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Cornelius Hartz

7x 7

WELTWUNDER

Berühmte Stimmen zu den bedeutendsten

Bauwerken der Antike


Impressum:

192 Seiten mit 52 Farbabbildungen und einer Karte

Coverabbildung: Athen, Parthenon

Frontispiz: Tivoli, Villa des Hadrian

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2012 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz am Rhein

ISBN 9783943904277

Gestaltung: Scancomp GmbH

Lektorat: Frauke Itzerott

Gestaltung des Titelbildes: Scancomp GmbH

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

1. digitale Auflage 2013

Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH

Weitere Titel aus unserem Verlagsprogramm finden Sie unter: www.na-verlag.de

Der Rosselenker berichtete leuchtenden Auges von den Kämpfen der mittelalterlichen Barone jener berühmten Stadt, als hätte der Analphabet Ferdinand Gregorovius studiert.

Es war eben ein Volk, bis ins Innerste durchdrungen von dem Bewußtsein, noch immer überall dort zu herrschen, wo es einstmals vor Jahrtausenden geherrscht hatte. Also über den halben Erdkreis!

Richard Voß, Brutus, auch Du!

Inhalt

Cover

Copyright

Titel

Zitat

Vorwort

Spanien und Südfrankreich


Brücke von Alcántara

Maison Carrée Nîmes

Aqüeducte de les Ferreres Tarragona

Pont du Gard Vers-Pont-du-Gard

Italien


Concordiatempel Agrigent

Olympieion Agrigent

Caracallathermen Rom

Circus Maximus Rom

Engelsburg Rom

Kolosseum Rom

Konstantinsbogen Rom

Mausoleum des Augustus Rom

Traianssäule Rom

Pantheon Rom

Saturntempel Rom

Titusbogen Rom

Theater von Taormina

Villa des Hadrian Tivoli

Griechenland


Tempel der Aphaia Ägina

Dionysostheater Athen

Erechtheion Athen

Hadriansbibliothek Athen

Olympieion Athen

Parthenon Athen

Stoa des Attalos Athen

Theater von Epidauros

Palast von Knossos Kreta

Zeustempel Olympia

Koloss von Rhodos

Heraion Samos

Türkei


Grabmal des Mausolos Bodrum

Apollontempel Didyma

Artemision Ephesos

Theodosianische Mauer Istanbul

Naher Osten


Jupitertempel Baalbek

Hängende Gärten Babylon

Ischtar-Tor Berlin

Pergamonaltar Berlin

Theater von Bosra

Tempel des Salomon Jerusalem

Tempel des Herodes Jerusalem

Festung von Masada

Schatzhaus des Pharao Petra

Ägypten


Tempel Ramses’ II. Abu Simbel

Bibliothek von Alexandria

Leuchtturm von Pharos Alexandria

Horustempel Edfu

Pyramiden von Gizeh

Obelisk von Luxor Paris

Glossar

Literaturhinweise

Quellennachweis

Abbildungsnachweis


VORWORT
Sieben Weltwunder sind nicht genug

Die Sieben ist eine magische Zahl. Sieben Wochentage, sieben Todsünden, siebter Himmel, Siebenschläfer, sieben Meere, sieben Geißlein und sieben Zwerge. Sieben Himmelskörper konnten die frühen Astronomen am Himmel ausmachen, dem Gott Apollon war die Zahl Sieben geweiht, sieben Arme hat die jüdische Menora … die Beispiele sind zahlreich. So gab es natürlich auch sieben Weltwunder, als man in der Antike daran ging, Reisenden Empfehlungen auszusprechen, was in fremden Landstrichen besonders sehenswert war.

Die älteste erhaltene Liste der sieben Weltwunder findet sich in einem Epigramm des Antipatros von Sidon (S. 136), verfasst ca. 100 v. Chr. Er nennt darin die Stadtmauern von Babylon, die Zeusstatue von Olympia, die hängenden Gärten von Babylon, den Koloss von Rhodos, die Pyramiden von Gizeh, das Grab des Königs Mausolos II. und den Artemis­tempel von Ephesos. Allerdings erfüllt das Gedicht einen bestimmten Zweck: All diese Bauwerke, so der Autor, habe er gesehen, doch die ersten sechs seien nichts gegen das siebte, den Artemistempel von Ephesos. In gewisser Weise hat er recht: Dieser Tempel ist der größte, der jemals in der griechisch-römischen Antike entstand.

In der Spätantike erfuhr diese Liste eine entscheidende Modifikation. Die Mauern von Babylon waren so weit dem Vergessen anheimgefallen, dass sie gestrichen und stattdessen durch ein immer noch existierendes technisches Meisterwerk ersetzt wurden – den einzigartigen Leuchtturm von Pharos in der Stadt Alexandria, das wohl höchste Bauwerk des Altertums. Schon dies zeigt die Subjektivität der damaligen Auswahl.

In dieser neuen Form wurde die Liste der sieben Weltwunder kanonisch für die Renaissancezeit, als man die Antike, ihre Bauten und ihre Bedeutung für die europäische Kultur wiederentdeckte und neu schätzen lernte. Die im 18., 19. und 20. Jh. methodisch immer weiterentwickelte Disziplin der Archäologie brachte längst vergessene Schätze ans Licht, die unter meterhohen Erd- oder Sandschichten verborgen waren, über denen im Mittelalter Städte entstanden waren, die zu Kirchen oder Festungen umgebaut worden waren oder die einst im Meer versanken. Die Museen Mitteleuropas, aber auch Amerikas und Asiens füllten sich mit Artefakten aus Rom, Griechenland und dem Orient.

Natürlich war man besonders begierig darauf, die sieben Weltwunder wiederzufinden. Doch da hatte man Pech: Nur noch die Pyramiden standen, wenn auch nicht ganz intakt, an Ort und Stelle; vom Artemis­tempel und dem Grab des Mausolos fand man immerhin noch Spuren. Alles andere war unwiederbringlich verloren (die Mauern von Babylon wurden zwar ausgegraben, gehörten aber längst nicht mehr zum Kanon). Und doch hat man inzwischen viele Dutzend weitere in der Antike entstandene Gebäude und Konstruktionen entdeckt, die ebenfalls einen Platz in der Liste der Weltwunder für sich beanspruchen können. Sie sind Wunderwerke antiker Technik, meisterliche Ingenieursleistungen und demonstrieren ein ums andere Mal, wozu der Mensch schon im Altertum fähig war, aber auch, was er das dunkle Mittelalter hindurch vergaß, verdrängte und verrotten ließ.

Nichtsdestotrotz haben auch die verschwundenen Weltwunder ihre Spuren hinterlassen: in der Literatur. Im 1. Jh. n. Chr. besuchte der Autor einer berühmten Naturgeschichte, Plinius der Ältere, Rhodos und hatte dabei Gelegenheit, den sagenumwobenen Koloss von Rhodos an Ort und Stelle zu bestaunen – freilich nachdem die Bronzestatue schon lange umgefallen und zerbrochen war: „Nur wenigen gelingt es, den Daumen mit den Armen zu umfassen, die Finger allein sind größer als die meisten Statuen. Wo die Glieder auseinandergebrochen sind, gähnen riesige Höhlen. Im Inneren sieht man auch noch die Felsbrocken, die durch ihr Gewicht das Aufstellen der Statue erleichterten.“ Doch die Literatur, die belletristische wie auch die Sachliteratur, vermag viel mehr als bloß mit Worten Gegenstände abzubilden: Sie kann uns Stimmungen und Gefühle vermitteln, uns Neues erleben lassen und reist mit uns in die Vergangenheit.

Alle 49 in diesem Band vorgestellten antiken „Weltwunder“ haben ihren Platz in der europäischen Literatur gefunden. Schriftsteller, Reisende, Dichter, Forscher, Unterhaltungsautoren von der Antike bis heute: Sie alle kommen hier, meist ausschnittsweise, zu Wort und spiegeln uns, wie man in ihrer Epoche und ihrem Kulturkreis die Begegnung oder Wiederbegegnung mit den Monumenten des Altertums erlebt hat – mal heiter, mal dramatisch, mal sachlich, nachdenklich oder auch unfreiwillig komisch. Bei den Textstellen ist das Jahr der Entstehung in Klammern gesetzt; die Orthographie der deutschen Originaltexte wurde getreu der Vorlage belassen.

Die Auswahl der jeweils kurz beschriebenen Monumente ist dabei zwangsläufig eine subjektive – wie es ja auch die antike Liste der sieben Weltwunder war. Immerhin folgt sie aber bestimmten objektiven Kriterien. So finden sich neben den kanonischen sieben Weltwundern die größten griechischen Tempel, die besterhaltenen Theater, die beeindruckendsten Profanbauten und die beliebtesten touristischen Sehenswürdigkeiten. Topographisch konzentriert sich der Band auf die Stätten der klassischen Antike im (weiter gefassten) Mittelmeerraum, vom römischen Spanien über Konstantinopel, das minoische Kreta, Babylon und Palästina bis nach Ägypten, und schlägt somit eine Brücke über mehr als 3000 Jahre antiker Baukunst. Der eine oder die andere mag bemängeln, dass ihr oder sein Lieblingsmonument fehlt – aber sicherlich werden mir alle Leser in einem zustimmen: Sieben Weltwunder sind einfach nicht genug!

SPANIEN & SÜDFRANKREICH

Die südlichen Gebiete waren die eigentliche Erbschaft Roms von den Karthagern und ihr Kern Andalusien; alles Land, was südlich lag bis nach Gades hin, zu den sogenannten Säulen des Hercules, wo das europäische und afrikanische Festland über die Meerenge einander grüßen.

Aus: W. F. A. Zimmermann,

Der Mensch, die Räthsel und Wunder seiner Natur (1871)


Brücke von Alcántara

Brücken gehören zu den großen architektonischen Meisterleistungen der alten Römer. Sie durchzogen Europa mit einem gut ausgebauten Straßennetz und ein ums andere Mal mussten sie dabei einen Fluss oder eine Schlucht überbrücken. Da Brücken, anders als z. B. Tempel, in der Regel im Mittelalter nicht ihre Funktionalität einbüßten, blieben sie oft relativ gut erhalten, wie diejenige bei Mérida oder der Pont Flavien. Die beeindruckendste Straßenbrücke aus römischer Zeit ist aber sicherlich die Brücke beim spanischen Alcántara, die seit über 1900 Jahren über den Tajo führt. 194 m lang und 50 m hoch gelegen ist ihre Fahrbahn und mitten darin steht, ebenfalls quasi unversehrt, ein Ehrenbogen für Kaiser Traian. Die Brücke besteht komplett aus Quadersteinen, die in der typischen Bauweise des späten 1. Jhs. n. Chr. ohne Mörtel auf­einan­der­ge­schich­tet sind und einander nur durch die ausgeklügelte Bauweise stützen (zugegeben: an ein paar neuralgischen Punkten helfen Metallklammern ein wenig nach). Heute ist die Brücke natürlich eine berühmte Sehenswürdigkeit; dass der Kunsthistoriker Jules Gailhabaud Mitte des 19. Jhs. erwähnt, sie sei „so wenig bekannt“, erstaunt bei einem so schönen und auch so alten Bauwerk, aber man muss bedenken, dass es zu dieser Zeit ja noch keinen Massentourismus gab. Und wer nahm eine Reise bis weit in die Extremadura auf sich, um sich eine Brücke anzusehen? Übrigens geht der Name der Stadt direkt auf dieses Bauwerk zurück: Die Mauren nannten sie, nachdem sie Spanien erobert hatten, „al-Qantara“ – das heißt nichts weiter als „die Brücke“.


Aus: Jules Gailhabaud,

Denkmäler der Baukunst (1850)

Jules Gailhabaud (1810–1888),

französischer Architekturhistoriker und Spezialist für antike und mittelalterliche Kunst, war Mitglied der Académie royale de Belgique und schrieb ein wegweisendes Werk über die antike Baukunst. 1871 fiel seine umfangreiche Bibliothek einem Brand zum Opfer.

In dem spanischen Estremadura zwei und eine viertel Stunde von der portugiesischen Gränze befindet sich an dem Rande einer wilden Bergschlucht, die der Tajo durchrauscht, eine kleine Stadt, die man für das Lancia oder Norba Caesarea der Alten nimmt, dem Plinius auch den Namen Norbensis colonia giebt. Von den Mauren im VIII Jahrhundert erobert, empfing sie von ihnen den Namen Al Cantera, die Brücke, wegen einer prächtigen antiken Brücke, dem Gegenstande dieses Aufsatzes, die für eines der schönsten Bauwerke dieser Art gelten kann. Diese so merkwürdige und so wenig bekannte Brücke ist allein in Laborde’s Voyage en Espagne beschrieben. Obwohl Laborde’s Zeichnungen dieser Brücke so wie seine Beschreibung derselben manche Ungenauigkeiten enthalten, so haben sie doch unserer Arbeit zur Grundlage gedient.

Auf der Mitte der Brücke erhebt sich ein kleiner Triumpfbogen, der von verschiedenen Völkerschaften dieses entfernten Theils Iberiens dem Kaiser Trajan, ihrem Landsmann, errichtet worden, wie eine vollkommen erhaltene Inschrift auf dem Friese dieses Bogens anzeigt […].

Der blosse Augenschein genügt um zu erkennen, dass Brücke und Triumpfbogen zu gleicher Zeit und nach einem Plane gebaut wurden, und aus der ersten Inschrift geht hervor, dass die Brücke im Jahre 103 unserer Zeitrechnung errichtet wurde. […]

Kriege und Eroberungen haben an der Brücke manche Veränderungen hervorgebracht: Thürme und Forts sind an den Enden der Brücke errichtet oder an dem Triumpfbogen angebaut worden, der selber eine Zinnenkrönung erhalten hat; von allen diesen Schmarotzerbauten existiert jetzt nur noch ein Thurm mit einigen zugehörigen Werken, die den Eingang der Brücke von der Landseite her vertheidigen, und die Strasse, die nach Portugal führt, beherrschen. Bei den verschiedenen Eroberungen der Stadt haben Mauren und Portugiesen mehrere Brückenbogen gesprengt, um die Passage über die Schlucht zu unterbrechen, ohne dass dadurch die übrig gebliebenen Theile an Festigkeit verloren haben; übrigens ist die Wiederherstellung der zerstörten Theile mit solcher Sorgfalt geschehen, dass sie den antiken Bau weder an Festigkeit noch an Schönheit weichen, und es schwer ist sie auf den ersten Blick von den alten zu unterscheiden.


Maison Carrée
Nîmes

Der besterhaltene römische Tempel steht nicht in Italien, sondern in Nîmes in Südfrankreich, in der früheren römischen Provinz Gallia Narbonensis. Er trägt den ebenso klangvollen wie pragmatischen Namen „Maison Carrée“ – „rechteckiges Haus“. Mit 26 x 13 m ist er nicht allzu groß (worauf Alphonse Daudet in witziger Weise anspielt), aber ein exzellentes Beispiel für den Podiumstempel, eine besondere Bauform, die in der augusteischen Zeit beliebt war. Agrippa, ein enger Vertrauter des Kaisers Augustus, ließ den Tempel etwa um 19 v. Chr. bauen und weihte ihn den Söhnen des Princeps. Schon im 4. Jh. bemächtigte sich die Kirche des Tempels und man machte u. a. ein Kloster daraus. Dadurch entging er so gut wie unbeschädigt der Zerstörung, ebenso die fensterlose Cella, die bei ganz wenigen antiken Tempeln auch nur ansatzweise erhalten ist. Die Umfunktionierung schützte das Gebäude jedoch nicht davor, im Inneren umgebaut und über die Jahrhunderte immer mehr in die umliegende Architektur integriert zu werden. Erst im 19. Jh. entfernte man die Umbauten und legte den Tempel wieder frei, indem man benachbarte Bauten abriss. Dabei kam auch ein Teil des großflächigen Forums wieder zum Vorschein, das den Tempel, der in der Antike im Stadtzentrum stand, einst umgab. Heute dient die Maison Carrée als 3-D-Kino: Im Inneren zeigt die Organisation Culturespaces Nîmes Romaine in kurzen Abständen einen 20-minütigen Film über die Geschichte der Stadt.


Aus: Alphonse Daudet,

Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon (1872)

Alphonse Daudet (1840–1897)

war ein französischer Schriftsteller und Mitglied der Pariser Bohème. ­Tartarin von Tarascon, eines seiner frühen Werke, blieb bis zu seinem Tod sein bekanntestes. Er ließ noch zwei Bände mit den Abenteuern des ­Protagonisten folgen.

Tartarin, der durch vielerlei Lektüre auf diesem Gebiete sehr unterrichtet war, gab mit größter Zuvorkommenheit jede nur erwünschte Auskunft, und das Ende vom Liede war, daß der Biedermann selbst nicht mehr recht wußte, daß er nicht in Schanghai gewesen war. So erzählte er denn auch mehr als hundertmal den Angriff der Tataren: seine Geschichte schloß regelmäßig mit den Worten: „Und nun ließ ich alle meine Angestellten bewaffnen, hißte die Konsulatsflagge, und dann ging’s piff, paff aus den Fenstern auf die Tataren.“ Staunend hörte der Klub die Erzählung an, und jeden überlief es kalt bei der Schilderung des Kampfes.

Nun möchte wohl so mancher meiner Leser einwerfen: „Dann war ja dieser Herr Tartarin ein ganz abscheulicher Lügner.“

O nein! Tartarin war durchaus kein Lügner.

„Aber er mußte doch recht wohl wissen, daß er niemals nach Schanghai gereist war.“

Nun ja, das wußte er allerdings. Und dennoch …

Ich will das näher zu erklären versuchen.

Es ist wirklich an der Zeit, sich ein für allemal darüber zu verständigen, daß die Bewohner der nördlichen Länder denen der südlich gelegenen ganz mit Unrecht den Vorwurf machen, sie seien alle zusammen Lügner. Es gibt keine Lügner im Süden, weder in Marseille noch in Nimes, weder in Toulouse noch in Tarascon. Der Südländer lügt eben nicht, er – irrt sich nur; er ist stets in einer eigentümlichen Selbsttäuschung befangen. Er sagt nicht immer die Wahrheit, das ist richtig – aber er glaubt doch immer, daß er sie sagt.

Die Lüge des Südländers ist keine Lüge, wenigstens ist sie nicht das, was man für gewöhnlich mit diesem Worte bezeichnet, sondern sie ist eine ganz merkwürdige Erscheinung.

Ja, ein merkwürdiges Etwas! Und wer mich nicht ganz versteht oder wer sich von der Richtigkeit meiner Behauptung überzeugen will, der gehe einmal nach dem Süden. Er wird sein Wunder erleben. Er wird den Dämon dieses Landes kennen lernen, in dem die Sonne alle Gegenstände so eigentümlich beleuchtet, daß sie in ganz anderen Dimen­sio­nen erscheinen, als sie in Wirklichkeit haben. Die kleinen Hügel der Provence, die nicht höher sind als der Montmartre, werden ihm als riesig hohe Bergzüge erscheinen. Die Maison carrée in Nimes, die auf dem Nippestisch Platz zu haben scheint, kommt ihm so groß vor, wie Notre-Dame in Paris.

Der Beschauer wird auch entdecken, daß der einzige südländische Lügner, wenn überhaupt von einem solchen die Rede sein kann, die – Sonne ist. Alles, worauf ihre Strahlen fallen, verändert und vergrößert sie. Was war denn Sparta zur Zeit seines höchsten Glanzes und Ruhmes? Ein Marktflecken. Und was war Athen? Höchstens das, was man heute als kleines Landstädtchen bezeichnet. Und doch erscheinen sie uns in der griechischen Geschichte als Großstädte. Die Sonne hat’s gemacht.


Aqüeducte de les Ferreres
Tarragona

Die Katalanen nennen diese eindrucksvolle Aquäduktbrücke „Pont del Diable“, „Brücke des Teufels“. Wann der Aquädukt errichtet wurde, ist nicht ganz klar; die meisten Anhaltspunkte sprechen dafür, dass er in augusteischer Zeit entstand, auf jeden Fall wohl im 1. Jh. n. Chr. Die Brücke zählt zu den besterhaltenen Beispielen aus römischer Zeit – wahrscheinlich weil sie mehrere Kilometer von der antiken Stadt Tarraco, dem modernen Tarragona, entfernt lag, sodass sie nicht allzu attraktiv für Steinräuber war. Außerdem versorgte die Wasserleitung, die über diese Brücke führte, bis ins Mittelalter hinein die Bevölkerung von Tarragona mit Wasser, sodass sie immer wieder ausgebessert wurde – und, wie man bei Joseph Townsend nachlesen kann, auch noch im 18. Jh., auf Kosten der Kirche. Heute findet man das Bauwerk an der Kreuzung der Autobahn AP7 mit der Schnellstraße N240. Aber es lohnt sich, an der dortigen Mautstelle zu parken und den 2005 hier entstandenen „Parc ecohistòric del Pont del Diable“ zu besuchen: 217 m lang ist die Brücke, 27 m hoch und im Großen und Ganzen so vollständig erhalten, dass sie aussieht wie frisch erbaut. Man kann sogar von einem Ende zum anderen darüberspazieren – wenn auch bitte ganz vorsichtig.


Aus: Joseph Townsend,

Reise durch Spanien in den Jahren

1786 und 1787 (1791)

Joseph Townsend (1739–1816)

war ein englischer Geistlicher, Arzt und Geologe. Er war einer der frühesten Verfechter der Einführung eines Systems zur sozialen Absicherung und Unterstützung der Armen. Außerdem entdeckte er ein Heilmittel gegen Syphilis.

Eine Stunde hinter Hospitalet kommt man in eine fruchtbare Ebene, welche auf der linken Seite von Bergen eingefaßt ist, und auf der rechten die See hat. Wir reisten nun einige Stunden durch einen beständigen Garten, der mit zahlreichen Dörfern besetzt ist, und ostwärts vor uns warfen die hohen Thürme ihrer Kirchen die Strahlen der untergehenden Sonne zurück. Dieses ergiebige Thal, Campo de Tarragona genannt, trägt in einer beständigen schnellen Folge hinter einander Weizen, Gerste, Mais, Bohnen, Erbsen, Garbanzos, Vicebohnen, Lauch, Zwiebeln, Knoblauch, Melonen, Gurken, Kalebassen, (cucurbita lignosa L.) Artischocken, Oliven, Oel, Wein, Mandeln, Granatäpfel, Feigen, Aprikosen, Johannisbrod, Flachs, Hanf, Seide, Luzerne, und allerley andre Gewächse, die theils zur Fütterung des Viehes, theils zur menschlichen Nahrung dienen.

In der Nähe von Tarragona wurden die Oelbäume niedergeschlagen, um den Weinreben Platz zu machen, zu einer Zeit da der Branntewein starken Abgang fand, seitdem dieser aber im Preise gefallen ist, hat man keine Oelgärten wieder angelegt.

Tarragona kann einen Liebhaber der Alterthümer unter allen spanischen Städten am meisten beschäftigen. Seine Aufmerksamkeit wird hier mannichfaltig gereizt, er findet Ueberbleibsel von einem Amphi­thea­ter, von einem Theater, von einem Circus, von einem Palast Augusts, von Tempeln, von einem Aquädukt, von Befestigungswerken, die zwar nicht von gleichem Alter mit jenen, aber doch auch alt sind.

Die Stadt hieß bey den Römern Tarraco. Man hat hier auch viele Münzen und Inschriften gefunden. Weil Scipio sie befestigte, so giebt man ein altes Grabmal, welches zwischen hier und Barcelona hinter Alta Fuilla linker Hand von der Strasse im Gebüsche steht, für das Grab des Vaters und Oheims vom Scipio Africanus, welche beyde in Spanien getödtet wurden, aus. […]

Die Wasserleitung bringt das Wasser 7 Stunden weit her und ist vermittelst einer Brücke über eine tiefe Ravine geleitet. Diese ist 700 Fuß lang und 100 Fuß hoch; unten hat sie 11 Bogen, und oben 25. Der verstorbne Erzbischof hat sie bloß auf seine Kosten wieder herstellen lassen.


Pont du Gard
Vers-Pont-du-Gard

Diese Aquäduktbrücke ist nicht nur eine der besterhaltenen ihrer Art, sie ist zugleich das größte römische Bauwerk, das man in Südfrankreich besichtigen kann – der Pont du Gard, benannt nach dem Fluss, der unter ihm hindurchfließt (auch wenn dieser heute „Gardon“ heißt und nicht mehr „Gard“). 275 m lang ist die Brücke, deren Wasser­leitung einst Nemausus (Nîmes) mit 20 Millionen Litern Wasser pro Tag versorgte. Bis ins Frühmittelalter wurde der Aquädukt als solcher genutzt, später dann zur Straßenbrücke umfunktioniert. Was der berühmte Aufklärer Rousseau im 18. Jh. in seinen „Bekenntnissen“ eindrucksvoll beschreibt, gilt heute nicht weniger: Wer unter dieser Brücke steht, die so hoch ist wie ein 15-stöckiges Gebäude, kann kaum anders als in Ehrfrucht vor der Baukunst der alten Römer zu erstarren, die selbst einem doch eigentlich alltäglichen „Gebrauchsgegenstand“ wie einer Leitung zur Versorgung der Bevölkerung mit Wasser etwas Erhabenes zu verleihen vermochte. Und dann die Nerven mit einem Schluck Evian, Perrier oder Volvic zu beruhigen.


Aus: Jean Jacques Rousseau,

Rousseau’s Bekenntnisse (1765)

Jean Jacques Rousseau (1712–1778)

war Philosoph und Pädagoge; er gilt als der bedeutendste Vertreter der ­französischen Aufklärung und einer der geistigen Väter der Französischen Revolution. Seine Bekenntnisse gelten als Geburtsstunde der modernen Autobiografie.

Ich beendete meine Reise, während ich sie in der Erinnerung noch einmal durchmachte, und jetzt sehr zufrieden, in einem guten Wagen zu sitzen, weil ich mit noch größerem Behagen von den genossenen Freuden und denen, die mir verheißen waren, träumen konnte. Ich dachte nur an Saint-Andiol und an das reizende Leben, das meiner dort wartete; ich sah nur Frau von Larnage und ihre Umgebung; das ganze übrige Weltall war für mich nichts, selbst Mama war vergessen. Ich beschäftigte mich damit, in meinem Kopfe alle die Einzelheiten zusammenzustellen, in welche mich Frau von Larnage eingeweiht hatte, um mir im voraus eine Vorstellung von ihrer Wohnung, ihrer Nachbarschaft, ihrem Verkehrskreise, ihrer ganzen Lebensweise zu geben. Sie hatte eine Tochter, von der sie mir sehr oft wie eine blind eingenommene Mutter erzählt hatte. Diese Tochter stand im sechszehnten Jahre, war lebhaft, reizend und von liebenswürdigem Charakter. Man hatte mir versprochen, ich würde von ihr auf Händen getragen werden, und ich war sehr neugierig mir vorzustellen, wie Fräulein von Larnage den guten Freund ihrer Mama behandeln würde.

Das waren die Gegenstände meiner Träumereien von Pont-Saint-­Esprits bis nach Remoulin. Man hatte mich zur Besichtigung des Pont du Gard aufgefordert, was ich nicht zu thun verabsäumte. Nachdem ich einige vorzügliche Feigen zum Frühstück gegessen hatte, nahm ich mir einen Führer und machte mich auf den Weg, mir den Pont du Gard anzusehen. Es war das erste Römerwerk, das ich sah. Ich hatte erwartet, ein Baudenkmal zu sehen, würdig der Hände, die es errichtet hatten. Aber dieses Werk übertraf meine Erwartung, und das war das einzige Mal in meinem Leben. Die Römer allein waren im Stande, eine solche Wirkung hervorzubringen. Der Anblick dieses einfachen und großartigen Werkes überwältigte mich um so mehr, weil es inmitten einer Einöde liegt, wo die Stille und Einsamkeit das Werk großartiger erscheinen lassen und die Bewunderung um so lebhafter machen, denn diese sogenannte Brücke war nur eine Wasserleitung. Man fragt sich, welche Macht diese ungeheuren Steine, so weit von jedem Steinbruch entfernt, hierher geschafft und die Arme von so vielen Tausenden von Menschen in einer unbewohnten Gegend zusammengebracht hat. Ich durchstreifte die drei Stockwerke dieses großartigen Gebäudes, auf welches die Ehrfurcht mir beinahe die Füße zu setzen verbot. Der Wiederhall meiner Schritte unter diesen unermeßlichen Gewölben kam mir wie die gewaltige Stimme ihrer Erbauer vor. Ich verlor mich wie ein Insekt in dieser Unermeßlichkeit. Ich hatte, so klein ich mich auch machte, ein eigenthümliches Gefühl, das mir die Seele erhob, und seufzend sagte ich zu mir: „Ach, daß ich nicht als Römer geboren bin!“

Mehrere Stunden blieb ich dort in einer entzückenden Betrachtung. Ich kehrte zerstreut und träumerisch von dort zurück, und diese Träumerei war der Frau von Larnage nicht günstig. Sie hatte wohl daran gedacht, mich gegen die Mädchen von Montpellier zu schützen, aber nicht gegen den Pont du Gard. Man denkt nie an alles.

ITALIEN

Bald danach saß der Kaiser mit seiner Gefolgschaft in den goldblinkenden Sätteln. Zehn riesige Fackeln warfen ihr unruhiges Licht über das schweigsame Forum – bis hinauf zu den Zinnen des Kapitols. Flammrot bestrahlt, ragten die Säulen des Saturnus­tempels und die düsteren Gemäuer des mamertinischen Kerkers zum wolkigen Himmel auf.

Ernst Eckstein, Nero (1897)


Concordiatempel
Agrigent

Im Valle dei Templi bei Agrigent kann man eine ganze Reihe atemberaubender Tempel entdecken, die zu einer Zeit entstanden, als Sizilien griechische Kolonie war. Der erstaunlichste unter ihnen ist der Concordia­tempel, irrtümlich benannt nach der römischen Göttin der Eintracht (es gibt Hinweise darauf, dass er eigentlich Kastor und Polydeukes geweiht war). Heute ist er einer der besterhaltenen griechischen Tempel überhaupt. Der knapp 40 x 17 m große Bau stammt aus der zweiten Hälfte des 5. Jhs. v. Chr. Seinen guten Erhaltungszustand verdankt er wohl v. a. der Tatsache, dass er Ende des 6. Jhs. vom Agrigenter Bischof in eine christliche Kirche umgeweiht wurde. Die darauf folgenden Umbauten sind inzwischen rückgängig gemacht worden, die letzte Restaurierung fand 2007 statt. Der Königsberger Historiker Ferdinand Gregorovius beschreibt den Tempel im 19. Jh. in einer Detailverliebtheit, die heutigen Beschreibungen, wie sie sich vor allem in Reise­führern finden, leider komplett abgeht. Man spürt in jeder Zeile das Bemühen, den Gegenstand Lesern nahezubringen, die vermutlich niemals das Glück haben werden, ihn sich im Original anzusehen.


Aus: Ferdinand Gregorovius,

Wanderjahre in Italien (1877)

Ferdinand Gregorovius (1821–1891)

war ein deutscher Historiker und gilt als einer der größten Mittelalter-

Fachleute seiner Zeit. Für sein Werk über die mittelalterliche Geschichte Roms wurde er als erster Protestant mit der römischen Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet.

Es folgt auf den Junotempel der wohlerhaltene Tempel der Concordia. Auch er liegt auf einem Hügel in malerischer Umgebung von dürrem, rotbraunem Gestein, von Trümmern und üppigem Wuchs der Kaktusbäume. Bis auf das Dach, welches fehlt, ist er vollständig, mit beiden Fronten und allen seinen Säulen. Gleich dem Junotempel steht er auf vier Stufen; auch er hat einen Portikus von 34 Säulen in derselben Verteilung, so daß der Prospekt 6, die Seiten 13 zählen. Sie haben 20 Kannelierungen und eine Höhe von 6,83 m, 1,27 m im Durchmesser. Die Länge des Baues beträgt 42,12 m, die Breite 19,68 m, das ganze Gebälk hat eine Höhe von 2,98 m, so daß der Fries fast um 0,25 m höher ist als der Architrav. Es blieb also der Tempel durch die Karthager unzerstört und widerstand siegreich allen Unbilden der Zeit. Seine wohlerhaltene Herrlichkeit lockte im Mittelalter das Christentum, ihn zur Kirche zu benutzen, und so wurde sein Verfall glücklich abgewendet. Die Zelle schuf man im 15. Jahrhundert zu einer Kapelle um, welche dem heiligen Gregorio delle Rape, Bischof von Girgenti, geweiht wurde. Damals brach man in die Seitenwände derselben die zwölf Bogen ein, die man noch heute sieht, und die, weil sie in einem dorischen Tempel widersinnig sind, diejenigen beirren, welche von ihrem Ursprung nichts wissen. Später wurde die Kirche verlassen, und im Jahr 1748 stellte der Prinz Torremuzza den Tempel wieder her. Fazello hat ihm den Namen Concordia beigelegt, mit welchem ein dorisches Heiligtum nichts zu tun hat; er wurde dazu durch eine lateinische Inschrift verleitet, die man dort vorfand. Unter allen Tempeln Italiens und Siziliens hat kein einziger die Zelle so ganz erhalten wie dieser; denn sogar bis auf die Treppen, welche an ihrem östlichen Eingang auf das Dach führen, ist jeder Teil stehengeblieben und gibt nun ein vollkommenes Bild des dorischen Tempelbaus.

Es ist überhaupt der vollständigste und herrlichste Tempel Siziliens, denn jener von Segesta, dessen Portikus und Fronten gleichfalls erhalten sind, ward doch nicht vollendet, da sich keine Spur von einer Zelle auffinden läßt und die Säulen noch ohne Kannelierung sind. Die majestätischen braunen Säulen, basenlos, mäßig verjüngt, die weitausladenden Kapitäle, die schönen Verhältnisse des Gebälks, welches den Schmuck seiner Triglyphen ganz bewahrt hat, die einfache Größe der Architektur, bringen den reinsten Wohllaut hervor. Und wohl zeigt der dorische Bau, die schönste architektonische Form des Altertums überhaupt, nicht minder anschaulich, als es Plastik und Poesie vermögen, welche klare Kraft und Harmonie in der Seele des griechischen Volkes lebte, weil es imstande war, diese einfachsten architektonischen Gesetze zu finden. Man kann sich beim Anblick eines dorischen Tempels nicht der Betrachtung enthalten, in welchen großen und einfachen Rhythmen sich überhaupt das Leben der Griechen bewegt haben muß, wenn eben die gesamte natio­nale Empfindungsweise, die jedes Volk am allgemeinsten und sichtbarsten in der religiösen Architektur ausspricht, sich in solcher Gestalt darstellen durfte. Wir verstehen diese Harmonie, welche so einfach ist wie ein geometrisches Grundverhältnis, sehr wohl, aber das volle Gefühl ihres innern Zusammenhangs mit dem Wesen des Volks selbst können wir nicht mehr besitzen. So wenigstens glaube ich, daß der christliche Tempel von Monreale, das schönste Gegenbild dieses Concordiatempels, in seinem Zusammenhange mit den Lebensformen des Mittelalters uns viel lebendiger und begreiflicher erscheinen muß. Hätte Sizilien nichts mehr als diese beiden Gebäude, die Denkmäler oder Repräsentanten zweier großer Kulturen, so würde es schon um ihretwillen eins der merkwürdigsten Länder sein. Der dorische Tempel ist das leibhafte Abbild der strengen griechischen Weltordnung und ihrer tragischen Notwendigkeit; aller Zufall wie alles Phantastische ist von dieser ernsten Form abgeschieden, deren majestätische Einheit nicht zersplittert werden darf; kein vorwiegend malerisches Prinzip kommt zur Herrschaft, noch irgend Aufwand von Zeichnung, noch Spiel mannigfaltiger Gebilde. Dies gibt erst das christliche Gemüt vollständig frei und breitet sich malerisch in Arabesken und Mosaiken und Steinfigurenwerk jeder Art aus. Der dorische Tempel ist schmucklos bis auf die Triglyphen und die Skulpturen in den Metopen und Giebelfeldern, bis auf die schöne und einfache Zeichnung von Blättern und Mäandern am Gesimse; doch entbehrt er nicht der polychromen Malereien, deren Anwendung man in vielen Tempeln Siziliens nachweisen kann. Was endlich kann schmuckloser sein als die basenlose dorische Säule, deren ernstes und mächtiges Kapitäl imposanter wirkt als die späteren Formen ionischen und korinthischen Stils. Es scheint mir der dorische Tempel sehr charakteristisch für die ernste Natur Siziliens und für ein Land, welches eine nationale Begabung für die strenge Wissenschaft der Mathematik besaß.


Olympieion
Agrigent

Neben dem Concordiatempel, einem der besterhaltenen griechischen Tempel, hat das Valle dei Templi bei Agrigent noch einen weiteren Superlativ zu verzeichnen: Der Tempel des olympischen Zeus, kurz: Olympieion, war der weltgrößte Tempel im dorischen Stil und belegt Platz 2 der größten griechischen Tempel überhaupt. Um 480 v. Chr. begann die Errichtung des 113 x 56 m großen und 20 m hohen Gebäudes. Auch wenn es niemals ganz fertiggestellt wurde und heute nur mehr ein Trümmerhaufen zu besichtigen ist, so geben doch immerhin die Überreste eines sogenannten Telamon im Museum von Agrigent – einer der Atlas-Figuren, die auf halber Höhe zwischen den Säulen an der Außenfassade angebracht waren und das Tempeldach zu tragen schienen – einen Eindruck von der enormen Größe des Bauwerks; allein diese Atlanten waren 7,50 m hoch. Noch vor den ersten systematischen modernen Ausgrabungen im „Tal der Tempel“ in den 1830er-Jahren erhielt Goethe von seinem Freund Leo von Klenze ein Gemälde geschenkt, das eine Rekonstruktion des Olympieion zeigte und für das er sich per Brief bedankte; noch heute streitet sich die Forschung, wie der Tempel nun genau aussah, und wenn man die Stätte besucht, bietet sich einem leider immer noch das gleiche Bild wie Goethe – „ein mißgestaltetes Chaos“ durcheinandergewürfelter Säulenfragmente. Doch immerhin vermag der gefundene Telamon (dessen Nachbildung an Ort und Stelle liegt) einem ein vages Gefühl der alten Größe zu vermitteln.


Brief Johann Wolfgang von Goethes

an Leo von Klenze (3. Mai 1828)

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1831) war der bekannteste ­Vertreter der Weimarer Klassik und gilt vielen als bedeutendster deutscher Dichter schlechthin. Seine Reise nach Italien 1786–88 verewigte er literarisch und gab so wichtige Anstöße für die Beschäftigung mit der Antike.

Für das früher angekündigte und in diesen Tagen angekommene, höchst erfreuliche Bild habe meinen Dank zu beeilen alle Ursache.

Gar wohl erinnert es mich lebhaft an jene Zeiten, wo ich in Gegenwart dieses herrlichen Meers und Ufers, in der Nähe solcher niedrigen Hütten, durch viele Zäune durchbrechend, eine ganze Reihe kleiner Besitzungen durchschreiten und endlich nach vollendetem Überklettern eines unebenen Bodens mir selbst bekennen mußte, daß wenig gesehen und nichts gewonnen sey. Der tiefen Canneluren erinnere ich mich noch, ingleichen des breiten Triglyphen, wie ich ihn mit meinen Gliedern ausmaß; von menschlicher oder thierischer Gestalt hingegen war keine Spur, auch nicht die mindeste Annäherung an einen Begriff von Größe und Raum, so daß alles bis ganz neuerlich mir als ein mißgestaltetes Chaos vor der Seele lag.

Aufräumungen und Reinigung sind geschehen, Entdeckungen gemacht, Altes bestätigt, Neues gefunden, davon mir auch einige Kenntniß zugegangen; aber das Wünschenswertheste leistet denn doch das mir so freundlich-geneigt übersendete Bild, das auf eine wundersame und gleichsam magische Weise als lakonisches Fragment den Tempel, wie er möchte gestanden haben, zugleich mit seiner Umgebung in der Einbildungskraft hervorruft.

Der so glücklich in dem geschmackvollen Ganzen restauriert aufgestellte Koloß gibt der mächtigen Ruine eine ganz originelle Anmuth. Die kunstreiche Anordnung, die sorgfältigste Ausführung werden durchaus anerkannt, auch erlauben sie die Weimarischen Kunstfreunde, nächstens von ihrer Dankbarkeit ein unzweydeutiges Zeugniß abzulegen.



Caracallathermen
Rom

Eine der größten zivilisatorischen Leistungen des alten Rom waren die Thermen. Öffentliche Badeanstalten mit Kalt- und Warmwasserbecken, saunaähnlichen Schwitzsälen, Räumlichkeiten für Sport und Entspannung, geradezu Tempel zur Körperpflege und Wellness. Die heute noch am besten erhaltene der drei größten, nach Kaisern benannten Thermenanlagen sind die Caracallathermen. 206 n. Chr. ließ Kaiser Septimius Severus den riesigen Bau beginnen, abgeschlossen wurde er (mit Ausnahme kleinerer Anbauten) etwa 216/17, zur Zeit des Caracalla. Die über 100.000 m2 große Anlage mit Sälen „von übertriebener und unerklärlicher Weite und Höhe“, wie Émile Zola treffend schreibt, bot den Besuchern nicht nur mehrere Schwimmbecken, sondern auch eine Bibliothek, Konferenzräume, diverse Friseure, Masseure, ruhige Gärten und noch einiges andere. Mehrere tausend Besucher verzeichneten die mit kunstvollen Mosaiken, teurem Marmor und zahlreichen Statuen geschmückten Thermen – täglich. Das Ganze funktionierte nur aufgrund der fortschrittlichen Technologien in der Wasseraufbereitung und Heizungstechnik; so waren ständig mehrere Dutzend Sklaven damit beschäftigt, die großen Heizöfen zu betreiben, die das Wasser erwärmten. Bis ins 6. Jh. waren die Caracallathermen in Betrieb, dann setzten die Goten dem Vergnügen ein Ende: Die Wasserleitung, die die Thermen versorgte, fiel ihrer Zerstörungswut zum Opfer. Was bleibt, sind gewaltige Ruinen und eine ganze Reihe Statuen, nicht zuletzt der berühmte „Farnesische Stier“, die größte erhaltene antike Statuengruppe (heute im Nationalmuseum in Neapel).


Aus: Émile Zola, Rom (1896)

Émile Zola (1840–1902) war ein französischer Journalist und Romancier. Er gilt als Leitfigur des literarischen Naturalismus. Viele seiner die Umwelt genau beobachtenden Romane gehören zu einem 20-bändigen Zyklus über die Geschichte der Familie Rougon-Macquart. Sein größter Erfolg war Nana (1880).

Aber gegen Südosten erweiterte sich der Horizont und er bemerkte jenseits des Titusbogens und des Konstantinbogens die große Masse des Kolosseums. Ah, dieser Koloß, von dem die Jahrhunderte wie mit einem ungeheuren Sensenhieb nur die Hälfte abgerissen haben, bleibt in seiner Ungeheuerlichkeit, in seiner Majestät bestehen! Mit seinen Hunderten von leeren, in das Himmelsblau gähnenden Fenstern gleicht es einer Spitze aus Stein. Es ist eine Welt von Vorhallen, Treppen, Treppenabsätzen, Korridoren, eine Welt, in der man sich inmitten der Einsamkeit und der Stille des Todes verliert. Im Innern gleichen die zerbrochenen, von der Lust verwitterten Stufen den ungestalteten Staffeln eines alten, erloschenen Kraters, einer Art natürlichem Zirkus, den die Macht der Elemente mitten in den unzerstörbaren Felsen geschnitten. Aber die heiße Sonne von achtzehnhundert Jahren hat diese Ruine verbrannt und rot gefärbt; sie ist, seit sie ihrer Vegetation, der ganzen Flora beraubt wurde, die diesen Winkel zu einem Stück Urwald machte, in den Naturzustand zurückgekehrt, ist nackt und vergoldet wie die Flanke eines Berges. Und nun, was für eine Vision, wenn die Phantasie dieses tote Knochengerüst wieder mit Fleisch, Blut und Leben bekleidet, den Zirkus mit den neunzigtausend Zuschauern füllt, die er fassen konnte, die Arenaspiele und Kämpfe vorüberziehen läßt und eine ganze Zivilisation, vom Kaiser und seinem Hof bis zu dem hohlen See der Plebs in all der Erregung und dem Glanz eines ganzen, von Leidenschaft entstammten Volkes unter dem roten Widerschein des gigantischen Purpurvelums zusammenhäuft! Weiterhin am Horizont befand sich noch eine zweite cyklopische Ruine, die Thermen des Caracalla; auch sie sind als Spur einer von der Erde verschwundenen Rasse von Riesen übrig geblieben. Da sind Säle von übertriebener und unerklärlicher Weite und Höhe, zwei Vorhallen, in denen man die Bevölkerung einer Stadt empfangen kann, ein Frigidarium, dessen Becken auf einmal fünfhundert Badende aufnehmen konnte, ein Tepidarium, ein Caldarium von gleichem Umfang, der Sucht nach dem Ungeheuerlichen entsprossen. Und die erschreckende Masse des Monumentes, die Dicke der Pfeiler, wie keine Festung ihresgleichen hat – diese ganze Unendlichkeit, in der die Besucher wie verirrte Ameisen aussehen! Es ist ein so außerordentliches Schwelgen in Mörtel und Ziegeln, daß man sich fragt, für welche Mengen dieses ungeheuerliche Gebäude wohl erbaut worden sein mochte, heutzutage könnte man sie für uralte, von irgend einer Höhe herabgestürzte Felsen halten, die hier zum Baue einer Titanenwohnung zusammengehäuft wurden.

Pierre wurde von der maßlosen Vergangenheit, in der er nun untertauchte, überwältigt. Von allen Seiten, von allen vier Richtungen des ungeheuren Horizontes wurde die Geschichte wieder lebendig und stieg wie eine überschäumende Flut zu ihm auf. Diese bläulichen, unabsehbaren Ebenen im Norden und Osten, das war das alte Etrurien; im Westen zeichneten sich die zackigen Kämme des Sabinergebirges ab, während gegen Süden das Albanergebirge und Latium sich unter dem Goldregen der Sonne ausdehnten. Auch Alba Longa war da, und der eichengekrönte Monte Cavo mit seinem Kloster, das den alten Jupitertempel ersetzt hat. Dann, zu seinen Füßen, jenseits des Forums, jenseits des Kapitols breitete sich Rom selbst aus. Gegenüber lag der Esquilin, zu seiner Rechten der Coelius und der Aventin; die anderen, die er nicht sehen konnte, der Quirinal, der Viminal, befanden sich links, hinter ihm, am Ufer des Tiber, lag der Janiculus. Und die ganze Stadt erzählte ihm einstimmig die Geschichte ihrer toten Größe.


Circus Maximus
Rom

Eine Arena für Wettkämpfe, die inklusive Zuschauertribünen 600 x 140 m misst und 380.000 Zuschauer fasst – das ist für heutige Verhältnisse unvorstellbar. Und doch gab es sie im alten Rom: den Circus Maximus. Circus-Arenen fand man im ganzen Imperium, doch der Circus Maximus war die größte und älteste. Seine Geschichte reicht zurück bis in die römische Königszeit; erst unter Caesar wurden die hölzernen Tribünen teilweise durch steinerne ersetzt. Der Circus erhielt jedoch schon vorher seine kanonische Form, mit einem Mittelstreifen, der die längliche Rennbahn teilt, auf einer Seite gerade abgeschlossen, auf der anderen oval. Bis zu 24 Wagenrennen am Tag fanden hier statt, wenn Zirkusspiele (zu denen auch Tierhetzen und Gladiatorenkämpfe gehörten) anberaumt wurden. Für die Römer war der Eintritt gratis, denn die Zirkusspiele fanden im Rahmen von öffentlichen Festen statt, an denen die Arbeit ruhte – eine willkommene Gelegenheit zum Ausspannen, da man im alten Rom keine Sonntagsruhe kannte. Die beliebteste Veranstaltung im Circus waren die Rennen, bei denen man auf bestimmte Wagenlenker bzw. Teams wettete. Auch die Kaiser mochten den Rennsport: Domitian ließ den nahegelegenen Kaiserpalast im 1. Jh. n. Chr. so ausbauen, dass er die Rennen sozusagen direkt von seiner Terrasse aus verfolgen konnte. Im 1. Jh. spielt auch der Roman Ben Hur, dessen Protagonist in der entscheidenden Szene ein Wagenrennen im Circus von Jerusalem bestreitet; dabei erfährt der Leser, dass er seine Fähigkeiten bereits früher im Circus Maximus bewiesen hat – leider entgegen aller historischen Genauigkeit, denn als Adoptivsohn eines Konsuls hätte er gar nicht an Wagenrennen teilnehmen dürfen. Dieses war den untersten Schichten vorbehalten.


Aus: Lewis Wallace, Ben Hur (1880)

Lewis Wallace (1827–1905)

war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Politiker. Von literarischer Bedeutung ist allein seine Erzählung Ben Hur, die Ende des 19. Jhs. das meistverkaufte belletristische Werk der Welt war und den historischen Roman entscheidend beeinflusste.

„Auch dir, Sohn des Arrius, wünsche ich Glück. Deine Farbe ist Weiß, Messalas Scharlach und Gold. Die Wirkungen dieser Wahl sind bereits erkennbar. Knaben rufen in den Straßen weiße Bänder zum Verkaufe aus, morgen wird jeder Araber und Jude in der Stadt eins tragen. Im Zirkus wirst du sehen, daß Weiß ziemlich gleichmäßig mit Rot die Galerien teilen wird.“

„Die Galerien, aber nicht die Tribüne über der Porta Pompä.“

„Nein, dort wird Scharlach und Gold vorherrschen. Aber wenn wir gewinnen“ – Malluch konnte bei dem Gedanken ein vergnügtes Lachen kaum unter­drücken – „wenn wir gewinnen, wie werden die hohen Herren zittern! Sie werden natürlich ihrer Verachtung alles Nichtrömischen entsprechende Wetten eingehn und zwei, drei, fünf gegen eins auf Messala setzen, weil er ein Römer ist.“ Seine Stimme noch mehr dämpfend, fügte er hinzu: „Es steht einem Juden, der im Tempel einen guten Platz einnimmt, schlecht an, sein Geld in dieser Weise aufs Spiel zu setzen, doch, im Vertrauen gesagt, ich werde einen Freund unmittelbar hinter dem Sitz des Konsuls haben, der Wetten von drei oder fünf oder zehn gegen eins annehmen wird – bis zu dieser Höhe mag ihre Tollheit steigen. Ich habe ihm zu diesem Zwecke eine unbegrenzte Anweisung ausgestellt.“

„Ja, Malluch,“ sprach Ben Hur, „veranlasse ihn, Wetten mit Messala und seinen Anhängern zu suchen. Je höhere Wetten Messala eingeht, um so besser. Vielleicht kann ich sein Vermögen mit seinem Stolze vernichten. Darum bleibe nicht beim Angebot von Sesterzien stehn. Biete Talente, wenn sich jemand findet, der so hoch zu gehn wagt. Fünf, zehn, zwanzig Talente; ja fünfzig, wenn die Wette mit Messala selbst gilt!“

„Das ist eine ungeheure Summe,“ sprach Malluch. „Ich müßte Bürgschaft stellen.“

„Das sollst du. Geh zu Simonides und sage ihm, daß ich die Sache geordnet wünsche. Sage ihm, daß es mein Wunsch und Wille sei, meinen Feind zugrunde zu richten, und daß die Gelegenheit günstig genug sei, um es auf ein solches Wagnis ankommen lassen zu können. Der Gott unserer Väter möge mit uns sein! Geh, guter Malluch, laß die Gelegenheit nicht entschlüpfen.“

Freudig erregt nahm Malluch von ihm Abschied und wandte sich zum Fortreiten, kehrte aber sogleich wieder um.

„Vergebung!“ sprach er zu Ben Hur. „Ich habe noch etwas mitzuteilen. Ich konnte Messalas Wagen nicht selbst in der Nähe besichtigen, ließ ihn aber durch einen anderen messen, und wie dieser mir mitteilt, steht seine Radnabe eine ganze Handbreit höher über dem Boden als die deinige.“

„Eine Handbreit! So viel!“ rief Ben Hur voll Freude.

In diesem Augenblick brach Ilderim in laute Rufe des Erstaunens aus.

„Ha, bei der Herrlichkeit Gottes! was ist das?“

Er trat zu Ben Hur und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle der Bekanntmachung.

Ben Hur nahm das Papier, das vom Präfekten der Provinz als dem Veranstalter der Spiele unterschrieben war. […] Die Stadt veranstalte das Schauspiel zu Ehren des Konsuls. Der Preis bestehe in hunderttausend Sesterzien und einem Lorbeerkranze. Dann folgte eine Beschreibung der einzelnen Viergespanne, die zugelassen waren.

I. Viergespann des Korinthiers Lysippus: Zwei Grauschimmel, ein Brauner, ein Rappe. Als Mitrenner eingeschrieben voriges Jahr in Alexandrien und ebenso in Korinth, wo sie Sieger waren. Lenker: Lysippus. Farbe: Gelb.

II. Viergespann des Römers Messala: Zwei Schimmel, zwei Rappen. Sieger bei den vorjährigen Wettspielen im Zirkus Maximus. Lenker: Messala. Farben: Scharlach und Gold.

III. Viergespann des Atheners Kleanthes: Drei Grauschimmel, ein Brauner. Sieger bei den Isthmischen Spielen im vorigen Jahre. Lenker: Kleanthes. Farbe: Grün.

IV. Viergespann des Byzantiners Dikaios: Zwei Rappen, ein Grauschimmel, ein Brauner. Im letzten Jahre Sieger in Byzanz. Lenker: Dikaios. Farbe: Schwarz.

V. Viergespann des Sidoniers Admetus: Vier Grauschimmel. Dreimal in Cäsarea eingeschrieben und dreimal Sieger. Lenker: Admetus. Farbe: Blau.

VI. Viergespann Ilderims, Scheiks der Wüste. Alle vier braun. Erstes Rennen. Lenker: Ben Hur, ein Jude. Farbe: Weiß

Lenker: Ben Hur, ein Jude!

Weshalb dieser Name statt Arrius? – Ben Hur blickte Ilderim an. Beide kamen zu demselben Schlusse: Das war die Hand Messalas!


Engelsburg
Rom

Ein klangvoller Name, Engelsburg. Selbstverständlich hieß dieses imposante Gebäude am Tiber in der Antike anders, nämlich „Hadrianeum“: Es ist das Mausoleum des Kaisers Hadrian. Noch zu seinen Lebzeiten begann der Bau, den der Kaiser selbst entwarf, ein Jahr nach seinem Tod 138 n. Chr. wurde das Grabmal fertiggestellt. Sieben römische Kaiser wurden hier bestattet, neben Hadrian u. a. Mark Aurel und Caracalla. 64 m misst der Rundbau im Durchmesser, 20 m ist er hoch. Die baulichen Anklänge an das Augustusmausoleum (s. S. 52) sind unverkennbar; wahrscheinlich war auch die Oberseite dieses Grabmals bepflanzt und auch hier stand wohl auf der Spitze eine Statue des Kaisers. Umfunktioniert wurde das Hadrianeum zum ersten Mal unter Kaiser Aurelian (Ende 3. Jh.), der es in die stärker ausgebaute Stadtmauer integrierte, zur Verteidigung der Stadt gegen Angriffe von außen; ab hier war es tatsächlich eine Burg. Der Name „Engelsburg“ stammt der Legende nach aus dem Jahr 590, als Papst Gregor eine Erscheinung hatte: Er sah den Erzengel Michael mitsamt gezücktem Schwert auf der Burg stehen und das Ende der in Rom wütenden Pest verkünden. Die Folge: Hadrians Skulptur wurde entfernt, ein Engel mit Schwert aufgestellt. Heute säumen zehn weitere Engelsstatuen die Brücke aus dem Jahr 133 n. Chr., die über den Tiber zur Engelsburg führt. Ihr Name ist natürlich: „Engelsbrücke“. Die Engelsburg wurde zum Zufluchtsort für Päpste, nicht zuletzt beim legendären Sacco di Roma 1527. Es entstanden ein berüchtigtes Verlies und eine Hinrichtungsstätte für päpstliche Feinde (wie der Bericht Friedrich von Oppeln-Bronikowskis lebhaft zeigt), dazu Waffenkammern und Zugbrücken, schließlich schaffte man sogar Kanonen an. Alles in allem also ein harmloser Name für ein äußerst wehrhaftes Gebäude.


Aus: Friedrich von Oppeln-Bronikowski,

Schlüssel und Schwert (1929)

Friedrich von Oppeln-Bronikowski (1873–1936)

war ein deutscher Kulturhistoriker und Schriftsteller. Seine Erzählungen beschäftigen sich vielfach mit Preußen und dem Militär. In seinen späten Schriften setzte er sich kritisch mit dem Antisemitismus aus­einan­der.

Nach der Huldigung des römischen Adels hatte Sixtus den Senator und die Konservatoren von Rom empfangen und drohend Gehorsam verlangt. Und an demselben Tage, wo er den Orsini eingeschüchtert hatte, erschrak ganz Rom über das erste Zeichen seiner Strenge.

Um den ewigen Morden und Straßenkämpfen Einhalt zu tun, verordnete er etwas sehr Einfaches: er verbot das Waffentragen bei Todesstrafe. Vier junge Windbeutel, die während des Interregnums von den Sforza angeworben waren, hatten dies Verbot nicht befolgt und waren mit ihren Büchsen nach Hause gegangen. Sie wurden verhaftet und sofort zum Tode verurteilt. Am Abend erschienen mehrere Kardinäle bei Sixtus und stellten ihm vor, daß vor der Krönungsfeierlichkeit noch nie ein Mensch hingerichtet worden sei. Doch er blieb unerbittlich. „Wir können Unsere eigenen Verordnungen nicht Lügen strafen“, sagte er fest. Und am nächsten Morgen wurden die vier Jünglinge vor der Engelsburg gehenkt. […]

So hatte sich Sixtus binnen drei Tagen Achtung verschafft. Ein Blick, ein Wort, eine Tat hatten genügt. Aber der schwerere Teil seiner Aufgabe lag außerhalb Roms: die Ausrottung der Banditen. Sie konnte nicht von heute auf morgen gelingen. […] Seit Menschengedenken hatte es Banditen gegeben, und zählte man alle zusammen, so überstiegen sie gegenwärtig die Zahl aller italienischen Truppen. Wer diese Eiterbeule aufschneiden wollte, konnte einen allgemeinen Umsturz herbeiführen, die weltliche Macht des Kirchenstaates völlig zerstören. Es war noch ein Glück, daß das Konklave so schnell zu Ende gegangen war, doch inzwischen hatten sie Zeit gehabt, sich zu sammeln, und so lagerten sie schon vor den Toren Roms, wie die Horden Alarichs oder Attilas. Am klügsten schien es, sie nicht zu reizen, aber Sixtus nahm den Kampf auf Leben und Tod an.

Er begann mit einem Geniestreich. Er verzichtete auf das strittige Lehen, das Gregor dem Fürsten Colonna entrissen hatte, und söhnte ihn so mit dem Heiligen Stuhle aus. Dann benutzte er eine Erkrankung des Fürsten, um dessen Bravi in seinen Dienst zu nehmen und die Räuber durch ihresgleichen auszutilgen. Er unterstellte diese kriegerprobten Leute dem Bruder des Fürsten, dem Kardinal Colonna, und schickte den Signor Giacomo zum Teufel.

An ihrer Spitze zog der Kirchenfürst ins Feld, griff die einzelnen Räuberbanden an, wo er sie fand, und machte viele nieder; den Rest drängte er auf das Gebiet von Neapel. Den Hauptschlag führte er gegen die Bande des Priesters Guercino, dem Gregor einst die Absolution für vierzig Morde erteilt hatte. Der Räuberhauptmann selbst fiel in die Hände der Sieger. Sixtus ließ ihm den Kopf abschlagen und ihn zum blutigen Hohn, mit einer goldenen Krone geschmückt, vor der Engelsburg ausstellen. So endete der „König der Campagna“, dessen Horden einst Donna Camillas unglücklichen Eidam ermordet hatten. Sie selbst fuhr zur Engelsburg hin und nickte befriedigt beim Anblick des scheußlichen Hauptes.

Seitdem ergriff lähmender Schrecken die Räuber, und wie durch Zauberschlag war die Campagna von dieser Plage befreit.


Kolosseum
Rom

Was der Parthenon für Athen, das ist das Kolosseum für Rom: Wahrzeichen und Zeuge einer großen Vergangenheit. Errichtet wurde es ab 72 n. Chr. durch Vespasian, durchaus als politischer Akt: Der frischgebackene Kaiser nutzte als Baugrundstück ein Gebiet am Hügel Esquilin, auf dem der beim Volk verhasste Nero zuvor seine domus aurea, sein „goldenes Haus“, hatte bauen lassen – ein Palast, so groß, dass der Dichter Martial ihn als eigenen „Stadtteil“ beschreibt (immerhin etwa 800.000 m2). Mit knapp 530 m Umfang ist das Kolosseum nicht ganz so groß, aber dennoch gewaltig; 50.000 Zuschauer hatten Platz darin. Vespasian erlebte die Fertigstellung nicht mehr, erst im Jahr nach seinem Tod, 80 n. Chr., eröffnete Kaiser Titus feierlich das Kolosseum oder Amphitheatrum Flavium, so sein offizieller Name, nach dem Kaisergeschlecht der Flavier. Im Rahmen dieser Feierlichkeiten starben etwa 5000 Tiere und natürlich auch unzählige Gladiatoren. Dass das Kolosseum mitten in der großen Stadt, wo die Nachfrage nach Baumaterial nie versiegte, heute noch in einem einigermaßen akzeptablen Zustand ist, liegt daran, dass der Papst es im 18. Jh. zur heiligen Märtyrerstätte erklärte – immerhin wurden hier zahlreiche Christen öffentlich hingerichtet. Diese Tatsache trägt sicherlich zur Faszination bei, die die heutigen Besucher des Kolosseum genauso erfüllt wie die Figuren in Jean Pauls Roman Titan (auch wenn der Autor selbst niemals in Italien war).


Aus: Martial,

Das Buch der Spiele (80 n. Chr.)

Martial (40–ca. 102 n. Chr.)

war ein römischer Dichter, der ursprünglich aus Nordspanien stammte und fast ausschließlich Epigramme verfasste. Über 1500 dieser oftmals satirischen Kurzgedichte sind erhalten. Sein Buch der Spiele erschien anlässlich der Eröffnung des Kolosseums in Rom.

Hier, wo sich das Gebäude des erhabenen Amphitheaters erhebt,

befanden sich einst die Teiche des Nero.

Hier, wo wir das schnell errichtete Geschenk der Thermen bewundern,

hat ein majestätisches Grundstück einst den Armen die Wohnung geraubt.

Hier, wo heute die claudische Säulenhalle Schatten spendet,

stand noch der äußerste Teil des Hofs, der nun fort ist.

Rom ist sich selbst zurückgegeben worden und unter deiner Aufsicht, Kaiser,

erfreut heute das Volk, was zuvor nur den Kaiser erfreute.

Aus: Jean Paul, Titan (1803)

Jean Paul (1763–1825),

bürgerlich Johann Paul Richter, war ein deutscher Schriftsteller und gilt als einer der Wegbereiter der literarischen Epoche der Romantik. Mit seinen hintergründigen Romanen wurde er schnell bekannt, auch wenn Goethe und Schiller seinen oft humorvollen Stil ablehnten.

Sie gingen über das Forum auf der via sacra zum Coliseo, dessen hohe zerspaltene Stirn unter dem Mondlicht bleich herniederschauete. Sie standen vor den grauen Felsenwänden, die sich auf vier Säulenreihen übereinander hinaufbaueten, und die Flammen schossen hinauf in die Bogen der Arkaden, hoch oben das grüne Gesträuch vergoldend und tief in die Erde hatte sich das schöne Ungeheuer schon mit seinen Füßen eingegraben. Sie traten hinein und stiegen am Gebürge voll Felsenstücke von einem Sitze der Zuschauer zum andern; Gaspard wagte sich nicht zum sechsten oder höchsten, wo sonst die Männer standen, aber Albano und die Fürstin. Da schauete dieser über die Klippen auf den runden grünenden Krater des ausgebrannten Vulkans herunter, der einst auf einmal neuntausend Tiere verschlang und der sich mit Menschenblut löschte – der Flammenschein fuhr in das Geklüft und ins Geniste des Efeus und Lorbeers und unter die großen Schatten des Mondes, die wie Abgeschiedne sich in den Höhlen aufhielten – im Süden, wo die Ströme der Jahrhunderte und der Barbaren hereingedrungen waren, standen einzelne Säulen und geschleifte Arkaden – Tempel und drei Paläste hatte der Riese mit seinen Gliedern genährt und gefüttert, und noch schauete er lebendig mit seinen Wunden in die Welt.

„Welch ein Volk!“ (sagte Albano) „Hier ringelte sich die Riesenschlange fünfmal um das Christentum – Wie ein Hohn liegt drunten das Mondlicht auf der grünen Arena, wo sonst der Kolossus des Sonnengottes stand – Der Stern des Nordens schimmert gesenkt durch die Fenster, und der Drache und die Bären bücken sich. Welch eine Welt ist vorüber!“ – Die Fürstin antwortete, „daß zwölftausend Gefangne dieses Thea­ter baueten und daß noch weit mehrere darauf bluteten“. – „O die Bau-Gefangnen haben wir auch,“ (sagt’ er) „aber für Festungen; und das Blut fließet auch noch, aber mit dem Schweiß! Nein, wir haben keine Gegenwart, die Vergangenheit muß ohne sie die Zukunft gebären.“

Die Fürstin ging weg, um einen Lorbeerzweig und blühenden Güldenlack zu brechen. Albano versank ins Sinnen – der Herbstwind der Vergangenheit ging über die Stoppeln – auf dieser heiligen Höhe sah er die Sternbilder, Roms grüne Berge, die schimmernde Stadt, die Cestius-Pyramide, aber alles wurde zur Vergangenheit, und auf den zwölf Hügeln wohnten, wie auf Gräbern, die alten hohen Geister und sahen streng in die Zeit, als wären sie noch ihre Könige und Richter.


Konstantinsbogen
Rom

Triumphbögen gehören zu den bildmächtigsten Monumenten der römischen Antike. Auf dem und um das Forum Romanum herum finden sich gleich drei; der größte von diesen steht vor dem Kolosseum an der Via Triumphalis, kurz bevor die Via Sacra in sie einmündet: der gewaltige Konstantinsbogen, hoch wie ein sechsstöckiges Gebäude. Errichtet wurde der 25 m breite und über 20 m hohe Triumphbogen 312–315 n. Chr., um den Sieg Kaiser Konstantins I. über Maxentius zu feiern, seinen Widersacher innerhalb des „Tetrarchie“ genannten Vierherrscherkollektivs, das über ein Jahrzehnt lang das Römische Reich unter sich hatte. In der legendären Schlacht an der Milvischen Brücke fiel Ende Oktober 312 die Entscheidung – Maxentius unterlag, obgleich er über wesentlich mehr Soldaten verfügte. Der Herausforderer, sein Schwager Konstantin, wurde letztendlich zum alleinigen Kaiser Roms und spielte eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung und Anerkennung des Christentums im Reich. Berühmt geworden ist die Legende, Konstantin habe vor dieser Schlacht eine Erscheinung in Form eines christlichen Kreuzes gehabt, auf dem auf Griechisch stand: „In diesem Zeichen wirst du siegen“ (auf Latein: „in hoc signo vinces“). Interessant ist, dass oben am Triumphbogen alte Reliefmedaillons aus der Zeit Traians angebracht wurden; sie ermöglichen einen direkten Vergleich der künstlerischen Stile. J. J. Winckelmann, der „Vater der Kunstgeschichte“ und Begründer der modernen Archäologie, geht mit den konstantinischen Darstellungen hart ins Gericht. Nach dem Grad der „Schönheit“ gemessen, wie er sie definiert, sind sie auf der Skala jedenfalls ganz weit unten angesiedelt. Es kommt eben doch nicht nur auf die Größe an.


Aus: Johann Joachim Winckelmann,

Gedanken über Kunstwerke (ca. 1760)

Johann Joachim Winckelmann (1717–1768)

war ein deutscher Archäologe und gilt als Begründer der modernen Kunstgeschichte. Seine Geschichte der Kunst des Alterthums war eine bahnbrechende Publikation und beeinflusste wie kein zweites Werk die Entwicklung der Archäologie.

Man muß nicht aus einem oder dem andern Werke, oder gar aus schlechten Arbeiten auf die Komposition der Alten schließen. Man würde ungerecht sein gegen die Alten, wenn man sie in diesem Punkte nach den großen Basreliefs unter Constantins Bogen richten wollte. Man siehet hier drei Gesichter in einer Linie, zwei andere Köpfe so nahe aneinander gegen sich gekehrt, als Personen, die sich küssen wollen, und unter den drei bezeichneten Köpfen zwei andere ebenfalls in einer Linie.

Man kann den Unterschied zwischen den Arbeiten der Künstler zu Konstantins Zeiten und der Arbeit zu den Zeiten des Trajanus miteinander vergleichen an dem Triumphbogen Constantins. Die Figuren der vier Flüsse in den Eken des Bogens und die vier Victorien über dem Bogen unter der Cornische sind abscheulich; die ovalen erhobenen Arbeiten hingegen sehr schön.

Es gehet mit dem Urtheil über Werke der Kunst wie mit Lesung der Bücher: man glaubet zu verstehen, was man lieset, und man verstehet es nicht, wenn man es erklären soll. Ein anderes ist, den Homerus lesen, ein anderes ist, ihn im Lesen zugleich zu übersezen. Mit Geschmak die Werke der Kunst ansehen und mit Verständigkeit sind zwei verschiedene Dinge, und aus einem allgemeinen richtigen Gedanken über dieselben ist nicht auf die Kenntniß zu schließen, so wie es nicht folget, wenn Cicero saget, „daß Kanachus oder Kalamis härter als Polyktus gewesen,“ daß er gründlich verstanden habe, was er schrieb. (?) […]

Die Schönheit ist nichts anderes, als das Mittel von zwei extremis. Wie eine Mittelstraße in allen Dingen das Beste ist, so ist sie auch das Schönste. Um das Mittel zu treffen, muß man die beiden extrema kennen. Gott und die Natur hat das Bessere gewählt, und die Schönheit der Form bestehet selbst darin, daß sich Dinge zu einem Mittel verhalten. Die Uniformität macht keine Schönheit. Unser Gesicht konnte also nicht wie das Gesicht der Thiere aus zwei Theilen, Stirn und Nase, bestehen. Die Harmonie ist vollkommen in ungleichen Zahlen; zwei Dinge neben einander thun ohne ein drittes nicht gut, wenn aber die Gleichheit der Zahlen wächst, so wird die Uniformität unmerklicher, und sie nehmen die Natur der ungleichen Zahlen an.

Vermuthlich ist die Kunst nach folgendem Grade gestiegen: Erstlich suchete man die Form an sich, alsdann die Proportion, sodann Licht und Schatten, hierauf die Schönheit der Form, alsdann das Colorit, ferner die Gratie der Gewänder, dann die Fülle der Gewänder.


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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
Объем:
255 стр. 109 иллюстраций
ISBN:
9783943904277
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