Читать книгу: «Spannungsfelder der Krisenintervention»

Der Autor

Dr. med. Claudius Stein ist Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut (KIP) in eigener Praxis. Er ist seit 20 Jahren Ärztlicher Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien, weiters Lehrtherapeut für Katathym Imaginative Psychotherapie (ÖGATAP), Dozent der Deutschen Gesellschaft für Katathymes Bilderleben (AGKB) und Traumatherapeut. Er ist stv. Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention, Mitglied des Expertengremiums der Kontaktstelle Suizidprävention Austria (SUPRA) im Auftrag des BM für Gesundheit und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Lindauer Psychotherapiewochen.
Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt umfasst die Themen Krisenintervention, Trauer und Verlust, Suizidprävention, Psychotraumatologie und psychotherapeutische Arbeit mit Imaginationen. Zu diesen Themen leitet er auch regelmäßig Fort, Weiter- und Ausbildungsveranstaltungen.
Claudius Stein
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2., erweiterte und überarbeitete Auflage 2020
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Für Alina und Renuka
Geleitwort
Krisen zu erleben, sie durchzuleben, in ihnen stecken zu bleiben – das gehört zum menschlichen Leben, ist ganz »normal«. Viele Krisen erleben wir im Nachhinein als bedeutungsvoll für unser Leben, geradezu als heilsam – im Nachhinein allerdings erst. Hat eine Krise uns zum Guten hin verändert, uns weitergebracht, uns etwas »gebracht«, dann sprechen wir davon, dass in jeder Krise auch eine Chance steckt. Dieses Denken ist hilfreich: Begegnen wir in dieser Haltung den unausweichlichen Krisen doch in der Gewissheit, dass sie nicht nur schlecht sind, dass wir mit der Krise umgehen können, dass wir ihr nicht einfach ausgeliefert sind, auch wenn die Lebenssituation, in der wir gerade stecken, sehr belastend ist, unangenehm und eine große Herausforderung. Die Zuversicht, die mit der Idee verbunden ist, dass in der Krise auch eine Chance steckt, lässt uns optimistischer die oft auch großen Schwierigkeiten, die umfassenden emotionalen Probleme, die in einer Krise zum Ausdruck kommen, angehen.
Aber in Krisen stecken nicht nur Chancen, sie können am Anfang von chronischen eskalierenden Schwierigkeiten stecken. Krisen können Menschen dazu bringen, ihr Leben zu beenden – weil sie keinen Ausweg mehr sehen. Sie sind gefangen im Klammergriff der Krise und haben die Überzeugung verloren, das Leben auch gestalten zu können. Wenn wir in einer Krise länger stecken bleiben – vorübergehend stecken zu bleiben ist normal – brauchen wir Menschen, denen wir zutrauen, uns in dieser schwierigen Situation helfen zu können. Wir brauchen Menschen, die bei dieser Krise intervenieren können, »dazwischen treten« können, dass der Kriselnde nicht mehr ganz und gar von der Krise bestimmt ist, sondern wieder ein Verhältnis zur eigenen Krise herstellen kann, damit die Probleme, die damit verbunden sind gelöst, die mit der Krise verbundenen Entwicklungsaufgaben angegangen, die notwendigen Anpassungen an das Leben vollzogen werden können.
Krisenintervention – das klingt recht technisch, ist es aber ganz und gar nicht. Krisen sind existenzielle Dringlichkeitssituationen, in denen ein Therapeut oder ein Berater empathisch, warm und mit manchmal großem Mut zusammen mit einem in die Enge getriebenen Menschen Möglichkeiten findet, mit den Schwierigkeiten umzugehen, wieder Vertrauen in das Leben und in die Mitmenschen herzustellen. So belastend Kriseninterventionen für die Therapeuten und Berater sein können, so belohnend können sie auch sein. Kriseninterventionen setzen nicht nur eine große emotionale Belastbarkeit und eine gewisse Krisenfreundlichkeit voraus, sondern auch viel Wissen und Können.
Hier nun hilft das vorliegende Werk mit viel Information, die genau auf das Thema fokussiert ist, von einem Praktiker verfasst, der auch die Theorien kennt, Theorien und Praxis so in einen Zusammenhang bringt, dass viele Anregungen für das große Gebiet der Krisenintervention daraus resultieren.
Aber nicht nur Theorie und Praxis werden in einen Zusammenhang gebracht, auch die Belastung und die Ressourcen der Menschen in der Krise werden gesehen. Es fokussiert nicht nur auf Belastung, sondern auch auf vorhandene Ressourcen.
Dieses mit großer Sorgfalt und Umsicht verfasste Fachbuch, mit vielen klinischen Hinweisen und genauen Anleitungen, wie der Berater bzw. der Therapeut vorgegangen ist, kann zu einem Standardwerk für die Krisenintervention werden.
St. Gallen, im Januar 2009
Verena Kast
Vorwort zur zweiten Auflage
Seit der Erstauflage dieses Buches sind nun 10 Jahre vergangen. In dieser Zeit hat sich die Welt in einer ungemein rasanten Art und Weise verändert. In der Kriseninterventionsarbeit hat man immer besonders aufmerksam für jene Probleme und Konflikte zu sein, mit denen sich Menschen in einer sich wandelnden Welt auseinandersetzen müssen. Der wirtschaftliche Umbruch, der technologische Fortschritt, veränderte Geschlechterrollen, die steigende Lebenserwartung, die dazu führt, dass wir heute in den westlichen Industrienationen mit einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung konfrontiert sind, und die Flucht- und Migrationsbewegungen zwingen uns dazu, unsere Konzepte und Vorstellungen an die neuen gesellschaftlichen Bedingungen und vor allen Dingen an die Bedürfnisse der Betroffenen anzupassen. Ich greife drei Themen exemplarisch auf, die unsere Arbeit in den letzten Jahren besonders stark beeinflusst haben:
Die wirtschaftlichen Umbrüche in den Industrienationen, insbesondere die Dominanz neoliberaler Ideen und deren Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte und die Arbeitswelt betreffen natürlich viele unserer Klienten, aber auch uns Helfer und die Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens, in denen wir arbeiten. Der gesellschaftliche Wandel stellt zunehmend große Anforderungen an die Leistungsfähigkeit, Flexibilität und damit an die psychosoziale Stabilität des Individuums. Auch wenn sich die allgemeine wirtschaftliche Situation seit der Erstausgabe des Buches, das ja unmittelbar nach der schweren Wirtschaftskrise 2007/2008 erschienen ist, in den letzten Jahren gebessert hat, gibt es viele Menschen, die verunsichert und/oder marginalisiert sind und am allgemeinen Wohlstand nicht teilhaben können. Verschärfend wirken die z. T. negative Konnotation von Armut in der öffentlichen Diskussion und die damit verbundenen Kürzungen sozialer Leistungen. Die ökonomischen Veränderungen, wie wir sie derzeit erleben, haben also erhebliche, oft negative Auswirkungen auf das Individuum. Sie beeinflussen jene Kernbereiche des Lebens – Partnerschaft, Familie und Arbeitsleben – mit denen wir in der Kriseninterventionsarbeit besonders häufig konfrontiert sind. Die Krisen, mit denen wir aktuell zu tun haben, sind folgerichtig oft komplizierter und komplexer, weil sich die Schwierigkeiten rasch auf mehrere Lebensbereiche erstrecken, aber auch weil sich die Zielgruppen verändert haben.
Eine der aktuell größten gesellschaftlichen Herausforderungen stellt sicherlich die Migrations- und Fluchtbewegung, die in den Jahren 2015 und 2016 einen einstweiligen Höhepunkt erreicht hat, dar. Es stellt sich grundsätzlich die Frage, wie die psychosoziale und gesundheitliche Versorgung dieser Menschen sichergestellt und verbessert werden kann. Gerade jene, die aufgrund von Krieg, Naturkatastrophen und globalen politischen und wirtschaftlichen Krisen aus ihrer Heimat fliehen mussten, sind besonders krisenanfällig und gleichzeitig mit ernstzunehmenden Zugangsbarrieren zu psychiatrisch-psychosozialen Angeboten konfrontiert. Kriseninterventionseinrichtungen müssen auf eine verstärkte interkulturelle Öffnung achten und ihre Angebote, z. B. durch die Möglichkeit durch Dolmetscher gestützte Gespräche zu führen, für diese Zielgruppen adaptieren (
Kap. 5.11 zu diesem Thema).
Der technologische Fortschritt, insbesondere der Umgang mit den neuen Medien, wirft die Frage auf, wie wir Menschen adäquate Hilfe im Krisenfall anbieten können, die großteils über soziale Medien kommunizieren. Manche von ihnen sind nicht in der Lage oder willens persönliche oder telefonische Beratung in Anspruch zu nehmen. Kriseneinrichtungen sind daher gefordert, entsprechende Beratungsangebote im Netz z. B. in Form von E-Mailberatung anzubieten (zu diesem
Kap. 5.14).
Diese Entwicklungen stellen auch erhöhte Anforderungen an die im psychosozialen Bereich tätigen Menschen. Wichtiger denn je sind Institutionen, die sich um jene kümmern, die den Belastungen zeitweise nicht mehr gewachsen sind. Kriseninterventionsarbeit ist zeitintensiv und erfordert ein hohes Maß an Flexibilität von Seiten der Helfer, aber auch der Einrichtungen. Es handelt sich um ein sehr personalintensives Angebot, das eine ausreichende ökonomische Basis benötigt. Dem wird von politischer Seite zu wenig Rechnung getragen. Nach wie vor sind wir mit einer unsicheren Finanzierung konfrontiert, was ein Klima ständiger Instabilität erzeugt, wo doch gerade in der Kriseninterventionsarbeit ein wesentliches Ziel darin besteht, Stabilität und Sicherheit für die Betroffenen herzustellen. Ganz abgesehen davon existieren in vielen ländlichen Gebieten nach wie vor keine adäquaten Hilfsangebote.
Erfreulicherweise ist es in den letzten Jahren in Deutschland und in Österreich den jeweiligen Fachgesellschaften für Suizidprävention gelungen, nationale Suizidpräventionsprogramme zu verankern (in Deutschland NASPRO, in Österreich SUPRA), die zu einem deutlichen Rückgang der Suizidraten, sowohl in Deutschland als auch in Österreich, beigetragen haben. Leider wurden aber dennoch keine gesetzlichen Grundlagen geschaffen, die eine ausreichende Finanzierung von ambulanten Einrichtungen der Krisenintervention und Suizidprävention sicherstellen.
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen finde ich persönlich die Kriseninterventionsarbeit, gerade auch wegen der immer neuen Anforderungen, nach wie vor äußerst lohnend. Keine Situation gleicht der anderen. Es ist immer wieder faszinierend und berührend wie Menschen auch schwierigste Lebensbedingungen bewältigen und ihren jeweils individuellen Weg aus einer subjektiv zunächst oft aussichtslos erscheinenden Situation finden. Sie dabei begleiten zu dürfen ist eine große Herausforderung, aber auch ein Privileg.
Krisen im Allgemeinen und auch die beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen sind mit Chancen und Risiken verbunden. Beiden Aspekten wird auch in der vorliegenden Neuauflage Rechnung getragen.
Claudius Stein, im März 2020
Vorwort
Das vorliegende Werk ist ein Resultat meiner zwanzigjährigen theoretischen und praktischen Beschäftigung mit Krisen und Krisenintervention in unterschiedlichen Kontexten. Zuallererst betrifft dies selbstverständlich meine klinische Arbeit mit von Krisen betroffenen Menschen. Auch nach der langen Zeit hat diese Tätigkeit nichts von ihrer Faszination verloren. Jede individuelle Krise ist einzigartig ausgeprägt, sowohl was die Erscheinungsformen als auch die Bewältigungsversuche betrifft, und jede Begegnung mit Menschen, die von einer Krise betroffen sind, stellt eine neue Herausforderung dar. Ich konnte aber auch in der Fort- und Weiterbildung von Kollegen und Kolleginnen aus verschiedenen psychosozialen Bereichen immer wieder neue Erfahrungen machen und dazulernen. Schließlich eröffnete mir auch die inhaltliche und wirtschaftliche Leitung des Kriseninterventionszentrums in Wien neue und andere Blickwinkel auf dieses Thema.
Einige Anmerkungen zum Aufbau des Buches: Zu Beginn steht ein kurzer historischer Rückblick (
Kap. 1). In Kapitel 2 wird zunächst eine Definition und Eingrenzung des Begriffs der Krise vorgenommen und daran anschließend eine Verbindung zu verschiedenen Wissenschaftsgebieten, wie der Neurobiologie, der Stress- und Copingforschung, tiefenpsychologischen, wie verhaltenstherapeutischen Theorien und der Salutogenese hergestellt (
Kap. 2). In Kapitel 3 wird versucht, einen zeitgemäßen Überblick über die gängigsten Krisentheorien und -modelle und deren angrenzende Gebiete zu geben und diese auf ihre klinische Nützlichkeit zu überprüfen. Wesentlich erschien mir dabei herauszuarbeiten, bei welchen Problemen Krisenintervention indiziert ist (
Kap. 3). Wir wissen heute, dass allzu schematische Vorstellungen von Entstehung und Verlauf von Krisen überholt sind. Man kann davon ausgehen, dass sich Krisen nicht nur interindividuell, sondern im Verlauf eines Lebens auch intraindividuell sehr unterschiedlich äußern können. Trotz kritischer Sichtweise bieten viele der vorgestellten Theorien nach wie vor wichtige und im klinischen Alltag hilfreiche Anhaltspunkte, um ein Krisengeschehen besser verstehen zu können.
Erikson spricht davon, dass die Krise eine Nahtstelle zwischen Gesundheit und Krankheit darstellt. Ein grundsätzliches Anliegen dieses Buchs ist es, die zahlreichen Überschneidungen und fließenden Übergänge zwischen Krise und psychischen Störungsbildern bis hin zum psychiatrischen Notfall zu beleuchten. Dies ist nicht immer ganz einfach. Einerseits vertrete ich ein dynamisches Konzept von psychischer Störung, bin aber auch der Meinung, dass die exakte Indikationsstellung für Krisenintervention eine unerlässliche Voraussetzung für deren Gelingen ist.
Krisen stellen einen Scheideweg für den betroffenen Menschen dar. Entweder es gelingt, die Krise zu meistern und die Chance zur Weiterentwicklung zu nutzen oder die Bewältigungsversuche scheitern und führen zu Chronifizierungen oder katastrophalen Zuspitzungen. Dementsprechend wichtig ist es, über das Gefährdungspotenzial von Krisen Bescheid zu wissen (
Kap. 3). Ich lege in meinen Ausführungen allerdings auf eine Betrachtungsweise Wert, die in allen Problemlösungsversuchen, auch wenn diese destruktive Folgen haben, den adaptiven Charakter sieht.
Das zentrale Anliegen besteht darin, dem Leser1 ein praktisches Konzept von Krisenintervention vorzustellen, das im klinischen Alltag gut anwendbar ist (
Kap. 5). Ausgehend von allgemeinen Prinzipien und Methoden, werden im Weiteren differenziertere Interventionsmöglichkeiten bei unterschiedlichen Arten von Krisen, in unterschiedlichen Settings und für verschiedene Zielgruppen vorgestellt.
Anmerkungen zu den notwendigen Rahmenbedingungen und ein kurzer Ausblick in die Zukunft schließen das Buch ab (
Kap. 6). Im Anhang findet sich eine Darstellung des Kriseninterventionszentrums Wien (
Anhang 1) und eines Weiterbildungslehrgangs in Krisenintervention (
Anhang 2) sowie nützliche Internetadressen (
Anhang 3).
Ich möchte mich an dieser Stelle auch bei allen Personen, Lehrern und Lehrerinnen, Kollegen und Kolleginnen, Freunden und Freundinnen, die mich beim Entstehungsprozess dieses Buches praktisch und ideell unterstützt haben und von denen ich durch Austausch und kritische Diskussion in all den Jahren sehr viel gelernt habe, bedanken. Namentlich möchte ich dabei Harry von der Heyden (auch für die humorvollen Anmerkungen), Eva Paltinger, Ingrid Reichmann und Elisabeth Schnepf erwähnen. Danken möchte ich auch meinen Lektoren und Lektorinnen für deren Unterstützung und Vertrauen. Mein Dank gilt im Besonderen auch allen Klienten und Klientinnen, die ich in den vielen Jahren bei der Bewältigung ihrer Krisen begleiten durfte und die mich viel über den Charakter von Ausnahmesituationen gelehrt haben. Durch diese Begegnungen ist mein Respekt vor der Fähigkeit der Menschen auch mit schwierigsten Belastungen und Lebensumständen zurecht zu kommen immer mehr gewachsen und hilft mir bis heute, auch in sehr bedrohlichen Situationen Zuversicht und Hoffnung zu bewahren. Die Falldarstellungen sind fiktiver Natur. Sie wurden aus unterschiedlichen realen Kriseninterventionen zusammengestellt und so verfremdet, dass ein Rückschluss auf reale Personen nicht möglich ist. Die Umstände wurden zwar verändert, trotzdem könnte sich jede Krise exakt so zugetragen haben.
Ein besonderer Dank gilt meiner Familie, meiner Mutter, meinen beiden Töchtern, Alina und Renuka, und vor allen Dingen meiner Frau, Cornelia Schnieder, die mich während dieses Jahres der Buchentstehung vorbehaltlos begleitet haben. Das Entstehen dieses Buches ist eng mit einer eigenen Entwicklungskrise verknüpft. Das Grundgerüst entstand im ersten Halbjahr 2008 während der Abwesenheit meiner Töchter. Die jüngere verbrachte ein halbes Jahr im Zuge eines Auslandsaufenthalts in Frankreich, die Ältere musste, um ihre Ausbildung zu beenden, ein Internat außerhalb Wiens besuchen. Durch diesen vorübergehenden Abschied war ich selbst mit einem Trauerprozess beschäftigt. Ich habe abseits der schmerzlichen Komponenten auch versucht, diesen in kreativer Weise zu nutzen. Daher widme ich dieses Buch auch meinen beiden Töchtern. Die Begleitung ihres Heranwachsens in schönen wie in krisenhaften Zeiten hat mein Leben in den letzten 18 Jahren sehr wesentlich geprägt und in vieler Hinsicht in ganz spezieller Weise zu meiner persönlichen Entwicklung beigetragen.
Wien, im Januar 2009
Claudius Stein
1 Anmerkung des Autors: Die Personenbezeichnungen beziehen sich gleichermaßen auf Frauen und Männer. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde jedoch darauf verzichtet, in jedem Fall beide Geschlechter ausdrücklich zu benennen.
Inhaltsverzeichnis
1 Geleitwort
2 Vorwort zur zweiten Auflage
3 Vorwort
4 1 Kurze Geschichte der Krisenintervention
5 2 Definition psychosozialer Krisen
6 2.1 Einführung und Krisendefinition
7 2.2 Faktoren, die zur Entstehung und zum Verlauf einer Krise maßgeblich beitragen
8 2.2.1 Art und Schwere der Auslösesituation
9 2.2.2 Die subjektive Bedeutung des Geschehens
10 2.2.3 Krisenanfälligkeit
11 2.2.4 Die Reaktion der Umwelt
12 2.2.5 Coping – Abwehr – Ressourcen
13 2.3 Neurobiologie, Stressforschung und Krise
14 2.3.1 Vorbemerkung
15 2.3.2 Der Stress-Reaktionsprozess
16 2.3.3 Panik- und Furchtsystem
17 2.3.4 Das Beziehungsangebot in der Krisenintervention aus neurowissenschaftlicher Sicht
18 2.4 Symptome
19 2.5 Diagnostik
20 2.6 Salutogenese und Metaressourcen
21 3 Krisenmodelle
22 3.1 Verlust
23 3.1.1 Trauer und Verlust
24 3.1.2 Traumatische Krise
25 3.2 Lebensveränderungen
26 3.2.1 Definition
27 3.2.2 Phasen der Lebensveränderungskrise
28 3.3 Angrenzende Gebiete – Differenzierungen – Überschneidungen
29 3.3.1 Entwicklungskrisen
30 3.3.2 Akute Traumatisierung
31 3.3.3 Das Burnout-Syndrom
32 3.3.4 Narzisstische Krise
33 3.3.5 Psychiatrischer Notfall
34 4 Krisen und Gefährdungen
35 4.1 Vorbemerkung
36 4.2 Warnsignale
37 4.3 Suizidalität
38 4.3.1 Grundsätzliche Überlegungen
39 4.3.2 Ursachen und Motivstruktur von Suizidalität
40 4.3.3 Einschätzung der Suizidalität
41 4.3.4 Psychodynamik
42 4.4 Fremdgefährdung und Gewalt
43 4.4.1 Definition und grundsätzliche Überlegungen
44 4.4.2 Entstehung von Gewalt
45 4.4.3 Einschätzung der Gewaltgefahr
46 4.5 Komplizierte Trauerprozesse
47 4.6 Krise, Trauer und Depression
48 4.7 Krise und Angst
49 4.8 Krise und Sucht
50 4.9 Krise und psychische Störung
51 4.10 Krise und Psychosomatik
52 4.10.1 Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper
53 4.10.2 Funktion körperlicher Symptome bei Krisen
54 4.10.3 Somatopsychische Aspekte von Krisen
55 4.11 Krise und soziale Folgen
56 5 Methoden der Krisenintervention
57 5.1 Grundlagen der Krisenintervention
58 5.1.1 Ziele von Krisenintervention
59 5.1.2 Indikationen für Krisenintervention
60 5.1.3 Grundprinzipien der Krisenintervention
61 5.2 Allgemeine Prinzipien der Krisenintervention differenziert nach Krisenformen
62 5.2.1 Beginn der Intervention
63 5.2.2 Ziele und Interventionsstil
64 5.2.3 Fokus
65 5.2.4 Einbeziehung des sozialen Umfelds
66 5.2.5 Kooperation
67 5.3 Ablauf einer Krisenintervention
68 5.3.1 Herstellung einer tragfähigen Beziehung und emotionale Entlastung
69 5.3.2 Klärung der Situation und Exploration
70 5.3.3 Situationsbeurteilung
71 5.3.4 Problemdefinition
72 5.3.5 Kontrakt
73 5.3.6 Problembewältigung
74 5.3.7 Einbeziehung der Angehörigen und des sozialen Umfelds
75 5.3.8 Direkte Unterstützung und Vermittlung instrumenteller Hilfen
76 5.3.9 Spezielle Interventionsmethoden
77 5.3.10 Abschluss der Krisenintervention
78 5.3.11 Krisenintervention und Psychotherapie
79 5.4 Anwendungen der Krisenintervention
80 5.4.1 Krisenintervention nach dem Tod nahestehender Menschen
81 5.4.2 Krisenintervention nach Trennungen und Scheidungen
82 5.4.3 Krisenintervention bei schwerer körperlicher Krankheit
83 5.4.4 Krisenintervention nach akuten Traumatisierungen
84 5.4.5 Krisenintervention in akuten Phasen eines Burnout-Syndroms
85 5.4.6 Krisenintervention bei Arbeitslosigkeit
86 5.4.7 Krisenintervention bei akuter Suizidalität
87 5.4.8 Krisenintervention bei drohender Gewalt und nach Gewalthandlungen
88 5.4.9 Krisenintervention bei Alterskrisen
89 5.4.10 Krisenintervention bei Krisen Jugendlicher
90 5.4.11 Krisenintervention für Menschen mit Migrationshintergrund und/oder Fluchterfahrung
91 5.4.12 Krisenintervention mit Paaren
92 5.4.13 Telefonische Krisenintervention
93 5.4.14 E-Mailberatung für Menschen in psychosozialen Krisen
94 6 Standards für Krisenintervention
95 Literatur
96 Anhang 1
97 Das Kriseninterventionszentrum Wien
98 Anhang 2
99 Gatekeeperschulungen in Suizidprävention und Krisenintervention
100 Fort- und Weiterbildung in Krisenintervention – ein Modell
101 Anhang 3
102 Wichtige Internetadressen
103 Sachwortregister
1 Kurze Geschichte der Krisenintervention
Wenn wir uns die Frage nach den Wurzeln der Kriseninterventionsarbeit stellen, so lassen sich im Wesentlichen fünf Entwicklungstendenzen finden, auf denen die aktuelle Theorie und Praxis aufbaut. Diese werden in einem kurzen historischen Rückblick dargestellt.
Die ersten beiden Entwicklungslinien finden sich in der theoretischen und praktischen Beschäftigung mit akuten Traumatisierungen und den Folgen schwerwiegender Verluste (
Kap. 3.1 und
Kap. 3.4.2). Dementsprechend sind heute die Begriffe Trauer und Traumatisierung eng mit Konzepten zum theoretischen Verständnis von Krisen und Krisenintervention verknüpft. Eric Lindemann (1944), der 1942 nach der Brandkatastrophe von Coconut-Grove, bei der 140 Menschen in einem Tanzlokal umkamen, Hinterbliebene und Überlebende betreut und untersucht hat, kann diesbezüglich als einer der Pioniere gelten. Seine dabei gewonnenen Erfahrungen ließen ihn zu der Überzeugung gelangen, dass Menschen, die von derart schwerwiegenden Belastungen betroffen werden, unbedingt ein gezieltes psychiatrisches, psychologisches oder psychotherapeutisches Hilfsangebot benötigen. Gerald Caplan (1964) entwickelte diese Ansätze in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts weiter. Sein sozialpsychiatrisch-präventiver Ansatz zielte vor allen Dingen auf die Vermeidung unnötiger psychiatrischer Krankenhausaufenthalte ab. Auf der Basis ihrer Erfahrungen vertraten Lindemann und Caplan die Auffassung, dass im Sinne sekundärer Prävention Krisen möglichst frühzeitig bearbeitet werden sollten, und gründeten folgerichtig das erste Community Crisis Center.
Erik H. Erikson stellte in seinem 1959 erschienenen Buch »Identity and the Life Cycle« (deutsch: Identität und Lebenszyklus 1966) sein Konzept der Entwicklungskrise vor, das sich vorwiegend mit der Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung des Individuums beschäftigt. Erikson stellt fest, dass jeder Mensch während seines Lebens bestimmte kritische Phasen durchlebt, in denen er mit existenziellen, neuen Aufgaben konfrontiert wird. Nur eine erfolgreiche Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben ermöglicht Reifung und Wachstum (
Kap. 3.3.1).
Da Suizidalität neben Gewalthandlungen die dramatischste Zuspitzung von Krisen darstellt, waren Konzepte zur Suizidprävention von Beginn an eng mit denen der Krisenintervention verknüpft, wobei Einrichtungen zur Suizidprophylaxe lange vor den ersten Kriseninterventionszentren gegründet wurden. Diese wurden zunächst von nichtärztlichen, karitativen Einrichtungen betrieben. Die erste Telefonseelsorge entstand 1895 in London. 1906 richtete die Heilsarmee in London eine Stelle zur »Selbstmordbekämpfung« ein. In den USA gilt der New Yorker Pfarrer Warren als der erste, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einen Notruf für Suizidgefährdete gründete. 1927 wurden in Wien vom Fürsorgeamt der Wiener Polizeidirektion Maßnahmen für Menschen nach einem Suizidversuch entwickelt. Der Philanthrop Wilhelm Börner, Leiter der »Ethischen Gemeinde«, gründete kurz darauf ebenda eine Lebensmüdenstelle mit 60 ehrenamtlichen Mitgliedern (u. a. Viktor E. Frankl). Diese war Vorbild für ähnliche Einrichtungen in mehreren Ländern Mitteleuropas (Sonneck et al. 2008). 1938 verboten die Nationalsozialisten nach dem Anschluss Österreichs die Tätigkeit der Lebensmüdenstelle. In dieser Zeit galt der »Selbstmord« als »gesunder Reinigungsprozess des Volkes von minderwertigen Elementen«. Anstrengungen zur Suizidverhütung waren somit unerwünscht.
Erst 10 Jahre später (1948) wurde im Rahmen der Caritas der Erzdiözese Wien von Erwin Ringel wieder ein Selbstmordverhütungszentrum – »die Lebensmüdenfürsorge« – gegründet, die es sich zur Aufgabe machte, Personen nach einem Suizidversuch und Hinterbliebene von Menschen, die sich suizidiert hatten, zu betreuen. Ähnliche Einrichtungen folgten in ganz Europa. Chad Varah gründete 1953 in London »The Samaritans«, eine Organisation, die bis heute Suizidgefährdete telefonisch und persönlich unterstützt. In Deutschland richtete Pater Leppich 1954 eine telefonische Seelsorge in Nürnberg ein, deren Angebot auch für selbstmordgefährdete Personen gedacht war. 1956 wurde die ärztliche Lebensmüdenfürsorge Berlin (Klaus Thomas) gegründet und nach deren Vorbild in weiteren deutschen Städten telefonische Seelsorgedienste. In den USA entstand 1958 auf Initiative von N.S. Farberow das erste Suicide Prevention Centre in Los Angeles (Sonneck 2008).
Allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass isolierte Suizidprävention zu kurz greift. Krisen stellen häufig Situationen dar, in denen Menschen aufgrund der emotionalen Zuspitzung suizidal werden. Somit war es naheliegend, Konzepte der Suizidprävention mit denen der Krisenintervention zu verbinden. Aus der Lebensmüdenvorsorge Wien ging das Kriseninterventionszentrum Wien (KIZ) hervor, eine der ersten derartigen Institutionen in Europa. Auch dieses verstand sich zunächst als Einrichtung, die ihre zentrale Aufgabe in der Suizidprävention bzw. der Nachbetreuung von Menschen nach Suizidversuchen sah. Erst nach und nach entwickelte sich daraus ein umfassenderes Verständnis von Krisenintervention mit einem präventiven psychotherapeutischen Ansatz.
Schließlich hat auch die sozialpsychiatrische Reformbewegung der 1970er Jahre wesentlich zur Entstehung der ersten Kriseninterventionszentren im deutschsprachigen Raum beigetragen. Das Verständnis, dass psychische Krisen eine zentrale Bedeutung bei der Entstehung psychischer Störungen haben, bzw. deren Verlauf beeinflussen, erforderte therapeutische Konzepte abseits der gängigen psychiatrischen Versorgungseinrichtungen, um durch rechtzeitige Intervention präventiv handeln zu können. Dies führte daher zur Gründung von Institutionen, die zwar eng mit ambulanten und stationären Einrichtungen der Psychiatrie vernetzt sind, aber aufgrund ihrer organisatorischen Unabhängigkeit ein niedrigschwelliges Angebot für jene Betroffenen darstellen, die nicht primär psychiatrischer Hilfe bedürfen. Die Abgrenzung von Krisenintervention und Notfallpsychiatrie bleibt allerdings ein bis heute noch nicht ganz befriedigend gelöstes sowohl theoretisches als auch behandlungsrelevantes Problem. Damit ist auch die Frage verbunden, ob eine Krise in gleicher Weise Folge innerer wie auch äußerer Belastungen sein kann. Die klassische Krisendefinition sieht primär äußere Belastungen als krisenauslösend an und schließt somit psychische Krankheit explizit als Krisenanlass aus. Gleichwohl ist die innere Reaktionsbereitschaft des Betroffenen von entscheidender Bedeutung dafür, ob eine Krise entsteht und welchen Verlauf sie nimmt. Klinische Erfahrungen zeigen, dass es zwar nicht immer einfach, aber dennoch sinnvoll ist, Krisenintervention und Notfallintervention auseinanderzuhalten, da die erforderlichen Interventionsstrategien deutlich voneinander abweichen (
Kap. 3.3.5). Klarerweise gibt es viele Überschneidungen. Krisen können eskalieren und sich zu Notfällen entwickeln und umgekehrt können psychiatrische Notfälle und ihre Folgen psychosoziale Krisen auslösen. Es ist wichtig, dass leidende Menschen im Sinne präziser Indikationsstellung die jeweils richtige, für sie passende Hilfe erhalten. Gleichzeitig ist aber eine enge Kooperation der mit diesen Aufgaben befassten Institutionen unerlässlich.
Tab. 1.1: Wurzeln der Krisenintervention

Seit den 1970er Jahren haben sich im deutschsprachigen Raum erfreulicherweise in vielen Großstädten sowohl Kriseninterventionseinrichtungen wie auch rund um die Uhr erreichbare psychiatrische Notdienste als fixe Bestandteile psychosozialer Versorgungsnetze etabliert. In diesem Buch wird in weiterer Folge wiederholt Bezug auf diese fünf Entwicklungslinien genommen (
Tab. 1.1).
2 Definition psychosozialer Krisen
Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.« (Max Frisch 1979)
2.1 Einführung und Krisendefinition
»Warum fallen wir? – Damit wir lernen können, uns wieder aufzurichten« (»Batman begins«, Christopher Nolan 2005)
Krisen gehören selbstverständlich zum Leben. Jeder Mensch kann in jeder Lebensphase und in jedem Lebensalter von außergewöhnlichen Belastungen betroffen sein, die wesentliche Lebensziele in Frage stellen. Es kann sein, dass man nahestehende Personen durch Trennungen oder Tod verliert, dass man ernsthaft erkrankt oder seinen Arbeitsplatz verliert. Man muss sich den unausweichlichen Veränderungen des Lebens stellen und ist dazu manchmal besser und manchmal schlechter in der Lage. Belastungen und Herausforderungen führen nicht notwendigerweise zu Krisen. Erst der Verlust der inneren Überzeugung, dass die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen ausreichen, um mit dem Problem in adäquater Weise umgehen zu können, lässt die Situation subjektiv so bedrohlich werden, dass es zu einer massiven innerpsychischen und sozialen Destabilisierung kommt. Dieses vorübergehende Ungleichgewicht zwischen äußeren belastenden Ereignissen oder Lebensumständen und den individuellen Problemlösungsstrategien und Ressourcen ist das zentrale Element der Krisenentstehung und führt in der Folge zu all den unangenehmen Gefühlen und Symptomen, die so charakteristisch für Krisen sind: Angst, Überforderung, Spannung, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Der Betroffene hat den Eindruck, das eigene Leben nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Man kann nicht schlafen, nicht essen, weiß weder ein noch aus, fühlt sich blockiert und antriebslos oder verfällt in hektische Betriebsamkeit. Viktor von Weizsäcker (1940) beschreibt die Krise als eine Unterbrechung der Ordnung. Die Fundamente werden erschüttert und das Selbstwertgefühl und Identitätserleben sind in Frage gestellt. Das normale psychische Funktionsniveau kann erheblich beeinträchtigt sein. Alle Lebensinhalte, die nicht mit der Krise zu tun haben, treten in den Hintergrund.
Eine psychosoziale Krise ist zeitlich begrenzt. Alle relevanten Theorien und die daraus abgeleiteten Interventionsstrategien gehen von einem Zeitraum von einigen Wochen bis maximal drei Monaten aus (z. B. Lindemann 1944, Jacobson 1974, Ulich 1987, Sonneck 2012,
Kap. 5.1.3). Dies lässt sich so erklären, dass niemand einen derartigen emotionalen Ausnahmezustand und den massiven inneren und äußeren Druck über einen längeren Zeitraum ertragen kann. Betroffene unternehmen größte Anstrengungen, um diesen Zustand zu beenden und wieder ihr Gleichgewicht zu finden.
Wie man versucht, mit der Erschütterung umzugehen, stellt wichtige Weichen für die Zukunft. Die Bewältigungsstrategien, die dabei eingesetzt werden, können konstruktiv wie destruktiv sein. Oft ist die Bereitschaft, sich Unterstützung zu holen, Hilfe anzunehmen, über die Probleme zu sprechen und Neues auszuprobieren, hoch. Eine konstruktive Bewältigung stellt einen wichtigen Reifungsschritt dar, der den Betroffenen auch für spätere Anforderungen im Leben stärken kann. Man hat gelernt, »sich wiederaufzurichten«. Scheitern aber die Bewältigungsversuche oder überwiegen schädigende Copingstrategien, kann die Krise zum Auslöser für psychische und psychosomatische Störungen werden und so chronifizieren. »Man bleibt liegen, statt sich wieder aufzurichten.«Im schlimmsten Fall stellt sich ein Gefühl von Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit ein und es kommt zu katastrophalen Zuspitzungen, suizidalen Entwicklungen oder Gewalthandlungen, die den Betroffenen unter Umständen noch »tiefer fallen lassen«.
Krisen stellen also gleichzeitig eine Gefahr und eine Chance für das Individuum dar. Die Dringlichkeit und Zuspitzung, die einerseits besonders unangenehm und bedrohlich ist, birgt auch die besondere Chance zur Veränderung. Ein sehr treffendes Symbol für diese Doppelgesichtigkeit ist der chinesische Begriff für Krise, der sich aus zwei Schriftzeichen Wei und Ji zusammensetzt. Wei steht für Gefahr, Ji für Chance (
Abb. 2.1).

Abb. 2.1: Chinesisches Schriftzeichen für »Krise«
Das Wort krisis stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Wende, Höhepunkt, Umschlagpunkt oder Entscheidung. Genau genommen ist es der richtungsweisende Wendepunkt in einem Entscheidungsprozess.
In der somatischen Medizin beschreibt der Begriff den Wendepunkt im Verlauf einer Krankheit, an dem sich entscheidet, ob es zur Heilung oder zur Verschlechterung des Zustands kommt. Es handelt sich dabei um ein besonders heftiges, anfallsartiges Auftreten von Krankheitszeichen mit ungewissem Ausgang.
Eine psychosoziale Krise ist somit nicht primär ein pathologisches Geschehen, wenn sie auch Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Fehlentwicklungen sein kann. Folglich findet sich der Begriff auch nicht in den gebräuchlichen psychiatrischen Diagnosemanualen (
Kap. 2.5). Natürlich treffen Krisen häufiger Menschen, die generell Schwierigkeiten haben, ihr Leben zufriedenstellend zu meistern, z. B. jene, die etwa durch psychische Störungen oder soziale Benachteiligung vorbelastet und daher verletzbarer sind. Aber auch Menschen, die üblicherweise gut mit sich und ihrer Umwelt zurechtkommen, können durch eine entsprechende Belastung in einen psychischen Ausnahmezustand geraten. Krisen stellen also ein Phänomen dar, das an der Nahtstelle zwischen Normalität und Krankheit liegt (Erikson 1966).
Leider ist die Verwendung des Begriffs »Krise« im psychotherapeutisch/psychiatrischen Kontext mitunter recht ungenau. Die Bezeichnung »psychosoziale Krise« stellt den Versuch einer Präzisierung und Eingrenzung dar, um so eine exaktere Indikationsstellung für psychosoziale Krisenintervention zu ermöglichen. Besonders die drohende Entwicklung oder Dekompensation schwerer psychischer Störungen, wie etwa einer Psychose (»psychotische Krise«) ist von psychosozialen Krisen zu unterscheiden. In diesem Fall ist es – auch im Hinblick auf die notwendigen Interventionsstrategien und Maßnahmen – sinnvoller, von einem psychiatrischen Notfall zu sprechen (
Kap. 3.3.5).
Mit Krise werden auch unterschiedlichste Ereignisse politischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Natur beschrieben. Oft hat dies nichts mit einer Krise im beschriebenen Sinn zu tun. Tatsächlich gibt es aber gesellschaftliche Situationen, die zu Phänomenen und Zuspitzungen führen, wie man sie auch bei individuellen Krisen findet. So belastende äußere Ereignisse, wie Kriegshandlungen, Naturkatastrophen oder wirtschaftliche Krisen stellen die zentralen Übereinkünfte eines Gemeinwesens in Frage und häufig sind Gesellschaften in ihrer Gesamtheit dann zeitweise nicht mehr in der Lage, die damit verbundenen Probleme zu bewältigen. Solche Situationen haben natürlich erhebliche Auswirkungen auf das Individuum. Veränderungsprozesse erfahren unter Umständen im Individuum ihre krisenhafte Zuspitzung. Dessen Destabilisierung kann wiederum gesellschaftliche Verhältnisse sichtbar machen (Stromberger 1990) und hat dann Einfluss auf die Gesellschaft, wie z. B. in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit.
Die an die Arbeiten von Caplan (1964) und Cullberg (1978) angelehnte klassische Definition psychosozialer Krisen von Sonneck (2000; S. 15) lautet:
»Unter psychosozialen Krisen versteht man den Verlust des seelischen Gleichgewichtes, den ein Mensch verspürt, wenn er mit Ereignissen und Lebensumständen konfrontiert wird, die er im Augenblick nicht bewältigen kann, weil sie von der Art und dem Ausmaß her seine durch frühere Erfahrungen erworbenen Fähigkeiten und erprobten Hilfsmittel zur Erreichung wichtiger Lebensziele oder zur Bewältigung seiner Lebenssituation überfordern.«
In Erweiterung dieser Definition lassen sich zusammenfassend folgende allgemeine Charakteristika psychosozialer Krisen beschreiben (
Kasten 2.1).
Kasten 2.1: Charakteristika psychosozialer Krisen
• Der Betroffene wird mit belastenden Ereignissen oder neuen Lebensumständen konfrontiert, die wesentliche Lebensziele in Frage stellen.
• Gewohnte Problembewältigungsstrategien versagen.
• Dies macht die Situation rasch bedrohlich und führt zu einer massiven Störung des psychosozialen Gleichgewichts.
• Die emotionale Belastung ist hoch.
• Es kommt zu einer Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls und des Identitätserlebens sowie zum Verlust des normalen psychosozialen Funktionsniveaus.
• Es können unterschiedlichste psychopathologische Symptome auftreten.
• Der Vorgang ist zeitlich begrenzt – es wird versucht, möglichst rasch ein neues Gleichgewicht herzustellen.
• Wichtige Weichenstellungen für die Zukunft: Je nachdem ob konstruktive oder destruktive Bewältigungsschritte überwiegen, besteht die Chance zur Weiterentwicklung und Reifung. Ansonsten entstehen spezifische Gefährdungen und Fehlentwicklungen.
Fallbeispiel Luise
Eine 45-jährige Frau sucht das Kriseninterventionszentrum auf Empfehlung der Stationsschwester einer Entgiftungsstation auf. Wegen eines Suizidversuchs mit Medikamenten war sie dort stationär aufgenommen. Sie erzählt, dass ihre 15-jährige Tochter vor drei Wochen für sie ganz unerwartet zum Vater gezogen ist und seither jeden Kontakt zu ihr verweigert. Luise arbeitet als Sekretärin. Seit der Trennung von ihrem Ex-Mann vor vier Jahren dreht sich ihr Leben hauptsächlich um ihre Tochter, auch wenn sie ab und zu kurze Beziehungen hat. Sie ist vollkommen verzweifelt, fühlt sich hilflos und ohnmächtig und meint, ohne die Tochter hätte das Leben keinen Sinn mehr. Ihr Zustand ist in den drei Wochen immer schlechter geworden, sie konnte nicht mehr schlafen, da sie die ganze Nacht wach lag und darüber nachdachte, was sie falsch gemacht habe. Sie ist davon überzeugt, eine »miserable« Mutter zu sein.
Bisher hatte sie ihr Leben ganz gut gemeistert. Sie hat viele soziale Kontakte und redet gerne mit ihren Freundinnen. Derzeit ist sie aber völlig blockiert. Üblicherweise packt sie anstehende Probleme aktiv an. Gerade deshalb fühlt sie sich in der jetzigen Situation so hilflos. Sie hat mehrfach versucht, die Tochter zu kontaktieren, aber diese hat ihr Handy abgeschaltet. Da sie sich für ihr »Versagen« schämt, will sie mit niemandem über die Situation reden. Sie ist krankgemeldet und verbringt die ganze Zeit alleine zu Hause. Die Situation ist so unerträglich geworden, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat, als alle Tabletten, die ihr der Hausarzt verschrieben hatte, einzunehmen. Sie wollte einfach nur Ruhe von den quälenden Gedanken und Gefühlen haben.
Diskussion: Der vollkommen überraschende Auszug ihrer Tochter stellt für Luise einen subjektiv unerträglichen Verlust dar. Da die Tochter der Mittelpunkt ihres Lebens war und sie davon ausgegangen ist, auch die nächsten Jahre mit ihr zu verbringen, sind ihre derzeitigen Lebensziele erheblich in Frage gestellt. Sie ist sehr gekränkt und ohne Perspektive.
Ihre Problemlösungsstrategien versagen. Sie geht üblicherweise aktiv an Probleme heran, aber derzeit gibt es für sie keine Möglichkeit zu handeln. Infolgedessen fühlt sie sich ohnmächtig und ausgeliefert. Sie redet gerne und holt sich normalerweise auch Unterstützung von ihren Freundinnen. Da sie sich aber so schämt, will sie niemanden sehen und versucht alleine zurecht zu kommen. Ihre Situation spitzt sich während dieser drei Wochen gefährlich zu. Sie ist vollkommen verzweifelt, kann nicht schlafen, sie hat Schuldgefühle und ihr Selbstwert ist sehr beeinträchtigt. Sie weiß nicht mehr aus noch ein und schließlich kommt es zum Suizidversuch. Diese an sich destruktive Handlung eröffnet aber auch eine neue Perspektive, da sie erstmals Hilfe von außen erhält und sich ihr so die Möglichkeit bietet, über ihre Situation zu sprechen.
Intervention: Die Krisenintervention umfasst acht Stunden. Die Beziehung zum Berater ist sehr vertrauensvoll, dadurch ist es Luise möglich, offen über sich und ihre Gefühle zu sprechen. Es wird ihr klar, dass sie keine andere Wahl hat, als von der Beziehung zu ihrer Tochter in der bisherigen Form Abschied zu nehmen. In den Stunden weint sie viel, manchmal ist sie über das Verhalten ihrer Tochter auch verärgert. Sie beginnt aber auch zu verstehen, dass der Auszug für die Tochter wahrscheinlich einen wichtigen Ablösungsschritt darstellt, der aufgrund der sehr engen Beziehung vielleicht nicht anders zu bewerkstelligen war. Das relativiert Luises Schuld- und Schamgefühle.
Sie nimmt Kontakt zu den Freundinnen auf, die in der Folge sehr unterstützend sind. Sie geht wieder zur Arbeit und unternimmt Dinge, die ihr Spaß machen. Am Ende der Krisenintervention geht es ihr deutlich besser. Der Trauerprozess ist natürlich noch nicht abgeschlossen. Zusätzlich wird ihr der Zusammenhang mit ihrer eigenen schwierigen Erfahrungen in der Adoleszenz schmerzhaft bewusst. Sie hat im Alter von 15 Jahren ihre Mutter durch eine Krebserkrankung verloren. Viele Erinnerungen an die damalige Situation tauchen auf. Sie überlegt daher eine Psychotherapie zu beginnen.
2.2 Faktoren, die zur Entstehung und zum Verlauf einer Krise maßgeblich beitragen
Ob sich eine Krise entwickelt und wie sie verläuft, hängt von sehr unterschiedlichen Faktoren ab, die in einer komplexen Wechselwirkung zueinander stehen. Im folgenden Kapitel werden diese Faktoren – Art und Schwere der Auslösesituation, subjektive Bedeutung des Geschehens, Krisenanfälligkeit, Reaktion der Umwelt, Problemlösungsstrategien, Abwehrmechanismen und Ressourcen erläutert (
Abb. 2.2). Die Kenntnis dieser Faktoren ist für die praktische Krisenintervention von großer diagnostischer wie auch therapeutischer Relevanz. Dies wird in Kapitel 5 weiter ausgeführt (
Kap. 5).

Abb. 2.2: Faktoren, die zur Entstehung und zum Verlauf einer Krise maßgeblich beitragen
2.2.1 Art und Schwere der Auslösesituation
Von wesentlicher Bedeutung ist selbstverständlich die Art und Schwere der Auslösesituation. Die klassischen Modelle unterscheiden je nach Plötzlichkeit des Auftretens und Bedeutung des Krisenanlasses zwischen traumatischen Krisen (Cullberg 1978) und Lebensveränderungskrisen (Caplan 1964). Da ich den Begriff der traumatischen Krise auch in Hinblick auf die Unterscheidung zu Posttraumatischen Belastungsreaktionen für missverständlich halte (
Kap. 3.1.2), erscheint es mir sinnvoller, Krisen, die durch irreversible Verluste ausgelöst werden, als Verlustkrisen (
Kap. 3.1) zu bezeichnen und von jenen zu unterscheiden, bei denen es eher um eine Form der tatsächlichen oder antizipierten Bedrohung oder Überforderung geht (vgl. Dross 2001). Diese ließen sich dann im weitesten Sinn als Krisen im Gefolge von einschneidenden Lebensveränderungen verstehen (
Kap. 3.2).
Die Schritte, die zu einer Restabilisierung führen, sind bei Verlust- und Lebensveränderungskrisen sehr verschieden und erfordern daher auch unterschiedliche Strategien der Unterstützung (
Kap. 5.2). Letztendlich entscheidet nicht nur der Anlass, sondern auch der Verarbeitungsmodus und die anderen in diesem Kapitel dargestellten Faktoren darüber, wie die Krise einzuordnen ist. Selbst ein zunächst eindeutiger Anlass, wie der Tod einer nahestehenden Person, kann zu gänzlich unterschiedlichen Krisenverläufen führen. So wird der unerwartete plötzliche Tod eines Ehepartners überwiegend Aspekte einer Verlustkrise haben. Konnte sich der Hinterbliebene hingegen nach längerer Krankheit auf den Tod eines Partners vorbereiten, ist es möglich, dass der Trauerprozess zwar »unkompliziert« verläuft, aber sich eine Krise entwickelt, weil die Schwierigkeiten, die bei der Neuorganisation des Lebens ohne den Partner entstehen, überfordernd sind. Dann finden sich unter Umständen mehr Elemente einer Lebensveränderungskrise. In beiden Fällen wird daher auch der Interventionsschwerpunkt unterschiedlich sein (
Kap. 5.2).
Fallbeispiel Anita
Eine 35-jährige Frau kommt ins Kriseninterventionszentrum, da ihr Mann wegen Unterschlagung seit vier Wochen in Untersuchungshaft ist. Sie beschreibt ihren Mann als liebevollen Partner und die Beziehung als harmonisch. Sie haben einen achtjährigen Sohn. Der Mann hatte eine leitende Position in einer Bank. Sie selbst übt eine Teilzeitbeschäftigung als Sekretärin aus. Wie sich jetzt herausgestellt hat, ist ihr Mann aufgrund einer Spielsucht hochverschuldet. Sie wusste zwar nichts von seinen Problemen, hatte sich in letzter Zeit allerdings über seine vielen Überstunden und die für ihn untypische Gereiztheit und abweisende Art ihr und dem Sohn gegenüber gewundert.
Nach seiner Verhaftung war sie zunächst mit der Bewältigung des Alltags beschäftigt und dadurch relativ gefasst. Jetzt wachsen ihr die Probleme aber über den Kopf. Die Bank macht Druck, da sie die Kreditraten für das gemeinsame Haus nicht mehr zahlen kann, ihr Sohn hat Schlafstörungen und ist ganz durcheinander, weil sein Vater nicht da ist. Die Besuche im Gefängnis sind eine Qual, sie sind bei den Gesprächen durch eine Glasscheibe getrennt. Auch wird ihr erst jetzt der ungeheuerliche Vertrauensbruch ihres Mannes bewusst. Sie ist zunehmend verzweifelt und weiß nicht mehr weiter.
Diskussion: Auslöser für die Krise ist natürlich die Verhaftung des Mannes und der damit verbundene Verlust. Belastend ist allerdings nicht nur die vorübergehende Trennung vom Partner, sondern vor allen Dingen auch der Vertrauensbruch, der für sie die Beziehung als Ganzes in Frage stellt. Gerade zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme finden sich aber auch einige Aspekte einer Lebensveränderungskrise, denn erst die zunehmenden Schwierigkeiten in der Bewältigung des Alltags führen zum endgültigen Zusammenbruch.
Auch bei akuten Traumatisierungen ist häufig eine modifizierte Form der Krisenintervention indiziert. Es gibt allerdings gute Gründe, traumatische Ereignisse und deren Folgen nicht unter dem Krisenbegriff zu subsumieren (
Kap. 3.3.2). Bei der Krisenintervention akuter Traumatisierungen sind daher spezifische Grundregeln zu beachten, die von denen psychosozialer Krisen abweichen (
Kap. 5.4.4).
2.2.2 Die subjektive Bedeutung des Geschehens
Krisenhaften Charakter bekommt eine äußere Belastung erst durch die subjektive Bedeutung, die Menschen ihr beimessen. Diese kann sowohl interindividuell als auch intraindividuell im Lauf eines Lebens erheblich variieren. Die Vorstellung über die Ursachen und die Funktion der Krise und deren Bedeutung kann dabei erheblich von den realen Hintergründen abweichen. Zum Verständnis, warum die subjektive Bewertung des Geschehens oft so unterschiedlich ausfällt, sind sowohl lerntheoretische Überlegungen, wie auch psychodynamische Theorien hilfreich.
Wie bedrohlich man eine Situation erlebt und ob das Gefühl entsteht, eine Belastung sei momentan nicht bewältigbar, hängt nicht nur mit der Intensität der Anforderung zusammen, sondern auch damit, wie man sie kognitiv begreift. Im transaktionalen Stress-Coping Modell (Lazarus und Folkman 1984) wird dies als »primary appraisal« bezeichnet. Als Folge der Belastung muss der Betroffene außerdem überprüfen, auf welche Ressourcen er aktuell zurückgreifen und über welche Bewältigungskompetenz er somit verfügen kann (»secondary appraisal«). Beides zusammen bestimmt dann darüber, ob durch ein momentanes Ungleichgewicht zwischen Belastung und Bewältigungsmöglichkeit Überforderung und unkontrollierbarer Stress entstehen und sich eine Krise entwickelt.
Wieso der Betroffene die Situation aber kognitiv genau so und nicht anders begreift, ist oft nur aus seiner Persönlichkeits- und Lebensentwicklung und der sich daraus ergebenden Psychodynamik nachvollziehbar und verstehbar. Diese wird noch durch eine ganze Reihe von zusätzlichen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören die Bindungserfahrungen, die mit den wichtigsten Bezugspersonen in der Kindheit gemacht wurden, die aktuellen Lebensumstände, das Lebensalter, die Vulnerabilität durch psychische oder körperliche Krankheit (
Kap. 2.2.3) und die Lebenseinstellung im Allgemeinen (
Kap. 2.6). So wird in aller Regel der Verlust eines Elternteils in der Kindheit eine vollkommen andere Bedeutung haben als in einem späteren Lebensalter und folglich wird mit der eventuell entstehenden Krise auch sehr unterschiedlich umgegangen.
Fallbeispiel Anita
Für Anita stellt vor allen Dingen der Vertrauensbruch ihres Mannes, der ihr nichts von seinen Schwierigkeiten erzählt hatte, eine große Kränkung dar. Sein Verhalten ist ihr umso unverständlicher, da sie bisher immer sehr vertrauensvoll miteinander umgegangen waren und Ehrlichkeit und Offenheit auch in ihrer Herkunftsfamilie einen hohen Stellenwert haben. Sie fühlt sich von ihm im Stich gelassen und empfindet tiefe Verlassenheit. Dieses subjektive Erleben spiegelt nur teilweise die äußere Realität wider, denn sie erhält von ihrer Familie und ihren Freunden sehr viel Unterstützung. Vielmehr hängt diese spezifische Art der Verarbeitung auch damit zusammen, dass sie sich für die Situation als Ganzes außerordentlich schämt, insbesondere auch dafür, dass sie die Anzeichen der sich anbahnenden Katastrophe nicht wahrgenommen hat.
2.2.3 Krisenanfälligkeit
Frühere unbewältigte Krisen haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss darauf, welche Bedeutung Betroffene einer neuerlichen Krise geben und können dadurch die aktuellen Bewältigungsprozesse erheblich beeinträchtigen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die neue Belastung mit einer ähnlichen Thematik zu tun hat wie die frühere Krise. Die Erfahrung, an der Lösung eines Problems bereits einmal gescheitert zu sein, stellt ein ernstes Hindernis für eine konstruktive Herangehensweise dar. Es kommt unter Umständen zur Aktivierung ungünstiger dysfunktionaler Grundmuster, die sich in der damaligen Situation entwickelt und verfestigt haben.
Fallbeispiel Luise (
Kap. 2.1)
Die Krise, die durch den Auszug der Tochter ausgelöst wird, aktiviert Erinnerungen und Gefühle, die mit dem frühen Verlust der Mutter zu tun haben. Erschwerend kommt hinzu, dass Luise damals im selben Alter wie die Tochter jetzt war. Diese Umstände stellen eine zusätzliche Erklärung dafür dar, warum die Reaktion auf die aktuelle Krise derart heftig ausfällt.
Ebenso problematisch ist die rasche zeitliche Aufeinanderfolge mehrerer Belastungen. Hat der Betroffene eine aktuelle Krise noch nicht abgeschlossen und folgt ein weiterer Schicksalsschlag, kann ein gerade mühsam hergestelltes Gleichgewicht rasch wieder verloren gehen.
2.2.4 Die Reaktion der Umwelt
Beziehungen als Ressource in der Krise
Ein tragfähiges soziales Netz wirkt sich üblicherweise äußerst positiv auf die Bewältigung einer Krise aus. Unterstützung durch Freunde und Angehörige trägt dazu bei, dass viele Krisen ganz ohne professionelle Hilfe gelöst werden können. Auch das zentrale Element professioneller Krisenintervention ist die Herstellung einer haltgebenden Beziehung (
Kap. 5.3.1).
Von einer Krise Betroffene sind aber nicht immer in der Lage, sich Unterstützung zu organisieren, bzw. diese entsprechend zu nutzen. Ein wesentlicher Faktor dafür sind die frühen Bindungserfahrungen eines Individuums. Konnte sich der Mensch in der Kindheit Schutz und Halt gebender Beziehungen sicher sein und sich in schwierigen Situation auf die Hilfe seiner wichtigsten Bezugspersonen verlassen, wird er auch im späteren Leben das Vertrauen haben, dass Probleme oft gemeinsam besser gelöst werden können. Haben ihn die Eltern gleichzeitig darin unterstützt, sich in einem für das jeweilige Alter adäquaten Ausmaß Problemen zu stellen und eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln, trägt dies auch später dazu bei, neue Lebenssituationen nicht als Bedrohung sondern als zum Leben gehörige Herausforderungen zu verstehen. So kann sich auch die Metaressource der Selbstwirksamkeit herausbilden (
Kap. 2.3 und
Kap. 2.6). Menschen, die derartige Erfahrungen von Gehaltenwerden und Sicherheit nicht gemacht haben, entwickeln oft ein Grundgefühl, dass sie ganz auf sich selbst gestellt sind und daher Probleme in jedem Fall allein lösen müssen. Sie erleben Beziehungen grundsätzlich als unzuverlässig. Eine zu protektive Haltung der Eltern wiederum behindert die Autonomieentwicklung, verhindert wichtige Lernerfahrungen und begünstigt später unter Umständen eine passiv-vermeidende Herangehensweise an Krisensituationen.
Fallbeispiel Anita
Anita erhält durch ihr Umfeld sehr viel Unterstützung. Anfänglich hat sie allerdings aufgrund ihrer Scham Schwierigkeiten, diese Hilfe anzunehmen. Ihre Kindheit war sehr behütet und die Beziehung zu ihren Eltern ist sehr gut. Sie borgen ihr Geld, damit sie die Kreditraten abdecken kann, und kümmern sich rührend um Anitas Sohn. Freundinnen betreuen den Jungen an jenen Nachmittagen, an denen bisher der Vater auf ihn aufgepasst hat. Luise kann sogar das Angebot ihres Chefs annehmen, mehr Stunden zu arbeiten, wodurch sich ihre finanzielle Situation etwas entspannt. Sehr kränkend ist, dass die Familie ihres Mannes sich distanziert, worunter auch er sehr leidet. Naturgemäß sind auch die Erfahrungen mit der Polizei unerfreulich. Die Beamten wollen ihr zunächst nicht glauben, dass sie nichts von den Problemen des Mannes wusste. Dies intensiviert ihre Schuldgefühle.
Verstrickungen des sozialen Umfelds in das Krisengeschehen
Häufig kommt es aber auch vor, dass die wesentlichen Bezugspersonen zu sehr in das Krisengeschehen verstrickt sind oder sich überfordert fühlen. Sie tragen dann eher zur Verschärfung der Situation bei. In solchen Situationen sollte der Krisenhelfer die Distanznahme fördern und gemeinsam mit den Betroffenen entsprechende entlastende Maßnahmen für alle Beteiligten erarbeiten.
Das soziale Umfeld als Auslöser einer Krise
Schließlich kann es vorkommen, dass Menschen durch ihre Handlungen gewollt oder ungewollt krisenauslösend für ihre Mitmenschen wirken. Im privaten Umfeld ist dies naturgemäß im Zuge von Trennungen der Fall. Im professionellen Kontext können z. B. die Mitteilung einer Krankheitsdiagnose durch einen behandelnden Arzt oder die Abnahme eines Kindes durch das Jugendamt Krisen auslösen. Krisenintervention durch eine an der Krisenentstehung mitbeteiligte Person ist meist sehr kompliziert, da die Herstellung einer vertrauensvollen Beziehung durch die Umstände erheblich erschwert wird. Es ist dann meist sinnvoller, eine klare Rollentrennung vorzunehmen und andere Berater zur Krisenhilfe beizuziehen.
2.2.5 Coping – Abwehr – Ressourcen
Von entscheidender Bedeutung für die Bewertung einer belastenden Situation und den Umgang mit dieser sind die Art und Effizienz der Bewältigungsstrategien, die verfügbaren Ressourcen und die spezifischen Abwehrmechanismen. Bewältigung und Abwehr beschreiben ähnliche und teilweise sogar identische Vorgänge. Während das Abwehrkonzept aus der Psychoanalyse stammt, wurde das Bewältigungskonzept in der Verhaltensmedizin entwickelt (vgl. Ermann 2007).
Coping
»Coping oder Bewältigung ist als das Bemühen zu verstehen, bereits bestehende oder zu erwartende Belastungen durch Krisen innerpsychisch (emotional/kognitiv) zu verarbeiten oder durch zielgerichtetes Handeln auszugleichen und zu meistern« (Heim 1993, S. 29).
Bewältigungsmechanismen sind mehr oder weniger bewusst eingesetzte Denk-, Empfindungs- und Verhaltensstrategien. Die verschiedenen Strategien lassen sich zu drei typischen Bewältigungsstilen zusammenfassen (
Kasten 2.2): Verleugnung, aktive Auseinandersetzung und depressiver Rückzug (Ermann 2007). Coping ist kein einmaliger sondern ein prozesshafter Vorgang, mit dem ein Betroffener versucht, sein inneres Gleichgewicht trotz einer andauernden Belastung zu erhalten oder wiederherzustellen und dadurch den inneren und äußeren Druck zu reduzieren. Jedes Individuum verfügt über ein bestimmtes Repertoire an Bewältigungsstrategien, aus denen es in einer Krisensituation, die ihm am sinnvollsten erscheinenden auswählt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Auf dieses Ziel ausgerichtet werden die Bewältigungsversuche erprobt und auf ihren Erfolg hin bewertet. Demgemäß gibt es nicht primär schlechtes oder gutes Coping, sondern es handelt sich um den mehr oder weniger geglückten Versuch der Neuanpassung mittels der individuell verfügbaren Problemlösungsstrategien. So sind in einer Krise neben aktiven Veränderungsbemühungen durchaus auch Episoden von Rückzug und Verleugnung sinnvoll, da eine ständige bewusste Auseinandersetzung auch überfordernd sein kann.
Kasten 2.2: Wichtige Bewältigungsformen (Ermann 2007)
• Verleugnung
• Sich ablenken
• Aktive Auseinandersetzung – Zupacken
• Schuldzuweisung an andere
• Problemanalyse
• Haltung bewahren
• Gefühlsisolation, Nichtwahrnehmen von Gefühlen
Unterschiedliche Krisen erfordern auch unterschiedliche Bewältigungsstrategien (
Kasten 2.3). Assimilierende Bewältigungsvorgänge sind aktive Veränderungsanstrengungen, bei denen das Ziel mehr oder weniger beibehalten wird. Bei den akkommodierenden Bewältigungsprozessen korrigiert das Individuum teils bewusst, teils unbewusst die ursprünglichen Ziele, ersetzt diese Ziele durch andere und passt sich einer als nicht veränderbar erlebten Realität an, wie dies bei de facto irreversiblen Verlusten sinnvoll ist (Rothermund und Brandstätter 1997).
Kasten 2.3: Bewältigungsprozesse (Rothermund und Brandstätter 1997)
• Assimilierende Prozesse – aktive Veränderungsanstrengungen – Ziel wird beibehalten
• Akkommodierende Prozesse – Korrektur der Ziele, Anpassung an nicht veränderbare Realität
Fallbeispiel Luise (
Kap. 2.1)
Luise muss lernen die Entscheidung ihrer Tochter zu akzeptieren und sich auf ein Leben ohne sie einzustellen. Dies erfordert zunächst akkommodierende Bewältigungsprozesse. Das bedeutet, Abschied zu nehmen und den Verlust zu betrauern (
Kap. 3.1.1).
Fallbeispiel Anita (
Kap. 2.2.1)
Anita benötigt für ihre Krisenbewältigung beide Strategien: Sie muss den vorübergehenden Verlust des Mannes betrauern und muss sich mit dem Vertrauensbruch auseinandersetzen (akkommodierend). Sie muss aber auch das Leben mit ihrem Sohn neu organisieren und versuchen ihre finanziellen Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen. Sie nimmt Kontakt mit dem Jugendamt auf, organisiert einen Hortplatz und nimmt das Angebot ihres Chefs an mehr Stunden zu arbeiten. Sie verhandelt mit der Bank über die Modalitäten zur Kreditrückzahlung (assimilierend).
Abwehr
»Jeder psychische Vorgang und jedes Verhalten, welches das Ziel erreicht, etwas Gefürchtetes oder Verpöntes in Schach zu halten, kann zur Abwehr herangezogen werden« (Mentzos 2005, S. 59).
Abwehr ist von Coping zu unterscheiden. Gelegentlich bleibt die Abgrenzung wie beim Mechanismus der Verleugnung unscharf. Während Coping ein mehr oder weniger bewusster Prozess ist, stellt Abwehr einen überwiegend unbewussten Vorgang dar, der einsetzt, wenn ein Betroffener mit einem derzeit unlösbaren Konflikt konfrontiert ist, vor einer momentan unlösbaren Aufgabe steht oder überwältigende Erfahrungen macht. Abwehr stellt einen Versuch dar, die dadurch entstehende Angst und seelische Spannung zu vermeiden (Mentzos 2005). Sie führt nicht zu einer bewussten Lösung des Problems, sondern dazu, dass Erinnerungen, Phantasien, Impulse, Gefühle und Konflikte aus der bewussten Wahrnehmung und Reflexion ausgeschlossen werden. Abwehr und Coping sind lebenswichtige Funktionen des »Ich« (Ermann 2007) und nicht primär pathologisch. Abwehr kommt ständig vor und ist teilweise zur Erhaltung der Ökonomie des täglichen Lebens unverzichtbar (Mentzos 2005). Sie hat somit eine wichtige Schutzfunktion. Bestimmte Formen finden sich mit großer Regelmäßigkeit wieder, sie sind offenbar besonders effektiv. Man spricht von Abwehrmechanismen (
Kasten 2.4).
Kasten 2.4: Wichtige Abwehrmechanismen (Ermann 2007, Mentzos 2005)
• Verdrängung: Vergessen, d. h. Unbewusstmachen von Affekten, Absichten, Vorstellungen, Impulsen oder Wahrnehmungen
• Reaktionsbildung: Ein verpönter Impuls wird durch sein Gegenteil ersetzt (»ich bin besonders freundlich zu jemandem, auf den ich eigentlich wütend bin«).
• Intellektualisierung: Der unerwünschte Impuls wird aus dem emotionalen Bereich in den intellektuell theoretischen verschoben (»ich habe keine Suizidimpulse, aber das Thema interessiert mich theoretisch«).
• Identifikation: Dies ist ein wichtiger Grundmechanismus der Entwicklung, der für die Aneignung von Eigenschaften und Modelllernen unerlässlich ist
• Identifizierung mit dem Aggressor: Um unerträgliche Angst erträglicher zu machen, stellt sich das Opfer quasi auf die Seite des Angreifers, z. B. bei andauernder Gewalt in Beziehungen: das Opfer quält sich mit Selbstanklagen, demütigt und entwertet sich oder verletzt sich selbst und behandelt sich gleichsam so wie es der Täter tat oder noch tut.
• Gefühlsabspaltung: Trennung von Erlebnis und begleitender emotionaler Tönung (jemand erzählt ganz nüchtern von einem schwerwiegenden Verlust ohne dass der Kummer spürbar wird)
• Rationalisierung: Das durch ein abgewehrtes Motiv veranlasste Handeln wird im Nachhinein durch eine andersartige Begründung ersetzt oder umgedeutet (»ich konnte mit dem Chef nicht über meine Überforderung sprechen, weil so viel zu tun war – nicht weil ich Angst vor ihm habe«)
• Regression: Einem Konflikt oder einem unlustvollen Impuls wird durch eine Wiederbelebung früherer Erlebnisweisen und Verhaltensmuster ausgewichen, man verhält sich wie ein Kind (z. B. Nägelbeißen während der Adoleszenzkrise)
• Verleugnung: Ein Konflikt, eine Bedrohung oder Beeinträchtigung wird einfach nicht anerkannt, obwohl der Betroffene darüber Bescheid weiß. Er verhält sich so, als ob er nichts davon wüsste.
• Verschiebung von Bedeutendem auf weniger Bedeutendes: Beispiel: Die Wut auf eine bestimmte Person (z. B. den Chef) wird auf andere (meist unterlegene) Personen verschoben, dies ist dann weniger bedrohlich und einfacher zu handhaben (z. B. Aggression im Straßenverkehr).
• Wendung gegen das Selbst: Ein aggressiver Impuls wird nicht auf eine andere Person sondern auf sich selbst gerichtet (Suizidimpuls in Trennungssituationen).
• Spaltung: Widersprüchliche Wahrnehmungen, Bewertungen und Erlebnisweisen wechseln einander ab und bilden polare Erlebnis- und Reaktionsmuster (»nur gut/nur schlecht«). Beide Pole können einander im Erleben abwechseln. An der Umschlagstelle steht meist ein starkes affektives Erleben, z. B. eine massive Kränkung (Narzisstische Krise,
Kap. 3.3.4, Fall Christa). Eine Person wird also nicht mit ihren positiven und negativen Seiten als Ganzes wahrgenommen, sondern einmal als ein idealer Mensch ohne Fehler gesehen und dann z. B. in Folge einer Kränkung vollkommen abgelehnt.
• Idealisierung / Entwertung: Ähnlicher Mechanismus wie bei der Spaltung, aber weniger Polarisierung des ursprünglich ganzheitlichen Erlebens und weniger Realitätsverzerrung.
• Projektion: Ein unerwünschter eigener Impuls wird in die Außenwelt verschoben und einem anderen zugeschrieben (»nicht ich bin aggressiv, sondern du bedrohst mich ständig mit deiner Wut«)
• Projektive Identifizierung: Andere Personen werden durch manipulierendes Verhalten dazu gebracht, sich so zu fühlen, wie man sich selbst fühlt. Man kann sich damit von unerträglichen Gefühlen oder eigenen Anteilen distanzieren (z. B. durch Suiziddrohungen entstehen im Gegenüber Hilflosigkeit und Ohnmacht).
Abwehr beeinflusst auch den Bewältigungsprozess in einer Krise – manchmal durchaus in einer positiven Weise. So ist das Verdrängen oder Verleugnen der Realität in der Schockphase einer Verlustkrise (
Kap. 3.1.1 und
Kap. 3.1.2) ein sinnvoller Mechanismus, um sich zunächst vor der momentan nicht verarbeitbaren Mitteilung oder Wahrnehmung und den damit verbundenen überwältigenden Gefühlen zu schützen. Durch Verleugnung wird die Bedrohung oder Beeinträchtigung einfach nicht anerkannt, obwohl der Betroffene darüber Bescheid weiß. Er verhält sich so, als ob er nichts davon wüsste.
Zum Problem wird nur der übermäßige Einsatz von Abwehr oder eine ausgeprägte Starre der Abwehrmechanismen. Auch die Folgen von Abwehrprozessen, meist in Form von Symptombildungen können schädlich für das Individuum sein. Das könnte z. B. heißen, dass nach einem schmerzhaften Verlust die Verleugnung beibehalten wird, dadurch eine depressive Entwicklung einsetzt und in der Folge den notwendigen Trauerprozess verunmöglicht.
In Krisen können aufgrund der massiven innerseelischen Labilisierung Abwehrmechanismen aller Strukturniveaus, also auch solche, die man normalerweise nur bei schweren psychischen Störungen findet, vorkommen.
Fallbeispiel Anita
Anita kann sich zu Beginn der Krise mit dem Aspekt des Vertrauensbruchs nicht auseinandersetzen, weil sie ihre Energie für die Organisation des äußerst schwierigen Alltags benötigt. Sie spaltet ihre Gefühle ab. Dies ist in dieser Situation ein sinnvoller Abwehrmechanismus, da sie sonst Gefahr läuft ihre Funktionsfähigkeit zu verlieren. Nach 4 Wochen ist die Überforderung aber so groß, dass die Abwehr zusammenbricht und sie professionelle Hilfe benötigt.
Erst im Laufe der Krisenintervention, zu einem Zeitpunkt, zu dem die gröbsten Probleme entschärft sind, kann sie sich eingestehen, wie enttäuscht und gekränkt sie ist und die Gefühle von Schmerz, Trauer und Wut zulassen. Deutlich wird auch, dass sie ihren Mann und ihre Beziehung lange Zeit idealisiert hat und dadurch Anzeichen für die Schwierigkeiten ihres Partners und entsprechende Alarmsignale (seine häufige Abwesenheit, seine zunehmende Gereiztheit und seinen Rückzug) verdrängt und verleugnet hat.
Ressourcen
Unter Ressourcen versteht man sowohl unspezifische allgemeine Kräfte, als auch individuelle Fähigkeiten des Menschen, die zur Bewältigung von Aufgaben und Anforderungen mobilisiert werden können. Soziale Ressourcen sind die allgemeinen sozioökonomischen Lebensbedingungen des Individuums, also seine finanziellen Möglichkeiten, das Vorhandensein von Arbeits- und Wohnmöglichkeiten, aber auch die Verfügbarkeit eines tragfähigen sozialen Netzes und mitmenschlicher Unterstützung. Persönliche Ressourcen hingegen haben individuellen und subjektiven Charakter. Dazu gehören Persönlichkeitsmerkmale und Fähigkeiten, wie Introspektionsfähigkeit, die Bereitschaft, sich anderen mitteilen zu können, Zugang zu den eigenen Emotionen, Realitätssinn, Selbstwirksamkeit, Optimismus und internale Kontrollüberzeugung. Als instrumentale Ressourcen bezeichnet man die Verfügbarkeit erworbener Problemlösungsstrategien. Können diese instrumentalen Ressourcen in Krisensituationen in zielorientierten Handlungen eingesetzt werden, hat das stabilisierende und bestärkende Effekte (vgl. Lorenz 2005).
Tab. 2.1: Ressourcen

Fallbeispiel Anita
Anita verfügt über gute soziale Ressourcen, auch wenn die ökonomische Situation schwierig ist. Sie kann sowohl auf die praktische wie auch ideelle Unterstützung ihrer Umwelt zählen. Sie kann gut über sich und ihre Gefühle sprechen, ist reflexionsfähig und nach der ersten Schockphase (
Kap. 3.1.1) in der Lage, die Realität zu akzeptieren und sich an die veränderten Umstände anzupassen. Da sie all die Jahre zunächst im Elternhaus und dann in der Beziehung sehr behütet war, fällt es ihr zunächst schwer, eigenständig zu entscheiden und selbst aktiv zu handeln. Sie ist aber überraschend bald in der Lage, diese neue Rolle auszufüllen, was zeigt, dass sie über gute Metaressourcen (
Kap. 2.6) verfügt.
All die in diesem Kapitel beschriebenen Variablen tragen also dazu bei, ob es überhaupt zu einer Krise kommt und wie mit ihr umgegangen wird. Sie bestimmen den Grad der Erschütterung, der sich aus dem bedrohlichen Ereignis ergibt. Die Anpassung an die veränderte objektive und subjektive Situation erfolgt in mehreren Schritten bzw. Phasen und führt je nach Art und Gelingen der Bewältigungsversuche zu einer spezifischen mehr oder minder gesunden Form der Restabilisierung.
2.3 Neurobiologie, Stressforschung und Krise
»Menschen haben im Unterschied zu Tieren ganz besondere Fähigkeiten zur Stressbewältigung. Mit der enormen Ausdehnung der Hirnrinde geht die Fähigkeit zur Verknüpfung verschiedener Wahrnehmungen, zur Verankerung von Erfahrungen, zur Ausbildung eines enormen autographischen Gedächtnisses, zum Erlernen und Abspeichern von Sachwissen im expliziten Gedächtnis und zur Herausbildung sogenannter Metakompetenzen, wie Selbstwirksamkeitskonzept, Handlungsplanung, Impulskontrolle, Folgeabschätzung, Frustrationstoleranz und Metakognitionen, wie Vorstellungen, Ideen und Überzeugungen einher.« (Hüther und Sachsse 2007, S. 170)
2.3.1 Vorbemerkung
Neuere neurobiologische Forschungsergebnisse bestätigen das komplexe Zusammenspiel zwischen Stressor (bzw. Auslöser), Coping (Problembewältigungsstrategien), der subjektiven Bewertung eines Ereignisses und den Reaktionen der Umwelt und bestätigen somit wesentliche Elemente der Krisentheorie. Im Folgenden wird versucht, bezugnehmend auf die Forschungen von Hüther und Sachsse (2004, 2007), diese Zusammenhänge herauszuarbeiten.
Auch wenn die Ergebnisse neurobiologischer Untersuchungen für den klinischen Alltag von großem Wert sind, sollte man allerdings nicht vergessen, dass »das Gehirn nicht der Ursprung oder der Ort«, sondern – wie der Neuropsychologe Alexander R. Lurija (1973, S. 12) deutlich hervorhebt – »das Organ des Psychischen« ist. »Das Psychische ist eine Funktion des Gehirns, dessen Gesetzmäßigkeiten in den psychischen Prozess eingehen, nicht aber gleich seine Gesetzmäßigkeiten sind, weil zugleich auch die Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Lebens der Subjekte in den psychischen Prozess eingehen und diese sich mit jenen durchdringen und spezifische Gesetzmäßigkeiten hervorbringen, die allererst die Dignität der Wissenschaft der Psychologie begründen« (Soldt 2005, S. 14). Fast alle Forscher betonen, dass auch in der Neurobiologie die Erklärbarkeit menschlichen Denkens, Verhaltens und Fühlens an Grenzen stößt. Das Psychische ist nicht einfach eine Begleiterscheinung der Hirntätigkeit, sondern es ist davon auszugehen, dass beides in enger Wechselwirkung zueinander steht. Jeder Mensch verarbeitet Belastungen sehr unterschiedlich und verleiht ihnen auf dem Hintergrund der eigenen Lebenserfahrung sehr individuelle Bedeutungen.
2.3.2 Der Stress-Reaktionsprozess
Moderne bildgebende Verfahren ermöglichen es, Gehirnprozesse direkt zu beobachten. Besonders intensiv beforscht wurde die Frage, wie das Gehirn üblicherweise mit Stress umgeht und welche Auswirkungen extremer Stress als Folge traumatischer Erfahrungen auf die Hirnfunktion hat. Daraus abgeleitet wurde auch eine Vielzahl von Überlegungen zu Fragen eines sinnvollen therapeutischen Umgangs mit traumatisierten Menschen. Viele dieser Anregungen lassen sich auch für die Krisenintervention in psychosozialen Krisen nutzen.
Störungen in der äußeren Welt, die die innere Organisation eines Individuums bedrohen, werden als Kaskaden von Störsignalen in die Innenwelt und damit auch zum Gehirn weitergeleitet. Die Alarmreaktion löst nun wiederum Kaskaden von Bewältigungsreaktionen aus, um die Bedrohung abzuwenden. Alarmreaktion und Bewältigungsreaktion sind eng miteinander verbunden (Hüther 2002). Die Intensität der Aktivierung der Alarmreaktionen im Gehirn hängt nicht nur vom Ausmaß der wahrgenommenen Störung (Auslöser), sondern auch von den dem Gehirn aufgrund von Vorerfahrungen zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten ab. Diese bestimmen letztendlich darüber, wie die eingetretene Störung bewertet wird. Die Bewertung spielt für das Ausmaß der subjektiv empfundenen Bedrohung eine ausschlaggebende Rolle (
Kap. 2.2.2). Das heißt, dass für das Ausmaß der Alarmreaktion nicht nur die objektive Qualität und Quantität der Gefahr, sondern auch die subjektive Bewertung derselben erheblichen Einfluss hat (Hüther und Sachsse 2007).
Diese Befunde zeigen also, dass erst das Ungleichgewicht zwischen äußerer Belastung und den im Moment zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten und die daraus resultierende subjektive Bewertung der Situation für die Krisenentstehung und den Krisenverlauf ausschlaggebend sind.
Auch der Einfluss der Umweltreaktion auf die Krisenbewältigung lässt sich auf dieser Basis gut verstehen. Sicherheit bietende Bindungsbeziehungen werden in der frühen Kindheit aufgrund starker emotionaler Aktivierung besonders intensiv im Gehirn gebahnt. Darauf aufbauend können eigene, Sicherheit bietende Bewältigungsstrategien entwickelt werden. Beides stellt eine besonders wichtige Ressource der Stress- und somit auch der Krisenbewältigung dar (vgl. Hüther und Sachsse 2007)
2.3.3 Panik- und Furchtsystem
Das menschliche Gehirn verfügt über zwei Systeme, um auf eine tatsächliche oder vermeintliche Gefahr zu reagieren: Das Panik- und das Furchtsystem. Das Paniksystem reagiert, wenn man sich hilflos und ohnmächtig wie ein Säugling fühlt. Der Säugling aktiviert in diesen Fällen mittels Schreiens seine Bezugspersonen, meist die Mutter, die im günstigsten Fall durch Anwesenheit, Körperkontakt, Nähe und Wärme den Säugling beruhigen kann. Dies ist eine äußerst befriedigende und folglich bindungsfördernde Erfahrung, die – wie bereits erwähnt – sehr prägend für den späteren Umgang mit Belastungen ist. Im Laufe der Entwicklung wird das Paniksystem, da es natürlich immer weniger Sinn macht in Gefahrensituationen nach der Mutter zu rufen, zunehmend von anderen Vernetzungen überlagert. Eine weitere Reaktion, die jungen Tieren, analog aber auch Menschen in höchster Gefahr im Rahmen des Paniksystems zur Verfügung steht, ist die sogenannte »Freeze-Reaktion«, bzw. der »Totstellreflex«. Tiere können in bedrohlichen Situationen äußerlich total erstarren, das Laut-/Sprachzentrum ist abgeschaltet, gleichzeitig sind sie innerlich in einem Zustand höchster Erregung, der sogenannten »Hyperarousal«. Das Paniksystem ist eng mit dem Parasympathicus des vegetativen Nervensystems verbunden. Ist er aktiviert, spürt man die vegetativen Symptome der Angst: Kloß im Hals, Druck auf der Brust, Harndrang, Durchfall und weiche Knie. Menschen, die extremem traumatischem Stress ausgesetzt sind, aber auch Menschen, die Panikattacken haben, oder Menschen in Krisen beschreiben solche Zustände von Ohnmacht und Ausgeliefertsein (Sachsse 2004).
Das zweite System ist das Furchtsystem. Es basiert auf dem einfachen Prinzip von Kampf und/oder Flucht (»fight or flight«). Dieses System hat eine zentrale Funktion in Hinblick auf das Lernen. Das Furchtsystem ist an den Sympathicus des vegetativen Nervensystems gebunden. Ist dieser aktiviert, steigen der Blutdruck und die Herzfrequenz, die Muskeln sind angespannt und man ist höchst konzentriert.
Eine zentrale Funktion für die Emotionsentstehung im Gehirn und somit sowohl für das Panik- wie auch das Furchtsystem hat das limbische Areal und hier speziell der sogenannte Mandelkern (»Amygdala«). Die an das Gehirn kommenden zunächst neutralen Informationen werden vom Mandelkern mit Emotionen versehen. Er ist sowohl für angeborene als auch für konditionierte Furcht und die Verbindung zwischen beiden, aber auch für aversive Alarmreaktionen zuständig und fungiert quasi als »Rauchmelder des Gehirns« (Sachsse 2004. Eng damit verbunden ist die Region des Hippocampus, der hilft, sich zu orientieren, die Gefahr einzuordnen und zu bewerten und somit beruhigend auf den Mandelkern wirkt. Gleichzeitig leitet er Informationen, die als wichtig bewertet werden, an jene Regionen der Hirnrinde (Cortex) weiter, deren Funktionen zum Umgang mit einer Gefahr benötigt werden. Das Zusammenspiel dieser Hirnregionen ermöglicht Lernprozesse. Kontrollierbare Herausforderungen sind gedächtnisfördernd. Besonders gut werden jene Erfahrungen verankert, die unter Beteiligung emotionaler Reaktionen, also mit Hilfe der Amygdala gebahnt werden. Gleichzeitig werden Botenstoffe, die Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, die die Wachsamkeit (»Vigilianz«) erhöhen. Man sucht in den bereits verfügbaren Erfahrungsprogrammen nach Lösungen. Wenn es gelingt durch Flucht, Kampf oder Reflexion eine Gefahr abzuwenden bzw. Stress zu bewältigen, fühlt man sich erleichtert. Die Hormonausschüttung, speziell die Ausschüttung von Cortisol über die Nebennierenrinde geht durch Selbstregulation zurück.
Ist die Belastung aber zu überfordernd, bzw. wird sie als zu intensiv erlebt und bleibt dadurch das Furchtsystem zu lange aktiviert, rückt der Lernprozess in den Hintergrund und man richtet sein Handeln hauptsächlich darauf aus, eine Möglichkeit zu finden, den massiven Stress zu reduzieren. Auch tendenziell schädigende Mechanismen, wie Suchtmittelgebrauch oder Essattacken stellen eine solche Möglichkeit dar. Wie schon erwähnt verselbständigen sich stressreduzierende Verhaltensweisen gerade in Krisen bei anhaltend hohem Stresspegel besonders rasch, gleichgültig, ob sie konstruktiver oder destruktiver Natur sind. Man greift dann in ähnlichen Situationen immer wieder auf jene Lösungsstrategien zurück, mit denen man quasi gute Erfahrungen gemacht hat.
Furcht- und Paniksystem stehen vermutlich in enger Beziehung zueinander. Das Furchtsystem kann zur Beruhigung des Paniksystems beitragen. Reflexion, Einsicht und Lernen helfen im günstigsten Fall die diffuse Panik zu beenden.
Menschen bewerten viele der im Gehirn eintreffenden Wahrnehmungen, die beim Tier eine Alarmreaktion auslösen, zunächst als gefahrlos. Wir haben im Unterschied zu Tieren ganz besondere Fähigkeiten zur Stressbewältigung. Was von Panik und Furcht übrig bleibt, ist zunächst Beunruhigung oder Irritation: Beunruhigung stellt sich ein, wenn man spürt, dass man nicht weiß, ob und wie man reagieren soll. Irritation, wenn man spürt, dass das, was man denkt oder spürt, nicht zum gewünschten Resultat führt. Durch entsprechende Bewertung kann man versuchen, die Panik unter Kontrolle zu halten. Dies ist insofern sinnvoll als man dann das Großhirn benutzen kann, um vorausschauend und planend eine Lösung für ein Problem zu finden. Erst wenn es nicht gelingt durch Erfahrungen, Erinnerungen, Vorstellungen, aber auch Hoffnung und Zuversicht die sich ausbreitende Beunruhigung zu kontroliieren, also wenn unsere üblichen Bewältigungsmöglichkeiten erschöpft sind, wird das unter der Hirnrinde gelegene Alarmsystem aktiviert (Sachsse 2004). Das wäre in etwa der Punkt, an dem das Vollbild der Krise entsteht. Damit ist auch erklärbar, warum Menschen so unterschiedlich auf Krisenanlässe reagieren, bzw. manche eine Situation als Herausforderung betrachten, die bei anderen Menschen bereits Furcht und Panik auslöst. Es wird auch erklärbar, welche große Bedeutung es für die Krisenentstehung und den Krisenverlauf hat, wie gelernt wurde mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen.
Abb. 2.3: Paniksystem versus Furchtsystem
Krisen sind Situationen, in denen das Paniksystem in Wechselwirkung mit dem Furchtsystem aktiviert wird. Zunächst erleben betroffene Menschen den durch die äußere Belastung entstandenen Stress als zu massiv und nicht bewältigbar. Sie reagieren panisch und fühlen sich ohnmächtig. Sie stellen sich quasi tot und erstarren. Sie benötigen dringend Hilfe, sind aber unter Umständen gar nicht in der Lage, diese anzunehmen. Dabei wirken sie nach außen hin vielleicht ganz normal, sind aber innerlich in höchstem Maße erregt. In solchen Situationen kann man nicht in Ruhe nachdenken und reflektieren und schon gar nicht gezielt handeln. Das Fühlen, Denken und Handeln ist darauf ausgerichtet, diesen Zustand zu beenden. Man spricht in der Krisentheorie von einer Schockphase. Im günstigen Fall weicht die Panik der Furcht, die Situation wird handhabbarer, man ist phasenweise in der Lage, Konstruktives zu tun. Krisen sind Situationen, in denen man besonders offen ist für Veränderungen, sofern die Intensität des Stresses eine gewisse, individuell sehr variable Grenze nicht überschreitet. Wenn man auf gute Bindungserfahrungen zurückgreifen kann, ist man eher bereit, Hilfe anzunehmen und Neues auszuprobieren, d. h. man lernt dann oft überraschend schnell hinzu. Der Chancencharakter der Krise wird genutzt. In den Phasen, in denen der Stress wieder zu groß wird und Bewältigungsversuche fehlschlagen, kann es sein, dass der Überblick abermals verloren geht, die Symptome wieder zunehmen und man unter Umständen auch wieder auf destruktive Bewältigungsstrategien zurückgreift. In diesen Phasen lernt man nichts Konstruktives, unter Umständen sogar falsche Dinge. Man hat es in Krisen also mit einer Abfolge von unterschiedlichen Episoden mit variablem Belastungsgrad zu tun, die allerdings nicht linear, sondern eher immer wieder durchlaufen werden und mit immer neuen Versuchen der Bewältigung einhergehen. Sind diese erfolglos, ist es möglich, dass wichtige Ziele aufgegeben werden. Im schlimmsten Fall entwickelt sich ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten und damit die Tendenz, bestimmten Herausforderungen aus dem Weg zu gehen. Damit bringt man sich aber um die Chance, zu reifen und sich weiter zu entwickeln.
2.3.4 Das Beziehungsangebot in der Krisenintervention aus neurowissenschaftlicher Sicht
Menschen neigen in Krisen dazu aus Angst, Verzweiflung oder Wut spontan zu agieren. Daran sind vor allen Dingen die tiefen limbischen Hirnareale beteiligt. Es wird schnell, aber unreflektiert entschieden. Das rationale Denken ist lahmgelegt. Man ist am Höhepunkt einer Krise oft geradezu unfähig, vernünftig zu reagieren und konstruktive Bewältigungsstrategien zu aktivieren. In einer solch verzweifelten Situation suchen viele ein Gegenüber, mit dem sie in Beziehung treten können und das in der Lage ist, Emotionen und Vernunft zu integrieren. Der Neurowissenschaftler Joachim Bauer (persönliche Mitteilung 2018) definiert Akzeptanz, Zugehörigkeit, Fairness und Gehört-Werden als neuronal verankerte Grundbedürfnisse des Menschen. Durch interpersonelle Resonanz wird das Selbst gestärkt. Er meint, dass auch aus neurobiologischer Sicht das Zuhören, die Möglichkeit, sich auszudrücken, achtsames Sprechen und das Erkunden, woran Menschen im tiefsten Herzen glauben (»self affirmation«), entscheidend für eine konstruktive Krisenbewältigung sind. Das bestätigt also, von welch entscheidender Bedeutung ein tragfähiges Beziehungsangebot in der Krisenintervention ist.
2.4 Symptome
Typischerweise ist eine Krise auch ein komplexes psychosomatisches Geschehen. Symptome können als Anpassungsversuche an eine subjektiv unerträgliche Situation verstanden werden. Die psychische Symptomatik kann die gesamte Psychopathologie umfassen, vom neurotischen Pol bis hin zu psychotischen Erscheinungen. Grundsätzlich lassen sich auch letztere als Zeichen der Überforderung eines verletzbaren Verarbeitungssystems verstehen (Ciompi 1993). Besonders häufig finden sich Angst-, Erregungs- und Spannungszustände, sowie depressive Verstimmungen (
Kap. 4.6 und
Kap. 4.7).
Ebenso vielschichtig können die somatischen Begleitsymptome sein. Diese reichen von Schlafstörungen über gastrointestinale Probleme bis hin zu dermatologischen Leiden und sind nicht selten der primäre Grund, weshalb Menschen Hilfe suchen (
Kap. 4.10).
Kasten 2.6: Psychische Symptome von Krisen, nach Schweregrad hierarchisch geordnet (vgl. Ciompi 1993)
• Erhöhte Spannung, Nervosität, Aufregung
• Unsicherheit, Ängstlichkeit, Erregung
• Irritation, Aggressivität oder Autoaggressivität, Depressivität
• Verwirrtheit, zunehmend inadäquates Verhalten
• Depersonalisations- und Derealisationserscheinungen
• Wahn, Beziehungs- und Verfolgungsideen
• Halluzinationen
2.5 Diagnostik
Eine akute psychosoziale Krise ist primär kein krankhafter Zustand. Daher findet sich der Begriff auch nicht in den gängigen Diagnosemanualen, wie dem ICD-10 (Dilling et al. 1993) oder dem DSM IV. Auf der deskriptiven Diagnoseebene im ICD-10 werden krisenhafte Zustände noch am ehesten durch die Kategorien akute Belastungsreaktion (F43.0) und Anpassungsstörung (F43.2) erfasst. Entscheidend für die Diagnosestellung ist der zeitliche Zusammenhang zwischen einem außergewöhnlich belastenden Lebensereignis oder einer besonderen Veränderung im Leben und der Symptomentstehung. Unter belastenden Lebensereignissen werden neben Verlusten auch überwältigende traumatische Erlebnisse subsumiert. Die Diagnosekriterien für die Posttraumatische Störung werden in Kapitel 3.3.2 beschrieben (
Kap. 3.3.2). Die Autoren des ICD weisen auch auf die Bedeutung von individueller Vulnerabilität und den zur Verfügung stehenden Copingstrategien für das Auftreten und den Schweregrad der Belastungsreaktion hin. Deutlich abweichend von der Krisentheorie ist der enge zeitliche Rahmen, der für das Abklingen der Symptome mit maximal drei Tagen angenommen wird. Hier lässt sich am ehesten eine Parallele zur Schockphase, wie wir sie bei der Verlustkrise und nach akuter Traumatisierung finden, herstellen (Krisenmodelle
Kap. 3).
Kasten 2.7: Akute Belastungsreaktion F 43.0 (ICD-10 1993)
• Es muss ein unmittelbarer und klarer zeitlicher Zusammenhang zwischen einer ungewöhnlichen Belastung und dem Beginn der Symptome vorliegen. Die Reaktion beginnt innerhalb weniger Minuten, wenn nicht sofort.
• Es tritt ein gemischtes und gewöhnlich wechselndes Bild auf; nach dem anfänglichen Zustand von »Betäubung« werden Depression, Angst, Ärger, Verzweiflung, Überaktivität und Rückzug beobachtet. Kein Symptom ist längere Zeit vorherrschend.
• Die Symptome sind rasch rückläufig, längstens innerhalb von wenigen Stunden, wenn eine Entfernung aus der belastenden Umgebung möglich ist. In den Fällen, in denen die Belastung weiter besteht, oder in denen sie naturgemäß nicht reversibel ist, beginnen die Symptome in der Regel nach 24 bis 48 Stunden abzuklingen und sind gewöhnlich nach 3 Tagen nur noch minimal vorhanden.
Auch für die Anpassungsstörung gilt, dass es einen nachvollziehbaren Grund für die Annahme geben muss, dass die Störung ohne äußere Belastung nicht aufgetreten wäre. Der Beginn der Störung sollte definitionsgemäß innerhalb eines Monats nach dem belastenden Ereignis liegen. Die Symptome sind vielfältig, je nach vorherrschendem klinischem Bild werden Unterkategorien beschrieben (z. B. kurze depressive Reaktion F 43.20).
Kasten 2.8: Anpassungsstörung F 43.2 (ICD-10 1993)
• Hier handelt es sich um Zustände von subjektivem Leiden und emotionaler Beeinträchtigung, die soziale Funktionen und Leistungen behindern und während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung, nach einem belastenden Lebensereignis oder auch nach schwerer körperlicher Krankheit auftreten.
• Die Belastung kann die Unversehrtheit des sozialen Netzes betroffen haben (bei einem Trauerfall oder Trennungserlebnis), das weitere Umfeld sozialer Unterstützung oder sozialer Werte (wie bei Emigration oder nach Flucht).
• Die individuelle Disposition oder Vulnerabilität spielt bei dem möglichen Auftreten und bei der Form der Anpassungsstörung eine größere Rolle als bei den anderen Krankheitsbildern von F43; es ist aber dennoch davon auszugehen, dass das Krankheitsbild ohne die Belastung nicht entstanden wäre. Die Anzeichen sind unterschiedlich und umfassen depressive Stimmung, Angst, Besorgnis (oder eine Mischung von diesen), ein Gefühl, unmöglich zurechtzukommen, vorausplanen oder in der gegenwärtigen Situation fortfahren zu können, ferner eine Einschränkung bei der Bewältigung der alltäglichen Routine. Der Betreffende kann sich so fühlen als stehe er kurz vor darmatischem Verhalten oder Gewaltausbrüchen, wozu es aber selten kommt.
• Die Störung beginnt im Allgemeinen innerhalb eines Monats nach dem belastenden Ereignis oder der Lebensveränderung. Die Symptome halten meist nicht länger als sechs Monate an, außer bei der längeren depressiven Reaktion« (F43.21).
Ergänzend zu diesen Diagnosen sind die Kategorisierungen von psychosozialen Problemstellungen nach Kapitel XXI des ICD-10 zu sehen: »Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten führen (Z-Diagnosen)« (Dilling et al. 1993, S.339) Dabei werden verschiedenste Belastungssituationen wie z. B. normale Trauerreaktionen (Z 63.4 Verschwinden oder Tod eines Familienmitgliedes) erfasst, die zu Kontakten mit Kriseninterventionseinrichtungen oder anderen medizinischen Diensten führen können.
Möglich ist natürlich auch, dass sich in Folge einer unbewältigten Krise sowohl psychische als auch psychosomatische krankheitswertige Störungen entwickeln. Die Diagnose ist dann in Übereinstimmung mit dem klinischen Bild zu ändern. Etwas willkürlich wird dabei für das Andauern der Symptome eine zeitliche Grenze von sechs Monaten festgelegt.
Das grundsätzliche Problem, die Abgrenzung zwischen der normalen Reaktion auf außergewöhnliche Ereignisse und dem Übergang in ein psychisches Störungsbild, wird auch im ICD-10 nicht gelöst. Es bleibt dabei, dass sich der Mensch in der Krise letztlich an einer nicht exakt festzulegenden Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit bewegt. Die Übergänge sind fließend und selten genau definierbar. Vielfältige Faktoren bestimmen darüber, auf welcher Seite der Grenze sich der Betroffene nach der Krise wiederfindet.
2.6 Salutogenese und Metaressourcen
»Ich bin überzeugt, dass wir uns alle im gefährlichen Fluss des Lebens befinden und niemals sicher am Ufer stehen.« (Antonovsky 1993, S. 7)
Bezug nehmend auf dieses Zitat stellt sich unweigerlich die Frage, was Menschen überhaupt dazu befähigt, sich in diesem gefährlichen Fluss fortzubewegen. Speziell im Kontext der Krisenintervention ist die Beschäftigung mit den Themen Ressourcen, Coping und Bewältigung insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung geeigneter Interventionsstrategien von größter Bedeutung.
In diesem Sinne hat sich in den letzten Jahrzehnten der Forschungszweig der Salutogenese entwickelt. Damit verbunden ist ein Paradigmenwechsel. Dieser führt ein Stück weg von Überlegungen, welche Defizite Krankheit bzw. psychische Störungen entstehen lassen hin zu Konzepten, die sich mit den Bedingungen von Gesundheit und wie diese aufrechterhalten werden kann, beschäftigen. Gerade in Hinblick auf die Bewältigung von Krisen stellt sich die Frage, was bestimmte Menschen dazu befähigt, besonders gut mit Stressoren fertig zu werden. Denn selbst bei Extremtraumatisierungen sind nicht alle Menschen gleichermaßen von Traumafolgestörungen betroffen und einigen gelingt es sogar, derart massive Belastungen ohne erkennbare Schäden zu überstehen. Wie an anderer Stelle bereits ausgeführt (
Kap. 2.3) hat die konstruktive Auseinandersetzung mit Stress und Belastung, sofern diese ein gewisses Maß nicht überschreiten, ein bedeutendes Wachstumspotenzial. Umso wichtiger ist es, sich mit den adaptiven Strategien, die Menschen im Umgang mit Stress und Belastung zur Verfügung stehen, zu beschäftigen. »Bewältigungsverhalten ist Teil des ganz normalen, immer präsenten täglichen Anpassungsprozesses« (Costa et al. 1996) und Haan (1982) meint: »Belastung bringt dem Menschen Gewinn, weil Belastungen einen weicher, bescheidener und widerstandsfähiger machen« (S.255). Einschränkend muss man allerdings feststellen, dass es natürlich keine Selbstverständlichkeit ist, dass Menschen Gewinn aus Belastungen ziehen und sich die Frage stellen, warum dies in manchen Situationen möglich ist und in anderen nicht und weshalb manche Menschen besonders gut in der Lage sind, den Chancencharakter von Krisen für sich zu nutzen. Gute »coper« sind demnach Personen, die darauf vertrauen eine Lösung für ihr Problem finden zu können und sich daher auch aktiv und überlegt mit einer Belastung auseinandersetzen. Meist werden sie zusätzlich von einem stabilen, sozialen Netz getragen. Neue Situationen begreifen sie als Herausforderung, denen man sich zu stellen hat. Jene Menschen hingegen, die sich in schwierigen Situation rasch hilflos ausgeliefert fühlen, die schuldhaft in Bezug auf sich und andere reagieren, die passiv-resignativ an ein Problem herangehen und sich auch schwertun, soziale Unterstützung zu mobilisieren, scheitern häufiger an der Krisenbewältigung (»bad coper«) (vgl. Heim 1993).
Dies führt uns direkt zum Begriff der Metaressourcen. Manche Menschen sind also besonders gut in der Lage, gerade in Belastungssituationen die Gesamtheit ihrer Ressourcen zu aktivieren. »Metaressourcen sind solche inneren Fähigkeiten eines Menschen, welche die Nutzung sämtlicher anderer, innerer und äußerer Ressourcen erleichtern, es ist eine Art übergeordnete Zugangs-Ressource zu den vielfältigen Einzel-Ressourcen« (Rösing 2003, S. 171). In der Stress- und Copingforschung werden insbesondere drei Konzepte von Metaressourcen diskutiert.
Kasten 2.9: Metaressourcen
Self-efficacy (Bandura 1982)
Hardiness (Kobasa 1979)
Sense of Coherence (Antonovsky 1988, 1993)
Self Efficacy (Bandura 1982)
Man kann diesen Begriff mit »allgemeiner Selbstwirksamkeit» übersetzen. Darunter versteht man die Selbstwahrnehmung, die durch das Gefühl geprägt ist, die Dinge »im Griff zu haben«, also in Belastungssituationen aufgrund der eigenen Kompetenz handlungsfähig zu sein und mit unterschiedlichen Problemen erfolgreich umgehen zu können« (vgl. Jerusalem 1990, S. 51). Kann man jene Probleme, die zur Lösung anstehen, bewältigen, entsteht auch ein Gefühl von Kontrolle über das eigene Leben.
Hardiness (Kobasa 1979)
Unter hardiness, übersetzbar mit »Belastbarkeit« oder »Widerstandskraft«, versteht man eine hohe innere Überzeugung der Kontrolle über alle Lagen des Lebens, die Fähigkeit sich auf das Leben einlassen zu können und belastende Erfahrungen zum Positiven wenden zu können. Menschen, die diese Fähigkeit haben, sind engagiert, sehen belastende Situationen eher als Herausforderung und suchen aktive Lösungen, Veränderungen und Wachstum.
Sense of Coherence, Koheränzsinn (Antonovsky 1988, 1993)
Antonovsky hat sein Konzept des Kohärenzgefühls auf Basis seiner Forschung zu den Folgen des Holocaust entwickelt. Das Koheränzgefühl ist eigentlich mehr als eine Metaressource. Man könnte es als eine übergeordnete Zusammenfassung einer ganzen Reihe von Copingstrategien und Ressourcen und somit als einen Überbegriff der Salutogeneseforschung verstehen. Dementsprechend definierte Antonovsky den Kohärenzsinn als eine generelle Lebenseinstellung (1993).
Das Kohärenzgefühl besteht in einer »Grundorientierung, die das Ausmaß eines umfassenden, dauerhaften und gleichzeitig dynamischen Gefühls des Vertrauens ausdrückt, sodass
• die Stimuli aus der äußeren und inneren Umgebung des Lebens strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind,
• die Ressourcen verfügbar sind, um den durch die Stimuli gestellten Anforderungen gerecht zu werden,
• diese Anforderungen Herausforderungen sind, die ein inneres und äußeres Engagement lohnen (Antonovsky 1993, S. 127)«.
Es wird damit eine Einstellung beschrieben, die drei Komponenten umfasst: Die Vorhersehbarkeit (comprehensibility), die Handhabbarkeit (manageability) und die Sinnhaftigkeit (meaningfulness) der Welt.
Verstehbarkeit und Vorhersehbarkeit (comprehensibility) resultieren aus unserer jeweils subjektiven Bewertung und Probleminterpretation. Die Fähigkeit, das Problem sachlich zu analysieren und zu definieren und eine klare Vorstellung der Krise zu erarbeiten, führt dazu, dass eine Belastung nicht als zufällig und willkürlich interpretiert werden muss. Dies schafft die Basis für eine konstruktive Bewältigung.
Handhabbarkeit (manageability) heißt Vertrauen zu haben, dass ein Problem lösbar ist und die Möglichkeiten zu seiner Bewältigung zur Verfügung stehen. Dies hängt einerseits von den Fähigkeiten und Ressourcen und andererseits von der Unterstützung durch das soziale Umfeld ab.
Sinnhaftigkeit oder Bedeutsamkeit (meaningfulness) sieht Antonovsky als die wesentlichste Komponente an. Im Gegensatz zu den kognitiven Komponenten geht es darum, der Krise einen tieferliegenden emotionalen Sinn zu geben. Sinnhaftigkeit beschreibt das Grundgefühl, dass das Leben auch in schwierigen Phasen lebenswert ist, bzw. die Einstellung, dass Schwierigkeiten selbstverständlich zu unserer Existenz gehören und Herausforderungen darstellen, die bewältigbar sind und die Möglichkeit zur Reifung bieten.
Natürlich sind Belastungen, wie z. B. Verlust oder Krankheit oft nicht vorhersehbar. Entscheidend ist, wie es gelingt, mit den Belastungen umzugehen und wie weit sich das Kohärenzgefühl auch in nicht vorhersehbaren Situationen aufrechterhalten oder rasch wiederherstellen lässt. Dies hängt davon ab, wie weit es Teil der Identität ist und damit Kontinuität im Leben hat.

Abb. 2.4: Eigenschaften des Kohärenzsinns
Abschließend sei auf den vom französischen Philosophen Michel Foucault (1986) geprägten Begriff »Le Souci de Soi« zu übersetzen mit »Die Sorge um sich« hingewiesen. Er bezeichnet damit die Haltung und das Verhalten eines Menschen, der versucht, das eigene Leben zu gestalten, um ihm eine unverwechselbare eigene ästhetische Form zu geben. Dazu ist es notwendig, die eigene Existenz als Prozess zu begreifen und immer wieder die Perspektive zu wechseln. Man nimmt eine Haltung der Achtsamkeit der eigenen Person gegenüber ein und gestaltet und entwickelt beständig einen eigenen Lebensstil. Dies scheint mir eine Einstellung zu sein, die es ermöglicht auch mit den gefährlichen Strömungen des Lebensflusses fertig zu werden.
3 Krisenmodelle
Wie wir im vorhergehenden Kapitel gesehen haben, sind Krisen äußerst vielschichtig. Mit monokausalen Erklärungen ist das Geschehen in seiner ganzen Komplexität daher selten zu erfassen. Im Folgenden wird ein Überblick über die gängigsten Krisenmodelle und die angrenzenden Fachgebiete gegeben. Es ist ein Versuch, ein wenig Ordnung in die theoretische Vielfalt zu bringen und diese Modelle einer kritischen Sichtung zu unterziehen. Auf der Basis der im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Krisentheorien haben die Pioniere der Krisenintervention und ihre Nachfolger (Lindemann 1944, Caplan 1964, Cullberg 1978, Sonneck 2012) Modelle und Phasenkonzepte entwickelt. In letzter Zeit haben einige Autoren (Dross 2001, Müller 2004) diese Klassifizierungsversuche kritisiert. Dross (2001) meint sogar: »Die Forderung, eine theoretisch und empirisch begründete Kriseneinteilung zu entwickeln, aus der sich an angemessener Bewältigung orientierte Indikationen für das Vorgehen bei bestimmten Krisentypen ableiten ließen, ist gegenwärtig (und wahrscheinlich auch prinzipiell) unerfüllbar« (S. 19). Diese Kritik hat zweifellos ihre Berechtigung. Aber viele Überlegungen, die man in den klassischen Konzepten findet, haben durchaus auch heute noch praktische Relevanz. Verfolgt man das Ziel, Behandlungsmöglichkeiten in der Krisenintervention zu verfeinern, erscheint der Versuch einer Weiterentwicklung zu integrativen und differenzierteren Modellen durchaus sinnvoll, sofern man keinen unrealistischen Absolutheitsanspruch stellt. Wesentlich ist, dass Krisen prozesshaft (und nicht linear) verlaufen und immer einen sehr individuellen und subjektiven Charakter haben.
Ausgehend von meinen klinischen Erfahrungen und angelehnt an die klassischen Modelle, aber auch an die weiterführenden Überlegungen von Dross (2001), bleibe ich zunächst bei der grundsätzlichen Einteilung von psychosozialen Krisen. Jene, die durch irreversible Verluste (
Kap. 3.1) ausgelöst werden, bezeichne ich in der Folge als Verlustkrisen. Ein Verlust führt nicht notwendigerweise zu einer Krise, sondern erfordert zunächst einen Trauerprozess (
Kap. 3.1.1). Dieser kann sich aber jederzeit krisenhaft zuspitzen. Den Begriff der traumatischen Krise (
Kap. 3.1.2) halte ich, wie bereits ausgeführt, insbesondere in Hinblick auf die Abgrenzung zu posttraumatischen Reaktionen für missverständlich und überholt. Einige der von Cullberg angestellten Überlegungen sind aber nach wie vor für das Verständnis der inneren und äußeren Prozesse, die Betroffene nach Verlusten durchleben, und der Frage, welche Aufgabenstellungen dabei zu bewältigen sind, sehr hilfreich. Jene Krisen, bei denen es eher um eine Form der tatsächlichen oder antizipierten Bedrohung oder Überforderung geht (Dross 2001), ordne ich im weitesten Sinn den Lebensveränderungskrisen zu (
Kap. 3.2). Von diesen beiden Krisenmodellen abzugrenzen sind vor allen Dingen die Probleme, die im Gefolge akuter Traumatisierungen auftreten (
Kap. 3.3.2). Posttraumatische Belastungsreaktionen und -störungen sind mittlerweile viel differenzierter konzeptualisiert worden und daher aus den bereits erläuterten Gründen (
Kap. 2.2.1) keinesfalls mehr den traumatischen Krisen zuzuordnen. Bei den Entwicklungskrisen (
Kap. 3.3.1) stehen entwicklungspsychologische Aspekte im Vordergrund. Erikson (1973) beschreibt mit diesem Begriff Lebensabschnitte, in denen die Gefahr, dass sich als Folge von Verlusten und Lebensveränderungen akute psychosoziale Krisen entwickeln, deutlich größer ist. Burnout (
Kap. 3.3.3) tritt im Gefolge länger andauernder chronischer Belastung auf. Die damit verbundenen Entwicklungen spitzen sich aber oft so dramatisch zu, dass wir dann Ähnlichkeiten mit den psychosozialen Krisen finden. Bei all diesen Problemen kann Krisenintervention indiziert sein. Grundsätzlich anders gelagert ist die Dynamik narzisstischer Krisen (
Kap. 3.3.4). Sie finden sich meist bei Menschen, die aufgrund schwerwiegender Fehlentwicklungen in der Kindheit und Jugend an Persönlichkeitsstörungen leiden. Diesen Menschen kann mit Krisenintervention meist nur sehr kurzfristig im Sinne einer Stabilisierung geholfen werden, sie benötigen fast immer längerfristige Behandlung. Psychiatrische Notfälle (
Kap. 3.3.5) schließlich sind durch eine unmittelbare vitale Bedrohung charakterisiert und machen notfallpsychiatrische Interventionen notwendig, die sich ganz grundsätzlich von psychosozialer Krisenintervention unterscheiden.
Bei den geläufigsten Phasenkonzepten handelt es sich um idealtypische Konzepte. Die beschriebenen linearen Verläufe kommen in dieser Eindeutigkeit kaum vor. Krisen entstehen unter den unterschiedlichsten Bedingungen und haben die vielfältigsten Erscheinungs- und Verlaufsformen. Kognitive, emotionale und handelnde Elemente wechseln sich ständig sowohl auf der Reaktions- als auch der Verarbeitungsebene ab. Phasen werden immer wieder spiralförmig und in Schleifen durchlaufen (Ulich 1987, Dross 2001). Die beschriebenen allgemeinen Merkmale von Krisen dürfen nicht den Blick darauf verstellen, dass sie bei jedem Betroffenen in einzigartiger Weise ausgeprägt sind und intraindividuell auch sehr unterschiedlich erlebt werden. Selbst die Frage, wie eine erfolgreich bewältigte Krise zu definieren ist, muss in letzter Konsequenz offenbleiben. Die unterschiedlichsten Ausgänge sind möglich und letztendlich kann nur der Betroffene selbst entscheiden, ob der eingeschlagene Weg für ihn konstruktiv und zufriedenstellend ist.
Folglich schließen einander die unterschiedlichen Konzepte von Krisen nicht aus. Oft hat man es in der Realität vielmehr mit komplexen Mischformen zu tun und ist mit zahlreichen Überschneidungen und fließenden Grenzen konfrontiert. Grundlegend ist aber die Frage, bei welchen Problemstellungen eine Indikation für professionelle psychosoziale Krisenintervention (
Tab. 3.1) überhaupt gegeben ist und wo andere Behandlungsformen vorzuziehen sind. Diesbezüglich plädiere ich daher auch für eine Schärfung des diagnostischen Blicks, um beiden wichtigen Grundsätzen von Krisenintervention gerecht werden zu können: Flexibilität und Prozessorientierung einerseits und exakter Indikationsstellung andererseits (
Kap. 5).
Tab. 3.1: Indikation für psychosoziale Krisenintervention und Abgrenzung zu Nachbargebieten (in Klammer jeweils ein Hinweis auf die Kapitel dieses Buches, in denen das Thema behandelt wird)
3.1 Verlust
Viele Krisen werden durch unterschiedliche Formen von Verlust ausgelöst. Verlusterlebnisse sind Teil des Lebens, denn beinahe jeder Mensch wird früher oder später mit solchen Ereignissen konfrontiert und sie gehören zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die Menschen machen müssen. Ein Verlust trifft uns oft plötzlich und unvorhergesehen. Eine krisenhafte Entwicklung in Folge eines erlittenen Verlusts ist für die Umwelt der Betroffenen meist gut nachvollzieh- und verstehbar. Daher kann die Person, sofern es ein tragfähiges soziales Netz gibt, zunächst meist mit viel Unterstützung rechnen. Verlustkrisen können durch den Tod nahestehender Personen, durch Trennungen, aber auch durch den Verlust körperlicher Unversehrtheit (nach Unfällen), der körperlichen Gesundheit (Diagnose einer schweren Krankheit) oder durch symbolische Verluste von Lebenszielen bzw. zentralen Werten ausgelöst werden. In der Regel sind dies Ereignisse, deren Bewältigung einen Trauerprozess erforderlich macht. Sie müssen aber nicht notwendigerweise Krisen auslösen, d. h. eine Gleichsetzung von Trauerprozess und Verlustkrise wäre unzulässig. Dies betrifft auch die zeitliche Dimension. Trauerprozesse brauchen viel Zeit, manchmal sogar Jahre. Demgegenüber ist eine Krise, wie bereits festgestellt, zeitlich begrenzt.
Zu einer krisenhaften Zuspitzung kommt es erst dann, wenn im Laufe eines Trauerprozesses die persönlichen Problembewältigungsstrategien und Verarbeitungsmodi massiv überfordert werden. Dies kann der Fall sein, wenn Art und Umstände des Verlustes besonders dramatisch sind oder die Art der Beziehung zum verlorenen Menschen schwierig und ambivalent war, ebenso wenn die trauernde Person isoliert ist und keine Unterstützung erfährt, sekundäre Verluste nicht bewältigt werden können, man durch einen frühen Verlust im Leben besonders vulnerabel ist oder andere zusätzliche Belastungen den Trauerprozess erschweren (
Kasten 3.1). Eine derartige Zuspitzung ist in jeder Phase möglich. Nach Abklingen der akuten Krise ist es meist notwendig, den »normalen« Trauerprozess fortzusetzen.
In der Folge soll nun zunächst ein Überblick zum Thema Trauer gegeben werden und anschließend das Konzept der »traumatischen Krise« vorgestellt und kritisch gewürdigt werden. Ich werde auch nochmals Bezug darauf nehmen, welche Gründe es gibt, den Begriff der Verlustkrise dem der traumatischen Krise vorzuziehen. Trauerprozesse werden vor allen Dingen im Zusammenhang mit Todesfällen beschrieben. Die theoretischen Ausführungen gelten aber in ähnlicher Weise auch für andere Verluste (z. B. Trennungen).
3.1.1 Trauer und Verlust
»Ich warte nicht länger. Ich hebe alles, was auf dem Fußboden liegt, hoch und durchsuche das ganze Schlafzimmer. Es gibt keine Nachricht, und es gibt keine Hoffnung mehr, und da haben die Angst, der Schmerz, die grenzenlose Panik, das Entsetzen und die Verzweiflung freie Bahn.
Ja genau, es ist die absolute Verzweiflung, das vollkommen wirkliche und begründete Abhandensein jeder Hoffnung. Nun, da ich das weiß, weine ich, und ich höre zwölf Monate nicht mehr damit auf.« (Connie Palmen 1999)
Diese Sequenz aus der Erzählung »I.M.«, in der die Schriftstellerin über ihre Liebe zu dem Journalisten Ischa Meijer und dessen plötzlichen Tod erzählt, lässt die Intensität des Schmerzes erahnen, die Menschen erleben, wenn sie geliebte Personen verlieren. Es zeigt uns auch, dass es nicht nur schmerzlich ist, selbst einen Verlust zu erleben, sondern dass wir auch als Zeugen eines Verlustes intensiven Gefühlen ausgesetzt sind. Man fühlt sich vom Schmerz angesteckt und gleichzeitig hilflos und ohnmächtig, weil man dem Trauernden zunächst nur wenig helfen kann. Das Einzige, das ihn wirklich trösten könnte, ist ja die Wiederkehr des verlorenen Menschen und eben diese ist nicht möglich. Ähnlich wie das Kleinkind, das von seiner Mutter verlassen wurde und sich von keiner anderen Person trösten lässt, verhält sich auch der trauernde Erwachsene. Er vermittelt zunächst, dass es unmöglich ist, ihn in seinem grenzenlosen Kummer zu verstehen.
Definition
Freud weist in seiner Arbeit über Trauer und Melancholie (1917) darauf hin, dass Trauer eine normale Reaktion auf den Verlust eines nahestehenden Menschen ist. Er stellt darüber hinaus fest, dass auch ein symbolischer Verlust Trauerprozesse in Gang setzen kann. Trauer ist notwendig, um sich von dem verlorenen Objekt lösen zu können. Freud und später auch Bowlby (2006) meinen, dass ein Mensch selten freiwillig eine intensive emotionale Bindung aufgibt. Er tut dies nur, wenn er erkennen muss, dass die geliebte Person endgültig verloren ist. Ein gelingender Trauerprozess benötigt viel Energie und kann nur schrittweise vollzogen werden. Er beinhaltet den Rückblick auf die verlorene Beziehung, auf Erinnerungen und Erwartungen an den Verstorbenen und auf das gemeinsame Leben und schließt das Erleben aller Gefühle ein, die an das verlorene Objekt gebunden sind.
Bowlby (2006) schlägt vor, den Begriff Trauer für alle bewussten und unbewussten Prozesse zu verwenden, die durch den Verlust ausgelöst werden, und bezeichnet demgegenüber mit Kummer den Schmerz über den Verlust und den dadurch bewirkten Entzug (
Tab. 3.2). Dies ist eine sehr hilfreiche Unterscheidung. Kummer (englisch: grief) steht am Beginn der Trauer: Er hilft den Verlust zu erkennen und bereitet den Menschen auf die späteren Vorgänge des Trauerns vor. In unkomplizierten Fällen dauert der Kummer einige Monate bis zu einem Jahr. Trauer (englisch: mourning) hingegen kann Jahre, wenn nicht ein Leben lang dauern. Trauer umfasst also mehr als Kummer. Auch dann, wenn der Kummer abklingt, muss der Trauernde noch viele Integrationsleistungen erbringen, bis eine endgültige Anpassung an das Leben ohne den Verstorbenen erfolgt ist. Die reale Beziehung soll durch eine symbolische ersetzt werden, das neue Leben muss entsprechend eingerichtet werden, um letztendlich frei zu werden für neue, andere Bindungen. Nicht selten erlebt ein Witwer oder eine Witwe nach dem ersten Jahr der Trauer kaum mehr akuten Kummer, kann sich aber erst nach mehreren Jahren vorstellen, eine neue Beziehung einzugehen. Erfahrungsgemäß finden Menschen oft viel Unterstützung und Verständnis, wenn der akute Kummer im Vordergrund steht, weniger aber bei den ebenso wichtigen späteren Prozessen der Neuorientierung.
Tab. 3.2: Vergleich Trauer und Kummer

Trauerphasen
Viele Autoren betonen den phasenhaften Verlauf des Trauerprozesses. An dieser Stelle wird insbesondere auf die Konzepte von Bowlby (2006) und Verena Kast (2015) Bezug genommen. Auch dabei handelt es sich um idealtypische Modelle. Die Realität der betroffenen Menschen wird durch diese meist nur unvollständig erfasst. Phasen werden immer wieder spiralförmig oder in Schleifen durchlaufen. Auch wenn es allgemeine Merkmale gibt, die sich bei vielen Trauernden finden, ist doch der Trauerprozess bei jedem Betroffenen in einzigartiger Weise ausgeprägt und wird subjektiv sehr unterschiedlich erlebt. Zusätzlich bestimmt eine Reihe von Determinanten den Verlauf des Trauerprozesses (
Kasten 3.1). Dazu gehören Art, Schwere, Ursache und Umstände des Verlustes, die Art der Beziehung zum Verstorbenen, die sekundären Verluste wie z. B. eine Einbuße von Status oder ökonomischer Sicherheit, das Lebensalter und Geschlecht des Hinterbliebenen, die Krisenanfälligkeit und Vulnerabilität, die Reaktion der Umwelt bzw. die soziale Unterstützung, die Hinterbliebene erfahren, und die inneren und äußeren Ressourcen und Problembewältigungsstrategien, die ihnen zur Verfügung stehen. Diese Faktoren haben, wie bereits erwähnt, auch Einfluss darauf, ob sich ein Trauerprozess krisenhaft zuspitzt.
Kasten 3.1: Faktoren, die den Verlauf von Trauerprozessen beeinflussen
• Art, Schwere, Ursache und Umstände des Verlustes
• Art der Beziehung zum Verstorbenen
• Sekundäre Verluste
• Lebensalter und Geschlecht des Hinterbliebenen
• Vulnerabilität
• Soziale Unterstützung
• Innere und äußere Ressourcen und Problembewältigungsstrategien
Sowohl das Konzept Bowlbys als auch das von Kast gehen von vier Phasen des Trauerprozesses aus (
Tab. 3.3). Während Bowlby die erste Phase als Phase der Betäubung bezeichnet, nennt sie Kast die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens. Diese dauert einige Tage bis zu einer Woche. Die betroffenen Menschen versuchen, die Auseinandersetzung mit der schmerzlichen Realität zu vermeiden, da sie die mit dem erlittenen Verlust verbundenen Gefühle zu überwältigen drohen. Sie fühlen sich wie betäubt. Manchmal versuchen Betroffene fast so weiterzuleben als gäbe es den Verlust nicht. Oft können sich Trauernde an die Erlebnisse dieser Zeit nicht erinnern. Nach dieser Phase der Betäubung setzt Negation ein. Die Vermeidung hat zunächst eine sinnvolle Funktion, sie stellt gleichsam einen Schutz gegen das innere Chaos dar. Es kann für Außenstehende sonderbar wirken, wie gefasst einige Betroffene sind. Manchmal aber sind die heftigen Gefühle, wie Angst, Verzweiflung oder Wut nicht mehr zu kontrollieren, dann kommt es zu dramatischen und wechselnden Erscheinungsbildern, z. B. zu Wut- und Verzweiflungsausbrüchen oder zu panischer Betriebsamkeit. Öfter verharren die Menschen aber im Zustand der Starre. Meist ist das Begräbnis eine Zäsur, die es nun nicht mehr länger möglich macht, die Realität des Todes ganz zu leugnen.
Fallbeispiel Angelika
Eine 22-jährige Frau, die ihre Schwester Barbara durch einen Suizid verloren hatte, schildert diese erste Zeit folgendermaßen: »Ich konnte nicht akzeptieren, dass meine Schwester tot ist, und war mir sicher, dass sie bald zurückkehren würde. Ich fühlte mich eiskalt und wie erstarrt. Ich kann mich kaum daran erinnern, was in dieser Zeit wirklich passiert ist.«
Während Kast zunächst von der Phase der aufbrechenden chaotischen Emotionen und danach von einer Phase des Suchens, Findens und sich Trennens spricht, ist im Konzept Bowlbys die Aufeinanderfolge umgekehrt. Er sieht zunächst die Phase der Sehnsucht und Suche nach der verlorenen Person und danach eine Phase der Desorganisation und Verzweiflung. Dies bestätigt nur, dass wir es nicht mit Phasen zu tun haben, die regelhaft aneinander anschließen, sondern dass die unterschiedlichen Aspekte des Trauerprozesses immer wieder durchlaufen werden, einander ablösen und wiederkehren. Zunächst ist jedenfalls die Konfrontation mit der schmerzhaften und bedrohlichen Realität des Verlustes unvermeidlich. Kummer wird in dieser Phase am intensivsten erlebt. Der Trauernde befindet sich in einem inneren Alarmzustand mit erhöhtem autonomem Erregungsniveau. Die Folge können quälende Ruhelosigkeit und Schlaflosigkeit sein. Der Hinterbliebene beschäftigt sich jetzt ständig mit dem verstorbenen Menschen und entwickelt oft das starke Verlangen ihn zu suchen und wiederzufinden. Dabei helfen Träume, Phantasien, das Betrachten von Fotografien, Erzählungen oder das Aufsuchen von geliebten Orten, an denen man mit dem verlorenen Menschen war. Betroffene sagen: »Ich kann an nichts anderes denken als an den Verstorbenen«. Immer wieder kann das Gefühl entstehen, er sei tatsächlich anwesend. Signale oder Geräusche werden als Anzeichen dafür interpretiert, dass der Verstorbene endlich zurückgekehrt sei. Manchmal finden sich sogar halluzinationsähnliche Zustände, meist aber Trugbilder und lebhafte Träume, in denen der Verlorene am Leben ist. Oft wird die Beziehung in dieser Phase idealisiert.
Fallbeispiel Angelika
Angelika träumt mehrfach, ihrer Schwester auf der Straße zu begegnen. Barbara erzählt ihr davon, wie es ist, tot zu sein und wie schön sie die Wiederauferstehung erlebt hätte. Auch in der Realität, z. B. beim täglichen Spaziergang mit dem Hund, glaubt sie immer wieder, ihre Schwester auf der Straße zu erkennen. Diese Vorstellungen sind einerseits mit großem Kummer verbunden, andererseits aber auch tröstlich, sie fühlt sich ihrer Schwester dann sehr nahe und verbunden.
Zorn ist ein häufig auftretendes Gefühl in dieser Phase, Zorn in Form von Reizbarkeit und Bitterkeit, Zorn auf jene, die man für den Tod verantwortlich macht, Zorn auch auf die verstorbene Person, von der man sich verlassen fühlt und der man vielleicht vorwirft, nicht besser für sich gesorgt zu haben oder den Tod verschuldet zu haben. Diese Vorwürfe an den Verstorbenen sind nachvollziehbarerweise gerade nach Suiziden sehr intensiv, werden dann aber oft auch schnell wieder zurückgenommen, weil Wut auf einen Toten so befremdlich erscheint.
Bei normaler Trauer weniger ausgeprägt, aber dennoch oft vorhanden sind Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, die sich häufig an geringfügigen Handlungen oder Unterlassungen festmachen. Hingegen werden bei der Trauerarbeit nach Suizid Schuld- und Schamgefühle oft zu zentralen Themen. Der vorschnelle Versuch Schuldgefühle zu entkräften ist selten hilfreich. Die Betroffenen spüren meist selbst, wenn Selbstvorwürfe übertrieben sind Oft handelt es sich aber um den momentan durchaus sinnvollen Versuch, die unerträglichen Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit abzuwehren. Durch die Vorstellung, sich falsch verhalten zu haben, kann der Hinterbliebene das Gefühl aufrecht halten, er hätte einen gewissen Einfluss auf die Situation gehabt. Schamgefühle führen oft dazu, dass man versucht die Ursache des Todes zu vertuschen. Das macht es für Betroffene schwierig, sich Unterstützung zu holen und über das Geschehene offen zu sprechen. Diese Art der Verleugnung ist ein hoher Risikofaktor für die spätere Entwicklung pathologischer Trauer.
Fallbeispiel Angelika
Beim Begräbnis kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den geschiedenen Eltern, die sich gegenseitig beschuldigen, Verantwortung für den Tod ihrer Tochter zu tragen. Angelika ist darüber sehr wütend. Sie macht sich aber auch heftige Selbstvorwürfe, weil sie meint, nicht gut genug auf Barbara aufgepasst zu haben. Am Tag des Suizids hätte sie ihre Schwester keinesfalls alleine lassen dürfen (Barbara war mit dem Hund weggegangen). Angelika ist in dieser Zeit oft verzweifelt und fühlt sich ohnmächtig. Sie möchte ihrer Schwester so gerne helfen und weiß doch, dass dies nicht mehr möglich ist.
Auch Ablehnung, manchmal sogar Feindseligkeit Helfern gegenüber ist möglich. Da das Erleben am Beginn des Trauerprozesses immer wieder von der Hoffnung geprägt ist, die Trennung sei nur vorübergehend, richtet sich der Zorn vor allen Dingen gegen jene, die scheinbar oder tatsächlich fordern, den Verlust zu akzeptieren.
Fallbeispiel Angelika
Angelika stellt immer wieder die Sinnhaftigkeit des therapeutischen Prozesses in Frage. Sie wirft dem Therapeuten vor, dass das Gerede auch nichts helfe, schließlich bringe das ihre Schwester nicht zurück.
Die vergeblichen Versuche, die Person zurück zu erlangen, führen zu einer allmählichen Abnahme von Ungläubigkeit und Negation. Bowlby bezeichnet die jetzt folgenden Abschnitte als die Phase der Desorganisation und Verzweiflung und die Phase der Reorganisation, Kast als die Phase des Suchens und Trennens und des neuen Selbst- und Weltbezugs. Am Beginn dieser Abschnitte steht oft intensive Verzweiflung. Die Erkenntnis, dass der Verlust endgültig und von Dauer ist, wird manchmal als so bedrohlich erlebt, dass eine Zeit der Depression und Apathie folgen kann. Der trauernde Mensch hat das Gefühl, dass nun alles verloren sei.
Bei gelungenen Trauerprozessen wird die Vergeblichkeit des Suchens erkannt und der Betroffene beginnt, den Verlust zu akzeptieren. Allerdings kann es an Gedenktagen, wie dem Geburtstag des Verstorbenen, dem Todestag oder an Familienfesten, die gemeinsam gefeiert wurden, immer wieder Episoden heftiger Gefühlsausbrüche geben. Das sogenannte »Trauerjahr» lässt sich auch so erklären, dass erst das Durchleben eines ganzen Jahres mit all seinen wichtigen Ereignissen ohne den Verstorbenen eine Neudefinition des Selbst und des Lebens ermöglicht. »Erst müssen einmal alle Jahreszeiten darüber hinweggehen (Palmen 1998).« Grundsätzlich nehmen die Symptome und die Intensität der Emotionen ab und im Vordergrund steht jetzt ein kognitiver Prozess, dessen Ziel die Rückkehr in die Alltagswelt und eine Neuorientierung ist. Dazu müssen Veränderungen vorgenommen werden, um die Abwesenheit des Verstorbenen zu kompensieren. Die Beziehung muss aus einer gegenwärtigen in eine auf symbolischer Interaktion begründete übergeführt werden. Nur so kann sie lebendig erhalten werden. Kast (2000) beschreibt, dass die Lösung von drei zentralen Aufgaben das Gelingen dieses Prozesses bestimmt. Das Zurücknehmen von Delegation heißt, jene Aufgaben im Leben, die der Verstorbene übernommen hatte, nun selbst in die Hand zu nehmen. Die Rücknahme der Projektion ist verbunden mit der Frage, was man am Verstorbenen geliebt bzw. nicht gemocht oder gar gehasst hat und mit welchen eigenen Persönlichkeitsanteilen dies zu tun hat. Schließlich gilt es zu erkennen, welche Eigenschaften der Verstorbene in uns geweckt, belebt und »herausgeliebt« hat. Denn diese bleiben bestehen und verschwinden nicht mit dem Tod des geliebten Menschen. Damit werden Lebensmöglichkeiten, Werte und Ziele, die gemeinsam mit der verlorenen Person in der und /durch die Beziehung gelebt wurden, zu eigenen. Parallel zu diesen Prozessen können sich neue Interessen entwickeln und erste Zukunftspläne gemacht werden.
Fallbeispiel Angelika
Angelika, die noch bei ihrer Mutter wohnt, plant mit ihrem Freund zusammenzuziehen. Diese Perspektive ist sehr positiv für sie. In der Zeit um Weihnachten ist sie allerdings wieder sehr traurig und voller Kummer. Sie schildert, dass sie eine schreckliche Leere in sich spürt, weil sie sich ihrer Schwester jetzt nicht mehr so nahe fühlt. Sie meint, sie könne sie nicht mehr finden. Sie geht nach längerer Zeit auch wieder zum Grab der Schwester. Dieser Besuch macht den Verlust realer und gibt ihm etwas Endgültiges. Davor war sie überzeugt, dass Barbara nicht auf den Friedhof gehöre, da sie ja nicht wirklich tot sei. Sie schreibt an ihre Schwester und erzählt ihr, wie verloren sie seit ihrem Tod ist und dass sie sich von ihr im Stich gelassen fühlt. Angelika träumt bald darauf, dass sie schwer krank sei und sich daher das Leben nehmen wolle. Alle Menschen, die ihr wichtig sind, versammeln sich um ihr Krankenbett. Sie bittet sie, ihre freie Entscheidung zu respektieren und sie sterben zu lassen. In dieser Traumsequenz identifiziert sie sich offenbar sehr stark mit der toten Schwester. Schließlich entscheidet sie sich aber für eine rettende Operation und damit anders als ihre Schwester für das Weiterleben.
Anpassung bedeutet folglich, dass der Trauernde nicht länger gegen den Verlust ankämpfen muss, sondern gelernt hat, mit ihm als einer unausweichlichen Tatsache zu leben. Bowlby (2006, S. 96) sagt über diese Phase: »Es sollte dem Trauernden möglich geworden sein, eine Unterscheidung zu treffen zwischen Denk-, Fühl- und Verhaltensmustern, die eindeutig nicht mehr angebracht sind, und anderen, die mit gutem Recht beibehalten werden können.« Und weiter: »Zur zweiten Gruppe gehört besonders auch das Festhalten an Werten und das Weiterverfolgen von Zielen, die gemeinsam mit der verlorenen Person entwickelt worden waren.«
Tab. 3.3: Phasen der Trauer

Die R-Prozesse des Trauerns
Dieses Modell von Rando (2003) stellt noch deutlicher das Prozesshafte der Trauer in den Vordergrund. Sie unterteilt den Trauerprozess in drei große Phasen: Vermeidung, Konfrontation und Anpassung. Während dieser Phasen sind sechs von ihr sogenannte R-Prozesse der Trauer zu bewältigen, um den Verlust in gesunder Weise verarbeiten zu können (
Tab. 3.4). Diese Prozesse bedingen einander teilweise, verlaufen aber auch parallel und wiederholen sich. Trauernde bewegen sich zwischen den Prozessen vor und zurück, was wiederum den nicht-linearen fluktuierenden Verlauf der Trauer bestätigt.
Zunächst ist es notwendig, dass der Betroffene »den Verlust erkennt«. Er muss sowohl kognitiv als auch emotional erfassen, dass der Tod stattgefunden hat, um überhaupt mit dem Trauern beginnen zu können. Wenn die Realität des Todes anerkannt ist, muss der Trauernde »auf die Trennung reagieren und sie bewältigen«. Er erlebt den Schmerz, spürt, identifiziert, akzeptiert und drückt alle psychischen Reaktionen aus, die der Verlust hervorruft, und identifiziert und betrauert schließlich auch sekundäre Verluste. Ein nächster Schritt ist die »Rückbesinnung auf den Verstorbenen und das Nachempfinden der Beziehung«, um schließlich »die alten Bindungen an den Verstorbenen und an die alte angenommene Welt preisgeben zu können«. Dadurch wird es möglich, »sich neu zu ordnen, um sich anpassungsfähig in die neue Welt zu begeben, ohne die alte zu vergessen«. Anpassung muss in vier Bereichen erfolgen: Die bisher angenommene Welt ist durch den Verlust beschädigt und muss daher revidiert werden, es muss eine andere, eine symbolische Beziehung zum Verstorbenen entwickelt werden und es bedarf neuer Daseinsstrategien. Schließlich sollte es möglich werden, das Selbstbild an die veränderte Realität anzupassen. Ist der Trauerprozess geglückt, kann die emotionale Energie, die in der Beziehung mit dem Verstorbenen gebunden war, in andere Bindungen »neu investiert« werden (Rando 2003, S. 187ff.).
Trauerprozesse können sich in jeder Phase krisenhaft zuspitzen. Sei es, weil man durch bestimmte Aspekte des Trauerprozesses überfordert ist oder weil man die zusätzlichen Anforderungen und Belastungen zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht bewältigen kann. Diese Situationen stellen dann die Indikation für Krisenintervention dar.
Tab. 3.4: Die R-Prozesse der Trauer (nach Rando 2003)

3.1.2 Traumatische Krise
Durch Verluste ausgelöste Krisen wurden erstmals von Cullberg (1978) beschrieben und als traumatische Krisen bezeichnet. Er definiert sie folgendermaßen: »Die traumatische Krise ist eine durch einen Krisenanlass mit subjektiver Wertigkeit plötzlich aufkommende Situation von allgemein schmerzlicher Natur, die auf einmal die psychische Existenz, die soziale Identität und Sicherheit und die fundamentalen Befriedigungsmöglichkeiten bedroht.«
Zunächst möchte ich nochmals darlegen, warum ich den Begriff »traumatische Krise« für grundsätzlich missverständlich halte. Die Bezeichnung legt nahe, alle Ereignisse traumatischer Qualität darunter zu subsumieren (z. B. Schmidt 2004). In weiterer Folge soll aber dargelegt werden, dass es sich bei Posttraumatischen Belastungsreaktionen und den Krisen, die nach Verlusten entstehen, grundsätzlich um sehr unterschiedliche Vorgänge handelt, auch wenn es einige Parallelen gibt (
Kap. 2.2.1,
Kap. 3.3.2). Dies ist insbesondere in Hinblick auf die passende Art der Intervention von großer Bedeutung (
Kap. 5.2). Daher scheint es sinnvoll, von Verlustkrisen zu sprechen und sie von Posttraumatischen Belastungsreaktionen abzugrenzen. Diese sind mittlerweile auch wesentlich differenzierter beschrieben worden. Es wird nun kurz das mit dem Begriff der traumatischen Krise verbundene Phasenkonzept dargestellt und anschließend einer kritischen Würdigung unterzogen (
Kasten 3.2).
1. Phase – Schockphase
Die Beschreibung der Schockphase findet sich in ähnlicher Form in den Konzepten über Trauer bei Bowlby (»Betäubung«) bzw. Kast (»Nicht-Wahrhaben-Wollen«). Auch Cullberg meint, dass die Überwältigung durch den intensiven Schmerz dazu führt, dass intrapsychische Vorgänge in Gang gesetzt werden, deren Ziel es ist, die unerträgliche Wirklichkeit als Ganzes von sich fernzuhalten. So dienen z. B. Bewusstseinseinengung und Betäubung dazu, die momentan überwältigenden Gefühle nicht an sich heranzulassen. Äußerlich erscheint der Mensch unter Umständen sogar ruhig und gefasst, das innere Erleben ist aber chaotisch und von Desorientierung geprägt. Später wechseln Betäubung und heftige Gefühlsausbrüche, wie Weinkrämpfe, verbunden mit körperlichen Zeichen panischer Angst, einander ab. Manchmal verharren die Betroffenen auch im Zustand der Erstarrung. Normalerweise dauert der Schockphase nicht länger als wenige Tage bis zu maximal zwei Wochen.
2. Phase – Reaktionsphase
In dieser Phase ist die Konfrontation mit der schmerzhaften und bedrohlichen Realität unvermeidlich. Emotionen wie Trauer, Angst, Wut und Schuldgefühle sind nicht mehr vollständig zu unterdrücken. Der Betroffene versucht, die schmerzliche Wirklichkeit unter zeitweiligem Einsatz seiner gewohnten Abwehrmechanismen und Bewältigungsstrategien (
Kap. 2.2.5) so schonend wie möglich zu verarbeiten.
Im ungünstigsten Fall wird der schmerzende Teil der Persönlichkeit gleichsam stillgelegt. Dadurch wird viel seelische Energie gebunden, die nicht mehr zur Bewältigung des Alltags herangezogen werden kann. Vorübergehender sozialer Rückzug kann zwar sinnvoll sein, wenn Beziehungen aber über einen längeren Zeitraum vernachlässigt werden, besteht die Gefahr der Isolation. Überwiegen dysfunktionale oder passiv-resignative Copingstrategien wie z. B. dauerhafte Verleugnung, Abspaltung der Gefühle oder Alkoholmissbrauch, kann es zu Fixierungen oder Chronifizierungen kommen, die letztendlich in psychische oder psychosomatische Störungen münden. Spätere neue Belastungen können die Wunde wieder aufbrechen lassen und zu abermaligen heftigen Reaktionen führen, die dann für die Umgebung oft nicht nachvollziehbar sind. Scheitern alle Bewältigungsversuche, schildern Betroffene charakteristischerweise, dass sie nicht mehr weiterwissen, am Ende sind und diesen Zustand nicht länger ertragen können. Eine suizidale Handlung kann dann ebenso wie eine Gewalttat als letzter Ausweg erscheinen.
Der Betroffene soll in dieser Phase möglichst viel über den Verlust sprechen und die Möglichkeit haben, den oft intensiven und sich manchmal auch widersprechenden Gefühlen Ausdruck zu geben. Wenn es gelingt, dass der Betroffene seine Emotionen und Symptome als adäquaten Ausdruck seiner Krise verstehen und Schritt für Schritt durchleben kann, verlieren sie für ihn an Bedrohlichkeit. Die Konfrontation mit der Realität sollte jedenfalls behutsam erfolgen.
3. Phase – Bearbeitungsphase
Es erfolgt nun eine allmähliche Loslösung vom Verlorenen und eine Ausrichtung auf Gegenwart und Zukunft. Das Ereignis wird kognitiv bewertet, Lösungsschritte werden unternommen, Gefühle werden fassbarer. Das Erlebte wird langsam integriert. Es kommt aber auch während der Bearbeitung immer wieder zu Episoden, in denen Verzweiflung, Ungewissheit und Chaos im Vordergrund stehen können. Ebenso wechseln Zeiten des Rückzugs mit solchen, in denen das Bedürfnis nach Kontakt und Gespräch groß ist.
4. Phase – Neuorientierung
Das verlorene Selbstwertgefühl sollte wiederhergestellt sein und im günstigsten Fall hat man neue Lebensbewältigungsstrategien entwickelt. Beim Betroffenen entsteht das Gefühl, durch das Durchleben und Bearbeiten des schmerzlichen Ereignisses, Lebenserfahrung gewonnen zu haben. Das Leben kann wieder aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. Neue Beziehungen können aufgenommen werden.
Kasten 3.2: Phasen der traumatischen Krise (nach Cullberg 1978)
1. Phase – Schockphase → 2. Phase – Reaktionsphase → 3. Phase – Bearbeitungsphase → 4. Phase – Neuorientierung
Auch wenn dieses Phasenkonzept aus heutiger Sicht etwas überholt scheinen mag, gibt es doch einige Aspekte an Cullbergs Arbeit, die nach wie vor große Relevanz haben. Er hat erstmals beschrieben, dass Menschen Krisen in sehr individueller Art verarbeiten und unterschiedlichste Abwehrmechanismen und Problemlösungsstrategien verwenden und dass die meisten Betroffenen, bevor sie Neues ausprobieren, zunächst auf Vertrautes zurückgreifen. Ebenfalls zentral ist die Feststellung, dass Menschen bei der Krisenbewältigung immer wieder zwischen konstruktiven und tendenziell eher schädigenden Verhaltensweisen wechseln. Verschiedenste Faktoren tragen dazu bei, welche Problemlösungsstrategien letztendlich überwiegen und bestimmen damit Verlauf und Ausgang der Krise. Aus diesen Überlegungen lassen sich wertvolle Rückschlüsse auf prozessorientierte Interventionsstrategien ziehen (
Kap. 5). Vor allen Dingen das Wissen um die Schockphase mit ihren Implikationen und Gefahren als unmittelbare Reaktion auf den Verlust ist im klinischen Alltag von Bedeutung und stellt die Grundlage für notfallpsychologische Interventionen dar.
Die Art, wie Menschen mit Verlusten umgehen, unterliegt nicht nur von Person zu Person erheblichen Unterschieden, sondern kann auch intraindividuell im Laufe eines Lebens stark variieren. Episoden forcierter Problemlösungsversuche wechseln mit solchen verstärkter Abwehr ab. Copingstrategien werden immer wieder im Sinne von Erprobung und Neubewertung eingesetzt. Darüber hinaus erwecken zu starre Konzepte unter Umständen ungeeignete normative Erwartungen, wie ein »richtiger« Bewältigungsprozess abzulaufen hat, und können damit Betroffene wie Angehörige zusätzlich verunsichern.
Fallbeispiel Angelika
Angelika durchlebte während des Trauerprozesses mehrere krisenhafte Episoden. Unmittelbar nach dem Suizid – in der Schockphase und in den ersten Wochen nach dem Begräbnis – war sie voller Verzweiflung und massiv überfordert. In dieser Zeit hatte sie selbst sehr ernste Suizidgedanken. Um Weihnachten (etwa sieben Monate nach dem Tod) gab es nochmals eine krisenhafte Zuspitzung, als sie die immer deutlicher werdende Realität des Verlustes und die damit verbundenen Verlassenheitsgefühle kaum ertragen konnte (so wie es Bowlby für die Phase der Desorganisation und Verzweiflung beschreibt). Sie beschäftigte sich in der Folge sehr intensiv mit ihren Schuldgefühlen und ihrer Wut. Auch zum damaligen Zeitpunkt entwickelte sie nochmals Suizidgedanken, wie auch im Traum von ihrer unheilbaren Krankheit deutlich wird.
3.2 Lebensveränderungen
3.2.1 Definition
Man spricht von Lebensveränderungskrisen, wenn Ereignisse des üblichen Lebensverlaufes wie das Verlassen des Elternhauses, Umzug, Arbeitsplatzwechsel, Heirat oder die Geburt eines Kindes zum Krisenauslöser werden. Ein solches Ereignis kann aus realen Gründen eine Überforderung oder Bedrohung darstellen. Es kann aber auch sein, dass die Befürchtungen und Ängste, die eine solche Situation mit sich bringt, die Betroffenen so verunsichern, dass es zu krisenhaften Zuspitzungen kommt. Lebensveränderungskrisen entwickeln sich oft an den Übergängen von einer in die nächste Lebensphase, wenn gewohnte Abläufe sich ändern, Entwicklungsaufgaben (
Kap. 3.3.1) zu lösen sind und Neuanpassung notwendig wird. Am größten ist die Gefahr der Überforderung natürlich dann, wenn sich Zielsetzungen widersprechen und motivationale Konflikte entstehen (Dross 2001). Welcher Anlass zur Krise geführt hat, ist für die Umwelt aber oft auch für den Betroffenen zunächst nicht immer nachvollziehbar, umso mehr, wenn es sich, wie in dem weiter unten folgenden Fallbeispiel, um ein zunächst eher positives Ereignis handelt. Diese Unklarheit verstärkt Angst und Unbehagen. Lebensveränderungskrisen beginnen schleichend, entwickeln sich langsam, oft über Wochen und eskalieren charakteristischerweise dann, wenn bereits alle Bewältigungsversuche erschöpft sind. Ob solch ein Ereignis überhaupt zu einer vollausgebildeten Krise führt, hängt also deutlich mehr als bei den Verlustkrisen von subjektiver Bedeutung, Krisenanfälligkeit und Persönlichkeit ab. Dies macht auch die psychopathologische Differenzialdiagnose schwierig. Oft lässt sich erst retrospektiv beurteilen, ob nicht doch eine psychische Störung für die Dekompensation verantwortlich war.
3.2.2 Phasen der Lebensveränderungskrise
Auch bei diesem erstmals von Caplan (1964) beschriebenen Phasenmodell (
Kasten 3.3) handelt es sich um ein idealtypisches Konzept, dem aber doch bei allen bereits erwähnten einschränkenden Überlegungen ein gewisser Nutzen für das Verständnis von Entstehung und Verlauf psychosozialer Krisen nicht abzusprechen ist. Die krisenhafte Entwicklung kann in jedem Stadium zu Ende gehen, wenn die Bewältigungsversuche erfolgreich sind oder aber das Ziel aufgegeben wird.
Gewisse Parallelen lassen sich auch in der Life-event-Forschung finden, die sich mit den Folgen von Zäsuren, die durch »kritische Lebensereignisse» im Lebensverlauf verursacht werden, beschäftigt. Diese beeinträchtigen häufig das seelische Gleichgewicht und erfordern Veränderungs- und Anpassungsleistungen. Die meisten Autoren vermuten einen Zusammenhang zwischen plötzlichen Veränderungen im Lebensverlauf und psychophysischer Gesundheit. Die Feststellung, dass sich kritische Lebensereignisse oft im Vorfeld psychischer Störungen finden lassen (Brown und Harris 1978, Pearlin 1989, Filipp 1993), korreliert mit unseren Annahmen bezüglich des Gefährdungspotenzials von Krisen. Zu Recht wird allerdings kritisiert, dass in diesen Untersuchungen die Frage vernachlässigt wird, welche Faktoren ein solches Ereignis eigentlich erst zum Stressor bzw. Krisenauslöser machen (Katschnig 2001). Auf die zentrale Bedeutung subjektiver Einschätzung und persönlicher Involviertheit (
Kap. 2.2.2) wurde diesbezüglich an anderer Stelle bereits hingewiesen.
1. Phase – Konfrontation
Die krisenhafte Entwicklung beginnt mit der Konfrontation mit einem lebensverändernden Ereignis. Dieses wird unter Umständen zunächst gar nicht als übermäßig belastend wahrgenommen. Bleibt aber das übliche Problemlösungsverhalten, das von den persönlichen Fähigkeiten, Strategien und gewohnten Hilfsmitteln geprägt ist, wirkungslos, entstehen Spannung und Unbehagen. Die eigene Aktivität wird gesteigert und intensivierte Problemlösungsversuche werden unternommen. Unter Umständen sucht man auch verstärkt Unterstützung bei Freunden und Angehörigen.
Fallbeispiel Kurt
Ein 35-jähriger Angestellter sucht aufgrund einer ausgeprägten depressiven Verstimmung und panikartiger Angstzustände das Kriseninterventionszentrum auf. Er berichtet, dass er sich schon seit etwa zwei Monaten ziemlich unbehaglich fühle. Auf Nachfrage berichtet er, dass er zu diesem Zeitpunkt die Leitung seiner Abteilung übertragen bekam. Er meint, er sei damit sozusagen am Ziel seiner Wünsche angelangt. Unerklärlicherweise habe sich aber danach sein Zustand ständig verschlechtert. Die berufliche Karriere steht im Mittelpunkt seines Lebens. Alles andere wurde dem untergeordnet. Im letzten Jahr hat er »leider« auch seine Familie vernachlässigt. Seit der Übernahme der Leitung sieht er sich mit einigen Schwierigkeiten konfrontiert. Er ist z. B. für die Implementierung eines neuen EDV-Systems verantwortlich, obwohl er keine einschlägige Qualifikation hat. Er arbeitet Nächte durch und hat einen Freund um Hilfe gebeten. Dieser ist mittlerweile aber auch überfordert. Zunehmend hat er die Freude an der Arbeit verloren. Dies ist ganz untypisch für ihn. Er beschreibt sich als fleißigen, strebsamen Menschen, der sich unter schwierigsten Bedingungen hochgearbeitet hat, was ihn mit großem Stolz erfüllt.
2. Phase – Versagen
Wenn die Belastung nicht bewältigt werden kann, entstehen zunehmend Versagensgefühle: Langsam entsteht der Eindruck, man hätte sein Leben nicht mehr unter Kontrolle. Die Spannung steigt, Angst und Hilflosigkeit nehmen zu. Der Selbstwert sinkt. Das Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln ist eingeengt und wird ausschließlich auf die Bewältigung des Problems ausgerichtet. Manche Betroffene halten in dieser Phase starr an destruktiven und nicht erfolgsversprechenden Problemlösungsstrategien fest.
Fallbeispiel Kurt
Kurt wird in dieser Phase zunehmend depressiv, kommt morgens kaum mehr aus dem Bett. Er leidet an für ihn unerklärlichen Panikzuständen. Dennoch intensiviert er seinen Arbeitseinsatz, um die Situation doch noch unter Kontrolle zu bekommen. Er verbringt auch die Wochenenden in der Firma. Letztendlich führt aber auch dies nicht zum gewünschten Erfolg.
3. Phase – Mobilisierung
Wenn der innere und äußere Druck weiter zunimmt, führt dies zur Mobilisierung aller verfügbaren inneren und äußeren Bewältigungskapazitäten. Die eigene Situation wird überdacht und anders eingeschätzt, Ungewohntes und Neues wird ausprobiert. Entweder sind diese neuen Anstrengungen erfolgreich und die Probleme werden bewältigt oder aber resignative Tendenzen und dysfunktionale Lösungsversuche wie Rückzug oder Suchtmittelmissbrauch überwiegen und führen zur Aufgabe wichtiger Ziele. Manchmal entlädt sich die Spannung bereits in dieser Phase in selbst- oder fremddestruktivem Verhalten.
Fallbeispiel Kurt
Zunächst spricht Kurt mit seinem Chef über die aus seiner Sicht verfahrene Situation. Die Erkenntnis, dass nicht alles machbar ist, und das damit verbundene Eingeständnis, die Situation alleine nicht bewältigen zu können, stellt einen konstruktiven Versuch dar, sich aus einer Sackgasse zu befreien. Der Chef sieht allerdings keinen Handlungsbedarf. Kurzfristig versucht Kurt Distanz zu bekommen, indem er sich krankmeldet. Die Schuldgefühle werden aber so stark, dass er sich nach wenigen Tagen dazu zwingt, wieder arbeiten zu gehen. Er überlegt, sich an seinen früheren Arbeitsplatz versetzen zu lassen oder gar zu kündigen.
4. Phase – Vollbild der Krise
Wenn weder Bewältigung noch Rückzug möglich sind, kann nach einer längeren Phase von seelischer Zermürbung eine Kleinigkeit die Situation zum Eskalieren bringen. Die seelische Verzweiflung wird sichtbar, aber erscheint, wenn man die vorangegangene lange Belastungsphase außer Acht lässt, unangemessen. Die Krise erreicht ihren Höhepunkt. Der Betroffene ist desorientiert und hilflos, Verhalten und Äußerungen sind ungesteuert. Im ungünstigsten Fall bei plötzlichem Verlust der Impulskontrolle und des Realitätsbewusstseins und/oder wenn die Belastbarkeit der Umgebung erschöpft ist und dies zusätzliche Konflikte verursacht, entwickelt sich eine Dynamik, die ohne äußere Hilfe zur Katastrophe führt.
Fallbeispiel Kurt
Nach einer belanglosen Auseinandersetzung mit dem Chef verlässt Kurt seinen Arbeitsplatz. Er geht nicht mehr zur Arbeit, irrt in der Stadt umher, ohne mit jemandem über seine verzweifelte Situation zu sprechen. Er kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die Situation erscheint ihm ausweglos, sodass er überlegt mit dem Auto gegen einen Baum zu fahren.
5. und 6. Phase – Bearbeitung und Neuorientierung
In dieser zugespitzten Situation kann es also unter Umständen zu dramatischen Entwicklungen kommen, die scheinbar in keinem Verhältnis zu den Ursachen stehen. Überwiegen defensive Bewältigungsversuche kann es zu einer Stabilisierung auf niedrigerem psychosozialen Niveau kommen, wichtige Lebensziele werden aufgegeben. Im günstigsten Fall kommt es nach der Eskalationsphase meist mit entsprechender Unterstützung von außen zu einem Prozess, der in mehreren Schritten eine Bearbeitung und Neuanpassung ermöglicht.
Fallbeispiel Kurt
Auf Anregung eines Freundes, der bemerkt, wie schlecht es Kurt geht, sucht er professionelle Hilfe auf. Gleich zu Beginn sagt er, dass er sich selbst nicht mehr verstehe und Angst hätte, verrückt zu werden. Er kann im Gespräch Verzweiflung, Angst und Wut äußern und es gelingt, einen Zusammenhang zwischen seinem schlechten Zustand und der Arbeitssituation herzustellen. Das entlastet ihn deutlich. Er meldet sich abermals krank. Im Mittelpunkt der Krisenintervention steht zunächst die Klärung der familiären Situation. Er hat seiner Frau noch nicht von der schwierigen Situation und seiner Verzweiflung erzählt, da er befürchtet, sie würde ihn für einen Versager halten. Es lässt sich klären, dass es sich dabei um einen projektiven Vorgang handelt. Er verlagert seine eigenen Insuffizienzgefühle nach außen. Bisher hat ihn seine Frau eigentlich immer bestätigt und jedenfalls nie auf die von ihm befürchtete Weise entwertet. Durch diese Einsicht ermutigt, spricht er mit ihr. Sie reagiert sehr verständnisvoll und unterstützend, die Familie wird damit zu einer wichtigen Ressource. Nach dem Krankenstand bewirbt er sich bei einer anderen Firma. Gestärkt durch den positiven Verlauf des Vorstellungsgesprächs, versucht er nochmals eine Klärung mit seinem Chef. Dieser möchte auf jeden Fall, dass er im Unternehmen bleibt. Es wird vereinbart, dass eine EDV-Fachkraft zur Unterstützung beigezogen wird und die Firma eine Weiterbildung für ihn bezahlt. Bei Beendigung der Krisenintervention ist eine deutliche Stabilisierung des psychischen Zustands feststellbar, er blickt vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Zur Eskalation der Krise trugen allerdings Persönlichkeitsanteile bei, die nunmehr auch dem Klienten selbst als problematisch erscheinen. Nach Beendigung der Krisenintervention macht er daher eine Psychotherapie, um die unrealistisch hohen Leistungsansprüche und die mangelhafte Fähigkeit zur Abgrenzung zu bearbeiten.
Kasten 3.3: Lebensveränderungskrise (nach Caplan 1964)
Konfrontation → Versagen → Mobilisierung → Vollbild der Krise → Bearbeitung → Neuorientierung
3.3 Angrenzende Gebiete – Differenzierungen – Überschneidungen
3.3.1 Entwicklungskrisen
»Wenn wir nur lernen, leben zu lassen; der Wachstumsplan ist schon vorhanden.« (Erikson 1973, S. 122)
Das Konzept der Entwicklungskrisen nach Erikson (1973) unterscheidet sich in einigen grundsätzlichen Annahmen von jenen Krisenmodellen, bei denen primär das Missverhältnis von äußeren Belastungen und verfügbaren Problembewältigungsstrategien als krisenauslösend gilt. Erikson stellt die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung in den Vordergrund seiner Überlegungen. Demnach durchlebt jeder Mensch während seines Lebens bestimmte kritische Phasen, in denen er mit existenziellen, neuen Aufgaben konfrontiert wird. Dabei dominiert jeweils ein zu lösender phasenspezifischer Grundkonflikt, der an Hand zweier Pole beschrieben wird. Eine geglückte Bewältigung ermöglicht das Erreichen einer neuen Stufe der Identitätsentwicklung.
Die acht Entwicklungsstufen und die dazu gehörigen Konflikte werden in der Folge kurz beschrieben. Weitergehende entwicklungspsychologische Überlegungen überschreiten allerdings den Rahmen dieses Buches.
Säuglingsalter: Ur-Vertrauen gegen Ur-Misstrauen
Im ersten Lebenshalbjahr ist die psychische Entwicklung des Menschen von der Aufgabe bestimmt Kommunikation herzustellen und Nähe und Distanz zu regulieren (Ermann 2007). Aufgabe der primären Bezugspersonen ist es nicht nur, den Säugling zu versorgen, sondern auch ein ausreichendes Maß an Nähe herzustellen und die notwendigen Trennungsschritte empathisch zu begleiten. Mit Vertrauen beschreibt Erikson (1973, S. 62) »das Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens und zwar in Bezug auf die Glaubwürdigkeit anderer wie der Zuverlässigkeit seiner selbst«. Dieses Vertrauen kann der Säugling nur dann erwerben, wenn er sich auf seine wichtigsten, ihn versorgenden Bezugspersonen verlassen kann. Die Identitätsentwicklung lässt sich mit dem Satz »Ich bin, was man mir gibt« beschreiben. Erfahrungen von Vernachlässigung, Inkonstanz oder Desinteresse und übermäßiger Frustration von Bedürfnissen können zu ernsthaften Entwicklungsstörungen führen. Das Erleben ist von Ur-Misstrauen geprägt und dies hat in der Regel schwere psychische Störungen zur Folge.
Kleinkindalter: Autonomie gegen Scham und Zweifel
Der Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt entspringt dem Wunsch des Kindes, sich immer stärker zu verselbständigen und sich von den Bezugspersonen (»Objekten«) zu lösen. Erikson beschreibt dies mit dem Satz: »Ich bin, was ich will«. Dem Trennungswunsch steht aber die Trennungsangst gegenüber, die Befürchtung vom Objekt fallengelassen zu werden bzw. es unwiederbringlich zu verlieren. Die wichtigsten psychosozialen Modalitäten sind Festhalten und Loslassen. Das Kleinkind gewinnt Kontrolle über seine Muskeln und damit ein dauerndes Gefühl von Autonomie. Können die Bezugspersonen die Ambivalenz des Verselbständigungsprozesses nicht tolerieren, sind sie übervorsichtig und ängstlich. Vermitteln sie, dass das Kind nicht leistet, was man von ihm verlangt, stehen Scham, Zweifel und Versagensängste im Vordergrund und nicht die Freude am Selbständig-Werden.
Spielalter: Initiative gegen Schuldgefühl
Im Mittelpunkt der Entwicklung im vierten und fünften Lebensjahr steht zunächst der Triangulierungs- und anschließend der ödipale Konflikt. Die Sicherheit und Beschränkung der dyadischen (»Zweier-«)Beziehung zur Mutter soll zugunsten einer Hinwendung zum Vater mit allen Chancen und Risiken der triadischen (»Dreier-«)Beziehung aufgegeben werden. Diese Entwicklung wird durch das Bedürfnis des Kindes, seine eigene Identität zu leben und eigenständige Wege zu gehen, gefördert. »Ich bin, was ich mir zu werden vorstelle« (Erikson 1973). Die sich entwickelnde Angst vor Liebesverlust geht mit der Gefahr einher, Bedürfnisse nach Selbständigkeit mit Schuldgefühlen zu beantworten. Durch die erfolgreiche Lösung dieses Konfliktes erwirbt das Kind die Fähigkeit zu mehreren Menschen gleichwertige Beziehungen herstellen zu können und entwickelt damit die Vorstellung, eine Beziehung auch durch eine andere ersetzen zu können. Damit kann es die Verbindung zur Mutter lockern und erlebt sich in die Beziehung der Eltern einbezogen.
Der nun folgende ödipale Konflikt entsteht, weil das triebhafte Begehren auf den gegengeschlechtlichen Elternteil gerichtet wird. Rivalität, Spannung und Aggression müssen in der Dreiecksbeziehung ausgehalten werden. In Folge der Erfahrung, dass der begehrte Elternteil unerreichbar bleibt, identifiziert sich das Kind mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Ziel ist das Erreichen einer reifen Genitalität. Dies bedeutet, dass das Kind in der Lage ist, liebende Objektbeziehungen einzugehen, seine Geschlechtsidentität zu entwickeln und ein Gewissen auszubilden.
Schulalter: Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl
Aufgabe dieser Phase ist es, die erworbene Autonomie zu bewahren und Herausforderungen außerhalb der Familie allein zu meistern. Es soll möglich werden, konstruktive Beziehungen in der Sekundärgruppe einzugehen. Das Kind erlernt neue Fertigkeiten, erbringt Leistungen in der Schule und verschafft sich so Anerkennung. »Ich bin, was ich lerne« (Erikson 1973).
Jugendalter: Identität gegen Identitätsdiffusion
Die Adoleszenzkrise hat aufgrund der Fülle von Entwicklungsaufgaben eine besondere Stellung unter den Entwicklungskrisen (
Kap. 5.4.10). »Ich bin einer, aus dem etwas wird« (Erikson 1973). Wichtige Entwicklungsschritte in der Adoleszenz sind der sexuelle Reifungsschub der Pubertät, die Loslösung von den Eltern, die Integration in die Gruppe Gleichaltriger, die Festigung der Geschlechtsidentität und die Integration des sexuell reifen Körpers in das Selbstbild, die Suche nach den eigenen Werten und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen. Viele dieser Aufgaben bedeuten eine Neuauflage des Autonomie-Abhängigkeitskonfliktes der frühen Kindheit. Der Individuationsprozess erfordert ein Abschiednehmen von den wichtigen Beziehungen in der bisherigen Form und ist oft mit einem schmerzhaften Trauerprozess verbunden (
Kap. 5.4.10).
Frühes Erwachsenenalter: Intimität und Distanzierung gegen Selbstbezogenheit
In den Vordergrund tritt nunmehr das Bedürfnis die eigene Individualität zu entwickeln. Die Festigung und Etablierung der Identität ist die Voraussetzung dafür, Intimität in der Beziehung mit einem Partner leben zu können. Sind die eigenen Grenzen unsicher, weil die Identität instabil ist, wird die Nähe zu anderen Menschen bedrohlich für die eigene Person erlebt. Unter Umständen verunmöglicht dies nahe Beziehungen und führt in die Isolation. Es ist aber auch notwendig, die Fähigkeit zur Distanzierung zu entwickeln, also in der Lage zu sein, Einflüsse und Menschen von sich fernzuhalten, die einem schaden könnten. Zwischen diesen beiden Polen muss eine Balance gefunden werden. Zentrale Aufgaben dieses Lebensabschnitts sind Partner- und Berufswahl und die Festigung von Zielen und Werten.
Erwachsenenalter: Generativität gegen Stagnierung
Das mittlere Erwachsenenalter ist mit vielfältigen Aufgabenstellungen in Beziehungen und Beruf verbunden. Es gilt ein Gleichgewicht zu finden zwischen verschiedensten Ansprüchen von außen und innen. Mit Generativität meint Erikson (1973, S. 117) »das Interesse an der Erzeugung und Erziehung der nächsten Generation«, wobei er ergänzt, dass dieser »Trieb« sich auch auf eine andere schöpferische Leistung richten kann.
Diese Phase ist, so wie sie Erikson beschreibt, nicht ganz gleichzusetzen mit der oft beschriebenen Krise des mittleren Lebensalters, der sogenannten »Midlife-Crisis«. Mit der Lebensmitte ist oft der Höhepunkt der Phase des Aufbaus überschritten. Es geht also um Bewahren und Neubestimmung. Kinder verlassen das Elternhaus und dies erfordert Abschiednahme und eine Neudefinition der Partnerschaft. Berufliche Ziele sind erreicht oder werden zurückgenommen und damit verbunden stellt sich die Frage nach der Zukunft und dem Lebenssinn. Dies kann zu kreativen Lösungen und Wandlungen der bisherigen Lebensform führen, birgt aber bei Menschen, deren Selbstwertgefühl sehr an Erfolg und Anerkennung gebunden ist, die Gefahr, in narzisstische Krisen (
Kap. 3.3.4) zu geraten (Ermann 2007).
Höheres Erwachsenenalter: Integrität gegen Lebensekel
Zentrale Aufgabe dieses Lebensabschnitts ist das Annehmen des Alters und der damit verbundenen Einschränkungen und Verluste, das Erreichen von Ausgeglichenheit und einem Lebensgefühl, das man als »Alterswürde« bezeichnen könnte. Misslingt dieser Integrationsprozess kann das weitere Leben von Unzufriedenheit, Lebensekel, Todesangst, Selbstverachtung und Lebensüberdruss dominiert sein (
Kap. 5.4.9).
Wir können feststellen, dass die Entwicklungsaufgaben, denen sich das Individuum gegenübersieht, im Vergleich zu der Zeit als Erikson sein Konzept entwickelt hat, zugenommen haben, und dass auch die Phasen der Stabilität zwischen den kritischen Entwicklungsschritten kürzer werden. Entwicklungspsychologen (Seiffge-Krenke 2014) stellen fest, dass sich einerseits die Dauer der Kindheit verkürzt, jene der Adoleszenz hingegen verlängert hat, und dass wir es zwischen 18 und 30 mit einer neuen veränderten Entwicklungsperiode zu tun haben, die von Jeffrey Arnett (2000) als Emerging Adulthood bezeichnet wird. Diese Zeit zeichnet sich durch einen starken Selbstfokus aus, er bezeichnet es als eine Phase des In-Between, vieles ist noch nicht gefestigt, vieles wird ausprobiert. Wichtige Wegmarkierungen wie der Auszug aus dem Elternhaus, der Übergang zwischen Ausbildung und Beruf und Heirat finden später statt. Nicht wenige junge Menschen geraten an diesen Übergängen in eine Identitätskrise und folglich wird die Identitätsentwicklung auch deutlich später abgeschlossen, oft erst jenseits des 30.Lebensjahres.
Auch die mittleren Lebensjahre sind durch die Infragestellung klassischer Rollenbilder und der Unsicherheit am Arbeitsmarkt bei weitem weniger stabil als vor 50 Jahren. Die Zeit der nachelterlichen Gefährtenschaft hat sich auf einen Zeitraum von bis zu 40 Jahren ausgedehnt und erfordert von den Beziehungspartnern einiges an Anstrengungen, um sich in der Partnerschaft neu zu orientieren. Folgerichtig sind die Scheidungsraten nach langjährigen Beziehungen im Steigen begriffen. Schließlich lässt sich auch das höhere Lebensalter in mehrere Phasen differenzieren. Kruse (2009) spricht in diesem Zusammenhang vom 4. Lebensalter, das uns ab 75 mit immer mehr Verlusten und Einschränkungen konfrontiert (
Kap. 5.4.9.). In der Regel können all diese Entwicklungsaufgaben ganz ohne therapeutische Hilfe bewältigt werden. Allerdings sind Menschen in diesen kritischen Lebensabschnitten, die mit tiefgreifenden Veränderungen im Selbst- und Identitätserleben und in den Beziehungen verbunden sind, oft verunsichert und reagieren daher deutlich empfindlicher auf äußere Belastungen. Aufgrund dieser erhöhten Vulnerabilität geraten Menschen häufiger als in anderen Lebensphasen in akute psychosoziale Krisen. Dann benötigen sie in vielen Fällen eine Unterstützung in Form von Krisenintervention (
Kap. 3.3.2, Fallbeispiel Anna;
Kap. 5.4.9, Fallbeispiel Alfred). Eine misslingende Bewältigung der Grundkonflikte hingegen führt meist zu länger dauernden Problemen und Störungen. Für diese sind andere therapeutische Zugänge wie z. B. Fokalpsychotherapie sinnvoller als Krisenintervention.
3.3.2 Akute Traumatisierung
» […] Posttraumatische Belastungsstörung – eine denkbar antiseptische Bezeichnung für das, was einem Menschen passieren kann, wenn er etwas erlebt, wofür es keine Worte gibt. […] Ein Trauma ist nicht Bestandteil einer Geschichte, es steht außerhalb der Geschichte. Es ist das, was wir nicht in unserer Geschichte haben wollen.« (Siri Hustved 2008)
Historischer Hintergrund
Seit dem 19. Jahrhundert wird über die Folgen von Traumatisierungen auf die menschliche Psyche diskutiert. Sigmund Freud (1896) und Pierre Janet (1889) haben etwa zur gleichen Zeit die Hypothese entwickelt, dass die Hysterie eine Folge von sexuellem Missbrauch in der Kindheit sei. Freud verließ diese Theorie später teilweise (1905). Janet vertrat hingegen weiterhin die Auffassung, hysterische Symptome seien dissoziierte Erinnerungen an sexuellen Missbrauch. Seine Theorien wurden von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit bedauerlicherweise lange Zeit ignoriert. Als sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach schweren Eisenbahnunfällen bei manchen Verunglückten eine heftige psychische Symptomatik entwickelte, führte dies zu einer neuerlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Erstmals wurde von einer »traumatischen Neurose« gesprochen. Im Mittelpunkt standen damals wie heute zwei zentrale Fragen: handelt es sich bei Traumafolgestörungen überhaupt um Krankheiten und wenn ja, sind es organische oder psychische Störungen?
Auch das massenhafte Auftreten von Kriegszittern bei Soldaten, Folge des mörderischen Schützengrabenkrieges im ersten Weltkrieg, wurde immer wieder als vorgetäuscht denunziert. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs versuchte der amerikanische Psychiater Abram Kardiner, angeregt durch seine Arbeit mit traumatisierten Veteranen aus dem ersten Weltkrieg, die Symptomatik seiner Patienten sowohl mit organischen wie auch psychologischen Gründen zu erklären, und prägte den Begriff der »Physioneurose« (Kardiner 1941).
Nach 1945 wurden die schrecklichen Folgen des Holocaust zum Anlass genommen, sich neuerlich mit den Folgen von Extrembelastungen zu beschäftigen. Das Konzept von der unbegrenzten Belastungsfähigkeit des Menschen wurde in diesem Zusammenhang durch eine umfassende gutachterliche und wissenschaftliche Arbeit widerlegt (vgl. Niederland 1980), gleichwohl fand dies nur wenig Niederschlag im klinischen Alltag der Psychiatrie.
Bahnbrechend für die Konzeptualisierung der Posttraumatischen Belastungsstörung war die Beschäftigung mit den Folgen des Vietnamkrieges in den USA. Tausende von scheinbar gesunden amerikanischen Soldaten waren mit massiven psychischen Symptomen aus dem Krieg zurückgekehrt. In den 1980er Jahren führte die Enttabuisierung der innergesellschaftlichen Gewalt an Frauen durch die Frauenrechtsbewegung zu einer weiteren intensiven Beschäftigung mit Traumafolgen, die bis heute anhält. Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die traumatische Reaktion als ein spezifisches Syndrom anerkannt. Dies stellt einen entscheidenden Paradigmenwechsel dar. Verschiedenste Krankheitsbilder werden heute zumindest zum Teil als Folge von Traumatisierungen anerkannt. Diese Entwicklung entzog der lange Zeit ablehnenden Haltung gegenüber Traumaopfern die Legitimation.
Heute besteht ein Konsens darüber, dass die Genese der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) organisch und psychisch ist und von physiologischen wie psychologischen Prozessen bestimmt wird. »Technologie, Fortschritte der Neurowissenschaften und in der Psychopharmakologie haben es der heutigen Traumaforschung möglich gemacht, ein tieferes Verständnis der physiologischen Grundlagen der ›traumatischen Neurose‹ zu gewinnen. Im Zuge dieses Prozesses ist der cartesianische Dualismus, der die Trauma-Debatte im letzten Jahrhundert weitgehend beherrschte, praktisch von der Bildfläche verschwunden« (van der Kolk et al. 2000, S. 90).
Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich aus diesen Erkenntnissen auch ein intensiver fachlicher Diskurs über Behandlungsfragen entwickelt. Das Wissen um die physiologischen Grundlagen von Traumafolgestörungen hat es ermöglicht, immer differenziertere Methoden der therapeutischen Begleitung zu entwickeln. Nichtsdestotrotz stellt die Behandlung nach wie vor große Anforderungen an professionelle Helfer. Dies betrifft sowohl die sofortige Hilfe nach dem Ereignis (Notfallintervention) und die Nachbetreuung jener Klienten, deren Symptome nicht sofort nach dem Trauma abklingen (Krisenintervention), als auch die langfristige Behandlung komplex traumatisierter Menschen. Die unauslöschliche Prägung durch das Trauma konstituiert in einer oft sehr belastenden Art und Weise die Beziehung zwischen Helfer und Klient. Ein Verständnis für diese Schwierigkeiten ist davon abhängig, ob sich der Helfer einfühlen kann, in welch dramatischer Art und Weise Selbst- und Weltverständnis, Vertrauen und Sicherheit des Betroffenen durch ein Trauma erschüttert werden können.
Definition und Diagnostik
Bei Traumatisierungen handelt es sich um schwere psychische und physische Belastungen, die außerhalb der üblichen Erfahrung liegen. Diese haben oft besonders tiefgreifende Folgen, da sie in beinahe jedem Fall die normalen Anpassungsstrategien des Menschen überfordern. Im Allgemeinen bedeuten solch überwältigende Ereignisse – Naturkatastrophen, schwere Unfälle und vor allen Dingen Gewalterlebnisse, wie Folter oder Vergewaltigung – eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit des Betroffenen oder einer geliebten Person. Die Folgen seelischer und körperlicher Verletzungen, die absichtlich durch Andere – evtl. sogar durch Vertrauenspersonen – zugefügt werden, sind besonders schwerwiegend.
Üblicherweise löst ein massiver Stressor auf neuronalem und hormonellem Weg die Fähigkeit zur Stressbewältigung durch Flucht oder Kampf aus (
Abb. 3.1). Kann der betroffene Mensch nicht in adäquater Weise auf die Gefahr reagieren, ist er Erfahrungen von extremer Angst, Kontrollverlust, Ohnmacht und Hilflosigkeit ausgesetzt. Im Tierreich wird diese Situation »inescapable shock» genannt und ist potenziell lebensbedrohlich. Auch die meisten Menschen sind zunächst kaum in der Lage, solche Situationen extremer Hilflosigkeit zu verarbeiten.
Die meisten Menschen erleben in der traumatisierenden Situation eine akute peritraumatische Schreckreaktion, die innerhalb von Stunden oder Tagen abklingt. Die Autoren des ICD-10 sprechen von einer akuten Belastungsreaktion (Dilling et al. 1993, F43.0). Daraus kann sich sofort oder mit Latenz eine akute Traumareaktion entwickeln. Hält die Störung über vier Wochen an bzw. ist die Reaktion verzögert, hat sich definitionsgemäß eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt (Dilling et al. 1993, F43.1). Dieser Zeitraum scheint aus klinischer Sicht sehr eng gefasst. Symptome, die bis zu acht Wochen andauern und erst dann abklingen, sind keine Seltenheit und können noch als im Rahmen der Norm betrachtet werden (vgl. Sachsse 2004). Dies ist auch der Zeitraum, in dem eine klare Indikation für Krisenintervention besteht, während danach spezifische traumatherapeutische Maßnahmen erforderlich werden. Eine Schwierigkeit der Diagnostik liegt darin, dass der berechtigten Forderung nach möglichst geringer Pathologisierung die Notwendigkeit gegenüber steht, die Behandlungsbedürftigkeit traumatisierter Menschen gegenüber den Kostenträgern zu dokumentieren.

Abb. 3.1: Flucht und Kampf
Nimmt die Störung über Jahre einen chronischen Verlauf, geht sie in eine andauernde Persönlichkeitsveränderung durch Extrembelastung über (Dilling et al. 1993, F62.0). Diese Kategorie wird allerdings der Komplexität von Entwicklungsbeeinträchtigungen durch frühe Traumata in der Kindheit, deren Auswirkungen natürlich meist besonders dramatisch sind, ebenso wenig gerecht wie den Folgen fortgesetzter langandauernder Traumatisierungen. Herman schlägt daher die Bezeichnung komplexe Posttraumatische Störung vor (Herman 1993, S. 165f.): »Der Patient war über einen längeren Zeitraum (Monate bis Jahre) totalitärer Herrschaft unterworfen, wie zum Beispiel Geiseln, Kriegsgefangene, Überlebende von Konzentrationslagern oder Aussteiger aus religiösen Sekten, aber auch Menschen, die in familiären Beziehungen totale Unterdrückung erlebten, beispielsweise von Familienangehörigen geschlagen, als Kinder physisch misshandelt oder sexuell missbraucht wurden oder von organisierten Banden sexuell ausgebeutet wurden. In der Folge entstehen Symptome in folgenden Bereichen: Störungen der Affektregulation, Bewusstseinsveränderungen, gestörte Selbstwahrnehmung, gestörte Wahrnehmung des Täters, Beziehungsprobleme und Veränderung des Wertesystems.«
Zieht man die Einwirkungsdauer des traumatischen Ereignisses zur Definition heran, kann man zwischen sogenannten Typ-1-Traumen als Folge plötzlicher kurzdauernder traumatischer Ereignisse (Naturkatastrophen – Unfälle – Kriminelle Gewalttaten) und Typ-2-Traumen als länger dauernde, wiederholte Traumen (Geiselhaft – Folter – KZ-Haft – wiederholte sexuelle und/oder körperliche Gewalt) unterscheiden. Krisenintervention ist naturgemäß primär bei Typ-1-Traumen indiziert. Typ-3-Traumen schließlich entstehen indirekt durch das Miterleben der Traumatisierung anderer (nicht selten auch bei Helfern). Bis zu 50 % aller Menschen sind in ihrem Leben mit Situationen konfrontiert, die Stressorkriterien der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) erfüllen (Langkafel 2000, S. 3). Die meisten überstehen das Ereignis aber ohne zu erkranken und nur 20 % entwickeln das Vollbild einer PTBS. Es müssen also noch andere Faktoren zum Entstehen und dem Schweregrad der PTBS beitragen. Dabei spielt natürlich die Art, die Dauer und die Intensität des traumatischen Ereignisses eine wesentliche Rolle. Die Erkrankungsrate bei Vergewaltigung beträgt bis zu 55 % (Kessler et al. 1995), bei politischen Flüchtlingen zwischen 50 % und 70 % (McFarlane et al. 1997), bei Gewalttaten etwa 25 % (Ramsay et al. 1993), bei Verkehrsunfällen 18 % (Frommberger et al. 1998) und bei Naturkatastrophen nur 4,5 % (Kessler et al. 1995) (
Kasten 3.4).
Kasten 3.4: Erkrankungsrate an PTBS
Politische Flüchtlinge 50–70 %
Vergewaltigung 55 %
Gewalttaten 25 %
Verkehrsunfälle 18 %
Naturkatastrophen 4,5 %
Wie bei den psychosozialen Krisen spielen eben auch bei der Entwicklung von PTBS Persönlichkeitsfaktoren und Bindungsmuster, das Lebensalter, die Vulnerabilität der betroffenen Person, z. B. durch etwaige frühere Traumatisierungen, die zur Verfügung stehenden Copingstrategien. Ressourcen und Abwehrmechanismen sowie spezifische protektive Faktoren, die sogenannten Metaressourcen (
Kap. 2.6) und die Reaktion der Umwelt eine Rolle (
Kasten 3.5). Schutz, Verständnis und Solidarität bei jenen Menschen zu finden, die einem nahe stehen, scheint ein besonders wichtiger Faktor bei der Verarbeitung des Traumas zu sein.
Kasten 3.5: Faktoren, die Entstehung und Verlauf der Posttraumatischen Belastungsstörung beeinflussen
• Intensität und Dauer der traumatischen Erfahrung
• Persönlichkeitsfaktoren
• Vulnerabilität
• Reaktion der Umwelt – Art der Hilfestellung
• Copingstrategien, Ressourcen und Abwehrmechanismen
• protektive Faktoren (Koheränzsinn)
Fallbeispiel Anna
Anna, eine 24-jährige Studentin, die Opfer eines nächtlichen Überfalls wurde, erzählt, dass ihre Mutter, zu der sie üblicherweise ein sehr vertrauensvolles Verhältnis hat, gemeint hat, sie solle sich doch zusammenreißen, so schlimm werde das alles wohl nicht sein. Obwohl die Mutter sich danach sehr intensiv um sie kümmert, verunsichert und kränkt sie diese Bemerkung zutiefst.
Symptome
Die zahlreichen, teils sehr unterschiedlichen Symptome, die als Folge von Traumatisierungen auftreten, können zunächst als eine normale Reaktion auf eine extrem belastende Situation und als Anpassungsversuche oder Copingstrategien zur Bewältigung des Traumas verstanden werden. Es handelt sich um biologisch sinnvolle Abläufe, die uns helfen zu überleben (Sachsse 2004, S. 53). Grundsätzlich unterscheidet man drei charakteristische Symptomgruppen (
Kasten 3.6).
Symptome von Übererregung (Hyperarousal)
Aufgrund der massiven Ausschüttung von Stresshormonen und durch die nachfolgenden Prozesse in den Regelkreisen des stressverarbeitenden Systems, verharrt der Betroffene, auch nachdem das Ereignis vorüber ist, in der ständigen Erwartung einer Gefahr. Das heißt, für ihn ist die Bedrohung nicht vorüber. Er gerät in einen Zustand von seelisch-körperlicher Alarmierung, verbunden mit Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen und übertriebenen Schreckreaktionen. Manchmal kommt es zu unkontrollierten Aggressionsdurchbrüchen, die sich auch gegen Helfer richten können und die nicht als persönlicher Angriff missverstanden werden sollten. Es handelt sich dabei um den Versuch, sich gegen eine subjektiv empfundene diffuse Bedrohung zur Wehr zu setzen. Helfer sollten daher im Umgang mit Opfern akuter Traumatisierungen besonders behutsam sein (
Kap. 5.4.4).
Intrusive Symptome
Mit dem Begriff Intrusionen werden die Flashbacks und Albträume, von denen fast alle Traumaopfer berichten, beschrieben. Der Traumatisierte wird durch auslösende Reize, sogenannte Trigger, die oft nur in minimalen Details mit dem traumatischen Ereignis zu tun haben, von quälenden Erinnerungsfragmenten und Bildern überflutet. Da eine zusammenhängende Erinnerung fehlt, ist es nicht möglich vom Trauma in seiner Ganzheit zu erzählen. Stattdessen sind die Erlebnisse in Form von Körpersensationen, intensiven Gefühlen und deutlichen Bildern abgespeichert, die scheinbar in keinem Zusammenhang zueinander stehen. Dies ist eine Folge der gestörten Verarbeitung der Sinneseindrücke durch die massive Überlastung des stressverarbeitenden Systems (
Kap. 2.3). Das Trauma wird ständig innerlich wiederbelebt. Für die Betroffenen ist es, als ob sie sich unmittelbar wieder in der traumatischen Szene befinden würden. Viele Menschen fühlen sich den Flashbacks und Albträumen, von denen sie plötzlich und gänzlich unerwartet »überfallen« werden, hilflos ausgeliefert. Dies führt zu oft erheblichen Beeinträchtigungen im Alltagsleben. Traumatisierte Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als wieder Kontrolle über ihr inneres Erleben zu gewinnen, also wieder »Herr im eigenen Haus« zu sein.
Konstriktive Symptome
Als Reaktion auf die überaus unangenehmen intrusiven Symptome kann sich ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten entwickeln. Psychische Erstarrung, Stumpfheit und Freudlosigkeit können dazu dienen, sich nicht den quälenden Gefühlen aussetzen zu müssen, die mit Erinnerungen an das Trauma verbunden sind. Wenn es nicht rasch gelingt, die intrusiven Symptome zu mildern, beginnen Betroffene alle Gedanken, Gefühle und Reize, die auch nur entfernt mit dem traumatischen Geschehen zu tun haben, zu vermeiden. Dies kann bedeuten, dass sie jeglichen Kontakt und/oder jede Aktivität meiden oder ganze Erinnerungssequenzen ausblenden, bis hin zu einer vollständigen Amnesie.
Depressive Verstimmungen sind häufig. Die Betäubung durch Alkohol- und Drogenmissbrauch hilft dabei, Gefühle von Isolation, Entfremdung, Lähmung ebenso wie Schuld- und Schamgefühle nicht spüren zu müssen. Selbstverletzendes Verhalten und Suizidgedanken oder -handlungen können als Versuch verstanden werden, dem subjektiv unerträglichen Zustand ein Ende zu setzen.
In Beziehungen dominiert die Angst vor Kontrollverlust und damit verbunden die Unfähigkeit, sich vertrauensvoll an Mitmenschen wenden zu können. Dies führt dazu, dass häufig jeglichem nahen Kontakt aus dem Weg gegangen wird. Gleichzeitig haben traumatisierte Menschen oft auch Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen und auf sich zu achten und geraten daher unter Umständen in Situationen, in denen sie neuerlich zu Opfern werden (Viktimisierung).
Kasten 3.6: Symptomgruppen der Posttraumatischen Belastungsstörung
• Übererregung – seelisch-körperliche Alarmierung:
Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Wutausbrüche, übertriebene Schreckreaktionen
• Intrusion – ständiges inneres Wiedererleben des Traumas:
Flash-backs, Albträume
• Konstriktion – anhaltendes Vermeidungsverhalten bis hin zur Vermeidung jeden Kontaktes oder jeder Aktivität:
depressive Verstimmung, Suizidgedanken oder Suizidversuche, Gefühle von Isolation,
Schuld- und Schamgefühle, Angst, sich vertrauensvoll an jemanden zu wenden, Vermeiden von Nähe,
Viktimisierung, Alkohol- und Drogenmissbrauch, selbstverletzendes Verhalten
Phasen der traumatischen Verarbeitung
Der Verlauf und die Dauer der in der Folge beschriebenen Phasen sind regelhafter als die der psychosozialen Krisen, unterliegt aber dennoch, ebenso wie die Art und Ausprägung der Symptomatik, gewissen Variationen (
Tab. 3.5). Die Intervention muss sich primär an den individuellen Bedürfnissen und Notwendigkeiten des Betroffenen orientieren. Die üblicherweise für die Posttraumatische Belastungsreaktion angenommene Dauer von bis zu vier Wochen ist wie bereits festgestellt zu kurz gegriffen. Eine Gesamtdauer von bis zu acht Wochen erscheint durchaus noch im Bereich der Norm. Dies relativiert die in den Diagnosemanualen für die einzelnen Phasen definierten Zeitspannen.
Schockphase
Ähnlich wie bei den Verlustkrisen beginnt der unmittelbare Verarbeitungsprozess mit einer Schockphase, deren Dauer im Regelfall zwischen einigen Stunden, wenigen Tagen und maximal einer Woche schwankt. Betroffene befinden sich in einem Zustand der Betäubung bei gleichzeitiger innerer Alarmierung und Verwirrtheit. Nach außen hin erwecken sie den Eindruck von Erstarrung, manchmal sogar von unangemessener Gefasstheit. Andere befinden sich in einem Zustand der Übererregung mit überschießenden Reaktionen wie scheinbar übertriebenen Schreckreaktionen und Wutausbrüchen. Besonders bedrohlich sind dissoziative Zustände, wie Depersonalisations- und Derealisationserscheinungen. Es handelt sich dabei um Wahrnehmungsveränderungen, die in Situationen, denen Menschen vollkommen hilflos ausgeliefert sind, die Funktion haben, das Überleben zu sichern. Durch Depersonalisation kann der eigene Körper, durch Derealisation die äußere Realität verlassen werden. Betroffene haben das Gefühl, sie seien nicht mehr sie selbst, ihr Körper gehöre nicht zu ihnen und die äußere Realität erscheint ihnen vollkommen unwirklich. Damit ist der neurophysiologische Weiterverarbeitungsprozess fundamental blockiert. Es werden Körpersensationen und Gefühle gespeichert, für die es keine Worte und Bilder gibt, die also ihren Sinnzusammenhang verloren haben. Gleichzeitig überlagern die von Gefühlen und Körpersensationen abgespaltenen Bilder immer wieder die aktuelle Realität. Das Auftreten dissoziativer Zustände in der peritraumatischen Phase ist ein Risikofaktor für die spätere Entwicklung einer Posttraumatischen Störung.
Einwirkphase
Diese dauert in der Regel zwei bis vier Wochen. Die intensivste Erregung sollte zwar abgeklungen sein, die Betroffenen sind aber weiterhin innerlich vollkommen von dem Ereignis in Anspruch genommen. Die gesamte Posttraumatische Symptomatik, wie oben beschrieben, kann sich jetzt in unterschiedlicher Ausprägung zeigen. Viele Personen werden von Flashbacks und Albträumen gequält und müssen wie unter einem inneren Zwang immer wieder von dem Ereignis berichten. Bei anderen dominieren Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht und Depression. Schuldgefühle und Selbstvorwürfe über das »eigene Versagen« wechseln mit heftigen Anklagen und Wut gegen tatsächliche oder vermeintliche Verursacher.
Erholungsphase
Nach etwa drei bis vier Wochen, manchmal aber auch später, beginnen sich Betroffene von den Folgen des Traumas zu erholen. Die Dauererregung klingt ab und es kann an das traumatische Geschehen gedacht werden, ohne dass die vollständige Intensität des Schreckens wieder präsent ist. Damit wird eine Rückkehr ins Alltagsleben möglich. Das Interesse am »normalen« Leben und an anderen Menschen sollte zurückkehren. Zukunftsperspektiven tauchen auf. Es kann aber noch länger dauern bis eine vollständige Integration des Erlebten möglich wird. Die oft »unauslöschliche Prägung« durch das Trauma macht Anpassungsprozesse nötig, die vor allen Dingen die veränderte Sicht der Welt und das veränderte Selbstverständnis betreffen. Für traumatisierte Menschen ist die grundsätzliche Annahme von Sicherheit und Vertrauen außer Kraft gesetzt. Sie haben das Grundgefühl verloren, das eigene Leben zu kontrollieren, und es braucht Zeit, das Gefühl des Vertrauens in sich und andere wiederherzustellen. Gelingen die Anpassungsschritte nicht und halten die Symptome länger an, bildet sich das Vollbild einer PTBS aus.
Tab. 3.5: Phasen der traumatischen Verarbeitung

Psychodynamische Überlegungen
Die hier angestellten Überlegungen zur Psychodynamik beschränken sich auf Hinweise, die Relevanz für die Krisenintervention von Menschen nach Traumatisierungen haben. Weitergehende Ausführungen würden den Rahmen dieses Buches sprengen.
Für viele traumatisierte Personen sind Schuld- und Schamgefühle zentrale Themen. Schuldgefühle gipfeln in Selbstvorwürfen und Selbstanklagen. Man kann dies besser verstehen, wenn man die Funktion der Schuldgefühle näher betrachtet. Paradoxerweise kann es eine tröstende Vorstellung sein, dass man das traumatische Ereignis verändern oder vermeiden hätte können, wenn man sich nur »richtig« verhalten hätte. Diese Vorstellung dient der Abwehr und scheint erträglicher als das Gefühl, einer lebensbedrohlichen Situation hilflos und ohnmächtig ausgeliefert gewesen zu sein. Daher macht es wenig Sinn, Schuldgefühle frühzeitig »auszureden«. Es soll aber versucht werden, sie in einen realistischeren Kontext einzuordnen.
Fallbeispiel Emma
Eine 35-jährige Frau, Opfer einer Gewalttat ihres Lebensgefährten, durch die sie beinahe ums Leben gekommen wäre, glaubt, sie hätte Mitschuld an dem, was passiert ist. Sie ist der Überzeugung, dass sie den Mann in dieser Nacht provoziert hätte, weil sie seinen Wünschen nicht nachgekommen sei. Erst nach einer längeren Stabilisierungsphase wird versucht, eine realistischere Einschätzung der eigenen Verantwortung zu entwickeln. Vor allen Dingen kann sie nun verstehen, dass sie sich nach vorangegangenen Misshandlungen besser hätte schützen sollen.
»Scham ist ein affektiver Zustand, welcher mit einem negativen Selbstbild, schlecht und minderwertig zu sein, verbunden ist« (Saupe und Berger 2004). Betroffene von Gewalthandlungen haben oft das Gefühl, sich dem Täter unterworfen und ausgeliefert und sich selbst zum Opfer gemacht zu haben. Sie erleben das Trauma als Niederlage. Es ist sehr beschämend, die eigene Hilflosigkeit auf diese Art wahrnehmen zu müssen. Solche Gefühle treten verstärkt auf, wenn eine nahe Beziehung zum Täter bestand. Scham erschwert es auch erheblich, über das Trauma zu sprechen. In diesem Zusammenhang ist auch der Mechanismus der Identifikation mit dem Aggressor zu beachten. Dieser kann dazu führen, dass das Opfer sich selbst so schlecht behandelt wie der Täter, sich etwa demütigt, entwertet oder selbst verletzt.
Fallbeispiel Emma
Sie berichtet davon, dass sie das Gefühl hätte, »jeder könne sehen, was ihr zugestoßen sei, sie trage das wie ein Mal auf der Stirn«.
Schuldgefühle, die einen realen Hintergrund haben, erschweren erfahrungsgemäß die Verarbeitung erheblich (z. B. Schuldtragende an Autounfällen, bei denen andere zu Schaden kamen). Aufgabe in der Krisenintervention ist es, sie in einer realistischen und ehrlichen Weise zu besprechen, ohne die Person als Ganzes zu verurteilen.
Trauma als »Physioneurose«
Im Englischen spricht man nicht von einer Belastungsstörung sondern von einer »Posttraumatic Stressdisorder«, d. h. einer Störung der Stressverarbeitung. Üblicherweise werden in Stresssituationen Stresshormone ausgeschüttet, die den Betroffenen in die Lage versetzen, mit »Kampf oder Flucht« zu reagieren. Nach Beendigung der Situation normalisiert sich die Aktivität jener Hirnregionen wieder, die an der Stressregulation beteiligt sind (
Kap. 2.3).
Durch die Massivität des traumatischen Stresses mit der charakteristischen Trias – überflutende Angst, Ausgeliefertsein, Ohnmacht – werden diese hirnphysiologischen Regelkreise verändert und es kommt zur Blockierung der Informationsverarbeitung und -speicherung. Die Weiterverarbeitung ist wie eingefroren. Die mit dem Trauma in Verbindung stehenden Sinneseindrücke, Körpersensationen und Gefühle können nicht als komplettes Ganzes aufgenommen und gespeichert werden. Sie zerfallen wie die Splitter eines zerbrochenen Spiegels in viele Einzelteile und können nicht mehr als sinnvoll Zusammenhängendes wahrgenommen und zugeordnet werden und daher auch nicht als zukünftig nutzbare Lernerfahrung in die Persönlichkeit integriert werden. Die Reizschwelle gegenüber potenziell bedrohlichen Außenreizen ist dadurch deutlich erniedrigt. Die Fragmente beginnen ein Eigenleben und können auf allen Sinneskanälen als Intrusionen wiederkehren. Sie überlagern die aktuelle Realität. Im Flashback mit Hyperarousal werden zusätzlich einzelne Hirnfunktionen unterdrückt, z. B. ist das Broca’sche Sprachzentrum nicht mehr arbeitsfähig. Damit fehlen die Worte, um das Erlebte auszudrücken (Sachsse 2004).
Menschen, die traumatischen Stress erlebt haben, befinden sich gleichsam in einem permanenten Horrorfilm (Sachsse 2004). Bestimmte Signale lösen neue Stressreaktionen aus und dauernd werden Stresshormone ausgeschüttet. Ein Teufelskreis beginnt: Die Reizschwelle wird immer niedriger, es kommt zu einer ständigen Überflutung mit traumatischen Erinnerungen und der Körper befindet sich in einem andauernden Alarmzustand. Das erklärt, warum viele Betroffene versuchen, alles zu vermeiden, was sie an das Trauma erinnern könnte.
Ist Vermeidung nicht möglich, werden auch die Affektwahrnehmung und -differenzierung beeinträchtigt. Es ergeben sich Impulssteuerungsprobleme, d. h. man reagiert scheinbar überschießend und inadäquat auf Kleinigkeiten und wird reizbar und jähzornig. Der Betroffene leidet unter einer dauernden quälenden Unsicherheit, ob er überhaupt noch die Kontrolle über das eigene Leben hat. Das traumatische Erleben kann also nicht im Sinne »es ist vorbei« abgeschlossen werden.
Dieser Teufelskreis muss unterbrochen werden, um eine Chronifizierung zu verhindern. Für die Unterstützung Betroffener bedeutet das, alles zu unterlassen, was die Fähigkeit zur Selbstkontrolle einschränken könnte und möglichst frühzeitig alles zu unternehmen, damit die Ausschüttung der Stresshormone reduziert wird und die Informationsverarbeitung wieder in Gang kommen kann (
Kap. 5.4.4). Nur so kann das Erlebnis im Sinne einer vollständigen Erinnerung integriert werden und sich in der Folge auch die Symptomatik zurückbilden.
Fallbeispiel Anna
Eine 24-jährige Frau kommt zur Beratung, nachdem sie telefonisch einen Termin vereinbart hatte. Sie wurde vor einer Woche in der Nacht von einem Mann überfallen, der versuchte ihr die Handtasche zu entreißen. Sie konnte sich zur Wehr setzen und den Täter in die Flucht schlagen. Zunächst lief sie nach Hause, wo sich ihre Mitbewohnerinnen sehr liebevoll um sie kümmerten. Am nächsten Tag meldete sie sich bei der Polizei. Vom zuständigen Beamten erhält sie die Adresse des Kriseninterventionszentrums.
Anna studiert in Wien Rechtswissenschaften. Ihre Familie und ihr Freund leben in Innsbruck. Am Wochenende vor dem Erstkontakt war sie zu Hause. Dort ging es ihr wesentlich besser, da sie sich in Innsbruck generell sicherer fühlt. Allerdings ist das Verhältnis zu ihrer Mutter aufgrund der weiter oben geschilderten Auseinandersetzung belastet. Ihr Vater ist zwar liebevoll, aber selbst sehr verunsichert. Die größte Unterstützung erhält sie von ihrem Freund, bei dem sie sich geborgen und geschützt fühlt.
Seit Anna wieder in Wien ist, kommt sie nicht mehr zur Ruhe, Albträume reißen sie aus dem Schlaf. Sie hat Angst auf die Straße zu gehen. Auch während des Tages hat sie ständig das Bild des Überfalls vor Augen. Am meisten macht ihr Angst, dass sie sich nicht mehr an das Gesicht des Mannes erinnern kann. Jeder Mann auf der Straße könnte der potenzielle Täter sein. Sie ist total erschöpft und kann sich nicht konzentrieren. Am liebsten würde sie sich in ihrem Bett verkriechen. Sie muss aber unbedingt für eine Prüfung lernen. Anna ist eine sehr leistungsbewusste Frau, die bisher in ihrem Studium rasch vorangekommen ist. Sie ist von sich selbst enttäuscht. Sie fühlt sich perspektivlos und nichts macht ihr Freude. Sie zieht sich immer mehr zurück. Im Zentrum der Krisenintervention steht zunächst die Stabilisierung mit Hilfe von Imaginationen. Die Symptomatik bessert sich nur langsam, aber nach zwei Monaten sind die intrusiven Symptome weitestgehend abgeklungen, allerdings bleibt die Klientin ängstlich und zurückgezogen. Die Stimmung ist subdepressiv und auch die Leistungsfähigkeit ist weiter eingeschränkt. Trotzdem gelingt es ihr, die unbedingt notwendigen Prüfungen zu absolvieren. In den Sommerferien arbeitet die Klientin in Tirol. Es wird vereinbart, dass sie sich nach den Sommerferien nochmals meldet. Bei diesem Nachsorgetermin wird deutlich, dass noch andere Faktoren für den nach wie vor beeinträchtigten Zustand verantwortlich sind.
Diskussion: Anna hat bei Beginn der Intervention die typischen Symptome einer Posttraumatischen Belastungsreaktion. Mehrere Umstände, nicht nur das traumatische Ereignis selbst, tragen dazu bei, dass Anna sehr lange Zeit benötigt, um sich zu stabilisieren. Sie war mit großen Ambitionen und Hoffnungen nach Wien gekommen, fühlte sich aber von Beginn an nicht wirklich wohl in der Großstadt. Sie wurde mehrmals in öffentlichen Verkehrsmitteln belästigt. Das hat sie, auch wenn sie die Situationen gut meistern konnte, sehr vorsichtig gemacht und sie erlebt es umso verunsichernder, dass ihr trotzdem dieser Überfall »passiert ist« (erhöhte Vulnerabilität). Sie fühlt sich durch bestimmte Reaktionen der Umwelt verunsichert. Sie ist besonders von ihren Eltern enttäuscht, die in dieser Situation keine wirkliche Stütze darstellen. Ihre üblichen Bewältigungsstrategien sind diesmal nur begrenzt hilfreich, obwohl sie sich beim Überfall zur Wehr setzen konnte, erlebte sie sich in der Situation ausgeliefert und hilflos. Aufgrund der Symptomatik kann sie im Studium nicht die Leistungen erbringen, die sie von sich erwartet. Das macht es ihr auch unmöglich, sich die nötige Ruhe zu gönnen (Persönlichkeitsfaktoren). Ein baldiges Studienende hat für Anna auch insofern eine große Bedeutung, als sie rasch von Wien weg will. Es ist ihr wichtig, möglichst bald finanziell unabhängig von den Eltern zu werden, um ihnen wie sie sagt »nicht mehr zur Last« zu fallen. Zusätzlich erzählt sie von Konflikten in der Wohngemeinschaft und dass sie eigentlich ausziehen wolle. Alle diese Pläne hängen aber vom Studienerfolg ab (Ressourcen). Ihre Weltsicht ist massiv verändert und alle positiven Zukunftsperspektiven sind in weite Ferne gerückt.
Es wird deutlich, dass dieses Erlebnis eine bislang verdrängte Ablösungsproblematik aktiviert hat. Anna war sehr behütet und das Verlassen ihres Elternhauses war daher von großer Ambivalenz begleitet, die sie sich aber zunächst nicht eingestehen konnte. Somit kann angenommen werden, dass das traumatische Erlebnis die Entwicklungskrise des frühen Erwachsenenalters (»Emerging Adulthood«) und den damit verbundenen Autonomie-Abhängigkeitskonflikt aktualisiert hat und dies der Grund ist, weswegen die Angstsymptomatik persistiert. Es wird daher eine Fokalpsychotherapie angeschlossen, in deren Mittelpunkt die Ablösungsproblematik steht.
3.3.3 Das Burnout-Syndrom
»Ausgebrannt ist jeder, der, wenn man ihn fragen würde, was er davon hielte, in 10 Jahren noch dieselbe Arbeit zu machen, antwortet, eher würde ich sterben.« (Edelwich und Brodsky 1980, S. 11)
Definition von Burnout
Definitionsgemäß entsteht ein Burnout-Syndrom durch eine multifaktorielle, langanhaltende Belastung bzw. Überlastung eines personalen oder sozialen Systems bis zur völligen Erschöpfung der Ressourcen. Dazu trägt ein komplexes Zusammenspiel von gesellschaftlichen Faktoren, institutionellen Rahmenbedingungen, spezifischen Arbeitsbedingungen, Persönlichkeitsfaktoren und aktuellen Belastungen bei (
Kasten 3.7). Wenn es nicht gelingt, die Stressoren zu beseitigen und Entlastung zu schaffen, tritt bei Fehlen entsprechender protektiver Faktoren das typische Störungsbild auf. Es handelt sich um ein Reaktionssyndrom, das ähnlich wie Verlust- und Lebensveränderungskrisen durch das Missverhältnis von äußeren Belastungen und Bewältigungsmöglichkeiten gekennzeichnet ist. Allerdings handelt es sich oft um eine schleichende Entwicklung über einen längeren Zeitraum. Die Problematik lässt sich auch nicht immer klar einem äußeren Anlass zuordnen. Persönlichkeitsfaktoren spielen meist eine wesentliche Rolle. Wenn es auch einige Überschneidungen gibt, lässt sich Burnout somit nicht den psychosozialen Krisen zuordnen. Eine Burnout-Entwicklung kann sich aber so zuspitzen, dass sich viele Merkmale und Symptome einer akuten Krise zeigen. Unter diesen Umständen ist dann eine Indikation für Krisenintervention gegeben (
Kap. 5.4.5).
Kasten 3.7: Entstehung des Burnout
• multifaktorielle, langanhaltende Belastung bzw. Überlastung eines personalen oder sozialen Systems bis zur völligen Erschöpfung der Ressourcen
• Fehlen schützender Faktoren
• bereits vorhandene Verletzbarkeit – Persönlichkeitsfaktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung
• gelingt es nicht die Stressoren zu beseitigen und Entlastung zu schaffen, entwickeln sich typische Störungen
• prozesshaftes Geschehen
• Gefahr der Chronifizierung
Die Entstehungsbedingungen von Burnout sind vielschichtig. Gesellschaftliche, institutionelle und interpersonelle Rahmenbedingungen spielen dabei eine ebenso große Rolle wie individuelle Faktoren. Dementsprechend sollte eine nachhaltige Hilfestellung auf verschiedenen Ebenen erfolgen, wovon die individuelle, beratende oder psychotherapeutische Unterstützung nur ein Teil ist.
In der Burnout-Forschung überwiegt noch immer die Tendenz, jene Probleme, die mit erhöhtem Arbeitsdruck in Folge der Verschärfung von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbunden sind, zu individualisieren: Eine Tendenz, die Ina Rösing in einer sehr pointierten Kritik an der Burnout-Forschung die »Pathologisierung« des Problems nennt (Rösing 2003, S. 156). In manchen Kontexten wird Burnout tatsächlich nur als ein im Prinzip vom Individuum selbst zu verantwortender Zustand einer fehlangepassten Persönlichkeit gesehen.
Die erste, allerdings literarische Erwähnung des Begriffs findet man schon 1961 in der Erzählung »A burnt-out case« von Graham Greene. Mittlerweile hat der Burnout-Begriff Einzug in die Alltagssprache gehalten und seine Verwendung wurde erheblich ausgeweitet und damit noch unschärfer – man spricht mittlerweile auch von Beziehungs-Burnout oder Burnout im Leben schlechthin. Dies erschwert eine exakte Definition. Ich halte es daher für sinnvoll, den Begriff weiterhin im beruflichen Kontext zu verwenden und den Fokus der Überlegungen in erster Linie auf den psychosozialen beruflichen Bereich zu richten, also auf jene Arbeitsfelder, in denen Kontakt zu Klienten und Patienten, verbunden mit der Erwartung an emotionales Engagement und Zuwendung, im Vordergrund stehen. Darunter fällt natürlich auch die Pflege kranker Angehöriger oder die Doppelbelastung durch Erziehung und Beruf.
Freudenberger (1974), dem die wissenschaftliche Begriffsbildung zu verdanken ist, beschreibt das Syndrom so: »Burnout ist ein Zustand, der sich langsam, über einen Zeitraum von andauerndem Stress und Energieeinsatz entwickelt. Es ist ein Energieverschleiß, eine Erschöpfung aufgrund von Überforderungen, die von innen oder von außen kommen kann und einer Person Energie, Bewältigungsmechanismen und innere Kraft raubt. Burnout ist ein Gefühlzustand, der begleitet ist von übermäßigem Stress, und der schließlich persönliche Motivation, Einstellungen und Verhalten beeinträchtigt« (Freudenberger und Richelson 1980, S. 26f.). Zentral an dieser Definition ist die Feststellung, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt und dass ein Ungleichgewicht zwischen einer Belastung durch die gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen und die spezifischen Arbeitsbedingungen einerseits und der inneren Reaktion auf diese Belastungen, sowie den vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten andererseits besteht.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Burnouts wird durch den Satz »Nur wer gebrannt hat, kann auch ausbrennen« beschrieben. Damit soll ausgedrückt werden, dass nur besonders engagierte Menschen, die hohe Erwartungen an den Beruf haben und viel Idealismus mitbringen, Gefahr laufen sich bis zur Erschöpfung zu überfordern. Freudenberger sagt dazu: »Gerade weil wir engagiert sind, fallen wir in die Burnout-Falle. Wir arbeiten zu viel, zu lange und zu intensiv. Wir fühlen einen inneren Druck zu arbeiten und zu helfen und wir spüren einen äußeren Druck zu geben […]« (Freudenberger 1974, S. 161).
Allen Definitionsversuchen zum Trotz bleibt der Begriff schwammig, ein »fuzzy set«, eine »randunscharfe Menge« wie Burisch es bezeichnet (Burisch 1994, S. 79). Gerade deshalb eignet er sich gut, widersprüchlich Erscheinendes auf einen Nenner zu bringen.
Burnout ist jedenfalls leicht von einfacher Arbeitsunzufriedenheit abzugrenzen, die nicht primär mit Erschöpfung, sondern im Gegenteil häufiger mit Wut und Aktivität einhergeht. Arbeitsstress ist zeitlich begrenzt. Vor allen Dingen fehlt dabei das Gefühl massiver Überforderung. In fortgeschrittenen Stadien von Burnout ist die Abgrenzung zu depressiven Episoden oft schwierig, allerdings korreliert Depression nicht mit Depersonalisation (siehe weiter unten) und der depressive Mensch hat ein allgemein niedriges Selbstwertgefühl, nicht nur eine reduzierte arbeitsbezogene Selbstbewertung. Die dysphorische Einstellung der Depression ist nicht nur berufsbezogen, sondern durchdringt alle Lebensbereiche. Burnout bezieht sich überwiegend auf den Beruf, auch wenn die Probleme sich manchmal negativ auf das Privatleben auswirken. In fortgeschrittenen Stadien wird die Abgrenzung zu anderen Störungsbildern allerdings immer schwieriger.
Symptome und Warnsignale
Die Symptomatik des Burnouts ist äußerst vielgestaltig. Alleine bei Burisch (1994, S. 18f.) findet sich eine Symptomliste über zwei Seiten und nicht umsonst schlägt Fengler (2001) vor, Burnout als deskriptive Klammer für die große Vielfalt von subjektiven Erlebnisweisen und Symptomen zu sehen, die im Zusammenhang mit berufsbezogenen Erschöpfungszuständen beschrieben werden.
Einige Theorien gehen davon aus, dass Menschen, die später von Burnout betroffen werden, in ihrem Beruf zunächst besonders aktiv und dynamisch, oft sogar hyperaktiv und überengagiert sind. Sie zeigen großen Einsatz für ein Ziel, für Klienten oder Patienten. Es sind Menschen, die ihren Lebensinhalt im Beruf finden. Sie entwickeln das subjektive Gefühl, unentbehrlich zu sein, eigene Bedürfnisse werden verleugnet, Misserfolg und Enttäuschung verdrängt, soziale Kontakte beschränken sich auf Klienten. Ob diese »dynamische« Anfangsphase immer Voraussetzung des weiteren Burnout-Prozesses ist und wann der Umschlag vom normalen in pathologisches Verhalten erfolgt, ist allerdings nicht eindeutig zu beantworten.
Allgemein gelten drei Symptomgruppen als typisch für die Burnout-Entwicklung (
Kasten 3.8).
Emotionale Erschöpfung
Sie ist durch chronische Müdigkeit und Müdigkeit schon beim Gedanken an Arbeit gekennzeichnet. Betroffene sind nicht mehr in der Lage sich zu entspannen und zu erholen. Die hohe Spannung geht mit Schlafstörungen, Krankheitsanfälligkeit und diffusen körperlichen Beschwerden einher. Charakteristisch ist, dass man »müde, matt und abgeschlagen« nach außen, innerlich aber unruhig, nervös und gespannt ist, ein für den Betroffenen unerklärlicher Zustand.
Depersonalisierung – Dehumanisierung – Selbstentfremdung
Die Einstellung ist pessimistisch und durch Negativismus geprägt. Das Verhalten Kollegen und Klienten gegenüber wird negativ und zynisch bis hin zu ausgeprägt aggressivem Auftreten. Gleichzeitig entwickeln sich Schuldgefühle und Enttäuschung über das eigene Verhalten. Das Selbstwertgefühl ist erschüttert. Betroffene ziehen sich zurück und vermeiden Kontakt. Die Arbeit wird auf das Allernötigste beschränkt.
Leistungsunzufriedenheit und Leistungseinbuße
Betroffene sind unzufrieden mit dem, was sie zu leisten vermögen. Auch in der Realität nimmt die Leistungsfähigkeit ab. Die subjektiv wahrgenommene, ebenso wie die reale Erfahrung von Erfolg- und Machtlosigkeit, begleitet von fehlender Anerkennung führen zu ausgeprägten Insuffizienzgefühlen und Gefühlen von Überforderung und Versagen.
Zusätzlich zu den drei Hauptgruppen findet sich eine Vielzahl unterschiedlichster psychischer und körperlicher Symptome, vor allen Dingen Angst, depressive Verstimmungen und psychosomatische Probleme.
Kasten 3.8: Symptome des Burnout
• emotionale Erschöpfung: Chronische Müdigkeit, Müdigkeit schon beim Gedanken an Arbeit, Schlafstörungen, Krankheitsanfälligkeit, diffuse körperliche Beschwerden
• Depersonalisierung – Dehumanisierung: Negative zynische Einstellung zu Kollegen und Klienten, aggressiver Umgang mit Klienten, Schuldgefühle, erschüttertes Selbstwertgefühl, Rückzug, Vermeidungsverhalten, Reduzierung der Arbeit
• Leistungseinbuße: Erfahrung von Erfolg- und Machtlosigkeit, fehlende Anerkennung, Insuffizienzgefühle, Überforderung
• psychische und körperliche Symptomatik: Depression, Angst, psychosomatische Symptome
Die Symptomgruppen zeigen sich sowohl interindividuell als auch bei verschiedenen Berufsgruppen in sehr unterschiedlicher Ausprägung. Laut Sonneck (2012) haben z. B. Lehrer sehr früh Leistungseinbußen, Ärzte bleiben hingegen noch lange arbeitsfähig, allerdings mit einem hohen Grad an Depersonalisierung. Bei Sozialarbeitern und Angehörigen chronisch Kranker ist die Erschöpfung besonders ausgeprägt.
Belastungen, die zu Burnout führen können
Wie wir bereits gesehen haben, sind es komplexe multifaktorielle Entstehungsbedingungen, die letztendlich zum Vollbild des Burnout führten (
Kasten 3.9).
Die transaktionale Definition von Cherniss (1980) interpretiert Burnout als defensive Copingstrategie, die von dem Betroffenen bei starkem, als übermäßige Belastung empfundenem beruflichen Stress eingesetzt wird. Je nach Grad der Kontrollierbarkeit wird in der Stressforschung zwischen herausforderndem und belastendem Stress – Eustress und Distress – unterschieden (
Kap. 2.3.2). Bei subjektiv als unkontrollierbar erlebtem Stress entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Anforderung und den Fähigkeiten und Ressourcen der betroffenen Person. Cherniss unterscheidet dabei zwischen externen (unmittelbar aus der Arbeit kommenden) und internen (selbstgewählten Zielen und Werten) Anforderungen. Ähnlich wie in Krisen unternehmen Individuen in solch einer Situation große Anstrengungen einen Ausgleich zu schaffen, um das erschütterte innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Gelingt dies nicht, weil die Erschöpfung bereits zu groß ist, entsteht das Gefühl dem Problem hilflos ausgeliefert zu sein und nichts mehr tun zu können. In der Folge werden zunehmend defensive, oft selbstschädigende Strategien eingesetzt. Die Erschöpfung und die Symptome des Burnouts werden verstärkt. Der sogenannte Teufelskreis des Burnouts, ein sich selbst perpetuierender Prozess, beginnt. Die Symptome können demnach als Ausdruck eines missglückenden Selbstheilungsversuches verstanden werden.
Gesellschaftliche und berufliche Faktoren
In einer sich stetig und immer rascher verändernden Gesellschaft unterliegen auch die Arbeitsbedingungen einem massiven Wandel. Durch den wettbewerbsorientierten Individualismus, die verstärkte Leistungsorientierung und eine ständige Erreichbarkeit erhöhen sich die Anforderungen an das Individuum. Arbeitsstress und Druck wachsen. Gleichzeitig verschärfen prekäre und unterbezahlte Arbeitsverhältnisse, die dazu führen, dass Menschen gleichzeitig mehrere Jobs annehmen müssen, drohende Arbeitslosigkeit und Entsolidarisierung die Situation. Das gesellschaftliche Ansehen nimmt mit hoher Leistungsbereitschaft und Erfolg zu. Für viele Menschen wird die Arbeit daher zur wichtigsten Befriedigungsquelle. Dies begünstigt aber auch Enttäuschungen, wenn es zu Problemen kommt.
Burnout kommt in allen Berufsgruppen vor, besonders gefährdet aber sind Menschen in sozialen bzw. helfenden Berufen. Eine Untersuchung (Raquepaw und Miller 1989) zeigt interessanterweise, dass Angestellte eine größere Anzahl von Burnout-Indikatoren aufweisen als Freiberufler. Die Freiberufler litten weniger unter Stress, Gesundheitsproblemen und seelischen Belastungen. Möglicherweise spielen dabei Selbstbestimmung und der größere Gestaltungsspielraum eine Rolle. Dass die Burnout-Gefährdung von Frauen besonders hoch ist, lässt sich aufgrund der häufigen Mehrfachbelastungen durch Beruf, Familie und Haushalt leicht erklären.
Institutionelle und Teamfaktoren
Gerade in psychosozialen Institutionen tragen Faktoren wie Personalknappheit, zunehmende Klientenzahlen aufgrund hohen ökonomischen Drucks und Verknappung öffentlicher Mittel, fehlende institutionelle Unterstützung bei der Arbeit, z. B. durch erhöhte Bürokratie und unklare Kompetenzverteilung, erheblich zur Burnout-Gefährdung bei. Auch Schicht- und Wechseldienst stellen Risikofaktoren dar.
In Teams können Generationenkonflikte, Rivalität, Neid, Machtkämpfe und Mobbing zu einer problematischen Gruppendynamik führen, die sich auf alle Teammitglieder negativ auswirkt. Fehlen Teamsupervision und fachlicher Austausch bzw. gegenseitiges Feedback und Anerkennung, erschwert dies die Zusammenarbeit erheblich und belastet den Einzelnen.
Klientenfaktoren
So wie bestimmte Gruppen von Klienten außergewöhnlich hohe Anforderungen an professionelle Helfer stellen, gibt es auch bestimmte Arbeitsbereiche, die besonders belastend sind. Die Problemlage verschärft sich, wenn diese Faktoren mit den oben beschriebenen ungünstigen institutionellen und Teamfaktoren kombiniert sind.
Erwähnenswert sind der Pflegebereich, die Arbeit auf Intensivstationen oder mit unheilbar kranken Menschen, sowie die Arbeit mit Patienten mit schweren psychischen Störungen. Auch die ständige Konfrontation mit traumatisierenden oder potenziell lebensbedrohlichen Situationen wie im Polizei-, Feuerwehr- oder Rettungsdienst ist höchst belastend.
Individuelle Faktoren und psychodynamische Überlegungen
Die entscheidende Frage, die sich bei der Untersuchung der individuellen Entstehungsbedingungen stellt, ist, wie weit Persönlichkeitsfaktoren mit Störungscharakter dafür verantwortlich sind, dass Personen ein Burnout entwickeln, oder ob vielmehr unter bestimmten Bedingungen jeder Mensch ausbrennen kann. Schmidbauer (1992) hat den Begriff des »Helfer-Syndroms« geprägt und auf die Selbstwertproblematik von Menschen, die in helfenden Berufen tätig sind, hingewiesen. Auch andere Autoren sprechen von einer narzisstischen (Selbstwert-)Problematik bei gefährdeten Helfern, die mit Introvertiertheit und großer Bedürftigkeit nach Lob und Bestätigung verbunden ist. Aus dieser Persönlichkeitsproblematik resultieren zwangsläufig Enttäuschungen, die wiederum massive Wut verursachen, die oft gehemmt ist und gegen die eigene Person gerichtet wird (
Kap. 3.3.4). Diese Menschen orientieren sich an hohen Idealen und erleben sich in der Realität des Berufsalltags als unzulänglich. Mangelnde Selbstabgrenzung führt zu Instabilität und die Betroffenen können in der Folge zusätzliche Belastungen nicht mehr bewältigen. Die vorherrschenden Copingstrategien dieser Menschen sind eher emotional vermeidend, ausweichend und zudeckend statt problemorientiert, aktiv und konfrontierend. Da ab einem gewissen Punkt des Burnout-Teufelskreises die innere Rückmeldung fehlt, werden Warnsignale ignoriert.
Legt man den Fokus allerdings zu sehr auf die individuelle Problematik, besteht die Gefahr, dass Betroffene stigmatisiert werden. Es liegen auch Untersuchungen vor, die feststellen, dass sich die Gruppe der Personen, die im psychosozialen Feld arbeiten, in ihrer Persönlichkeitsstruktur nicht wesentlich vom Rest der Bevölkerung unterscheidet (Brunner et al. 1978). Dies bestätigt, dass es in Bezug auf die Entstehungsbedingungen unerlässlich ist, sowohl die individuellen Faktoren, wie auch jene Umstände, die mit äußeren Bedingungen der Arbeit zu tun haben (Desillusionierung, Verlust von Idealen und existenziellem Sinn), zu berücksichtigen. Dies hat natürlich auch wichtige Konsequenzen für die Behandlung des Burnouts (
Kap. 5.4.5). Als Phase, in der Menschen besonders gefährdet sind, gilt der Berufseinstieg. Freudenberger bezeichnet Burnout als »disease of over-commitment« (Freudenberger und Richelson 1980), also eine Krankheit, die besonders engagierte Personen betrifft. Gefährdet sind demnach jene Menschen, die in ihrer Arbeit den eigentlichen Sinn des Lebens suchen, aber enttäuscht werden. Intrapsychische Dissonanzen, Nichtstimmigkeiten zwischen beruflichem Selbstbild und Selbstanspruch auf der einen und erfahrener und/oder wahrgenommener beruflicher Realität auf der anderen Seite belasten diese Personen. Problematisch wird es, wenn diese Dissonanzen nicht im Sinne einer Selbstbildkorrektur bewältigt werden können, sei es aufgrund der eigenen Problematik oder aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen (Fischer 1983).
Kasten 3.9: Belastungen, die zu Burnout führen
• Gesellschaftliche Faktoren
• Berufliche Faktoren
• Institutionelle Faktoren
• Team-Faktoren
• Klienten-Faktoren
• Individuelle Faktoren
Der Burnout-Zyklus
Der von Herbert Freudenberger und Gail North (1992) beschriebene Burnout-Zyklus verdeutlicht die große Gefahr, dass sich aus einer anfänglich durchaus noch handhabbaren Belastung ein Teufelskreis entwickelt, aus dem der Betroffene nicht mehr alleine herausfinden kann. Die Theorie erscheint aus heutiger Sicht eher schematisch, veranschaulicht aber den grundsätzlich schleichenden und prozesshaften Verlauf des Burnouts. Die individuellen Verläufe variieren erheblich (vgl. Petzold 1993). Einige der Bewältigungsversuche können, wenn sie vom Betroffenen bewusst wahrgenommen werden, durchaus gesunde Reaktionen auf bestimmte belastende Ereignisse sein. Die Stadien sind meist nicht klar voneinander abgrenzbar, sondern vermischen und überlagern sich in der Praxis. Sie müssen auch nicht alle durchlaufen werden. Abgesehen davon, kann die Entwicklung an jeder Stelle des Prozesses durch geeignete Bewältigungsmaßnahmen unterbrochen werden.
Am Ende des Prozesses zeigt sich oft eine ausgeprägte Depression mit Verzweiflung, Erschöpfung, innerer Leere, Perspektivlosigkeit bis hin zu Suizidgedanken. Dann benötigt der Betroffene intensive ambulante oder sogar stationäre Krisenintervention evtl. mit begleitender Medikation. Zusätzlich auftretende somatische Symptome müssen unbedingt abgeklärt werden.
Zusammenfassend soll nochmals darauf hingewiesen werden, dass gerade bei einem so komplexen Störungsbild wie dem Burnout-Syndrom, das von zahlreichen individuellen wie gesellschaftlichen und institutionellen Faktoren mitbestimmt wird, jede Situation, sei es die einer Einzelperson oder die eines Teams, ganz speziell untersucht werden sollte und dementsprechend die Hilfestellung jeweils mit größtmöglicher Flexibilität an die individuelle Situation angepasst werden muss.
Das folgende Fallbeispiel zeigt exemplarisch das Zusammenwirken dieser verschiedenen Faktoren:
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