. Heute kommen zwei Kunden. Ein Frischling und ein Dauergast. Bevor der Kaffee kalt wird, trinke ich die Tasse aus. Der Frischling will mir seinen äußeren Oberarm zur Verfügung stellen. Er gibt mir die Freiheit, mich auszutoben, schränkte jedoch das Thema ein: maritim. Ein Seepferdchen würde mir gefallen. Mal sehen, was da für ein Schmalhans kommt. Da Aret den Erstkundenkontakt übernimmt, weiß ich nie, wer mich erwartet. Sie kennt mich und meine Gepflogenheiten, weshalb sie den Interessierten genau sagen kann, was ihnen bevorsteht. Das Wichtigste ist sowieso der Haftungsausschluss. Körperverletzung mit Einwilligung. Der Dauergast ist ein längerfristiges Projekt: Rosenranken vom großen Fußzeh, über Spann, Knöchel, Wadenbein, Knie, Oberschenkel, Hüfte, Po, Rücken und Schulter bis zum Nacken. Es ist der dritte Termin. Den ersten Termin mussten wir wegen der Schmerzen abbrechen. Die zarte Frau kämpfte zudem mit ihrem Kreislauf. Ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk und ein Schokoriegel halfen. Beim zweiten Termin war sie vorbereitet – mental und körperlich. Bis zu ihrem hübschen Hinterteil sind wir gekommen. Heute wird sie mir den Rest ihres ansehnlichen Körpers zeigen, wenn wir uns vom Po bis zum Nacken hocharbeiten. Möglicherweise muss ich heute eine Prise Morphium spendieren. Da kaum Fettpolster vorhanden sind, werde ich nah an ihren Knochen herumsäbeln.
Bis meine Adjutantin eintrifft, setze ich mich nach vorn in den Empfangsbereich. Der Getränkekühlschrank summt leise und die Wanduhr tickt. Ich atme vor mich hin, zähle die Radfahrer, Kinderwagen und angeleinten Hunde, die vorm Laden vorbeihuschen.
Erinnerungen an die letzte Nacht fluten meinen Geist. Als ich dem verkappten Nationalsozialisten in einer schlecht beleuchteten, mies belüfteten, leicht zugänglichen Parkgarage auflauerte, ihn mit Engelsstaub (PCP – ähnlich halluzinogen wie LSD, aber in der richtigen Dosierung einschläfernd) als Aerosol gefügig machte, ihn und sein Mobiltelefon in einem Eimer mit frischem Flusswasser ertränkte, ihn in dessen übermotorisierten SUV hievte und zur Alten Brücke kutschierte, wo ich einen Behindertenparkplatz in der Nähe besetzte. Er kam gerade aus dem Büro aus einem der Wolkenkratzer im Bankenviertel, mit feinem Zwirn und schicker Aktentasche. Ich passte ihn ab, hockte wie ein Kobold mit dem Eimer voll Wasser zwischen den parkenden Autos. Heute würde ihn die Investmentbank, für die er Bioreservate und Bodenschätze auf ärmeren Kontinenten für größtmögliche Rendite opferte, als vermisst melden. Seine Familie könnte die Vermisstenmeldung bereits in der Nacht abgeben haben, mit dem höflichen Hinweis der Polizeidienststelle, dass ein bekannter Trinker auch mal ein paar Stündchen auf einer Parkbank dösen könne, bevor er wieder erreichbar sei, und man noch etwas abwarten solle. Vielleicht wird er aber auch gefunden – von Seeleuten oder Morgenathleten, die Knie und Wirbelsäule über das harte Stadtpflaster prügeln, in engen, atmungsaktiven Mischfasern, mit erschreckender Umweltbilanz.
Der Nazi kannte mich. Ich kannte ihn. Laute Diskussionen mit Aret riefen mich auf den Plan. Ich unterbrach eine Session, zog den Vorhang ruppig zur Seite und brüllte nach vorn, was das Affentheater soll. Der Nazi bestand darauf, dass ich ihm einen Spruch von Schlüsselbein zu Schlüsselbein einfräse: Meine Ehre heißt Treue. Ein Wahlspruch der Waffen-SS im Dritten Reich. Nicht zu vereinbaren mit meiner Kunst, meiner Überzeugung, meinem Verständnis von Menschlichkeit, auch wenn ich die Menschen nicht mag. Ich hasse nicht nur Nazis, ich hasse die meisten Menschen. Ich lehnte ab und komplimentierte ihn hinaus. Statt zu gehen wedelte er mit einem Stück Papier, einem Geschenkgutschein, den ihm seine Kameraden überreicht hätten. Ich wusste, dass diese Aktion eines Tages nach hinten losgehen würde, aber Aret war von der PR-Sache mit den Gutscheinen überzeugt. Als ob ich nicht genug Kunden hätte. Aret meinte, dass wir unseren Bekanntheitsgrad und die Akzeptanz steigern könnten, aber ich wusste, dass sie insgeheim mitschneiden wollte. Ständig schaut sie mir über die Schulter. Ich bin mir sicher, dass sie heimlich übt. Sie denkt, sie könnte einen zweiten Arbeitsplatz neben meiner Folterbank einrichten und dann ihren Stil verbreiten. Doch ich brauche sie vorn an der Theke, auch als Schutzschild, nicht zu meinem Schutz, sondern zum Schutz der Anderen.
Jedenfalls war mein Jagdfieber geweckt. Ich zerriss den Gutschein, plusterte mich auf, um die zwei Meter auf Zehenspitzen zu erreichen, und näherte mich dem renitenten Rechten. Man sah ihm die idiotische Ideologie kaum an. Die Kleidung verdeckte alles, auch wenn er stets langarm tragen musste. Ich sah es in seinen Augen aufblitzen. Er wollte einen kurzen Moment rebellieren, doch dann schien er sich einzugestehen, dass aus unserer Beziehung kein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis werden konnte. Mir und Aret einen giftigen Blick zuwerfend verließ er das Studio. Als der Gestank von Verblendung verzogen war, hob ich den zerstückelten Gutschein auf und prägte mir seinen Namen ein. Ein paar Abende und Nächte später hatte ich genug über ihn in Erfahrung gebracht, damit ich mein neuestes Projekt in Angriff nehmen konnte.
Richard Wagner hieß der Böse. Ein unbedeutender Hedgefonds-Manager. Er vermehrte das Vermögen der Reichen, verwehrte es den Armen und zwackte sich einen guten Prozentsatz ab – zwei Prozent Verwaltungsgebühr und 20 Prozent Gewinnbeteiligung. Eines von vielen Rädchen im Unternehmen. Er war unauffällig, arbeitseifrig und höflich, wie man es von Serienkillern und Amokläufern immer hört. In seiner Freizeit war er Vorsitzender einer unscheinbaren Kameradschaft, die deutschem Bier und Allmachtfantasien in einem kleinen Schrebergarten frönte. Freitags traf man sich, um dem Alltag aus Arbeit, Ehefrau und Kindern zu entkommen. Dann wurde in der Dämmerung die Reichskriegsflagge gehisst. Nebenan liegen Parzellen mit kroatischen und italienischen Flaggen, aber niemanden störte der kriegstreiberische Nationalismus. Das Dutzend Springerstiefel grölte rechte Parolen, marschierte um das Lagerfeuer und salutierte militärisch – Rumpelstilzchen für Despoten. Im Hintergrund liefen altdeutsche Schmonzetten auf Schallplatte, die ruhmreiche Soldatenhelden und rechtsradikales Gedankengut priesen. Im Schutz von Eichenstämmen und Stachelbeersträuchern gaben sich die Mannen dem Rassismus hin, den sie im Alltag unterdrückten. Ich sah mir dieses Schauspiel ein paar Mal an. Bald wurde es zu einem Ritus, freitags hinaus in die Gärten zu schleichen und den Biergestank herunterzuwürgen, der aus den heiseren, eisernen Kehlen strömte.
Dem Wagner folgte ich nach Hause, wo er Frau und Kind autokratisch beherrschte. Alkoholisiert war dieser Mensch nicht zu ertragen, weshalb sich seine Frau mit dem Sohn im Kinderzimmer einschloss. Sie tat so, als würde sie schlafen, wenn er gegen die Tür pochte. Der Kleine wachte zum Glück nicht auf. Weil sich Wagner bereits mit den Kameraden ausgetobt hatte, fehlte ihm die Kraft Dummheiten anzustellen. Er legte sich stinkend ins Bett. Die Erdgeschosslage der wichtigen Räumlichkeiten ermöglichte mir eine ausgiebige Erkundungstour. Wahrscheinlich zog Wagners Frau die Rollläden nicht komplett zu, damit sie im Notfall gesehen und gehört würde. Ein schönes Haus. Ich imaginierte wie ich darin leben würde. Kind und Frau würde ich adoptieren, wenn das zum Gesamtpaket gehört.
Ich verfolgte das Familienleben auch, als Wagner nüchtern den Patriarchen gab. Er schrie seine Frau weder an noch schlug er sie, aber diese subtile Spannung, dieses Machtgefälle, das er jeden Tag ausreizte, belastete die Ehe. Ich belächelte die gestellten Fotos an den Wänden. Hochzeit. Urlaub. Ausflüge. Derart im Übermaß, dass man erschlagen wurde, wenn man das von außen gut situiert wirkende Haus betrat. Jeder sollte sehen, wie harmonisch die Familie Wagner ihrem Dasein fristete. Ich muss gestehen, dass ich die Frau auch einmal halbnackt erwischt hatte. Sie kam aus der Dusche. Ihr Bademantel fiel günstig und legte eine Tätowierung frei. Ihre Scham interessierte mich nicht, aber die Zahl am Oberschenkel krallte sich meinen Fokus: 444 – DdD im Alphabet, Deutschland den Deutschen. Schlecht gestochen und längst verblasst. Wahrscheinlich ein jugendlicher Vorstoß in ihrer Sturm-und-Drang-Phase, wo sie im Milieu ihrem Zukünftigen über den Weg gelaufen war. 666 würde ich daraus machen wollen – die Zahl des Antichristen. Ich haderte kurz mit dem Gedanken, wie ich sie mir schnappe, sie entführe, verschönere und wie ein ungeliebtes Haustier aussetze, konzentrierte mich dann aber wieder auf die zerrüttete Ehe und den verkappten Ehemann, den ich durch mich ersetzen könnte.
Mein Sinn für Rechtschaffenheit hatte genug gesehen. Früher mordete ich schon für sehr viel weniger. Ich wollte die Familie vom Scheusal erlösen. Erbe und Witwenrente würden für ein anständiges Leben genügen. Liebe existierte nur zwischen Mutter und Sohn. Theoretisch hatte schon sein Abgang aus dem Studio gereicht, als er sich eine Zigarette anzündete, nachdem ich ihn hinauskomplimentiert hatte. Zuerst zog der Dunst in den Laden und dann warf er den Stummel achtlos auf den Boden, demonstrativ könnte man meinen, und ließ diesen ausglühen. Mit aufheulendem Motor und durchdrehenden Reifen war er vom Parkplatz gerauscht. Den Kies, den er dabei aufgewirbelt hatte, hat das Firmenfahrzeug abbekommen. Steinschläge im Frontbereich. Manche schlucken das herunter. Andere erstatten Anzeige. Ich richte.
»Guten Morgen!«
Aret reißt mich aus den Gedanken.
Mit ihr kommt die Sonne ins Geschäft. Egal wie hart ihre Nacht war, oder wie beschissen die Männer, die sie benutzten, belogen und betrogen, sie lächelt stets, wenn sie durch die Glastür kommt. Andere Menschen würden dieses Lächeln nicht deuten können, würden von einem mulmigen Gefühl befallen werden, weil Aret mit ihren ausrasierten Kopfseiten, dem Metall im Gesicht und dem auffälligen Kobra-Tattoo, das vom Hals bis ins flachbrüstige Dekolletee reicht, eher abschreckend als vertrauenserweckend wirkt. Harte Schale, weicher Kern, gebrochene Seele.
»Wie geht´s, Chefchen?«
Ich hasse diesen Ausdruck, aber ich kann ihr nicht böse sein. Ich mache ihr Platz und bringe ihr einen Pott Kaffee, während sie die Unterlagen des Tages durchblättert.
»Wie war die Nacht?«
Ihre Standardfloskeln für den Gesprächseinstieg kommen mir schon so vertraut vor, dass ich sie unbeantwortet im Raum stehen lasse. Sie meint es ohnehin rhetorisch. Denn sie weiß, wie es mir geht und sie weiß, wie meine Nächte sind – dunkel und einsam, gleich meinem Innersten.
Ich nicke, als sie mir die anstehenden Termine nennt, die ich mir bereits angeschaut hatte. Dann prüft sie den Getränkevorrat und das Polster an Schokoriegeln, checkt die E-Mails, die Social-Media-Accounts, schaltet das Studiotelefon an und testet den Drucker. So ein fleißiges Bienchen. Selbst meinen Arbeitsbereich nimmt sie unter die Lupe, inklusive des geheimen Kokain- und Morphiumlagers unter meinem runden Drehhocker. Währenddessen beobachte ich sie, ihre enganliegende Kleidung, die Begierde weckt, und ihren sehnigen Körper. Ihre knappen Shirts zeigen viel Haut und lassen erahnen, was darunter liegt. Dazu trägt sie meistens Pants und Overknee-Strümpfe. Sie kann es sich leisten. Anerkennend mustere ich sie jeden Morgen. Ich kann nicht glauben, dass es Männer gibt, die so eine hübsche Frau belügen und betrügen. Wäre ich nicht ihr Chefchen und wäre ich nicht zu Höherem berufen, würde ich mit Blumen und Kerzenschein um sie werben. Im Status quo erfreue ich mich einfach an ihrer Schönheit, die ebenso männliche wie weibliche Klientel anspricht. Platt gesprochen, ein gutes Aushängeschild für Tintenschmerz.
Wir trinken zusammen Kaffee. Dabei beantwortet sie Anfragen und Kommentare, veröffentlicht ein paar Schnappschüsse meiner Arbeiten und prüft die Finanzen.
Dann tritt der maritime Debütant ein. Ein Hänfling mit Brille und Vogelnest auf dem Kopf. Ein Student, vermute ich, irgendwas Naturwissenschaftliches. Der Strickpullover von der Oma ist so obsolet, dass er bald wieder modern wird.
»Hallo«, sagt der junge Mann zurückhaltend, sichtlich eingeschüchtert von der zierlichen Frau, die viel Haut präsentiert, und mir, dem gruselig Tätowierten, der ihn mit durchweg schwarzen Augen löchert. »Ich habe einen Termin.«
Wortlos gehe ich nach hinten, um alles vorzubereiten. Ich höre wie Aret den Burschen begrüßt und mit dem Rechtlichen vertraut macht. Danach folgen Unterschriften und unsicheres Räuspern des Gastes. Der Kronkorken eines koffeinhaltigen Erfrischungsgetränkes zieht ein Zischen nach sich. Aret versorgt den Klapperstorch mit einem ersten Schuss. Ein Zeichen für mich. Vorsorglich fülle ich eine Spritze mit flüssigem Kokain. Bevor der mutmaßliche Student nach hinten kommt, spanne ich einen Mundschutz um und schlüpfe in schwarze Latexhandschuhe, die ich auf meine Haut klatschen lasse. Aret versteht den Wink und fragt nach einer etwaigen Latexallergie. Der Kunde verneint und wird von ihr zu mir geführt. Die Rückfallbox mit den latexfreien Nitrilhandschuhen bleibt unangetastet.
Sie hat sich bei ihm eingefädelt, was ihn noch nervöser macht. Auch sie mag das kompromittierende Spiel mit den Gefühlen der Menschen.
»Eine Wette«, erklärt sie mir an seiner statt. »Es ist sein Erstes.«
Der Mundschutz verbirgt meine schmalen Lippen. Die Aussicht auf einen vor Schmerz kreischenden Jüngling verdirbt mir die Stimmung. So wie er sich verhält, wird er den ganzen Häuserblock zusammenschreien. Ich greife unter meinen Sitz und umschließe das Morphium. Eine zweite Spritze muss her.
Während Aret den Kunden auf der Holzbank so fixiert, dass er den auserkorenen Arm nicht mehr bewegen kann, bereite ich die zweite Spritze vor. Als er mit entblößtem Oberkörper halb aufrecht auf der unnachgiebigen Holzbank sitzt und mich mit furchtsamen Augen anschaut, ramme ich ihm das Kokain der ersten Spritze in den Brustmuskel.
»Was ist das?«, will er aufgeregt wissen.
Ich blicke zu Aret. Eine Aufforderung.
Sie tätschelt ihn. »Eine Betäubung. Und wenn die Schmerzen zu groß werden, bekommst du noch eine.«
Sein Zittern legt sich. Er entspannt sich und lächelt sogar, wenn auch fremdbestimmt durch die Droge.
Ich nicke Aret zu. Sie geht nach vorn, den Vorhang hinter sich schließend. Folgend schmiere ich eine Salbe auf den Arm, den ich beschneiden werde. Ein gebräuchliches Lokalanästhetikum. Die fensterlose Nische wird lediglich durch die Deckenstrahler erhellt. Das Tageslicht schirmt der Vorhang ab, auch wenn an den Rändern leichter Schimmer zu sehen ist.
»Welches Motiv?«, stammelt er benommen. Das Kokain entfaltet seine ganze Wirkung. Der Spargeltarzan rutscht in eine Art Wachkoma.
Ich beginne. Die ersten Schnitte setze ich flach an, damit ich sehe wie seine Haut beschaffen ist. Schon kommt mir das erste Blut entgegen, das ich mit dem Tupfer aufsauge. Das gewählte Mosaikseepferdchen hat viele gerade Kanten, weshalb ich zügig vorankomme. Unter mir häuft sich ein Berg aus vollgesogenen Tupfern an. Als ich merke, wie der Mann wegknickt, verpasse ich ihm eine saftige Ohrfeige. Er schüttelt sich und ist wieder beisammen, wenn auch eingeschränkt und zugedröhnt. Ich beeile mich. Eine zweite Dosis Kokain könnte heftigere Auswirkungen haben, bei diesem jungfräulichen Hänfling. Nachdem ich alle erforderlichen Schnitte getätigt habe, packe ich eine Kompresse darauf und studiere den Kunden, der schläfrig und glückselig zum Vorhang starrt. Die seitlichen Sonnenschimmer scheinen ihm zu gefallen. Wahrscheinlich denkt er, dass er im Himmel sei. Ohne das Morphium wage ich mich an die Desinfektion, die wahnsinnig brennt, aber gleichzeitig auch die Gerinnung fördert, sofern er an keiner Gerinnungsstörung leidet – ein Punkt, den das Vorgespräch und das Infoblatt thematisieren, und hoffentlich ausschließen. Ich nehme die blutige Kompresse ab und schütte das Propanol über den Oberarm. Der Mann zuckt, bleibt aber ruhig. Sein Arm ist sowieso fest fixiert. Im nächsten Schritt reibe ich die grauschwarze Mischung aus Asche und Schießpulver ein. Je nach Stelle mehr oder weniger, um Schattierung und Form zu schaffen. Einige Häufchen werden von den Wunden aufgenommen, andere fallen nach unten – der normale Ausschuss. Um einer Sepsis vorzubeugen beaufschlage ich die Furchen erneut mit Propanol. Dabei werden zwar weitere Pulverreste ausgewaschen, aber in verschwindend geringer Anzahl, denn die Haut hat sich den Großteil schon einverleibt. Später bekommt er noch ein Breitbandantibiotikum rektal von Aret eingeführt. Den meisten Kunden gefällt die kleine Prostataeinlage. Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit Kokain oder Morphium wurden mir noch nicht mitgeteilt. Bisher hat es jeder überlebt. Die Anzahl der Wiederholungstäter spricht für sich.
Mundschutz und Handschuhe landen im Abfalleimer auf den gebrauchten Handschuhen der letzten Nacht, genauso wie die vollgesogenen Tupfer und Kompressen. Das Skalpell lege ich in eine separate Metallschachtel, um es später zu reinigen. Ich betrachte den geschwollenen, fleckigen Arm, lockere die Bebänderung, weil sich das Blut staut. Das Seepferdchen ist mir gelungen. Abstrakt und martialisch, aber einzigartig und faszinierend. Der Blutfluss ebbt ab. An den Wundrändern bildet sich Schorf. Die Hautkrater verschließen sich schon bald wieder. Die Bohnenstange hat den Eingriff überstanden, wenn auch flach atmend, mit glasigem Blick und Schweiß auf der Stirn.
Aret kommt. Sie hatte mein Aufräumen mitbekommen. Ihre zarten Hände schlüpfen in schwarze Latexhandschuhe, Größe XS, und holen angekündigtes Zäpfchen aus dem Schrank. Ihr Lächeln sagt alles. Sie freut sich auf ihr Mitwirken. Wir drehen den Mann in Seitenlage. Ich halte ihn fest. Aret legt den Po frei. Das Zäpfchen erhält Gleitgel. Sie zieht die schlaffen Pobacken auseinander, visiert das Loch an und schiebt das Antibiotikum hinein. Ein kurzes Stöhnen bestätigt, dass der Schüchterne wieder etwas spürt. Die Betäubung lässt nach.
Wir lassen ihn noch eine Weile liegen, seinen Rausch auskurieren. Aret hat immer ein Auge auf ihn. Ich gönne mir ein stilles Wasser. Für den Rest ist sie zuständig. Foto, Folienverband, Belehrung, Gesundheitshinweise, Verhaltenstipps. Beglückwünschen, abkassieren, anlächeln, heimschicken.
Xander & Ysop
Jasmin Xander fuhr zur Arbeit. Wie jeden Morgen. Und wie jeden Morgen wälzte sie sich durch den stockenden Pendlerverkehr. Hunderte vor ihr, hinter ihr, neben ihr. Das Radio dudelte immer dieselben Lieder herunter, die Witze dazwischen wurden stetig schlechter und die Wettervorhersage stimmte sowieso nicht. Ihr Thermobecher mit dem selbstgemachten Kaffee von zuhause stand in der Halterung zwischen Armaturenbrett und Armlehne. Sie gönnte sich alle paar Meter einen Schluck. Bis zum Polizeipräsidium würde er leer sein.
Das Pistolenholster lag im Beifahrerfußraum; die Pistole im Handschuhfach. Nicht dass jemand auf dumme Gedanken kam. Neben dem Holster befand sich ein Blaulicht mit Magnetfuß – von der füßigen Klimaanlage angepustet. Das Kabel steckte im Zigarettenanzünder. Daneben war ein digitales Funkgerät eingebaut, gekoppelt mit der Freisprecheinrichtung. Sie hatte den Frequenzempfänger ausgeschaltet. Für dringende Fälle hatte sie ihr Dienstmobiltelefon dabei, ebenfalls gekoppelt mit der Freisprecheinrichtung.
Sie spielte mit ihrem Ehering, drehte ihn mit dem Daumen um den Finger. Die eingearbeiteten Steine glitzerten im Sonnenlicht, doch der Glanz der Fassung war längst ermattet. Sie fragte sich, ob sie das Richtige getan hatte. Überstürzt geheiratet, weil sie schwanger war. Zehn Jahre waren seitdem vergangen. Mitten im Studium gab es diesen Moment der Unachtsamkeit. Ein Streit auf einer Party. Eifersüchteleien. Zur Versöhnung landeten sie im Bett. Harter, unerbittlicher, unsittlicher Sex, wie sie ihn noch nie vollzogen hatten. Beide ließen ihrer Wut freien Lauf – bis die Ladung mit Wucht ins Schwarze traf. Der Alkohol vernebelte. Erst am nächsten Morgen starrten sich beide an, als wüssten sie, dass sie ein Kind gezeugt hatten. Vier Wochen später kam die Gewissheit, neun Monate später ihr Sohn. Den kriminalistischen Verwaltungsfachwirt konnte sie noch abschließen, aber die Abschnitte bei der Bereitschaft, der Streife und der Kriminalistik wurden ihr untersagt. Sie schwebte im Vakuum, bis der Mutterschutz nach acht Wochen ablief. Zur Wiedereingliederung durfte sie in den Innendienst: Aktenablage, Beweismittelsicherung, Berichtswesen. Als die erfolgreiche Rückbildung ärztlich attestiert wurde und ihr Baby nachweislich eine Tagesmutter hatte, durfte sie im Schnellverfahren Schießtraining, Festnahmen, Nahkampf und Einsatztaktik durchlaufen. Mit der Brustfütterung hatte es ohnehin nicht funktioniert – Saugverhalten passte nicht mit Warzenkonstellation überein, irgendein ärztliches Fachchinesisch. Und bevor sie daran zerbrach, dass sie ihrem eigenen Kind keine stillende Mutter sein konnte, stürzte sie sich in den Staatsdienst. Nicht ganz unerheblich war der Hauskredit, den sie abbezahlen mussten. Sie brauchten zwei volle Gehälter. Die Immobilienentscheidung kam in der Schwangerschaft – Nestbautrieb. Jasmin haderte, neben der Vermählung, auch mit diesen beiden Weggabelungen in ihrem Leben, trotz der bedingungslosen Liebe für ihren Sohn.
Der Autokorso zog sich. Sie konnte schon die Silhouetten der Hochhäuser sehen, die die Stadt prägten. Irgendwo dahinter kauerte das Präsidium in einem flacheren Ausläufer vom Postkartenmotiv der Stadt. Ihr Blick schweifte zum Blaulicht. Sollte sie sich diesen Vorteil verschaffen? Das eingebaute Signalmodul, vorn hinterm Kühlergrill, würde die Akustik, die sie über einen eingebauten Schalter neben der Klimaanlage betätigen könnte, zum blauen Blitzlichtgewitter liefern, das durch die LEDs in der Sonnenblende, die sie herunterklappen müsste, und versteckt im Kühlergrill verstärkt werden würde. Jetzt wünschte sie sich einen Notfallanruf, um die Verkehrsteilnehmer auf die Probe zu stellen und die Rettungsgasse zu erzwingen.
Nach einer Dreiviertelstunde Berufsverkehr erreichte sie endlich die Tiefgarage unter dem Steinquader, der avantgardistische Architektur und triste Transparenz vereinen sollte. Das oberirdisch sechsgeschossige Raumschiff lag an einer wichtigen Ausfallstraße vom Stadtzentrum kommend nach Norden, umschloss acht Innenhöfe und vereinnahmte einen ganzen Straßenblock. Neben der gesamten Führungsriege der städtischen Polizeibehörde beherbergte das Gebäude Einsatzzentrale, 3. Polizeirevier, Polizeigewahrsam, Spezialeinheiten, Schießanlage, Hubschrauberlandeplatz, Sporthalle, Verwaltung, Zentrale Dienste, Kriminalmuseum, sowie Kriminaldirektion - ihr Ziel.
Jasmin ließ den Aufzug beiseite und nutzte die Treppen. Als berufstätige Mutter hatte man keine Zeit für Sport in der Freizeit, oder eher freien Zeit. Der Kleine war zwar schon in der Schule, aber der Haushalt machte sich nicht von allein. Wenigstens hatten sich die Geldsorgen erledigt, als ihr Mann einen gutbezahlten Job annahm. Fürsorge und Verfügbarkeit nahmen ab, Konto und Reizbarkeit nahmen zu. Distanziert lebte man mittlerweile nebeneinander, gaukelte dem Kind Idylle vor und fragte sich, wo das hinführte. Dann beschwichtigte man sich, indem man sich vor Augen führte, wie gut es einem ging. Man hungerte nicht. Man fror nicht. Man kränkelte nicht. Und Sex holte man sich woanders.
Im Büro exerzierte sie ihre Routine durch, wenn der Tag, wie heute, ohne Vorkommnisse begann.
Ankommen.
Setzen.
Durchatmen.
Meditieren.
Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf ihre Atmung, verlangsamte diese und lauschte dem gedämpften Trubel, der von der Straße durch die Fensterfassade waberte. Die Bürotür hatte sie vorsorglich geschlossen. Milchglas hinderte Flurgänger an eindringlichen Blicken. Sie zählte hoch und wieder herunter. Ihre Schuhe hatte sie ausgezogen. Die Zehen spürten die leichte Vibration des Bodens, wenn Flugzeuge über die Stadt flogen, Müllwagen unten vorbeifuhren oder die Putzkolonne den Putzmittelwagen über den Flur schob. Ihre Finger legte sie auf die ledernen Armlehnen des Stuhls, fühlte die abweisende Kälte, die sich mit der Zeit in glatte Wärme verwandelte. Sie atmete bewusst tief in die Brust.
Danach benutzte sie den Wasserkocher und setzte Tee auf. Ein großer Becher Kaffee im Auto genügte ihr, sonst würde sie wie ein Gummiball durch die Gegend springen. Währenddessen schaltete sie ihr Mobiltelefon wieder laut und legte es auf ihren Schreibtisch. Ein Bild ihres lachenden Sohnes prangte auf dem leuchtenden Display, das ihr außerdem Uhrzeit, Datum, Netzstärke und Akkustand zeigte. Was fehlte, war eine Nachricht ihres Mannes, der gestern nicht nach Hause gekommen war. Es gab solche Phasen, in denen er sich nicht meldete, sich irgendwo volllaufen ließ und bei einem Kumpel pennte. Dafür bunkerte er in seinem Büro mehrere Anzüge, Hemden, Krawatten und Hygieneartikel. Jasmin rechnete eigentlich jeden Tag damit, dass er Schluss machte – so einfältig und unreif das auch klang. Das Feuer zwischen beiden war längst erloschen. Zuerst blieb man zusammen wegen dem positiven Schwangerschaftstest, dann wegen Kind und Kredit. Beides war aus dem Gröbsten raus. Es gab keinen Grund, die Scheinehe aufrecht zu erhalten. Sie selbst hatte vor einem Jahr den ersten Schritt gewagt – sie hatte ihren Mädchennamen wieder angenommen: Xander.
In der Schule wurde sie gehänselt. Zander oder Filet hatte man sie genannt. Nicht schlimm, aber auch nicht gerade erbaulich für ein labiles Küken, das um Anerkennung kämpfte und gegen die Schmähungen Gleichaltriger, die sich über ihren frühen, enormen Brustumfang amüsierten. Mit der Bürde ihres Namens driftete sie ab. Ein paar Jugendliche mit dummen Ideen fingen sie auf. Ein altes Tattoo auf ihrem Oberschenkel zeugte von der Sünde, zu der sie sich hinreißen lassen hatte, um ihrem jetzigen Mann zu gefallen. Um zu rebellieren. Die Bedeutung wurde ihr erst später bewusst. Sie wollte es sich schon seit Ewigkeiten mittels Laser entfernen lassen, aber der törichte Lapsus vernarbte unschön wegen der schnörkelhaften Methode des unerfahrenen Tätowierers und einer darauffolgenden Infektion, weshalb ein Lasereinsatz lediglich die Tinte zerstören würde. Die Hügel auf ihrer Haut gehörten aber zu ihr wie die Muttermale ringsherum.
Als sie die interne Post durchsiebte, betrat ihr Ermittlungspartner das Büro, das sie sich mit ihm teilte. Da er immer später als sie zum Dienst erschien, genoss sie die paar Minuten Einsamkeit.
Nathanael Ysop telefonierte mit gerunzelter Stirn. Er trat ein und schloss die Tür, was er sonst nie tat. Dann stierte er zu seiner Kollegin, während er dem Sprechenden lauschte.
Jasmin fühlte sich immer noch unwohl in seiner Gegenwart, obwohl es schon einige Jahre her war. Damals, als ihre Ehe mal wieder einen Tiefpunkt am Scheideweg erreichte, fing Nathan sie auf, half ihr auf die Knie, und vögelte den Schmerz aus ihr heraus. Einige Wochen ritten sie gemeinsam, meistens von hinten, ohne in das Gesicht des anderen blicken zu müssen. Sie redeten nicht darüber, küssten sich nicht auf die Lippen und ließen den Akt stumm geschehen. Selbst das Stöhnen unterdrückten sie. Jasmin unterdrückte sogar Tränen – Tränen der Lust, Tränen der Befreiung. Ihr Kollege zog sein Ding durch, respektvoll, still und stilsicher, wie ein Kavalier, der sich seiner Funktion als Druckventil bewusst ist.
Nathan sträubte sich zuerst gegen die Intimität, die sie nonverbal einforderte. Er füllte sie ab, bis sie schläfrig wurde, bombardierte sie mit Dokumenten, die sie durchackern wollte, und hörte ihr zu, wenn es aus ihrem Mund sprudelte. Schließlich konnte er aber nicht anders, besorgt um das Wohl seiner beruflichen Partnerin. Eine wortlose Übereinkunft. Unbedeutender, zwangloser Sex. Das Licht blieb aus. Sie fühlten sich, begrapschten sich, befriedigten sich. Auch Nathan trug ein Päckchen mit sich herum. Gescheiterte Beziehungen, mal länger, mal kürzer. Aufgelöste Verlobungen. Geplatzte Hochzeiten. Einseitige Seitensprünge. Lügen. Enttäuschungen. Narben. Die Allzeitbereitschaft des Jobs ist ein Beziehungskiller. Die Abgründe menschlicher Perversionen sind Emotionskiller. Mordkommission bedeutet, ein vergangenes Kapitalverbrechen ohne Vorwissen zu analysieren und anhand sichergestellter Spuren in akribischer Ermittlungsarbeit einen oder mehrere Tatverdächtige einzugrenzen, ihren Bewegungsablauf zu rekonstruieren und sie im besten Falle anhand eines Geständnisses oder erdrückender Beweislage zu überführen. Ein Puzzle ohne Blaupause. Immer wieder die Reise durch die Psyche kranker, kalter Menschen.
Er nahm das Mobiltelefon vom Ohr, steckte es ein und setzte sich Jasmin gegenüber. Auch bei ihm lösten ihre hohen Wangenknochen Gefühle aus, jedoch versöhnlicher als bei seiner Kollegin, die Gesicht von Geschlecht trennen konnte.
»Es gibt eine Leiche«, begann Nathan leise. Dabei beobachtete er seine Partnerin.
Jasmin nickte und schnappte sich ihre Utensilien – Holster, Jacke, Telefon. Sie wunderte sich, warum sie als Einzige in Bewegung verfiel.
Nathan überlegte, wie er einfühlsam an die Sache herangehen konnte. Er war sich nicht sicher, was der Beamte in der Leitung beschrieben hatte, aber bevor er sie gegen die Wand laufen ließ, wollte er sie lieber vorher aus dem Verkehr ziehen.
»Ich glaube, wir sollten den Fall abgeben«, schlug er deshalb vor.
Sie schüttelte den Kopf. »An Kurz und Klein? Kannst du vergessen! Die zwei Nieten sollen ruhig auf ihren faulen Ärschen hocken bleiben!«
Wie Jasmin den Türgriff in die Hand nahm, erhob Nathan die Stimme, aber nicht, um sie zu rügen, sondern, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, sie zu bremsen. »Wie geht es deinem Mann?«
Er kannte diesen Sozialversager, der Frau und Kind wie Marionetten behandelte, flüchtig, hatte ihn ein paar Mal gesehen, ihm die Hand geschüttelt und Small Talk gehalten. Er konnte diesen Businessschmarotzer nicht leiden, weil der sich mit Blutdiamanten schmückte. Außerdem hörte er eine gewisse Gesinnung heraus, die seinem Demokratieverständnis widerstrebte. Er fragte sich sowieso, wie Jasmin ihr schwarzes Schaf, das eigentlich braun war, vor der Dienststelle geheim halten konnte. Aber da mischte er sich nicht ein. Vielleicht diente sie dem Staatsschutz als Informantin. Andersherum gab es mehr Reibungspunkte. Denn ihr Mann musste die Ehe zu einer Polizistin rechtfertigen, verteidigen. Als Aussteigerin schlugen ihr sicherlich auch diverse Anfeindungen entgegen, außer sie beherrschte das Rodeo männlicher Eitelkeiten ebenso wie das Ballett polemischer Rhetorik.
Jasmin erkannte den Ton ihres Partners. Die Frage klang weder leicht noch interessiert. Es hörte sich nach einer Warnung an. Sie entfernte die Hand vom Türgriff. Das Mobiltelefon hatte immer noch nicht vibriert. Ihr Mann hatte sich noch immer nicht gemeldet. Und Nathan lehnte sonst auch keine Leiche ab, oder reichte sie an Kurz und Klein weiter, die wie Hyänen darauf warteten, dass die Löwen keinen Hunger mehr haben und die Beute freigeben.
»Was ist los?« Schwer von Begriff zu sein gehörte nicht zu ihren Tugenden. Die Aufklärungsrate vom Gespann Xander & Ysop lag bundesweit unter den ersten fünf. Regelmäßig horchten Bundes- und Landeskriminalamt nach, ob man zu einem Stellenwechsel bereit sei. Doch beide scheuten den Neuanfang, obwohl er beiden gut zu Gesicht gestanden hätte.
»Bin mir nicht sicher«, zauderte Nathan.
»Kannst du in ganzen Sätzen antworten und mir endlich sagen, was los ist?« Jetzt wurde Jasmin lauter. Unruhe befiel sie.
»Die Beschreibung der Leiche passt auf deinen Ehemann«, packte Nathan aus. Er hatte sich noch nicht vom Stuhl hochbequemt. Aber er schaute demütig zu Boden, so als würde er heftigen Gegenwind erwarten.
Im Flur trampelten Leute vorbei. Gesprächsfetzen drangen ins Büro, das plötzlich eisig und steinig wirkte. Karge Tundra mit Permafrostboden.
Jasmins Augen huschten umher, unschlüssig, was sie fixieren sollten. Computer, Pflanzen, Schränke, Lampen. Nichts konnte ihren Blick binden. Sie musste das Gehörte erst verdauen. Im Affekt kramte sie ihr Mobiltelefon heraus und suchte vergebens nach einer neuen Nachricht. Die letzten geschriebenen Worte von ihrem Mann datierten von gestern: bin unterwegs. Kein Emoticon, keine Sehnsuchts- oder Liebesbekundung. Nur ein schlichter Halbsatz, der besagte, dass er auf dem Weg nach Hause sei und sie das Essen vorbereiten solle. Sofern es keinen akuten Einsatz gab, war Jasmin lange vor ihm zuhause, hatte eingekauft, die Hausaufgaben des Kleinen kontrolliert, aufgeräumt, die Wäsche angeschmissen und den Müll rausgebracht. Eine brave Hausfrau, der man den harten Job bei der Kripo nicht zutrauen würde.
Oder eine Tarnung, um Neider und Gegner zu besänftigen.
Auf den einfallslosen Satz ihres Mannes hatte sie nicht geantwortet. Vergebliche Liebesmüh. Er hätte es eh nicht gelesen. Die letzten Herzchen oder Küsschen stammten aus den Anfängen der Beziehung, als noch analog gefunkt wurde. Danach kamen nur noch Standardmitteilungen über den Füllstand des Kühlschrankes, wichtige Termine beim Kinderarzt oder der Schulleitung. Manchmal auch wütende Nachfragen, wo er denn bliebe. Und seltener auch besoffene Antworten, dass sie sich um ihren eigenen Scheiß kümmern solle.
Sie steckte das Telefon zurück in das Fach am Holster unterm Jackett, gegenüber der Dienstwaffe, seitlich zwischen großem Busen und Arm versteckt. Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte, Nathan hatte ein ähnliches Gespür wie sie. Wenn er sagte, dass etwas im Argen lag, dann lag da auch etwas im Argen. Und wenn er sagte, dass die Beschreibung einer gefundenen Leiche auf ihren Ehemann passte, dann konnte sie davon ausgehen, dass er entweder Recht hatte, oder dass zumindest eine frappierende Ähnlichkeit vorlag, die in ihr Betroffenheit auslösen könnte, gefolgt von Befangenheit. Kurz und Klein stünden parat.
»Ist er wieder nicht nach Hause gekommen?«, kombinierte Nathan Jasmins unschlüssigen Blick auf ihr Mobiltelefon und die Stille, die sie umwehte.
Sie nickte nachdenklich.
»Hast du ihn heute schon erreicht?«
»Hab es zweimal versucht«, erwiderte Jasmin mit ungutem Gefühl, »Aber er ist nicht rangegangen.«
Nathan deutete zum Büro nebenan, getrennt durch eine Wand. »Soll ich Kurz und Klein schicken?«
Jasmin musste nicht lange überlegen. Ihre Ehe mit einem selbsternannten Übermenschen, sofern dieser das Zeitliche gesegnet hatte, ging die Kollegen nichts an. Wie es weiterginge, wenn die getraute Verbindung Kreise zog, blendete sie aus. »Nein!« Sie drückte den Türgriff nach unten und schwang das Türblatt auf. »Malen wir nicht den Teufel an die Wand. Lass uns erstmal hinfahren.«
Hafen & Kante
Mit dem Zivilfahrzeug samt Sondersignal, aufgesetztem Blaulicht, blitzenden LEDs in den heruntergeklappten Sonnenblenden und aus dem Gitter vorm Fahrzeugkühler heizten sie durch die Stadt. Für die fünf Kilometer benötigten sie gerade einmal zehn Minuten. Nathan beherrschte das Vehikel. Vorausschauend rechnete er stets mit der Überforderung der anderen Vehikel, inklusive unkalkulierbarer Kurzschlussreaktionen. Rote Ampeln, Abbiegespuren, Straßenbahnschienen und Fußgängerüberwege kreuzte er behutsam. Seine Pupillen flogen hin und her, und sein rechter Fuß schwebte bremsbereit über dem Pedal. Noch drängte sich der Berufsverkehr durch die überlasteten Straßenkapillaren der Großstadt, doch Nathan kurvte um die Hindernisse wie ein Rennfahrer. Jasmin hielt sich am Türgriff fest. Sie vertraute ihrem Partner, zweifelte seine Fahrkünste keineswegs an, aber ihrem kaffeegetränkten, ansonsten nüchternen Magen gefiel die urbane Rallye nicht.
Als sie den möglichen Tatort am Westhafen erreichten, mussten sie sich vorsichtig ihren Weg durch Schaulustige, Journalisten, Absperrungen und uniformierte Polizisten bahnen. Jasmin pflegte dabei die Angewohnheit, sich die Gesichter der Anwesenden einzuprägen, zumindest die derer, die in sozio-ökonomische Täterprofile passten. Der erzgebirgische Fotograf mit dem 70er-Jahre-Schnauzbart, wie man ihn aus Erwachsenenfilmen kennt. Der unrasierte Eisverkäufer aus dem Schwarzwald, der einen Zwischenstopp einlegt, obwohl die abschmierende Kühlung des vollgepackten Wagens die wertvolle Fracht gefährdet. Der berliner Ballonverkäufer mit dem Clownsgesicht. Der westfälische Trinkhallenstammkunde im Schlabberlook, der zu lang auf die gesicherte Dienstwaffe des Streifenpolizisten an der Absperrung schielt, weil er sein tägliches Pensum schon erreicht hat. Der friesische Student mit dem Fahrrad, der mit einem Werbegeschenkrucksack Ornithologie betreibt. Der frankfurter Möchtegerngangster, dem erst kürzlich die Ohrhärchen ausgebrannt wurden und der mit seinem goldenen Smartphone sich und das Ereignis im besten Licht ablichten will. Der fränkische Vollbärtige, dessen Name immer falsch ausgesprochen wird und der ständig unter Generalverdacht steht. Die meisten Täter sind Männer im zeugungsfähigen Alter mit deutscher Staatsbürgerschaft, wenn man von Taschendiebstahl absieht. Das ist nicht rassistisch, sondern statistisch.
Die schmale, künstliche Halbinsel war zum Glück schlecht einsehbar, abgeschieden und nur von zwei Seiten zugänglich – eine befahrbare Brücke vorn und ein begehbarer Steg am Ende. Das 4. Revier, einen Katzensprung vom Ort des vermeintlichen Verbrechens entfernt, hatte die Brücke mit zwei Beamten und einem blau blitzenden Streifenwagen probat gesperrt, mit Flatterband von beiden Spiegeln zu einem Laternenmast auf der einen Seite und zu einem Baum auf der anderen Seite. Der kleine Steg, 400 Meter gen Westen, konnte mit einem Beamten gesichert werden. Mittendrin, auf der Strecke zwischen Brücke und Steg, standen weitere Streifenwagen, ein längliches Fahrzeug eines Bestattungsunternehmens, ein Rettungswagen und ein Notarztwagen. Die zwölf Luxusapartmenthäuser, die man in Fluchtrichtung nebeneinander auf die Halbinsel gebaut hatte, müssten allesamt abgeklappert werden, zur Zeugenbefragung, sollte sich ein Verbrechen herauskristallisieren. Die Breite des Flusses an dieser Stelle genügte, damit die gegenüberliegende Uferseite nicht zu einer Aussichtsplattform verkam. Ein paar Voyeure dürften das Schauspiel mit Feldstechern oder guten Objektiven behelligen, aber mehr als einen provisorischen Sichtschutz aus schwarzer Zeltplane, den die Kollegen bereits um das Opfer gebaut hatten, bot sich nicht. Auch die Anwohner der drei Apartments direkt an der Fundstelle dürften sich über das Spektakel freuen, oder ärgern, weil sie die vorübergehende Ausgangssperre in die eigenen vier Wände kerkerte. Ein privater Sicherheitsdienst patrouillierte griesgrämig um Einsatzfahrzeuge und Absperrung herum.
»Der Mann wurde vor etwa 50 Minuten gefunden«, begrüßte sie ein Beamter des 4. Reviers, hochgerüstet mit Schussweste, Einsatzgürtel und weißem Plastikschallschlauch im Ohr, der die Gespräche vom Funkgerät heimlich in den Gehörgang übertrug.
Nathan staunte über den Fortschritt bei der Ausrüstung. Als er noch junger Kadett gewesen war, schickte man sie mit Freundschaftsaufklebern und gebügelten Anzughosen los. Schirmmütze und Lederjacke sorgten für ein schickes, repräsentatives Auftreten. Die Schutzwesten reichten nicht für alle Kollegen und die meisten verzichteten, angesichts von Wärmestau und fehlender Bewegungsfreiheit. Heutzutage setzte man die Schirmmütze nur noch bei offiziellen Anlässen auf. Die gebügelten Hosen waren praktischen Cargohosen mit Seitentaschen gewichen. Und Freundschaftsaufkleber ersetzte man durch Pfefferspray, Schlagstock sowie Kabelbinder. Einsatzhandschuhe, Messer, Achter und Taschenlampe vervollständigten den gefüllten Einsatzgürtel, der den Kollegen um mindestens fünf Kilogramm schwerer machte, inklusive der P30, einer 9mm-Selbstladepistole, samt Reservemagazin.
Nathan holte trotzdem seinen Dienstausweis hervor, auch stellvertretend für Jasmin, obwohl ihr blinkendes Zivilfahrzeug eigentlich zur Identifizierung reichte. Der Streifenpolizist nickte nur.
Bestatter, Rettungssanitäter und Notarzt warteten mit gebührendem Abstand bei ihren Fahrzeugen. Davor befand sich eine zweite Absperrung, der innere Ring sozusagen.
»Haben wir telefoniert?«, fragte Nathan den martialisch wirkenden Schutzmann.
»Die Leitstelle hat uns verbunden, ja«, bestätigte dieser, der sogleich zu einem Zivilisten zeigte, etwa eine Wurfweite entfernt, mit Dackel an der Leine und Polizeieskorte. »Dieser Gassigänger hat ihn gefunden.«
Jasmin schnappte die Information auf. Sofort begab sie sich zu dem Rentner, der trotz der Entdeckung einen gefassten Eindruck machte. Lediglich das Hündchen schien genervt von den vielen bunten Menschen und den blauen LEDs.
Der auskunftsfreudige Polizist begleitete Nathan zum Fundort. Sie zwängten sich durch einen engen, verwinkelten Durchgang, den der aufgestellte Sichtschutz offen ließ, ohne Einblick zu gewähren. Das Gelände war abschüssig. Die Ständer, an denen die Plane hing, waren in den Boden getrieben und verzurrt worden. Nathan musste aufpassen, dass er nicht wegrutschte.
»Gute Arbeit!«, lobte er den Beamten für das offene Zelt.
In dem neun Quadratmeter großen Bereich lag besagter Mann, oben ohne, mit durchnässter Hose und fehlenden Schuhen, auf dem Rücken, die Arme zur Seite gestreckt wie ein erschöpfter Schwimmer.
»Wurde er so angespült?«, hakte Nathan ungläubig nach.
»Nein, der Gassigänger hat ihn an der Böschung hochgezogen, weil er dachte, der Mann sei am Ertrinken.«
Der Kripo zog den Vergleich zwischen Gewicht des Toten und Konstitution des Rentnerretters.
Der Schupo bemerkte die Zweifel. »Er sagt, er hatte Hilfe beim Hochziehen.«
»Wer hat ihm geholfen?«
Schulterzucken. »Das müssen Sie ihn fragen.«
»War der Notarzt schon dran?«
Kopfnicken. »Der Arzt hat den Tod bestätigt, konnte aber keinen Zeitpunkt benennen.«
Nathan schickte den Kollegen von der Streife aus dem Verschlag, um sich die Leiche genauer anzuschauen. Das Gesicht war zwar etwas aufgeschwemmt, aber noch deutlich zu erkennen. Gewissheit. Richard Wagner, der Mann von Jasmin Xander, lag da vor ihm. Vorsichtig, dem rutschigen Abhang den nötigen Respekt zollend, krabbelte Nathan um den Leichnam herum. Er fand weder Schuss-, Stich- noch Schnittverletzungen, nur die Prellmarken und Schiefstellungen, die ein Aufprall aus der Höhe verursachte: ein gebrochener Arm und gebrochene Rippen, die die Dellen im Brustkorb erklärten, des Weiteren Hämatome am Schädel. Zudem Nässe, die den Körper feucht hielt, aus dem Mund triefte und aus den Ohren sickerte. Auf seinem Notizblock notierte er den Befund. Danach betrachtete er die auffälligen, verfassungswidrigen Tätowierungen. Wieder fragte er sich, was Jasmin an diesen Raufbold band – nun nichts mehr, flüsterte ihm das Teufelchen auf der Schulter zu. Die Symbole schienen einer bewegten Vergangenheit entsprungen zu sein, spiegelten allerdings auch die bis vor kurzem gelebte Ideologie wider. Nathan hatte ja das Vergnügen gehabt, ihn kennenzulernen. Ausländerfeindliche und rechtsstaatablehnende Äußerungen gehörten zum sonst so limitierten Repertoire dieses menschlichen Abschaums. Die Tatsache, dass Wagner komplexe Finanzalgorithmen zu seinem Vorteil einsetzte, erstaunte Nathan umso mehr. Berufs- und Privatleben unterschieden sich eklatant.
Möglicherweise handelte es sich hierbei um einen Selbstmord, aber das sollte die Rechtsmedizin eruieren. Die wässrigen Hosentaschen kontrollierte er noch mit einem Zweig, den er daneben auflas. Wie vermutet, befand sich nichts darin.
Nathan verließ die Einhausung, nachdem er noch ein paar Fotos mit der hochgelobten Kamera seines Mobiltelefons gemacht hatte. Das Umfeld hielt er ebenso fest. Er sah, wie Jasmin noch mit dem Rentner redete. Immer wieder schaute sie herüber. Nathan vermutete, dass sie von ihm Auskunft erwartete. Ein schwerer Gang stand ihm bevor. Auf dem Weg fiel ihm nochmal der Bestattungstross auf. Wurde die Staatsanwaltschaft bereits kontaktiert? Sollte der Leichnam zur Rechtsmedizin für eine Autopsie überführt werden? Warum hatte man die Kriminalinspektion nicht informiert?
»Und?«, holte ihn der Kollege vom Streifendienst aus den Mutmaßungen.
Nathan schaute perplex, was den Beamten zu einer genaueren Fragestellung anstachelte.
»Was meinen Sie?«
Nathan presste die Lippen aufeinander. Auf ein Fachgespräch mit einem Hobbykriminologen hatte er irgendwie keine Lust. Aber er wollte den Kollegen nicht verschmähen. Gute Zusammenarbeit der Abteilungen gehörte zum obersten Kodex, erleichterte zudem die Arbeit. Eine Hand wäscht die andere. Geben und Nehmen.
»Sieht nach einem Bootsunfall aus«, schätzte Nathan trocken. Er versuchte entsprechende Überzeugung in die Stimme zu legen, doch seine eigenen Zweifel schwangen mit. Eigentlich ging er von einem Sturz aus größerer Höhe aus. Aber er wollte dem Kollegen irgendetwas hinwerfen.
»Ein Verbrechen?«
»Das können wir noch nicht ausschließen. Es bedarf weiterer Erkenntnisse.« Nathan zeigte zum roten Rettungswagen: »Die können Sie heimschicken. Der Finder zeigt keine Anzeichen eines Schocks.«
Während der Streifenpolizist zu den Sanitätern marschierte, trat Nathan an seine Kollegin heran. Die Seite in ihrem kleinen Block war vollgekritzelt.
Jasmin schaute ihn unsicher an. »Herr Gruber hat den Mann aus dem Fluss gezogen, die Böschung hoch, weil er glaubte, der Mann ertrinke gerade«, zitierte sie ihre Aufzeichnungen.
Herr Gruber nickte eifrig. Den Tod hatte er scheinbar gut verkraftet. Sensationsgeilheit schien ihn zu vereinnahmen.
»Aber nicht allein«, fügte Nathan brummig hinzu, weil Herr Gruber diese wichtige Randnotiz offenbar unterschlagen hatte.
Der Alte blickte ertappt zum Kommissar. »Ich habe ihn gesehen und umgehend am Arm gepackt«, erklärte er stolz, »Aber das Gefälle machte mir zu schaffen«, gestand er dann, »Ich rief, und ein Jungspund kam mir zu Hilfe. Gemeinsam zogen wir ihn raus.«
Nathan sah zu Jasmin, die den Rentner ungläubig anvisierte, weil dieser ihr viel erzählt hatte, allerdings ohne viel Inhalt. Die Geschlechterkarte wollte sie jetzt nicht spielen. Die alte Garde kämpfte noch mit der Emanzipation.
»Und wer war der Jungspund?«, bohrte Nathan weiter nach.
Herr Gruber faltete die Arme auseinander. »Das kann ich Ihnen nicht sagen.«
Jasmin schwieg. Ihr Stift kratzte über das Papier. Sie begnügte sich mit der Rolle der Stenotypistin, auch wenn sie normalerweise die Führung der Ermittlung übernahm. Ihr Kollege, sonst das Brechwerkzeug, durfte heute mal seine investigative Kompetenz anwenden, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen.
»Wohnt er hier?«, nickte Nathan auf die noblen Häuser auf der Halbinselbucht.
Herr Gruber machte große Augen. »Da fragen Sie mich was. Ich gehe hier nur spazieren. Wer hier wohnt weiß ich nicht.«
Nathan blies einen Luftschwall durch die Nase aus. »Können Sie den Jungspund beschreiben?«
Der Rentner überlegte. »Ungefähr Ihre Größe, dunkle, kurze Haare und vielleicht so Mitte 20.«
»Welche Kleidung trug er?«
»Sportlich«, antwortete der Hundehalter.
»Also war er joggen?«
Herr Gruber schaute unwissend drein. »Kann sein.«
Jasmin und Nathan wechselten unwirsche Blicke.
Die Kommissarin suchte nach öffentlichen Kameras. Fehlanzeige. Dann überflog sie die Häuser, wo lediglich deren Haustüren von Minikameras überwacht wurden. Den Winkel zum Fußweg konnten diese unmöglich aufzeichnen. Wäre trotzdem einen Versuch wert.
»Warum fragen Sie nach dem Jungspund?«, wollte Herr Gruber wissen und hob den Finger zum schwarzen Sichtschutz am Ufer, »Wollen Sie nichts über den Toten wissen?«
»Hast du seine Daten?«, wandte sich Nathan verstimmt an Jasmin. Diese bejahte mimisch, die Verstimmung richtig deutend. Er entließ den Rentner, »Vielen Dank für Ihr beherztes Eingreifen, Herr Gruber. Eventuell kommen wir die Tage nochmal auf Sie zurück, um ein paar Fragen zu klären.«
Der Mann lächelte, ob der Aufmerksamkeit, der Erlebnisse und der Perspektive, mit den Ermittlern zu kooperieren. »Gern.«
Als sie allein im Umkreis standen, starrte Nathan zum Bestatter, keine zwanzig Schritt entfernt. »Hast du die Staatsanwaltschaft angerufen?«
»Nein«, entgegnete Jasmin, ebenso irritiert. Doch eigentlich wollte sie etwas anderes erfahren. »Richard?«
Nathan biss sich auf die Lippe und warf ihr einen Blick zu, den sie verstand. Gleichzeitig bereitete er sich vor, sie in den Arm zu nehmen, ihr Trost zu spenden, ihre Tränen aufzufangen. Doch Jasmins Mimik regte sich nicht. Stattdessen taxierte sie den Sichtschutz, als ob sie hindurchblinzeln könnte.
»Wie?«
Nathan schluckte. Ihre Abgeklärtheit überraschte ihn. »Sieht nach einem Bootsunfall aus«, wiederholte er, was er dem Streifenpolizisten schon gesagt hatte, obwohl er das gar nicht sagen wollte. Es rutschte ihm einfach so heraus, aus Mangel an Alternativen.
Jasmin neigte ihr Haupt. »Richard ist seekrank. Er würde keinen Fuß auf ein Deck setzen.« Sie blieb wie angewurzelt stehen, machte keine Anstalten, seine Leiche sehen zu wollen.
Nathan sinnierte. Also doch aus größerer Höhe. Eine Brücke? Sollte er einen möglichen Suizid ins Spiel bringen? Oder sollte er sie zuallererst von dem Fall abziehen lassen? Ein kurzes Telefonat mit dem Präsidium und sie könnten bei einem Stück Frankfurter Kranz über alles reden, während Kurz und Klein den Fall übernehmen würden.
»Bist du dir sicher?«, unterbrach sie.
»Ja«, retournierte Nathan lapidar.
Jasmin holte ihr Telefon aus dem Holster. Keine neuen Nachrichten. Sie betätigte die Schnellwahltaste für eine gespeicherte Nummer, die sie öfter wählte.
»Hallo, Frau Staatsanwältin«, reagierte sie auf die Gesprächseröffnung in der Leitung. »Hast du eine Obduktion für den aktuellen Fall am Westhafen angeordnet?« Wieder kam etwas von der Gegenseite. »Danke.«
Sie legte auf. »Monika erkundigt sich«, sagte sie schließlich, um Nathan nicht im Ungewissen versauern zu lassen.
»Du bist per du mit Staatsanwältin Meier?«
»Frauen müssen zusammenhalten«, kanzelte Jasmin schroffer ab als beabsichtigt. Darüber wollte sie momentan nicht reden, erst recht nicht über das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in einigen Branchen. Plötzlich hastete sie los. Nathan konnte kaum Schritt halten. Sie hielten auf den Fundort zu.
»Willst du dir das wirklich antun?«, rief Nathan halblaut, aber seine Partnerin drosselte ihren Gang keineswegs. Erst innerhalb des Sichtschutzes schloss er zu ihr auf.
»Er ist es«, flüsterte sie gefasst. Es verging eine halbe Minute, in der sie den leblosen Körper plump anstarrte. »Hast du Lage und Zustand notiert und dokumentiert?«, wurde sie wieder professionell.
Nathan murmelte eine Bestätigung.
»Auch die Rückseite?« Sie bückte sich über die Leiche, holte Einweghandschuhe aus der Hosentasche und zog sie über. Anschließend griff sie Schulter und Hüfte und machte sich bereit, ihren Mann auf die Seite zu drehen.
Baff stand Nathan daneben. »Du musst das nicht machen.«
Jasmin zischte aufwieglerisch und legte den Rücken frei. »Was siehst du?«
Nathan schaute sich das Hinterteil an. Treibgut und Gestrüpp bedeckten die Tattoos. »Soweit ich das sehe, keine auffälligen Verletzungen.« Er machte eine Notiz.
Sie gingen aus der Totenzone die kleine Böschung hinauf auf die Straße.
»Den Rest fördert die Autopsie zu Tage«, sagte Nathan kleinlaut, aber seine Partnerin ging nicht darauf ein.
Jasmins Telefon klingelte. Ein nüchternes, klassisches Ringen, dazu Vibration. »Ja?« Sie hörte zu. »Danke.« Und legte auf.
»Der Oberstaatsanwalt wurde von der Leitstelle informiert und hat die Obduktion in Auftrag gegeben. Deshalb waren alle vor uns hier«, präzisierte Jasmin sachlich.
»Er hat mal wieder die Mordkommission übergangen«, stellte Nathan gereizt fest.
Seine Kollegin wippte mit den Schultern. »Das ist nicht unser Problem. Wenigstens verschafft uns seine schützende Hand Zeit, um auszukundschaften, ehe die Streife unüberlegt Spuren verwischt.«
»Bist du mit ihm auch per du?«
»Nein«, entschärfte Jasmin, »Aber Monika.«
Ein zweiter Anruf galt der Forensik. Sie kündigte eine Leichenschau an. Das Fax der Staatsanwaltschaft hatte dies aber bereits vorweggenommen. Unabhängig davon war man dankbar über ein paar weitere Details, zum Beispiel, dass es sich um eine Wasserleiche mit Sturzmerkmalen handelte.
Sie instruierten die Bestatter, die lässig an ihrer Karre lehnten, die Leiche der Forensik zuzuführen. Praktischerweise befand sich das Universitätsklinikum mit dem Institut für Rechtsmedizin am Flussufer gegenüber. Nach der Freigabe schnappten sich die beiden Männer einen schwarzen Tragesack und enterten den Verschlag.
Danach teilten sich die Kommissare auf, um die Häuser abzuklappern, unter den argwöhnischen Blicken des privaten Sicherheitsdienstes. Sie könnten zwar an die Streife delegieren, aber den Blick für Auffälligkeiten nannte nicht jeder sein eigen. Die wenigen Bewohner, die tatsächlich angetroffen wurden, wurden mit Namen, Adresse und Aussage niedergeschrieben. Keiner hatte etwas gesehen oder gehört. Erst der Ruf des Rentners wurde von einigen wahrgenommen. Den Jungspund in Sportkleidung, der zu Hilfe eilte, konnte niemand genauer beschreiben als Herr Gruber. Die Kameras an den Hauseingängen waren zentral aufgeschaltet bei der privaten Sicherheitsfirma, die auch ihre Fachkräfte vor Ort geschickt hatte. Nach telefonischer Rücksprache teilte einer der Mitarbeiter mit, dass die Kamerabilder weder einen Rentner mit Dackel noch einen jungen Jogger zeigten. Jasmin war froh, dass es manchmal auch unkompliziert funktionierte. Dadurch ersparten sie sich den weiten Weg ins hügelige Hinterland, wo die Firma ihre Zentrale hatte.
Ehe & Ende
Die Rückfahrt verlief ereignislos. Funk und Radio wechselten sich ab bei der Untermalung. Beide Kommissare mieden das Gespräch. Nathan, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Jasmin, weil sie überlegte, was passiert sein könnte. Erst in der Tiefgarage unterm Raumschiff brach Nathan das Schweigen.
»Schmidt wird dich abziehen«, sagte er tonlos.
Jasmin schaute stur aus dem Fenster. Die Tiefgarage fasste hunderte Fahrzeuge, inklusive gepanzerter Spezialfahrzeuge. »Schmidt wird nichts erfahren.«
Nathan musste lächeln, angesichts ihrer Naivität. »Spätestens bei der Identifizierung. Willst du deine Ehe vertuschen?« Er dachte wieder an den Einfluss vom Staatsschutz und dass seine Partnerin ein Spitzel im braunen Sumpf sein könnte – eine unvorstellbare Mehrfachbelastung aus Mutter, Kriminalkommissarin und Informantin.
Jasmin zappelte mit den Beinen, als wäre sie Schlagzeugerin und würde ihre Beinarbeit üben. Unterbewusste Nervosität. »Und dann?« Sie wandte sich an Nathan. »Soll ich zuhause rumsitzen und Däumchen drehen, während mein Leben von Kurz und Klein durchleuchtet wird? Ich kenne«, sie setzte ab, »Ich kenne meinen«, erneut eine Pause, »Ich kenne meinen Mann am besten. Und ich kenne seine Kontakte. Darunter werden wir den Mörder finden!« Sie hatte sich in Rage geredet.
Nathan suchte ihre pikierten Pupillen. »Du glaubst, es war Mord?«
Sie schnaufte verächtlich. »Natürlich! Was denkst du denn?«
Ein Schulterzucken. »Könnte er sich in den Tod gestürzt haben?« Er bereute seinen Einwurf, denn er konnte ihren Hauch des Todes förmlich an seiner Nasenspitze aufwirbeln sehen, ihn blendend, ihn erstickend.
»Nein!«, schüttelte Jasmin vehement den Kopf, führte aber nicht weiter aus. Sie wusste selbst nicht, was sie denken sollte. Als sie sich mit den möglichen Theorien befasste, beruhigte sie sich wieder. Ihr Kollege gewährte ihr die Zeit, auch zum Selbstschutz.
Ihr Telefon klingelte. Sie fädelte es umständlich heraus. »Ja«, begann sie ein wenig zu aufbrausend, was den Anrufer für eine Sekunde durcheinanderbrachte, weshalb nichts zu hören war. »Kommissarin Xander hier«, ergänzte sie deshalb gezügelter. »Aha … So schnell? … Aha … Nein, das überlasse ich Ihnen. Dafür haben wir keine Zeit. Wir sollten die Gelegenheit nutzen … Sie haben meine Mailadresse? … Genau … Wir schicken Ihnen unsere Befunde und die Fotos … Gut … Wiederhören.«
Nathan schaute sie fragend an.
»Die Forensik. Sie wollten wissen, ob wir der Leichenschau beiwohnen wollen.«
Nathans flehender Blick ließ Jasmin zögern. »Ich habe abgelehnt.«
Sofort verdunkelte sich seine Mimik.
»Kannst du deine Aufzeichnungen und die Fotos schicken?«, verpackte sie eine Anweisung in eine höfliche Frage.
Enttäuscht zückte Nathan sein Diensttelefon, fotografierte seine Notizen ab, fasste sie als Paket mit den Fotos vom Fundort zusammen und sendete es an das Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum, wo es in einem verschlüsselten Posteingang landete, der der Kommunikation mit den Strafverfolgungsbehörden diente.
»Was machen wir jetzt in den drei Stunden, bis die Ergebnisse da sind?«, hakte er nach und steckte das Gerät wieder ein.
»Rapport bei Schmidt. Danach schauen wir uns die Kameraaufzeichnungen der Uferpromenaden und Brücken an. Irgendwo muss er ja hergekommen sein.«
Sie wollte schon aussteigen, da haute Nathan gegen das Lenkrad. Die Hupe schallte durch die Tiefgarage. Jasmin erschrak. Irgendwo in den Winkeln des Stahluntergeschosses zuckte wahrscheinlich auch jemand zusammen.
»Willst du mich verarschen?«, beschwerte er sich. »Dein Mann ist tot und du willst weiter ermitteln? Was stimmt nicht mit dir? Wenn dich das so kalt lässt, dauert es nicht lang und du kommst auf die Verdächtigenliste. Dann bist du nicht nur beurlaubt, sondern im Fadenkreuz!«
Jasmin atmete tief ein und aus. Sie musste ihrem Kollegen nicht sagen, dass jeder Mensch anders verarbeitet. Sie musste ihm nicht sagen, dass sie der Beruf abgestumpft hatte. Sie musste ihm nicht sagen, dass ihr der Tod eine Entscheidung abgenommen hatte.
»Du konntest ihn doch auch nicht leiden«, stellte sie unangebracht und trotzig fest, »Bist du dann auch verdächtig?«
Hätte sie nicht geschmunzelt und hätte er nicht diese Gefühle für sie empfunden, er hätte sie bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag geohrfeigt. Trotz der Umstände behielt sie ihre lockere Art bei. Auch ein Weg, um mit Trauer, oder was auch immer, umzugehen.
»Bevor wir hoch gehen«, lenkte Nathan ab, »sag mir, was in den letzten Tagen auffällig war.«
»Willst du mich vernehmen?«
»Ich will die Kontrolle behalten, ehe Kurz und Klein Trampeltier spielen. Je mehr ich vorher weiß, desto besser kann ich mich in Stellung bringen, um Schmidt zu zeigen, dass er mich in den Fall einbeziehen muss.«
»Wenn ich beurlaubt werde, wird er dich erst recht aus dem Scheinwerferlicht holen. Du bist immerhin mein Partner. Schmidt kann sich schon denken, dass du mich auf dem Laufenden halten wirst und ich dir exklusive Informationen gebe. Eine unautorisierte, abtrünnige Nebenermittlung wird er verhindern wollen.«
»Und wie stellen wir das an, dass ich in den Ermittlungen eingebunden bleibe, während du Hausarrest hast?«
Jasmin wusste, was zu tun war, aber sie versuchte noch eine Ausweichroute zu skizzieren. Es gelang ihr nicht. In ihrem Gedankenspiel gab es nur diesen einen, unangenehmen Weg, wenn sie nicht Kurz und Klein das Feld überlassen wollten. Aber würde sie so weit gehen, um den, zugegeben verdienten, Tod ihres Gatten aufzuklären? Was würde passieren, wenn Kurz und Klein ihr gesamtes Leben auseinander nehmen? Würde sie zu ihrem Mann auch noch ihren Sohn verlieren? Würde sich das Jugendamt einschalten? Könnte sie glaubhaft versichern, dass sie eine gute Mutter war? Und würde sie jemand schützen, wenn ihre direkte Verbindung zum rechten Rand durch das Präsidium flatterte? Zum Schluss würde sie auch noch ihren Job verlieren, ohne Aussicht auf Amnestie.
»Jasmin?«
Sie wurde aus ihrem Kopfkino gerissen. Und nicht nur das. Wie er ihren Namen aussprach. Sofort flogen Erinnerungen in ihr Gedächtnis. Erinnerungen an die Affäre und seine Gefühle, die er ihr am Ende gestanden hatte. Erinnerungen, wie er Gefühle in ihr hervorholte, von denen sie dachte, sie wären auf ewig verschollen, begraben unter Tonnen von Wut, Angst und Distanz. Doch diese Gefühle, die er auslöste, hatte sie ihm nie offenbart. Sie wollte ihm das Ende des Seitensprungs nicht noch schwerer machen. Sie wollte ihm keine Chance einräumen, sie doch noch herum zu bekommen. Wenn er gewusst hätte, wie wenig dazu fehlte, er wäre mit gezogenem Schwert auf seinem Ross herangeritten gekommen und hätte sie aus den Fängen des Drachen befreit, ihr die Ketten von den Gelenken geschlagen, sie aus dem Turm getragen und zurück auf den Pfad von Glück, Liebe und Geborgenheit geführt.
»Ich habe ihn ermordet«, sagte sie entschlossen.
Nathan stutzte. »Wie bitte?«
»Das ist die einzige Möglichkeit. Du verhaftest mich, weil ich dir gegenüber den Mord zugegeben habe. In der Zeit meiner Untersuchungshaft kannst du nach dem wahren Mörder suchen und die beiden Trampeltiere in niedere Aufgaben einspannen, sie beschäftigen.«
Er schüttelte den Kopf. »Du spinnst! Es muss noch einen anderen Weg geben«, überlegte er fieberhaft.
»Wir haben nicht viel Zeit, Nathanael«, schon wieder pochte ihr Herz. Mit vollem Namen hatte sie ihn zuletzt angesprochen, als es körperlich wurde. Und er hatte entsprechend reagiert. Sie schaute ihn an und erkannte gerötete Wangen sowie geweitete Pupillen. Er reagierte immer noch darauf – erregt.
»Hast du eine bessere Idee?«, holte sie ihn zurück aus seiner unehrenhaften Vorstellung, ihr auf der Rücksitzbank nahe zu kommen, wie es schon einmal passierte.
»Noch nicht«, schindete Nathan Zeit, die Hirn und Glied brauchten. Er hielt sie am Arm fest. Den Blitz, der ihn durchzuckte, musste sie auch gespürt haben. Trotzdem fokussierte er sich auf die kommende Schachpartie. »Gehen wir von Selbstmord aus.« Sein fester Druck auf ihren Arm verhinderte, dass sie protestieren konnte. »Eine Psychologin erklärt dich für diensttauglich, nach einer angemessenen Trauerfrist. Und wir haben uns umsonst den Kopf zerbrochen.«
»Warum hätte Richard das tun sollen?«, zweifelte Jasmin. Sie wäre die Kandidatin gewesen, nicht er. Einzig ihr Sohn hielt sie in dieser Welt. Ein Anker im Sturm.
»Ärger im Job?«, rätselte Nathan. »Hat er was vergeigt?«
»Das hat ihn noch nie aus dem Tritt gebracht.«
»Es gibt immer ein erstes Mal. Ist dir was aufgefallen?«, beharrte er auf der latenten Vernehmung, die er schon vor ein paar Minuten durchführen wollte.
»Er redete nicht über die Arbeit. Aber verhalten hat er sich normal.« Jasmin rekapitulierte die letzten Tage aus der Sicht der Kommissarin. Schwierig, denn sie hatte die Tage als fürsorgliche Mutter und zurücksteckende Ehefrau durchlebt. »Wirklich, mir ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen.«
»Hatte er Feinde?«
Sie sah ihn an. »Du musst mir keine Fragen stellen, die ich selbst nicht als relevant betrachte«, erwiderte sie scharfzüngig. »Denkst du, ich hätte den üblichen Fragenkatalog nicht schon mehrfach abgegrast?«
»Also, hatte er welche?«, ließ Nathan nicht locker. Wenn sie so gut mit dem Tod ihres Mannes umgehen konnte, konnte sie auch unangenehme Fragen und offensive Fragestellungen vertragen.
»Dich«, antwortete sie.
Nathan grinste bitter. Sie versuchte auszuweichen.
»Feinde, die bereit wären, ihn in die Ecke zu drängen oder um die Ecke zu bringen?«, konkretisierte er deshalb.
»Bauern in Asien, Minenarbeiter in Afrika, Ureinwohner in Südamerika«, zählte sie zynisch auf, »Hausbesetzer und Steinewerfer im linken Spektrum, arabische Clans, semitische Motorradgangs.«
Nathan verstärkte den Griff um ihren Arm. Er benutzte die Handgreiflichkeit als Druckmittel.
»Aua!«, empörte sie sich. »Du tust mir weh!«
Seine hochgezogenen Augenbrauen forderten geerdete Antworten.
»Seine Kameradschaft agiert im Untergrund. Sie treffen sich lediglich, um die Vergangenheit aufleben zu lassen oder sich über die leeren Versprechungen und die lasche Haltung der Politik aufzuregen. Verbohrte Narren, die Bier und Musik zur Kanalisierung einsetzen. Nichts, was den Staatsschutz oder irgendwelche zwielichtigen Organisationen auf den Plan ruft.«
Staatsschutz. Sie hatte es selbst erwähnt. Nathan behielt die Verknüpfung in der Hinterhand. Wenn sie keine Informantin wäre, schützte sie jemand anderes im Präsidium. Und derjenige musste großen Einfluss ausüben.
»Wo verkehrte er noch?«
Jasmin zischte giftig. »Gute Frage! Das hätte ich auch gern gewusst! Und noch besser: mit wem verkehrte er?«
Nathan tadelte sich für das Fettnäpfchen.
»Mord aus Leidenschaft«, konstatierte sie wie eine schwarze Witwe. »Das würde auch seine fehlende Kleidung erklären.«
Er musste ihr Recht geben. Der Ansatz war gar nicht schlecht. »Du wusstest, dass er sich auswärts vergnügte?«, fragte er diplomatisch.
»Wir beide vergnügten uns auswärts«, nahm sie seine Worte auf und fügte einen garstigen Unterton dazu.
Ein kleiner Stich durchfuhr Nathan. Ihm war bewusst, dass sie beide erwachsen waren, kein Paar, und sich auslebten, ausleben mussten. Aber die bloße Erwähnung reichte, um Eifersucht zu erzeugen. Wo es herkam, wusste er nicht. Es fühlte sich aber sehr schmerzhaft an. Er versuchte die Tatsache auszublenden, dass sie mit anderen ins Bett stieg. Mit seinem Liebesleben konnte er gewiss nicht angeben. Beinahe und was wäre wenn zählten nicht. Er lenkte sich mit seinem Schreibblock ab, der mittlerweile viele durchgestrichene Ansätze beinhaltete. Einzig Rotlicht, Hedgefonds und Xander blieben ohne Streichung. Eigentlich wollte er es vermeiden, aber letztlich schaffte es Jasmin doch noch auf die Liste seiner Verdächtigen. Er drehte den Block, damit sie es nicht sehen konnte. Bei dem Wirrwarr an Tinte dürfte es ihr ohnehin schwerfallen, überhaupt irgendetwas herauszulesen.
Nathan machte den Motor an.
»Was hast du vor?«, murmelte Jasmin.
»Ich fahr dich nach Hause. Wenn das Kartenhaus zusammenbricht, soll jeder denken, dass dich der Suizid deines Mannes mitgenommen hat.« Außerdem wollte er sich bei ihr umschauen. Sein eigenes Heim kann man nicht mit den Augen eines Polizisten sehen. »Bis die Leiche seziert ist, haben wir noch etwas Zeit.«
Vorm Haus der Wagners tippte Nathan eine Nachricht für Schmidt: möglicherweise Suizid – warten auf rechtsmedizinisches Gutachten - Näheres folgt. Meistens genügte dem Leiter der Mordkommission eine knappe Mitteilung über den Sachstand. Nathan hoffte, dass die Staatsanwaltschaft noch kein größeres Fass aufgemacht hatte, als die Leichenöffnung ohne das Zutun der Kripo angeordnet wurde. Ohne Ausweispapiere müssten die Fingerabdrücke herhalten. Ein Nazi würde bestimmt in der Datenbank auftauchen. Fraglich, ob dessen Familienstand auch darin stand.
Jasmin war bereits ausgestiegen und prüfte den Briefkasteninhalt. Werbung. Das Haus war noch verwaist, da ihr Sohn zur Schule ging.
Drinnen wurde Nathan von den vielen Fotos an den Wänden überschüttet, die heile Welt darstellen sollten. Bisher hatte er selten das Vergnügen gehabt, das traute Heim von innen zu sehen und jedes Mal wurde er von der Omnipräsenz gestellter Idylle erschlagen. Als er sich unauffällig durch die Räume schlängelte, hörte er seine Partnerin schluchzen. Erst dachte er, es wäre noch etwas Schlimmes passiert, aber wie er sie im Wohnzimmer auf dem Laminat liegen sah, wusste er, dass die Reaktion eingetreten war, die er schon früher erwartet hätte. Jasmin war zusammengebrochen, weil sie ihren Ehemann tot an einer Böschung identifiziert hatte. Nathan setzte sich zu ihr und legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie lag wie ein zusammengepferchtes Ding auf dem Boden, das Gesicht zwischen Laminat und Händen vergraben. Die Berührung forcierte eine Öffnung. Sie robbte sich in seinen Schoß. Ihren Kopf legte sie auf seine Beine, den Blick noch weg von ihm gerichtet. Mit den Armen umschlang sie seine Beine. Er fühlte sich deplatziert. Diese Form der Nähe hatte er zuletzt als Säugling am Busen seiner Mutter mitgemacht. Wie ein Roboter streichelte er ihr über die Schulter. Er ließ sie schluchzen, weil er keine passenden Worte fand. Mein Beileid, zu spät und zu unpersönlich. Schön, dass du doch ein Mensch bist?, unangebracht und nicht gerade einfühlsam. Hast du Alkohol da, um den Schmerz zu betäuben, erstens im Dienst und zweitens wusste er überhaupt nicht, ob es Schmerz war, oder einfach nur Erleichterung, oder Reue, oder Freude.
Jasmin drückte ihre Wange auf seinen Oberschenkel und presste ihre Arme darum. Ihre Tränen benetzten seine Hose, aber das war nebensächlich. Die offenen Tränenkanäle und die Hormone geißelten ihre Wahrnehmung. Sehen, hören und riechen konnte sie nicht. Das Fühlen dominierte ihre Sinne. Sie fühlte ihn, fühlte seine Wärme, seine Stärke, seinen Atem in ihrem Nacken. Er musste sie anschauen und durch die Nase ausatmen. Sie genoss die Aufmerksamkeit, obwohl sie nicht weinen wollte, doch mit einem Schlag schwappte alles über und sie konnte sich nicht mehr beherrschen.
Erst hielt sie sich an der Küchentheke fest, dann stampfte sie mit den Füßen auf, versuchte zu meditieren, versuchte ihre Atmung zu regulieren, doch letztlich übermannte sie ein merkwürdiges Gefühl, ihre Beine zitterten plötzlich und sie verlor den Halt. Nach dem Aufschlag riss man ihr das Steuerruder aus der Hand. Ein Schwall Emotionen übernahm die Kontrolle. Sie konnte nur noch zuschauen und geschehen lassen.
Was geschah, gefiel ihr. Nathan kümmerte sich um sie. Er stand ihr bei, vielmehr saß er bei ihr. Er legte den Kommissar ab und wurde Mensch, wurde ein Kissen, wurde ein Ritter in weißer Rüstung. Sie ahnte nicht, dass sie die Zuneigung eines Mannes so nötig gehabt hatte. Körper und Seele vereinten sich, verbündeten sich, um das einzufordern, was ihnen Jahre verwehrt wurde. Ihre damalige Affäre konnte ihr nicht im Geringsten das bieten, was ihr dieses wortlose Beisammensein lieferte: liebevolle Nähe, wie sie es nur noch manchmal von ihrem Sohn bekam.
In ihrer Umnachtung entging ihr, dass Nathan sie packte und auf das Sofa legte, ihr ein weiches Kissen unter den Kopf schob, sie zudeckte und sanft über die Wange streichelte. Sie glaubte zu hören, dass sie immer noch schluchzte, doch im nächsten Moment schlief sie ein. Die Belastung raubte ihr das Bewusstsein.
Nathan stand langsam aus der Hocke auf. Er hatte sich neben sie gehockt, sie gestreichelt und in den notwendigen Schlaf begleitet. Er musste sich förmlich losreißen von diesem schönen, zerbrechlichen Geschöpf. Seine Gefühle, die jahrelang unter der Oberfläche schlummerten, brachen vollständig hervor. Während der Affäre hatte sich das verstärkt, was er seit ihrer ersten Begegnung gespürt hatte: Zuneigung. Er konnte es verbergen, konnte mit ihr lachen oder ernste Sachen machen, konnte neben ihr agieren, ohne sich von ihrer Anmut, ihrer Stimme oder ihrem Duft vereinnahmen zu lassen. Er träumte von ihr, wünschte sich, er würde ihr genauso viel bedeuten wie sie ihm. Im Dienst riss er sich aber am Riemen. Es brauchte seine Zeit, bis er wieder locker mit ihr umgehen konnte, platonisch, professionell, wie ganz am Anfang, als er sich nur dachte, was für ein Glück er hatte, mit so einer attraktiven Frau zusammenzuarbeiten. Ihre Art, ihr Gespür und ihre Vorgehensweise deckten sich einfach perfekt mit seinen Eigenheiten. Was der eine dachte, sprach der andere aus und umgekehrt. Manchmal war es schon ein bisschen gruselig, wenn ihre Mägen gleichzeitig grummelten, weil Nachschub fehlte, oder wenn ein Lied im Radio unverhofft zu einem Duett ausuferte. Jasmin wahrte jedoch Distanz. Privat traf man sich sehr selten. Und wenn, dann nur der Form halber, weil ein Familienbrunch der Kriminaldirektion 10 – Kapitaldelikte – anstand, oder weil Richard als Abendbegleitung ausfiel - lieber mit der Bruderschaft im Suff, denn mit der Frau im Theater. Gut, dass sie Abstand hielt, Nathan hätte die Grenzen der Dienstvorschriften ohne Zögern überrannt, die Karriere beider gefährdend. Der Spagat, den sie während der Affäre ausführten, konnte nur gelingen, weil Dunkelheit, Bedeutungslosigkeit und Tristesse keinen Platz für Romantik ließen.
Das Obergeschoss hatte er schnell durchkämmt, nachdem er den leeren, nicht ausgebauten Dachstuhl gesichtet hatte, wo ihn Leitungen, Rohre und Kabel überrascht und abweisend anglotzten. Tageslichtwannenbad, Schlafzimmer, Büro/Abstellraum im OG. Auch im Erdgeschoss fand er nichts Verdächtiges, nur das Wohnzimmer mit offener Küche, das Kinderzimmer und ein kleines Duschbad für Gäste oder zankende Eheleute. Nirgends konnte er einen Hinweis entdecken, warum sich Richard Wagner in die Fluten gestürzt haben könnte. Auch nicht, ob er dies freiwillig tat.
Sicher, dass Jasmin noch weggetreten war, huschte er nach unten in den Keller. Dort empfingen ihn Umzugskartons und Rollkisten, alte Schrankteile und Unrat, eine Gastherme, ein verstaubter Fitnessturm, eine kleine Werkstattwand und die Fahrräder der Familie. Stichprobenartig öffnete er ein paar Behältnisse, die ihm Kinderspielzeug und Faschingskleidung präsentierten, lugte in ein paar Schubladen, die ihm Sammlerleidenschaft und Entsorgungsphobie offenbarten und prüfte den Luftdruck der Fahrradreifen, indem er beiläufig, aus zwangsneurotischer Gewohnheit, das Gummi zwischen seinen Fingern zusammendrückte. Den Baseballschläger, der ihn drohend aus der Ecke fixierte, ignorierte er geflissentlich. Was damit angestellt wurde, wollte er nicht wissen. Genauso ignorierte er das drohende Brummen der Gastherme, die sich wie die gedämpfte Version eines höllischen Brodems anhörte. Ohne Hinweise auf Verzweiflung oder Vergeltung oder Verleugnung ging er wieder hinauf ins Erdgeschoss.
Jasmin lag unverändert auf dem Sofa, mit getrockneten Tränen und tiefer Atmung. Er schaute einen Augenblick zu lang auf die Silhouette, die sich unter der Decke formte. Ihre Brüste drückten sich gegen den gewebten Stoff. Szenen schoben sich in Nathans Geist. Ihre Nacktheit hatte ihn stets überwältigt. Ihr Körper war textillos noch anziehender als mit den engen Blusen, die ihren Busen bedeckten.
Das Telefonklingeln riss beide aus der Trance. Nathan suchte nach der Quelle. In Jasmins Holster, das unter der Jacke in der Garderobe hing, fand er ihr Diensttelefon.
»Hallo? … Kriminalkommissar Nathanael Ysop am Apparat … Die ist gerade nicht zu sprechen … Wir ermitteln zusammen in dem Fall … Ja … Ich schaue es mir gleich an, vielen Dank!«
Das Telefonat war beendet. Er öffnete die App für den verschlüsselten Mailversand zwischen Dienststellen, wo er eine neue Mail von der Rechtsmedizin vorfand. Er klickte auf den Anhang – das Gutachten. Durch die integrierten Fotos dauerte der Download eine ganze Weile.
»Wer war das?« Jasmin hatte sich schwerfällig erhoben. Ihr dezentes, schwarzes Augen-Make-up war verlaufen, ihre Haare struwwelig. Sie taumelte und musste sich an den Möbeln abstützen.
»Die Forensik«, antwortete Nathan, auf das Display starrend. Eine sehr langsam steigende Prozentzahl wollte ihn auf die Folter spannen.
»Und was haben die gesagt?« An der Wand entlang kam sie Schritt für Schritt auf ihren Kollegen zu, der den PIN für ihr Telefon kannte: das Geburtsjahr ihres Sohnes.
Nathan blickte auf und schüttelte den Kopf. Zur Verdeutlichung hob er den Zeigefinger. »Warte noch, ich will mir erst den Bericht ansehen, bevor wir voreilige Schlüsse ziehen.«
Jasmin hatte ihn gleich erreicht. »Du kannst mir doch sagen, was dir gesagt wurde!«, regte sie sich auf, in seichtem Ton, angeschlagen und brüchig.
Die Datei öffnete sich. Nathan überflog die Kästchen und Bemerkungen, dann die Fotos mit den Markierungen. Danach sah er seiner Kollegin in die verheulten, verbeulten Augen.
Jasmin hielt die Luft an, ihn gestisch auffordernd, mehr zu verraten.
»Lungen und Magen waren mit Flusswasser gefüllt«, eröffnete Nathan. »Die Ärzte grenzen den Todeszeitpunkt auf gestern Abend bis Mitternacht ein.« Er beäugte sie, immer ihren Zustand auswertend. »Weiter?«
Jasmin nickte starr. Sie hatte sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt und die Augen geschlossen. Sie schien sich ganz auf die Fakten zu konzentrieren.
»Fallhöhe wird auf 20 bis 30 Meter geschätzt, ohne aktive Abfangbewegung.« Er scrollte herunter, ohne anzumerken, dass die Suizidthese noch nicht widerlegt werden konnte. »Er hatte zwei Wunden auf seinem Körper, die weder durch Aufprall auf der Wasseroberfläche noch Strömung oder Anspülen verursacht wurden. Auf dem Bauch wurde eine Schürfwunde entdeckt. Darin fand man rötliche Mainsandsteinreste.«
»Er wurde über etwas geschleift«, meldete sich Jasmin, wankte wie ein Zombie zur Küche und schenkte sich ein Glas Wasser ein. »Du auch?«
»Ja, bitte.«
Sie tranken, während sie in ihren Gedanken versanken. Er folgte ihr aufs Sofa, um die eingesparte Energie fürs Stehen zum Nachdenken zu verwenden, in sitzender Position.
»Er wurde über etwas geschleift und in den Fluss geworfen«, ergänzte Jasmin. »Heute Morgen gefunden, er könnte sonst wo hineingeworfen worden und die ganze Nacht hindurch mit der Strömung gewandert sein.«
Nathan studierte die Fotos der Wasserleiche. Er hatte schon andere, deutlich schlimmere gesehen. Der Leichnam war kaum aufgequollen und sah noch einem Menschen ähnlicher als einem Fisch. Allzu lange dürfte der Mann nicht durchs Wasser getrieben sein. Dann studierte er sie. »Wir müssen nicht darüber reden.«
Jasmin nahm einen weiteren Schluck. »Solange wir noch ermitteln dürfen, machen wir das. Wer weiß, wann uns Schmidt abzieht.«
»Er wird uns nicht nur abziehen, er wird uns ordentlich die Leviten lesen.«
Sie verjagte eine imaginäre Fliege. »Deshalb sollten wir uns beeilen. Wenn die Staatsanwaltschaft Wind davon bekommt, dass die Obduktion bereits durchgeführt wurde, verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Schmidt wird uns dann auf direktem Weg ins Präsidium zitieren.«
»Wir müssen vorher ins Präsidium«, warf Nathan ein, »die Kamerabilder von den Brücken auswerten.«
»Das können wir doch Kurz und Klein aufs Auge drücken«, schlug Jasmin mit einem Anflug eines gequälten Schmunzelns vor. Sie kam allmählich zu Kräften.
»Wirklich?«
»Klar! Noch ist es ein Suizid«, setzte sie in Anführungszeichen, »und wir versuchen herauszufinden, wo das Opfer in den Fluss gesprungen ist.«
Das Opfer. Ihre nüchterne Kälte fröstelte Nathan. Immerhin sprach sie von ihrem Ehemann, dem Vater ihres Sohnes. Er fragte sich, ob sie überhaupt im Stande war, wahre Liebe zu empfinden, oder ob er sich vergeblich Hoffnung machte.
Sie nickte ihm auffordernd zu. »Gib mir dein Telefon! Meins ist ja gerade in Gebrauch.«
Nathan gehorchte.
Seine Kollegin entsperrte den Bildschirm. Er hatte erst gar keinen PIN dafür. Man musste nur zur Seite wischen – schöne, neue Welt!
Sie beauftrage die beiden Faulpelze mit der Auswertung der Brückenkameras, indem sie den Weg vom Fundzeitpunkt und –ort zurückzuverfolgen hatten. Nach hörbarem Meckern aus der Leitung legte sie auf.
»Weiter!«, forderte sie ihren Partner auf, fortzufahren.
Nathan las widerwillig. »Die zweite Wunde auf dem Rücken stammt von einer«, er musste zweimal lesen, »Tätowiermaschine.«
Auch Jasmin stutzte. »Was?«
»Genau diese Reaktion haben die Ärzte wohl erwartet«, fügte er an und zeigte auf das Display, »eine Erklärung steht darunter. Die Tätowierung muss frisch sein, aus den letzten 24 Stunden. Tinte wurde unter die Haut gebracht, die nicht verheilen konnte.« Nathans Augen preschten voran. »Noch mehr, die Wunde konnte nicht verheilen, weil die Stiche posthum zugefügt wurden.«
Nach dem Tode.
Nathan dachte an seine durchgeführte Leichenschau am Fundort. Er schalte sich, dass er die frische Wunde nicht gesehen hatte. Andererseits, dafür gab es ja die Rechtsmedizin.
»Er wurde erst ermordet und dann tätowiert?« Jasmin trank einen weiteren Schluck. Die Vorstellung behagte ihr nicht, weder bei ihrem Mann noch bei sonst einem Opfer. Leichenschändung.
»Scheinbar«, bestätigte Nathan, der sich so langsam von der Suizidthese verabschiedete. »Ein Hakenkreuz.«
Jasmin schluckte. Auch sie verstand den Querverweis. »Ein Stigma. Man hat ihn für seine verquere Weltanschauung ermordet und dann gebrandmarkt wie ein Stück totes Vieh.«
»Sieht ganz danach aus«, stimmte ihr Kollege zu, das Foto heranzoomend. »Es sieht aus wie ein abstrakter Reichsadler, der zu einem Hakenkreuz abgewandelt wurde. Damit erweitert sich der Kreis der Verdächtigen auf unendlich.«
»Wir sollten einen Profi fragen«, schlug Jasmin vor, »Wenn der uns sagen kann, welche Fähigkeiten dafür vonnöten sind, können wir Laien ausschließen.«
Nathan musterte noch immer das Tattoo. »Ich stelle mir das schwierig vor, tote Haut zu beackern. Die fehlende Durchblutung macht die Sache zäh oder schwabbelig, je nachdem, ob die Starre schon eingesetzt hat und wo die Flecken entstehen. Und das Motiv scheint gut gestochen zu sein, im Vergleich zu den anderen Tätowierungen drumherum.«
Jasmin nickte abwesend. Seine Worte durchschlugen ihr Mark. Sie hatte den Rücken ihres Mannes vor Augen. Den Mann, den sie vor sehr langer Zeit einmal angeschmachtet hatte. Trotzdem drängte die Kommissarin die Ehefrau zurück, die für einen Augenblick die Oberfläche durchbrochen hatte. »Wir sollten uns trennen, weil uns nicht mehr viel Zeit bleibt, bis die Sache aus dem Ruder läuft. Du fährst zum Präsidium und schaust dir an, was Kurz und Klein herausgefunden haben. Derweil statte ich einem alten Bekannten einen Besuch ab.«
»Will ich wissen, wer dieser alte Bekannte ist?«
»Nein«, überging sie seine Nachforschung dezent, »Ich bin mir sicher, dass ich zu der Tätowierung etwas herausfinden kann. Und wenn du die Kameraauswertung gesichtet hast, rufst du mich an. Dann tragen wir zusammen, was wir haben. Somit sind wir beide auf dem gleichen Stand.«
»Im Anschluss berichte ich Schmidt?«, riet Nathan ins Blaue und traf ins Schwarze.
»Ja. Er wird mich umgehend sprechen wollen. Ich hoffe, dass wir bis dahin eine Spur haben.«
»Du willst ihn vertrösten?« Nathan schwante, dass er die Stellung im Raumschiff halten, dem Sturm standhalten und für sie das Schutzschild sein sollte.
»Ich will die wenige Zeit nutzen, die wir haben«, antwortete sie verbissen.
Nathan schüttelte den Kopf. »Das gefällt mir nicht. Ich sehe uns beide schon vorm Disziplinarausschuss.« Nebenbei schickte er sich die Datei des Instituts auf seinen Account. Die letzte Anmerkung mit dem toxikologischen Befund behielt er für sich, im Glauben seine Partnerin würde keinen Blick in das Gutachten riskieren, das ihr zugeschickt worden war. Sicherheitshalber löschte er die Datei, aus Versehen, aus ihrem Speicher, nachdem er die Tätowierung als Screenshot in ihrem Telefon gespeichert hatte. Der finale Befund enthielt PCP, Engelsstaub. Im passenden Moment würde er die Drogengeschichte ihres Ehemannes hinterfragen. Durch Fingerabdrücke konnte der Tote auch noch identifiziert werden. Eine mehrstellige Nummer stand im Gutachten. Mit dieser Ziffernfolge könnte Nathan die Personalien in der Datenbank abfragen – ein Schutzmechanismus, um die Rechtsmedizin nicht auch noch mit Namen zu belasten. Die Zettel an den Zehen der Toten in der Leichenhalle waren lediglich mit Nummern versehen. Persönliche Schicksale blieben den Leichenbeschauern so erspart. Nathan musste unbedingt vor allen anderen in die Datenbank schauen. Nicht dass der Name seiner Kollegin dort auftauchte und eine Lawine auslöste.
Sie tauschten die Telefone zurück. Jasmin nahm seine Hand, wie die Mutter, die ihren Sohn in den Krieg schickt, mit der Gewissheit, dass es ein Wiedersehen gibt. »Wenn wir das Schwein drankriegen, wird uns keiner mehr belangen wollen.«
Stuhl & Eimer
Nathan setzte Jasmin in der Tiefgarage des Präsidiums ab. Vorher hatte sie sich auf dem Beifahrersitz zusammengerollt, damit sie keiner sehen konnte. Mit ihrem eigenen Dienstfahrzeug fuhr sie schließlich zu ihrem alten Bekannten.
Nathan schlurfte nach oben, wo er Kurz und Klein in der IT-Abteilung vorfand. Die beiden Kripos machten ihren Namen alle Ehre. Kurz war kurzsichtig, im Rahmen der Polizeidienstvorschrift 300, die die körperlichen Mindestattribute der Beamten festlegte. Seine antiquiert wirkende, aufdringliche Hornbrille machte aus einem Mittdreißiger eine Parodiekopie von Clark Kent, Supermans schüchternem Alter Ego, und Buddy Holly, Rock-´n´-Roller aus den 50ern, den der Erfolg zum Frauenschwarm machte und nicht das Aussehen. Klein erreichte geradeso die Mindestgröße von einem Meter 60, die ihn für den Polizeidienst in Hessen tauglich machte. Er wirkte wie der langweilige Sidekick von Kurz, der selbst eine Aura von Briefmarkensammler versus Staubsaugerverkäufer versprühte. Hätten sie Dienstmarken und Dienstausweise nicht bei jeder Gelegenheit aus dem Revers gezogen, hätte man sie als schwules Serienkillerpärchen abgestempelt.
Der abgedunkelte, partiell erhellte Raum, gefüllt mit flimmernden Bildschirmen und futuristischen Bedienelementen, empfing Nathan abweisend, ebenso wie die beiden stehenden Kollegen, die nicht die Hauptakteure in dem digitalen Hinterzimmer waren. Hauptakteure waren zwei vor den Bildschirmen sitzende Computerspezialisten. Wáng, ein athletischer Chinese, den man eher in einem Fitnessstudio als Instruktor verorten würde, interagierte mit den Beamten ebenso wie mit seinem technischen Werkzeug. Dahinter verkroch sich Smirnow, der wortkarge Russe, dem die Frauenherzen wegen der ebenmäßigen, in Holz geschnitzten Model-Züge verfielen, bis sein Akzent und seine Introvertiertheit an den knechtenden Ehering erinnerten, den die zarten Damenfinger fingerten.
»Gude!«, schleuderte er so neutral wie möglich hinein.
Die Kommunisten vor den Kisten hoben fokussiert die Hand. Kurz machte keinen Ton. Klein schnaubte abfällig, gleich einem Stier, der das rote Tuch wedeln sah – ein kleiner, nicht gerade angsteinflößender Stier, in der Tat.
»Was habt ihr gefunden?« Nathan wollte die persönlichen Differenzen zugunsten der Aufklärung hinter sich bringen.
»Nicht viel«, erwiderte Wáng mit latentem, hessischem, Dorfdialekt und zeigte dem neuen Kommissar die zusammengeschnittene Bildsequenz der Brückenkameras. »Hier wird er angespült und wenig später von zwei Personen aus dem Wasser gefischt«, richtete er den Finger auf das Video, das die frühen Morgenstunden am Westhafen dokumentierte.
Nathan erkannte den Rentner mit Dackel, weil er den Rentner mit dem Dackel vor Ort gesehen hatte. Andernfalls wäre das Bündel an Mensch, Tier und Leine nicht von einer dunklen Parkbank zu unterscheiden gewesen. Den Jungspund daneben deutete er an den farbenfrohen, reflektierenden Klamotten heraus. Mehr war nicht zu erkennen. Die Aufnahme war sehr undeutlich. Die Kamera musste weiter entfernt gewesen sein. Auf dem nächsten Bildabschnitt sah man etwas durchs Wasser treiben, doch die Dunkelheit und die starke Reflexion der städtischen Beleuchtung machten genauere Erkenntnisse unmöglich. Wáng hatte eine Bildcollage vorbereitet, die den Hergang rückwärts abspulte.
»Das könnte euer Toter sein«, kommentierte Klein, was sowieso jeder dachte. »Könnte aber auch eine Ente sein.«
Nathan behielt den derben Konter für sich. Er merkte, dass Klein auf einen Zwischenruf wartete, um weiter anzustacheln, wie ein übermütiger Yorkshire Terrier. Nathan wollte ihm nicht den Gefallen tun.
»Und hier sehen wir gar nichts mehr«, führte Wáng einen weiteren Flussabschnitt vor. Die zusammengespulte Zeit offenbarte lediglich ein paar Fähren und Lastkähne. Dann trat die Abenddämmerung zum Vorschein. Viele verschiedene Kameraeinstellungen stellten die übliche Schifffahrt dar, die nachmittags und abends den Fluss frequentierte.
Der zweite Mann an den Hebeln, Smirnow, arbeitete in der Zwischenzeit still an den Naheinstellungen vom Gewässer. Soweit Nathan das allerdings beurteilen konnte, ohne bahnbrechende Ergebnisse.
»Und weiter?« Nathan registrierte, dass man ihm etwas verschwieg. Kurz und Klein behielten etwas in der Hinterhand, damit sie überraschend auftrumpfen konnten.
Kurz drehte sich theatralisch zum Kommissar. Das erste Mal, dass er ihn heute mit Blicken würdigte. Fehlte nur noch, dass er oberlehrerhaft die wuchtige Brille vom Nasenrücken schob. Sein Partner Klein äffte ihn nach. Wie zwei Orgelpfeifen hatten sie sich zu Nathan gewandt.
»Wir haben noch was Interessantes gefunden«, gab Kurz den gewieften Detektiv.
Aufs Stichwort holte Wáng einen Kameraausschnitt auf den Bildschirm, worauf Kurz nickte.
»Die Alte Brücke«, intonierte der kehlige Kommissar stimmungsvoll und ließ Nathan Zeit zur Orientierung. »Film ab!«
Nathan starrte auf eine Kreuzung, die am oberen Bildschirmrand in die Alte Brücke überging. Die Menschen und Fahrzeuge bewegten sich schneller. Vögel flogen hurtiger vorbei. Die Ampeln sprangen nur so von Rot auf Grün. Schatten wanderten zügig. Dann stoppte die Aufnahme. Er blinzelte ungehalten. »Was soll ich da bitteschön gesehen haben?«
Kurz und Klein kicherten, was Nathan erzürnte, doch er drückte die Wut in seiner Faust aus. Seine Knöchel knackten leise und seine Fingerkuppen färbten sich weiß.
»Nochmal langsamer«, wies Kurz den Deutschchinesen an der Steuerung an. Es schien ein abgesprochener Scherz gewesen zu sein.
Jetzt lief die Aufnahme in Echtzeit ab. Wieder bis zum Ende. Wieder stand Nathan da wie das erste Auto. »Sagt mal, wollt ihr mich verarschen?«
Kurz zeigte belustigt auf den Bildschirm. Sie genossen die Vorführung und das Vorführen des geschätzten Kollegen. »Oben links.«
Nathan blickte zu einem dunkel gekleideten, leicht verpixelten Mann, der scheinbar einen okkupierten Rollstuhl vor sich herschob. »Könntet ihr mir gefälligst mehr Kontext geben!«
»Hier«, sprang der gelbhäutige Informationstechniker ein, »sehen wir den Unbekannten einen anderen Unbekannten im Rollstuhl schieben.«
Eine weitere Kameraeinstellung kam ins Bild. Zu sehen war eine zweite Kreuzung, allerdings auf der anderen Seite der Brücke.
»Und hier«, setzte der IT-Mann fort, »sehen wir den Unbekannten im Rollstuhl sitzen, ohne den anderen Unbekannten.«
»Woher wissen wir, dass das derselbe Mann ist?«, warf Nathan kritisch ein.
Ein Vergleichsstandbild beider Einstellungen erschien. Die Truppe war vorbereitet. Chapeau! Ein Eimer, den Rollstühlen zugeordnet, diente als Verbindungsmerkmal.
»Schwarzer Kapuzenpulli und hässliche Schuhe«, motzte Klein, auf den Eimer deutend, »Das sieht ein Blinder mit Krückstock.«
»Zu dem Zeitpunkt gab es keinen anderen Rollstuhl auf der Brücke«, ergänzte Wáng, um den Einwand des dünnhäutigen, garstigen Kommissars abzuschwächen.
»Gibt es einen Winkel, wo man die Brücke und den abhandengekommenen Unbekannten sieht?«, fragte Nathan, der direkt mit Blicken gestraft wurde.
»Was denkst du, was wir die ganze Zeit gemacht haben? Kaffeeklatsch?«, moserte Klein ungehalten.
Zum Beweis knurrte Smirnows Magen, der sich mittlerweile in irgendeiner Programmierung verlor. »´tschuldigung«, nuschelte er peinlich berührt mit russischem Akzent, sich wieder in die Nullen und Einsen vertiefend.
»Leider nicht«, antwortete Wáng besänftigend, »Aber wir simulieren gerade die Strömung«, rollte er mit dem Stuhl zu seinem schweigsamen Kollegen. »Wenn wir den Tatzeitpunkt eingrenzen könnten …«, er schaute zu Nathan.
Auch Kurz und Klein fixierten den Kommissar.
»Gestern Abend bis Mitternacht«, gab er grob zu Protokoll, sich der Tragweite bewusst.
Die beiden Orgelpfeifen schmunzelten verschmitzt. Sie wussten nun, dass die Obduktion durch die Rechtsmedizin bereits vollzogen worden war. Was sie nicht wussten, Todeszeitpunkt und Wassereintritt stimmten nicht überein.
»Wollt ihr uns nicht langsam einweihen?«, forderte Kurz mehr denn er fragte.
»Was wollt ihr wissen?«, pokerte Nathan.
Kurz schaute über den dicken Rand seiner Brille zu den Analysten, die mit den Zeitabständen experimentierten. »Ist die Sache unter Verschluss?«, ruderte er sogleich zurück. Er wollte keine schlafenden Hunde wecken oder sich in die Brennnesseln setzen.
So wie es aussah, konnte Nathan den Suizid nicht aufrechterhalten. Spätestens nach seinem Rapport bei Schmidt würde der Fall die Runde machen. Und sollte er die beiden an der Nase herumgeführt haben, dürften sich weitere Gefälligkeiten erledigt haben.
»Ich brauche Ausdrucke der Standbilder«, bat Nathan und erhielt eine braune Sammelmappe, die ihm Kurz reichte.
»Alles hier drin«, sagte dieser. »Weiß Schmidt schon Bescheid?«
»Ist meine nächste Station.« Er blätterte die Bilder durch und musste zugeben, dass hier gute Vorarbeit geleistet wurde.
»Wir kommen mit!«, plusterte sich Klein auf, doch Kurz bremste ihn mit einer Handbewegung. Die Brillenschlange hatte den Giftzwerg gut im Griff.
»Wenn es ernst wird, bezieht ihr uns doch ein?«, verhandelte Kurz stattdessen.
»Haben wir das nicht bereits?«, entgegnete Nathan.
Kurz und Klein beäugten sich. Man konnte meinen, sie kommunizierten telepathisch.
»Wenn es was Ernstes ist, wird uns Schmidt sowieso dazu holen«, stichelte Kurz, da dieser zu wissen schien, dass man sie gern hinterging. Beide grinsten hämisch.
»Gebt mir eine Viertelstunde Vorsprung«, forderte Nathan jovial und richtete das Wort an die Programmierer, »Was hat die Simulation ergeben?«
Der Rädelsführer Wáng rollte mit dem Stuhl hinüber zu einem großen Stadtplan an der Wand, der auch die umliegenden Kommunen aufführte. Dort tippte er auf die Autobahnbrücke weit im Osten, an der Grenze zur verschmähten Nachbarstadt. »Das dürfte die östlichste Sprungschanze sein. Alles dahinter wäre vorher gestrandet.« Er fuhr den Fluss entlang bis zum Westhafen. »Somit kommen zehn Brücken infrage. Autobahn, Bundesstraßen, Schienen, Fußgänger. Alles dabei. Wobei, Autobahn und Bundesstraßen können wir ausschließen – die sind kameraüberwacht, da haben wir nichts gefunden. Also sechs Brücken.«
»Warum versteifen wir uns auf Brücken?«, gab Kurz weitsichtig zu bedenken, »Was ist mit Kränen, Uferpromenaden oder Gebäuden?«
Alle schauten zu Nathan, außer dem Strömungssimulator.
Der Kommissar räusperte sich auffälliger als gewünscht. »Wir haben eine ungefähre Fallhöhe und können öffentlichkeitswirksame Bauten wie Kräne ausschließen. Da wären sicherlich Meldungen reingekommen. Und irgendwo müssen wir schließlich anfangen. Wie man sieht, haben wir eine gute Fährte«, hielt er die Mappe mit den Brückenbildern hoch.
»Also sechs Brücken«, repetierte Wáng, als wäre er selbst Ermittler.
»Schon gut!«, motzte Klein ihn an, »Das haben wir verstanden.«
Der Fachmann rollte zurück an seinen Arbeitsplatz und schaltete sich durch diverse Kameraaufnahmen vom Nahbereich des Flusses.
»Warum betreiben wir so einen Aufwand für einen Suizid?«, hakte Kurz nach, »Und das, obwohl Schmidt noch nicht Bescheid weiß!«
»Mein nächster Halt«, erinnerte Nathan. Er konnte die hungrige Meute nicht länger von der Beute fernhalten. »Ihr sucht weiter nach Auffälligkeiten«, instruierte er die Computerspezialisten, »Und ihr«, reckte er sein Kinn zu Kurz und Klein, »schaut euch die sechs Brücken an.« Er ging zur Karte, von West nach Ost: »Holbeinsteg, Untermainbrücke, Eiserner Steg, Alte Brücke, Deutschherrnbrücke, Osthafenbrücke.«
Kurz trat neben ihn und studierte den Plan. »Was ist mit der Honsellbrücke, hier neben der Osthafenbrücke, Richtung Riedgraben?« Eine Überquerung zur künstlichen Halbinsel des Osthafens, wonach sich die Bucht des Riedgrabens anschließt.
Nathan gab ihm Recht. »Da hätten wir beinahe eine übersehen.«
»Also sieben Brücken«, blaffte Klein den Spezialisten an, dem man ansah, dass er die Schultern einzog und sich auf seine Arbeit konzentrierte, oder versuchte, sich darin zu verstecken.
»Und was ist mit der Schleuse am Osthafen?« Der Hornbrille entging nichts.
Hektisches Tastaturgeklimper und Mausgeklicke kam von der Seite. Dann spulten sich Kamerabilder ab. Wáng wollte seinen Fauxpas gutmachen. »Wurde nichts aufgezeichnet«, erläuterte er nach einer schnellen Analyse. Gut, dass die neuralgischen Punkte der Stadt vom staatlichen Auge erfasst werden beziehungsweise unbürokratisch von privaten Firmenservern geladen werden können.
»Sieben Brücken«, fasste Kurz zusammen. »Und was sollen wir dort finden?«
Muss ich euch erklären, wie ihr eure Arbeit machen sollt?, wollte er ihm an den Kopf werfen, aber Nathan beherrschte sich. »Fragt euch durch. Vielleicht hat irgendjemand was gesehen. Ein Rollstuhl mit Eimer ist doch sehr auffällig. Fangt bei der Alten Brücke an.«
»Leitest du die Ermittlungen?«, grätschte Klein hinterlistig dazwischen.
Nathan musste sich erst noch die Zustimmung von Schmidt holen, ehe er die beiden Orgelpfeifen weitergehend einbinden konnte. Außerdem ärgerte ihn die Anspielung auf die übliche Hierarchie zwischen ihm und Jasmin, denn sie führte eigentlich ihr Team an.
»Ich bin Xanders verlängerter Arm«, hörte er sich sagen. Er hätte sich am liebsten gegen die Stirn geschlagen.
»Wohl eher Schoßhündchen«, lachte Klein, Kurz stimmte ein.
Nathan zog von dannen, zog sich zurück wie ein begossener Pudel.
Auf dem Weg zum Chef schickte er Jasmin ein Foto von dem Abzug vom Rollstuhlunbekannten auf der Alten Brücke. Dazu schrieb er: Roter Mainsandstein! Als Mainhatten-Urgestein wusste er, dass die Alte Brücke aus Rotem Mainsandstein gefertigt worden war – immerhin nutzte er sie öfter, um von der Kneipenmeile im sachsenhäuser Brückenviertel zur Straßenbahn zu torkeln, die ihn zum Willy-Brandt-Platz brachte, wo er mit der U-Bahn zur Adickesallee fuhr. Verknautscht stieg er immer aus, torkelte am Polizeipräsidium vorbei und suchte seine Wohnung im umliegenden Viertel. Er hatte sich den nahesten Wohnort für den Job ausgesucht, bezahlbar und einigermaßen in Schuss. Sein Fokus auf die Arbeit lenkte ihn von der lauten Nachbarschaft und der klopfenden Heizung ab. Dafür war er immer erreichbar und binnen weniger Minuten in der Dienststelle. Seinen zivilen Dienstwagen ließ er gleich in der Tiefgarage unterm Raumschiff stehen. Die Kosten für einen Parkplatz in gefragter Lage konnte er sich damit sparen.
Jasmin dürfte den Wink mit dem Baumaterial nicht verstehen, der sich auf den Obduktionsbericht bezog, wo eine Bauchwunde Roten Mainsandstein aufgenommen hatte, aber dafür wollte er sie ködern, sie an der kurzen Leine halten. Geheimniskrämerische Alleingänge, wie sie es manchmal pflegte und gerade wieder abhielt, den alten Bekannten aufsuchend, sollten gekontert werden.
Bevor er beim Chef antanzte, machte er einen Abstecher zu seinem Büro, das er sich mit Jasmin teilte, und dem PC, der Rücken an Rücken mit ihrem Arbeitsplatz korrespondierte. Die Datenbank, die er mit der Nummer aus dem rechtsmedizinischen Gutachten fütterte, spuckte ihm die erwartete Akte aus: Richard Wagner. Neben kleineren Delikten aus der Jugend fand Nathan einen Verweis vom Staatsschutz: bekannter Nationalsozialist; Kameradschaft Schwarze Rose Offenbach - unauffällig. Dazu standen ein paar Zeiträume, die Observationen belegten, die wiederum erfolglos beendet wurden. Viel entscheidender, weil hervorgehoben, war der Link zu einer anderen Person, dessen Stammblatt Nathan wegen einer erforderlichen Sicherheitsfreigabe nicht öffnen konnte: Rudolf Wolf. Nathan kombinierte, dass Name und Gesinnung nicht weit auseinander lagen. Er machte sich eine kleine Notiz in seinem handlichen Büchlein. Kurioserweise genau neben der Frage, wer der alte Bekannte sei, den Jasmin soeben aufsuchte. Eine Verbindung wollte sich auftun, doch Nathan verwarf den Gedanken, dass Rudolf Wolf der alte Bekannte sein könnte, vorerst.
Wenig später klopfte er an Schmidts Tür, nachdem er an dessen Sekretärin vorbeigehuscht war. Die gute Frau könnte seine Oma sein. Er redete sich ein, dass sein Schleichen immer noch so leichtfüßig von statten ging wie in Kindheitstagen, aber sie sah ihn aus den Augenwinkeln, sagte allerdings nichts, außer ihr Chef war wirklich beschäftigt. Spätestens das Klopfen hätte sie wahrnehmen müssen. Franz-Jürgen Schmidt, Kriminalrat, Leiter Mordkommission, stand auf einem Messingschild an der Tür.
»Herein!«, rief es von drinnen, freundlich, aber bestimmt.
Nathan trat ein, schloss die Tür und setzte sich auf den Besucherstuhl. »Ich will dich auf den neuesten Stand bringen«, begann er, nicht ohne einen Anflug von Nervosität. Er musste jetzt genau aufpassen, was und wie er es formulierte.
»Der Brückenspringer?«
Schmidt war mehrfacher, stolzer Opa. Fotos von seinen Kindern und Enkeln thronten auf dem Schreibtisch, der aufgeräumt und übersichtlich zum Arbeiten einlud. Der Kriminalrat hatte unzählige Jahre Erfahrung auf dem Buckel, ein ruhiges Gemüt und war nur noch einen Katzensprung von der Pensionierung entfernt. Trotzdem forderte er von seinen Leuten unentwegt Einsatz und Siegeswille, auch wenn die Aufklärungsquoten entmutigten.
Nathan nickte. »So wie es aussieht, könnte er nicht gesprungen sein, sondern wurde hinuntergeworfen.« Er wusste, dass sich Schmidt auf die Erzählungen seiner Mitarbeiter verließ. Gutachten anderer Dienststellen überließ er den zuständigen Ermittlern.
Schmidt brummte nachdenklich. Seine grauen Zellen ratterten unter den lichten Stellen der weißbeflaumten Platte. »Verstehe.« Er blickte zur Tür und wieder zu seinem Kommissar. »Wo ist Jasmin?«
»Das ist die Krux«, stammelte Nathan. »Der Tote ist ihr Ehemann.«
Die Polizisten stierten sich an. Jeder hing seinen Überlegungen nach. Der eine reflektierte; der andere spekulierte.
»Verflucht!«, stöhnte Schmidt nach einer Weile. Man sah ihm an, dass er die Nebenschauplätze im Auge hatte: Direktionsleitung, Pressestelle, Zeugenschutz. »Ich dachte, sie sei geschieden. Die Namensänderung.« Es hätte nichts an der Tatsache geändert, dass ein geliebter Mensch mutmaßlich ermordet wurde. Schmidt zeigte sich nur überrascht von den Geheimnissen, die eine seiner engsten Mitarbeiterin vor ihm verbarg. Die Plauderstündchen beim gemeinsamen Kaffee fassten wohl beide anders auf. Sie kam verkleidet; er öffnete sein Nähkästchen.
»Private Dinge legt sie nicht gern offen auf den Tisch«, versuchte Nathan zu begründen.
»Und wo ist sie momentan?«
»Zuhause«, log Nathan. Er hasste es, Schmidt anzulügen, der seine Schäfchen wie seine eigenen Kinder behandelte, sie vor Üblem abschirmte, ihnen den Rücken freihielt, sie einnordete, wenn es nötig wurde, ihnen Wind unter die Segel fächerte, wenn die Kompassnadel die Orientierung verlor, und nicht weniger als ein professionelles Miteinander vorlebte, auf allen Ebenen – fachlich, menschlich, ökonomisch, ökumenisch.
»Ist eine Streife vor Ort?« Schmidt machte sich sichtlich Sorgen um seine Kommissarin. Solange nichts weiter bekannt war, musste man damit rechnen, dass sie in irgendeiner Weise bedroht oder gefährdet war – und sei es auch nur die Verzweiflung, die einen mit Rotwein, Aspirin und dem Gemüsemesser in die leere Badewanne treibt, um sie zu fluten, ohne den Wasserhahn aufzudrehen.
Nathans große Augen verneinten. »Das hätte meine Befugnis überstiegen.«
Der Kommissionsleiter verstand und griff zum Telefon.
»Nein!«, hob Nathan die Hand. Sein Vorpreschen erntete irritierte Blicke.
Schmidts Finger ruhten über den Tasten. Das Freizeichen tönte aus dem Hörer. »Sie ist nicht zuhause?«
Nathan schüttelte zur Bestätigung den Kopf, auf Nachsicht hoffend.
Der Kriminalrat legte den Hörer wieder auf, faltete die Hände ineinander und durchbohrte seinen Schützling mit Blicken, die weitere Abweichungen von der Wahrheit drakonisch bestrafen würden.
»Alles, was wir wissen, ist«, öffnete Nathan die Schleusen, »dass Richard Wagner ertrunken ist und in den Fluss geworfen wurde. Vor dem Abwurf hat man seinen Rücken noch mit einem Hakenkreuz tätowiert, da war er anscheinend bereits tot.« Die Drogenrückstände kehrte er unter den Tisch. Jasmin war schon so in der Zwickmühle, da wollte er sie nicht noch über drei Ecken mit möglichen Enthüllungen konfrontieren. Das PCP würde er im vertraulichen Vieraugengespräch mit seiner Partnerin ansprechen. Ein kleiner Rest Zurückhaltung von Informationen schadete dem Verhältnis zum Chef nicht, kalkulierte er.
»Soll ich dich abziehen?«
Die Frage überraschte Nathan, obwohl sie vorhergesagt hatten, dass ihnen der Fall entzogen werden könnte. Doch er hechtete mit dem Schädel durch die Wand. »Ich übernehme die Leitung.«
Schmidt lehnte sich zurück, legte den Kopf schief und kreiste mit den Daumen. »Und Jasmin?«
»Ich kümmere mich um sie«, fuhr Nathan einen gefährlichen Slalom.
»Ich will sie umgehend sehen«, forderte der Goldfasan. Als er das Gesicht seines Gegenübers musterte, merkte er, dass ihn seine Schäfchen kannten. »Deshalb ist sie unterwegs«, betonte er unwirsch, »weil ihr wusstet, dass ich euch herbestellen und aus der Schusslinie nehmen würde.«
Der Kommissar bejahte.
»Ist sie erreichbar?« Schmidt blinzelte zum Telefon. »Ich müsste meine Nummer unterdrücken. Und selbst dann würde sie nicht abnehmen, weil sie wüsste, dass ich die Nummer unterdrücke.«
»Sorry«, mehr konnte Nathan dazu nicht sagen. Er fühlte sich schuldig, weil er sie deckte.
»Was wissen wir noch?«, kam Schmidt zurück zum Fall.
»Die Verbindung von Wagner und Jasmin ist nicht aktenkundig.« Er versicherte sich, ob Schmidt von einer möglichen Traverse zum Staatsschutz wusste. Doch der Kommissionsleiter machte keine Anstalten. Vielleicht konnte dieser auch ein gutes Pokerface innerhalb eines Lidschlages aufsetzen.
»Dann müssen wir uns darum schon mal nicht kümmern«, brummte Schmidt um einen Zentner erleichtert.
Nathan holte die Fotos aus der Sammelmappe. »Jasmin hat Kurz und Klein zur IT geschickt.« Er wartete eine Reaktion ab.
Schmidt schaute die Bilder und danach den Ermittler an. »Für einen Suizid, der keiner ist, und einen Polizistinnenehemann, der keiner sein darf, gibt es schon sehr viele Mitwisser und Beteiligte.«
»Wir mussten schnell handeln«, entschuldigte sich Nathan. »Außerdem wissen Kurz und Klein noch nichts.«
»Die zwei sind nicht dumm«, warnte Schmidt, »sie werden sich was zusammenreimen. Schlimmstenfalls das Falsche.«
Nathan nickte. »Deshalb will ich die beiden für diesen Fall unter meinen Fittichen.« Da könnte er sie am Schlafittchen packen, wenn es brenzlig werden würde.
Der Chef überlegte, wollte sich aber noch nicht dazu äußern. »Was sehe ich auf den Fotos?«, schwang er daher wieder um.
»Hier ein Unbekannter mit mutmaßlich Richard Wagner im Rollstuhl auf der Alten Brücke und hier allein auf der anderen Brückenseite. Ein Eimer als wiederkehrendes Erkennungsmerkmal. Würde mit Verletzungsmuster und Aufprallzeitraum übereinstimmen.«
»Bemerkenswert«, erkannte Schmidt die Sisyphusarbeit von Beamten und IT-Abteilung an, »Es ist ganz sicher keine Sackgasse?«
Nathan zuckte mit den Schultern. »Wáng und Smirnow müsste ich noch weiter einbinden.«
»Tu das«, genehmigte Schmidt. Er ahnte, dass Nathan bereits Anweisungen verteilt hatte. Dennoch machte er es offiziell. »Was machen Kurz und Klein?«
»Die sind schon auf Achse«, gab er kleinlaut zu.
Der Kriminalrat nickte, um zu verstehen zu geben, dass ihm das klar war, er es genehmigte, und um weitere Details zu erfahren.
»Sie kundschaften die infrage kommenden Brücken aus.«
»Hat die Rechtsmedizin noch mehr herausfinden können?«, verwies Schmidt auf die Textnachricht seines beichtenden Beamten, die lediglich knapp informierte.
»Flusswasser in Lunge und Magen deuten auf einen vorsätzlichen Sprung hin. Suizid durch Ertrinken – oder den Aufschlag. Andererseits wurde das gestochene Tattoo auf seinem Rücken posthum zugefügt, vor dem Wassereintritt. Möglicherweise hat man ihn erst ertränkt, dann tätowiert und schließlich in den Fluss geworfen. Jasmin ist gerade dran mit dem Tattoo eine Verbindung herzustellen«, rückte er sie ins rechte Licht. »Wir brauchen noch einen Gerichtsbeschluss für die Ortung des Handys von Richard Wagner.«
»Ich kümmere mich«, erwiderte Schmidt. »Auch für seine Social-Media-Accounts?«
Nathan war beeindruckt vom alten Haudegen, der die Moderne besser kannte als er selbst. »Die wird Smirnow hacken können.«
Schmidt mahnte zur Vorsicht. »Nimm lieber den gerichtsverwertbaren Weg, sonst kannst du die Sachen vergessen, die online sind.«
Der Kommissar nickte. Schmidt würde einen umfassenden Beschluss über die Staatsanwaltschaft anfordern. Die Staatsanwaltschaft! »Weißt du, wer die Obduktion angeordnet hat?«
»Oberstaatsanwalt Pistorius«, sagte Schmidt unaufgeregt, bis er Nathans kritischen Blick bemerkte. »Warum?«
»Es geschah vor unserer Ankunft am Fundort. Die Bestatter waren schon da, als wir kamen.«
Schmidt ging in sich. »Ungewöhnlich für einen Suizid, auch wenn wir mittlerweile vermuten, dass es keiner ist. Vielleicht haben die Beamten vor Ort Wagner oder ein unnatürliches Verletzungsmuster erkannt?«
Nathan zweifelte. »Aber warum sollte Pistorius dann so ein Fass aufmachen wollen? Uns übergehen?« Es wäre nicht das erste Mal gewesen.
»Oder er wollte euch vorführen«, warf Schmidt ein. Seine Mimik dechiffrierte, dass er den einen oder anderen Zwist zwischen Jurist und Polizist mitbekommen hatte.
Nathan schnaufte aus. Das würde den Anruf der Leitstelle bei ihm erklären. Jasmins Nummer wurde sonst immer gewählt. Sie war die Teamleaderin. Er lenkte sich mit den weiteren Erkenntnissen ab.
»Außerdem haben wir zwei Personen, die Wagner aus dem Fluss gezogen haben. Eine Person konnten wir vernehmen. Die zweite suchen wir noch.«
»Was erhoffst du dir davon?«
Nathan schürzte die Lippen. Eine derart kritische Nachfrage hätte er nicht erwartet. Vor allem, weil das Gehörte nicht zur freundlich-neutralen Mimik passte. Mehr als Schulterzucken war nicht möglich.
»Genügt mir dann auch für den Anfang. Ich will dich nicht von der Ermittlung abhalten. Wenn du weitere Befugnisse brauchst, ruf mich an«, zwinkerte Schmidt. Auch so ein abgestumpfter Polizist, den die Nähe zu Gewalt, Abgrund und Tod die empathischen Synapsen verlötet hatte.
Nathan war drauf und dran das Angebot der Befugniserweiterung anzunehmen. Die fehlende Sicherheitsfreigabe für die Akte Rudolf Wolf käme ihm gelegen. Andererseits würde das Wellen schlagen und wahrscheinlich den Staatsschutz auf den Plan rufen. Erst wenn sich alle anderen Spuren verlaufen hätten, würde er darauf zurückkommen.
»Und schütze Jasmin, vor sich selbst und vor anderen«, schob Schmidt besorgt nach. »Ich überlasse es ihr, wann sie zu mir kommen will. Aber ich muss hoffentlich nicht sagen, dass sie sich nicht allzu viel Zeit damit lassen sollte.«
Auf dem Weg zum Büro schneite Nathan nochmal im Technikraum vorbei, ließ sich von keinen neuen Erkenntnissen berichten, bekräftigte den Auftrag, der nun auch von oben abgesegnet war, und zapfte sich ein Wasser am Spender auf dem Flur. Wáng hatte er noch eingebläut, dass der nach dem bunt gekleideten Jungspund Ausschau halten solle, der vielleicht auf irgendeiner Kamera im Umkreis auftauchte.
Auf seinem Schreibtischstuhl schaute er auf sein Mobiltelefon. Er hatte sich nicht getäuscht, Jasmin ließ auf sich warten. Also rief er zuerst Kurz an. Die umsichtige Brillenschlange wurde meistens vom Giftzwerg Klein chauffiert, sehr zum Leidwesen des übrigen Verkehrs. Der selbsternannte Sheriff bremste auch schon mal einen Schulbusfahrer aus, der die Warnblinkanlage an der vorangegangenen Haltestelle vergessen hatte. Dass damit auch der nachfolgende Verkehrsfluss zum Erliegen kam, nahm Klein gern in Kauf, wenn er sich aufspielen konnte. Manchmal flatterte dann eine Beschwerde ins Präsidium, wegen unangemessenen Aussagen eines gewissen Kriminalkommissars in der Öffentlichkeit oder wegen Kompetenzgerangel, weil die Kriminaldirektion plötzlich Verkehrspolizei spielte.
Nathan zählte die Anklopftöne. Kurz nahm absichtlich nicht ab, war er sich sicher. Erst kurz bevor Nathan wieder auflegen wollte, meldete sich der Kollege. Nathan hörte das Radio im Hintergrund, und einen zeternden Klein. Sie befanden sich offensichtlich mitten im täglichen Verkehrskollaps.
»Ja?« Kurz verschwendete selten Silben für das andere Team der Mordkommission.
»Schmidt weiß Bescheid«, legitimierte Nathan den Einsatz der Orgelpfeifen, »Meldet euch bei mir, sobald ihr was herausfindet.«
»Ok.«
»Wir gehen von einem Mord aus«, ergänzte Nathan, obwohl er es eigentlich nicht hätte extra erwähnen müssen, aber er glaubte, es seinen Kollegen schuldig zu sein, wenn er geeignete Ermittlungsergebnisse erwarten wollte.
»Ok.«
Gespräch beendet.
Als die abgelaufene Gesprächszeit vom Display verschwunden war, poppte eine Nachricht von Jasmin auf. Sie informierte ihn, dass er, wenn er etwas von ihrem Mobiltelefonspeicher und aus dem Posteingang löschte, auch die weitergeleiteten Nachrichten löschen sollte, wo sie den digitalen Autopsiebericht nach einer längeren Suche fand. Ein böser Smiley rundete die Tirade ab. Wenigstens das, wenn sie sich schon nicht anderweitig meldete, dachte er.
Nathan gesellte sich zu den Computerspezialisten und weihte sie umfassend in den Fall ein, bis auf die Ehe der Kollegin Xander und das Drogenproblem des Gatten. Das eigens geschwärzte Gutachten der Rechtsmedizin sendete er beiden. Geschwärzt waren ein paar irrelevante Details, die nur die Ermittler wissen sollten, und die Identifikationsnummer, mit der man Richard Wagners Akte aufrufen konnte.
Nach wortloser Analyse des Gutachtens hob Wáng den Finger, auf die letzte Zeile in der Tabelle der Laborwerte zeigend: »Es wurden Spuren von Phencyclidin gefunden.«
Nathan wollte sich am liebsten gegen die Stirn schlagen. Auf der letzten Seite, dem toxikologischen Befund, hatte er geschlammt. Mit dem kleinen Bildschirm des Telefons und den sensiblen Berührungssensoren zu arbeiten, machte das Schwärzen eines unübersichtlichen Berichtes deutlich schwerer.
»Engelsstaub«, übersetzte der Deutschrusse Smirnow akzentuiert.
Nathan und Wáng schauten die Model-Visage verdutzt an.
»Wilde Jugend«, rechtfertigte Smirnow.
»Möglicherweise das Bahnhofsviertel«, schlug Wáng vor, »Der Umschlagplatz für Drogen.«
Und Prostituierte.
Das musste man ihm nicht sagen, aber Nathan tat so, als würde er den Einwurf dankbar zur Kenntnis nehmen. Hatte Wagner doch kein Drogenproblem, sondern kam nur mit kontaminierten Personen oder Nadeln im Bahnhofsviertel in Kontakt? Die Gegend passte jedenfalls zu dem einen Stichpunkt, den Nathan noch nicht durchgestrichen hatte: Rotlicht.
»Komisch«, ergänzte Wáng und erhaschte Nathans volle Aufmerksamkeit.
»Was denn?«
»Die PCP-Werte sind in der Lunge höher als im Blut.«
Nathan dachte an das Wasser, das die Lungenflügel gefüllt hatte. »Ist der Main verseucht?«
Wáng und Smirnow schauten sich an. Keiner war dieser Meinung.
»Ich denke, es wurde vielmehr über die Atemwege aufgenommen«, korrigierte Wáng die Richtung. Die Blicke des Kommissars nötigten ihn zu weiteren Ausführungen. »Zwei Semester Medizin«, erklärte er sich, bevor er einen Moment im Internet recherchierte und sich bestätigt sah. »Es war aber keine Überdosis. Die Höhe dürfte für eine gute Betäubung gereicht haben.«
Nathan öffnete den Obduktionsbericht auf seinem Mobiltelefon. Beim toxikologischen Befund standen ähnliche Worte, nur etwas medizinischer. Kein Wunder, dass er das überlesen hatte. Er vervollständigte die Angaben in seinem Notizbuch, das Telefon dazwischen jonglierend. In derselben Sekunde vibrierte der Kompagnon – eine Nachricht. Schmidt hatte den Gerichtsbeschluss besorgt. Das Fax lag im Büro. Ein Foto davon befand sich nun auf Nathans Speicherkarte. Jetzt musste er nur noch an Wagners Rufnummer kommen.
»Versucht mit den öffentlichen Kameras den Weg des Unbekannten von der Alten Brücke nachzuverfolgen. Entweder wo er her kam oder wo er hin ging, am besten beides. Und vergesst den Sportler vom Westhafen nicht.«
Auf dem Flur wählte er Jasmins Nummer.
»Ich wollte dich gerade anrufen«, begrüßte sie ihn.
Ihr war nichts passiert. Nathan musste seine aufkeimende Fürsorge bremsen, damit sich kein Gefühlsschleier auf seinen kognitiven Hirnstamm legte. Sie brachten sich gegenseitig auf den neuesten Stand. Zuerst lauschte Nathan ihren Ausführungen, die besagten, dass die Tätowierung höhere Fähigkeiten verlangte, und dass diese abstrakte, kantige Art im Rhein-Main-Gebiet nur von wenigen Alteingesessenen praktiziert wurde. Gastkünstler könnten sich natürlich auch in den Reigen einreihen. Nathan verkniff sich den Kommentar, dass ihr alter Bekannter ein ausgezeichneter Ermittler wäre. Immerhin hatte dieser die Namen der Tätowierer aufgezählt, die nach dessen Meinung zu dem Motiv passten. Über die Aktion mit der gelöschten Datei schwiegen beide. Hätte Jasmin nachgelesen, sähe sich Nathan mit dem PCP-Fund konfrontiert, den er vorher ausgelassen hatte.
Erst im Büro mit geschlossener Tür informierte er sie über den Datenbankeintrag zu ihrem Ehemann, die laufende Auswertung der Stadtkameras durch Wáng und Smirnow und die anstehende Ortung des Mobiltelefons, wofür er die Nummer benötigte. Er notierte die Zahlen, die sie ihm durchgab. Außerdem unterrichtete er sie, dass Kurz und Klein den Flusslauf unter die Lupe nahmen.
»Gut, dass Schmidt dir die Leitung übertragen hat«, sagte sie ehrlich. »Was hast du gemeint mit Roter Mainsandstein?«, fragte sie danach.
»Die Alte Brücke ist aus Rotem Mainsandstein.«
»Das erklärt deine kryptische Nachricht, und die Spuren in seiner Bauchwunde. Dann wurde er vermutlich von der Alten Brücke gestoßen.«
»Wen hast du aufgesucht?« Nathan konnte es sich nicht verkneifen, nachzuhaken.
»Einen alten Bekannten«, bekam er erneut zur Antwort nach einer verkünstelten Pause, die sie sich herausgenommen hatte.
»Rudi?«, versuchte er einen Köder zu werfen. Sicherlich verwendeten seine Bekanntschaften die Kurzform für Rudolf.
Wieder schwieg Jasmin einen Augenblick. »Nein«, sagte sie zögerlich. »Woher kennst du Rudi?«
»Ich kenne ihn nicht, aber scheinbar der Staatsschutz.« Offene Karten. Er hörte Jasmin atmen.
»Rudi ist Richards Stellvertreter in der Kameradschaft«, gestand sie.
Da Richard die unbedeutende Saufkompanie angeführt hatte, ergab sich plötzlich ein Motiv. Aber einen Mord für den Vorsitz einer nationalistischen Schrebergartentruppe? Und warum benötigte man eine Sicherheitsfreigabe für die Akte eines Stellvertreters? Nathan kritzelte in seinem Büchlein herum. Ein paar große Pfeile stellten Verweise infrage. Schmidt musste ihm wohl doch noch weitere Befugnisse verschaffen.
»Aber ich war nicht bei Rudi. Ich war bei einem alten Bekannten, der den Kontakt zur Polizei vermeiden will.«
Nathan beließ es dabei. Er musste ihr dabei in die Augen sehen, wenn er sie subtil verhörte. »Schmidt will dich dringend sehen, wie du dir vorstellen kannst.«
»Ich weiß«, entgegnete sie trocken. »Eine Streife hat meinen Sohn von der Schule abgeholt.«
Verdammt! Schmidt hatte doch weitere Hebel in Bewegung gesetzt.
»Ist er zuhause?«
»Er hockt auf dem Revier. Ich wurde angerufen, dass ich ihn abholen soll. Ist Schmidt noch im Büro?«
Nathan drückte die Schnellwahltaste auf dem Festnetztelefon. Es klingelte einmal, dann erfolgte eine Rufumleitung zu Schmidts mobiler Nummer, wonach Nathan den Anruf quittierte. »Nein.«
»Mist! Dann wartet er auf dem Revier auf mich und will mich in Empfang nehmen, wenn ich Jonas abholen komme.«
»Ist doch nicht so schlimm. Wir haben einige Anhaltspunkte, die wir abarbeiten können. Apropos, kannst du deiner Bekannten, Staatsanwältin Meier, einschärfen, dass die Staatsanwaltschaft erstmal die Füße stillhalten soll? Sonst weiß bald jeder von deinem Verlust.«
»Wir haben schon telefoniert«, gestand Jasmin beiläufig.
Er ärgerte sich, dass sie ihn länger als nötig im Ungewissen ließ. Ständig musste er ihr neuerdings die Fakten aus der Nase ziehen. Sie und Schmidt tricksten ihn zu oft aus, stellte er resigniert fest. Aber auch Nathan hielt einige Dinge zurück. So zum Beispiel die mögliche Verbindung ins Rotlichtmilieu des Bahnhofsviertels oder Engelsstaub. Ein ausgeglichener Schlagabtausch.
»Solange kannst du die trauernde Witwe sein.« Er biss sich auf die Lippen und bereitete sich auf einen Angriff vor. Als sie nicht antwortete, schob er nach: »Dein Sohn wird jetzt die Zeit mit dir brauchen.« Er hörte, wie ihre Gedanken unterbewusste Ticks auslösten – Schmatzen, Kratzen, Schlucken, durch die Haare streifen.
»Schick mir noch die Liste mit den Namen der Tätowierer«, ergänzte er zurückhaltend.
»Du hast meine Nummer«, befahl sie unterschwellig, dass er sie über jeden Schritt und jede Erkenntnis auf dem Laufenden halten sollte.
Klick.
Kurz darauf erhielt er die Namen als Fotodatei. Er schrieb die Liste umgehend in sein Notizbuch. Sieben Namen. Nach knapper Internetrecherche hatte er die sieben Studios dazu.
Nathan war überzeugt, dass sich Jasmin dem Kriminalrat stellen würde. Dieser meinte es auch nur gut mit ihr. Besser Schmidt begradigte die Wogen als die Dienststellenleitung, oder die Presse.
Weil Nathan keine Lust auf ein monotones Gespräch mit Kurz hatte, schickte er ihm eine Nachricht: Alte Brücke priorisiert. Danach suchte er im Internet nach der Nummer des Stadtarchivs. Um sicherzugehen, wollte er sein rudimentäres Architekturwissen auffrischen und nachfragen, ob es noch andere Bauten mit Rotem Mainsandstein im fragwürdigen Bereich gab – der rötliche Schimmer vom Römer, etwa 200 Meter vom Main entfernt, und den Gebäuden in dessen Nähe kam ihm direkt in den Sinn. Er schaute auf die Uhr. Die erste Feierabendwelle würde gleich durch die Stadt rollen. Eine Frau mit dünner Stimme hob ab. Er trug sein Anliegen samt seiner Dienstnummer vor und wurde verbunden, wo er sein Anliegen samt seiner Dienstnummer erneut vortragen durfte. Nach einer Warteschleife, die ihm einen schlicht komponierten Jingle ins Ohr schellte, erhielt er die Auskunft, dass es eine Reihe von Bauten gab, die mehr oder weniger mit Rotem Mainsandstein im Verhältnis standen, vor allem in der Altstadt am Eisernen Steg – 200 Meter vom Römer entfernt -, der Fußgängernachbarbrücke zur Alten Brücke. Der Mann am anderen Ende der Leitung sprudelte vor Enthusiasmus und verzettelte sich in Schwärmereien für die Symbiose aus alter und neuer Baukunst im historischen Frankfurt. Praktischerweise wurde die Altstadt im Osten begrenzt durch die Alte Brücke. Der Kreis schien sich zu schließen. Irgendwo da wurde Richard Wagner bäuchlings über Roten Mainsandstein geschleift. Da ein oberkörperfreier Bußgang eines leblosen Körpers in der von Touristen und Globetrotter überlaufenen Altstadt aufgefallen wäre, sah Nathan den Verdacht bestätigt, dass sich die Brüstung der Alten Brücke in Wagners Wanst verewigt hatte. Die verdächtigen Kamerabilder schlugen in dieselbe Kerbe. Er bedankte sich für die ausführliche Auskunft. Dann schnappte er sich das Fax mit der richterlichen Anordnung für die Ortung eines Mobiltelefons und das Ausspionieren der Internetspuren. Die Tragweite des Dokuments bewies das Gewicht des Falles. Er war mittlerweile überzeugt, dass er im Verlauf der Ermittlungen auf den Staatsschutz treffen würde.
Wáng hatte sich schon verabschiedet, als Nathan nochmal nach der Auswertung schaute. Nur Smirnow saß noch vorm Rechner. In den geteilten Bildschirmfenstern sah Nathan ein paar Kameraeinstellungen öffentlicher Glasaugen und eine Stadtkarte mit gesetzten Markierungen. Daneben lief eine Folge einer Serie – russische Agenteneheleute, die sich im Kalten Krieg als amerikanische Staatsbürger ausgeben und für ihr Mutterland spionieren, wobei sie die eigenen Kinder und die Nachbarn hinters Licht führen.
Nathan schrieb Wagners Namen und dessen Telefonnummer auf einen Schmierzettel und legte diesen vor das hübsche Gesicht des Spezialisten. »Für die Ortung und den digitalen Fußabdruck.«
Smirnow schaute zum Kommissar. »Beschluss?«
Nathan hatte mit der Absicherung gerechnet und zeigte ihm den Gerichtsbeschluss. Zufrieden nickte dieser ab, wollte das Papier nicht einmal anfassen und widmete sich zuerst der Ortung. Nach dem Start eines Programmes, in das er die Nummer eintippte, erschienen mehrere kodierte Ortsangaben.
»Funkmasten«, bemühte er sich für den Kommissar zu transkribieren. Ein paar weitere Befehle und auf der Karte tauchten Standorte auf, in die sich das Mobiltelefon gestern eingewählt hatte. Smirnow zoomte heraus. Man konnte den Weg vom Haus der Wagners in der spießbürgerlichen Vorstadt, über die Autobahn bis zum Büroturm in der Frankfurter Innenstadt nachverfolgen. Wagner hielt sich den ganzen Tag in dem Tower auf. Smirnow filterte die Einwahlpunkte soweit heraus, dass nur noch ein halbes Dutzend Funkmasten übrig blieben – die, die die Investmentbank abdeckten.
»Und was ist dann passiert?«
»Verschwunden«, artikulierte Smirnow, was wie eine Drohung klang, aber eigentlich nett gemeint war.
»Wann?«, stocherte Nathan.
Smirnow verglich die Daten, die er dem Funkkreis entnehmen konnte. »Fünf Uhr 45. Letzte Nachricht an diese Nummer«, zeigte er auf den Wust von Zahlen, Symbolen und Buchstaben, den Nathan nicht verstand.
Der Kommissar verglich die Nummer. Es war Jasmins Nummer.
Smirnow holte noch mehr aus den vorübergehenden Daten des Mobilfunkbetreibers. »Bin unterwegs«, zitierte er die Nachricht.
»Kannst du mir diesen Ausschnitt ausdrucken?« Nathan deutete auf den Zeilenwust, der Orte, Nummer und Uhrzeiten beinhaltete. Schon sprang der Drucker an. Die technischen Möglichkeiten, mit der man die Menschen durchleuchten konnte, machten ihm keine Angst. Hätte er Frau und Kind gehabt, hätte er wahrscheinlich anders gedacht, aus Sorge um deren Persönlichkeitsrechte. Als Polizist händigte man seine Persönlichkeitsrechte spätestens bei der Vereidigung dem Staate aus – Faustpfand oder so ähnlich. Dafür wurde man aber auch geschützt, wenn hartnäckige Journalisten beharrlich bohrten oder oppositionelle Parteien Auskunft verlangten. Gegen Hacker wie Smirnow wäre das Behördensystem aufgeschmissen, aber Kreditkartendaten oder online verschlüsselte Intimfotos weiblicher Sternchen boten den stärkeren Anreiz.
»Und jetzt der Fußabdruck«, drängte Nathan.
Ehe der Kommissar eingreifen konnte, hatte sich Smirnow das Foto von Wagner aus der Datenbank geholt, inklusive Geburtsdatum, Adresse und Arbeitsplatz. Nathan versuchte die ebenmäßigen Gesichtszüge zu ergründen, doch der Russe schien weder Wagner noch dessen Adresse mit Jasmin in Verbindung bringen zu können. Lange könnte Nathan seine Kollegin nicht mehr aus allem heraushalten.
Nach ein paar schnellen Eingaben in diverse Suchfenster, einem biometrischen Abgleich des Fotos und einem Scan, kombiniert von Geburtsdatum und Wohnort, schüttelte Smirnow den Kopf. »Keine Treffer.«
»Was soll das heißen?«
»Keine Accounts.«
Nicht unter seinem Namen, dachte Nathan. Wagner könnte ein Pseudonym verwendet haben. »Mach nicht mehr so lang«, verabschiedete sich Nathan vom Russen.
Wie er über den Gang schleifte, begegneten ihm Kurz und Klein.
»Schon fertig?«, fragte Nathan frech nach.
Klein tippte gereizt auf seine Armbanduhr, »Feierabend!«, und passierte den Ermittlungsleiter im Stechschritt.
Kurz, dagegen, verweilte einen Moment. »Das 8. Revier hat gestern Abend einen Straßenkünstler auf der Alten Brücke wahrgenommen, der seine Kunst auf dem Rücken eines anderen Verrückten ausgelebt hat. Es blieb den Beamten in Erinnerung, weil sie selbst ein Faible für Tattoos haben und der Künstler ihnen zuwinkte. Unternommen wurde allerdings nichts.«
Nathan pendelte mit seinem Kopf vertikal. »Können die Kollegen den Straßenkünstler beschreiben?«
»Schwarzer Kapuzenpullover mit der Kapuze im Gesicht. Im Vergleich zu den asiatischen Touris ein Hüne. Da wir kein Englisch sprechen, haben wir aber die heutigen Touris gemieden.« Kurz rückte seine Brille zurecht. Der angesprochene Sachverhalt schien ihm unangenehm zu sein. »Ansonsten noch das bekannte Schweigen oder Wegschauen der braven Bürger. Das war´s.«
»Und die anderen Brücken?«
»Die anderen Brücken?«, echote Kurz angespitzt. »Der ausgiebige Spaziergang hat den ganzen Nachmittag verpuffen lassen. Wenn du alles ablaufen willst, musst du dir eine Hundertschaft holen.«
Nathan schluckte die spitze Bemerkung hinunter. »Wáng und Smirnow machen morgen mit den Kameras weiter«, fasste er zusammen, »Die letzte Handyortung ergab keine weiteren Hinweise.«
Die Toilettenspülung lärmte über den Gang. Klein hatte sich erleichtert und die Tür nicht richtig in die Zarge fallen lassen.
»Wir suchen einen Riesen, der tätowiert«, meldete sich Klein vorlaut zu Wort. »Morgen lasse ich mir einen ausgestreckten Mittelfinger auf den Oberarm tätowieren«, pochte er auf benanntes Körperteil und zersenste Nathan mit Blicken. Schnurstracks brachte er Meter zwischen sich und dem leitenden Kommissar. Kurz folgte seinem Kollegen, ohne Verabschiedung.
Allein zurückgelassen schnalzte Nathan mit der Zunge. Die Anfeindungen schienen zuzunehmen. Den beiden passte es gar nicht, dass sie seinem Kommando unterstellt waren. Er holte sein Telefon aus Tasche, zusammen mit dem Zettel, auf dem Wagners Nummer stand, und wählte.
Teilnehmer nicht erreichbar.
Entweder abgeschaltet oder zerstört. Eventuell liegt es auf dem Grund des Mains. Er überlegte. Derbe Musik drang aus dem Kabelbunker, dazu das Rascheln einer Chipstüte. Smirnow machte wohl Überstunden. Während das Schlagzeug unerbittlich wütete und den Schreihals unterstützte, der wie ein Schwein quiekte, das gerade abgestochen wird, dachte Nathan daran, die Bereitschaftspolizei zu alarmieren. Die Beamten könnten das Brückenumfeld absuchen. Wagners Oberbekleidung und seine Schuhe fehlten. Die Stadtreinigung war allerdings auf Zack. Sofern öffentliche Entsorgungsbehälter betroffen waren, wären diese schon längst geleert worden. Er könnte in der Mülldeponie anrufen, nachdem er sich durch Wagners Arbeitskollegen oder Jasmin gefragt hätte, was dieser gestern trug. Oder irgendein Obdachloser würde in dessen Klamotten auf dem Radar erscheinen, was sie nur weiter in die Irre führen würde. Ein endloser Rattenschwanz. Nathan verwarf den Ansatz. Zum Schluss könnte die Taucherstaffel den Fluss absuchen. Er wischte sich ohnmächtig über die Schläfe. Sie würden nasse Kleidung und, im besten Falle, ein defektes Mobiltelefon finden. Und was würde man daraus schließen können? Könnten Techniker noch etwas auslesen? Würde der Einsatzaufwand amortisiert werden? Eher nicht! Am nächsten Tag würde die reißerische Boulevardpresse wieder eine Steuergeldverschwendung der Behörden anprangern, auf der Titelseite – alle Jahre wieder. Eine großangelegte Suche würde sowieso erst über Schmidts Tisch laufen. In Anbetracht der bisherigen, mageren Ausbeute würde der Kriminalrat einmal mit der Augenbraue zucken und das Ansinnen dem Papierschredder zuführen.
Auf dem Weg zum Aufzug traf er noch Kommissarin Sofia Sowa vom Kriminaldauerdienst (KDD), die sich für die Nacht eingedeckt hatte - Convenience Food vom Feinsten: ein großer, gemischter Salat, ein Reisfertiggericht und geschnittene Ananas. Ihre gewölbte Jackentasche ließ auf eine zuckerhaltige Zwischenmahlzeit schließen, denn Sowa war eine kleine Naschkatze. Genauso zierlich und lautlos bewegte sie sich über den Flur.
Die Kollegen von der Bereitschaft verbrachten die Nächte im Präsidium, dazu noch die Wochenenden, sowie Feiertage und Tage mit erhöhtem Personalbedarf oder dünner Personaldecke. Sie hatten Einsicht in alle laufenden Ermittlungen und fuhren raus, wenn die anderen Kripodirektionen nicht erreichbar waren. Sozial ungebundene Notnägel.
Sowa übernahm die Bereitschaft in der Mordkommission, wie es aussah. Der Kriminaldauerdienst rotierte selten, um den Kollegen die Einarbeitung und die Zusammenarbeit zu erleichtern. Mord blieb bei Mord, organisiertes Verbrechen ebenda. Sowa war Nathan schon öfter über den Weg gelaufen. Trotz des Aromas von Tabak und Parfüm, das sie hinter sich herzog, hatte sie ein einladendes Gesicht. Aber auch eine ausladende Hüfte.
Nathan berichtete von den Geschehnissen. Sowa hörte emotionslos zu. Sie hatte Schwierigkeiten, ihre gekaufte Kost zu balancieren und sehnte die Einsamkeit herbei.
Schwarz
„Die schönste List des Teufels ist es,
uns zu überzeugen, dass es ihn nicht gibt.“
Charles Baudelaire
Engel & Staub
Aret wischt noch durch, während ich auf dem Klo onaniere.
Die Kundin, der ich die Blütenranken vom Po bis zum Hals gesetzt habe, hat mich stark erregt. Sie zog sich komplett aus, denn ich musste ja den bisherigen Fortschritt in Augenschein nehmen. Als ihr zarter Körper vor mir stand, würgte ich die Erregung hinunter. Sie drehte sich wie ein Dönerspieß. Ich durfte mir alle Facetten ihrer Blöße genauestens anschauen. Ich gab vor, ich würde meine Arbeit kontrollieren und die Heilung der Wunden, aber ich weiß, dass ich gut bin und die Vernarbung interessiert mich nicht. Ich muss mein Werk nicht inspizieren wie der Lehnsherr seine Ländereien. Aber ich musste diese Frau inspizieren, die sich mindestens zweimal pro Woche schindet, um in transparenten Negligees gut auszusehen. An den ersten beiden Terminen konnte ich mich vom großen Fußzeh, über Spann, Knöchel, Wadenbein, Knie, Oberschenkel und Hüfte bis zum knackigen Po vorarbeiten. Heute setzte ich die Reise über den Rücken und die zierliche Schulter bis zum Nacken fort, wo ich mein Werk vollendete. Sie lag nackt auf der Folterbank. Das Unterhöschen hatte sie von sich aus ausgezogen. Sie diente dem Maler als Leinwand. Sie wollte sich mir hingeben – körperlich, und ich nahm mir alles. Ich peinigte nicht nur ihren Körper, ich peinigte ihre Seele mit unvorstellbaren Qualen. Die verbotenen Substanzen blieben im Versteck. Ich hatte Lust auf Leid. Sie krümmte sich, weinte und winselte. Manchmal kam ein Schrei. Doch egal wie viel Schmerzen sie ertragen musste, sie ertrug es für meine Schöpfung.
Die Bilder ihrer Behandlung lassen mich schneller reiben. Die Härte in meinem Handtunnel bäumt sich auf. Der Gedanke an ihr Blut, ihre aufplatzende Haut und das Aufstöhnen lassen meinen Prügel pulsieren. Ich schließe die Augen immer wieder, rufe mir ihre geschorene Scham ins Gedächtnis, ihre festen Brüste und ihre harten Nippel. Sie wollte es genauso sehr wie ich. Kurz vor meinem Höhepunkt luge ich durch die mit Schlitzen versehene Saloontür, um mir Arets Hinterteil anzusehen. Mein Erguss landet auf dem Boden. Wenn sie im Haupttrakt fertig ist, muss sie ohnehin noch den Abort schrubben.
Klaglos macht Aret meinen Dreck weg. Ich vermute, dass sie es genießt, meine Putzsklavin zu sein. Vielleicht sollte ich anfangen, sie noch weiter zu erniedrigen. Ich könnte saubere Bereiche absichtlich wieder verschmutzen oder sie auf Knien reinigen lassen, mit der Zunge eventuell. Mir fallen viele schöne Dinge ein, aber eigentlich ziehe ich daraus keinen Lustgewinn. Sollte sich herausstellen, dass sie einen Fetisch entwickelt hat, würde ich ihr natürlich einmal im Monat einen Ausflug in ihre Perversionen anbieten.
Ich beobachte sie, als sie meine Pfütze aufwischt. Sie weiß genau, was ich da vorhin getrieben habe, weiß genau, was sie da gerade aufwischt. Ich sehe nur die Umrisse ihrer Hotpants, die sich in ihr Fleisch schneiden, aber ich vermute, dass sie meinen Saft sehnsüchtig aufwischt.
Als sie mit dem properen Müllsack gegangen ist, schließe ich den Laden ab. Neben den vielen blutigen Tupfern und schwarzen Latexhandschuhen trug sie auch fremde Schuhe, ein hässliches Hemd und ein teures Sakko fort. Sie wird den Sack der Müllverbrennung zuführen. Sie weiß, dass sie damit nicht leichtfertig umgehen darf. Sie wird ihn fest verschlossen im Kofferraum verstauen und auf direktem Wege zur Verbrennungsanlage fahren, wo sie den Sack zu tausenden anderen in einen großen Schlund wirft. Dafür hat sie mein Auto. Das ist ihre letzte, tägliche Tätigkeit, bevor sie nach Hause fahren darf. Sie stellt keine Fragen. Sie muss keine Fragen stellen, denn sie weiß, dass ich den Müll, den ich täglich verursache, verbrannt haben will. Da geht es weniger um Geheimnisse, sondern um eine milde Zwangsstörung. Sie hat auch so einige Störungen.
Heute hat sie sich, zum Beispiel, ganz besonders eng um mich geschlungen, um mich zum Abschied zu umarmen. Sentimentalitäten. Ihren flachen Busen hat sie herausgedrückt und gegen meinen Bauch gepresst, als wollte sie die Bilder der nackten Kundin auslöschen. Es muss Aret gekränkt haben, dass ich die Verabreichung des Breitbandantibiotikums übernahm. Nicht, weil sie so gern im Rektum anderer herumstochert. Sondern, weil ich sie nicht einbezogen habe, wie sonst. Sie hat erschrocken aufgeschaut, als ich mit der bekleideten Kundin, die sich noch etwas wacklig auf den Beinen an mich – den volltätowierten, hünenhaften Glatzkopf mit den schwarzen Augen, Ohren und der schwarzen Nase - lehnte, nach vorn gekommen bin. Das Zäpfchen an ihren straffen Pobacken vorbei in ihren gebleichten Anus zu schieben, hat mein Fass zum Überlaufen gebracht. Ich musste mich unmittelbar auf die Toilette verziehen, deren klapprige Saloontür die Füße vor der Schüssel offenbart und sonst auch nur das Intimste bedeckt. Fehlende Hintergrunduntermalung im Laden macht aus den Sitzungen eine interessante Sinfonie der Erleichterung – eine Kakophonie.
Aret schmiegte sich ganz nah an mich, bevor sie ging. Sie wollte mir zeigen, dass sie für mich da wäre. Ihr Kopf reichte mir bis zur Brust. Ihr gepierctes Gesicht vergrub sich in meinem Sonnengeflecht. Die Nässe in ihrem Schritt, die sie nicht verbergen wollte oder konnte, hat einen Fleck auf meiner Hose hinterlassen. Ich muss lächeln. Irgendetwas hat sie unglaublich angetörnt. Mein Saft allein hätte niemals diese anhaltende Wirkung erzielt. Vielleicht gefiel es ihr doch, dass ich mich so intensiv um eine andere hübsche Frau gekümmert habe, während sie nebenan auf ihrem Handy herumspielte. Die ungewisse Nähe. Das voyeuristische Nichtwissen. Allmählich traut sie sich mehr zu. Allmählich wirft sie sich an mich. Ich muss aufpassen, dass sie mir die nächsten passablen Kundinnen nicht jähzornig vom Hof jagt. Vielleicht sollte ich Aret wirklich mal durch den Fleischwolf drehen, damit sie merkt, dass sie mehr für mich ist als eine Hülle aus Fleisch und Blut wie die übrigen Menschen. Für Poesie bin ich leider zu grobschlächtig. Und Blumen sind was für hoffnungslose Romantiker. Ich denke, dass sie von mir etwas Außergewöhnliches erwarten würde. Etwas, dass nur ich ihr bieten kann. Ich muss an gestern denken, als ich den erlösten Nazi gebrandmarkt und ins reinigende Wasser geworfen habe. Entweder sowas … oder ich bilde sie aus, werde ihr Mentor. Dann bräuchte ich allerdings eine zweite Angestellte, die den Tresen besetzt und die Buchhaltung übernimmt. Eine zweite Person, die meine Geheimnisse kennt, ohne mich zu verpfeifen, weil sie mich liebt. Eine zweite Aret. Unmöglich!
Der Schalter löscht das Licht im Laden. Da der Aluminiumpanzer schon vor dem Schaufenster gegen Vandalismus und Einbruch schützt, stehe ich in selbstgemachter Finsternis. Einzig die seichte Beleuchtung des Getränkekühlschranks neben dem Tresen versucht die Klauen der Dunkelheit abzuwehren. Ich schließe die Augen, um sie an die Lichtlosigkeit zu gewöhnen.
Die letzten beiden Tage haben mich aufgewühlt. Erst diese Erlösung, die eine sehr lange Abstinenz beendete, und dann dieses wunderschöne Exemplar, worauf ich mich austoben durfte. Der eine Samenschuss genügt mir nicht. Aber ich will nicht weiter meine Handgelenke strapazieren.
Langsam schiebe ich die Augenlider hoch. Meine Pupillen haben sich an die Düsternis gewöhnt. Ich gehe nach unten in mein Verlies, mache Licht und wasche den Schmutz der anderen Menschen ab. Danach nehme ich mir eine daumengroße Ampulle aus einem Kästchen voller Ampullen, das ich unter meiner abgewetzten Schlafcouch hervorzaubere. Während ich die gelblich-durchsichtige Flüssigkeit trinke, starre ich auf den zusammengeklappten Rollstuhl und die zweite Stahltür, die ins Freie führt. Die Wirkung von Engelsstaub tritt rasch ein. Lächelnd falle ich in einen tiefen Schlaf.
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