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Clemens Brentano

Brentanos Märchen

Saga

Brentanos MärchenCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1847, 2020 Clemens Brentano und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726762549

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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Das Märchen von den Märchen oder Liebseelchen

Es war einmal ein König von Schattentalien, der hatte eine einzige Tochter, die er sehr liebte und darum Liebseelchen nannte. Aber leider war sie unter einem traurigen Stern geboren und stets so still und traurig und nie zum Lachen zu bringen, dass alle, die sie kannten, sie statt Liebseelchen Trübseelchen nannten, weil sie immer so trübselig aussah. Hierüber war nun ihr königlicher Herr Vater, der lieber gewollt hätte, sie möge sich bucklicht lachen, sehr unwillig und wendete alles an, um sie aufzuheitern. Bald liess er die Hoftrompeter auf Sechspfennigstrompeten zur Tafel blasen, aber sie lachte nicht und fand die Musik sehr ernsthaft; bald liess er allen Gänsen, die der Hirt zum Tor hinaustrieb, papierne Haarbeutel anhängen, aber sie lachte nicht und fand den Zug sehr anständig; bald liess er eine Menge Hunde wie die bekanntesten Hofherrn ankleiden, und sie mussten ihm durch die Beine tanzen, wozu er auf der Geige spielte, ohne dass er es konnte, aber sie lachte nicht und meinte, der Hofball wäre recht angenehm, weil man sie nicht auffordere — und noch tausend andere solche Spässchen hatte er umsonst versucht. Sie blieb immer, ohne eine Miene zu verziehen, so ernsthaft wie ein Arzneiglas, und der König hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, sie jemals lachen zu sehen, als ihm noch ein Gedanke einfiel, der ihm selbst so possierlich vorkam, dass er laut an zu lachen fing. „Wohlan“, sagte er, „will Liebseelchen nicht drüber lachen, so will ich mir doch einmal eine lustige Stunde geben; denn ich armer König bin vor lauter vergeblichem Spassmachen selbst ganz betrübt geworden.“

Der Platz vor dem Schloss war von spiegelglatt geschliffenem Marmor. In die Mitte dieses Platzes liess er einen Springbrunnen von Öl machen, der sich über den Platz ergoss und denselben noch schlupfriger machte, so dass es nicht leicht möglich war, über den Platz zu gehen, ohne zu fallen. Es war am Neujahrstag, als er diesen Spass anstellen wollte, weil er wusste, dass dann auf diesem Platze eine ausserordentliche Menge geputzter und gezierter Leute in allerlei närrischen neuen Modekleidern herumzuspazieren pflegten, um sich einander das neue Jahr abzugewinnen. Er versprach sich tausend Spass, wenn er dachte, wie die Putznarrren und -närrinnen gleich Grillen und Heuschrekken auf dem Platze herumspringen würden, um sich keine Ölflecken in ihre Neujahrsröcke zu machen, und wie sie endlich doch zur Strafe ihrer Eitelkeit an die Erde fallen müssten.

Als der Morgen herankam und das Neujahr schon mit Glockengeläut, Pauken und Trompeten in der Stadt angekündigt war, kam die Prinzessin Liebseelchen zu ihrem Vater an das Bett, küsste ihm die Hand und sprach so ernsthaft als ein Puthahn: „Ich wünsche Euer Majestät ein glückseliges neues Jahr, und dass Sie noch viele untertänigste Jahre in Allerhöchstem Wohlsein zu erleben geruhen mögen.“ Der König umarmte seine Tochter und sprach: „Gleichfalls, liebstes Liebseelchen, aber wenn du mich nicht vor der Zeit unter die Erde bringen willst, so tue mir die Liebe an und lache einmal von Herzensgrund!“ Das war aber fehlgegriffen; denn Liebseelchen fing an zu weinen und sagte: „Wie soll ich lachen, wenn Euer Majestät vom Sterben reden?“ Da sprang der König aus dem Bett, setzte geschwind seine Krone auf, nahm seinen Zepter in die Hand und wollte mit den Worten „Ei, das müsste doch der Guckuck sein, wenn ich dich nicht sollte zum Lachen bringen!“ im Schlafrock, wie er war, mit der Prinzessin hinaus auf den Balkon treten; Liebseelchen aber sagte: „Herr Vater, vergessen Sie nicht, Ihren Mantel anzulegen.“ Zornig legte er seinen goldnen Mantel an; denn er dachte vor sich: „Dass ich so, im Schlafrock und ohne Perücke, die Krone auf der Nachtmütze tragend, hinaus vor das Volk treten wollte, darüber hätte sie eigentlich schon ordentlich lachen können, aber es ist nichts mit ihr anzufangen.“

Da er nun ganz königlich angekleidet war, setzte er sich mit ihr auf den Balkon, um zu sehen, wie die Leute sich auf dem Ölplatze betragen würden. Zuerst kamen die Bauern, um dem König Glück zu wünschen. Da sie aber teils barfuss gingen, teils tüchtige, mit Nägeln beschlagene Stiefeln anhatten, so gingen sie recht fest auf dem glatten Boden, und die, welche Stiefeln anhatten, patschten mit Vergnügen in dem Öl herum, weil ihnen das ihr Lederwerk dauerhaft und geschmeidig machte; viele, die mit Holzschuhen kamen, zogen diese aus und nahmen sie mit Öl gefüllt nach Haus und bedankten sich noch recht schön bei Ihro Majestät. Aber als später allerlei geputzte und gezierte Stadtleute kamen, gab es mancherlei für den König zu lachen, wenn sie, um sich nicht zu beschmutzen, auf den Fussspitzen einherhüpften und bei dem ersten Bückling, den sie machten, ausglitten und übereinander herfielen; aber auch bei den lächerlichsten Zufällen lachte die Prinzissin Liebseelchen nicht, sondern bedauerte immer nur die armen Leute, mit welchen der König einen so unschicklichen Spass trieb, worüber dieser sehr ergrimmt den Balkon verliess und ihr sagte, sie sei ein recht widerwärtiger Sauertopf. Liebseelchen aber blieb allein auf dem Balkon sitzen und fiel in eine tiefe Traurigkeit über den Unwillen ihres Vaters; denn sie konnte gar nicht begreifen, wie es nur möglich sei, über etwas zu lachen, wodurch andere Leute in Schaden oder Spott kämen.

Indem sie so über den Ölplatz hinsah, von welchem sich die Neujahrsgratulanten, auf allerlei Art verunglückt, beinah schon alle zurückgezogen hatten, kam auf einmal eine sehr kuriose Figur anspaziert, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog, nämlich eine sehr alte französische Mademoiselle, welche in der Residenz der Schrecken aller Kinder war, die bei ihr in die Schule gingen, und die der armen Prinzessin mit ihren verdrehten und verzwickten Sitten und ihren vielen Regeln des guten Betragens und feinen Akzents, die sie durch ihre spitze Nase hervortrompetete, auch manche qualvolle Stunde gemacht hatte, da sie früher Unterricht bei ihr hatte. Diese französische Närrin liess sich von zwei ebenso lächerlichen französischen Tanzmeistern auf einem vergoldeten Tragstuhl gegen das Schloss hintragen. Sie war nach der lächerlichsten neuen Mode gekleidet und eingeschnürt wie eine Spindel, dazu geschminkt rot und weiss und blau wie eine französische Nationalkokarde, schnitt Gesichter rechts und links und drehte sich wie ein Ohrwurm, der in den Honigtopf gefallen. Die beiden Tanzmeister machten die lächerlichsten Sprünge mit ihr durch das Öl, aber sie fielen nicht; denn wenn sie auch wenig stolperten, so machten sie gleich einen Entrechat hinterdrein, dass es immer aussah, als wäre es lauter Kunst.

Da diese lächerliche Gesellschaft mitten auf dem Platz angekommen war, wendete sich die alte Hexe — denn das war sie — gegen die Prinzessin und begann einen langen französischen Neujahrswunsch mit den affektiertesten Stellungen von dem Tragstuhl herab zu deklamieren, wo immer das erste Wort „amour“ das zweite „plaisir“, das dritte „la cour“, das vierte „souvenir“, das fünfte „bonheur“ das sechste „douceur“ war, und als sie recht in die Furie der Begeisterung kam, trat die alte Zieraffe auf den Sitz des Tragstuhls und machte eine Stellung, als ob sie fliegen wollte, und sagte:

Ce sont les vœux que tracent

Les amours et les graces

Avec le griffle de l’histoire

Dans le marbre de la memoire;

Acceptez, princesse, les offrandes

De votre très humble servante,

Mademoiselle

Zephise

la marquise

de Pimpernelle.

Aber, perdauz! da flog sie vom Tragstuhl Herunter in das Ölbad, und die beiden Herrn Tanzmeister fielen mit über den Haufen, und es war, als ob der Prinzessin alle Schnürbänder zerplatzten; denn „hi, hi, hi“ und „ha, ha; ha“ fing sie so entsetzlich an zu lachen, dass sie sich den Leib mit beiden Händen halten musste, und „hi, hi, hi“ und „ha, ha, ha“ ging es immer fort; dazu bliesen hundert Trompeter und wirbelten fünfzig Pauker und wurden hundert Kanonenschüsse gelöst und mit allen Glocken geläutet; denn der König hatte alles vorausbestellt, wenn die Prinzessin lachen sollte. Und da er hinter einem Fensterladen zugesehen, hatte er gleich bei dem Gelächter Liebseelchens eine Pistole zum Fenster hinaus losgeschossen, welches das Zeichen war, dass die Festivitäten losgehen sollten.

Indessen waren viele Menschen herzugelaufen und lachten auch über die Strafe, welche die unvernünftige Mademoiselle Pimpernelle erlebt hatte. Die hatte sich endlich ohne alle Grazie, so beschmiert sie war, aufgemacht, und vor Zorn glühend, machte sie zwei Fäuste gegen die lachende Liebseelchen und schrie:

Du lachst über mich, Liebseelchen,

Du sollst weinen über mich, Trübseelchen!

Denn keinen andern Mann sollst du haben

Als einen, der ist schon längst begraben:

Aus dem kalten Grab von Marmorsteinen

Sollst du den Prinzen Röhropp herausweinen!

Diesen Fluch gibt dir die Mademoiselle

Zephise

Marquise

De Pimpernelle.

Und als sie diese Worte in heftigem Zorne ausgesprochen, fing sie an, an allen Orten wie ein Feuerwerk zu brennen; die zwei Tanzmeister drehten sich auch wie Feuerräder, sie knisterten und knasterten, und mit Zisch und Zasch und Nakedakdakdak fuhr die ganze Gesellschaft wie Raketen in die Luft und verschwand über der Stadt mit einem Pech- und Schwefelgeruch. Eine alte Schnürbrust, eine Perücke und ein paar Fischbeine fielen an die Erde; sonst sah man nichts mehr.

Der König begab sich nun voller Freuden zu Liebseelchen, um ihr für ihr Lachen zu danken. Er fand in ihrem Vorzimmer einen jungen Pagen. Der warf sich ihm zu Füssen und sprach: „Gnädiger König, wollt mir eine Belohnung geben, denn ich bin eigentlich schuld an dem ganzen Gelächter. Da die abscheuliche Pimpernelle so lächerlich auf dem Tragstuhl stand, reichte ich den beiden Tanzmeistern, welche den Tragstuhl hielten, eine Prise vom feinsten Schnupftabak, und weil sie mit beiden Händen die Arme des Tragstuhls hielten, musste ich ihnen die Prise in die Nase reiben, worauf sie so heftig niesten, dass die Pimpernelle durch die Erschütterung mitsamt ihnen über den Haufen fiel.“ Der König lachte hierüber nochmals von Herzen und machte ihm eine goldne Schnupftabaksdose mit seinem Gemälde in Brillanten gefasst zum Geschenk, mit dem Befehl, dass er sie an dem Strumpfband der Pimpernelle, das man auf dem Platz gefunden, an dem Hals tragen solle. Hierauf gab er ihm noch den Auftrag, dass heute abend die ganze Stadt solle erleuchtet sein, und ging dann in die Stube der Liebseelchen.

Aber wie erstaunte der König, da er diese nicht weniger als lachend antraf! Sie war vielmehr trauriger als je und wiederholte immer den Fluch der Pimpernelle:

Aus dem kalten Grab von Marmorsteinen

Sollst du den Prinzen Röhropp herausweinen.

Der König gab sich alle Mühe, ihr dies auszureden, aber alles war vergebens, so dass er sie endlich verliess, um nähere Anstalten zu der Beleuchtung zu treffen, in der Hoffnung, sie werde vielleicht heute nacht die Grillen verschlafen.

Die Sonne ging unter, die Nacht kam heran, und viele tausend Lampen brannten an allen Fenstern der Stadt. Alle Gassen waren voll lustiger, lachender Leute; besonders waren viele junge Fräuleins, welche die garstige Mademoiselle Zephise Marquise Pimpernelle sehr gequält hatte, voller Freude und sangen durch alle Strassen:

Die Mademoiselle

Zephise Marquise

De Pimpernelle

Fuhr in die Hölle.

Und so ging der Zug nach der Wohnung der alten Zauberin. Man brach die Türen ein und warf alle ihre Perücken und Schnürbrüste und Schminktöpfe und Fischbeine und allen Lumpenkram zum Fenster hinaus, machte ein grosses Feuer daraus und tanzte und sprang herum; dabei stand der lustige König und lachte so herzlich, dass er ganz seine Tochter Liebseelchen vergass.

Während dieser allgemeinen Freude hatte Liebseelchen etwas ganz anderes vor. Der Gedanken an den Prinzen Röhropp, den sie aus dem Grab weinen sollte, hatte ihre Seele so eingenommen, dass sie keine Ruhe und keine Rast mehr hatte. Sie machte sich ein Bündel Kleider zusammen, legte alle ihre Juwelen hinein, schlich sich in den Stall, packte das Bündelchen auf ihr kleines weisses Pferdchen, setzte sich drauf und ritt hinten durch den Schlossgarten zur Stadt hinaus. Kein Mensch bemerkte sie, denn alle Dienerschaft des Schlosses lief in der Stadt herum, die Beleuchtung zu sehen.

Bald verlor sie die lärmende, flimmernde Stadt aus den Augen und ritt in einen tiefen Wald hinein, wo sie, in der Dunkelheit der Nacht, ihrer Trauer recht nachhängen konnte. Auf einmal kam sie mit ihrem Pferdchen an einen reissenden Bach, an welchem drei alte Mütterchen sassen; die waren steinalt, krummgebückt und stützten sich auf Krücken und sprachen:

Da stehen wir mit der Krücke

Am Wasser ohne Brücke,

Wir tragen wohl hundert Jahre schwer,

Ach, wer nur erst überm Wasser wär!

Da sprach Liebseelchen zu ihnen:

Meinem Schimmelchen sein Rücken,

Der ist so gut wie Brücken,

Sitzt hinter mich hübsch nach der Reih!

Hinüber trag ich euch alle drei.

Da setzte sich das eine alte Mütterchen hinter Liebseelschen, und sie trieb ihr Pferdchen ins Wasser und schwamm hinüber und setzte die Alte ans Land, schwamm wieder zurück und holte die zweite und zuletzt auch die dritte Alte glücklich hinüber. Als sie alle drüben waren, dankten sie. Liebseelchen sehr, und da sie sagten, dass sie noch ein ziemlich Stückchen Weg an den Ort ihrer Bestimmung hätten, setzte Liebseelchen sie immer abwechselnd auf ihr Pferdchen, damit sie nicht so müde wurden. Unterwegs plauderten die Alten allerlei; aber Liebseelchen war immer still und dachte an den Prinz Röhropp in den Marmelsteinen, den sie sollte aus dem Grab herausweinen.

Auf einmal kamen sie an einen freien Platz im Wald, da schien der Mond so hell wie Silber, und in der Mitte stand ein grosser Nussbaum voll Nüsse, die klinkerten und klankerten, vom Winde bewegt, wie goldne Glocken. „Nun“, sagten die Alten, „sind wir da.

Wir Alten mit den Krücken,

Am Wasser ohne Brücken,

Kamen auf Schimmels Rücken,

Wo wir jetzt Nüsse pflücken.

Das Klettern fällt uns gar zu schwer,

Ach, wenn nur eine Leiter da wär!

Da sprach Liebseelchen:

Ich steig auf Schimmelchens Rücken

Und schlag die Nüsse mit den Krücken,

Das ist so gut wie Pflücken.

Klinkele, klankele in dem Wind,

Nun hebt die Nüsse auf geschwind!

Und das ging prächtig. Liebseelchen stellte sich auf ihren Schimmel und schlug die Nüsse mit einer Krücke herunter, aber die Alten waren noch nicht zufrieden und sangen:

Wir Alten mit den Krücken,

Wir haben müde Rücken

Und können uns nicht bücken,

Das Nüsselesen fällt gar zu schwer,

Ach, wenn nur alles im Sack drinne wär!

Aber Liebseelchen war unermüdet gefällig und sammelte den Alten alle Nüsse in den Sack, so dass sie endlich sehr müde ward, und da die alten Mütterchen sie seufzen hörten, sagten sie: „Genug, mein Kind, genug, du seufzest so schwer, du bist so müd!“ „Ach“, sagte Liebseelchen:

Ich seufze nicht aus Müdigkeit,

Ich seufz aus grossem Herzeleid.

Prinz Röhropp liegt tot in Marmorsteinen,

Den muss ich aus dem Grab herausweinen.

„O weh! O weh!“ sagten da die alten Mütterchen. „Das wird viel Tränen kosten, da wirst du viel weinen müssen, armes Kind!

Doch fasse. Mut,

Wir sind dir gut,

Wir wollen dir hier schenken

Drei Nüsse zum Angedenken.

Kömmst du in Not und grosse Pein:

So knacke eine Wünschelnuss,

Dann wird dir gleich geholfen sein

Zu Lust und Freud und Überfluss.

Da gab ihr jede eine Nuss, die knüpfte sie in ihre Schürze und stieg zu Pferd, und die Alten riefen:

Leb wohl! leb wohl! gradaus,

So kömmst du aus dem Wald hinaus!

Und nach diesen Worten verschwanden die Alten in der Luft, und der Schimmel flog mit Liebseelchen durch die Büsche, dass ihr die Haare sausten und die Nüsse in der Schürze klingelten.

Schon war sie über Berg und Tal gekommen, da hörte. der Schimmel auf zu galoppieren und trabte. Schon war sie durch den jungen Wald und über die Moosheide gekommen, und der Himmel war voll Sterne, und der Mond ging unter; da hörte der Schimmel auf, so stark zu traben, und ging einen starken Schritt. Schon war der Himmel weiss gegen Morgen, die Hasen gingen schon in die Kohlfelder nach ihrem Morgenbrot, Hähne krähten in der Ferne, und die Haare Liebseelchens und die Mähne ihres Schimmelchens waren nass von Morgentau; da ging der Schimmel einen sehr langsamen Schritt, und Liebseelchen, matt und müd, nickte mit dem Kopf und schlief ein und wusste nichts mehr von sich, aber der Schimmel ging seinen leisen Schritt fort und frass hie und da ein bisschen Gras, das am Rande der Gartenfelder stand, durch welche bereits der Weg ging. Auf einmal stand der Schimmel still; Wasser spritze Liebseelchen ins Gesicht, sie wachte auf, rieb sich die Augen. Da sahe sie, dass ihr Ross aus dem Becken eines Springbrunnens trank, dessen Strahl sie benetzt hatte.

Dieser Springbrunnen stand auf einem grossen freien Platz, an der einen Seite eines marmorsteinernen Grabmals, auf welchem ein geharnischter Ritter mit gefaltnen Händen lag, und zur andern Seite des Grabmals sprang noch ein Springbrunnen, auf dem Grabmal aber sang eine Schwalbe ihr Morgenlied. Das weisse Grabmal schimmerte rötlich von der Morgensonne, welche in der Ferne über den Türmen einer grossen Stadt aufzog. Der Schimmel schlürfte ruhig das Wasser ein und schüttelte sich. Da kam Liebseelchen erst recht zu sich, sprang vom Sattel und sagte: „O du lieber Himmel! Das ist gewiss

Prinz Röhropp in den Marmelsteinen,

Den ich aus seinem Grab soll weinen.“

Da ging die Sonne in die Höhe, und sie las auf der einen Seite des Grabmals folgende Inschrift:

Brunnen, ihr mögt ewig weinen,

Strudelnd, sprudelnd ab und auf,

Röhropp in den Marmelsteinen

Wacht nicht auf von eurem Lauf;

Nimmer, nimmer ist’s genug!

Wenn der schwarze Tränenkrug,

Der hier hänget an dem Grabe,

Erst von Tränen überquillt,

Dann erwacht das Marmelbild

Und reicht für die Tränengabe

Kron und Zepter, Leut und Land,

Lieb und Freundschaft, Herz und Hand

Dann der frommen Weinerin

Gerne hin.

Also heisst der Zauberspruch

In dem alten Wunderbuch!

Und neben dieser Inschrift hing, ein grosser Tränenkrug, in welchen wohl zwei Masse gingen. Liebseelchen nahm diesen Krug herab, setzte sich auf die Bank an dem einen Springbrunnen hin, nahm den Krug zwischen die Knie, hängte das Haupt über ihn nieder, und es kamen ihr so traurige Gedanken, dass ihr die Augen wie zwei Kristallquellen von Tränen überflossen. So sass sie da in bitterer Wehmut und weinte. Ihr Pferdchen graste ringsherum und kam manchmal zu trinken neben sie an den Brunnen. Und die Sonne stieg, und das Grabmal warf einen Schatten, und der Schatten ward kleiner und verschwand, und die Sonne stand hoch oben, es war Mittag, und der Schatten fiel nach der andern Seite und ward gross und grösser, es ward Abend, die Sonne sank, es ward Nacht, die Sterne kamen und der Mond — und der Morgen kam und fand Liebseelchen immer weinend.

Der zweite Tag verging und die zweite Nacht — da war das arme Liebseelchen so müde und so abgeweint, dass ihr alle Gedanken vergingen und ihr der Kopf auf den Rand des Brunnens sank. Sie schlief ein, und der Krug war erst dreiviertel voll; da kam das Pferdchen zu ihr herangelaufen und schaute sie an, und da es seine liebe Prinzessin so blass und so verweint sah, ward es gar betrübt, und es flossen dem treuen Tier auch grosse Tränen aus den Augen und in das Gefäss nieder, so dass in wenig Minuten der Krug bis auf einen Finger breit voll war.

Aber nun kam eine hässliche, böse, schwarze Mohrin mit einem Eimer an den Brunnen, Wasser zu holen, und da der Schimmel nie Mohren gesehen hatte, erschrak er und trabte weg in die Ferne. Diese Mohrin kannte sehr wohl den Zauberspruch, der an dem Brunnen stand, und da sie sah, dass Liebseelchen den Krug beinah vollgeweint hatte, nahm sie ihr denselben leise, leise zwischen den Knien weg, holte eine Zwiebel aus der Tasche und rieb sich die Augen damit, worüber ihr die Tränen so reichlich niederflossen, dass der Krug bald voll wurde. Als sie den letzten Tropfen hineinweinte, fing der Krug an überzufliessen, das Steinbild des Prinzen Röhropp rührte sich, rieb sich die Augen, streckte sich, gähnte wie einer, der vom Schlaf erwacht, richtete sich auf und stieg herab und umarmte die garstige Russika (so hiess die Mohrin), pochte dann mit seinem Schwert an das Grab: das tat sich auf; da kamen allerlei Kammerdiener und Hofdamen heraus und viele Pagen; die legten der Mohrin einen goldnen Mantel um und setzten ihr eine Krone auf; dann kamen auch allerlei Musikanten heraus, und alle ordneten sich in einen Zug, und die Musikanten zogen voraus und spielten, und sie zogen wie eine Hochzeit nach der Stadt, welche mit allen Glocken an zu läuten fing, um ihren entzauberten Prinzen nebst seiner Braut zu empfangen.

Sie waren schon ein Stückchen Wegs weggezogen, als das Pferdchen zu Liebseelchen herankam und so heftig zu wiehern begann, dass sie erwachte. Da sah sie dem Zug nach und begriff bald ihr Unglück. Sie rang die Hände und raufte die Haare und weinte genug, um den Krug nochmals zu füllen; aber verschlafen war verschlafen! Da rasselten wie sie sich die Augen trocknen wollte, die goldenen Wünschelnüsse der drei alten Mütterchen in ihrer Schürze, und sie dachte des Spruches der Alten, dass die Nüsse ihr in der Not helfen sollten. „Wohlan, ich will mein Heil versuchen,“ sprach sie, setzte sich auf das Schimmelchen und ritt ruhig nach der Stadt. In der Stadt fand sie alles voll Jubel und Freude, dass der Prinz Röhropp von seinem Zauberschlaf erlöst sei, und sie kaufte sich seinem Palaste gegenüber, worin er mit der bösen Mohrin wohnte, ein prächtiges Haus für die Edelsteine, die sie aus Schattentalien mitgebracht, mietete sich viele hübsche und fromme Mägde, welche sie alle in weisse Kleider, mit roten Bändern geschmückt, kleidete; sie selbst aber ging immer schwarz, zum Zeichen ihrer Trauer, nur trug sie oft eine grüne Schärpe, zum Zeichen, dass sie noch hoffe, glücklich zu werden. Ihr gutes Schimmelchen hatte einen marmornen Stall und eine Krippe von Helfenbein, und sie fütterte und tränkte es mit ihren eignen Händen. Und ihren Dienerinnen hatte sie lauter schwarze Pferdchen gekauft und ritt manchmal mit ihnen, zur grossen Verwunderung der Stadt, vor ihnen auf ihrem Schimmelchen spazieren. Wenn sie zu Haus war, sass sie meist auf einem kleinen Turm und sah mit grosser Betrübnis in den Schlossgarten gegenüber, wie Prinz Röhropp unermüdlich mit tausend Gefälligkeiten um die falsche schwarze Mohrin beschäftigt war, gleich einer Fledermaus, die um die Nacht herumfliegt. Aber es sollte bald anders werden, er sollte sich bald um Liebseelchen bemühen, wie ein Adler, der um die Sonne fliegt.

Einstens morgens, da Prinz Röhropp zu der schwarzen Russika kam, hatte diese eine goldne Wiege neben sich stehen und in ihrem Arm ein mit Purpurwindeln bedecktes Päckchen. „Ach,“ rief Prinz Röhropp aus, „hätte der Himmel meine Wünsche erhört und mir ein kleines liebes Kindchen geschenkt? O zeige mir es, liebste Russika!“ „Ja,“ erwiderte diese,

Ein schönes Kind,

Doch zeig ich’s nicht,

Es wird sonst blind

Vom Sonnenlicht.

„Gedulden Sie sich, mein Prinz, Sie werden es schon früh genug sehen.“ Hierüber ward der Prinz betrübt und sah zum Fenster hinaus, und da ritt Liebseelchen grade auf ihrem Schimmelchen vor ihren schönen Dienerinnen über den Platz. Da der Prinz sie sah, grüsste er sie; sie erwiderte den Gruss und liess ihr Pferdchen so schön springen und tanzen, dass der Prinz vor Freuden ausrief: „Ach, welche wunderschöne Prinzessin! Die ist ja, als wenn sie grade aus dem Himmel herabgekommen wäre!“ Da Russika dies hörte, sagte sie voll Zorn:

Prinz Röhropp, du,

Mach’s Fenster zu,

Oder ich bringe dir grosse Not,

Steche mit der Nadel das Prinzchen tot!

Da erschrak Röhropp sehr, machte das Fenster zu und sah nicht mehr hinaus.

Liebseelchen war sehr erfreut gewesen über den freundlichen Gruss Röhropps; aber das war eine kurze Freude. Sie lauerte wohl tagelang am Fenster, er liess sich, wegen der Drohung der Mohrin, nicht mehr sehen. Als Liebseelchen einstens in traurigen Gedanken am Fenster sass, erblickte sie gegenüber die böse Russika mit ihrem bedeckten Wickelkind auch am Fenster sitzend. Da ward sie so betrübt, dass sie aus grosser Not und. Pein eine von den goldnen Wünschelnüssen der alten Mütterchen aufbiss, und siehe, ein wunderschöner, bunter, kleiner Papagei flog heraus und um Liebseeichen herum und gaukelte wie ein Äffchen und plauderte und sang allerlei allerliebstes Zeug durcheinander.

Russika hatte kaum den Vogel gesehen, als sie rief: „Röhropp! Röhropp!“ Und da der Prinz ihr nahte, zeigte sie auf den Vogel und sagte:

Prinz Röhropp, gleich

Papperle mir reich,

Oder ich bringe dir grosse Not,

Steche mit der Nadel das Prinzchen tot!

Was sollte der arme Prinz anfangen? Er musste gleich einen Edelknaben hinüber zu Liebseelchen schicken und sie fragen lassen, ob sie ihm das schöne Papperle nicht verkaufen wolle. Liebseelchen erwiderte dem Boten, sie sei keine Krämerin, sie habe nie etwas verkauft; aber sie mache sich eine Ehre draus, dem Prinzen das Papperle zu schenken, und so überreichte sie den Vogel dem Edelknaben, der ihn hinüber zur garstigen Russika brachte.

Vier Tage drauf sassen Russika und Liebseelchen wieder am Fenster, und Liebseelchen knackte die zweite Wünschelnuss auf. Aus der kam eine schöne goldne Henne mit zwölf goldnen Küchelchen, welche um sie herum pickten und piepten. Die Henne gluckte so süss wie eine Flöte und nahm sie unter die Flügel, und das war so wunderlich anzusehen, dass Russika die kleine goldne Brut kaum erblickt hatte, als sie rief: „Röhropp! Röhropp!“ Der Prinz kam. Die Mohrin zeigte hinüber und sagte:

Prinz Röhrepp, gleich

Goldglucke mir reich,

Oder ich bringe dir grosse Not,

Steche mit dem Messer das Prinzchen tot!

Röhropp kannte die zornige Gemütsart der Russika; er konnte nicht anders, er schickte abermals den Edelknaben hinüber und liess tausendmal um Entschuldigung bitten, dass er so unglücklich sei, um die Goldglucke bitten zu müssen, und Liebseelchen gab die Goldglucke und die zwölf Küchlein hin.

Vier Tage gingen abermals vorbei; Liebseelchen sass wieder am Fenster und gegenüber die böse Mohrin. Da knackte Liebseelchen die dritte Nuss auf, und sieh, eine kleine, wunderbar schöne Puppe kam heraus; sie hatte einen kleinen Spinnrocken in der Hand und spann Gold und drehte die Spindel so artig und leckte die Fingerchen so zierlich, dass es eine Freude war, sie anzusehen. Kaum hatte Russika dieses Wunderpüppchen gesehen, als sie dem Prinzen rief, hinüberzeigte und sprach:

Prinz Röhropp, gleich

Spinnpuppe mir reich,

Oder ich bringe dir grosse Not,

Steche mit dem Messer das Prinzchen tot!

Röhropp war in Verzweiflung über die Unverschämtheit der Mohrin, die alles haben wollte, was sie sah, und weil er, sich schämte, den Edelknaben wieder hinüberzuschicken, ging er selbst in die Wohnung seiner Nachbarin.

Liebseelchen empfing ihn mit der grössten Freundlichkeit. Er brachte sein Anliegen mit grosser Verlegenheit vor, und als Liebseelchen, um ihn länger bei sich zu sehen, allerlei Schwierigkeiten machte, ihm die Puppe zu schenken, sagte er endlich: „Verehrte Prinzessin, ach, ich will Ihnen ja gern alles, was mein ist, drum geben; schenken Sie mir nur die Puppe und retten Sie meinem Prinzen das Leben! Bedenken Sie, dass ich der Russika, welche die Puppe haben will, mein eignes Leben verdanke! Sie ist es, die mich aus dem Grabe herausgeweint, aber ich muss sagen, sie hat mir keinen Gefallen damit getan, ich wollte lieber ewig versteinert liegengeblieben sein, als dass ich jetzt so von ihr gequält und gepeinigt bin.“ Da Liebseelchen dies hörte, ward sie sehr traurig über den Betrug und die Undankbarkeit der Mohrin. Sie gab dem Prinzen Röhropp die Puppe mit Tränen und verschloss sich in ihre Kammer und weinte.

Röhropp, nicht weniger betrübt als Liebseelchen, brachte die spinnende Puppe seiner bösen Mohrin. Diese nahm die Puppe auf den Arm und trieb sie immer an zu spinnen mit den Worten:

Spinn, Puppe, spinn!

Spinn ein königliches Kleid,

Zwanzig Ellen lang und breit!

Und wird dir der Faden brechen,

Will ich dich mit Nadeln stechen,

Spinn, Puppe, spinn!

Da spann die kleine Puppe immer emsiger und emsiger. Da Russika sie aber immer noch mehr antrieb und endlich eine Nadel hervorzog, guckte die kleine Puppe sie zornig an und sprach:

Russika, dụ treibst’s zu toll;

Wenn ich immer spinnen soll,

Musst du Märchen mir erzählen

Und nicht schmähen stets und quälen;

Willst du nicht in zehen Tagen

Fünfzig Märchen her mir sagen,

So will ich dem Röhropp klagen,

Dass du ihn so grob belogen,

Dass Liebseelchen du betrogen;

Denn du stahlst den Tränenkrug.

Merk dir das und werde klug!

Als die Mohrin dies gehört hatte, ward es ihr angst und bang; denn sie wusste auch gar keine einzige Geschichte als eine, die erzählte sie gleich:

Es war einmal ein Mann,

Der hiess Pumpam,

Pumpam hiess er,

An einen Stein stiess er

Und fiel dann in ein Loch,

Ich glaub, da liegt er noch!

Die Puppe aber sagte, dies Märchen sei sehr dumm, sie wolle etwas Besseres hören, und wenn nicht gleich eine ganze Spinnstube voll Erzählerinnen herbeigeschafft werde, so wolle sie gleich dem Prinzen Röhropp alles sagen; denn hören müsste sie oder schwätzen. Da wünschte Russika die Puppe über alle Berge und rief: „Röhropp!“ Der kam und ward von ihr mit den Worten empfangen:

Röhropp, such zehn Spinnerinnen,

Die auf fünfzig Märchen sinnen,

Sonst bring ich dir grosse Not,

Steche mit dem Messer das Prinzchen tot!

Da liess Prinz Röhropp voll Herzensangst in der Stadt und auf dem Lande durch Trompeter bekanntmachen, alle alte Mütterchen, welche schöne Geschichten erzählen könnten, sollten sich morgen abend mit ihren Spinnrädern vor dem Schlosse einstellen. Da entstand eine Bewegung im ganzen Land; aus allen Winkeln, hinter allen Öfen hervor, aus allen Bodenkammern, von allen Kirchentüren weg kamen die alten Mütterchen zusammengelaufen. Sie wuschen und trockneten und flickten und plätteten alle ihre schönsten Kleider. Da rasselten die Schlüssel, da knackten die alten Kastendeckel, da knarrten die alten Schranktüren im ganzen Land, als sie ihren alten Putz hervorsuchten; dabei war ein Geplapper und Geschnatter und Gezische und ein Spektakel ohne Ende. Sie wuschen die alten Spinnräder und schmierten sie mit Öl und legten den schönsten Flachs um die Rocken, und so ging der Zug von allen Seiten auf die Stadt und den Schlossplatz zu.

Da liess sie der Prinz Röhropp in einen grossen Kreis setzen mit ihren Spinnrädern, und die zehn, welche zuerst ihren Rocken abgesponnen, die sollten die Ehre haben, der Prinzessin Russika Märchen zu erzählen. Kaum war dies bekanntgemacht, als alle im Kreis geschwind wie der Wind die Brillen auf der Nase hatten, und nun ging es an ein Schnurren von einigen hundert Rädern, und die zehn, welche zuerst fertig wurden, waren nach der Reihe die lange Jungfer Elsefinger, die magere Fräulein Klarefädchen, die muntere Frau Zipflore, die bucklichte Jungfer Radebärbl, die witzige Fräulein Spulendoris, die scharfsinnige Frau Hecheltonie, die Jungfer Weifenseppel, die eifrige Fräulein Haspelrosa, die emsige Frau Spindelmarthe und die zierliche Jungfer Kunkelrieke.

Als diese zuerst fertig waren, wurden sie in das Schloss geführt; die andern aber, welche aus der Stadt waren, wurden auch reichlich beschenkt nach Hause geschickt; die aber vom Lande wurden auch reichlich beschenkt, auf mehrere Wurstwagen mit ihren Spinnrädern gesetzt und wieder nach Haus gefahren.

Die zehn Auserwählten mussten sich im Schlossgarten mit ihren Spinnrocken im Halbkreis setzen. In der Mitte sass döse Mohrin Russika; auf dem Schosse hatte sie das mit roten Windeln zugedeckte Prinzchen, auf dem Arm die goldspinnende Puppe, zur Linken sass der schöne Papagei auf einer Stange, zu ihren Füssen, in einem silbernen Hühnerkorb, aber die goldne Glucke mit den zwölf Küchlein, und über die ganze Gesellschaft war ein Teppich gegen die Sonne gespannt; und damit die Gesellschaft recht vollkommen sei, hatten sich ein Klapperstorch und ein Gockelhahn und ein Pfau oben auf den Baldachin gesetzt; auch viele Vögel, Katzen, Kaninchen und Hündchen fanden sich ein, und einige Edelknaben trugen mancherlei Zuckerwerk, eingemachte, getrocknete und frische Früchte umher, und auch süsse Weine wurden im Überfluss gereicht, nach welcherlei Leckereien die alten Spinnerinnen sehr lecker sind und die Finger darnach lecken, was zum Spinnen sehr nötig ist.

Sie hatten sich alle erquickt und wollten soeben den nahen Springbrunnen, der wie ein Schulmeister solcher Gesellschaft ihnen unermüdet vorplauderte, plätscherte und murmelte, mit Geschwätz und Rädergeschnurr überlärmen, als Röhropp sich erhob und sprach: „Tugendbare, wehrlose Jungfern, ehegeborne lehnreiche Fräulein und hochachtzigbare und hochwürdige Matronen des edlen Spinnerordens, kunkelhafte Spuldamen, Spindelfräulein und Rockenmägdlein! Sie haben sich hier versammelt, um die grosse Begierde meiner teuern Russika nach Märchen zu stillen. Wir werden also alle Abend hier beisammensitzen und der Reihe nach die schönsten Geschichten hören, welches meiner Russika zum Trost, allen Zuhörern zum Vergnügen und der Erzählerin zur Ehre gereichen wird; denn nichts ziert einen erfahrnen Menschen so sehr, als wenn er schöne Geschichten zu erzählen weiss, Geschichten, bei deren Anhörung der Weber sein Schiff, der Advokat seine Feder, der Apotheker seinen Mörser, der Scherenschleifer sein Rad und Kinder ihr Butterbrot ruhen lassen, um besser zuhören zu können. Es ist die Neugierde meiner Russika sehr wohl zu entschuldigen; denn es sprechen grosse Philosophen: Wie uns an der Wiege gesungen wird, so werden wir wieder singen, und so erzählt dann nach der Reihe schöne Geschichten, damit mein schönes Prinzchen, welches so munter unter der Purpurdecke im Schosse Russikas schnarchet, sich etwas Angenehmes träumen lasse!“

Nach diesen Worten sagte die neugierige Frau Spindelmarthe, ob es dann nicht erlaubt sei, den kleinen allerliebsten Prinzen ein wenig zu betrachten, worauf Russika befehlend antwortete:

Mein schönes Kind,

Das zeig ich nicht,

Es wird mir blind

Vom Sonnenlicht.

Da versetzte Fräulein Spulendoris: „Die Sonne ist schon unter, es kann ihm gar nichts schaden.“ Russika aber en machte ein so zorniges Gesicht, dass Prinz Röhropp sagte: „Meine Damen, beunruhigen. Sie meine Russika nicht! Habe ich doch das Glück selbst noch nicht gehabt, das Prinzchen zu sehen. Lassen Sie uns zu unsren Erzählungen schreiten! Fünf Geschichtchen an jedem Abend, so sind wir in zehn Tagen mit den fünfzig Märchen fertig. Wohlan, Jungfer Elsefinger“ — welche ihren Rocken zuerst abgesponnen hatte — „Sie haben die erste Stimme.“

Jungfer Elsefinger rückte sich zurecht, nahm eine frische Feige in den Mund, damit er ihr beim Erzählen und Fingerlecken nicht trocken werden solle. Da rückten sich alle in die Ordnung und horchten, die Frauen, die Spinnpuppe, das Papperle, die Goldglucke mit den Küchlein, der Pfau, der Storch, der Gockelhahn und die Turteltaube und die Katze und das Seidenhäschen, und das Hündchen und das Mäuschen schwiegen mausstille, der Brunnen plätscherte leiser, die Grillen hörten auf zu zirpen, die Käfer brummten nicht mehr, die Bienen schlüpften in die Lilienkelche und lauschten, aber leuchtende Johanneskäfer schwebten durch die warme Luft, und die Spindeln schnurrten angenehm um die Gesellschaft herum. Jungfer Elsefinger aber erzählte.

Myrtenfräulein

Im sandigen Lande, wo nicht viel Grünes wächst, wohnten einige Meilen von der porzellanenen Hauptstadt, wo der Prinz Wetschwuth residierte, ein Töpfer und seine Frau mitten auf ihrem Tonfeld neben ihrem Töpferofen, beide ohne Kinder, einsam und allein. Das Land war ringsum so flach wie ein See, kein Baum und kein Busch war zu sehen, und es war gar betrübt und langweilig. Täglich beteten die guten Leute zum Himmel, er möge ihnen doch ein Kind bescheren, damit sie eine Unterhaltung hätten, aber der Himmel erhörte ihre Wünsche nicht. Der Töpfer verzierte alle seine Gefässe mit schönen Engelsköpfen, und die Töpferin träumte alle Nacht von grünen Wiesen und anmutigen Gebüschen und Bäumen, bei welchen Kinder spielten; denn wonach das Herz sich sehnt, das hat man immer vor Augen.

Einstens hatte der Töpfer seiner Frau zwei schöne Werke auf ihren Geburtstag verfertigt, eine wunderschöne Wiege von dem weissesten Ton, ganz mit goldnen Engelsköpfen und Rosen verziert, und ein grosses Gartengefäss von rotem Ton, rings mit bunten Schmetterlingen und Blumen bemalt. Sie machte sich ein Bettchen in die Wiege und füllte das Gartengefäss mit der besten Erde, die sie selbst stundenweit in ihrer Schürze dazu herbeitrug, und so stellte sie die beiden Geschenke neben ihre Schlafstelle, in beständiger Hoffnung, Der Himmel werde ihr ihre Bitte gewähren; und so betete sie auch einst abends von ganzer Seele:

Herr, ich flehe auf den Knieen,

Schenke mir ein liebes Kind!

Fromm will ich es auferziehen,

Ist’s ein Mägdlein, dass es spinnt

Einen klaren, reinen Faden

Und dabei hübsch singt und betet;

It’s ein Sohn durch deine Gnaden,

Dass er kluge Dinge redet

Und ein Mann wird treu von Worten,

Stark von Willen, kühn von Tat,

Der geehrt wird allerorten,

Wie im Kampfe, so im Rat.

Herr, bereitet ist die Wiege,

Gib, dass mir ein Kind drin liege!

Ach, und sollte es nicht sein,

Gib mir doch nur eine Wonne,

Wär’s auch nur ein Blümelein,

Das ich in der lieben Sonne

Könnte ziehen, könnte pflegen,

Dass ich mich mit meinem Gatten

Einst im selbsterzognen Schatten

Unter ihm ins Gras könnt legen!

So betete die gute Frau unter Tränen und ging zu Bett. In der Nacht war ein schweres Gewitter, es donnerte und blitzte, und einmal fuhr ein heller Glanz durch die Schlafkammer. Am andern Morgen war das schönste Wetter, ein kühler Wind wehte durch das offne Fenster, und die gute Töpferin lag in einem süssen Traum, als sitze sie unter einem schönen Myrtenbaum bei ihrem lieben Manne. Da säuselte das Laub um sie, und sie erwachte, und siehe da, ein frisches, junges Myrtenreis lag neben ihr auf dem Kopfkissen und spielte mit seinen zarten, im Winde bewegten Blättern um ihre Wangen. Da weckte sie mit grossen Freuden ihren Mann und zeigte es ihm, und sie dankten beide Gott auf ihren Knieen, dass er ihnen doch etwas Lebendiges geschenkt hatte, das sie konnten grünen und blühen sehen. Sie pflanzten das Myrtenreis mit der grössten Sorgfalt in das schöne Gartengefäss, und es war täglich ihr liebstes Geschäft, das junge Stämmchen zu begiessen und in die Sonne zu setzen und vor bösem Tau und rauhen Winden zu schützen. Das Myrtenreis wuchs zusehends unter ihren Händen und duftete ihnen Fried und Freude ins Herz.

Da kam einstens der Landesherr, Prinz Wetschwuth, in diese Gegend mit einigen Gelehrten, um neue Porzellanerde zu entdecken; denn es wurden in seiner Hauptstadt Porzellania so viele Häuser davon gebaut, dass diese Erde in Der Nähe der Stadt selten geworden war. Da er in die Wohnung des Töpfers eintrat, ihn um seinen Rat zu fragen, ward er bei dem Anblick des Myrtenbäumchens so durch dessen Schönheit hingewissen, dass er alles andere vergass und in lauter Verwunderung ausrief:;O wie lieblich, wie reizend ist diese Myrte! Ihr Anblick hat für mein Herz etwas ungemein Erquickendes, ich möchte immer in der Nähe dieses Baumes leben — nein, ich kann ihn nicht entbehren, ich muss ihn besitzen, und müsste ich ihn mit einem Auge erkaufen!“ Nach diesem Ausruf fragte er sogleich den Töpfer und seine Frau, was sie für die Myrte verlangten. Diese guten Leute erklärten auf die bescheidenste Weise, dass sie den Baum nicht verkaufen wollten, und dass er das Liebste sei, was sie auf Erden hätten. „Ach,“ sagte die Töpferin, „ich könnte nicht leben, wenn ich meine Myrte nicht vor mir sähe; ja, sie ist mir so lieb und wert, als wäre sie mein Kind, und kein Königreich nähme ich für diese meine Myrte.“ Da der Prinz Wetschwuth dies hörte, ward er sehr traurig und begab sich nach seinem Schlosse zurück. Seine Sehnsucht nach der Myrte war so gross, dass er in eine Krankheit fiel und das ganze Land um ihn bekümmert wurde. Da kamen Abgesandte zu dem Töpfer und seiner Frau und forderten sie auf, die Myrte dem Prinzen zu überlassen, damit er nicht vor Sehnsucht sterben möchte. Nach langen Unterhandlungen sagte die Frau: „Wenn er die Myrte nicht hat, so muss er sterben, und wenn wir die Myrte nicht haben, so können wir nicht leben. Will der Prinz nun die Myrte haben, so muss er uns auch mitnehmen, wir wollen sie ihm überbringen und ihn anflehen, dass er uns als treue Diener in sein Schloss aufnehme, damit wir die geliebte Myrte dann und wann sehen und uns an ihr erfreuen können.“ Das waren die Abgesandten zufrieden, sie schickten gleich einen Reiter in die Stadt mit der frohen Nachricht, die Myrte werde ankommen, der Prinz sollte Mut fassen. Nun stellte der Töpfer das Gefäss mit der Myrte auf eine Tragbahre, über welche die Frau ihre schönsten seidenen Tücher gebreitet hatte, und sie trugen beide, nachdem sie ihre Hütte verschlossen hatten, den geliebten Baum nach der Stadt, wohin sie von den Abgesandten begleitet wurden. Von der Stadt kam ihnen der Prinz selbst in einem Wagen entgegen und hatte ein goldenes Giesskännchen in der Hand, womit er die geliebte Myrte begoss, bei deren Anblick er sich sichtbar erholte. Vier weissgekleidete, mit Rosen geschmückte Jungfrauen kamen mit einem rotseidenen Traghimmel, unter welchem die Myrte nach dem Schloss getragen wurde. Kinder streuten Blumen, und alles Volk war froh und warf die Mützen in die Höhe. Nur neun Fräulein in der Stadt waren nicht bei der allgemeinen Freude zugegen, denn sie wünschten, dass die Myrte verdorren möchte, weil der Prinz, ehe er die Myrte gesehen hatte, sie oft besuchte und jede von ihnen gehofft hatte, einst Beherrscherin der Stadt Porzellania zu werden. Seit aber von der Myrte die Rede war, hatte er sich nicht mehr um sie bekümmert; drum waren sie auf den unschuldigen Baum so erbittert, dass sich an diesem Freudentage keine von ihnen erblicken liess. — Der Prinz liess die Myrte an das Fenster seiner Stube stellen und gab dem Töpfer und seiner Frau eine Wohnung im Schlossgarten, aus deren Fenster sie die Myrte immer erblicken konnten, womit die guten Leute dann auch wohl zufrieden waren.

Der Prinz war bald wieder ganz gesund; er pflegte den Baum mit einer unbeschreiblichen Liebe und Sorgfalt; auch wuchs dieser und breitete sich aus zu aller Freude. Einstens setzte sich der Prinz abends neben dem Baume auf sein Ruhebett. Alles war ruhig im Schloss, und et entschlummerte in tiefen Gedanken. Da nun die Nacht alles bedeckt hatte, hörte er ein wunderbares Säuseln in seinem Baum und erwachte und lauschte; da vernahm er eine leise Bewegung in seiner Stube herum, und ein süsser Duft breitete sich umher. Er war stille, stille und lauschte immer fort; endlich, da, es ihm wieder so wunderbar in der Myrte säuselte, begann er zu singen:

Sag, warum dies süsse Rauschen,

Meine wunderschöne Myrte,

O mein Baum, für den ich glühe?

Da sang eine liebliche leise Stimme wieder:

Dank will ich für Freundschaft tauschen

Meinem wunderguten Wirte,

Meinem Herrn, für den ich blühe!

Da war der Prinz über die Stimme so entzückt, dass es nicht auszusprechen ist; aber bald ward seine Freude noch viel grösser, denn er bemerkte, dass sich jemand auf den Schemel zu seinen Füssen setzte, und da er die Hand darnach ausstreckte, ergriff eine zarte Hand die seinige und führte sie an die Lippen eines Mundes, welcher sprach: „Mein teurer Herr und Prinz, frage nicht, wer ich bin; erlaube mir nur, dann und wann in der Stille der Nacht zu deinen Füssen zu sitzen und dir zu danken für die treue Pflege, welche du mir in der Myrte bewiesen; denn ich bin die Bewohnerin dieser Myrte; aber mein Dank für deine Zuneigung ist so gewachsen, dass er keinen Raum mehr in diesem Baume hatte, und so hat es mir der Himmel vergönnt, in menschlicher Gestalt dir manchmal nahe zu sein.“ Der Prinz war entzückt über diese Worte und pries sich unendlich glücklich durch dies Geschenk der Götter. Sie unterhielten sich einige Stunden, und sie sprach so weise und klug, dass er vor Begierde brannte, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen; das Myrtenfräulein aber sagte zu ihm: „Lasse mich erst ein kleines Lied singen, dann kannst du mich sehen“, und sie sang:

Säusle, liebe Myrte!

Wie still ist’s in der Welt!

Der Mond, der Sternenhirte

Auf klarem Himmelsfeld,

Treibt schon die Wolkenschafe

Zum Born des Lichtes hin:

Schlaf, mein Freund, o schlafe,

Bis ich wieder bei dir bin.

Dazu säuselte die Myrte, und die Wolken trieben so langsam am Himmel hin, und die Springbrunnen plätscherten so leise im Garten, und der Gesang war so sanft, dass der Prinz entschlief, und als er kaum nickte, erhob sich das Myrtenfräulein leise, leise vom Schemel und begab sich wieder in die Myrte.

Als der Prinz am Morgen erwachte, erblickte er den Schemel leer zu seinen Füssen, und er wusste nicht, ob das Myrtenfräulein wirklich bei ihm gewesen war, oder ob er nur geträumt habe; aber da er das Bäumchen ganz mit Blüten übersät sah, die in der Nacht aufgegangen waren, ward er der Erscheinung immer gewisser: nie ward die Nacht so sehnsüchtig erwartet als von ihm; er setzte sich schon gegen Abend auf sein Ruhebett und harrte. Endlich war die Sonne hinunter, es dämmerte, es ward Nacht. Die Myrte säuselte, und das Myrtenfräulein sass zu seinen Füssen und erzählte ihm so schöne Sachen, dass er nicht genug zuhören konnte; und als er sie wieder bat, Licht anzünden zu dürfen, sang sie ihm wieder ein Liedchen:

Säusle, liebe Myrte!

Und träum im Sternenschein!

Die Turteltaube girrte

Auch ihre Brut schon ein.

Still ziehn die Wolkenschafe

Zum Born des Lichtes hin,

Schlaf, mein Freund, o schlafe,

Bis ich wieder bei dir bin.

Da schlummerte der Prinz wieder ein und erwachte am Morgen wieder mit gleicher Überraschung und erwartete die Nacht wieder mit gleicher Sehnsucht. Aber es ging ihm auch diesmal wie in der ersten und zweiten Nacht; sie sang ihn immer in den Schlaf, wenn er sie zu sehen verlangte. Sieben Nächte ging dies so fort, während welchen sie ihm so vortreffliche Lehren über die Kunst zu regieren gab, dass seine Begierde, sie zu sehen, nur noch grösser ward. Er liess daher am andern Tage an die Decke seiner Stube ein seidenes Netz befestigen, welches er ganz leise niederlassen konnte, und so erwartete er die Nacht. Als das Myrtenfräulein wieder zu seinen Füssen sass und ihm die tiefsinnigsten Lehren über die Pflichten eines guten Fürsten gegeben hatte, wollte sie ihm wieder das Schlaflied singen aber er sprach zu ihr: „Heute will ich einmal singen“, und sie gab es nach vielen Bitten zu. Da sang er folgendes Liedchen:

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?

Hörst du, wie die Grille zirpt?

Stille, stille, lass uns lauschen!

Selig, wer in Träumen stirbt.

Selig, wen die Wolken wiegen,

Wem der Mond ein Schlaflied singt!

O, wie selig kann der fliegen,

Dem der Traum den Flügel schwingt,

Dass an blauer Himmelsdecke

Sterne er wie Blumen pflückt:

Schlafe, träume, flieg, ich wecke

Bald dich auf und bin beglückt.

Und dies Lied wirkte so durch die sanfte Weise, in welcher er es sang, dass das Myrtenfräulein zu den Füssen des Prinzen entschlummerte; da liess er das Netz nieder über sie und zündete seine Lampe an, und, o Himmel! was sah er? Die wunderschönste Jungfrau, welche jemals gelebet, im Antlitz wie der klare Mond so mild und rein, Locken, wie Gold um die Stirne spielend, und auf dem Haupt ein Myrtenkrönchen; sie hatte ein grünes Gewand an, mit Silber gestickt, und ihre Hände gefaltet wie ein Engelchen. Lange betrachtete er seine Freundin und Lehrerin mit stummem Erstaunen, dann konnte er seine Freude nicht mehr fassen, er brach in lauten Jubel aus und rief: „O Tugend, o Weisheit, wie schön ist deine Gestalt, wer kann leben ohne dich, wenn er sich einmal erblickte!“ Dann ergriff er ihre Hand und steckte ihr seinen Siegelring an den Finger und sprach: „Erwache, o meine holdselige Freundin, nimm meinen Thron und meine Hand und verlasse mich nie wieder!“ Da erwachte das Myrtenfräulein, und als es das Licht erblickte, errötete es über und über und blies die Lampe aus. Dann klagte sie, dass er sie gefangen habe, und sagte: „Daraus wird gewiss Unglück kommen“; aber der Prinz bat sie so sehr um Vergebung, bis sie ihm verzieh und versprach, die Fürstin seines Landes zu werden, wenn ihre Eltern es erlaubten; er sollte nur alle Anstalten zur Hochzeit machen und dann ihre Eltern fragen, bis dahin sollte er sie aber nicht wiedersehen. Der Prinz willigte in alles ein und fragte sie, wie er sie rufen solle, wenn er alle Anstalten getroffen habe, und sie sagte: Befestige eine kleine Silberglocke an die Spitze meines Bäumchens, und sobald du klingelst, werde ich dir erscheinen.“ Nun zerriss sie das Netz, der Baum rauschte, und fort war das Myrtenfräulein.

Der Tag war kaum angebrochen, als der Prinz auch schon alle seine Minister und Räte zusammenberief und ihnen bekanntmachte, dass er sich nächstens zu vermählen gedenke, und dass sie alle Anstalten zu dem prächtigsten Hochzeitsfeste treffen sollten, das jemals im Lande gewesen. Die Räte waren sehr erfreut darüber und fragten ihn untertänig um den Namen der Braut, damit sie ihren Namenszug bei der Illumination anbringen könnten. Da sagte der Prinz: „Der erste Buchstab ihres Namens ist M, und es sollen beim Feste überall Myrtenzweige hingemalt werden, wo es sich schickt.“ Da wollten die Herrn ihn schon verlassen, als plötzlich eine Botschaft kam, dass ein wildes Schwein in dem fürstlichen Tiergarten toll geworden wäre und in dem darin befindlichen gläsernen Lusthause alles chinesische Porzellan zertrümmert habe; es sei äusserst nötig, es sogleich zu erlegen, damit es nicht andre Schweine beisse und auch toll mache, welche dann leicht die ganze Stadt Porzellania über den Haufen werfen könnten. Da durfte der Prinz nicht länger zaudern; er befahl seinen Räten, einstweilen die Hochzeit zuzubereiten, und zog mit seinen Jägern hinaus auf die Jagd.

Als der Prinz aus dem Schloss ritt, lagen die neun bösen Fräulein, welche sich nicht mit gefreut hatten, als die Myrte so feierlich in die Stadt gebracht wurde, sehr schön geputzt am Fenster, in der Hoffnung, der Prinz werde sie bemerken und grüssen; aber vergebens, wenn sie sich gleich so weit herauslegten, dass sie leicht hätten auf die Strasse fallen können; der Prinz tat nicht, als wenn er sie bemerkte. Hierüber aufgebracht, kamen sie zusammen und fassten den Entschluss, sich zu rächen. Die Geschichte mit dem toll gewordnen wilden Schwein war auch nur von ihnen ausgesprengt, damit der Prinz, der sich gar nicht mehr sehen liess, über die Strasse reiten sollte. Sie hatten das chinesische Porzellan in dem Lusthaus durch ihre Diener zerschlagen lassen. Als sie eben versammelt waren, trat der Vater der ältesten, der einer der Minister war, herein und machte den Damen bekannt, sie möchten sich zum Hochzeitsfest des Prinzen vorbereiten; der Prinz werde eine Prinzessin M. heuraten, auch sei von vielen Myrtenverzierungen bei der Illumination die Rede. Kaum waren sie wieder allein, als sie ihrem ganzen Zorn den Lauf liessen; denn sie hatten sich alle neun eingebildet, den porzellanenen Thron zu besteigen. Sie liessen sich einen Maurer kommen; der musste ihnen einen unterirdischen Gang bis in die Stube des Prinzen machen, denn sie wollten sehen, wen er dort versperrt habe. Als der Gang fertig war, beredeten sie noch ein zehntes junges Fräulein, der sie jedoch ihr Vorhaben verschwiegen, mitzugehen, welche es auch tat, doch nur aus Neugier und nicht aus bösem Willen; sie nahmen sie aber nur mit, um sie dort zurückzulassen, als habe sie alles getan. Hierauf begaben sie sich in einer Nacht, mit Laternen versehen, durch den Gang in die Stube des Prinzen und suchten alles durch, sehr verwundert, nichts Besonders darin zu finden ausser der Myrte. An dieser liessen sie nun allen ihren Grimm aus, rissen ihre Zweige und Blätter ab, und als sie auch den Wipfel herunterrissen, klingelte das Glöckchen, und das Myrtenfräulein, welches glaubte, es sei dies das Zeichen zu ihrer Hochzeit, trat plötzlich in dem schönsten Brautkleide aus der Myrte. Anfangs verwunderten sich die bösen Geschöpfe, aber bald waren sie einig, dieses müsste die künftige Fürstin sein, und somit fielen sie über sie her und ermordeten sie auf die unbarmherzigste Weise, indem sie das arme Murtenfräulein mit ihren Messern in viele kleine Stücke zerhackten; jede nahm sich einen Finger von dem armen Myrtenfräulein mit; nur das zehnte Fräulein hatte nicht mit geholfen und nur immer gejammert und geweint, wofür sie sie dann einsperrten und nun auf demselben Wege entwichen.

Als der Kammerherr des Prinzen, welchem dieser bei Lebensstrafe befohlen hatte, die Myrte täglich zu begiessen und täglich die Stube aufzuräumen, als wenn der Prinz da wäre, zu seiner Verrichtung hereintrat, war sein Entsetzen unbeschreiblich, da er das zerfleischte Myrtenfräulein in dem Blute an der Erde herumliegen und den Myrtenbaum zerknickt und entblättert sah. Er wusste nicht, was dies sein konnte, denn er wusste von dem Myrtenfräulein nichts; da erzählte ihm das junge Fräulein, welches weinend in einer Ecke sass, alles. Sie nahmen unter bittern Tränen alle Glieder und Knochen der Unglücklichen zusammen und begruben sie unter den zerstörten Myrtenbaum in das Gefäss, so dass alles einen kleinen Grabhügel bildete; sodann wuschen sie den Boden so rein, wie sie konnten, und begossen den Baum mit dem blutvermischten Wasser, räumten die Stube auf, schlossen sie zu und flohen in grosser Angst miteinander; doch nahm das Fräulein eine Locke der unglücklichen Gemordeten zum Andenken mit.

Unterdessen waren die Vorbereitungen zu der Hochzeit beinah fertig, und der Prinz, der das wilde Schwein vergebens aufgesucht hatte, kehrte nach der Stadt zurück. Sein erster Gang war zu dem guten Töpfer und seiner Frau, welchen er seine ganze Geschichte mit dem Myrtenfräulein erzählte und sie um die Hand ihrer Tochter bat. Die guten Leute waren vor Entzücken fast ausser sich, als sie vernahmen, dass in ihrem Myrtenbaum ihnen eine Tochter erwachsen sei, und wussten nun, warum sie denselben so ungemein liebgehabt hatten. Freudig willigten sie in die Bitte des Prinzen ein und begleiteten ihn in das Schloss, um ihre wunderbare Tochter zu sehen. Als sie nun zusammen in das Zimmer traten, wo die Myrte stand, sahen ihre Augen ein trauriges Schauspiel: — am Boden noch viele blutige Spuren, und der geliebte Baum entblättert und verletzt, neben ihm aber ein Grabhügel. Der Prinz rief, der Töpfer rief, die Töpferin rief: „O meine geliebte Braut! O mein teures Kind, mein einziges liebes Töchterchen! O wo bist du, lass dich sehen vor deinen unglücklichen Eltern!“ Aber nichts rührte sich, und ihre Verzweiflung war unbegrenzt. Die drei armen Unglücklichen sassen nun ganze Tage und begossen den Myrtenbaum mit ihren Tränen, und das ganze Land war bestürzt und traurig.

Unter solchen Schmerzen pflegten und warteten der Prinz und der Töpfer nebst seiner Frau den kranken Myrtenbaum aufs zärtlichste, und er begann wieder Zweige zu treiben, worüber sie sehr erfreut wurden, und er war schon wieder ganz hergestellt, nur fehlten ihm an dem Wipfel einige Blätter und an einem seiner beiden Hauptäste die äussersten fünf Sprossen und an dem andern vier, neben welchen der fünfte zu keimen anfing. Diesen fünften Spross beobachtete der Prinz alle Tage, und wie entzückt war er nicht, als er eines Morgens dieses Spross ganz erwachsen und den Ring, den er dem Myrtenfräulein gegeben, an demselben wie an einem Finger befestigt sah. Sein Entzücken war unbeschreiblich; denn er glaubte nun, das Myrtenfräulein müsse noch leben. In der nächsten Nacht fass er mit dem Töpfer und der Töpferin bei dem Baum, und sie flehten die Myrte so zärtlich um ein Lebenszeichen an, dass der Baum endlich zu säuseln begann und folgende Worte sang:

Habt Erbarmen,

An zwei Armen

Fehlen mir neun Fingerlein!

Lieber Prinz, in deinem Reiche

Wachsen jetzt neun Myrtenzweige,

Und sie sind mein Fleisch und Bein.

Habt Erbarmen,

Schafft mit Armen

Wieder die neun Fingerlein!

Der Prinz und die Eltern waren durch dies traurige Lied sehr gerührt, und der Prinz liess den andern Tag im ganzen Land bekanntmachen, wer ihm die schönsten Myrtenzweige bringe, den wolle er mit seiner königlichen Hand belohnen. Dieses kam auch zu den Ohren der Mordfräulein, welche die arme Myrte so schrecklich gemartert hatten, und sie waren sehr froh darüber; denn sie hatten die neun Finger des Myrtenfräuleins, jede den ihren, in einen Topf mit Erde vergraben, und es waren kleine Myrtensprosse daraus gewachsen. Sie putzten sich sogleich schön an und kamen eine nach der andern mit ihren Myrtenzweigen ins Schloss; denn sie glaubten, die Worte des Prinzen wollten so viel sagen, als er wolle die Überbringerin der schönsten Myrte heuraten. Der Prinz liess ihnen die Myrtenzweige abnehmen und versprach, ihnen seinerzeit Antwort sagen zu lassen; sie möchten sich nur zum Feste vorbereiten. Als er nun alle die neun Zweige neben den grossen Baum gestellt hatte, sprach die Stimme aus dem Baum:

Willkomm, willkomm, neun Zweiglein!

Willkomm, willkomm, neun Fingerlein!

Willkomm, willkomm, mein Fleisch und Bein!

Willkomm, willkomm, zum Topf herein!

Da begrub der Prinz die neun Zweige und die neun Finger unter die Myrte, welche noch denselben Tag die neun Fehlenden Sprossen trieb. Nun aber kam noch das jüngste Fräulein, welches nur die Haarlocke genommen und ihr den Ringfinger gelassen hatte, und warf sich dem Prinzen zu Füssen und sagte: Herr, ich habe keine Myrte und habe auch keine haben wollen, aber diese Locke gebe ich in deine Hand und bitte dich um eine Gnade.“ Der Prinz versprach sie ihr, und sie erzählte ihm, wie die ganze Mordtat geschehen sei, und bat ihn, er möge seinem entflohenen Kammerherrn verzeihen und sie mit demselben vermählen. Da gab ihr der Prinz einen Gnadenbrief für denselben, und sie lief zu ihm in den Wald, wo er sich in einen hohlen Baum versteckt hatte, in den sie ihm täglich zu essen gebracht. Der Kammerherr erfreute sich sehr über sein Glück und kam mit ihr wieder in die Stadt. Als aber der Prinz die Haarlocke auch vergraben hatte, sprach die Myrte:

Nun bin ich ganz

Im alten Glanz;

Bring mir den Kranz

Und führe mich zum Hochzeitstanz!

Da liess der Prinz ein grosses Fest vor allem Volke im Schlossgarten ansagen; da alles versammelt war, ward die Myrte unter einen Thronhimmel gestellt, und der schönste Blumenkranz, mit Gold durchwunden, ward ihr von dem Töpfer und der Töpferin aufgesetzt, und als dies kaum geschehen war, trat das Myrtenfräulein, wie die schönste Braut geschmückt, aus dem Baum hervor und ward von ihren Eltern, welche sie noch nie gesehen hatten, unter Freudentränen und dann von dem glücklichen Prinzen als seine Braut herzlich umarmt. Da standen die neun Mordfräulein wie auf heissen Kohlen; der Prinz aber sprach: „Was verdient der, welcher diesem Myrtenfräulein etwas zuleide tut?“ Und einer sagte da nach dem andern irgendeine harte Strafe her, und als die Frage an die neun Fräulein kam, sagten sie alle zusammen: „Dass ihn die Erde verschlinge und seine Hand aus der Erde wachse“; und kaum hatten sie es gesagt, als die Erde sie auch verschlang und über ihnen Fünffingerkraut hervorwuchs. Nun wurde die Hochzeit gehalten, und der Kammerherr hielt mit dem jüngsten Fräulein auch Hochzeit. Es schenkte dem Prinzen der Himmel auch bald ein kleines Myrtenprinzchen, das ward in der schönen Wiege des alten Töpfers gewiegt, und das ganze Land war froh und glücklich.

Der Myrtenbaum aber ward bald so stark und gross, dass man ihn ins freie Feld setzen musste. Da begehrte die Prinzessin Myrte, dass er bei die ehemalige Hütte ihrer Eltern gesetzt werde; das geschah auch, und die Hütte ward zu einem schönen Landhaus verändert, und endlich ward aus dem Myrtenbaum ein Myrtenwald, und die Enkel des Töpfers und seiner Frau spielten darin, und die beiden guten Leute wurden dort, wie sie gewünscht hatten, unter dem Myrtenbaum begraben. Der Prinz und das Myrtenfräulein ruhen wohl auch schon dort, wenn sie nicht mehr leben sollten, woran ich fast zweifle; denn es ist schon sehr lange her.

Witzenspitzel

Es war einmal ein König von Rundumherum, der hatte unter seinen vielen andern Dienern einen Edelknaben, der hiess Witzenspitzel, und er liebte ihn über alles und überhäufte ihn mit tausend Gnaden und Geschenken, weil Witzenspitzel ungemein klug und artig war und alles, was ihm der König zu verrichten gab, mit ausserordentlicher Geschicklichkeit ausrichtete. Wegen dieser grossen Gunst des Königs waren alle die andern Hofdiener sehr neidisch und bös auf Witzenspitzel;

Denn wurde seine Klugheit belohnt mit Gelde,

So wurde ihre Dummheit bestraft mit Schelte;

Und erhielt Witzenspitzel vom König grossen Dank,

So erhielten sie von ihm grossen Zank;

Kriegte Witzenspitzel einen neuen Rock,

So zerschlug der König auf ihnen einen neuen Stock;

Durfte Witzenspitzel des Königs Hand küssen,

So traktierte der König sie mit Kopfnüssen.

Darüber wurden sie nun gewaltig zornig auf Witzenspitzel und brummten und zischelten den ganzen Tag und steckten überall die Köpfe zusammen und überlegten, wie sie den Witzenspitzel sollten um die Liebe des Königs bringen. Der eine streute Erbsen auf den Thron, damit Witzenspitzel stolpern und den gläsernen Zepter zerbrechen sollte, den er dem König immer reichen musste; der andere nagelte ihm Melonenschalen unter die Schuhe, damit er ausgleiten sollte und dem König den Rock begiessen, wann er ihm die Suppe brachte; der dritte setzte allerlei garstige Mücken in einen Strohhalm und blies sie dem König in die Perücke, wenn Witzenspitzel sie frisierte; der vierte tat wieder etwas anders, und so versuchte jeder etwas, den Witzenspitzel um die Liebe des Königs zu bringen. Witzenspitzel aber war so klug und behutsam und vorsichtig, dass alles umsonst war und er alle Befehle des Königs glücklich zu Ende brachte.

Da nun alle ihre Anschläge nichts fruchten wollten, versuchten sie etwas anderes. Der König hatte einen Feind, mit dem er nie fertig werden konnte, und der ihm alles zum Possen tat. Das war ein Riese, der hiess Labelang und wohnte auf einem ungeheuren Berg, wo er in einem dicken, dunkeln Wald in einem prächtigen Schloss hauste, und hatte ausser seiner Frau, die Dickedull hiess, niemand bei sich als einen Löwen Hahnenbang und einen Bären Honigbart und einen Wolf Lämmerfrass und einen erschrecklichen Hund Hasenschreck; das waren seine Diener. Ausserdem hatte er auch ein Pferd im Stall, Flügelbein genannt.

Nun wohnte in der Gegend von Rundumherum eine sehr schöne Königin, Frau Flugs, die hatte eine Tochter, Fräulein Flink, und der König Rundumherum, der gern alle andern Länder um sein Land herum auch gehabt hätte, hätte die Königin Frau Flugs gern zu seiner Gemahlin gehabt. Sie liess ihm aber sagen, dass noch viele andere Könige sie auch gern zur Gemahlin hätten, dass sie aber keinen nehmen wolle als den allergeschwindesten, und dass der, welcher am nächsten Montag, morgens um halb zehn Uhr, wenn sie in die Kirche gehe, zuerst bei ihr wäre, sie zur Gemahlin und mit ihr das ganze Land haben sollte.

Nun liess der König Rundumherum alle seine Diener zusammenkommen und fragte sie: „Wie soll ich es doch anfangen, dass ich am Montag zuerst in der Kirche bin und die Königin Flugs zur Gemahlin bekomme?“ Da antworteten ihm seine Diener: „Ihr müsst machen, dass Ihr dem Riesen Labelang sein Pferd Flügelbein bekommt; wenn Ihr darauf reitet, kömmt Euch niemand zuvor, und um dieses Pferd zu holen, wird gewiss niemand geschickter sein als der Edelknabe Witzenspitzel, der ja alles zustande bringt.“

So sagten die bösen Diener und hofften schon, der Riese Labelang werde den Witzenspitzel gewiss umbringen. Der König befahl also dem Witzenspitzel, er soll das Pferd Flügelbein bringen. Witzenspitzel erkundigte sich um alles recht genau, wie es bei dem Riesen Labelang beschaffen sei, und dann nahm er sich einen Schiebekarrn und stellte sich einen Bienenkorb drauf und nahm einen Sack, da steckte er einen Gockelhahn hinein und einen Hasen und ein Lamm und legte ihn auch auf den Karrn; weiter nahm er einen Strick mit und eine grosse Schachtel voll Schnupftabak, hängte eine Kurierpeitsche um, machte sich ein paar tüchtige Sporen an die Stiefel und marschierte mit seinem Schiebekarrn ruhig fort.

Gegen Abend war er endlich den hohen Berg hinauf, und als er durch den dicken Wald kam, sah er das Schloss des Riesen Labelang vor sich. Und es ward Nacht, und er hörte, wie der Riese Labelang und seine Frau Dickedull und sein Löwe Hahnenbang und sein Bär Hönigbart und sein Wolf Lämmerfrass und sein Hund Hasenschreck gewaltig schnarchten; nur das Pferd Flügelbein war noch munter und scharrte mit den Füssen im Stall. Da nahm Witzenspitzel leise, leise seinen langen Strick und spannte ihn vor die Schlosstüre von einem Baum zum andern und stellte die Schachtel mit Schnupftabak dazwischen. Dann nahm er den Bienenkorb und setzte ihn an einen Baum in den Weg und ging in den Stall und band das Pferd Flügelbein los und setzte sich mit dem Sack, worin er den Hahn und das Lamm und den Hasen hatte, drauf und gab ihm die Sporn und trieb es hinaus.

Das Pferd Flügelbein aber konnte sprechen und schrie ganz laut:

Dickedull und Labelang,

Honigbart und Hahnenbang,

Lämmerfrass und Hasenschreck,

Witzenspitzel reitet Flügelbein weg!

und dann galoppierte es fort, was gibst du, was hast du!

Da wachte der Labelang und die Dickedull auf und hörten das Geschrei des Pferds Flügelbein; geschwind weckten sie den Bären Honigbart und den Löwen Hahnenbang, den Wolf Lämmerfrass und den Hund Hasenschreck auf, und alle stürzten zugleich aus dem Schloss heraus, um den Witzenspitzel mit dem Pferd Flügelbein zu fangen.

Aber der Riese Labelang und seine Frau Dickedull stolperten in der Dunkelheit über den Strick, den Witzenspitzel vor der Türe gespannt hatte, und perdauz, da fielen sie mit der Nase und den Augen grade in die Schachtel voll Schnupftabak hinein, die er dahin gestellt hatte, und rieben sich die Augen und niesten einmal über das andre Mal, und der Labelang sagte: „Zur Gesundheit, Dickedull!“ „Ich danke“, sagte Dickedull; dann sagte sie: „Zur Gesundheit, Labelang!“ und „ich danke“, sagte Labelang, und bis sie sich den Tabak aus den Augen geweint und aus der Nase geniest hatten, war Witzenspitzel schier aus dem Wald.

Der Bär Honigbart war zuerst hinter ihm drein, als er aber an den Bienenkorb kam, kriegte er Lust zum Honig und wollte ihn fressen; da schnurrten die Bienen heraus und zerstachen ihn so, dass er halbblind ins Schloss zurücklief. Witzenspitzel war schon weit aus dem Wald, da hörte er hinter sich den Löwen Hahnenbang kommen; geschwind nahm er den Gockelhahn aus seinem Sack, und als der auf einen Baum flog und zu krähen anfing, ward es dem Löwen Hahnenbang sehr angst und lief zurück. Nun hörte Witzenspitzel den Wolf Lämmerfrass hinter sich. Da liess er geschwind das Lamm aus seinem Sack laufen, und dem sprang der Wolf nach und liess ihn reiten. Schon war er nah an der Stadt, da hörte er hinter sich ein Gebelle, und wie er sich umschaute, sah er den Hund Hasenschreck angelaufen kommen. Geschwind liess er nun den Hasen aus dem Sack laufen, und da sprang der Hund dem Hasen nach, und er kam glücklich mit dem Flügelbein in die Stadt.

Der König dankte dem Witzenspitzel sehr für das Pferd, die falschen Hofdiener aber ärgerten sich, dass er so mit heiler Haut wiedergekommen war. Am nächsten Montag setzte sich der König gleich auf sein Pferd Flügelbein und ritt zur Königin Flugs, und das Pferd lief so geschwind, dass er viel früher da war und schon mehrere Tänze auf seiner Hochzeit mit der Königin Flugs getanzt hatte, als die andern Könige aus der Gegend erst ankamen. Da er nun mit seiner Königin nach Haus ziehen wollte, sagten seine Diener zu ihm: „Ihro Majestät haben zwar das Pferd des Riesen Labelang, aber wie herrlich wäre es, wenn Sie auch dessen prächtige Kleider hätten, die alles übertreffen, was man bis jetzt gesehen, und der geschickte Witzenspitzel wird dieselben ganz gewiss herbeischaffen, wenn es ihm befohlen.“ Der König bekam gleich eine grosse Lust nach den schönen Kleidern des Labelang und gab dem Witzenspitzel abermals den Auftrag. Als dieser sich nun auf den Weg machte, dachten die falschen Hofdiener, er würde dieses Mal dem Riesen Labelang gewiss nicht entgehen.

Witzenspitzel nahm diesmal nichts mit als einige starke Säcke und kam abends wieder vor das Schloss des Labelang, wo er sich auf einen Baum setzte und lauerte, bis alles im Schlosse zu Bett sei. Als alles still geworden war, stieg er vom Baum herunter; da hörte er auf einmal die Frau Dickedull rufen: „Labelang, ich liege mit dem Kopf so niedrig, hole mir doch drauss noch ein Bund Stroh!“ Da schlupfte Witzenspitzel geschwind in den Bund Stroh, und Labelang trug ihn mitsamt dem Bund in seine Stube, legte ihn unter das Kopfkissen und legte sich dann auch ins Bett.

Als sie ein wenig eingeschlafen waren, streckte Witzenspitzel die Hand aus dem Stroh und raufte den Labelang tüchtig in den Haaren und dann die Frau Dickedull auch, worüber beide erwachten und, weil eines glaubte, das andere habe ihn gerauft, sich einander tüchtig im Bett zerprügelten, während welchem Streit Witzenspitzel aus dem Stroh herauskroch und sich hinter das Bett setzte.

Da sie wieder ruhig eingeschlafen waren, packte Witzenspitzel alle Kleider des Labelang und der Dickedull in seinen Sack und band diesen leise, leise dem schlafenden Löwen Hahnenbang an den Schwanz; dann band er den Wolf Lämmerfrass und den Bären Honigbart und den Hund Hasenschreck, welche alle, daherum schliefen, an die Bettlade des Riesen fest und machte die Türe weit, weit auf. Er hatte alles so in der Ordnung, da wollte er aber auch dem Riesen seine schöne Bettdecke noch mitnehmen und zupfte ganz sachte, sachte an dem Zipfel, bis er sie heruntergezogen, wickelte sich hinein und setzte sich auf den Sack voll Kleider, den er dem Löwen an den Schwanz gebunden hatte. Nun wehte die kalte Nachtluft durch die offne Türe der Frau Dickedull an die Beine, sie wachte auf und rief: „Labelang, du nimmst mir die Decke weg, ich liege ganz bloss.“ Da wachte Labelang auf und rief: „Nein, ich liege ganz bloss! Dickedull, du hast mir die Bettdecke genommen.“ Darüber fingen sie sich wieder an zu schlagen und zu zanken, und Witzenspitzel fing laut an zu lachen. Nun merkten sie etwas und riefen: „Dieb da! Dieb da! Auf, Hahnenbang! Auf, Lämmerfrass, Honigbart und Hasenschreck! Dieb da! Dieb da!“ Da wachten die Tiere auf, und der Löwe Hahnenbang sprang fort; weil er aber den Bündel angebunden hatte, worauf der Witzenspitzel in der Bettdecke gewickelt sass, fuhr der wie in einem Wagen hinter ihm her und fing einigemal an, wie ein Hahn kikriki, kikriki zu schreien; da kriegte der Löwe eine solche Angst, dass er immer, immer zulief, bis in das Stadttor, wo Witzenspitzel ein Messer herauszog und hinten den Strick abschnitt, so dass der Löwe, der im besten Ziehen war, auf einmal ausfuhr und so mit dem Kopf wider das Tor rannte, dass er tot an die Erde fiel.

Die andern Tiere, welche Witzenspitzel an die Bettstelle des Riesen gebunden hatte, konnten diese nicht zum Tore hinausbringen, weil sie zu breit war, und zerrten die Bettlade so in der Stube herum, dass Labelang und Dickedull herausfielen und aus grossem Zorn den Wolf und den Bären und den Hund totschlugen, welche doch gar nichts dafür konnten.

Als die Wache in der Stadt den grossen Stoss, den der Löwe gegen das Stadttor getan hatte, hörten, öffneten sie das Tor, und Witzenspitzel brachte dem König die Kleider des Labelang und der Dickedull, worüber dieser vor Freuden aus der Haut fahren wollte, denn niemals waren noch solche Kleider gesehen worden. Es war dabei ein Jagdrock, von den Pelzen aller vierfüssigen Tiere so schön zusammengenäht, dass daran die ganze Geschichte des Reineke Fuchs zu sehen war. Weiter ein Vogelstellerrock, von den Federn aller Vögel der Welt: vorn ein Adler, hinten eine Eule und in der Tasche eine Drehorgel und ein Glockenspiel, welche wie alle Vögel durcheinander sangen. Dann ein Bade- und Fischfängerkleid, aus allen Fischhäuten der Welt so zusammengenäht, dass man einen ganzen Walfisch- und Heringsfang drauf sah. Dann ein Gartenkleid der Frau Dickedull, worauf alle Arten von Blumen und Kräutern und Salat und Gemüs abgebildet war. Was aber alles übertraf, war die Bettdecke; sie war von lauter Fledermauspelzen zusammengenäht und alle Sterne des Himmels mit Brillanten drauf gestickt.

Die königliche Familie wurde ganz dumm von lauter Betrachten und Bewundern. Witzenspitzel wurde geküsst und gedrückt, und seine Feinde platzten bald vor Zorn, dass er wieder so glücklich dem Riesen Labelang entgangen sei. Doch liessen sie den Mut nicht sinken und setzten dem König in den Kopf, jetzt fehle ihm nichts mehr als das Schloss des Labelang selber, dann hätte er alles, was ihm zu wünschen übrig sei, und der König, der ein rechter Kindskopf war und alles haben wollte, was ihm einfiel, sagte gleich zu Witzenspitzel, er sollte ihm das Schloss des Labelang schaffen, dann wolle er ihn belohnen.

Witzenspitzel besann sich nicht lange und lief zum drittenmal nach dem Schloss des Labelang. Da er dahin kam, war der Riese nicht zu Haus, und in der Stube hörte er etwas schreien wie ein Kalb. Da guckte er durchs Fenster und sah, dass die Riesin Dickedull einen kleinen Riesen auf dem Arm hatte, der bleckte die Zähne und schrie wie ein Kalb, während sie dabei Holz hackte.

Witzelspitzel ging hinein und sagte: „Guten Tag, grosse, schöne, breite, dicke Frau! Wie mögt Ihr Euch nur bei dem allerliebsten Kinde so viele Arbeit machen, habt Ihr denn keine Knechte oder Mägde? Wo ist dann Euer lieber Herr Gemahl?“ — „Ach,“ sagte die Dickedull, „mein Mann Labelang ist ausgegangen, die Herrn Gevattern einzuladen; wir wollen einen Schmaus halten, und nun soll ich alles allein kochen und braten, denn mein Mann hat den Wolf und Bär und Hund, die uns sonst geholfen, totgeschlagen, und der Löwe ist auch fort.“ — „Das ist freilich sehr beschwerlich für Euch,“ sagte Witzenspitzel; „wenn ich Euch helfen kann, soll es mir lieb sein.“ Da bat ihn die Dickebull, er soll ihr nur vier Stücke Holz klein machen, und Witzenspitzel nahm die Axt und sagte zu der Riesin: „Halte mir das Holz ein wenig!“ Die Riesin bückte sich und hielt das Holz. Da hob Witzenspitzel die Axt auf, und ratsch! hieb er der Dickedull den Kopf ab, und ritsch! dem kleinen Riesen Mollekopp auch, und da lagen sie.

Nun machte er ein grosses, tiefes Loch grad vor der Türe des Schlosses und warf die Dickedull und Mollekopp hinein und deckte das Loch oben ganz dünne mit Zweigen und Blättern zu. Dann steckte er in allen Stuben des Schlosses eine Menge Lichter an und nahm einen grossen kupfernen Kessel, da paukte er mit Kochlöffeln drauf, und nahm einen blechernen Trichter, darauf blies er die Trompete und schrie immer dazwischen: „Vivat! Es lebe Ihre Majestät, der König von Rundumherum!“

Als Labelang abends nach Haus kam und die vielen Lichter in seinem Schloss sah und das Vivatgeschrei hörte, ward er ganz rasend vor Zorn und rannte mit solcher Wut gegen die Türe, dass er, da er über das mit Zweigen bedeckte Loch laufen wollte, durchfiel und mit grossem Geschrei in der Grube gefangenlag, welche Witzenspitzel dann mit Erde und Steinen über ihm zufüllte.

Hierauf nahm Witzenspitzel den Schlüssel des Riesenschlosses und brachte ihn dem König Rundumherum, der sich sogleich mit der Königin Flugs und ihrer Tochter, der Prinzessin Flink, und dem Witzenspitzel nach dem Schloss begab und alles betrachtete. Nachdem sie vierzehn Tage an allen den vielen Stuben, Kammern, Kellerlöchern, Dachluken, Ofenlöchern, Feueressen, Küchenherden, Holzställen und Speisekammern und Rauchkammern und Waschküchen und dergleichen betrachtet hatten und fertig waren, fragte der König den Witzenspitzel, was er zur Belohnung für seine treuen Dienste haben wollte. Da sagte er: „Die Prinzessin Flink“, und die war es auch zufrieden. Da wurde Hochzeit gehalten, und Witzenspitzel und die Prinzessin Flink blieben auf dem Riesenschloss wohnen, wo sie bis auf diesen Tag zu suchen sind.

Rosenblättchen

Der Herzog von Rosmital hatte eine sehr schöne Schwester, die er über alles liebte, und der er alles zu Gefallen tat. Sie hatte eine ausserordentliche Liebe zu Blumen, besonders zu Rosen, und ihr Bruder verwandelte deswegen beinahe sein ganzes Land in einen einzigen Rosengarten; ausserdem hatte sie noch eine andere Leidenschaft, und das war, ihre schönen Haare immer zu flechten und zu kämmen, und sie hatte zu diesem Zweck eine Menge Kammerfräulein, welche eigentlich Kammfräulein hiessen und goldne Kämme anhängen hatten. Ihre ganze Beschäftigung war, sich kämmen zu lassen und dann mit den Kammfräulein im Garten herumzuspringen, bis ihre Haare wieder in Unordnung waren und sie sich von neuem kämmen liess.

Als sie einstens morgens unter den Händen ihrer sechs Kammfräulein in Garten sass, welche ihr sechs Zöpfe flochten, trat ihr Bruder, der Herzog von Rosmital, vor sie und führte ihr an der Hand den Prinzen Immerundewig zu und redete sie also an: „Liebe Schwester, ich habe dir schon oft von meinem vertrautesten Freund, dem Prinzen Immerundewig, erzählt, und du weisst, dass ich von jeher wünschte, du mögest dich mit ihm vermählen, damit er immer und ewig bei mir bleibe; hier stelle ich ihn dir vor und bitte dich, ihm dein Herz zu schenken.“ In diesem Augenblicke raufte eines der Kammfräulein die Prinzessin Rosalina, worüber sie sehr ungeduldig wurde und gegen sie ausrief: „Du raufst mich immer und ewig!“ Das Kammfräulein entschuldigte sich fein, indem es sagte: „Ja, Prinzessin, der Prinz Immerundewig raufte Euch, denn sein Auftreten hat mich zerstreut.“ Der Prinz begann sich schon zu entschuldigen, als wieder eine andere sie raufte, so dass Rosalina ganz aus der Fassung kam und dem armen Immerundewig sagte: „Mein verehrter Prinz und mein geliebter Bruder, ich erkläre, dass ich mich ebensowenig, als ein Rosenstock mit einem Kürbis, mit dem Prinzen Immerundewig vermählen werde!“ Und nach diesen Worten lief sie weg und die zopfflechtenden Kammfräulein ihr nach.

Der Herzog konnte seinem Freunde keinen Trost geben; „denn“, sagte er, „ihre Worte sind unverbrüchlich.“ „Sind sie das,“ sagte Immerundewig, „so will ich mein Heil versuchen“, umarmte dann den Herzog und reiste ab zu seiner Muhme, der Frau Nimmermehr, welche eine grosse Zauberkünstlerin war, und erholte sich Rats bei ihr.

Mehrere Wochen nachher spazierte einst Rosalina im Garten umher; da sah sie eine alte Frau, die einen Rosenstock nach dem andern betrachtete und bei jedem den Kopf schüttelte. Rosalina ging zu ihr und fragte sie, warum sie immer den Kopf schüttelte. „Weil bei allen den Rosen doch die schönste fehlt,“ sagte die Alte, „nämlich die immer und ewig blühende Monatrose.“ „Wer hat sie?“ fragte Rosalina. „Ich muss sie haben, um jeden Preis.“ „Nun, nun,“ sagte die Alte, „um ein gutes Wort steht sie Euch zu Diensten“, und zog den Deckel von ihrem Handkorb und zeigte der Prinzessin einen Kürbis, in welchen sie das blühende Rosenreischen gesteckt hatte, damit es frisch bleiben möge.

Rosalina war in der grössten Freude über das Rosenstöckchen, und als sie die Alte fragte, was sie dafür verlange, sagte diese: „Zwei Dinge: erstens, dass du mein Gast seist bei meinem Mittagbrot, und zweitens, dass du alle Monate, sooft dir das Rosenstöckchen eine Rose bringt, mit deinen Kammfräulein ein Fest begehst, wobei ihr alle über dies Rosenstöckchen weg springt, ohne dass ihr ein Rosenblättchen mit euern Kleidern abstreift, damit keines an die Erde fällt; und bei welcher eines an die Erde fällt, die muss ein paar tüchtige Hiebe mit Rosenzweigen auf die Hände bekommen, welche ihnen der Rosenstock schon geben wird, so sie zu ihm sprechen:

Röslein, Röslein,

Triff mich fein,

Triff mich mit der Rut,

Weil ich sprang nicht gut!

Triff mich mit der Rute recht,

Röslein, weil ich sprang so schlecht!

Die Prinzessin lachte hierüber und willigte in alles ein. Da nahm die Alte einen hölzernen Löffel aus der Tasche, trennte den Kürbis damit in zwei Teile und nahm einen Löffel voll von seinen Kernen, den sie der Prinzessin zum Essen vorhielt. Diese machte anfangs einen schiefen Mund; als sie es aber einmal versucht hatte, schmeckte es ihr vortrefflich, und sie ass ziemlich viel von den Kernen. Hierauf pflanzte die Alte den Rosenstock unter ihr Fenster, und weil er bereits ein volles Röschen trug, sagte sie: „Prinzessin Rosalina, rufet Eure Kammfräulein und beginnt das erste Fest vom Rosensprung!“

Da ging Rosalina und erzählte alles ihrem Bruder, dem Herzog; der bestellte Pauker und Trompeter und richtete das ganze Fest zu. Als Rosalina und ihre Kammfräulein erschienen waren, losten sie, wer zuerst springen sollte, und es traf sich, dass Rosalina die allerletzte war. Manches Fräulein sprang glücklich hinüber, aber alle jene, welche die Prinzessin gerauft hatten, da der Prinz Immerundewig, um ihre Hand bat, streiften mit ihren langen Schleppen ein paar Blätter von der Rose ab und mussten ihre Hände mit den Worten:

Röslein, Röslein,

Triff mich fein,

Triff mich mit der Rut,

Weil ich sprang nicht gut!

Triff mich mit der Rute recht,

Röslein, weil ich sprang so schlecht!

dem Rosenstock darbieten, welcher ihnen zur Bewunderung aller Anwesenden mit seinen Zweigen ein paar so tüchtige Hiebe über die Finger gab, dass ihnen das Wasser in die Augen kam.

Als nun die Reihe zum Sprung an Rosalina kam, nahm sie einen tüchtigen Anlauf und wäre auch glücklich hinübergekommen, wenn sich ihr im Sprunge nicht die Haarflechten aufgelöst hätten, die ein Blättchen von der Rose abschlugen, welches sie aber im Sprung, eh es zur Erde fiel, erhaschte und verschluckte, so dass ihr von der ganzen Gesellschaft Beifall zugeklatscht wurde.

Hierauf ward noch lustig geschmaust und getanzt, und als gegen das Ende der Tafel allerlei Gesundheiten getrunken wurden, hob die alte Frau ihr Glas in die Höhe und sprach zu Rosalina:

Weil Kürbiskern und Rosenblatt

Dein roter Mund gegessen hat,

Weil Ros und Kürbis sich verband,

Verlorst du deine stolze Hand

An meinen Freund, den Immerundewig.

Leb wohl, im Abendschimmer entschweb ich.

So sprach sie, und vor den Augen aller verschwand sie plötzlich. Rosalina aber, auf welche alle Augen gerichtet, tat einen lauten Schrei und fiel in Ohnmacht. Man brachte sie nach ihrer Stube, und sie bedachte mit vieler Angst, dass sie dem Prinzen gesagt sie wolle ihn nehmen, wenn Rose und Kürbis sich vermählten. In der Nacht hatte sie sehr wunderbare Träume; es war ihr immer, als wüchsen ihr Rosen aus dem Munde, und sie hatte Magenweh. Diese Träume hatte sie oft, und immer ängstlicher.

Als der kleine Monatsrosenstock wieder eine Rose brachte und sie wieder hinübersprangen, war sie ganz melancholisch und krank; Essen und Trinken schmeckte ihr nicht mehr. Bei dem dritten Rosenfest hatte sie geträumt, sie würde ein Kürbis, und ihr Bruder musste ihr das mit vieler Mühe ausreden. Aber gegen das vierte Rosenfest setzte sie sich den Gedanken noch viel fester in den Kopf, dass sie ein Kürbis sei, und wollte deswegen auf keine Weise mehr über den Rosenstock springen. Bei dem fünften Rosenfest war sie nicht mehr aus der Stube zu bringen und weinte den ganzen Tag darüber, dass sie ein Kürbis geworden sei.

Der Herzog war sehr betrübt über ihre Einbildungen und versammelte alle Ärzte um sie, aber es war ihr nicht mehr auszureden. Das sechste Rosenfest kam; da war der Rosenstock schon so gross geworden, dass an kein Springen mehr zu denken war, und besonders, weil sie den ganzen Tag trauerte, dass sie ein Kürbis sei. Am siebenten Rosenfest guckte der Rosenstock ihr ins Fenster, am achten wuchsen seine Zweige schon um ihr Bett, und am neunten breitete er eine ganze Rosenlaube über sie.

Da träumte sie so lebendig, sie sei ein Kürbis und müsse sterben, dass sie ihren Bruder zu sich rufen liess, der mit Licht hereintrat. Aber wie gross war ihr Erstaunen, als sie morgens neben ihrem Lager einen halben grossen goldnen Kürbis stehen sah, in welchem, wie in einer Wiege, ein schönes kleines Mägdlein schlummerte. Da war die Prinzessin sehr gerührt und sagte: „Ach, wenn der gute Prinz Immerundewig da wäre, ich wollte gern seine Gemahlin werden!“ Da rauschten die Rosen um sie, und sie hörte eine Stimme:

Als Rose sterb ich, als Rose leb ich,

Rose bin ich nun Immerundewig.

Da ward die Prinzessin sehr betrübt, denn sie hörte wohl, dass der gute Prinz ihr zulieb ein Rosenstock geworden war. Und sie gab dem Mägdlein den Namen Rosenblättchen und trug es mit seinem Bettchen in ihre geheimste Kammer; wo sie es erziehen wollte; denn sie hatte es so lieb, dass sie keinem Menschen es zu sehen gönnte.

Rosalina, welche bald wieder ganz lustig geworden war, sass am folgenden Tage im Bett und liess sich von ihren Kammerfräulein ihre Haare, die sie sonst in einen Kranz geflochten getragen hatte, auf eine andere Weise flechten; denn sie wollte nun eine goldene Haube aufsetzen. Sie hatte kaum begonnen, als es an ihrer Tür pochte und man ihr sagte, die Alte, welche den Kürbis und den Rosenstock gebracht, sei drauss und wolle das Rosenblättchen sehen. Sie liess ihr aber sagen, sie solle warten, bis sie gekämmt sei. Nach einer Viertelstunde pochte die Alte wieder und erhielt dieselbe Antwort, und das noch fünfmal. Da ward die Alte bei dem siebenten Male seht zornig und rief ihr durch das Schlüsselloch hinein:

Sieben Viertelstunden hab ich geharrt,

Sieben Viertelstunden war ich genarrt:

So kämm denn noch sieben Jahr,

Dann bringt dein Kamm dich in Gefahr;

Du kämmst dich dann in grosse Not

Und kämmst das Rosenblättchen tot.

So sagte die Alte im Zorn und verschwand.

Rosalina achtete wenig hierauf und dachte an nichts als an ihr Rosenblättchen, welches täglich grösser und freundlicher ward und wie seine Mutter besonders schöne, lange Haare hatte; und diese zu kämmen, war Rosalina höchste Lust, wenn sie sich allein mit dem Rosenblättchen eingesperrt hatte.

Nun war das Kind beinah schon sieben Jahre alt geworden, und die Zeit nahte sich, wo der Unglückswunsch des alten Zauberweibs:

Du kämmst dich dann in grosse Not

Und kämmst das Rosenblättchen tot

wahr werden sollte, aber Rosalina dachte nicht daran und kämmte das Rosenblättchen nach wie vor.

Als sie nun einstens das Mägdlein zwischen ihren Knien hatte und ihm den spitzen goldnen Kamm durch die langen, goldnen Locken zog, fühlte sie auf einmal einen grossen Neid in sich erwachen, weil das Kind viel schönere Haare hatte als sie, und sagte ungeduldig:

Ach, hättest du einen kahlen Kopf

Und ich hätte all deine Haare im Zopf!

Kaum aber hatte sie dies gesagt, als sie vom Himmel gestraft wurde; denn eine unsichtbare Schere kam über sie her, und ritsch, ritsch schnitt sie ihr alle Haare vom Kopf herab, worüber sie so zusammenfuhr, dass sie mit der Hand zuckte und dem armen Rosenblättchen den spitzen Kamm so tief in das Häuptlein stiess, dass es mit einem Schrei tot zu ihren Füssen sank. — Da fiel der unglücklichen Rosalina der Zauberfluch der alten Frau ein, aber es war zu spät. Ihr geliebtes Rosenblättchen lag tot an der Erde, und ihre schönen, langen Haare, die sie so lange und mit so vieler Eitelkeit hatte kämmen lassen, lagen abgeschnitten umher, und sie rang ihre Hände verzweiflungsvoll über ihrem kahlen Kopfe.

Nachdem sie lange geweint hatte, stopfte sie ein Bettchen mit ihren langen Haaren und ein Kopfkissen mit Rosenblättern und legte das tote Rosenblättchen darauf mit gefaltenen Händen in einen Kasten von Kristallglas und liess noch sechs andere Kasten von Kristall drüber machen und verschloss sie in der Kammer, wovon niemand etwas wusste als eine vertraute Dienerin.

So lebte sie noch einige Jahre in beständiger Trauer. Der Rosenstock verdorrte auch in der Stube, und als sie fühlte, dass die Stunde ihres Todes herannahte, liess sie ihren Bruder, den Herzog von Rosmital, zu sich kommen und sagte: „Geliebter Bruder, das Ziel meines Lebens ist gekommen. Ich wollte, ich wäre nicht so eigensinnig und eitel gewesen. Aber jetzt ist es zu spät; ich bitte Gott, er möge sich meiner erbarmen. Alles, was ich besessen habe, gehört nun dein; aber eines schwöre mir zu, damit ich ruhig sterben kann!“ Der Herzog schwört ihr unter Tränen, alles zu tun, was sie verlange; denn er liebte sie über alles. Nun gab sie ihm einen Schlüssel und sagte: „Dieses ist der Schlüssel zu der letzten Kammer meiner Wohnung; bewahre ihn getreu und öffne diese Kammer niemals!“ Der Bruder beteuerte nochmals, sein Versprechen zu halten, und sagte zu Rosalina: „Lebe wohl und bete für mich!“ Dann wendete sie sich um und war tot, worauf sie der Herzog mit grossem Gepränge bei dem Monatsrosenstock begraben liess.

Einige Monate nachher vermählte sich der Herzog mit einer schönen, aber nicht gutmütigen Dame, und als er einstens eine kleine Reise machen musste, bat er seine Gemahlin, das Haus wohl in Ordnung zu halten und um alles in der Welt die letzte Kammer, deren Schlüssel er in seinem Schreibtische verwahrt habe, nicht zu öffnen. Sie versprach alles; aber kaum hatte er den Rücken gewendet, als sie von der Neugierde getrieben, den Schlüssel nahm und sich die verbotene Kammer eröffnete. Wie gross war aber ihr Zorn, da sie durch die gläsernen Kasten Rosenblättchen auf der Matratze liegen sah, die, seit sie hier von ihrer Mutter als tot war eingeschlossen worden, mitsamt den gläsernen Kasten gewachsen war und wie ein schönes schlummerndes Fräulein von vierzehn Jahren aussah; denn das alte Zauberweib hatte sie die langen Jahre hindurch im Schlafe lebend erhalten.

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9788726762549
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