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Dani Merati
Spielzeit
Schwarz auf Weiß
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Impressum neobooks
Kapitel 1
Köln, Freitag, 26.9.14
Er betrat das Spielzimmer, als gehörte es ihm. Seine Selbstsicherheit war greifbar und brachte jeden im Raum dazu, den Neuankömmling anzusehen, ihn zu begehren. Sebastian lehnte sich an die Wand zurück. Er brauchte die Dunkelheit, die der Schatten ihm gab, um sich auf die Präsenz des anderen Mannes vorzubereiten.
Niemand ging wie er, mit einem wiegenden Schritt, als lausche er einer nur ihm zugänglichen Melodie und bewegte sich in ihrem Rhythmus. Keiner sah aus wie er, groß und ein wenig schlaksig, mit Muskeln genau an den richtigen Stellen und einer Haut wie Milchschokolade. Und nicht einer hatte die Fähigkeit ihm den Atem zu rauben, wie Diego Mahler es tat.
Auch nach den mittlerweile fünf Jahren, die er ihn jetzt kannte - und unzähligen Affären später - zwang ihn dieser Typ in die Knie.
„Du bist dran.“ Bedauernd riss Sebastian die Augen von seinem Traummann los und konzentrierte sich auf den Mann vor ihm. Jo Weber, sein bester Freund seit dem Sandkasten. Bis vor einigen Jahren waren sie sogar ein Trio gewesen, mit Torsten als Dritten im Bunde. Dessen Tod hatte einen riesigen Krater hinterlassen und Jo beinahe zerstört, der ihn unendlich geliebt hatte. Unwillkürlich glitt sein Blick zu dem Lockenkopf, der auf einem Barhocker thronte und dem Billardspiel nur zusah. Andy hatte seinem Freund wieder neues Glück gebracht und allein das war schon Grund genug für ihn, den Kleinen ins Herz zu schließen.
Der zwinkerte ihm jetzt zu. „Willst du nicht mal loslegen? Ich hatte eigentlich gehofft, Jo heute noch zu entführen, aber ...“ Er zeigte zum Billardtisch, wo die Kugeln unangefochten auf den Anstoß warteten.
Sebastian runzelte die Stirn, nahm den Billardstock entgegen und studierte den Tisch. Es fiel ihm schwer sich zu konzentrieren, da er Diego aus den Augenwinkeln näher kommen sah. Verdammt, er mochte Billard nicht einmal. Er lernte es nur, weil es ihm die Gelegenheit gab, eine Beziehung zu seinem Objekt der Begierde aufzubauen. Der Barkeeper war ein Profi und gewann eigentlich immer und hatte nach anfänglichem Zögern eingewilligt, ihm die Regeln und alles andere beizubringen.
Er lehnte sich letztendlich über den Tisch und nahm seinen Stoß wahr. Er war überrascht, dass die weiße Kugel genau das tat, was er wollte und zwei der getroffenen Kugeln tatsächlich versenkte. Sebastian sah rasch hoch und fragte sich, ob Diego seinen Schuss gesehen hatte. Obwohl er sich sofort einen liebeskranken Idioten schalt, waren das Lächeln und das anerkennende Nicken ausreichend, um ihm Hoffnung zu geben.
„Ausgezeichneter Stoß, Bastian“, meinte der Barkeeper mit seiner samtweichen Stimme. „Du lernst schnell.“ „Das liegt am hervorragenden Lehrer“, wiegelte er ab und beobachtete, wie der Mann an den Tisch kam.
„Stimmt.“ Diego lachte leise und trat nah genug an ihn heran, dass Sebastian die anziehende Mischung aus Aftershave und frischem Schweiß wahrnehmen konnte. Unauffällig sog er den betörenden Duft tief ein. „Aber ich hatte auch einen begierigen Schüler.“
Oh, ich bin begierig. Gierig danach, mit dir allein zu sein, dir zu zeigen, was ich mit einem langen Stock, zwei Bällen und einer flachen Oberfläche anstellen kann. Bastian schluckte den Kloß in seinem Hals mühselig hinunter. Er hatte sich geschworen, sich nicht mehr diesen Tagträumen und erregenden Vorstellungen hinzugeben. Sie brachten ihm nichts als Kummer. Doch diesen Mann aus seinem Kopf zu verbannen, war ein sinnloses Unterfangen.
Das Vibrieren seines Handys gab ihm die willkommene Ausrede, sich von dem laufenden Spiel zurückzuziehen. Er hielt den Apparat hoch und warf Jo einen fragenden Blick zu. Der nickte und konzentrierte sich dann darauf, von Diego nicht ungespitzt in den Boden gerammt zu werden. Bastian grinste, verließ das Billardzimmer und suchte sich seinen Weg zu den hinteren Räumen, um in Jos Büro den Anruf zu beantworten.
Es war die Klinik. Seine Mutter hatte einen ihrer heftigen Anfälle erlitten und man fragte nach, ob er noch heute kommen könnte. Sebastian bestätigte und legte mit einem dicken Kloß in seinem Hals auf. Wann wurde das endlich besser? Schweren Herzens hatte er sich vor beinahe zehn Jahren entschlossen, seine Mutter einweisen zu lassen, denn selbst die rund um die Uhr Pflege hatte weder sie noch andere schützen können.
In den letzten Jahren war es zwar sehr viel besser geworden - doch besser war relativ. Von der brillanten, lebenslustigen Frau, die er als Junge in Erinnerung hatte, war nur eine leere Hülle übrig geblieben. Seine Besuche wurden immer seltener, während sein schlechtes Gewissen sprunghaft anstieg, aber Sebastian fühlte sich einfach nicht in der Lage, dem Verfall weiter zuzusehen.
In Gedanken versunken kam er aus dem Büro und stieß mit Diego zusammen, der es gerade betreten wollte. „Sorry, ich wusste nicht ... Ist alles in Ordnung, Bastian?“ Samtbraune Augen bohrten sich bis tief in seine Seele, brachten sein Herz zum Rasen und seinen Schwanz zum Anschwellen. Der Blick der dunklen Iriden trieb ihn beinahe dazu etwas völlig Dummes zu tun - wie sich vorbeugen und die vollen Lippen zu verschlingen, um endlich den Geschmack dieses Mannes zu kosten. Weil das jedoch ein fataler Fehler wäre, wich er zurück und sagte barscher, als beabsichtigt: „Mir geht’s gut“, und mit schnellen Schritten ging er den Flur retour ins Billardzimmer, um sich von den anderen zu verabschieden. Dann verließ er fluchtartig die ‚Spielzeit‘.
***
Diego sah dem Mann, der ihm in den vergangenen Wochen den letzten Nerv geraubt - und schlaflose Nächte bereitet - hatte verwundert hinterher. Etwas war heute anders gewesen, anstatt mit ihm zu flirten, hatte es eher so ausgesehen, als würde Sebastian ihm aus dem Weg gehen. Solltest du nicht froh darüber sein, fragte ihn seine innere Stimme sarkastisch. Du hast schließlich alles dafür getan, dass er dich für unausstehlich hält.
„Ach, halt doch die Klappe.“ Genervt marschierte Diego ins Lager. Er hatte das Spiel so rasch wie möglich für sich entschieden und war dann mit der gemurmelten Ausrede, er müsse etwas überprüfen hierherkommen. Neugier hatte ihn zum Büro geführt und was hatte es ihm gebracht? Noch miesere Laune als vorher. Unzufrieden murmelte er vor sich hin, als er die Bestandsliste mit dem tatsächlichen Vorrat verglich.
Er verstand nicht, warum ausgerechnet dieser Kerl nicht aus seinem Kopf verschwinden wollte. Es war ja nun nicht gerade so, dass er keine freie Auswahl hatte. Sein exotisches Aussehen - Diego schnaubte abfällig, als er an die Aussage eines Exliebhabers dachte - bescherte ihm mehr als genug Bewunderer. Doch immer kehrten seine Gedanken zu Sebastian zurück. Wenn der Mann nicht Jos bester Freund wäre, hätte er ihn schon vor Wochen aus seinem System gevögelt.
Obwohl das wahrscheinlich ebenfalls nicht funktionieren würde. In Bastian, mit seinem sonnigen Gemüt, seinem ansteckenden Humor, steckte eine Intensität, die ihm eine Heidenangst einjagte. Er würde sich nicht mit einem einmaligen Fick zufriedengeben, nein, der Mann wollte viel mehr - und das mehr konnte Diego ihm nicht geben. Hinzu kam noch die Tatsache, dass er vermutete, dass Sebastian kein Bottom war. Und egal, wie sein Magen auch flatterte, wenn er daran dachte, wie dieser Mann ihn in Besitz nehmen könnte ... Stopp! Vergiss es gleich wieder, Diego. Du liegst nicht unten. Nie!
Schweren Herzens beschloss er, sich Bastian ein für alle Mal aus dem Kopf zu schlagen. Sollte doch wohl nicht so schwierig sein, es gab ja genug Auswahl. Und schließlich suchte er nicht den Partner fürs Leben, sondern nur einen schnellen Fick. Mehr wollte er nicht! Niemals!
***
Zu dem Zeitpunkt, als Sebastian sein Haus betrat, war er körperlich und emotional so ausgelaugt, dass er alles für eine Abwechslung gegeben hätte. Doch nur Stille empfing ihn, als er die Haustür schloss und mit schweren Schritten ins Wohnzimmer ging. Ohne sich auszuziehen, plumpste er auf die Couch und lehnte den Kopf in den Nacken.
Er wusste nicht, wie viel Druck er noch ertragen konnte. Nach einer hitzigen Diskussion mit dem behandelnden Psychiater seiner Mutter hatte er schließlich zugestimmt, dass sie in Ausnahmesituationen - und nachts - fixiert werden durfte, um ihre eigene und die Sicherheit der anderen Patienten zu gewährleisten. Die Dosis ihrer Medikamente wurde ebenfalls erhöht.
Stöhnend sank Sebastian nach vorne. Es wollte ihm einfach nicht gelingen, die sanftmütige Frau von früher, die keiner Fliege ein Leid zufügte, mit dem keifenden Teufel in Verbindung zu bringen, die heute eine andere Patientin mit einem zerbrochenen Stuhlbein attackiert hatte.
In Momenten wie diesen wünschte er sich wirklich jemanden zum Reden, zum Anlehnen, einen Partner, der die Bürde mit ihm teilen würde. Samtbraune Augen und Haut wie Milchschokolade flackerten durch sein Bewusstsein, wie so oft in den letzten Wochen. Egal, was er auch anstellte, er bekam Diego Mahler einfach nicht aus dem Kopf. Verärgert stand er auf, ging zurück in den Flur, wo er hastig Jacke und Schuhe auszog. Der Mann, den er im Grunde nur flüchtig kannte, hatte mit einem einzigen Blick aus diesen dunklen Iriden ein Brandmal auf ihm hinterlassen, von dem er fürchtete, es nie mehr loszuwerden.
Tja, nur umgekehrt war das leider nicht der Fall. Der Barkeeper hatte sein Desinteresse nur allzu deutlich gemacht. Anfangs hatte Bastian ihre Kabbeleien noch genossen, gedacht, er müsse nur die Schale des anderen Mannes knacken. Aber rasch war ihm klar geworden, dass er sich an diesem wohl sein gesamtes Gebiss ausbeißen würde.
Hinzu kam, dass jedes Mal, wenn Sebastian ihn eingeladen und eine Ablehnung kassiert hatte, Diego später mit irgendeinem Twink verschwunden war. Ob er ihm damit nur vor Augen führen wollte, auf welchen Typ Mann er stand oder etwas ganz anderes kaschierte, konnte Bastian beim besten Willen nicht sagen. Er wusste nur, dass es wehtat. Nicht, dass er einen Anspruch auf den Barkeeper besaß, aber das kleine grünäugige Monster störte sich nicht an solchen Formalitäten.
Er sollte sich den Kerl einfach aus dem Kopf schlagen, dachte er müde, als er zwischen die Laken krabbelte. Vielleicht ein Hobby suchen. In den letzten Jahren hatte er so viel gearbeitet, die Firma aufgebaut, dass sein Privatleben irgendwie auf der Strecke geblieben war. Jetzt, wo Jo wieder eine Rolle in seinem Leben spielte, wurde ihm bewusst, wie sehr er seine alten Freunde vermisst hatte. Also, welchen Grund hatte er bitteschön zu jammern? Ein gutgehendes Unternehmen, Freunde, auf die er sich verlassen konnte, er war finanziell abgesichert und dennoch ... Hoffentlich war er mit Mitte dreißig noch nicht in der Midlife-Crisis, wundern täte ihn das allerdings auch nicht mehr. Sollte er morgen mal googeln, wenn er die Energie dafür aufbrachte - oder die Lust. Mit diesem Gedanken driftete er weg.
***
Müde schob Diego die letzten Gläser in die Spülmaschine, schloss die Tür und stellte sie an. „Vorne ist alles klar Schiff. Ich nehme den Müll mit raus, wenn du willst!“
Erschrocken machte er einen Satz weg von der Maschine und drehte sich wütend zu Nguyen um, der ihn unschuldig ansah. „Jesus! Musst du dich so anschleichen?“
Der vietnamesischstämmige Kellner betrachtete ihn von Kopf bis Fuß, klickte mit der Zunge und grinste frech. „Ich hab zweimal gerufen, ehe ich reingekommen bin. Vielleicht wird es Zeit, dass du dir ein Hörgerät besorgst, alter Knacker.“
Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte Diego den zierlichen Mann. „Nur, wenn ich dir mit deinem Krückstock den Hintern versohlen darf, Opi.“ Beide lachten. Dann legte Nguyen eine Hand auf sein Herz, verdrehte theatralisch die Augen und sagte todernst: „Das kann ich nicht verantworten. Ich möchte ja nicht, dass du einen Herzanfall erleidest bei so viel Aufregung. Und außerdem würde Bastian mir den Arsch verhauen - und nicht auf die angenehme Art - falls ich dich mit irgendeinem Körperteil von mir anfasse.“
Diego versteifte sich. „Was hat Sebastian damit zu tun?“ „Oh bitte.“ Nguyen sprang auf den großen Tisch, der mitten in der Küche stand, und ließ die Beine baumeln. „Das sieht man auch als Blinder mit einem Krückstock. Da läuft was zwischen euch. Komm schon, spann mich nicht so auf die Folter. Wie ist er in der Kiste?“
Heiß und kalt durchfuhr es ihn bei den Worten seines Kollegen. „Ich weiß es nicht.“ Aber ich würde es unheimlich gerne herausfinden. Nur leider geht das nicht. Sebastian Hellmann ist tabu!
Nguyens Mund klappte auf und imitierte einen Moment lang einen Fisch auf dem Trockenen. „Du verarscht mich gerade, oder? Du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass du an diesem absoluten Traumtypen kein Interesse hast?“
Ungläubig funkelten ihn die honigfarbenen Augen an. Ja, warum nimmst du ihn dir nicht, Diego. Weil er mir gefährlich werden könnte, darum. Feigling! „Wenn du ihn so toll findest, versuch du doch dein Glück“, schnappte er irritiert und wünschte sich die Worte im gleichen Augenblick zurück.
„Hab ich ja schon - ohne Ergebnis.“ Diego versuchte verzweifelt die Wut - und den Schmerz - die diese Worte auslösten, zurückzuhalten. Es gelang nicht. Scheiße! Es war hoffnungslos.
„Aber es ist ja nicht so, dass er der einzige tolle Kerl auf Erden ist. Hey, wieso kommst du heute Abend nicht mit ins ‚Darkside‘? Dann wirst du auch wieder lockerer.“ Stirnrunzelnd sah er seinen Freund an. Was wollte Nguyen denn in dem abgehalfterten Schuppen? „Nein, danke, kein Bedarf. Und wenn ich dir einen Rat geben darf? Du solltest da ebenfalls nicht hingehen.“
Mandelaugen blinzelten ihn verwirrt an. „Warum? Ist doch nur ein Gay-Club wie alle anderen. Man kann unverbindlich und schnell Spaß haben und ...“ „Nicht wie jeder andere Club. Im ‚Darkside‘ gibt es keine Security, niemanden, der sich daran stört, falls irgendetwas nicht ganz koscher ist. Du solltest zumindest nicht ohne Begleitung dort rumhängen.“
„Oh Mann, bist du mein Vater oder was? Und außerdem hatte ich nicht vor allein loszuziehen. Ich hab dich doch grad gefragt, ob du mitkommst oder?“ Nguyen rollte mit den Augen. „Hör zu, ich bin weg. Ich brauch meinen Schönheitsschlaf. Schick mir einfach eine SMS, wenn du Lust hast. Ich bin ab 21 Uhr dort. Ciao!“
Scheiße! Es sah wohl so aus, als ob er heute Abend etwas vorhatte. Aber vielleicht war das auch genau das Richtige. Er musste Sebastian endlich aus seinem System kriegen.
***
Samstag, 27.9.14
Diego verzog das Gesicht, als er den x-ten Twink in die Wüste schickte. Es war ein Fehler gewesen, ins ‚Darkside‘ zu gehen. Nervös hielt er nach Nguyen Ausschau, der bis eben auf der Tanzfläche den Jägern den Kopf verdreht hatte.
Ein lautes Grölen lenkte seine Aufmerksamkeit Richtung Darkroom und er sah gerade noch einen großen, schlanken Mann zu Boden stürzen. Im nächsten Augenblick drängte sich sein Freund durch die gaffende Menge und Diego kam ihm in höchster Alarmbereitschaft entgegen. „Was ist passiert?“, rief er über den tosenden Lärm der Musik.
Nguyen schüttelte den Kopf und zog an seinem Arm. „Lass uns bloß verschwinden. Für heute ist mein Bedarf an Arschlöchern gedeckt.“ Nur zu willig ließ er sich aus dem dunklen Club ziehen, nicht ohne kurz zurückzuschauen. Der Kerl, den der Kleine aufs Kreuz gelegt hatte, stand wieder und sah ihnen hinterher, machte allerdings keine Anstalten ihnen hinterherzukommen. Dennoch spürte er den Blick, der sie verfolgte, auch wenn das Gesicht des Typen im Schatten lag und nicht zu erkennen war.
Draußen hielt sein Freund nicht an und zog ihn direkt zur gegenüberliegenden Bushaltestelle, wo Diego sich schließlich von ihm löste und ihn aufmerksam ansah. „Raus mit der Sprache. Was war da los?“ Starr sah der beinahe einen Kopf kleinere Mann ihn an. „Ein Irrtum“, antwortete er tonlos. „Nur eine Verwechslung, nichts weiter.“
Das glaubte er keine Sekunde. Dafür wirkte Nguyen viel zu aufgewühlt. Er sah aus, als hätte er etwas sehr Wichtiges verloren. „Okay, Amigo, wie du meinst. Aber wenn du reden willst ...“ Nguyen winkte ab. „Nicht nötig, doch gegen ein bisschen Trost hätte ich nichts einzuwenden.“ Mit diesen Worten fasste der andere ungeniert in Diegos Schritt, was ihm wider Erwarten eine Gänsehaut bescherte. Trotzdem schob er die Hand seines Freundes behutsam beiseite. Auch wenn sie schon öfters miteinander im Bett gelandet waren, ihm stand heute nicht der Sinn nach bedeutungsloser Vögelei. Bereits seit langem nicht mehr, wenn er ernsthaft darüber nachdachte.
„Sorry, Kleiner, kein Interesse. Komm, ich ruf ein Taxi und wir teilen uns die Kosten.“ Kurz glaubte er so etwas wie Enttäuschung in der Miene des jungen Mannes zu erkennen, aber dann zwinkerte Nguyen ihm zu. „Dein Verlust, Amigo.“
Während sie auf das Taxi warteten und angeregt plauderten, wurde Diego das Gefühl nicht los, dass jemand sie beobachtete. Doch ein unauffälliger Rundumblick zeigte ihm keine auffälligen Schatten. Auch vor dem ‚Darkside‘ war keine Menschenseele zu sehen. Vermutlich war er einfach überlastet. Er arbeitete seit dem Umbau beinahe nonstop, wollte Jo beweisen, dass er sich hundertprozentig auf ihn verlassen konnte. Ja klar rede dir das nur weiter ein. Du arbeitest so viel, damit du Sebastian so oft wie möglich siehst und ihn gleichzeitig auf Abstand halten kannst.
Diego war klar, dass ihr Spiel sich langsam dem Ende zuneigte. Einer von ihnen musste irgendwann nachgeben. Und er hatte das untrügliche Gefühl, dass es nicht Bastian sein würde.
Kapitel 2
Samstag, 27.9.14
Wie jeden Morgen seit drei Wochen erwachte Andy von Stetten in den Armen seines Freundes Jo. Müde blinzelte er die Spinnweben vor seinen Augen weg und schielte auf den Wecker. Kurz nach elf. Jo würde noch mindestens eine Stunde schlafen, das gab ihm die Gelegenheit alles in Ruhe vorzubereiten.
Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf seinen Geliebten trottete er ins Bad und sprang unter die Dusche. Nachdem er der alltäglichen Morgentoilette gehuldigt hatte, zog er sich rasch an, schlüpfte danach aus der Wohnung und lief zum Bäcker um die Ecke.
Zwanzig Minuten später scannte Andy den üppig gedeckten Tisch, ob er auch nichts vergessen hatte, als ihn köstliche Wärme einhüllte. Starke Arme kamen um ihn herum, zogen ihn an einen noch kräftigeren Körper und er kuschelte sich wohlig seufzend in die Umarmung seines Geliebten. „Hey Süßer. Das sieht ja verlockend aus. Du sollst dir doch nicht solche Mühe machen.“
Schlaftrunken und rau klang Jos Stimme, heißer Atem prickelte an seiner Ohrmuschel und er musste ein Kichern unterdrücken, als eine vorwitzige Zungenspitze neckend in sein Ohr stieß. „Lass das, das kitzelt.“ Jo grollte leise und dann spürte er einen sanften Biss im Nacken, der sein Gekicher schlagartig in ein Stöhnen verwandelte. „Ich spring noch rasch unter die Dusche. Fang ruhig schon an.“
Er lächelte seinen Freund an. „Es macht mir nichts aus zu warten“, sagte er und im selben Moment knurrte sein Magen. Er errötete und Jo zog eine Augenbraue hoch.
Sein Geliebter drückte ihn auf einen der Küchenstühle. „Iss. Ich beeil mich.“ Andy nahm ein Brötchen und aß es trocken, während er in der Tageszeitung blätterte, speziell die Seite mit den Wohnungsanzeigen interessierte ihn. Doch da würde er bestimmt nichts finden. Er hatte sich bereits bei einem Internetportal eingetragen, die WG-Zimmer vermittelte, aber bisher war noch nichts Passendes dabei gewesen. Große Hoffnung hegte er ja nicht, der verfügbare Wohnraum war meist schon Monate vor Semesterbeginn ausgebucht.
Als Jo wiederkam und ihm durch die Haare strubbelte, sah Andy erschrocken auf. „Wohnungsanzeigen? Suchst du was Neues? Die hier ist doch nicht schlecht.“ Er schluckte. Wie viel sollte er Jo sagen?
„Nein, ist sie nicht. Sie hat nur einen Makel. Sie gehört der Familie und ich möchte unabhängig sein. Außerdem ist die Verbindung zur Uni etwas ungünstig.“ Bei der Erwähnung seiner Familie verengten sich Jos Augen kurz, dann verwandelte sich sein Gesicht in eine ausdruckslose Maske. „Und was genau schwebt dir vor? Wahrscheinlich eine WG, oder? Sollen es Studenten sein oder ist das egal? Ich weiß nämlich von Nguyen, dass in seiner Wohngemeinschaft demnächst ein Zimmer frei wird. Soll ich ihn fragen, oder willst du das lieber selber machen?“
Jo trank hastig einen Schluck Kaffee und verschlang sein Brötchen. Dann stand er auf, beugte sich zu Andy hinunter und küsste ihn auf die Wange. „Sorry Süßer, aber ich muss leider schon los. Es ist viel Papierkram liegen geblieben, und wenn ich mich nicht bald daransetze, erschlägt mich der Stapel noch.“ Sprach’s und verschwand, ohne ihm eine Gelegenheit zur Antwort zu geben, im Flur.
Andy saß einen Moment erstarrt da. Er hatte zwar nicht erwartet, dass Jo ihn fragen würde, ob er bei ihm einzog, doch diese Nichtreaktion beziehungsweise der überstürzte Aufbruch war ... irgendwie beängstigend. Natürlich war ihm klar, dass sie sich kaum kannten, außerdem hatten sie abgemacht, es langsam angehen zu lassen. Aber, dass Jo nicht mal gefragt hatte, wieso er aus dem Apartment hier aus und in eine WG einziehen wollte, dass es ihm egal zu sein schien - das tat weh!
Du bist ja auch nicht gerade ein Vorbild an Ehrlichkeit, nicht wahr Andy? Denn der Grund, warum er so schnell eine neue Wohnung suchte, war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass er von seiner Familie unabhängig sein wollte. Sein Magen schlug nach wie vor Purzelbäume, als er an das Einschreiben dachte, das ihm der Postbote vor einer Woche überreicht hatte. Räumungsbescheid hatte er noch gelesen, dann erst mal sein Frühstück zur Toilette befördert. Jo hatte er etwas von einer Magenverstimmung vorgeflunkert und den Brief in seinem Kleiderschrank versteckt.
Nachmittags, als Jo in die ‚Spielzeit‘ unterwegs gewesen war, hatte er das Schreiben hervorgeholt und mehrfach ungläubig die Aufforderung zur Räumung durchgelesen. Bis zum Ende des nächsten Monats blieb ihm Zeit, aber er hatte nicht vor so lange hierzubleiben. Am Meisten aufgeregt hatte ihn die Klausel, dass die Wohnung wieder in ihren Originalzustand zu versetzen sei. Was glaubte sein Stiefvater denn, was er hier getrieben hatte?
Andy seufzte. Oliver dachte sich nur eins: Er wollte ihm klarmachen, wer weiterhin das Sagen hatte, wer die Regeln bestimmte. Ihm war klar gewesen, dass sein Entschluss auf Widerstand stoßen würde, von seinem Stiefvater hatte er es nicht anders erwartet. Was ihm wehtat, war, dass seine Mutter sich nicht einmal bei ihm gemeldet hatte, weder um auf seinen Brief zu reagieren noch auf seine zahlreichen Anrufe. Er hatte zwar schon immer gewusst, dass er keine Priorität in ihrem Leben besaß, aber dass sie so gleichgültig schien, verletzte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. Und jetzt benahm sich Jo sehr merkwürdig und jagte ihm damit Angst ein.
Seit dem ersten Abend in der 'Spielzeit' verbrachten sie jede freie Minute miteinander und Andy schwebte, wie auf Wolke sieben. Doch dann gab es Phasen, wenn Jo plötzlich verstummte, mit seinen Gedanken woanders schien. Auch sein Zuhause hatte er noch nicht gesehen, denn nach der Schicht in der Bar fuhren sie immer in seine Wohnung. Es war fast, als wolle Jo ihn nicht dort haben. Nun, in dem Haus hatte er jahrelang mit seinem Ehemann gelebt und nach dessen Tod war es wohl so etwas wie ein Refugium geworden.
Andy wollte ihm diese Zuflucht bestimmt nicht wegnehmen, doch er wollte - und konnte - nicht mit einem Geist konkurrieren. Aber er sollte Jo zeigen, dass er es ernst meinte. Er durfte sich nicht so schnell entmutigen lassen. Er behauptete erwachsen zu sein, eigene, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Dazu gehörte auch, nicht sofort beleidigt zu sein, wenn sein Freund seiner Meinung nach falsch reagiert hatte.
Sobald er beim ersten Anzeichen von Problemen gleich wegrannte, dann sprach das nicht gerade für ihn oder die Gefühle, die er behauptete zu haben. Aber wie sollte er die Sache jetzt angehen? Gar nicht darauf reagieren, dass Jo so gleichgültig gewesen war oder ihn zur Rede stellen? Er wollte nicht zu aufdringlich sein und ihn möglicherweise von sich wegstoßen, doch eine innere Stimme sagte ihm, dass er ein wenig forscher sein musste. Den anderen Mann dazu bringen, über seine Gefühle zu sprechen.
Mit diesem Entschluss stand er auf und ging zu seinem Schlafzimmer. Er zögerte, dachte daran zu klopfen, aber verflucht, das war seine Wohnung. Andy drückte die Klinke runter und schob die Tür auf. Keine Ahnung, was er erwartet hatte, jedoch nicht den Anblick, der sich ihm bot.
Er erstarrte mitten in der Bewegung und jeglicher Ärger verflog, als sein Herz in tausend Stücke zersplitterte. Jo saß halb angezogen auf dem Boden, Rücken ans Bett gelehnt, die Arme um seine gebeugten Knie geschlungen. Kurze, hastige Atemzüge entwichen seinen Lungen. Andy konnte die Angst in den dunklen Augen erkennen, sah den Kampf, den Jo focht, während er versuchte die Panikattacke zurückzudrängen. Seine Lippen liefen bläulich an, als sein Körper sich abmühte, den Mangel an Sauerstoff auszugleichen.
Andy wurde ebenfalls von Panik ergriffen. Was sollte er tun? Wie vermochte er ihm zu helfen? Der Gedanke, dass es bestimmt nicht das erste Mal war, dass Jo mit solch einer Attacke kämpfte, machte ihn wütend und ließ gleichzeitig Tränen aus seinen Augen hervorquellen. Er eilte zu Jo hin, fiel praktisch auf seine Knie vor dem anderen Mann. Jo schien ihn weder zu sehen noch zu hören, war gefangen in seiner eigenen privaten Hölle.
Sanft berührte er ihn an der Schulter. „Es ist okay, Jo. Konzentriere dich einfach auf ruhiges Atmen. Tiefe Atemzüge ein“, er machte es ihm vor, „und langsame Atemzüge aus.“
Er wiederholte das wieder und wieder, versuchte verzweifelt zu Jo durchzudringen. Sein Herz splitterte weiter, als er die Tränen sah, die über Jos Wangen rollten. Verdammt, was konnte er noch tun? Sollte er einen Notarzt rufen? Andy hatte keine Ahnung, wie gefährlich so eine Situation werden konnte. Aber er schwor sich, dass dies das letzte Mal war, dass Jo das alleine durchstehen musste. So rasch wie möglich würde er über Panikattacken recherchieren und so viel lernen, wie es machbar war.
Jos Atmung wurde immer hastiger und zittriger und Andy wischte ärgerlich über seine Wangen. Dumme Tränen. Die halfen Jo nicht. Verzweifelt schlang er schließlich, so gut er vermochte seine Arme um den großen Mann, wiegte ihn hin und her und murmelte irgendwelchen Unsinn, der ihm gerade einfiel.
Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis Jos Atemzüge ruhiger wurden. Die keuchenden Laute nahmen ab und die Blaufärbung der Lippen ging zurück. Jos Muskeln - eingefroren von der Panikattacke - lockerten sich allmählich. Andy streichelte über Jos Rücken, seine Arme, den Brustkorb, überall wo er ihn erreichen konnte.
Als Jo endlich wieder vollständig normal zu atmen schien, war er unfähig sich weiter zurückhalten. Er legte sanft eine Hand unter Jos Kinn und zwang seinen Kopf hoch, obwohl der ihn zwischen seinen Knien verbergen wollte. Diesem großen starken Mann war die Sache natürlich peinlich und Andy musste ihm klarmachen, dass es keinen Grund gab, sich zu schämen - ohne ihm jedoch das Gefühl zu geben, er wäre schwach.
„Nein“, murmelte er, küsste Jo sanft. „Versteck dich nicht vor mir. Erlaube mir, für dich da zu sein. Ich will ... ich möchte, dass das mit uns funktioniert und das ... das kann es nicht, wenn du mich ausschließt.“
Jo versuchte sich ihm zu entziehen, aber die Attacke hatte ihn offensichtlich ausgelaugt und er hatte keine Mühe, ihn festzuhalten. Jos Kehle arbeitete, als er ansetzte zu sprechen, doch es kam kein Ton heraus. „Es ist schon okay, du musst nichts sagen.“
Andy stand auf und mit etwas größerer Kraftanstrengung zog er den zitternden Jo auf seine Füße, einen Arm um dessen Taille, um ihn zu stützen. Er dirigierte ihn zum Bett und öffnete seine Jeans. „Leg dich einfach noch eine Runde hin, du brauchst jetzt Schlaf. Der Papierkram kann warten. Auf den Rücken mit dir.“
Er bereitete sich darauf vor Jo einen kleinen Schubs zu geben, als sein Freund sich rückwärts fallen ließ und sein Becken anhob, damit Andy ihm die Hose ausziehen konnte. Er war ein wenig überrascht, dessen Erektion halbhart vorzufinden, aber vielleicht gehörte das als Begleiterscheinung dazu. Er hatte keinen Schimmer und das war inakzeptabel. Sobald er die Zeit fand, würde er alles heraus finden, was er wissen musste.
Jos kratzige Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. „Du hättest das nicht sehen sollen. Ich ... ich wollte nicht ...“ Andy schluckte und zog die Bettdecke über seinen Freund.
„Nicht reden. Ich hol dir etwas zu trinken und dann ruhst du dich aus.“ Erneute Tränen brannten hinter seinen Augenlidern und er huschte rasch ins Bad, um ein Zahnputzglas mit Wasser zu füllen. Als er zurückkam, fand er sich von Jos dunklen Augen verfolgt, als er mit dem Glas in der Hand auf ihn zukam.
Jo setzte sich auf, nahm das Wasser entgegen und stürzte es in einem Zug hinunter. „Danke.“ Andy wollte ihm das Glas abnehmen, doch Jo stellte es auf den Nachttisch. Dann streckte er eine Hand aus. „Komm her. Leg dich ein bisschen zu mir.“
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Rasch schlüpfte er aus seinen Klamotten und glitt unter die Bettdecke, die Jo einladend anhob. Mit einem Seufzen ließ er sich auf den harten Leib seines Geliebten ziehen, genoss den jetzt wieder beständigen Herzschlag und schloss seine Augen.
***
Jo erwachte einige Stunden später und starrte minutenlang auf den schlafenden Mann, der auf ihm ausgebreitet lag. Liebevoll strich er durch die wilde Lockenmähne und unterdrückte ein Seufzen, als der Blick auf den Wecker zeigte, dass es auf den späten Nachmittag zuging. Zeit, sich fertigzumachen und in die Bar zu fahren.
Behutsam schob er sich unter seinem regungslosen Geliebten hervor und bewunderte einen Moment die schlanken Gliedmaßen und den kleinen, runden Hintern, von dem er nicht genug bekam. Er war fast versucht, Andy aufzuwecken und ihn zu vernaschen, aber er wollte genießen und nicht schlingen. Heute Nacht, oder besser morgen Vormittag, versprach er sich.
Leise suchte er seine Kleidung zusammen und zog sich an. Er musste noch rasch nach Hause fahren und ... Jo seufzte. Wem machte er eigentlich etwas vor? Die Rückkehr seiner Panikattacken hatte ihn geschockt, und dass Andy jetzt Zeuge seiner Schwäche geworden war, verstärkte sein schlechtes Gewissen. Er huschte aus dem Schlafzimmer, ohne einen Blick zurückzuwerfen.
Eine Stunde später saß er über den Abrechnungen der Bar, aber Jo konnte sich beim besten Willen nicht darauf konzentrieren. Immer wieder stand ihm Andys trauriges Gesicht vor Augen, als dieser ihm erzählt hatte, er suche eine neue Unterkunft. Und was hatte er Idiot getan? Ihm gesagt, dass er von einem WG-Zimmer wüsste. Ganz toll, Jo, das hast du wirklich exzellent gemeistert. Sensationell!
Selbstverständlich kannten sie sich erst wenige Wochen, hatten abgemacht, es langsam angehen zu lassen, doch ... Verdammt, er war so ein Feigling! Unterstützung hatte er ihm zugesagt und was tat er stattdessen? Kniff den Schwanz ein und heulte dann im stillen Kämmerlein wie ein Baby. Okay, mit dem Verstand wusste er natürlich, dass seine Panikattacken nichts mit Feigheit oder Schwäche zu tun hatten, aber dennoch ...
Jo hatte gehofft, dieses Kapitel hinter sich zu haben. Andys Anwesenheit war wie Balsam für seine geschundene Seele und sein Herz sagte ihm, dass er ihn bereits liebte. Also warum tat er sich so schwer, ihn vollständig in sein Leben zu lassen?
Es klopfte und Diegos Rastalocken blitzten um die Ecke. „Hey Chef. Immer noch mit den bösen Papieren beschäftigt?“ Der Halbdominikaner wackelte mit den Augenbrauen. Jo schnaubte. „Warte nur ab! Sobald die Partnerschaftsverträge unterschrieben sind, werde ich mich köstlich amüsieren, wenn du über dem Kram hier hängst.“
Gespielt entsetzt hob sein Barkeeper die Hände. „Wenn das so ist, sollte ich mir das nochmal überlegen!“ Mit einem Grunzen warf er sich in einen Stuhl vor dem Schreibtisch. Jo lachte. „Das wirst du nicht tun, Freundchen. In der Bar steckt von dir genauso viel drin wie von mir. Dieser Schritt war längst überfällig.“
Diego sah ihn einen Moment aufmerksam an. „Und du bist dir hundertprozentig sicher, dass du das willst?“ Jo lächelte. „Die Bar würde ohne dich nicht mehr existieren. Ja, ich bin überzeugt, dass es die beste Entscheidung ist, die ich je getroffen habe.“
„Ach, ich dachte, das wäre der brandheiße Twink, der jede Nacht auf dich wartet.“ Jos Lächeln erstarrte. „Nenn ihn nicht so. Andy ist ... verdammt, wieso muss es so kompliziert sein?“
„Ärger im Paradies?“ „Nein. Ja. Ach Scheiße!“ Jo lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Als Torsten gestorben ist, starb ein Teil von mir mit ihm. Dieses Stück von mir ist weg. Unwiederbringlich. Was ist, wenn ich Andy nicht geben kann, was er braucht? Nicht genug für ihn bin?“
„Versteh mich nicht falsch, Jo, aber ihr kennt euch jetzt wie lange? Einen Monat? Du bist gerne mit dem Jungen zusammen, ihr habt Spaß, was willst du noch?“ Sein Freund sah ihn verständnislos an.
„Das Leben besteht aus mehr, als Herumvögeln und Spaß haben.“ Sebastians dunkle Stimme ließ die beiden Männer zusammenfahren. Jo grinste. „Verflucht, Bastian. Wann lernst du endlich, anzuklopfen?“
„Und das Beste verpassen?“ Sein Sandkastenfreund zog vielsagend eine Augenbraue hoch. „Ich bin vorne, wenn etwas ist.“ Diego stand auf und verließ das Büro, ohne Sebastian eines Blickes zu würdigen.
Jo entging nicht, wie der ihm hinterhersah. „Dich hat es ziemlich erwischt, was?“ Bastian seufzte, kam rüber und ließ sich auf den Stuhl fallen, auf dem sein Barkeeper gerade gesessen hatte. Er schloss seine Augen und atmete durch. Als er Jo dann ansah, erschrak dieser über die Resignation in den blauen Tiefen.
„Es wäre so viel einfacher, wenn wir uns aussuchen könnten, in wen wir uns verlieben. Unkomplizierter und schmerzlos.“ Jo lachte bitter. „Mag sein, aber Liebe ohne Leiden ist wertlos, heißt es nicht so?“
„Keine Ahnung, ich würde im Augenblick jedoch gerne darauf verzichten.“ Sebastian rieb sich übers Gesicht. „Genug von mir. Wie läuft es mit dir und dem Kleinen?“
Jo zuckte mit den Achseln. „Gut. Wir verstehen uns super.“ Er sah seinen Freund nicht an, konzentrierte sich auf die Papiere, die vor ihm lagen. „Aha. Und die Wahrheit?“
„Die Attacken sind wieder da“, murmelte er leise. Nachdem Jo beschlossen hatte, mit seiner Vergangenheit abzuschließen, hatte er Sebastian eines Abends von seinen dunkelsten Stunden nach Torstens Tod erzählt. Der hatte ihm schweigend zugehört, ihn in den Arm genommen und Jo hatte zum ersten Mal überhaupt seinen Tränen freien Lauf gelassen. Warum kam dieser Mist jetzt zurück? War seine Entscheidung, sich auf eine neue Beziehung einzulassen etwa falsch? Das konnte - das wollte - er nicht glauben.
Stuhlbeine kratzten über den Boden, dann wurde er plötzlich hoch und in eine Umarmung gezogen, die ihn instinktiv zurückzucken ließ, doch letztendlich sank er in den Trost, den sein Freund ihm anbot. Nach einem Moment zog er sich unbeholfen zurück und räusperte sich. Der ruhige Ernst in Bastians Augen löste seine Zunge.
„Ich habe vor einigen Tagen zufällig in Andys Sachen einen Räumungsbescheid für seine Wohnung gefunden. Ich musste mich erst einmal setzen, als ich Olivers Namen las. Ich verstehe es nicht, Bastian. Eigentlich hatte ich gedacht, das mit ihm ist abgeschlossen. Wie er mich angewidert hat, als er versuchte, mich rumzukriegen. Und ich hätte es beinahe zugelassen. Warum kann ich mich nicht von ihm befreien?“
Das war seine größte Angst, wenn er ehrlich gegenüber sich selbst war. Dass er nie von ganz von seinem Ex loskam. „Wegen Andy. Er ist Olivers Stiefsohn und ...“ Jo hob eine Hand. „Stopp. Andy ist nicht im Geringsten wie Oliver. Er ist ein guter Mensch - durch und durch.“
Sebastian seufzte. „Ich wollte auch nicht andeuten, dass er das nicht ist. Aber seine Verbindung zu deinem Ex lässt sich nun mal nicht wegzaubern. Andys Mutter ist mit diesem Bastard verheiratet und damit unweigerlich eine Präsenz im Leben des Kleinen.“
„Ja, und was für eine. Oliver scheint fest entschlossen zu sein, es mir heimzuzahlen. Die Show, die wir vor ihm abgezogen haben, das war eine Demütigung für ihn, die er nicht auf sich sitzen lässt. Verdammt, ich hätte wissen müssen, dass einem nichts so einfach geschenkt wird.“ Er lachte bitter.
„Als ich Andy in dieser Bar begegnete, da wo ich Torsten das erste Mal geküsst hab, da dachte ich doch tatsächlich, das sei ein Zeichen von ihm. So eine Art Segen. Verrückt, was?“ Nachdenklich sah Sebastian ihn an.
„Nein, eigentlich nicht. Du hast Torsten wahnsinnig geliebt und ihn zu verlieren ...“, er räusperte sich und Jo musste blinzeln. „Ich hatte Angst meinen besten Freund ebenfalls verloren zu haben. Und jetzt gibt es Andy in deinem Leben. Ich kann dir nicht sagen, ob eure Beziehung Bestand haben wird, wenn du dir also von mir eine Garantie erhoffst, die existiert nicht. Aber was ich dir sagen kann, ist das: Seit der Junge bei dir ist, lebst du wieder. Wirf diesen Neuanfang nicht weg, nur weil du glaubst, diese Chance nicht zu verdienen.“
„Andy ist Zeuge einer Panikattacke geworden“, sagte Jo leise. „Ich ... ich möchte ihn nicht mit meinem Scheiß belasten. Er hat genug eigenen Stress. Seine Mutter erwidert keinen seiner Anrufe und dann der Rauswurf aus der Wohnung. Sein ganzes Leben steht Kopf und ich will ihm einfach nicht noch mehr zumuten.“
„So funktioniert eine Beziehung aber, Jo. Auf die Gefahr jetzt wie ein wandelndes Klischee zu klingen: Geteiltes Leid ist halbes Leid! Gib Andy die Chance, dir zu helfen. Lass ihn rein, Jo. Vielleicht erlebst du eine Überraschung.“ Jo sah seinen Freund resigniert an.
„Das Reinlassen ist nicht das Problem, Bastian. Ich fürchte, Andy ist mir schon so tief unter die Haut gekrochen, dass man ihn nicht mal mehr chirurgisch entfernen könnte. Aber ich frage mich, wie wichtig ich für ihn bin. Ich meine, er hat diesen Räumungsbescheid mit keinem Wort erwähnt und heute Vormittag erfahre ich so nebenbei, dass er ein WG-Zimmer sucht.“ „Und?“
„Was und?“ Jo sah seinen Freund verständnislos an. Der rollte mit den Augen. „Du hast ihm doch bestimmt erklärt, dass er keine WG braucht, seine Sachen packen und bei dir einziehen soll.“ Jo blieb stumm.
Sebastian schüttelte den Kopf. „Was hast du stattdessen gesagt?“ „Nichts.“ Das rumorte immer noch in ihm. Die Situation wäre perfekt gewesen, ihre Beziehung zu vertiefen, und was tat er?
„Weißt du, Jo, versteh mich jetzt nicht falsch, aber das ist so typisch für dich. Seit Oliver erwartest du regelrecht, dass irgendetwas schief geht, und verschlimmerst damit alles unnötig.“
„Vielen Dank, Sebastian. Dass ich ein Feigling bin, hab ich schon selber kapiert“, meinte Jo sarkastisch. Ehe Bastian etwas erwidern konnte, klopfte es und Diego steckte seinen Kopf durch die Tür. „Sorry, Chef, aber du wolltest Bescheid kriegen, wenn die Band da ist.“
Jo nickte. „Danke, Diego. Bin gleich vorne.“ Er stand auf. „Danke fürs Zuhören, mein Freund. Ich kläre das mit Andy. Denn eins steht fest: Ich will ihn nicht verlieren.“ Sebastian lächelte und erhob sich ebenfalls. „Das ist die richtige Einstellung, Jo. Und was Oliver Marquardt angeht: Er hat nur so viel Macht, wie du ihm zugestehst. Und jetzt werde ich mal sehen, ob ich deinem Barkeeper einen Cocktail aus dem Ärmel leiern kann, bevor ich verschwinde.“
Jo grinste. „Da würde ich mir keine Hoffnungen machen. Diego ist da eisern. Keine Drinks, ehe die Bar geöffnet ist.“ „Sei dir da mal nicht so sicher, meinem Charme konnte noch niemand widerstehen.“ Bastian wackelte mit den Augenbrauen und lachend verließen die beiden Männer Jos Büro.
Kapitel 3
Montag 29.9.14
Nach einer weiteren schlaflosen Nacht, in der ihn erotische Visionen eines bestimmten Mannes verfolgt hatten, beschloss Diego, dass seine Schmerzgrenze erreicht war. So konnte es nicht weitergehen. Noch nie hatte er wegen eines Kerls nicht schlafen können. Er suchte sich seinen Spaß, jeder ging danach seiner Wege, fertig! Ohne Verpflichtung, keine Dramen - einfach und unkompliziert. Nur leider schien sein Verstand die Bedienungsanleitung für diesen Ablauf verlegt zu haben, denn unkompliziert und Sebastian Hellmann zusammen - da lagen Lichtjahre zwischen.
Diego schleppte sich ins Bad und starrte minutenlang sein Spiegelbild an, als könnte ihm dieses die Erleuchtung bringen. Stattdessen hatte er das Gefühl, es würde ihn auslachen. Genervt wandte er sich ab und stieg unter die Dusche. Er hätte Samstag im ‚Darkside‘ nicht so wählerisch sein sollen, dann wäre das Problem bereits gelöst. Klar und der Papst ist nicht katholisch! Er drehte den Kaltwasserhahn auf und eine Viertelstunde später schlotterte er vor Kälte und hatte zumindest eins erreicht: Er dachte eine Sekunde nicht an diesen unausstehlichen, nervigen, absolut umwerfenden Kerl!
Mit wesentlich besserer Laune als noch beim Aufstehen, schlang er sein Frühstück hinunter und machte sich dann auf den Weg in die Innenstadt. Ein arbeitsfreier Spätsommertag lag vor ihm und er war mit einigen Freunden zum Bummeln verabredet. Das wäre doch gelacht, wenn er den Grund seiner schlaflosen Nächte nicht aus seinem Kopf verbannt bekam.
Nach einem entspannten Mittagessen bei ‚Mama Clara‘, wo ihn die Besitzerin erst wieder gehen ließ, als er wie eine Kugel rollte, wurde Diego jedoch klar, dass Sebastian sehr hartnäckig in seinem Kopf festsaß. Anstatt wie geplant zu seinen Eltern zu fahren, machte er sich auf den Weg nach Hause. Zeit, zum Angriff überzugehen.
***
Zufrieden legte Sebastian den Telefonhörer auf. Das waren mal tolle Neuigkeiten. Er hatte endlich die Zusage für ein geplantes Großprojekt bekommen. Eine Interessengemeinschaft aus mehreren Familien hatte praktisch in Eigenregie eine kleine Reihenhaussiedlung aufgezogen, mit der Besonderheit, dass die Häuser sich um einen großen Innenhof gruppierten und alle ineinander übergingen. Jetzt war der angeheuerte Subunternehmer für den Innenausbau abgesprungen und Bastians Firma bekam ihre zweite Chance. Gleich Morgen musste er sich an die Kalkulationen geben, sehen wie viele Kräfte er zusätzlich brauchen würde ...
Das leise Klicken der Tür ließ ihn aufsehen. Sein Blick verhakte sich in Diegos und überrascht sog er den Atem ein. Er hatte jetzt am späten Nachmittag nur die Schreibtischlampe eingeschaltet und der sanfte Schein zauberte verführerische Schattenspiele über die dunkle Haut des anderen Mannes, als der sich ihm näherte. Das Verlangen, das er den ganzen Tag lang erfolgreich abgestellt hatte, kehrte mit voller Wucht zurück. Samtbraune Augen musterten ihn von oben bis unten, hinterließen eine brennende Spur auf seiner Haut und alles Blut sammelte sich in seinem Unterleib. Sein Schwanz schwoll rapide an, bis er schmerzhaft gegen den Reißverschluss seiner Jeans drückte.
Etwas hatte sich geändert, das spürte er instinktiv, als Diego in sein Büro trat. Sollte ihr Tanz heute ein Ende finden? War der andere Mann ihr Spiel leid? Bisher war er ja auf Distanz gegangen, wenn er ihn zu einem Date eingeladen hatte. Er hatte immer nur gelächelt und mit einem „An mir verbrennst du dir die Finger“ abgelehnt. Von ihm aus würde er sich gerne noch sehr viel mehr an ihm verbrennen. Er stand langsam auf, kam um den Schreibtisch herum und lehnte sich an die Kante.
Diegos offensichtliches Abschätzen seiner körperlichen Attribute gab Sebastian die Gelegenheit dies ebenfalls zu tun, ohne seine Bewunderung verstecken zu müssen. Zweifellos, Diego war perfekt. Doch es war nicht nur seine äußerliche Erscheinung, die ihn magisch anzog. Natürlich war die erotische Ausstrahlung kein Hindernis, aber was ihn mehr als alles andere faszinierte, war das wilde Flackern in den dunklen Augen. Er sah es nur selten - immer dann, wenn Diego sich unbeobachtet fühlte - und es zeigte eine Begierde, von der der Mann seiner schlaflosen Nächte vermutlich selbst nichts ahnte - oder die er sich nicht eingestand.
Aber jetzt war das Flackern wieder da, zusammen mit einem trotzigen Funkeln, das ihn herausforderte Diego zu beweisen, dass er sich ihm hingeben wollte. Bei dem Ausdruck in den dunklen Iriden bekam Bastian das Gefühl, dieser erwartete eine sinnliche Attacke, oder sogar den Versuch, ihn körperlich zu überwältigen. Wollte er das vielleicht provozieren? Nein, Diego würde so etwas niemals tolerieren, doch er traut es mir zu ...
Der Gedanke tat weh und auch die Tatsache, dass Diego ihn ja nicht wirklich kannte, konnte den Schmerz darüber nicht dämpfen. Sebastian hatte sich noch keinem Mann in irgendeiner Weise aufgezwungen und nun garantiert nicht damit anfangen. Die Typen, die so was nötig hatten, waren eh Schlappschwänze und nicht besser als Tiere in seinem Buch. Er beobachtete also Diegos Heranpirschen und dachte plötzlich, dass er eine Ahnung hatte, was der andere plante. Diego kam bis auf ein paar Zentimeter an ihn heran, Hitze strahlte von ihm aus und Bastian musste ein Stöhnen unterdrücken.
„Ich will dich ficken“, sagte der Traum seiner schlaflosen Nächte forsch und okay, damit hatte er jetzt nicht wirklich gerechnet. „Du willst mich ...“
„Ich liege nicht unten“, informierte Sebastian ihn ebenso frei heraus. „Nie.“ Das war etwas, dass sie sofort klarstellen sollten.
Diego kniff seine Augen zusammen und seine Miene wurde grimmig. „Und ja, ich will dich, mehr als ich jemals einen anderen vorher begehrt habe. Das bedeutet nicht, dass ich mich mit ein paar Krumen zufriedengebe, die du in meine Richtung wirfst. Es heißt auch nicht, dass ich zulasse, dass du mich benutzt, ebenso wenig wie ich dich benutzen werde.“
Diegos Augen blitzten zornig und er trat einen Schritt zurück. Seine Arme verschränkte er vor der Brust, was Sebastian innerlich seufzen ließ. „Und was soll das jetzt heißen? Keine gegenseitigen Blowjobs, nicht mal dem anderen einen runterholen? Du wirst gar nichts tun, es sei denn, ich lasse mich von dir ficken? Dann sollte ich dich wohl informieren, dass ich auch nicht unten liege.“
Der Mann sah so wütend und gleichzeitig verwirrt aus, dass Sebastian es als physischen Schmerz fühlte. Er wollte nichts mehr, als ihn im Arm halten, das Bedürfnis so stark, dass er seine Finger in die Kante des Schreibtisches krallte, um es zu unterdrücken. Davon, sich vorzulehnen konnte er sich nicht abhalten, das Sehnen seines Körpers zog ihn wie ein Magnet zu Diego. Er atmete den herben, würzigen Duft des anderen ein und spürte, wie dadurch seine Lust weiter angefacht wurde.
„Ich weiß“, begann er, nah genug, dass sein Atem Diegos Wange liebkoste, „dass du ein intelligenter Mann bist, also missverstehst du mich absichtlich. Lass es mich noch einmal erklären. Ich liege nicht unten, ich lasse mich nicht benutzen und ich werde dich auch nicht benutzen. Das bedeutet keineswegs, dass nichts zwischen uns geschehen wird, wenn du dich nicht von mir ficken lässt. Es wird allerdings nichts anderes passieren, falls du nur eine schnelle Nummer im Kopf hast und danach abhaust. Das habe ich gemeint.“
Da Diego bei seinen Worten nicht zurückgetreten war, ging Sebastian ein Risiko ein und lehnte sich vor. Seine Lippen glitten sanft wie ein Hauch über weiche Haut, die er schmecken wollte. Mit einer Hand fasste er locker an Diegos Hüfte. Was er nicht alles geben würde, um den Mann für sich beanspruchen zu können. Für Diego ihm zu vertrauen - mit Körper, Herz und Seele - ihn anzusehen ohne Angst oder Zorn in den Augen.
Sebastians Herz stolperte bei diesen Überlegungen. Er begehrte Diego, nicht nur körperlich, nein, er wollte alles und genauso viel zurückgeben. Er rutschte noch ein Stückchen näher, seine Berührung blieb federleicht und studierte Diegos Gesichtsausdruck. Der Mann sah aus, als wäre er unsicher, was er fühlen sollte und Bastian beschloss, ihm auf die Sprünge zu helfen.
Ihm genügend Zeit gebend, sich zurückziehen, hob er seine andere Hand und umfasste locker Diegos Kiefer. Die glatte Haut löste ein Prickeln auf seiner schwieligen Handfläche aus und die Hitze, die von ihr ausging, verursachte einen Flächenbrand. Sebastian richtete sich auf, sodass er Diego jetzt frontal gegenüberstand, und senkte den Kopf. Seine Augen blieben auf ihn gerichtet, suchten nach Anzeichen von Widerwillen, sollte er eine Grenze überschreiten, bei der dieser nicht bereit schien, ihn passieren zu lassen.
Als Diego sachte seufzte und seine Lider zufielen, sein Kopf minimal zurücksank, sah Bastian es als das Zeichen, welches es war. Seine Finger streichelten Diegos Kiefer und er presste sanft seinen Mund auf die vollen Lippen. Ob er oder Diego bebte, vermochte er nicht zu erfassen, als seine Augen sich schlossen und der andere Mann all seine Sinne erfüllte.
Und Sebastian wusste, klarer, als ihm jemals etwas gewesen war, dass dieser Mann die Macht besaß, sein Herz mit einem einzelnen Wort zu zerfetzen - oder ihn vervollständigen konnte, wie er es nie für möglich gehalten hätte.
***
Das läuft vollkommen falsch, dachte Diego. Er war mit dem festen Vorsatz in Sebastians Büro gestürmt, ihn aus dem Konzept zu bringen. Die Karten auf den Tisch legen, sozusagen. Das ist ja wohl komplett daneben gegangen.
Er wollte einen Schritt zurücktreten, eine Grenze ziehen, eine Szene veranstalten und zahlreiche andere Sachen, die ihn aus der Schusslinie brachten. Aber er stand wie festgewurzelt, als Sebastians Mund seinen berührte. Nicht, dass er glaubte, Bastian wäre eine Gefahr für ihn, jedenfalls nicht körperlich. Der Mann war zwar ein Hüne, beinahe so groß und kräftig wie sein Chef und Jo war zwei Meter, das Risiko für Diego war jedoch ein gänzlich anderes. Ein Emotionales und um das schlug er normalerweise einen weiten Bogen. Verdammt, er hätte nicht herkommen sollen. Das war eine totale Schnapsidee gewesen.
Und doch, als sanfte Lippen über seine schmusten, fand er sich in einer Vorwärtsbewegung wieder, wollte dem Mann näherkommen, wünschte sich, dass die Hand an seiner Hüfte fester zupackte, ihn festhielt, wenn er versuchte abzuhauen. Er fasste in das weiche Material von Sebastians Pullover und zog, brachte ihn näher heran. Wie erhofft festigte Bastian seinen Griff, hielt ihn gerade mit genug Kraft, um ihn zum Beben zu bringen.
Diegos Lippen teilten sich mit einem Stöhnen, als Sebastians freie Hand seinen Hinterkopf umfasste. Dessen Zunge schlüpfte in seinen Mund, tanzte mit seiner, neckte und übernahm dann die Führung. Und er ließ ihn, öffnete sich weiter, rückte noch näher an den anderen Mann heran. Sein mittlerweile steinharter Schwanz rieb sich an dem muskulösen Oberschenkel, der sich irgendwie zwischen seine Beine geschlichen hatte.
Er hätte kämpfen können, versuchen, die Kontrolle über den Kuss zu erlangen, aber Diego begehrte den Mann zu sehr, um ihm oder sich etwas vorzuspielen. Er wollte, dass Bastian ihn nahm, wollte imstande sein, ihm genug zu vertrauen ...
Bevor dieser Gedanke seine Fluchtinstinkte auslöste, stampfte er ihn nieder. Er wollte nicht, dass irgendetwas diesen Augenblick ruinierte, wo Sebastian so meisterhaft seine Mundhöhle plünderte. Der geschmeidige Muskel verband sich mit seinem, stieß in einer Imitation eines anderen intimen Akts in seinen Mund, was ihn überraschenderweise antörnte.
Bastian bewegte sich, eine minimale Drehung, die seine Erektion gegen Diegos Becken presste. Er biss ein Wimmern zurück, als die Hand, die eben noch seine Hüfte gehalten hatte plötzlich über die hintere Naht seiner Jeans strich. Als starke Finger dann dreist und bestimmt so fest drückten, dass er die Berührung an seiner Rosette spüren konnte, glaubte Diego zu verbrennen. Großer Gott, wieso fühlte er auf einmal auf solche Art und Weise? Was hatte dieser Mann an sich, dass sich seine Vorsätze - seine Vorlieben - schlagartig in Schall und Rauch auflösten?
Er stöhnte lauter und hob ein Bein an, schlang es um Bastians Hüfte. Die Position hob ihn mit dem anderen Fuß auf die Zehenspitzen und brachte ihre Erektionen in Kontakt. Ein Gefühl, das ihn schwindeln ließ. Noch nie hatte er sich so begierig gefühlt, so völlig hemmungslos. Er hatte es bisher nie zugelassen. Immer war er es gewesen, der die Regeln bestimmte, der gesagt hatte, was geschehen würde - und was nicht. Doch jetzt ... Auch die leise lauernde Angst musste sich der alles verzehrenden Lust geschlagen geben. Dieses Verlangen versengte seine Zweifel und überrollte seinen Körper mit dem Versprechen der höchsten Ekstase.
Sebastians andere Hand fasste in seine Braids, schlang sie sich um sein Handgelenk und bog seinen Kopf weiter nach hinten. An seiner Unterlippe wurde geknabbert und geleckt, während er seine Finger zu Bastians Schultern wandern ließ. Er musste sich festhalten, sein Körper gespannt wie eine Bogensehne und seine Hoden zogen sich unerwartet zusammen. „Diego.“
Er schauderte bei dem tiefen Grollen, mit dem sein Name ausgesprochen wurde. Bastians Atem strich warm über seine Haut, kurz bevor er mit den Zähnen über seine Kehle schabte. Sebastians Hände schienen überall gleichzeitig zu sein, glitten beruhigend über angespannte Muskeln und schweißnasse Haut. Sie liebkosten und massierten mit einer Zärtlichkeit, die ihn komplett auseinandernahm und neu zusammensetzte.
Als Bastian dann eine Hand zwischen sie schob, seine Beule packte, keuchte er auf und klappte seine Augenlider zu, während er sich in die Berührung drängte. So gut, so unglaublich, viel besser, als eine Hand sich über einem noch bedeckten Penis anfühlen sollte.
Sebastian knabberte an seinem Hals, drückte einmal fest zu und es war vorbei. Diego kam mit einem Schaudern, das alle Kraft aus ihm saugte, als er sich in seine Pants ergoss. Die Wucht seines Orgasmus war so heftig, dass er sich von innen nach außen gestülpt fühlte. Vage registrierte er, dass Bastian ihn runterbeugte, ihn auf eine harte Oberfläche legte, während er weiter Küsse auf seine Kehle hauchte.
Diegos Arme fielen an seinen Seiten hinunter und Sebastian umfasste sein Gesicht mit beiden Händen. Er zog ihn in einen trägen, dennoch hungrigen Kuss, der ihn innerlich wärmte und allerlei Wünsche weckte, die ihm bis dato unbekannt gewesen waren. Etwas Wichtiges war hier gerade geschehen, etwas Größeres, als dass er wie ein unerfahrener Teenager in seinen Jeans gekommen war. Er wollte nicht darüber nachdenken, bemüht die Euphorie nicht zu verlieren, die ihn schweben ließ. Vielleicht, wenn ich meine Augen geschlossen halte ... oder einfach nicht rede ...
***
Sebastian legte Diego auf seinen Schreibtisch, dessen Beine hingen über die Kante herunter. Verdammt, der Mann war pures Dynamit! So sehr er sich auch die Zeit nehmen wollte, sich in der Tatsache zu sonnen, dass er diesen Vulkanausbruch verursacht hatte, er konnte sehen, dass Diego von seinem Höhenflug wieder zur Erde segelte.
Bastian war noch nicht bereit, ihn zu verlieren und er spürte instinktiv, dass genau das geschehen würde, wenn sein Liebhaber jetzt aus der Tür verschwand. Er strebte danach mindestens ein zartes Band zwischen ihnen zu knüpfen, eine Verbindung, die den anderen Mann immer an ihn erinnerte. Normalerweise wäre Sex nicht seine erste Wahl, aber über Diegos Mauern zu klettern dauerte ihm zu lange, also musste er sie von unten sprengen.
Entschlossen drängte er sich zwischen die gespreizten Schenkel seines Liebhabers und sah das Flattern der Augenlider, hörte das Stocken der Atmung. Es versicherte ihm, dass Diego bei ihm war und seine Versuche, sich abzuschotten Bastian nicht standhielten. Mit langsamen, festen Strichen massierte er Diegos Oberschenkel.
Er hob die Beine seines Freundes an und schob ihn über die Tischplatte, bis er dessen Fersen auf die Kante des Tisches absetzen konnte. Seine Finger verhakten sich unter seinen Gürtel und zogen, brachten seinen Hintern nach vorne, um über Sebastians harte Erektion zu reiben. Diegos Hände zitterten, ballten sich zu Fäusten, öffneten sich wieder, als könne er nicht entscheiden, was er tun sollte. Bastian wiederholte die Bewegung, drängte seinen Schwanz gegen die festen Hinterbacken seines Partners und registrierte befriedigt, dass sich auf dessen Unterarmen Gänsehaut bildete.
Seine Hände glitten hoch, die Fingerspitzen wanderten unter Diegos Shirt über seinen Bauch. Harte Muskeln, absolut glatte Haut und Bastian konnte es nicht erwarten, mehr davon zu berühren, zu sehen. Er zerrte den Stoff nach oben, ließ seine Hände über den verführerischen Leib gleiten. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, als er die blanke Schokoladenhaut vor sich ausgebreitet sah. Der Brustkorb war ebenfalls glatt und weich und er fragte sich unwillkürlich, ob er überall rasiert war.
Leicht nahm er einen dunkelbraunen Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger und zwirbelte ihn - fest - und beobachtete dabei genau Diegos Reaktion. Dessen tiefes Stöhnen und der überraschte Ausdruck in den samtbraunen Iriden bestätigte Bastian nur in seinem Glauben, dass der Mann perfekt für ihn war.
Trotz seines derben Angebots eben strahlte Diego einen Hauch von Unschuld aus, als hätte sich nie einer die Zeit genommen, ihm zu zeigen, wie viel Lust einem der eigene Körper bereiten konnte. Oh, Sebastian bezweifelte nicht, dass der Mann eine Menge Erfahrung besaß. Er ging allerdings davon aus, dass diese nur aus unverbindlichen One-Night-Stands bestand, wo jeder nur schnell abspritzen wollte. Und er vermutete stark, dass Diego nie jemanden wirklich an sich rangelassen hatte, um es überhaupt zu versuchen. Nun, das würde er jetzt ändern. Er schob ihm das Shirt bis unter die Achseln, grub seine Finger in die ebenfalls glatte Haut dort und beugte sich vor. Er leckte über einen der festen Knubbel und wartete auf die Reaktion.
Diego stieß einen abgehackten Laut aus und hatte wohl seinen inneren Kampf verloren. Seine Hände packten Sebastians Kopf und drückten ihn an seine Brust, sein Verlangen deutlich. Bastian lächelte und nahm den Nippel zwischen seine Zähne, zerrte zunächst leicht, dann härter, als Diego sich ihm entgegenbog.
Sebastian verstand die stumme Aufforderung und biss zu, erhöhte den Druck allmählich. Diegos Atmung wurde hektisch, vermischte sich mit einem Wimmern - ein Laut, den er bestimmt noch nie von sich gegeben hatte - dachte Bastian selbstgefällig. Der Zug an seinen Haaren verstärkte sich und er schloss seine Lippen um die Areole, während er die Brustwarze mit Zähnen und Zunge bearbeitete.
Diego keuchte und eine seiner Hände glitt zu Bastians Nacken, drückte sanft, dann etwas fester, als der nicht stärker zubiss. Er hörte seinen Liebhaber fluchen und hatte gerade genug Zeit, sich auf den härteren Druck vorzubereiten. Er entließ den geschwollenen Nippel und nippte rasch an dem anderen, bevor Diego protestieren konnte.
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